Bücherwelten - Raumwelten: Zirkulation von Wissen und Macht im Zeitalter des Barock 9783412217891, 9783412224011

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Bücherwelten - Raumwelten: Zirkulation von Wissen und Macht im Zeitalter des Barock
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ELISABETH TILLER (HG.)

BÜCHERWELTEN – RAUMWELTEN Zirkulation von Wissen und Macht im Zeitalter des Barock

2015 BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN



Die vorliegende Publikation des TU Dresden-Teilprojekts »Baroque Fantasies – Creating Exotic Spaces. The Case of Dresden« im europäischen Forschungsverbund European Network for Baroque Cultural Heritage (ENBaCH) wurde aus Mitteln des Culture Programme der Europäischen Kommission finanziert.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://portal.dnb.de abrufbar. Abbildungen auf dem Umschlag: Antje Werner nach Peter Heinrich Jahn: Fotomontage zur Genese des Kronentors, 2013, entnommen aus: Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Katalog zur Ausstellung im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) vom 17. Mai bis 1. September 2013. Zweite, durchgesehene Version (August 2013) [URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312]. Testament M.D. Pöppelmanns (Ausschnitt), in: Acta Commissionis Des verstorbenen Königl. Ober- Landbaumeister Herr Mattheus Daniel Pöppelmanns Nachlaßes Ob. und Designation auch Inven[tar] sambt was deme mehr anhäng[ig] betr., fol. 75v, SächsHStA Dresden, 10047 Amt Dresden, Nr. 3056. © 2015 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien Ursulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig. Einbandgestaltung: Satz + Layout Werkstatt Kluth, Erftstadtm nach einem Entwurf von Meike Beyer Korrektorat: Claudia Holtermann, Bonn Layout: Bettina Waringer, Wien Druck und Bindung: Finidr, Cesky Tesin Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier Printed in the EU 978-3-412-22401-1

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Inhalt Elisabeth Tiller Barocke Dynamiken Matthäus Daniel Pöppelmann und die Dresdner Synthesen von Wissen und Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

I. Bücherwelten Meike Beyer/Anja Schwitzgebel Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Peter Heinrich Jahn Souvenirs, Statussymbole und Vademekums Überlegungen zum ideellen, kreativen und praktischen Nutzen der architekturbezogenen Bücher und Druckgrafiken in Pöppelmanns Besitz . . . . . . . .63 Ulrich Fröschle Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch Zur Weltverarbeitung und Welterschließung eines barocken Erfolgsromans . . . . . 129 Katrin Nitzschke Eine Bibliothek im Wandel Die kurfürstliche Büchersammlung in Dresden 1680–1736 . . . . . . . . . . . . . . . . 155 Mathias Ullmann Ehrenfried Walther von Tschirnhaus Der Modernisierer Sachsens und seine verschollene Bibliothek . . . . . . . . . . . . . 171 Jarl Kremeier Balthasar Neumann (1687–1753) und seine Bibliothek Einblicke in einen barocken Bücher- und Grafikschatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Martin Engel Bücher, Kunst und Politik Anmerkungen zum Bücherschrank des Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff . . . . 219

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II. Raumwelten Elisabeth Tiller Die repräsentative Raumpolitik Augusts des Starken in Polen . . . . . . . . . . . . . 243 Stefan Hertzig Matthäus Daniel Pöppelmann und das Japanische Palais in Dresden . . . . . . . . . . 273 Dirk Welich Schloss Pillnitz – ein chinoises Gesamtkunstwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 Cordula Bischoff Chinoiserie am sächsischen Hof – Mainstream oder Avantgarde? . . . . . . . . . . . 307

Anhang Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337 AutorInnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369 Index . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373

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Barocke Dynamiken Matthäus Daniel Pöppelmann und die Dresdner Synthesen von Wissen und Raum

Als Matthäus Daniel Pöppelmann (1662–1736) im Jahre 1729 seine lange erwartete Vorstellung und Beschreibung Des von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden als Konvolut von 24 Kupferstichen publiziert,1 liegt mit den drei kurzen Vorreden zu diesem großformatigen Stichwerk Pöppelmanns erste und einzige Textproduktion im Druck vor. Der aus Herford gebürtige Dresdner Oberlandbaumeister besitzt zwar, wie wir aus seiner Nachlassakte wissen,2 eine Privatbibliothek im Umfang von 85 Titeln,3 die ihm nicht nur zur Erbauung, Weiterbildung oder Unterhaltung, sondern ebenso zu Ideenschau und fachlicher Absicherung dienlich ist. Das Abfassen von Texten scheint jedoch kein Steckenpferd des bedeutendsten Baumeisters unter Friedrich August I., Kurfürst von Sachsen (1670–1733, reg. 1694–1733) sowie als August II. König von Polen und Großfürst von Litauen (reg. 1697–1733), gewesen zu sein. Pöppelmanns Publikationsabsicht steht außer Frage: Es handelt sich um eine auf Nachruhm abzielende, unter den hochrangigen Architekten der Zeit durchaus geläufige Werbemaßnahme in eigener Sache, welche in diesem Falle seinen nach eigener Einschätzung wichtigsten Bau betrifft. Pöppelmann leitet das Zwingerstichwerk, den gängigen Konventionen entsprechend, mit einer knappen, gleichwohl angemessen enkomiastischen Widmungsvorrede an seinen Dienstherrn ein. Dem in französischer Sprache dargebotenen Auftakt AU ROY folgt eine zweisprachige Erläuterung des Titelkupfers, die Explication de la Planche servant de frontispice à la Description de l’Orangerie Royale de Dresden / Erklärung Des Kupffer=Titel=Blats und der Haupt=Vorstellung des Königl. Zwinger=Gartens. Diese in hohem Maße panegyrisch geratene, die ikonografische Komposition sprachlich noch einmal überhöhende semantische Ausdeutung des Frontispizes referiert in detaillierter Manier auf die längst propagandistisch sedimentierte Herkules-Bildlichkeit,4 die in Verbindung mit August dem Starken, so der Beiname des Kurfürsten, in der Residenzstadt Dresden, zumal im Zwinger, allgegenwärtig ist – und nun auch das Deckblatt des

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Zwingerstichwerkes symbolisch kodieren darf. Der Autor und Architekt Pöppelmann verbeugt sich in der Eingangsadresse rhetorisch korrekt mit einer Bescheidenheitsgeste ob der »foiblesse de mes Talents«5 vor seinem Dienstherrn als dem eigentlichen auctor des architektonisch dann unbescheiden als überaus gelungen rubrizierten Zwingergartens (»Ce Bâtiment qui renferme seul toutes les beautés de l’Architecture, est une production des lumieres de VOTRE MAJESTE & sera un monument éternel de Sa parfaite connoissance dans les beaux ârts«).6 Er weist August also eine Position zu, die ihm nicht nur die kenntnisreichen Schöpfertugenden des Architekten-Künstlers, nicht nur die Leistungen des Kunstförderers (»a encourager par ses bienfaits l’avancement des sciences & des ârts«)7 attestiert. Der Kurfürst erhält hier zugleich die Kriegs- und Führungstugenden eines staatstheoretisch auszudeutenden Herkules zugeschrieben, welche dem dritten Part dieser Vorbemerkungen präludieren. Kennerschaft, Kunstförderung und politische virtus finden sich in der Erklärung Des Kupffer=Titel=Blats über den Zwinger gebündelt und dynamisiert: Pöppelmanns enkomiastisch eingehegte Zwinger-Ausdeutung propagiert ein allgewaltiges Herrscherideal, dessen herkulische Vermögenheiten auf einer synchronen historischen Ebene zusammen mit den ehrgeizig-imaginären Herrschaftsansprüchen Augusts8 vom Zwinger fort als – zweisprachige – Botschaft in die Welt geschickt werden. Zugleich befestigt Pöppelmann diese Herrschaftsinszenierung via Architekturgeschichte in einer historischen Tiefendimension, deren diachrone Semantik Augusts realiter ja immer wieder defizitäre Herrschaft imperial-antikisch nobilitiert. Der wiederum zweisprachige Avertissement Touchant les Planches avec la Description des Maisons de l’Orangerie Royale / Bericht, Wegen der Kupffer=Stiche, nebst dazu gehöriger Beschreibung des Königl. Zwinger=Gartens beschließt die Einführung zum Stichwerk – und damit die Textleistung Pöppelmanns. In diesem Hauptstück der Erläuterungen werden nun die Zwingerbauten in den Blick genommen, das Gebäudeensemble also, das in der großen Mehrzahl der nachfolgenden Kupferstiche ikonografisch repräsentiert wird. Pöppelmanns Text kommentiert jedoch nicht die Kupferstiche der Publikation, wie das im Abschnitt zum allegorischen Frontispiz noch geschehen war, sondern die realen Gebäude, die nach den Plänen des Architekten bis zum Jahr 1729 aufgezogen und bereits unterschiedlichen Nutzungen zugeführt worden waren. Diese reichen von der ursprünglichen Orangerie über die Festplatzfunktion bis zum erst im Jahr zuvor beschlossenen Sammlungsgehäuse.9 Stilistisch wie funktional sucht der Autor hierfür Anschluss an das antikische Bauen respektive, aus mehreren naheliegenden Gründen, explizit an die Baulehre Vitruvs,10 eines römischen Kriegsingenieurs unter Gaius Iulius Caesar und Augustus – allerdings vornehmlich, um die unterschiedlichen Nutzungen der vorangegangenen Jahre mit römischen Matrices zu überhöhen.11 »Das prächtige Gebäude des Zwinger=Gartens«, so heißt es bereits im Frontispiz-Abschnitt, das »durch eine reiche und prächtige Bau=Art, nach Römischer Ordnung, aufgeführet ist«, verdanke sich nicht nur »unsers Sächßischen tapfern Hercules Schutze«, unter welchem »die Künste gleichfalls in sichrer Ruhe fort­blühen«.12

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Es sei vielmehr, so heißt es nun im dritten Abschnitt, insbesondere der »in so hohem Grad beywohnenden Bau=Kenntniß«13 des Regenten, dessen Beiträge zur »so bewundernswürdigen als schnellen Bau=Veranstaltungen«14 dazu geführt hätten, den allseitigen Wunsch nach »Abzeichnungen eines so berühmten Baues«15 an den Architekten heranzutragen. Die laut Pöppelmann von der antik-römischen Baupraxis inspirierte multiple Nutzbarkeit seines »dermaßen kunstreich«16 angelegten Zwingergartens, für welche er im Folgenden einzelne Bauelemente insbesondere hinsichtlich der Zwischennutzung als Festplatz detailliert benennt und zum Index einer antikischen Lust- und Schauarchitektur kompiliert, die »ingleichen auf den Gallerien und aus den Fenstern der Zimmer von vielen tausend Zuschauern alles vollkommen wohl betrachtet und übersehen werden«17 kann, mündet schließlich in die Beschreibung der jüngsten Ingebrauchnahme für die kurfürstlichen Sammlungen. Diese füllen seit 1728 sukzessive die Zwingergebäude: Daher findet man außer der Anatomie-Cammer nunmehro daselbst alle zur Chirurgie, Chymie, Metallurgie, Geometrie, Astronomie, Astrologie, Mathematiqve und Mechaniqve oder überhaupt zur Physic gehörige Werckzeuge und so mancherley unzehliche alte und neue Curiositäten, nichtweniger den reichsten Vorrath der auserlesensten Kupffer=Stiche und so genannter lebendiger oder auch sonsten künstlich gemahlter Kräuter=Bücher, nebst der sämtlichen theils ererbten Chur=Fürstl., theils selbst erkaufften Könglichen kostbahren Bibliotheqve. Welches alles Ihro Majest. nach der Ihnen beywohnenden Anordnungs=Kunst, zur Zierde des Hofes, zur Aufnahme beydes der curieusen und nützlichen Wissenschafften und zu allgemeinen Nutzen aufstellen, und dadurch, auch in solchem Stücke, dieses Gebäude denen vorhin benannten Römischen ähnlicher machen lassen.18

Pöppelmann legt auch an dieser Stelle Genauigkeit und Detailfreude an den Tag, die nicht nur die Benennung der riesigen Instrumentensammlung der vormaligen Kunstkammer betreffen, sondern selbst die Entstehungsgeschichte der als kostbar vorgestellten kurfürstlichen Bibliothek noch einzubeziehen wissen. Die in der protestantisch geprägten Dresdner Kunstkammer so spezifische Zusammenführung von kunstvoll gearbeiteten Instrumenten aus der Praxis des Arbeitsalltags oder der Wissens- und Kunstproduktion mit den theoretischen Erörterungen der Bibliothek, von Handlungs- und Diskursraum also, ist für Pöppelmann nun offenkundig nicht nur lapidar mitgeteiltes Faktum, das auch den privaten Kosmos des Architekten prägt. In erstaunlicher Selbstverständlichkeit lässt er die Funktionsverschiebung der Zwingergebäude vom Fest- zum Sammlungs- und Wissensraum zur Untermauerung des antik-römischen Charakters seines Ensembles gerinnen – ohne dies jedoch auch nur näherungsweise epistemisch zu explizieren. Doch der Bogen, welchen der Autor Pöppelmann hier spannt, reicht weiter, ist fundamental räumlich geprägt und lässt über die bauliche Anlage, über den Grundriss respektive die Dreidimensionalität der Zwingergebäude nicht nur der zuvor bereits aufgerufenen, sta-

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dionähnlichen Innensichtigkeit auf den Festplatz-Innenhof als architektonisch inszenierte Raumwirkung eine besondere Rolle zukommen. Pöppelmann nimmt gegen Ende seiner einleitenden Bemerkungen zum Stichwerk auch die Außensichtigkeit des Zwingers in den Blick, welche nun wiederum allen Besuchern des Zwingergartens (und nicht etwa allein dem sächsischen Herkules) explizit auch den Dresdner Bürgern vom erhabenen Standort visuell den in höchstem Maße ästhetisch aufgeladenen Brückenschlag in die Stadt und die umgebende Landschaft eröffnet: Die sämtlichen Gebäude sind durch eine rings herum geführte Gallerie miteinander vereiniget, darauf findet man nicht nur die schönsten Spatzier=Gänge, nach der Ordnung gesetzte Linden=Reihen, grüne Wälle, anmuthige Gebüsche, Wasser=Fälle, Spring=Brunnen, Bild= Säulen, Blumen=Töpffe, Graß=Bäncke und dergleichen, sondern es pflegen auch in diesem mitten in der Stadt und ganz nahe am Schlosse liegenden Garten, bey angenehmer Jahres= Zeit, biß in den späten Abend die vornehmsten Dames und Cavaliers vom Hofe und viele Einwohner der Stadt spatzieren zu gehen, welche sich an den lustigen Aussichten nach allen vier Himmels=Gegenden, daselbst ergötzen. Dann auf der einen Seite erblicket das Auge einen anmuthigen Theil der Vestung und des mit Stücken überall besetzten Walles, nebst dem mit Schwanen angefüllten Stadt=Graben; Auf der andern Seite das Königl. Schloß, Küchen= Garten und Schieß=Hauß. Wieder auf einer andern Seite entdeckt man die Elbe mit einer Menge Schiffen und dem gegen über liegenden Holländischen Hause. Anderswo zeiget sich die Stadt Alt=Dreßden mit der immer Volckreichen Brücke und einer breiten in der Ferne durch den Wald gehauenen Aussicht. Kurtz: man bemercket überall eine vortreffliche Gegend in dem schönsten und angenehmsten Prospecte von Wäldern, Weinbergen, Lust=Häusern, Gärten, Wassern, Feldern und Wiesen, woselbst man eben so leicht das wilde als das zahme Vieh, Heerden=weise weiden siehet.19

Pöppelmann setzt hier eine begehbare Galerie in Szene, die prototypisch mit artifizieller Natur gesäumt ist, mit »Linden=Reihen, grüne[n] Wälle[n], anmuthige[n] Gebüsche[n], Wasser=Fälle[n], Spring=Brunnen, Bild=Säulen, Blumen=Töpffe[n], Graß=Bäncke[n] und dergleichen«,20 in bester absolutistischer Manier also ein idealisierend-selektives Naturabbild mit einer antikisierenden barocken Idealarchitektur vereint. Diese mustergültig ausgestattete Galerie lädt nun sowohl zum abendlichen Spaziergang, zum Genuss also der durchgeplanten Ideallandschaft ein, als auch, und hier beginnt Pöppelmann, die Horizonte zu verschieben, zu »lustigen Aussichten nach allen vier Himmels=Gegenden«.21 Der hier beschriebene erhöhte Standort gewährt also einen abwechslungsreichen Rundblick, der nicht nur das nahe Schloss einfängt, das seit dem Schlossbrand 1701 wiederaufgebaut, aber eben nicht durch eines der zahlreichen im Oberbauamt, auch von Pöppelmann, erstellten Neubauprojekte ersetzt worden war.22 Der Rundblick streift in entgegengesetzter Richtung nicht nur über den Stadtgraben – den Pöppelmann hier schwanenbewohnt zu einem wei-

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teren Idyll überformt –, welcher unterhalb der Doppelbastion, auf deren westlichem Part sich der Zwinger befindet, angelegt ist; der Standort gibt insbesondere Richtung Norden, über den Feuerwerksplatz geworfen, den Blick auf die befahrene Elbe und das gegenüberliegende Altendresden frei, das man seit kurzer Zeit, unter tatkräftigem Einsatz Pöppelmanns, als Dresdner Neustadt wieder aufbaut. Pöppelmann fokussiert mit dieser sprachlich nachvollzogenen Aussicht wohlgelenkt weitere Bestandteile des eigenen Werkes: Mit »dem gegen über liegenden Holländischen Hause«23 sowie der »Volckreichen Brücke«24 holt er Projekte ein, die 1729 nach seinen Planungen oder unter seiner Bauaufsicht noch im Gange bzw. jüngst abgeschlossen sind und zugleich über sich hinaus, also just in die zukünftige Neustadt hinein verweisen, innerhalb derer Pöppelmann im Begriff steht, weitere maßgebliche Spuren zu hinterlassen. August der Starke hatte das Holländische Palais bereits 1717 erworben, das Pöppelmann für den Grafen Jakob Heinrich von Flemming, Augusts Generalfeldmarschall und Geheimer Kabinettsminister, 1715/16 gegenüber dem Schlossgelände auf der rechtselbischen Stadtseite, also jenseits des Flusses, errichtet hatte. Das Holländische Palais wird schließlich 1727–1733 nach Entwürfen Pöppelmanns, Jean de Bodts (1670–1745), Zacharias Longuelunes (1669– 1748) und Johann Christoph Knöffels (1686–1752) zum Japanischen Palais mit über die Neustädter Wallanlagen gelegtem, von Johann Friedrich Karcher (1650–1726) gestaltetem französischem Garten mit Gondelhafen umgebaut.25 Es befindet sich also zum Zeitpunkt der Publikation des Zwingerstichwerkes bereits in einem fortgeschrittenen Zustand der Neugestaltung. Pöppelmanns Autorschaft, zumindest sein beträchtlicher Anteil am zukünftigen Porzellanschloss, findet nicht zuletzt durch das vorletzte Kupfer, durch Tafel 23 im Zwingerstichwerk, stolze Bestätigung – wiedergegeben wird dort allerdings der Zustand des Jahres 1727 vor Beginn der Umbauarbeiten. Um vom Zwinger zum zukünftigen Japanischen Palais zu gelangen, muss die Elbe vom Stadtzentrum her über die einzige Dresdner Brücke überquert werden, die 1727 bis 1731 unter Leitung Pöppelmanns einer Erweiterung unterzogen wird.26 Die Neugestaltung der Elbbrücke zur repräsentativen Promenade fundiert und komplettiert die Umwertung der vormals ausschließlich nach strategischen Gesichtspunkten gewichteten Flussüberquerung, deren militärische Funktionalisierung Altendresden städtebaulich zum vorgelagerten rechtselbischen Brückenkopf degradiert hatte.27 Altendresden war 1634 durch Wilhelm Dilich mit einer Bastionärbefestigung aus Erdwerken umgürtet worden, galt gleichwohl als völlig unzureichend befestigt, zumal die Anlage rasch verfiel. Erst als 1704 die Angst vor einem schwedischen Angriff erheblich steigt, setzen hektische Fortifikationsarbeiten ein, die bis 1706 gestaffelte Außenwerke und eine verbesserte Palisadierung zum Fluss zur Folge haben. 1712/13 werden im Osten und Westen der Neustädter Werke Pulvermagazine angelegt sowie, angesichts fortschreitender Korrosion der Erdwerke, immer wieder Pläne zur Nachbesserung der Neustädter Fortifikation verfertigt – deren Umsetzung jedoch stets nach kurzer Zeit wieder eingestellt wird.

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Der Kurfürst konzentriert seinen städtebaulichen Ehrgeiz schließlich in den Zwanzigerjahren des 18. Jahrhunderts auf das rechtselbische, bereits 1685 bei einem Stadtbrand beinahe vollständig zerstörte Altendresden, für das er seit 1717 Bebauungspläne entwickeln lässt, die allerdings erst seit 1731 als umfassende Neugestaltung verwirklicht werden.28 Laut Carl Wilhelm Daßdorf, Autor eines Dresden-Führers der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wird Altendresden auf kurfürstlich-königlichen Befehl seit 1724, nach anderen Quellen seit 1732 »Neue Stadt bey Dresden«, das heißt Neustadt beziehungsweise Neue Königsstadt genannt: Die Umbenennung macht die Relevanz deutlich, die August diesem Projekt beimisst.29 Wolf Caspar von Klengel (1630–1691) hatte bereits unmittelbar nach dem »am 6. Aug. 1685. erschrecklichen Brande (der die ganze Stadt von 400. Häusern bis auf 20. Bürger=Rath=und Jäger=Haus in Asche geleget)«30 einen rational-geometrischen Bebauungsplan für Altendresden vorgelegt, der allerdings ohne Folgen blieb – nun aber Augusts Neustadtprojekt als Grundlage dient.31 Der Dresdner Elbbrücke, die zu diesem Zeitpunkt als längste des deutschen Raumes gilt, wird im Zuge der eingeleiteten urbanistischen Neustrukturierung rechtselbisch ein großzügiger Marktplatz vorgelegt, der sich, durch die Aufstellung eines von Jean-Joseph Vinache (1696–1754) gefertigten vergoldeten Reiterstandbildes Augusts in der Mitte des Marktes, nach Augusts Tod nach französischem Vorbild zur Place royale umgedeutet findet. Der Platz bildet den Ausgangspunkt der zentralen Neustadtachse in Verlängerung der Elbbrücke, die geradewegs zum Schwarzen Tor führt: Dieses fungiert als Dresdens nordöstliche Passage zur Überlandverbindung nach Bautzen, Görlitz und Breslau,32 Richtung Polen also, dem August als König vorsteht – woraus sich das späte, doch entschiedene urbanistische Engagement Augusts jenseits der Elbe erklären mag. Die Anlage dieser leicht nach Osten gedrehten, anfangs 55 Meter breiten, sich sodann konisch verjüngenden Achse der Hauptstraße bedingt allerdings bereits 1732 die Abtragung der gerade wiedererrichteten Dreikönigskirche, die einer axialen Straßenführung im Wege steht. Zu Gunsten einer regelmäßigen Fassadenfront lässt August die neue Dreikönigskirche unter der Leitung Pöppelmanns auf den bisherigen Friedhof nördlich zurücksetzten (und den Friedhof vor die Tore der Stadt verlegen). Pöppelmann, der zur selben Zeit auch das Japanische Palais erweitert, lässt diesem ebenfalls einen großzügig dimensionierten Platz vorlegen, der zum Ausgangspunkt einer weiteren Straßenachse, der Königstraße, wird, die ihrerseits zum Schwarzen Tor führt. Für deren Bebauung erstellt Pöppelmann modellhafte Fassadenentwürfe.33 Der Architekt ist in seinen letzten aktiven Berufsjahren also in den Wiederaufbau der Neustadt intensiv eingebunden, was seine Blickführung im Zwingerstichwerk bereits explizit macht. Augusts erfahrener Baumeister war sich offenkundig bereits 1729 der städtebaulichen Möglichkeiten dieser ja noch nicht endgültig beauftragten Initiativen durchaus bewusst – sollte sich doch in der Tat um die Mitte des 18. Jahrhunderts manifestieren, dass der via Elbbrücke nunmehr ohne militärische Hürden gewährleistete freie Fluss der Passanten zwischen platzartig geöffneten Räumen über ästhetisch aufgewertete Achsen mit sorgfältig konzipierten Fassadenführun-

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gen und Blickbeziehungen die systematisierte Neustadt urbanistisch durchaus auf europäisches Niveau heben konnte. Aber zurück zu Pöppelmanns Vorbemerkungen zum Zwingerstichwerk: Der geschilderte Rundumblick von den Zwingergalerien wird von Pöppelmann schließlich in eine Ummantelung aufgelöst, die der kurfürstlichen Residenzstadt jetzt endgültig einen idealtypischen Naturkontext verschafft: »[M]an bemercket überall eine vortreffliche Gegend in dem schönsten und angenehmsten Prospecte von Wäldern, Weinbergen, Lust=Häusern, Gärten, Wassern, Feldern und Wiesen«, so hatte Pöppelmann formuliert, »woselbst man eben so leicht das wilde als das zahme Vieh, Heerden=weise weiden siehet.«34 Der stadträumlich peripher verortete Zwinger wird im Stichwerk dergestalt zum Zentrum eines nicht nur visuell, sondern eben gerade auch mit Blick auf die Herrschaftsrepräsentation funktionalisierten Weltkreises. Der Zwingerstandort ermöglicht vom Schlossgelände sowohl die Augenscheinnahme des Flusses, der Brücke und der gerade in Modernisierungsmaßnahmen begriffenen (Neu-)Stadt als auch den weitum schweifenden Blick auf eine in hohem Maße idyllische Umgebung, welche die Residenzstadt als ideale Kulturlandschaft kongenial einbettet. Weinberge, Villen, Gärten, Wiesen und allerlei Tierpracht rahmen den Betrachterstandort, den Zwingergarten, der als neues Zentrum der semantisch hoch kodierten Baukunst zugleich Zentrum herkulischer Herrschertugend ist. Pöppelmann rekurriert hier auf zeitgenössische Diskurse, die noch bis Jahrhundertende die Dresden-Texte beherrschen werden: Der berühmteste Dresden-Führer der Zeit stammt aus der Feder Johann Christian Crells (1690–1762), der unter anderem als Hofchronist, aber auch als Herausgeber von Zeitschriften und als Auktionator tätig ist. Unter dem Pseudonym Icander hatte er bereits 1719 Das Fast auf dem höchsten Gipffel Der Vollkommenheit Prangende Dreßden Oder Kurze doch deutliche Beschreibung Derer In dieser Stadt berühmten Gebäude und Merckwürdigkeiten veröffentlicht, einen kompakten Dresden-Führer von 64 Seiten, der im Jahre der Eheschließung des Kurprinzen Friedrich August II. mit der Tochter des österreichischen Kaisers, Maria Josepha Benedikta (1699–1757), Erzherzogin von Österreich, erschien. Die monumentale, mit dynastischen Erwartungen beladene Fürstenhochzeit35 wurde selbstredend zu höheren Zwecken abgeschlossen: Schließlich musste August II. seit rund zwei Jahrzehnten (mit Ausnahme des Reichsvikariats 1711, auf welches Kommentare, Elogen und Augusts eigene Repräsentationsstrategien reichlich Bezug nehmen) seine stets mit Verve gehegten Großmachtansprüche immer wieder zurücknehmen. 1719 aber zielte er endgültig auf Europa, auf den lange ersehnten Sprung in höchste politische Sphären, die ihrerseits in Icanders Dresden-Schrift gleich zu Beginn platziert werden: »Die Königliche und Churfl. Sächsische Residenz und Haupt=Vestung ist viel zu groß, daß man von ihrer Magnificence einen vollkommnen Abriß machen könne. Denn sie zeiget auff einmahl alles, was sonst einzeln in ganz Europa, ob schon in grösserer Menge anzutreffen. Sie ist nach eines gelehrten Ausländers Ausspruch, ein kleines Paradieß […].«36 Icanders Eingangsbild bezieht sich zur Gänze auf Augusts

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maßlosen repräsentativen Ehrgeiz, den ihm der Autor nun mit aller zeitgenössischen Wortgewalt in die sächsische Provinzresidenz einschreibt. Der Eingangspassus zielt hoch, wenn Dresden nicht nur zum Brennpunkt europäischer Stadtarchitektur gekürt, sondern ihm zugleich paradiesische Qualität zugemessen wird. Icander listet im nachfolgenden Text genuskonform die Dresdner »Merckwürdigkeiten« auf, die er jeweils in ihrer Spezifik zu würdigen weiß, und schließt den Bogen kurz vor der finalen Hochzeitsschilderung mit einem erneuten Verweis auf die paradiesische Einfassung Dresdens, deren contado nun weitere Exzellenzmerkmale erhält: Die Situation der Stadt endlich betreffende, so siehet man auff deren einer Seite die fruchtbarsten Aecker, Wiesen, Felder, Obst- und Lust-Gärten, die lustigsten Fluren, Auen, Forsten, Heyden und ansehnlichsten Wälder, darinnen allerhand Thiere, auch roth und schwarz Wildpret in grosser Menge, ingleichen die schönsten Hügel, fruchtbarsten Thäler, frischsten Quellen, auch Buch= und Eichel-Mast, um und um aber die wohlangebautesten Dörffer, welche gegen das Gebirge etwas erhöhet liegen; auff der andern Seite erscheinet der edle Elbstrom, nebenst den, wegen der temperirten Lufft herrlichsten und gesundesten Wein=Gebirgen, von welchen die offt kostbar=erbauten Häuser den schönsten Prospect und die anmuthigste Gegend geben, also, daß der vor Jahren durchpaßirende Groß=Herzog von Toscana allbereit diese treffliche Elb=Aue, wo nicht vorgezogen, doch den Lust=Gegenden von Italien gleich geschäzet haben soll [¼].37

Pöppelmann, so lässt sich hier schlussfolgern, besaß also bereits schriftlich niedergelegtes Anschauungsmaterial, das ihn ganz offensichtlich nicht nur zu seinen »lustigen Aussichten«, sondern, insbesondere hinsichtlich der toskanischen Nobilitierung, zu seinem landschaftspoetischen Ausflug inspiriert haben dürfte. Demnach erweist er sich auch als Autor als aufmerksamer Leser der für seine Ausarbeitungen einschlägigen Literatur, wie das ja nachweislich für seine architektonischen Arbeiten in vielfältiger Hinsicht der Fall war.38 Pöppelmann selbst verweist in den Vorbemerkungen zum Zwingerstichwerk neben Vitruv auf einen weiteren Autor, der wenige Jahre zuvor bereits eine Zwingerbeschreibung vorgelegt hatte, die sich ihrerseits auf den paradiesischen Kontext Dresdens bezieht: Gemeint ist Johann Michael von Loens ebenfalls zweisprachiger Discours Sur L’Architecture, Composé au Sujet De l’Orangerie Royale qui est à Dresde. Dedié à Sa Majesté le Roy de Pologne= Discours Von Der Bau-Kunst, Bey Gelegenheit des Königlichen Oranien-Gartens zu Dreßden. Auffgesetzt und Sr. Königl. Majestät von Pohlen dediciert aus dem Jahre 1724.39 Diese kurze Abhandlung geht auf einen Dresden-Aufenthalt Loens im Jahre 1718 zurück und findet sich 1726 als Kapitel in seinem ansonsten eher ins Moralisierend-Erbauliche tendierenden Sylvanders von Edel-Leben Zufällige Betrachtungen Von Der Glückseeligkeit der Tugend eingefügt:40 Ein Band, den Pöppelmann – im Gegensatz zu Icanders Fast auf dem höchsten Gipffel Der Vollkommenheit Prangende Dreßden – selbst besitzt.41 Der Frank-

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furter Jurist hatte mit seinem Discours Von Der Bau-Kunst, der auf den abschließenden Seiten in Betrachtungen zum Zwinger münden wird, nicht nur für ihn ungewöhnliche Überlegungen vorgelegt, sondern Pöppelmann 1726 einen manifesten Grund bereitgestellt, die Veränderungen des Zwingers seit 1718 nun aus eigener Perspektive ins Bild zu rücken. Loen nimmt in diesem Text zu Beginn und zu Ende auf den Zwinger Bezug, nennt Pöppelmann allerdings nur an einer Stelle, die ihn nicht etwa als dessen Architekten würdigt, sondern als zukünftigen Herausgeber des Zwingerstichwerkes zur Eile gemahnt: Was sag ich nun noch zum Beschluß / von dem ganz unvergleichlichen Oranien=Garten / welcher nunmehro mit aller Welt höchsten Bewunderung / betrachtet wird? Alle rechtschaffene Kenner und Liebhaber der Bau=Kunst / warten mit einem ungedultigen Verlangen / auff die vom Herrn Pöpelman / Seiner Königlichen Majestät in Pohlen Ober=Land=Baumeistern / versprochene Abrisse dieses so schönen Wunder=Gebäudes. Das geringste / was man von diesem so prächtig auffgeführten Lust=Garten sagen kan / ist / daß solcher mit Recht ein Irrdisches Paradies zunennen / sowohl in Ansehung der sonderbar=anmuthigen Gegend / als auch wegen seiner ungemein herrlichen Bau=Art.42

Bei Loen ist Icanders »kleines Paradieß« nun räumlich auf den »so praechtig auffgeführten Lust=Garten« eingeschränkt: Einzig der Zwingergarten in seiner 1718 noch reichlich provisorischen Gestalt wird hier zum irdischen Paradies aufgewertet, der höfische Lustgarten also, der den Frankfurter Besucher in Sonderheit zu überwältigen vermochte. Loen listet seinerseits Gebäudebestandteile und Bauschmuck, mithin den gesammelten Reichtum des Zwingerensembles auf, welches er seinen Lesern als »nach der herrlichsten und sinnreichsten Bau=Kunst eingerichtet«43 anempfiehlt. Allerdings wird als verantwortlicher Baukünstler immer wieder Kurfürst August in den Text eingewoben, da »Seine Königliche Majestät nichts vergessen haben um aus diesem Oranien=Garten / einen der annehmlichsten Lust=Oertern der Welt zu machen«.44 Bereits Loen strapaziert hierfür in extenso die Herkules-Allegorie, die er, wie alle späteren Kommentatoren einschließlich Pöppelmann, über »die Oranien=Baeume der Hesperidischen Gärten«45 im Zwinger verankert: Man siehet dabey allenthalben die Bilder des Herculis in Statuen / Cartuschen und Schluß=Steinen vorgestellet / da er bald als ein Besieger der Völcker, bald aber als ein Beschützer der Musen entworffen ist; man siehet auch daselbst ferner verschiedenen Masken der Fiore und der Diane mit untergemenget / welche die Auffseherinnen der Bäume und Blumen bedeuten. Überhaupt aber damit zu erkennen zu geben / daß Hercules die Oranien=Bäume der Hesperidischen Gärten dahin übergebracht habe.46

Loen beginnt diese Schrift explizit als August-Enkomion, gruppiert seine panegyrischen Einlassungen nun aber weniger um die Person Augusts, sondern referiert hierfür auf die

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blühende Residenzstadt Dresden. Seine architektonisch ausagierte Lobrede konzentriert sich dabei in Ermangelung eines herausragenden Schlossneubaues auf den Zwinger, der bereits zum Auftakt der Schrift Augusts Herrlichkeit als Herrscher und Architektur-Sachkundiger konturieren darf: WO eine Sache in der Welt Seiner Königl. Majestät in Polen könte würdig geschätzt werden; so würde sonder Zweiffel der unvergleichliche Oranien=Garten in der Churfürstl. Residenz=Stadt Dreßden darzu einiges Vorrecht haben; alleine ohnerachtet solcher unter die Wunder=Dingen unserer Zeit zu rechnen, so bleibet derselbe doch nur ein kleiner Garten* in denen Augen eines so grossen Monarchens; dessen überaus Hoher Geist durch ein einziges Gebäude / so prächtig es auch immer seyn mag / unmöglich kan entworffen werden. Seine Königl. Majestät besitzen in der That eine so vollkommene Erfindung und hohe Wissenschaft in der Bau-Kunst / daß noch nie ein grosser Fürst darinnen schönere und herrlichere Dinge anzugeben gewust.47

Loen eliminiert explizit den Baumeister Pöppelmann und dient sich dessen Kurfürst an, in einer Weise, die Pöppelmann, weit mehr noch als die Aufforderung zur Fertigstellung des Zwingerstichwerkes, zu einer Erwiderung, zu einer Richtigstellung der Sachlage aufgefordert haben mag. Loens Autoritätszumessung – »weil Seine Königliche Majestät sich dessen mit eigener hoher Sorgfalt annahmen / so siehet man auch daselbst alles / was nur die Künste und Wissenschafften erhabenes und vollkommenes mit sich führen«48 – hat es in obiger Passage in offenkundiger Weise auf die Schmälerung der Architektenleistung abgesehen. Indem Loens Relativierung im »so bleibet derselbe doch nur ein kleiner Garten« schließlich in der Fußnoten in eine wiederholende königliche Affirmation mündet: »Se. Königl. Majestät pflegen ihn nicht anders als den kleinen Garten zu nennen«49, wird der Zwinger endgültig zum niedlicheren Gegenstück des Großen Gartens minimiert, der vor dem Pirnaischen Tor dem linkselbischen Stadtkörper seit 1676 vorgelegt und durch Johann Friedrich Karcher unter August dem Starken als repräsentativer Barockgarten für Feste und Jagden ausgebaut worden war. Die Bemerkungen Loens verlangen also ohne Zweifel nach maßvoller, aber entschiedener Korrektur, die Pöppelmann in seinen Vorbemerkungen zum Zwingerstichwerk durchaus zu geben weiß. Die eingeflochtenen Respektsbekundungen gegenüber dem Dienstherrn entsprechen den höfischen Erfordernissen, folgen sie doch inhaltlich den ungebremsten Lobreden Icanders und Loens durchaus – sie sind jedoch weit weniger emphatisch kodiert, als das bei den Vorgenannten der Fall ist. Pöppelmann weiß vielmehr in aller Bescheidenheit und unter Wahrung rhetorischer Erfordernisse gleichwohl auf seine architektonischen Leistungen hinzuweisen, und er tut dies in einer Weise, die Kundigen allemal dekodierbar ist: Die räumlich ausagierte Blickführung im Text, die strategisch klug die Leser leitet, mag als ein gelungenes Beispiel derartiger Manifestationen gelesen werden.

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So endet Pöppelmanns Bericht, Wegen der Kupffer-Stiche […] denn auch mit der Androhung weiterer Veröffentlichungen in eigener Sache, die nun endgültig entschiedene Antwort ist – und zugleich Augusts architektonischen Sachverstand zwar wenig enthusiastisch, aber dennoch willig zum zuvor bereits selbstbezüglich konnotierten Schlusspunkt gerinnen lässt: Falls auch diese Bemühung [das Zwingerstichwerk] erwünschten Beyfall finden sollte; würde man sich dadurch anreizen lassen, künfftighin auf eine gleiche Herausgebung der übrigen Königl. neu=errichteten Lust= und Land=Gebäude bedacht zu seyn; Von welchen sich ein Kunst=Verständiger um so mehr etwas vollkommenes im voraus vorstellen kan; als gewiß dieselben eines so großen Königes, seines erhabenen Gemüths, seiner freygebigen Kunst=Liebe, und sonderlich seiner ausnehmenden Bau=Erfindung, in der That würdig zu nennen sind.50

Pöppelmann musste also ein eigenes Buch herausgeben, um seine architektonische Leistung rund um die Zwingererfindung, rund um das 1729 berühmteste Dresdner Bauwerk ins rechte Licht zu rücken. Um dies bewerkstelligen zu können, verzichtet er offenkundig auf jede Übertreibung, allemal auf die von den Dresden-Autoren bereits eingeführte Paradiestopik, um neben dem Herrscher-Enkomion maßvoll, jedoch rhetorisch keineswegs ungebührlich, seine eigene Leistung als Architekt, Baumeister und Bauverantwortlicher erstrahlen zu lassen. Um derartige Textoperationen intentional anzulegen respektive zu bewerkstelligen – ob nun ein versierter Autor lektoriert haben mag oder nicht –, benötigte der Oberlandbaumeister Pöppelmann Texterfahrung, eine gewisse Vertrautheit also mit Textpraktiken und rhetorischen Erfordernissen, die er sich auch in diesem Falle durch eigene Lektüretätigkeit angeeignet hatte. Dass Pöppelmann Leser Loens und Icanders war, geht aus seiner Vorbemerkung zum Zwingerstichwerk deutlich hervor, auch wenn Icander sich nicht in seiner Hausbibliothek finden lässt. Pöppelmann ist also Leser, Buchbesitzer und Buchnutzer, der seine Lektüren aus fachlichen Gründen ebenso wie aus höfischen Erfordernissen heraus zusammenstellt, der über eigenen Buchbesitz verfügt, welcher ihm zuzüglich zum Fachlichen auch Erbauliches, Unterhaltung, Weltwissen, kulturelles Leistungswissen bereithält. Und Pöppelmann ist erwiesenermaßen Nutzer der kurfürstlichen Bibliothek, die ihm aus persönlichen oder beruflichen Gründen offensteht. Die Beiträge dieses Bandes unternehmen im Folgenden den Versuch, nicht nur dem Zusammenwirken von Buchwissen und professioneller Kreativität im Falle Pöppelmanns auf den Grund zu gehen. Ziel ist es, am Beispiel des barocken Dresdens unter August dem Starken herrschaftlichen Dynamiken nachzuspüren. Im Falle des Oberlandbaumeisters Pöppelmann ist damit nicht nur ein reibungsloses Funktionieren der kurfürstlichen Baubehörde gemeint, sondern insbesondere das kongeniale Nacherfinden räumlicher Repräsentationswünsche eines kapriziösen Fürsten, dessen absolutistischer Ehrgeiz eben nicht nur

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Dresden, nicht nur Warschau meint, sondern den Wettbewerb mit den Fürsten Europas, ja mit den Kaisern Asiens sucht. Augusts Großmachtvisionen finden in seiner Sammelleidenschaft Niederschlag, die sich in maßlosem Wollen dem chinoisen Zeitgeschmack ergibt, ebenso wie in repräsentativen Capricen, die nach außerordentlichen Raumerfindungen verlangen, welche August sich laufend ausbedingt. Um dem entsprechen zu können, muss ein höfischer Baumeister wie Pöppelmann nicht nur für den fachlichen Wissenserwerb durch Europa reisen und neueste architektonische Wunderwerke insbesondere römischer oder französischer Provenienz sowie die jüngsten Modernisierungen des Palastbaues in den europäischen Regierungszentren zur Kenntnis nehmen. Er muss Vergangenheit und Gegenwart auch der außereuropäischen Welt im Kopfe haben, also Buch- und Bildwissen ansammeln, um die Wünsche des Fürsten systematisieren und diese unerwartet weiterführen zu können. Er muss als Hofangestellter über kulturelles Leistungswissen verfügen, um mit dem Monarchen ebenso wie mit dessen Ministern, mit Hofangehörigen und Hofkünstlern in angemessener Weise Konversation betreiben und als Autorität für Raumordnungen, für Raumkunst und Steinkunst entsprechend aufmerksam Stellungnahmen abgeben zu können. Pöppelmann gelingt dies im barocken Dresden in architektonischer Hinsicht auf ungeahnte Weise, nicht nur den Zwinger betreffend, dessen mythologische Überhöhung ja von Beginn an einen zentralen Aspekt der Anlage markiert. Gerade auch Architekturen wie das der Porzellansammlung Augusts zugedachte Japanische Palais oder das chinois getrimmte Lustschloss Pillnitz, die Augusts repräsentativen Ausgriffen nach Fernost räumliche Materialisierungen beizufügen haben, verlangen Lektüre von Reise- und Gesandtschaftsberichten, von Kupferstichen und ikonografischem Material, das in Augusts Sammlungen in Büchern, auf Porzellanen, Tuschzeichnungen, Lackarbeiten und Koromandelschirmen reichlich anzutreffen ist. Material für produktive Austauschprozesse zwischen architektonischer Fachliteratur, Unterhaltungsprosa und Geschichtswerken, Philosophischem und Religiösem, zwischen Text und Stichen stellt bereits die Privatbibliothek Pöppelmanns, insbesondere aber die ihm zugängliche kurfürstliche Bibliothek zur Verfügung. Die Pöppelmann derart angetragenen Wissensanforderungen betreffen im höfischen Kontext allerdings mitnichten allein den Dresdner Baumeister. Herrschaftliche Repräsentationsbedürfnisse sind Aufgabenbereich aller künstlerisch oder wissenschaftlich bei Hofe Tätigen, wie die Blicke auf Privatbibliotheken von Pöppelmanns Hofkollegen in Dresden sowie Berufskollegen an anderen Höfen deutlich machen. Bücherwelten – Raumwelten. Zirkulation und Materialisierung von Wissen im Zeitalter des Barock möchte aufzeigen, in welchem Maße im genannten Zeitraum Wissen dynamisiert, höfische Anforderungsprofile sowie Erwartungen an die Produktion von Raum, Kunst und Kommunikation neu konturiert werden, um unter anderem Materialisierungen von Wissen hervorzubringen, die bis heute – auch in ihrer Dresdner Ausprägung – staunenswerter Ausdruck europäischen Barockschaffens sind. Vorausset-

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zung dafür ist eine seit dem 17. Jahrhundert sukzessive beschleunigte Zirkulation von Wissen, die parallel zur forcierten Zirkulation von Waren und jener von Personen eine Neuorganisation europäischer Herrschaftsräume im Sinne der absolutistischen Staatsraison vorantreibt. Das hierfür erforderliche Machtwissen ist insbesondere modernes Raumwissen, das den in die Wege geleiteten Zirkulationsprozessen staatspolitischer, ökonomischer, militärischer, technischer, naturwissenschaftlicher oder künstlerischer Natur zu Grunde liegt. Barockes Wissen also wird, ungeachtet der epistemischen Provenienz, nicht mehr nur angesammelt, akkumuliert und elitär gepflegt, sondern muss von immer größeren Kreisen erworben werden, um herrschaftlicher Logistik in ausreichendem Maße zur Verfügung zu stehen. Die kapitalistische Logik der nach Optimierung strebenden barocken Zirkulationen muss folgerichtig eine Öffnung der Grenzen und Horizonte, eine Dynamisierung der individuellen Beweglichkeit und einen offeneren Umgang mit Wissen und Macht betreiben, gleichwohl absolutistisch autorisierte Dynamisierungsprozesse einzig die Konsolidierung zentralistischer Macht zum Endziel haben. Das Dresdner Beispiel sowie die von dort aus in benachbarte Territorien und nach Europa ausreifenden Überlegungen der hier versammelten Beiträge mögen in diesem Sinne als Exempel dienen, diese Zirkulationen in den Blick zu nehmen, mit Ereignissen und Sachverhalten also kurzzuschließen, um grundsätzliche Strukturen der europäischen Abläufe in den Blick zu nehmen. Was die Dresdner Beispiele angeht, geschieht dies unter einem Fürsten, dessen ambivalente Herrschaft in Sachsen und Polen die grundsätzlich widerstreitenden, sich überkreuzenden und auseinanderstrebenden Dynamiken im Zeitalter des Barocks auf sehr spezifische Weise zu bebildern vermag. Meike Beyer und Anja Schwitzgebel versuchen in ihrem Beitrag rund um die Nachlassakte Pöppelmanns, über den notierten Besitz an Immobilien, Einrichtungsgegenständen oder Kleidung nicht nur das Lebensumfeld und die familiären Verhältnisse des Hofarchitekten zu rekonstruieren, sondern insbesondere die Interessenbereiche seiner postum rasch zerstreuten Privatbibliothek zu analysieren (die im Anhang zu diesem Band gesondert wiedergegeben ist). Die Bandbreite der sich dort spiegelnden Interessen findet sich durch Einblicke in die privaten Buchbesitzbestände von Dresdner Hofkollegen wie Zacharias Longuelune, Georg Christoph Dinglinger oder Ehrenfried Walther von Tschirnhaus ergänzt, um die mediale Wissenspflege ganz unterschiedlicher Interessenlagen unter der Hofkünstlerschaft unter anderem hinsichtlich berufsrelevanter Statuspflege in Beziehung zu setzen. Peter Heinrich Jahn widmet sich dem berufsbezogenen Part von Pöppelmanns Privatbibliothek, der sich nicht nur auf Fachliteratur beschränkt, sondern große Stückzahlen an Druckgrafik einbegreift. Einzelbetrachtungen zu den relevanten Titeln lassen das breite Spektrum fachlicher Anforderungen an das Berufsprofil eines herausragenden Barockarchitekten lebendig werden und zeichnen in eindringlicher Manier die zentrale Rolle von Lektüre sowie Bildstudium für den architektonischen Schaffensprozess Pöppelmanns nach, der hier detailliert insbesondere für den Dresdner Zwinger aufgezeigt wird.

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Der Beitrag von Ulrich Fröschle hat einen einzelnen Band in Pöppelmanns Bibliothek zum Gegenstand, der als einziger deutschsprachig-literarischer, ja fiktionaler Text aus der Büchersammlung des Dresdner Hofbaumeisters heraussticht: Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch von 1669. Die Überlegungen gelten hier nicht nur der komplexen Entstehungs- und Wirkungsgeschichte dieses barocken Erfolgsromans, sondern ebenso den möglichen, durchaus vielfältigen, eben auch die Zirkulation von (insbesondere räumlichem) Wissen touchierenden Gründen für eine derart auffällige Fundsache in Pöppelmanns Bibliothek. Katrin Nitschke gewährt Einblicke in Gestalt und Veränderungen der kurfürstlichen Bibliothek im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert, die sich von den wechselnden Aufbewahrungsorten bis zur personellen Führungsebene, zu den Wirkungsbereichen der verantwortlichen Bibliothekare bewegen, von den Nutzungsbedingungen bis zu den Neuerwerbungen einen Bogen nachzeichnen, der insbesondere den Zustand der kürfürstlichen Büchersammlungen während der Schaffenszeit ihres Nutzers Pöppelmann im Blick hat. Mathias Ullmann eröffnet die Reihe der Betrachtungen zu weiteren Bibliotheksbesitzern aus dem Umfeld des Dresdner Hofes und stellt die ausgesprochen umfangreiche, vielfältige sowie in allerlei Hinsicht außergewöhnliche Bibliothek des aus der Nähe von Görlitz stammenden Universalgelehrten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus vor. Dieser ist, unter der führenden Gelehrtenschaft in Europa bestens vernetzt, nicht nur Leser sowie produktiver und streitbarer Autor, sondern unternimmt für die sächsischen Kurfürsten naturwissenschaftlich-praktische Anstrengungen zur Brennspiegelentwicklung, Glashüttentechnik und Porzellanproduktion, welche die Personalie Tschirnhaus und ihren Buchbesitz in bemerkenswerter Weise konturieren. Der Beitrag von Jarl Kremeier beschäftigt sich mit der Büchersammlung des Würzburger Hofarchitekten Balthasar Neumann, die nun, eine Generation nach Pöppelmann aufgebaut, bereits manifeste Unterschiede, aber auch zahlreiche Übereinstimmungen mit dem Buchbesitz des Dresdner Hofarchitekten aufweist. Auch in diesem Falle gelten die Überlegungen der Beschaffenheit des Wissenshorizontes, dem sich diese Privatbibliothek verdankt – und wie im Falle Pöppelmanns kann auch hier, wiewohl ungleich umfangreicher als Pöppelmanns Bücherschatz angelegt, ein deutlicher berufsspezifischer Schwerpunkt festgemacht werden, dem in Einzelbeispielen nachgegangen wird. Martin Engel beschließt die Bibliothekseinblicke mit einer weiteren Architektenbibliothek, die dem Hofarchitekten Friedrichs II., Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, zu verdanken ist. Wiederum dominiert zur Hälfte Berufspraktisches. Die Interessen der zweiten Hälfte dieser Sammlung allerdings sind ausgesprochen weit gespannt, reichen von Kunstliteratur, Geschichte und Politik über Wissenschaft und Philosophie zu antiken Autoren, zu Poesie, galanter Literatur, Theater- und Opernliteratur, zu Reisebeschreibungen und Sprachführern: Der Grad der (Vor-)Bildung respektive der persönlichen Entwicklung hinsichtlich der intendierten Wissensaneignung verläuft bei Knobelsdorff ungleich umfassen-

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der, als das bei Pöppelmann der Fall war. Knobelsdorff verfügt als ausgebildeter Militär mit künstlerischen Ambitionen ganz offensichtlich über Interessen, die durch die Weltläufigkeit des Berliner Hofes, über die intensive Zirkulation von Ideen und vor Ort versammeltes internationales Expertentum grundlegend gefördert werden – wie seine Bibliothek eindrucksvoll untermauern kann. Im zweiten Teil des Bandes werden nun räumliche und materielle Manifestationen der barocken Dynamik von Wissen anvisiert, die in allen vier Einzelbetrachtungen im weitesten Sinne raumpolitische Projekte Augusts des Starken zum Gegenstand haben. Elisabeth Tiller beschäftigt sich mit den architektonischen Repräsentationsbemühungen Augusts in Polen, die unter anderem M. D. Pöppelmann und insbesondere dessen Sohn Carl Friedrich übertragen werden. Augusts Warschauer Projekte und deren politische Kontexte lassen die Dresdner Baumaßnahmen während der Wirkungszeit Pöppelmanns gerade durch die in Polen wenig erfolgreiche Herrschaft Augusts und den deshalb forcierten räumlichen Kompensationsprojekten in einem durchaus neuen Licht erscheinen. Stefan Hertzig beschäftigt sich mit einem dieser Dresdner Projekte, mit der im Oberbauamt betriebenen Neugestaltung nämlich des Japanischen Palais zum Gehäuse der chinoisen Porzellansammlung des Kurfürsten – eine klare Funktionsvorgabe, die dem Bau ein gewisses Maß an Extravaganz abverlangt. Die Rolle Pöppelmanns innerhalb dieser Baumaßnahme wird hier auf ihre Anteile hin befragt, um sich auf ausgewählte, auf Pöppelmann zurückgehende chinoise Bauelemente sowie dessen Beteiligung an den Innenraum­ entwürfen für diesen Porzellansammlungsbau zu konzentrieren. Die hierbei immer wieder aktualisierten Hinweise auf Pöppelmanns chinoise Details am kurz zuvor erweiterten Lustschloss Pillnitz führen zum Beitrag von Dirk Welich, der ebendiese Pillnitzer Chinoiserien in den Blick nimmt. Die Aufmerksamkeit gilt dabei den architektonischen Spezifika der Dresdner Ausprägung einer europaweit gepflegten Chinoiserie-Mode, die im Falle Augusts eben nicht nur im dynastischen Wettbewerb betrieben wird, sondern mit geopolitischen Inhalten kodiert ist. Die Nachzeichnung neuerlicher chinoiser Schübe im weiteren Verlauf der Pillnitzer Baugeschichte macht schließlich die historische Reichweite dieser architektonischen Mode deutlich, die August der Starke so nachhaltig in die Wege geleitet hatte. Der Abschluss dieses Komplexes gehört den Überlegungen von Cordula Bischoff, die das explizit gegenderte Aufkommen der chinoisen Mode in Europa bis zu ihrer Aneignung durch August den Starken und damit einem der Höhepunkte dieser barocken Vorliebe entwicklungsgeschichtlich konturieren. Von den Lackkabinetten und Porzellansammlungsräumen der Oranierinnen seit der Mitte des 17. Jahrhunderts über die chinois-exotisierenden Architekturspielereien und Innenausstattungen eines Louis XIV sowie die dynastisch bedingten brandenburgischen Anverwandlungen dieser Themen führt ein direkter Weg zur Chinoiserie-Versessenheit Augusts des Starken. Jenseits der enormen Sammlungsbestände an Ostasiatika, die August in Dresden anhäufen ließ, begründen sich

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hier die Bemühungen um die Herstellung von Porzellan, an welchen Tschirnhaus beteiligt ist, sodann die architektonische Funktionalität des Japanischen Palais, in welchem Teile von Augusts Sammlungen zusammen mit Meissener Produkten gezeigt werden sollen, schließlich thematische Vorgabe für das Lustschloss Pillnitz, das einem chinoisen Motto zu unterstellen war – Aufgabenbereiche, die zu Pöppelmann zurückführen. Die stets als Fernziel des künstlerisch-wissenschaftlichen Waltens unter August dem Starken intendierte Leistungsschau sächsischer Ideen und Produktivkraft, die gen Warschau, gen Berlin, Wien oder Paris zu leuchten hatte, um im interterritorialen Wettbewerb Alleinstellungsmerkmale zu platzieren, also die Überlegenheit sächsischer Hervorbringungen mit Außenwirkung zu versehen, generiert im Zuge der Aneignung der Chinamode durchaus eigenständige Fortentwicklungen. Die wiederum erfahren – abgesehen von den immensen Asiatikasammlungen Augusts – insbesondere im Aufbau der Meissener Porzellanherstellung, andererseits aber in den architektonischen Raumerfindungen Pöppelmanns ihre bemerkenswertesten Materialisierungen. Diese Dresdner Manifestationen dynastischen Wettbewerbs sind wiederum ohne die synergetische (und personelle) Amalgamierung von Wissen und Macht nicht denkbar, wie sie grundsätzlich allen Formen höfischer Repräsentation eignet: zumal im Zeitalter des Barocks, dessen utopisches Reservoir neue Reichweiten im Blick hat, welche ihrerseits nicht nur kongenial funktionalisierbare, sondern – ein anderes Thema – auch kritische Ideenwelten betreten lassen. Der vorliegende Band schließt die Arbeit des Dresdner Teilprojektes Baroque Fantasies – Creating Exotic Spaces. The Case of Dresden im durch das Culture Programme der Europäischen Kommission geförderten europäischen Verbundprojekt European Network for Baroque Cultural Heritage (ENBaCH) ab. Der Dank gilt deshalb allen Mitarbeiter/-innen der vergangenen vier Jahre sowie den hier versammelten Autor/-innen, schließlich insbesondere denjenigen, die an der Fertigstellung dieses Bandes durch tätige Hilfe, durch umsichtige Korrekturen und logistische Hilfestellungen maßgeblich beteiligt waren. Zu nennen sind an dieser Stelle, begleitet von einem zusätzlichen, dicken Dankeschön, in erster Linie Meike Beyer und Anja Schwitzgebel sowie Anna Seltmann und Torsten König, ohne deren Einsatz dieser Band nicht zu Stande gekommen wäre.

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Pöppelmann, Matthäus Daniel: Vorstellung und Beschreibung Des von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden. Dresden 1729; vgl. hierzu auch den Beitrag von Peter Heinrich Jahn in diesem Band. Zu den Kupferstichen vgl. Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Katalog zur Ausstellung im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) vom 17. Mai bis 1. September 2013. Zweite, durchgesehene Version (August 2013) [URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312]. Vgl. hierzu den Beitrag von Meike Beyer und Anja Schwitzgebel in diesem Band. Vgl. Anhang.

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Dieser Aspekt ist im Übrigen in der stark verkürzten französischen Version zwar angelegt, wird dort allerdings nicht explizit semantisch ausgebaut. Pöppelmann, Matthäus Daniel: AU ROY, in: ders. (1729), ohne Paginierung. Ebd. Ebd. Zur Kollision von Herrschaftsvisionen Augusts und der Realpolitik vgl. den Beitrag von Elisabeth Tiller in diesem Band. Vgl. hierzu im Folgenden den Beitrag von Peter Heinrich Jahn; Tiller/Lieber (2013), S. 77ff., sowie den Beitrag von Katrin Nitzschke in diesem Band. Vitruv wurde vermutlich in den Achtzigerjahren des ersten Jahrhunderts v. Chr. geboren. Angaben zu Leben und Werk finden sich lediglich bei Vitruv selbst, in den De architectura libri decem, abgefasst zwischen 33 und 22 v. Chr. und erst 14 v. Chr. mit Vorreden versehen. Die De architectura libri decem sind Kaiser Augustus zugeeignet. Vitruv scheint insbesondere mit Wasserbau und Militärtechnik befasst gewesen zu sein, ist jedenfalls nicht als erfolgreicher Architekt tätig. Als einziges, Vitruv nachweislich zuschreibbares ziviles Bauwerk gilt die Basilika von Fano (Marken), die er im Fünften Buch von De architectura ausführlich erörtert. Pöppelmann besitzt selbst kein Vitruv-Exemplar, deshalb ist nicht davon auszugehen, dass er sich die bei Vitruv semantisch gedoppelte Arbeitsbeziehung Architekt Vitruv – Kaiser Augustus durch die fiktional aufbereitete Begegnung Architekt Dinokrates – Alexander der Große (in der Vorrede zum Zweiten Buch von De architectura) durch intensive Lektüre erschlossen und auf das eigene Dienstverhältnis Architekt Pöppelmann – August der Starke projiziert hat. Pöppelmanns Einblicke in ein Vitruv-Exemplar etwa aus der kurfürstlichen Bibliothek werden sich auf fachliche Konsultationen beschränkt haben: Das August-Enkomion in der Zwingerstichwerk-Vorrede, das ja eine manifeste Parallele im Augustus-Enkomion der Vorrede zu Buch I bei Vitruv aufweist, ist wohl nicht berührt von einer derartigen Anspielung, zumal sich Vitruv in Pöppelmanns Vorbemerkung lediglich in einer Fußnote aufgerufen findet (innerhalb derer er auf eine kommentierte lateinische Ausgabe des Vitruv verweist: Laet, Johannes de (Hg.): M. Vitruvii Pollionis De Architectura Libri Decem. Cum Notis, Castigationibus & Observationibus […]. Amsterdam 1649; vgl. hierzu auch im Folgenden Jahn, Anm. 50. Pöppelmann, Matthäus Daniel: Erklärung Des Kupffer=Titel=Blats […], in: ders. (1729), ohne Paginierung; im Folgenden mit »Erklärung« bezeichnet. Pöppelmann, Matthäus Daniel: Bericht, Wegen der Kupffer=Stiche […], in: ders. (1729), ohne Paginierung; im Folgenden mit »Bericht« bezeichnet. Ebd. Ebd. Ebd. Ebd. Ebd. Ebd. Ebd. Ebd. An dieser Stelle lässt Pöppelmann wiederum Bescheidenheit walten: Realisierungen in der Blickachse auf das Schlossgelände, an welchen Pöppelmann beteiligt oder federführend war, also das Taschenbergpalais (1707–1711, Erweiterung 1718–1720) sowie sein Opernhaus (Eröffnung 1719), werden zu Gunsten des »Schieß=Hauß[es]« abgeblendet: Offenkundig ist damit ein umgenutzter anderer Bau, etwa Klengels Ballhaus (1668/69) oder Klengels Opernhaus am Taschenberg (1664– 1667) gemeint, da J. G. Starckes Schießhaus (1673), zudem nördlich des Zwingergeländes gelegen,

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Elisabeth Tiller bereits 1710 von Pöppelmann abgebrochen worden war (vgl. Löffler, Fritz: Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten. Leipzig 152002, S. 76–78). Pöppelmann (1729): Bericht. Ebd. Vgl. hierzu den Beitrag von Stefan Hertzig in diesem Band, dort auch zur von Beginn an intendierten Ausschmückung mit Porzellan, sowie Heckmann, Hermann: Matthäus Daniel Pöppelmann und die Barockbaukunst in Dresden. Berlin 1986, insbesondere S. 134ff. Icander (Icander: Das Fast auf dem höchsten Gipffel Der Vollkommenheit Prangende Dreßden Oder Kurze doch deutliche Beschreibung Derer In dieser Stadt berühmten Gebäude und Merckwürdigkeiten, Wie solche Anno 1719 Nach Vermögen observiret worden, Von Icandern. Leipzig 1719, S. 8) benennt das Bauwerk bereits 1719 als »den Nahmen eines Japonischen Palais« führend, als Hinweis auf Teile der kurfürstlichen Porzellansammlungen, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits hier befinden: »wegen der unvergleichlichen Kostbarkeiten, so darinne enthalten, seines gleichen kaum in Europa haben wird, und alle dessen Anschauer erstaunend machet«; vgl. hierzu den Beitrag von Cordula Bischoff in diesem Band. Heckmann (1986), S. 187f. Zum Folgenden vgl. Papke, Eva: Festung Dresden. Aus der Geschichte der Dresdner Stadtbefestigung. Dresden 1997, S. 98ff. Vgl. hierzu auch Seng, Eva-Maria: Stadt – Idee und Planung. Neue Ansätze im Städtebau des 16. und 17. Jahrhunderts. München/Berlin 2003, S. 258ff. Daßdorf, Karl Wilhelm: Beschreibung der vorzüglichsten Merkwürdigkeiten der Churfürstlichen Residenzstadt Dresden und einiger umliegenden Gegenden, Bd. 1. Dresden 1782, S. 29. Icander (1719), S. 6. Vgl. SächsHStA Dresden, 12884 Karten und Risse, Schr. II, F. 32b Nr. 2, Plan der Neustadt, 27. Feb. 1732. Vgl. hierzu den Beitrag von Elisabeth Tiller in diesem Band. Vgl. Hertzig, Stefan: Das Dresdner Bürgerhaus in der Zeit Augusts des Starken. Zu Entstehung und Wesen des Dresdner Barock. Dresden 2001 sowie Heckmann (1986), S. 186. Pöppelmann (1729): Bericht. Diesem Ereignis widmet Icander (Icander [1719]) selbstredend eine ausführliche Schilderung auf den S. 60–63, die den Auftakt zum Abschluss seiner Dresden-Schrift bilden: Bevor nämlich der Autor die »Beschreibung so unzehliger Merckwürdigkeiten« von seinem »schwache[n] Kiel« anderen »hohen ingeniis zu weiterer Ausarbeitung« überantwortet (S. 63), gelte es doch, »dieses Sächsische Zion« (S. 64), das als protestantisches Jerusalem nun endgültig erhaben semantisiert ist, wahrhaftiger und treffender noch zu zeichnen, als das ihm, Icander, möglich sei. Ebd., S. 3. Ebd., S. 58. Vgl. hierzu den Beitrag von Peter Heinrich Jahn in diesem Band. Loen nennt diese Jahreszahl am Ende des Discours, vgl. Loen, Johann Michael von: Sylvanders von Edel-Leben Zufällige Betrachtungen, Von Der Glückseeligkeit der Tugend: Wobey die Nothwendigkeit der schönen Wissenschafften und Künsten, die wesentlichste Eigenschafften eines weisen Mannes, die beste und vergnügteste Lebens-Art, wie auch die Grund-Sätze einer wohleingerichteten Republic, nebst andern dahin lauffenden Pflichten der Bürgerlichen Gesellschafft vorgestellet werden […]. Hanau [?] 1726, S. 54. Vgl. hierzu Tiller/Lieber (2013), S. 106/107. Vgl. Pöppelmanns Nachlassakte, Anhang Nr. 74. Loen (1726), S. 50. Ebd. Ebd., S. 52.

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Ebd., S. 54. Ebd., S. 52/54. Ebd., S. 2. Ebd., S. 50. Ebd., S. 2. Pöppelmann (1729): Bericht.

Bibliografie Daßdorf, Karl Wilhelm: Beschreibung der vorzüglichsten Merkwürdigkeiten der Churfürstlichen Residenzstadt Dresden und einiger umliegenden Gegenden, Bd. 1. Dresden 1782. Heckmann, Hermann: Matthäus Daniel Pöppelmann und die Barockbaukunst in Dresden. Berlin 1986. Hertzig, Stefan: Das Dresdner Bürgerhaus in der Zeit Augusts des Starken. Zu Entstehung und Wesen des Dresdner Barock. Dresden 2001. Icander: Das Fast auf dem höchsten Gipffel Der Vollkommenheit Prangende Dreßden Oder Kurze doch deutliche Beschreibung Derer In dieser Stadt berühmten Gebäude und Merckwürdigkeiten, Wie solche Anno 1719 Nach Vermögen observiret worden, Von Icandern. Leipzig 1719. Laet, Johannes de (Hg.): M. Vitruvii Pollionis De Architectura Libri Decem. Cum Notis, Castigationibus & Observationibus […]. Amsterdam 1649. Loen, Johann Michael von: Sylvanders von Edel-Leben Zufällige Betrachtungen, Von Der Glückseeligkeit der Tugend: Wobey die Nothwendigkeit der schönen Wissenschafften und Künsten, die wesentlichste Eigenschafften eines weisen Mannes, die beste und vergnügteste Lebens-Art, wie auch die Grund-Sätze einer wohleingerichteten Republic, nebst andern dahin lauffenden Pflichten der Bürgerlichen Gesellschafft vorgestellet werden […]. Hanau [?] 1726. Löffler, Fritz: Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten. Leipzig 152002. Papke, Eva: Festung Dresden. Aus der Geschichte der Dresdner Stadtbefestigung. Dresden 1997. Pöppelmann, Matthäus Daniel: Vorstellung und Beschreibung Des von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden. Dresden 1729. Pöppelmann, Matthäus Daniel: AU ROY, in: ders.: Vorstellung und Beschreibung Des von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden. Dresden 1729, ohne Paginierung. Pöppelmann, Matthäus Daniel: Bericht, Wegen der Kupffer=Stiche […], in: ders.: Vorstellung und Beschreibung Des von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden. Dresden 1729, ohne Paginierung. Pöppelmann, Matthäus Daniel: Erklärung Des Kupffer=Titel=Blats […], in: ders.: Vorstellung und Beschreibung Des von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden. Dresden 1729, ohne Paginierung.

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Elisabeth Tiller

Seng, Eva-Maria: Stadt – Idee und Planung. Neue Ansätze im Städtebau des 16. und 17. Jahrhunderts. München/Berlin 2003. Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Katalog zur Ausstellung im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) vom 17. Mai bis 1. September 2013. Zweite, durchgesehene Version (August 2013) [URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312].

Meike Beyer/Anja Schwitzgebel

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns1

Zwinger, Japanisches Palais, Schloss Pillnitz, Taschenbergpalais, Jägerhof – die Liste berühmter Bauten, deren architektonische Planung und Gestaltung maßgeblich durch den Dresdner Barockbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann (1662–1736) beeinflusst wurden, ist lang. Bis heute sind diese Bauwerke Ausdruck barocker Produktionshorizonte und Raumfantasien, welche das Schaffen Pöppelmanns lenkten. Wie bereits im Rahmen der Dresdner Ausstellung Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten gezeigt2 sowie an anderer Stelle des vorliegenden Bandes ausführlich behandelt,3 lassen sich diese Einflüsse eng mit dem Buchbesitz des Hofbaumeisters verknüpfen. Sie indizieren auf paradigmatische Weise eine explizit barocke Zirkulation von Wissen und Macht. Aber nicht nur die berufliche, sondern auch die private Lebenssituation kann durch Bücher und andere Besitztümer Pöppelmanns skizziert werden. Den nötigen Einblick gewährt in erster Linie die im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden konservierte Nachlassakte des Hofbaumeisters.4

1.

Tod und Testament

Als Pöppelmann in der Nacht zum 17. Januar 1736 im Alter von 73 Jahren verstarb, begann sein Sohn, der Hofmaler Johann Adolph Pöppelmann (1694–1773), umgehend damit, die notwendigen Formalitäten in die Wege zu leiten, wie der Schreiber der Pöppelmann’schen Nachlassakte festhielt. Johann Adolph Pöppelmann bestellte die höfischen Notare in die Wohnung des Vaters in der Dresdner Schloßgasse (heutige Schloßstraße Nr. 34)5 und führte diese laut Nachlassakte in die Kammer des Verstorbenen. Dort eingetroffen wurde im Beisein der Angehörigen und der Bediensteten des verstorbenen Hofbaumeisters auf das vor dessen Ableben verfasste und unterzeichnete Testament (Abb. 1) verwiesen. Sogleich gingen die Beamten zur Versiegelung der einzelnen Zimmer über. Es lag vor allem im Interesse der Erben, dass sämtlicher Besitz des einstigen Hofbaumeisters zusammengetragen und notiert wurde. Neben dem zuvor genannten Johann Adolph hatte Matthäus Daniel Pöppelmann zwei weitere Söhne, Carl Friedrich (um 1697–1750) und Christian Wilhelm (1701–1782). Ersterer war, ebenso wie der Vater, im Dresdner Oberbauamt angestellt und wirkte unter August dem Starken in Warschau, wo er später zum Generalmajor aufstieg. Dem jüngsten

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Sohn, Christian Wilhelm, war 1729 die Leitung des Dresdner Postwesens übertragen worden, 1734 folgte eine Versetzung nach Bautzen.6 Ferner hinterließ der Hofbaumeister die Töchter Rahel Dorothea (1693–1761), Erdmuth Sophie (1695–?) und Luise Catharina (1712–1775). Die älteste, Rahel Dorothea, hatte den Hof- und Justitienrat Georg David Wilcke geheiratet, ihre Schwester Erdmuth Sophie führte eine Ehe mit dem Hof- und Legationsrat Johann Ernst Heubel, und die jüngste Tochter, Luise Catharina, war die Frau des sächsischen Generalstabsmedicus Dr. Johann Wilhelm Sparmann.7 Die vierte Tochter des Dresdner Hofbaumeisters, Eleonore Dorothea, war bereits einige Jahre zuvor verstorben, nachdem sie, verheiratet mit dem späteren Oberhofgerichtsrat Dr. Johann Hieronymus Stenger,8 zwei Töchter geboren hatte. Eleonore Christine und Christiane Wilhelmine Stenger waren in der Obhut des Großvaters aufgewachsen und wurden daher im Zuge der Nachlassverteilung ebenfalls bedacht. Allerdings hatte Pöppelmann im Juli 1735 testamentarisch veranlasst, dass jenes Siebtel des Erbes, das den Enkeltöchtern zugesprochen wurde, durch »einen treuen Curatorem«9 verwaltet werden solle, »bis zu ihrer einmahligen Verheyrathung«.10 Grund für diesen Passus war in erster Linie der Vater der Mädchen, Dr. Johann Hieronymus Stenger, der nach Einschätzung Pöppelmanns »bishero eine sehr üble Lebens-Arth geführet, [...]« und nicht im Stande sei, »seine beyden Töchter [...] zu ernehren und standesmäßig zu erziehen«.11 Diese Maßnahme zog umgehend scharfe Kritik seitens Stengers nach sich, die er mittels zahlreicher Briefe und schließlich in Form einer Klage an die Erben richtete.12 Aber nicht nur mit diesem Konflikt sahen sich die Hinterbliebenen konfrontiert. Auch unter den Geschwistern bahnten sich nach Pöppelmanns Tod schwer wiegende Streitigkeiten ob des Erbes an, wie bereits Hermann Heckmann konstatierte,13 obwohl der Vater genau diesen Umstand hatte vermeiden wollen, als er in seinem Testament schrieb: Daferne aber eines oder das andere von meinen Kindern und Erben sich unterstehen sollte, über diese meine väterl. Disposition Zanck zu erregen und solche zu impugniren, so entziehe [ich] selbigem hiermit nicht nur den ihm ertheilten Väterl. Seegen, sondern enterbe ihm auch hiermit bis auf die Legitimam, und soll das übrige sodann auf die andern frommen und gehorsamen Kinder zurückfallen.14

Insbesondere der älteste Sohn Johann Adolph sah sich offenbar angesichts des letzten Willens benachteiligt,15 denn der Vater bedachte nicht etwa den Erstgeborenen, sondern vielmehr den Zweitgeborenen, den Warschauer Architekten Carl Friedrich Pöppelmann, in hohem Maße mit wertvollen Gegenständen. Darunter fanden sich nicht nur berufsbezogene Risse und Reißzeug sowie anderes Werkzeug, sondern auch eine goldene Tabatiere und ein diamantener Ring, die der Vater als Geschenke von August dem Starken erhalten hatte.16 Vor allem die Tatsache, dass Carl Friedrich mit dem sogenannten Feldschlösschen eine von zwei Immobilien aus Pöppelmanns Besitz erbte, erregte die Gemüter der übrigen

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns

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Abb. 1 Letzte Seite aus dem Testament Pöppelmanns, in: Acta Commissionis Des verstorbenen Königl. OberLandbaumeister Herr Mattheus Daniel Pöppelmanns Nachlaßes Ob. und Designation auch Inven[tar] sambt was deme mehr anhäng[ig] betr. [1736], fol. 75v. SächsHStA Dresden, 10047 Amt Dresden, Nr. 3056.

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Erben, auch wenn der Vater bemüht war, für einen gerechten – insbesondere finanziellen – Ausgleich zu sorgen, indem er in seinem Testament Folgendes anordnete: Weilln auch mein Sohn, der Obrist-Lieutenant Carl Friedrich von seinen übrigen Geschwistern unterschiedene Douçeux und praecipua wie oben verordtnet, genießet; So will ich hiermit und disponire, deßen wegen eigenthümlichen Empfang des FeldSchlößgens [...] jedem seiner Mit-Erben Sechs Hundert Sechs und Sechzig Thaler, 16 g herausgeben soll [...].17

Es scheint deshalb an dieser Stelle angebracht, das Feldschlösschen und weitere im Pöppelmann’schen Nachlass aufgeführte Objekte und Wertsachen näher in Augenschein zu nehmen.

2.

Der Nachlass

2.1

Immobilien

In der Forschung wurde bereits mehrfach betont, dass die berufliche Laufbahn Pöppelmanns aufgrund seiner vielfältigen Bauaufgaben und Tätigkeitsfelder als ungewöhnlich zu bezeichnen ist.18 Neben seiner 1686 aufgenommenen Beschäftigung im Dresdner Hofbauamt widmete sich Pöppelmann in den Jahren 1695 bis 1710 auch einigen bürgerlichen Bauvorhaben und besserte das familiäre Einkommen durch Ankauf und Bebauung von Grundstücken auf, die er schließlich Gewinn bringend weiterveräußerte.19 Im Jahr 1693 bekam er vom Kurfürsten Johann Georg IV. eine verfallene Salpeterhütte mit den zugehörigen Ländereien in der heutigen Friedrichstadt geschenkt,20 bewohnte aber bis 1699 mit seiner Familie eine Mietwohnung, für deren Unterhalt ihm später ein Betrag von rund 26 Talern nachgezahlt wurde.21 Erst im Jahr 1712 bezog er seine Dienstwohnung in der Schloßgasse, die sich im sogenannten Frau Mutterhaus befand, und in der er bis zu seinem Tod logierte.22 1712 ist zugleich das Todesjahr seiner ersten Ehefrau Catharina Margarethe Stumpf, die kurz nach der Geburt der jüngsten Tochter starb.23 Im Februar 1713 heiratete Pöppelmann erneut, und es scheint, als sei diese zweite Ehe mit der wohlhabenden Görlitzer Witwe Anna Christina Möller (geb. Ott) prägend für die private Lebenssituation in den darauffolgenden Jahren gewesen. Aber auch seine beruflichen Verdienste trugen nun offenbar zu einem beachtlichen Wohlstand bei. So erhielt er am 8.  Januar 1714 das Dresdner Bürgerrecht24 und nur wenige Monate später, im Mai 1714, das Versprechen des Königs, ein Lehngut im Wert von 5.000 bis 6.000 Talern überantwortet zu bekommen, da er zwei Jahre zuvor dank seiner Ingenieurfähigkeiten einen Dammbruch bei Pretzsch verhindert hatte.25 Das Lehngut, das Pöppelmann einige Jahre später tatsächlich sein Eigen nennen durfte, befand sich in Seeligstadt bei Stolpen und ist ebenfalls in der Nachlassakte verzeichnet. Nach seinem Tod wurde es schließlich von den Erben für etwa 2.100 Taler verkauft.26

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns

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Von weitaus größerer Bedeutung als das Lehngut bei Seeligstadt war jedoch das unter dem Namen Feldschlösschen bekannt gewordene Gutsvorwerk, das Pöppelmanns zweite Frau Anna Christina am 12. Juni 1714 vom Geheimen Cämmerier Lange für 6.000 Taler erstanden hatte.27 Anna Christina Möller war bereits in Görlitz Besitzerin eines Bierhofes gewesen und verfügte so über Erfahrungen im Brauerei- und Schankgewerbe, wenngleich nominell ihr Bruder für die Bewirtschaftung verantwortlich zeichnete.28 Umso interessanter ist hingegen, dass der Oberlandbaumeister M. D. Pöppelmann selbst in einer 2007 von Katja Lindenau angefertigten Übersicht der Görlitzer Brauhöfe als Besitzer eines solchen aufgeführt wird.29 Es war zwar üblich, dass die Witwe eines verstorbenen Brauhofbesitzers den geerbten Hof im Zuge einer Wiederverheiratung an ihren neuen Ehemann abgab,30 ob und in welcher Form dies bei Pöppelmann und seiner zweiten Ehefrau der Fall war, ist allerdings nicht bekannt. Als gesichert kann dagegen gelten, dass Pöppelmann nach dem Tod seiner Frau Anna Christina im Jahr 1729 das Feldschlösschen in Dresden erbte. Der Kaufbrief findet nicht nur Erwähnung in der Nachlassakte, sondern auch in einem zeitgleich angefertigten Inventarium über des verstorbenen Ober-Land-Baumeisters Herrn Matthias Daniel Pöppelmanns Verlaßen-/schafft.31 Vermacht wurde es schließlich, wie bereits erwähnt, samt Mobiliar und allem Zubehör an den zweitältesten Sohn Carl Friedrich. Die Summe von 666 Talern und 16 Groschen, die Carl Friedrich den übrigen Erben für den Erhalt des Anwesens auszahlen sollte,32 scheint allein in Anbetracht der ursprünglichen Kaufsumme von 6.000 Talern und der Ausstattung des Gutsvorwerkes zum Zeitpunkt der Anschaffung gering. So war das Feldschlösschen bereits im Jahr 1714 ein stattliches Anwesen, »das aus einem Wohngebäude, einem Schankhaus, einer Scheune, aus Ställen und einem Lust- und Wasserhaus bestand«.33 Matthäus Daniel Pöppelmann erweiterte das Feldschlösschen schließlich um weitere Gebäude und steigerte damit womöglich nochmals den Wert des Objekts.34 Wenngleich er selbst die von ihm vorgenommenen Eingriffe in seinem Testament nicht näher spezifizierte und hierüber nach derzeitigem Erkenntnisstand auch keine Aufzeichnungen existieren, so liefern zeitgenössische Beschreibungen zumindest eine vage Vorstellung vom äußeren Erscheinungsbild des Feldschlösschens. »Besondern Ruf hatte schon damals das Feldschlößchen, wo man auf der Höhe nach Plauen zu im J. 1730 einen grün bedeckten Tanzsaal errichtete«,35 berichtet etwa Gustav Klemm rückblickend in Übereinstimmung mit dem Dresdner Geschichtsschreiber Johann Christian Crell (1690–1762), genannt Icander. Aufgrund seiner Ausstattung zählte Klemm das Feldschlösschen auch zu den 14 öffentlichen Belustigungsorten Dresdens von hohem Rang. So heißt es weiter in seiner Beschreibung: »Es waren hier mehrere Kegelschube. Vor dem Gebäude war ein Rondel von Rosen, worinnen Concerte gegeben wurden. An den Seiten waren hohe Baumreihen mit Tischen und Bänken. Zum Vergnügen seiner Gäste hielt der Wirth viele Jahr lang einen Bären.«36 Diese Beschreibung des Feldschlösschens als beachtliches Ensemble­­aus mehreren Gebäuden und Gärten deckt sich mit einer Kartenansicht des Areals aus dem Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden von 1731,

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Abb. 2 Grund-Riß derer zwischen dem so genantem HahneBerge und dem Weiseritz Mühlgraben gelegenen Felderyen, von der Dreßdnischen Vorstadt bey dem Falcken-Schlage an, biß an das Dorff Plauen. 1731. SächsHStA Dresden, 12884 Karten und Risse, Schr. 007, F. 95, Nr. 5b, Makrofiche Nr. 5884.

welche besonders die symmetrisch barocke Ausgestaltung der Gartenanlage unterstreicht (Abb. 2). Der von Klemm benannte Wirt war jedoch nicht Matthäus Daniel Pöppelmann selbst, sondern ein Pächter – in der Nachlassakte des Hofbaumeisters als »Herr Jäckel« benannt37 –, durch den das Feldschlösschen zu einer lukrativen Einnahmequelle wurde. Mit dem Kauf des Vorwerkes im Jahr 1714 hatte Anna Christina Möller ursprünglich auch das Privileg zum Ausschank von Wein und Bier erworben, das bereits am 4. Januar 1689 von Kurfürst Johann Georg III. erlassen und am 18. April 1714 durch August den Starken um das Privileg zum »Backen, Gastieren und Ausspannen« erweitert worden war.38 Als dieses nach Anna Christinas Tod im Jahr 1729 auf Pöppelmann übertragen wurde, besaß der Hofbaumeister jedoch keineswegs ein seltenes Monopol. Die Lizenzen zum Brauen von Bier und die daran gebundenen Bestimmungen seitens der Stadt Dresden reichen zurück bis ins 13. Jahrhundert,39 und im Jahr 1699 wurden in der Residenzstadt bereits 596 verschiedene Biere gebraut und ausgeschenkt.40 Außergewöhnlich war dagegen, dass Pöppelmann vermutlich auch über das nur wenigen Brauereien vorbehaltene Recht verfügte, fremdes Bier auszuschenken. Dieses ans Feldschlösschen gebundene Privileg geht zumindest aus den Unterlagen zum Verkauf des Anwesens im Jahr 1751 hervor, welchen die Angehörigen von Carl Friedrich nach dessen Tod veranlassten.41 Obwohl vom Amt Dresden auf 8.987 Taler geschätzt, verkaufte man das Feldschlösschen schließlich für insgesamt 7.450 Taler an den Kauf- und Handelsmann Andreas Martin Hesse.42 Der letztlich deutlich niedrigere Verkaufspreis basierte wohl auf dem Zustand des Anwesens, das als heruntergekommen beschrieben wird.43 Eine mögliche Ursache hierfür könnte unter anderem die ständige Abwesenheit von Carl Friedrich Pöppelmann gewesen sein, der mit seiner Familie in Warschau lebte – womöglich auch Auslöser für die Streitereien unter den Geschwistern, als der

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns

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Vater das Anwesen dem zweitältesten Sohn vermacht hatte. Johann Adolph Pöppelmann, der sich nicht mit der als Ausgleich gedachten Summe von 666 Talern und 16 Groschen zufriedengeben wollte, war zu diesem Zeitpunkt bereits Besitzer einer ähnlichen Vergnügungsstätte, die sich in der Dresdner Friedrichstadt befand. Auch diese findet Einzug in Klemms Aufzählung der beliebtesten Dresdner Gasthäuser: »In Friedrichstadt war besonders der Pöpelmann’sche Garten stark besucht, Vornehm und Gering fand sich Sonn- und Wochentags hier ein, weil der Wirth es verstand, seine Gäste durch ausgezeichnete Bewirthung zu fesseln.«44 Der Garten, von dem die Rede ist, gehörte zu einem beachtlichen Baukomplex von einem mehrstöckigen, unterkellerten Hauptgebäude, mehreren Nebengebäuden sowie einem Schankhaus.45 Das Grundstück, das sich nahe dem katholischen Friedhof befand, hatte Johann Adolph als Geschenk vom König erhalten, doch war es sein Vater, der das Bauvorhaben finanziell unterstützt hatte.46 Angesichts solcher zu Lebzeiten getätigter Gefälligkeiten vererbte Matthäus Daniel Pöppelmann seinen Besitz nicht nur im Sinne einer finanziell ausgeglichenen Teilung, sondern insbesondere – so lässt es bereits der Wortlaut seines Testaments vermuten – in Hinblick auf persönliche und berufliche Interessen seiner Kinder und Enkelkinder.

2.2 Gemälde Trotz der schriftlichen Aufzeichnungen zur Verteilung des Pöppelmann’schen Besitzes lässt sich der genaue Verbleib der Gegenstände nicht vollständig rekonstruieren. So schien die Aufteilung der Objekte in einigen Fällen den Erben selbst überlassen, findet sich doch beispielsweise ein Vermerk in der Nachlassakte, dass sämtliche Kleider, Gewehre und Bücher unter den drei Söhnen aufgeteilt werden sollten.47 In anderen Fällen wiederum wurde der Besitz explizit einzelnen Kindern zugesprochen, wie im Falle des Reißzeugs und der architekturbezogenen Objekte, die Carl Friedrich Pöppelmann erhielt. Naheliegend wäre demnach auch, dass Gemälde und andere Kunstgegenstände aus dem Besitz des Vaters an den Hofmaler Johann Adolph Pöppelmann vererbt wurden, da dieser die Werke wohl am ehesten zu schätzen gewusst hätte. Allerdings lassen sich für diese Hypothese keine weiteren Anhaltspunkte finden: Im Nachlass des ältesten Sohnes gibt es keine eindeutigen Hinweise auf einstige Besitztümer des Vaters. Johann Adolph starb hoch verschuldet im Jahr 1773, und es ist davon auszugehen, dass er sein Erbe bereits zuvor veräußert hatte. Auch das Inventar seines Hauses in der Friedrichstadt wurde nach seinem Tod zur Auktion freigegeben, um offene Schulden zu begleichen.48 Unter seinen Hinterlassenschaften befanden sich unter anderem einige Hundert auf dem Dachboden gelagerte Kupferstiche des kurfürstlichen Zwingergartens,49 bei welchen es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Abzüge aus dem Zwingerstichwerk Matthäus Daniel Pöppelmanns handelte. Außerdem ließe ein »Buch mit abgedruckten ausländischen Kräutern«50 Rückschlüsse auf eine Ausgabe des von Pietro Andrea Mattioli

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verfassten Kräuterbuches zu, das zu den Büchern im Besitz des Vaters zählte (Nr. 16). 51 Dass sich keine Verbindungen zu Kunstwerken aus dessen Nachlass herstellen lassen, ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Gemälde in Pöppelmanns Besitz nur durch kurze Beschreibungen von Bildsujet und Rahmung in der Nachlassakte festgehalten sind. Weder Künstler noch Datierungen werden genannt. Die größtenteils in zwei zur Schloßgasse gelegenen Räumen untergebrachten Werke lassen sich als zur Dekoration bestimmter Kanon aus Stillleben, Porträt-, Landschaftsund Historienmalerei beschreiben, welcher in seinen einzelnen Elementen auffällig heterogen gewesen sein muss – Grafiken und Ölbilder mit und ohne Rahmung, auf Papier oder Leinwand. Auch Kupferstiche des Zwingers und des zugehörigen Zwingergartens waren in diesen Räumen untergebracht, doch mussten diese inmitten der zahlreichen Porträt-, Frucht- und Blumenstücke verloren wirken, auch wenn die vergoldeten Rahmungen zunächst eine besondere Wertschätzung seitens des Besitzers vermuten lassen.52 Auffällig ist, dass keines der Werke eine Taxierung von mehr als vier Talern aufweist, was die Vermutung bekräftigt, es habe sich eher um Gemälde für den privaten Gebrauch gehandelt. Außerdem lassen die notierten Kurzbeschreibungen der Werke in der Nachlassakte wie »Ein viereckicht Bild auf Leinwand gemahlt in gelben Rähmen eine alte Frau vorstellend, welche Ducaten wiegt«53 oder »Ein Frauenzimmer so auf einem Instrument spielet in einem vergoldten Rahmen«54 vor allem auf eine Verwandtschaft zur niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts schließen. So findet sich das Motiv einer Gold oder Schmuck wiegenden Frau unter anderem im Œuvre der Künstler Jan Vermeer, Pieter de Hoogh und Frans Hals. Ebenso ist die Goldwägerin Sujet eines gleichnamigen Werkes von Rembrandt (ca. 1643), das im Verzeichniß der Gemälde in der Churfürstl.[ichen] Galerie Dresden aus dem Jahr 1771 aufgeführt wird.55 Es kann zwar ausgeschlossen werden, dass sich ein Gemälde von Rembrandt, Jan Vermeer, Pieter de Hoogh oder Frans Hals in Pöppelmanns Besitz befand – zumal das Bild in seiner Nachlassakte auf lediglich einen Taler und 12 Groschen taxiert wurde –,56 es ist aber prinzipiell möglich, dass der Hofbaumeister eine gleichnamige Kopie oder ein ähnliches Werk eines unbekannten Künstlers besaß. Im Zuge des im 17. und teilweise noch im 18. Jahrhundert weit verbreiteten Stilphänomens des »Rembrandtismus« oder auch des sogenannten »Hollandismus«,57 der sich unter anderem in Werken des Künstlers Christopher Paudiß (1630–1666) widerspiegelte, welcher seinerzeit am kurfürstlichen Dresdner Hof tätig war,58 wäre dies zumindest denkbar. In einem Seitenzimmer neben der Schlafkammer befanden sich einige gerahmte Porträts der sächsisch-polnischen Herrscher, ebenso wie ein ungerahmter Kupferstich des römisch-deutschen Kaisers Karl VI. (1685–1740),59 dem Onkel der späteren Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen, Maria Josepha von Österreich. Ferner war in diesem Raum eine in goldenem Rahmen eingefasste Darstellung von Schloss Moritzburg zu finden. Es handelt sich folglich um Werke mit repräsentativem Charakter, die von berufsbezogenen und biografisch orientierten Inhalten geprägt sind. Während angenommen werden

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns

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kann, dass Pöppelmann die oben genannten Porträtdarstellungen über seine Stellung am Hofe erworben oder als Geschenke erhalten hatte, ist die Bezugsquelle im Falle der zahlreichen Stillleben und Genreszenen nicht eindeutig zu bestimmen. Die Werke niederländischer Meister zählten dank der großzügigen Ankäufe Augusts des Starken zu Beginn des 18. Jahrhunderts neben solchen der italienischen Hochrenaissance zum festen Bestandteil der Gemäldesammlung am Dresdner Hof.60 Dabei betraute der Kurfürst nicht selten seine höfischen Gesandten mit Kunstankäufen im Ausland.61 Auch Pöppelmann reiste im Jahr 1710 nach Wien und Rom, wo er im Rahmen einer Audienz bei Papst Clemens XI. Zeichnungen für den König in Empfang nahm.62 Was Gemälde betrifft, ist ein solcher Dienst im Falle Pöppelmanns zwar nicht überliefert, doch ist vorauszusetzen, dass er durch seine Reisen und die Anstellung am Hof mit den Bildkünsten vertraut war. Seine persönliche Sammlung wird deshalb über die Kontakte zum Hof durchaus Beeinflussung erfahren haben.

2.3

Möbel

Ebenso repräsentativ wie einige der Gemälde hat man sich auch das übrige Interieur der Wohnung vorzustellen. Im oben genannten Seitenzimmer befanden sich ein mit rot geblümtem Atlasgewebe bezogenes Kanapee mit goldenem Gestell sowie vier dazugehörige Stühle, zwei ebenso gestaltete Taburette und zwölf Polsterstühle mit grünem Halbatlasbezug,63 die Platz für eine Vielzahl an Personen boten und die Vermutung nahelegen, dass es sich bei dem Zimmer um eine Art Empfangsraum für Gäste handelte. Ähnlich fällt laut Nachlassakte auch die Ausstattung des eigentlichen Wohnzimmers aus, das seinerseits über ein Kanapee und diverse Stühle verfügte. Kleine Tische, teilweise mit Marmorplatte und vergoldeten Füßen, diese wiederum vereinzelt in Form von Engelsfiguren, sowie ein Schreibschrank aus Nussbaumholz und ein Gläserschrank, in dem mit Sinn- und Andachtssprüchen verzierte Trinkgefäße aufbewahrt wurden, vermitteln die Vorstellung eines gemütlichen Zimmers, das dem täglichen Leben diente.64 Auch ein Kaminzimmer, das unter anderem kleinere Gips- und Bronzearbeiten beherbergte, zählte zu den Räumlichkeiten der Pöppelmann’schen Wohnung. Dieser durchaus gehobene Lebensstil setzt sich im Schlafzimmer fort, dessen Mittelpunkt zweifellos das hölzerne Himmelbett für zwei Personen mit grünen und roten Stoffvorhängen gewesen sein muss. Auf 20 Taler taxiert war dieses genauso viel wert wie die Reisekutsche des Verstorbenen.65

2.4 Kleidung Nicht nur innerhalb der eigenen vier Wände gab sich Pöppelmann anspruchsvoll, auch außerhalb muss er eine elegante Erscheinung gewesen sein. Davon zeugen in erster Linie die zahlreichen Kleidungsstücke, die der Hofbaumeister besaß,66 darunter diverse gefütterte Westen im Wert von mehreren Talern, ein mit goldenem Point d’Espagne besetzter Hut

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oder auch ein Mantel mit goldenen Tressen und Pailletten. Farblich dominiert ein kräftiges Scharlachrot im Kleiderbestand Pöppelmanns, waren doch gleich mehrere Westen, Röcke und Kleider in diesem Farbton vorhanden. Damit fügte sich Pöppelmann insbesondere dem modischen Geschmack der Zeit, der sich wie im Bereich der Kunst und der Architektur in erster Linie an Frankreich orientierte. So konnte der Baumeister des Dresdner Zwingers auch gleich zwei der typisch französischen Allongeperücken sein Eigen nennen. Neben der Männerkleidung, die im Nachlassinventar aufgelistet wird, finden sich aber auch einige Einträge zu Frauenkleidern, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Hinterlassenschaft seiner zweiten Ehefrau Anna Christina Möller stammten. Ein weißer Mantel mit seidenen Blumen und goldener Spitze, ein samtrotes Korsett sowie ein mit bunten Blumen verzierter, blauer Rock, aber auch ein Leibchen aus sogenanntem Drap d’Argent zählten offenbar zu ihrem modischen Repertoire. Ob sich tatsächlich im Nachlass Pöppelmanns auch Gegenstände seiner verstorbenen Frau wiederfanden, ließe sich wiederum über deren eigene Nachlassakte67 nachprüfen, die ebenfalls im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden aufbewahrt wird, allerdings derzeit aus konservatorischen Gründen nicht zugänglich ist.

2.5 Preziosen und Porzellan Die wohl wertvollsten Gegenstände im Pöppelmann’schen Haushalt werden im vierten Kapitel des Inventars aufgelistet, welches sowohl Küchengeschirr als auch andere Einrichtungsobjekte umfasst. Beachtlich sind vor allem die oftmals detaillierten Beschreibungen und die Taxierungen der einzelnen Posten, darunter zum Beispiel eine auf neun Taler geschätzte »goldene Bleistyfftfeder in einem Chagrinfutteral«68 oder jene vom König erhaltene goldene Tabatiere, die auf etwa 95 Taler taxiert wurde.69 Daneben finden sich diverse Leuchter und Schalen, aber auch Dinge wie zwei auf 32 Taler bezifferte, ziervergoldete Salatschüsseln, eine Gießkanne mit Becken im Wert von über 30 Talern70 sowie ein Plat de ménage mit Aufsatz samt Schälchen, einem Senfkännchen mit Löffel und einer Zuckerbüchse, geschätzt auf einen stolzen Wert von über 153 Talern.71 Die tatsächliche Provenienz kann auch in diesem Falle nicht geklärt werden, weshalb sich die Frage aufdrängt, ob eventuell auch hier Gegenstände aufgeführt sind, welche ursprünglich auf die wohlhabende Herkunft von Anna Christina Möller zurückzuführen sind beziehungsweise aus ihrem Nachlass stammten. Zumindest findet sich in besagtem Kapitel des Inventars ein beachtenswerter Eintrag, der von ihrer fortwährenden Präsenz zeugt. So wird nicht nur Pöppelmanns eigener Ehering aufgeführt, sondern auch ein weiterer »goldener Trau-Ring, mit den Buchstaben M. D. P. den 28. Febr. 1713«, der sich »in einem kleinen Stroh-/Schächtelgen« 72 befand und zweifellos Anna Christina Möller gehörte. Neben den bereits genannten Preziosen besaß der Hofbaumeister auch eine umfangreiche Sammlung an Porzellangeschirr, das in einem eigenständigen Kapitel des Inventars

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aufgelistet wird und laut Beschreibung meist mit blauen, goldenen oder roten Blumen verziert war.73 Durch den umfänglichen Besitz an Porzellan scheint er sogar dem Dresdner Hof voraus, denn hier wurde bei offiziellen Anlässen noch bis 1737 das als prunkvoller und luxuriöser geltende Silber- und Goldservice bevorzugt.74 Wenngleich Pöppelmanns Porzellanbesitz in diesem Zusammenhang beachtenswert scheint, gab es seinerzeit hinsichtlich Umfang und Wert weitaus bedeutsamere Bestände. Zu denken ist hier beispielsweise an das 3.000 Einzelteile umfassende »Schwanenservice« von Heinrich Graf von Brühl, das im Todesjahr des Hofbaumeisters in Auftrag gegeben wurde. Die Besitztümer Pöppelmanns lassen in jedem Falle darauf schließen, dass er sich im Laufe seines Lebens einen gewissen Lebensstandard erarbeitet hatte und diesen bis zu seinem Tod pflegen konnte. Zusätzlich zum Porzellan und den wertvollen Preziosen zählten auch eine große, inwendig vergoldete Kaffeekanne im Wert von 31 Talern sowie eine auf etwa 99 Taler geschätzte Schokoladenkanne mit zugehörigen Bechern zur Ausstattung des Haushaltes.75 Sowohl Kaffee als auch Schokolade zählten zu den wichtigsten übersee­ ischen Importgütern, um deren Wirkung sich zahlreiche Spekulationen rankten.76 Besonders die medizinischen Effekte gründeten nicht selten auf den zahlreichen Reisebeschreibungen der Zeit. So behauptete bereits Adam Olearius, dessen Persianischer Rosenthal (Nr. 49) ebenfalls zu Pöppelmanns Bücherbesitz zählte, in einem Bericht über seine Reise ins Russische Reich und nach Persien (1633–1639), dass erhöhter Kaffeekonsum zu Unfruchtbarkeit führe.77 Die Schokolade, zunächst von Apothekern in Umlauf gebracht, die als Experten für überseeische Waren galten,78 begann ihren Triumphzug am sächsischen Hof zu Beginn des 18. Jahrhunderts.79 Hier wurde sie als dickflüssige Trinkschokolade meist im Zuge eines aufwändigen Zeremoniells im Liegen zu sich genommen, was die erhoffte aphrodisierende Wirkung unterstützen sollte. Hinsichtlich des Kaffees scheint dagegen weniger das Kredenzen als die Zubereitung im Vordergrund gestanden zu haben.80 Bei Bedarf veredelte man diesen mit Zucker, Honig, Zimt oder Kardamom – Gewürze und Zusätze, deren positive Wirkung unter anderem in Pietro Andrea Mattiolis Kräuterbuch (Nr. 16) aus Pöppelmanns Hausbibliothek thematisiert wird. Als Nebenwirkungen des Kaffees galten Übelkeit, Herzklopfen oder gar Angstzustände,81 während laut Mattioli die Mischung aus Kardamom und Honig, getrunken mit einem guten Wein, das ungewollte Aufstoßen und Erbrechen verhindern könne.82 Auf der Haut angewandt wirke ein solches Gemisch sogar gegen blaue Flecken.83 Dagegen solle Zimt das Herz stärken und eine wohltuende Wirkung für Magen, Leber und Hirn haben.84 In Pöppelmanns Beybüchel, einer Art Haushaltsbuch, das in der Nachlassakte Erwähnung findet, lässt sich jedenfalls nachlesen, dass Pöppelmann im Jahr 1734/35 neben mehreren Pfund Kaffeebohnen auch Honig, Zimt und Kardamom bei einem Kaufmann namens Johann Ludwig Seeber erstanden hatte.85 Die zugehörige Rechnung wird ebenso in den Aufzeichnungen zu seinem Nachlass wiedergegeben (Abb. 3). Demnach hatten auch

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Abb. 3 Rechnungsabschrift, in: Acta Commissionis Des verstorbenen Königl. Ober-Landbaumeister Herr Mattheus Daniel Pöppelmanns Nachlaßes Ob. und Designation auch Inven[tar] sambt was deme mehr anhäng[ig] betr. [1736], fol. 222v. SächsHStA Dresden, 10047 Amt Dresden, Nr. 3056.

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Nüsse, Mandeln, Ingwer, Zucker, Gewürzgurken, holländischer Käse und türkische Rosinen auf der Einkaufsliste des Hofbaumeisters gestanden, zudem Reis, Tee und Pfeffer. Ferner offenbart sich in dieser Rechnung der Konsum von Fischen und Mollusken, darunter Bricken, Sardellen und Muscheln. Dass er sich diesbezüglich in guter Gesellschaft befand, bestätigen auch die jüngsten archäologischen Ausgrabungen im Quartier VIII am Dresdner Neumarkt, die neben kostbaren Gläsern und Porzellanen auch Austernschalen als Zeugnisse festlicher Mahlzeiten der meist adeligen Bewohner rund um das Dresdner Schloss zu Tage förderten.86

2.6 Bücher Im Gegensatz zu Aussagen bezüglich des Porzellans, der Kleidung oder anderen Gegenständen in Pöppelmanns Nachlass stellen seine Bücher einen festen, genauer definierten Parameter dar. Zwar wurden auch diese nur lückenhaft im Nachlass festgehalten, doch ist es in den meisten Fällen möglich, sowohl Autor, Titel als auch Erscheinungsjahr der Werke zu rekonstruieren.87 Insgesamt 85 Titel88 werden im Nachlass des Architekten aufgeführt, die in ihrer Summe einen Wert von 107 Talern und 19 Groschen ergeben.89 Auch wenn diese Taxierung im Vergleich zur Kleidung oder einigen Preziosen gering erscheint – allein die weiter oben erwähnte Schokoladenkanne samt Bechern und Aufsatz hatte einen annähernd hohen Wert –, stellen die Bücher einen geeigneten Ansatzpunkt für die Analyse der Produktions- und Wissenshorizonte des Baumeisters dar. Trotz der etwa eintausend Neuerscheinungen pro Jahr, die im ausgehenden 17. Jahrhundert auf den Buchmessen im deutschsprachigen Raum vertrieben wurden,90 war es auch 250 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks nicht üblich, dass Mitglieder einer sich allmählich herausbildenden bürgerlichen Mittelschicht umfangreiche Bibliotheken besaßen. Meist legten die Größe der Wohnung und das monatliche Salär das Ausmaß des individuellen Buchbesitzes fest. Notorische Bibliophile wie Johann von Besser (1654–1729), der bis zu seinem Tod als Zeremonienmeister im Dienste des Dresdner Hofes stand und sich mit seiner Manie, wertvolle Bücher zu sammeln, an den Rand des Ruins brachte, waren selbst im Adelsstand eine Ausnahme.91 Voraussetzung für die Anschaffung von Büchern war das Leseverständnis der Käufer – Anfang des 18. Jahrhunderts war dies noch keine Selbstverständlichkeit, nicht einmal für Beamte des Hofes. Zum Zweck der Verbreitung von Büchern über die Verlagsorte hinaus wurden Verkaufsmessen abgehalten, auf welchen Neuerscheinungen vorgestellt und zumeist im gehefteten Rohzustand im Tauschhandel an »Verlegersortimenter«92 – also Buchhändler und Verleger in Personalunion – aus anderen Zentren des Buchdrucks abgegeben wurden. Diese transportierten die Bücher, als Ballen in Holzfässer verpackt,93 in ihre Heimatorte und boten sie dann dem kleinen Kreis potenzieller Käufer feil. Einen festen Einband mit einer Oberfläche aus Marmorpapier, Pergament oder Leder stellten auf Wunsch

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die ortsansässigen Buchbinder her. Besser situierte Büchersammler leisteten sich zusätzlich Agenten, die sie mit konkreten Anschaffungsaufträgen auf die Messen schickten. Erbauungsbücher und religiöse Traktate sowie Kalender mit eher unterhaltsamen Inhalten konnte man auch bei »fliegenden Händlern« erstehen.94 Es ist nicht bekannt, woher Matthäus Daniel Pöppelmann seine Bücher bezog – ob aus dem Sortiment eines Dresdner Buchhändlers, über seine Dienststelle oder aus ganz anderen Quellen. Als gesichert gilt immerhin, dass die sächsische Residenz zu Beginn des 18. Jahrhunderts – trotz ihrer Entfernung zu bedeutenden Verlagsorten wie Nürnberg, Frankfurt am Main oder gar Amsterdam, aber vielleicht dank ihrer Nähe zur Messestadt Leipzig – eine Blütezeit des Buchhandels erlebte. So gab es zu Pöppelmanns Lebzeiten eine Vielzahl von Buchhändlern in Dresden, die teilweise auch als Verleger und Kupferstecher fungierten oder eigene Druckereien betrieben.95 Als Grundlage für den Vergleich des Pöppelmann’schen Büchernachlasses mit anderen Privatbibliotheken aus dem Umfeld des Dresdner Hofes wurden die Nachlassakten des Architekten Zacharias Longuelune (1669–1748), des Hofgoldarbeiters Georg Christoph Dinglinger (1668–ca. 1746) sowie des Universalgelehrten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651–1708) herangezogen, die unmittelbar nach dem Tod des jeweiligen Buchbesitzers angefertigt wurden. Die detaillierte Auflistung einzelner Buchtitel diente der Ermittlung des Wertes einer Bibliothek, die schließlich vererbt oder veräußert wurde. Die Sorgfalt, mit der die Inventare angelegt wurden, war allerdings sehr von dem mit der Taxierung beauftragten Notar abhängig. Die wichtigsten Themenbereiche, zu denen sich in den Beständen der Vergleichsbibliotheken jeweils thematisch ähnliche Schriften finden, lassen sich wie folgt benennen: Zum einen bilden historiografische sowie Werke über Geografie, Staatswesen und Ökonomie einen dem allgemeinen Wissenskanon der Zeit entsprechenden Grundstock. Zum anderen lassen sich in den Bibliotheken von Pöppelmann, Longuelune, Dinglinger und Tschirnhaus Standardwerke zu Architektur, Kunst und Kunsthandwerk finden. Diese Bereiche werden spezifisch erweitert durch Titel zu Mathematik, Festungsbau und Militärwesen. Wörterbücher und Grammatiken dienten der Lektüre fremdsprachiger Bücher – auch der Bibel – und dem Spracherwerb, so beispielsweise Des Pepliers’ Lehrbuch der französischen Sprache in Pöppelmanns Besitz (Nr. 68). Des Weiteren führen fast alle der genannten Bibliotheken einige Werke antiker Autoren, zumeist Einschlägiges von Caesar, Cicero, Seneca und Ovid. Mit unterschiedlicher Gewichtung enthalten die Sammlungen Bücher, die der Schönen Literatur zuzurechnen sind. Dazu zählen Dramen, Fabeln und Lyriksammlungen. Vereinzelt werden auch die Bereiche Pädagogik, Botanik und Medizin abgedeckt. Nicht zuletzt gehören Erbauungsbücher und theologisch-philosophische Abhandlungen – teilweise mit kritischen Inhalten oder auch expliziten Polemiken gegen Papst- und J­ udentum – zu den essenziellen Bestandteilen der einzelnen Bibliotheken. Die thematische Gewichtung steht jeweils in Zusammenhang mit beruflichen Erfordernissen, kann aber auch Aufschluss über persönliche Interessen des Besitzers geben.

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Die Schwerpunkte sowie die Größe der Büchersammlungen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der jeweiligen sozialen Herkunft des Besitzers: So waren im Adel die Einrichtung und die Pflege einer Privatbibliothek schon weitaus länger verbreitet als im sich während des 18. Jahrhunderts erst konstituierenden städtischen Bürgertum. Auf herrschaftlichen Gütern, die über viele Generationen im Besitz einer Familie blieben, ermöglichte es schon die lokale Persistenz, große Sammlungen anzulegen, zu pflegen und stetig zu erweitern. Die Bibliothek Ehrenfried Walther von Tschirnhaus’ ist ein besonders umfangreiches und gut sortiertes Beispiel einer solchen Büchersammlung, die ein breit gefächertes Themenspektrum bedient. Tschirnhaus hatte im niederländischen Leiden studiert und zu Studienzwecken mehrmals Reisen ins europäische Ausland unternommen. Einige namhafte europäische Wissenschaftler hatte er persönlich kennengelernt, darunter Baruch de Spinoza (1632–1677), Christiaan Huygens (1629–1695) und Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). In seiner Bibliothek finden sich neben zeitgenössischen Ausgaben naturwissenschaftlicher Grundlagenwerke sowie theologischer und schöner Literatur in den Originalsprachen auch zahlreiche Grammatiken und Wörterbücher. Man muss davon ausgehen, dass Tschirnhaus über weit reichende Sprachkenntnisse verfügte und nicht auf Übersetzungen der Originalausgaben angewiesen war. Durch die interdisziplinäre Themenvielfalt der enthaltenen Werke – in deren Auflistung sich durchaus auch Unterhaltungsliteratur befand, so etwa »galante« Romane, die dem genussbetonten Zeitgeschmack entsprachen – kann diese Sammlung als exemplarisch für die Privatbibliothek eines Polyhistors in der Tradition des 17. Jahrhunderts gelten. Wie Mathias Ullmann in seinem Beitrag ausführlich erläutert, ist sie nach Tschirnhaus’ Tod durch Plünderungen, bürokratisches Versagen, jahrelange falsche Einlagerung in einem feuchten Görlitzer Keller und schließlich durch die Versteigerung der verbleibenden Reste zerstreut respektive zerstört worden.96 Matthäus Daniel Pöppelmann, über dessen schulischen und beruflichen Bildungsweg bis zu seiner Ankunft in Dresden 1680 keine Anhaltspunkte überliefert sind, ging bei der Anschaffung seiner Bücher vorwiegend pragmatisch vor. So machen Werke über Architektur – also Traktate zu den antiken Säulenordnungen, Grundlagenwerke über Perspektive und Festungsbau oder Kupferstichbände mit Abbildungen wichtiger Bauwerke berühmter Kollegen – etwa ein Drittel des aus der Nachlassakte überlieferten Bestandes aus.97 Das Inventar von Pöppelmanns Bibliothek lässt insofern kaum Rückschlüsse auf persönliche Vorlieben oder Interessen zu, wenn man von einem ansehnlichen Bestand an religiöser Literatur absieht. Vom Umfang her ist Pöppelmanns Büchersammlung eher bescheiden. Sein aus Paris stammender Amtskollege Zacharias Longuelune besaß immerhin etwa dreißig Titel mehr, darunter Schöngeistiges wie Lyrikbände, Opernlibretti und Komödien, vorzugsweise in französischer Sprache. Abgesehen von der thematischen Antikenrezeption der Renaissancearchitekten findet sich in Pöppelmanns Bibliothek kein Titel aus dem Altertum, während sich Longuelune wenigstens die Metamorphosen des Ovid, das Satyricon des Titus Petro-

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Abb. 4 Martin Kletzel: Ein Garten auff des Camill Land=Gut, Tafel 7 in: Pietragrua, Carlo Luigi: Camillus Der Groß-Müthige DRAMA Vorzustellen auf dem Teatro Des Durchleuchtigsten Chur-Fürstens zu Sachßen. Dresden 1693. SLUB Dresden, Signatur: MT.4.111.

nius sowie Werke des Cornelius Tacitus – jeweils in französischer Übersetzung – angeschafft hatte. Aus den Inventaren der wesentlich üppiger ausgestatteten Sammlungen von Dinglinger und Tschirnhaus lässt sich hingegen eine Vielzahl antiker Schriften ermitteln – von Geschichtswerken und Staatslehren über philosophische Texte bis hin zu Dramen und Fabeln. Pöppelmann scheint seine Bibliothek also eher nach Erwägungen der beruflichen Nutzbarkeit ausgestattet zu haben: Für den Großteil der Bücher, die nach seinem Tod in seiner Wohnung aufgefunden wurden, kann ein inhaltlicher Zusammenhang mit seinem Amt bei Hofe hergestellt werden. Das gilt sogar für das einzige dramatische Werk in seinem Besitz: Das Singspiel Camillus der Groß-Müthige bzw. Camillo Generoso schuf der italienische Komponist Carlo Luigi Pietragrua (1665– nach 1722; Nr. 48) als Auftragswerk anlässlich des Karnevals 1693 für eine Aufführung im Dresdner Hoftheater. Die in diesem Band abgebildeten Bühnendarstellungen vermitteln einen deutlichen Fokus auf die architektonische Gestaltung der Kulissen, die an Theaterarchitekturen nach dem Vorbild Sebastiano Serlios erinnern. Da Pöppelmann 1693 bereits langjähriger Mitarbeiter des Bauamtes war, ist es durchaus möglich, dass er am Entwurf oder auch an der Ausführung des Bühnenbildes beteiligt war. Dafür spricht auch die formale Analogie zwischen einigen abgedruckten Büh-

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Abb. 5 Anonymer Kupferstecher nach einem Entwurf von Matthäus Daniel Pöppelmann: Vue du bain derriere le Salon a main droite, in: Pöppelmann, Matthäus Daniel: Vorstellung und Beschreibung Des […] so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden. Dresden 1729. SLUB Dresden/Kartensammlung, Inv.-Nr.: B1985.

nenbildern (Abb. 4) und Abbildungen aus Pöppelmanns 1729 publiziertem Kupferstichwerk zum Dresdner Zwinger (Abb. 5).98 An dieser Stelle sei auf ein Phänomen verwiesen, das alle vier hier angesprochenen Bibliotheken kennzeichnet: In den Inventaren lassen sich Werke finden, deren Autoren den Bibliotheksbesitzern persönlich bekannt sein mussten. So besitzt Pöppelmann neben dem eben genannten Singspiel Werke des Dresdner Mathematikers und Kunstkämmerers Tobias Beutel (1627– um 1690; Nr. 61), der Chronisten David Fassmann (1685–1744; Nr. 72) und Johann Christoph Rüdiger (Nr. 59) sowie der Hofprediger Bernhard Walther Marperger (1682–1746; Nr. 3) und Carl Gottfried Engelschall (1675–1738; Nr. 2, Nr. 67). Erbauungsschriften aus Engelschalls Feder besaß auch Georg Christoph Dinglinger, außerdem eine historiografische Zeitschriftenreihe von Fassmann. Zacharias Longuelune, über dessen Biografie sehr wenig überliefert ist, muss kraft seines Amtes den Nachfolger Johann Christoph Knöffels (1686–1752) im Oberbauamt, Julius Heinrich Schwarze (um 1706–1775), gekannt haben, von dem er ein Musterbuch mit antiken Ornamenten in sei-

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nem Besitz hatte. Bei Tschirnhaus sind neben den Schriften seiner bereits genannten internationalen Bekanntschaften sowie der Pietisten August Hermann Francke (1663–1727) und Philipp Jacob Spener (1635–1705) zehn Werke des Zittauer Schriftstellers und Pädagogen Christian Weise (1642–1708) aufgeführt. Es ist zu vermuten, dass es über diese Werke einen direkten Austausch zwischen Autoren und Buchbesitzern gab – nachzuweisen ist dies heute jedoch nur in Tschirnhaus’ Fall, da zumindest einige Beispiele schriftlicher Korrespondenz mit anderen Wissenschaftlern erhalten sind.99 Merkwürdigerweise fehlen in Pöppelmanns Bibliothek Schriften renommierter Mathematiker, wie sie nicht nur bei Longuelune und Dinglinger, sondern vor allem auf Tschirnhaus’ Kießlingswalder Landgut zu finden sind. Dazu gehören beispielsweise die Werke von Adam Ries (um 1493–1559; Tschirnhaus), Simon Stevin (um 1549–1620; Tschirnhaus), Adriaan Vlacq (1600–1667; Tschirnhaus), Athanasius Kircher (1602–1690; Dinglinger, Tschirnhaus) oder Jacques Ozanam (1640–1718; Longuelune, Tschirnhaus). Dies erstaunt vor allem deshalb, weil der nachmalige Hofbaumeister bis 1705 hauptsächlich für Ingenieurtätigkeiten, also insbesondere für Vermessungsarbeiten sowie für Straßen- und Brückenbauten in ganz Kursachsen zuständig war. Pöppelmann stützte sich zumindest privatim – sicherlich vor allem, als es um die spektakulären Entwürfe des Zwingergartens ging – lieber auf das Theatrum machinarum novum von Georg Andreas Böckler (um 1617–1687; Nr. 28), in dem technische Erkenntnisse und Erfindungen mit Kuriosem kombiniert wurden.100 Entsprechend war dessen Zielgruppe keine intellektuelle Fachelite, sondern ein breiteres, technisch interessiertes Publikum (Abb. 6). Auch das Cimelium Geographicum Tripartitum (im deutschen Untertitel Dreyfaches Geographisches Kleinod) von Tobias Beutel (Nr. 61) enthält zwar Tabellen mit Maßangaben des kursächsischen Herrschaftsgebietes und Anleitungen zur Kartografie, ist aber insgesamt durchzogen von moralischen Empfehlungen sowie Beschreibungen ferner Länder und Kostbarkeiten (Abb. 7). Zur Bewältigung seiner vielseitigen praktischen Aufgaben als Landbaumeister musste Pöppelmann also auf Bücher zurückgreifen, die ihm als Hofbeamten etwa in der kurfürstlichen Bibliothek zur Verfügung standen. Einen quantitativen Schwerpunkt in Pöppelmanns Büchersammlung bilden historiografische Werke. Diese lassen sich in Städtechroniken, Biografien, länderspezifische Schilderungen wichtiger geschichtlicher Ereignisse, Kompendien mit eher geografischem Schwerpunkt sowie universalgeschichtliche Schriften unterteilen. Historiografische Werke der frühen Neuzeit setzten sich bis ins 18. Jahrhundert hinein üblicherweise aus Elementen verschiedenster Fachgebiete zusammen. Der Anspruch ihrer Autoren konzentrierte sich keineswegs auf die Wiedergabe geschichtlicher Ereignisse als Serie objektiver Fakten; vielmehr ging es den Historikern vor einer aufgeklärten Sichtung der Geschichte darum, diese aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten und – zumeist nach christlichen Maßstäben – zu bewerten. Als eine zentrale Funktion geschichtlicher Ereignisse wurde ihre Tauglichkeit als moralisches Exempel angesehen.101 Die von Philipp Melanchthon

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Abb. 6 Tafel 109 in: Böckler, Georg Andreas: Theatrum Machinarum Novum, exhibens aquarias, alatas, iumentarias, manuarias; pedibus, ac ponderibus versatiles, plures, et diversas molas. […] Cum Utilibus, & rarioribus Hydrotechnematis […]. Nürnberg 1662. SLUB Dresden, Signatur: Mechan.36.

(1497–1560) und Caspar Peucer (1525–1602) stark überarbeitete Fassung einer Universalgeschichte des Astrologen und Mathematikers Johannes Carion (1499–1537), die 1573 unter dem Titel Chronicon Carionis (Nr. 13) erstmals als Gesamtausgabe in Wittenberg herausgegeben wurde, greift die lutherische Idee vom gleichzeitigen Bestehen zweier »Regimente« auf – also eines göttlichen und eines weltlichen. So werden darin politische und kirchengeschichtlich bedeutsame Ereignisse getrennt wiedergegeben. Allerdings interpretieren die Autoren beide Positionen letztlich als gleichermaßen entscheidende Faktoren für die Geschichte.102 Mit dem Chronicon Carionis hatte Pöppelmann eine Art Grundlagenwerk103 in seinem Besitz, auf das sich dank seiner systematischen Struktur viele spätere Historiografen stützen konnten. Gleichwohl etablierte sich im deutschen Raum erst im 19. Jahrhundert eine Geschichtsschreibung, die ohne biblische Zeitrechnung und ohne die Aussicht auf ein prophezeites Weltende auskam.104

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Abb. 7 Frontispiz und Titelblatt, in: Beutel, Tobias: Cimelium Geographicum Tripartitum, Oder Dreyfaches Geographisches Kleinod […]. Dresden 1680. SLUB Dresden, Signatur: Hist.Sax.A.132.

Ein hiervon abweichendes Konzept der Wissensvermittlung verfolgten einige der vor allem seit Beginn des 17. Jahrhunderts erscheinenden gelehrten Zeitschriften wie etwa die Reihe Theatrum Europæum (Nr. 6), die zwischen 1634 und 1734 in Frankfurt am Main herausgegeben wurde.105 Die neun Bände des Theatrum Europæum in Pöppelmanns Nachlassinventar werden auf 24 Taler taxiert. Damit ist das Theatrum der wertvollste in der Akte verzeichnete Buchtitel – und dies nicht ohne Grund, präsentierte sich jeder Einzelband doch als großzügig mit hochwertigen Illustrationen aus der Merian-Werkstatt ausgestatteter Foliant mit über eintausend Seiten. Anders als in den Chroniken, deren Argumentation sich auf der biblischen Geschichte des Alten Testaments gründet, werden im Theatrum Europæum astrologische Phänomene, zeitgenössische Landkarten, Stadtansichten, politische Dokumente und militärische Formationen vermischt mit Berichten von skandalträchtigen Ereignissen, spektakulären »Wunder- und Mißgeburten«106 und technischen Erfindungen wiedergegeben. Die detailreichen, großformatigen Kupferstiche dienen dabei der Untermauerung des suggerierten Wirklichkeitsanspruchs: Die intermediale Aufbereitung zielt auf sinnliche Nachvollziehbarkeit historischer Zusammenhänge durch den Leser. Besonders augenfällig ist die kenntnisreiche Einbindung architektonischer Raumeindrücke in die Darstellung von Einzelereignissen durch die an diesem Jahrhundertprojekt beteiligten Kupferstecher. Die realistisch anmutenden urbanen Hintergründe und Landschaften erhalten dadurch die Funktion von Theaterbühnen, auf denen sich historisch

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Abb. 8 Merian-Werkstatt (Wenzel Hollar): Publication des Friedens Zwischen Ihro K.M. von Hispanien, und der ver=Einigten Niederlanden, geschehen zu Antorff, den 5 Junii A.o 1648 […], in: Schleder, Johann Georg: Theatri Europæi Sechster und letzter Theil […], Jg. 6.1647/51. Frankfurt am Main 1663, zu S. 474/475.

SLUB Dresden, Signatur: 19 8 12918 0 0006 1 01.

bedeutsame Ereignisse, also etwa herrschaftliche Inszenierungen und publikumswirksame Schauprozesse, aber auch Naturkatastrophen abspielen (Abb. 8).107 Dass derartige Periodika im frühen 18. Jahrhundert sehr beliebt waren, belegen auch die Bibliotheksinventare von Dinglinger und Tschirnhaus. Ersterer beschränkte sich auf das Abonnement der Zeitschrift Gespräche aus dem Reiche der Todten von David Fassmann. Die Dialogform zur Vermittlung historisch-politisch relevanter Inhalte adaptierte ein aus der Antike überliefertes Modell, das seit der Renaissance die abendländischen Wissensdiskurse und Literaturen strukturell rahmt.108 Tschirnhaus bezog neben den explizit an Gelehrte gerichteten Zeitschriftenreihen Acta Eruditorum (Leipzig) und Journal des Sçavans (Paris) auch die eher populärwissenschaftlichen Periodika Mercure historique et politique und Curieuse Bibliothec sowie den Mercure galant, der sich vorwiegend der Unterhaltung des Lesers widmete. Ähnlich vielseitig wie das Theatrum Europæum waren die Kompilationen von Buntschriftstellern gestaltet.109 Auch sie vereinten interdisziplinär ein Sammelsurium interessanter Themenbereiche, bevor sich ab Mitte des 18. Jahrhundert systematischer aufgebaute Enzyklopädien durchzusetzen begannen. Dabei spielten Ausblicke in exotische Welten außerhalb Europas eine entscheidende Rolle. Reich bebilderte Werke wie der Ost- und

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West-Sinesische Lust- und Staats-Garten von Erasmus Francisci (1627–1694; Nr. 15) dienten offenkundig nicht nur der Wissensvermittlung, sondern vor allem der Unterhaltung der Leser. Francisci, der außer einer Bildungsreise durch Europa keine größeren Reisen unternahm, stützte sich auf Berichte Handelsreisender oder diplomatischer Gesandtschaften nach Übersee und Asien (Abb. 9). Neben dem Vielschreiber Francisci gehörte auch Eberhard Werner Happel (1647–1690) zu den beliebtesten Kompilatoren seiner Zeit. Von ihm besaß Pöppelmann ein mehrbändiges historiografisches Werk (Nr. 79). Auch Johann Michael von Loen (1694–1776) orientierte sich in der Bandbreite seines Themenspektrums an den Buntschriftstellern, wie sich in den Kapitelüberschriften110 seiner Sittenlehre Sylvanders von Edel-Leben Zufällige Betrachtungen Von Der GlückseeAbb. 9 Tafel XVI in: Francisci, Erasmus: Ost=West=Inligkeit der Tugend […] (Nr. 74) zeigt, discher wie auch Sinesischer Lust=und Stats=Garten […]. die auch eine lobende Beschreibung Nürnberg 1668. des Dresdner Zwingers enthält (im SLUB Dresden, Signatur: Hist.Asiae.12. ersten Kapitel Discours Sur L’Architecture, Composé au Sujet De l’Orangerie Royale qui est à Dresde).111 Laut Flemming Schock hatten die meist auch physisch sehr umfangreichen Kompilationen in erster Linie die Funktion einer »Einhandbibliothek«, die dem Besitzer die Anschaffung mehrbändiger Enzyklopädien ersparte.112 Ihre Popularität verdanken all diese Bücher nicht zuletzt ihren Illustrationen, die sich als zusätzliches Medium zur Wissensvermittlung entwickelten und durch ihre hohe künstlerische Qualität plakative Aussagekraft erhielten. Aus derartigen Quellen schöpfte auch der Schriftsteller Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen (um 1622–1676) für seinen Roman Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch (Nr. 83). Der lapidare Eintrag »Der Simplicissimus, defect« in Pöppelmanns Nachlassinventar will nicht recht zum abenteuerlichen Inhalt des Buches passen.113 Für Pöppel-

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mann kann diese virtuose Schilderung der Lebensumstände während des Dreißigjährigen Krieges von besonderem Interesse gewesen sein: Seine Heimatstadt Herford wurde in dieser Zeit durch einen Stadtbrand stark zerstört und verlor wenige Jahre nach Kriegsende ihre wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung sowie ihre Unabhängigkeit durch den Zuschlag an das Kurfürstentum Brandenburg-Preußen. Auch im Theatrum Europæum steht die möglichst detaillierte Aufarbeitung der Vorgänge während des Dreißigjährigen Krieges thematisch im Mittelpunkt. Beide Texte sind beispielhaft für den frühneuzeitlichen Versuch, aus den Ereignissen vergangener Kriege Erklärungsmuster und Handlungsstrategien für die Zukunft zu entwickeln. Den wohl ›persönlichsten‹ Teil der Pöppelmann’schen Bibliothek repräsentieren die Bücher mit geistlichem Inhalt, darunter eine Ausgabe der Lutherbibel mit einer Vorrede des Zittauer Rektors Gottfried Hoffmann (1658–1712; Nr. 80), mehrere Erbauungsbücher sowie Predigtsammlungen und Abhandlungen zur christlichen Lebensführung. Pöppelmanns Heimatstadt Herford hatte sich bereits 1530 als eine der ersten norddeutschen Städte zur lutherischen Lehre bekannt. Die beiden Stadtkirchen waren umgewidmet und die Innenräume nach lutherischem Gusto umgestaltet worden. Der Ururgroßvater des Dresdner Hofarchitekten, ein ehemaliger Bürgermeister der Stadt, hatte 1602 eine neue Kanzel für die Herforder Johannis-Kirche gestiftet.114 Dies deutet auf eine frühe lutherische Familientradition hin, die Matthäus Daniel Pöppelmann in seiner Kindheit prägte und sich noch in seiner Büchersammlung widerspiegelt. Es ist insofern durchaus vorstellbar, dass die konfessionellen Bedingungen in Kursachsen für Pöppelmann eine Rolle bei der Wahl seiner neuen Heimat spielten – auch wenn es womöglich rein wirtschaftliche Gründe waren, die ihn als jungen Mann dazu bewegten, Herford zu verlassen. Im nach Kapiteln geordneten Inventarium ist im Kapitel VI unter der Überschrift »An Documenten und Briefschafften«115 ebenso wie in der Nachlassakte selbst als Nr. 106 »Ein groß Pacquet Heubelsche/Schrifften«116 eingetragen – es findet sich jedoch in beiden Fällen kein erläuternder Kommentar dazu. So kann nicht zweifelsfrei geklärt werden, ob es sich hier lediglich um Aufzeichnungen des Schwiegersohnes Johann Ernst Heubel handelt, oder ob sich hinter der ungenauen Angabe Manuskripte aus der Feder des Juristen und Pädagogen Johann Heinrich Heubel (1694–1758) verbergen. Letzterer wirkte zeitweise als Hofmeister, Hofrat und Historiograf im Dienste der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf. Als Schriftsteller tat sich Heubel kaum hervor; abgesehen von der Übersetzung einer Biografie des schwedischen Königs Karl XII. ist wenig über seine Schriften bekannt. An einem Werk äußerst brisanten Inhalts arbeitete Heubel jedoch mehrere Jahre lang – ohne es jemals zu publizieren: Nach einem kurzen Intermezzo als Juraprofessor in Kiel versuchte er, eine Bibliografie öffentlich verbrannter Bücher zusammenzustellen.117 Die darin enthaltenen Titel setzten sich wohl zum Großteil aus mit einem kirchlichen Verbot belegten Büchern sowie anderen clandestinen Schriften mit – nach katholischer Auffassung – ketzerischem Inhalt zusammen. Heubels Biblioteca Vulcani wurde zwar nie

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veröffentlicht, ähnliche Auflistungen erfreuten sich jedoch einer zumindest verhaltenen Beliebtheit, enthielten die indizierten Werke doch neben kirchenkritischen Äußerungen auch vielerlei Betrachtungen zu naturwissenschaftlichen Phänomenen, die von der Kirche tabuisiert wurden. Obwohl es also mehr als fraglich bleibt, ob es sich bei dem knappen Eintrag in der Nachlassakte tatsächlich um Heubels Traktat zu den verbrannten Büchern handelt, ist es doch möglich, dass sich auch Pöppelmann mit diesem Thema befasste, da die Bücherzensur der katholischen Kirche zu Beginn des 18. Jahrhunderts europaweit wachsenden Unmut hervorrief.118 Allerdings hatte keineswegs nur der Vatikan Bücherverbote zu verantworten: Die Zensur von öffentlich geäußerten Meinungen war im politischen Leben und in akademischen Kreisen vor der Aufklärung in protestantischen Territorien ebenso weit verbreitet. So war beispielsweise die wissenschaftliche Vermittlung der Thesen aus De jure naturæ et gentium des Juristen Samuel Pufendorf (1632–1692), von dem Pöppelmann ein historiografisches Werk besaß (Nr. 65), auf Initiative der Leipziger Universität vorübergehend verboten worden.119 Ein Werk in Pöppelmanns Besitz, das Reformen in der lutherischen Liturgie postulierte,120 ist das Buch vom Wahren Christentum des anhaltischen Geistlichen Johann Arndt (1555–1621; Nr. 81). Postum wurde das zunächst vierbändige Werk durch zwei weitere Bände mit kurzen Abhandlungen und Briefen Arndts ergänzt (Abb. 10). Der Autor integrierte auch Texte von vorreformatorischen Mystikern in sein Werk, die er in lutherischem Sinne auslegte – was ihm unter seinen Kritikern den Ruf eines Ketzers und Schwärmers einbrachte.121 Er wandte sich gegen ein rein akademisches Theologieverständnis und setzte sich für eine individuell gelebte Frömmigkeit ein.122 Aus dem ansatzweise kirchenkritischen Inhalt des Buches allein ergeben sich allerdings noch keinerlei Hinweise auf die persönlichen Ansichten Pöppelmanns – zumal das Werk zu den meistgelesenen Erbauungsschriften des deutschen Protestantismus zählt.123 Vielmehr deutet die Anzahl der Erbauungsbücher und der christlichen Tugendspiegel in seiner Bibliothek darauf hin, dass er nach dem Vorbild seiner westfälischen Vorfahren danach strebte, als ›wahrer Christ‹ und guter Lutheraner zu leben. In seiner Bibliothek finden sich auch weitere Anleitungen für eine solche Lebensweise, so zum Beispiel eine Predigtsammlung des Theologen August Hermann Francke, der seinerseits ein Fürsprecher für ein dem irdischen Leben zugewandtes Christentum war. Dies sollte sich nach Franckes Verständnis vor allem in karitativem Handeln äußern, und er selbst ging mit den später nach ihm benannten Stiftungen in Glaucha bei Halle im Sinne der Armenpflege als gutes Vorbild voran.124 Im Vergleich mit dem Kießlingswalder Buchbesitz von Tschirnhaus wird deutlich, dass eine Öffnung theologisch interessierter Leser lutherischer Konfession hin zu mystischer und spiritualistischer Literatur sowie die Beschäftigung mit kontroversen theologischen Meinungen zumindest unter international vernetzten Intellektuellen nicht unüblich war: Tschirnhaus’ Inventar weist eine Reihe von Werken auf, deren Lehren keineswegs mit der im frühen 18. Jahrhundert längst etablierten lutherischen Doktrin konform gingen. Darun-

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Abb. 10 Zwei Kupferstiche vor dem Titelblatt, in: Arndt, Johann: Vier geistreiche Bücher vom wahren Christenthum welchem noch beygefüget […] von des sel. Johann Arndts übrigen […] Schriften unter dem Namen Fünftes u. Sechstes Buch vom wahren Christenthum […]. Salzwedel 1728. SLUB Dresden, Signatur: Theol.ev.asc.1272.d.

ter befinden sich neben Titeln des spätmittelalterlichen Spiritualisten Johannes Tauler (um 1300–1361) sowie des Görlitzer Theosophen Jakob Böhme (1575–1624) auch die Schriften Philipp Jacob Speners, der bis 1691 als Oberhofprediger in Dresden wirkte und ähnlich wie Johann Arndt eine dem Leben zugewandte Kirchenreform anstrebte. Dabei muss jedoch betont werden, dass auch Tschirnhaus orthodox-grundlegende Werke zur lutherischen Lehre wie etwa mehrere zeitgenössische Bibelübersetzungen in verschiedenen Sprachen oder Leonhard Hutters Compendium locorum theologicorum ex scripturis sacris et libro concordiæ sowie Schriften von Luther selbst besaß. Auch für den Goldarbeiter Dinglinger spielten religiöse Werke eine große Rolle, wenn er sich anscheinend auch weniger mit aktuellen Reformbestrebungen und sonstigen Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche beschäftigte. Seine oberschwäbische Geburtsstadt Biberach hatte sich 1531 der Reformation angeschlossen. Dinglingers Bibliothek bestand

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zum Zeitpunkt seines Todes zu einem Viertel aus protestantischer Erbauungsliteratur. Zacharias Longuelune, der als Katholik in der sächsischen Diaspora lebte, bevor er nach Warschau zog, las exegetische Texte in seiner Muttersprache. Im Vergleich mit den hier genannten zeitgenössischen Bibliotheken muss festgehalten werden, dass Pöppelmanns Büchersammlung vor allem die Funktion einer Arbeitsbibliothek hatte und sich inhaltlich wenig von vergleichbaren Sammlungen unterschied. Seine Bücher waren zum täglichen Gebrauch bestimmt und dienten weniger der Repräsentation. Dies lässt sich aus den sporadischen Angaben zu den Materialien der Bucheinbände (größtenteils Pergament, aber auch Corduanleder) schließen, die sich als alltagstauglich bewährt hatten. Trotzdem kann Pöppelmanns Privatbibliothek als exemplarisch für eine besondere gesellschaftliche Schicht – zwischen Adel und städtischem Bürgertum – im Umfeld des sächsischen Hofes gelten.125 Dafür spricht vor allem die Zusammensetzung aus einem soliden Grundbestand an Fachliteratur, einem großen Anteil an Erbauungsliteratur sowie populärwissenschaftlichen Kompilationen und Zeitschriftenreihen. Auch ein Arzneibuch mit detaillierten Pflanzendarstellungen und Rezepten für deren Anwendung fehlt weder in Pöppelmanns Bibliothek noch bei Dinglinger und Tschirnhaus. Da im Nachlassinventar drei Bücher als Leihgaben von Johann Christoph Knöffel gekennzeichnet sind (Nr. 363, Nr. 384 und Nr. 386 laut Nummerierung in der Nachlassakte), liegt die Vermutung nahe, dass Pöppelmann sich all diejenige (Fach-)Literatur, die er nicht selbst besaß, bei Amtskollegen oder in der kurfürstlichen Sammlung leihweise beschaffte. In der Zusammenschau der von Pöppelmann hinterlassenen Gegenstände erweist sich der Hofarchitekt des Kurfürsten-Königs nicht gerade als Büchernarr, der großen Wert auf eine lückenlos aufgestellte Bibliothek gelegt oder gar Büchern eine Eignung als Geldanlage zugestanden hätte. Das Inventar seiner Wohnung in der Dresdner Schloßgasse zeichnet vielmehr das Bild eines Mannes, dem es im Laufe seines Lebens gelungen war, dank seines künstlerischen Talents von einem unbezahlten Mitarbeiter des Bauamtes zu einem der engsten Vertrauten Augusts des Starken aufzusteigen, und dessen Lebensstil sich allmählich an höfische Gewohnheiten angepasst hatte. Zum Zeitpunkt seines Todes war Pöppelmann im Besitz unzähliger, höfisch geprägter ›Statussymbole‹ wie wertvolles Geschirr, Schmuck, intarsierte Tischchen und Kleidung aus kostbaren Stoffen. Die erhaltene Rechnung des Kaufmanns Seeber, der mit exotischen Waren wie Gewürzen, Oliven, Anchovis, Tee, Kaffee und Kakao handelte, gibt Aufschluss darüber, dass sich auch das tägliche Konsumverhalten in Pöppelmanns Haushalt von dem des städtischen Bürgertums abhob. Die Diskrepanz zwischen Pöppelmanns Zugehörigkeit zum Hofe und seiner Herkunft aus einer verarmten bürgerlichen Familie offenbart sich so vor allem in den Dingen, die im Inventar und damit im Besitz Pöppelmanns nicht vorhanden sind: etwa Musikinstrumente, wertvolle Gemälde und Gebrauchsmöbel, Wörterbücher und Grammatiken des Lateinischen, Griechischen und Hebräischen – eben jene Dinge, die Rückschlüsse auf eine umfassende Bildung oder auf langfristig etablierte, standesgemäße Gewohnheiten erlauben würden.

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Umso beeindruckender ist es, mit wie viel Fachkenntnis und Einfühlungsvermögen Pöppelmann spätestens seit seiner Beförderung zum Oberlandbaumeister den zuweilen megalomanischen, sich ständig im Flusse befindlichen Ideen seines Dienstherrn zu begegnen vermochte, indem er kongeniale Pläne zu deren Umsetzung vorzulegen wusste.

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Erkenntnisse zu Leben und Werk Matthäus Daniel Pöppelmanns gehen insbesondere auf die grundlegenden Publikationen von Bruno Alfred Döring und Hermann Heckmann zurück – um nur die einschlägigsten zu nennen. Anlass zu weiterführenden Forschungsarbeiten gaben vor allem die Jubiläen im Zusammenhang mit dem Zwingerbaumeister. So erschienen im Nachgang der Ausstellung Matthäus Daniel Pöppelmann. 1662–1736. Ein Architekt des Barocks in Dresden der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 1987 (anlässlich des 325. Geburtstages) neben dem Katalog zwei Aufsatzbände, nämlich Marx, Harald (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann, der Architekt des Dresdner Zwingers. Leipzig 1989 und 1990 sowie Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662– 1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken. Dresden 1990. Als jüngste Veröffentlichungen zum Thema sind der Band PÖPPELMANN oder Die Gehäuse der Lust von Friedrich Dieckmann (2012) und der Online-Katalog zur Ausstellung Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten (2013 hg. von Elisabeth Tiller und Maria Lieber, vgl. Anm. 2) zu nennen. Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Online-Katalog zur Ausstellung. Dresden ²2013 [URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312]. Vgl. auch den Beitrag von Peter Heinrich Jahn in diesem Band. SächsHStA Dresden, 10047 Amt Dresden, Nr. 3056, Acta Commissionis/Des verstorbenen Königl. Ober-/Landbaumeister Herr Mattheus/Daniel Pöppelmanns Nachlaßes/Ob. und Designation auch Inven[tar]/sambt was deme mehr anhäng[ig]/betr. [1736], im Folgenden als »Nachlassakte M. D. Pöppelmanns« bezeichnet. Heckmann, Hermann: Matthäus Daniel Pöppelmann. Leben und Werk. München/Berlin 1972, S. 10. Ebd., S. 11f. Heckmann (1972), S. 10ff. Ebd., S. 11. Testament Pöppelmanns, in: Nachlassakte M .D. Pöppelmanns, fol. 69r. Ebd., fol. 69v. Ebd., fol. 68v/69r. Heckmann (1972), S. 298. Ebd. Testament Pöppelmanns, in: Nachlassakte M. D. Pöppelmanns, fol. 74v/75r. Dies ergibt sich sowohl aus zahlreichen Briefen an die Miterben als auch aus der Tatsache, dass Johann Adolph einen Anwalt zur Klärung der Angelegenheiten hinzuzog, vgl. Heckmann 1972, S. 298; vgl. auch Nachlassakte M. D. Pöppelmanns, fol. 279–283. Vgl. Testament Pöppelmanns, in: Nachlassakte M. D. Pöppelmanns, fol. 65v. Ebd., fol. 72r/72v. Hertzig, Stefan: Das Dresdner Bürgerhaus in der Zeit Augusts des Starken. Zu Entstehung und Wesen des Dresdner Barock. Dresden 2001, S. 204, sowie Mertens, Klaus: Das kursächsische Oberbauamt und Matthäus Daniel Pöppelmann, in: Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann (1662–1736) und die Architektur der Zeit August des Starken. Dresden 1990, S. 28–38, hier S. 31. Hertzig (2001), S. 205.

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Meike Beyer/Anja Schwitzgebel Döring, Bruno Alfred: Matthes Daniel Pöppelmann. Der Meister des Dresdener Zwingers. Dresden 1930, S. 18, sowie Heckmann (1972), S. 10. Heckmann (1972), S. 10. Ebd. Ebd., S. 12. Ebd. Vgl. SächsHStA Dresden, 10069 Amt Stolpen, Nr. 483, Schätzung des durch den Tod von Johann Boden apert gewordenen Lehngerichts in Seeligstadt und Belehnung des Landbaumeisters Matthäus Daniel Pöppelmann, fol. 81, sowie Döring (1930), S. 57ff. Vgl. SächsHStA Dresden, 10069 Amt Stolpen, Nr. 282, Verkauf des von dem Oberlandbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann hinterlassenen Richtergutes in Seeligstadt durch die Erben […], sowie Döring (1930), S. 153f. Heckmann (1972), S. 12. Vgl. Nachlassakte M. D. Pöppelmanns, fol. 302v. Lindenau, Katja: Brauen und herrschen. Die Görlitzer Braubürger als städtische Elite in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Leipzig 2007, S. 242. Ebd., S. 129. SächsHStA Dresden, 10047 Amt Dresden, Nr. 3058, Inventarium/ über des verstorbenen Ober-Land-Baumeisters Herrn Matthias Daniel Pöppelmanns Verlaßen-/ schafft/ gefertigt/ beym/ Amte Dreßden/ao: 1736, im Folgenden als »Inventarium« bezeichnet, zum Kaufbrief vgl. fol. 24r. Vgl. Anmerkung 17. Heckmann (1972), S. 12. Vgl. Testament Pöppelmanns, in: Nachlassakte M. D. Pöppelmanns, fol. 63v. Klemm, Gustav: Die Wirthshäuser und öffentlichen Belustigungsorte Dresdens im Jahre 1770, in: Hilscher, Paul Gottlob (Hg.): Der Sammler für Geschichte und Alterthum, Kunst und Natur im Elbthale, Bd. 2. Dresden 1837, S. 377. Ebd. Vgl. Nachlassakte M. D. Pöppelmanns, fol. 8v, 9v. Vgl. ebd., fol. 131r, sowie Heckmann (1972), S. 12. Wille, Manfred: Dresdner Gastlichkeit – von den Anfängen bis zu Gegenwart. Kleine Kulturgeschichte des Gastgewerbes in Dresden. Dresden 2008, S. 15. Ebd., S. 16. SächsHStA Dresden, 10684 Stadtgericht Dresden, Nr. 1750, Herrn Carl Friedrich von Pöpelmanns weyl. Ihro König. Majt. in Pohlen und kurfürstl. Durchl. zu Sachßen Hoofbestalt gewesenen general Majors, hinterlaßenes und vorm Wilßdorfer Tore am plauischen gelegenes Vorwerg das Schlößgen genannd, ingleichen deßen Verkaufung betr., fol. 20r. Ebd. Ebd., fol. 21r. Klemm (1837), S. 377. Heckmann (1972), S. 302f. Ebd., S. 11, 303. Vgl. SächsHStA Dresden, 10047 Amt Dresden, Nr. 3057, Die Theilung des Verstorbe/nen Herren OberLandBaumeister/ Pöppelmanns gesamten Nach/laßes unter deßen Kinder und/ Enckel, benebtens den Anhängen/Betr. […], fol.113v, im Folgenden als »Theilung« bezeichnet. SächsHStA Dresden, 10047 Amt Dresden, Nr. 3055, Acta Judicialia Die Ob-und Consignat-tion des Verstorbenen Hofmahler H. Johann Adolph Pöpelmanns Nachlaß samt was dem anhängig betr. Ergangen vor dem Amt Dreßden Anno 1773, fol. 89r ff. Ebd., fol. 48v.

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Ebd., fol. 43r. Die Verweise zu den von M. D. Pöppelmann hinterlassenen Büchern beziehen sich auf die in der transliterierten Bücherliste im Anhang angegebenen laufenden Nummern. 52 Nachlassakte M. D. Pöppelmanns, fol. 200v ff. 53 Ebd., fol. 203r. 54 Ebd. 55 Riedel, Johann Anton/Wenzel, Christian Friedrich: Verzeichniß der Gemälde in der Churfürstl. Gallerie in Dresden. Leipzig 1881, S. 33. 56 Inventarium, fol. 58r. 57 Thimann, Michael: »Ein lieblicher Betrug der Augen«. Die deutsche Malerei zwischen 1600 und 1750, in: Büttner, Frank u. a. (Hg.): Barock und Rokoko. Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland 5. München u. a. 2008, S. 514–523, hier S. 515. 58 Ebd., S. 518. 59 Nachlassakte M. D. Pöppelmanns, fol. 160v. 60 Spenlé, Virginie: Der Monarch, seine Agenten und Experten. Institutionelle Mechanismen des Kunstankaufes unter August II. und August III., in: Marx, Barbara (Hg.): Kunst und Repräsentation am Dresdner Hof. München/Berlin 2005, S. 228–260, hier S. 230. 61 Ebd., S. 236. 62 Lettres du Secretaire Puchet, au Cte de Lagnasc concernant les intérets du Roi et de la Religion Catholique à la Cour de Rome, in: SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 749/1, Teil 2, fol. 451–453. 63 Nachlassakte M. D. Pöppelmanns, fol. 160v, sowie Inventarium, fol. 75v/76r. 64 Nachlassakte M. D. Pöppelmanns, fol. 165v, sowie Inventarium, fol. 77r. 65 Inventarium, fol. 76v, 83r. 66 Siehe Kapitel IX des Inventariums, fol. 34r ff. 67 SächsHStA Dresden, 10047 Amt Dresden, Nr. 4994. 68 Inventarium, fol. 6v. 69 Ebd., fol. 7r. 70 Ebd., fol. 8v. 71 Ebd., fol. 12v. 72 Ebd., fol. 7r. 73 Siehe Kapitel XVII des Inventariums, fol. 65r ff. 74 Erst 1737 wurde in Dresden erstmals ein Tafelgeschirr aus Porzellan bei einem offiziellen Anlass, dem auch fürstliche Gäste beiwohnten, verwendet; vgl. Pietsch, Ulrich: Vom »Gelben Löwen« zum »Blauen Band«. Berühmte Meissener Tafelservice im 18. Jahrhundert, in: ders. (Hg.): Triumph der blauen Schwerter. Meissener Porzellan für Adel und Bürgertum 1710–1815, Leipzig 2010, S. 95–105, hier S. 98. 75 Inventarium, fol. 7v, 10v. 76 Zu den medizinischen Auswirkungen überseeischer Waren vgl. Hochmuth, Christian: Das Ordnen des Neuen. Zur lokalen Aneignung überseeischer Waren in deutschsprachigen Diskursen und Dresdner Praktiken vom späten 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert. Univ. Diss. Dresden 2007, S. 51–64, insbes. S. 58. 77 Vgl. ebd., S. 57. 78 Ebd., S. 95. 79 Fabian, Maike/Möge, Sirko/Wünsche, Katja: Lever mit Schokolade. Wie sich der Dresdner Geschmackssinn entwickelte, in: Lindner, Rolf/Moser, Johannes: Dresden. Ethnografische Erkundungen einer Residenzstadt. Leipzig 2006, S. 177–205, hier S. 178f. 80 Vgl. Allerley Nützliches und Curioses über den Kaffee aus alter und neuer Zeit. Berlin 1927, S. 16f. 81 Hochmuth (2007), S. 55. 82 Mattioli, Pietro Andrea: Kreutterbuch deß hochgelehrten unnd weltberühmten herrn D. Petri. Andreae Matthioli […]. Frankfurt am Main 1590, fol. 185r. 50 51

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Meike Beyer/Anja Schwitzgebel Ebd. Ebd., fol. 12v. Nachlassakte M. D. Pöppelmanns, fol. 222r/v. Gall, Fabian/Hemker, Christiane/Schöne, Susanne: Zwischen Schloss und Neumarkt – Archäologie eines Stadtquartiers in Dresden. Dresden 2008, S. 22. Eine erste Einschätzung des Inhalts der Privatbibliothek Pöppelmanns lieferte Hagen Bächler in seinem Aufsatz: Die Bücher aus dem Nachlaß Matthäus Daniel Pöppelmanns. Ein Beitrag zu seinem Weltbild, in: Milde, Kurt: Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken. Dresden 1990, S. 40–50. Die in Anm. 1 angekündigte Bibliografie von Monika Schlechte wurde nie veröffentlicht. Diese Zahl bezieht sich auf die mutmaßlich gebundenen oder zumindest gehefteten Buchformate, darin enthalten sind auch die nicht identifizierten Kupferstichsammlungen. Hinzu kommen unter der Nr. 436 im Nachlassverzeichnis inhaltlich nicht identifizierbare »vier große Schubladen voll Risse und Kupfferstiche« als lose Blätter. Theilung, fol. 112v. Vgl. Wittmann, Reinhard: Geschichte des deutschen Buchhandels. München 1991, S. 76. Zur Bibliothek Johann von Bessers vgl. den Beitrag von Katrin Nitzschke in diesem Band. Der Begriff geht zurück auf Johann Goldfriedrich, der 1886 bis 1913 eine detaillierte Geschichte des deutschen Buchhandels in vier Bänden veröffentlichte. Goldfriedrich, Johann: Geschichte des deutschen Buchhandels, Bd. II. Leipzig 1908, S. 89. Wittmann (1991), S. 79. Raabe, Paul: Der Buchhändler im achtzehnten Jahrhundert in Deutschland, in: ders. (Hg.): Buch und Buchhandel in Europa im achtzehnten Jahrhundert. Hamburg 1981, S. 271–291, hier S. 274. Vgl. hierzu die ausführliche Studie von David L. Paisey zu den Protagonisten des deutschen Buchhandels/Verlagswesens in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Paisey, David L.: Deutsche Buchdrucker, Buchhändler und Verleger 1701–1750. Wiesbaden 1988. Vgl. den Beitrag von Mathias Ullmann in diesem Band. Vgl. den Beitrag von Peter Heinrich Jahn in diesem Band. Vgl. dazu auch Bächler (1990), S. 42. Vgl. Anm. 8 im Aufsatz von Mathias Ullmann in diesem Band. Vgl. dazu Rossbach, Nikola: »Zu besserer Begreiffung aller Materien«. Wissensorganisation und -vermittlung bei Georg Andreas Böckler, Architect & Ingenieur, in: Schock, Flemming (Hg.): Polyhistorismus und Buntschriftstellerei. Populäre Wissensformen und Wissenskultur in der Frühen Neuzeit. Berlin/Boston 2012, S. 149–167. Pohlig, Matthias: Zwischen Gelehrsamkeit und konfessioneller Identitätsstiftung. Lutherische Kirchenund Universalgeschichtsschreibung 1546–1617. Tübingen 2007, S. 175. Ebd., S. 189. Vgl. Pohlig (2007), S. 178, sowie Gemeinhardt, Peter: Das Chronicon Carionis und seine Überarbeitung durch Philipp Melanchthon, in: Wallraff, Martin (Hg.): Welt-Zeit: christliche Weltchronistik aus zwei Jahrtausenden in Beständen der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Berlin 2005, S. 115–125, hier S. 122. Pohlig (2007), S. 142f. Der vollständige Titel der ersten Ausgabe von 1634 lautet: Theatrum Europæum Oder Außführliche und Warhafftige Beschreibung aller und jeder denckwürdiger Geschichten, so sich hin und wider in der Welt, fürnemblich aber in Europa, und Teutschlanden, so wol im Religion= als Prophan=Wesen, vom Jahr Christi 1617 biß auff das Jahr 1629, exclus. Bey Regierung deren beyden Glorwürdigsten, Allerdurch-

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leutigsten und unüberwindlichsten Römischen Keysern Matthiae und Ferdinandi deß Andern, allerhöchstseeliger Gedächtnuß, sich zugetragen haben. Schramm, Helmar: Kunstkammer – Laboratorium – Bühne im ›Theatrum Europaeum‹. Zum Wandel des performativen Raums im 17. Jahrhundert, in: ders./Schwarte, Ludger/Lazardig, Jan (Hg.): Kunstkammer – Laboratorium – Bühne. Schauplätze des Wissens im 17. Jahrhunderts. Berlin/ New York 2003, S. 11–34, hier S. 26. Ebd., S. 12. Arndt, Johannes: Herrschaftskontrolle durch Öffentlichkeit: Die publizistische Darstellung politischer Konflikte im Heiligen Römischen Reich 1648–1750. Göttingen 2013, S. 123. Unter dem Begriff »Buntschriftsteller« werden Autoren der Barockzeit zusammengefasst, die – nach Modellen antiker Konversationsliteratur – mit der grundsätzlichen Auffassung von den Wissenschaften als Einheit lehrreiche Sammelschriften verfassten. Vgl. dazu Schock, Flemming (Hg.): Polyhistorismus und Buntschriftstellerei. Populäre Wissensformen und Wissenskultur in der Frühen Neuzeit. Berlin/Boston 2012. Hier eine Auswahl aus der Ausgabe von 1726: Idée D’un Homme parfait. Oder Abbildung eines vollkommenen Menschen. Nach Anleitung der Sitten-Lehre (S. 69–95); Idée Einer wohlbestellten Republic (S. 127–177); Die Trunckenheit (S. 210–215); Lobspruch eines Tugenhafften Frauenzimmers (S. 234– 237); Das à l’hombre-Spiel, zu Ehren zweyer Verlobten, in einem Concert auffgeführet. Damon, Pythias und Silvio bey einem à l’hombre-Spiel (S. 245–249). Vgl. die Vorbemerkung von Elisabeth Tiller in diesem Band. Schock, Flemming: Wissensliteratur und »Buntschriftstellerei« in der Frühen Neuzeit, in: ders. (2012), S.1–20, hier S. 4. Zum Phänomen des Simplicissimus vgl. hierzu den Beitrag von Ulrich Fröschle in diesem Band. Bartsch, Maike/Koch, Nina: Warum stiften die Stifter? Schenkungen in der Johannis-Kirche und der Jakobi-Kirche, in: Rohmann, Gregor (Hg.): Bilderstreit und Bürgerstolz. Herforder Kirchen im Zeitalten der Glaubenskämpfe. Bielefeld 2006, S. 27–37, hier S. 36. Inventarium, fol.16r ff. Nachlassakte M.D. Pöppelmanns, fol. 148r. Damit übernahm Heubel nach Darstellung von Martin Mulsow ein um 1712 von Johann Lorenz Mosheim begonnenes Projekt, vgl. Mulsow, Martin: Bibliotheca Vulcani, in: Das achtzehnte Jahrhundert. Vol. 18: No. H. 1. Wolfenbüttel 1994, S. 56–71, hier S. 61. Wolf, Hubert: Index. Der Vatikan und die verbotenen Bücher. München 2006, S. 44. Döring, Detlef: Samuel Pufendorf in der Welt des 17. Jahrhunderts. Untersuchungen zur Biografie Pufendorfs und zu seinem Wirken als Politiker und Theologe. Frankfurt am Main 2012, S. 110. Wallmann, Johannes: Mystik und Kirchenkritik in der lutherischen Kirche des 17. Jh. – Johann Arndt, Joachim Lütkemann, Philipp Jakob Spener, in: Delgado, Mariano/Fuchs, Gotthard (Hg.): Die Kirchenkritik der Mystiker. Prophetie aus Gotteserfahrung, Band II: Frühe Neuzeit. Fribourg 2005, S. 343–366; hier S. 348. Wels, Volkhard: Unmittelbare göttliche Offenbarung als Gegenstand der Auseinandersetzung in der protestantischen Theologie der Frühen Neuzeit, in: Jaumann, Herbert (Hg.): Diskurse der Gelehrtenkultur in der Frühen Neuzeit: Ein Handbuch. Berlin/New York 2011, S. 747–808; hier S. 780. Ebd., S. 781. Wallmann (2005), S. 347. Vgl. dazu das erste Kapitel »Karitative Religion. Gepredigte und verordnete Armenfürsorge bei August Hermann Francke«, in: Kuhn, Thomas K.: Religion und neuzeitliche Gesellschaft. Tübingen 2003, S. 9–77. Zum spezifischen Charakter und zur Zusammensetzung der Dresdner Hofgesellschaft vgl. Hertzig (2001), S. 30.

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Bibliografie Allerley Nützliches und Curioses über den Kaffee aus alter und neuer Zeit. Berlin 1927. Arndt, Johannes: Herrschaftskontrolle durch Öffentlichkeit: Die publizistische Darstellung politischer Konflikte im Heiligen Römischen Reich 1648–1750. Göttingen 2013. Bächler, Hagen: Die Bücher aus dem Nachlaß Matthäus Daniel Pöppelmanns. Ein Beitrag zu seinem Weltbild, in: Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken. Dresden 1990, S. 40–50. Bartsch, Maike/Koch, Nina: Warum stiften die Stifter? Schenkungen in der Johannis-Kirche und der Jakobi-Kirche, in: Rohmann, Gregor (Hg.): Bilderstreit und Bürgerstolz. Herforder Kirchen im Zeitalten der Glaubenskämpfe. Bielefeld 2006, S. 27–37. Dieckmann, Friedrich: PÖPPELMANN oder Die Gehäuse der Lust. Dresden 2012. Döring, Bruno Alfred: Matthes Daniel Pöppelmann. Der Meister des Dresdener Zwingers. Dresden 1930. Döring, Detlef: Samuel Pufendorf in der Welt des 17. Jahrhunderts. Untersuchungen zur Biografie Pufendorfs und zu seinem Wirken als Politiker und Theologe. Frankfurt am Main 2012. Fabian, Maike/Möge, Sirko/Wünsche, Katja: Lever mit Schokolade. Wie sich der Dresdner Geschmackssinn entwickelte, in: Lindner, Rolf/Moser, Johannes: Dresden. Ethnografische Erkundungen einer Residenzstadt. Leipzig 2006, S. 177–205. Gall, Fabian/Hemker, Christiane/Schöne, Susanne: Zwischen Schloss und Neumarkt – Archäologie eines Stadtquartiers in Dresden. Dresden 2008. Gemeinhardt, Peter: Das Chronicon Carionis und seine Überarbeitung durch Philipp Melanchthon, in: Wallraff, Martin (Hg.): Welt-Zeit: christliche Weltchronistik aus zwei Jahrtausenden in Beständen der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Berlin 2005, S. 115–125. Goldfriedrich, Johann: Geschichte des deutschen Buchhandels, Bd. II. Leipzig 1908. Heckmann, Hermann: M. D. Pöppelmann als Zeichner. Dresden 1954. Heckmann, Hermann: Matthes Daniel Pöppelmann. Herford 1962. Heckmann, Hermann: Matthäus Daniel Pöppelmann. Leben und Werk. München/Berlin 1972. Heckmann, Hermann: Matthäus Daniel Pöppelmann und die Barockbaukunst in Dresden. Berlin 1986. Hertzig, Stefan: Das Dresdner Bürgerhaus in der Zeit Augusts des Starken. Zu Entstehung und Wesen des Dresdner Barock. Dresden 2001. Hochmuth, Christian: Das Ordnen des Neuen. Zur lokalen Aneignung überseeischer Waren in deutschsprachigen Diskursen und Dresdner Praktiken vom späten 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert. Univ. Diss. Dresden 2007. Höpfner, Ludwig Julius Friedrich: Deutsche Encyclopädie oder Allgemeines Real-Wörterbuch aller Künste und Wissenschaft, Bd. 7. Frankfurt am Main 1783. Klemm, Gustav: Die Wirthshäuser und öffentlichen Belustigungsorte Dresdens im Jahre 1770, in: Hilscher, Paul Gottlob (Hg.): Der Sammler für Geschichte und Alterthum, Kunst und Natur im Elbthale, Bd. 2. Dresden 1837, S. 375–377. Kuhn, Thomas K.: Religion und neuzeitliche Gesellschaft. Tübingen 2003 Lindenau, Katja: Brauen und herrschen. Die Görlitzer Braubürger als städtische Elite in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Leipzig 2007.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns

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Meike Beyer/Anja Schwitzgebel

Majors, hinterlaßenes und vorm Wilßdorfer Tore am plauischen gelegenes Vorwerg das Schlößgen genannd, ingleichen deßen Verkaufung betr. Schock, Flemming: Wissensliteratur und »Buntschriftstellerei« in der Frühen Neuzeit, in: ders. (Hg.): Polyhistorismus und Buntschriftstellerei. Populäre Wissensformen und Wissenskultur in der Frühen Neuzeit. Berlin/Boston 2012, S.1–20. Schramm, Helmar: Kunstkammer – Laboratorium – Bühne im ›Theatrum Europaeum‹. Zum Wandel des performativen Raums im 17. Jahrhundert, in: ders./Schwarte, Ludger/Lazardig, Jan (Hg.): Kunstkammer – Laboratorium – Bühne. Schauplätze des Wissens im 17. Jahrhunderts. Berlin/New York 2003, S. 11–34. Spenlé, Virginie: Der Monarch, seine Agenten und Experten. Institutionelle Mechanismen des Kunstankaufes unter August II. und August III., in: Marx, Barbara (Hg.): Kunst und Repräsentation am Dresdner Hof. München/Berlin 2005, S. 228–260. Thimann, Michael: »Ein lieblicher Betrug der Augen«. Die deutsche Malerei zwischen 1600 und 1750, in: Büttner, Frank u. a. (Hg.): Barock und Rokoko. Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland 5. München u. a. 2008, S. 514–523. Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Online-Katalog zur Ausstellung. Dresden ²2013 [URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312]. Wallmann, Johannes: Mystik und Kirchenkritik in der lutherischen Kirche des 17. Jh. – Johann Arndt, Joachim Lütkemann, Philipp Jakob Spener, in: Delgado, Mariano/Fuchs, Gotthard (Hg.): Die Kirchenkritik der Mystiker. Prophetie aus Gotteserfahrung. Band II: Frühe Neuzeit. Fribourg 2005, S. 343–366. Wels, Volkhard: Unmittelbare göttliche Offenbarung als Gegenstand der Auseinandersetzung in der protestantischen Theologie der Frühen Neuzeit, in: Jaumann, Herbert (Hg.): Diskurse der Gelehrtenkultur in der Frühen Neuzeit: Ein Handbuch. Berlin/New York 2011, S. 747–808. Wille, Manfred: Dresdner Gastlichkeit – von den Anfängen bis zu Gegenwart. Kleine Kulturgeschichte des Gastgewerbes in Dresden. Dresden 2008. Wittmann, Reinhard: Geschichte des deutschen Buchhandels. München 1991. Wolf, Hubert: Index. Der Vatikan und die verbotenen Bücher. München 2006.

Peter Heinrich Jahn

Souvenirs, Statussymbole und Vademekums Überlegungen zum ideellen, kreativen und praktischen Nutzen der architekturbezogenen Bücher und Druckgrafiken in Pöppelmanns Besitz

Von den im Nachlassinventar des sächsischen Oberlandbaumeisters Matthäus Daniel Pöppelmann (1662–1736)1 verzeichneten 85 Publikationstiteln können 25 als Fachliteratur dem Architektenberuf zugeordnet werden, folglich ungefähr ein Drittel des gesamten bestimmbaren Besitzes an Büchern und Druckgrafik. Die Zahl mutet für einen professionellen und versierten Architekten bescheiden an, doch muss bedacht werden, dass Pöppelmann als kursächsischem Baubeamten, der in leitender Funktion die Rolle eines Hofbaumeisters ausübte,2 die kurfürstliche Bibliothek samt Grafiksammlung als Reservoir für berufsbezogene Informationsbeschaffung offenstand.3 Dies gilt vermutlich auch für die umfangreiche, im Januar 1728 verbrannte private Bücher- und Grafiksammlung seines Vorgesetzten im kursächsischen Oberbauamt, des Generalintendanten aller Zivilund Militärgebäude Sachsens, August Christoph Graf von Wackerbarth (1662–1734).4 Demgegenüber diente der persönliche Besitz an architekturbezogenen Büchern und Kupferstichserien Pöppelmann wohl eher als Handbibliothek für die Heimarbeit, denn seine Dienstwohnung in der Schlossgasse enthielt eine »Zeichenstube«, also einen Raum mit zeichentechnischer Ausstattung, die als Pöppelmanns hauptsächlicher Arbeitsplatz betrachtet werden muss.5 Dennoch sollte bei seinem Erwerb von Büchern und Druckgrafik auch Liebhaberei in professioneller wie bibliophiler beziehungsweise kunstliebender Hinsicht mitbedacht werden. Immerhin berührt Pöppelmanns Besitz an Büchern und Druckgrafik die wesentlichen Aufgabenfelder des frühneuzeitlichen Architektenberufes, nämlich Bauzeichnen, auf Kennerschaft und Säulentheorie fußendes Entwerfen sowie bautechnisches und mechanisches Können – wenngleich die Auswahl der Titel eher als zufällig erworben statt zielstrebig gesucht erscheint. Selten handelt es sich um Originalausgaben, sondern meistens um Übersetzungen oder preiswertere unautorisierte Nachdrucke. Eine thematische Aufstellung seiner berufsrelevanten Bücher und Druckgrafikbände wurde von Pöppelmann nicht praktiziert. Vielmehr scheint er diese, wie die Reihung der Titel innerhalb des Nachlassinventars erahnen lässt, pragmatisch nach Formaten entsprechend den

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zur Verfügung stehenden Regalen oder Bücherschränken geordnet zu haben. Bis auf wenige Ausnahmen hatte Pöppelmann seine Bücher in der Zeichenstube aufbewahrt, welche im Nachlassinventar zunächst als »Hintere Stube neben der Kaminstube« bezeichnet wird (fol. 170r), und zwar dem Format entsprechend getrennt nach großen Folio- und Quartbänden sowie den kleinen Oktavbänden. Die Zeichenstube diente ihm also auch als ein der Kaminstube angeschlossener Bibliotheksraum, wobei die mit einem Lehnstuhl ausgestattete Kaminstube als möglicher Leseraum dem Wohnzimmer unmittelbar benachbart war. In Anbetracht des guten Dutzends identifizierbarer Kupferstichserien, welche Architekturen wiedergeben und als Entwurfsvorlagen zu gebrauchen waren, gilt es bei der Einschätzung des architekturbezogenen Grafikbesitzes zu berücksichtigen, dass dieser weit über das Bestimmbare hinausging: So wurden bei Pöppelmanns Tod in seiner Dienstwohnung in vier Bänden und drei Lose-Blatt-Konvoluten insgesamt 383 Kupferstiche aufgefunden, die sich offenbar aufgrund ihrer disparaten Zusammensetzung schon damals bei der notariellen Bestandsaufnahme einer Zuordnung zu einem gängigen Publikationstitel entzogen (Summe der Stückzahlen laut Büchernachlass, lfd. Nr. 21, 29, 31, 37, 40, 43 und 46), wovon aber sicherlich das eine oder andere Blatt das Architekturfach berührte. Zwei weitere Bände enthielten 29 und 12 nicht näher bezeichnete Architekturrisse (Büchernachlass, lfd. Nr. 39 und 41). Hinzu kamen als zahlenmäßig ungenaue Posten ein »Buch in Bergam. Bande [verstehe: Pergamenteinband] mit Kupffern« (Büchernachlass, lfd. Nr. 10) sowie »vier große Schubladen voll Risse und Kupfferstiche«, wovon sich allerdings fünf Stück außerhalb davon fanden (Büchernachlass, lfd. Nr. 86). Die Schubladen gehörten zu Möbeln, die in der Zeichenstube standen. Alle übrigen Kupferstiche wurden, da gebunden oder offenbar in Mappen gelegt, in die Buchreihen (eventuell auch -stapel) eingegeliedert. Aufgrund des Umstandes, dass Pöppelmann, zumindest in seinen letzten Lebensjahren, architekturrelevante Bücher und Druckgrafiken offenbar unsystematisch aufbewahrte, lässt sich aus der Aufstellung des unbestimmen Materials leider keine eindeutige inhaltliche Zuweisung ableiten. Wenn im Folgenden die von Pöppelmann erworbenen architekturbezogenen Bücher und Kupferstichserien, soweit sie anhand des Nachlassinventars identifizierbar sind, kommentiert werden, als Vertiefung einer von Hagen Bächler in den 1980er Jahren vorgelegten Studie zu Pöppelmanns Buchbesitz,6 dann können jedoch Überlegungen zu deren Nutzen lediglich exemplarisch erfolgen, also ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1.

Zeichenlehrbücher (insbesondere zum Perspektivzeichnen)

Das Zeichnen, sowohl mit der freien Hand als auch auf dem Reißbrett, bildete zu Pöppelmanns Zeiten und noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein die unabdingbare Grundlagenkompetenz des Architektenberufes.7 Insbesondere das Anfertigen von Perspektiven war eine für die Vermittlung von Gebäudeentwürfen unerlässliche, jedoch schwierige Kunst.8 So nimmt es nicht wunder, dass Pöppelmann hierzu drei Bücher besaß,9 darunter die be-

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rühmte, überreich mit Darstellungsbeispielen illustrierte Perspektivkunst des Antwerpener Malers, Architekten und Militäringenieurs Hans Vredeman de Vries (1527– um 1606), dem Nachlassinventar zufolge vermutlich in der lateinischen Version einer mehrfach aufgelegten Neuausgabe,10 welche der niederländische Mathematiker Samuel Marolois (1572–1627) in den 1610er Jahren initiiert hatte (Büchernachlass, lfd. Nr. 20).11 Neben der Erläuterung der einschlägigen perspektivgeometrischen Konstruktionen ist es ein besonderes Anliegen der um 1604/05 erstmalig erschienenen zweiteiligen Publikation,12 anschaulich die vom Blickwinkel und der Höhe des Fluchtpunktes abhängige Wirkung des perspektivischen Bildes aufzuzeigen. Für Pöppelmann waren letztendlich vor allem die Architekturperspektiven mit einem mittig positionierten Betrachterstandpunkt relevant, weil nur mit deren Hilfe gewährleistet werden konnte, dass die streng symmetrisch konzipierten Bauwerke auch adäquat ausgewogen im Bild erschienen. In seinen Architekturperspektiven wählte Pöppelmann stets einen erhöhten Betrachterstandpunkt, sodass zumindest der Vorplatz eines Bauwerkes, zumeist aber auch das Gebäude selbst in Draufsicht überblickt werden kann – immer mit dem persuasiven Kalkül, Anmutungen von übersteigerter Größe und Weitläufigkeit zu evozieren.13 So folgt beispielsweise der in Vogelschau präsentierte Schlossentwurf Pöppelmanns, welcher die Ostfassade des Louvre paraphrasiert (Abb. 1),14 exakt einer bei de Vries zu findenden Musterdarstellung für eine architektonische Zen­tralperspektive mit hoch über dem Abbildungsobjekt liegendem Fluchtpunkt (1. Teil, Tafel 40; Abb. 2). Als weiteres Perspektiv-Handbuch besaß Pöppelmann den zweiteiligen Traktat des Nürnberger Mathematikers und Militäringenieurs Andreas Albrecht (1586–1628), der 1623 erstmalig im Eigenverlag des Autors erschienen war (Büchernachlass, lfd. Nr. 23).15 Anders als die vorrangig mit großformatigen Bildbeispielen operierende Zeichenschule des Hans Vredeman de Vries bot Albrecht einen systematisch aufgebauten und kleinteilig diagrammatisch illustrierten Grundkurs, von dessen erstem Teil man lernen konnte, wie gebräuchliche Typen des perspektivischen Bildes zu erzeugen sind. Nach einer Einführung in das Verhältnis von Sehwinkel, Augpunkt, Abbildungsobjekt und Bildfläche beschreibt der Text insbesondere, wie Draufsichten, Untersichten oder beide vereinende Einblicke in Innenräume anzulegen sind.16 Der anschaulichen Illustration dienen insgesamt sieben Falttafeln mit 139 diagrammatischen Abbildungen, ergänzt um sechs Tafeln mit Bildbeispielen. Albrechts Perspektivlehrbuch schloss im zweiten Teil auch die Konstruktion von Schatten ein. Dies war beim Architekturzeichnen vonnöten, um Bauprojekte in wirklichkeits­ ähnlichen Darstellungen präsentieren zu können. Obwohl ihm hierzu Handbuchliteratur verfügbar war, scheint Pöppelmann in seinen Architekturperspektiven und Präsentationsrissen den Schatten meist »nach Gefühl und Phantasie« dargestellt zu haben.17 Inwiefern er anhand seiner Albrecht-Ausgabe eine korrekte Schattendarstellung hätte lernen können, sei dahingestellt, da sein Nachlassinventar nicht erkennen lässt, ob er Albrechts Perspektivlehrbuch in der veralteten Originalversion besaß oder bereits in der überarbeiteten und ergänzten Fassung. Sicher ist nur anhand des ausführlich notierten Titels, dass es sich

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Abb. 1 Matthäus Daniel Pöppelmann: Vogelschauvedute eines Umbauvorschlags für das Dresdner Residenzschloss in Anlehnung an den Pariser Louvre, lavierte Federzeichnung, 1709. SLUB Dresden, Signatur: Mscr.Dr.L4/11.

um eine deutsche Ausgabe handelte und nicht um die ebenfalls kursierende lateinische Übersetzung. Eine Überarbeitung war notwendig geworden, weil Albrecht hinsichtlich der Schattenkonstruktion die zu seiner Zeit schon überholte Meinung vertrat, Sonnenstrahlen würden konvergent einer punktförmigen Lichtquelle entspringen, anstatt diese aufgrund des immensen Größenunterschieds zwischen Erde und Sonne und der ebenso immensen Entfernung beider Himmelskörper näherungsweise parallel zu denken. Daher wurden die 1670/71 im Verlag von Paulus Fürsts Witwe und Erben edierten deutschen und lateinischen Neuauflagen von einem Anonymus mit einem Anhang einschließlich zweier zusätzlicher Falttafeln versehen, welche, als »neue Invention« tituliert, hilfreiche Ergänzungen und Berichtigungen boten. Zu bemerken bleibt noch, dass das zweiteilige Zeichenlehrbuch Albrechts als einziger deutscher Beitrag des 17. Jahrhunderts zum Thema Perspektive gilt. Hier beginnt sich ein für Pöppelmanns Buchbeschaffungsstrategie charakteristisches Kriterium abzuzeichnen: die Bevorzugung deutschsprachiger Literatur. Die offenbar lateinische Ausgabe von Hans Vredeman de Vries’ Perspektivtraktat bliebe demgegenüber eine singuläre Ausnahme, die von Pöppelmann eventuell mangels Beschaffungsalternative in Kauf genommen werden musste.

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Abb. 2 Johann Vredeman de Vries: Musterdarstellung für eine architektonische Zentralperspektive mit erhöhtem Betrachterstandpunkt (sogenannte Vogelschau), Kupferstich von Hendrick Hondius d.Ä., aus: Perspectiva theoretica ac practica (Teil I), Tafel 40 (Büchernachlass, lfd. Nr. 20). SLUB Dresden, Signatur: Optica.44, misc. 1-2.

Der Traktat des Jesuitenfraters Andrea Pozzo (1642–1709) war das aktuellste Buch zum Thema räumliches Zeichnen innerhalb Pöppelmanns Buchbesitz. Auf reich illus­ trierte Weise wird darin vorgeführt, wie sich mithilfe der geometrischen Perspektive Architekturen zeichnen und malen lassen, um damit in barocker Manier Illusionsräume und Kulissenapparate jeglicher Art zu erzeugen. Pöppelmann besaß von dieser zweibändigen Publikation, welche sich explizit auch an Architekten richtet, lediglich den zweiten Band (Büchernachlass, lfd. Nr. 25).18 Offensichtlich vermied er es, sich die lateinisch-italienische Originalausgabe zu besorgen19 und bevorzugte stattdessen eine ihm sprachlich mehr entgegenkommende lateinisch-deutsche Ausgabe in verkleinertem Format, die 1709, also mit nahezu zehnjähriger Verspätung, vom bekannten Augsburger Verlagshaus des Jeremias Wolff (1663–1724) herausgebracht worden war.20 Im Unterschied zu Vredeman de Vries und Albrecht behandelt Pozzo in seinem Traktat weniger das auch zur architektonischen Entwurfspräsentation gebräuchliche Verfertigen kleinformatiger perspektivischer Bilder, sondern das Erzeugen von Perspektivdarstellungen im lebens- beziehungsweise überlebensgroßen Format. Ziel dieser Darstellungsoption ist es, auf Wänden oder Deckengewölben sowie auf Theaterbühnen bei den Betrachtern Täuschungen des Sehsinns zu evozieren, welche gemalte Architektur zu gebauter werden lassen. Da jedoch Schein-

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architekturen sich im Stadium des gezeichneten Entwurfs kaum von Darstellungen real verstandener Architektur unterscheiden, war Pozzos Perspektivlehrbuch selbstverständlich auch für das Perspektivzeichnen im Rahmen des architektonischen Entwurfsverfahrens von Nutzen. Mit scheinarchitektonischen Effekten hatte Pöppelmann, soweit man weiß, nur bedingt zu tun, allenfalls, wenn es um den Entwurf malerisch fingierter Stuckdekorationen ging, beispielsweise im Zuge der Ausgestaltung des Prunkappartements im Dresdner Residenzschloss. Aufgrund der Brandzerstörung desselben im Jahr 1701 war Pöppelmann als Hofbaumeister nämlich nicht nur am Wiederaufbau, sondern auch am Innenausbau federführend beteiligt.21 Von den 1945 vernichteten Räumen des Prunkappartements besaß das von Louis de Silvestre (1675–1760) ausgemalte Audienzzimmer einen scheinarchitektonisch gestalteten Deckenplafond.22 Versatzstückartig eingesetzte Scheinarchitekturen wiesen auch die ebenfalls zerstörten Deckenfresken der zum Bautenensemble des Dresdner Zwingers gehörenden Saalpavillons auf.23 Inwieweit Pöppelmann hierzu Vorgaben machen musste, ist allerdings nicht bekannt. Davon abgesehen konnte er von Pozzo aber vor allem die Grundprinzipien barocker Szenografie lernen, waren diese doch unabdingbar für das standpunktabhängige bildhafte Arrangieren von Baukörpern und Architekturgebilden.24 In Pöppelmanns Besitz befand sich schließlich noch ein Zeichenlehrbuch ganz anderer Art, mit dessen Hilfe sich das Zeichnen von Menschen und Tieren erlernen ließ.25 Es handelt sich hierbei um eine vom Amsterdamer Verleger Frederik de Wit (um 1629/30–1706) wohl im Verlauf der 1660er Jahre herausgegebene Kupferstichedition namens Lumen picturæ et delineationis, die ohne Text auskommt, sich also in ihrer Eigenschaft als Zeichenlehrbuch ausschließlich auf die Anschaulichkeit der auf 132 quartformatigen Tafeln präsentierten Bildbeispiele verlässt (Büchernachlass, lfd. Nr. 35).26 Das Zeichnen von Figuren musste ein barocker Architekt lediglich en miniature beherrschen, zum einen, um den Statuendekor von Gebäuden im Entwurf festzulegen, zum anderen, um im Zuge der Projektpräsentation Architekturentwürfe mittels Staffagefiguren zu beleben.27 Zu beachten galt es dabei, die in der Bildsprache der barocken Skulptur üblichen Posen und Gesten ebenso zu treffen wie die von der höfischen Gesellschaft praktizierte Körpersprache.28 Gerade die Tafeln der von Pöppelmann herausgegebenen Kupferstichedition seiner Dresdner Zwingerbauten, dem sogenannten Zwingerstichwerk, sind reich an solchen Figuren beiderlei Art, von denen manche durchaus an die Grenze des Miniaturhaften stoßen.29 Laut Pöppelmanns eigener Aussage in der Einleitung sowie der den Kupferstichen beigefügten Autorenangabe habe er die Vorzeichnungen zu denselben eigenhändig angefertigt.30 Inwieweit er sich bei den Figuren helfen ließ, ist bis auf den Fall des allegorischen Titelkupfers, dessen Figurenpersonal dem vormaligen Berliner Hofmaler Johann Friedrich Wentzel (1670– 1729) überantwortet wurde, nicht bekannt.31 Ebenso weiß man nichts darüber, auf welche Weise sich Pöppelmann das Figurenzeichnen aneignete.32 Das genannte, ihm privat hierfür zur Verfügung stehende Zeichenlehrbuch jedenfalls will das Zeichnen großformatiger ­Figuren vermitteln, weshalb es sich primär an Maler richtet. Es handelt sich dabei um eine

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im Umfang wesentlich reduzierte und um den Text bereinigte Neuausgabe eines erfolgreichen älteren Zeichenlehrbuches gleichen Titels, welches der im flämisch-holländischen Raum aktive Maler Crispjn van de Passe d. J. (1597–1670) erstmalig in den Jahren 1643/44 ebenfalls in Amsterdam publiziert hatte, allerdings im Verlag Johannes Janssons.33 Frederik de Wit muss offenbar größere Teile der originalen Druckplatten jenes Werkes aufgekauft haben, um diese teils umgearbeitet, teils unverändert neuerlich in Druck zu geben. Einige fehlende, aber unverzichtbare Illustrationen ließ er nachstechen. Neu arrangiert wurden vor allem die Illustrationen des ersten Teiles.34 Beide Zeichenlehrbücher, also sowohl die Originalpublikation als auch deren Reedition, sind jeweils in mehrere Teile gegliedert, welche unterschiedlichen Lernschritten entsprechen. Als Elementarkurs wird im ersten Teil, einer damals gängigen Praxis zufolge, der menschliche Körper in einzelne Partien und Details zerlegt, die alle für sich zeichnerisch zu beherrschen sind.35 Die folgenden beiden Teile führen in Form von Vorlagen, die abgezeichnet werden sollen, den menschlichen Körper in klassischen Aktposen vor, säuberlich nach Geschlechtern getrennt,36 bevor im vierten Teil mit allegorischen und biblischen Figuren ikonografische Kontexte geschaffen werden.37 Der bei van de Passe fünfte und letzte Part ist in der Edition de Wits in zwei Teile zerlegt38 und liefert Vorlagen für das Zeichnen von Tieren, zunächst von Vierbeinern, sodann, bei de Wit nun der sechste Teil, von Vögeln, Insekten und Fischen.39 Inwiefern Pöppelmann der Besitz eines solchen Zeichenlehrbuches nun tatsächlich als praktische Zeichenhilfe von beruflichem Nutzen gewesen sein konnte, sei dahingestellt. Es mag ihm, davon abgesehen, aber auch als Statussymbol für den als Hofbaumeister beanspruchten Rang eines Hofkünstlers gedient haben. Eine gelehrte Kennerschaft in den bildenden Künsten war hierfür unabdingbar, und der Besitz eines Zeichenlehrbuches konnte ein solches Bestreben signalisieren.40 Auch darf nicht vergessen werden, dass in der Frühen Neuzeit Malerei und Bildhauerei gegenüber der von Pöppelmann praktizierten Architektur als komplementäre Künste galten, wobei alle drei Gattungen die Zeichenkunst als verbindende Grundlage hatten.41 Zudem oblagen Pöppelmann als Hofbaumeister bei den bereits erwähnten Ausstattungsarbeiten dirigistische Aufgaben, die eine gewisse Kennerschaft in den Sparten Malerei, Skulptur und Kunsthandwerk erforderten. Schließlich darf der Unterhaltungswert des von de Wit herausgebrachten Zeichenlehrbuches keinesfalls unterschätzt werden. So bietet beispielsweise der vierte Teil qualitätvolle Kupferstichserien, deren Druckplatten im Fall der Neun-Musen-Folge von dem damals schon berühmten Harlemer Maler und Kupferstecher Hendrick Goltzius (1558–1617) nach eigenen Zeichnungen graviert worden waren.42 Hinzu kommen zehn Kupferstiche nach eindrucksvollen Figurenkompositionen des Utrechter Malers Abraham Bloemaert (1566–1651), welche die biblischen Vorlagenblätter bilden.43 Auch die Vorzeichnungen zu den Darstellungen vierbeiniger Tiere stammen von einem prominenten Meister seines Fachs, dem niederländischen Landschafts-, Blumen- und Tiermaler Roelandt Savery (um 1576/78–1639).44 Und letztendlich sollte man in Anbetracht der männlichen Zielgruppe der Edition einen über

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den Kunstwert der Illustrationen hinausgehenden Augengenuss keineswegs ignorieren: Mehrheitlich strahlen nämlich die offenbar von van de Passe ersonnenen 19 weiblichen Aktdarstellungen des dritten Teiles eine gewisse laszive Erotik aus.45

2.

Säulenbücher

Als Handbücher, die einem frühneuzeitlichen Architekten beim Entwerfen Hilfe­ stellung boten, fungierten die sogenannten Säulenbücher, welche die maßlich und auf­ gabenspezifisch korrekte Anwendung von Säulen- oder Pilastergliederungen zur Dekoration von Bauwerken behandeln. Dieses Thema war deshalb von grundlegender Bedeutung, weil die proportional wie formal unterschiedlichen antiken Säulenordnungen – toskanisch, dorisch, ionisch, korinthisch und römisch-komposit – das Modulsystem für eine an der römischen Antike orientierte Baukunst lieferten, die man heute als vitruvianisch bezeichnet, in Anlehnung an den einzigen aus der Referenzepoche überlieferten und in der Frühen Neuzeit kanonisch rezipierten Architekturschriftsteller Vitruv.46 Dessen Lehrbuch besaß Pöppelmann nicht, dennoch kannte er es nachweislich – ein Beleg dafür, dass ihm neben seiner Privatbibliothek noch andere Bücherreservoirs zur Verfügung standen, insbesondere die eingangs genannten, also die Hofbibliothek und eventuell auch Wackerbarths Privat­ bibliothek. Pöppelmann zitiert Vitruv in den der Kupferstichedition der Dresdner Zwingerbauten, dem sogenannten Zwingerstichwerk, beigegebenen Erläuterungen,47 und zwar anhand einer vom Leidener Humanisten Johannes de Laet (1593–1649) besorgten kommentierten lateinischen Ausgabe.48 Es geht ihm in diesem Zusammenhang jedoch nicht um Säulenordnungen, sondern um eine antike, römisch-imperiale Bautypologie, welcher der Dresdner Zwinger als multifunktionales höfisches Gebäudeensemble entsprechen sollte.49 Von den gängigen Säulenbüchern, die im Zuge der frühneuzeitlichen Vitruv-Exegese entstanden waren, besaß Pöppelmann drei Exemplare von unterschiedlichen Autoren. Es handelt sich dabei um illustrierte Handbücher, die zwar bereits im 16. Jahrhundert verfasst worden waren, aber bis zum Ende des Ancien Régime nicht an Gültigkeit einbüßten: das vierte Buch eines mehrbändigen Architekturtraktats von Sebastiano Serlio (1475–1554) in einer qualitätvollen, ins Deutsche übersetzten Ausgabe niederländischer Provenienz (Büchernachlass, lfd. Nr. 30),50 sodann das erste Buch der insgesamt vier Bücher zur Baukunst von Andrea Palladio (1508–1580) in einer erweiterten französischen Übersetzung (Büchernachlass, lfd. Nr. 54)51 sowie die Säulenregeln von Giacomo Barozzi da Vignola (1507–1573), wiederum in deutscher Sprache (Büchernachlass, lfd. Nr. 84).52 Die vom architekturkundigen Augsburger Kaufmann Jakob Rehlinger (gest. 1571) für den befreundeten, an Baukunst interessierten Antwerpener Maler Pieter Coecke van Aelst (1502–1550) ins Deutsche übersetzte Säulenlehre Serlios53 ist das älteste Architekturlehrbuch in Pöppelmanns Besitz (Büchernachlass, lfd. Nr. 30). Allerdings geht aus seinem

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Nachlassinventar nicht hervor, welche der beiden Editionen er besaß, die Erstausgabe von 1542 oder die zweite Auflage von 1558. Serlio war der erste Architekturschriftsteller, der es wagte, aufgrund eigener archäologischer Vermessungen Kritik an Vitruvs Säulenregeln zu üben und diese zu reformieren. Auch hatte er den Kanon der Säulenordnungen auf die von da ab üblichen fünf Arten erweitert – ein Klassiker der Säulenlehre also, der im frühen 18. Jahrhundert noch keinesfalls veraltet war.54 Während Pöppelmanns Serlio-Ausgabe aufgrund des an der italienischen Originalausgabe55 orientierten Quartformats und der deshalb relativ großen Illustrationen dem maßlichen Abgreifen derselben mit Lineal und Stechzirkel entgegenkam, so waren seine vom in Paris ansässigen französischen Architekten Pierre Le Muet (1591–1669) besorgten Ausgaben von Palladios und Vignolas Säulenlehren (Büchernachlass, lfd. Nr. 54 und 84) von einem anderen praktischem Nutzen, der darin bestand, dass sie aufgrund der Reduzierung auf das handliche Oktavformat eines Taschenbuches im Sinne eines Vademekums bequem auf Baustellenbesuche und Dienstreisen mitgenommen werden konnten. Le Muets Taschenausgabe von Palladios erstem Buch, von der Pöppelmann nicht die aufwändig gedruckte Pariser Originalausgabe besaß,56 sondern lediglich einen nahezu zeitgleich erschienenen, nicht autorisierten Amsterdamer Nachdruck minderer Qualität (Büchernachlass, lfd. Nr. 54), wartete über den von Palladio stammenden Text57 hinaus mit zahlreichen Abänderungen und Ergänzungen auf, welche den Traktat an spezifische Baukonventionen der französischen Architektur anpassen sollten. So findet man darin neben einer Serie von vorbildhaften, teils von Le Muet selbst entworfenen Portalen und Fenstern einschließlich eines Prunkkamins auch Anleitungen zum Bau von Satteldächern, zur Anwendung der Fachwerkbauweise und – für Pöppelmann als Hofarchitekten besonders interessant – zur Konstruktion von im barocken Schlossbau üblichen Holzlattengewölben.58 Pöppelmanns Taschenausgabe von Vignolas Säulenlehre tendierte bereits zum Duodezformat – damals als »Kleiner Vignola« bekannt, dessen Initiator wiederum der eben genannte Le Muet war (Büchernachlass, lfd. Nr. 84).59 Die italienische Originalausgabe von 1562 und die daran orientierten Nachdrucke und Übersetzungen wären aufgrund des Quartformats dagegen eher etwas für den Ateliergebrauch gewesen.60 Vignolas Säulenlehre avancierte zur populärsten der gesamten Frühen Neuzeit aufgrund von proportionalen Vereinfachungen, die vor allem den Bauhandwerkern entgegenkommen sollten.61 Auch von diesem Büchlein besaß Pöppelmann nicht die Pariser Originalausgabe, sondern einen der kostengünstigeren und zudem ins Deutsche übersetzten Nachdrucke, die in Amsterdam, Nürnberg und Augsburg in mehreren und sicherlich hohen Auflagen produziert worden waren.62 Um herauszufinden, welche seiner Säulenlehren Pöppelmann bevorzugt benutzte, benötigt man großformatige, orthogonal aufgerissene Entwurfszeichnungen, aus denen sich Maße relativ präzise abgreifen und anhand der Proportionen errechnen lassen. Unter den erhalten gebliebenen Risszeichnungen Pöppelmanns trifft dies lediglich auf wenige

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Peter Heinrich Jahn Abb. 3 Matthäus Daniel Pöppelmann: Erdgeschoss des Kronentors am Dresdner Zwinger, vorgezeichnet laut Datierung 1721, Kupferstich von Johann Georg Schmidt, aus: Vorstellung und Beschreibung Des […] von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen/ erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden, 1729, Tafel I. SLUB Dresden/Kartensammlung, Inv.-Nr.: B1987.

Aufrisse der Langgalerie des Dresdner Zwingers zu, die zudem nur in mittelbarer, da gedruckter Form im Zwingerstichwerk überliefert sind: im gleichen Maßstab einmal das hofseitige Erdgeschoss des Kronentors (Abb.  3) und zweimal die Arkatur mit unterschiedlichen Kaskadenbrunnen sowie, leicht vergrößert, eine Figurennische des genannten Tores.63 Ein zwischen diesen Rissen vorgenommener Maßvergleich erweist, dass es entweder Pöppelmann, die ihm assistierenden Bauzeichner oder aber der Kupferstecher mit der zeichnerischen Präzision, allem damaligen Maßfetischismus zum Trotz, nicht allzu genau nahmen.64 Maßliche Unstimmigkeiten bestehen zahlreich, und in dem Blatt, das den kleinen Kaskadenbrunnen zeigt, fehlt sogar eine Faszie des ansonsten vierteiligen Architravs, was geringfügig zu hohe Pilaster zur Folge hat.65 Dennoch lässt sich, wenn man mit Durchschnittswerten operiert, aus dem genannten Planmaterial, am eindeutigsten aus dem die Tordurchfahrt des Kronentores abbildenden Aufriss (Abb. 3),66 eine Anwendung von Vignolas Säulenlehre extrahieren.67 Lediglich bei der Unterteilung des Gebälks ging Pöppelmann eigene Wege, indem er nicht etwa Architrav und Fries gleich hoch ausbildete, wie es sich Vignola zufolge für die römisch-komposite Säulenordnung gehören würde, sondern umgekehrt Fries und Kranzgesims einander in den Höhen anglich. Eine solche Lösung findet sich zwar auch bei Vignola, jedoch bei der dorischen Säulenordnung, deren Modulsystem sich aber aufgrund einer geringeren Säulenhöhe nicht ohne Weiteres auf die römisch-komposite Ordnung übertragen lässt.68 Der Regelverstoß erweist sich als notwendiger Kunstgriff, wurde doch auf diese Weise vor allem der mittig verlaufende Fries gestreckt, womit mehr Raum für daran angebrachte Bauzier zur Verfügung stand. Bekanntlich war ein gesteigerter Einsatz derselben von Bedeutung, um

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der Zwingerarchitektur das gewünschte symbolisch aufgeladene festliche Gepräge verleihen zu können.69 Bezüglich Pöppelmanns Gebrauch der Säulenbücher lässt sich also resümieren, dass er die praktikablere der jüngeren italienischen Säulenlehren bevorzugt zu haben scheint, muten doch gegenüber Vignolas relativ simplen Regeln diejenigen Palladios aufgrund der vielen proportionalen Feinunterteilungen ein wenig verstiegen an. Trotz solcher pragmatisch begründbarer Vorlieben war es jedoch im frühen 18. Jahrhundert bereits unverzichtbar geworden, den Überblick über die einzelnen Architekturschriftsteller und deren Säulenlehren zu bewahren, weil sich diese in den für Stützglied und Gebälk empfohlenen Proportionen mehr oder weniger unterschieden. Pöppelmann half hierbei ein weiteres illustriertes Handbuch, das man als vergleichende Säulenlehre oder auch Säulenordnungskonkordanz bezeichnen kann. Diese Gattung der Architekturtheorie kam im 17. Jahrhundert auf, um Abhilfe zu schaffen, weil innerhalb der Architektenschaft die Verwirrung über die voneinander abweichenden Empfehlungen für Säulenproportionen stetig zugenommen hatte.70 Mit dem vom kursächsischen Land- und Feldmesser Johann Christian Seyler (1651–1711) in Leipzig erstmalig 1696 herausgebrachten Parallelismus Architectorum celebrium (Büchernachlass, lfd. Nr. 12) besaß Pöppelmann ein damals aktuelles und zudem auf dem heimischen Buchmarkt erwerbbares Werk, das ihm einen Überblick über die Säulenlehren von zehn Autoritäten vermitteln konnte, darunter neben Vitruv und sieben seiner frühneuzeitlichen italienischen Exegeten71 auch der deutsch-niederländische Architekturtheoretiker Nikolaus Goldmann (1611–1665)72 sowie der französische Akademiker Nicolas François Blondel (1617–1686).73 Letzterer hatte wenige Jahre vor Seylers vergleichendem Unterfangen in seinen Pariser Architekturvorlesungen die Säulenlehren der italienischen Autoren einer scharfen Kritik unterzogen und dabei mit Bestimmtheit festzulegen versucht, wem in welchem Detail überhaupt Recht gegeben werden könne.74 Deshalb bringt Seyler Blondels Bestätigungs- und Korrekturbemerkungen gesondert in einem Anhang, sozusagen als zeitgenössischen Schlusskommentar aus berufenem Munde. Die Frage allerdings, ob Pöppel­mann sich in der Praxis jemals mit einem Vergleich der einzelnen Säulenlehren auseinandersetzte, muss offen bleiben – Zweifel jedenfalls sind angebracht, da das nachweisbare Rezipieren von Vignolas vereinfachten Säulenregeln auf das Bevorzugen pragmatischer Lösungen hindeutet.

3.

Archäologie

Die römische Antike fungierte in der Frühen Neuzeit als grundlegende Referenzkultur; antike Bauwerke bildeten demnach den Gradmesser modernen architektonischen Schaffens. In seinem Zwingerstichwerk liefert Pöppelmann den Nachweis, dass er sich mit antik-römischer Bautypologie befasst hatte, insbesondere mit allen Arten von Ver­ gnügungs- und Bildungsarchitekturen, um programmatisch den Dresdner Zwinger als

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Abb. 4 Carlo Fontana: Rekonstruktion des antiken Marsfeldes zu Rom, 1694, Kupferstich von Alessandro Specchi, aus: Discorso sopra l’antico Monte Citatorio Situato nel Campo Marzio, 1708 (Büchernachlass, lfd. Nr. 9). Bayerische Staatsbibliothek München, 2 Arch. 111d.

multifunktionales höfisches Fest- und Sammlungsgebäude in römisch-imperialer Tradition begründen zu können. Als Beleg zitiert er, wie bereits erwähnt, die lateinische Vitruv-Ausgabe des Johannes de Laet, die sich nicht in seinem Besitz befand.75 Einige terminologische Fehler innerhalb seiner Aufzählung römisch-antiker Bautypen legen allerdings offen, dass Pöppelmanns lateinische wie antiquarische Kenntnisse offenkundig beschränkt waren. Vielmehr scheint er diese Bautypologie mithilfe anderer Quellen erstellt und erst im Nachhinein mit wenig Geschick versucht zu haben, ihr mit dem Verweis auf Vitruv ein antiquarisches Fundament architekturtheoretischer Prägung zu verschaffen.76 Pöppelmann besaß lediglich eine archäologische Schrift, die zudem in italienischer, also einer ihm nicht geläufigen Sprache verfasst worden war, was schwerlich auf einen selbst getätigten Buchkauf hindeutet. Es handelt sich hierbei um eine Abhandlung über die bauliche Entwicklung des einstigen Marsfeldes zu Rom von der römischen Republik bis in die damalige Gegenwart, insbesondere des Mons Citatorius (heutiger Montecitorio), verfasst von dem archäologisch interessierten päpstlichen Architekten Carlo Fontana (1638–1714),77 und zwar um die zweite, erweiterte Auflage von 1708 (Büchernachlass, lfd. Nr. 27).78 Der

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Abb. 5 Matthäus Daniel Pöppelmann: Situationsplan zum Neubau eines Residenzschlosses im Areal von Zwinger und Marstall (sogenannte Große Schlossplanung), mehrfarbig lavierte Federzeichnung, um 1716/18. SächsHStA Dresden, Ing. Corps 35e.

selbstbewusste Autor schildert darin vornehmlich, wie er im Auftrag zweier Päpste den von Gian Lorenzo Bernini (1598–1680) unvollendet zurückgelassenen Palazzo Ludovisi in ein Gerichtsgebäude um- und auszubauen hatte (Curia Innocenziana, heutiges Parlament, bekannt als Palazzo Montecitorio).79 Urbanistische Züge annehmende Planungen werden durch den Rekurs auf die monumentale antike Vergangenheit des Bauplatzes gerechtfertigt, sollte doch das päpstliche Rom demjenigen der römischen Imperatoren in nichts nachstehen. Die gegenüber der Erstauflage von 1694 stark überarbeitete und erweiterte Zweitauflage von 1708 wurde notwendig, weil bis zu diesem Zeitpunkt die Anlage des Vorplatzes unterblieben war und die Option, diesen mit einer Monumentalsäule auszuschmücken, durch das Auffinden der antiken Antoninus-Pius-Säule in unmittelbarer Nachbarschaft neue Aktualität verliehen bekam.80 Carlo Fontanas Abhandlung über das römische Marsfeld ist in öffentlichen Bibliotheken des deutschen Sprachraumes mit historischem, in die Frühe Neuzeit zurückreichenden Sammlungshintergrund äußerst rar – allenfalls ehemals fürstliche Bibliotheken besitzen ein Exemplar der ersten oder zweiten Auflage.81 Überhaupt scheint es fraglich, ob Carlo Fontana besagte Publikation für den freien Verkauf produzieren ließ; es hat vielmehr den Anschein, dass er diese als Werbeschrift in eigener Sache an Adressaten verteilte, von denen er sich Aufträge erhoffte. Wenn also Pöppelmann ein Exemplar derselben besaß, dann

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liegt die Vermutung nahe, er habe es vom Autor als Geschenk erhalten, als er sich 1710 im Auftrag Augusts des Starken in Rom aufhielt, um mit der dort den Ton angebenden Architektenschaft in Kontakt zu treten.82 Immerhin war seinerzeit die zweite Auflage der Abhandlung über das römische Marsfeld von 1708 Carlo Fontanas jüngste Publikation 83 und als solcherart Aktualität in den auf das Erscheinen unmittelbar folgenden Jahren sicherlich leicht zur Hand, falls es galt, den Besuch eines Kollegen mit einer Gabe zu honorieren. Umgekehrt bedeutet dies, dass Pöppelmanns Besitz dieser Schrift den Beleg für das von der Forschung schon seit Langem vermutete Zusammentreffen der beiden Architekten liefert.84 Pöppelmann benutzte die Illustrationen in Carlo Fontanas arAbb. 6 Andrea Pozzo: Entwurf für den Hochaltar der römichäologischer Schrift offensichtlich schen Jesuitenkirche Il Gesù, Kupferstich von Georg Konrad Bodenehr, Fig. 73 in Teil II des Perspektivtraktats, deutsche mehrfach als Vorlagen: zum einen Ausgabe 1709 (Büchernachlass, lfd. Nr. 25). das große Ausbauprojekt für den GeSLUB Dresden, Signatur: Art.plast.822-2. richtspalast, um daraus Ehrenhöfe in Form einer Exedra für den geplanten Ausbau des Residenzschlosses zu entwickeln,85 und zum anderen die Rekonstruktion des antik-römischen Marsfeldes in Vogelschauanmutung (Abb. 4), um in Anspielung auf die Monumentalsonnenuhr des Kaisers Augustus in der sogenannten Großen Schlossplanung von 1716/18 mit einer vergleichbaren Einrichtung seinen namensgleichen Dienstherrn, August den Starken, zu ehren (Abb. 5: kreisrunde, einen Brunnen umgebende Anordnung römischer Ziffern innerhalb der stadtseitigen Exedra des großen Ehrenhofes, wobei im Zentrum des Brunnens der Sockel des Obelisken angegeben ist).86 Auf dieselbe Illustration griff er kurze Zeit später noch einmal zurück, um in Anlehnung an das darin erkennbare Stadion, welches für die Abhaltung der Equirien genannten Reiterspiele bestimmt gewesen sein soll, die Orangerie im Zwingergarten zu einem von zwei Exedren eingefassten Festplatz umzubauen.87

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Abb. 7 Matthäus Daniel Pöppelmann: im Geiste von Andrea Pozzos Altarentwürfen gestalteter Mittelrisalit eines neuen Residenzschlosses im Areal von Zwinger und Marstall (sogenannte Große Schlossplanung), das polnische Königtum Augusts des Starken verherrlichend, Ausschnitt aus der Perspektivansicht des Ehrenhofes, lavierte Federzeichnung, um 1716/18. SächsHStA Dresden, Ing. Corps 35c.

4.

Vorlagenwerke

Das Heranziehen der Illustrationen von Carlo Fontanas archäologischer Abhandlung (Büchernachlass, lfd. Nr. 27) als Entwurfsvorlagen deutet auf die größte Gruppe innerhalb

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Pöppelmanns berufsbezogenem Buch- und Druckgrafikbesitz voraus – auf die sogenannten Vorlagenwerke, also Publikationen, die vorbildliche Bauwerke in Form von Plänen oder Veduten vermitteln. Vorlagen gehörten als Vermittlungsmedien zum Handwerkszeug eines frühneuzeitlichen Architekten, da das aus der Rhetoriklehre abgeleitete »imitatio«-Gebot der damaligen Kunsttheorie, der auch die Baukunst unterworfen war, das kreative Nachahmen von Vorbildern einforderte.88 Die römische Architektur der Frühen Neuzeit war in Pöppelmanns Privatbibliothek, soweit das Nachlassinventar erkennen lässt, mit drei Titeln vertreten, wenn man den bereits angesprochenen Perspektivtraktat Andrea Pozzos (1642–1709) hinzuzählt, weil darin auch dessen architektonische Inventionen präsentiert werden (Büchernachlass, lfd. Nr. 25). Wohl nicht ohne Grund besaß Pöppelmann von der zweibändigen, vordergründig als Lehrbuch der Perspektivzeichenkunst konzipierten Publikation lediglich den zweiten Band, hatte Pozzo doch in diesem seine Eigenwerbung als Baukünstler und Dekorateur gegenüber dem ersten Band noch einmal intensiviert und viele eigene Entwürfe für Architekturen, Altäre und Baudekor teils als Zeichenexempel eingebracht, teils aber auch als Gestaltungsvorlagen abgebildet. Pozzos Architekturstil ist expressiv, was die Plastizität und Wuchtigkeit von Architekturgliedern betrifft, den Hang zum Säulenpomp inbegriffen, sowie die Bizarrerie mancher Fenster- und Portalformen.89 Ersteres manifestiert sich vor allem in der Serie von Altären, die Pozzo im zweiten Band seines Traktates zwischen den als »Figura« bezeichneten Tafeln 60 und 82 ausbreitet, darunter solche, die er tatsächlich in Rom errichten konnte, und andere, die lediglich als Musterentwürfe gedacht waren (Abb. 6).90 Unverkennbar im Geist dieser pathetisch-pompösen Altäre entwarf Pöppelmann um 1716/18 den Mittelrisalit eines riesigen Residenzschlosses, welcher in einer zur Großen Schlossplanung (Abb. 5) gehörenden Schauvedute des großen Ehrenhofes dargestellt ist und dazu gedacht sein sollte, denkmalhaft das polnische Königtum Augusts des Starken zu verherrlichen – in Form eines profanierten doppelstöckigen Säulenaltars (Abb. 7).91 Affinitäten zu Pozzos pompös-bizarren Fenster- und Portalformen lassen hingegen die Bauten des Dresdner Zwingers erkennen. Gerade die wuchtigen Fenster- und Portalverdachungen der vier Saalpavillons scheinen von den Gestaltungsbeispielen inspiriert zu sein, die Pozzo im zweiten Band seines Perspektivlehrbuches auf den Tafeln 97 bis 105 darbietet.92 Unter diesen sticht auf Tafel 100 ein als besonders bizarr zu bezeichnendes Fensterpaar mit gesprengten Verdachungen heraus, dessen Giebelstücke flügelartig nach außen weisen (Abb. 8). An den Saalpavillons des Zwingers findet man eine Paraphrase dieses Motivs an den Rückfassaden des Mathematisch-Physikalischen Salons sowie des mit dem Nymphenbad verbundenen Französischen Pavillons (Abb. 9).93 Im Begleittext zu Tafel 97, der sich auf alle vorgestellten Fenster- und Portalformen bezieht, ist von »Porten und Fenster sonderbarer Invention« die Rede, für die Rom berühmt sei. Mit dem Hinweis: »[…] damit ein jeder sich derselben bedienen könne«, werden die Architektenkollegen zur Nachahmung aufgefordert. Ein ähnlicher Nachahmungsappell begleitet auch die Entwürfe für die Fassade der

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Abb. 8 Andrea Pozzo: Gestaltungsvorschläge für Fenster, Kupferstich von Georg Konrad Bodenehr, Fig. 100 in Teil II des Perspektivtraktats, deutsche Ausgabe 1709 (Büchernachlass, lfd. Nr. 25). SLUB Dresden, Signatur: Art.plast.822-2. Abb. 9 Dresden, Zwinger, sogenannter Französischer Pavillon, zum Nymphenbad weisende Rückfassade mit Mittelfenster im Stil des Andrea Pozzo. Verfasser.

römischen Lateranbasilika, welche Pozzo auf den Tafeln 83–87 des zweiten Bandes präsentiert, indem es im dazugehörigen Begleittext heißt: »Indessen können diese Risse klugen Köpffen eine Anreitzung geben/ auf noch schönere neue Inventionen zu gedencken.«94

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Abb. 10 Andrea Pozzo: Konfrontation architektonischer »Inventionen« (links und rechts) mit konventioneller Architektur (mittig) anhand von Fassadenbeispielen für die römische Lateranbasilika, Kupferstich von Georg Konrad Bodenehr, Fig. 87 in Teil II des Perspektivtraktats, deutsche Ausgabe 1709 (Büchernachlass, lfd. Nr. 25). SLUB Dresden, Signatur: Art.plast.822-2.

Pöppelmann ist offenbar auch dieser Aufforderung gefolgt, denn die für den Dresdner Zwinger entworfenen Portaltürme, zum einen das Kronentor95 und zum anderen ein nicht realisierter Torbau, dessen Aufrisse im Zwingerstichwerk veröffentlicht sind,96 haben aufgrund der doppelstöckig übereinander gestapelten Arkaden sowie der zwischen den beiden Geschossen vermittelnden Gewölbeöffnungen (sogenannte Hypäthralgewölbe) typologisch ihr Vorbild in der auf den Tafeln 85 bis 87 vorgestellten »Zweiten Invention« Pozzos für besagte Kirchenfassade.97 Pozzo lobt daran im Tafel 83 zugeordneten Begleittext insbesondere die Gewölbeöffnungen, weil dadurch das Architekturgebilde im Fall einer Ausführung »sehr schön und prächtig wäre wegen des starken Lichts, so durch die viele [sic!] Oeffnungen einfällt; als durch welche man allenthalben hin, ja bis zu der oberen Kuppel sehen könnte«. Gerade der Schluss dieser Bemerkung lässt deutlich werden, dass es auf den szenografisch fokussierenden Effekt des vertikalen Durchblickes besonders ankam. Überhaupt scheint der Pöppelmann nach 1709 zugängliche Begleittext zu den Lateranfassaden mit dem darin enthaltenen imitativen Inventionsappell auch noch in einem anderen Zusammenhang für die bauliche Entwicklung des Dresdner Zwingers entscheidend gewesen zu sein und zwar hinsichtlich der Kontrastierung unterschiedlicher Stillagen, deren

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plötzliches Einsetzen um 1713/14 beim Bau des Kronentores durchaus erklärungsbedürftig erscheint.98 Der wenige Jahre später errichtete Wallpavillon ist Konsequenz und zugleich Gipfelpunkt dieses neuen Bemühens um baukünstlerische Akzentsetzungen.99 Pozzo könnte insofern damit zu tun haben, als er es nämlich nicht dabei belässt, seine beiden Fassadenentwürfe für die Lateranbasilika, die man dem mit Wandkurvungen operierenden römischen Hochbarock zurechnen darf, einzeln zu präsentieren. Er konfrontiert sie auf Tafel 87 vielmehr zum Zwecke der Effektmaximierung mit einer »gemeinen Architectur«, einer konventionellen Architektur also in Gestalt einer Loggienfassade, bestehend aus einer plan angelegten doppelstöckigen Arkadenarchitektur (Abb. 10). Als konventionell im Sinne Pozzos wären auch die Bogengalerien des Dresdner Zwingers zu werten, wohingegen Kronentor und Wallpavillon als akzentuierend implantierte Architekturgebilde dessen Inventionsbegriff folgen. Abschließend sei hinsichtlich der kreativen Verwendung von Pozzos Traktat noch der erste Teilband in die Betrachtung mit einbezogen, obgleich sich dieser nicht in Pöppelmanns Besitz befand. Darin ist eine dem Kronentor des Dresdner Zwingers typologisch entsprechende haubenförmige Bedachung einer vergleichbar aus Bögen aufgebauten Gerüstarchitektur zu finden, und zwar auf Tafel 60, in Zusammenhang mit einem Ziborium. Dieser Umstand mag einen Hinweis darauf geben, dass Pozzos innovatives Perspektivlehrbuch Pöppelmann unabhängig vom Erwerb seines Teilbandes in Gänze in der kurfürstlichen Bibliothek zugänglich gewesen sein muss.100 Das Thema der römischen Palastbaukunst war für Pöppelmann als Hofbaumeister Augusts des Starken essenziell. Diese brachte ihm das in Nürnberg nachgestochene Tafelwerk des römischen Architekten Pietro Ferrerio (um 1600–1654) zur Anschauung, und zwar überwiegend in Aufrissen (Büchernachlass, lfd. Nr. 11).101 Allerdings enthält diese vom Nürnberger Verleger Johann Jakob von Sandrart (1655–1698) publizierte Edition lediglich 15 der in der Originalausgabe vorgestellten 31 Paläste der Ewigen Stadt.102 Unter diesen 15 Palästen stechen als Ausnahmen von der Regel der Palazzo Barberini aufgrund seiner Loggienfassade und der Palazzo Pamphili an der Piazza Navona durch seine Risalitgliederung heraus – alle übrigen Beispiele folgen dem in Rom üblichen Schema einer weitgehend ungegliederten und vor allem von Fenstern durchsetzten rechteckigen Fassadenfläche. Letztlich konnte Pöppelmann aber nur am Beispiel des Palazzo Pamphili lernen, wie man eine zeitgemäße Schlossfassade mithilfe von Pilastergliederungen oder Wandfelderungen sowie Logenöffnungen spannungsvoll zu unterteilen beziehungsweise zu akzentuieren vermochte. Einige seiner Entwürfe für die stadtseitige Ostfassade des Dresdner Residenzschlosses zeugen von dieser kreativen Auseinandersetzung mit der römischen Vorlage.103 Die Paraphrase des römischen Palazzo d’Aste, welche in der erhalten gebliebenen Entwurfszeichnung Pöppelmanns für die Seitenfassade des Taschenbergpalais aufscheint,104 gibt einen Hinweis darauf, dass Pöppelmann über sein im Umfang bescheidenes Privatexemplar von Ferrerios Edition der römischen Paläste hinaus auch die wesentlich umfangreichere italie-

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nische Originalpublikation kannte. Vom berühmten römischen Vedutenzeichner Giovanni Battista Falda (um 1640–1678) war diese zudem in den 1670er Jahren noch um einen zweiten Teil bedeutend erweitert worden, der nun auch den Palazzo d’Aste als einen der seinerzeit modernsten und elegantesten Paläste Roms abbildet.105 Es ist davon auszugehen, dass zumindest in der kurfürstlichen Bibliothek eine solche Gesamtausgabe vorhanden war, die Pöppelmann dort schon vor seiner 1710 erfolgten Romreise als Vorlagensammlung zur Verfügung stand. Ein umfassenderes Bild der Ewigen Stadt im Sinne eines zeitgenössischen Architekturkosmos profaner wie sakraler Art führte Pöppelmann die in Rom vom Verleger Matteo Gregorio De Rossi (1638–1702) herausgegebene, im Titel als »splendore delle fabbriche in prospettive« gepriesene dreibändige Vedutensammlung vor Augen (Büchernachlass, lfd. Nr. 33).106 Den an der Piazza Navona beheimateten Verlag darf man keinesfalls mit der namensähnlichen Offizin von Giovanni Giacomo De Rossi (1627–1691) und dessen Sohn Domenico (1647–1729) verwechseln, die unweit davon ihren Sitz hatte, aber unter dem Namenssuffix »a Santa Maria della Pace« oder schlicht und einfach »alla Pace« firmierte.107 Im Verlag von Giovanni Giacomo De Rossi waren in den 1660er Jahren unter dem Pontifikat des wegen seiner opulenten Bautätigkeit berühmt gewordenen Barockpapstes Alexander VII. (reg. 1655–1667) die qualitativ hoch stehenden Rom-Veduten Giovanni Battista Faldas erschienen,108 als deren unverhohlene Kopien sich die Tafeln der von Matteo Gregorio De Rossi in den 1680er Jahren herausgebrachten Vedutenserie bereits im Untertitel der Publikation offenbaren – Letzteres sicherlich als ein mit verkaufsförderndem Kalkül betriebenes Anknüpfen an Faldas Bekanntheitsgrad.109 Qualitativ jedoch fallen die von dem weitgehend unbekannten, aus den Marken stammenden Architekturmaler Giuseppe Tiburzio Vergelli vorgezeichneten und von anonym bleibenden Kupferstechern gravierten Reproduktionen gegenüber ihren Vorlagen deutlich ab. Pöppelmann hatte also die billigere Variante der damals erhältlichen Rom-Veduten erstanden. Sicherlich wird er diese als Souvenir während seines bereits erwähnten Rom-Aufenthaltes gekauft haben.110 Dieser dauerte mehrere Wochen und erfolgte im Frühjahr 1710 im Rahmen einer in königlicher Mission unternommenen Fortbildungsreise, deren Zielsetzung es war, Erfahrungen für den geplanten modernisierenden Ausbau des Dresdner Residenzareals zu sammeln.111 Neben der römischen Baukunst fungierte die zeitgenössische französische Palast- und Gartenarchitektur für den deutschen Spätbarock als gleichberechtigte architektonische Leitkultur. Dieser widmeten sich in Pöppelmanns Privatbibliothek zumindest vier Titel. Zwei davon vermittelten als umfangreiche Tafelwerke Überblicke über die Tradition und Bandbreite der französischen Schloss- und Gartenbaukunst, wovon sich aber lediglich dasjenige der Pariser Stecherfamilie Pérelle annähernd sicher bestimmen lässt. Auch dabei handelt es sich, wie der Titel Vues des belles maisons de France erahnen lässt, um Porträts bedeutender Landschlösser und deren Gartenanlagen, darunter so klangvolle Namen wie Meudon, St. Cloud, Maisons, Chantilly und Vaux-le-Vicomte (Büchernachlass, lfd. Nr.

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32).112 Weil aber die überwiegend von Adam Pérelle (1640–1695) vorgezeichnete und von dessen Bruder Nicolas (1631–1692) gestochene Vedutenserie in den Pariser Verlagen von Nicolas Langlois Vater und Sohn (1640–1703/1670–1707) sowie Jean Mariette (1660– 1742) seit den 1670er Jahren in unterschiedlichen Zusammenstellungen vertrieben wurde, lässt sich der Umfang an Pérelle-Stichen, die Pöppelmann besaß, nur bedingt einschätzen.113 Im Fall der zweiten darin angeführten Vedutenserie stehen die Chancen für eine sichere Identifizierung noch schlechter, weil einerseits der Eintrag Architectures et Jardins wie ein Behelfstitel anmutet, andererseits Angaben zu Stecher beziehungsweise Zeichner oder Verleger fehlen (Büchernachlass, lfd. Nr. 34).114 Ein Grund hierfür könnte darin liegen, dass Pöppelmanns Exemplar kein offizielles Titelblatt aufwies und daher ersatzweise nur der Rückentitel des Einbandes notiert wurde. Der den Titeleintrag ergänzenden Beifügung »durch und durch mit Kupffern« zufolge muss es sich bei den Architectures et Jardins allerdings um eine umfangreiche Kupferstichserie gehandelt haben.115 Unabhängig von der Frage jedoch, welche Bauten und Gärten in den beiden französischen Vedutenserien abgebildet gewesen sein mögen, darf vermutet werden, dass Pöppelmann diese während seines Aufenthaltes in Paris als Souvenirs auf seiner Frankreichreise erwarb.116 Ergänzend zu diesen Überblickswerken zeigten zwei weitere Kupferstichserien in Pöppelmanns Besitz monografisch französische Schlossanlagen, zum einen das noch überwiegend renaissancezeitliche Königsschloss in Fontainebleau, zum anderen das frühbarocke Landschloss Richelieu. Die erstgenannte Edition, um 1700 herausgegeben vom Amsterdamer Verleger Cornelis Danckerts d. J. (1664–1717), gibt in 16 Blatt einen Überblick über die Schlossanlage von Fontainebleau (Anhang, Nr. 14).117 Eigenartig erscheint, dass Pöppelmann eine monografische Vedutenserie zu Fontainebleau besaß, ist der Bau doch gemeinhin auch in den Landschlossveduten der Gebrüder Pérelle enthalten. Außerdem scheint es sich bei den von Danckerts verlegten Veduten um Nachstiche einschlägiger französischer Vorlagen zu handeln.118 Besaß Pöppelmann also eventuell unvollständige französische Originalserien von Schlossveduten, die er peu à peu zu ergänzen trachtete? Schloss Fontainebleau jedenfalls entpuppt sich in den perspektivischen Ansichten als ein nur bedingt reguliertes, in mehreren Etappen entstandenes Palastkonglomerat,119 welches Pöppelmann für das Lösen der ihm als Dresdner Hofbaumeister gestellten Aufgaben durchaus Anregungen geben konnte, wurde von ihm doch verlangt, das nach damaligen Gesichtspunkten ungeordnet aus der Renaissancezeit überkommene Dresdner Residenzareal durch den Ausbau von Zwinger und altem Residenzschloss so gut wie möglich zu systematisieren (vgl. z. B. Abb. 5).120 Die zweite der beiden monografisch einem französischen Schlossbau gewidmeten Editionen, gezeichnet und gestochen vom bedeutenden Pariser Architekturpublizisten Jean Marot (1619–1679), stellte das in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts errichtete frühbarocke Landschloss Richelieu und dessen weitläufigen Garten vor, einst Stammsitz von Armand-Jean du Plessis de Richelieu (1585–1642), der als einflussreicher Kardinal, mächtiger

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Premierminister Ludwigs XIII. und engagierter Kunstmäzen in die Geschichte einging.121 Marot hatte Ansichten und Pläne dieser Schlossanlage sowohl in einer Oktav- als auch in einer Folioausgabe herausgebracht,122 und es erstaunt, dass Pöppelmann davon die größere Version besaß, welche das Schloss Richelieu einschließlich Garten in einer 20 querformatige Blätter umfassenden Mischung aus Grund- und Aufrissen sowie Veduten vorstellt (Büchernachlass, lfd. Nr. 22). Die landestypische Pavillonbauweise dieses im frühen 19. Jahrhundert zerstörten Schlosses war als ein Beispiel unter vielen mustergültig für die dem Dresdner Hofbaumeister abverlangte absolutistische Schlossarchitektur. Dass Pöppelmann in diesem Zusammenhang die französische Bauart souverän beherrschte, bezeugt beispielsweise ein an Pavillons reicher Entwurf für den Um- und Ausbau des Dresdner Residenzschlosses.123 Wie schon bemerkt, war Pöppelmann beim Wiederaufbau des brandzerstörten Dresdner Residenzschlosses auch in die Einrichtung der Prunkgemächer involviert.124 In der Interieurkunst gab in den 1710er Jahren der französische Geschmack den Ton an. Als Hauptstück einer französischen Raumausstattung fungierte der offene Kamin, dessen Mantel genannte Einfassung einen Sims bildete, auf dem kostbare Gegenstände aufgestellt werden konnten, und über dem als Aufsatz ein gemaltes beziehungsweise reliefiertes Bildfeld oder aber ein aufwändig gerahmter Spiegel in die Wand eingelassen war. Pöppelmann besaß für das Gestalten solcher Kaminverkleidungen ein Vorlagenwerk, das auf ein wenig irreführende Weise als alleinigen Autor den Pariser königlichen Architekten Pierre Bullet (1639–1716) im Titel führt (Büchernachlass, lfd. Nr. 26). Es handelt sich dabei jedoch um eine unsystematisch kompilierte niederländische Sammelausgabe von überwiegend nicht autorisierten Nachstichen verschiedener französischer Serien von Kaminentwürfen, die während der 1680er Jahre in Amsterdam für den Verlag von Justus Danckerts (1635–1701) produziert worden waren.125 Neben sechs Gestaltungsvorschlägen Pierre Bullets, welche dem Originaltitel zufolge angeblich realisierten Palaisbauten entnommen sein sollen,126 enthält die Edition zudem drei Musterentwürfe des weitgehend unbekannten Pariser Architekturzeichners Laurent Francart (geb. um 1660),127 sodann in ihrem maximalen Umfang sechs weitere Musterentwürfe des ebenfalls in Paris wirkenden Ornamententwerfers und Kupferstechers Jean Lepautre (1618–1682)128 und schließlich als Ergänzung eine originär für das Verlagshaus Danckerts entworfene, wiederum sechsblättrige Folge von Kamin- und Wandverkleidungen eines niederländischen Architekten, welcher inzwischen als der aus Harlem stammende Pieter Post (1608–1669) identifiziert worden ist.129 Da die Edition, abhängig von den darin kompilierten Einzelfolgen, in unterschiedlichem Umfang vertrieben wurde, lässt sich aufgrund der im Nachlassinventar diesbezüglich fehlenden Angaben nicht exakt bestimmen, welche Ausgabe Pöppelmann besaß – also entweder eine lediglich die zehn Bullet- und Francart-Entwürfe beinhaltende kleine Serie oder aber eine der 16 beziehungsweise 22 Blatt umfassenden größeren Serien.130 Festzuhalten bleibt, dass Pöppelmann, der 1715 in Paris jedenfalls noch Gelegenheit gehabt hätte, in Pierre Bullet einen

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der Inventoren seiner Kaminentwurfsserie persönlich anzutreffen,131 sich wiederum keine Originaledition zugelegt hatte, um seine Interessen an französischer Innenarchitektur zu stillen, sondern lediglich einen nicht autorisierten Nachdruck. Darüber hinaus mangelte es den darin vorgestellten Kaminverkleidungen zu seiner Zeit an Aktualität, da sie den inzwischen veralteten Geschmack des späten 17. Jahrhunderts vertraten, mit der Folge, dass sie aufgrund untersetzter und daher behäbig wirkender Proportionen für die Ausstattung höfischer Prunkappartements nicht mehr geeignet waren. Als Dresdner Hofbaumeister musste Pöppelmann neben der internationalen Orientierung selbstverständlich auch den Überblick über die nationale Entwicklung der Schlossbaukunst wahren. Sein Besitz an Druckgrafik wies, soweit er bestimmbar ist, vier Publikationen zur zeitgenössischen Schlossarchitektur im deutschen Raum auf. Eine von diesen führte in Kupfer gestochen das in den 1660er Jahren im niederländischen Stil errichtete Potsdamer Stadtschloss und die ein wenig abseits davon gelegene Fasanerie sowohl in Grund- und Aufrissen als auch Veduten vor Augen (Büchernachlass, lfd. Nr. 51).132 Pöppelmann besaß laut Nachlassinventar lediglich 15 Blatt der eigentlich 16-teiligen Edition.133 Der vom Architekten Johann Georg Memhardt (1604–1678) entworfene Schlossbau, nach dessen Zeichnungen auch die Kupferstiche von Johann Gottfried Bartsch134 angefertigt wurden, folgt noch dem Typus des kastellartigen Wasserschlosses, dessen Corps de Logis durch drei Pavillons akzentuiert ist, während drei niedrige Flügel einen Ehrenhof einfassen. Obgleich die vergleichsweise nüchterne Architektur des Schlosses, das im 18. Jahrhundert im jüngst rekonstruierten Erweiterungsbau Friedrichs des Großen (König von Preußen, reg. 1740–1786) aufging, schon zu Pöppelmanns Zeiten nicht mehr aktuell war, mag dennoch die Lage des Gebäudes am Ufer der Havel mit der zum Fluss gerichteten Gartenfassade im Rahmen der Planungen für das Wasserpalais der Pillnitzer Schlossanlage interessant gewesen sein.135 Gegenüber den retrospektiv anmutenden Darstellungen des Potsdamer Stadtschlosses darf diejenige Kupferstichedition, welche der herzoglich-württembergischen Sommerresidenz in Ludwigsburg gewidmet ist, als brandaktuell verbucht werden, da deren Erscheinungsjahr in Pöppelmanns Spätzeit fällt (Büchernachlass, lfd. Nr. 38).136 Zudem war Pöppelmann deren Herausgeber, Donato Giuseppe Frisoni (um 1681–1735), als herzoglich-württembergischer Hofarchitekt beruflich im Rang ebenbürtig. Die 1727 in Augsburg im von Jeremias Wolff begründeten Verlag herausgebrachte Folge stellt in 18 Blatt, wie üblich in einer Mischung aus Plänen, Detailrissen und Veduten, die riesige Schlossanlage und deren weitläufige Gärten vor,137 welche zu den größten im deutschen Raum zählte. Die bis zum Erscheinungsjahr der Edition errichteten drei Flügel des Schlosskomplexes zerfallen in mehrere Einzelgebäude von pavillon- oder palastartigem Zuschnitt, darunter zwei sakral wirkende Zentralbauten, deren einer die Schlosskirche aufnimmt.138 Zur Darstellung kommt in Frisonis Stichwerk neben dem Residenzschloss auch ein innerhalb der Gartenanlagen errichtetes villenartiges Lustgebäude,

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die sogenannte Favorite. Da August der Starke stets bemüht war, mit den regierenden Fürsten des Heiligen Römischen Reiches in Sachen baulicher Repräsentation zumindest gleichzuziehen, wenn nicht gar diese zu übertreffen, erinnert sei hierbei beispielsweise an die Große Schlossplanung von 1716/18 für das Dresdner Residenzareal (Abb. 5 und 6),139 benötigte Pöppelmann auch stets von Neuem geeignetes Informationsmaterial, um über die aktuellen Entwicklungen des deutschen Schloss- und Residenzbaues auf dem Laufenden zu bleiben. Allerdings war er zum Zeitpunkt der Publikation von Frisonis Ludwigsburg-Edition bereits mit keiner großen Schlossbauplanung mehr alleinverantwortlich beschäftigt. Paradigmatisch hierfür ist, dass Pöppelmann beim 1728 ins Werk gesetzten Umbau des Holländischen zum Japanischen Palais nur mehr als Mitglied eines Planungskollektivs agieren konnte.140 Ein anderes, eineinhalb Jahrzehnte älteres Vorlagenwerk zur deutschen Schlossbaukunst, das statt eines existierenden Bauwerkes lediglich programmatisch zu verstehende Musterentwürfe vorstellt, dürfte Pöppelmann dagegen schon unmittelbar nach dessen Erscheinen bekannt gewesen sein. Gemeint ist der in Augsburg bei Jeremias Wolff verlegte Fürstliche Baumeister des zuletzt markgräflich-bayreuthischen Hofbaumeisters Paul Decker d. Ä. (1677–1713), von dem Pöppelmann zum Zeitpunkt seines Todes den ersten, 1711 publizierten Teil in seiner Wohnung hatte (Büchernachlass, ohne lfd. Nr., siehe stattdessen Nr. lt. Akte 384 und 386). Wiederum handelt es sich um die Publikation eines standesgleichen Kollegen. Ob Pöppelmanns Exemplar, ohne dass dies im Nachlassinventar eigens verzeichnet worden wäre, auch den 1713 nachgelieferten Anhang umfasste, welcher die auf dem Titelblatt des ersten Teiles angekündigten Gartenarchitekturen enthielt, ist nicht zu entscheiden.141 Im Fall von Deckers Fürstlichem Baumeister vermerkt das Nachlassinventar, dass dieser Band dem Oberlandbaumeister Johann Christoph Knöffel (1686–1752) gehöre, einem jüngeren Oberbauamtskollegen, und folglich als fremdes Eigentum von der vererbbaren Habe ausgeschlossen sei.142 Ergänzend vermerkt ein gesondert aufgenommenes Inventar der Zeichenstube explizit, das querformatige, reich illustrierte Vorlagenwerk in Folio »soll Knöfeln gehören«; anstelle einer Buchleihe Pöppelmanns, wie bisher angenommen, handelt es sich hierbei also eindeutig um eine Schenkung desselben an Knöffel im Sinne eines Vermächtnisses.143 Knöffel stand nicht nur während der letzten Lebensjahre Pöppelmanns dessen Familie freundschaftlich nahe,144 sondern war als sein Dienstnachfolger im kurfürstlich-sächsischen Oberbauamt145 der adäquate Empfänger eines derart anspruchsvollen, mit den Gestaltungsaufgaben eines Hofbaumeisters vertraut machenden Buchgeschenks. Belegt ist jedenfalls hinsichtlich der Kenntnis des Fürstlichen Baumeisters, dass Pöppelmann das querformatige, reich illustrierte Vorlagenwerk in Folio im Jahr 1713 aufgrund königlicher Order an seinen Dienstherrn nach Warschau übersenden musste.146 Zum damaligen Zeitpunkt hatte er den modernisierenden Ausbau des Dresdner Residenzareals planerisch zu bewältigen. Deckers programmatische Publikation war hierbei von Inte­

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Abb. 11 Leonard Christoph Sturm: Musterentwurf für ein Residenzschloss, Grundriss des Erdgeschosses, Kupferstich, aus: Prodromus Architecturæ Goldmannianæ, 1714 (Büchernachlass, lfd. Nr. 42), Tafel II. Schädlich (1990), S. 118.

Abb. 12 Matthäus Daniel Pöppelmann: Entwurf eines Schlossgebäudes (Prinzenpalais?) am Zwingergarten, Grundriss, um 1715, Umzeichnung gemäß eines Situationsplans zur Neugestaltung des Dresdner Residenzareals. Heckmann (1972), S. 88/Abb. 60 nach SächsHStA Dresden, OHMA P, Cap. I A, Nr. 22.

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Peter Heinrich Jahn Abb. 13 Leonard Christoph Sturm: Entwürfe für den Münzturm des Berliner Stadtschlosses, 1706, Aufrisse, Kupferstiche, aus: Prodromus Architecturæ Goldmannianæ, 1714 (Büchernachlass, lfd. Nr. 42), Tafeln XVI, XX und XXIV. Schädlich (1990), S. 99.

resse, weil sie neue Maßstäbe in Sachen standesgemäßer baulicher Repräsentation setzte, wird doch darin den deutschen Fürsten und ihren Architekten mit visionärem Gestus eine bis dahin kaum gekannte Prunkentfaltung vorgeführt. Der erste Teil ist bereits opulent, indem er auf 59 Querfoliotafeln, die überwiegend Detailaufrisse zeigen, den Musterbau eines fürstlichen Residenzschlosses vorstellt, wobei die Prunkgemächer, welche zwischen distinguiertem französischen Wanddekor und italienischem Säulenpomp changieren, im Zentrum des Darstellungsinteresses stehen. Der 40 Tafeln enthaltende Anhang von 1713 visualisiert ergänzend Gartenarchitekturen und Brunnen aller Art, ein weiteres Residenzschloss, mehrere Lust- und Landschlösser sowie zwei Idealansichten der markgräflichen Residenz zu Erlangen in Vogelschau. Unabhängig davon, wie umfassend seine private Ausgabe des Fürstlichen Baumeisters tatsächlich war, kannte Pöppelmann den ersten Teil vermutlich komplett. Die überkuppelten Eckrisalite einiger seiner Fassadenentwürfe scheinen beispielsweise direkte Reflexe auf Deckers Musterentwurf für ein fürstliches Residenzschloss zu sein,147 während die Ω-förmig angelegte Orangerie am Wall, die Pöppelmann als Initialbau des Dresdner Zwingers errichtete, aufgrund der von einem Logenbau, dem sogenannten Wallpavillon, überhöhten Exedra typologisch derjenigen folgt, die Decker im Anhang des ersten Teiles publizierte (Tafel 7 f.).148 Auch dürfte der ebenfalls im Anhang vorgestellte, ein wenig hypertroph ausgefallene Turm, welcher laut Untertitel des Kupfer-

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Abb. 14 Matthäus Daniel Pöppelmann: Entwurf für den Turm der Berliner Petrikirche, Aufriss, Risszeichnung, 1730. SLUB Dresden, Signatur: Archit.263/18.

stichs »zugleich zu Glockenspiel und Lustwassern zu gebrauchen wäre« (Tafel 3), Pöppelmann zu den beiden im Zwingerstichwerk veröffentlichten Brunnentürmen inspiriert haben, die zwar im Bauvolumen und in der Höhenentwicklung wesentlich bescheidener ausfallen, in denen aber ebenfalls ein Glockenspiel eingebaut werden sollte.149 Von zeitgenössischer, für deutsche Fürsten konzipierter Schlossbaukunst handelt innerhalb von Pöppelmanns Buchbesitz auch die 1714 ebenfalls bei Jeremias Wolff in Augsburg erschienene, querformatige Großfolio-Publikation Prodromus Architecturæ Goldmannianæ des Mathematikprofessors und protestantischen Theologen Leonhard Christoph Sturm (1669–1719), der in den letzten Jahren seines Lebens als fürstlich-mecklenburgischer Baudirektor in Schwerin wirkte (Büchernachlass, lfd. 150 Nr. 42). Schon im Titel, der auf Deutsch »Vorrede zu einer Baukunst im Sinne Goldmanns« bedeutet, wird darauf verwiesen, dass Sturm an einer durchgängig illustrierten und nach Bauaufgaben geordneten, dem Zeitgeschmack angepassten Neuedition der Architekturtheorie des deutsch-niederländischen Mathematikers Nikolaus Goldmann (1611–1665) arbeitete, die er bald herauszubringen gedachte. Aufgrund dieser editorischen Aktivitäten ist Sturm später als Wiederentdecker und Exeget Goldmanns in die Architekturgeschichte eingegangen.151 Warum er sich zur großformatigen Publikation einer Vorrede herausgefordert fühlte, hängt mit dem drei Jahre früher erschienenen Fürstlichen Baumeister Paul Deckers d. Ä. zusammen.152 Sturm erblickte darin ein editorisches Konkurrenzprojekt, weshalb sein Prodromus als kritische Reaktion auf den von Decker entfalteten Architektur- und Dekorationspomp römischer und französischer Prägung eigene, zumeist jedoch an der Ausführung gescheiterte Entwürfe enthält, die in Form detaillierter Pläne als

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Planungsmuster angeboten werden. An erster Stelle rangiert ein detailliert ausgearbeitetes Schlossprojekt (Tafeln I–VII), das eher dem dekorativ zurückhaltenden norddeutsch-niederländischen Klassizismus verpflichtet ist. Der Schloss­plan (Tafel I: Grundriss des Erdgeschosses) (Abb. 11) hätte Pöppelmann, sofern er Sturms Publikation druckfrisch erworben haben sollte, als Vorlage für ein um 1715 projektiertes dreiflügeliges Schlossgebäude dienen können, das im Dresdner Zwingerareal wohl als Prinzenpalais errichtet werden sollte (Abb. 12)153 – insbesondere wegen des weit in den Ehrenhof vorspringenden Treppenhausrisalites (wohingegen der geringfügig aus der Gartenfassade vorspringende Saalrisalit eher an das ebenfalls dreiflügelige Musterschloss des älteren Decker erinnert, laut Tafel 3 des Fürstlichen Baumeisters, 1. Teil, 1711). Die drei im Prodromus veröffentlichten Alternativentwürfe Sturms für den Berliner Münzturm (Aufrisse auf Tafeln XVI, XX und XXIV), an dessen Bau der Berliner Hofbaumeister Andreas Schlüter (1659–1714) gescheitert war,154 sind als Vorlage für die Gestaltung von Schlosstürmen gedacht, eine speziell bei den Fürstenresidenzen im deutschen Raum relevante Bauaufgabe (Abb. 13).155 Pöppelmann allerdings besaß in Sachen Schlossturm keinerlei Gestaltungsspielraum, da er bei seinen das Dresdner Residenzschloss betreffenden Umbauplanungen den bereits bestehenden Hausmannsturm unverändert zu übernehmen hatte.156 Das heißt aber nicht, dass ihm Sturms Entwürfe niemals von Nutzen gewesen wären. Beispielsweise zeigt der dritte Turmentwurf eine dem Kronentor des Dresdner Zwingers vergleichbare voluminöse Schweifhaube und muss daher unter die möglichen Vorbilder eingereiht werden, zumal die oberen drei Turmgeschosse, dem Kronentor entsprechend, als eine Art Gliederarchitektur aufzufassen sind.157 Als Pöppelmann dann gegen Ende seines Lebens die ehrenvolle Aufgabe zuteilwurde, im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. (reg. 1713–40) für die Berliner Petrikirche einen neuen Kirchturm zu planen, konnte er hierfür neuerlich auf Sturms Prodromus zurückgreifen, weil darin passenderweise einst für Berlin bestimmte Turmentwürfe als Planungsmuster zu finden waren. Und in der Tat scheint Pöppelmann in seiner nicht realisierten Planung vom Herbst 1730 eine Synthese aus den drei Münzturmentwürfen Sturms gelungen zu sein (Abb. 14), wobei der zweite aufgrund der von einer schlanken Laterne überhöhten Kuppelhaube eindeutig den Ton angibt.158

5.

Ornamentstiche

Eine Untergruppe der Vorlagenwerke bilden die sogenannten Ornamentstiche. Pöppelmann besaß von dieser Gattung, obwohl er hin und wieder auch Raumdekorationen zu entwerfen hatte,159 lediglich eine einzige mit Titelblatt edierte Kupferstichfolge, doch ist davon auszugehen, dass sich unter den im Nachlassinventar nicht näher bezeichneten, weit über 338 druckgrafischen Blättern noch weitere Ornamentstiche befunden haben. Bei der betitelten Kupferstichfolge handelt es sich um den ersten Teil eines für das Goldschmiedehandwerk bestimmten Vorlagenwerkes, das der Augsburger Goldschmied Abraham

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Abb. 15 Matthäus Daniel Pöppelmann: Architekturentwurf im Geiste eines Ornamentstichs: Seitenfassade des Wallpavillons im Dresdner Zwinger, Vorentwurf mit noch planer Arkatur, um 1715/16, Kupferstich aus: Vorstellung und Beschreibung Des […] von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen/ erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden, 1729, Tafel VII. SLUB Dresden/Kartensammlung, Inv.-Nr.: B1991.

Drentwett d. J. (1647–1729) vorgezeichnet und der Kupferstecher Georg Heinrich Schifflin (1666–1745) graviert hatte (Büchernachlass, lfd. Nr. 18). 160 Verlegt wurde die Kupferstichfolge in Augsburg wiederum von Jeremias Wolff, zu dessen Verlagsprofil auch der Vertrieb von Ornamentstichen zählte.161 Musterbuchartig werden in besagter Drentwett-Serie auf sechs Tafeln nicht nur prächtig verzierte Becken, Pokale und Vasen aller Art vorgestellt, sondern zugleich ornamentale Rahmungen in einem Übergang zwischen Akanthusund Bandwerkstil, die sich sowohl im Kleinen zur Verzierung von Goldschmiedearbeiten gebrauchen ließen, als auch im Großen zur Dekoration von Wandverkleidungen. Letzteren widmet sich sogar ein eigenes Blatt, das zwei pompöse Spiegelrahmungen zeigt. Die ersten vier Tafeln sind zudem allegorisch den vier Jahreszeiten zugeordnet. Ein Entwurf für das ehemalige Silberbüffet im sogenannten Turmzimmer des Residenzschlosses mutet beispielsweise wie eine kompilierende Synthese von aus dieser Ornamentstichserie entnommenen Motiven an, doch mag dies Zufall sein, weil das Thema der Publikation und der Gestaltungsgegenstand sich auch hinsichtlich der Stilstufe entsprechen.162 Dass Pöppelmann ein ­Faible für Ornamentstiche in französischer Manier besaß, beweist sein im Zwingerstichwerk veröffentlichter Vorentwurf für die Seitenwand des als Fürstenloge der Zwingerorangerie dienenden Wallpavillons, dessen architektonische Struktur deutlich aus dem kapriziösen Geist solcher Ornamentstiche heraus entwickelt ist (Abb. 15).163

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6.

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Bauorganisation und -verwaltung

Leonhard Christoph Sturms Großfolio-Publikation Prodromus Architecturæ Goldmannianæ (Büchernachlass, lfd. Nr. 42) dürfte für Pöppelmann neben dessen Eigenschaft als Vorlagenwerk sicherlich auch aus einem ideellen, sein berufliches Selbstverständnis als Hofbaumeister berührenden Grund von Interesse gewesen sein, werden darin doch programmatisch die Rechte, Pflichten und Aufgaben eines fürstlichen Baumeisters verhandelt. So stellt Sturm gleich an den Beginn seiner Publikation einen Forderungskatalog bezüglich der korrekten Ausübung der Zivilarchitektur und den Pflichten eines »rechtschaffenen« Baumeisters. Daran anschließend wird ein Mustertext für ein landesherrliches Edikt zur Organisation eines staatlichen Bauwesens geliefert, gefolgt von einem Anweisungskatalog zur Einrichtung und Verwaltung eines Bauhofes. Erst dann folgen in illustrierter Form die Fallbeispiele für zivile Bauaufgaben, mit denen ein Hofbaumeister im Dienst konfrontiert werden konnte: ein Residenzschloss, ein Lustschloss, ein protestantischer Kanzelaltar für Hofkirchen sowie drei Alternativen eines Schlossturmes.164 Inwiefern Pöppelmann, der seit 1718 als Oberlandbaumeister im kursächsischen Oberhofbauamt auch mit administrativen Aufgaben betraut war, von Sturms bauorganisatorischen Ausführungen profitiert haben könnte, zum Beispiel bei der Abfassung des Baureglements von 1718, bleibt zu eruieren.165 Unzweifelhaft erscheint jedoch, dass Pöppelmann Sturms Prodromus und eventuell auch dessen ebenfalls bereits als Vorlagenwerk gewürdigtes Gegenstück, Deckers Fürstlicher Baumeister (Büchernachlass, Nr. lt. Akte 384), im Sinne von Statussymbolen besaß, die in opulentem Querfolio seinen hohen beruflichen Rang, dessen Anspruchsniveau und die damit verbundenen Interessen widerspiegelten.

7.

Festungsbautraktate

Obwohl die Militärarchitektur einen Gegensatz zur einem Hofbaumeister abverlangten zivilen Baukunst bildete, besaß Pöppelmann hierzu drei Bücher.166 Es mag verwundern, dass ein Zivilarchitekt sich auch mit fortifikatorischen Problemen zu beschäftigen hatte, doch gilt es zu berücksichtigen, dass Pöppelmanns Hauptarbeitsgebiet, das Dresdner Residenz­ areal, in einem Festungsbereich lag167 und Schlossbauten selbst im fortschreitenden 18. Jahrhundert immer noch zu befestigen waren – zumindest symbolisch.168 Zu den bekanntesten Konfliktfällen zwischen den Bauinteressen Augusts des Starken im Zwingerbereich und dem Generalgouvernement der Festung Dresden zählt jener, der sich entzündete, als es 1711 darum ging, mit dem wallseitigen Saalpavillon der Zwingerorangerie (späterer Mathematisch-Physikalischer Salon) den Festungswall zu durchstoßen und auf die Wallkrone die Langgalerie zu setzen.169 Pöppelmann hatte sich drei illustrierte Festungsbautraktate beschafft, offenbar, um die mit der Befestigung zusammenhängenden Probleme verstehen und gegebenenfalls eine Schlossbefestigung entwerfen zu können: zwei italienische, die noch in der Tradition des 16. Jahrhunderts stehen, sowie einen aktuelleren, der aus den

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seinerzeit in der Fortifikation führenden Niederlanden stammt. Im Fall der italienischen Traktate ist wiederum das Bemühen zu erkennen, deutschsprachige Ausgaben zu erhalten, während der niederländische Beitrag einem in Deutschland gebürtigen Autor zu verdanken war und dementsprechend zuerst in dessen Muttersprache veröffentlicht wurde, was Pöppelmann entgegenkam. Als Klassiker der italienischen Festungsbaukunde dürfen die 1607 zum ersten Mal in Frankfurt am Main in der deutschen Übersetzung eines gewissen David Wormbser170 erschienenen Fünf Bücher vom Festungbauen des in venezianischen Diensten stehenden Militäringenieurs Bonaiuto Lorini (1540–1611) gewertet werden.171 Pöppelmann besaß davon ein Exemplar der zweiten Auflage von 1621 (Büchernachlass, lfd. Nr. 14). Der Florentiner Autor hatte seinen systematisch nach fortifikationstechnischen Anforderungen gegliederten Traktat erstmals 1592 in wenigen Widmungsexemplaren veröffentlicht und schließlich in den Jahren 1596/97 in größerer Auflage in Umlauf gebracht, beide Male in Venedig. 172 Die fünf Bücher handeln von (1) Entwurfsgeometrie einschließlich Feldmesskunst, (2) fortifikatorischer Baupraxis, (3) Mustergrundrissen, (4) Befestigungsplätzen und (5) Bautechnik. Ähnlich systematisch aufgebaut ist der nur geringfügig jüngere zweiteilige Festungsbautraktat des römischen Militäringenieurs und Artillerieoffiziers Pietro Sardi (1560– nach 1630), welcher ebenfalls in venezianischen Diensten seine Laufbahn beendete173 und folglich auch in der Lagunenstadt seine fortifikatorischen Kenntnisse veröffentlichte. Diese erschienen 1618 unter dem Anspruch heischenden Titel Corona Imperiale dell’Architettura militare (Büchernachlass, lfd. Nr. 8).174 Der erste Teil, als »Theorie« bezeichnet, kommt ohne Illus­trationen aus und ist eine gelehrte, bis in die antike Militärgeschichte ausholende Darlegung der Festungsbaukunst, welche sich an dementsprechend gebildete Leser richtet. Die fortifikationstechnischen Anforderungen werden in sieben Büchern abgehandelt: (1) Ziele der Fortifikation, (2) Befestigungsplätze, (3) Angriffs- und Belagerungsarten, (4) Bauarten der Festungen, (5) Materialität der Festungen, (6) Bewaffnung, Munitionierung und Proviantierung sowie (7) Verteidigung. Der zweite Teil, komplementär zum ersten als »Praxis« bezeichnet, veranschaulicht das theoretisch Abgehandelte anhand illustrierter Beispiele und endet in einem mit Diagrammen angereicherten Grundkurs in euklidischer Geometrie, da auf dieser das fortifikatorische Entwurfsverfahren beruht. Ob Pöppelmann in deutscher Übersetzung beide Bücher des Pietro Sardi besaß oder lediglich den nicht illustrierten ersten Teil, der von dem kurpfälzischen protestantischen Theologen und Historiografen Johann Ludwig Gottfried (1584–1633) übersetzt worden war,175 lässt sich aufgrund des unsystematisch anmutenden Editionsverlaufs der vom Frankfurter Verlagshaus de Zetter initiierten deutschsprachigen Ausgabe sowie der unvollständigen Angabe des Nachlassinventars nicht zweifelsfrei entscheiden. Dort ist zwar ein eindeutig aus dem Titel des ersten Teiles abgeleiteter Kurztitel verzeichnet sowie das Auflagenjahr 1648, in welchem lediglich der erste, 1626 erstmals verlegte Teil nachgedruckt worden war. Der zweite

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Teil hingegen erlebte seine letzte Auflage wohl 1644. Erstmalig erschienen war dieser, ohne jedoch als Teilband eines umfangreicheren Traktats bezeichnet zu sein, bereits 1622.176 Da beide Teile der deutschen Fassung von Sardis Festungsbautraktat von Anbeginn an einzeln vertrieben wurden, muss dies folglich nicht zwangsweise bedeuten, dass Pöppelmanns erstem Teil auch der zweite beigebunden war. Während die beiden italienischen Autoren noch überwiegend dem Ideal der mithilfe von Zirkelgeometrie erzeugten Festung in Form eines regelmäßigen Polygons verpflichtet sind, der sogenannten Regularfestung, verfolgte der aus Thorn gebürtige Mediziner Adam Freitag (1608–1650), welcher nach praktischen militärischen Erfahrungen in der Armee der Niederländischen Generalstaaten an der Universität Leiden Mathematik studiert hatte, in seinem 1631 erstmalig aufgelegten Fortifikationstraktat (Büchernachlass, lfd. Nr. 24) einen pragmatischeren Ansatz: Neben der Regularfestung wird nun auch der Irregularfestung als gleichberechtigter Option breiter Raum eingeräumt, aufgrund der Einsicht, dass die individuellen Geländebedingungen der zu befestigenden Plätze zumeist nur geometrisch unregelmäßige Umwallungen zuließen. Wie solche mit einem maximalen Maß an Regelmäßigkeit bewerkstelligt werden können, war also das paradoxe Problem, das es zu lösen galt.177 Pöppelmann besaß dieses auch in französischer Sprache erschienene Buch in der deutschsprachigen Originalausgabe. Allerdings verschweigt das Nachlassinventar die Auflage, was insofern von Bedeutung wäre, als ab 1635 eine verbesserte Fassung in Umlauf kam.178 Im frühen 18. Jahrhundert konnte Freitags Fortifikationstraktat, welcher die sogenannte niederländische Manier mitbegründet hatte (später als die ältere klassifiziert), trotz seines Alters durchaus noch als Klassiker der Festungsbaukunde gelten, zumal dem Buch im 17. Jahrhundert ein ungeheurer Erfolg zuteilgeworden war. Als Neuerung bot es, Freitags verlagerten Schwerpunktsetzungen entsprechend, nun auch Mustergrundrisse für diverse irreguläre Fortifikationen, und gerade diese konnten für Pöppelmann von Interesse sein, da er in seinem einzigen bekannten Festungsentwurf, der Teil der Großen Schlossplanung von 1716/18 (Abb. 5) ist, mit Problemen der Irregularfortifikation konfrontiert war. In besagter Planung umschließt eine asymmetrisch und deshalb irregulär konzipierte weitläufige Bastionärumwallung auf drei Seiten ein neues Residenzschloss, welches als gewaltiges, mit den Residenzen in Versailles, Schönbrunn und Berlin konkurrierendes Bauwerk auf dem Gelände des heutigen Dresdner Theaterplatzes sowie des ehemaligen Marstalles zu errichten gewesen wäre,179 was in Hinblick auf die Dresdner Stadtbefestigung zu einer beträchtlichen Erweiterung derselben in Richtung Westen geführt hätte. Entsprechende Muster für die als Kombination aus einer Dreieckbastion zwischen Eckbastionen sowie einem Hornwerk projektierte Umwallung konnte Pöppelmann beispielsweise den Figuren 86 und 87 der Tafel Q in Freitags Fortifikationstraktat entnehmen (Abb. 16). Auch in Zusammenhang mit der in der Großen Schlossplanung projektierten Befestigung lässt sich exemplarisch Pöppelmanns Kenntnisnahme von architektonischer Traktatliteratur nachweisen, die nicht seinem privaten Buchbesitz zuzurechnen ist. Die

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Abb. 16 Adam Freitag: Mustergrundrisse für irreguläre Befestigungen, Kupferstich von Willem Hondius, aus: Architectura militaris nova et aucta, 1631 (Büchernachlass lfd. Nr. 24), Tafel Q. SLUB Dresden, Signatur: 32.4.475.

vorgeschlagene Befestigung des Residenzschlosses greift nämlich auf den von Joseph Furttenbach (1591–1667), einem als Theoretiker hervorgetretenen Ulmer Architekten, in dessen Gartenbautraktat Architectura recreationis verhandelten Typus des befestigten (Residenz-) Schlosses zurück.180 So zeigt Furttenbachs vierter Vorschlag für einen herrschaftlichen Lustgarten (Tafel 11f.) eine mit Pöppelmanns Großer Schlossplanung formal vergleichbare Umwallung mittels Dreieckschanze und Hornwerk, während der fünfte und sechste Vorschlag (Tafeln 14 und 24f.) das Hornwerk geradewegs zum Signum eines befestigten Fürstenschlosses erheben.181

8.

Mechanik

Pöppelmanns Bücherbesitz zum Thema Bautechnik und Mechanik ist schmal, obgleich Kenntnisse in diesen Disziplinen trotz fortschreitender Spezialisierung immer noch zum Berufsprofil eines frühneuzeitlichen Architekten gehörten.182 Immerhin boten ihm seine Festungsbautraktate hierzu Basiswissen. Derjenige Lorinis enthält sogar ein eigenes Buch

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über die im Bauwesen hilfreiche Mechanik (Büchernachlass, lfd. Nr. 14).183 Die einzige monografische Publikation, die Pöppelmann zu diesem Themenkomplex besaß, war das Theatrum Machinarum Novum des fränkischen Militäringenieurs und Architekturpublizisten Georg Andreas Böckler (um 1644–1698) in der Erstauflage von 1661, welches sich dem Thema der Ausnutzung natürlicher Kräfte (Muskelkraft von Mensch und Tier sowie fließendes Wasser und Wind) zum Antrieb nutzbringender Maschinen widmete (Büchernachlass, lfd. Nr. 28).184 Dieses 154 Kupferstiche aufweisende Buch setzt sich zu knapp zwei Dritteln aus einer von Böckler erstmalig ausführlich und vollständig kommentierten Neuauflage von Maschinendarstellungen zusammen, welche auf einen diesbezüglichen Zeichnungskomplex aus der Sammlung des kaiserlichen Antiquars Jacopo Strada à Rosberg (um 1515–1588) zurückgehen und von dessen Enkel Ottavio Strada d. J. (1590– ca. 1653) in Druck gegeben worden waren.185 Das letzte Drittel besteht aus ergänzenden Abbildungen, die Böckler aus diversen älteren Maschinenbüchern hatte abzeichnen und in Kupfer stechen lassen.186 Von den 46 neu hinzugekommenen Illustrationen folgen allein 22 Maschinendarstellungen Agostino Ramelli (1531– um 1608),187 acht weitere Vittorio Zonca (1568–1602)188 und drei Stück Salomon de Caus (1576–1626).189 Weitere sechs Illustrationen sind Übernahmen aus dem Mühlenbuch von Heinrich Zeising (gest. 1613).190 Schon der Letztgenannte hatte sich mehrfach bei Ramelli und Zonca bedient, doch übertrifft ihn Böckler noch darin. Böcklers Leistung besteht nicht nur im Verfassen eines neuen Kommentars, sondern auch in der von ihm vorgenommenen systematischen Neuordnung des Bildmaterials nach Maschinentypen, Zweckbestimmung und Antriebsarten – insbesondere eine solche Ordnung hatten die früheren Editionen der Strada’schen Maschinenzeichnungen vermissen lassen. Neben dem Unterhaltungswert eines sogenannten Maschinenschaubuches191 konnten für Pöppelmann vor allem die verschiedenen Arten von Pump- und Schöpfwerken von Interesse gewesen sein. Derartige Techniken waren beispielsweise vonnöten, um die unzähligen Wasserspiele des Dresdner Zwingers betreiben zu können. Hierzu befand sich auf dem Wilsdruffer Torturm ein Hochbehälter, in welchem man Wasser sammelte, um durch Funktionalisierung des natürlichen Druckgefälles die Brunnenanlagen des Zwingers zu versorgen. Somit wurde für das Betreiben der Wasserspiele lediglich ein einziges zentrales Pump- oder Schöpfwerk benötigt, welches das Wasser über einen Höhenunterschied von 29 Ellen (bzw. knapp über 16 Meter) hinweg dem Hochbehälter zuführte. Allerdings war nicht Pöppelmann mit der Konstruktion dieser Wasserkunst betraut worden, sondern der Hofmechanikus Andreas Gärtner (1654–1727) als dafür zuständiger Spezialist.192

Resümee Pöppelmanns identifizierbarer Besitz an berufsrelevanten Büchern und Druckgrafiken ist im Rahmen dieser Studie vorrangig nach Publikationsgattungen und Themen abgehandelt

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worden.193 Dieses Vorgehen hat Inhaltliches in den Vordergrund rücken lassen und damit auch den für das architektonische Entwurfsverfahren maßgeblichen praktischen wie kreativen Nutzen: inwiefern beispielsweise Perspektivtraktate beim Darstellen von Gebäuden hilfreich sein konnten (de Vries und Albrecht; Büchernachlass, lfd. Nr. 20 und 23), daneben aber auch im Stande waren, das szenografische Verständnis zu befördern (Pozzo; Büchernachlass, lfd. Nr. 25). Säulenbücher (Seyler, Serlio, Palladio und Vignola; Büchernachlass, lfd. Nr. 12, 30, 54 und 84) vermittelten Pöppelmann das maßlich und proportional korrekte Gliedern und Dekorieren von Bauwerken, während einige Festungsbautraktate (Sardi, Lorini und Freitag; Büchernachlass, lfd. Nr. 8, 14 und 24) ihn mit den Anforderungen der Militärbaukunst vertraut machten. Letztere behandelten auch Bautechnisches (insbesondere Lorini), und Sardis Fortifikationslehre hätte Pöppelmann sogar die Grundbegriffe der euklidischen Geometrie lehren können, sofern er auch den zweiten Teil besessen haben sollte. Speziell die zweckorientierte Nutzung von Wasser-, Wind- und menschlicher wie tierischer Muskelkraft veranschaulichte ein opulent bebildertes Exemplar aus der Gattung der Maschinenschaubücher (Böckler, Büchernachlass, lfd. Nr. 28). Lediglich sporadisch konnte der Nachweis geführt werden, dass Pöppelmann über seinen eigenen Buchbesitz hinaus auch weitere Fachliteratur kannte, beispielsweise die ­Vitruv-Ausgabe des Johannes de Laet. Gerade Editionen, die er selbst unvollständig besaß, zum einen die Risssammlung römischer Paläste von Ferrerio und Falda (vgl. Büchernachlass, lfd. Nr. 11), zum anderen Pozzos Perspektivtraktat (vgl. Büchernachlass, lfd. Nr. 25), waren ihm wohl über die kurfürstliche Bibliothek in vollem Umfang zugänglich. Die größte Gruppe innerhalb der berufsrelevanten Bücher und Druckgrafiken, die Vorlagenwerke zur römischen, französischen und deutschen Architektur einschließlich der einzigen identifizierbaren Ornamentstichserie (Drentwett d. J.; Büchernachlass, lfd. Nr. 18), scheint Pöppelmann tatsächlich rege als Mustersammlung genutzt zu haben, um daraus Leitlinien, Lösungsansätze und Anregungen für seine Entwürfe zu gewinnen. Gerade der im zweiten Band von Pozzos Perspektivtraktat (Büchernachlass, lfd. Nr. 25) zur Nachahmung auffordernde Inventionsappell scheint bei Pöppelmann Anklang gefunden zu haben – davon zeugen noch heute als Akzente setzende Paraphrasen der römischen Spätbarockarchitektur das Kronentor und der Wallpavillon des Dresdner Zwingers. Überblickt man die identifizierbaren architektonischen Vorlagenwerke in Pöppelmanns Besitz, dann wird man unweigerlich zur Feststellung gelangen müssen, dass sich kaum eine dieser Publikationen dem Sakralbau widmete, folglich die Schloss- und Palastbaukunst, das Hauptinteresse eines Hofbaumeisters widerspiegelnd, den Schwerpunkt bildet. Der im jesuitischen Milieu Roms entstandene Perspektivtraktat Pozzos (Büchernachlass, lfd. Nr. 25) bildet hier eine Ausnahme, weil darin Altäre und Kirchenprojekte als Gegenstände der Perspektivkunst behandelt und dabei zugleich als Muster zur Nachahmung angeboten werden. Anlass für den Erwerb wird aber wohl eher ein allgemeines Interesse Pöppelmanns am damals aktuellen römischen Repräsentationspomp als ein spezielles Interesse an

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katholischer Sakralarchitektur gewesen sein. Kirchenfassaden aller Art kamen außerdem in den nach Falda kopierten Rom-Veduten (Büchernachlass, lfd. Nr. 33) zur Anschauung. Und nicht vergessen sei, dass Decker d. Ä. (Büchernachlass, Nr. lt. Akte 384) und Sturm (Büchernachlass, lfd. Nr. 42) Gestaltungsvorschläge für Schloss- beziehungsweise Hofkirchen anboten. Die letztgenannten widmeten sich im Rahmen ihrer mustergültig aufgefassten Schlossentwürfe auch dem ansonsten innerhalb von Pöppelmanns bestimmbaren Büchern und Druckgrafiken auffällig unterrepräsentierten Thema der Innendekoration: Decker d. Ä. im großen Format auf eigenen Tafeln, Sturm hingegen eher miniaturhaft, indem Schnittdarstellungen Raumeinblicke bieten. Die Entwurfsserie französischer Kaminverkleidungen verkörpert die einzige eigenständige Publikation, die sich ausschließlich diesem Thema widmet (Bullet/Lepautre; Büchernachlass, lfd. Nr. 26), doch war diese zu Pöppelmanns Zeit bereits veraltet. Zu einem gewissen Maß wendet sich aber auch Drentwetts Ornamentstichserie (Büchernachlass, lfd. Nr. 18) der Wanddekoration zu, obgleich diese sich vorrangig an Goldschmiede richtete. Dass innerhalb der großen Anzahl inhaltlich nicht bestimmbarer Kupferstiche (weit über 380 Stück; vgl. Büchernachlass, lfd. Nr. 10, 21, 29, 31, 37, 40, 43, 46 und 86) Relevantes zur Interieurkunst zu finden war, ist anzunehmen. Jedenfalls scheint sich anhand der thematischen Gewichtung der bestimmbaren Vorlagenwerke abzuzeichnen, dass Pöppelmanns Hauptaufgaben und -interessen auf dem Gebiet der profanen Baukunst lagen. Als Handbücher eines Architekten lassen sich innerhalb Pöppelmanns Buchbesitz die Perspektivtraktate (de Vries, Albrecht und Pozzo; Büchernachlass, lfd. Nr. 20, 23 und 25), die Säulenbücher (Seyler, Serlio, Palladio und Vignola; Büchernachlass, lfd. Nr. 12, 30, 54 und 84) sowie die Festungsbautraktate (Sardi, Lorini und Freitag; Büchernachlass, lfd. Nr. 8, 14 und 24) begreifen. Unter den Säulenbüchern barg sicherlich Seylers Säulenordnungskonkordanz (Büchernachlass, lfd. Nr. 12) den größten Informationswert, da diese Pöppelmann auch mit Säulenlehren von Autoren vertraut machen konnte, welche er nicht in monografischer Form besaß. Die meisten Handbücher lagen ihm als Quartausgaben vor und damit in einem Format, das sich bequem vor allem im Atelier benutzen ließ. Zwei Säulenbücher jedoch waren Taschenausgaben im Oktavformat (Palladio und Vignola; Büchernachlass, lfd. Nr. 54 und 84), die speziell dafür produziert worden waren, dass man diese als sprichwörtliches »Vademekum« auf die Baustelle oder auf Reisen mitnehmen konnte. Hinsichtlich Pöppelmanns Fremdsprachkenntnissen fällt der Umstand ins Auge, dass er die Handbücher italienischer Autoren (Lorini, Sardi, Pozzo, Serlio, Palladio und Vignola; Büchernachlass, lfd. Nr. 8, 14, 25, 30, 54 und 84) nicht in der Originalsprache besaß, sondern jeweils in Form von Übersetzungen in die ihm geläufigen Sprachen Deutsch und Französisch. So war das einzige italienischsprachige Buch, das Pöppelmann besaß, Carlo Fontanas vornehmlich archäologischer Traktat über das römische Marsfeld (Büchernachlass, lfd. Nr. 27), offenbar ein Geschenk des Autors, also kein aus eigenem Antrieb heraus getätigter Bucherwerb. In lateinischer Sprache scheint Pöppelmann nur mäßig bis

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kaum bewandert gewesen zu sein. Zwar zitierte er im Zwingerstichwerk die lateinische Vitruv-Edition des Johannes de Laet, doch dies grammatikalisch wie terminologisch derart fehlerhaft, dass man von keiner antiquarischen Bildung sprechen kann. Pöppelmann selbst besaß vermutlich als einziges lateinisches Buch eine Neuausgabe der Perspektivzeichenschule des Hans Vredeman de Vries (Büchernachlass, lfd. Nr. 20). In diesem Fall allerdings, der auf die mangelnde Verfügbarkeit deutscher oder französischer Äquivalentausgaben hindeutet, brauchte der Text nicht unbedingt gelesen werden, lag doch der Vorteil dieser Edition im hohen Instruktionswert der Illustrationen. Abgesehen von den praktischen Gesichtspunkten des berufsbezogenen Buchbesitzes lassen sich innerhalb desselben auch ideelle Aspekte konstatieren. So brachte Pöppelmann von seinen Reisen nach Rom und Paris (1710 bzw. 1715) Vedutenserien mit nach Hause, welche die Bauwerke der Ewigen Stadt (Büchernachlass, lfd. Nr. 33) sowie die Schlösser und Gärten Frankreichs (Büchernachlass, lfd. Nr. 32 und 34) vor Augen führten und ihm, neben dem praktisch verwertbaren Nutzen als Vorlagenwerke, sicherlich auch als Souvenirs von Bedeutung waren. Hierzu zählt auch das Buchgeschenk Carlo Fontanas (Büchernachlass, lfd. Nr. 27), indem es Pöppelmann an das Zusammentreffen mit einen prominenten Vertreter der römischen Architektenzunft erinnerte. Als Statussymbole lassen sich schließlich jene Publikationen begreifen, mit deren Besitz Pöppelmann im Stande war, sich über seinen hohen beruflichen Rang als Dresdner Hofbaumeister und das damit verbundene Anspruchsniveau zu vergewissern sowie diesen Rang auch Besuchern gegenüber zu signalisieren. Es sind dies insbesondere die von anderen zeitgenössischen deutschen Hofbaumeistern in beeindruckendem Querfolioformat herausgegebenen Kupfersticheditionen (Frisoni und Sturm, eventuell auch Decker d. Ä.; Büchernachlass, lfd. Nr. 38 und 42, bzw. Nr. lt. Akte 384), wobei unter diesen aufgrund des ostentativ programmatischen Anspruchs Sturms Prodromus sowie Deckers Fürstlicher Baumeister herausstechen: im einen Fall wegen der darin im Sinne eines Forderungskatalogs verhandelten Rechte, Pflichten und Aufgaben eines fürstlichen Baumeisters, im anderen Fall wegen der darin illustrierten übersteigerten Vorgaben an fürstlicher Prachtentfaltung. Befanden sich damit also in Pöppelmanns Bücherschrank gleichsam Aushängeschilder seines Wirkens als Hofbaumeister, so sollte der Besitz des vorrangig an Maler adressierten Zeichenlehrbuches Lumen picturæ, in welchem unter anderem verweiskräftig die Neun Musen abgebildet waren (Büchernachlass, lfd. Nr. 35), Pöppelmann wohl im Glanz eines universellen Hofkünstlertums erstrahlen lassen.

Anmerkungen 1 2

Vgl. hierzu den Beitrag von Beyer/Schwitzgebel in diesem Band. Allgemein zur Person siehe Heckmann, Hermann: Matthäus Daniel Pöppelmann. Leben und Werk. München/Berlin 1972, sowie ergänzend Marx, Harald (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann. Der Architekt des Dresdner Zwingers. Leipzig 1989. Speziell zum Wirken als Baubeamter vgl. Mertens, Klaus: Das kursäch-

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Peter Heinrich Jahn sische Oberbauamt und Matthäus Daniel Pöppelmann, in: Milde, Kurt/Mertens, Klaus/Stenke, Gudrun (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken. Dresden 1990/91, S. 28–39, sowie Heckmann (1972), S. 12–29, 43; im Überblick auch Binding, Günther: Meister der Baukunst. Geschichte des Architekten- und Ingenieurberufes. Darmstadt 2004, S. 242–244. Der genaue Bestand der kurfürstlichen Bibliothek einschließlich loser Druckgrafik zur Zeit Pöppelmanns bzw. der Regierung Kurfürst Friedrich Augusts I., gen. der Starke (reg. 1694–1733), lässt sich nicht exakt bestimmen; vgl. hierzu den Beitrag von Katrin Nitzschke in diesem Band. Andeutungen zum architekturbezogenen Buchkauf unter August dem Starken macht Hentschel, Walter: Die sächsische Baukunst in Polen, 2 Bde. Berlin 1967, S. 27. Überlegungen des Verfassers und anderer Autoren, welche Werke aus den Buch- und Druckgrafikbeständen Pöppelmann rezipiert haben könnte, bei Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Online-Katalog zur Ausstellung im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek vom 17. Mai bis 1. September 2013. Dresden ²2013 [URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312], S. 6, 11f., 19–40, 152–160. Zu einem gut dokumentierten Parallelfall professioneller Buchausleihe eines deutschen Hofarchitekten vgl. Poszgai, Martin: Die Leihscheine des Donato Giuseppe Frisoni aus der Bibliothek Herzog Eberhard Ludwigs von Württemberg. Zu ihrer Bedeutung als Quellengattung, in: Scholion 7 (2012), S. 58–72. Zu Person und Wirken als oberster kursächsischer Baubeamter vgl. v. a. May, Walter: August Christoph Graf Wackerbarth (1662–1734) und seine Rolle bei der Planung der Dresdner Frauenkirche, in: Die Dresdner Frauenkirche. Jahrbuch zu ihrer Geschichte und zu ihrem archäologischen Wiederaufbau 6 (2000), S. 65–87, hier S. 66–75; außerdem Binding (2004), S. 242f.; Heckmann (1972), S. 15f. Speziell das Brand­ unglück von 1728 und der damit einhergehende Verlust der Architektursammlung werden thematisiert bei Heckmann, Hermann: M. D. Pöppelmann als Zeichner. Dresden 1954, S. 30. Die Zeichenstube samt Inventar geht hervor aus Pöppelmanns Nachlassinventar von 1736: SächsHStA Dresden, 10047 Amt Dresden, Nr. 3056, Acta Commissionis/ Des verstorbenen Königl. Ober-/ Landbaumeister Herr Mattheus/ Daniel Pöppelmanns Nachlaßes/ Ob. und Designation auch Inven[tar]/ sambt was deme mehr anhäng[ig]/ betr. [1736], fol. 170r–178r, Nr. 352–521. Vgl. Heckmann (1954), S. 16; ders. (1972), S. 20, 298. Zum Inventar der Zeichenstube ebd. (1954), S. 15f., bzw. (1972), S. 370, Nr. 303. Bächler, Hagen: Zum Weltbild Matthes Daniel Pöppelmanns: Die Bücher aus seinem Nachlaß, in: Sächsische Heimatblätter 33:2 (1987), S. 49–51, bzw. ders.: Die Bücher aus dem Nachlaß Matthäus Daniel Pöppelmanns. Ein Beitrag zu seinem Weltbild, in: Milde/Mertens/Stenke (1990/91), S. 40–50, darin speziell zu den berufsrelevanten Büchern 1987, S. 49f., bzw. 1990/91, S. 40f., 41–47. Zitiert wird im Folgenden die jüngere, da geringfügig ergänzte Textfassung. Heckmann (1972), S. 289, äußerte sich nur kursorisch zu Pöppelmanns Buchbesitz, basierend auf einem ebd. im Anhang, S. 370, Nr. 303, auszugsweise edierten gesonderten Inventar der Zeichenstube einschließlich der darin aufgestellten Privatbibliothek (vgl. Anm. 5). Vgl. zu Pöppelmanns Zeichenpraxis Heckmann (1954), S. 21, 23f., 26f., 33, 50–53; ders. (1972), S. 20. Allgemein zum frühneuzeitlichen Architekturzeichnen siehe z. B. Heckmann (1954), S. 11–27, speziell zum Reißbrettzeichnen Lehmbruch, Hans: »Riß machen«. Das Handwerk des Architekturzeichners zur Zeit Fischers, in: Dischinger, Gabriele/Karnehm, Christl (Hg.): Johann Michael Fischer 1692–1766, Bd. II. Tübingen/Berlin 1997, S. 41–57. Zu Pöppelmanns Perspektivzeichenkünsten vgl. Heckmann (1954), S. 26f. Allgemein hierzu siehe z. B. Kemp, Martin: The Science of Art. Optical Themes in Western Art from Brunelleschi to Seurat. New Haven/ London 1990, S. 9–162. Von Bächler (1990/91) wurde die Gruppe der Perspektivzeichenlehrbücher weitgehend missachtet und somit in deren Eigenschaft als berufsbezogene Bücher verkannt. Lediglich Andrea Pozzos Perspektivtraktat findet seine Würdigung, S. 43f., allerdings eben nicht als Zeichenlehrbuch, sondern ausschließlich in der Verwendung als Vorlagenwerk. Der Eintrag Nr. 367 des Nachlassinventars lautet: »Joan.[nis] Uredeman.[ni] Frisij Perspective«, was als

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Kurzzitat eines lateinischen Buchtitels anmutet und insbesondere der Schreibweise des Autorennamens auf den Titelblättern der von Samuel Marolois besorgten lateinischen Neuausgaben (1614ff.; siehe Anm. 11) am nächsten kommt, da dieser dort gleichfalls in den Genitiv gesetzt ist. Die dann aber falsche, da eingedeutschte Endung des Wortes »perspectiva« könnte aus einem Flüchtigkeitsfehler resultieren. Vgl. Jahn, Peter Heinrich: Bücherwissen und Architektur, in: Tiller/Lieber (2013), S. 11–99, hier S. 44f., Nr. 16. Zu den Marolois’schen Neuausgaben siehe ergänzend Dubourg Glatigny, Pascal: »Contre toute raison naturelle et meme contre la commune pratique des peintres«. La Perspective de Hans Vredeman de Vries corrigée par Samuel Marolois, in: ders./Bleyl, Matthias (Hg.): Quadratura. Geschichte – Theorie – Techniken. Berlin/München 2011, S. 81–95, hier S. 81–85, 88–91, 93f.; Andersen, Kristi: The Geometry of an Art. The History of the Mathematical Theory of Perspective from Alberti to Monge. New York 2007, S. 234–236; Zimmermann, Petra Sophia: Die Architectura von Hans Vredeman de Vries. Entwicklung der Renaissancearchitektur in Mitteleuropa. München/Berlin 2002, S. 80f.; Savage, Nicholas/Beasley, Gerald/ Shell, Alison u. a.: British Architectural Library – Royal Institute of British Architects. Early Printed Books 1478–1840. Catalogue of the British Architectural Library Early Imprints Collection, 5 Bde. London u. a. 1994– 2003, Bd. 3 (1999), S. 1079, 1080f., Bd. 4 (2001), S. 2335f., Bd. 5 (2003), S. 2497; Fuhring, Peter: Vredeman de Vries, parts I–II. Rotterdam 1997, Bd. 1, S. 12, 14, Bd. 2, S. 167–175, Nr. 4–21. Zur in deutscher, französischer und lateinischer Sprache erschienenen Originalausgabe vgl. u. a. Heuer, Christopher P.: The City Rehearsed. Object, Architecture, and Print in the Worlds of Hans Vredeman de Vries. London/New York 2009, S. 18f., 165–210, 213; ders.: Perspective, dat is, de hooch-gheroemde conste eens schijnende in oft door-siende ooghenghesichtes punt, […] – Hans Vredeman de Vries, in: Borggrefe, Heiner/Lüpkes, Vera/Huvenne, Paul/van Beneden, Ben (Hg.): Hans Vredeman de Vries und die Renaissance im Norden. München 2002, S. 227f., 230–232; Dubourg Glatigny, Pascal: Hans Vredeman de Vries und die Perspektive, in: ebd., S. 127–132; Andersen (2007), S. 230–236; Zimmermann (2002), S. 14f., 26, 50–54, 134f., 144–149; Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 4 (2001), S. 2334–2336, Nr. 3553; Fuhring (1997), Bd. 1, S. 10f., Bd. 2, S. 165–168, Nr. 1–4 (ebd., S. 174–225 ein vollständig illustrierter Katalog der Tafeln); Kemp (1990), S. 109–113, 117. Man überschaue diesbezüglich die bei Heckmann (1954) versammelten Beispiele, Tafel 15f., 30, 50f., 99, 102f., 108. Vgl. Jahn (2013), S. 56f., 84f., 100f. Dresden, Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek (im Folgenden mit »SLUB« abgekürzt), Mscr. Dresd. L4/11; Heckmann (1954), S. 60f., Nr. 9,3. Vgl. Jahn (2013), S. 16f.; Nr. 4; ergänzend Laudel, Heidrun: Projekte zur Dresdner Residenz in der Regierungszeit Augusts des Starken, in: Milde/Mertens/Stenke (1990/91), S. 299–312, hier S. 303f.; Götz, Wolfgang: »Reichsstil«-Tendenzen in der sächsischen Baukunst des frühen 18. Jahrhunderts, in: Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 26 (1981), S. 11–42, hier S. 19f.; Heckmann (1972), S. 58–61. Vgl. Jahn (2012), S. 42f.; Nr. 15. Von Bächler (1990/91), S. 40, wird lediglich der Autor erwähnt, nicht aber Titel und Inhalt des Buches. Zu Albrechts bislang noch kaum erforschten und gewürdigten Per­ spektivlehrbuch siehe ergänzend Andersen (2007), S. 605–609, sowie Poudra, Noël Germinal: Histoire de la perspective ancienne et moderne. Paris 1864, S. 463–467. Man beachte, dass Letzterer die lateinische Ausgabe von 1671 bespricht; weil er die früheren Auflagen nicht kennt, hat dies Folgen für die Einschätzung und perspektivgeschichtliche Einordnung. Durchgespielt werden jeweils eine bildebenenparallele oder über Eck gestellte Anordnung des Abbildungsobjektes bzw. eine zentrale oder schräge Blickrichtung sowie Stellungen der Bildfläche hinter dem Abbildungsobjekt oder zwischen diesem und dem Betrachter. Eine Besonderheit von Albrechts Perspektivtraktat besteht darin, dass auf singuläre Weise die Geometrie der Perspektive mit dazu korrespondierenden arithmetischen Berechnungen in Verbindung gebracht wird. In der Praxis allerdings habe sich diese Berechnungsmethode einer Perspektivkonstruktion nie wirklich durchgesetzt, so der Grundtenor bei Andersen (2007), S. 605–609.

Laut Heckmann (1954), S. 23.

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Vgl. Jahn (2013), S. 45f., Nr. 17; Bächler (1990/91), S. 43f. Letzterer geht jedoch darüber hinweg, dass sich der erste Teilband von Pozzos Perspektivtraktat nicht in Pöppelmanns Besitz befand. 19 Pozzo, Andrea: Perspectiva pictorum et architectorum – Prospettiva de’ pittori e architetti, 2 Teile. Roma: Johann Jakob Komarek, 1693/1700. Zu Editionsgeschichte und Inhalt vgl. u. a. Bösel, Richard/Salviucci Insolera, Lydia (Hg.): Mirabili disinganni. Andrea Pozzo (Trento 1642 – Vienna 1709) pittore e architetto gesuita. Roma 2010, passim; Andersen (2007), S. 386–394; Vignau-Wilberg, Peter: Perspektive und Projektion. Andrea Pozzos Architekturtheorie und ihre Praxis. München 2005, S. 7–21; Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 3 (1999), S. 1540–1542, Nr. 2607, Bd. 5 (2003); De Feo, Vittorio/Martinelli, Vittorio (Hg.): Andrea Pozzo. Milano 1996, passim; Oechslin, Werner: Pozzo e il suo Trattato, in: Battisti, Alberta (Hg.): Andrea Pozzo. Milano/Trento 1996, S. 189–201; Salviucci Insolera, Lydia: Le prime edizioni del Trattato, in: ebd., S. 207–213; Kemp (1990), S. 137–140, 147f.; Kerber, Bernhard: Andrea Pozzo. Berlin/ New York 1971, passim, insbes. S. 207f. 20 Vgl. Vignau-Wilberg (2005), S. 7; Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 3 (1999), S. 1544f., Nr. 2610. Näheres zum Verlag Jeremias Wolffs unten in Verbindung mit Anm. 161. 21 Pöppelmann stand bei der Ausgestaltung des Prunkappartements der aus Frankreich stammende Innenarchitekt Raymond de Le Plat (um 1664–1742) zur Seite. Anteile an den Ausstattungsarbeiten sind schwer zu scheiden, Zuständigkeiten noch nicht systematisch erforscht. Vgl. u. a. Syndram, Dirk: Das Schloss zu Dresden. Von der Residenz zum Museum. Leipzig 22012, S. 45–48, 102f.; Oelsner, Norbert/Prinz, Henning: Zur Neugestaltung der Repräsentations- und Fest-Etage des Dresdner Residenzschlosses unter Leitung von Matthäus Daniel Pöppelmann 1717 bis 1719, in: Marx (1989), S. 180–188; ferner dies.: Die Residenz Augusts des Starken, in: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Hg.): Das Dresdner Schloss. Monument sächsischer Geschichte und Kultur. Dresden 31992, S. 96–105, hier insbes. S. 96–98, sowie Glaser, Gerhard: Das Grüne Gewölbe, in: ebd., S. 109–111; konkreter auch ders.: Der Anteil Matthäus Daniel Pöppelmanns bei der Gestaltung der Sammlung »Grünes Gewölbe« im Dresdner Schloß, in: Milde/Mertens/Stenke (1990/91), S. 313–316. 22 Vgl. Salmon, Xavier: Louis de Silvestre (1675–1760) – un peintre français à la Cour de Dresde. Versailles 1997, S. 32f., Nr. 9; Oelsner/Prinz (1989), S. 102f. bzw. S. 184, 187; Marx, Harald: Die Gemälde des Louis de Silvestre. Dresden 1975, S. 18, 34. 23 Vgl. u. a. Salmon (1997), S. 28f.; Marx, Harald: »Dieses Werk allein müsste ihn unsterblich machen …«, in: ders. (1989), S. 9–90, hier S. 47–53; ders. (1975), S. 20f., 35; Hempel, Eberhard: Der Zwinger zu Dresden. Grundzüge und Schicksale seiner künstlerischen Gestaltung. Berlin 1961, S. 13f., 22f. 24 Zur damaligen szenografischen Auffassung von Architektur vgl. z. B. Hoppe, Stephan: Was ist Barock. Architektur und Städtebau Europas 1580–1770. Darmstadt 2003, S. 193–241. 25 Von Bächler (1990/91) nicht berücksichtigt. 26 Von der quartformatigen Edition, die heute rar zu sein scheint, ist unlängst ein irreführend auf Folioformat vergrößerter fotomechanischer Nachdruck erschienen: Asensio, Paco (Hg.): Lumen picturæ. Handbuch der Zeichenkunst. Frederick de Wit. Barcelona bzw. Köln 2010. Einen wissenschaftlichen Standards genügenden Kommentar lässt dieser Reprint allerdings vermissen, was umso bedauerlicher ist, da in der Sekundärliteratur bislang lediglich diverse Randbemerkungen über de Wits Zeichenlehrbuch zu finden sind, so bei Bolten, Jaap: Method and Practice. Dutch and Flemish Drawing Books 1600–1750. Landau, Pfalz 1985, S. 47, 286, Anm. 11; ders.: Introduction, in: Chrispijn van de Passe: ’t Light der Teken en Schilderkonst [fotomechanischer Nachdruck der Originaledition von 1643/44]. Soest 1973, S. 1–23, hier S. 2, 12, Anm. 42, sowie Gombrich, Ernst: Kunst und Illusion. Zur Psychologie der bildlichen Darstellung. Berlin 62002, S. 142f. 27 Zum zweitgenannten Aspekt vgl. Weber-Zeithammer, Eva: Studien über das Verhältnis von Architektur und Plastik in der Barockzeit. Untersuchungen an Wiener Palais des 17. und 18. Jahrhunderts, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 21 (1968), S. 158–215, hier S. 207ff. 28 Vgl. z. B. Rehm, Ulrich: Stumme Sprache der Bilder. Gestik als Mittel neuzeitlicher Bilderzählung. München/ Berlin 2002, S. 22ff., sowie Haskell, Francis/Penny, Nicholas: Taste and the Antique. The Lure of Classical Sculpture 1500–1900. New Haven/London 41994.

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Pöppelmann, Matthäus Daniel: Vorstellung und Beschreibung Des von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen/ erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden. Dresden 1729; stark verkleinerter fotomechanischer Nachdruck: Keller, Harald (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann. Vorstellung und Beschreibung des Zwingergartens zu Dresden. Nachdruck des Stichwerks von 1729. Dortmund 1980, S. 6–67 (aufgrund zahlreicher Fehler in den Kommentaren wird diese Edition im Folgenden nicht weiter zitiert). Die Kupferstiche sind auch reproduziert bei Heckmann (1954), Tafel 86–109, sowie Marx (1989), S. 21–34. Eine Neukommentierung ausgewählter Stiche bei Jahn (2013), S. 77–103, Nr. 29–40. Pöppelmann, Matthäus Daniel: Bericht, Wegen der Kupffer=Stiche, nebst dazu gehöriger Beschreibung des Königl. Zwinger=Gartens, in: ders. (1729) [ohne Paginierung]: »Ich habe mich daher verpflichtet gefunden, gegenwärtigen Band der richtigsten Kunst= und Grund=Risse mit allem möglichsten Fleisse auszufertigen, von verschiedenen geübten Künstlern in Kupffer stechen zu lassen, und durch Uberlieferung dieser Sammlung, die Liebhaber der Bau=Kunst ihres billigen Wunsches einmahl zu gewähren.« Zuschreibung durch Marx, Harald: Das Kupferstichwerk zum Zwinger, in: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736. Ein Architekt des Barocks in Dresden. Ausstellung zum 250. Todestag und zum 325. Geburtstag des Erbauers des Dresdner Zwingers. Dresden 1987, S. 70–73, hier S. 71f., Nr. 180,1. Vgl. ergänzend Jahn (2013), S. 78–80, Nr. 29. Zu Pöppelmanns Zeichnen von Staffagefiguren vgl. Heckmann (1954), S. 24. Ein von Bolten (1973) kommentierter fotomechanischer Nachdruck ist in Anm. 26 angeführt. Vgl. Dickel, Hans: Deutsche Zeichenlehrbücher des Barock. Eine Studie zur Geschichte der Künstlerausbildung. Hildesheim/Zürich/New York 1987, S. 66–71, 82, 83–85, 88–102, sowie Bolten (1985), S. 26–47, 203f., 207–212, 237, 248, 274–278; ferner ders. (1973), S. 2–3, 5–9; Gombrich (2002), S. 139–141, 143f. Die Diagramme, welche die einzelnen Körperteile auf geometrische Schemata reduzieren, entfallen hier in der Regel. Gegenüber der Originalpublikation fehlen dem ersten Teil 17 Tafeln, darunter vier Tafeln zu Kopfproportionen, vier Tafeln zum männlichen und weiblichen Oberkörper sowie eine sechsteilige Vorlagenserie für Putten. Dafür kommen auf sechs Tafeln des ersten Teiles die Darstellungen von Männer- und Frauenköpfen unterschiedlichen Alters neu hinzu, die aus anderen niederländischen Zeichenlehrbüchern kompiliert sind. Zur Methode vgl. v. a. Dickel (1987), S. 66–94; ferner Bolten (1985), S. 188–242; Gombrich (2002), S. 134–148. In der Reedition de Wits sind in beiden Teilen diejenigen Tafeln weggelassen, welche in der Originaledition die menschlichen Proportionen veranschaulichen. Außerdem fehlen vier weibliche Akte. Der in der Reedition de Wits 20 Tafeln umfassende vierte Teil ist der am stärksten reduzierte, denn von ursprünglich 46 Tafeln der Originaledition verblieben lediglich 14 Stück, aufgeteilt in eine die Neun Musen darstellende Serie sowie vier Tafeln zu biblischen Gestalten, zu denen sechs Tafeln desselben Themenkreises neu hinzukamen; Näheres hierzu in Anm. 42 und 43. Den Auftakt des vierten Teiles bildet eine nachgestochene Darstellung einer Gliederpuppe, welche in die Sitzpose der ersten Muse gesetzt ist. Diesen die praktische Anwendung der Gliederpuppe zur Erprobung der Figurenkomposition veranschaulichenden Bezug innerhalb zweier aufeinander folgender Tafeln hergestellt zu haben, erweist sich als Zugewinn gegenüber der Originaledition. Dafür entfielen drei weitere Tafeln zum Thema des Arbeitens mit der Gliederpuppe. Folglich ist die Reedition in sechs Teile gegliedert. Deren Nebentitelblätter fehlen in dem in Anm. 26 angeführten Reprint. Die lateinischen Teiltitel lauten gemäß Bolten (1985), S. 286, Anm. 11: »(I) prima principia picturæ, (II) nudas virorum statuas & anatomiam, (III) statuas nudas fæminarum, (IV) tam virorum quam fæminarum statuas vestimentis tectas, (V) animalia quadrupedia, (VI) omne genus avium.« Der sechste Teil wurde durch Aufteilen einiger Druckplatten und Hinzufügen von fünf Tafeln zu diversen Arten von Großvögeln und Federvieh sowie einer Tafel zu Schmetterlingen von ursprünglich 18 auf 27 Tafeln erweitert. Im Gegenzug wurden drei Tafeln zu geometrischen Schemata von Vogelkörpern weggelassen.

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Peter Heinrich Jahn Zu Aufgabenfeld und Kenntnisprofil eines frühneuzeitlichen Hofbaumeisters vgl. Warnke, Martin: Hofkünstler. Zur Vorgeschichte des modernen Künstlers. Köln 21996, S. 224–240. Zu den Grundlagen dieses Verständnisses vgl. Kemp, Wolfgang: Disegno. Beiträge zur Geschichte des Begriffs zwischen 1547 und 1607, in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 19 (1974), S. 219–240. Datiert 1592; vgl. Leesberg, Marjolein: Hendrick Goltzius, parts I–IV. Ouderkerk aan den Ijssel 2012, Bd. 1, S. 193–211, Nr. 129–137 (ebd., S. 203–211, Reproduktionen aller Tafeln). Erzengel Gabriel und Maria, zu einer Verkündigung kombiniert, gestochen von Willem van de Passe bzw. von dessen Bruder Crispijn d. J., um 1615–18; vgl. Roethlisberger, Marcel G.: Abraham Bloemaert and his Sons. Paintings and Prints. Biographies and Documents by Marten Jan Boek, 2 Bde. Doornspijk 1993, Bd. 1, S. 215f., Nr. 276f. – 6-teilige Serie: Die Büßenden (Petrus, Paulus, Zachäus, Magdalena, Saul, Judas), gestochen von Willem van Swanenburg, 1609–11; vgl. ebd., Bd. 1, S. 162–166, Nr. 128–133. – David, die Harfe spielend, gestochen von Willem van de Passe, um 1615–18; vgl. ebd., Bd. 1, S. 215, Nr. 275. – Simeon mit Jesuskind, gestochen von Crispijn van de Passe d. J., um 1625; vgl. ebd., Bd. 1, S. 214f., Nr. 274. – Die Serie der Büßenden fehlt in der Originaledition des Zeichenlehrbuches von 1643, offenbar weil sie nicht von den van-de-Passe-Brüdern gestochen ist und daher Crispijn d. J. als Autor und Kompilator desselben keinen Zugriff auf die Druckplatten hatte. Allerdings sind lediglich 20 von ursprünglich 47 Tafeln in die Reedition übernommen worden, oftmals auf Kosten von Mehransichtigkeit, z. B. bei Pferd und Löwe, die nur noch mit einer einzigen Tafel illustriert sind, während in der Originalausgabe sich neun bzw. vier Tafeln diesen Tieren widmen. Verzichtet wurde auch auf geometrische Schemata sowie anatomische Darstellungen. Vgl. Bartilla, Stefan/Kubíková, Blanka: Prenten naar Roelandt Savery, in: De Potter, Filippe (Hg.): Savery. Een kunstenaarsfamilie uit Kortrijk. Kortrijk 2012, S. 133–181, hier S. 168–181, bzw. dies.: Della luce del dipingere et disegnare – Van’t Licht der teken en schilderkonst, in: Kotková, Olga (Hg.): Roelandt Savery. Malíř ve služb’ch cisaře Rudolfa II. – A Painter in the Services of Emperor Rudolf II. Praha 2010, S. 308–324, sowie Bolten (1985), S. 43–46, 274–278. Allein neun Tafeln zeigen offensichtlich Kurtisanen, die sich lasziv im Bett räkeln, hinzu kommen sechs, welche sich den voyeuristischen Themen des Badens und Ankleidens widmen. Zwei Tafeln mit getöteten Amazonen überspielen aufgrund aufreizend wirkender Liegeposen geradezu das eigentlich ernste Thema. Der erotischen Wirkung wegen hatte man in der Reedition de Wits zwei Tafeln sogar »entschärft«, indem im einen Fall, van de Passe (1643/44), III, Tafel X, bzw. de Wit, zitiert nach Asensio (2010), S. 71, ein ostentativ präsentiertes Gesäß durch eine Draperie verdeckt und im anderen Fall, van de Passe (1643/44), III, Tafel XVIIII, bzw. de Wit, zitiert nach Asensio (2010), S. 71, eine Scham und Gesäß umhüllende Draperie vergrößert wurde. Zur Anwendung der Säulenproportionen vgl. z. B. Jesberg, Paulgerd: Vom Bauen zwischen Gesetz und Freiheit. Braunschweig/Wiesbaden 1987, S. 73–115, sowie zum bauaufgabenspezifischen dekorativen Einsatz von Säulen Forssman, Erik: Dorisch, jonisch, korinthisch. Studien über den Gebrauch der Säulenordnungen in der Architektur des 16.–18. Jahrhunderts. Braunschweig/Wiesbaden 21984; Onians, John: Bearers of Meaning. The Classical Orders in Antiquity, the Middle Ages, and the Renaissance. Princeton, New Jersey 1988, S. 130ff. Zu beiden Aspekten vgl. zudem Hoppe (2003), S. 137–179. Pöppelmann (1729), Bericht, Wegen der Kupffer=Stiche […] [ohne Paginierung]. Laet, Johannes de (Hg.): M.[arci] Vitruvii Pollionis De Architectura Libri Decem. Cum Notis, Castigationibus & Observationibus […]. Amsterdam: Ludwig Elzevier, 1649. Die dem Vitruv-Text beigegebenen Kommentare und Glossare stammen nicht vom Herausgeber, sondern von Guillaume Philandrier, Daniele Barbaro, Claude de Saumaise, Henry Wotton und Bernardino Baldo. Sodann enthält die durchgängig lateinische Edition Leon Battista Albertis Traktate zur Malerei und Skulptur, wiederum ergänzt um Kommentare späterer Autoren; vgl. Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 5 (2003), S. 2281f., Nr. 3500. Zu Pöppelmanns Rückgriff auf de Laets Vitruv-Edition vgl. Bächler (1990/91), S. 40f. Vgl. Jahn, Peter Heinrich/Tiller, Elisabeth: Matthäus Daniel Pöppelmann: Bericht, Wegen der Kupf-

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ferstiche, in: Tiller/Lieber (2013), S. 100f.; ergänzend Lorenz, Hellmut: Der habsburgische »Reichsstil« – Mythos und Realität, in: Gaethgens, Thomas W. (Hg.): Künstlerischer Austausch. Akten des XXVIII. Internationalen Kongresses für Kunstgeschichte, Berlin, 1992, 3 Bde. Berlin 1993, Bd. 2, S. 163–175, hier S. 168f.; Asche, Sigfried: Balthasar Permoser und die Barockskulptur des Dresdner Zwingers. Frankfurt am Main 1966, S. 16. Vgl. Jahn (2013), S. 65f., Nr. 26; Bächler (1990/91), S. 43. Bei Letzterem allerdings keinerlei Angabe dazu, welche Ausgabe sich in Pöppelmanns Besitz befand. Vgl. Jahn (2013), S. 57f., Nr. 23; Bächler (1990/91), S. 43. Letzterer spricht allerdings nur ungenau »von einem Buch aus dem Hauptwerk Andrea Palladios«. Vgl. Jahn (2013), S. 61–64, Nr. 25. Bei Bächler (1990/91) nicht erwähnt, offenbar weil im Nachlassinventar unter Nr. 433 kein Autor verzeichnet und zudem der Titel stark abgekürzt zitiert ist. Vgl. hierzu u. a. De Jonge, Krista: Les éditions du traité de Serlio par Pieter Coecke van Aelst, in: Deswarte-Rosa, Sylvie (Hg.): Sebastiano Serlio à Lyon – architecture et imprimerie, volume 1: Le traité d’architecture de Sebastiano Serlio. Une grand enterprise éditoriale au XVIe siècle. Lyon 2004, S. 263–283, hier S. 263–267, 278f.; Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 4 (2001), S. 1807f., Nr. 2967 (betrifft die französische Parallelausgabe); De la Fontaine Verwey, Herman: Pieter Coecke van Aelst and the publication of Serlio’s book on architecture, in: Quaerendo 6 (1976), S. 167–194, hier S. 169, 174, 176, 179–188, 191–193. Zur Editionsgeschichte von Serlios insgesamt neunbändig konzipiertem Architekturtraktat siehe Kruft, Hanno-Walter: Geschichte der Architekturtheorie. Von der Antike bis zur Gegenwart. München 62013, S. 80–87, bzw. Savage/ Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 4 (2001), S. 1800–1807. Speziell zur mediengeschichtlichen Bedeutung der edierten Teilbände als frühe illustrierte und damit Vorlagen liefernde Architekturpublikationen vgl. Carpo, Mario: Architecture in the Age of Printing: Orality, Writing, Typography, and Printed Images in the History of Architectural Theory. Cambridge, Mass./London 2001, S. 42–56. Zum Inhalt der später als viertes Buch gezählten Originalausgabe vgl. z. B. Günther, Hubertus: Serlio e gli ordini architettonici, in: Thoenes, Christof (Hg.): Sebastiano Serlio. Milano 1989, S. 154–168, hier S. 154, 163–166; oder Pauwels, Yves: Aux marges de la règle. Essai sur les ordres d’architecture à la Renaissance. Wavre 2008, S. 22–26, 38–43, 46f., 52–58, 64–66, 121. Siehe z. B. Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 4 (2001), S. 1797–1801, Bd. 5 (2003), S. 2966, jeweils Nr. 433. Vgl. hierzu Lemerle-Pauwels, Frédérique: À l’origine du palladianisme européen: Pierre Le Muet et Roland Fréart de Chambray, in: Revue de l’art 178 (2012), S. 43–47, hier S. 44f.; Mignot, Claude: Palladio et l’architecture française du XVIIe siècle, un admiration critique, in: Annali di architettura 12 (2000), S. 107–115, hier S. 107–110; Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 3 (1999), S. 1347–1377, Nr. 2414f. Zum Stecher der originalen Illustrationen vgl. Mauban, André: Jean Marot. Architecte et Graveur Parisien. Paris 1944, S. 44–48. Die Originalausgabe wurde durchgängig in Kupfertiefdruck produziert, d. h. auch die Textseiten sind graviert statt in Lettern gesetzt. Vgl. hierzu u. a. Forssman, Erik: Palladio: Eine neue Architektur im Geist der Antike, in: ders. (Hg.): Palladio. Werk und Wirkung. Freiburg im Breisgau 1997, S. 37-81, hier S. 50f.; Kruft (2013), S. 97–99. Vgl. Lemerle-Pauwels (2012), S. 44f. – Bächler (1990/91), S. 43, ignorierte sämtliche editorische Besonderheiten, die mit Pöppelmanns Palladio-Ausgabe verknüpft sind, sodass man meinen könnte, Pöppelmann habe eine Amsterdamer Neuausgabe von Palladios Urtext besessen. Vgl. Mignot, Claude: Les portes de l’invention: la fortune française des Aggiunte à la Regola de Vignole, in: Frommel, Sabine/Bardati, Flaminia (Hg.): La réception de modèles cinquecenteschi dans la théorie et les arts français du XVIIe siécle. Genf 2010, S. 257–273, hier S. 258f., 267f., sowie ders.: Vignola e vignolismo in Francia nel Sei e Settecento, in: Frommel, Christoph Luitpold/Ricci, Maurizio/Tuttle, Richard J. (Hg.): Vignola e i Farnese. Milano 2003, S. 354–374, hier S. 354–362; Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 4 (2001), S. 2223, Nr. 26 und 34. Zur Erstausgabe siehe z. B. Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 4 (2001), S. 2213–2218, Nr. 3447. Be-

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züglich der unterschiedlichen, unüberschaubar zahlreichen Folgeausgaben vgl. ebd., S. 2218–2227, bzw. Walcher Casotti, Maria: Giacomo Barozzi da Vignola. Regola delli cinque ordini d’architettura. Nota introduttiva – Le edizioni della Regola, in: Pietro Cataneo/Giacomo Barozzi da Vignola. Trattati. Milano 1985, S. 499–512, 527–577. 61 Vgl. z. B. neben Kruft (2013), S. 88–91, v. a. Thoenes, Christof: Vignolas »Regola delli cinque ordini«, in: ders.: Opus incertum. Italienische Studien aus drei Jahrzehnten. München/Berlin 2002, S. 149–198. 62 Im Nachlassinventar sind unter Nr. 433 weder Auflagenjahr noch Verlagsort von Pöppelmanns Vignola-Ausgabe verzeichnet. Zu den deutschen Ausgaben des »Kleinen Vignola« vgl. neben Jahn (2013), S. 61–64, Nr. 25, ergänzend Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 4 (2001), S. 2224–2227, Nr. 39, 70, 77, 80, 82; Fuhring, Peter: Ornament Prints in the Rijksmuseum II: The Seventeenth Century, 3 Bde. Rotterdam 2004, Bd. I, S. 519–525, Nr. 3801–3933. 63 Pöppelmann (1729), Tafeln Nr. I: Façade du portail, de L’Orangerje Royale, Du coté du fossé de la Ville de Dresde […], Nr. III: La Grande Cascade du coté du portail au milieu de la Gallerie, Nr. IV: Une autre Cascade proche de la grande sowie ohne Nr.: Vne des Niches appartenant au coté du portail, jeweils Radierungen von Johann Georg Schmidt (1694–1767) nach Risszeichnungen M. D. Pöppelmanns; Heckmann (1954), S. 108, Nr. 50,9, 50,10, 50,11 sowie 50,8. Vgl. Jahn (2013), S. 82–87, Nr. 32–34. 64 Den Urheberangaben der Radierungen zufolge ist jeweils Pöppelmann als Zeichner vermerkt, doch schließt dies den unterstützenden Einsatz von Bauzeichnern nicht aus. Abgegriffen wurden die Maße in den Exemplaren der SLUB, Dresden, KS B 1987 (Portal des Kronentores), 1993 (große Kaskade), 1994 (kleine Kaskade) und 1998 (Nische des Kronentores). 65 Dieser Nachlässigkeit steht das in Anm. 30 zitierte Bekenntnis zu zeichnerischer Sorgfalt gegenüber. Mangelnde Exaktheit Pöppelmanns beim Zeichnen konstatiert auch Heckmann (1954), S. 21. 66 Darin abgegriffene Höhenmaße: Piedestal = 6,1 cm; Säule = 18,3 cm (Basis = 0,9 cm + Schaft = 15,3 cm + Kapitell = 2,1 cm); Gebälk = 4,8 cm (Architrav = 1,4 cm + Fries = 1,7 cm + Kranzgesims = 1,7 cm). Der Säulendurchmesser beträgt oberhalb der Basis 1,8 cm. 67 Vignola rechnet mit einem der Architekturgliederung zu Grunde liegenden Modul, das den halben Durchmesser einer Säule (bzw. die halbe Breite eines Pilasters) beträgt, gemessen oberhalb der Basis. Demzufolge erreicht in Pöppelmanns Aufriss des Kronentor-Portals (Abb. 3) das Piedestal der Portalsäulen sieben Module, was laut Vignola bereits der am Zwinger verwendeten römisch-kompositen Säulenordnung entspricht. Die Säule einschließlich Basis und Kapitell muss sodann eine Höhe von 20 Modulen aufweisen, was im genannten Riss ebenfalls zutrifft. Gleichermaßen Vignola folgend lassen sich darin dem Kapitell 7/3 des Moduls zuweisen, das sind 7/6 des Säulendurchmessers (der Autor hat leider an anderer Stelle hierfür fehlerhaft 10/6 berechnet: Jahn [2013], S. 83). Bei Serlio z. B. ist das Kapitell nur das Einfache des Säulendurchmessers hoch. Insgesamt verhält sich in Pöppelmanns Aufriss des Kronentor-Portals die Säule zum von ihr gestützten dreiteiligen Gebälk der Höhe nach 4:1, was mit der bei Vignola für alle Säulenordnungen zutreffenden Regel konform geht. Hierin sowie bei der Proportion der römisch-kompositen Säule stimmt Vignola allerdings mit Serlio überein, nur rechnet Letzterer mit ganzen Säulendurchmessern bzw. Pilasterbreiten als Modulen. 68 Das dorische Gebälk ist laut Vignola aufgrund einer geringeren Säulenhöhe lediglich vier Module hoch und dementsprechend in 1 plus zweimal 1½ Module unterteilt, wohingegen das römisch-komposite Gebälk fünf Module in den Teilungen zweimal 1½ plus 2 umfasst. Zwar ist in Pöppelmanns Aufriss des Kronentor-Portals (Abb. 3) der Architrav 1½ Modul hoch und damit noch zur römisch-kompositen Säulenordnung passend, doch die verbleibenden 3½ Module sind pragmatisch zu einem Modulverhältnis von jeweils 1¾ halbiert (das man bei Vignola nirgends findet), um die gewünschte gleiche Höhe von Fries und Kranzgesims zu erzielen. 69 Vgl. Lorenz, Hellmut: Die »gleichsam redenden Bildungen« am Dresdner Zwinger, in: Reupert, Ute/ Trajkovits, Thomas/Werner, Winfried (Hg.): Denkmalkunde und Denkmalpflege – Wissen und Wirken. Festschrift für Heinrich Magirius zum 60. Geburtstag. Dresden 1995, S. 371–378, hier S. 372–376, ferner

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Asche (1966), S. 16f. Zum Zwinger allgemein vgl. u. a. Welich, Dirk: Der Zwinger. Dresdens berühmter Festbau. Leipzig 2002; Marx, Harald: Matthäus Daniel Pöppelmann. Der Dresdner Zwinger. Vom Festsaalbau zum Museum. Frankfurt am Main 2000; Löffler, Fritz: Der Zwinger in Dresden. Leipzig 41992; Kirsten, Michael: Der Dresdener Zwinger, in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 19 (1987), S. 53–76; verkürzt auch in: Marx (1989), S. 148–174; Heckmann (1972), S. 76–92, 101–138, 155–162; Hempel (1961). Ergänzende Korrekturen der Planungsgeschichte in Jahn, Peter Heinrich: Zurück in die Zukunft – Die Visualisierung planungs- und baugeschichtlicher Aspekte des Dresdner Zwingers. Das Quellenmaterial – Recherchebericht zu den Planungen und Bauten des M. D. Pöppelmann, in: Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen Jahrbuch 16 (2009), S. 51–67, 68–72. Vgl. Schütte, Ulrich: Ordnung und Verzierung. Untersuchungen zur deutschsprachigen Architekturtheorie des 18. Jahrhunderts. Braunschweig/Wiesbaden 1986, S. 86, sowie Vollmar, Bernd: Die deutsche Palladio-Ausgabe des Georg Andreas Böckler, Nürnberg 1698. Ein Beitrag zur Architekturtheorie des 17. Jahrhunderts. Ansbach 1983, S. 26f., 73–87, 102f., 111, 158–160, 181, 189–192, A 14f. Speziell zu einem namensgebenden Klassiker der Gattung vgl. Lemerle[-Pauwels], Frédérique: Parallèle de l’architecture antique avec la moderne – Préface, in: dies./ Stanić, Milovan (Hg.): Roland Fréart de Chambray. Parallèle de l’architecture antique avec la moderne suivi de Idée de la perfection de la peinture. Paris 2005, S. 21–40, sowie dies. (2012), S. 45f. Vitruv (De Architectura, 1. Jh. v. Chr.), Leon Battista Alberti (De re aedificatoria, 1485), Sebastiano Serlio (Regole generali di architettura sopra le cinque maniere, 1537), Jacopo Barozzi da Vignola (Regola delli cinque ordini d’architettura, 1562), Pietro Cataneo (L’architettura, 1567), Andrea Palladio (I quattro libri dell’architettura, 1570), Vincenzo Scamozzi (L’idea della architettura universale, 1615) und Giovanni Branca (Manuale d’Architettura, 1629). Goldmann, Nikolaus: Vollständige Anweisung zu der Civil Bau=Kunst. Wolfenbüttel: Eigenverlag des Autors, 1696. Mehr zu diesem Theoretiker unten in Verbindung mit Anm. 151. Vgl. Jahn (2013), S. 59f., Nr. 24; ergänzend Schütte (1986), S. 18, 86f.; Vollmar (1983), S. 102f., 111, 181, 189–192. Blondel, Nicolas François: Cours d’architecture enseigné dans l’Academie Royale d’Architecture, 5 Teile. Paris: Pierre Auboin und François Clouzier, 1675–83. Vgl. Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 1 (1994), S. 165f., Nr. 294; Gerbino, Anthony: François Blondel. Architecture, Eruditon, and the Scientific Revolution. Abingdon/New York 2010, S. 57–59, 65–59, sowie Kruft (2013), S. 146–149. Siehe Anm. 49 und 50. Beispielsweise steht innerhalb der aufgezählten Bauterminologie der Begriff »Thermae« als einziger und somit inkonsequent im Plural. »Portibus« (Dativ Plural des »Hafen« bedeutenden Wortes) ist fehlerhaft für den eine Säulenhalle meinenden Begriff »porticus« geschrieben, gleichfalls »Basilicum« (das Gewürz) für »basilica«. Mangelnde Lateinkenntnisse offenbart v. a. die fälschliche Wahl des Begriffes »Arcus«, mit welchem Pöppelmann den von ihm »Pracht=Bogen« genannten Triumphbogen mit Vitruv kurzschließen wollte, doch meint Letzterer damit Kanalisationsgewölbe. Auch werden Vitruv Begriffe unterstellt, die bei diesem und folglich auch im von Pöppelmann extra angeführten, von de Laet übernommenen Vitruv-Lexikon des Bernardino Baldo nicht zu finden sind, nämlich »Thermae«, »Circus«, »Colossaeum« (meint das Flavische Amphitheater in Rom, das zu Vitruvs Zeit noch gar nicht erbaut war) und »Amphitheatrum«. Zu Leben und Werk siehe Braham, Allan/Hager, Hellmut: Carlo Fontana. The Drawings at Windsor Castle. London 1977, insbes. S. 6–23, sowie als aktualisierende Ergänzung Sturm, Saverio: Fontana, Carlo, in: Allgemeines Künstler-Lexikon, Bd. 42. Leipzig 2004, S. 135–142. Vgl. Jahn (2013), S. 18f., Nr. 5; Bächler (1990/91), S. 43, 44f. Döring, Bruno Alfred: Matthes Daniel Pöppelmann. Der Meister des Dresdener Zwingers. Dresden 1930, S. 42f., erlag dem Missverständnis, bei besagter Publikation handele es sich lediglich um einen einzelnen Kupferstich, welcher die Rekonstruktion des antiken Marsfeldes zeigt. Dieser ist jedoch nur eine von insgesamt fünf Tafeln, welche einen 51 Seiten langen Text illustrieren.

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Peter Heinrich Jahn Vgl. Portoghesi, Paolo: Gian Lorenzo Bernini e Carlo Fontana a Montecitorio, in: ders./Mazzantini, Renata Christina (Hg.): Palazzo Montecitorio. Il palazzo barocco. Milano 2009, S. 9–39, hier S. 25–39; Braham/Hager (1977), S. 112–125. Zum Inhalt des Traktats vgl. Carbonara, Giovanni/Cenci, Letizia: Immagini di Montecitorio, in: Portoghesi/Mazzantini (2009), S. 41–61, hier S. 44f., sowie Hager, Hellmut: Le opere letterarie di Carlo Fontana come autorappresentazione, in: Contardi, Bruno/Curcio, Giovanna (Hg.): In urbe architectus. Modelli, Disegni, Misure: La professione dell’architetto Roma 1680–1750. Roma 1991, S. 155–203, hier S. 174–177. Zur Erstauflage 1694 vgl. Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 2 (1995), S. 614, Nr. 1095. Dies haben Stichproben in einschlägigen deutschen und österreichischen Online-Bibliothekskatalogen ergeben. Nachweise liefern lediglich die Staatsbibliotheken in Berlin (Ausgabe 1694) und München (Ausgabe 1708) sowie die Nationalbibliothek in Wien (Ausgabe 1694). Die beiden Ausgaben 1694 im einstigen Besitz der Sächsischen Landesbibliothek gelten als Kriegsverluste. Zur Rom-Reise vgl. Heckmann (1972), S. 61–63, 325, Nr. 110; ferner Löffler (1992), S. 31–34; Mertens (1990/91), S. 36. Würdigungen Carlo Fontanas liefern z. B. Hager, Hellmut: Carlo Fontana: Pupil, Partner, Principal, Preceptor, in: Lukhart, Peter M. (Hg.): The Artist’s Workshop. Hanover/London 1993, S. 123–155, oder Kieven, Elisabeth: Schlaun in Rom, in: Bußmann, Klaus/Matzner, Florian/Schulze, Ulrich (Hg.): Johann Conrad Schlaun 1695–1773. Architektur des Spätbarock in Europa. Stuttgart 1995, S. 135–170, hier S. 150–152, 162. Als Überblick über dessen umfangreiche publizistische Tätigkeit vgl. Hager (1991). Heckmann (1954), S. 31f.; ders., (1972), S. 62f., sowie Hager, Hellmut: Bernini, Carlo Fontana e la fortuna del »terzo braccio« del colonnato di Piazza San Pietro in Vaticano, in: Spagnesi, Gianfranco (Hg.): L’architettura della basilica di San Pietro (Quaderni dell’Istituto di Storia dell’Architettura N. S. 25–30 [1995–97]), S. 337–360, hier S. 353. Andeutungsweise auch Franz, Heinrich Gerhard: Der Zwinger in Dresden: Die künstlerische Genese des barocken Bauwerks, in: Ringbom, Sixten (Hg.): L’Art et les révolutions. Section 7: Recherches en cours. XXVIIe congrès international d’histoire de l’Art, Strasbourg 1989 – Actes, tome VII. Strasbourg 1992, S. 145–166, hier S. 146. Hempel (1961), S. 58, spricht verunklärend davon, dass »Fontana Pöppelmann seine Pläne übermittelte«. Dagegen hatte der um 1960 noch maßgebliche Fontana-Experte Coudenhove-Erthal, Eduard: Carlo Fontana und die Architektur des römischen Spätbarocks. Wien 1930, S. 148, die Möglichkeit eines Zusammentreffens offen gelassen. Innerhalb der Spezialliteratur zu Carlo Fontana wird Pöppelmann hin und wieder kursorisch als dessen Schüler gelistet, zuletzt bei Sturm (2004), S. 141. Diesbezüglich zuletzt Caraffa, Costanza: Gaetano Chiaveri (1689–1770) architetto romano della Hofkirche di Dresda. Cinisello Balsamo (Milano) 2006, S. 237 inkl. Anm. 339. Pauschale Andeutungen in dieser Hinsicht bereits bei Bächler (1990/91), S. 45, zurückgehend auf eine konkrete Beobachtung bezüglich der sog. Ersten Schlossplanung bei Coudenhove-Erthal (1930), S. 146f. Vergleichbar sind v. a. die Planungen mit halbkreisförmiger Exedra, zum einen besagte Erste Schlossplanung: Dresden, SLUB Mscr. Dresd. L 4/2, entspricht Heckmann (1954), S. 59, Nr. 8,1, zum anderen ein Situationsplan zur Umgestaltung des Residenzareals: SächsHStA Dresden, OHMA P, Cap. I A, Nr. 26, Bl. 1–3, entspricht Heckmann (1954), S. 70, Nr. 10,40. Vgl. v. a. Heckmann (1972), S. 44–51, insbes. S. 50f., bzw. S. 90–92. SächsHStA Dresden, Ingenieurkorps, B III Dresden Nr. 35e: Situationsplan. Lavierte, mehrfarbige Federzeichnung mit Beschriftungen, 58,1 x 90 cm; Heckmann (1954), S. 71, Nr. 11,1; ein chromolithografiertes, im Format stark reduziertes Faksimile bei Sponsel, Jean Louis: Der Zwinger[,] die Hoffeste und die Schloßbaupläne zu Dresden. Dresden 1924, Tafel 24. Vgl. Jahn (2013), S. 54f., Nr. 21; ders. (2009), S. 59f.; ergänzend Müller, Matthias: Das Mittelalter hinter barocker Maske. Zur Visualisierung architektonischer Tradition in den Residenzbauten der Hohenzollern und Wettiner, in: Hahn, Stephanie/Sprenger, Michael H. (Hg.): Herrschaft – Architektur – Raum. Festschrift für Ulrich Schütte zum 60. Geburtstag. Berlin 2008, S. 124–146, hier S. 134–136; Laudel, Heidrun: Planungen zum Dresdner Schloß, in: Marx (1989), S. 138–148, hier S. 146f.; May, Walter: Matthäus Daniel Pöppelmann und die französische Architektur, in: Milde/

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Mertens/Stenke (1990/91), S. 182–193, hier S. 183; Heckmann (1972), S. 96–101; Hempel (1961), S. 76–80. Dieses Vorbild erkannte bereits Döring (1930), S. 40–42; dementsprechend u. a. auch Hempel (1961), S. 58; Heckmann (1972), S. 102; Bächler (1990/91), S. 44f. 88 Zu den auch für das frühe 18. Jh. noch geltenden Grundlagen vgl. u. a. Aurenhammer, Hans: Multa aedium exempla variarum imaginum atque operum. Das Problem der imitatio in der italienischen Architektur des frühen 16. Jahrhunderts, in: Kühlmann, Wilhelm/Neuber, Wolfgang (Hg.): Intertextualität in der Frühen Neuzeit. Studien zu ihren theoretischen und praktischen Perspektiven. Frankfurt am Main u. a. 1994, S. 533–605, sowie Payne, Alina A.: Architectural Theories of Imitatio and the Literary Debates on Language and Style, in: Clarke, Georgia/Crossley, Paul (Hg.): Architecture and Language. Constructing Identity in European Architecture c. 1000–c. 1650. Cambridge, Mass. 2000, S. 118–133. Zum rhetorischen »imitatio«-Begriff allgemein siehe Kaminski, Nicola: Imitatio, 1. Imitatio auctorum, in: Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 4. Darmstadt 1998, Sp. 235–285, speziell Sp. 257–278, zu demjenigen der Frühen Neuzeit. Hinsichtlich der bildenden Kunst vgl. u. a. Ackerman, James S.: Imitation, in: ders.: Origins, Imitation, Conventions. Representation in the Visual Arts. Cambridge, Mass./London 2002, S. 125–141. 89 Vgl. das bei Kerber (1971), De Feo/Martinelli (1996) und Bösel/Salviucci Insolera (2010) vorgestellte Œuvre. 90 Vgl. u. a. De Feo, Vittorio: Le cappelle e gli altari, in: ders./Martinelli (1996), S. 114–143; Kerber (1971), S. 129f., 135–137, 159f., 183, 187. Zitiert wird hier und nachfolgend aus der auch Pöppelmann vorgelegenen deutschen Ausgabe des zweiten Bandes (Augsburg 1709). 91 SächsHStA Dresden, Ingenieurkorps, B III Dresden Nr. 35c: monochrom lavierte Federzeichnung, 42 x 85 cm; Heckmann (1954), S. 72, Nr. 11,2. Vgl. Jahn (2013), S. 56f., Nr. 22; Heckmann (1972), S. 99f.; Hempel (1961), S. 77–80. Die Perspektivansicht des Ehrenhofes gehört zu dem in Anm. 86 angeführten Situationsplan. 92 Vgl. Kerber (1971), S. 208. 93 Jeweils das als Logenöffnung gestaltete Mittelfenster der Obergeschosse. 94 Zu Andrea Pozzos Inventionsbegriff vgl. Trottmann, Helene: Le »invenzioni capricciose« di Andrea Pozzo, in: Battisti (1996), S. 225–233. 95 Erbaut um 1713–15; vgl. Jahn (2013), S. 36, außerdem u. a. Welich (2002), S. 43–46; Löffler (1992), S. 39–42; Kirsten (1989), S. 164, 170; Franz, Heinrich Gerhard: Matthäus Daniel Pöppelmann (1662–1736) und die Architektur des Zwingers in Dresden. Zur Genese des barocken Bauwerks in: Kunsthistorisches Jahrbuch Graz 22 (1986), S. 5–77, hier S. 38–42; Heckmann (1972), S. 121–124; Asche (1966), S. 19; Hempel (1961), S. 15f., 73f. 96 Pöppelmann (1729), Tafeln »Grand Portajl du nouveau chateau entre les deux cotes de la Galerje« und »Profjl du grand Portajl« (jeweils ohne Nr.); Heckmann (1954), S. 110f., Nr. 50,21, 50,22. Vgl. Jahn (2013), S. 49–52, Nr. 19f.; ders. (2009), S. 56–58; ferner u. a. Hempel (1961), S. 75f.; Heckmann (1972), S. 120f.; Franz (1986), S. 42–44. Man beachte, dass Hempel und Heckmann den Bestimmungsort des Portal­ turmentwurfs falsch lokalisieren. 97 Vgl. Jahn (2013), S. 36, 45f., 51f. Zu Pozzos Entwürfen für die Fassade der Lateranbasilika vgl. u. a. Kieven, Elisabeth: I Progetti per la facciata di S. Giovanni in Laterano, in: Bösel/Salviucci Insolera (2010), S. 285–289, bzw. dies.: Il ruolo del disegno: Il concorso per la facciata di S. Giovanni in Laterano, in: Contardi/Curcio (1991), S. 78–123, hier S. 79f., 85–88; Carta, Marina: I progetti per San Giovanni in Laterano, in: De Feo/Martinelli (1996), S. 168–175; Kerber (1971), S. 188–192. 98 Bezüglich der beobachtbaren Stilentwicklung im Verlauf des Zwingerbaues vgl. Franz (1986), gestrafft auch ders. (1992), S. 154ff. 99 Zum ab 1716 erbauten Wallpavillon vgl. u. a. Welich (2002), S. 49–55; Löffler (1992), S. 43–45; Kirsten (1989), S. 170f.; Franz (1986), S. 45–54; Heckmann (1972), S. 112–115; Asche (1966), S. 19, 78–83; Hempel (1961), S. 16–20, 70. 100 Vgl. u. a. Martinelli, Vittorio: »Teatri Sacri e profani« di Andrea Pozzo nella cultura prospettico-scenografica barocca, in: De Feo/ders. (1996), S. 94–113, hier S. 95, 97; Kerber (1971), S. 126. Auf dieses Vorbild für die voluminöse Schweifhaube des Kronentores haben u. a. Kerber (1971), S. 210, und sodann Bächler 87

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Peter Heinrich Jahn (1990/91), S. 44, 50, Anm. 10, hingewiesen. Letzterer hatte im Erstabdruck seiner Studie (1987), S. 49, diesen Hinweis durch Abbilden der mit Nr. 60 korrespondierenden Tafel Nr. 62 noch verstärkt. Ungeachtet dieser typologisch durchaus vorbildhaften Vorlage entlehnte Pöppelmann jedoch die letztendliche Form der Haubenbedachung einem Kupferstich, der einen von Carlo Fontana entworfenen Katafalk für König Pedro II. von Portugal (gest. 1707) zeigt; vgl. Jahn (2013), S. 27f., 33f. Dagegen verbleiben die von Kirsten (1987), S. 63f., angeführten vermeintlichen Vorbilder, zumeist ephemere Triumphalarchitektur aus dem Umkreis des Wiener Kaiserhofes, im Rahmen der Allgemeintypologie. Vgl. Jahn (2013), S. 37f., Nr. 13. Von Bächler (1990/91) nicht berücksichtigt. Vgl. Fuhring (2004), Bd. II, S. 263–266, Nr. 6822–6841. Zur Originalausgabe siehe Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 1 (1999), S. 595, Nr. 1056, vgl. ferner Krautheimer, Richard: The Rome of Alexander VII, 1655–1667. Princeton, New Jersey 1985, S. 143. Z. B. Dresden, SLUB, Mscr. Dresd. L4/4, 5, 7, 9; Heckmann (1954), S. 62f., Nr. 9,11, 9,10, 9,13, 9,15. Speziell zum Entwurf Mscr. Dresd. L4/7 bzw. Heckmann (1954), Nr. 9,13, vgl. Jahn (2013), S. 39f., Nr. 14. Allgemein zu den Fassadenplanungen für das Residenzschloss vgl. Heckmann (1972), S. 64–75; Franz (1986), S. 8, 21–25, 34–36, 48, 53f., 65–69; Laudel (1989), S. 143–146, bzw. dies. (1990/91), S. 303f. Dresden, SLUB, Mscr. Dresd. L4/27. Lavierte Federzeichnung auf Papier, 43,1 x 46,6 cm, ohne Maßstab; Heckmann (1954), S. 59, Nr. 7,3. Die Risszeichnung zeigt die schmale, einst zu einem Kabinettgarten weisende Ostfassade des Palais und kann als Teil des sog. Großen Projektes um 1705/06 datiert werden; vgl. Milde, Kurt: Zur Baugeschichte des Taschenbergpalais – Anmerkungen zum Pöppelmann-Stil, in: ders./ Mertens/Stenke (1990/91), S. 146–169, hier S. 150–152, 160–166. Die bei Heckmann (1972), S. 36f., zu findende Zuordnung zu einem vermeintlichen Erweiterungsprojekt und die daraus gefolgerte Datierung in die frühen 1710er Jahre ist damit hinfällig. Falda, Giovanni Battista: Nuovi disegni dell’architetture, e piante dè palazzi di Roma dè più celebri architetti, libro secondo, Roma: Giovanni Giacomo De Rossi, o. J. [nach 1670]. Vgl. Bellini, Paolo (Hg.): Italian Masters of the Seventeenth Century: Giovanni Battista Falda. New York 1993, S. 184 (ebd., S. 184–266, Nr. 177–240, ein Katalog der Kupfertafeln inklusive fotomechanischer Nachdrucke derselben), Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 1 (1999), S. 595–597, Bd. 5 (2003), S. 2489f., jeweils Nr. 1057, ferner Krautheimer (1985), S. 143. Der Fassade des Palazzo d’Aste ist in der Originalpublikation Tafel 28 gewidmet. Daneben war ein Nachstich verfügbar bei Sandrart, Joachim von: Der Teutschen Academie Zweyter und letzter Haupt=Theil/ Von Der Edlen Bau= Bild= und Mahlerey=Künste: […]. Nürnberg: Johann Jakob von Sandrart, 1679, Tafel XXXXIII. Der Palazzo d’Aste erhebt sich an der exponierten Straßenecke, an welcher die Via del Corso in die Piazza Venezia mündet. Vgl.Bächler (1990/91), S. 43. Vgl. Schelbert, Georg: All’ombra di Falda. La pianta di Roma di Matteo Gregorio De Rossi del 1668, in: Bevilacqua, Mario/Fagiolo, Marcello (Hg.): Piante di Roma dal Rinascimento ai Catasti. Roma 2012, S. 273–283, hier S. 273f. Falda, Giovanni Battista: Il nuovo teatro delle fabriche, et edificii, in prospettiva di Roma moderna, libri I–III. Roma: Giovanni Giacomo de Rossi, 1665–69 [Katalogisierung inklusive fotomechanischer Nachdrucke der Tafeln bei Bellini (1993), S. 48–183, Nr. 087–183; ohne Abb. auch bei Fuhring (2004), Bd. II, S. 253– 263, Nr. 6732–6821]. Vgl. Wilson, Paul A.: The Image of Chigi Rome: G. B. Falda’s Il nuovo teatro, in: architectura 26 (1996), S. 33–46; Krautheimer (1985), S. 143f. Vgl. Schelbert (2012), S. 282, Anm. 37; Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 5 (2003), S. 2592, Nr. 3850 (betrifft eine von dem römischen Verleger Carlo Losi vertriebene Neuauflage von 1773). In diesem Sinne generalisierend auch schon Bächler (1990/91), S. 45. Siehe Anm. 82. Zu möglichen stilbildenden Auswirkungen des Rom-Aufenthalts vgl. Jahn (2013), S. 11f., 17–40, 45f., 49–52; außerdem Hager (1995–97), S. 351–354; Franz (1986), S. 8, 21, 23–25, 27–30, 35, 39, 41f., 46f., 50; Laudel (1989), S 145f.; Löffler (1992), S. 33f.; Heckmann (1972), u. a. S. 290f., 292f.; Hempel (1961), S. 58–60. Vgl. Bächler (1990/91), S. 46.

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Laut Pelissetti, Laura Sabrina (Hg.): I giardini del Re Sole. Architettura e paesaggio nelle vedute seicentesche dei Perelle. Mesenzana/Lugano 2010, S. 9, konnte die Landschlösser-Serie maximal 57 Tafeln umfassen; ebd., S. 143–245, reproduziert sind jedoch als Bestandteil einer Gesamtausgabe an topografischen Pérelle-Stichen lediglich 52 Blatt. Eine dagegen nur 48 Blatt umfassende Serie der Landschlösser mit abweichenden Bilduntertiteln verzeichnet z. B. Fuhring (2004), Bd. II, S. 235f., 238–243, Nr. 6569f., 6573–6581, 6614–6652. Zur Stecherfamilie allgemein vgl. Pelissetti (2010), S. 257f.; Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 5 (2003), S. 2732f.; Meyer, Veronique: Pérelle, in: The Dictionary of Art, Bd. 24. London/New York 1996, S. 397. 114 Offenbar deswegen von Bächler (1990/91) nicht berücksichtigt. 115 In Pöppelmanns Wohnung wurde diese dem Nachlassinventar zufolge zwischen einer von Nr. 272 bis 400 reichenden Reihe (oder zwischen Stapeln?) großformatiger Kupfersticheditionen aufgefunden. Es darf also ein (Quer-)Folioformat vermutet werden. 116 Zur verhältnismäßig gut dokumentierten Frankreich-Reise ausführlich Heckmann (1972), S. 93–96; vgl. außerdem Löffler (1992), S. 42f. 117 Vgl. Bächler (1990/91), S. 46. Die über die Sekundärliteratur bislang nicht nachweisbare Vedutenserie ging in einer 16 Blatt umfassenden Ausgabe bei Karl & Faber Kunstauktionen GmbH, München, am 28. Mai 2009 als Los Nr. 473 in die Versteigerung. Die dazu vom Auktionshaus gegebene Beschreibung lautet: »FRANZÖSISCH 16 Bll.: Ansichten von Schloss Fontainebleau. Schöne, klar zeichnende Drucke der königlichen Residenz. Das erste Bl. mit der Amsterdamer Adresse des Verlegers op de Nieuwendijck in de Atlas. […] Kupferstiche auf Papier, teils mit Wz. (Um 1700/1710). Ca. 19,5 : 30,5 cm. Herausgegeben von Cornelis Danckert III (1664–1717), Amsterdam. […].« 118 An Fontainebleau betreffenden Stichen innerhalb der Pérelle-Serie: Vues des belles maisons de France sind 10 Blatt reproduziert bei Pelissetti (2010), S. 207–225, sowie 11 Blatt verzeichnet bei Fuhring (2004), Bd. II, S. 240f., Nr. 6625–6635. 119 Siehe Pérouse de Montclos, Jean-Marie: Fontainebleau. Paris 1998. 120 Vgl. Syndram (2012), S. 35–49; Franz (1992), S. 145–159; Müller (2008), S. 124–140; Laudel (1989), S. 139ff., bzw. dies. (1990/91), S. 301ff.; Heckmann (1972), S. 81–92, 96–101, 155–160; ergänzend zum Zwingerareal Jahn (2009). 121 Bächler (1990/91), S. 46, spricht fälschlicherweise davon, es sei in besagter Edition die »frühe absolutische Stadtgründung Richelieu« dargestellt. Gemeint ist damit die dem Schloss vorangebaute Idealstadt, welche aber nicht zur Abbildung kommt. Vgl. Deutsch, Kristina: »Le magnifique château de Richelieu«, par Jean Marot. Représentation et panégyrique. De la relation entre l’architecture et son image gravée, in: Boyer, Jean-Claude/Gaethgens, Barbara/Gady, Bénédicte (Hg.): Richelieu patron des artes. Paris 2009, S. 55–74; ergänzend dies.: Le Magnifique chasteau de Richelieu par Jean Marot, in: Richelieu à Richelieu. Architecture et décors d’un château disparu. Cinisello Balsamo (Milano) 2011, S. 415–430, insbesondere S. 418–420, 427 (kleinformatige Abb. der Stichserie auf S. 427–429); Toulier, Christine: Richelieu. Le château & la cite idéale – The Château and the Ideal City. Saint-Jean-de-Braye 2005, S. 57–61 (großformatige Abb. der Stichserie auf S. 62–97); ferner Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 3 (1999), S. 1084f., Nr. 2043; Mauban (1944), S. 120f. Über den in den 1630er Jahren nach Plänen von Jacques Lemercier (1585–1654) errichteten und gegen 1811 abgebrochenen Schlossbau informieren Beiträge in den zitierten Bucheditionen. Vgl. außerdem Ballon, Hilary: Richelieus Architektur, in: Goldfarb, Hilliard Todd (Hg.): Richelieu (1585–1642). Kunst, Macht und Politik. Gent 2002, S. 246–259, 288f., hier S. 253–255, 288. 122 Zur kleinformatigen, lediglich 15 Tafeln umfassenden, da auf Veduten verzichtenden Ausgabe, Marot, Jean: Le magnifique chasteau de Richelieu, ou les plans, les fasades, les elevations et profils dudit chasteau, o. O. u. J. [Paris: Eigenverlag des Autors, ca. 1657/58], vgl. ergänzend zu Mauban (1944), S. 121–123, z. B. Deutsch (2011), S. 416–418, 424f. (Abb. der Stichserie auf S. 424–426). 123 Bestehend aus Aufrissen der stadtseitigen Hauptfassade, zwingerseitigen Rückfassade und elbseitigen Seitenfassade; die Zusammengehörigkeit der Risse erkennt man neben formalen Übereinstimmungen auch anhand der blau eingefärbten Kuppeldächer: Dresden, SLUB, Mscr. Dresd. L 4/4, 12, 13. Mehrfarbig lavierte Federzeichnungen; Heckmann (1954), S. 62f., Nr. 9,11f., 9,16. Vgl. ders. (1972), S. 71–75.

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124 Siehe oben Anm. 21. Eine kursorische Würdigung von Pöppelmanns innenarchitektonischen Vorstellungen gibt Heckmann (1972), S. 294f. 125 Vgl. Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 1 (1994), S. 285, Nr. 493; Fuhring (2004), Bd. II, S. 533–535, Nr. 9121–9130. Letzterer nennt als Stecher sämtlicher Nachdrucke irrtümlich Cornelis Danckerts d. Ä., der jedoch bereits 1656 und damit vor dem Erscheinen der Originalvorlagen starb. Richtig ist Cornelis Danckerts d. J. (1664–1717), der Enkel des älteren Cornelis und Sohn des oben im Text genannten Verlegers. 126 Die Tafeln sind gestochen von Jean-Baptiste Nolin (1657–1708); vgl. Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 1 (1994), S. 284f., Nr. 492. Fuhring (2004), Bd. II, S. 534, weist der sechsteiligen Serie irrtümlich einen Umfang von zehn Tafeln zu. 127 Francart, Laurent: Nouvelles cheminées gravé sur des dessins de Mr. Francard. Paris: Jean-Baptiste Nolin, o. J. [1680er Jahre]; vgl. Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 1 (1994), S. 285, Nr. 493, S. 354f., Nr. 628. Der genaue Umfang von Francarts Kaminentwürfen geht aus den zitierten Nachweisen nicht hervor. Eine Serie derselben, verwahrt im Getty Research Institute, Los Angeles, Special Collections, ID 83–B1544, umfasst 6 Blatt. 128 Vgl. Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 2 (1995), S. 976f., Bd. 5 (2003), S. 2495, jeweils Nr. 1837; Fuhring (2004), Bd. II, S. 537f., Nr. 9148–9153, S. 563f., Nr. 9334–9339. 129 Edition ohne Titel, gestochen vermutlich von Cornelis Danckerts d. Ä. (1603–1656); vgl. Fuhring (2004), Bd. II, S. 547, Nr. 9211–9216. 130 Vgl. Fuhring (2004), Bd. II, S. 533f. 131 So Heckmann (1972), S. 94. 132 Von Bächler (1990/91) nicht berücksichtigt. 133 Im Nachlassinventar ist unter Nr. 400 der Übertitel von Blatt 1 einer 16-teiligen, ohne Titelblatt edierten Kupferstichserie verzeichnet, deren Entstehung in die Jahre 1674–78 fällt; Tafeln 1–11 sind dem Potsdamer Stadtschloss gewidmet, Tafeln 12–16 der Fasanerie. Vgl. Mielke, Friedrich: Johann Georg Memhardts Darstellungen des Potsdamer Schlosses, in: Jahrbuch der Berliner Museen 25 (1983), S. 161–164, hier S. 161–167 (ebd., S. 161f., eine Auflistung der Tafeln), sowie Giersberg, Hans-Joachim: Das Potsdamer Stadtschloss. Potsdam 1998, S. 21. Wiedergaben der Tafeln in Auswahl ebd., Abb. 4–7, 12–14, 17, 18, sowie bei Mielke, Friedrich: Potsdamer Baukunst. Das klassische Potsdam. Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1981, S. 388, 390–392, 395. 134 Lebensdaten unbekannt; 1674–84 als kurfürstlich-brandenburgischer Hofkupferstecher in Berlin nachweisbar. 135 Vgl. den Beitrag von Dirk Welich in diesem Band. 136 Vgl. Bächler (1990/91), S. 46. 137 Vgl. Merten, Klaus: Die Baugeschichte von Schloss Ludwigsburg bis 1721, in: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg (Hg.): Schloss Ludwigsburg. Geschichte einer barocken Residenz. Tübingen 2004, S. 7–45, hier S. 45; Olschewski, Eckhard: Der Ausbau der Schlossanlage in den Jahren 1721 bis 1733, in: ebd., S. 47–77, hier S. 47–52, 53, 55, sowie Wenger, Michael: Ludwigsburg als Residenz des Hubertus-Jagdordens von 1702, in: ebd., S. 107–119, hier S. 116f. Abbildungen der Tafeln in Auswahl ebd., S. 32, 34, 45, 48, 50, 53f., 74f., 117. 138 Zum Ludwigsburger Schlossbau unter Frisonis Leitung vgl. neben Olschewski (2004) insbes. Fleischhauer, Werner: Barock im Herzogtum Württemberg. Stuttgart 1958, S. 177–213. 139 Siehe Anm. 86 und 91. Speziell zur Verortung dieser Schlossplanung innerhalb der Baukultur des deutschsprachigen Raumes vgl. Götz (1981), S. 38f. 140 Vgl. den Beitrag von Stefan Hertzig in diesem Band. 141 Vgl. Kutscher, Barbara: Paul Deckers Fürstlicher Baumeister (1711/1716). Untersuchungen zu Bedingungen und Quellen eines Stichwerks. Mit einem Werkverzeichnis. Frankfurt am Main u. a. 1995, insbes. S. 91–250, sowie Lorenz, Hellmut: Leonhard Christoph Sturms Prodromus Architecturæ Goldmannianæ, in: Nieder-

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deutsche Beiträge zur Kunstgeschichte 34 (1995), S. 119–144, hier S. 139–144, ferner Kruft (2013), S. 202–204; Schütte, Ulrich: Architectura Civilis: Die Lehre von den Gebäudetypen, in: ders./Neumann, Hartwig (Hg.): Architekt und Ingenieur. Baumeister in Krieg und Frieden. Wolfenbüttel 1984, S. 156–262, hier S. 193f., 204, Nr. 147. 142 Die irrtümlich doppelte Auflistung der Publikation im Nachlassinventar erklärt sich aus einer zwischen den beiden Posten Nr. 384 und 386 protokollierten, die Bestandsaufnahme störenden Arbeitsunterbrechung der Advokaten. 143 Vgl. Heckmann (1972), S. 370, Nr. 303. Von einer Buchleihe gingen noch aus Hentschel, Walter/May, Walter: Johann Christoph Knöffel. Der Architekt des sächsischen Rokokos. Berlin 1973, S. 44, sowie Bächler (1990/91), S. 41. 144 Knöffel war mit Matthäus Daniel Pöppelmanns Sohn Carl Friedrich eng befreundet und lernte um 1735/36 im Hause Pöppelmann deren Enkeltochter bzw. Nichte Christine Eleonore kennen, die er schließlich 1738 ehelichte; vgl. Hentschel/May (1973), S. 18f., 30, 36, 40. 145 Knöffel folgte Matthäus Daniel Pöppelmann im Amt des Ersten Oberlandbaumeisters nach und übernahm deshalb im August 1736 auch dessen Dienstwohnung; vgl. Hentschel/May (1973), S. 15f.; Heckmann (1972), S. 298. 146 Nachweis bei Hentschel (1967), S. 27, dementsprechend Heckmann (1972), S. 289; Franz (1986), S. 48. 147 Die Außenarchitektur von Deckers Musterschloss wird in den Tafeln 4 und 5 des ersten Teiles ersichtlich. Zum Vergleich eignet sich z. B. die in Anm. 123 angeführte Entwurfsserie Pöppelmanns für das Dresdner Residenzschloss. Deckers Musterschloss scheint seiner Abbildungsregie zufolge auch Franz (1986) als Vorbild erkannt zu haben, indem er auf Tafel XXXVI, Abb. 71f., von Pöppelmann entworfene Schlosspavillons (Dresden, SLUB, Mscr. Dresd. L4/14; von Heckmann (1954), S. 74, Nr. 16,1, irrigerweise den Zwingerplanungen zugeordnet), mit einem Ausschnitt aus Deckers fünfter Tafel des ersten Teiles konfrontiert, die besagtes Musterschloss in perspektivischer Ansicht zeigt; allerdings wird im zugehörigen Text (S. 48) auf diesen Bildvergleich nicht weiter eingegangen. 148 Das von Hempel (1961), S. 56, 58, erkannte Vorbild haben u. a. Heckmann (1972), S. 112, Franz (1986), S. 48, Kirsten (1987), S. 56, und Welich (2002), S. 63f., akzeptiert. Auch Bächler (1987) spielt darauf an, wenn er Deckers Orangerie im Aufriss (Anhang zum 1. Teil, Tafel 8) abbildet, jedoch ohne bei der Erwähnung des Vorlagenwerkes im Text, S. 49, näher darauf einzugehen. 149 Pöppelmann (1729), Tafeln: »Façade d’une Cascade Projettée dans la partje de derrjere du Jardin Royal« und »Projet d’une cascade a l’orjent du jardjn.« (jeweils ohne Nr.); Heckmann (1954), S. 110f., Nr. 50,21 und 50,23. Vgl. v. a. Jahn (2013), S. 82f., Nr. 30; ders. (2009), S. 56–59; ergänzend auch Franz (1986), S. 42f., 63f., Nr. ZW 25f.; Heckmann (1972), S. 127–129; Hempel (1961), S. 74f. 150 Vgl. Jahn (2013), S. 68–70, Nr. 27; Mertens (1990/91), S. 28, 30; Bächler (1990/91), S. 40. – Grundlegend zu Sturms Prodromus sind Lorenz (1995), S. 119–144, sowie Schädlich, Christian: Leonhard Christoph Sturm. 1669–1719, in: Große Baumeister, Bd. II. Berlin 1990, S. 92–139, hier S. 100–105, 109–111, 112, 118–120 (beide Publikationen mit Abb. der wichtigsten Tafeln). Vgl. ferner Schütte (1984), S. 194–198, 204, Nr. 148. Bezüglich Sturms wissenschaftlichem Universalismus vgl. Bernet, Claus: Leonhard Christoph Sturm, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 19. Herzberg 2001, Sp. 1349–1369. 151 Auf fol. 10r/v des Prodromus gibt Sturm eine Gliederung seines Editionsprojekts einer Goldmann-Neuausgabe. Vgl. hierzu z. B. Schädlich (1990), S. 111ff. Einen knappen Überblick gibt Heckmann, Hermann: Leonhard Christoph Sturm, in: ders.: Baumeister des Barock und Rokoko in Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Lübeck und Hamburg. Berlin 2000, S. 31–49, hier S. 40–44. Informationen zu einzelnen Teileditionen liefert Schütte (1984), S. 156–262, passim. – Zu Nikolaus Goldmann vgl. z. B. Biesler, Jörg: BauKunstKritik. Deutsche Architekturtheorie im 18. Jahrhundert. Berlin 2005. S. 30–54. 152 Vgl. Kutscher (1995), S. 50–52; Lorenz (1995), S. 139ff. 153 SächsHStA Dresden, OHMA P, Cap. I A, Nr. 22: mehrfarbig lavierte Federzeichnung, 34,5 x 85,5 cm; Heckmann (1954), S. 68, Nr. 10,29. Vgl. neben Franz (1992), S. 152–154, v. a. Jahn (2009), S. 54f. Bei Letz-

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de la sale«, gestochen von Johann Georg Schmidt; Heckmann (1954), S. 109, Nr. 50,12. Vgl. Jahn (2013), S. 96f., Nr. 37. Alle älteren Kommentare zu diesem Kupferstich werden dem darin Dargestellten nicht gerecht. Zu Pöppelmanns Rezeption von Ornamentstichen französischer Provenienz vgl. Hertzig, Stefan: Das Dresdner Bürgerhaus in der Zeit Augusts des Starken. Zu Entstehung und Wesen des Dresdner Barock. Dresden 2001, S. 208–210. May (1990/91), S. 189, vermutet generell eine überwiegend über Kupferstiche vermittelte Kenntnis der französischen (Innen-)Architektur, u. a. über Stiche in Pöppelmanns Besitz. Zum Inhalt vgl. die in Anm. 150 angeführte Spezialliteratur. Zu Unrecht reduzierte Bächler (1990/91), S. 40, Sturms Prodromus allein auf den baurechtlichen Teilinhalt und sprach ihm dabei den gleichzeitigen Nutzen als Vorlagenwerk ab. Vgl. die diesbezüglichen Mutmaßungen von Bächler (1990/91), S. 46f. Ähnliches scheint Mertens (1990/91), S. 28, 30, gedacht zu haben, wenn er Sturms Prodromus als Besitz Pöppelmanns erwähnt und sogar daraus zitiert. Dementsprechend jüngst Rust, Edzard: Theorie und Praxis. Leonhard Christoph Sturms Schriften zur Zivilbaukunst und ihr Einfluss auf gebaute Architektur, in: Engel, Martin/Poszgai, Martin/Salge, Christiane/Weigl, Huberta (Hg.): Barock in Mitteleuropa. Werke – Phänomene – Analysen. Hellmut Lorenz zum 65. Geburtstag. Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 55/56. Wien/Köln/Weimar 2006/07, S. 507–527, hier S. 511. Zum Baureglement von 1718, an dessen Ausarbeitung Pöppelmann beteiligt gewesen sein soll, siehe Heckmann (1972), S. 21; Mertens (1990/91), S. 29f.; Binding (2004), S. 243f. Von Bächler (1990/91), S. 47, lediglich kursorisch erwähnt, ohne Nennung von Anzahl und Buchtiteln. Vgl. Papke, Eva: Festung Dresden. Aus der Geschichte der Dresdner Stadtbefestigung. Dresden 22007, S. 103– 124. Vgl. Schütte, Ulrich: Das Schloß als Wehranlage. Befestigte Schloßbauten in der frühen Neuzeit im alten Reich. Darmstadt 1994, insbesondere S. 233–251, 265–300. Vgl. Heckmann (1972), S. 82. Sicherlich ein Abkömmling der unterelsässischen Adelsfamilie Wurmser, die viele Gelehrte hervorbrachte; vgl. Zedlers Universallexikon, Bd. 60. Leipzig/Halle 1749, Sp. 94–99. Ein David Wurmser ist darin leider nicht verzeichnet, scheint also schon damals in Vergessenheit geraten zu sein. Vgl. Bürger, Stefan: Architectura Militaris. Festungsbautraktate des 17. Jahrhunderts von Specklin bis Sturm. Berlin/München 2013, S. 244–246; Büchi, Tobias: Naturphilosophie, Mathematik und Handwerk. Buonaiuto Lorini und die Analogie von Maschinenbau und Festungsbaukunst, in: Marten, Bettina/Reinisch, Ulrich/Korey, Michael (Hg.): Festungsbau. Geometrie – Technologie – Sublimierung. Berlin 2012, S. 119–133, hier S. 121–131; Canino, Mario: La Libreria Ducale di Casteldurante da Federico Commandino e Bonaiuto Lorini: geometria, matematica e tecnica della misurazione nel Rinascimento italiano, in: Cleri, Bonita u. a. (Hg.): I Della Rovere nell’Italia delle Corti, volume III: Cultura e Letteratura. Urbino 2002, S. 143–172, hier S. 161ff.; Pollak, Martha D.: Cities at War in Early Modern Europe. Cambridge, Mass./New York 2010, S. 67–69; dies.: Military Architecture, Cartography and the Representation of the Early Modern European City. A Checklist of Treatises on Fortification in the Newberry Library. Chicago 1991, S. XXIII, XXXIII, 60–62, Nr. 32f.; Manno, Antonio: Buonaiuto Lorini e la scienza delle fortificazioni, in: Architettura – Storia e documenti (1985), Heft 2, S. 34–50; Neumann, Hartwig: Architectura Militaris, in: Schütte/Neumann (1984), S. 281–404, hier S. 361, Nr. 307. Bezüglich verbürgter Nachweise der im selben Verlag 1592 erschienenen raren Erstausgabe vgl. Canino (2002), S. 161, Anm. 33. In der jüngeren Sekundärliteratur werden zumeist fälschlich die Ausgaben von 1596/97 als Erstausgabe missverstanden, obwohl deren fünf Bücher laut Titelblatt bereits als »Nuovamente dati in luce« bezeichnet sind. Dementsprechend ließ sich jüngst Bürger (2013), S. 244, Anm. 126, dazu verleiten, bei Neumann (1984), S. 361, Nr. 307, zu Unrecht ein vermeintlich falsch angegebenes Ersterscheinungsjahr 1592 zu monieren. Biografisches liefert Lombaerde, Piet: Pietro Sardi, Georg Müller, Salomon de Caus und die Wasserkünste des Coudenberg-Gartens in Brüssel, in: Die Gartenkunst 3 (1991), S. 159–173, hier S. 172, Anm. 9. Vgl. Bürger (2013), S. 287–289; Pollak (1991), S. XV, XXIV, XXXIII, 88f., Nr. 52; Neumann (1984), S. 364, Nr. 312.

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175 Berühmt geworden durch seine Historische Chronica (Frankfurt am Main 1642), wovon sich laut Nachlass­ inventar, Nr. 363, eine Ausgabe von 1674 in Pöppelmanns Wohnung befand; vgl. Heber, Maike: Johann Ludwig Gottfried: Historische Chronica, in: Tiller/Lieber (2013), S. 130f. 176 Auf eine Kennzeichnung als zweiter Teil eines Traktats wurde anscheinend verzichtet, weil ursprünglich wohl nicht daran gedacht worden war, auch den textlastigen ersten Teil übersetzen zu lassen. Offensichtlich führte die verkaufsfördernde Wirkung der Illustrationen zum Bevorzugen des zweiten Teiles. Bürger (2013), S. 289, hat die Editionsgenese der deutschen Ausgabe von Sardis Corona Imperiale dell’Architettura militare sichtlich missverstanden, da er die zuerst erschienene Übersetzung des illustrierten Teiles nicht als zweiten Teil einer zweibändigen Gesamtausgabe begreift, sondern fälschlich als lediglich sinngemäße Übertragung des ersten Teiles. Die 1626 erstmalig erfolgte deutsche Ausgabe desselben wird demgemäß irreführend als »eigentliche Übersetzung« verstanden. 177 Vgl. v. a. Bürger (2013), S. 312–318, sowie Eichberg, Henning: Festung, Zentralmacht und Sozialgeometrie. Kriegsingenieurwesen des 17. Jahrhunderts in den Herzogtümern Bremen und Verden. Köln/Wien 1989, S. 351, 379f., 423; ferner u. a. Pollak (2010), S. 14f., 64f., 72f., 77, 90, 93; dies. (1991), S. XV, XXIII, 48–51, Nr. 24f.; Neumann (1984), S. 365–367, Nr. 316. 178 Vgl. Jahn (2013), S. 48f., Nr. 18. 179 Siehe Anm. 86. 180 Furttenbach, Joseph: Architectura recreationis. Das ist: Von Allerhand Nutzlic.vnd Erfrewlichen Civilischen Gebäwen: In vier Vnterschidliche Hauptstuck eingetheilt. Augsburg: Eigenverlag des Autors, 1640. Vgl. Bürger (2013), S. 214f.; Schweizer, Stefan: Die Erfindung der Gartenkunst. Gattungsautonomie – Diskursgeschichte – Kunstwerkanspruch. Berlin/München 2013, S. 130–134; Schütte (1994), S. 153–156; ders. (1984), S. 245f. 181 Ein befestigtes Schloss ist auch im Bildteil von Andreas Albrechts Perspektivtraktat (Büchernachlass, Nr. 23) abgebildet, und zwar auf Tafel Nr. 1, übertitelt: Schwanningen (heute Unterschwanningen/Franken). 182 Vgl. z. B. Jesberg, Paulgerd: Die Geschichte der Ingenieurbaukunst aus dem Geist des Humanismus. Stuttgart 1996, S. 46–117, oder auch Schütte, Ulrich: Architekt und Ingenieur, in: Schütte/Neumann (1984), S. 18–31. 183 Gemeint ist das fünfte Buch. Vgl. Beck, Theodor: Beiträge zur Geschichte des Maschinenbaues. Berlin 1899, S. 235–253, sowie Büchi, Tobias: »Mechanische Operation« und »mathematische Demonstration«: Buon­ aiuto Lorini, Galileo Galilei und die Analogie von Maschinen- und Festungsbau, in: Scholion 7 (2012), S. 41–57, hier S. 42ff.; ähnlich bereits ders. (2008), S. 121–131. 184 Vgl. Jahn (2013), S. 72–75, Nr. 28; Bächler (1990/91), S. 47. Zur genannten Edition Böcklers vgl. ergänzend zu Jahn (2013), S. 74f., v. a. Dolza, Luisa/Marchis, Vittorio: A Story Told Backwards: on the »Artificial Drawings of all Sorts of Mills«, from the Theatre of Machines to the Florentine Corpus of the Stradas, in: dies. (Hg.): L’album fiorentino dei »Disegni artificiali« raccolti da Jacopo e Ottavio Strada. Rom 2002, S. 234–244, ferner Hilz, Helmut: Theatrum Machinarum. Das technische Schaubuch der frühen Neuzeit. München 2008, S. 102–107; Marchis, Vittorio: Storia delle macchine. Tre milleni di cultura tecnologica. Roma/ Bari 22005, S. 99, 102–105, 129; Bacher, Jutta: Das Theatrum machinarum – Eine Schaubühne zwischen Nutzen und Vergnügen, in: Holländer, Hans (Hg.): Erkenntnis, Erfindung und Konstruktion. Studien zur Bildgeschichte von Naturwissenschaften und Technik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Berlin 2000, S. 509–518, hier S. 512f.; Vollmar (1983), S. 148–150, A 17f., Nr. 4. Bei Letzterem sind zahlreiche Fehler bezüglich der Editionsgenese zu beachten. 185 Vgl. neben Hilz (2008), S. 94–101, und Bacher (2000), S. 514–517, v. a. Jansen, Dirk Jacob: The Strada Family and its Role in the Dissemination of Renaissance Mechanical Inventions, in: Dolza/Marchis (2002), S. 216–233, insbes. S. 230f. Man beachte, dass ebd., S. 231, der Autor der Kommentare, d. i. der hessische Militäringenieur und Mathematiker Benjamin Bramer (1588–1652), mit dem Nürnberger Goldschmied Leonhard Bramer verwechselt wird. Eine kulturhistorische Kontextualisierung liefert Kaufmann, Thomas DaCosta: The Stradas’ Work on Mills and the Movement of Water in Context, in: ebd., S. 199–215.

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186 Aus der älteren Edition des Ottavio Strada d. J. wurden vier Brunnendarstellungen ausgesondert, sodass für die Neuausgabe 108 Druckplatten wiederverwendet sind. Diesen Grundstock erweiterte Böckler um 46 Maschinendarstellungen, die sich an der speziellen Art der Nummerierung (»No …«) erkennen lassen. Zuletzt behauptete der Autor ( Jahn [2013], S. 74f.), in der Sekundärliteratur weise man stets in Unkenntnis der 1629er-Ausgabe der Strada’schen Maschinendarstellungen die darin erstveröffentlichten zwölf Inventionen zum Thema des Perpetuum mobile irrtümlich Böckler zu. Eine seinerzeit übersehene Ausnahme macht jedoch Klemm, Friedrich: Perpetuum mobile. Ein »unmöglicher« Menschheitstraum. Dortmund 1983, S. 72–93, insbes. S. 79. 187 Tafeln 3f., 14f., 19–21, 25, 29, 31f., 43, 47, 60, 71, 78, 104–106, 109–111. Ramelli, Agostino: Le diverse et artificiose machine. Paris: Eigenverlag des Autors, 1588, bzw. nachgestochene deutsche Ausgabe: Schatzkammer/ Mechanischer Künste, Leipzig: Henning Grosse, 1620; vgl. Hilz (2008), S. 36–49; Marchis (2005), S. 49, 100; Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 5 (2003), S. 2759–2761, Nr. 4076; Bacher (2000), S. 512; Jesberg (1996), S. 80–82; Beck (1899), S. 206–234. 188 Tafeln 38f., 49, 68f., 74, 82, 112. Zonca, Vittorio: Novo teatro Di machine et edificii. Padova: Pietro Bertelli, 1607; vgl. u. a. Hilz (2008), S. 50–59; Marchis (2005), S. 88, 100f., 120, 133–136; Savage/Beasley/Shell (1994–2003), Bd. 5 (2003), S. 2825f., Nr. 4154; Bacher (2000), S. 512f.; Jesberg (1996), S. 82; Beck (1899), S. 293–317. 189 Tafeln 63, 77, 94. Caus, Salomon de: Les Raisons Des Forces Mouuantes Auec diuers Machines. Frankfurt am Main: Abraham Pacquart, 1615. Vgl. u. a. Hilz (2008), S. 84–93; Marchis (2005), S. 102; Bacher (2000), S. 517f.; Jesberg (1996), S. 82; Beck (1899), S. 502–512. 190 Tafeln 17, 35f., 61, 66, 75. Zeising, Heinrich: Theatri Machinarum Dritter Theill Darinnen vielerley künstliche Mühlwerk. Leipzig: Henning Grosse, 1612; vgl. u. a. Hilz (2008), S. 76–83; Marchis (2005), S. 102; Bacher (2000), S. 518; Beck (1899), S. 391–410. 191 Vgl. zu den gattungsspezifischen Eigenschaften z. B. Ladzardig, Jan: Paradoxe Maschinen. Tzara, Bracelli und der Ursprung des Fragens, in: Schramm, Helmar/Schwarte, Ludger/Ladzardig, Jan (Hg.): Spuren der Avantgarde: Theatrum machinarum. Frühe Neuzeit und Moderne im Kulturvergleich. Berlin/New York 2008, S. 214–239, hier S. 218–225; Hilz (2008), S. 11–15; Bacher (2000); Schütte (1984), S. 260f. 192 Angaben laut Kästner, J.: Die ersten Holzröhrfahrten, Online-Publikation des WIMAD – Verein für Wissenschaftler und ingenieurtechnische Mitarbeiter Dresden e. V., Dresden 2007 [URL: http://www.frontinus.de/pdf/wimadblatt1.pdf; zuletzt aufgerufen am 11.03.2014], S. 3; vgl. auch Ermisch, Hubert Georg: Der Zwinger zu Dresden. Dresden 1952, S. 28. Heckmann (1972), S. 127, erwähnt irreführend lediglich Rohrleitungen, die das Wasserreservoir des Wilsdruffer Tores versorgt hätten, übersah also die dazu unverzichtbare Wasserkunst. 193 Zur Verwendung weiterer (nicht architektonischer) Titel aus Pöppelmanns Bibliothek zu Berufs­zwecken vgl. Bächler (1990/91), S. 42f., 47.

Bibliografie Vorbemerkung: Nachfolgend sind von der zitierten historischen Literatur nur diejenigen Titel gelistet, welche nicht Pöppelmanns Buchbesitz widerspiegeln und deshalb innerhalb der Fußnoten belegt sind. Bezüglich der besprochenen Bücher und druckgrafischen Serien, die sich in Pöppelmanns Besitz befanden, wird innerhalb des Texts an entsprechender Stelle auf den im Anhang aufgelisteten Büchernachlass verwiesen. Ackerman, James S.: Imitation, in: ders.: Origins, Imitation, Conventions. Representation in the Visual Arts. Cambridge, Mass./London 2002, S. 125–141. Andersen, Kristi: The Geometry of an Art. The History of the Mathematical Theory of Perspective from Alberti to Monge. New York 2007.

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Ulrich Fröschle

Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch Zur Weltverarbeitung und Welterschließung eines barocken Erfolgsromans

1.

»Der Simplicissimus« – von welchem soll die Rede sein?

»On m’a recommandé un livre en Allemand, qui s’apelle Sinplisis Sinplisissimos, qui a esté imprimé à Mompelgard«, hatte 1670 die Herzogin Sophie von Hannover an ihren Bruder, den Kurfürsten Carl Ludwig von der Pfalz, geschrieben und dies mit der Bitte verbunden, ihr das Buch zukommen zu lassen.1 Noch Anfang der 1740er Jahre ist zu lesen, der Simplicissimus, um den handelt es sich nämlich, sei »ein so bekanntes Buch, daß die meiste Liebhaber curieuser Historien=Bücher, diese drey Theile davon mit ihren artigen und netten Kupfern, in ihren Bibliothequen vor einen Historischen, Moralischen, Satyrischen, und lustigen nützlich=zeitvertreiblichen Schatz halten«.2 Diese Einlassungen zeugen von der fortdauernden Prominenz jenes Werkes, das die Gestalt des Simplicissimus hervorgebracht, damit den literarischen Typus der ›Simpliciade‹ begründet und nicht zuletzt auch manche spätere deutsche ›Robinsonade‹ beeinflusst hat. So ist es zunächst nicht verwunderlich, dass sich Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch auch in der Privatbibliothek des Architekten Matthäus Daniel Pöppelmann zu Dresden fand; in seiner Büchersammlung scheint diese Schrift indes »als eines der wenigen belletristischen Werke aus dem Rahmen« zu fallen, »zumal weitab von Pöppelmanns Profession oder seinen sonstigen Interessen angesiedelt«.3 Da die Zusammensetzung seiner Bibliothek nur durch ein Inventar in der Nachlassakte bezeugt und darin just der Eintrag »Der Simplicissimus« fragmentarisch, als »defect« annotiert ist,4 bleibt unklar, welche Ausgabe des Textes der Baumeister besaß – es lässt sich allein vor diesem Hintergrund gewiss keine »historische Leserforschung« an seinem Beispiel betreiben.5 Auch Pöppelmanns Bibliothek hatte das Schicksal vieler Privatsammlungen jener Zeit teilen und eine »ephemerische Erscheinung in der literarischen Welt« bleiben müssen, typisch »privat« eben auch darin, dass sie »nach Belieben des Besitzers, oder nach dessen Tode durch Verkauf zersplittert werden kann«.6 Schon die scheinbar einfache Frage, welche Ausgabe in seiner Büchersammlung vorlag, führt mitten hinein in die komplexe Bücher- und Wissenswelt des Barocks: Der Roman des formal ungelahrten Autodidakten

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Ulrich Fröschle

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, der sechs Jahre nach Pöppelmanns Geburt erstmals erschien, hatte sich nämlich nicht nur zum Verkaufsschlager der Nürnberger Offizin Felßecker – die Angabe von Mömpelgard als Druckort ist fiktiv – entwickelt; der Text durchlief in der Folge auch eine höchst komplizierte Auflagen- und Bearbeitungsgeschichte.7 Denkbar ist, dass Pöppelmann eine der ersten oder aber sogar mehrere Varianten des Simplicissimus gelesen hat, selbst wenn er einen jener – trotz sinkender Bücherpreise noch immer keineswegs billigen – Oktavbände erst in seiner Dresdner Zeit, also nach 1680 erworben oder eingetauscht haben sollte.8 Die erste Ausgabe des Simplicissimus Teutsch war 1668, vordatiert auf 1669, in Nürnberg, einem der damaligen deutschen Druckerzentren, bei Wolff Eberhard Felßecker erschienen; im Folgejahr brachte er eine zweite Auflage sowie eine »gantz neu umgegossene« Ausgabe mit einer beigefügten Continuatio heraus, der 1671 und 1672 noch »sprachlich modifizierte und bebilderte Ausgaben« mit starken Eingriffen und Ergänzungen folgten.9 Schon 1669 war in Frankfurt am Main überdies ein Neueingerichteter und vielverbesserter Abentheuerlicher SIMPLICISSIMUS als »Raubdruck« erschienen, an dem sich die Felßecker’schen Neuauflagen orientierten. Die erste Ausgabe des Romans umfasste ursprünglich fünf Bücher, doch hatte Grimmelshausen bereits 1668 auch schon jene erwähnte Continuatio geschrieben: Sie erschien 1669 als eigenständige Ausgabe, ebenso wie sie dem Simplicissimus als sechstes Buch angehängt wurde. Pöppelmann mag wohl auch eine jener drei 1683/84, 1685/86 und noch einmal 1713 von Felßeckers Sohn, Schwiegertochter und Enkel verlegten jeweils dreibändigen prachtvollen Sammelausgaben besessen haben, die der eingangs zitierte Simplicissimus Redivivus 1743 als »lustigen nützlich=zeitvertreiblichen Schatz« mancher Liebhaberbibliothek benannte: Unter dem Signum »Des/ Aus dem Grab der Vergessenheit wieder erstandenen/ SIMPLICISSIMI/ Abentheuerlicher/ und mit allerhand seltsamen Begebenheiten angefüllter/ Lebens=Wandel/ […] Jn dreyen Theilen/ auf= und vorgestellet«, wie es auf dem Titelblatt des ersten Bands der Ausgabe von 1713 hieß,10 umfasste diese ›Gesamtausgabe‹ neben den fünf »Büchern« des Simplicissimus Teutsch nicht nur die Continuatio als sechstes Buch. Sie enthielt, nebst weiteren Texten und solchen, deren Zuordnung zu Grimmelshausen als Autor der Forschung problematisch erscheint, auch den Trutz Simplex: Oder Ausführliche und wunderseltzame Lebensbeschreibung Der Erzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche als siebtes, den Seltzamen Springinsfeld als achtes, Das wunderbarliche Vogel-Nest sowie dessen Zweiten theil als neuntes und zehntes Buch eines aus dem Simplicissimus entwickelten und um diesen gruppierten Textkomplexes.11 Angesichts des großen Erfolgs, den der Simplicissimus hatte, lag damals – nicht anders als heute – eine konsequente Ausbeutung und Ausweitung dieses Erstlings freilich nahe: Grimmelshausens Schreibpraxis bietet ein herausragendes Beispiel für jene frühe Art der Serialisierung in Form von Sprossgeschichten, die sich bei ihm von 1668 bis 1675 zu einem Zyklus fügten.12 Der 1669 publizierten Continuatio, die unter anderem als poetologischer Kommentar zu den fünf Büchern des Simplicissimus gedeutet wurde,13 schlossen sich dann

Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch

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die folgenden – auch eigenständig zu lesenden – Romane aus dessen Figuren- und Episodenkreis heraus an.14 Die Courasche (1670) wird aus einer marginalen Figur des fünften Buches des Simplicissimus zum Schelmenroman über den Überlebenskampf einer notgedrungen selbstständigen Frau im Dreißigjährigen Krieg entwickelt, wobei die Erzählung ihrer Lebensgeschichte sich motiviert als Abrechnung und Gegendarstellung zu einer despektierlichen Äußerung des Simplicissimus in dessen gedruckter Lebensgeschichte.15 Auch der ebenfalls 1670 veröffentlichte dritte Folgetext, der Springinsfeld, entfaltet eine Nebenfigur des Erstlings, die zudem in der Courasche eine Rolle spielt, während die beiden anschließenden Vogel-Nest-Romane wiederum aus einer Episode des Springinsfeld fortgesponnen werden: Im Rahmen seiner Lebensgeschichte, die der vormalige Musketier und Lebensgefährte der Courasche seinem alten Spießgesellen Simplicissimus erzählt, berichtet er von einer Leier spielenden schönen Bettlerstochter, die er später geheiratet hatte. Diese »Leyrerin« geriet in den Besitz eines magischen Vogelnests, das unsichtbar macht, und verließ ihn in der Folge, um ihrer eigenen – höchst unmoralischen – Wege zu gehen. Am Ende seiner Erzählung, in den letzten beiden Kapiteln des Springinsfeld, berichtet er davon, wie er erfährt, dass »zwoelf behertzte Maenner mit Partisanen« sein der Hexerei verdächtiges schändliches Weib schließlich stellen und töten konnten, wobei einer der Hellebardiere spurlos verschwunden sei.16 Dieser wird sodann zur Hauptfigur des folgenden, 1672 publizierten Romans: Er durchlebt dank des »wunderbarlichen Vogel-Nests«, das er bei der Leiche der Leyrerin aufgehoben hat, als unsichtbarer Zeuge und Mitspieler die ›Verkehrtheiten‹ der Welt, bis er das Nest am Ende im Überdruss »wol zu sibenzehenhundert Fetzen« zerreißt und zusieht, wie sich Ameisen daranmachen, »das Genist von dem zerissenen Vogel-Nest einzutragen«. Er muss aber von einem Baum, auf den er vor Wölfen flieht, noch »zween Maenner« beobachten, die Teile des Zaubernestes wieder auflesen, und erkennen, dass »die Wuerkung meines gewesenen Vogel-Nests nunmehr wiederumb in einer andern Gestalt einem Herrn dienete«.17 Auch hier ist die Serialisierung also systematisch angelegt: In Deß Wunderbarlichen Vogelnests Zweiter theil, dem 1675 gedruckten Abschluss dieses simplicianischen Zyklus, durchläuft ein zahlreichen weltlichen Anfechtungen ausgesetzter württembergischer Kaufmann, einer jener »zween Maenner«, dem der andere, ein zauberkundiger »fahrender Schueler«, die Reste des Vogelnests aus dem Ameisenhaufen geborgen und übergeben hat, seine Abenteuer. Das Buch zeigt ihn als eine moralisch verkommene Figur, die sich am Ende bekehrt, die bisherige Lebensführung bereut, das Vogelnest als Medium jenes Lebenswandels einem Pater aushändigt, der es endlich von einer Brücke in den Rhein verstreut. Schließlich offenbart das letzte Kapitel, dass der Kaufmann diesen zweiten Teil des Vogel-Nests als Bekenntnisschrift seiner Bekehrung verfasst haben will, nachdem er den ersten Teil des Vogel-Nests in die Hand bekommen und gelesen hatte.18 Da Grimmelshausen diese einzelnen Schriften des Zyklus als fiktionale Autobiografien bzw. Lebensbeschreibungen unter diversen Autorschafts-Pseudonymen publizierte, hatte sein Produktionsverfahren auch Formen des ›Etikettenschwindels‹ ermöglicht: So

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Ulrich Fröschle

fand selbst »der hochbetagte Knan«, der Ziehvater des Simplicius, als Ausgangspunkt für eine nicht von Grimmelshausen stammende Sprosserzählung »1673 noch Aufnahme in diejenige Literatenzunft, die am kommerziellen Erfolg des Simplicissimus partizipieren wollte«.19 Neben den ›Fortsetzungen‹ sind noch einige kleinere ›simplicianische‹ Geschichten Grimmelshausens und sein Des Abentheuerlichen Simplicissimi Ewig-währender Calender (1670/71) als weitere gleichsam ›serielle‹ Verarbeitungsformen seines Erfolgs mit dem Vagantenroman hier wenigstens zu erwähnen.20 Die vom Autor nach Abschluss seines Simplicissimus intendierte Serialisierung und Anlage hin auf einen grundsätzlich offenen Zyklus ist aber nur ein Aspekt von dessen komplexer Gestalt- und Rezeptionsgeschichte; ein anderer öffnet sich in der schwer durchschaubaren Bearbeitungspraxis der späteren Auflagen, wobei die Ergänzungen und Modifikationen des Textes sowie der beigegebenen Bilder von der Forschung zu einem beträchtlichen Teil lektorierenden Eingriffen, also nicht dem Autor selbst, zugeschrieben werden.21 Folgt man Peter Heßelmann, wurde der Simplicissimus für die »Monumentalausgabe am gründlichsten bearbeitet und kommentiert«, weil die semantische »Polyvalenz des Textes« eine Rezeption im »Einklang mit den gültigen ästhetischen Normen der Zeit« erschwerte: »Daher beabsichtigte der Bearbeiter, die Verstehensprobleme zu lösen, indem er den Text in Richtung auf das herkömmliche protestantische Erbauungsschrifttum zu ›normalisieren‹, d. h. zu ›verbessern‹« trachtete. »Die Manipulation erfolgte also auf der Basis einer rigiden Erbauungsästhetik, die die Normen offerierte und eher abfällig auf unterhaltend-lustige Erzählelemente ›profaner‹ Dichtkunst reagierte. Die von Grimmelshausen gewählte, weit subtilere Methode der Lesererbauung hatte bei den Adressaten offenbar zu viel vorausgesetzt.«22 Infolgedessen erreichte der Simplicissimus Teutsch »das Publikum seit Mitte der achtziger Jahre des 17. Jahrhunderts nur noch in Begleitung einer direkt auf den Leser zugreifenden Erbauung, vermittelt durch einen moralisierenden Eifer protestantisch-lutherischer Orthodoxie«.23 Vom jetzigen Stand des Wissens her bleibt daher nicht nur dunkel, ob Der Simplicissimus in Pöppelmanns Dresdner Privatbibliothek nur die ersten fünf Bücher des Zyklus oder aber etwa die dreibändige, neben dem gesamten Zyklus sogar noch weitere Schriften enthaltende Prachtausgabe umfasst hat; man weiß überdies nicht, welche Fassung beziehungsweise Bearbeitung des Simplicisissimus oder wie viele Teile des Zyklus er gelesen hat und kann damit auch nicht abschätzen, ob der Baumeister dieses in seiner Sammlung auffällige belletristische Werk aufgrund einer »rigiden Erbauungsästhetik« oder aber etwa wegen der für ihre Zeit einzigartigen »subtilere[n] Methode« der ersten Ausgaben aufbewahrt hat. Folglich kann hier allein in einem sehr allgemeinen Sinn vom Text – oder von den Texten – her gefragt werden, worin die anhaltende und schichtübergreifende Attraktion des Romans auch für die lesenden Zeitgenossen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts gegründet haben mag: Es werden in jenem kunstfähigen und -liebenden Zeitalter indes kaum seine literarisch konventionellen Elemente gewesen sein.

Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch

2.

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»Jetzo da der blutige Türck= und Tartar=Sebel« – zum Ruhm und zur »Aktualität« des Simplicissimus

Grimmelshausen selbst ist zu seiner Zeit allerdings nur wenigen als Autor des Simplicissimus bekannt geworden, da er den Text, wie erwähnt, unter einem Kunstnamen, einem Anagramm seines richtigen Namens, publiziert hatte, wie ohnehin die meisten seiner Schriften unter verschiedenen derartigen Pseudonymen erschienen sind. Der vormalige Soldat des Dreißigjährigen Krieges, der danach als Verwalter und zeitweilig als Gastwirt im Schwarzwald und in der Ortenau arbeitete, es schließlich zum Schultheißen der Gemeinde Renchen brachte, um sich am Ende angesichts des an den Oberrhein übergreifenden französisch-holländischen Krieges noch einmal zur Fahne zu begeben, hatte seine Schriften, soweit bekannt, allesamt erst in den letzten zehn Jahren seines Lebens publiziert. Der Status Grimmelshausens als gleichsam privatgelehrter Autodidakt, der »nehmlich nicht studirt, sonder im Krieg uffgewachsen/ und allda wie ein anderer grober Esel keine Wissenschaften/ gefast habe«, war ihm gegenüber offenbar dergestalt als ›literaturkritischer‹ Vorwurf formuliert worden, dass er »dahero nicht genugsamb seye Bücher zu schreiben«:24 Dies beschäftigt ihn schon in der Vorrede zu seiner ersten Publikation, dem Satyrischen Pilgram 1666; die Schwierigkeit des Autodidakten, Anerkennung bei den etablierten gelehrten Autoren, möglicherweise auch Aufnahme in eine ihrer literarischen Gesellschaften zu finden, führten angesichts des evidenten Erfolgs seiner Bücher wohl dazu, statt auf Ruhm vor allem auf Nachruhm zu setzen: Im erbaulichen Roman Dietwald und Amelinde, den Grimmelshausen 1670 unter seinem richtigen Namen publizierte, schreibt ihm ein – möglicherweise vom Autor selbst stammendes – Lob-»Sonnet« die berühmten Simplicissimus-Romane explizit namentlich zu und betont: »Der Grimmleshauser mag sich wie auch bey den Alten/ der alt Protheus thaet/ in mancherley Gestalten/ veraendern wie Er will/ so wird Er doch erkandt/ an seiner Feder hier/ an seiner treuen Hand.«25 Eine solche Einheit des »Werkes«, wie sie hier in der Signatur des Autors durch den proteischen Schein der Pseudonyme hindurch konstituiert wird, bildet die Voraussetzung für jene Dauerhaftigkeit auch im Nachruhm, die in einer scheinbar grenzenlos mobilisierten Welt immer wichtiger wird und rund 130 Jahre später mit Hölderlins Hymne Andenken in die für eine selbstbewusst individuelle Autorschaft programmatische Zeile münden sollte: »Was bleibet aber, stiften die Dichter.«26 Der Bekanntheit und Beliebtheit des Simplicissimus entsprach jedoch noch keine individuelle Prominenz des Autors – diese kam vielmehr eben jener ›simplicianischen‹ Autorfiktion zu, die Grimmelshausen in und mit seinem Zyklus als Kunstfigur hinter den fiktiven Autobiografien und Lebensberichten seiner Protagonisten etabliert hatte. Was mag nun aber einen Menschen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts an dem mit seiner Handlung weitgehend vor 1650 angesiedelten ›Schelmenroman‹-Gespinst Grimmelshausens interessiert haben? Matthäus Daniel Pöppelmann etwa, der aus dem westfälischen Herford stammte und wohl seit seinem 18. Lebensjahr in Sachsen lebte, war

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deutlich nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges zur Welt gekommen – rund 40 Jahre jünger und knapp 60 Jahre später gestorben als der Autor des Simplicissimus, gehörte er einer ganz anderen Generation an. Doch verhandelt der Roman des 1621/22 in der lutherischen Reichsstadt Gelnhausen geborenen Hessen in einer erfahrungsgesättigten und zugleich anspruchsvoll artifiziellen Weise Szenarien, Themen und Fragestellungen, die das deutsche Publikum auch nach dem Tod des Autors im Jahr 1676 nachhaltig beschäftigten – aus naheliegenden Gründen. Die fünf Bücher des Simplicissimus beschreiben ja auf der ersten Handlungsebene vor allem das Schicksal eines durch den ›Teutschen Krieg‹ gebeutelten Knaben und Jünglings, auch die Courasche und der Springinsfeld spielen in diesem Szenario. Mit Blick genau darauf kann bereits das Geleitwort des Verlegers an den »Teutsch=treugesinnte[n] Leser« zum ersten Band der posthumen Sammelausgabe, das auf den 1. September 1683 datiert ist, diese Neuedition direkt an eine aktuelle Kriegslage im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation anbinden: »Jetzo da der blutige Türck= und Tartar=Sebel […] zu fürchten« sei,27 ist der thematische und existenzielle Bezug zur Gegenwart Ende des 17. Jahrhunderts und auch danach in der Tat ›augenscheinlich‹, medial wie unmittelbar. Der Türkenkrieg im Südosten des Reichs, der just 1683 mit der zweiten Belagerung Wiens durch die Osmanen einen spektakulären Höhepunkt hatte, war mit den französischen Unternehmungen Ludwigs XIV. in West- und Mitteleuropa eng verknüpft: Im 1688 einsetzenden Neunjährigen Krieg, dem sogenannten Pfälzischen Erbfolgekrieg, bei dem die Franzosen ohne formelle Kriegserklärung bis weit nach Württemberg brandschatzend vorgestoßen waren, wurde der Name des französischen Heerführers Mélac in Südwestdeutschland zum Synonym für Verheerung, Plünderung und Vergewaltigung,28 und man fürchtete damals durchaus eine Neuauflage jenes traumatisch langen Krieges, der gerade rund 40 Jahre zurücklag. Im Zuge des 1700 beginnenden Großen Nordischen Krieges eroberten sodann die Schweden 1706 unter Karl XII. das mit dem russischen Zaren verbündete Kurfürstentum Sachsen, dessen Herrscher August der Starke zugleich König von Polen war und im Altranstädter Frieden seinen Verzicht auf diese Krone erklären musste; das Kurfürstentum blieb schwedisch besetzt, bis August nach Karls Poltawa-Niederlage 1709 wieder in den Krieg eingriff.29 Parallel lief der Spanische Erbfolgekrieg (1701–1714) mit Kriegshandlungen in Süd- und Westdeutschland, Plünderung und Brandschatzung in Schwaben und Franken.30 Wie wichtig dieser Bezug auf die je aktuelle Zeit in der Rezeptionsgeschichte des Simplicissimus ist, erweist sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass noch die durchaus identifikatorische Wiederentdeckung des 17. zu Anfang des 20. Jahrhunderts von der Erfahrung des Ersten Weltkrieges ›befeuert‹ und hierbei an prominenter Stelle an Grimmelshausens Roman angeknüpft wurde, wenn etwa Ernst Jünger in seinem 1929 publizierten Abenteuerlichen Herz schrieb: Ich wüßte keinen Eingang, der mich so ergriffen hätte wie der des »Abenteuerlichen Simplicissimus«. Wie hier der Krieg auf stampfenden Hufen mit Mord und Brand in das entlegene

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Spessarttal bricht, […] wie das Schreckliche hinter der Maske des Gelächters erscheint, so daß der Zuschauer versteinert und mit weit geöffneten Augen seinen Ablauf verfolgt: das macht die Bewegung und den innersten, in sich begründeten Sinn einer ganzen Zeit in einem Maße lebendig, das kein Studium erbringen könnte.31

Neben solch allgemein lagebedingter Aktualität des Simplicissimus war just für Pöppelmann möglicherweise auch von Interesse, dass der Roman über lange Passagen um die Episoden des Titelhelden als »Jäger von Soest« in seiner vom Dreißigjährigen Krieg stark in Mitleidenschaft gezogenen westfälischen Heimat spielt. Außerdem wies Grimmelshausens Werk deutliche Berührungspunkte mit der Profession Pöppelmanns auf, die es auf mittelbare Weise doch an das Interessenfeld des Dresdner Architekten anschlossen: Simplicius befasst sich als Soldat immerhin mit »Mathematik, Geometrie und Festungsbau«32 und hantiert zudem immer wieder, prominent etwa in der Mummelsee-Episode, mit zeitgemäß avancierten Vermessungs- und Erschließungsinstrumenten, deren Funktion im Roman auf eigene Weise auch reflektiert wird. Fragt man nach der künstlerischen Attraktion des Simplicissimus, so waren Form und Modus für die Entstehungszeit zwar nicht ›revolutionär‹: Formal erscheint der Text zunächst als ›satyrischer‹ Schelmenroman ›niedrigen‹ Stils mit moraldidaktischer Intention. Er ist aber doch offensichtlich ›anders‹ als die damalige konventionelle deutsche, aus adaptierenden Übersetzungen gespeiste Pikaroliteratur nach spanischem und französischem Vorbild. Zweifellos trugen der ungenierte Humor und ein oft beschworener – wenn auch trügerischer – ›Realismus‹ des Romanwerkes zu seinem Erfolg bei;33 auch die systematische semantische Schichtung des Textes, die den sensus litteralis der erzählten Geschichte als Träger, Hülle oder Larve allegorischer Bedeutung anlegt und dieses Verfahren auch immer wieder ausstellt, ist dem zeitgenössischen Leser vertraut und wert, zumal die damit verbundene kognitive Technik nicht allein in der Bibelauslegung gefordert und geschult war, sondern auch den Zugriff der immer wichtiger werdenden wissenschaftlichen Welterschließung präformierte. Die viel beschworene ›Krise der Repräsentation‹ in der Frühen Neuzeit resultierte aus einem gesteigerten Bewusstsein von der Zeichenhaftigkeit der Welt, dem nun eben die Referentialität der Zeichen beziehungsweise die ›Verlässlichkeit‹ der Semiosen jenseits der Heilsgewissheit allmählich zu einem ernsten Problem wurde. Infolgedessen rückte die Zeichenproduktion selbst ins Zentrum künstlerischer Reflexion; 34 dies zeigt sich auch im Simplicissimus in aller Deutlichkeit – es wird vom Text selbst immer wieder vor Augen geführt.

3.

»Der Wahn betreugt« – zum Vexierspiel mit Perspektiven und Identitäten

Auffällig ist sogleich die Virtuosität des manieristischen Vexierspiels mit Autornamen und Erzählpositionen, das bereits in den ersten fünf Büchern des Simplicissimus – im Zusam-

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menspiel mit den »Vestibülen«, den Vorhöfen des Textes – einsetzt,35 in der Continuatio und den folgenden Romanen sodann systematisch zu einer verwirrend artifiziellen Architektur von Wahrnehmungsinstanzen entfaltet wird. Als nomineller Autor fungiert German Schleifheim von Sulsfort auf den Titeleien des Simplicissimus und seiner Continuatio; als Namen des Helden sind dort bereits sowohl der »Simplicissimus« als auch »Melchior Sternfels von Fuchshaim« gesetzt und mitgeteilt. Erzählt wird dessen Geschichte sodann aus der Perspektive eines Ichs, das auf sein bisheriges Leben – nach dem Durchlauf nicht nur einer spezifischen Erfahrungs-, sondern auch einer Bildungsgeschichte – zurückblickt und dabei auf kunstvolle Weise den Horizont des erzählten Ichs zum jeweils berichteten Zeitraum konstruiert, ohne ihn etwa gesucht naiv nachzubilden. Am Anfang steht der namen- und geschichtslose Bauernbub im Spessart, von seinem »Knan« und seiner »Meuder«, Vater und Mutter, nur »Bub geheissen/ auch Schelm/ ungeschickter Doelpel/ und Galgenvogel«.36 Die erzählungsinterne Benennung als »Simplicium« erfolgt im achten Kapitel des ersten Buches durch den Einsiedler, zu dem der Bub nach dem Überfall auf sein Dorf durch eine Soldateska des Dreißigjährigen Krieges in den Wald verschlagen wurde.37 Die scheinbar ›autobiografische‹ Darstellung ex post hält sich weiter an die Chronologie des berichteten Lebens, das heißt, der Leser wird über die Identitätsverhältnisse der Ich-Erzählinstanz analog zu deren Erfahrungsgang im Unklaren gelassen. Erst im achten Kapitel des fünften Buches erfahren erzähltes Ich und Leser den in der Titelei indizierten ›wahren‹ Namen des Simplicius – Melchior Sternfelß von Fuchsheim – und damit auch von dessen ›wahrer‹ adeliger Herkunft, als ihm nach all den Abenteuern am Ende im »Sauerbrunnen« Grießbach im Schwarzwald der Knan wieder begegnet und dem vagantischen Helden von seinen Anfängen erzählt. »[U]eber meine gantze Histori auß der Zeugen Mund« lässt Simplicissimus dann sogleich »durch einen Notarium ein Instrument auffrichten«, um seinen »wahren« Ursprung – zusätzlich zum explizit genannten Taufeintrag des Knans im Kirchenbuch – festzuschreiben und abzusichern.38 Als nach dem vorläufigen Ende des Simplicissimus und dessen Entschluss im fünften Buch, selbst als Einsiedler in sich zu gehen und der Welt zu entsagen, die Continuatio 1669 den Faden wieder aufnimmt, verkomplizieren sich die Erzählverhältnisse. Simplicissimus hat es in der Continuatio als Pilger neuerlich in die Welt verschlagen, wo er fernab sowohl der ›teutschen‹ Heimat als auch der institutionalisierten Pilgerorte der abrahamitischen Religionen Schiffbruch erleidet und wiederum als Einsiedler auf einer nicht kartografierten – daher oft als ›utopisch‹ gelesenen – Insel zu enden scheint. Dort findet ihn ein »Hollaendischer Schiff-Capitain« namens Jean Cornelissen von Harlem, der im 24. Kapitel nunmehr als weitere Erzählinstanz für die letzten vier Abschnitte in die Geschichte eintritt: Er übereignet »an seinen guten Freund«, eben jenen »German Schleiffheim von Sulsfort« und scheinbaren Autor des gesamten Werkes bis dahin, nach Rückkehr von der Reise »die allergroeste Raritet« von einem unbekannten Eiland irgendwo zwischen »den Molluccischen Jnsuln« und der »Jnsul S. Helena« – »gegenwertiges Buch«, nämlich das

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vom Leser bis dahin gelesene, »welches ein hochteutscher Mann in einer Jnsul gleichsamb mitten im Meer allein wohnhafftig/ wegen Mangel Papiers auß Palmblaettern gemacht und seinen gantzen Lebens-Lauff darinn beschriben«.39 Damit aber nicht genug: »Hochgeehrter großguenstiger lieber Leser/ etc.« erhält in einem nachgestellten »Beschluss« Kunde von einem gewissen »H.J.C.V.G.«, also Grimmelshausen selbst, dass es sich bei dem Simplicissimus ebenso um das Werk eines gewissen »Samuel Greifnson vom Hirschfeld« handele wie beim Satyrischen Pilgram und der Histori vom keuschen Joseph, zwei anderen Werken Grimmelshausens. Der Autorname sei nur »durch Versetzung der Buchstaben veraendert« worden zu Schleifheim, »auß was Ursach«, sei ihm unbekannt. Er habe die Continuatio unter Greifnsons »hinterlassenen Schriften« gefunden, die er nun auch publiziere, weil dieser selbst »die erste fuenff Theil bereits bey seinen Lebzeiten in Truck gegeben«.40 Insbesondere die Facettierung der Erzählperspektiven nimmt im Verlauf der Sprossgeschichten weiter zu: Mit der Courasche erscheint eine konkurrierende ›autobiografische‹ Betrachtungsweise aus der Perspektive einer ausgebeuteten und um Behauptung kämpfenden Frau, die dem sich in einer abfälligen Passage äußernden selbstherrlichen männlichen Blick des Simplicissimus den ganzen hermeneutischen Apparat der eigenen Selbstdeutung entgegenstellt. Erzählerisch pointiert wird dies als genealogische ›Rache‹ an Simplicissimus, die in der Eröffnung gipfelt, diesem ein Hurenkind ihrer Magd als gemeinsamen Sohn untergeschoben zu haben. Als Verfasser ihrer Lebensgeschichte erscheint auf der Titelei (und implizit in einer »Zugab des Autors« am Ende) ein Schreiber, »der sich vor dißmal nennet PHILARCHUS GROSSUS von Trommenheim/ auf Griffsberg/ etc.«. Dieser entpuppt sich erst im folgenden Springinsfeld als ein dort vom Hofe abgewiesener Skribent, der nun davon berichtet, wie er selbst den Simplicissimus nebst Knan und Meuder sowie dessen alten Spießgesellen Springinsfeld in einer Gastwirtschaft kennenlernt und dabei Zeuge der Lebensgeschichte des Letzteren wird. Springinsfelds ›autobiografische‹ Erzählung und die Rahmengeschichte in der Gastwirtschaft bieten nun einen weiteren, nicht zuletzt die Courasche ergänzenden und relativierenden Blick auf die Welt des Simplicissimus, mit der dieser wiederum die Genealogie seines Sohnes und damit seine eigene abzusichern sucht: Er beauftragt jenen »von Trommenheim«, Springinsfelds Lebensgeschichte schriftlich niederzulegen und so eben auch die Version des Simplicissimus festzuschreiben, dass der ihm von der Courasche vermeintlich untergeschobene Sohn ihm selbst unverkennbar ähnlich sehe, und er sowieso öfter mit dessen Mutter, der Magd, geschlafen habe als mit der unfruchtbaren Landstörtzerin.41 Gleichsam ergänzend und bilanzierend tritt im ersten Teil des Wunderbarlichen Vogel-Nests noch die Perspektive des einfachen Hellebardiers Michael Rechulin von Sehmsdorff hinzu, der einen grundsätzlichen – nicht auf eine Kriegszeit bezogenen – Blick auf das Tun und Lassen der Menschen, einschließlich der eigenen Verstrickungen, über die Stände hinweg werfen darf. Der zweite Teil des Vogel-Nests steht dann unter dem Autorensignum »Aceeeffghhiillmmnnoorrssstuu«, löst also Grimmelshausens Namensvexierung

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in das alphabetisch geordnete abstrakte Zeicheninventar auf. Dieser letzte Teil des Zyklus ist unter anderem mit einer poetologischen Vorrede an den Leser gerahmt, die abschließend die Zusammengehörigkeit aller zehn Bücher des »Simplicianische[n] Autor[s]« verfügt.42 Die Ich-Erzählung führt dort nun in die unmittelbare Gegenwart der Erzählzeit und damit auch wieder in den sich anbahnenden französisch-holländischen Krieg, in dessen Zuge auch Grimmelshausen noch einmal Soldat wurde. Während im Simplicissimus schon von Anfang an die naive und närrische Wahrnehmung des jungen Simplicius mit geradezu überbordenden Bildungsverweisen aus der späteren Biografie des Erzählers heraus gespickt, damit en passant analogisierend ausgeweitet, aber auch gebrochen wird, erscheint im ersten Teil des Vogel-Nests der relativ schlicht gehaltene Erzählgestus des ›einfachen Mannes‹ narrativ weitgehend ungebrochen inszeniert. Der Hellebardier observiert als unsichtbarer Beobachter von Episode zu Episode die Verkehrtheit der Welt, in die er selbst gleichsam als deus ex machina gelegentlich einzugreifen versucht; dabei wird ihm die Relativität menschlicher und somit auch der eigenen Erkenntnis deutlich, worauf er sich auf der Basis des ihm zugeschriebenen ›naiven‹ und sympathischen Naturells am Ende einem tätigen, in Gott ruhenden Leben zuwendet. Der Kaufmann als erzählerisches Subjekt und Objekt des zweiten Teiles des Vogel-Nests ist dagegen zweifellos »die häßlichste Gestalt, die Grimmelshausen erfunden hat«.43 Wurde mit dem Hellebardier der Satyriker in seiner kritischen, nur scheinbar objektiven Betrachtungsweise aus einer utopisch-standortlosen Unsichtbarkeit heraus sich selbst zum Problem, verlegt die narrative Konzeption im zweiten Teil die Problematik der ›verkehrten Welt‹ in »das verkehrte, wahnbefangene Verhalten des Ich-Erzählers«: Er bekehrt sich zwar am Ende durchaus glaubwürdig, doch gewinnt er im Rahmen der Erzählung keinen befreienden Blick auf sich selbst in dem Maße wie etwa der einfache Hellebardier.44 Dieser nämlich vermag im ersten Teil immerhin klar zu sagen, er habe gelernt, »wie wenig unserm eignen Beduncken zutrauen [!] und zu glauben sey«, um sodann noch deutlich auf den Gesamtzusammenhang zu verweisen: »Gibt mich dannoch nicht Wunder/ daß der alte Simplicissimus in alle Kupfferstueck so sich in seiner Lebens-Beschreibung befinden/ gesetzt hat: Der Wahn betreugt!«45 Der satyrische Text des gesamten Zyklus spielt also mit Masken der Autorschaft ebenso wie mit der Verlässlichkeit der Erzählinstanzen. Was dem Leser schon aus der Pictura des emblematischen Titelkupfers der ersten Auflage des Simplicissimus heraus direkt ins Auge schaut, ist mit der Chimäre nicht nur das Monstrum des Krieges, sondern mit dem Blick des Satyrs zudem der poetologische und ethische Anspruch – sowie freilich auch die ›Vorgabe‹ – des Textes, die Masken allesamt abzulegen, um die keineswegs eindeutige, eben chimärische Wirklichkeit des Menschen im doppelten Sinn anschaulich zu machen.46 Die Titelimprese zur Continuatio wiederum mit dem reiterlosen Pegasus, der sich von der und über die Welt erhebt, verkündet im Motto: »Ad astra volandum« – es gelte also zu den Sternen zu fliegen, die Erdenschwere hinter sich zu lassen (Abb. 1). Mythologisch verweist sie auf den Sieg des Bellerophon über die Chimäre, womit, wie Breuer

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Abb. 1 Titelblatt, in: Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von: CONTINUATIO des abentheuerlichen SIMPLICISSIMI Oder Der Schluß desselben, 1669. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Signatur: KK 400.

meint, »Simplicissimus und Continuatio in Opposition« treten beziehungsweise die Frage im Raume steht, wer den Pegasus reite.47 Der Dichtkunst, so ließe sich dies lesen, wird im topisch-mythologischen Bild ein Potenzial zur Überwindung oder Verwindung der chimärischen Zumutungen menschlicher Existenz zugeschrieben; wenn indes auch das Monstrum des Titelkupfers im Simplicissimus darauf angelegt ist (Abb. 2), als Anspielung auf die ›chimärisch‹-uneindeutig bleibende Bauform des Romans einen poetologischen Subtext aufzurufen, ergänzen sich die beiden Titelkupfer vielmehr, wenn man sie aufeinander bezieht. Erst die Distanz der reflektierenden und reflektierten Dichtung, die sich von der Welt der Dinge und Taten abhebt, ermöglicht den Blick des Satyrs auf jene Welt, der auch der Leser zugehört, und sie ermöglicht vice versa den Blick des Lesers auf die ihm chimärisch vorgestellte Satyrswelt in ihrer Künstlichkeit und ihrem Bezug zu seiner eigenen Welt. Den Pegasus sollten im Idealfall also beide – Dichter wie Leser – zu reiten wissen. Nun sind die ›Verkehrtheit‹ der Welt, die Trughaftigkeit menschlicher Erkenntnis bis hin zum Wahn im 17. Jahrhundert ›selbstverständliche‹ Topoi und keineswegs Spezialprobleme Grimmelshausens; wie sich sein Roman motivisch-thematisch und poetologisch aus verbreiteten – und weniger bekannten – literarischen Vorlagen und diversen Wissensquellen seiner Zeit speiste, ist detailliert erforscht worden. Im vorliegenden Zusammenhang interessiert dennoch, wie dieser kanonisch gewordene Text frühneuzeitlicher Literatur auf die physische und psychische Gefährdung des Menschen reagiert, nicht nur vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Krieges und seiner Begleiterscheinungen: Dabei vermittelt er die überkommenen christlichen Hoffnungsmuster jenseits des traditionellen Theodizee-Problems in der Auseinandersetzung mit den expandierenden experimentell-mechanistischen Welterklärungsansätzen – die Topik der verkehrten Welt und trügerischen ›Wirklichkeit‹ wird hier auf der Höhe der Zeit partiell neu codiert, wenn etwa in der ›wun-

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Abb. 2 Titelkupfer, in: Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von: Der Abentheuerliche SIMPLICISSIMUS Teutsch Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten genant Melchior Sternfels von Fuchshaim […], Nürnberg [Mömpelgard]: Wolf Eberhard Felßecker [ Johann Filion], 1668 [1669]. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Signatur: M: Lo 2309.

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derbarlichen‹ Geschichte von der Fahrt des Simplicissimus mit den Sylphen ins »centrum terrae« durch den Mummelsee im Schwarzwald auch rationale Verfahrensweisen der zeitgenössischen ›Ingenieurs‹-Kunst und Technik ins Bild und so mit dem ›Wunderbarlichen‹ ins Benehmen treten. Dies geschieht vor allem über eine spezifische Weise der erzählerischen Inszenierung und Funktionalisierung von Räumlichkeit im Simplicissimus Teutsch, die auch Auskunft über die Formierung frühneuzeitlicher Raumwahrnehmung geben kann und deshalb in den letzten 20 Jahren stärker in den Fokus der Forschung gerückt ist.

4.

»[W]arzu mir mein Perspectiv […] treflich anfrischte« – zu Raum- und Wissensformen des Simplicissimus

Dass sich seit und mit den wissenschaftlich-technischen sowie den geografischen Entdeckungen der Frühen Neuzeit die Raumwahrnehmung der Europäer radikal änderte, ist altbekannt: Der Raum der Existenz heißt nicht mehr das Reich Gottes, er heißt jetzt Weltenraum und Weltlichkeit, verwirklicht in physikalischer Transparenz. Der hierarchische Raum des ordo verwandelt sich in den planetarischen Raum der Naturgesetze. Der Raum süßer Geborgenheit wird zum Raum bedrückender Verborgenheit. Der theologisch-astrologische Raum geht über in den mathematisch-astronomischen Raum. Die Transzendenz wird zu einer optischen Frage.

Es vollzieht sich nunmehr eine neue »Aneignung des Raumes im weltlichen Sinne«, des Raumes »im Sinne der soeben entstandenen Astronomie, des Raumes im Sinne der soeben tastend hervorkommenden Mechanik, des Raumes der Perspektive, aber auch des Raumes, der eine Tiefe hat, die unsere Empfindungen, unsere Stimmung beeinflußt«. 48 Was der Essayist Max Bense in einer Geistesgeschichte der Mathematik aus den 1940er Jahren knapp umreißt, wurde im selben Jahrzehnt durch Ernst Cassirer – und andere – mit einer philosophischen Anthropologie fundiert: Der Mensch lebt als animal symbolicum in einem unhintergehbaren, in unablässigen Zeichenprozessen erzeugten ›symbolischen Raum‹, seine ›Orientierung‹ ist auch im Geistigen wiederum ganz durch räumliche Kategorien bestimmt, die ›Perspektive‹ auf die Welt wird vom ›Standpunkt‹ präformiert und als solcher ausgedrückt49 – Raumblick, Raumaneignung und Raumgestaltung von Baumeistern und Architekten werden vor diesem Hintergrund erneut kenntlich als professionelle Spezialisierung ab ovo gegebener menschlicher Verhaltensweisen, nämlich der veränderlichen kulturellen Codierung von Raumwahrnehmung. In seiner Untersuchung der Geschichte des ›Horizonts‹ aus den philosophischen und kunstgeschichtlichen Rahmenbedingungen heraus hat Albrecht Koschorke die von Bense skizzierte frühneuzeitliche Veränderung der Raumwahrnehmung anhand der historischen

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Entwicklung literarischer Landschaftsbilder ausbuchstabiert: Seine Analyse arbeitet die Verunsicherung durch die frühneuzeitlich dynamisierte »Logik des Horizonts«50 und die darauf antwortenden semantischen Strategien heraus, und auch die Continuatio Grimmelshausens dient ihm als Exempel. Koschorke geht dabei von jenem Landschaftsbild im ersten Kapitel der Continuatio aus, worin die Erzählinstanz vom Wohnort des Eremiten Simplicissimus, des erzählten Ichs also, »auff einem hohen Gebuerg die Moß genant/ so ein stueck vom Schwartzwald« berichtet: »[…] von demselben hatte ich ein schoenes Außsehen gegen Auffgang in das Oppenauer Thal und dessen Neben-Zincken; gegen Mittag in das Kintzinger Thal und die Graffschaft Geroltzeck/ alwo dasselbe hohe Schloß zwischen seinen benachbarten Bergen das Ansehen hat/ wie der König in einem auffgesetzten Kegel-Spill; gegen Nidergang kondte ich das Ober und UnterElsaß uebersehen/ und gegen Mitternacht der Nidern Marggraffschafft Baaden zu/ den Rheinstrom hinunter.« Bei der Betrachtung »so schoener Lands-Gegend delectirte ich mich mehr als ich eyferig bettete; warzu mir mein Perspectiv dem ich noch nicht resignirt, treflich anfrischte«, während er in der Dunkelheit ein »Instrument« verwandte, welches er »zur Staerckung des gehoers erfunden« habe, um zu horchen, »wie etwan uff etlich Stundt Wegs weit von mir die Bauren Hund bellen«.51 Da diese Eingangsszene eingebettet ist in eine Rückbesinnung des erzählenden Ichs und zudem nach einem allegorischen Traum der Entschluss gefasst wird, auf Pilgerschaft zu gehen, leuchtet Koschorkes Deutung ein: Den Betrachtungen im Anschluss an die Szenerie komme die Funktion zu, »den Eindruck der Landschaft von einem übergeordneten Gesichtspunkt her« als Element unfrommen Müßiggangs zu entwerten und das Modell der insularen Einsiedelei am Ende dieses Buches vorzubereiten. In der Rückbindung solcher Landschaftsszenarien an allegorische Operationen richte die »tiefverwurzelte Frömmigkeit und ein wiedererstarkter kirchlicher Dogmatismus« im Barock »eine Art Brandmauer gegen die neuzeitliche Immanentisierung Gottes« auf und ziehe damit jene »Demarkationslinie« nach, »die das Irdische als Kreatur vom unsichtbaren Walten seines Schöpfers trennt«.52 Doch sind Koschorkes Befunde anders akzentuiert und dahingehend differenziert worden, dass das zitierte Landschaftsbild zunächst diesseits allegorischer Anlagen zwei für die Wahrnehmung relevante Aspekte ausstellt: Neben dem »unmittelbaren optischen Eindruck« lässt es »das ungefähre Bewußtsein einer geographischen Lage« erkennen, die sich »von den eigenen Erfahrungen« des erzählten und erzählenden Ichs im Laufe seiner lebensweltlichen Raumaneignung ableiten lassen: »Die ersten Angaben entstammen also einer Episteme, die auf Nachbarschaft, eigenem Augenschein und mündlicher Vermittlung beruht.«53 Diese wird sogleich »einem geographischen Raster« unterworfen, das mit historisch-politischem Wissen aufgeladen ist: »Was hier aufgerufen wird, sind neben den Tälern und Hügeln die politischen und konfessionellen Grenzen, denen sich Simplicius nicht entziehen kann«, wobei die »Perspektive des Beobachters eine wichtige Rolle« spielt – so erscheint im Text etwa die vergleichsweise unbedeutende Grafschaft Geroldseck dominant

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wie ein »König«, aber eben nur wie »der König in einem auffgesetzten Kegel-Spill«, weil die kleine »Herrschaft« dem autobiografierten Ich im Text näher liegt als andere, bedeutendere Herrschaften.54 Zwar entzieht sich die Erzählung in dieser Szene der gewöhnlichen Froschperspektive jener ›kleinen Leute‹, die einer machtgestützten und -geschützten Politik ausgesetzt sind, indem der Betrachter auf dem Mooskopf einen überhöhten Standpunkt bezieht und sich des »Perspektivs« sowie seines Horchinstruments »zur Weitung und Präzisierung seines Überblicks« bedient; dabei aber erweisen sich genau diese Instrumente wiederum als »Teil der Realitäten, denen Simplicius zu entkommen sucht«. Positiv gewendet »liegt in den Medien der Erkenntnis« für den Helden »die Chance, gerade die Grenzen schärfer zu sehen, innerhalb derer er sich bewegt, und diese Grenzen als notwendige Voraussetzung seiner Selbsterkenntnis zu verstehen«.55 Mit Bezug unter anderem auf die bereits skizzierte Multiperspektivität des gesamten Zyklus, aber auch einzelner Texte, wurde in diesem Zusammenhang auf einen weiteren Aspekt hingewiesen: Grimmelshausens Werk verarbeite die seit Galileis Nachricht von neuen Sternen »radikale und unhintergehbare Medialisierung der visuellen Wahrnehmung qua Teleskop« nachgerade in einer literarischen »Mediologie des Blicks«, womit es die im 17. Jahrhundert nicht zuletzt von Descartes formulierten »Zweifel an der Evidenz« jenes Blicks und den damit verbundenen »Ordnungen der Sichtbarkeit« produktiv aufgegriffen habe.56 Dabei wird über die Erzählfiguren »kein, wie gelegentlich unterstellt wird, naiver Blick« auf die Welt etabliert, »sondern ein optisch hochreflektierter, der die Grenzen menschlicher Erkenntnis im Modus der Sichtbarkeit auslotet und ausreizt«. Das Wissen um die Funktionsweise des Perspektivs, des Fernrohrs, erlaubt dem erfindungsreichen Simplicissimus beispielsweise schon als Soldat die erfolgreiche »Manipulation der Wahrnehmung anderer«:57 Bei der Belagerung eines »vesten Ratten-Nest[es]« wird er zum »Inventor« einer visuellen Täuschung, nachdem er die Wache des Gegners »mit einem Perspectiv« hantieren gesehen und gefolgert hat: »[D]ie kann man betrügen«. Er lässt dann Attrappen großer Geschütze herstellen und die Abschussgeräusche kleiner Kanonen durch einen technischen Trick verstärken, woraus eine kampflose Übergabe des befestigten Platzes resultiert.58 Die Folgerungen aus dieser erzählerischen Konstellation reichen weit über den anekdotischen Wert der Episode hinaus, denn die augenfällig gekonnte »Fabrikation von trügerischen Zeichen zur Täuschung« anderer entkräftet zugleich das Vertrauen in die – zumal apparative – »Verifikation der eigenen Wahrnehmung«: »Dem Projekt der reflexiven Selbsterkenntnis, dem Simplicissimus sich unterzieht, ist der Verlust der Evidenz sinnlicher Erkenntnis damit ausgesprochen abträglich.«59 Ähnlich entwickelt sich der Befund bei einer genauen Lektüre der bekannten Mummelsee-Episode: Simplicissimus tritt hier anfangs mit Vermessungstechnik auf der Höhe seiner Zeit »selbst als ›Geometra‹ (also als Landvermesser)« an, nachdem er »die fabelhaften Erzählungen über den See mit äußerster Skepsis« zur Kenntnis genommen hat.60 Die sich an den Versuch einer technischen Vermessung des Sees anschließende ›Expedition‹

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des Simplicissimus mit den Sylphen durch die Tiefe des Sees wird zur ›Unterwasseraktion‹ des »barocken Illusionstheaters«:61 Sie führt ihn in Verarbeitung paracelsischer und anderer dem modernen Rationalismus obskur scheinender Muster in ein imaginäres Zentrum der Erde mit einem ebenso imaginären Souverän des Wasserreichs, bei dem Simplicissimus Audienz erhält und sich ihm ungewohnte Blickwinkel und -weisen auf die ›Welt‹ eröffnen. Aus dem wassergefüllten centro terrae heraus werden die Durchlässe zu den Seen und Ozeanen selbst zu gewaltigen ›Perspektiven‹, die Welt wird zum visuellen Apparat: Da observirte ich/ wie die Sonn einen See nach dem andern beschiene/ und ihre Stralen durch dieselbige biß in diese schroeckliche Tieffe hinunder warff/ also daß es diesen Sylphis niemal an keinem Liecht nicht mangelte: Man sahe sie in diesem Abgrund so heiter wie auff dem Erdboden leuchten/ also daß sie auch einen Schatten warf: So daß ihnen den Sylphis die See wie Tagloecher oder Fenster taugten/ durch welche sie beydes Helle und Waerme empfiengen/ und wenn sich solches nicht ueberall schickte/ weil etliche See gar krumm hinum giengen / wurde solches durch die reflexion ersetzt/ weil die Natur hin und wieder in die Winckel gantze Felsen von Crystall/ Diamanten und Carfuncklen geordnet/ so die Helling hinunder fertigten.62

Denkt man etwa an Pöppelmanns Zwingerplanung für eine kreisrunde Grotte unter einem Brunnenturm,63 erweist sich auch diese zitierte Passage als zeittypisch, wie ja bereits das Unterwasserabenteuer des Helden ein damals konventionelles narratives Modell war; doch führt die kosmologische Imagination in Grimmelshausens Mummelsee-Episode, nicht zuletzt mit ihren technischen Implikationen, darüber hinaus. Zweifelsohne wagt sich sein Romanwerk mit solch fiktionaler Weltkonstruktion und Landschaftsschilderung »weiter vor als seine Vorgänger, er bricht Normen und Erwartungen«, geht aber mit seiner Rückbindung an eine allegorisch-heilsgeschichtliche Auslegung »zugleich weiter zurück, als es nötig oder aus dem Kontext verständlich erscheint«.64 Diese ›gegenstrebigen Fügungen‹ sind durch vielerlei, gewiss auch okkasionelle Faktoren bedingt, doch hängen sie ebenso mit einer grundsätzlichen Skepsis zusammen, die sich des in und aus der Zeit heraus gegebenen theologischen Bezugsgrundes bedient, um die an jenen religiösen Fundamenten ansetzenden wissenschaftlich-epistemologischen Fragestellungen auch auf das sich damit etablierende ›moderne‹ Welterschließungs- und Sinnsystem anzuwenden. Bereits die fünf ›ersten‹ Bücher des simplicianischen ›Zyklus‹ weisen eine sehr differenzierte Raumsemantik auf, die als mediale Struktur eine erzählerische Konfiguration von Wissen und deren Kritik zugleich ermöglicht. Damit zeigt Grimmelshausens Werk insgesamt eine Brüchigkeit und Offenheit im Hinblick auf die sich ausbildende moderne Weltwahrnehmung, die nicht an ihrerseits substanzialisierten ideologischen Fortschritts­ paradigmata gemessen, sondern in ihrer Skepsis zwischen ›Alt‹ und ›Neu‹ eigenständig

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bewertet werden sollte.65 Sein Simplicissimus Teutsch entwirft zunächst eine der realen Erfahrung der Erzählfigur abgewonnene und erfahrungswissenschaftlichen Instrumenten verpflichtete Realtopografie, die sich in konkreten Orts- und Flurnamen sowie kartografisch nachvollziehbaren Bewegungen manifestiert.66 Dies kennzeichnet insbesondere die ersten vier Bücher, während sich das fünfte Buch des Simplicissimus Teutsch über Moskau hinaus zu einer Irrfahrt in sehr viel unschärfere Randbereiche des Geschehens und des Kontinents, ja weit darüber hinaus öffnet, um den Simplicissimus am Ende einer Irrfahrt wieder im Schwarzwald als Eremiten ›bei sich‹ vorläufig ankommen zu lassen. Die Continuatio vollzieht diese Bewegungslinie von einem konkreten Ort in weniger klar verortbare Räume bis auf die nachgerade utopische, entortete Insel im Unbekannten noch einmal in gesteigerter – geraffter und verdichteter – Form nach, wobei von dort am Ende vorläufig nur die Lebensgeschichte des Simplicissimus als Artefakt, also eine mediale Repräsentation zu den ›Teutschen‹ zurückgelangt. Darüber legt der Text, wie bereits angedeutet, eine zweite – zugleich imaginäre und mit Bücherwissen verbürgte – Topografie, die, verknappend formuliert, als komparative Geografie aus tradierten und aktuellen Wissensbeständen entfaltet und zugleich auf diese bezogen wird, dabei auf einer diskursiven Ebene die Frage nach dem Verhältnis und der Wertigkeit von gelehrtem Bücherwissen und Erfahrungswissen aufwirft.67 Drittens ist diese doppelte Geografie in die Debatte über kosmologische Modelle eingebunden, die einerseits die kopernikanische Wende der neuzeitlichen Wissenschaften thematisiert und voraussetzt, andererseits in der Mummelsee-Episode ein – wiederum utopisches und zur Utopie allegorisiertes – centrum terrae imaginiert, aus dem heraus Kritik auch am wissenschaftlichen Zugriff auf die Welt formuliert wird.68 Diese Rauminszenierung folgt, medienanthropologisch gesehen, der zu jeder Zeit feststellbaren Fixierung des Menschen auf das ›Ereignis‹ als Brennpunkt der Wahrnehmung, das sich – bezogen auf den Text – strukturalistisch wiederum mit Lotmans bewährter Modellierung in räumlichen Kategorien beschreiben lässt:69 Der Held der Erzählung wird narrativ erst dann zum Helden, wenn er selbst zum ›Sujet‹ konvertiert, indem er ›Ereignisse‹ generiert – er überschreitet also ereignishaft immer wieder ›reale‹ und ›symbolische‹ Grenzen, wird vom Erzähler stets aufs Neue aus ihm zugeordneten semantischen Räumen herausgerissen und in andere geworfen, in denen er sich zurechtzufinden und zu arrangieren hat: sei es zu Beginn aus der ontologisch-frühen unbewussten Kindsheimat in die Wildnis des Waldes, sei es aus der neu errungenen und verorteten ›Umwelt‹ in der Feste Hanau durch die Entführung seitens der Kroaten. Dabei führt der Text Genese und Entwicklung des Wahrnehmungsraumes am Beispiel des Simplicissimus sehr anschaulich vor: wie sich aus dem ›ungeschichtlich‹ naiven, durch die Abgelegenheit bedingten und im Wortsinne ›beschränkten‹ Weltbild des Buben ein sich wandelndes und weitendes Welt- und Selbstverständnis ausbildet, von dem Zeitpunkt an, als er durch die Soldateska in die ›Aventiure‹ des wilden Waldes und der unsicheren, aus Sicht des Knaben scheinbar unbegrenzten Offenheit der Welt geworfen wird, zu der er sich verhalten muss. Mit der Ausweitung solchen

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Bildungsgangs bis in die Peripherien und blinden Flecken der wahrnehmbaren Welt, wie sie vor allem in der Continuatio mit dem Schiffbruch und der anschließenden Robinsonade des Simplicissimus auf der unbekannten Insel vorgeführt wird, verdichtet Grimmelshausen die zuvor erzählten Stränge und Aspekte in diesem nachträglichen ›sechsten Buch‹ zu einer impliziten Kulturtheorie.70 Die in der Continuatio vor allem anhand der Robinsonade des Simplicius entwickelte topische, poetologische, kulturtheoretische und moralische Allegorie führt die Perspektiv- und Wahrnehmungsprobleme des gebildeten ›barocken‹ Menschen noch einmal gebündelt als unabschließbaren semiotischen Prozess vor Augen, der gleichwohl in der zeit- und wissenschaftskritischen, noch immer theologisch verankerten Weise von Grimmelshausens gesamtem Zyklus auf einem nicht rationalisierbaren, substanziellen ›Kern‹ beharrt. Dennoch obsiegt am Ende der Continuatio mit der artifiziellen Konstruktion ein ironisch-skeptischer Blick auf das gesamte Unternehmen des Buches, einschließlich seiner erbaulichen Anteile. Mit dem Auftreten des holländischen Kapitäns und seiner Ankündigung, die auf der Insel erhaltenen Palmblätter mit den Aufzeichnungen des Simplicissimus an seinen Reeder zu schicken, scheint der Weg der vom Leser gelesenen Lebensgeschichte als exotische Kuriosität und Repräsentationsobjekt eines reichen Sammlers in eine »Kunst=Kammer« vorgezeichnet. Wie es indes die Herausgeberfiktion will, lässt der Reeder und »Freund« des Kapitäns, wie zu sehen war, das vorgebliche Palmblatt-Konvolut im Druck vervielfältigen – die Realgeschichte führt die fiktionale Autobiografie schließlich als auf Papier gedrucktes Medium von Weltwissen und moralisch-epistemischer Reflexion sowie als käufliche Ware in den Buchhandel, dann in die Hände des gebildeten Publikums und von dort endlich auch in die Bibliotheken der »Liebhaber curieuser Historien=Bücher«,71 etwa nach Dresden in die des Matthäus Daniel Pöppelmann. Dass schon der Simplicissimus Teutsch »in hohem Maße Welt verarbeitet und Welt erschließt«,72 liegt nicht nur angesichts des zitierten »mediologischen« Befunds auf der Hand. Wenn auch die geläufigen diskursanalytischen Deutungen der Kulturhistorie erst das 18. Jahrhundert als Sattelzeit für das Entstehen eines modernen literarischen Marktes bestimmen, in dem sich der Charakter der Literatur veränderte und ihr neue Bedeutung als integratives Medium einer Allgemeinbildung jenseits didaktischer Funktionalisierung zuwuchs,73 weist das barocke Romanprojekt des »vormodernen Modernen« Grimmelshausen, wie ihn Wilhelm Kühlmann genannt hat,74 in manchen Zügen bereits in diese Richtung voraus: Es integriert über dem fraglos religiösen Subtext, der allegorischen Dimension und den ethischen Intentionen diverse Wissenssegmente seiner Zeit durchaus ›interdiskursiv‹, übersetzt damit verbundene grundlegende Problemstellungen in Erzählung, die sich als solche vom gebildeten Leser konsumieren und seinerseits verarbeiten lassen. Grimmelshausen, der zwar »zahlreiche alte Schriftsteller, aber keine Namen oder Werke zeitgenössischer Wissenschaftler« nennt, war offensichtlich nämlich »mit Grundprinzipien des philosophischen und wissenschaftlichen Denkens seiner Zeit vertraut«.75 Nach allem also scheint es in den Texten des Zyklus um den Simplicissimus Teutsch weniger um die Restituierung einer über-

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kommenen metaphysischen »Demarkationslinie« zu gehen, als vielmehr um eine Neuverhandlung von Orientierungsinstanzen, verbunden mit einer Kritik der neuzeitlich-wissenschaftlichen »Entmachtung der Natur«, die von Grimmelshausen »radikal dargestellt und mit allen relevanten Implikationen« literarisch imaginiert wird.76 Dies ist, wie zu sehen war, mit einem differenzierten und reflektierten Autorschaftsbewusstsein verknüpft, das sich im virtuosen Spiel mit diversen Pseudonymen, poetologischen Kommentaren, eingeflochtener literarischer Kritik und Verweisen auf eigene Texte – sowie vor allem einer variablen Konstruktion von Erzähl- und Wahrnehmungsinstanzen zeigt. Damit oszillieren der Simplicissimus und seine Sprossgeschichten ohne Zweifel nicht nur formal und inhaltlich in einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation, sondern sie verhandeln auch genau dieses Feld aus einer Zeit heraus, in der jene ›Spannung‹ besonders groß war.77

Anmerkungen 1

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Zit. nach Heßelmann, Peter: Simplicissimus Redivivus. Eine kommentierte Dokumentation der Rezeptions­ geschichte Grimmelshausens im 17. und 18. Jahrhundert (1667–1800). Frankfurt am Main 1992, S. 19. Übrigens war Sophie der Roman dann aber zu fromm. Heßelmann führt auch das Zeugnis eines Kapuziner­ predigers an, eines Zeitgenossen Grimmelshausens, der den Simplicissimus als Ausgang und Bezugsgröße für eine ganze Serie von Predigten nahm: Damit wurde dieser nicht nur zu einem schichtenübergreifenden Distributor des literarischen Textes, sondern zeugt überdies von seiner Einschätzung des Romans als wirkmächtig (ebd., bes. S. 22–33). Vgl. auch Meid, Volker: Grimmelshausen. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart 2011, S. 145–174, der u. a. auch auf »die zahlreichen Exemplare in Fürstenbibliotheken« hinweist (S. 145). Simplicissimus Redivivus. Das ist: Der in Franckreich wieder belebte und curieus becörperte alte Simplicius (1743/44), zit. nach Heßelmann (1992), S. 204. Die Erwähnung der »drey Theile« verweist auf die Sammel- oder »Gesamtausgabe« von 1713 – siehe dazu unten Anm. 10. Schwitzgebel, Anja: Grimmelshausen: Der abentheuerliche Simplicissimus, in: Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Katalog zur Ausstellung im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) vom 17. Mai bis 1. September 2013. Zweite, durchgesehene Version (August 2013) [URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312], S. 111–113, hier S. 112f. Siehe Anhang, Nr. 83. Raabe, Paul: Bibliotheksgeschichte und historische Leserforschung. Anmerkungen zu einem Forschungsthema, in: Wolfenbütteler Notizen zur Buchgeschichte 7 (1982), S. 433–441. Martin Schrettinger 1834 über Privatbibliotheken, zit. nach Sander, Torsten: Ex Bibliotheca Bunaviana. Studien zu den institutionellen Bedingungen einer adligen Privatbibliothek im Zeitalter der Aufklärung. Dresden 2011, S. 177; zu zeitgenössischen Privatbibliotheken vgl. auch Schmitz, Walter: Von Gersdorff – Milich – Graf Bünau. Vom Wert des Wissens und vom Wissenswerten in Privatbibliotheken vom späten 17. zum späten 18. Jahrhundert, in: ders. (Hg.): Adel in Schlesien. Bd. 3: Adel in Schlesien und Mitteleuropa. Literatur und Kultur von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. München 2013, S. 157–178. Grundlegend dazu Battafarano, Italo Michele/Eilert, Hildegart: Probleme der Grimmelshausen-Bibliographie. Mit Beispielen der Rezeption. Trento 2008. Zum Buchmarkt des 17. Jahrhunderts vgl. den Überblick von Cersowsky, Peter: Buchwesen, in: Meier, Albert (Hg.): Die Literatur des 17. Jahrhunderts. München/Stuttgart 1999, S. 176–200.

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Battafarano/Eilert (2008), S. 14f. Vom Simplicissimus Teutsch »existieren fünf rechtmäßige Editionen und eine unrechtmäßige Ausgabe« (S. 14). Vgl. ebd. auch zum Folgenden. 10 Zit. nach ebd., S. 22 (Kursiviertes ist laut Battafarono/Eilert 2008 im Originaldruck rot). 11 Vgl. ebd. S. 21–28, dort auch ausführlich zu den verlagsgeschichtlichen Hintergründen dieser Sammelausgaben. Dass Grimmelshausen diese Bücher als »Zyklus« verstand, geht aus der »Vorrede an den geneigten Leser« zu Deß Wunderbarlichen Vogel-Nests Zweiter theil (zuerst 1675) hervor. 12 Vgl. zu dieser – für den Pikaroroman durchaus gebräuchlichen – Praxis Stein, Alexandra: Die Hybris der Endgültigkeit oder der Schluß der Ich-Erzählung und die zehn Teile von »des Abentheuerlichen Simplicissimi Lebens=Beschreibung«, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Geistesgeschichte 70 (1996), S. 175–197. 13 Vgl. Gersch, Hubert: Geheimpoetik. Die Continuatio des abentheurlichen Simplicissimi interpretiert als Grimmelshausens verschlüsselter Kommentar zu seinem Roman. Tübingen 1973. 14 Siehe dazu Breuer, Dieter: Grimmelshausen-Handbuch. München 1999, S. 65f. 15 Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von: Courasche, in: ders.: Werke I.2. Hg. von Dieter Breuer. Frankfurt am Main 1992, S. 9–151. 16 Grimmelshausen: Springinsfeld, in: ders.: Werke I.2, S. 153–295, hier: S. 291. 17 Grimmelshausen: Das wunderbarliche Vogel-Nest. Erster Teil, in: ders.: Werke I.2, S. 297–447, hier: S. 441f., 446. 18 Grimmelshausen: Das wunderbarliche Vogel-Nest. Zweiter Teil, in: ders.: Werke I.2, S. 449–650. 19 Heßelmann: Simplicissimus Redivivus, S. 39. 20 Vgl. dazu Meid (2011), S. 110–127, zum Kalender besonders Battafarano, Italo Michele: Die simplicianische Literarisierung des Kalenders, in: Simpliciana 16 (1994), S. 45–63. 21 Heßelmann (1992), S. 46–49; Battafarano/Eilert (2008), S. 19. 22 Heßelmann (1992), S. 107f. Der nach dem Krieg zur Una Sancta konvertierte vormalige Protestant Grimmelshausen hatte allerdings selbst, auf poetologisch hohem Niveau, »in der relativ kurzen Veröffentlichungszeit seines simplicianischen Zyklus zwischen 1668 und 1675 den Weg von der implikativen zur explikativen allegorischen Darstellung eingeschlagen«: Sein Versuch der nachträglichen »Rezeptionsregulierung« beginne, so Heßelmann, mit der »Rechtfertigungspoetik« der Continuatio (ebd., S. 108). 23 Ebd., S. 79. 24 Zit. nach Breuer (1999), S. 19. 25 Sylvander: Sonnet, in: Grimmelshausen: Werke II: Satirische Schriften, historische Legendenromane. Hg. von Dieter Breuer. Frankfurt am Main 1997, S. 143–263, hier S. 151. Vgl. dazu Meid (2011), S. 148–153, der auf die daraus resultierende »gelegentlich deutlich (und gereizt) demonstrierte Distanz zum zeitgenössischen Literaturbetrieb und seinen poetischen Konventionen« (S. 152) verweist. 26 Skribenten und Lesern war diese Funktion des Schreibens und des Buches freilich schon lange bewusst, wie etwa der Philobiblon-Traktat von Richard de Bury aus dem 14. Jahrhundert zeigt: »Aller Ruhm der Welt ginge in Vergessenheit, hätte Gott die Sterblichen nicht mit dem Heilmittel des Buches versehen«, zit. nach Sander, Torsten: Bibliothek als Herrschaftsraum. Inszenierung und Publizität des kurfürstlich sächsischen Bücherschatzes im 18. Jahrhundert, in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Berichte, Beiträge. 36 (2010), S. 42–49, hier S. 44. 27 Zit. nach Heßelmann (1992), S. 79. 28 Vgl. Martin, Michael: Ezechiel du Mas, Comte du Mélac (1630–1704). Eine biographische Skizze, in: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte 20.2: Frühe Neuzeit – Revolution – Empire: 1500–1815. Tübingen 1994, S. 35–68. 29 Vgl. hierzu den Beitrag von Elisabeth Tiller in diesem Band. 30 Zu den Kriegen im Gesamtzusammenhang vgl. Young, William: International Politics and Warfare in the Age of Louis XIV and Peter the Great. Lincoln 2004. 31 Jünger, Ernst: Das abenteuerliche Herz. Aufzeichnungen bei Tag und bei Nacht. Erste Fassung. Stuttgart 1987

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[zuerst 1929], S. 107; vgl. dazu Gaede, Friedrich: Vom göttlichen zum tödlichen Licht: Grimmelshausen – Grass – Jünger, in: Simpliciana 23 (2001), S. 13–28. 32 Battafarano, Italo Michele: Neue Kriege, neue Waffen bei Grimmelshausen, in: Simpliciana 26 (2004), S. 11–27, hier S. 21. 33 Vgl. nur die z. T. ausgiebig ausgemalten »Leibs-Dunst«-Szenen, die den Kern einer jeden Kulturgeschichte des Furzes bilden müssten – der Autor baut sie nicht nur im Simplicissimus ein (Grimmelshausen: Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch, in: ders.: Werke 1.1. Hg. von Dieter Breuer. Frankfurt am Main 1989, S. 9–551, hier: S. 100–109), sondern etwa auch in der Courasche (S. 94f.) und im Springinsfeld (S. 208), mag sich der Erzähler im ersten Kapitel der Continuatio noch so sehr auf seine erbauliche Wirkabsicht kaprizieren und verkünden, »viel lachen« sei ihm »selbst ein Eckel« (in: ders.: Werke 1.1, S. 555–699, hier: S. 563). Die rhetorische Dimension der ›realistischen‹ Schilderung etwa der Schlacht von Wittstock betont Haberkamp, Klaus: Simplicianischer »Euphuismus«. Hypertrophe Rhetorik in Grimmelshausens Schlachtschilderungen, in: Simpliciana 33 (2011), S. 213–238. 34 Sattsam bekannt ist Michel Foucaults einflussreiche – kunsthistorisch inzwischen relativierte – Exegese von Velázquez’ Ateliergemälde »Las Meninas« im Sinne der Repräsentationskrise der Frühen Neuzeit (Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main 1971 [frz. zuerst 1966], S. 31–45). 35 Merzhäuser, Andreas: Satyrische Selbstbehauptung. Innovation und Tradition in Grimmelshausens Abentheuerlichem Simplicissimus Teutsch. Göttingen 2002, S. 28; gemeint sind mit Gérard Genette die Randtexte zum Kerntext des Romans, hier v. a. die Titelei und das Titelkupfer. 36 Grimmelshausen: Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch, S. 37. 37 Ebd., S. 38: »Hoere du Simpl. (dann anderst kann ich dich nicht nennen)«, bzw. S. 42f.: »[…] dahero der Einsidel (weil weder er noch ich meinen rechten Nahmen gewust) mich nur Simplicium genennet.« 38 Ebd., S. 476–481, Zitat S. 480f. 39 Grimmelshausen: Continuatio, S. 679. 40 Ebd., S. 699. 41 Grimmelshausen: Springinsfeld, S. 294. Zu den hier nur knapp umrissenen komplexen Erzählverhältnissen vgl. im weiteren Kaminski, Nicola: Narrator absconditus oder Der Ich-Erzähler als »verschwundener Kerl«. Von der erzählten Utopie zu utopischer Autorschaft in Grimmelshausens Simplicianischen Schrifften, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 74 (2000), S. 367–394. 42 Grimmelshausen: Das wunderbarliche Vogel-Nest. Zweiter Teil, S. 457–459. 43 Breuer (1999), S. 113. 44 Ebd., S. 113f. 45 Grimmelshausen: Das wunderbarliche Vogel-Nest. Erster Teil, S. 373. Dieser werkinterne Verweis bezieht sich auf die – von der Forschung u. a. mit Bezug auf diese Stelle im Vogel-Nest der Intention Grimmelshausens zugeschriebenen – Kupferstiche der in ihrer Autorauthentizität umstrittenen Ausgabe von 1671, eingebunden in: Grimmelshausen: Simplicissmus Teutsch, zwischen S. 832 und 833. 46 Zu den Problemen der Deutung des Titelkupfers vgl. den Überblick bei Conny Bauer: Das Phönix-Kupfer von Grimmelshausens Abentheuerlichem Simplicissimus. Zur Forschungslage, in: Text und Kontext 8 (1980), S. 43–62; vgl. die knappen Ausführungen bei Breuer (1999), S. 27–29. 47 Breuer (1999), S. 66. 48 Bense, Max: Konturen einer Geistesgeschichte der Mathematik II: Die Mathematik in der Kunst (1949), in: ders.: Ausgewählte Schriften in vier Bänden. Band 2: Philosophie der Mathematik, Naturwissenschaft und Technik. Hg. von Elisabeth Walther. Stuttgart/Weimar 1998, S. 233–427, hier S. 389f. Zu den Raumkonzepten des 17. Jahrhunderts vgl. Leonhard, Karin: Was ist Raum im 17. Jahrhundert? Die Raumfrage des Barocks: Von Descartes zu Newton und Leibniz, in: Bredekamp, Horst/Schneider, Pablo (Hg.): Visuelle Argumentationen. Die Mysterien der Repräsentation und die Berechenbarkeit der Welt. München 2006, S. 11–34. Der gesamte Band ist äußerst instruktiv.

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Grundlegend Cassirer, Ernst: Versuch über den Menschen. Einführung in die Philosophie der Kultur. Frankfurt am Main 1990 [zuerst 1944]; aus der Sicht einer rhetorischen Anthropologie Bornscheuer, Lothar: Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft. Frankfurt am Main 1976. 50 Koschorke, Albrecht: Die Geschichte des Horizonts. Grenze und Grenzüberschreitung in literarischen Landschaftsbildern. Frankfurt am Main 1990, S. 81. 51 Grimmelshausen: Continuatio, S. 565f. 52 Ebd., S. 99–101. Zu Struktur und Kodierung dieses Landschaftsbildes vgl. Ruch, Martin: Realität und Fiktion in der simplicianischen Landschaft: Grimmelshausen auf der Moos, in: Simpliciana 25 (2003), S. 125–141. 53 Cordie, Ansgar M.: Raum und Zeit des Vaganten. Formen der Weltaneignung im deutschen Schelmenroman des 17. Jahrhunderts. Berlin/New York 2001, zum Simplicissimus bes. S. 344–452, hier S. 447. 54 Ebd., S. 448. 55 Ebd., S. 449f.; Grimmelshausen: Continuatio, S. 566. 56 Siebenpfeiffer, Hania: Mediologie des Blickes. Ordnungen der Sichtbarkeit bei Grimmelshausen, in: ­Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Grimmelshausen. München 2008, S. 51–68, hier S. 53f. 57 Ebd., S. 56f. Siebenpfeiffer expliziert im Folgenden instruktiv auch das »wunderbarliche Vogel-Nest« als mediologisch-semiotische ›Maschine‹, die zu ähnlichen Effekten führt. 58 Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch, S. 282f. 59 Siebenpfeiffer (2008), S. 58. 60 Weber, Alexander: Über Naturerfahrung und Landschaft in Grimmelshausens Simplicissimus, in: Daphnis 23 (1994), S. 61–84, hier: S. 62, 64. Die Mummelsee-Episode findet sich in Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch, S. 483–515; vgl. dazu im weiteren Cordie (2001), S. 418–442. 61 Kommentar von Dieter Breuer in: Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch, S. 961; ebd. zu den Quellen Grimmelshausen. 62 Ebd., S. 514f. 63 Vgl. Pöppelmann, Matthäus Daniel: Vorstellung und Beschreibung Des von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen/ erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden. Dresden 1729, Tafel: »Façade d’une Cascade Projettée dans la partje de derrjere du Jardin Royal« (ohne Nr.), vgl. auch den ehemals im Zwinger existierenden Grottensaal in: ebd., ­Tafel: »Façade du Coté du grand escaljer â main drojte et â main gauche au haut de la sale« (Nr. VII) 64 Weber (1994), S. 83. Der Kapuzinerprediger Prokop von Templin, den Heßelmann zitiert, verweist diese Mummelsee-Episode mit ihrer Reise zum Mittelpunkt der Erde übrigens wenigstens teilweise ins Reich der Legende – »was der Simplicius aufschneidet vom Mummel=See«, während ihm wiederum die Robinsonade der Continuatio mit Schiffbruch und Inseldasein als authentisch und »der Simplicius sampt seinem Gespanen dem Zimmer=Mann ein stattlicher glaubwürdiger Frischer Zeug« zu sein scheint (Heßelmann [1992], S. 26f.). 65 Vgl. hierzu generell Gaede, Friedrich: Substanzverlust. Grimmelshausens Kritik der Moderne. Tübingen 1989. 66 Zu den Kategorien von Realraum und in unterschiedlicher Weise literarisch imaginierten Räumen vgl. grundlegend Piatti, Barbara: Die Geographie der Literatur. Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien. Göttingen 2009, bes. S. 22–63. 67 Zu diesem Komplex vgl. u. a. Seelbach, Sabine: Die Staffeln der Tugend. Exklusive Vernunft, Palimpsest und Überstiege des Wissens in Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch, in: Simpliciana 30 (2008), S. 47– 66; Zeisberg, Simon: Oeconomische Versetzungen. Grimmelshausens Erzählen vom Haus als Spielfeld simplicianischen Wissens vom Menschen, in: Simpliciana 34 (2012), S. 143–157. 68 Zu Letzterem vgl. v. a. Gaede (1989), S. 83–89. 69 Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. München 1972, bes. S. 311–340.

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Strohschneider, Peter: Kultur und Text. Drei Kapitel zur Continuatio des abentheuerlichen Simplicissimi, mit systematischen Zwischenstücken, in: Stegbauer, Kathrin/Vögel, Herfried/Waltenberger, Michael (Hg.): Kulturwissenschaftliche Frühneuzeitforschung. Beiträge zur Identität der Germanistik. Berlin 2004, S. 91–130, bes. S. 124–130. Vgl. Anm. 2. Cordie (2001), S. 360. Vgl. Link, Jürgen: Elementare Literatur und generative Diskursanalyse. München 1983. Kühlmann, Wilhelm: Grimmelshausen. An- und Absichten eines vormodernen Modernen. Heidelberg 2008. Gaede (1989), S. 10. Ebd., S. 12. Vgl. Merzhäuser (2002).

Bibliografie Battafarano, Italo Michele/Eilert, Hildegart: Probleme der Grimmelshausen-Bibliographie. Mit Beispielen der Rezeption. Trento 2008. Battafarano, Italo Michele: Die simplicianische Literarisierung des Kalenders, in: Simpliciana 16 (1994), S. 45–63. Battafarano, Italo Michele: Neue Kriege, neue Waffen bei Grimmelshausen, in: Simpliciana 26 (2004), S. 11–27. Bauer, Conny: Das Phönix-Kupfer von Grimmelshausens Abentheuerlichem Simplicissimus. Zur Forschungslage, in: Text und Kontext 8 (1980), S. 43–62. Bense, Max: Konturen einer Geistesgeschichte der Mathematik II: Die Mathematik in der Kunst (1949), in: ders.: Ausgewählte Schriften in vier Bänden. Band 2: Philosophie der Mathematik, Naturwissenschaft und Technik. Hg. von Elisabeth Walther. Stuttgart/Weimar 1998, S. 233–427. Bornscheuer, Lothar: Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft. Frankfurt am Main 1976. Breuer, Dieter: Grimmelshausen-Handbuch. München 1999. Cassirer, Ernst: Versuch über den Menschen. Einführung in die Philosophie der Kultur. Frankfurt am Main 1990 [zuerst 1944]. Cersowsky, Peter: Buchwesen, in: Meier, Albert (Hg.): Die Literatur des 17. Jahrhunderts. München/Stuttgart 1999, S. 176–200. Cordie, Ansgar M.: Raum und Zeit des Vaganten. Formen der Weltaneignung im deutschen Schelmenroman des 17. Jahrhunderts. Berlin/New York 2001. Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main 1971 [zuerst 1966]. Gaede, Friedrich: Substanzverlust. Grimmelshausens Kritik der Moderne. Tübingen 1989. Gaede, Friedrich: Vom göttlichen zum tödlichen Licht: Grimmelshausen – Grass – Jünger, in: Simpliciana 23 (2001), S. 13–28. Gersch, Hubert: Geheimpoetik. Die Continuatio des abentheurlichen Simplicissimi interpretiert als Grimmelshausens verschlüsselter Kommentar zu seinem Roman. Tübingen 1973. Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von: Courasche, in: ders.: Werke I.2. Hg. von Dieter Breuer. Frankfurt am Main 1992, S. 9–151.

152

Ulrich Fröschle

Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von: Das wunderbarliche Vogel-Nest. Erster Teil, in: ders.: Werke I.2, S. 297–447. Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von: Das wunderbarliche Vogel-Nest. Zweiter Teil, in: ders.: Werke I.2, S. 449–650. Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von: Springinsfeld, in: ders.: Werke I.2, S. 153–295. Haberkamp, Klaus: Simplicianischer »Euphuismus«. Hypertrophe Rhetorik in Grimmelshausens Schlachtschilderungen, in: Simpliciana 33 (2011), S. 213–238. Heßelmann, Peter: Simplicissimus Redivivus. Eine kommentierte Dokumentation der Rezeptionsgeschichte Grimmelshausens im 17. und 18. Jahrhundert (1667–1800). Frankfurt am Main 1992. Jünger, Ernst: Das abenteuerliche Herz. Aufzeichnungen bei Tag und bei Nacht. Erste Fassung. Stuttgart 1987 [zuerst 1929]. Kaminski, Nicola: Narrator absconditus oder Der Ich-Erzähler als »verschwundener Kerl«. Von der erzählten Utopie zu utopischer Autorschaft in Grimmelshausens Simplicianischen Schrifften, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 74 (2000), S. 367–394. Koschorke, Albrecht: Die Geschichte des Horizonts. Grenze und Grenzüberschreitung in literarischen Landschaftsbildern. Frankfurt am Main 1990. Kühlmann, Wilhelm: Grimmelshausen. An- und Absichten eines vormodernen Modernen. Heidelberg 2008. Leonhard, Karin: Was ist Raum im 17. Jahrhundert? Die Raumfrage des Barocks: Von Descartes zu Newton und Leibniz, in: Bredekamp, Horst/Schneider, Pablo (Hg.): Visuelle Argumentationen. Die Mysterien der Repräsentation und die Berechenbarkeit der Welt. München 2006, S. 11–34. Link, Jürgen: Elementare Literatur und generative Diskursanalyse. München 1983. Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. München 1972. Martin, Michael: Ezechiel du Mas, Comte du Mélac (1630–1704). Eine biographische Skizze, in: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte 20.2: Frühe Neuzeit – Revolution – Empire: 1500–1815. Tübingen 1994, S. 35–68. Meid, Volker: Grimmelshausen. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart 2011. Merzhäuser, Andreas: Satyrische Selbstbehauptung. Innovation und Tradition in Grimmelshausens Abentheuerlichem Simplicissimus Teutsch. Göttingen 2002. Piatti, Barbara: Die Geographie der Literatur. Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien. Göttingen 2009. Pöppelmann, Matthäus Daniel: Vorstellung und Beschreibung Des von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen/ erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden. Dresden 1729 Raabe, Paul: Bibliotheksgeschichte und historische Leserforschung. Anmerkungen zu einem Forschungsthema. in: Wolfenbütteler Notizen zur Buchgeschichte 7 (1982), S. 433–441. Ruch, Martin: Realität und Fiktion in der simplicianischen Landschaft: Grimmelshausen auf der Moos, in: Simpliciana 25 (2003), S. 125–141. Sander, Torsten: Bibliothek als Herrschaftsraum. Inszenierung und Publizität des kurfürstlich sächsischen Bücherschatzes im 18. Jahrhundert, in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Berichte, Beiträge. 36 (2010), S. 42–49.

Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch

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Katrin Nitzschke

Eine Bibliothek im Wandel Die kurfürstliche Büchersammlung in Dresden 1680–1736

1.

Einführung – Quellen

Die Geschichte der kurfürstlichen Bibliothek des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts ist bisher nur bruchstückhaft untersucht worden. Als ergiebigste Quelle muss hier die Geschichte und Beschreibung der königlichen öffentlichen Bibliothek des Oberbibliothekars Friedrich Adolf Ebert (1791–1834) genannt werden, die 1822 im Leipziger Brockhaus-Verlag erschien.1 Darüber hinaus existieren aber auch Texte, die von einer äußeren Beschreibung bis zu Erinnerungen an einen Besuch derselben reichen. Die Bibliothek erfährt in diesem Zeitraum einen enormen Bedeutungszuwachs. Diese Aussage bezieht sich sowohl auf ihre Standorte, den Bestand als auch auf die Benutzung. In ihrer Geschichte aber spiegelt sich zugleich die Entwicklung der Dresdner Residenz wider, die sich nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges langsam erholte und durch die Regentschaft des sächsischen Kurfürsten Friedrich August I., der 1697 als August II. die polnische Königskrone erhielt, zu einer europäischen Metropole emporstieg.

2.

Standorte

2.1

Das Dresdner Schloss

Die um 1556 von Kurfürst August gegründete »Liberey« befand sich zunächst im Dresdner Schloss, ehe die Sammlung »Ende 1573 oder im ersten Halbjahr 1574«2 in das Schloss Annaburg bei Torgau gebracht wurde, eine der Lieblingsresidenzen von »Vater August«. Kurz nach dessen Tod 1586 veranlasste sein ältester Sohn Christian I. den Rücktransport der Bibliothek nach Dresden. Wenn wir den zeitgenössischen Zustand in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nachvollziehen wollen, so bietet sich mit Anton Weck (1623–1680) ein kenntnisreicher Autor an. In seiner Der Chur-Fürstlichen Sächsischen weitberuffenen Residentz- und Haupt-Vestung Dresden Beschreib: und Vorstellung (1679) (Abb.1) berichtet er über die Bibliothek:

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Katrin Nitzschke

Abb. 1 Das Churfürstl: Sächss: Residentzhauß zu Dresden. Kupferstich, in: Weck, Anton: Der Chur-Fürstlichen Sächsischen weitberuffenen Residentz- und Haupt-Vestung Dresden Beschreib: und Vorstellung […]. Nürnberg 1679. Domizil der kurfürstlichen Bibliothek 1556-1573/74, 1586-1701. SLUB Dresden, Signatur: 183017b0555000001/Deutsche Fotothek, Dresdner Digitalisierungszentrum, Aufn.-Nr.: df_dat_0014293.

Sonst ist/ wenn man außm grössern Schloßhoffe aufm förderisten oder kleinern Hoff kömmet/ ein Steinern zwar absonderliches/ iedoch ans Schloß gehängtes und zu selbigen gehöriges Gebäude/ in dessen dritten Geschoß ist Die Churfürstl. Sächs. Bibliothec. DIese bestehet

Eine Bibliothek im Wandel

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in dreyen unterschiedenen Zimmern/ als: Erstlich in einer geraumen großen Stube/welche umb und umb voller Geistlicher Bücher gesetzet/ dahero Sie auch die Theologische Stube genennet wird/ diese Bücher seynd meistentheils von zierlichen und schönen Bänden/ darunter viel gar köstlich und sehr schwer mit Silber beschlagen/ auch auf allerhand Art künstlich gearbeitet […] In dem andern Zimmer/ welches gleichsam nur ein Vorgemach zu den andern beyden Hauptgemächern/ seynd unterschiedene verschloßene Schräncke/ worinnen theils der Chur= und Fürstl. Sächs. Herschafft/ von langen Jahren h[]ro gesammelten Bücher/ welche von Ihnen so wohl zu Ihrer Andacht/ als auch Information in allerhand Wißenschafften gebraucht/ und hernach wieder beygesetzet worden/ verwahret. Uff einem geraumen Sahle/ welches das Dritte Zimmer der Bibliothec ist/ seynd die Bücher in den übrigen Facultäten verhanden […].3

2.2 Klepperstall/Regimentshaus Offensichtlich aber waren die drei Räume spätestens in den Achtzigerjahren des 17. Jahrhunderts nicht mehr ausreichend beziehungsweise wurden für die kurfürstliche Familie benötigt, sodass man nach einer Alternative suchte. Das wird aus einem Schreiben von Johann Georgs III. an die »Cammer Directorn, Räthe und Landrentmeister zu Dreßden« vom 12. November 1687 deutlich: Demnach wir berichtet worden, was maßen Unser am Elb Thore liegender Klepperstall einer reparatur höchst von nöthen habe und wir solch gebäude also zurichten zu laßen gemeint, daß wir Unsere Bibliothec nebenst andere dazu gehörigen Sachen dahin transferiren können, Als begehren wir hiermit gnädigst, ihr wollet Unsern General Quartier und Ober Landtbaumeister Johann George Starcken vor euch erfordern, den anschlag des ganzen werckes ferdigen laßen, und sodann gehörige verfügung thun, damit die unkosten, so zu beförderung solches baues erfordert werden, aus Unserer Rent=Cammer gereichet werden mögen.4

Durch die Bezeichnung »am Elb Thore« wissen wir, wo sich der Klepperstall befand, denn es handelt sich dabei um »das nördliche Stadttor, das am Ausgang der Schloßstraße von der Elbbrücke gelegen war«.5 Der Auftrag kam zwar nicht zur Ausführung, aber der Plan wurde nicht endgültig aufgegeben, denn Friedrich Adolf Ebert schrieb: […] im Gegentheil drohte ihr sogar noch die Gefahr gänzlicher Vernichtung, indem im Jahre 1701 ein Brand fast die Hälfte des Schlosses verzehrte. Glücklicherweise blieben die im Schlosse befindlichen Sammlungen unverletzt, und die Bibliothek wurde nun auf den Klepperstall in ein Local gebracht, welches allen Anschein nach keine großen Vorzüge vor ihrem bisherigen Standorte darbot, da man entweder gleich anfangs oder doch nur kurze Zeit darauf aus Man-

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Abb. 2 Grund-Riss von der andern Etage dieses Zwingergebæudes = Plan du second Etage du même Bâtiment. Kupferstich, um 1755. Die mit »D« versehenen Räume bezeichnen die drei Pavillons auf der Ostseite des Zwingers, wo sich die »Saæle der Bibliothec« befanden, die hier 1728-1786 untergebracht war. SLUB Dresden/Kartensammlung, Inv.-Nr.: B2000/Deutsche Fotothek, Aufn.-Nr.: df_dk_0003085.

gel an Raum genöthigt war, einen Theil der Bücher in dem benachbarten Regimentshause […] auf dem Jüdenhofe unterzubringen […]. Und auch dieses letztere Gebäude war so mangelhaft, daß im Jahre 1724 wegen Baufälligkeit eine Hauptreparatur vorgenommen werden mußte.6

Damit war die Bibliothek zumindest bautechnisch auf einem Tiefpunkt angelangt, denn weder die Unterbringung noch die Benutzung derselben konnte hier befriedigend gelöst werden. Die unter Kurfürst Friedrich August I. vorgenommene Bereinigung der Kunstsammlungen, größere Erwerbungen und nicht zuletzt das Repräsentationsbedürfnis Augusts des Starken drängten auf ein neues Domizil.

2.3

Zwinger

Durch einen Befehl von Kurfürst Friedrich August I., der eine Verbesserung der Unterbringung der Bibliothek sowie der anderen Sammlungen vorsah, wurde eine Kommission gebildet, die […] die Versetzung der Bibliothek und des Naturaliencabinets in die Zwingergebäude [zum Ziel hatte], welche im Mai und Juni 1728 ausgeführt wurde. Die Bibliothek, welche hier in den

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drei nach dem Schlosse und großen Opernhause zu gelegenen Pavillons aufgestellt wurde, erhielt ein eben so geräumiges als würdiges Local und kam eben dadurch von nun an auch mehr zur öffentlichen Kunde […].7 (Abb. 2)

Ebert spielt mit seiner letzten Bemerkung auch darauf an, dass nach dem Umzug der Bibliothek nicht nur Leser in die Zwingerpavillons kamen, sondern die Büchersammlung außerdem Ziel von Besuchern wurde, die sich die Räumlichkeiten zeigen ließen und die Kostbarkeiten der Bibliothek betrachten wollten. Wenn wir einem Interessenten folgen wollen, dann bietet sich Benjamin Gottfried Weinart (1751–1813) an, wenngleich er erst im Jahre 1777 über die Bibliothek notiert: Was übrigens gegenwärtige Einrichtung der Bibliothek anlanget, so werden in dem ersten großen Saale nach dem Churfürstl. Schloße zu, in etlichen mit gläsern Thüren versehenen und vergoldeten Schränken die Codices […] verwahrlich aufbehalten. Auf beyden Seiten die Galerie ist […] eine ungemein rare und starke Sammlung von gedruckten Bibeln […] zweytens auf der linken Seite die Verfasser der Rechtsgelahrheit in 43 verschlossenen Repositorien. In dem andern oder mittelsten Saal über den großen Portal des Zwingers stehen gleichfals in den mit Drathgittern verschlossenen 49 Schränken diejenigen Bücher, welche theils zur Gelehrsamkeit und denen Wissenschaften insgemein gehören […]. In dem dritten Saal nächst am Opernhause, sind die Grammatici, Critici […] ferner die Philosophi veteres graeci et latini […] Mathematici, Physici und Medici in 32 Bücherschränken […]. Man bewundert ferner in zween dieser Säle die schönen Deckenstücke, welche der berühmte Pellegrini gemahlet hat.8

3.

Leitung und Bibliothekare

3.1

Leitung

1680 änderte sich ein wesentliches Moment in der Besetzung der Zuständigkeit für die Bibliothek. Mit dem Abgang des Oberhofpredigers Martin Geier endete die seit 1597 bestehende Oberaufsicht der Hofprediger über die Bibliothek und damit auch ihr Einfluss auf die Bestandsentwicklung. Friedrich Adolf Ebert verdanken wir die komplette Übersicht der »Reihe der Chefs«:9 1664–1680 1680–1691 1691–1712 1712 1713–1714

Oberhofprediger Martin Geier Hausmarschall Friedrich Adolf von Haugwitz Oberkämmerer August Ferdinand Graf von Pflug Oberkämmerer Philipp Ferdinand von Reibold Oberhofmarschall Baron von Löwendal

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Katrin Nitzschke

1714–1719 1719–1726 1726–1727 1727–1733 1733–1738

3.2

geheimer Rath und Oberschenk Friedrich Graf Vitzthum von Eckstädt (interimistisch) Oberkämmerer Friedrich Graf Vitzthum von Eckstädt Cabinetsminister Ernst Christoph Graf von Manteuffel (interimistisch) Cabinetsminister und Oberkammerherr Heinrich Friedrich Graf von Friesen Kämmerer Alexander Joseph Graf von Sulkowsky

Bibliothekare

Auch wenn die verantwortlichen Bibliothekare Mitgliedern des Hofes unterstellt waren, hatten sie zumindest bis Ende des 17. Jahrhunderts direkt dem Kurfürsten Rechenschaft über die Bibliothek abzulegen. Das eigenständige Berufsbild des Bibliothekars existierte noch nicht, und so sind es ganz unterschiedliche Wissenschaften, welche die Ausbildung der Bibliotheksangestellten prägten. Für den Zeitraum 1656 bis 1749 lassen sich folgende Bedienstete nachweisen:10 1656–1682 1682 1682–1690 1690–1726 1708–1733 1734–1749

David Schirmer Christian Philippi Johann Friedrich Trier Gottfried Ebersbach »unter Trier’s Oberinspection«11, abwesend 1695–1718 Siegmund Gottlob Seebisch Johann Christian Götze

Ende der 1680er Jahre »finden sich auch die ersten Spuren von Anlegung einer Privatbibliothek des Regenten«,12 hält Eberts Amtsnachfolger Karl Falkenstein fest und meint damit Johann Georg III. Dieser Hinweis ist insofern wichtig, als ab diesem Zeitpunkt die Betreuung der auch als Handbibliothek bezeichneten Sammlung des Kurfürsten den meisten Bibliothekaren als zusätzliche Aufgabe auferlegt wurde. Die folgenden Zeilen sollen wenigstens kurz die einzelnen Persönlichkeiten vorstellen. 3.2.1 David Schirmer (1623–1686) David Schirmer, der Sohn eines Pastors, war nicht der einzige Bibliothekar am sächsischen Hof, der sich zugleich als Dichter einen Namen machte. Er studierte ab 1641 in Leipzig, wo er dem damals bekannten Poeten Gottfried Finckelthaus begegnete. Ab 1645 setzte er seine Studien in Wittenberg fort und hörte Vorlesungen zur Dichtkunst bei August Buchner. Johann Georg I. berief Schirmer 1650 nach Dresden, wo er in seinem Auftrag Gelegenheitsgedichte und Libretti schrieb. Schirmers schriftstellerische Tätigkeit schlug sich »zwischen 1643 und 1686 [in] insgesamt 165 zeitgenössische[n] Einzelveröffentlichungen und fünf Sammelausgaben«13 nieder, die auch unter den Pseudonymen »DiSander« und »Der Beschirmen-

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161

de« erschienen. Laut Ebert scheiterte Schirmer an der dringend notwendigen Revision des Bestandes und der Anfertigung eines neuen Kataloges, weil die damit beauftragte Kommission »verlangte, während der Dauer der Arbeit täglich Mittags auf der Bibliothek gespeiset zu werden, und die churfürstliche Kammer diese Forderung zu befriedigen Bedenken trug«.14 3.2.2 Christian Philippi (gest. 1682) Über Philippi wissen wir nicht viel mehr, als dass er noch im Jahr seiner Anstellung starb. Philippi wurde am 27. Mai 1682 in der Dresdner Sophienkirche beerdigt. Als Bibliothekar erhielt er ein Jahresgehalt von 500 Talern, derselbe Betrag, der auch seinem Nachfolger gezahlt wurde. 3.2.3 Johann Friedrich Trier (1652–1709) Nachdem sich die Bibliothek bestands- und benutzungsmäßig bis 1682 in einem höchst unbefriedigenden Zustand befunden hatte, besserten sich die Verhältnisse unter Johann Friedrich Trier deutlich. Auch wenn es dem studierten Juristen nicht vergönnt war, einen neuen Katalog in Angriff zu nehmen, gelang ihm gleichwohl die aufwändige Revision des Bestandes, die sich auf den Zeitraum von 1682 bis 1686 erstreckte, unterbrochen von einer Dienstreise Triers. »1683 brachte er den von Johann Georg II. getragenen Hosenbandorden nach London in die Hände des sächs. Gesandten von Zinzendorf zurück und erhielt nach seiner Zurückkunft den Titel eines churf. Raths«.15 Wahrscheinlich sind deshalb keine Unterlagen über Entleihungen nachweisbar. Auch als Gottfried Ebersbach 1690 eingestellt wurde, behielt Trier die Oberaufsicht bis zu seinem Tod 1709. Da Ebersbach aber über 20 Jahre als Geheimer Sekretär in Hannover tätig war, sah sich der sächsische Hof gezwungen, mit Siegmund Gottlob Seebisch einen weiteren Bibliothekar in Dienst zu nehmen. 3.2.4 Gottfried Ebersbach (um 1645–1726) Friedrich Adolf Ebert – ein begeisterter Bibliothekar – erteilt dem aus dem schlesischen Hirschberg stammenden, bereits 1695 zum Geheimen Hofrat ernannten Juristen Gottfried Ebersbach ein schlechtes Zeugnis: »An einen neuen Katalog, der doch nach Trier’s Vorarbeiten das erste Geschäft seyn sollen, dachte Ebersbach so wenig, daß vielmehr während seiner Zeit der vierte Band des vorhandenen alten Kataloges verloren ging.«16 Trotz seiner langen Abwesenheit von Dresden verdiente Ebersbach für damalige Verhältnisse recht ordentlich. Über das Jahr konnte er mit 606 Talern und 6 Groschen rechnen: 200 Taler erhielt er als Pension für seine Arbeit als Gesandter in Hannover und den restlichen Betrag für die Anstellung als Bibliothekar. Nach seiner Rückkehr nach Dresden 1718 arbeitete der inzwischen weit über 70 Jahre alte Ebersbach bis zu seinem Tod wieder in der Bibliothek.

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Katrin Nitzschke

3.3.5 Siegmund Gottlob Seebisch (1669–1753) Aufgrund des langjährigen Aufenthaltes von Ebersbach in Hannover wurde Seebisch als dessen Vertreter am 2. Juni 1708 mit einem Jahresgehalt von 300 Talern eingestellt, das nach Ebersbachs Ableben 1726 auf 400 Taler erhöht wurde. In seinen Verantwortungsbereich fiel auch die kurfürstliche Handbibliothek, die er bis 1733 betreute. Unter dem renommierten Orientalisten Seebisch, der bereits als Schüler des Breslauer Elisabeth-Gymnasiums einen ausgezeichneten Hebräischunterricht genossen hatte, erlebte die Bibliothek einen Aufschwung, der sich in der Bereinigung der Bestände und dem Umzug in den Zwinger niederschlug, aber auch in den Erwerbungen eines Teiles der Bibliotheken der Herzöge von Sachsen-Zeitz und Johann von Bessers. Nach Seebischs Tod kaufte die Bibliothek zahlreiche orientalische Handschriften aus dessen Nachlass. 3.3.6 Johann Christian Götze (1692–1749) Mit Götze begegnen wir dem Kaplan des Kurprinzen Friedrich August, der nach dem Tod seines Vaters August dem Starken als Friedrich August II., Kurfürst von Sachsen und August III., König von Polen, in die Geschichte einging. Götze konvertierte als Sohn eines protestantischen Pfarrers 1711 zum katholischen Glauben. 1734 übertrug ihm sein ehemaliger Schützling die Leitung der kurfürstlichen Bibliothek. Auch wenn sie nicht in unserem Betrachtungszeitraum liegen, sollen doch zwei Leistungen Götzes besonders gewürdigt werden. Er brachte Ende des Jahres 1739 den Codex Dresdensis, die später berühmte Dresdner Maya-Handschrift, von Wien nach Dresden. Außerdem verdanken wir ihm die drei Bände der Merckwürdigkeiten der Königlichen Bibliotheck zu Dreßden, die von 1744 bis 1748 erschienen.

4.

Bibliotheksbestand und -benutzung

4.1

Bestand

Um 1680 dürfen wir von einem kurfürstlichen Bestand von knapp 7.000 Bänden ausgehen.17 Neben einer ausgesuchten Sammlung theologischer Literatur legte bereits Kurfürst August auf juristische Texte ebenso großen Wert wie auf philosophische, medizinische und naturwissenschaftliche Werke. Wenn wir in die zeitgenössischen Beschreibungen der Bibliothek sehen, fallen immer wieder zwei Handschriften auf, die das besondere Interesse der Autoren geweckt haben. So verweist Christian Gerber, Pfarrer aus Lockwitz, auf ein »grosses Kräuter=Blumen= und Früchte=Buch, welche so lebhafft und natürlich gemahlet sind, daß man, so zu reden, darnach greiffen möchte. Dieses Buch ist so wichtig, daß gezweiffelt wird, ob dergleichen zu finden sey«.18 Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um das Kreutterbuch Von Sechshundert schonen Auserlesenen Hielendischenn vnd fremden Gewechsen, Beumen, Stauden, Hecken,

Eine Bibliothek im Wandel

163

und Kreuttern […],19 so der vollständige Titel. Im Auftrag von Kurfürst August hatte der Torgauer Naturwissenschaftler und Mediziner Johannes Kentmann (1518–1574) den großformatigen Band zusammengestellt und systematisch erfasst. Die Pflanzenmalereien stammen von David Redtel, der ebenfalls in Torgau lebte (Abb. 3). 1563 war das Kreutterbuch fertiggestellt und gehört bis heute zu den Schätzen der SLUB. Wieder ist es Anton Weck, der uns auf eine weitere Kostbarkeit hinweist, die spätere Autoren ebenso begeistert, wobei es bei einigen unschwer zu erkennen ist, dass sie zumindest Wecks Chronik gelesen hatten. Weck benennt »eine alte Hebraeische = auf Pergamen geschriebene Bibel/ mit beygefügter Chaldeischen Ubersetzung […], welches für das purlauterste und ältiste Exemplar […] so man weit und fern in Europa finden soll […] gehalten wird«.20 Im Gegensatz zu Kentmanns Kräuterbuch hat diese Handschrift aus dem 13. Jahrhundert den Zweiten Weltkrieg nicht unberührt überstanden, sondern zählt zu den fast gänzlich zerstörten Manuskripten. Auch wenn hier ebenfalls keine Signatur angegeben wurde, ist davon auszugehen, dass es sich um die Biblia sacra Ebraeo-Chaldaica cum explicatione21 handelt, eine 645 Blätter umfassende Pergamenthandschrift, die von Eliasar Bar Samuel Halevi Sopher Rabbenu Nissem geschrieben wurde. Selbst Falkenstein wird nicht müde, das Manuskript »zu den wichtigsten Handschriften in diesem Zweige der Literatur, die man in Deutschland kennt«,22 zu zählen.

4.2 Benutzung Ebert ordnet die Benutzung der kurfürstlichen Bibliothek auf folgende Weise ein: Zwar wurde seit der Mitte des [17.] Jahrhunderts etwas mehr verliehen, als früher geschehen war; aber es waren doch nur wenige Begünstigte, denen die Benutzung der Bibliothek zu Theil wurde, und auch diese durften nur in einzelnen Fällen, nicht fortwährend und ununterbrochen, auf diese Begünstigung hoffen.23

Man kann deswegen annehmen, dass Matthäus Daniel Pöppelmann zu den »Begünstigten« gehörte, arbeitete er doch im Auftrag des Kurfürsten und erfreute sich dessen Vertrauens. Ausleih- bzw. Besucherbücher, wie wir sie aus den folgenden Jahrhunderten kennen, gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, sodass wir diesbezüglich über keinen schriftlichen Nachweis verfügen. Insofern kann man sich dem bereits zitierten Christian Gerber anschließen, der 1717 über die Nutzung der sächsischen Bibliotheken berichtet: Zu denen öffentlichen Bibliothecken rechnen wir billich die Fürstlichen, die zwar nicht einem jeden gemeinen Mann offen stehen, jedoch von hohen Ministris und andern Standes=Personen besuchet und gebraucht werden.24

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Katrin Nitzschke Abb. 3 David Redtel: Fenchel. Pinsel, Wasserfarbe, in: Kentmann, Johannes: Kreutterbuch […]. 1563. SLUB Dresden, Signatur: Mscr.Dresd.B.71/ Deutsche Fotothek, Aufn.-Nr.: df_ld_0018862/Fotografin: Regine Richter.

Bleibt abschließend zu sagen, dass die Benutzung und Pflege der Bibliothek erst mit dem Umzug in den Dresdner Zwinger ein neues Stadium erreichte. Zuvor finden wir, abgesehen von Triers verdienstvollem Wirken, keine wirklich systematische Betreuung der Bibliothek, die sich in einer Bestandserweiterung oder in der Benutzung widerspiegelte. Ebert drückt diesen Zustand noch drastischer aus, wobei er die Kurfürsten nicht ausspart: Dieser Vernachlässigung von oben, auf welche allerdings die Zeitumstände theilweise eingewirkt hatten, entsprach die Unthätigkeit der Inspectoren und Bibliothekare so sehr, daß zu Ende dieser Periode ein allseitiger Rückschritt unverkennbar war.25

4.3 Bestandsbereinigung der Sammlungen Nach dem Friedensschluss in Warschau durch den »Stummen Sejm« am 1. Februar 1717 konnte sich August der Starke intensiv mit dem Ausbau seiner Dresdner Residenz beschäftigen. Dazu zählte auch die Bereinigung der einzelnen Sammlungen von Stücken, die nicht zur Spezifik der verschiedenen Kollektionen gehörten: […] wie in der Bibliothek neben Büchern auch Landcharten, Kupferstiche, Handzeichnungen, einige Antiken und Gemälde ihren Platz gefunden hatten, so schloß im Gegentheil wieder die Kunst= und selbst die Rüstkammer einen nicht unbeträchtlichen Vorrath von Büchern und Handschriften in sich, welche dort unter der Masse ganz heterogener Gegenstände vergraben und vergessen lagen.26

Eine Bibliothek im Wandel

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Natürlich musste sich auch die Bibliothek aus diesem Grund von einigen Beständen trennen, die zum Beispiel an das Kupferstich- und Antikenkabinett abgeliefert wurden. Sie erhielt jedoch im Gegenzug im Zeitraum von 1717 bis 1733 zahlreiche Handschriften und Bücher aus der Kunst- und Rüstkammer sowie aus dem Grünen Gewölbe.

5. Erwerbungen 5.1

Belegstücke der Acta Eruditorum

1682 bis 1782 erschienen in Leipzig bei Gleditsch, Grosse und Fritsch die zu Beginn von Otto Mencke herausgegebenen Acta Eruditorum (Abb. 4). In dieser bedeutenden wissenschaftlichen Zeitschrift Deutschlands wurden neu erschienene Werke von Wissenschaftlern besprochen. Die sächsischen Kurfürsten unterstützten die Zeitschrift mit jährlich 200 Talern, die an die Bedingung geknüpft waren, »dafür die recensirten Werke an die Bibliothek einzusenden«.27 Auf diese Weise konnte die Dresdner Bibliothek wenigstens mit dem Zugang der wichtigsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen rechnen. Leider wurde diese Abgabe nur bis 1695 regelmäßig durchgeführt, danach wurden nicht mehr alle Bücher abgeliefert, ab 1753 stellte man die Abgabe völlig ein.

5.2 Kriegsbeute 1683 und 1686 Im siegreichen Kampf gegen die Türken an der Seite Österreichs konnte Kurfürst Johann Georg III., dem man den Beinamen »Sächsischer Mars« verlieh, beim Entsatz der zweiten Belagerung Wiens im September 1683 einige »von Morgenländischen, sonderlich aber Arabischen, Persischen und Türkischen Handschriften […] als errungene Siegesbeute mit nach Hause«28 bringen. Es folgten weitere Lieferungen, als beispielsweise die Stadt Ofen (ungarisch: Buda) 1686 zurückerobert oder die Stadt Corona von den Türken befreit wurde.

Abb. 4 Acta Eruditorum. Titelblatt des ersten Jahrgangs 1682. SLUB Dresden, Signatur: Eph.lit.125-1.1682/ Deutsche Fotothek, Dresdner Digitalisierungszentrum, Aufn.-Nr.: df_dat_0014292.

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Katrin Nitzschke

Abb. 5 Reiter, z.T. mit Standarte, erheben vor dem auf einer Tribüne stehenden Herold im Turnierreitertappert und den Turnierrichtern die Hand zum Schwur, in: d’Anjou, Regnier: Sur les tournois. Pergamenthandschrift, koloriert und vergoldet, 16. Jahrhundert. SLUB Dresden, Signatur: Mscr.Dresd.Oc.58/Deutsche Fotothek/Fotografin: Regine Richter, Aufn.-Nr.: df_dat_0008085.

Eine Bibliothek im Wandel

5.3

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Bibliothek des Herzogs Moritz Wilhelm zu Sachsen-Zeitz (1664–1718)

Als der letzte Herzog von Sachsen-Zeitz – ein Urenkel des Kurfürsten August von Sachsen, dem Gründer der Dresdner Bibliothek – am 15. November 1718 auf der Osterburg in Weida verstarb, hinterließ er keinen männlichen Nachfahren. Damit fiel sein Besitz an den Neffen zweiten Grades, Friedrich August I. von Sachsen, worunter sich auch eine 8.143 Bände umfassende Bibliothek befand. Für die Dresdner Sammlung wurden knapp eintausend Bände ausgewählt. Der Rest wurde aufgrund »der vielen hinterlassenen Schulden«29 des Herzogs von Sachsen-Zeitz »im April und Juni 1722 zu Dresden öffentlich versteigert«.30 Die Handschriften übernahm Dresden komplett, darunter zwei Manuskripte, die heute in der Schatzkammer des Buchmuseums der SLUB zu sehen sind. Es handelt sich dabei um eine achteckige Koranhandschrift31 aus dem 12. Jahrhundert sowie um Sur les tournois von Regnier d’Anjou32 (Abb. 5), eine französische illustrierte Pergamenthandschrift, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstanden ist.

5.4 Bibliothek des Kriegsrates und Zeremonienmeisters Johann von Besser (1654–1729) Friedrich Adolf Ebert war vom Gelegenheitsdichter, Hofpoeten und Zeremonienmeister Johann von Besser so fasziniert, dass er ihm fünf Seiten seiner Bibliotheksgeschichte widmete. Besser (Abb. 6) war 1690 durch Kurfürst Friedrich III. in den Adelsstand erhoben worden und befand sich zeit seines Lebens in finanziellen Schwierigkeiten, sodass es als allseits glücklicher Umstand gewertet werden muss, dass ihn August der Starke 1717 an den sächsischen Hof berief. Bessers umfangreicher Bibliothek drohte gleichwohl weiterhin die Veräußerung, um die verbliebenen Schulden begleichen zu können. Der sächsische Kurfürst und König von Polen griff daher zu einem genialen Schachzug. Er kaufte Besser am 18. August 1727 dessen Bibliothek mit etwa 17.000 Bänden für 10.000 Taler ab, überließ ihm aber den »Besitz und Gebrauch derselben auf Lebenszeit«.33 Die Bücherkauflust verließ Besser auch in den letzten beiden Lebensjahren nicht. Bis zu seinem Tod am 11. Februar 1729 erwarb er weitere 1.007 Bände. Es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis die Sammlung mit den Schwerpunkten Zeremonialwissenschaft, Geschichte und Politik 1733 der kurfürstlichen Bibliothek einverleibt wurde. Johann Ulrich von König, Bessers Nachfolger als Hofdichter, der die Gedichte seines väterlichen Freundes 1732 in zwei Bänden veröffentlichte und die Besser’sche Bibliothek für ihre Aufstellung im Zwinger in die kurfürstliche Büchersammlung einarbeitete, beurteilt den Dichter in der Einleitung zu den lyrischen Werken Bessers wie folgt: Die Poesie hat nicht selten manchem ihrer Lieblinge die Bahn zu seinem Fortkommen bereitet […D]er Herr von Besser war einer aus der Anzahl der wenigen, die ihrer Vollkommenheiten, in einem höhern Grade, von ihr theilhafftig gemacht worden.34

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Katrin Nitzschke

5.5 Bibliothek des preußischen Hofrates David Braun

Abb. 6 C. Fritsch: Johann von Besser. Kupferstich nach einer Zeichnung von Anna Maria Werner, in: Besser, Johann von: Schriften. – Th. 1. Leipzig: Gleditsch, 1732. Abb. nach Bl. XXXII. SLUB Dresden, Signatur: 38.8.5702-1/Deutsche Fotothek, Dresdner Digitalisierungszentrum, Aufn.-Nr.: df_dat_0014291.

6.

Der zunächst in polnischen Diensten stehende David Braun (1664–1737) befehligte als Kriegskommissar die polnische Kronartillerie und begab sich 1704 in preußische Dienste. Er ist der Autor des Werkes De Scriptorum Poloniæ et Prussiæ (1723). Demzufolge lag der Schwerpunkt seiner 293 Bücher und Handschriften umfassenden Bibliothek, die 1734 erworben werden konnte, auf der preußischen (99 Bände) und polnischen (194 Bände) Geschichte. In der ersten Sammlung der Merckwürdigkeiten beschreibt Götze unter der Nummer 271 einen Band aus der Braun’schen Bibliothek: »Chronica Prutenorum, oder Chronicon der Lande Preußen von anno 1190 biß 1390. Ein Manuscript auff Pappier in 4. 157 Blätter.«35 Der Band hat den Zweiten Weltkrieg überstanden und gehört bis heute zum Bestand der SLUB-Handschriftensammlung.36

Resümee

War die kurfürstliche Bibliothek im ausgehenden 17. Jahrhundert weder hinsichtlich ihrer Unterbringung noch ihrer Benutzung für die Leser optimal eingerichtet, so können wir trotzdem davon ausgehen, dass ihre reichen Bestände von ausgesuchten, meist dem Hofe nahestehenden Lesern genutzt wurden. Eine deutliche Verbesserung trat vor allem nach dem Umzug in Pöppelmanns Zwinger ein. An diesem attraktiven Standort fanden die Bücher und Handschriften nicht nur eine bessere Aufstellung, sondern die Bibliothek konnte nun den Ansprüchen ihrer Nutzer wesentlich besser entsprechen. So wird die Begeisterung des damaligen dritten Bibliothekars Karl Wilhelm Daßdorf nachvollziehbar, wenn er ausführt:

Eine Bibliothek im Wandel

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Diese vortrefliche und zahlreiche Büchersammlung ist ohnstreitig eine der größten Zierden dieser Residenz, und zugleich ein rümlicher Beweis jener ausgezeichneten Liebe und huldreichen Schutzes, den hier die Wissenschaften von jeher unter unsern Durchlauchtigsten Beherrschern genossen haben, und den sie unter der itzigen weisen und wohlthätigen Regierung, die einer der glänzendsten Epochen in der Sächsischen Geschichte ausmachen wird, in einem vorzüglichen hohen Grade genießen.37

Anmerkungen 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30

Ebert, Friedrich Adolf: Geschichte und Beschreibung der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden. Leipzig 1822. Assmann, Karl: Die Anfänge der Sächsischen Landesbibliothek, in: Sächsische Landesbibliothek Dresden 1556–1956. Leipzig 1956, S. 22. Weck, Anton: Der Chur-Fürstlichen Sächsischen weitberuffenen Residentz- und Haupt-Vestung Dresden Beschreib: und Vorstellung […]. Nürnberg 1679, S. 41f. I. Translocation der Kurfürstlichen Bibliothek aus dem Schlosse zu Dresden in den dasigen Klepperstall, 1688, in: Sachsen-Chronik für Vergangenheit und Gegenwart, Serie 1 (1854), S. 475. Stadtlexikon Dresden A–Z. Dresden, 1994, S. 121. Ebert (1822), S. 50f. Ebd., S. 60. Weinart, Benjamin Gottfried: Topographische Geschichte der Stadt Dresden […]. Dresden 1777, S. 285–287. Ebert (1822), S. 229. Ebd., S. 231f. Ebd., S. 45. Falkenstein, Karl: Beschreibung der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden. Dresden 1839, S. 13. Bürger, Thomas/Hermann, Konstantin (Hg.): Das ABC der SLUB. Dresden 2006, S. 200. Ebert (1822), S. 39. Ebd., S. 212. Ebd., S. 45. Ebd., S. 40. Gerber, Christian: Die Unerkannten Wohlthaten Gottes, In dem Chur=Fürstenthum Sachsen […] [Th. 1]. Dresden 1717, S. 398. Die SLUB-Signatur der Handschrift lautet: Mscr.Dresd.B.71. Weck (1679), S. 41. Die SLUB-Signatur der Handschrift lautet: Mscr.Dresd.A.46. Falkenstein (1839), S. 188. Ebert (1822), S. 46f. Gerber (1717), S. 395. Ebert (1822), S. 46. Ebd., S. 51f. Ebd., S. 44. Daßdorf, Karl Wilhelm: Beschreibung der vorzüglichsten Merkwürdigkeiten der Churfürstlichen Residenzstadt Dresden, Th.1. Dresden 1782, S. 281. Falkenstein (1839), S. 14. Ebert (1822), S. 53.

170 31 32 33 34 35 36 37

Katrin Nitzschke Die SLUB-Signatur der Handschrift lautet: Mscr.Dresd.Eb.450. Die SLUB-Signatur der Handschrift lautet: Mscr.Dresd.Oc.58. Ebert (1822), S. 58f. Besser, Johann von: Schriften. Th. 1. Leipzig 1732, Bl. XXXVII. Götze, Johann Christian: Die Merckwürdigkeiten der Königlichen Bibliotheck zu Dreßden. Sammlung. Dresden 1744, S. 241. Die SLUB-Signatur der Handschrift lautet: Mscr.Dresd.G.254. Daßdorf (1782), S. 266.

Bibliografie Assmann, Karl: Die Anfänge der Sächsischen Landesbibliothek, in: Sächsische Landesbibliothek Dresden (Hg.): Die Sächsische Landesbibliothek Dresden 1556–1956. Leipzig 1956. Besser, Johann von: Schriften. Th. 1. Leipzig 1732. Bürger, Thomas/Hermann, Konstantin (Hg.): Das ABC der SLUB. Dresden 2006. Daßdorf, Karl Wilhelm: Beschreibung der vorzüglichsten Merkwürdigkeiten der Churfürstlichen Residenzstadt Dresden, Th.1. Dresden 1782. Ebert, Friedrich Adolf: Geschichte und Beschreibung der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden. Leipzig 1822. Falkenstein, Karl: Beschreibung der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden. Dresden 1839. Gerber, Christian: Die Unerkannten Wohlthaten Gottes, In dem Chur=Fürstenthum Sachsen […] [Th. 1]. Dresden 1717. Götze, Johann Christian: Die Merckwürdigkeiten der Königlichen Bibliotheck zu Dreßden. Dresden 1744–1746. Nitzschke, Katrin/Koch, Lothar (Hg.): Dresden – Stadt der Fürsten, Stadt der Künstler. Bergisch Gladbach 1991. Schäfer, Wilhelm (Hg.): Sachsen-Chronik für Vergangenheit und Gegenwart, Serie 1 (1854), S. 475. Stimmel, Folke: Stadtlexikon Dresden A–Z. Dresden 1994. Koch, Lothar: Von der Liberey zur Bibliothek. 440 Jahre Sächsische Landesbibliothek. Dresden 1996. Weck, Anton: Der Chur-Fürstlichen Sächsischen weitberuffenen Residentz- und Haupt-Vestung Dresden Beschreib: und Vorstellung […]. Nürnberg 1679. Weinart, Benjamin Gottfried: Topographische Geschichte der Stadt Dresden […]. Dresden 1777.

Mathias Ullmann

Ehrenfried Walther von Tschirnhaus Der Modernisierer Sachsens und seine verschollene Bibliothek

Von einer der vielleicht größten privaten Bibliotheken des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts in Sachsen existiert zumindest so etwas wie ein Totenschein. Im Jahr 1723 wird in Görlitz ein Heft mit folgendem Titel gedruckt: Catalogus und Specification unterschiedener gebundener und ungebundener Bücher, auch Mathematischer und anderer Instrumenten und Curiosorum, aus Verlassenschafft Hn. Raths von Tschirnhaus, auf Kießlingswalde etc., welche allhier in Görlitz in Herrn Ranisches Hause auf der Niclaus-Strasse aufn 23. August 1723, und folgende Tage per modum Auctionis feilgebothen und dem meistbiethenden gegen baare Bezahlung überlassen werden sollen.1 Auf den folgenden 53 Seiten dieses Auktionskataloges finden sich 1.829 Einzelpositionen. Berücksichtigt man, dass etliche dieser Positionen mehrere Einzeltitel umfassen, welche jeweils zu einem Band zusammengebunden wurden, so kommt man bei der Gesamtzahl der Titel, welche jener Rat von Tschirnhaus sein Eigen nennen konnte, auf eine Zahl weit jenseits von 2.000. Bücher sind Zeichen, Abbilder der Realität, mitunter verzerrte Abbilder. Der Catalogus ist nun sozusagen ein zweites Abbild dieser verschiedenen Abbilder – und dennoch erlaubt er es vielleicht, sich ein Bild von dem Menschen zu machen, der sich hinter dem Besitzer dieser Bibliothek verbirgt. Ebenso erhält man eine Vorstellung von dem Geistesleben der Zeit, in der Tschirnhaus seine Bibliothek zusammengetragen hat. Bei der Zusammenstellung des Catalogus wurde zunächst einmal ein Frevel begangen. Praktischen Erwägungen folgend sind die Bücher säuberlich nach ihren Formaten sortiert worden, wodurch die durch den Besitzer in seiner Bibliothek eventuell vorgenommene inhaltliche Sortierung und Gruppierung nicht mehr nachvollzogen werden kann. Und allein aufgrund der Menge der Bücher kann man vermuten, dass jener Rat von Tschirnhaus eben nicht nur ein begeisterter Leser von Büchern war, ein Konsument, sondern durchaus den merkwürdigen Typus des Sammlers verkörperte.2 Und um einen Sammler zu begreifen, muss man die Prinzipien kennen, zumindest ahnen, nach denen dieser seine Sammlung aufgebaut hat. Ebenso wenig ist aus dem Catalogus ersichtlich, ob die aufgeführten Bücher überhaupt gelesen worden sind. Angaben darüber, ob sich in ihnen handschriftliche Notizen fanden

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Mathias Ullmann

oder ob sie im Gegenteil noch gänzlich unaufgeschnitten in der Bibliothek standen, finden sich leider nicht. Es sei also angenommen, er habe sie alle zumindest überflogen. Was die Sprachen betrifft, so scheint der Besitzer der Bibliothek vier verschiedene davon zumindest passiv beherrscht zu haben – neben der deutschen Sprache sind dies Latein, Französisch und Niederländisch –; diese machen zu nahezu gleichen Teilen den Löwenanteil der Bibliothek aus, einige wenige Bände finden sich in Englisch und Italienisch, dazu noch, wohl als Kuriosität, einzelne Schriften beispielsweise auf Arabisch und Chinesisch. Der Rat von Tschirnhaus scheint auf alle Fälle ein vielseitig interessierter Mensch gewesen zu sein, wobei sein Hauptinteresse offenbar den Naturwissenschaften seiner Zeit galt. So besaß er die wichtigsten Werke aus nahezu sämtlichen zeitgenössischen Wissenschaftsgebieten,3 wie der Mathematik (beginnend bei Neuauflagen von Euklid, unter anderem Elementorum Libri XV, 1654, über die Schriften von John Wallis, Opera Mathematica, 1695, André Tacquet, Opera Mathematica, 1669, und Elementa Geometriæ planæ ac solidæ, 1665), der Astronomie (Nikolaus Kopernikus, Revolutiones orbium coelestium, Johannes Kepler, De stella nova in pede serpentarii, 1606, Epitome Astronomiæ Copernicanæ, 1635), der Optik (Christiaan Huygens, Opuscula posthuma, quae continent Dioptricam, 1703, und Antoni van Leeuwenhoek, Ontdekking van de onsigtbare verborgentheden, 1685), der Medizin (Verheyen, Anatomia corporis humanae, 1699, und Bontekoe, Grund-Sätze der Medicin, 1691), der ­Architektur und Fortifikation (Rimpler, Beständiges Fundament zu fortificiren und defendiren, 1674, und Böckler, Architectura curiosa nova, 1664), der Alchemie (Athanasius Kircher, Ars magnetica, 1643), der Technik (Otto von Guericke, Experimenta nova de vacuo spatio, 1672) und auch des Bergbaus (Georgius Agricola, Bergwerck-Buch, 1625). Weniger zahlreich, aber dennoch nachweisbar, sind Bücher zur Botanik und zur Pflanzenheilkunde. Die Autoren der damaligen Zeit verbanden oft ihre mathematischen Überlegungen mit philosophischen Ausführungen. Allen voran ist hier René Descartes zu nennen, und dieser Verfasser ist sowohl mit seiner Geometria von 1659 als auch mit seinen philosophischen Schriften (Opera philosophica, 1685) in der Bibliothek nahezu komplett vertreten. Tschirnhaus interessierte sich offenbar lebhaft für die Welt außerhalb Europas. So finden sich unzählige Reise- und Städtebeschreibungen, von denen hier nur einige stellvertretend genannt werden sollen: Salomon Schweigger, Reise-Beschreibung nach Constantinopel und Jerusalem, 1665, Adam Olearius, Ausführliche Beschreibung von Moscau und Persien, 1665, sowie Olfert Dapper, Genaue und gründliche Beschreibung Africae, Americae und Asiae, 1670 bis 1683. Er nannte die wichtigsten Werke der klassischen griechischen und römischen Autoren sein Eigen, also Platon, Aristophanes, Seneca und Cicero. Sein Interesse für Fragen der Bildung offenbaren die Schriften von Johann Amos Comenius (Opera Didactica omnia, 1657) und August Hermann Francke (Bericht vom Waysen-Hause in Halle, 1701). Um am wissenschaftlichen Leben seiner Zeit teilzuhaben, war er offenbar Abonnent der wichtigen wissenschaftlich-philosophischen Periodika, jedenfalls finden sich sowohl das französische Journal des Sçavans, die

Ehrenfried Walter von Tschirnhaus und seine verschollene Bibliothek

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niederländischen Nouvelles de la Republique des Lettres als auch deren deutsches Pendant, die in Leipzig erschienenen Acta Eruditorum, nahezu komplett in der Bibliothek wieder. Darüber hinaus bezog er anscheinend regelmäßig aus Paris die Veröffentlichungen der Vorträge der Académie Royale des Sciences (Memoires de Mathematique & de Physique, tiréz des Registres de l’Académie Royale des Sciences, Elemens de Mechanique & de Physique, avec l’explication naturelle des machines fondamentales, par Mssr. de l’Académie Royale des Sciences). Der Besitzer der Bibliothek erfreute sich hin und wieder an Musik, an Opern und Balletten. Neben einigen Noten, unter anderem von Heinrich Schütz (Psalmen Davids in teutsche Reimen und eigene Melodien gebracht, 1628), und Büchern über Musik besaß er auch mehrere Libretti, so Der Tempel der Liebe und Le triomphe de l’amour – ballet Royal, 1681. Ab und an gönnte er sich auch durchaus ›Belletristisches‹ als Lesestoff. Offenbar gab es neben der Wissenschaft auch andere Dinge, für die er sich interessierte. Davon zeugen Bücher mit solch sprechenden Titeln wie Der allzeit verliebte und allzeit betrogene Graff, Der galante Römer Tibullus, Les amours de Psiche et Cupidon, Die Klugheit der Verliebten oder Die verliebte und galante Welt oder Les Comedies de Msr. de Moliere, 1695. Auch die sehr sinnlichen Gedichte Hoffmanns von Hoffmannswaldau fanden ihren Platz in den Regalen, wobei man gerade bei solch beredten Titeln leicht Gefahr läuft, das Buch falsch einzuordnen. Hinter dem Titel Hünerwolfs sonderbahre Frauenzimmer-Geheimnüsse von 1690 beispielsweise verbirgt sich ein frühes Lehrbuch über Gynäkologie, Schwangerschaft und Geburt. Der Besitzer wollte offenbar auch gut mit den bürokratischen Regeln und Fallstricken seiner Zeit vertraut sein. So findet sich die Ober-Lausitzische Ambts- und Landes-Ordnung und Privilegia, 1612, neben dem Commentarius über die Constitutiones Saxonicas, aber auch die Steuer- und Consumptionsordnung des Herzogthums Magdeburg. Wie steht es um das Verhältnis des Rates von Tschirnhaus zur Religion? Hier scheint der Besitzer es eher mit dem protestantischen Glauben gehalten zu haben. Die wichtigsten Vertreter dieser Glaubensrichtung, also Martin Luther, Philipp Melanchthon, Benedikt Carpzov oder Philipp Jacob Spener, besaß er nahezu komplett: neben den schwergewichtigen gebundenen Werkausgaben noch eine Vielzahl kleiner Schriften, Predigten zumeist, die als Broschüren erschienen waren, dazu noch jede Menge theologische Abhandlungen, Kommentare und Streitschriften verschiedener, meist protestantischer Autoren. In jedem Fall war dieser Teil seiner Sammlung wesentlich umfänglicher als etwa jener mit den Kirchenvätern Augustinus, Bernhard von Clairvaux oder Johannes Chrysostomus. Und es finden sich unter den religiösen Schriften auch vereinzelt solche, deren Verfasser in der damaligen Zeit durchaus als unsichere Kantonisten gelten konnten, man denke etwa an Jakob Böhme, vom dem Tschirnhaus mehr als zehn verschiedene Titel besaß (unter anderem Beschreibung der drei Prinzipien Göttlichen Wesens, 1682). Insgesamt nehmen die theologischen Schriften rund ein Drittel der Positionen des Catalogus ein. Blickt man auf das, was über das Leben des Rates von Tschirnhaus bekannt ist, so spiegeln sich viele seiner Lebensstationen in der Bibliothek wider. Sei es die Tatsache, dass er

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Mathias Ullmann

mehrere Jahre in den Niederlanden zubrachte, dort studierte, wobei Latein an den damaligen Universitäten der Niederlande mit der Vielzahl von Studenten aus aller Herren Länder als lingua franca diente, und dass Frankreich, insbesondere Paris, einen weiteren zentralen Punkt in seiner Biografie bildete. Ebenso lässt sich die Vielzahl der Wissenschaftsgebiete im eigenen Schaffen von Tschirnhaus wiederfinden. Und auch die theologischen Auseinandersetzungen spielten in seinem Leben mehrmals eine prägende Rolle, worauf am Ende dieses Beitrages eingegangen werden soll. Es wäre also alles übersichtlich, wenn es nicht einen zweiten Catalogus gäbe, handschriftlich, welcher sich im Staatsarchiv Dresden befindet.4 Dieser ist einerseits wesentlich kürzer, er umfasst nur etwa eintausend verschiedene Titel, diese werden auch viel knapper benannt. Meist finden sich lediglich der Name des Autors und ein bis zwei Worte des Titels (aus Andrea Tacquet, Elementa Geometriæ planæ ac solidæ, wird dann Taquetti Elementa). Vor allem aber enthält dieser Katalog einen ganzen Abschnitt, welcher in dem gedruckten Catalogus fehlt – und aus dem hier zitiert werden soll: Ungebundene Bücher und Sachen in Folio […] Eilff Pacqueter des seel. Herrn Raths von Tschirnhauß algebraische Calculi und gelehrter Leute Briefe. Ein Pacquet des seel. Herrn Raths eigenhändige Briefe und Manuscripta. Noch ein solches. Noch ein Convolut nüzliche Briefe und Manuscripta. Ein Pacquet gelehrte Sachen. Noch ein Convolut von unterschiedlichen Briefen und Manuscripten. Ein Pacquet Advocaten Sachen. Noch ein solches. Ein Pacquet Geld und Schuld-Sachen. […] Ein Kästel voll allerhand gemeine Briefe. […] Ein Pacquet allerhand etwa noch nöthige Briefe. Ein Pacquet Briefe von weniger Importance. […] Ein Pacquet gelehrte Sachen. Ein Pacquet Correspondenz-Sachen. Ein Pacquet Familiar-Briefe.5

Ein weiterer Punkt fällt auf: Der Catalogus stammt aus dem Jahr 1723. Die handschriftliche Liste der Tschirnhaus-Bibliothek wurde zu Beginn des Jahres 1709 aufgenommen, also mehr als 14 Jahre vor der Publikation des Catalogus und der Versteigerung der Bibliothek. Hier stellen sich interessante Fragen: Warum fehlt in dem Catalogus dieser Teil? Was geschah mit den mindestens fünfundzwanzig Bündeln mit Handschriften und Briefen? Und was ist der Grund dafür, dass nach dem Tod von Tschirnhaus mehr als vierzehn Jahre

Ehrenfried Walter von Tschirnhaus und seine verschollene Bibliothek

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vergingen, ehe seine Bibliothek versteigert wurde? Das Wissen über das Leben des Ehrenfried Walther von Tschirnhaus ist leider sehr lückenhaft. Wesentliche Dokumente über sein Leben existieren entweder nicht mehr oder sind in ihrer Zuschreibung so vage, dass sie Interpretationen in jede beliebige Richtung ermöglichen. Dazu passt, dass es auch kein zeitgenössisches Porträt von Tschirnhaus gibt. Es existiert lediglich ein Stich von Bernigeroth (Abb. 1), doch dieser wurde erst nach Tschirnhaus’ Tod angefertigt, sodass man seine Ähnlichkeit zumindest anzweifeln kann. Geboren wird Tschirnhaus, das zumindest geht aus einem Hausbucheintrag seines Vaters eindeutig hervor, am 21. April 1651 in dem kleinen Ort Kießlingswalde (heute Sławnikowice/Polen), etwa zwölf Kilometer östlich von Görlitz gelegen. Er besucht Schulen in Görlitz und Lauban und geht mit Abb. 1 Porträt von Ehrenfried 17 Jahren nach Holland, genauer gesagt nach Walther von Tschirnhaus Leiden, wo er ein Studium aufnimmt. Er soll Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Mathemain dieser Zeit auch freiwillig in die holläntisch-Physikalischer Salon/Fotograf: Archiv MPS. dische Armee eingetreten sein und 1672 am Kampf gegen die Franzosen mitgewirkt haben, wobei er von seinem Kommandeur, Baron von Nieuwland, der das naturwissenschaftliche Interesse und Talent von Tschirnhaus erkannte, immer wieder tageweise für seine Studien freigestellt worden sein soll. Dokumente darüber existieren freilich nicht mehr.6 Unzweifelhaft jedoch ist, dass der junge Tschirnhaus in Leiden eine Bekanntschaft macht, die ihn entscheidend beeinflussen und prägen sollte: die Bekanntschaft mit Benedikt oder Baruch de Spinoza. Tschirnhaus war jener Briefpartner, welcher in dem im Rahmen der Opera posthuma herausgegebenen Briefwechsel des Philosophen in dessen letzten Lebensjahren die markanteste Rolle spielte, der allerdings in dieser Veröffentlichung immer nur durch Asterisken gekennzeichnet wird.7 Tschirnhaus geht weiter nach Paris, um seine Studien fortzusetzen, und lernt hier einen weiteren jungen Wissenschaftler kennen, mit dem ihn eine lebenslange Bekanntschaft und phasenweise auch enge Freundschaft verbinden sollte: Gottfried Wilhelm Leibniz. Außerdem macht er in Paris die Bekanntschaft von Christiaan Huygens.

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Im Auftrag von Spinoza, auch das wird aus dem Briefwechsel zwischen beiden deutlich, geht Tschirnhaus unter anderem nach London, um Kontakte zur Royal Society herzustellen. Er lernt deren Sekretär Henry Oldenburg kennen und eventuell auch Isaac Newton. Mit all diesen Persönlichkeiten betreibt Tschirnhaus einen regen Briefwechsel, der auch heute noch recht gut erhalten ist – weil nach dem Tod seiner Korrespondenzpartner die an diese gerichteten Briefe oft sofort archiviert und später aufgearbeitet wurden –: ein Glücksfall für den Tschirnhaus-Forscher.8 Viele der im Folgenden genannten Fakten über Tschirnhaus’ Leben lassen sich auch nur aus den Briefen an andere rekonstruieren, wenn er beispielsweise Leibniz oder Huygens über seine Reisen, seine Gespräche mit anderen Forschern oder seine Experimente informiert. Von den Briefen, die diese Wissenschaftler an Tschirnhaus geschrieben haben, sind nur wenige Exemplare erhalten, aber zumindest fertigten seine Briefpartner von jedem Brief, den sie an Tschirnhaus schickten, vorher noch ein Konzept oder eine Abschrift an, welche sie bei sich aufhoben – auch daraus lässt sich erkennen, wie wichtig ihnen Tschirnhaus als Briefpartner war, für wie bedeutungsvoll sie das hielten, was sie ihm in ihren Briefen mitteilten. Tschirnhaus unternimmt schließlich 1676/77 eine Reise, die ihn quer durch Italien bis hinunter nach Malta führt. Ein geplanter Ausflug bis nach Palästina scheitert jedoch. Hier verbindet er die übliche Kavalierstour eines jungen Adeligen mit der Studienreise eines Wissenschaftlers. Aus den Briefen, die er von dieser Reise insbesondere an Leibniz schickt, ist zu erkennen, dass er unterwegs immer wieder den Kontakt zu den jeweiligen lokalen Größen der Wissenschaft sucht, mit ihnen in Gedankenaustausch tritt – und auch die eine oder andere Idee mitnimmt, die er später aufgreifen wird. In Paris wird Tschirnhaus dann am 22. Juli 1682 als erster nicht in Paris lebender Deutscher in die Académie Royale des Sciences gewählt, mit einem Verfahren zur Phosphor­ gewinnung, welches ihm Leibniz verraten hatte. Tschirnhaus’ Hoffnung, in den Genuss der jährlichen Vergütung von 500 Talern zu kommen, welche der französische König für Akademiemitglieder ausgesetzt hatte, erfüllen sich jedoch nicht. Dazu hätte er sich in Paris niederlassen müssen – seine Lebensplanung sah jedoch ganz anders aus. Statt also in der Metropole der Wissenschaft und der Künste der damaligen Zeit zu bleiben, zieht es Tschirnhaus zurück in die Oberlausitz, wo er zunächst einmal – heiratet. Falls er vorhatte, seine Kollegen damit zu überraschen, so ist es ihm gründlich gelungen. Der dänische Mathematiker Jørgen (latinisiert: Georg) Mohr tauschte sich darüber mit Leibniz aus, und beide reagierten mit offenem Unverständnis.9 Ein Wissenschaftler, so die damals gängige Auffassung, habe sein Leben der Forschung zu widmen, und sich auf keinen Fall durch eine Frau oder gar eine Familie davon ablenken zu lassen. Und Tschirnhaus heiratet nicht nur einmal. Nach dem Tod seiner ersten Frau geht er noch eine zweite Ehe ein, und insgesamt wird er sechs Mal Vater. Er bindet sich noch mehr an die Oberlausitz, indem er nach dem Tod seines Vaters das Familiengut in Kieß-

Ehrenfried Walter von Tschirnhaus und seine verschollene Bibliothek

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lingswalde übernimmt. Die Welt der Wissenschaft bleibt für ihn zumeist nur per Brief zu erreichen, doch davon macht er reichlich Gebrauch. Und nebenbei macht er sich daran, aus seinem oberlausitzischen Dorf heraus Sachsen zu modernisieren. Zunächst einmal fasst er seine bisherigen Erfahrungen in einem Buch zusammen, Medicina mentis,10 welches schließlich 1686 anonym in Amsterdam erscheinen wird. Ungeachtet des Titels handelt es sich nicht um ein medizinisches Werk: Man könnte das Buch stattdessen eine frühe Didaktik nennen. Mit unbändigem Erkenntnisoptimismus, geschult an Descartes, aber auch an Spinoza und dessen Tractatus de intellectu emendatione,11 proklamiert Tschirnhaus nicht weniger als die Erkennbarkeit der Welt mittels mathematischer Methoden und schreibt damit ein sehr frühes Werk der Frühaufklärung in Deutschland. Die medizinischen Aspekte legt er in einem kleinen Anhang namens Medicina corporis12 vor, eine Anleitung, wie der Körper mit einfachen Mitteln, gesunder Ernährung, ausreichender Bewegung und Vorsorge bei Erkrankungen, gesund erhalten werden könne – um, so der Kern von Tschirnhaus’ Gedankengebäude in diesem Fall, in der Lage sein zu können, Wissenschaft zu betreiben. Es ist eine der merkwürdigen Wendungen der deutschen Geschichte, dass die Medicina mentis, dieses zutiefst frühaufklärerische Buch, von demjenigen am schärfsten angegangen und kritisiert wird, der selbst als entschiedener Vertreter der deutschen Frühaufklärung in die Geschichte eingehen sollte – von Christian Thomasius. Dieser wirft Tschirnhaus in einer harten Rezension vor, einen falschen Begriff vom Geist, vom Menschen, von der Religion und von Gott zu haben. Und er äußert erstmals die Vermutung, dass eben Tschirnhaus jener Briefpartner von Spinoza sei, der in den Opera posthuma stets mit Asterisken anonymisiert worden war.13 Tschirnhaus verteidigt sich in einem Manuskript, das er an einige Freunde verteilen lässt. Einer dieser Freunde spielt es Thomasius zu, der es veröffentlicht.14 Und da Tschirnhaus etwas ungeschickt seinen adeligen Stand erwähnt,15 fühlt sich der bürgerliche Thomasius persönlich angegriffen, was ihm den Anlass bietet, in seiner sich anschließenden Kritik umso bissiger nachzulegen.16 Die für Tschirnhaus, ja für jeden Wissenschaftler der damaligen Zeit höchst gefährliche Beschuldigung, die Thomasius vorbringt, besteht darin, dass Tschirnhaus versuche, das Gift des Spinozismus in Deutschland zu verbreiten. 1695 erscheint in Leipzig eine überarbeitete Neuauflage des Buches. Hier sind dann einerseits etliche mathematische Ungenauigkeiten der ersten Auflage verbessert und durch neueste mathematische Erkenntnisse ergänzt, andererseits fällt in den eher philosophischen Abschnitten auf, dass Tschirnhaus insbesondere die von Thomasius inkriminierten Abschnitte des Buches deutlich entschärft und gemildert hat.17 Da er mit der Publikation und Rezeption seiner Schrift nicht glücklich sein konnte, konzentrierte sich Tschirnhaus in den Folgejahren ganz auf die praktische Wissenschaft. Wieder nimmt er eine Erfahrung seiner Wanderjahre auf. In Italien bei Villette hatte er die Möglichkeit kennengelernt, mittels Spiegeln oder Linsen das Sonnenlicht zu fokussieren

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Mathias Ullmann Abb. 2 Brennlinsenapparat. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Mathematisch-Physikalischer Salon/Foto: Michael Lange.

und so Temperaturen experimentell zu erzeugen, die bis dahin nicht zu erreichen waren. In der Folgezeit baut Tschirnhaus die bis dahin weltweit größten Brennspiegel und Brennlinsenapparate, Geräte, welche die chemische und physikalische Experimentalforschung revolutionieren sollten. Über die Experimente sowohl mit den Spiegeln als auch mit den Brennlinsen verfasste Tschirnhaus mehrere Artikel in der wissenschaftlichen Zeitschrift Acta Eruditorum.18 Die dort durch diese Instrumente erreichten Effekte an verschiedenen Stoffen, welche er in den Fokus der Strahlen setzte und deren Verhalten er beobachtete, ermöglichen es, die erzeugten Temperaturen auf ca. 1.500 °C zu schätzen. Einige dieser Geräte sind noch heute im Mathematisch-Physikalischen Salon der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu bewundern (Abb. 2). Gleichzeitig versammelt er in seinem Dorf befreundete Wissenschaftler und Mechaniker, um mit ihnen gemeinsam zu experimentieren. Zu diesem Kreis gehörten unter anderem der Arzt Matthäus Pauli, der bereits erwähnte dänische Mathematiker Georg Mohr sowie der Alchemist und Zittauer Bürgermeister Johann Jakob von Hartig. Leider sucht man auch hier vergebens nach möglichen Aufzeichnungen über die Experimente, die dort durchgeführt wurden. Um das Jahr 1693 wird Tschirnhaus als Rat an den Hof des sächsischen Kurfürsten berufen. Müßig zu erwähnen, dass auch die entsprechende Bestallungsurkunde bis heute nicht aufgefunden wurde. So ist es nicht genau feststellbar, ob es Johann Georg III. oder Johann Georg IV. war, der Tschirnhaus nach Dresden berufen hat. Lediglich an Tschirnhaus’ Briefwechsel ist eine Veränderung zu erkennen, da er ab 1694 plötzlich als Rat angesprochen wird, was in den Briefen bis 1692 nicht der Fall war.19 Der 1697 an die Macht gelangte Kurfürst Friedrich August I., bekannt unter dem Namen August der Starke, sichert sich gleich zu Beginn seiner Regierungszeit die Dienste von Tschirnhaus. Unter anderem schickt er ihn mit dem Auftrag, eine Aufstellung über die vorhandenen und nutzbaren Mineralien und Edelsteine zu verfassen, quer durch Sachsen.

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Während der offizielle Teil der Unternehmung, also der Auftrag seitens des Kurfürsten und die Bestätigung, ob und wann Tschirnhaus bei den einzelnen Bergämtern vorstellig geworden ist, heute noch im Sächsischen Staatsarchiv Dresden durch Schriftstücke dokumentiert ist,20 wurde der eigentliche Bericht von Tschirnhaus, welcher beim Oberbergamt in Freiberg aufbewahrt wurde, im 19. Jahrhundert durch einen übereifrigen Archivar makuliert.21 Im Auftrag von Friedrich August I. richtet Tschirnhaus in Sachsen Glashütten ein. Er kümmert sich hierbei um Verbesserungen im Ofenbau, vorrangig für die Glaserzeugung, jedoch weist er gleichzeitig darauf hin, dass diese Technologie auch zum Salzsieden oder Bierbrauen verwendet werden könne. Er baut eine Schleif- und Poliermühle für Edelsteine in Dresden, und er versucht, den sächsischen Kurfürsten für die Idee einer Landesakademie zu gewinnen, nachdem seine Privatakademie in Kießlingswalde aus Geldmangel ihre Tätigkeit eingestellt hatte. Nebenher entwirft Tschirnhaus auf Bitten des Hallenser Pietisten August Hermann Francke ein kleines Handbuch darüber, wie Kinder in der Schule schon von Anfang an eine naturwissenschaftliche Ausbildung erhalten könnten. Zunächst ebenfalls anonym gedruckt, erlebt die Gründliche Anleitung zu nützlichen Wissenschaften22 bis 1728 vier Auflagen und hat weit reichende Auswirkungen auf die Bildungslandschaft – allerdings weniger in Sachsen denn in Halle, und damit in Preußen. Tschirnhaus plädiert dafür, Schüler von frühen Jahren an in den Naturwissenschaften zu unterrichten und den theoretischen Unterricht immer wieder durch praktische Experimente zu ergänzen und zu bereichern. Er schlägt für nahezu alle Bereiche der damaligen modernsten Wissenschaften Bücher vor, deren Verfasser die Materie in allgemeinverständlicher Form dargestellt hätten und die demzufolge hervorragend geeignet seien, Kinder für das jeweilige Wissenschaftsgebiet zu interessieren. Immer wieder betont er die Wichtigkeit praktischer Experimente, die die Kinder in Staunen versetzten und sie zum Nachdenken über das Gesehene ermuntern sollten. All diese Bücher, die Tschirnhaus dort empfiehlt, finden sich auch in dem 1723 verfassten Catalogus wieder – er konnte also bei Niederschrift des Manuskriptes in seiner eigenen Bibliothek aus dem Vollen schöpfen. Schließlich ernennt August der Starke Tschirnhaus zu einem der zwei Tutoren für den jungen Alchemisten Johann Friedrich Böttger, welcher mit dem Versprechen, Gold herstellen zu können, auf sich aufmerksam gemacht hatte. In Preußen, woher Böttger stammte, hätte man ihn am liebsten in Gewahrsam genommen, damit er dieses Werk dem preußischen König zu Ehren vollbringen und niemandem verraten konnte. Also flüchtete Böttger nach Sachsen, nur um dort vom sächsischen Kurfürsten festgesetzt zu werden. Böttger wurde also auch in Sachsen sicher verwahrt, und mit Tschirnhaus und dem Freiberger Berghauptmann Gottfried Pabst von Ohain wurden ihm zwei Wissenschaftler an die Seite gestellt, die ihn beaufsichtigen, ihm helfen und von ihm das Geheimnis, das Arkanum, erlernen sollten.

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Es existiert eine Vielzahl von Berichten über die Experimente, mittels derer die drei versuchten, die Tinktura zu erschaffen, jene Flüssigkeit, mit der man nach zeitgenössischer Auffassung aus unreinen Metallen Gold erzeugen konnte. Diese Experimente blieben bekanntlich erfolglos. Stattdessen schlug Böttger dem Kurfürsten vor, anstelle von Gold nun ›weißes Gold‹ zu produzieren. Dies geschah in jener Zeit, als Böttger zum Schutz vor den in Sachsen eingefallenen schwedischen Truppen zur Verwahrung auf die Festung ­Königstein gebracht wurde und Tschirnhaus regelmäßig zu ihm reiste. Es ist also zumindest möglich, dass ihm Tschirnhaus dort dazu riet, seine Energie von den erfolglosen Experimenten der Goldmacherei ab- und einer sinnvolleren Sache zuzuwenden. 1710 war die Technologie der Porzellanherstellung dann so weit ausgereift, dass die Porzellanmanufaktur Meißen gegründet werden konnte. Tschirnhaus selbst hat diesen Triumph nicht mehr erlebt, er starb im Herbst 1708 in Dresden, angeblich infolge der Roten Ruhr. Tschirnhaus verstirbt also, bevor das eigentliche Werk der sächsischen Porzellan-­ Nacherfindung vollbracht ist. Glaubt man dem Elogium von 1709, so sollen seine letzten Worte gelautet haben: »Victoria! Victoria!«23 Da er mit dieser Materie so intensiv beschäftigt und die gesamte Unternehmung für den sächsischen Kurfürsten von höchster Bedeutung war, ist es verständlich, dass sein Nachlass zunächst einmal mit der höchsten Geheimhaltungsstufe belegt wurde. Der unmittelbare ›Vorgesetzte‹ für Tschirnhaus am sächsischen Hof, zugleich sein wichtigster Förderer, war der Statthalter des Kurfürsten, Anton Egon Fürst von Fürstenberg. An diesen richtete Tschirnhaus die meisten seiner Arbeitsberichte, von denen einige auch heute noch im Staatsarchiv Dresden erhalten sind.24 Fürstenberg scheint an Tschirnhaus mehrere Schreiben verfasst zu haben. Auch diese sind nicht erhalten, jedoch weiß man zumindest, warum. Unmittelbar nach dem Tod von Tschirnhaus, so schreibt der Leib­ arzt Bartholomaei an Fürstenberg, habe man dessen Hinterlassenschaft durchgesehen, und als man die Hand von Fürstenberg erkannt habe, seien die entsprechenden Schreiben entnommen und an diesen zurückgegeben worden.25 Ohnehin scheint Tschirnhaus in dem Ruf gestanden zu haben, mehr über die Porzellanherstellung zu wissen, als er nach außen erkennen ließ. Seine angeblich letzten Worte gaben diesem Ruf nur noch mehr Nahrung. Und dieser Ruf weckte eben auch manche Begehrlichkeiten, von welchen wir ein Beispiel ins Auge fassen wollen. Eine scheinbare Randepisode, wenngleich eine für Tschirnhaus sehr tragische, bildet der sogenannte »Tanzgreuel«.26 Im Jahr 1704 beginnt der Pfarrer in Kießlingswalde, Johann Wilhelm Kellner von Zinnendorf, plötzlich vehement gegen »das Tanzen und Saufen« im Kretscham, in der örtlichen Schenke also, zu predigen und diejenigen, welche getanzt und getrunken haben, nicht mehr zur Beichte zuzulassen. Tschirnhaus wehrt sich gegen dieses Vorgehen in mehreren Schreiben, die er zunächst an Kellner selbst, später, nachdem sich dieser uneinsichtig zeigt, an das Oberkonsistorium in Dresden richtet. Allein,

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Kellner ist nicht bereit, seine Position aufzugeben. Der Streit eskaliert 1707, als er damit droht, das Kind, mit welchem Tschirnhaus’ zweite Frau gerade schwanger ging, nicht zu taufen. Zu diesem Zeitpunkt war Tschirnhaus wegen der Arbeit am Porzellan in Dresden unabkömmlich, weshalb seine Frau im Winter 1707 hochschwanger zu ihren Eltern in die Gegend um Wurzen reiste. Dort starben Mutter und Kind kurz nach der Geburt. Dieser Schicksalsschlag, von dem zumindest berichtet wird, dass Tschirnhaus ihn nicht überwunden habe, trug wohl mit zu seinem frühen Tod bei. Die überlieferten Schriften zwischen Tschirnhaus und Kellner von Zinnendorf legen zunächst eine theologische Disputation über die Frage nahe, wer in einem Dorf die Regeln für das Alltagsleben der Menschen vorzugeben habe – die weltliche oder die geistliche Obrigkeit. Beim Blick auf die Hintergründe erhält diese Auseinandersetzung allerdings eine andere Dimension. Tschirnhaus hatte viel Geld in seine Experimente gesteckt. Vom sächsischen Hof war ihm zwar des Öfteren Geld versprochen worden, ausgezahlt wurde es jedoch nur selten und auch dann nur nach vielen Bitten. Also hatte Tschirnhaus immer wieder bei Freunden und Bekannten Geld borgen müssen, um seine Experimente fortführen zu können, so auch bei August Hermann Francke in Halle. Und Francke scheint recht genaue Vorstellungen gehabt zu haben, was Tschirnhaus ihm im Gegenzug dafür bieten konnte. Er war ja auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten für seine Waisenhausschule in Halle. Ein erster Plan, den Tschirnhaus auch unterstützt hatte – nämlich die Einrichtung einer Glashütte – war an organisatorischen Fragen gescheitert. Wenn Francke jedoch die Möglichkeit gehabt hätte, auf dem Gelände der Waisenhausschule in Halle Porzellan zu erzeugen, dann hätte er sich auf lange Zeit vom immer wieder vagen Wohlwollen seiner Geldgeber unabhängig machen können. Zumindest lässt sich folgender Ausschnitt aus einem Schreiben von Tschirnhaus an Fürstenberg so interpretieren. Tschirnhaus schreibt am 29. Oktober 1703: Des Porcellans wegen habe dieses wenige auch gedencken wollen (welches Sie gnädigst erlauben werden) daß der Herr Baron Kannenstein27 Zeit Dero Abwesenheit in Dreßden gewesen, und diese Invention, wie vormahlen, noch von mir verlanget, auch hernach diese Sache ferner durch Briefe urgiret; Nun hätte es zwar höchstnöthig gehabt meinen Credit zu retten, und da so lange hiermit aufgehalten worden: Ich habe aber dennoch etwas Gedult noch haben wollen, um etwan demjenigen Project und Memorial nach, so selbst die Ehre gehabt zu übergeben, eine erfreuliche Resolution hierüber zu vernehmen.28

Tschirnhaus hat also Franckes Bitte nicht entsprochen, ihm das Geheimnis der Porzellanerfindung zu verraten. Wenn man nun den Blick zurück in die Oberlausitz nach Kießlingswalde richtet und feststellt, dass der genannte Johann Wilhelm Kellner von Zinnendorf seine Predigten gegen das Tanzen und Saufen im Kretscham unmittelbar nach der Absage von Tschirnhaus an Francke aufgenommen hat, dass eben dieser Kellner von Zinnendorf ein Schüler von Francke war, und dass nicht zuletzt die Schank- und Braugerechtigkeit in seinem

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Dorf eine der letzten verbliebenen, halbwegs verlässlichen Einnahmequellen für Tschirnhaus war, dann erscheint der vordergründig theologische Streit in einem etwas anderen Licht. Fakt ist, dass Tschirnhaus Francke wohl auch deshalb das Geheimnis nicht verraten konnte, weil er selbst noch nicht im vollen Besitz aller Kenntnisse war, die für die Porzellanherstellung nötig waren. Der Streit darum, wer denn nun der eigentliche Erfinder des Porzellans gewesen sei, dauert nunmehr seit über hundert Jahren an. Sein Beginn lässt sich auf das Jahr 1912 datieren, als ein furioser Artikel von Curt Reinhardt erschien.29 So vehement dieser Streit bisweilen geführt wurde, so unnütz ist er auch über weite Strecken gewesen, denn wesentliche Dokumente, die für eine Priorität eines der drei Protagonisten (denn wir wollen den Berghauptmann Pabst von Ohain nicht vergessen) sprächen, sind entweder nicht mehr erhalten – oder keinem der drei zuzuschreiben, so etwa der berühmte Masseversatz, das erste ›Rezept‹ mit dem Mischungsverhältnis der einzelnen Zutaten, welcher handschriftlich von Bartholomaei ausgefertigt wurde. Sicher ist, dass sich Tschirnhaus schon längere Zeit mit der Porzellanherstellung befasst hatte, nämlich bereits bevor er die Aufsicht über Böttger übertragen bekam. Erstmalig erwähnt er das Porzellan in einem Brief, den er von seiner Reise nach Italien an Leibniz schreibt.30 Im Herbst 1701 unternimmt er noch einmal eine Reise nach Holland und Frankreich, über die er Fürstenberg auch ausführlich berichtet.31 Auf dieser Reise besucht er auch die Fayencemanufaktur in Delft und die Manufaktur in Saint-Cloud, die sich damals schon Porzellanmanufaktur nannte, ohne jedoch wirkliches Weißporzellan herzustellen. Tschirnhaus berichtet an Fürst von Fürstenberg, dass er sich die jeweiligen Anlagen sehr genau (gegen Zahlung eines entsprechenden Trinkgeldes) ansehen durfte und so ihre Schwachstellen registrieren konnte. Unterschwellig deutet er an, zu wissen, was man bei dieser Sache alles falsch machen und wie man diese Fehler vermeiden könne, wenn die Porzellanherstellung in Sachsen in Angriff genommen werden sollte. Aber genügt dies, um zu vermuten, Tschirnhaus habe alles nötige Wissen besessen? Ein starker Hinweis wäre es, wenn Tschirnhaus in seinem Bericht über die sächsischen Gesteine Lagerstellen von Weißerde erwähnt hätte – aber auf das Schicksal dieses Manuskriptes habe ich ja bereits hingewiesen. Es muss jedoch zu dem Zeitpunkt, als Tschirnhaus starb, die Meinung geäußert worden sein, dass sich in seinen Schriften entscheidende Hinweise finden ließen, um das Werk endlich zur Vollendung bringen zu können. Vielleicht war dies der Hintergrund, warum seine Bibliothek unmittelbar nach seinem Tod zunächst einmal inventarisiert und anschließend versiegelt wurde. Unter den Schriften, die 1723 nicht mehr im Catalogus verzeichnet waren, könnten sich die Versuchsberichte aus den Zeiten der Kießlingswalder Akademie befunden haben. Hier lagen sicher auch viele der angesprochenen Briefe der Wissenschaftler seiner Zeit an Tschirnhaus.32 Der Inhalt der Manuskripte wird also für immer unbekannt bleiben. Der Nachlass sollte so lange verschlossen bleiben, bis sich der Kurfürst entschieden hatte, welche Teile davon er für sich haben wollte – und mit dieser Entscheidung ließ er

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sich bis 1723 Zeit. Die Bibliothek von Tschirnhaus ist schließlich zum Zeitpunkt ihrer Versteigerung in einem schlechten Zustand. Es gibt Berichte, nach denen Teile der Bücher von Ratten und Nässe schwer beschädigt waren, da sie in Kellern in Görlitz gelagert werden mussten. Das Gut Kießlingswalde mussten Tschirnhaus’ Kinder nach dessen Tod aufgeben. Und nach 1723 werden die Reste der Bibliothek dann in alle Welt verstreut. Zu Tschirnhaus’ Zeit war der Gebrauch von Exlibris noch nicht verbreitet, anhand derer man vielleicht heute noch Bände aus seiner Bibliothek identifizieren könnte. Ebenso wenig sind Bände aufgefunden worden, in denen sich handschriftliche Anmerkungen fänden, die sich Tschirnhaus eindeutig zuordnen ließen. Einige Bruchstücke des handschriftlichen Nachlasses von Tschirnhaus haben sich tatsächlich erhalten und befinden sich heute im Archiv der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften (OLG) in Görlitz, darunter einige frühe mathematische Aufzeichnungen sowie der größte Teil eines Manuskriptes Anhang an mein so genanntes Eilfertiges Bedencken, mit welchem Tschirnhaus in der erwähnten Auseinandersetzung mit Thomasius noch einmal seine Argumente darlegte und vor allem versuchte, sich gegen den Vorwurf des Spinozismus zu verteidigen. Diese Materialien befinden sich teilweise in einem sehr angegriffenen Zustand. Umso mehr sind die Bemühungen der OLG zu würdigen und zu unterstützen, diese Überreste des Nachlasses eines der herausragenden Vertreter der deutschen Frühaufklärung zu digitalisieren und sie damit zu sichern und interessierten Wissenschaftlern zugänglich zu machen. Eine interessante Personalie ist für die Zeit nach Tschirnhaus’ Tod allerdings noch zu vermerken. Derjenige, der im Jahr 1709 die Inventarisierung von Tschirnhaus’ Nachlass vornahm, hieß Johann Melchior Steinbrück. Geboren 1674 in Frankenhausen, studierte er Jura in Halle sowie in Leiden und wurde Hauslehrer für Tschirnhaus’ Sohn und dessen Begleiter während des Studiums in den Niederlanden.33 Anschließend arbeitete er für Tschirnhaus und war offiziell die einzige Person, die nach der Versiegelung der Bibliothek Zutritt zu den Büchern und Handschriften von Tschirnhaus erhielt. Kurz nach Tschirnhaus’ Tod ging Steinbrück zu Böttger. Bald darauf war die Porzellanerfindung vollbracht, und Steinbrück wurde erster Inspektor, also Direktor der Porzellanmanufaktur Meißen. Einen Beweis, dass Steinbrück im Nachlass von Tschirnhaus jene entscheidenden Hinweise gefunden haben und diese dann Böttger übermittelt haben könnte, gibt es ebenfalls nicht. Womit sich auch hier der Kreis wieder schließt. Was bleibt, ist der Catalogus.

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Ein Exemplar des Catalogus findet sich u. a. in der Universitätsbibliothek Leipzig. Vgl. Veddel, Ulrike: Poetik des Sammelns, in: Deutscher Museumsbund (Hg.): Museumskunde, Bd. 78. Berlin 2013, S. 8–15. Der Kürze halber seien hier bei den folgenden Wissenschaftsgebieten immer nur einige wenige Werke angegeben, jene, die heute als ›Standardwerke‹ für die damalige Zeit angesehen werden. Dazu gilt es zu

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Mathias Ullmann bemerken, dass viele der damaligen wissenschaftlichen, aber auch philosophischen und theologischen Werke unmittelbar nach Erscheinen einen ganzen Schwarm kommentierender oder widersprechender Publikationen nach sich zogen – die sich dann auch bei Tschirnhaus in den Regalen wiederfinden. Gleichzeitig verzichte ich hier aus Platzgründen auf die Angabe der genauen bibliografischen Daten. SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 00379/03, Die königliche Bibliothek und die hierzu bestellten Bibliothekare, Bl. 21–49; hier Bl. 47. Ebd., Bl. 47. Die meisten dieser Informationen über Tschirnhaus’ Leben verdanken wir seinem Bruder George A ­ lbrecht von Tschirnhaus, welcher im Januar 1709, kurz nach Tschirnhaus’ Tod, in den Leipziger Acta Eruditorum anonym einen Nachruf auf Tschirnhaus veröffentlichte, in welchem er einen kurzen Abriss über dessen Leben lieferte: Tschirnhaus, George Albrecht von: Elogium Ehrenfridi Waltheri a Tschirnhaus, in: Acta Eruditorum. Leipzig, Heft 1 (1709), S. 41–48, im Folgenden als »Elogium« bezeichnet. Die Zuschreibung an George Albrecht von Tschirnhaus geht dabei zurück auf: Reinhardt, Curt: Tschirnhaus oder Böttger? Eine urkundliche Geschichte der Erfindung des Meissner Porzellans, in: Neues Lausitzisches Magazin, Görlitz, 88. Jg. (1912), S. 150. Demnach sei in einigen Ausgaben der Acta Eruditorum handschriftlich vermerkt, George Albrecht von Tschirnhaus hätte das Manuskript an die Herausgeber der Acta ­Eruditorum gesandt. Spinoza, Benedikt de: Opera posthuma quorum series post praefationem exhibetur. o. O. [Amsterdam] 1677, insbesondere S. 581–598. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Besonders reiches Material findet sich in Leibniz, Gottfried Wilhelm: Sämtliche Schriften und Briefe, Reihe 3: Mathematischer, naturwissenschaftlicher und technischer Briefwechsel, Band 2–7. Berlin 1987–2011; und in Huygens, Christiaan: Oeuvres complètes, Bd. 8–10. Den Haag 1905– 1910. Zitat aus einem Brief von Mohrendal an Tschirnhaus, 30.01.1683: »Als meede dat VE al voor langer Tijdt t’huijs is geweest, en alreede een Adelijcke Dame getraut; t’welck mijn in het Eerst niet geloflijck scheen van een wahre philosoph: soo Monsieur Leibnitz het selvige niet hadde befestiget (door een schryfven an mij), ende dat VE niet te min noch gesint is de studia Curiosa vort te setten«, UB Wrocław, Akc. 1948/562, Bl. 145. Anonym [Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von]: Medicina mentis sive tentamen genuinæ logicæ, in qua disseritur de methodo detegendi incognitas veritates. Amsterdam 1687. Spinoza (1677), S. 357–392. Anonym [Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von]: Medicina corporis seu cogitationes admodum probabiles de conservanda sanitate. Amsterdam 1686. Thomasius, Christian: Freimüthige Lustige und Ernsthaffte jedoch Vernunfft- und Gesetz-mäßige Gedancken über allerhand, fürnehmlich aber Neue Bücher (Monatsgespräche). Leipzig, März 1688, S. 354–362, 386–443. Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Eilfertiges Bedencken wider die Objectiones, so im Mense Martio Schertz- und Ernsthaffter Gedancken über den Tractat Medicinae Mentis enthalten, in: Thomasius: ­Monatsgespräche. Leipzig, Juni 1688, S. 746–792. »[…] so werde mich der Mittel gebrauchen/ die mir GOtt/ Stand und Geburth an die Hand gegeben«, ebd., S. 792. Ebd., Bl. 793–850. Sämtliche im 20. Jahrhundert vorgenommenen Übersetzungen der Medicina mentis (so ins Deutsche, ­Leipzig 1964, oder ins Französische, Paris/Strasbourg 1980) beziehen sich auf den Text der zweiten Auflage, ebenso ein 1964 erfolgter Reprint (Stuttgart). Nun ist zwar das Prinzip der ›Edition letzter Hand‹ allgemein anerkannt – in diesem konkreten Fall jedoch würde eine Edition des Textes der Erstausgabe mit in Fußnoten gesetzter Angabe der Änderungen zur zweiten Ausgabe einen kultur- und rezeptionsgeschichtlich viel interessanteren Einblick in die deutsche Frühaufklärung ermöglichen. Geleistet wurde diese Arbeit bereits, Anfragen bitte an den Autor dieses Artikels.

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Siehe u. a. Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Singulari effecta vitri caustici bipedalis, in: Acta ­Eruditorum. Leipzig 1691, S. 517–520, Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Intimatio singularis novaeque emendationis artis vitriaria, in: Acta Eruditorum. Leipzig 1696, S. 345–347. 19 Siehe Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Gesamtausgabe, Bd. II/1: Amtlicher Schriftverkehr mit dem sächsischen Hof. Leipzig 2004, S. 4. 20 SächsHStA Dresden, 10024 Geheimes Archiv, Loc. 9765/10, Die im Nachlass Ehrenfried Walther von Tschirnhaus aufgefundenen Schriften und Instrumente. 21 Immerhin findet sich im Findbuch des Bergarchivs in Freiberg noch die Signatur: OBA, Rep. K, Sekt, 167, Nr. 4751. 22 Anonym [Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von]: Gründliche Anleitung zu nützlichen Wissenschaften, absonderlich zu der Mathesi und Physica, wie sie anitzo von den Gelehrtesten abgehandelt werden. Halle 1700, Neudruck in: Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Gesamtausgabe, Bd. I/5: Schriften zur Erziehung. Leipzig 2003, S. 45–66 [handschriftliche Urfassung], S. 183–204 [Ausgabe letzter Hand von 1708]. 23 Elogium, S. 48. 24 Siehe u. a. in: SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 00489/01, Vol. 1, Allerhand Projecte und Vorschläge. 25 Vgl. SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 01340, Bd. 04 26 Die erhaltenen Dokumente zu diesem Thema sind veröffentlicht in: Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Gesamtausgabe, Reihe II/5: Die Auseinandersetzung mit dem Pfarrer Johann Wilhelm Kellner von Zinnendorf (Tanzgreuel). Leipzig/Stuttgart 2002. 27 Gemeint ist Carl Hildebrandt von Canstein, Vertrauter von August Hermann Francke. 28 SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 00489/01, Vol. 1, Bl. 24, Druck in: Tschirnhaus: Gesamtausgabe, II/1, S. 57. 29 Reinhardt (1912). 30 Tschirnhaus berichtet, dass er in Mailand den Naturwissenschaftler Manfredo Settala kennengelernt habe. Dieser habe ihm angeboten, falls Tschirnhaus auf seiner Rückreise mehrere Tage in Mailand bleibe, ihn in einige seiner Geheimnisse einzuweihen, ausgenommen jene, die er für seine drei größten Geheimnisse hielt – darunter die Herstellung von Porzellan. Man kann nur ahnen, dass es für Tschirnhaus einen ganz besonderen Reiz ausstrahlte, sich mit der Porzellanfrage beschäftigen zu dürfen. Siehe Leibniz: Sämtliche Schriften und Briefe, Bd. 3/2, S. 60. 31 SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 00489/01, Vol. 1, Bl. 6–20. 32 Ein Band immerhin findet sich heute im Archiv der Universität Wrocław unter der Signatur Akc. 1948/562. 33 Vgl. Tschirnhaus: Gesamtausgabe. Bd. I/5, S. 83.

Bibliografie Anonym [Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von]: Gründliche Anleitung zu nützlichen Wissenschaften, absonderlich zu der Mathesi und Physica, wie sie anitzo von den Gelehrtesten abgehandelt werden. Halle 1700. Neudruck in: Ehrenfried Walther von Tschirnhaus Gesamtausgabe, Reihe I: Werke, Abt. 5: Schriften zur Erziehung. Leipzig 2003, S. 45–66 [handschriftliche Urfassung], S. 183–204 [Ausgabe letzter Hand von 1708]. Anonym [Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von]: Medicina corporis seu cogitationes admodum probabiles de conservanda sanitate. Amsterdam 1686. Anonym [Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von]: Medicina mentis sive tentamen genuinæ logicæ, in qua disseritur de methodo detegendi incognitas veritates. Amsterdam 1687.

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Huygens, Christiaan: Oeuvres complètes, Bd. 8–10. Den Haag 1905–1910. Leibniz, Gottfried Wilhelm: Sämtliche Schriften und Briefe, Reihe 3: Mathematischer, naturwissenschaftlicher und technischer Briefwechsel, Band 2 – 7. Berlin 1987–2011. Mohr, Jørgen: Brief an von Tschirnhaus, 30.01.1683, in: UB Wrocław, Akc. 1948/562, Bl. 145. Reinhardt, Curt: Tschirnhaus oder Böttger? Eine urkundliche Geschichte der Erfindung des Meissner Porzellans, in: Neues Lausitzisches Magazin, Görlitz, 88. Jg. (1912). SächsHStA Dresden, 10024 Geheimes Archiv, Loc. 9765/10, Die im Nachlass Ehrenfried Walther von Tschirnhaus aufgefundenen Schriften und Instrumente. SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 00379/03, Die königliche Bibliothek und die hierzu bestellten Bibliothekare, Bl. 21–49. SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 00489/01, Vol. 1, Allerhand Projecte und Vorschläge. SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 00489/01, Vol. 1, Bl. 24, im Druck vorgelegt in: Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Gesamtausgabe, Reihe II: Amtliche Schriften, Abt. 1: Amtlicher Schriftverkehr mit dem sächsischen Hof. Leipzig 2004, S. 57. SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 00489/01, Vol. 1, Bl. 6–20. SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 01340, Bd. 04. Spinoza, Benedikt de: Opera posthuma quorum series post praefationem exhibetur. o. O. [Amsterdam] 1677. Thomasius, Christian: Freimüthige Lustige und Ernsthaffte jedoch Vernunfft- und Gesetz-mäßige Gedancken über allerhand, fürnehmlich aber Neue Bücher (Monatsgespräche). Leipzig, März 1688. Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Eilfertiges Bedencken wider die Objectiones, so im Mense Martio Schertz- und Ernsthaffter Gedancken über den Tractat Medicinae Mentis enthalten, in: Thomasius: Monatsgespräche. Leipzig, Juni 1688, S. 746–792. Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Intimatio singularis novaeque emendationis artis vitriaria, in: Acta Eruditorum. Leipzig 1696, S. 345–347. Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Singulari effecta vitri caustici bipedalis, in: Acta Eruditorum. Leipzig 1691, S. 517–520. Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Gesamtausgabe, Reihe II: Amtliche Schriften, Abt. 5: Die Auseinandersetzung mit dem Pfarrer Johann Wilhelm Kellner von Zinnendorf (Tanzgreuel). Leipzig/Stuttgart 2002. Tschirnhaus, Ehrenfried Walther von: Gesamtausgabe, Reihe II: Amtliche Schriften, Abt. 1: Amtlicher Schriftverkehr mit dem sächsischen Hof. Leipzig 2004. Tschirnhaus, George Albrecht von: Elogium Ehrenfridi Waltheri a Tschirnhaus, in: Acta Eruditorum. Leipzig, Heft 1 (1709), S. 41–48. Veddel, Ulrike: Poetik des Sammelns, in: Deutscher Museumsbund (Hg.): Museumskunde, Bd. 78. Berlin 2013, S. 8–15.

Jarl Kremeier

Balthasar Neumann (1687–1753) und seine Bibliothek Einblicke in einen barocken Bücher- und Grafikschatz

Das bekannte, 1727 gemalte Porträt von Markus Kleinert zeigt Balthasar Neumann (Abb. 1) mit Rüstung in Anspielung auf seinen Rang als Artillerieoffizier. Der rechte Unterarm ruht auf einem Kanonenrohr, in der Hand hält er ein teilweise aufgerolltes Blatt Papier mit dem Musterplan einer Festungsanlage und der Inschrift: »Seiner Hochfürstl. Gnaden zu Würtzburg Obrist-Wachtmeister der Artillerie, Ingenieur und Architect B ­ althasar Neumann. aet. 40, Anno 1727.« Sein linker Arm weist mit großer Geste in den rechten Hintergrund, wo der damals bereits vollendete Nordwestblock der 1720 begonnenen Würzburger Residenz erscheint.1 Die in der Aufschrift genannten Arbeitsbereiche Artillerie, Ingenieurwesen und Architektur wurden also alle mit einem Beispiel ins Bild gebracht und zeigen Neumann eingespannt zwischen Zivil- und Militärarchitektur und damit in »beiderlei Architektur« erfahren. Dieses Porträt dokumentiert den beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg des 40-Jährigen, der als Gießergeselle und Sohn eines Tuchmachers 1711 nach Würzburg gekommen war, in der Geschützgießerei des Ignaz Kopp arbeitete, sich dann privat weiterbildete und nach seinem Eintritt in die Würzburger Armee 1714 stetig aufstieg; im Dezember 1724 war er zum Obristwachtmeister (Major) befördert worden. Seit seiner Hochzeit im darauffolgenden Jahr mit der väterlicher- wie mütterlicherseits aus Hofratsfamilien stammenden Eva Schild war Neumann mit der hohen Beamtenschaft im Hochstift verwandt und verschwägert.2 Ein großes und modernes Stadthaus von drei Geschossen und elf Achsen hatte er sich bereits ab 1722 in der neu angelegten Kapuzinerstrasse gebaut, das im Erdgeschoss Werkstätten (mit Blasebalg, Esse, Amboss und Werkbank) enthielt. Vielleicht war mit dem Hausbau auch eine kleine Finanzspekulation verbunden gewesen, denn trotz des individuellen Zuschnitts im Erdgeschoss wurde das Haus schon 1724 mit dem in der Franziskanergasse gelegenen Hof Oberfrankfurt der Familie der Freiherren von Hutten getauscht, die weitere 6.000 Reichstaler zulegen musste.3 Neumanns beruflicher und gesellschaftlicher Erfolg setzte sich fort: Der 1729 neu gewählte Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn beauftragte ihn mit der Oberaufsicht über das Bauwesen im Hochstift und der Fortführung des Residenzbaues, und als Offizier

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endete Neumann im jeweils höchsten möglichen Rang: als Oberstleutnant der Würzburger Artillerie (1729) bzw. Oberst der Artillerie des Fränkischen Kreises (1741),4 von seinem durchaus überregionalen Ansehen als Architekt und Ingenieur ganz zu schweigen. Fünf seiner sechs überlebenden Kinder haben ihrerseits innerhalb der Würzburger und Bamberger Hofratsfamilien geheiratet. Der ältere Sohn Franz Ignaz Michael (1733–1785) wurde ebenfalls Artillerie-Offizier, Ingenieur und Architekt. Seine Schulung erfolgte unter den Augen des Vaters und wurde nach dessen Tod durch eine etwa dreijährige Studienreise in den Jahren 1757 bis 1760 nach Holland, Abb. 1 Marcus Friedrich Kleinert: Portrait Balthasar NeuFrankreich und Italien abgeschlossen.5 mann. Öl auf Leinwand, 1727, in: Korth, Thomas/Poeschke, Der jüngere Sohn Valentin Franz StaJoachim (Hg.): Balthasar Neumann. Kunstgeschichtliche nislaus (1736–1803) hatte studiert und Beiträge zum Jubiläumsjahr 1987. München 1987, Tafel I. war promovierter Jurist, wurde dann Würzburg, Mainfränkisches Museum, Eigentum des Geistlicher und starb 1803 als letzter Bezirks Unterfranken. Dechant von Stift Neumünster – eine der ranghöchsten geistlichen Funktionen im Hochstift, die einem Bürgerlichen bzw. jemandem, der nicht zu den Familien des Stiftsadels gehörte, offenstanden. Bei der von Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn 1720 begonnenen Würzburger Residenz6 hatte Neumann zusammen mit Johann Dientzenhofer die Bauleitung inne, war aber in der Regierungszeit des Nachfolgers Christoph Franz von Hutten (1724– 1729) von Aufgaben im Bauwesen entbunden worden, obzwar Hutten die Beförderung zum Major vornahm. Die Residenz im Hintergrund des Porträts steht deshalb nicht nur symbolisch für Zivilarchitektur, sondern zeigt auch, wie sehr Neumann den Bau als »seinen« ansah – zu einem Zeitpunkt, zu dem nicht klar war, ob er dafür jemals wieder die Verantwortung übernehmen würde. Auch das Kanonenrohr erinnert nicht nur allgemein an die Artillerie, sondern auch daran, dass Balthasar Neumann das Glocken- und Kanonengießerhandwerk (Stückgießerei) gelernt hatte. Außerdem hatte er einen Lehrbrief in der Büchsenmacherei und Feuerwerkerei. Zu all diesen Bereichen des Ingenieurwesens, der Militär- und Zivilarchitektur, deren mathematischen Grundlagen und der dazu gehörenden Handwerke wird man bei Neumann Bücher und Grafik erwarten können, die je

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nach Erwerbsdatum entweder zur Ausbildung (unter Anleitung oder im Selbststudium) gedient haben oder aber zur Festigung und Vertiefung des Wissens in Gebieten, an denen er ein Interesse hatte. Lassen sich solche Bücher in der einen oder anderen Form nachweisen?

1.

Das Auktionsverzeichnis von 1804

Tatsächlich scheinen Buchbesitz und Leseverhalten Neumanns in einer Reihe verschiedener Quellen über sein Leben verteilt auf, von denen drei im Folgenden genauer dargestellt werden. Dazu kommt als wichtigste Quelle der heute nur noch in einem Exemplar bekannte Katalog einer Würzburger Auktion im Jahre 1804, auf der dem Titel nach Bücher, Kupfer­stiche und Handzeichnungen aus der Verlassenschaft des Franz Ignaz ­Michael von Neumann versteigert wurden (Abb. 2).7 Es ist immer zu Recht angenommen worden, dass ein Teil der Bücher und Kupferstiche in diesem Verzeichnis auf den Besitz des Vaters zurückging, was sich für Teile der ebenfalls darin enthaltenen Handzeichnungen auch nachweisen ließ.8 Auf diese Weise bekäme man eine Vorstellung von Balthasar Neumanns Abb. 2 Titelblatt des Auktionsverzeichnisses: Verzeichnis theoretischen Kenntnissen wie auch der Bücher, Kupferstiche und Handzeichnungen aus der Verseines Wissenshorizontes überhaupt. lassenschaft des [...] Franz Ignaz Michael von Neumann. 1804. Der Auktionskatalog verzeichnet Würzburg, Universitätsbibliothek, Signatur: 35/A 23.71; 886 einzelne Nummern in neun thealt: Rp XIV,69. matischen Kapiteln, die umfänglichen Grafikbestände sind oft ohne Mengenangaben. Da das Auktionsverzeichnis sechs Titel enthält, die erst nach Franz Ignaz Michaels Tod 1785 erschienen sind, wird die Bibliothek weiterhin in Familienbesitz gewesen sein, letztes Erscheinungsdatum eines Buches ist 1792 (Nr. 42). Erst nach dem Tode seiner Witwe Maria Anna Anastasia Neumann im Jahre 1798 wurde ein Verkauf notwendig. Einem Brief des Schwiegersohnes Lawer vom 31. Janu-

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ar 1804 ist zu entnehmen, dass seine Frau Maria Josepha Margarethe, geborene Neumann (geb. 1769), die einzige Erbin nach dem Tode der Mutter sei, dass die Bücher, Risse und Kupferstiche auf Befehl des Hofgerichtes an die Gläubiger ausgeliefert wurden und man begonnen habe, die Bibliothek zu ordnen und zu taxieren.9 Titel und Vorwort des Auktionskataloges lauten: Verzeichnis/ der/ Bücher, Kupferstiche/ und/ Handzeichnungen/ aus der Verlassenschaft/ des/ fürstl. Würzburg. Herrn Artillerie-Obersten/ und berühmten Architekten/ Franz Michael Ignaz von Neumann/ welche/ zu Würzburg im Gasthofe zum Eichhorn den 18ten/ Junius und folgende Tage 1804, jedes Mahl Nachmit-/ tags von 2–6 Uhre öffentlich versteigert werden. Würzburg/ gedruckt bey den Gebrüdern Stahel Vorbericht Dieser Katalog enthält, nebst einer kleinen Büchersammlung aus allen wissenschaftlichen Fächern in lateinischer, französischer, italienischer, englischer, holländischer und teutscher Sprache, einen seltenen Schatz von Kupferstichen und Handzeichnungen oder Rissen aus dem ganzen Umfange der bürgerlichen und KriegsBaukunst, so wie der zeichnenden und bildenden Künste überhaupt, und sie verdienen wegen ihres theoretischen und praktischen Nutzens die Aufmerksamkeit der Architekten und Ingenieurs und der Vorsteher von Militär- und KunstAkademien. Jeder wissenschaftlich gebildete Offizier und Baukünstler, jeder Kenner des Residenzschlosses und Krahnes zu Würzburg und anderer geschmack- und prachtvoller Gebäude, in welchen der große Balthasar Neumann und sein würdiger Sohn, Franz Michael Ignaz von Neumann, ihre Namen verewiget haben, wird gewiß mit Vergnügen zur schleunigsten und möglichst besten Verbreitung dieses Verzeichnisses mitwirken. Die ganze Sammlung ist zwar in gewisse Klassen alphabetisch geordnet, um Liebhabern das Durchlesen des ganzen Kataloges zu erleichtern, aber oft befinden sich doch mehrere verschiedenartige Werke in Einem Bande beysammen, und es wird vielleicht keinen Freund der schönen Künste gereuen, wenigstens die drey letzten Abschnitte ganz zu lesen. - Auch wird man unter den Druckschriften manche Seltenheit finden, (z. B. Nr. 709): aber darauf, so wie manches andere sehr kostbare Werk besonders aufmerksam zu machen, hielten wir für unnötig, weil jeder Bücherfreund und Bibliothekar den ganzen Katalog durchlesen wird, und solcher Hinweisungen nicht bedarf. Desto sorgfältiger haben wir die etwaige Schadhaftigkeit eines Buches und die Anzahl der Blätter von Kupferstichen und oder Handzeichnungen angegeben. Am 18ten Junius Nachmittags um 1 Uhr wird die öffentliche Versteigerung unter gerichtlicher Auctorität angefangen, und an den folgenden Tagen ununterbrochen nach der Ordnung des Katalogen fortgesetzet. Ohne bare Zahlung wird nichts verabfolget, und dieselbe geschieht in dem 24 Guldenfuß, der Carolin zu 11 fl., der Dukaten zu 5 fl., der Laubthaler zu 2 ¼ Gulden, der Gulden zu 60 Kreuzern gerechnet.

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Auswärtige Liebhaber und andere, welche der Versteigerung nicht persönlich beywohnen wollen, belieben einem hiesigen Bekannten ihre Aufräge zu geben, und zur redlichen Besorgung derselben erbiethen sich auch die Herren Professor Köl, Licentiat und HofgerichtsAdvocat Voruberger [sic; wohl Vornberger10] PfandamtsActuarius Büttner, Buchhändler Stahel. Nur bitten dieselben um frankirte Briefe und um bestimmte Anweisung, wo sie das Geld erheben können, und auf welchem Wege sie die erstandenen Sachen zusenden sollen. Auch verstehet es sich von selbst, daß der Herr Committent die Kosten des Einpackens und des Transportes übernimmt. Würzburg am 6ten April 1804.

Die Einteilung des Inhaltsverzeichnisses (Abb. 3) geht auf die Auktionatoren Abb. 3 Inhaltsangabe des Auktionsverzeichnisses 1804. zurück; sie gliedert in neun SachgrupWürzburg, Universitätsbibliothek, pen und gibt damit auch gleich einen Signatur: 35/A 23.71; alt: Rp XIV,69. Eindruck des Umfanges innerhalb jeder Gruppe; die Binnengliederung innerhalb der Kapitel folgt der damals üblichen Ordnung nach Format (2°, 4°, 8° und 12° abschreitend): I.

II. III. IV.

Sprachlehren, Wörterbücher, Gedichte, Schauspiele, Romanen, Fabeln, Reden, Briefe etc. Theologische, katechetische, BetrachtungsGesang- und Gebethbücher Juristische und staatswissenschaftliche Bücher Medizinische, anatomische, chirurgische, naturhistorische, physikalische, chymische, metallurgische und ökonomische Bücher

S. 1 [Nr. 1–90, = 90 Werke]

S. 5 [Nr. 91–119, = 28 Werke] S. 6 [Nr. 120–169, = 49 Werke] S. 9 [Nr. 170–249, = 79 Werke]

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V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

Philosophische, historische und geographische Bücher, nebst Himmels- und Land­ karten Mathematische Bücher, vorzüglich über Arithmetik und Algebra, Geometrie, Mechanik, Astronomie und Sonnen­ uhrskunst Bücher und Kupferstiche über Optik und Perspective, und zur theoretischen und prakti schen Zeichnen- Mahler- Bildhauer- und Kupferstecherkunst Bücher, Handzeichnungen und Kupferstiche für die theoretische und praktische Kenntnis der bürgerlichen Baukunst ­überhaupt, Und der WasserBaukunst insbesondere Bücher, Handzeichnungen und Kupferstiche für die theoretische und praktische Kriegswissenschaft, Kriegsgeschichte, Kriegsbau- oder Befestigungskunst, Ingenieur- und Artillerie-Wissenschaft

S. 13 [Nr. 250–358, = 108 Werke]

S. 19 [Nr. 359–436, = 77 Werke]

S. 23 [Nr. 437–556, = 119 Werke]

S. 30 [Nr. 557–809, = 252 Werke]

S. 49 [Nr. 810–886, = 76 Werke]

Schon auf den ersten Blick zeigt sich diese Bibliothek als Fachbibliothek für Kunst und Architektur im weitesten Sinne; das umfangreichste VIII. Kapitel zur »bürgerlichen Baukunst« enthält 252 Werke, das kürzeste II. Kapitel zur Theologie nur 28. Die drei letzten Kapitel zu Kunst, Zivil- und Militärarchitektur enthalten zusammen 447 Werke, also ziemlich genau die Hälfte des gesamten Verzeichnisses. Um zu den Werken zu kommen, die Balthasar Neumann gehört haben könnten, müssen natürlich alle Bücher mit einem Erscheinungsdatum nach 1753 ausgeschlossen werden. Was dann als mögliche »Bibliothek Balthasar Neumanns« erscheint, ist 2013 für Katalog und Ausstellung der Dresdner Rekonstruktion von Matthäus Daniel Pöppelmanns Bibliothek zusammengestellt worden (Abb. 4). Ohne die zu Konvoluten zusammengefassten Architekturzeichnungen blieben 429 Titel – also knapp die Hälfte –, von denen 73,4 % zur Fachbibliothek im engeren Sinne gehören: Kunst, Architektur, Mathematik und Militärwesen.11 Dieser Anteil erhöht sich noch, wenn man die 10,7 % juristische und politische Literatur herausrechnet, denn es gibt gute Gründe anzunehmen, dass es sich hier überwiegend nicht um Bücher handelt, die Balthasar Neumann erworben hatte. Die verbliebenen etwa 400 Titel sind daher ganz überwiegend Fachbibliothek und bestätigen ein Phänomen, das auch aus der Korrespondenz Neumanns bekannt ist: Der Mann ist als Person außerhalb seiner beruflichen

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Abb. 4 Meike Beyer: Zusammenstellung der Themengebiete innerhalb der durch das Auktionsverzeichnis 1804 nachgewiesenen Bibliothek der Familie Neumann, unter Berücksichtigung der Publikationen vor 1753, 2014.

Tätigkeit außerordentlich schwer zu fassen. Die heute bekannte Korrespondenz ist ausschließlich eine dienstliche,12 und so erscheint auch die Zusammensetzung der Bibliothek. Persönliche Interessen über den Bereich des Beruflichen hinaus werden nicht sichtbar, und »schöne Literatur« gibt es überhaupt erst nach 1753.13 Stattdessen sind die Werke zur Architektur in den drei klassischen Gattungen der Architekturtraktate, der Aufnahmen bestehender Gebäude und der Vorlageblätter reich vertreten.14 Die naturkundliche und technische Literatur nimmt ebenfalls breiten Raum ein, stellvertretend genannt sei Jakob Leupolds Theatrum machinarum zum Werkzeug- und Maschinenbau, dessen acht Teile mit den zwei postum erschienenen Titeln vollständig in Erstausgaben 1724–1739 vorhanden war (Nr. 668–672). Der hohen Anzahl fremdsprachiger Werke entsprechen immer wieder angeschaffte Wörterbücher und Grammatiken. Eine zentrale Stellung nimmt Kapitel VI zu den mathematischen Büchern ein, denn Mathematik war die Grundlage für fast alle anderen Bereiche: Architektur in Entwurf und Ausführung, Proportionsregeln, Vermessungswesen und Planzeichnen, Ingenieurwesen und Fortifikationslehre sowie Ballistik. Stärker als es von den meisten an der künstlerischen Erscheinung der Werke Neumanns interessierten Betrachtern wahrgenommen wird, scheint dessen Zugriff auf seine verschiedenen Tätigkeitsbereiche in der Mathematik begründet gewesen zu sein. Der Charakter der Bibliothek wird sehr durch die reichen Bestände an Bildmaterial bestimmt. In Ergänzung zu einer Fülle von zu Alben gebundenen grafischen Einzelblättern sind die meisten Titel des Auktionsverzeichnisses mit Holzschnitten oder Kupferstichen illustriert gewesen, mitunter in sehr hoher Anzahl. Das schon genannte Theatrum machinarum von Leupold hatte 448 Abbildungen, von den noch zu nennenden Werken hatte Bode-

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nehrs Ansichtswerk Europens Macht und Pracht 300 Tafeln, Campbells Vitruvius Britannicus 200 Tafeln und Thomassins Buch zur Skulptur in Versailles deren 218 – die Neumanns besaßen ein veritables Bildarchiv mit sicherlich mehr als 20.000 Illustrationen im Kupferstich. Abgesehen von den technisch-didaktischen Illustrationen in der entsprechenden Literatur konnte man sich einen Überblick über die gesamteuropäische Architektur und Skulptur verschaffen: Es gab Tafelwerke zur Antike, zur italienischen, französischen, holländischen, englischen und deutschen Architektur und Skulptur bis hin zu Fischer von Erlachs Entwurf einer historischen Architektur in der Erstauflage von 1721 (Nr. 623). Allein für den Augsburger Verleger Jeremias Wolff werden 14 Titel genannt, darunter Matthias Diesels Münchner Gartenwerk Erlustierende Augenweide (Nr. 617; 142 Tafeln), die Serie der Berlin-Veduten um 1715/20 (Nr. 664; 17 Tafeln), und Salomon Kleiners Ansichten der Schönborn-Schlösser in Pommersfelden und Gaibach (Nr. 698; 27 Tafeln); dazu kommen Nachdrucke ausländischer Werke wie Andrea Pozzos Buch der Mahler- und Bildhauer-Perspektive (Nr. 690, 691) und Vorlagenblätter von Jean Bérain (Nr. 476, 477). Die Erforschung von Balthasar Neumanns Umgang mit diesem Bücher- und Grafikschatz steckt in den Anfängen. Zwar taucht das Auktionsverzeichnis in der älteren Literatur auf und ist fallweise benutzt worden,15 aber es hat bisher weder einen Nachdruck, geschweige denn eine Edition erfahren. Entsprechend fehlen Untersuchungen des Verzeichnisses in Abgleichung mit Neumanns Leben und Werk.16 Einige Gründe lassen sich ausmachen: zunächst das Vorliegen des Verzeichnisses in nur einer Bibliothek. Dann der hohe Anteil an technischer, mathematischer und militärischer Literatur, die in der heutigen architekturgeschichtlichen Forschung eine geringe Rolle spielt. Die schiere Fülle des Materials mit der darin zum Ausdruck kommenden Weite des Horizontes erschwert es sehr, dieser oder jener Publikation eindeutige Vorbildfunktion zuzuordnen. Hier steht der Neumann-Forschung ein großes Feld offen, wobei bedacht werden will, dass sich Neumanns Art zu entwerfen eher nicht mit dem »Abkupfern« von Vorlagen in Verbindung bringen lässt (im Gegensatz etwa zu seinem rheinisch-fränkischen Kollegen Maximilian von Welsch), sondern darin bestand, aus der jeweiligen Situation eine individuelle Lösung zu entwickeln.17 Curt Habichts etwas oberflächlicher Versuch 1916, Neumanns Architektur aus den Kupferstichwerken von Leonhard Christoph Sturm und Paul Decker abzuleiten, ist entsprechend schon von den Zeitgenossen kritisiert worden.18 Deutlicher wird ein anderer Aspekt der Nutzung: Der Anteil der Instruktionsliteratur ist sehr hoch, was sich oft schon im Titel ausdrückt: »Abrégé de«, »Dictionnaire portatif de«, »Einleitung zur«, »Lehrbuch der«. Sowohl Balthasar als auch Franz Ignaz Michael Neumann haben der eigenen Fortbildung und der Erziehung ihrer Kinder offenbar einen hohen Stellenwert beigemessen und entsprechende Literatur erworben. Dazu kam Bal­ thasar Neumanns Tätigkeit an der Universität, denn bei deren Neuordnung durch Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn wurde 1731 eine Professur für Zivil- und Militärarchitektur eingerichtet und mit Neumann besetzt:

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Wir haben auch einen eigenen darzu tauglichen Mann besonders aufgenommen, welcher die Architecturam civilem & militarem nach ihrem völligen Begriff einem jeden, der solche zu lernen gesinnet ist, öffentlich und ohne Entgeld zu lehren von Uns gnädigst angewiesen worden.19

Im darauffolgenden Abschnitt zur Mathematik wird diese als anwendungsorientiertes Grundlagenfach verstanden, deren Unterricht durch seine Professoren zu mehrerer Ausbreitung des davon hoffenden Nutzens in teutscher Sprach solle gegeben werden, indeme solchergestalten ein jeder, so darzu eine Lust hat, und sonderlich, welche auf die Bau-Kunst, Feldmesserey, Mahlerey, Bildhauerey, und verschiedene andere geschickte und achtbare, bey denen jetzigen Zeiten nöthige, auch dem gemeinen Wesen ersprießliche Gewerb, Handwerker und Künsten sich befleissen, ingleichen auf Kriegs- und Bevestigungssachen sich legen wollen, davon ihren Vortheil ohngehindert ziehen können.20

Die dafür »etwa noch abgängige Instrumenten und andere Erfordernussen« seien »nach und nach anzuschaffen«,21 wozu sicher auch die Ausstattung mit Lehrbüchern gehörte. Neumanns bis 1751 fortgesetzter Unterricht wird Auswirkungen sowohl auf die eigene Bibliothek als auch auf die Ankäufe der Universitätsbibliothek gehabt haben. Diese Überlegung führt zwanglos zu der Frage, ob und in welchem Umfang andere Personen Zutritt zu Neumanns Bibliothek hatten. Seine Studenten an der Universität? Die Untergebenen bei der Artillerie und im Bauamt? Die an den von ihm geführten Bauten beteiligten Zierkünstler? Dann würde das Auktionsverzeichnis nicht nur den Neumann’schen Horizont anschaulich machen, sondern auch andeuten, mit welchem Wissenshintergrund man generell bei den betroffenen Personen rechnen muss. Die Frage der Zugänglichkeit von Neumanns Bibliothek rückt auch ins Bewusstsein, dass umgekehrt für Neumann die eigene Bibliothek nicht der einzige Zugriff auf Bücherwissen gewesen ist. Hier wäre besonders an die Bibliotheken der Familie Schönborn22 und die Universitätsbibliothek23 in Würzburg zu denken; eine Art Handbibliothek besaß wohl auch die Würzburger Artillerie. Daneben hatten die fränkischen Klöster, für deren Bauwesen Neumann gelegentlich tätig war, Bücher zur Architektur, die als Säkularisationsgut heute teilweise in der Würzburger Universitätsbibliothek noch vorhanden sind. Zumindest bis in die Zeit um 1700 hatten die Äbte grundlegende Werke gekauft, nicht zuletzt in Hinblick auf ihre eigenen Bauprojekte.24 Die Beurteilung des im Auktionsverzeichnis dokumentierten Bestandes an vor 1753 erschienenen Titeln als »Bibliothek Balthasar Neumanns« wird dadurch erschwert, dass über Zu- und Abgänge in den 51 Jahren zwischen Neumanns Tod und dem Jahr der Auktion völlige Unklarheit herrscht. Der 21-jährige Franz Ignaz Michael Neumann wird beim Tode des Vaters kaum eine eigene Bibliothek von Bedeutung besessen haben, folgte aber dem Berufsbild des Vaters mit entsprechend ähnlichen Interessen. Schon seine

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Studienreise 1757 bis 1760 bot Gelegenheit zum Erwerb beispielsweise landeskundlicher Werke:25 270. La France, selon Cassini, par J. B. Nolin. Paris. 1756. 290. [Abrégé] nouvel, de l’Histoire de France. 2 Tome. Paris. 1756.

Wegen der Erscheinungsdaten handelt es sich eindeutig um Erwerbungen des Sohnes. Wie aber beurteilt man folgenden Fall: 787. 597.

Charles-Etienne Briseux, L’Art de batir des maisons de campagne. 2 Tomes. Avec projets et dessins. Paris. 1743. Charles-Etienne Briseux, Traité du Beau essentiel dans les Arts appliqué particuliérement à l’Architecture. 2 Tomes. Avec beaucoup de planches. Paris. 1752.

Ist Traité du Beau noch ein Ankauf des alten Balthasar Neumanns oder wurde das Werk doch eher vom reisenden Franz Ignaz Michael erworben? Und was bedeutet das für die Maisons de campagne – war das eine Erwerbung Balthasar Neumanns, deren Vorhandensein das Interesse an weiteren Werken Briseux’ beim jungen Neumann geweckt hat? Oder hat erst Franz Ignaz Michael beide Werke gekauft? Das Auktionsverzeichnis enthält auch das grundlegende Werk zum Landhausbau von Jacques-François Blondel, De la distribution des maisons de plaisance et de la décoration des edifices en général, Paris 1737 (Nr. 786), und unter dem Aspekt der Bauaufgabe war es eher Balthasar als Franz Ignaz Michael Neumann, der sich mit Landhausbau zu beschäftigen hatte (man denke an die Schlösser in Werneck und Schönbornlust). Betrachtet man die Erscheinungsdaten generell, dann hat Franz Ignaz Michael die vorhandene Bibliothek sehr regelmäßig ergänzt, Werke zur Architektur im engeren Sinne haben dabei jedoch eine geringere Rolle gespielt als zuvor – was ein Argument dafür sein könnte, dass der ältere Bestand tatsächlich vom Vater stammte. Der Stilwandel zum Frühklassizismus seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bildet sich sparsam ab, zum Beispiel mit dem Recueil elementaire d’Architecture von Jean-François de Neufforge (1757–1768; Nr. 681); von Marc-Antoine Laugier sowohl der Essai sur l’architecture in der Ausgabe Paris 1755 (Nr. 806) als auch die Observations sur l’Architecture, Den Haag 1765 (Nr. 807), mit der Bemerkung »Etwas beschrieben«: Der junge Neumann hat offenbar Anmerkungen gemacht. Ebenfalls vorhanden war die Theorie der Gartenkunst von Christian Cay Lorenz Hirschfeld, Leipzig 1775 (Nr. 210). Zur Vertiefung der hier skizzierten Probleme seien drei Aspekte herausgegriffen. Im III. Kapitel des Auktionsverzeichnisses: »Juristische und staatswissenschaftliche Bücher« sind einige Werke aufgeführt, die man sich durchaus im Besitz Balthasar Neumanns vorstellen kann.26 Die meisten Titel sind jedoch eindeutig juristische Fachliteratur und noch dazu überwiegend aus dem 17. Jahrhundert, sodass es sich teilweise vermutlich um veral-

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tete Werke handelt. Hier scheint ein von Balthasar Neumann unabhängiger Bestand den Weg in Bibliothek und Auktion gefunden zu haben, dessen Herkunft in der hofrätlichen Verwandtschaft vermutet werden muss. Dafür kommt sowohl die Familie von Balthasar Neumanns Schwiegervater Franz Ignaz Schild in Frage als auch die Familie von Franz Ignaz Michael Neumanns Schwiegervater Elias Adam Försch. Die juristische Ausbildung des jüngsten Neumann-Sohnes Valentin Franz Stanislaus sollte dabei nicht aus den Augen verloren werden. Dass so viel alte Literatur vorhanden ist, könnte vielleicht damit erklärt werden, dass die noch amtierende hofrätliche Verwandtschaft der jüngeren Generation die brauchbaren Werke entnommen hat: Die vier Töchter Balthasar Neumanns haben in die Hofratsfamilien Hartmann, von Försch, Keller und von Berthold geheiratet.27 Was könnte an sonstigen Werken (zum Beispiel allgemeiner Geschichte) noch zu diesem Fremdbestand gehört haben? Die juristische Literatur ist deshalb für den Benutzer des Auktionsverzeichnisses ein Warnzeichen dafür, dass dort Titel aufgeführt sind, die mit Balthasar Neumann nichts zu tun haben, und dass es Abgänge aus der Bibliothek gegeben haben wird, die durchaus auch Bücher Balthasar Neumanns betreffen könnten. Ein anderes Problem stellen zweitens die vielen Sammelbände innerhalb des Verzeichnisses dar, bei denen unklar ist, wer sie zu welchem Zeitpunkt hat aufbinden lassen. Es versteht sich, dass solche Bindungen erst nach dem zuletzt erschienenen Einzeltitel stattgefunden haben können. Manche Sammelbände sind sicher schon als solche erworben worden, in anderen Fällen ist nicht entscheidbar, ob die Bindung auf Franz Ignaz Michael Neumann zurückgeht und schon vorhandene Bücher einschloss, oder aber ob Franz Ignaz Michael den Sammelband bereits als solchen kaufte und dann auch zu Lebzeiten Balthasar Neumanns erschienene Titel nicht zu dessen Bibliothek gehört haben können. Der Sammelband mit Werken von Leonhard Christoph Sturm mag das Problem veranschaulichen: 743–46. Leonhard Christoph Sturms vollständige MühlenBaukunst. Augsburg. 1718. 744 [= 743b]. Desselben Anweisung, alle Arten von Kirchen wohl anzugeben. Mit 22 Kpfrn. Ebendas. 745 [= 743c]. Desselben Architectura civili-militaris, oder vollständige Anweisung, Stadtthore, Brücken, Zeughäuser, Casematten ec. anzugeben. Ebendas. 1719. 746 [= 743d]. Freundlicher Wettstreit der französischen, holländischen und teutschen KriegsBaukunst nach von Vauban und von Coehorn. In 18 Rissen. Ebendas. 1740.

Nach diesen Angaben wäre unbefangenerweise zu vermuten, dass Balthasar Neumann die vier Werke von Sturm zu verschiedenen Zeiten kaufte und nach 1740 zu einem Sturm-Sammelband binden ließ. Tatsächlich gibt es diesen Band in der Universitäts­ bibliothek Würzburg,28 und es zeigt sich, dass der dritte der vier Titel (Nr. 745) mit »ex libris Ignat. Franc. Mich. v. Neumann / 1754« bezeichnet ist, das »v.« scheint später nach-

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getragen (Abb. 5). Obwohl alle vier Titel zu Lebzeiten Balthasar Neumanns erschienen und die Anwesenheit von Werken Sturms nun wirklich nicht verwundert, legt der Exlibris-Vermerk mit dem Datum 1754 nahe, dass zumindest dieser Titel ein Buch war, das der junge Neumann im Jahr nach dem Tode seines Vaters zur eigenen Ausbildung erwarb. Oder war der Band doch schon vorhanden, und der Name wurde nur hineingeschrieben, weil das Buch verliehen werden sollte? Waren die drei Bände ohne Exlibris-Vermerk alle schon vorhanden? Oder muss hier auch mit späteren Erwerbungen gerechnet werden? Zum Sammelband wurden die vier Titel aber erst unter Franz Ignaz Michael Neumann nach 1754. Der Sturm-Sammelband erinnert daran, dass die Bücher selbst oft weitergehende Abb. 5 Eigentumsvermerk Franz Ignaz Michael von Informationen enthalten und die ›unbeNeumanns auf dem Titelblatt von Christoph Leonhard Sturm: Architectura civili-militaris, oder vollständige fangene‹ Benutzung zu falschen AnnahAnweisung, Stadtthore, Brücken, Zeughäuser, Casematten men führen kann. [...] anzugeben. Augsburg 1719 Ein dritter Punkt berührt die Tat(Auktionsverzeichnis 1804, Nr. 745). sache, dass im Auktionsverzeichnis Würzburg, Universitätsbibliothek, Signatur: 35/A 12.34; von 1804 Titel fehlen, die man im Bealt: Archit. f. 11. sitz Balthasar Neumanns eigentlich erwartet. Dazu gehören beispielsweise die von ihm selbst herausgegebene und teilweise verfasste Festschrift zur Einweihung der Würzburger Hofkirche29 und das 1744 für den Gottesdienst in den Hochstiften Würzburg und Bamberg erlassene Gebetbuch.30 Unter dem Gesichtspunkt der Fachbibliothek enthält die Abteilung zur Mathematik erstaunlicherweise kein Werk des in Würzburg tätig gewesenen Kaspar Schott.31 Mitunter sind von mehrbändigen Werken nur Teile vorhanden,32 und besonders kurios ist das Fehlen der Publikationen zum Werk Guarino Guarinis, dessen Kirchenbauten wichtige Vorstufen zu Neumanns Komposition mit Raumkörpern waren.33 Auch für die Zeit Franz Ignaz Michael Neumanns gibt es derartige Fehlstellen.34 Die Liste ließe sich also fortsetzen – und dient ebenfalls als ein Warnzeichen, diesmal dafür, nicht die Titel des Auktionsverzeichnisses für alles zu halten, was zum Wissenshorizont Neumanns gehört hat.

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2.

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Balthasar Neumann und die Bücher: drei Beispiele

Die Zuschreibung von Titeln des Auktionsverzeichnisses 1804 zu einer »Bibliothek Balthasar Neumanns« wird dann besonders überzeugen, wenn sie sich mit anderen Quellen verbinden lässt. Das sollen drei Fallstudien veranschaulichen, die Balthasar Neumann als Leser, als Käufer von Büchern und als Benutzer von Bibliotheken zeigen. Diese Quellen sind meist eher summarisch, im ersten Fall werden die Bücher nur als »requisita« ohne Titel erwähnt, im zweiten werden zwei Autoren angeführt, ohne dass auf einzelne Titel eingegangen würde, und nur im dritten sind genau bestimmbare Bücher genannt. Man gewinnt generell den Eindruck, dass Fachliteratur mit Selbstverständlichkeit erworben und benutzt wurde.

2.1

Gesuche an den Stadtrat von Eger

In den Akten seiner Heimatstadt Eger tauchte Balthasar Neumann gelegentlich auf, und in den Jahren 1711 und 1712 häuften sich Darlehensgesuche, die Neumann mit der Finanzierung seiner weiteren Ausbildung begründete. Der Stadtrat kam den Bitten seines ›Landeskindes‹ nach, und Neumann erhielt in mehreren Tranchen 175 Gulden. Am 17. Juni 1711 ist den Ratsprotokollen von Eger zu entnehmen, dass Neumann »seiner stuckhgüsserey nachreyssen« wolle und um ein Darlehen bitte, da der zu erwartende Wochenlohn nicht ausreiche.35 Im Jahr darauf zeigt ein Brief an den Stadtrat vom 30. März 1712, dass die Bildungsziele des Stückgießergesellen inzwischen deutlich ambitionierter geworden sind: Jetzt geht es um das Erlernen von Geometrie, Feldmesserei und der »zur fortification undt architectur gehörige wissenschaften«, er müsse nicht nur für seine »kost« selbst aufkommen, sondern habe »auch andere requisita, alß bücher, reisszeig, undt instrumenta«. Abgesehen von den hier genannten Büchern ist dieser Brief Neumanns so aufschlussreich für sein Selbstvertrauen, seine Zielstrebigkeit in Bildungsfragen und seine Fähigkeit, im richtigen Moment die richtigen Kontakte zu knüpfen, dass eine längere Passage daraus zitiert sei: […] die weilen mich aber beduncket, es stündte meiner güsserey, feyerwerckherey undt brunnenmeisterey wohl und beferderlich an, wann ich darzu noch noch die geometria oder feltmesserey erlehrnete. Habe dan, Gott sey lob, einen so freygüthigen, vornehmen Herrn, alss hochfürstlichen ingenieur und hauptmann einer compagnie grenadirer gefunten zu einem lehrbrintzen, auch ferners von selben animiret worten, nicht nur dießes, sondern auch zur fortification undt architectur gehörige wissenschaften zu erlehrnen; ja ich solche gelegenheit, junge jahr undt frischen muth meiner tag nicht mehr bekommen werde; alß habe mich mit reifen überlegens, allweilen ich mich wohl getraue, gentzlichen entschlossen, demselben nachzukommen, wie ich nun würcklichen darinnen begriffen, nicht vor meiner eigene ehr, sondern zur grösserer ehre Gottes und meinem liben vatterland. Allweilen aber dießes zu erlehrnen

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nebst meiner alltäglichen arbeit unmeglich sein kann, alß mus ich mich dan folgsamb in eine eigene kost, die ich von meinigen bezahlen muß, begeben, auch andere requisita, alß bücher, reisszeig, undt instrumenta mir daß meinige gelt hinweg nehmet, also daß ich ohne vorhilff nicht bestehen undt fortsetzen kan, undt wie es einem hoch edlen magistrat wohl bewust ist, daß ich von meinem armen vatter und eltern, noch freundten, keine hilff haben kan.36

Der Stadtrat hat dieser Bitte teilweise entsprochen und 50 statt der erbetenen 100 fl. bewilligt. Von seinen Erfolgen berichtete Neumann neun Wochen später am 8. Juni 1712 und verband dies mit der Bitte um ein weiteres Darlehen, auf daß ich mein intent der wissenschafften erlangen megte, in welchen ich dießer zeit fleissig fortgefahren, undt in der geometria nun solches fundament habe, daß ich mir bißhero die nothwendigste instrumenta zu denen accessiblen undt inaccessiblen örder zu messen verschaffet und gemacht, undt nun weiter in der fortification auffs fleissigste begriffen.37

Abb. 6 Eigentumsvermerk Balthasar Neumanns auf dem Titelblatt von Charles-Augustin Daviler: Explication des termes d’architecture. Paris 1691 (Auktionsverzeichnis 1804, Nr. 789). Würzburg, Universitätsbibliothek, Signatur: 35/A 21.2; alt Archit. q. 4.

Auch diese Supplik fand der Stadtrat überzeugend genug, um weitere 75 Gulden zu genehmigen. Dass Neumanns Studien zu Architektur, Proportion und Vermessung auch zu Ergebnissen führten, belegen das 1712 von ihm gefertigte Universalmessinstrument sowie das 1713 von ihm konstruierte Instrumentum Architecturae, ein Recheninstrument, das die Funktionsweise der Proportionszirkel auf die Säulenordnungen anwendete,38 schließlich der von ihm aufgemessene und gezeichnete große Würzburger Stadtplan von 1715.39 Im Lichte der Gesuche an den Stadtrat und nachgewiesener Tätigkeit wird man sich fragen können, welche »andere requisita, alß bücher« Neumann erworben haben könnte. Schon die Tatsache, dass er von Erwerbungen sprach, ist aufschlussreich: Entweder gab es wenig entsprechende Instruktionsliteratur in Würzburg, oder – wahrscheinlicher – Neumann war früh der Meinung, dass

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eine eigene Handbibliothek vorzuziehen sei. Stellt man aus dem Auktionsverzeichnis von 1804 die etwa zehn bis fünfzehn Jahre vor 1712 erschienenen Titel zusammen, so finden sich eine sehr große Anzahl von Lehrbüchern zu genau diesen Themen der Mathematik, der Feldmesserey, der Proportionsberechnung, der Architektur und Fortifikation – alle diese Titel werden deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit zur »Erstausstattung« Neumanns gehört haben. In Sachgruppen aufgeteilt und innerhalb dieser chronologisch geordnet, ergibt sich folgendes Bild: Unter den allgemeinen Werken zu Kunst und Architektur findet sich von Augustin-Charles d’Avilers L’art de batir interessanterweise nur der zweite Band, der das Architekturlexikon erhält, dieses aber Abb. 7 Eigentumsvermerk Balthasar Neumanns auf gleich zwei Mal. Die Ausgabe der Explidem Titel von Johann Wilhelm: Architectura civilis, cation des termes d’Architecture, Paris 1691 oder Beschreibung und Vorreissung vieler vornehmer (Nr. 789), gehört darüber hinaus zu den Dachwerck [...]. Frankfurt am Main 1705 wenigen Titeln des Auktionsverzeichnis(Auktionsverzeichnis 1804, Nr. 775). Würzburg, Universitätsbibliothek, Signatur: 35/A 21.2; ses, die heute noch nachweisbar sind: Der alt: Archit. q. 6. Band mit dem handschriftlichen Vermerk »Ex libris B. v. Neümann« auf dem Titel befindet sich in der Universitätsbibliothek Würzburg (Abb. 6), und man kann sich gut vorstellen, wie sich ein angehender Architekt mit diesem Lexikon die Fachsprache aneignete.40 Ebenfalls in die Universitätsbibliothek Würzburg geraten und noch vorhanden ist die Architectura Civilis von Johann Wilhelm (gest. 1676) in der Ausgabe Nürnberg 1705 (Nr. 775). Sie trägt auf dem Innentitel in schwarzer Tinte handschriftlich »Ex libris B. v. Neümann«, in beiden Fällen eine kaum von Balthasar Neumann selbst geschriebene, aber die Provenienz bezeichnende Angabe (Abb. 7).41 Der Band enthält Wilhelms zuerst 1649 in Frankfurt am Main erschienene Architectura civilis, oder Beschreibung und Vorreissung vieler vornehmer Dachwerck, hoher Helmen, Kreuzdächer, Wiederkehrungen, welscher Hauben, auch Kelter, Fallbrücken: Item allerley Pressen, Schnecken oder Windelstiegen und anderen dergleichen mechanischen Fabrichen: Alles mit höchstem Fleiß zusammen getragen und der lieben Jugend, sonderlich aber allen Kunst-Liebhabern der Architectur zu Nutz und Dienst an den Tag gegeben. Von Johann Wilhelm, weitberühmt- und kunstverständigen Meister in des heiligen

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Römischen Reichs-Stadt Franckfurt am Mayn, der durch Verlegerinitiative kurz nach 1700 ein zweiter Teil als Fortsetzung hinzugefügt wurde. Dieussarts dreibändiges Theatrum architecturæ civilis erschien 1697 in Bamberg gewissermaßen in der Nachbarschaft, und die 1698 gedruckte deutsche Übersetzung der ersten zwei Bücher von Palladios Quattro Libri, die Neumann wohl schon in einer älteren Ausgabe kannte, findet sich ebenfalls. Das Werk zur antiken und modernen Skulptur aus dem römischen Verlagshaus Rossi bezeugt das im Auktionsverzeichnis immer wieder sichtbare Interesse an der Skulptur. 789. Charles-Auguste Daviler, Explication des termes d’Architecture. Paris 1691 790. Le même, sous le titre Dictionnaire d’Architecture par rapport à l’Art de batir. Paris 1693 856. Karl Philipp Dieussart, Theatrum architecturae civilis in 3 Büchern; durch Leonhard Dientzenhoffer. Bamberg 1697 685. [Andrea Palladio], Zwey Bücher von der Baukunst. Aus dem italienischen übersetzt mit Zusätzen und Figuren von Georg Andreas Böcklern. Nürnberg 1698 518. Raccolta di statue antiche e moderne data in luce da Domenico de Rossi, illustrata di Paolo Alessandro Maffei. Roma 1704 (161 Blätter) 775. Johann Wilhelm, Architectura civilis, d. i. Beschreibung und Vorresissung vornehmer Dach- und anderer Werke. 2 Theile. Frankfurt 1705 650 [= 649b]. Markus Nonnenmachers architektonischer Tischler oder Pragerisches Säulenbuch. Mit 32 Kupfern. Nürnberg 1710

Über die hier genannten Werke hinaus waren die grundlegenden Architekturtraktate des 16. Jahrhunderts von Serlio, Palladio, Vignola und Scamozzi alle in älteren Ausgaben vorhanden. Von Sebastiano Serlio gab es das Terzo libro über die römischen Antiken in der Erstausgabe Venedig 1540 (Nr. 737) und das Quinto libro zur Tempelarchitektur sowohl in der italienischen Ausgabe Venedig 1551 (Nr. 735) als auch in der deutschen Übersetzung Basel 1609 (Nr. 736). Palladios Quattro libri dell’architettura erscheinen neben Böcklers deutscher Teilübersetzung in zwei vollständigen Ausgaben: einer venezianischen 1642 (Nr. 684) und der französischen Ausgabe von Pierre Le Muet, Amsterdam 1646 (zuerst Paris 1645; Nr. 782). Giacomo Barozzi da Vignolas Regola degli cinque ordini d’architettura gab es gleich vier Mal: wahrscheinlich die Erstausgabe (ohne Ort und ohne Jahr, wohl Rom 1562; Nr. 578), eine französische Ausgabe Paris ohne Jahr (Nr. 580) und zwei Exemplare der von Johann Rudolf Fäsch besorgten deutschen Ausgabe, Nürnberg um 1720 (Nr. 780, 781). Vincenzo Scamozzis Idea della architettura universale war ebenfalls mehrfach vorhanden: in der Erstausgabe Venedig 1615 (Nr. 709; im Vorbericht des Auktionsverzeichnisses als »Seltenheit« bezeichnet) und in einer deutschen Fassung Sulzbach 1678 (Nr. 710). Zu Zivilarchitektur und Landeskunde gibt es ebenfalls eine Gruppe von Werken mit entsprechend frühen Erscheinungsdaten. Hier ist die geografische Weite auffällig: Ein reich

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illustriertes Überblickswerk wie Bodenehrs Ansichtenbuch steht neben einzelnen Architekturaufnahmen, Landesbeschreibungen und Reiseführern zu Rom, Paris, Kassel und den Niederlanden. Auch in dieser Gruppe findet sich eines der sehr wenigen noch identifizierbaren erhaltenen Werke: Der Sammelband Nr. 764–768 (= 764a–e) ist 1895 von der Universitätsbibliothek Heidelberg erworben worden und enthält auch die hier aufgeführte Nummer 768 mit verschiedenen Romansichten aus dem Verlagshaus Rossi, die zwischen 1655 und 1699 erschienen waren.42 589.

Gabriel Bodenehr, Europens Pracht und Macht in 300 Kupfern und Prospecten, mit Erklärungen. 2 Theile [wohl um 1690] 768 [= 764e]. Ceremonie nell’Elezione di Papa; Pianta della citta di Roma anticha e moderna; Piante e Prospetti di Edifici e Giardini piu celebri in Roma, Libri IV. Delin. a Pietro Ferrerio, sculpt. a Giovanni Battista Falda ed Alessandro Specchi. Nella stamperia di Giovanni Giacomo de Rossi 641. Johann Franciscus Guernieri, Delineatio montis a Metropoli Hasso-Cassa­ lana uno circiter milliari distantis, qui olim Winter-Casten, nunc autem Carolinus audit. Cassellis 1706 (cum 16 tabb. aeri incisis) 592. Charles Boulle, Nouveaux Dessins de meubles et ouvrages de bronze et de marqueterie (8 Blätter) [1707] 303. Les Delices de Païs-Bas. 3 Tomes. Avec figures. Brusselles 1711 581. Fürstlicher Baumeister. 2 Theile, nebst Anhang zum 1sten Theile. Nach Paul Decker gestochen von verschiedenen Meistern. Augsburg 1711–16 (132 Blätter) 660. Land- und Lusthäuser, durch Nette, verlegt von Jeremias Wolff in Augsburg (16 Blätter) [1711] 690. Andrea Pozzo, Mahler- und Baumeister-Perspektive. 2 Theile. Von Georg Conrad Bodenehr. Augsburg 1711 296. Germain Brice, Decription de la ville de Paris. Tomes premier et 3ieme. Paris 1713

Die Militärarchitektur ist mit den grundlegenden Traktaten von Sébastian de Vauban und Menno van Coehoorn vertreten: 857. de Vauban, Traité de Géometrie et Fortification. Avec planches. Paris 1695 856. Surirey de St Remy, Memoires d’Artillerie. 2 Tomes. Avec beaucoup de planches. Paris 1697 861. Minno de Coehorn, Nouvelle Fortification traduit du Flamand. Avec planches. à la Haye 1706 877. Jakob Neun, Artillerie-Büchlein. Frankfurt 1710

Zum Ingenieurwesen findet sich Georg Böcklers Kompilation zur Wasserbaukunst (zuerst Nürnberg 1664) in einer späteren Auflage sowie die Lehre vom Feldmessen von Johann

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Bartholomäus Frank, die man sicherlich zu den früh von Neumann erworbenen Lehrbüchern zählen kann: 588.

Georg Andreas Böckler, Nova Architectura curiosa, d. i. Bau- und Wasserbaukunst. 4 Theile. Nürnberg 1704 378. Johann Bartholomäus Franc, Praxis geometrica universalis oder allgemeine Lehre vom Feldmessen. Mit Kupfern. Augsburg 1705

Unter den Büchern zur Mathematik fallen neben Leonhard Christoph Sturms dreibändiger Abhandlung zur gesamten Mathematik besonders die beiden Werke von Michael Scheffelt auf, die direkt zur Anfertigung des Instrumentum architecturae von 1713 zu führen scheinen: 382 [= 381b].

381.

868 426. 372.

[Michael Scheffelt], Instrumentum proportionum, d. i. Unterricht, wie durch den ProportionsZirkul allerhand mathematische und mechanische Fragen aufzulösen seyen. Mit 212 Kupfern. Ulm 1697 Michael Scheffelt, Pes mechanicus artificialis, oder Maßstab, auf welchem alle Proportiones der ganzen Matheseos ohne Rechnen allein durch Hilfe eines Handzirkuls gefunden werden. Mit Kupfern. Ulm 1699 Johann Sebastian Gruber, Mathematische Friedens- und Kriegsschule. Mit Figuren. Nürnberg 1705 Leonhard Christoph Sturm, Kurzer Begriff der gesamten Mathesis. 3 Theile, nebst Anhang. Frankfurt 1707 Nikolaus Bion. Neu eröffnete mathematische Werkschule. Aus dem Französischen. Mit Kupfern. Frankfurt 1712

Unter den Werken mit Erscheinungsdaten dieser Jahre stellen Fach- und Lehrbücher die Mehrzahl dar; der Anteil ausländischer, besonders französischer Titel ist hoch, und entsprechend findet man im Auktionsverzeichnis auch aus dieser Zeit ein französisches und ein italienisches Wörterbuch: 6. 12.

François Pomai, Le grand Dictionnaire royal. Francfort 1709 Biagio Anguselli, La Reggia di Mercurio. Vocabulario italiano e spagnuolo. Venedig 1710

Ebenso weit gestreut sind die Druckorte, wobei Frankfurt, Nürnberg und Augsburg naturgemäß unter den deutschen Orten die häufigsten sind. Paris, Rom, Venedig, Amsterdam und Den Haag sind oft vertreten, Bücher aus Würzburg selbst sind verschwindend selten. Hier scheint auch die Leistungsfähigkeit des Buchhandels in einer Universitätsstadt auf. Natürlich kann bei keinem der Bücher das Erwerbungsdatum bestimmt werden, aber in der unmittelbaren Verknüpfung der Mehrzahl der hier zitierten Werke mit den Gebieten,

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mit denen sich Neumann nach eigener Aussage – und mit sichtbaren Ergebnissen – beschäftigt hat, deutet sich an, dass viele dieser Bücher eine gute Chance haben, zum Nukleus der Bibliothek Neumanns gehört zu haben. Vier der sechs zurzeit materiell nachweisbaren Titel des Auktionsverzeichnisses stammen aus diesem frühen Zeitfenster (vgl. die Zusammenstellung im Anhang). Weitere Titel mit Erscheinungsdaten dieser Zeit betreffen juristische Fachliteratur (darunter ein Sammelband mit gleich vier Schriften von Christian Thomasius, Nr. 151–154), die – wie oben dargelegt – kaum mit Balthasar Neumann zu tun hatten, sowie einige Werke zur allgemeinen Geschichte, die überwiegend aus der gleichen Quelle wie die juristische Literatur stammen mögen, aber auch einige Werke, wie sie ein ambitionierter junger Mann zur Erweiterung seiner Allgemeinbildung nutzen konnte:43 305. 224.

Einleitung zur allgemeinen weltlichen Historie, 1707 Menantes beste Manier in honneter Conversation, Hamburg 1708

Seine Schulden von 175 Gulden bei der Stadt Eger zahlte Neumann zehn Jahre später zurück – allerdings erst nach Erinnerung durch die Stadtväter. In seinem Begleitschreiben vom 19. Juli 1722 berichtete er auch von seiner erfolgreichen Tätigkeit in Würzburg und dem Bau des eigenen Hauses.44 2.2

Die Paris-Reise Anfang 1723

Im Januar 1723 trat Balthasar Neumann eine knapp viermonatige Reise nach Paris an, die schon länger als Studienreise geplant war, nun aber eher zu einer Dienstreise mit Arbeitsprogramm wurde: Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn wünschte Kutschen, Tapisserien und überhaupt kunsthandwerkliche Arbeiten zu erwerben. Sein leitender Architekt am Residenzbau sollte den französischen »gôut« aus erster Hand kennenlernen, Kupferstiche und Bücher kaufen und versuchen, für Würzburg geeignete Handwerker einzustellen. Neumann hatte außerdem die Residenzpläne dabei und sollte die Meinung der französischen Hofarchitekten dazu einholen.45 Diese Reise, die durch die erhaltenen Arbeitsberichte an den Fürstbischof sehr gut dokumentiert ist,46 war für Balthasar Neumann und seine weitere Entwicklung von außerordentlicher Bedeutung. Neumann muss die in Paris verbrachten Monate als eine weitere Stärkung seines ohnehin nicht unterentwickelten Selbstbewusstseins empfunden haben: Er war eigenverantwortlich und mit dem recht großen Etat von 25.000 livres47 (den er natürlich überzog) unterwegs; auf der Reise und in Paris erhöhten sich Denkmälerkenntnis und Urteilsfähigkeit. Seine wichtigste Kontaktperson in Paris war, durch Kurfürst-Erzbischof Lothar Franz von Schönborn vermittelt, der Fürstbischof von Straßburg, Kardinal Armand de Rohan, der ihm mit großer Liebenswürdigkeit begegnete. Neumann lernte mit Robert de Cotte und Germain Boffrand die Architekten kennen, die als die führenden in Frankreich galten, allenthalben wurde er als

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»Fachmann« wahr- und ernst genommen, und der erfahrene Boffrand hat ihn in seinem Livre d’architecture später als »habile Architecte« bezeichnet.48 In seinem Brief aus Paris am 1. März 1723 berichtete Neumann ausführlich zu Fragen moderner Raumgestaltung: Wandvertäfelungen mit vergoldetem Schnitzwerk, Anbringung von Spiegeln überall, wo man sie »nur ohne dissordre anbringen kan«, aufeinander abgestimmte Decken- und Wandleuchter, Form und Aufstellung der »vornehmste better« in den Schlafzimmern. Am Ende des Briefes kündigte Neumann an, dass er daran sei »zu zeignen [sc. zeichnen], was ich nicht in denen kupfern haben kann«.49 Neumann hatte sich also schon einen Überblick zum Pariser Grafikhandel verschafft und konnte eine Woche später berichten: »Von kupffern habe schon eine ziemliche zahl eingekaufet von allerlei wie auch den Perain in form wie der Marot.«50 Abgesehen von dem »allerlei« fallen hier Namen: Perain und Marot. Hinter Perain verbirgt sich Jean Bérain d. Ä. (1640–1711), der zu den bedeutendsten Entwerfern von Ornament-Vorlageblättern gehörte. Was genau Neumann ankaufte, bleibt unklar, aber Bérain war in Franken kein Unbekannter, denn Lothar Franz von Schönborn, der Onkel des Würzburger Bauherrn, hatte für die Dekoration des Goldkabinetts in seinem Schloss Gaibach bereits zwischen 1708 und 1713 ausgewählte Stiche Bérains verwendet.51 Die Nennung des Namens im Brief könnte also bedeuten, dass Neumann den ausdrücklichen Auftrag hatte, sich nach Bérain-Werken umzusehen. Hinter dem Nachnamen Marot ist entweder Jean Marot (1619/1620–1679) zu vermuten, der hauptsächlich Ansichtsgrafiken nach französischer Architektur schuf und damit die Bauten aus den ersten Jahrzehnten der Zeit Ludwig XIV. dokumentierte, oder dessen Sohn Daniel Marot (1661–1752), der in Frankreich und nach 1685 in Holland und England tätige Ornamententwerfer und Architekt. Kupferstiche von beiden würden im Würzburger Kontext nicht überraschen, und Werke Daniel Marots besaß Johann Philipp Franz von Schönborn bereits, sodass hier vielleicht das Gleiche gilt wie bei Bérain.52 Seine Einkäufe schickte Neumann am 26. März 1723 auf den Weg nach Würzburg. Einem separat gesandten »Packzettel« zufolge hatte er 31.632 livres ausgegeben, davon waren »650 vor verschidene kupferstich«.53 Das klingt zunächst wenig, aber der größte Teil des Geldes (23.681 livres) war für Kutschen und Zubehör ausgegeben worden. Neben sieben Bronzefiguren (1.456 livres), einem Spiegel mit vergoldetem Rahmen (1.000 livres) und einem Paar vergoldeter Kaminfüße (750 livres) sind die Kupferstiche der höchste Einzelposten der Specification, die erworbenen Mengen müssen groß gewesen sein.54 Was mit ihnen in Würzburg passiert ist, harrt noch der Untersuchung. Zur Unterbringung sind aus der etwas späteren Zeit des Fürstbischofs Friedrich Karl von Schönborn zwei Orte denkbar: Zwei Pläne aus dem Jahr 1731 bezeichnen einen großen Raum des fürstbischöflichen Appartements hinter dem Schlafzimmer mit Blick auf den Residenzplatz als »Haus Bibliotheca« für die Privatbibliothek,55 und Georg Eckert hatte schon 1917 auf ein Verzeichnis der Raumnutzungen bei den Bauakten verwiesen, demzufolge im oberen Mezzanin drei Räume bestimmt waren »für Sr. Hochfürstl. Gn. Bücher, riss und kupfer mit den obrist-

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lieutenant Neumann«.56 Die Handbibliothek mit Büchern, Plänen und Stichen war also neben der »Amtsstube« Neumanns vorgesehen. Zieht man noch einmal das Auktionsverzeichnis von 1804 zurate, dann sind dort Werke sowohl von Jean Bérain als auch von Jean Marot aufgelistet; bei Bérain handelt es sich um wenigstens 129 Blätter. Mindestens zwei der hier angeführten Titel (Nr. 476 und 477) sind keine französische Ausgaben, sondern Augsburger Nachdrucke, die Neumann kaum in Paris gekauft haben dürfte. Zusätzlich zu den laut Brief vom 8. März 1723 auf Kosten des Hochstifts erworbenen Blättern hatte Neumann offenbar das Bedürfnis, Ähnliches und mehr in der eigenen Bibliothek verfügbar zu haben: 476 [= 470g]. Livre de dessins de cheminées, par Berain à Augsbourg chez Jeremias Wolff (24 Blätter) 477 [= 470h]. Grotesques et Arabesques, par le même chez le même (36 Blätter) 595 [= 592d]. Ornemens, par J. Berain (64 Blätter) 596 [= 592e]. Divers Livres de serrurerie par G. Vallé (22 Blätter), par Nicolas Guerard (18 Blätter), par Nicolas Bonnard (5 Blätter), et par Jean Berain (5 Blätter) 607 [= 606b]. Zierrathen für Tischler, Goldarbeiter, Bildhauer, Schlosser, Tapezierer u.d.gl. von Haffner, Berain, Stein und Heckenauer

Bei den Werken Marots im Auktionsverzeichnis handelt es sich um Ansichtsgrafiken des Vaters Jean Marot. Der Titel von Nr. 793 entspricht der Sammlung des sogenannten »Petit Marot«, die mehrfach nachgedruckt wurde und deren Blätter auch einzeln erhältlich waren. Die erste Auflage erschien zwischen 1655 und 1659, normalerweise gehörten 100 bis 120 Stiche dazu. 640.

793. 794.

Grundrisse und Prospecte von Versailles und von den vornehmsten Gebäuden, Kirchen, und Grabmählern in Paris, nach le Pautre, le Brun, Mansart, Toro etc., gestochen von Simonneau, Hardouin, Heriffet, Marot etc. Jean Marot, Recueil des plans, profils et elevations de plusieurs Palais, Chateaux, Eglises, Sepultures, Grotes, et Hotels, batis dans Paris et aux environs. à Paris. – – Le même augmenté.

Darüber hinaus nennt das Verzeichnis eine sehr große Anzahl von weiterer Grafik in Einzel­ blättern als auch gebunden sowie von Büchern zur französischen Kunst, Architektur und zum Ingenieurswesen mit Erscheinungsdaten um 1720. Offenbar wurden auch Bücher in großen Mengen erworben, und wie man an Titeln zu französischen Themen mit späteren Erscheinungsdaten sehen kann, hat Neumann das Interesse an französischer Kunst und Architektur nie mehr verloren und auf Franz Ignaz Michael übertragen. Auch hier sind es die biografische Situation der Parisreise 1723 und das Wissen um getätigte Ankäufe, die die entsprechenden Titel des Auktionsverzeichnisses als Eigentum Balthasar Neumanns wahrscheinlich machen.

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Dass das Auktionsverzeichnis manche Dinge nicht enthält, die eigentlich erwartet werden könnten, wurde oben schon bemerkt. Einen interessanten Fall hat Verena Friedrich aufgedeckt: Aus den Paris-Briefen lässt sich eine Art »Bewegungsprofil« Neumanns rekonstruieren, das die Benutzung des Paris-Reiseführers von Johann Christoph Nemeitz (unter dem Pseudonym Timentes erschienen) nahelegt, der jedoch im Auktionsverzeichnis gar nicht vorhanden ist.57 Vorhanden sind hingegen zwei Bände der sechsten Auflage eines anderen Reiseführers: 296.

Germain Brice, Description de la ville de Paris. Tomes premier et 3ieme. Paris. 1713.

Abschließend sei auf einen dokumentierten Bibliotheksbesuch Neumanns im Jahr 1721 hingewiesen: Im Besucherbuch der Bibliothek der Brüder Uffenbach hat sich am 23. April 1721 »Balthasar Neumann Ingenieur undt Stückauptm. von Würzburg« eingetragen. 58 Die Bibliothek von Zacharias Conrad und dem bereits verstorbenen Johann Friedrich von Uffenbach war in Frankfurt am Main in acht Räumen aufgestellt, sie enthielt durch die ausgedehnten Reisen der Brüder Ansichtsgrafik in großen Mengen sowie Werke zur Architektur und Mathematik, die allerdings nicht Hauptsammelgebiete waren. Wie Baron Döry feststellte, werden ein paar in einer großen Bibliothek verbrachte Stunden nicht dem vertieften Studium gewidmet gewesen sein, aber sie können dazu gedient haben, sich einen Überblick über die vorhandene Literatur zu verschaffen, vielleicht in Hinblick auf die geplante, aber nicht zu Stande gekommene Studienreise Neumanns. Daneben sollte man den »erzieherischen« Aspekt bedenken: Hier konnte Neumann eine geordnete Privatbibliothek kennenlernen, die möglicherweise den Wunsch nach einer eigenen verstärkt hat und ihm vielleicht auch Ideen zur Unterbringung der Würzburger Universitätsbibliothek eingab, für die er 1722 einen neuen Raum schuf.59 Teile der Uffenbach-Bibliothek wurden 1731 für 512 Gulden von der Universitätsbibliothek Würzburg erworben; der Bibliothekar Nikolaus Seiz hielt sich fünf Tage in Frankfurt auf, um die Erwerbungen auszuwählen.60

2.3

Der Ausleihvermerk der Universitätsbibliothek 1744

Ausgangspunkt der dritten Fallstudie ist ein Ausleihvermerk der Universitätsbibliothek Würzburg vom 4. August 1744. Diesmal geht es um genau zu identifizierende Titel: Vetruvius Britannicus 2. fol. et Statues de Versaille. 4°. – – Herr Obrist Neumann bereits anno 1726. empfangen.61

Bei den zwei Foliobänden Vetruvius Britannicus handelt es sich nicht, wie gelegentlich angenommen, um eine englische Vitruv-Ausgabe,62 sondern um Colen Campbells monumentale Publikation zur englischen Architektur, Vitruvius Britannicus, or the British Architect,

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containing the Plans, Elevations and Sections of the regular Buildings both publick and private in Great-Britain, With Variety of New Designs; in 200 large Folio-Plates, engraven by the best hands; and Drawn either from the Buildings themselves, or the Original Designs of the Architects.63 Die zwei ersten Bände erschienen 1715 und 1717, ein dritter sollte 1725 folgen. Die Statues de Versaille sind mit größter Wahrscheinlichkeit aufzulösen als Recueil des statues, groupes, fontaines, termes, vases et autres magnifique ornements du chateau & parc de Versailles. Le tout gravé d’après les originaux par Simon Thomassin, graveur du Roy.64 Thomassins umfangreiches Werk war Ludwig XIV. gewidmet und erschien zuerst in Paris 1694. Es wurde danach mehrfach neu aufgelegt (Paris 1695, Amsterdam 1708, Den Haag 1723), ohne dass man sagen könnte, welches Exemplar in der Universitätsbibliothek vorhanden war. Dass Neumann gerade diese beiden Titel ausgeliehen hat, gibt Anlass zu zahlreichen Beobachtungen und Fragen. Zunächst bekommt man einen Einblick in die offenbar gut sortierten Kunst- und Architekturbestände der Universitätsbibliothek, die Neumann und andere Würzburger Architekten und Zierkünstler mit entsprechenden Werken versorgen konnte. Waren das Bücher, die Neumann von der Paris-Reise mitgebracht hatte und die vom Fürstbischof an die Universitätsbibliothek überwiesen wurden? Wäre dieser Fürstbischof noch Johann Philipp Franz von Schönborn gewesen oder eher sein Nachfolger 1724, Christoph Franz von Hutten, der Neumann aus dem Bauwesen heraushielt? Oder waren das Erwerbungen der Universitätsbibliothek, die Neumann selbst angeregt hatte? Der Titel zur skulpturalen Ausstattung von Schloss und Garten in Versailles überrascht weniger, denn vor, während und nach der Paris-Reise 1723 hatte sich Neumann sehr umfänglich mit französischer Kunst und Architektur beschäftigt. Der Blick auf Französisches war zudem – wie oben am Beispiel Bérains dargelegt – auch zuvor schon üblich gewesen. Der Vitruvius Britannicus hingegen überrascht sehr, da englische Architektur auf dem Kontinent vor der Mitte des 18. Jahrhunderts generell kaum wahrgenommen wurde. Das galt offenbar nicht für Neumann, der 1723 auf der Rückreise von Paris gerne einen Abstecher nach England eingeschoben hätte, den sein Dienstherr aber nicht genehmigte.65 War Neumann vielleicht bei seinen Besuchen der Pariser Buch- und Kupferstichhändler auf dieses Werk zur englischen Architektur gestoßen? Und hat das den Wunsch, nach England zu reisen, ausgelöst oder zumindest befördert? In Paris hatte Neumann auch den fränkischen Gobelinwirker Andreas Klimpert kennengelernt, der nach Holland und England zu gehen beabsichtigte, man hatte also über England gesprochen.66 Auf jeden Fall zeigte er mit diesen beiden Titeln den weit gespannten Horizont seiner künstlerischen Interessen, denn für die praktische Entwurfsarbeit im Jahr der Ausleihe 1726 und danach scheint keiner der beiden Titel Bedeutung gehabt zu haben. Die Versuche von Lorenz Spitzenpfeil 1928 und Jörg Gamer 1978, den Grundriss der Würzburger Residenz mittel- oder unmittelbar mit den im zweiten Band des Vitruvius Britannicus abgebildeten unausgeführten Entwürfen von Inigo Jones und John Webb für einen neuen Palast in Whitehall 1639 zu verbinden,67 kann nach heutiger Kenntnis der Genese der ersten Planungen jedenfalls so nicht gelten.68

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Die Ausleihe der beiden Titel 1726 wird auf merkwürdige Weise durchkreuzt von der Tatsache, dass beide Werke auch im Auktionsverzeichnis von 1804 auftauchen: 770.

795.

Vitruvius Britannicus, or the British Architect, containing the Plans, Elevations and Sections of the regular Buildings both publick and private in Great-Britain, in 200 large Folio-Plates. 2 Volumes. by Colen Campbell. London. 1717. Simon Thomassin, Recueil des Figures, Groupes, Thermes, Fontaines, Vases et autres Ornemens de Versailles, avec les explications en quatre langues. IV Tomes. Avec 218 planches. à la Haye. 1723.

Die Titel der Universitätsbibliothek sind Kriegsverluste, aber Spitzenpfeil hat die zwei Bände des Vitruvius Britannicus in den 1920er Jahren noch benutzt und darauf hingewiesen, dass der zweite Band mit »Balthasar Neumann Obristlieut.« bezeichnet war und »auf vielen Blättern« Benutzerspuren (Zirkeleinstiche, leichte Bleistiftlinien) aufwies.69 Sollte es in Würzburg tatsächlich zwei Exemplare des Vitruvius Britannicus gegeben haben? Sollten die Exemplare der Universitätsbibliothek bei Neumann geblieben sein? Hätte Neumann ein ihm nicht gehörendes Buch mit seinem Namen bezeichnet? Welche Gründe könnte Neumann gehabt haben, Titel auszuleihen, die er in seiner Bibliothek selbst vorliegen hatte? Ab wann besaß er sie? Spitzenpfeil schloss aus der Tatsache, dass nur der zweite Band von Neumann bezeichnet war und Arbeitsspuren zeigte, dass versehentlich der erste Band der Universitätsbibliothek (ohne Besitzvermerk) und der zweite Band (mit Besitzvermerk) aus Neumanns Privatbesitz an die Universitätsbibliothek zurückgegeben worden seien und das Auktionsverzeichnis von 1804 daher den ersten Band aus Neumanns Besitz (mit hypothetischem Besitzvermerk) und den zweiten der Universitätsbibliothek aufliste. Diese Fragen werden sich heute kaum beantworten lassen – es sei denn, die 1804 versteigerten Exemplare tauchten wieder auf. Beide Titel, Thomassin und Campbell, erinnern jedoch noch einmal an den außerordentlichen Umfang des Neumann’schen »Bildarchivs«. Sowohl die Statues de Versailles als auch der Vitruvius Britannicus waren mit 218 bzw. 200 Kupferstichtafeln vollständig – diese beiden Titel allein boten also 418 Abbildungen. Trotz der hier vorgetragenen methodischen Überlegungen bleibt unbestritten, dass das Auktionsverzeichnis von 1804 im Kern den Bücherbesitz Balthasar Neumanns dokumentiert – nur darf man weder unbesehen jedes Werk mit Erscheinungsdatum vor 1753 für Balthasar Neumanns Besitz halten noch glauben, dass er nicht mehr gekannt habe. Und es wird zur Einschätzung von Neumanns Umgang mit diesem Bücher- und Grafikbestand dienlich sein, ihn sinnfällig mit Leben und Werk des vielseitigen Architekten und Offiziers zu verbinden. Mit dem Verlust einer eindeutigen Zuordnung gewinnt man die bisher noch nicht recht zur Kenntnis genommene, durchaus erstaunliche Tatsache, dass hier über

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knapp hundert Jahre eine bürgerliche Bibliothek über zwei Generationen zusammengetragen und -gehalten wurde, vielleicht sogar über drei Generationen, wenn man die »alte« juristische Literatur berücksichtigt: Mit Mathematik und Sprachen als Kern, aus fast allen Wissensgebieten etwas, aber in Fragen der Zivil- und Militärarchitektur einen geradezu wissenschaftsgeschichtlichen Überblick ermöglichend, der von Serlios Terzo Libro 1540 über Faldas Rom und das Versailles Ludwigs XIV. im 17. Jahrhundert zu Laugiers Essai sur l’architecture 1755 bis zu Hirschfelds Theorie der Gartenkunst 1775 führt. Und dazu kam ein großes, anregendes Bildarchiv. Für die Bücher scheint es bis zur Auktion 1804 weder Geldnoch Platzmangel im Hause Neumann gegeben zu haben.

Anhang: Nachweisbare Werke aus dem Auktionsverzeichnis von 1804 Bisher konnten nur sehr wenige Bücher und Kupferstichwerke aus dem Auktionsverzeichnis von 1804 materiell nachgewiesen werden; es steht zu hoffen, dass sich diese Zahl in Zukunft erhöht. Vier der sechs Titel befinden bzw. befanden sich in der Universitätsbibliothek Würzburg – das scheint eine magere Ausbeute am Ort der Auktion 1804. Tatsächlich war die Universitätsbibliothek damals mit dem Einsortieren des Säkularisationsgutes der aufgelösten Klöster befasst, sodass für Neuerwerbungen darüber hinaus wenig Interesse bestand.70 Die folgenden sechs Werke aus dem Auktionsverzeichnis haben sich bisher durch Exlibris-Einträge identifizieren lassen: 1. 362–64. Samuel Marolois, Geometria theoretica ac practica, studio Alb. Girardi. Amstelodami. 1633. – b) Eiusdem artis muniendi sive fortificationis Partes III. ibid. eod. – c) Desselben Perspectiva. 4 Theile. Mit Kupfern.71 2. 743–46. Leonhard Christoph Sturms vollständige MühlenBaukunst. Augsburg. 1718. – b) Desselben Anweisung, alle Arten von Kirchen wohl anzugeben. Mit 22 Kpfrn. Ebendas. – c) Desselben Architectura civili-militaris, oder vollständige Anweisung, Stadtthore, Brücken, Zeughäuser, Casematten ec. anzugeben. Ebendas. 1719. – d) Freundlicher Wettstreit der französischen, holländischen und teutschen KriegsBaukunst nach von Vauban und von Coehorn. In 18 Rissen. Ebendas. 1740.72 3. 764–68. Vestigi delle antichita di Roma, Tivoli, Pozzuolo et altri Luochi. Praga da Aegidio Sadeler. 1606. Si stampano in Roma da Gio. Giac. de Rossi 1660. – b) Dergleichen von Jer. Wolff, Stockmann, Corduba und andern. – c) Antiquarum statuarum urbis Romae Liber I. Phil. Thomassinus sculpsit Romae. – d) Sieges- und Opferstücke von Matth. Piccloni. – e) Ceremonie nell’Elezione di Papa; Pianta della citta di Roma antiche e moderna; Piante e Prospetti di Edifici e Giardini piu celebri in Roma, Libri IV. Delin. a Pietro Ferrerio, sculpt. a Gio. Batt. Falda ed Alessandro Spechi. Nella Stamperia di Giov. Giac. de Rossi.73 4. 770. Vitruvius Britannicus, or the British Architect, containing the Plans, Elevations and Sections of the regular Buildings both publick and private in Great-Britain, in 200 large Folio-Plates. 2 Volumes. by Colen Campbell. London. 1717.74

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5. 775. Johann Wilhelms Architectura civilis, d. i. Beschreibung und Vorreissung vornehmer Dach- und anderer Werke. 2 Thle. Frankfurt. 1705.75 6. 789. Charles-Auguste Daviler, Explication des termes d’Architecture. Paris. 1691. *C’est le 2d Tome de son ouvrage sous le titre: l’Art de batir.76

Anmerkungen 1

2

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Aus Balthasar Neumanns Baubüro. Pläne der Sammlung Eckert zu Bauten des grossen Barockarchitekten. Ausstellungskatalog Mainfränkisches Museum Würzburg. Würzburg 1987 (im Folgenden mit »Kat. Neumann« bezeichnet), S. 96. Stammbäume bei Freeden, Max von: Balthasar Neumann als Stadtbaumeister. Berlin 1937 [und Nachdruck Würzburg 1978], S. 127; ders.: Balthasar Neumanns Lehrjahre. Das Bruchstück einer Lebensbeschreibung aus Familienbesitz im Vergleich mit Quellen und Überlieferung, in: Archiv des Historischen Vereins von Mainfranken 71 (1937/38), S. 1–18, hier S. 1; und Weiler, Clemens: Franz Ignaz Michael von Neumann (1733–1785), in: Mainzer Zeitschrift XXXII (1937), S. 1–45, hier S. 44f. Kat. Neumann (1987), S. 123, sowie die Pläne bei Mälzer, Gottfried: Balthasar Neumann und sein Kreis. Stiche, Pläne und Zeichnungen in der Universitätsbibliothek Würzburg. Würzburg 1987, S. 10. Den 1945 zerstörten Hof Oberfrankfurt (Kat. Neumann [1987], S. 17) bewohnte Neumann bis an sein Lebensende. Bühling, Wolfgang: Balthasar Neumann als Soldat, in: Frankenland 55 (2003), S. 255–285. Weiler (1937); Treeck, Peter van: Franz Ignaz Michael von Neumann. Würzburg 1973. Sedlmaier, Richard/Pfister, Rudolf: Die fürstbischöfliche Residenz zu Würzburg. München 1923; Hubala, Erich/Mayer, Otto: Die Residenz zu Würzburg. Würzburg 1984; Kremeier, Jarl: Die Hofkirche der Würzburger Residenz. Worms 1999; Friedrich, Verena: Rokoko in der Residenz Würzburg. München 2004. Zur Familie Schönborn vgl. Maué, Hermann (Hg.): Die Grafen von Schönborn. Kirchenfürsten, Sammler, Mäzene. Ausstellungskatalog des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Nürnberg 1989 (im Folgenden mit »Kat. Schönborn« bezeichnet). Universitätsbibliothek Würzburg (im Folgenden mit »UBWü« bezeichnet), 35/A 23.71 (alt Rp XIV,69). Ein weiteres Exemplar in der Staatsbibliothek München muss als Kriegsverlust gelten (freundliche Mitteilung von Hartmut Fenn, UBWü). Vgl.: Kat. Neumann (1987), S. 103, Nr. 8. Das Auktionsverzeichnis wurde von der UBWü digitalisiert und steht online zur Verfügung [URL: http://franconica.uni-wuerzburg.de/ub/permalink/35a2371]. Kat. Neumann (1987), S. 103, Nr. 8. Ferner Muth, Hanswernfried/Sperzel, Elisabeth/Trenschel, Hans-Peter: Sammlung Eckert. Plansammlung aus dem Nachlaß Balthasar Neumanns im Mainfränkischen Museum Würzburg. Würzburg 1987; Hotz, Joachim: Das »Skizzenbuch Balthasar Neumanns«, 2 Bde. Wiesbaden 1981; Reuther, Hans: Die Zeichnungen aus dem Nachlaß Balthasar Neumanns. Der Bestand in der Kunstbibliothek Berlin. Berlin 1979. Die von Weinberger, Manuel: Verschollen geglaubtes Planmaterial von Balthasar Neumann und seinem Baubüro, und eine unbekannte Zeichnung aus dem Umfeld Johann Dientzenhofers, in: RIHA Journal 3. 14. April 2010 [URL: http://www.riha-journal.org/articles/2010/ weinberger-planmaterial-balthasar-neumann] vorgestellten Blätter der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien hat Georg Satzinger (Vortrag im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München am 6. Juni 2012) ebenfalls dem 1804 versteigerten Nachlass zuordnen können. Weiler (1937), S. 35. Kat. Neumann (1987), S. 103 vermerkt dagegen ohne Quellenangabe, der Nachlass habe sich »zuletzt im Besitz des Bruders des Architekten befunden, des letzten Dechanten des Stiftes Neumünster und Professors der Universität, Dr. Valentin Franz Neumann«. Im gleichen Sinne Freeden, Max von/Thoma, Hans: Balthasar Neumann – Leben und Werk. Gedächtnisschau zum 200. Todestage in der Residenz zu Würzburg. Würzburg 1953, S. 59. Ein Leutnant Vornberger vertrat bei der Vorbereitung der Auktion die Gläubiger: Weiler (1937), S. 35. Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Katalog zur Ausstellung im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) vom

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17. Mai bis 1. September 2013. Zweite, durchgesehene Version (August 2013) [URL: http://nbn-resolving. de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312]. Eine Zusammenstellung der Briefe Neumanns fehlt, grundlegend Freeden, Max von (Hg.): Quellen zur Geschichte des Barock in Franken unter dem Einfluß des Hauses Schönborn, I. Teil: Die Zeit des Erzbischofs Lothar Franz und des Bischofs Johann Philipp Franz von Schönborn 1693–1729, 2. Halbband [ab 1717]. Würzburg 1955 (im Folgenden mit »Q + Nummer« bezeichnet); und Lohmeyer, Karl: Die Briefe Balthasar Neumanns an Friedrich Karl von Schönborn. Saarbrücken 1921. Das hängt auch damit zusammen, dass deutsche »schöne Literatur« erst seit der Jahrhundertmitte in größeren Mengen erscheint. Für eine ältere französische Architektenbibliothek mit mehreren literarischen Werken vgl. Ballon, Hilary: Louis Le Vau. Mazarin’s College, Colbert’s Revenge. Princeton 1999, S. 149–174. Auszüge zu Werken der Architektur bei Otto, Christian: Space into Light. The Churches of Balthasar Neumann. Princeton 1979, S. 147–150 und Hotz (1981), S. 17f. ; außerdem Reuther, Hans: Die Schriften und Traktate deutscher Architekturtheo-retiker in der Bibliothek Balthasar Neumanns, in: Festschrift Hans Koepf. Wien 1986, S. 7–12. Etwa bei Sedlmaier/Pfister (1923), S. 258, und Spitzenpfeil, Lorenz: Das Vorbild zum Grundriß der Würzburger Residenz, in: Bamberger Blätter für fränkische Kunst und Geschichte 5:1 (1928), S. 1f., seitdem regelmäßig Erwähnungen. Eine Edition mit knappem Kommentar bearbeitet der Autor dieser Zeilen. Vorarbeiten dazu sind von der BSCW-Stiftung München gefördert worden, deren Vorstand, Kuratorium und Sekretär gedankt sei. Eine Einschätzung dazu bei Kremeier (1999), S. 236–237; Beispiele für Kupferstichübernahmen bei Welsch vgl. Ebd., S. 30. Habicht, Victor Curt: Die Herkunft der Kenntnisse Balthasar Neumanns auf dem Gebiete der »Civilbaukunst«, in: Monatshefte für Kunstwissenschaft IX (1916), S. 46–61, und dazu Eckert, Georg: Balthasar Neumann und die Residenzpläne. Straßburg 1917, S. 10–17. Habicht kannte das Auktionsverzeichnis nicht. Des Hochwürdigsten des Heiligen Römischen Reichs Fürsten und Herrn, Herrn Friderich Karl, Bischoffen zu Bamberg und Wirtzburg, Hertzogen zu Francken etc. Verordnung und verbesserte Einrichtung bey dero Wirtzburgischen Universität. Würzburg 1743 [Nachdruck Würzburg 1980], ohne Paginierung, Abschnitt 15. Ebd., Abschnitt 16. Ebd., eine erste Fassung der Verordnung war 1731 erschienen. Zur Universitätsreform vgl. Süß, Peter: »Zu des Landes wahrer Wohlfahrt und Unserer getreuen Unterthanen zeitlichem und ewigem Heyl«. Die Universität Würzburg im Vorfeld der Aufklärung: Friedrich Karl von Schönborns Hochschulreform, in: Mainka, Peter/Schellakowsky, Johannes/Süß, Peter (Hg.): Aspekte des 18. Jahrhunderts. Studien zur Geistes-, Bildungs- und Verwaltungsgeschichte in Franken und Brandenburg-Preußen. Würzburg 1996, S. 43–100. Eine Würdigung Neumanns bereits bei Bönicke, Christian: Grundriß einer Geschichte von der Universität zu Wirzburg, II. Würzburg 1788, S. 106; nachgedruckt in der ersten Biografie Balthasar Neumanns: Keller, Joseph: Balthasar Neumann. Artillerie- und Ingenieur-Obrist, Fürstlich Bambergischer und Würzburger Oberarchitekt und Baudirektor. Würzburg 1896, S. 201. Zu Lothar Franz von Schönborns vgl. Kat. Schönborn (1989), S. 512–519, und Pleticha, Eva: Adel und Buch. Studien zur Geisteswelt des fränkischen Adels am Beispiel seiner Bibliotheken. Neustadt/Aisch 1983, S. 172–175. Einige der bei Reiss & Auvermann, Auktion 53: Bibliothek der Grafen von Schönborn-Buchheim, Teil III, Königstein im Taunus, 19. April 1994, angebotenen Titel zur Architektur scheinen aus der Bibliothek des Friedrich Karl von Schönborn zu stammen; Werke zu Kunst und Architektur auf den S. 193–211. Handwerker, Otto: Geschichte der Universitätsbibliothek Würzburg bis zur Säkularisation. Würzburg 1904 weist S. 142 auf das Schema des Realkataloges von 1731, in dem die Philosophie »in duas Species subalternas« geteilt erscheint, mit der Mathematik als zweite Gruppe: »Altera Species, quae Mathesis est, 1° Historia Mathematicae, 2° Lexicis, 3° Mathematicis VV, qui totam Mathesin tractarunt, 4° R. R. Mathematicis, 5° Arithmeticis, 6° Geometris, 7° Astrologis, 8° Opticis, 9° Musicis, 10° Mechanicis, 11° Architectonicis, 12° Strategeticis, et 12 proinde Capitibus completa est.« Ebd., S. 129, wird für ca. 1760 ein Gesamtbestand der UBWü von 11.133 Werken rekonstruiert, von denen 310 Titel der Abteilung Mathematik (mit allen

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Jarl Kremeier ihren Untergruppen) zugeordnet sind. Das war die kleinste Abteilung, zum Vergleich seien genannt Theologie mit 2.049 bzw. Jurisprudenz mit 3.386 Titeln. Aus Kloster Ebrach z. B. Karl Philipp Dieussarts Theatrum architecturæ civilis. Bayreuth 1695 (35/A 2.23; alt: Archit. .f. 2), das im Auktionsverzeichnis 1804 in der Ausgabe Bamberg 1697 vorhanden war (Nr. 618). Aus Kloster Münsterschwarzach mehrere Werke, u. a. die deutsche Serlio-Ausgabe Basel 1609 (35/A 2.6; alt Archit. .f. 1); im Auktionsverzeichnis 1804 Nr. 736. Zu den Architektur-Beständen des Klosters Langheim (heute teilweise in der Staatsbibliothek Bamberg) siehe Ruderich, Peter: Die Wallfahrtskirche Mariae Himmelfahrt zu Vierzehnheiligen. Eine Baumonographie. Bamberg 2000, S. 478 - 484 (= Anhang 6: Architektur- und Kunsttraktate der Langheimer Bibliothek und Kanzlei) Die Titel werden nach den Angaben des Auktionsverzeichnisses zitiert, die dort meist abgekürzten Vornamen sind hier aufgelöst und vor den Nachnamen gestellt, Namen im Verzeichnis sind gesperrt gedruckt. Ergänzungen des Autors in eckigen Klammern. Friedrich, Verena: Die Parisreise Balthasar Neumanns zu Anfang des Jahres 1723, in: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 58 (2006), S. 45–82, hier S. 72, hat auf François de Callières’ De la maniere de negocier avec les Souverains. Brüssel 1716 (Nr. 161) hingewiesen. Vgl. die in Anm. 2 genannten Stammbäume. UBWü (35/A 12.34; alt: Archit. f. 11). Die Lieb zur Zierd des Haus Gottes. Würzburg 1745, abgedruckt bei Kremeier (1999), S. 240–264. Die ähnlich gelagerte Publikation zur Einweihung der Klosterkirche in Münsterschwarzach 1743 ist dagegen zwei Mal vorhanden (Nr. 282, 283), die beiden zugehörigen Kupferstiche auch einzeln (Nr. 559); vgl. Kat. Neumann (1987), S. 162. Anbettung in dem Geist und in der Wahrheit. Würzburg 1744. Vollrath, Hans-Joachim (Hg.): Wunderbar berechenbar. Die Welt des Würzburger Mathematikers Kaspar Schott (1608–1666). Ausstellungskatalog der Universitätsbibliothek Würzburg. Würzburg 2007. Augustin-Charles d’Avilers Wörterbuch zur Architektur ist zwei Mal vorhanden, es fehlt aber der erste Band des Cours d’architecture, siehe Anm. 40. Das Auktionsverzeichnis enthält weder die Disegni di Architettura civile ed ecclestiastica von 1737 noch die textlose Suite der Kupferstichtafeln von 1686, vgl. Grönert, Alexander: Guarino Guarini, in: Architekturtheorie von der Renaissance bis zur Gegenwart. 89 Beiträge zu 117 Traktaten. Köln 2003, S. 128–137. Franz Ignaz Michael Neumann lernte während seines Paris-Aufenthaltes David Julien Le Roy kennen, von dessen Werken keines im Auktionsverzeichnis auftaucht, vgl. Weiler (1937), S. 1f. Q [wie Anm. 12] 1638 (= 245a). Q 1639 (= 263a). Der im Brief genannte freigütige »Lehrprinz« war der Ingenieur-Hauptmann Andreas Müller. Q 1641 (= 265a). Kat. Neumann (1987), S. 98; Wagner, Gerhard: Universal-Vermessungsinstrument Balthasar Neumanns, und: Der »Proportionszirkel« Balthasar Neumanns, beides in: Wamser, Ludwig (Hg.): Jagdschlösser Balthasar Neumanns in den Schönbornlanden. Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege 68. München 1994, S. 208–210. Die Funktionsweise des Instrumentum Architecturae erläutert anschaulich: http:// www.history.didaktik.mathematik.uni-wuerzburg.de/rechner/neumann/welcome.html (zuletzt geprüft am: 26.06.2014). Die praktische Anwendung im Entwurfsprozess ist bisher nicht untersucht worden, auch nicht, woher erstens die Proportionen der eingravierten Hilfslinien für die fünf Säulenordnungen stammen und ob diese zweitens im Werk Neumanns eine Rolle gespielt haben. Die in diesem Zusammenhang interessante Untersuchung von Fréart de Chambray, Roland: Parallèle de l’architecture antique et de la moderne. Avec un recueil des dix principaux autheurs qui ont écrit de cinq ordres. Paris 1650, ist nicht im Auktionsverzeichnis enthalten; vgl. Kremeier, Jarl: Roland Fréart de Chambray, in: Architekturtheorie (2003), S. 240–247. Kat. Neumann (1987), S. 113. UBWü, 35/A 21.2 (alt: Archit. q. 4). Vgl. Kat. Neumann (1987), 104, Nr. 9e. Das »v.« ist nachträglich eingeschoben, und die Schrift scheint nicht von Balthasar Neumann zu stammen.

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UBWü, 35/A 12.4 (alt: Archit. f. 6). Zu diesem Exemplar vgl. Kat. Neumann (1987), 104 Nr. 9d; zum Inhalt vgl. Oechslin, Werner (Hg.): Die Vorarlberger Barockbaumeister. Einsiedeln 1973, S. 56–58. Vgl. auch Eckert (1917), S. 156f., und Otto (1979), S. 43. Satzinger, Georg: Balthasar Neumanns Kuppelentwürfe für die Abteikirche Münsterschwarzach. Zugleich ein Beitrag zum Thema »Neumann und die Tradition«, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 55 (1992), S. 413–445, hier S. 445. Vgl. Friedrich (2006). Q 1649 (= 971a). Zuletzt Friedrich (2006); aus dem Blickwinkel der Hofkirche Kremeier (1999), S. 48–64. Lohmeyer, Karl: Die Briefe Balthasar Neumanns von seiner Pariser Studienreise 1723. Düsseldorf 1911. Die Briefe sind auch in Q aufgenommen, vgl. die III. Lieferung des 2. Halbbandes 1951 ab Nr. 1017 (11.01.1723). Q 1044. Boffrand, Germain: Livre d’architecture contenant les principes genereaux de cet art. Paris 1745, S. 91; das Buch erscheint im Auktionsverzeichnis 1804 unter Nr. 591. Q 1036. Die Stelle bezieht sich auf die Betten, lässt sich aber natürlich verallgemeinern. Q 1037. Friedrich (2004), S. 231. Werke von »Daniel Marot, architecte de Guilleaume trois roy de la Grande Britagne« waren im Januar 1722 aus Antwerpen geschickt worden: Q 927. Q 1044. Am 22. März 1723 erwähnte Neumann noch einmal, er »habe auch gar viel kupfer gekauft von allen denen sachen« (Q 1041). Muth/Sperzel/Trenschel (1987), S. 70 (= Plan SE 297+) und S. 72 (= Plan SE 303+). Eckert (1917), S. 156, mit Hinweis auf die Randbemerkung des Fürstbischofs, der sich eine weitere Entscheidung vorbehält, »umb solche [sc. die Bücher] besser separiren und zu ihren studiis und exertiis richten zu Können«. Sejour de Paris oder getreue Anleitung, welchergestalt Reisende von condition sich zu verhalten haben, wenn sie ihre Zeit und Geld nützlich und wohl zu Paris anwenden wollen. Frankfurt am Main 1718. Vgl. Friedrich (2006), S. 51. Döry, Ludwig Baron: Balthasar Neumann und die Brüder von Uffenbach, in: Stifter-Jahrbuch VII (1962), S. 247–256. Boeck, Hans/Flierl, Günther: Die Rekonstruktion des Bibliothekssaales der Alten Universität, in: Würzburg heute 70 (2000), S. 72–77. Handwerker (1904), S. 81. UBWü, Alte Akten, Fasc. 230: Mälzer (1987), S. 5. Handwerker (1904), S. 78, weist darauf hin, dass diese Liste ausgeliehener Bücher nur fünf Werke umfasste, ein weiteres Buch hatten damals »die Hofmaler« entliehen, womit die Benutzung der UBWü durch andere Hofkünstler belegt ist. Laut Bibliotheksordnung 1744 (ebd. S. 76f.) war die UBWü eine Präsenzbibliothek, und nur in begründeten Fällen konnten »in Herren-Diensten« stehende Beamte eine Ausnahme erbitten (§ 7). Kat. Neumann (1987), S. 105. Nachdruck: Dover Publications (2007). Vgl. Ruhl, Carsten: Colen Campbell, in: Architekturtheorie (2003), S. 412–421, und Fischer, Marianne: Kunstbibliothek Berlin. Katalog der Architektur- und Ornamentstichsammlung. Teil 1: Baukunst England. Berlin 1977, S. 97–99 (= OS 2329). Bei Erscheinen des zweiten Bandes 1717 gab Campbell eine gemeinsame Ausgabe beider Bände heraus, mit einem nachträglich in den ersten Titel eingezwängten In II Volumes. Diese Ausgabe liegt hier offenbar vor. Katalog der Ornamentstichsammlung der Kunstbibliothek, zweite Ausgabe. Berlin 1939, S. 523, Nr. OS 4212. Neumann am 3.04.1723: »Ich werdte mich mit der reise schon möglichst beschleinigen undt nicht nachher England gehen.« (Q 1046). Die am 12.04.1723 angekündigte Route sieht Cambrai, Tournay und Brüssel vor (Q 1055).

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Jarl Kremeier Neumann am 8.03.1723 (Q 1037; S. 798). Spitzenpfeil (1928), S. 1f.; Gamer, Jörg: Matteo Alberti. Düsseldorf 1978, S. 156–163. Kummer, Stefan: Balthasar Neumann und die frühe Planungsphase der Würzburger Residenz, in: Korth, Thomas/Poeschke, Joachim (Hg.): Balthasar Neumann. Kunstgeschichtliche Beiträge zum Jubiläumsjahr 1987. München 1987, S. 79–91. Spitzenpfeil (1928), S. 1, der den Namenszug für autograf hielt und auf den angehängten »mp«-Schnörkel (für »manu propria«) hinwies. Mälzer (1987), S. 17. Der Marolois-Sammelband mit drei Titeln befand sich im Besitz von Georg Eckert und wurde von ihm in Eckert (1917), S. 157, beschrieben. Der dritte Titel, die Perspektiva, Amsterdam 1638 ist bezeichnet »Ex libris Balthasaris v. Neumann«; Eckert hielt diese Signatur für autograf, inklusive des sonst dazwischengeschoben wirkenden »v.«; eine ältere Bezeichnung »F. C. S. v. F.« ist durchgestrichen. Der erste Titel dieses Sammelbandes, die Geometria, hat ein älteres Exlibris und ist bezeichnet »M. Fridericus B. de Schönborn«, was Eckert mit »Melchior Friedrich Baron von Schönborn« auflöste, der Vater der beiden Würzburger Bischöfe Johann Philipp Franz bzw. Friedrich Karl von Schönborn. Diese Hinweise sind sehr aufschlussreich, denn es ist der bisher einzige Fall, in welchem die Herkunft von Büchern in der Neumann-Bibliothek sichtbar wird. Der Marolois-Sammelband befand sich 1953 noch in Familienbesitz: Freeden, Max von/Thoma, Hans (1953), S. 71, Nr. D 23. UBWü (35/A 12.34); vgl. oben, S. 197. Universitätsbibliothek Heidelberg (Heid. Hs. 3897); eines der Blätter des aufgelösten Sammelbandes trägt Balthasar Neumanns Exlibris-Vermerk. Die Identifikation bei Satzinger (1992), S. 445, mit dem Hinweis auf Zülch, W. K.: Studienmappe Balthasar Neumanns?, in: Zeitschrift für Geschichte der Architektur 8 (1928), S. 212–215. Satzinger weist auch darauf hin, dass das Heidelberger Material umfangreicher ist als die Angaben im Auktionsverzeichnis 1804. UBWü (Kriegsverlust); siehe oben S. 208. UBWü (35/A 12.4); siehe Anm. 41. UBWü (35/A 21.2); siehe Anm. 40.

Bibliografie Anbettung in dem Geist und in der Wahrheit. Würzburg 1744. Aus Balthasar Neumanns Baubüro. Pläne der Sammlung Eckert zu Bauten des grossen Barockarchitekten. Ausstellungskatalog Mainfränkisches Museum Würzburg. Würzburg 1987. Ballon, Hilary: Louis Le Vau. Mazarin’s College, Colbert’s Revenge. Princeton 1999, S. 149–174. Boeck, Hans/Flierl, Günther: Die Rekonstruktion des Bibliothekssaales der Alten Universität, in: Würzburg heute 70 (2000), S. 72–77. Boffrand, Germain: Livre d’architecture contenant les principes genereaux de cet art. Paris 1745. Bönicke, Christian: Grundriß einer Geschichte von der Universität zu Wirzburg, II. Würzburg 1788. Bühling, Wolfgang: Balthasar Neumann als Soldat, in: Frankenland 55 (2003), S. 255–285. Des Hochwürdigsten des Heiligen Römischen Reichs Fürsten und Herrn, Herrn Friderich Karl, Bischoffen zu Bamberg und Wirtzburg, Hertzogen zu Francken etc. Verordnung und verbesserte Einrichtung bey dero Wirtzburgischen Universität. Würzburg 1743 [Nachdruck Würzburg 1980]. Döry, Ludwig Baron: Balthasar Neumann und die Brüder von Uffenbach, in: Stifter–Jahrbuch VII (1962), S. 247–256. Eckert, Georg: Balthasar Neumann und die Residenzpläne. Straßburg 1917. Fischer, Marianne: Kunstbibliothek Berlin. Katalog der Architektur- und Ornamentstichsammlung. Teil 1: Baukunst England. Berlin 1977.

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Freeden, Max von: Balthasar Neumann als Stadtbaumeister. Berlin 1937 [Nachdruck Würzburg 1978]. Freeden, Max von/Thoma, Hans: Balthasar Neumann – Leben und Werk. Gedächtnisschau zum 200. Todestage in der Residenz zu Würzburg. Würzburg 1953. Freeden, Max von (Hg.): Quellen zur Geschichte des Barock in Franken unter dem Einfluß des Hauses Schönborn, I. Teil: Die Zeit des Erzbischofs Lothar Franz und des Bischofs Johann Philipp Franz von Schönborn 1693–1729, 2. Halbband [ab 1717]. Würzburg 1955. Freeden, Max von: Balthasar Neumanns Lehrjahre. Das Bruchstück einer Lebensbeschreibung aus Familienbesitz im Vergleich mit Quellen und Überlieferung, in: Archiv des Historischen Vereins von Mainfranken 71 (1937/38), S. 1–18. Friedrich, Verena: Die Parisreise Balthasar Neumanns zu Anfang des Jahres 1723, in: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 58 (2006), S. 45–82. Friedrich, Verena: Rokoko in der Residenz Würzburg. München 2004. Gamer, Jörg: Matteo Alberti. Düsseldorf 1978. Grönert, Alexander: Guarin Guarini, in: Architekturtheorie von der Renaissance bis zur Gegenwart. 89 Beiträge zu 117 Traktaten. Köln 2003, S. 128–137. Habicht, Victor Curt: Die Herkunft der Kenntnisse Balthasar Neumanns auf dem Gebiete der »Civilbaukunst«, in: Monatshefte für Kunstwissenschaft IX (1916), S. 46–61. Handwerker, Otto: Geschichte der Universitätsbibliothek Würzburg bis zur Säkularisation. Würzburg 1904. Hotz, Joachim: Das »Skizzenbuch Balthasar Neumanns«, 2 Bde. Wiesbaden 1981. Hubala, Erich/Mayer, Otto: Die Residenz zu Würzburg. Würzburg 1984. Katalog der Ornamentstichsammlung der Kunstbibliothek, zweite Ausgabe. Berlin 1939. Keller, Joseph: Balthasar Neumann. Artillerie- und Ingenieur-Obrist, Fürstlich Bambergischer und Würzburger Oberarchitekt und Baudirektor. Würzburg 1896. Kremeier, Jarl: Die Hofkirche der Würzburger Residenz. Worms 1999. Kremeier, Jarl: Roland Fréart de Chambray, in: Architekturtheorie von der Renaissance bis zur Gegenwart. 89 Beiträge zu 117 Traktaten. Köln 2003, S. 240–247. Kummer, Stefan: Balthasar Neumann und die frühe Planungsphase der Würzburger Residenz, in: Korth, Thomas/Poeschke, Joachim (Hg.): Balthasar Neumann. Kunstgeschichtliche Beiträge zum Jubiläumsjahr 1987. München 1987, S. 79–91. Lohmeyer, Karl: Die Briefe Balthasar Neumanns an Friedrich Karl von Schönborn. Saarbrücken 1921. Lohmeyer, Karl: Die Briefe Balthasar Neumanns von seiner Pariser Studienreise 1723. Düsseldorf 1911. Mälzer, Gottfried: Balthasar Neumann und sein Kreis. Stiche, Pläne und Zeichnungen in der Universitätsbibliothek Würzburg. Würzburg 1987. Maué, Hermann (Hg.): Die Grafen von Schönborn. Kirchenfürsten, Sammler, Mäzene. Ausstellungskatalog des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Nürnberg 1989. Muth, Hanswernfried/Sperzel, Elisabeth/Trenschel, Hans-Peter: Sammlung Eckert. Plansammlung aus dem Nachlaß Balthasar Neumanns im Mainfränkischen Museum Würzburg. Würzburg 1987. Oechslin, Werner (Hg.): Die Vorarlberger Barockbaumeister. Einsiedeln 1973. Otto, Christian: Space into Light. The Churches of Balthasar Neumann. Princeton 1979. Pleticha, Eva: Adel und Buch. Studien zur Geisteswelt des fränkischen Adels am Beispiel seiner Bibliotheken. Neustadt/Aisch 1983.

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Jarl Kremeier

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Martin Engel

Bücher, Kunst und Politik Anmerkungen zum Bücherschrank des Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff

Am Ende seines Lebens besaß Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699–1753) eine mittelgroße Privatbibliothek mit 339 teils mehrbändigen Werken (Abb. 1). Laut Inventarliste, die rund zwei Monate nach Knobelsdorffs Tod im Auftrag des Berliner Kammergerichts vom Buchhändler und Verleger Johann Adam Rüdiger und dem Mandatarius Fisci Krems angefertigt wurde, hatte diese Bibliothek einen Wert von 420 Reichstalern. Am wertvollsten waren die großformatigen Kupferstichwerke, unter denen sich zum Beispiel die dreibändige Architecture françoise von Jean Mariette aus dem Jahr 1727 (No. 5 fol.) oder das ebenfalls dreibändige Studio d’Architettura civile von Domenico Rossi aus den Jahren 1702 bis 1727 (No. 19 fol.) befanden, deren Wert auf 24 beziehungsweise 20 Reichstaler geschätzt wurde. Etwa ein Viertel des Bücherbestandes gehörte zur Gattung der Architekturliteratur, deren Wert zusammen rund 212 Reichstaler betrug und damit rund 50 % des Gesamtwertes der Knobelsdorff ’schen Bibliothek ausmachte.1 Die übrigen Bücher lassen sich grob unterteilt den Gattungen Kunstliteratur, Geschichte und Politik, Wissenschaft und Philosophie, antike Autoren, Poesie, Galante Literatur, Schauspiel und Opernliteratur sowie Reiseliteratur und Sprachführer zuordnen. Insgesamt besaß Knobelsdorff 74 Bücher in Folio, 35 in Quarto und 230 Bücher in Octavo. Der weitaus größte Teil dieser Bücher war in französischer Sprache verfasst. Unter den architektonischen Fachbüchern befanden sich auch etliche Werke in italienischer und in niederländischer Sprache. Einige Bücher, vorwiegend mit wissenschaftlichen Themen, waren in lateinischer Sprache verfasst. Wenn es stimmt, dass sich im Bücherschrank der Geist seines Besitzers widerspiegelt, dann haben wir mit dem vor einigen Jahren gefundenen Bücherverzeichnis ein mächtiges Instrument, um die Interessensschwerpunkte und die vielfältigen Themen kennenzulernen, mit denen sich der einst höchste preußische Baubeamte Zeit seines Lebens befasste. Die Analyse dieses Bücherverzeichnisses birgt jedoch einige methodische Unschärfen. So kennen wir zwar die Autoren, die Knobelsdorff schätzte, sowie die Werke, aus denen er sich die geistigen Anregungen holen konnte, wir wissen jedoch nicht, in welchen Phasen seines Lebens dies geschah und mit welcher Intensität er sich mit den einzelnen Büchern aus-

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Martin Engel Abb. 1 Antoine Pesne: Porträt von Georg Wenzeslaus v. Knobelsdorf. Öl auf Leinwand, 1737. Museum Huis Doorn, Inv. -Nr.: HuD 1717.

einandersetzte. Wir wissen auch nicht, welche Bücher von ihm gezielt erworben wurden und welche er nur beiläufig kaufte, weil sich ihm eine günstige Gelegenheit geboten hatte. Unbekannt ist auch, welche Bücher er geerbt oder als Geschenk erhalten hatte. Zweifellos ist das Bücherverzeichnis eine herausragende Quelle, die den Bildungs­ horizont des adeligen Malers und Architekten erahnen lässt. Es bedarf jedoch der sorgsamen Anbindung der einzelnen Bücher aus den unterschiedlichen Literaturgattungen an Knobelsdorffs Biografie, über die wir leider nur in groben Zügen informiert sind.2 Man weiß so gut wie gar nichts über seine schulische Ausbildung, und auch sein weiterer Bildungsweg innerhalb der königlich preußischen Armee ist nur rudimentär bekannt. Nach kurzer militärischer Grundausbildung beim Küstriner Infanterieregiment des Freiherrn Otto von Schlabrendorf (1650–1721) wurde der 15-Jährige zum Gefreitenkorporal ernannt und musste sich als adeliger Offiziersanwärter sogleich im Großen Nordischen Krieg am Pommernfeldzug gegen den schwedischen König Karl XII. beteiligen. Bei der Belagerung von Stralsund im Jahr 1715 war sein Bataillon insbesondere mit dem Anlegen von Laufgräben befasst, also mit einer militärischen Spezialaufgabe, die damals zum Aufgabengebiet der Ingenieur- und Genietruppen gehörte. Vermutlich hat Knobelsdorff nach diesen praktischen Kriegserfahrungen im neu formierten Infanterieregiment Nr. 25 von Schlabrendorf eine reguläre Offiziersausbildung erhalten. Konkrete Hinweise auf eine Ausbildung an

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der Berliner Ritter-Akademie oder spezielle Schulungen in den Ingenieurwissenschaften fehlen jedoch. Die wenigen Bücher zu militärischen Themen wie Festungsbau und Belagerungstechnik, aber auch die mathematischen Fachbücher, können in diesem Zusammenhang gesehen werden. Zu nennen wären hier der 1705 in Berlin erschienene Nouveau traité de fortification von J. Barnaud (No. 159), das 1708 in Wesel auf Deutsch herausgebrachte Standardwerk Minno Coehorns neuer Vestungs-Bau [...] (No. 106 quart.) und Louis Goulons Bericht von der Belagerung und Vertheidigung einer Festung, der 1709 in Nürnberg in deutscher Übersetzung gedruckt wurde (No. 218).3 Knobelsdorffs militärische Karriere verlief vergleichsweise langsam.4 Am 1. Oktober 1723 wurde er zum Fähnrich und am 14. April 1728 zum Seconde=Lieutenant befördert. Im darauffolgenden Jahr wurde das Infanterieregiment Nr. 25, das bis dahin zur Sicherung der eroberten Gebiete im Grenzort Anklam stationiert war, nach Berlin verlegt und erhielt mit Oberst Christoph Wilhelm von Kalckstein (1682–1759) einen neuen Chef. In Berlin eröffneten sich für Knobelsdorff völlig neue Perspektiven, die alsbald dazu führten, dass er zu einer Art Berater und Mentor des Kronprinzen Friedrich wurde. Ob hierbei Oberst von Kalckstein, der von 1718 bis 1729 als einer der beiden Erzieher des Kronprinzen fungierte, vermittelnd tätig war, oder ob sich Knobelsdorff am Hof der Königin Sophie Dorothea (1687–1757) für diese Funktion selbst empfohlen hatte, lässt sich bislang nicht sagen. Gewiss hatte Knobelsdorff aber die charakterlichen Eigenschaften und die nötige Bildung, die ihn für diese verantwortungsvolle Funktion geeignet erscheinen ließen. Entscheidend war wohl, dass Knobelsdorff eine militärische Erziehung und künstlerische Neigungen in sich vereinigte und deshalb sowohl vom Vater, König Friedrich Wilhelm I., als auch von der Mutter, Königin Sophie Dorothea, akzeptiert werden konnte. Welche Rolle der Kronprinz hierbei spielte, liegt im Dunkeln. In seinem Nachruf auf Knobelsdorff schildert Friedrich der Große rückblickend den Ereignisverlauf so, dass Knobelsdorff im Jahr 1730 das Militär aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit verlassen habe, um sich seinem Genie folgend ganz der Malerei zu widmen.5 Leider schreibt er nicht, in welchem Jahr er Knobelsdorff kennengelernt hatte. Ob die erste persönliche Begegnung der beiden bereits vor der Flucht des Kronprinzen im August 1730 oder erst nach dessen erzwungenem Aufenthalt in der Festung Küstrin ab Februar 1732 erfolgte, lässt sich bislang nicht klären. Auf jeden Fall gehörte Knobelsdorff zum engeren Personenkreis um den Kronprinzen, als dieser in der Garnisonsstadt Neuruppin seinen ersten eigenen Hofstaat hatte. Aus dem Nachruf, mit dem Friedrich der Große die wichtigste Quelle zu Knobelsdorffs Lebenslauf verfasste, geht hervor, dass sich Knobelsdorff schon während seiner Militärzeit mit Zeichnen befasste und nach seinem Abschied vom Militär die Nähe zum Berliner Hofmaler Antoine Pesne (1683–1757) suchte, um sich von ihm in der Malerei ausbilden zu lassen. Der Historien- und Porträtmaler Pesne war sicherlich ein guter Vermittler des akademischen Wissens und der Kunsttheorien seiner Zeit. Immerhin hatte der aus Paris stammende Pesne an der Académie royale de peinture et de sculpture studiert und war ab 1720 auch deren Mitglied. Im Jahr 1723, als er sich während

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Martin Engel Abb. 2 Antoine Pesne: Porträt von Jean Mariette. Öl auf Leinwand, 1723. Paris, Musée Carnavalet, Inv.-Nr.: P. 257.

seiner mehrere Monate dauernden Reise nach London für längere Zeit in Paris aufhielt, nahm er auch an deren Sitzungen teil. Bei dieser Gelegenheit pflegte Pesne seine Kontakte zu den in kulturellen Angelegenheiten maßgeblichen Persönlichkeiten der Pariser Gesellschaft und malte den Kupferstecher und Verleger Jean Mariette (1660–1742) (Abb. 2), dessen Hauptwerk die Herausgabe des bereits erwähnten dreibändigen Kupferstichwerkes L’architecture françoise im Jahr 1727 war.6 Welche theoretischen Grundlagen Antoine Pesne in seinem Unterricht vermittelt hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Sicherlich gab er aber Empfehlungen und Kommentare zu dem einen oder anderen Fachbuch, das den Weg in Knobelsdorffs Bücherschrank gefunden hat. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die klassischen Lehrbücher der Malkunst, in denen die theoretischen und praktischen Grundlagen der Kunst vermittelt werden. Von diesen Werken besaß Knobelsdorff Carel van Manders Schilder Book in der Ausgabe von 1604, in dem die hohen Ansprüche an einen Künstler in Form eines Lehrgedichtes und die Geschichte der Kunst in Form von Künstlerbiografien vermittelt werden (No. 102 quart.). Mehr auf das Selbststudium zielt Claude Boutets Traité de la peinture en mignature, den Knobelsdorff in der Erstausgabe von 1708 erwarb (No. 45). In dieser Anlei-

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tung zum »mühelosen Erlernen der Miniaturmalerei ohne die Hilfe eines Meisters« wird unter anderem erläutert, wie die schönsten Farben erzeugt werden können, und es enthält den frühesten bekannten Farbkreis.7 Das wichtigste und einflussreichste Lehrbuch des 18. Jahrhunderts, das Groot Schilder Book von Gérard de Lairesse, besaß er in der niederländischen Erstauflage von 1712 (No. 86 quart.). In diesem Buch wird eine umfassende Theorie der Malerei ausgebreitet. Beginnend mit der richtigen Pinselführung werden über das Erfassen und Gestalten von Körpern, die Komposition historischer und mythologischer Szenen bis hin zur künstlerischen Ausgestaltung ganzer Häuser alle Aspekte der Malerei thematisiert. Für Knobelsdorff hatte die Auseinandersetzung mit der Kunsttheorie von Lairesse gewiss eine ganz besondere Bedeutung, denn unter den wertvollsten Werken seiner Kunstsammlung befand sich auch ein Gemälde, das im Verzeichnis seines Nachlasses als »un Bachanal [sic!] de Lairesse beau« aufgelistet ist.8 In diesem Falle hatte er also Theorie und Praxis stets vor Augen. Darüber hinaus interessierte sich Knobelsdorff auch für die theoretischen Auseinandersetzungen über Kunst und Malerei an der Pariser Kunstakademie, zumindest standen in seinem Bücherschrank die Conférences de l’Académie Royale de Peinture et de Sculpture, die von André Félibien im Jahr 1669 herausgegeben wurden (No. 101 quart.). In diesen Conférences dokumentierte Félibien die in der Akademie geführten Debatten, in denen, ausgehend von Leonardo da Vincis Schriften zur Kunst, die Grundlagen des kunsttheoretischen Diskurses modernisiert wurden.9 Mit dieser wichtigen, aber doch schon einige Jahrzehnte zurückliegenden Thematik hat sich Knobelsdorff höchstwahrscheinlich etwas intensiver auseinandergesetzt, denn er besaß auch den Ausgangstext, eben jenen Tractat von der Mahlerey des vortreflichen Florentinischen Mahlers Lionardo da Vinci in der deutschen Übersetzung von Johann Georg Böhm aus dem Jahr 1724 (No. 107 quart.) sowie die Sentiments des plus habiles peintres von Henri Testelin (No. 47 quart.), dem Sekretär der Académie royale de peinture et de sculpture und mächtigen Gegner Félibiens, dem es gelungen war, die Edition weiterer Conférences zu unterbinden.10 Knobelsdorffs Interesse war aber nicht ausschließlich auf die französische Kunstentwicklung fokussiert. Mit Joachim von Sandrarts Teutsche(r) Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey Künste von 1675 besaß er auch die früheste deutschsprachige Schrift zur Kunsttheorie (No. 54 quart.).11 Der Name Sandrart ist wiederum mit den beiden ältesten deutschen Kunstakademien in Nürnberg (1662) und Augsburg (1670) eng verbunden. Die Bildung eines Künstlers war seit der Renaissance, spätestens aber seit Leonardo da Vinci die Kunst als Wissenschaft auffasste, nicht auf das eigene Fach beschränkt. Der ideale Künstler benötigte eine möglichst alles umfassende universale Bildung. Ganz in diesem Sinn erwähnt Friedrich der Große in dem bereits zitierten Nachruf, mit dem er dem gerade verstorbenen Knobelsdorff ein literarisches Denkmal setzte, dessen vielfältiges Interesse an Wissenschaft und Bildung als Grundlage seines künstlerischen Schaffens.12 Genannt werden die genaue Kenntnis der Mythologie und Geschichte für die Historienmalerei, Grundkenntnisse in der Anatomie für die richtige Darstellung der Muskulatur, Kenntnisse

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in der Optik und Perspektive für die Landschaftsmalerei, Kenntnisse in Geometrie, Physik und Mechanik für die Darstellung der Architektur. Am allerwichtigsten sei aber die Verbindung zwischen Malerei und Dichtkunst, denn »das gleiche Feuer der Einbildungskraft, das den Dichter beseelt, muß auch den Maler durchglühen«.13 Die Quintessenz dieser Lobrede, die am 24. Januar 1754 in der Akademie der Wissenschaften verlesen wurde, ist, dass Knobelsdorff aufgrund seines Genies, seiner vielseitigen Kenntnisse und Talente zu Recht zu einem würdigen Ehrenmitglied der Académie Royale des Sciences et Belles-Lettres ernannt worden war. Tatsächlich war Knobelsdorff nicht Mitglied der 1696 gegründeten Akademie der Künste und mechanischen Wissenschaften, sondern seit dem 23. Januar 1744 Ehrenmitglied der Königlichen Societät der Wissenschaften, die von Friedrich dem Großen seit seinem Regierungsantritt im Juni 1740 reorganisiert und 1744 mit der kurz zuvor von ihm etablierten Nouvelle Société Littéraire verschmolzen wurde. Mit dem neuen Präsidenten Pierre-Louis Moreau de Maupertuis (1698–1759) erhielt die Akademie im Jahr 1746 eine neue Satzung und auch den neuen Namen Académie Royale des Sciences et Belles-Lettres. Die genannten Wissensgebiete finden sich in Knobelsdorffs Bücherschrank wieder. Die Anatomie ist allerdings nur in einem einzigen nicht medizinischen Werk präsent, in Gérard Audrans Proportionen des menschlichen Körpers von 1683, in dem die Maßangaben von den berühmtesten Skulpturen der Antike abgeleitet sind (No. 39 fol.). Die Bücher zur Optik und Perspektive sind anspruchsvoll und von Knobelsdorff wahrscheinlich im Zusammenhang mit einem regulären Mathematikunterricht erworben worden. Dies gilt insbesondere für die älteren Werke wie zum Beispiel Jean Marolois Perspectiva: Das ist die Kunst des Augenmaß [...] von 1629 (No. 74 fol.) und die Tafels van sinus, tangentes, secantes: ende van de logarithmi [...] des Adriaan Vlacq von 1691 (No. 124), aber auch für die Manière universelle de Mr. Desargues von 1648 (No. 97 quart.) und das Examen des Œuvres du S. De Sargues von 1644, in dem Jacques Curabelle seine kritischen Bemerkungen zu dem damals noch heftig umstrittenen Theorem zur affinen und projektiven Geometrie von Gérard Desargues veröffentlichte (No. 93 quart.).14 Knobelsdorff besaß darüber hinaus auch einige prachtvolle Lehrbücher zur Perspektive, die er zur Perfektionierung seiner Zeichenkünste vor allem bei der Darstellung architektonischer Entwürfe heranziehen konnte. Zu nennen sind hier die Perspectiva Pictorum et Architectorum von Andrea Pozzo aus dem Jahr 1702 (No. 9 fol.), die Architettura civile praeparat su la Geometria von Ferdinando Galli Bibiena aus dem Jahr 1711 (No. 32 fol.), die Perspectiva Pes Pictura [...] von Johann Jacob Schübler aus dem Jahr 1719 (No. 10 fol.) (Abb. 3 und Abb. 4) und schließlich der Traité de la Perspective pratique avec des remarques sur l’architecture von Jean Courtonne aus dem Jahr 1725 (No. 14 fol.). Eine besondere Bedeutung hatte sicherlich das Buch von Johann Jacob Schübler, der seit dem 10. Februar 1734 ein auswärtiges Mitglied der Königlichen Societät der Wissenschaften zu Berlin war und im Jahr 1741 die Einladung erhielt, als Hofarchitekt nach Berlin zu kommen. Schübler verstarb jedoch, noch bevor er den Ruf annehmen konnte, überraschend im September desselben Jahres.15

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Abb. 3 Frontispiz aus Schübler, Johann Jacob: Perspectiva Pes Picturae. Nürnberg 1719. Staatsbibliothek zu Berlin, Signatur: 2° Nu 8376.

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Abb. 4 Titelblatt aus Schübler, Johann Jacob: Perspectiva Pes Picturae. Nürnberg 1719. Staatsbibliothek zu Berlin, Signatur: 2° Nu 8376.

Umfangreich ist der Bestand an Werken zu Mythologie und Geschichte. Knobelsdorffs Interesse reichte von den heidnischen Anfängen bis zu den Analysen der jüngeren Vergangenheit, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf Rom und Frankreich lag. Ovids Metamorphosen findet man in der Inventarliste gleich in drei unterschiedlichen Editionen. Im Laufe der Zeit hatte sich Knobelsdorff demnach die mit Holzschnitten und Kupferstichen illustrierte deutsche Übersetzung von Jacob von Sandrart in der zweiten Ausgabe von 1698 (No. 35 fol.), die von Jean-Baptiste Morvan de Bellegarde kommentierte französische Übersetzung in der Ausgabe von 1716 (No. 83) sowie eine bislang nicht nachweisbare ältere Amsterdamer Ausgabe aus dem Jahr 1658 (No. 131) zugelegt. Homers Ilias, in der das Ende des Trojanischen Krieges geschildert wird, hatte er in der italienischen Ausgabe von Federico Malipiero aus dem Jahr 1643 (No. 104 quart.) erworben und Thukydides Darstellung des Peloponnesischen Krieges in der französischen Ausgabe von Nicolas Perrot

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d’Ablancourt aus dem Jahr 1663 (No. 21 fol.). Einen Überblick über die Geschichte der großen antiken Reiche beschaffte er sich in Form von Charles Rollins mehrbändigem Werk Histoire ancienne des Egyptiens, des Carthaginois, des Assyriens, des Babyloniens, des Medes et des Perses, des Macedoniens, des Grecs von 1733 (No. 121). Vom gleichen Autor besaß er auch die Histoire romaine depuis la fondation de Rome jusqu’à la bataille d’Actium, c’est-à-dire jusqu’à la fin de la République aus dem Jahr 1739 (No. 171). Unter den Büchern zur römischen Geschichte befanden sich darüber hinaus René Aubert de Vertots mehrbändige Histoire des Revolutions arrivées dans la Republique Romaine von 1720 (No. 52, No. 109) und Plutarchs Biografien berühmter Männer in der wichtigen zehnbändigen Ausgabe von 1735 mit historisch-kritischen Anmerkungen des französischen Hofbibliothekars André Dacier (No. 66). Allesamt waren Klassiker in ihrem Fach. Knobelsdorff interessierte sich aber auch für die neuesten Interpretationen der römischen Geschichte, wie er sie vor allem in Montesquieus Considérations sur les Causes de la Grandeur de Romains aus dem Jahr 1734 finden konnte (No. 36). Diese wichtige Schrift, in der Montesquieu die Grundlagen seiner Staatstheorie erarbeitet hatte, besaß Knobelsdorff auch in der deutschen Übersetzung von Jakob Friedrich Lamprecht, die 1742 unter dem Titel Betrachtungen über die Ursachen der Grösse und des Verfalles der Römer im Berliner Verlag von Ambrosius Haude erschienen war (No. 198). Warum sich Knobelsdorff auch die deutsche Fassung dieses Buches zulegte, ist nicht leicht nachvollziehbar. Vermutlich handelt es sich um ein Geschenk. Entscheidend ist aber, dass es sich bei dieser Schrift um eines der Lieblingsbücher von Friedrich dem Großen handelte, von dem auch sein Anti Machiavel beeinflusst ist.16 Zahlreicher waren die Werke zur französischen Geschichte, über die sich Knobelsdorff sowohl in Überblickswerken als auch in biografischen Darstellungen informierte. Geschichte in anschaulicher Form besaß er in den Büchern von Claude-François Ménestrier und Nicolas Godonesche, in denen die Medaillen vorgestellt werden, auf denen die wichtigsten Ereignisse aus der Regentschaft sowohl von König Ludwig XIV. als auch von König Ludwig XV. verewigt sind (No. 59 fol. und No. 60 fol.). Mit der gleichen Epoche befassen sich, dazu passend, die Mémoires et réflexions sur les principeaux événements du regne de Louis XIV. von Charles de la Fare aus dem Jahr 1734 (No. 115) sowie Charles Perraults Hommes illustres qui ont paru en France pendant ce Siècle, die Knobelsdorff in der prächtigen Ausgabe mit großformatigen Porträtkupferstichen von 1696 besaß (No. 7 fol.). Unter den chronologischen Zusammenfassungen der französischen Geschichte befand sich neben der heute weitgehend vergessenen Histoire de France von Vincent-Claude Chalons von 1734 (No. 13) auch der mehrbändige Abrégé chronologique de l’histoire de France von François Eudes de Mézeray von 1720 (No. 7). Aus heutiger Sicht weitaus interessanter ist der unter fast dem gleichen Titel erschienene Nouvel Abrégé chronologique de l’histoire de France von Charles-Jean-François Hénault, den Knobelsdorff in der zweiten Auflage von 1749 besaß (No. 2). Hénault war nicht nur ein erfolgreicher Finanzier, er war auch Mitglied der Académie française und Gastgeber des illustren Club de l’Entresol, in dem auch Abbé Saint-Pier-

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re, Montesquieu und Voltaire zu Gast waren. Letzterer war vermutlich auch ein wichtiger Vermittler des Gedankenguts und der Schriften dieser französischen Aufklärer nach Berlin. Und so überrascht es nicht, dass Knobelsdorff auch den Nouveau Plan du Gouvernement des états souvereines des einflussreichen Aufklärers Abbé Saint-Pierre aus dem Jahr 1738 sein Eigen nannte (No. 64). In diesen Zusammenhang passt auch, dass sich Knobelsdorff für Bücher interessierte, die von Voltaire kritisiert wurden, wie etwa der Discours sur L’Histoire Universelle, den der Hauslehrer des französischen Kronprinzen Jacques Bénigne Bossuet 1681 zum Nutzen des Dauphin verfasst hatte (No. 87). Gegen die in dieser Schrift vorherrschende katholische Weltsicht richtete Voltaire seinen 1756 erschienenen Essai sur les mœrs et l’esprit des nations [...].17 Zur Reichsgeschichte findet man in Knobelsdorffs Bücherschrank vor allem das ab 1704 erschienene neunbändige Werk Kurtze Fragen aus der politischen Historie bis auf die gegenwärtige Zeit des Pädagogen Johannes Hübner (No. 191). Die zehn Supplementbände, die Hübner in den Jahren 1727 bis 1749 herausbrachte, waren ebenfalls vorhanden (No. 193). Zudem besaß er einige Werke von berühmten Geschichtsschreibern des 17. Jahrhunderts in neueren Ausgaben wie zum Beispiel Samuel von Pufendorfs 1721 neu herausgegebene und bis auf die Gegenwart fortgesetzte Introduction à l’histoire générale et politique de l’univers und die ebenfalls 1721 neu edierte Einleitung zur Römischen und Deutschen Historie von Christian Gottfried Franckenstein und Gottfried Olearius (No. 192). An dieser Stelle ist es nötig, nochmals auf die schon eingangs erwähnte methodische Unschärfe zurückzukommen. Wir wissen nicht, wie intensiv sich Knobelsdorff auf die Suche nach neuen Büchern und neuen Ideen begab und wann er seine Bücher letztlich erwarb. Diese Frage wird wichtig bezüglich seines erkennbaren Interessenschwerpunkts Politik und Staatstheorie. Etwa zur gleichen Zeit, als die gerade vorgestellten Geschichtswerke neu herausgegeben wurden, entstand im Jahr 1725 die Schrift Politische Anmerkungen über die wahre und falsche Staatskunst von Johann Adolf Hoffmann (No. 200). Vom Frühaufklärer Hoffmann, der zuletzt in Hamburg lebte und ab 1723 Mitglied der Patriotischen Gesellschaft war, besaß Knobelsdorff auch die ausführlich kommentierte Übersetzung von Des Marcus Tullio Cicero drey Bücher von der menschlichen Pflicht von 1727, in denen das richtige Handeln eines Staatsmannes thematisiert wird (No. 203). Für die richtige Einschätzung von Knobelsdorffs mentaler Entwicklung macht es einen erheblichen Unterschied, ob er diese beiden Werke noch zu seiner Militärzeit erworben hatte oder erst, nachdem er mit dem Kronprinzen Friedrich zusammengetroffen war. Diese Frage betrifft letztlich die Funktion, die Knobelsdorff in Bezug auf den Kronprinzen hatte. War er ein echter Mentor, der den zwölf Jahre Jüngeren mit neuen Gedanken inspirieren konnte, oder nur ein Gesellschafter mit ausgeprägten künstlerischen Ambitionen? Leider hat Knobelsdorff seine Gedanken nicht niedergeschrieben, sodass allein das Druckdatum einen Anhaltspunkt bietet, ab wann er sich mit einem bestimmten Buch befasst haben kann. Dagegen gibt es eine Vielzahl von Briefen, in denen Kronprinz Fried-

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rich klar benennt, welche Lektüre ihn gerade beschäftigte.18 Am 11. März 1736 schreibt er zum Beispiel an Ernst Christoph von Manteuffel (1676–1749), den sächsischen Gesandten und habsburgischen Informanten in Berlin, dass er ein Buch des schon mehrfach erwähnten Charles Rollin ausgelesen und seine Nase in die Werke von Christian Wolff gesteckt habe.19 Die Kombination der beiden Autoren Rollin und Wolff erscheint mehrere Monate später nochmals in einem Brief, den er am 15. August 1736 dem in Moskau lebenden Ulrich Friedrich von Suhm (1691–1740) schrieb.20 Interessant ist nun, dass Knobelsdorff auffällig viele Bücher von Christian Wolff besaß und sich vermutlich parallel zum Kronprinzen mit den Ideen Wolffs auseinandersetzte. In seinem Bücherschrank befanden sich insgesamt acht Bücher von Wolff. Die Reihe beginnt mit den Allerhand Nützliche[n] Versuche[n] [...] zu genauer Erkenntnis der Natur und Kunst von 1727 (No. 223), es folgen die Vernünfftige[n] Gedanken von den Kräfften des menschlichen Verstandes und ihrem richtigen Gebrauch in Erkenntnis der Wahrheit von 1731 (No. 205), die Nachricht von [...] den verschiedenen Theilen der Welt-Weißheit von 1733 (No. 216), die Vernünfftige[n] Gedancken von dem Gebrauche der Theile in Menschen, Tieren und Pflanzen[...] von 1734 (No. 221) sowie das vierbändige Schulbuch über die Anfangs-Gründe aller mathematischen Wissenschafften aus den Jahren 1732 bis 1734 (No. 222), worin neben der allgemeinen Rechenkunst auch die Algebra, die Artillerie und Mechanik sowie »Optick, Catoptrick und Dioptrick« behandelt werden. Den Abschluss bilden die Vernünfftige[n] Gedanken von der Menschen Thun und Lassen, zur Beförderung ihrer Glückseeligkeit von 1736 (No. 199) und die im gleichen Jahr unter dem Titel Logique [...] erschienene französische Ausgabe der Vernüfftige[n] Gedanken von den Kräfften des menschlichen Verstandes (No. 90), die von einem gewissen Jean de Champ mit einer Widmung an den Kronprinzen im Berliner Verlag von Ambrosius Haude veröffentlicht wurde. Hinter dem Pseudonym Jean de Champ versteckte sich kein anderer als der bereits genannte Graf Manteuffel, der sich als Mäzen von Christian Wolff um die Verbreitung von dessen aufklärerischen Gedanken bemühte. Ob Knobelsdorff durch den Kronprinzen auf Wolffs Schriften aufmerksam gemacht wurde oder selbst in den Umkreis der Société des Aléthophiles geriet, dem Berliner Netzwerk der Wolffianer, dem sowohl Graf Manteuffel als auch der Verleger Haude angehörten, ließ sich bislang nicht klären. Auf jeden Fall besaß Knobelsdorff auch die aus politischem Kalkül entstandene Kompilation Le Philosophe-Roi, et le Roi-Philosophe, La Theorie des Affaires-Publiques [...], die Graf Manteuffel aus verschiedenen Schriften Christian Wolffs zusammengestellt hatte und 1740 im Verlag von Ambrosius Haude drucken ließ, um sie dem gerade inthronisierten König Friedrich zur Erinnerung an seine Ideale zu überreichen.21 Knobelsdorffs philosophische Interessen waren ansonsten nicht sehr breit gefächert. Unter seinen Büchern findet man jedoch einige wichtige Werke der Aufklärung wie den Dictionnaire historique et critique von Pierre Bayle in der vierbändigen Rotterdamer Ausgabe von 1720 (No. 8 fol.) und Montesquieus Lettres Persanes in der Ausgabe von 1736 (No. 106). Mit den Schriften des Freimaurers Alexander Pope, dem Essai sur l’homme von 1737 (No.

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152) und Les Principes de la Morale et du Gout von 1737 (No. 57) gibt es auch Berührungspunkte zur englischen Aufklärung, zu der auch Jonathan Swift gehörte. Von Swift besaß Knobelsdorff dessen ersten großen Erfolg, die Satire Le conte de tonneau von 1732 (No. 82), in der mit vielen Abschweifungen über die aktuelle Schriftstellerei, Politik, Theologie und Medizin die anglikanische, calvinistische und lutherische Kirche parodiert werden. Aus einer der wenigen schriftlichen Äußerungen Knobelsdorffs, einem Brief, den er dem Kronprinzen am 29. Januar 1737 aus Rom schickte, kann man erahnen, dass er für diese Form der Religionskritik empfänglich war. Knobelsdorff bedauert in dem Brief den Stand der Wissenschaften in Italien, die sich von den Einschränkungen und Behinderungen durch die römisch-katholische Kirche seit der Zeit Konstantins des Großen noch nicht erholt habe. Damals sei »bey dem Auffgang des Lichts des Glaubens der Verstandt in allen übrigen Wißenschafften in solche Finsterniß gerathen«, dass man heute noch »alle Schriften Verbannet, worinnen die gesunde Vernunft nur ein wenig hervorscheinet, den Menschlichen Verstand in enge Regeln einschliest und die rechte Philosophie vor den Atheismum hält«.22 In Knobelsdorffs Bücherschrank spiegeln sich auch persönliche Beziehungen wider, und selbstverständlich findet man darin auch Werke von Schriftstellern, denen er in Berlin und Potsdam begegnet ist. Aufgrund der Quellenlage lässt sich allerdings nicht bestimmen, wie intensiv die Kontakte gewesen sind. Mit Voltaire (1694–1778) war Knobelsdorff zumindest oberflächlich bekannt. Voltaire wurde vom Kronprinz erstmals im Frühjahr 1737 auf Knobelsdorff aufmerksam gemacht, als dieser ihm ein Porträt schickte, das »un de mes gentilshommes, nommé Knobelsdorff« angefertigt habe. (Abb. 5) In dem Begleitschreiben vom 7. April stellte er Knobelsdorff als einen talentierten Maler dar, der animiert gewesen sei, sich selbst zu übertreffen, weil er wusste, dass dieses Porträt für ihn, Voltaire, bestimmt war.23 Am 2. Februar 1739 berichtete der Kronprinz, dass Knobelsdorff die Illustrationen für den geplanten Druck der Henriade angefertigt habe.24 Und am 2. Juni 1741 beruhigt er Voltaire, dass in der Schlacht von Mollwitz nicht »ce Knobelsdorff que vous connaissez« gefallen sei, sondern ein Major Knobelsdorff vom Dragoner-Regiment.25 Merkwürdigerweise besaß Knobelsdorff keine einzige Ausgabe der erstmals 1723 edierten Henriade, mit der er sich nachweislich beim Entwerfen der Vignetten befasst hatte. In seinem Bücherschrank hatte er aber Voltaires erstes naturphilosophisches Werk, die Elements de la philosophie de Neuton in der Erstausgabe von 1738 (No. 1), in dem er die neuen und in der akademischen Welt noch bei Weitem nicht etablierten Theorien Newtons darlegte und für europaweites Aufsehen sorgte.26 Die Histoire de Charles XII. Roi de Suede, die er in der korrigierten und erweiterten Ausgabe von 1739 besaß (No. 18), las Knobelsdorff sicherlich mit besonderer Aufmerksamkeit, denn er war, wie eingangs erwähnt, als junger Mann im Zuge des Pommernfeldzugs an den Kämpfen gegen den schwedischen König direkt beteiligt gewesen. Ferner besaß er die Lettres écrites de Londres sur les Anglois et autres sujets von 1736 (No. 151) sowie die ersten drei Bände der Basler Werkausgabe, die ab 1738 als Œuvres

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Martin Engel Abb. 5 Georg Wenzeslaus v. Knobelsdorff: Friedrich der Große als Kronprinz im Profil. Öl auf Leinwand, 1737, GK I 50455 (Schloss Charlottenburg). Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/Fotograf: Roland Handrick, F0019582.

de M. de Voltaire erschienen war (No. 187) – und nicht zuletzt auch den von Voltaire edierten Anti Machiavel von 1740 (No. 54). Von Jean-Baptiste de Boyer, Marquis d’Argens (1703–1771), der seit 1742 am Hof Friedrichs des Großen weilte und als königlicher Kammerherr zu dessen Vertrauten gehörte, besaß Knobelsdorff insgesamt fünf Bücher. Neben dem Erstlingswerk, den mit pikanten Anekdoten erzählten Mémoires de Monsieur le Marquis d’Argens von 1735 (No. 177), besaß er auch dessen von Pierre Bayle inspiriertes philosophisches Hauptwerk La philosophie du bon sens von 1737 (No. 96). Auch die nach dem Vorbild von Montesquieu als Briefroman verfassten Lettres juives von 1736 (No. 105) und die als Supplement seiner Memoiren erschienenen Lettres de M. le Marquis d’Argens aus dem Jahr 1738 (No. 158) standen in seinem Bücherschrank. Es fällt auf, dass diese vier Bücher in den 1730er Jahren gedruckt wurden und dem Frühwerk des Marquis d’Argens zuzuordnen sind. Nur ein einziges Buch stammt aus der Zeit, als der Marquis an der Berliner Académie Royale des Sciences et Belles-Lettres die Funktion des Direktors der Philosophischen Klasse innehatte.27 Dieses Buch trägt den etwas kryptischen Titel Lettres philosophiques et critiques Par Mademoiselle Co** avec les Résponses de Mr d’Arg*** und stammt aus dem Jahr 1744 (No. 188). Wie im Titel ange-

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kündigt, antwortet der Marquis darin auf die philosophischen und kritischen Briefe der jungen, in Berlin engagierten Schauspielerin Barbe Cochois (1723–1780), mit der er in einer nicht sehr standesgemäßen Form liiert war. In insgesamt 26 Kapiteln wird unter anderem die Frage thematisiert, ob Frauen die gleiche Bildung erhalten sollten wie Männer, und überraschenderweise ist dort auch erstmals die Rede abgedruckt, die der Marquis anlässlich der Erneuerung der Berliner Akademie der Wissenschaften am 23. Januar 1744 gehalten hatte.28 Abgesehen von der Tatsache, dass sich Knobelsdorff und der Marquis d’Argens in den Akademiesitzungen am 9. Februar 1747 und am 25. Januar 1748 begegnet waren, gibt es keine Hinweise, dass sich die beiden hin und wieder in der Entourage Friedrichs des Großen gesehen hätten. In einem Punkt gibt es jedoch eine erstaunliche Übereinstimmung: Beide ignorierten die gesellschaftlichen Konventionen und heirateten etwa zur gleichen Zeit ihre bürgerlichen Frauen, wobei man in beiden Fällen wohl von einer Art Liebesheirat ausgehen kann. Für Knobelsdorff bedeutete diese Heirat in letzter Konsequenz, dass er für die Legitimation seiner beiden Töchter später um eine besondere Genehmigung des Königs ansuchen musste.29 Insgesamt fällt auf, dass es sich bei den Büchern von Christian Wolff, Voltaire sowie des Marquis d’Argens zumeist um Schriften aus den 1730er Jahren handelt und Knobelsdorff etliche Werke, die der Frühaufklärung zugeordnet werden können, in Editionen der 1730er Jahre erworben hatte. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Knobelsdorff vor allem in den intensiven Jahren, in denen er zum Rheinsberger Freundeskreis des Kronprinzen gehörte, ein verstärktes Interesse an philosophischen Themen und aufklärerischem Gedankengut hatte. In den Briefen des Kronprinzen wird der geistige Austausch mit Knobelsdorff leider an keiner Stelle greifbar. Friedrich erwähnt ihn eher nebenbei als Boten oder als ausführenden Künstler, wie im Brief an seine Schwester Wilhelmine, in dem er am 9. November 1739 berichtet, dass Knobelsdorff die neue Fassade des Rheinsberger Schlosses zeichne.30 Lediglich in einem Schreiben, das Friedrich im März 1741 an den Kriegs-, Staats- und Kabinettsminister Heinrich von Podewils richtete, blitzt auf, dass Knobelsdorff zumindest mit den Vorlieben Friedrichs des Großen für Horaz vertraut war. Für den Fall, dass er in der kommenden Schlacht bei Mollwitz fallen sollte, bittet er Podewils, dass sein »Leib nach Römerart verbrannt und in einer Urne in Rheinsberg beigesetzt werde« und Knobelsdorff ihm ein Grabdenkmal errichten möge, »wie das des Horaz im Tuskulum«.31 Wie schwierig die Rekonstruktion des Gedankenaustauschs zwischen Knobelsdorff und Friedrich dem Großen ist, zeigt die Tatsache, dass Knobelsdorff zwar zwei kommentierte Ausgaben der Werke des Horaz besaß – das mehrbändige Standardwerk Remarques Critiques Sur Les Œuvres D’Horace des bereits in anderem Zusammenhang genannten französischen Hofbibliothekars André Dacier von 1681 (No. 91) und eine neuere Übersetzung des als Librettist von Rameaus Oper Hippolyt et Aricie bekannten Abbé Pellegrin von 1715 (No. 122) –, das als Vorbild dienende Horaz’sche Grab hingegen bislang nicht wirklich bestimmt werden konnte.32 Umso wichtiger sind deshalb die Aussagen von Jakob Friedrich von Bielfeld, der

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in seinen Lettres familières den Rheinsberger Freundeskreis um den Kronprinzen Friedrich beschrieb. In seinem Brief vom 30. Oktober 1739 charakterisiert er Knobelsdorff als einen Herrn »von einem ernsthaften Betragen, und von einer etwas finsteren Miene, allein von wesentlichen Verdiensten. Sein äußerliches Ansehen hat weder etwas artiges noch hofmäßiges: allein er ist deswegen nicht weniger verehrungswürdig. […] Wenn man den Verstand als eine Person schildern wollte, so könnte der Herr von Knobelsdorff das Bild darzu abgeben. Sein Umgang ist lehrreich, und er besitzt in der Baukunst, in der Zeichnung, und in der Malerey sehr vorzügliche Geschicklichkeiten«.33 Auch wenn diese Beschreibung eher summarisch ist und nicht in die Tiefe geht, wird klar, dass Knobelsdorff von seinen Freunden als blitzgescheit wahrgenommen wurde. Mit Bielfeld pflegte Knobelsdorff offenbar einen freundschaftlichen Umgang, und als dieser Anfang 1741 nach London reiste, bat er ihn, ihm ein Buch von Inigo Jones zu besorgen. Dieser einzige nachweisbare Bucherwerb Knobelsdorffs ist in einem Brief, den Bielfeld am 10. März 1741 aus London schickte, festgehalten. Darin teilt Bielfeld mit, dass er »ein Päcktchen mit des berühmten Innigo Jones sämmtlichen Schriften über die Baukunst, die Sie von mir verlangt haben«, einem Kapitän mitgegeben habe, der gerade nach Hamburg aufgebrochen sei.34 Vermutlich handelt es sich bei diesem Buch um die von Giacomo Leoni herausgegebenen und mit den Kommentaren von Inigo Jones versehenen Quattro Libri dell’Architettura von Andrea Palladio, die nach drei sehr erfolgreichen Ausgaben in englischer Sprache im Jahr 1726 auch in französischer Übersetzung erschienen sind. Zumindest ist dieses Buch das einzige in Knobelsdorffs Büchersammlung, das Texte von Inigo Jones enthält (No. 6 fol.). Bielfeld hatte offenbar selbst großes Interesse an der Baukunst und führt in seinem Brief weiter aus, dass nur wenige Entwürfe von Inigo Jones tatsächlich gebaut wurden. Vor allem lobt er das Banqueting House, das als einziger Part des geplanten großen Palastes für die englischen Könige realisiert worden sei, und bittet dann Knobelsdorff, ihm seine Gedanken zu den »Zeichnungen« von Inigo Jones mitzuteilen, die er ihm ebenfalls mitgeschickt habe. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei diesen Zeichnungen um das Buch The designs of Inigo Jones, die von William Kent 1727 in London veröffentlicht wurden. Dieses Buch, in dem die großformatigen Grund- und Aufrisse für eben jenen White­hall Palace veröffentlicht wurden, hat Knobelsdorff – sofern es ihn wirklich je erreicht hat – an einen Dritten weitergegeben. Im Verzeichnis seiner Bücher ist es jedenfalls nicht zu finden. Kommen wir abschließend zu der entscheidenden Frage, wie Knobelsdorff die literarischen Werke für seine künstlerische Tätigkeit nutzen konnte. Der weite Bereich der Historie und die vielen Werke zur Geschichte sind, soweit wir das aus heutiger Sicht beurteilen können, von ihm nicht in Malerei umgesetzt worden. Zumindest sind Historienbilder von seiner Hand nicht bekannt. Als Maler hat Knobelsdorff vor allem Porträts und Landschaftsbilder geschaffen. Seine Natur- und Landschaftsauffassung ist nicht nur in den ausgearbeiteten Ölbildern, sondern auch in den zahlreich erhaltenen Zeichnungen

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Abb. 6 Georg Wenzeslaus v. Knobelsdorff: Landschaft mit höfischer Gesellschaft. Öl auf Leinwand, 1746, GK I 51203 (Schloss Charlottenburg). Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/Fotograf: Jörg P. Anders, F0030601.

nachvollziehbar. Es sind zumeist ruhige Landschaftsausschnitte mit Häusern oder Gewässern oder Studien zu einzelnen Bäumen und Baumgruppen.35 Gelegentlich erscheinen in seinen Landschaften auch heitere Paare beim Spaziergang und höfische Gesellschaften auf parkartigen Lichtungen (Abb. 6). Das von Friedrich dem Großen im Nachruf beschworene »Feuer der Leidenschaft«, das den Maler in gleicher Weise wie den Schriftsteller antreibe, ist wohl eher eine poetische Figur, die Knobelsdorffs Charakter in ein günstiges Licht rücken sollte, aber nicht unbedingt zur Beschreibung seiner Gemälde geeignet ist.

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Abb. 7 Ringerkolonnade am Potsdamer Stadtschloss. 1746. Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bildarchiv, 22 e 10/1634.8.

Knobelsdorff, der vor allem als Architekt bekannt ist, hatte sich im Rahmen seiner Entwurfstätigkeit auch mit dem skulpturalen Schmuck der Gebäude zu befassen. In diesem Bereich gibt es einige offene Fragen, die sich mithilfe seines Bücherschatzes zumindest ansatzweise klären lassen. An den Fassaden des Berliner Opernhauses, seinem ersten architektonischen Hauptwerk, gibt es eine Serie von sechzehn Reliefs mit mythologischen Szenen, in denen Musik und Schauspiel thematisiert sind.36 Bislang konnte man nur vermuten, dass die durchdachte Auswahl der Motive und die Konzeption der quadratischen Reliefplatten auf Knobelsdorff zurückgehen. Allein aufgrund der Tatsache, dass Knobelsdorff drei Fassungen von Ovids Metamorphosen besessen hat, kann diese Vermutung als gesichert gelten. In gleicher Weise gilt dies auch für das üppige Figurenprogramm auf der Attika und in den Nischen des Opernhauses. Dort sollten insgesamt 22 Schriftsteller, Sänger und Schauspieler der Antike präsentiert werden. Neben so bekannten Autoren wie Horaz, Plutarch und Terenz erscheinen dort auch weniger geläufige Personen wie der Lyriker Archilochos oder der von Horaz und Cicero gelobte Schauspieler Roscius sowie der erste Musiktheoretiker Aristoxenos. Nicht nur, dass viele der dort vorgesehenen Schriftsteller zum Bildungskanon der Zeit gehörten und Knobelsdorff die Werkausgaben von etlichen dieser antiken Autoren in seinem Bücherschrank hatte, er besaß auch den einschlägigen Abrégé des vies des poètes, historiens et orateurs grecs et latins von Charles Fourré aus dem Jahr 1707 (No. 138). Wie in mehreren Studien zur friderizianischen Architektur nachgewiesen wurde, kombinierte Knobelsdorff bei seinen Entwürfen für das Berliner Opernhaus und auch beim Schloss Sanssouci Vorbilder aus bekannten Kupferstichwerken. Zu nennen sind für das Opernhaus Leonhard Christoph Sturms Vollständige Anweisung, Grosser Herren Palläste starck […] schön und prächtig anzugeben von 1718 und Colen Campbells Vitruvius Britannicus von 1715, die Knobelsdorff beide nicht selbst besaß, bei Sanssouci die schon mehr-

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Abb. 8 Gladiator, Tafel Nr. 91 aus: Recueil des marbres antiques qui se trouvent dans la Galerie du Roy de Pologne à Dresden […]. Dresden 1733. SLUB Dresden, Signatur: 31.gr.2.1.a.

fach erwähnte Architecture françoise von Jean Mariette.37 Etwas kniffliger erweist sich der Fall bezüglich der Entstehung der berühmten Ringerkolonnade am Potsdamer Stadtschloss (Abb. 7). Zweifellos stammt deren Entwurf von Knobelsdorff, zumindest gibt es verlässliche Hinweise auf seine Autorschaft und dazu passende Rechnungen aus dem Jahr 1744.38 Ungeklärt ist aber, woher die Inspiration zu dieser einmaligen Kombination des Kolonnadenmotivs mit Ringern und Fechtern kommt. Die Kolonnade ist bei Knobelsdorff ein wiederkehrendes Motiv, das er sehr wahrscheinlich unter dem Eindruck von Berninis Petersplatzkolonnaden entwickelt und am Schloss Rheinsberg erstmals eingesetzt hat. Er wiederholte es beim Entwurf für das nicht realisierte Prachtschloss am Forum Fridericianum und später bei Schloss Sanssouci. Für die einmalige Kombination mit den Skulpturen ließ sich bislang kein direktes Vorbild benennen. Vermutlich geht sie auf Knobelsdorffs Auseinandersetzung mit dem Skulpturenschmuck am Opernhaus zurück, für den er sicherlich auch in seiner Bibliothek nach Anregungen suchte. In einem der prachtvollsten Werke zur antiken Skulptur, im Recueil des marbres antiques que se trouvent dans la Galerie du Roy de Pologne à Dresden aus dem Jahr 1732 (No. 4 fol.), konnte er etliche Abbildungen von Gladiatoren und Ringern finden (Abb. 8), die bestens als Vorlagen für die Figurengruppen dienen mochten (Abb. 9). Sehr eindrücklich sind auch die Darstellungen der berühmten antiken Ringergruppe, die einst den Medici gehörte und sich heute in den Uffizien befindet. Im großformatigen Kupferstichwerk Signorum Veterum icones von Jan de Bisschop (No. 40 fol.), das Knobelsdorff ebenfalls besessen hat, sind die beiden ineinander verschlungenen Ringer sogar aus fünf unterschiedlichen Perspektiven gezeigt (Abb. 10). Bei Knobelsdorffs Entwurfstätigkeit ist allerdings die Rolle des Bauherrn nicht zu unterschätzen. Mit Friedrich dem Großen stand Knobelsdorff in mehr oder weniger engem Kontakt, sodass der Gedankenaustausch über die Entwürfe nicht in Form von schriftlichen Anweisungen oder Briefen, sondern im direkten Gespräch stattfand und allenfalls indirekt erschlossen werden kann. Wie in der Analyse der Knobelsdorff ’schen Bibliothek gezeigt wurde, war Knobelsdorff nicht allein an Kunst und Architektur interessiert, sondern be-

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Abb. 9 Johann August Nahl, vermutlich nach Entwurf von G. W. v. Knobelsdorff: Gebückte Ringergruppe am Potsdamer Stadtschloss. 1746. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten BerlinBrandenburg/Fotograf: unbekannt, F0001108.

Abb. 10 Antike Ringergruppe, Tafel Nr. 21 aus De Bisschops, Jan: Signorum Veterum Icones […]. O.O., o.J. [ca.1672-1689]. © British Museum, Signatur: 1850,0810.674.

schäftigte sich auch mit philosophischer und aufklärerischer Literatur und hatte also auch von dieser Seite das Rüstzeug für Kritik, von der Friedrich im Nachruf schreibt: »Er liebte die Wahrheit und glaubte, sie verletzte niemanden.«39

Anmerkungen 1

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Die Architekturbücher der Knobelsdorff ’schen Bibliothek wurden bereits in einer eigenen Studie vorgestellt und werden hier nicht ausführlich thematisiert, vgl. Engel, Martin: Die Bibliothek des preußischen Hofarchitekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (mit vollständigem Bücherverzeichnis), in: Barock in Mitteleuropa. Werke – Phänomene – Analysen. Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, Bd. LV/LVI. Wien/ Köln/Weimar 2007, S. 435–456. Einen allgemeinen Überblick bietet eine zweite Studie zu diesem Thema: Engel, Martin: Die Bibliothek des preußischen Hofarchitekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699–1753), in: Schneider, Ulrich Johannes (Hg.): Kulturen des Wissens im 18. Jahrhundert. Berlin 2008, S. 203–210. Zu den biografischen Daten siehe: Knobelsdorff, Wilhelm von: Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, der Baumeister und Freund Friedrichs des Großen. Berlin 1861; Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): »Zum Maler und zum grossen Architekten geboren«. Georg Wenzeslaus von Knobels-

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dorff. 1699–1753. Ausstellungskatalog. Berlin 1999 (im Folgenden mit »Kat. Knobelsdorff (1999)« bezeichnet). 3 Zur Festungsbaukunst waren weitere Werke vorhanden: Speckle, Daniel: Architectura von Vestungen. 1608 (No.46 fol.), de La Feuille, Daniel: Atlas portatif, ou le theatre de la guerre en Europe. 1702 (No. 70 fol.) und Sturm, Leonhard Christoph: Architectura militaris. 1719 und 1720 (No. 82 quart. und No. 98 quart.). 4 Der ein Jahr ältere Heinrich August de la Motte Fouqué (1698–1774), dessen militärische Laufbahn ebenfalls im Pommernfeldzug begann, wurde schon 1719 zum Premier-Lieutenant und 1723 zum Stabs-Capitain befördert. 1729 war er bereits Kompaniechef. 5 Die Eloge in der von Gustav Berthold Volz herausgegebenen Übersetzung von Friedrich von Oppeln-Bronikowski ist abgedruckt im Kat. Knobelsdorff (1999), S. 10–14. 6 Berckenhagen, Ekhart: Antoine Pesne. Berlin 1958, S. 21. 7 Siehe dazu: Lowengard, Sarah: The Creation of Color in Eighteenth-century Europe. New York 2006. 8 Vermutlich handelt es sich um das Bild Bacchant und Menade mit einem jungen Faun, das sich heute in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin befindet. Dazu: Engel, Martin: Die Knobelsdorffsche Kunstsammlung, in: Kat. Knobelsdorff (1999), S. 150–163, Kat. Nr. VIII.1. 9 Germer, Stefan: Kunst, Macht, Diskurs. Die intellektuelle Karriere des André Félibien im Frankreich von Louis XIV. München 1997, S. 347ff., 370ff. 10 Ebd., S. 336, 354, 379ff. 11 Zu Sandrart siehe: Thimann, Michael: Gedächtnis und Bildkunst. Die Ordnung des Künstlerwissens in Joachim Sandrarts Teutscher Academie. Freiburg 2007. 12 Kat. Knobelsdorff (1999), S. 13. 13 Ebd. 14 Zu den Auswirkungen der Schriften von Desargues auf die Pariser Académie royale de peinture et de sculpture vgl. Schneider, Pablo: Eine Frage der Deutungshoheit. Wissenschaftlicher Bilderkrieg in Paris um 1650, in: Gegenworte, 20 (2008), S. 44–48. 15 Gürsching, Heinrich: Johann Jacob Schübler. Ein Nürnberger Baumeister des Barockzeitalters, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte der Stadt Nürnberg, Bd. 35. Nürnberg 1937, S. 19–57, hier S. 30. 16 Senarclens, Vanessa de: Missverständnisse – Friedrich der Große als Leser von Montesquieus Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence (1734), in: Schmidt-Haberkamp, Barbara/ Steiner, Uwe/Wehinger, Brunhilde (Hg.): Europäischer Kulturtransfer im 18. Jahrhundert. Literaturen in Europa – Europäische Literatur? Berlin 2003, S. 149–162. 17 Dazu: Voegelin, Eric: Apostasie oder: Die Entstehung der säkularisierten Geschichte – Bossuet und Voltaire. München 2006. 18 Wehinger, Brunhilde (Hg.): Friedrich der Große als Leser. Berlin 2012. 19 Preuss, Johann D. (Hg.): Œuvres de Frédéric le Grand, 31. Bde. Berlin 1849–1857 (im Folgenden mit »Œuvres de Frédéric le Grand« benannt). Bd. 16, S. 115. Zu Manteuffels Rolle als Förderer der Ideen von Christian Wolff siehe: Bronisch, Johannes: Der Mäzen der Aufklärung. Ernst Christoph von Manteuffel und das Netzwerk der Aufklärung. Berlin 2010. 20 Œuvres de Frédéric le Grand. Bd. 16, S. 303. 21 Zu Graf Manteuffel und zur Société des Aléthophiles vgl. Bronisch, Johannes: Der Mäzen der Aufklärung. Ernst Christoph von Manteuffel und das Netzwerk des Wolffianismus. Berlin 2010, S. 112–136. 22 Zit. nach Kat. Knobelsdorff (1999), S. 15. 23 Œuvres de Frédéric le Grand. Bd. 21, S. 56. 24 In einem Brief vom 16. Mai 1739 berichtete Friedrich erneut über die von Knobelsdorff entworfenen Vignetten für die geplante, aber letztlich nicht gedruckte Prachtausgabe der Henriade. Siehe: Œuvres de Frédéric le Grand. Bd. 21, S. 299, 324. 25 Œuvres de Frédéric le Grand. Bd. 22, S. 77. 26 Zur Bedeutung dieser Schrift vgl. Wahsner, Renate: Einleitung in: Wahsner, Renate/Borzeszkowski,

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Martin Engel Horst-Heino von (Hg.): Voltaire. Elemente der Philosophie Newtons. Verteidigung des Newtonianismus. Die Metaphysik des Neuton. Berlin 1997, S. 1–78. Siehe dazu: Häseler, Jens: Der Marquis d’Argens und die Berliner Akademie, in: Seifert, Hans-Ulrich (Hg.): Der Marquis d’Argens. Wiesbaden 2004, S. 77–91. Zur Biografie des Marquis d’Argens siehe auch die von Hans-Ulrich Seifert eingerichtete Website der UB Trier [URL: http://ub-dok.uni-trier.de/argens/]. Argens, Jean-Baptiste de Boyer d’: Lettres philosophiques et critiques […]. La Haye 1744, S. 84–98. Zum rechtlichen Hintergrund siehe: Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste. Leipzig 1731–1750, Bd. 19, Sp. 2086–2087, Stichwort: Matrimonium ad morganaticam und Hull, Isabel V.: Sexuality, State, and Civil Society in Germany 1700–1815. Ithaka (NY) 1996, S. 88. Œuvres de Frédéric le Grand. Bd. 27.1, S. 84f. »Knobelsdorff doit en ce cas me faire un monument comme celui d’Horace à Tusculum«, zit. nach: Œuvres de Frédéric le Grand. Bd. 1, S. 201. Zum Grab des Horaz siehe: Bickel, Ernst: Caesar Augustus als Achilles bei Vergil Horaz Properz, in: Rheinisches Museum für Philologie, N. F., 99:4 (1956), S. 349; Winter, Sascha: Im ewigen Kreislauf der Natur. Begräbnisse des Adels in Gärten des späten 17. u. 18. Jahrhunderts, in: Düselder, Heike u. a. (Hg.): Adel und Umwelt. Horizonte adeliger Existenz in der Frühen Neuzeit. Köln/Weimar/Wien 2008, S. 105– 130, hier S. 116. Bielfeld, Jakob von: Des Freiherrn von Bielfeld freundschaftliche Briefe nebst einigen andern. Aus dem Französischen. Bd. 1. Danzig 1765, S. 91f. Ebd., S. 347. Zu den Landschaftszeichnungen vgl. Badstübner-Gröger, Sibylle: Knobelsdorff und die märkische Landschaft, in: Kat. Knobelsdorff (1999), S. 72–76, 187–204. Zum Skulpturenprogramm am Opernhaus vgl. Badstüber-Gröger, Sibylle: Aufgeklärter Absolutismus in den Bildprogrammen friderizianischer Architektur?, in: Frontius, Martin (Hg.): Friedrich II. und die europäische Aufklärung, Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, N. F., Beiheft 4. Berlin 1999, S. 29–71; Engel, Martin: Das Forum Fridericianum und die monumentalen Residenzplätze des 18. Jahrhunderts. Diss. FU Berlin 2001, S. 106–112. Siehe dazu: Engel 2001, S. 99ff; Giersberg, Hans-Joachim: Schloss Sanssouci. Die Sommerresidenz Friedrichs des Großen, Berlin 2005, S. 44f. Zur Ringerkolonnade siehe: Bleibaum, Friedrich: Johann August Nahl. Baden b. Wien 1932; Mielke, Friedrich: Die Kolonnaden des Potsdamer Stadtschlosses, in: Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte, 44 (1993), S. 53–68; Hüneke, Saskia: Die Säulen- und Kolonnadenarchitektur Knobelsdorffs, in: Kat. Knobelsdorff (1999), S. 119–126; Giersberg, Hans-Joachim: Das Potsdamer Stadtschloss. Berlin 1998, S. 60. Kat. Knobelsdorff (1999), S. 14.

Bibliografie Argens, Jean-Baptiste de Boyer d’: Lettres philosophiques et critiques […]. La Haye 1744. Badstübner-Gröger, Sibylle: Aufgeklärter Absolutismus in den Bildprogrammen friderizianischer Architektur?, in: Frontius, Martin (Hg.): Friedrich II. und die europäische Aufklärung, Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, N. F., Beiheft 4. Berlin 1999, S. 29–71. Badstübner-Gröger, Sibylle: Knobelsdorff und die märkische Landschaft, in: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): »Zum Maler und zum grossen Architekten geboren«. Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. 1699–1753. Ausstellungskatalog. Berlin 1999, S. 72–76.

Bücherschrank des Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff

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Martin Engel

Preuss, Johann D. (Hg.): Œuvres de Frédéric le Grand, 31 Bde. Berlin 1849–1857. Schneider, Pablo: Eine Frage der Deutungshoheit. Wissenschaftlicher Bilderkrieg in Paris um 1650, in: Gegenworte, 20 (2008), S. 44–48. Senarclens, Vanessa de: Missverständnisse – Friedrich der Große als Leser von Montesquieus Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence (1734), in: Schmidt-Haberkamp, Barbara/Steiner, Uwe/Wehinger, Brunhilde (Hg.): Europäischer Kulturtransfer im 18. Jahrhundert. Literaturen in Europa – Europäische Literatur? Berlin 2003, S. 149–162. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): »Zum Maler und zum grossen Architekten geboren«. Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. 1699–1753. Ausstellungskatalog. Berlin 1999. Thimann, Michael: Gedächtnis und Bildkunst. Die Ordnung des Künstlerwissens in Joachim Sandrarts Teutscher Academie. Freiburg 2007. Voegelin, Eric: Apostasie oder: Die Entstehung der säkularisierten Geschichte – Bossuet und Voltaire. München 2006. Wahsner, Renate: Einleitung, in: Wahsner, Renate/Borzeszkowski, Horst-Heino von (Hg.): Voltaire. Elemente der Philosophie Newtons. Verteidigung des Newtonianismus. Die Metaphysik des Neuton. Berlin 1997, S. 1–78. Wehinger, Brunhilde (Hg.): Friedrich der Große als Leser. Berlin 2012. Winter, Sascha: Im ewigen Kreislauf der Natur. Begräbnisse des Adels in Gärten des späten 17. u. 18. Jahrhunderts, in: Düselder, Heike u. a. (Hg.): Adel und Umwelt. Horizonte adeliger Existenz in der Frühen Neuzeit. Köln/Weimar/Wien 2008, S. 105–130. Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste. Leipzig 1731–1750, Bd. 19, Sp. 2086–2087, Stichwort: Matrimonium ad morganaticam.

Elisabeth Tiller

Die repräsentative Raumpolitik Augusts des Starken in Polen1

1.

Friedrich August I. (1670–1733) und Kursachsen

Für den sächsischen Kurfürsten Friedrich August I., der 1694 seinem verstorbenen Bruder im Amt nachfolgt, kollidieren von Beginn an machtpolitischer Anspruch und realpolitische Gegebenheiten. Sachsen präsentiert sich 1694 als vergleichsweise rückständiger Ständestaat, der von den Interessen des Adels und der urbanen Eliten gelenkt wird. Friedrich Augusts absolutistische Ordnungsvorstellungen begründen in den folgenden Jahren eine Reihe struktureller Neuordnungen. Administrative Reformen, Zentralisierung und Vereinheitlichung der Ämterstruktur, die Generierung einer loyalen Beamtenschaft, eine merkantilistische Wirtschaftspolitik sowie der Aufbau eines stehenden Heeres werden als zeitgemäße Herrschaftsinstrumente von einer Reihe spezifisch sächsischer Maßnahmen begleitet.2 Friedrich August I. veranlasst die Einsetzung eines Generalrevisionskollegiums kurz nach seiner Wahl und noch vor seiner Krönung zum polnischen König als August II. im Jahre 1697,3 um die Steuerverwaltung in Sachsen gegen das Steuerbewilligungsrecht der Stände bis zum Ende des Jahrhunderts neu zu ordnen. Diese anfangs nur schleppend erfolgreiche Strategie mündet 1702 in den Erlass der General-Konsumtions-Akzise, einer in den Städten erhobenen indirekten Verbrauchssteuer auf Güter des täglichen Bedarfs, die nun von einer dem Landesfürsten direkt unterstellten obersten Steuerbehörde eingetrieben wird. Die landesherrlichen Kassen werden ebenfalls einer eigenen Behörde unterstellt. Die Neuordnung der politischen Einflussbereiche sieht seit der Übernahme der polnisch-litauischen Königswürde 1697 die Einsetzung eines nicht sächsischen Statthalters vor, des katholisch-schwäbischen Reichsfürsten Anton Egon von Fürstenberg, dem während der langen Abwesenheiten des neuen polnischen Monarchen die sächsischen Regierungsgeschäfte übertragen werden. 1704 richtet August II. eine Geheime Kabinettsexpedition ein, eine aus der fürstlichen Kammerkanzlei hervorgegangene oberste Behörde für Außen- und Finanzpolitik, aus der im Juni 1706 das ständeunabhängige Geheime Kabinett und damit eine Zentralbehörde hervorgeht, welche die Minister für Äußeres, Inneres und Militär stellt.4 Die so seit den Neunzigerjahren brüskierten sächsischen Stände, die nach

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1711, abgesehen von der Bewilligung direkter Steuern und der Beschwerdeführung auf den Landtagen, nur noch sehr eingeschränkt politischen Einfluss geltend machen können, bilden demgemäß eine frühe, anfangs sehr mächtige und vor allem kontinuierliche Opposition im sächsischen Staat, welche die Regierungszeit Augusts bis zu seinem Tod im Jahre 1733 begleiten wird.

2.

August II. und die polnisch-litauische Union

Der für eine Militärkarriere ausgebildete Friedrich August I. denkt also bereits zu Beginn seiner Regierungszeit als sächsischer Kurfürst über die sächsischen Verhältnisse hinaus und nimmt, wie zuvor sein Vater Johann Georg III. und sein Bruder Johann Georg IV.,5 den polnischen Thron und das Reich in den Blick: Fernziel ist die Erlangung der Kaiserwürde, der er seit der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre zuarbeitet. Der geheime Übertritt zum katholischen Glauben Pfingsten 1697 visiert so nicht allein die polnisch-litauische Union an, sondern zielt bereits auf höhere Würden – und beschert dem sächsischen Kurfürsten weiteren Widerstand im protestantischen Kernland Sachsen, der stetes Konfliktpotenzial bergen wird. Friedrich August I. kann wider alle Vorhersagen im Juni 1697 tatsächlich die polnische Königswahl6 gegen den französischen Kandidaten, den im ersten Wahlgang siegreichen Prinzen François Louis de Bourbon, Prince de Conti, sowie rund 15 weitere Bewerber für sich entscheiden. Der sächsische Kurfürst geht aus der unübersichtlichen Gemengelage divergierender machtpolitischer Interessen durch diplomatisches und militärisches Geschick, den Einsatz enormer Bestechungssummen und die Erzwingung einer Wahlwiederholung als Sieger hervor – nachdem er zu verhindern wusste, dass Conti, der Kandidat des polnischen Adels, zum zweiten Wahlgang von Frankreich aus rechtzeitig zurück in Warschau eintraf. Den schließlich nach langen Verhandlungen endgültig im September 1697 in Krakau als August II. zum polnischen König und litauischen Großfürsten gekrönten Monarchen (Abb. 1) erwartet sodann eine Fülle kaum lösbarer politischer Aufgaben. Die sächsische Herrschaft in der durch unversöhnliche Streitigkeiten zwischen Magnaten und niederem Adel politisch unruhigen Adelsrepublik Polen, der Rzeczpospolita, erweist sich rasch als raumpolitische Herausforderung. Im Verlauf der 36 Jahre währenden Regentschaft Augusts des Starken7 lässt sich deshalb exemplarisch das anhaltende Bemühen um die Herstellung eines absolutistischen Herrschaftsraumes verfolgen, wie August ihn in Anlehnung an das französische Vorbild im Sinne hatte: die Herstellung einer zentralistisch-souveränen Ordnung in einer polnisch-litauisch-sächsischen Union. Der politische Zusammenschluss des Kurfürstentums Sachsen, des Königreichs Polen sowie des Großfürstentums Litauen hat dabei nicht allein mit einer räumlich-territorialen Separation umzugehen. Schwer wiegen insbesondere die strukturellen Differenzen, die, wohl durchaus zur Überraschung des lediglich ansatzweise informierten Monarchen,8 machtpolitisch nahezu konträr

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Abb. 1 Vermutlich Martin Bernigeroth: Friedrich August, Jetzt Regierender König in Pohlen und Churfürst zu Sachsen etc., in: Fassmann, David: Des Glorwürdigsten Fürsten und Herrn, Herrn Friedrich Augusti, des Großen, Königs in Pohlen und Churfürst zu Sachsen, etc. Leben und Helden-Thaten […]. Frankfurt am Main/Leipzig 1734, Frontispiz.

funktionalisiert sind. Augusts politische Pläne sollten dabei mit polnischen und litauischen Gegebenheiten derart konfligieren, dass an den Aufbau einer absolutistischen Herrschaft, die Etablierung einer europäischen Großmacht auf Augenhöhe und damit die Einbindung der Wettiner in die elitären europäischen Dynastien, insbesondere aber an das politische Fernziel der Kaiserwahl bald nicht mehr zu denken war. Augusts beizeiten erledigte Konversion zum Katholizismus, die ihm den erbitterten Widerstand der sächsischen Stände, im Gegenzug jedoch die Unterstützung von Kaiser und Papst eintragen wird, sollte ihm im Jahre 1705 und 1711 zwar in der Tat das Amt des Reichsvikars, also des Verwalters der Interessen des unbesetzten Kaiserthrons bescheren. Diese Reichsämter können jedoch in der polnisch-litauischen Union keinen politischen Effekt entfalten. Selbiges gilt für sein aufwändiges Warschauer Festprogramm, das er in Verkennung polnischer Konventionen im Beisein seiner Mätressen bestreitet.9 Die fortgesetzten Verstöße gegen den katholischen Anstandskodex werden ihm in Polen anhaltendes Misstrauen und eine handfeste Blockadepolitik der katholischen Adeligen bescheren, die an einer Festigung ihrer Kontrollfunktion interessiert sind. So gelangt eine Vielzahl der zustimmungsrelevanten sächsischen Projekte zur Herstellung einer einheitlichen

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herrschaftlichen Territorialordnung nicht einmal ansatzweise zur Umsetzung. Dem sächsischen Monarchen bleibt die Exekutivgewalt entzogen: Die intendierte innenpolitische Verfügungsmacht lässt sich gegen den Willen des Sejm nicht herstellen, welcher zudem über die durch den Monarchen einzuholende Erlaubnis, das Land verlassen zu dürfen, zu befinden hat. Während seiner Aufenthalte in Sachsen wird August II. denn auch durch einen durch den Sejm ernannten Interrex, den Primas von Polen nämlich, vertreten, der polnische Adels­interessen wahren soll.10 An eine Maximierung souveräner Macht ist so nicht zu denken, die sächsische Generierung einer neuen europäischen Großmacht zwischen den russischen, habsburgischen und brandenburgisch-preußischen Territorien scheitert auf ganzer Linie – unter anderem auch aufgrund der militärischen Misserfolge der sächsisch-polnischen Truppen. Die Realisierung einer machtstrategisch, militärisch, ökonomisch, administrativ, infrastrukturell und raumsymbolisch befestigten Ordnung staatlicher Souveränität kann aufgrund des realen Machtdefizits Augusts kaum in Angriff genommen werden.11 Die während des 17. Jahrhunderts in Frankreich entwickelte absolutistische Staatsraison, die eine zentralistische, auf merkantilistisch optimierte Zirkulation von Menschen und Waren, von Ideen und Techniken basierende Territorialordnung vorsieht und hierfür eine landesweit funktionierende Verwaltung, einen militärischen Sicherheitsapparat, eine polizeiliche Systematisierung sowie eine hierfür unabdingbare Verkehrswegeinfrastruktur benötigt, trifft in der sächsisch-polnischen Union von Beginn auf vielfältige Hindernisse. Der politische Wille Augusts findet sich vielmehr verkehrt, die Befugnisse der Adelsgesellschaft innerhalb der Rzeczpospolita werden verfestigt und erweitert, sodass der sächsische Monarch im strategischen Stellungskampf mit dem polnischen Adel verschiedentlich, etwa anlässlich des Aufstandes der Konföderation von Tarnogród 1715/16, auf militärische Gewalt, genauer auf russische Truppen, zurückgreifen muss. August, der im Frühjahr 1697 in der Denkschrift Umb Pohlen in flor und in ansehung gegen seine nachtbarn zu setzen […]12 noch geplante Maßnahmen im Sinne der absolutistischen Doktrin erläutert, scheitert bereits am Hauptstadtproblem: Die zentrifugal emanierende Metropole als ideale Ortung der Souveränität, die Alexandre Le Maître 1682 in La Metropolitée im Sinne der absolutistischen Doktrin beschrieben hatte, geht zwischen Dresden, Warschau und Grodno, Hauptstadt des litauischen Territoriums und alternierender Tagungsort der polnisch-litauischen Reichstage, schlichtweg verloren. Die absolutistische Gleichsetzung von souveräner Macht und Ausdehnung des Territoriums wird im sächsisch-polnischen Falle also bereits durch die institutionelle Verfasstheit der Rzeczpospolita durchbrochen, die als Realunion Polen-Litauen von 1569 bis 1795 Bestand hat. Der seit 1652 institutionalisierten Wahlmonarchie, die auch Nichtpolen eine Kandidatur erlaubt, steht im Königreich eine von magnatischen Partikularinteressen getragene Adelsvertretung gegenüber, der Sejm,13 sowie der Senat mit 140 Senatoren auf Lebenszeit,14 welcher die Außenpolitik des Königs zu kontrollieren hat. August muss jedoch, als

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Folge seiner außenpolitischen Misserfolge, ohnehin mit der Verwirklichung seiner Herrschaftsansprüche erst einmal bis 1710 zurückstehen. Nachdem er nämlich bereits 1699 den livländischen Ständen die Rückgewinnung Livlands für Polen aus schwedischem Besitz zugesichert sowie mit Dänemark-Norwegen und Russland ein Bündnis gegen Schweden geschlossen hatte, beginnt er mit dem Einmarsch in Livland und der Belagerung Rigas jenen Nordischen Krieg, den der schwedische König Karl XII. in den Jahren 1700 bis 1721 gegen die Verbündeten Polen-Sachsen und Russland führen wird. Die Kriegshandlungen haben empfindliche Niederlagen des sächsisch-polnischen Heeres zur Folge. Die schwedische Armee dringt 1702 ohne nennenswerten Widerstand in Polen ein, erobert Warschau und Krakau und vernichtet die polnischen Truppen bei Kliszów. In der Folge zwingt die von Karl XII. dirigierte Warschauer Generalkonföderation 1704 August zum Rücktritt von der polnischen Königswürde, die nach ordnungsgemäßer Wahl in Wola als Interregnum vom Palatin von Posen, Stanisław Leszczyński, übernommen wird.15 Eine Rückkehr ins polnische Amt beschert ihm erst die Niederlage Karls XII. bei Poltawa (1709) gegen das russische Heer, wobei der Sieger Zar Peter I. fortan intensiven Einfluss auf die polnischen Angelegenheiten nehmen wird. Der Rat der Konföderation von Sandomierz setzt August wieder in sein Königsamt ein und schwört aufgrund innenpolitischer Zugeständnisse und außenpolitischer Zwänge August erneut die Treue. Die sächsische Regentschaft in der Rzeczpospolita kommt folglich nur schleppend in Gang. Augusts seit 1710 mitunter restriktiver Umgang mit politischen Gegnern und seine wiederholten Versuche zur Ausschaltung des selbstbewussten Sejm münden schließlich als Folge des Bürgerkrieges im Jahre 1716, den August mithilfe russischer Truppen zu lösen versucht, nicht etwa in einen sächsischen Staatsstreich zur Herstellung einer sächsischen Erbmonarchie, sondern in den Warschauer Frieden, der den Einfluss der polnisch-litauischen Stände für die folgenden Jahrzehnte rekonsolidiert. Für August erschwert sich die politische Situation erheblich: Im Folgejahr wird in der vom Sejm beschlossenen Konstitution von 1717 eine strikte Kontingentierung der sächsischen Militärpräsenz in Polen (zugestanden werden noch 1.200 Mann, spezifiziert als zwei oder drei sächsische Kavallerieregimenter zum persönlichen Schutz des sächsischen Monarchen)16 und der Ausschluss sächsischer Beamter aus polnischen Angelegenheiten festgelegt. Folge ist eine nachhaltige Präsenz russischen Einflusses in der polnischen Politik, die Russland nun als Garantiemacht begleitet. August stößt also in Kursachsen ebenso wie in der polnisch-litauischen Union auf den entschiedenen Widerstand der Stände und kann in keinem seiner Territorien eine absolutistisch-zentralistische Herrschaft beginnen. Während ihm jedoch in Sachsen eine schrittweise Konsolidierung der kurfürstlichen Befugnisse bis zum Ende seiner Herrschaft durchaus gelingt, schränken sich seine Spielräume in der Rzeczpospolita immer mehr ein: Der polnisch-litauische Adel und nicht zuletzt die russischen Interessen bedrängen Augusts Regierung und minimieren die Spielräume der königlichen Machtausübung. Die intendierte Entmachtung des Sejm kann nie umgesetzt werden. Umso nachhaltiger allerdings

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wird August als polnischer König und Großfürst von Litauen in der polnisch-litauischen Union – gegen alle gesellschaftlichen und realpolitischen Widerstände und insbesondere gegen die kulturelle Rolle der dezentral positionierten Magnaten – versuchen, seinen Machtanspruch in der Warschauer Zentrale explizit raumpolitisch sichtbar zu machen und die repräsentativen Räume seiner Herrschaft entsprechend prunkvoll mit Schmuckund Festinszenierungen zu bespielen.17

3.

Augusts polnische Raumpolitik

August konzentriert die räumliche Materialisierung seiner Herrschaftsansprüche im Territorium der polnisch-litauischen Union mit ihren rund acht Millionen Einwohnern, deren Fläche diejenige Sachsens (1,4 Millionen Einwohner), immerhin der viertgrößte Flächenstaat im Reich,18 wenigstens um das Zwanzigfache übertrifft, fast ausschließlich auf Warschau.19 August ist hierbei bemüht, in der Platzierung seiner sächsischen Residenzen sichtbare Kontinuität zu seinem polnischen Vorgänger Jan Sobieski (reg. 1674–1696) herzustellen, dem populären Helden des letzten Türkenkrieges, der als Heerführer der christlichen Truppen in der Schlacht am Kahlenberg den Osmanen 1683 die entscheidende Niederlage beigebracht hatte. Da das Warschauer Königsschloss sich formal in Besitz der Adelsrepublik befindet und dem jeweiligen Herrscher lediglich als Residenz zur Verfügung gestellt wird, ist August, dessen weit reichende, in den ersten Jahren seiner polnischen Amtszeit von den Hofbaumeistern des sächsischen Oberbauamtes gefertigte Umbaupläne für das Warschauer Schloss zurückgewiesen werden, seit dem Abflauen der Kämpfe in den nördlichen Territorien, insbesondere seit 1713, mit allen erdenklichen Mitteln bemüht, höfische Repräsentationsräume abseits des Königsschlosses zu etablieren. Augusts Raumpolitik zielt auf den Erwerb der Schlösser und Paläste Jan Sobieskis im Warschauer Umland, um die Kontinuität herrschaftlicher Repräsentation im Sinne einer räumlich-polnischen Genealogiebildung symbolisch befestigen zu können. Entsprechende Erwerbungspläne und Umbauprojekte reifen bereits während der ersten Phase von Augusts Amtszeit, können allerdings zunächst nicht umgesetzt werden. Umso entschlossener versucht August seit 1713, im urbanen Kontext der polnischen Metropole symbolisch hoch kodierte Herrschaftsräume zu etablieren, indem er bestehende Paläste in der Nähe des Königsschlosses erwirbt und nach seiner Façon raumästhetisch umgestaltet. Auch diese Vorhaben erweisen sich allerdings als mit fortwährenden Schwierigkeiten behaftet. Warschau präsentiert sich zu Ende des 17. Jahrhunderts inklusive der Vorstädte als eine Residenzstadt von etwa 20.000 Einwohnern, die in der Mehrzahl noch Holzbauten bewohnen. Warschau ist also, in den Vorstädten wie im Zentrum, durch Holzarchitektur geprägt, wobei meist lediglich die Adelspaläste, die vornehmlich in den Vorstädten aufragen, in Stein aufgeführt sind. Die Stadtfläche hat die Befestigungswälle des frühen 17. Jahrhunderts längst geschluckt und wächst offen ins Land hinein, ist also randständig durch ländli-

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ches Gepräge sowie Adelsresidenzen gekennzeichnet. Der Altstadt am linken Weichselufer liegen am rechten Ufer Praga und Skaryszew gegenüber, die eigenes Stadtrecht besitzen, allerdings seit dem Hochwasser von 1603 über keine Brückenverbindung nach Warschau mehr verfügen. Temporäre Brücken während der Sejm-Sitzungen oder zu militärischen Zwecken werden auch unter sächsischer Herrschaft nicht durch feste Brückenbauwerke ersetzt, ebenso wenig wie August II. oder sein Sohn und Nachfolger August III. um die polnische Hauptstadt Festungswerke errichten lassen – dies wird erst 1770 geschehen.20 Dresden zählt zum selben Zeitpunkt 11.300 Stadtbewohner, die unter anderem fast 800 Steinhäuser bewohnen, sowie weitere 6.300 Vorstadtbewohner, die außerhalb der 1704 aus Furcht vor den anrückenden schwedischen Truppen nochmals verstärkten Stadtbefestigung leben, welche das linkselbische Dresden sowie das rechtselbische Altendresden umgeben (das ab 1732 Neustadt heißen wird). Der linkselbische Stadtkörper wird durch die kurfürstlichen Bauten, insbesondere das Residenzschloss, geprägt und erst im 18. Jahrhundert durch prunkvolle Adelspaläste diversifiziert. Was Dresden betrifft, sieht sich August II. nach der Königswahl umgehend mit der Notwendigkeit konfrontiert, eine architektonische Aufwertung und städtebauliche Modernisierung seiner Residenz vorzunehmen, die nun eine ganz neue – eben europäische – Rolle spielen soll. Entsprechende Projekte werden allerdings auch in Dresden nur schleppend und punktuell seit 1705 realisiert, wobei hier Matthäus Daniel Pöppelmann architektonisch federführend ist (Taschenbergpalais, Zwinger, Opernhaus, Holländisches/Japanisches Palais, Pillnitz, Großsedlitz, Moritzburg, Elbbrücke etc.).21 In Warschau nimmt August II. für die raumstrategische Positionierung der geplanten sächsischen Residenzen nun die Krakauer Vorstadt/Krakowskie Przedmieście ins Visier, die zu diesem Zeitpunkt einige Adelspaläste und zahlreiche Grünflächen aufweist: 1713 erwirbt er von Kronmarschallin Bielińska das Morsztyn-Palais/Pałac Morsztynów, das der holländische Architekt Tylman van Gameren 1661–1667 für den damaligen Kronschatzmeister errichtet hatte, und lässt das Bauwerk zu seinem Hauptwohnsitz, dem nachmaligen Sächsischen Palais umgestalten. Durch gezielte Geländezukäufe in größerer Zahl22 entsteht hier nach Westen eine Gartenanlage, die starke städtebauliche Wirkung zu entfalten vermag. August gelingt es zudem, in unmittelbarer Umgebung weitere Paläste in Besitz zu nehmen: 1721 schließt er einen Leihvertrag für das 1694 durch Tylman van Gameren umgebaute Sendomirische Palais, das spätere Palais Sanguszko-Brühl ab, das sich unmittelbar neben dem Sächsischen Palais befindet. 1724 wird ihm der Kauf des 1695 durch einen Brand zerstörten Kasimirpalast/Pałac Kazimierzowski vom Prinzen Konstanty Sobieski ermöglicht, auf dessen Gelände August acht Kasernenbauten aufziehen lässt.23 Die Entwürfe Joachim Daniel Jauchs und Johann Sigmund Deybels für einen Erweiterungsbau werden hingegen nicht umgesetzt, es wird lediglich ein repräsentatives Zugangstor errichtet. 1726 erwirbt er das Blaue Palais/Pałac Błękitny, den ehemaligen Hauptsitz des Bischofs von Ermland, Teodor Potocki, das nordwestlich direkt am Sächsischen Garten aufragt.

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Abb. 2 Anonym: Plan von Warschau nach einer Originalzeichnung der Königlichen Öffentlichen Bibliothek zu Dresden. Um 1750, bearbeitet nach: Gurlitt, Cornelius: Warschauer Bauten aus der Zeit der sächsischen Könige. Berlin 1917, S. 70.

1729 schließt er einen weiteren Pachtvertrag für das Tylman-van-Gameren-Schlösschen Marywil ab, unmittelbar nördlich des Sächsischen sowie des Sendomirischen Palais gelegen, das von der Königinwitwe Maria Kazimiera Sobieska bewohnt worden war: Hier quartiert August die Grandmusketiere ein und veranstaltet öffentliche Aufführungen, also Paraden, höfische Feste und sonstige Lustbarkeiten wie Tierhatz und Schlittenrennen.24 So kann ein räumlich weitgehend geschlossenes, städtebaulich durchorganisiertes, durch Kasernenbauten gerahmtes sächsisches Ensemble entstehen, das zum einen die nun militärisch abgesteckte Krakauer Vorstadt (Abb. 2) höfisch nobilitiert, zum anderen einen dezidiert sächsischen, vorstädtischen, flussabgewandten Kontrapunkt zum Königsschloss setzt, dessen mächtige flusswärtige Fassade wiederum den weichselseitigen Fernblick auf Warschau optisch dominiert. Öffentliche Bauten werden unter August II. in Warschau nicht realisiert. Außerhalb Warschaus gelingt es August, eine Reihe von Besitzungen zu übernehmen, die direkten Bezug zur polnischen Geschichte aufweisen.25 Bereits 1720 pachtet er das

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Abb. 3 und Abb. 3a Umgebung Warschaus mit den Residenzen Augusts II. 1. Wilanów, 2. Mariemont, 3. Ujazdów, 4. Czerniaków, 5. Kępa, 6. Solec, 7. Kasernen der königlichen Garde zu Fuß, in: Jolanta Putkowska: Das Ensemble der Königlichen Residenzen Augusts II. in Warschau und der Anteil Matthäus Daniel Pöppelmanns an seinem Entstehen, bearbeitet nach: Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662-1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken. Dresden 1991, S. 465.

ehemalige Königsschloss Ujazdów von der Familie Lubomirski, nachdem der polnische Reichstag den Kauf des Komplexes untersagt hatte, und beginnt dort eine katholisch konnotierte Achsenbildung, die während der Zwanzigerjahre verwirklicht wird. 1727 erwirbt er das nördlich der Stadt gelegene Schlösschen Marymont von der Königinwitwe Maria Kazimiera, das August als Jagdschloss dienen soll. Das Lustschloss Wilanów zwölf Kilometer südlich der Stadt, die Lieblingsresidenz seines Vorgängers Jan Sobieski, kann er schließlich 1730 gegen das Blaue Palais eintauschen, allerdings lediglich im Nießbrauch, also mit Nutzungsrecht bis zu seinem Tod. Hinzu kommen zwischen Marymont und Warschau die Kasernen der polnischen Krongarde zu Fuß, zwischen Warschau und Ujazdów der ehemalige Sobieski-Hof mit Vorwerk und Garten in Solec, wo zeitweise ein Kasernengelände für die sächsischen Reiterregimenter errichtet werden soll, ansonsten aber landwirtschaftliche Anbauflächen genutzt und eine gleichfalls erworbene Brauerei samt Hopfenfeld betrieben werden.26 Am gegenüberliegenden Weichselufer nutzt August Sobieskis Jagdpavillon in Kępa zur Jagd, wo er zudem den neuen Tiergarten Wiślana anlegen lässt.27 Richtung Wilanów erwirbt er von Stanisław Lubomirski einen weiteren Hof in Czerniaków, der von Tylman van Gameren errichtet worden war.28 So entsteht eine extraurbane, auf machtpolitische Verstetigung abzielende Herrschaftsachse entlang der Weichsel, die August im Sinne seiner bereits um Dresden implantierten Jagd- und Lustresidenzen wie Moritzburg, Pillnitz oder Großsedlitz zur räumlichen Inszenierung seiner Herrschaft ausbauen sowie zu einer räumlich-symbolischen Reihung fügen kann, die er nach den Regeln absolutistischer Geltungsbehauptung machtstrategisch zu kodieren sucht (Abb. 3).

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Jenseits des Warschauer Raumes hält August sich auffällig zurück. Im riesigen Territorium der polnisch-litauischen Union, das bereits dezentral von prachtvollen Residenzen der Magnaten durchwirkt ist,29 wird einzig Schloss Kargowa zwischen Cottbus und Posen/ Poznań30 von August als Residenz ausgebaut. Das erst um 1710 erbaute Schloss Kargowa erhält August 1730 per Leihvertrag in Nießbrauch von der Familie von Unruh überlassen: Der Besitzer, Karl von Unruh, ist zu diesem Zeitpunkt Kammerherr des Königs. Aufgrund der Lage an der polnischen Westgrenze eignet sich der Standort vorzüglich als Brückenkopf zwischen Sachsen und Polen, um zum einen territoriale Kontinuität zu denotieren, zumal Sachsen vom Territorium der polnisch-litauischen Union je nach Route von einem brandenburgischen oder einem schlesischen Korridor getrennt ist. Zum anderen würde August im Falle kriegerischer Auseinandersetzungen über einen polnischen Besitzstand unweit des sächsischen Territoriums verfügen, schließlich, und nicht ganz unwesentlich für den längst gebrechlichen König, über einen Rekreationsstützpunkt auf den Dienstreisen zwischen Dresden und Warschau.31 Seit 1731 werden in Kargowa umfangreiche Arbeiten ausgeführt, die aufgrund der relativen Nähe von Dresden aus, durch das Dresdner Oberbauamt also, koordiniert werden. Der Ausbau erfolgt nach Plänen Johann Christoph Knöffels, die wiederum den ausgreifenden Zentralbauanlagenideen Augusts Rechnung zu tragen haben, sowie unter der Bauleitung Carl Friedrich Pöppelmanns, des architektonisch aufstrebenden Sohnes des Dresdner Hofbaumeisters Matthäus Daniel Pöppelmann, der 1734 in den Ruhestand gehen wird. Das umgebaute und um Kasernen sowie Ställe erweiterte Palais in Kargowa wird allerdings bereits 1735 in den kriegerischen Auseinandersetzungen um die polnische Erbfolge zerstört. Die Warschauer Konzentration königlicher Paläste findet auch im litauischen Grodno keine Entsprechung: Hier lässt August zwar den Sapieha-Palast anmieten, dort allerdings neben nötigen Reparaturarbeiten 1726 lediglich einen Senatorensaal einfügen,32 welcher der jährlichen Senatsversammlung als repräsentatives Behältnis dienen kann. Die fern von Warschau gelegenen Flächen des Königreiches hat die augusteische Territorialerschließung also offenkundig nicht im Blick. Abgesehen von den genannten Ausnahmen werden keinerlei Initiativen zur Ausbildung von sächsisch-absolutistischen Stützpunkten im territorialen Raum der Rzeczpospolita ergriffen.

4.

Bauliche Veränderungen in Warschau

Die baulichen Inszenierungen Augusts II. im Raum Warschau suchen explizit die Konkurrenz mit Versailles, Berlin und Wien. Augusts teilweise monumentale Bau- bzw. Umbauprojekte für die Warschauer Erwerbungen und Gebäudenutzungen scheitern jedoch in der Regel ebenso an den finanziellen Möglichkeiten des Königs wie an örtlichen Gegebenheiten. Augusts Elan als Bauherr konzentriert sich notgedrungen auf ausgewählte Umsetzungen von Gartenprojekten und Innenraumausstattungen, deren Pracht gleich-

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Abb. 4 Vermutlich Joachim Daniel Jauch, wohl nach Entwurf von Matthäus Daniel Pöppelmann: Entwurf zum Umbau des Königsschlosses in Warschau (vor 1715). Ansicht von der Weichselseite. Tusche, Aquarell, um 1740. Muzeum Narodowe w Warszawie, Rys.Pol.15162/Fotograf: Piotr Ligier.

wohl die intendierten Machtpotentiale entfalten kann. Hierfür hatte August anfangs die Hofarchitekten des Dresdner Oberbauamtes nach Warschau mitgenommen:33 zu Beginn seiner Herrschaft Johann Friedrich Karcher (1698 ff.), seit 1713 dann Matthäus Daniel Pöppelmann (1713 und 1715, eventuell nochmals zwischen 1720 und 1724), Zacharias Longuelune (1715), Johann Christoph Knöffel und Johann Christoph Naumann, die Projektierungen für die Warschauer Erwerbungen zu erstellen haben. Die Dresdner Oberlandbaumeister werden jedoch in erster Linie für die sächsischen Großprojekte benötigt: Der Dresdner Zwinger wird von 1709 bis 1728 von Matthäus Daniel Pöppelmann34 projektiert und errichtet, die Pillnitzer Erweiterungsbauten entstehen – wiederum unter maßgeblicher Beteiligung Pöppelmanns – von 1718 bis 1730, Großsedlitz 1719 sowie von 1723 bis 1727. Der Umbau von Moritzburg beginnt 1723, Schloss Übigau wird von 1724 bis 1726 aufgezogen, Hubertusburg von 1721 bis 1732/52. Aus diesem Grunde entsteht seit 1710 ein unabhängig arbeitendes Warschauer Bauamt,35 das anfangs durch den Oberstleutnant des Ingenieurcorps Johann Christoph Naumann (1664–1742) sowie durch Burkhard Christoph von Münnich (1683–1767) koordiniert wird. Diesen folgt 1721 der Ingenieurhauptmann Joachim Daniel Jauch (1688–1754) als Leiter nach, der in den Zwanzigerjahren insbesondere durch Johann Sigmund Deybel (1695–1752) sowie seit 1724 durch Pöppelmanns Sohn Carl Friedrich (um 1697–1750) unterstützt wird. Carl Friedrich Pöppelmann wird schließlich zum dominierenden Warschauer Architekten der sächsischen Könige aufsteigen. In Warschau arbeiten weitere Architekten dem Bauamt zu, darunter einige Italiener,36 deren Einfluss auf die sächsischen Schöpfungen allerdings gering bleibt. Vorbild für die Warschauer

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Planungen ist der Schlossbau französischen Typs entre cour et jardin, der in der Versailler Spielart Augusts Vorstellungswelt dominiert. Das Warschauer Bauamt arbeitet zwar unabhängig von Dresden, erhält jedoch immer wieder Planungen aus Dresden zur Fortentwicklung überlassen. Die zwischen 1698 und 1700 von Johann Friedrich Karcher ehrgeizig geplanten Umbauten des Warschauer Königsschlosses/Zamek Królewski, 37 des innerstädtischen Schloss-Fünfecks also, sehen bereits umfangreiche Maßnahmen wie die Implementierung eines regulierenden Mittelbaues oder die flusswärtige Frontverlängerung mit gewaltigen Flügelbauten vor, unterhalb derer über den Ufersteilhang ausgeklügelte Gartenterrassen angelegt werden sollen (Abb. 4).38 Am Außenbau des Königsschlosses finden sich jedoch, trotz dieser monumentalen Ausbaupläne, schließlich nur Fassadenveränderungen realisiert. Umbauvorhaben an Gebäuden der Rzeczpospolita, insbesondere am spätrinascimentalen Königsschloss über der Weichsel, muss August mit dem polnischen Senat abstimmen, der von seinem Vetorecht ausführlich Gebrauch macht. August beauftragt, abgesehen von ephemeren Veränderungen für Hoffeste in den frühen Regierungsjahren, lediglich die seit 1713 durch die Zerstörungen während des Nordischen Krieges notwendigen Reparaturen, lässt 1715/16 einen Theatersaal ins Alte Schloss einbauen sowie von 1721 bis 1726 Modernisierungen an den königlichen Gemächern vornehmen. Diese beschränken sich auf die Entfernung von Trennwänden, neue Wandbespannungen und das Setzen von Öfen und Kaminen. 1721 beginnt der Umbau des Senatorensaales nach Plänen des Dresdner Hofbaumeisters Zacharias Longuelune, welche die Erhöhung um eine Etage vorsehen. Der geplanten Aufstellung eines August-Standbildes, das durch acht Büsten römischer Cäsaren gerahmt werden soll, wird vom Senat nicht stattgegeben. Die Ausbildung der sogenannten Sächsischen Achse/Oś Saska wirkt weit expliziter ins Warschauer Stadtbild hinein. Diese Ost-West-Achsenbildung, die orthogonal zu den bestehenden Straßenverbindung der Krakauer Vorstadt verläuft,39 entwickelt sich vom baulichen Zentrum des Palais Morsztyn40 aus, das von 1661 bis 1667 von Tylman van Gameren41 erbaut worden war. Für das neu erworbene Palais Morsztyn lässt August auf letztendlich etwa 50 Plänen für Aus- und Neubauten in acht Projektphasen, die ab 1713 entstehen (Matthäus Daniel Pöppelmann, Johann Christoph Naumann, Joachim Daniel Jauch, Carl Friedrich Pöppelmann, Johann Sigmund Deybel, Jean de Bodt), zahlreiche bauliche Lösungen entwickeln, welche jedoch allesamt Pläne bleiben. In Angriff genommen werden lediglich die Neuausstattung einiger Räume, der Einbau eines Bades, einer Küche, eines Kellerraumes, eines Speisezimmers sowie eine Reihe von Anbauten. Im Mai 1724 hält der sächsische Hofstaat Einzug und nimmt für die folgenden Jahrzehnte das neue Sächsische Palais in Besitz. Erst August III. wird ab 1736 peu à peu Aus- und Anbauten forcieren. Bereits zu Zeiten Augusts des Starken bilden die dem Palais vorgelegte Platz- sowie die rückwärtige, fächerförmig ausgreifende Gartenanlage die eigentliche Ausprägung der Sächsischen Achse, die südlich von der repräsentativen Ulica Królewska

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flankiert und westwärtig, jenseits des dort neu angelegten Platzes, durch axial eingepasste Kasernenbauten für die berittene Krongarde in die ländliche Umgebung verlängert wird. Die Sächsische Achse wird schließlich der weiteren Stadtentwicklung gen Westen Ausgang geben.42 In den Komplex der Sächsischen Achse wird seit 1721 das dem Sächsischen Palais benachbarte Sendomirische Palais integriert, das eine prunkvolle Dekoration des Festsaales erhält, während der Küchentrakt mit dem Sächsischen Palais zusammengeführt wird. Dem Sendomirischen Palais wird nach Westen ein trapezartig-pentagonaler, fächerförmig strukturierter Garten in französischer Manier vorgelegt, der den um ein Vielfaches größeren, direkt benachbarten Sächsischen Garten morphologisch wieder aufnimmt und variiert. Das nördlich benachbarte Schlösschen Marywil, von 1692 bis 1695 von Tylman van Gameren errichtet, wird 1729 nach Entwürfen von Johann Sigmund Deybel umgebaut und beherbergt vier Jahre lang die Leibgarde Augusts. Für das Kasimirpalais, leicht südöstlich versetzt zur Sächsischen Achse jenseits der Hauptstraße der Weichsel zu gelegen und wohl 1727 angekauft, lässt August seine Architekten Johann Sigmund Deybel und Joachim Daniel Jauch insgesamt sechs Entwurfsfassungen für Erweiterungsbauten43 des von Władysław IV. 1637 erbauten Palais erstellen. Hinzu kommen Überplanungen des bereits 1634 nachgewiesenen und längst berühmten Gartens über den Weichselhang hinab in die Weichselniederung (die sich südlich bis Solec erstreckt), der wie in Ujazdów als Tiergarten genutzt wurde. Dieser ehemalige Garten der Wasa-Könige soll nun in einen kunstvollen Terrassengarten mit Teichen und Parterres verwandelt werden.44 Vor dem Palais, zur Krakauer Vorstadt hin, befindet sich im 17. Jahrhundert ein prachtvoll ausgestatteter italienischer Garten, der gleichfalls als Sehenswürdigkeit geführt wird. Als August das Gelände übernimmt, ist der italienische Garten verschwunden und das Palais durch überbaute Grundstücke von der Straße getrennt. Auch in diesem Falle werden seit 1731 lediglich das von Wachhäuschen flankierte Einfahrtstor sowie acht zweigeschossige, parallel aufgeführte und senkrecht zum Palais angeordnete Kasernenpavillons in Angriff genommen, deren Fertigstellung jedoch erst in die Regierungszeit des Nachfolgers fallen wird. Das Blaue Palais/Pałac Błękitny vervollständigt schließlich den Gesamtkomplex der Sächsischen Achse: Dem um 1720 erworbenen Blauen Palais lässt August 1726 in kürzester Zeit durchgreifende Umbauten45 nach Entwürfen von Johann Sigmund Deybel, Joachim Daniel Jauch und dem jüngeren Pöppelmann angedeihen, die das Ensemble zum Vorbild des Warschauer Schlossbaues im 18. Jahrhundert erwachsen lassen. Den Schlossbau mit zwei Flügeln, beidseitigen Säulengängen und kleinem französischem, komplex vektorisiertem Garten nach einem Entwurf Carl Friedrich Pöppelmanns, der auch für die Innenausstattung verantwortlich zeichnet, überlässt August 1728 seiner unehelichen Tochter Anna Gräfin Orzelska, die sich allerdings 1730 nach Dresden verheiraten wird – was August erlaubt, das ausgesprochen kostspielig möblierte Blaue Palais mit seinen Spiegelzimmern

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und Chinoiserien gegen Schloss Wilanów einzutauschen. Die zu diesem Zweck erstellte Inventarliste aus dem Jahr 173046 gibt detailliert über die reichhaltige Ausstattung des ­Palais Aufschluss und ermöglicht Einblicke in die Innenausstattung, wie sie für die übrigen sächsischen Bauten nur in Ansätzen möglich sind. Ein Inventar zum Gesamtbestand der Warschauer Möblierungen des sächsischen Besitzes wird ohne örtliche Spezifizierungen erst im Jahre 1739 erstellt.47 Nach der Auflistung von 1730 stammt die Mehrzahl der Ausstattungsstücke des Blauen Palais, neben französischen, englischen, holländischen und ostasiatischen Stücken,48 aus Dresdner Fertigung: Die seit 1699 in und um Dresden gegründeten Manufakturen49 – Glasmanufaktur, Spiegelschleiferei, Teppichwirkerei, Tapetenfabrik, Tischlereien, die Meißner Porzellanmanufaktur sowie Martin Schnells Lackwerkstatt – fertigen demzufolge in großer Stückzahl Warschauer Innendekorationen, die Augusts Inszenierungen absolutistischer Herrschaftsrepräsentation anlässlich der zahlreich veranstalteten Theateraufführungen, Bälle und Illuminationen den Warschauer Geladenen wirkmächtig ansichtig machen. Martin Schnell, der während der Zwanzigerjahre Augusts sächsische Rauminszenierungen mit Lackmöbeln und Ostasiatika-Dekorationen ausgestattet hatte, wird schließlich 1730 nach Warschau abberufen und ist bis 1732 maßgeblich an der Innenraumausstattung von Schloss Wilanów beteiligt.50 Die Anlage des Sächsischen Gartens/Ogród Saski seit 1713 zählt zu den bedeutendsten baulichen Leistungen Augusts in Warschau, die in ihren planerischen Grundlagen wohl wiederum wesentlich auf Matthäus Daniel Pöppelmann zurückgeht (Abb. 5).51 Durch den Zukauf von Grundstücken gelingt es, den von Letzterem und Johann Christoph Naumann früh vorgelegten Gartenentwurf über die Regierungsjahre Augusts tatsächlich zu verwirklichen. Der Erstentwurf wird bis 1717 umgesetzt, der zweite Bauabschnitt erstreckt sich 1718/20 bis 1733 und wird schließlich durch einen dritten Bauabschnitt unter Augusts Sohn vervollständigt (1736–1745). Aus dem Jahr 1726 (wiederum Matthäus Daniel Pöppelmann, angelehnt an Entwürfe für das nie realisierte neue Residenzschloss in Dresden52 sowie an seine Entwürfe für den Lustgarten Moritzburg von 1723) sowie noch einmal aus dem Jahre 1745 sind zahlreiche Pläne erhalten. Einbauten wie Großer und Kleiner Salon, Gartentheater, Orangerie, Schieß- und Reitbahn, schließlich zahlreiche Pavillons, darunter der Operalnia für Opernaufführungen, machen die Orientierung am Versailler Vorbild immer wieder deutlich.53 Matthäus Daniel Pöppelmanns Westportal, das Eiserne Tor als westwärtiger Abschluss des Sächsischen Gartens, wird 1724 errichtet. Die Mittelachse des Ogród Saski findet sich sodann in westlicher Richtung über den vorgelegten Platz verlängert, gesäumt von sechs seit 1731/32 samt Paradeplatz auf Pachtland in der Magnatenstadt/ Jurydyka Wielopole54 erbauten (und erst Jahre nach Augusts Tod beendeten) Kasernengebäuden von Mirów,55 die für die berittene sächsische Krongarde bestimmt sind. Diese Achse wird schließlich als Allee nach Westen ins unbebaute Gelände fortgeführt, um zu einem geplanten Palastprojekt Augusts vor der Stadt zu führen. Die an der Südseite der Sächsischen Achse den Sächsischen Garten begleitende Ulica Królewska, die Warschau-

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Abb. 5 Matthäus Daniel Pöppelmann/Zacharias Longuelune/Johann Christoph Naumann: Situationsplan der Sächsischen Anlage in Warschau. Östlicher Teil mit Palais und Garten. Nach 1726. SächsHStA Dresden, 12884 Karten und Risse, Schr 007, F 089, Nr. 11b, Makrofiche Nr. 10438.

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Abb. 6 Franz Conrad Schmidt: Prospect von Warschau wie solches über der Weichsel von Prag aus anzusehen ist. 1740. SächsHStA Dresden, Kartensammlung, Ingenieurcorps B III, Warschau 3, Makrofiche Nr. 12091/2.

er Königstraße, erlaubt die repräsentative Aus- und Anfahrt von Kutschen und prägt ein neues städtebauliches Verkehrselement. Seit 1727 erlangt die Warschauer Öffentlichkeit schließlich nach dem Vorbild des Pariser Jardin des Tuileries56 Zutritt zum Sächsischen Garten und darf sich an dessen prachtvoller Ausstattung erfreuen.57 Während Augusts Regentschaft verändert sich Warschau städtebaulich weit über die Sächsische Achse hinaus. Augusts Realisierungen motivieren zahlreiche Palaisneubauten für Minister, Senatoren und Würdenträger beziehungsweise neue Stadtresidenzen des polnischen Adels, der dem sächsischen König nicht nachstehen möchte. Kirchen und Klöster lassen ihre Fassaden überarbeiten, Kirchenbauten werden begonnen, die Systematisierung der urbanen Raumordnung schreitet voran. Das Weichselufer entfaltet neue Fernwirkungen durch Neubauten, welche die Skyline der Stadt prunkvoll verändern (Abb. 6), die Palastbauten wachsen ins ländliche Umland hinaus. Unter Augusts Nachfolger werden schließlich auch die wichtigsten innerstädtischen Verkehrswege gepflastert. Anders aber als Dresden kann Warschau um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit 24.000 Einwohnern kaum demografischen Zuwachs verzeichnen, eine bauliche Nachverdichtung des Stadtkörpers ist schlichtweg nicht geboten.

5.

Augusts Projekte im Warschauer Umland

August der Starke versucht nun, der Sächsischen Achse auch im Warschauer Umland ähnliche, topografisch systematisierte Planungen folgen zu lassen. Die von Johann Chris-

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toph Naumann bereits zu Beginn des Jahrhunderts projektierten Erweiterungsbauten für Schloss Wilanów, welche Salons, Theater- und Spielsäle vorsehen,58 lassen die Besitzerfamilie Sobieski, die aufgrund von Augusts politischen Manövern gegen die Sobieskis (Königswahl 1697, Gefangennahme der Sobieski-Prinzen Jakub und Konstanty in Sachsen 1704–1706) ohnehin nicht freundschaftlich gestimmt ist, früh von einem Verkauf absehen. Nämliches ist seit 1720 von den neuen, mit den Sobieskis befreundeten Besitzerinnen Elżbieta Sieniawska und deren Tochter Maria Zofia Denhoff zu berichten, wobei Letztere dem sächsischen Monarchen nach langen Jahren der Zurückweisung 1730 im Tausch gegen das innerstädtische Blaue Palais immerhin Nießbrauch zugesteht. Die strengen Pachtbedingungen für das Sobieski-Sommerschloss Wilanów zwölf Kilometer südlich der Stadt59 verbieten bauliche Veränderungen am Gebäudekomplex, dessen Fassaden bereits reich dekoriert sind. Schloss Wilanów war schon unter Jan Sobieski, seit 1677 dessen Besitzer, barockisierend modernisiert und erweitert worden. Der Warschauer Baumeister Augustyn Locci hatte den Bau, in ländlich-vorstädtischer Nähe eines Weichselarmes gelegen und in seinem Kernbau um die Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet, schließlich 1681 bis 1691 teilweise aufgestockt und (wohl unter Beteiligung Andreas Schlüters) mit Fassadenschmuck versehen. Auch der zugehörige Park findet sich 1730 längst in hoch barocker Manier komplex ausdifferenziert. August erhält im vorliegenden Falle also eine bereits repräsentativ ausgestaltete Park-Schloss-Anlage in der Nähe des Flusses, die zwar nicht umfänglich den Ansprüchen des Königs genügen kann, jedoch über den repräsentativen Mehrwert der Sobieski-Nachfolge verfügt und darüber hinaus Augusts Warschauer Residenzenblock nach Süden hin prachtvoll abzuschließen vermag. Die Innenraumausstattungen, auf die sich Augusts Veränderungen vertragsgemäß erstrecken dürfen, sind bereits durch Jan Sobieski in französisierend-repräsentativer Manier nach dem Leitmotiv des Herrscherlobs angelegt worden und kommen Augusts Bedürfnissen entgegen. Dieser wird also, unter Leitung Johann Sigmund Deybels, lediglich die bereits im Gange befindlichen Arbeiten am Südflügel weiterführen sowie partielle Modernisierungen an einigen Innenräumen vornehmen lassen, ohne am Bestand Wesentliches zu verändern. Unter den Neugestaltungen von Deckengemälden und Wanddekorationen ragt hier das Chinesische Kabinett heraus, das in kürzester Zeit durch den 1730 nach Warschau beorderten Dresdner Hoflackierer Martin Schnell gefertigt wird. Schnell muss bis zum Besuch Augusts 1732 das seit 1710 geplante Lackkabinett erstellen, das offensichtlich unablässigen Einsatz verlangt – und überzeugend gelingt.60 August lässt darüber hinaus bis 1732 das Wilanów’sche Mobiliar, die Tapeten und die Bestückung mit Kunst erneuern und verschafft sich dergestalt in kürzester Zeit eine prachtvolle Residenz, auf die er in den wenigen ihm noch verbleibenden Monaten wichtige Amtsträger lädt – unter anderem zu einer großen sommerlichen Heeresschau auf den Feldern zwischen Wilanów und Czernia­ ków, die wohl eine polnische Wiederholung des Zeithainer Lustlagers von 1730 versucht. Nach Augusts Tod geht die neue Innenausstattung von Wilanów, wie zuvor bereits im Falle

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des Blauen Palais, vereinbarungsgemäß an die Besitzerin Maria Zofia Denhoff und ihren Ehemann, den Palatin von Russland, Graf August Czartoryski, über. Ländliches Zentrum des monarchischen Bauherren-Ehrgeizes bleiben deshalb Park und Schloss Ujazdów (erbaut 1609 bis 1619), dreieinhalb Kilometer südlich der Warschauer Altstadt an der Weichsel gelegen, die seit 1720 zur repräsentativen Königsresidenz überformt werden – wenngleich auch in diesem Falle Augusts Eingriffe Stückwerk verbleiben.61 Die Schlossanlage von Ujazdów, deren repräsentative Nutzung als Residenz von Königin Bona bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht, gehört im 17. Jahrhundert zum Besitz des Kronmarschalls Stanisław Lubomirski. Die monumentalen Pläne Augusts für das Schloss werden bereits 1715, also Jahre vor der Übernahme des Schlossbesitzes von Fürst Lubomirski in Nießbrauch, aus unterschiedlicher Hand vorangetrieben, fallengelassen und wieder aufgenommen – bietet Ujazdów doch Raum und Potenzial, endlich eine markante Groß­planung in Warschau umzusetzen. Die Lage des Schlosskomplexes am Weichselufer kommt zudem den bereits in Dresden präzisierten Raumvorstellungen Augusts entgegen, die eine mehr oder minder eng entlang des Flusses entfaltete Serialisierung von motivisch heterogen ausgestalteten königlichen Schlössern und Lusthäusern vorsehen. Dies entspricht zum einen den seit Jahrzehnten gepflegten Venedig-Sentimentalitäten Augusts, arbeitet aber insbesondere seinen Vorstellungen einer riegelartigen Einschreibung königlicher Bauten in eine absolutistisch gedeutete Flusslandschaft zu, die – in Ujazdów landschaftlich allemal überwältigender als beispielsweise in Versailles – den Gleichklang von repräsentativer Baupolitik, absolutistischer Machtentfaltung, axialer Systematisierung des Territoriums und leitmotivischem Spiel mit landschaftlicher Weite, mit gezähmter Natur und natürlicher Zirkulation verwirklichen könnte. Der zum Schlosskomplex Ujazdów gehörige Tiergarten zwischen Schloss und Weichselsteilhang, der bereits im 17. Jahrhundert besteht,62 erhält durch die Anlage einer von Münnich geplanten Kanalachse, den Königskanal, in den Jahren 1720 bis 1731 eine jetzt strahlenförmig mit Alleen durchformte, durch den Kanal dominierte visuelle Anbindung an den Schlossbau, dessen Achse so bis zur Weichsel verlängert wird. Durch den Königskanal sowie den gleichzeitig orthogonal angelegten Kalvarienweg/Droga Kalwaryjska aus Warschau entsteht nun eine weitere Achsenbildung, welche die Gegebenheiten der Krakauer Vorstadt alternierend aufnimmt.63 Der von Joachim Daniel Jauch 1724 bis 1731 angelegte Kalvarienweg mit 24 Kreuzwegstationen, der Augusts Konversion räumlich befestigen und als sein einziges öffentliches Bauprojekt auch der Warschauer Bevölkerung diese propagandistische Botschaft einprägen soll, führt in ländlicher Verlängerung der Hauptstraße damit nordwärts durch die Krakauer Vorstadt direkt zum Königsschloss sowie, als im Süden der Krakauer Vorstadt Ausgang nehmende lineare Achse, zum neben dem Schloss Ujazdów gelegenen Kalvarienberg (Abb. 7). Augusts Planer, in diesem Falle Joachim Daniel Jauch, Johann Sigmund Deybel sowie Carl Friedrich Pöppelmann, versuchen sich in Ujazdów in immer neuen Projektphasen an

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Abb. 7 C. F. Hübner: Stadtplan von Warschau und Umgebung. 1740 (bearbeitet). SächsHStA Dresden, 11373 Kartensammlung Kriegsarchiv F 007, Nr. 056a.

einer katholischen Kodierung von Raumbeziehungen, die schließlich in jenen Planungen kulminiert, mittig im Schlosskomplex eine katholische Auferstehungskirche zu implantieren beziehungsweise eine komplette, mit Ecktürmen ausgestattete, kuppelbekrönte Zentralbauanlage neu zu errichten – die als monumentaler Sakralkomplex selbstredend nie realisiert wird. Die Bauarbeiten, welche der Besitzer Fürst Lubomirski über den Leihvertrag hinaus gestattet, bleiben vielmehr auch hier rudimentär. Spätere Planungen, wohl wiederum von Matthäus Daniel Pöppelmann inspiriert, betreffen insbesondere die fächerförmig ausformulierte Systematisierung der Freianlagen und sehen eine großzügig angelegte Treppenverbindung zwischen Tier- und Schlossgarten vor, die ihrerseits nicht gebaut wird. So kreuzen sich in Ujazdów durch die vorgenommenen Systematisierungen lediglich die herrschaftlich akzentuierten sächsischen Achsen, wobei die orthogonal auf die Weichsel ausgerichtete Ost-West-Kanalachse die west-östliche Ausrichtung der Sächsischen Achse in der Krakauer Vorstadt variiert und der katholische Stationenweg die Süd-Nord-Achse der herrschaftlichen Residenzen fortführt. Als zum Horizont sich öffnende katholische Achse soll diese Inszenierung die rationale Ordnung des Territoriums raumstrategisch visualisieren: Die zentrale Straßenverbindung der Krakauer Vorstadt und ihre katholisch-augusteische Verlängerung nach Ujazdów wird sich schließlich zum wichtigsten Verkehrsweg der Warschauer Zentrale ausbilden (Abb. 7).64 Weitere Umbaupläne in der Umgebung Warschaus betreffen die erworbenen und gepachteten Schlösser und Herrensitze aus dem Besitz des polnischen Hochadels. Aufgrund der Lage kommt hierbei dem von Jan Sobieski bei Tylman van Gameren um 1690 beauf-

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tragten Palais inmitten des angestammten Jagdgebietes der polnischen Könige eine bedeutende Rolle zu: der nachmaligen Sommerresidenz Marymont der Königinwitwe Maria Kazimiera,65 die August bereits früh zum Jagdschloss, zu einem zweiten Moritzburg umbauen lassen möchte. Zwischen 1705 und 1715 lässt der König Johann Christoph Naumann Umbaupläne für die Anlage nördlich von Warschau erstellen, die einen Zentralbau in einem prachtvoll ausgestalteten, axial organisierten Gartenensemble 66 inklusive Pavillons und Parterres, Fontänen, Terrassen, Amphitheater und Kanälen vorsehen. Nach dem erst spät durch die Besitzerfamilie Sobieski zugestandenen, über einen Strohmann getätigten Kauf des Anwesens im Jahre 1727, also mehr als ein Jahrzehnt nach Abschluss der Planungen, werden diese, abgesehen von Fassadenveränderungen, nicht mehr umgesetzt. August lässt hier schließlich keinen prächtigen Park, sondern den königlichen Tiergarten Królikarnia anlegen, der das nördliche Gegenstück zur königlichen Anlage in Kępa abgibt.67 Gleichwohl markiert Marymont den nördlichen, der Jagd gewidmeten Abschluss der Warschauer Herrschaftsachse Augusts. Der Standort ist insbesondere durch die zwischen Warschau und Marymont positionierten Kasernen für die polnische Krongarde zu Fuß mit strategischer Bedeutung behaftet, die, an der Weichsel gelegen und mit der Stadt durch eine Allee verbunden, in den Jahren 1719 bis 1721 unter der Leitung von Münnich als erste der sächsischen Kasernenbauten aufgezogen worden waren.68

6.

August II. und die Produktion herrschaftlichen Raumes

Die von August im Verlauf seiner polnischen Regentschaft in und um Warschau vermittels unterschiedlicher rechtlicher Konstruktionen erworbenen Gebäude und Grundstücke belaufen sich zwischen 1713 und 1727, laut Verzeichnis der erworbenen Grundstücke von 1728,69 auf immerhin 38 – gleichwohl die Warschauer Adelsfamilien sowie der Sejm den Großteil der augusteischen Übernahmeabsichten zu blockieren wissen. Trotz mangelnder politischer Fortune ist es August dem Starken so dennoch gelungen, der Zentrale Warschau einen raumpolitischen Stempel aufzudrücken, der deutlich absolutistischer Raumästhetik zuarbeitet. Die innerstädtische Formierung der Sächsischen Achse trägt bereits alle Elemente in sich, die für Augusts Warschauer Baumaßnahmen generell kennzeichnend sind. Zum einen gelingt es August, durch architektonisch-stilistische Überformung von repräsentativen Palastbauten für das bauliche Geschehen im Lande Modelle zu liefern, die nicht ohne Nachahmungseffekte verbleiben werden. Dabei formieren insbesondere die axial organisierten barocken Gartenräume mit ausgeklügelter Grün- und Wasserarchitektur ein städtebaulich-architektonisches Merkmal, das sowohl an Warschauer Gegebenheiten als auch an die zum umgebenden Land offene Situation der Stadt anzuknüpfen vermag. Die durch die Sächsische Achse installierte Vektorisierung der höfischen Bebauung in der Krakauer Vorstadt, die sich im Achsenkreuz nach Westen sowie, zunächst katholisch überformt, nach Süden bis Ujazdów verlängert, wird dort durch axiale Parkanlagen in Gestalt

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Abb. 8 August II.: Die Schlösser und Lustheuser umb Dresden auf 3 meillen. SächsHStA Dresden, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 02097/50, Blatt 2b.

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des Ujazdower Kanals wieder aufgenommen und gedoppelt: Auch dieses Motiv wird städtebauliche Nachhaltigkeit entwickeln. Neben der aufwändig-kunstvollen Gartengestaltung, die dem nachfolgenden polnischen Palastbau eine deutliche Note aufzudrücken weiß, sind es die meistenteils innerstädtischen Kasernenanlagen, die den Charakter Warschaus verändern. Mit Ausnahme der Kasernen für die polnische Krongarde zu Fuß, die bereits von 1719 bis 1722 nördlich vor der Stadt aufgerichtet werden, lässt August als Spätfolge der Beschlüsse der Konstitution von 1717 die Kasernen für die verbliebene sächsische Kavallerie seit Ende der Zwanzigerjahre rund um die Sächsische Achse anlegen. Die Krakauer Vorstadt gewinnt dergestalt nicht nur ­höfisches Gepräge, erlesene Palastensembles und prachtvolle Gartenflächen, sondern mit den soldatischen Unterkünften unmittelbar südöstlich (Kasimirpalast/Pałac Kazimierzowski), nördlich (Marywil) und westlich (Wielopolski’sche Kasernen) der Sächsischen Achse einen entschieden militärisch geprägten Einschlag. Durch die qua Pacht oder Kauf nördlich und südlich der Stadt gereihten königlich-sächsischen Besitzungen (Marymont und die Kasernen der polnischen Krongarde zu Fuß im Norden, Solec, Kępa, der einzige auf der gegenüberliegenden Weichselseite befindliche Besitz, schließlich Ujazdów, Czerniaków und Wilanów im Süden Warschaus) generiert August während der letzten Jahre seiner Herrschaft einen über fast 20 Kilometer reichenden, höfisch dominierten Riegel entlang der Weichsel, der als symbolische Machtachse die polnische Zentrale raumpolitisch grundlegend sächsisch kodiert. August der Starke hatte für seine Dresdner Vorhaben bereits 1716 eigenhändig ein Listensystem verfasst, das unter dem Titel Die Schlösser und Lustheuser umb Dresden auf 3 meillen […]70 24 königliche, inner- wie außerstädtische Paläste, Lustschlösser, Landhäuser, Jagdsitze und Gartenanlagen im Großraum Dresden namentlich benennt (Abb. 8). Für deren große Mehrzahl findet sich die motivische Bestimmung festgelegt (»chevalleri«,71 »temple de Diane«, »erremitage«, »observatoire« etc.). Dieser Reihe werden eine Liste stilistisch gerichteter »meblirung« mit fünfzehn Unterpunkten (»marbre«, »childereien«, »franzesicher«, »spanicher«, »persianicher« etc.), eine teilweise nummerierte Liste mit Wandbespannungsmaterialien (zehn an der Zahl: »Samt«, »damasten«, »brokastel«, »cottonen« etc.) sowie eine Liste von zehn Baumeistern zugesellt (von »Pepelman« bis »Le plat«, von »nauman« zu »jaug«, von »Longuelune« bis »fritche«). August entwirft also parallel zu den in Warschau ebenso wie in Dresden mit Nachdruck forcierten Bauvorhaben, welche der seit 1717 zwar bestätigten, allerdings in den Befugnissen stark eingeschränkten Königswürde Augusts legitimistisch zuarbeiten sollen, ein diagrammatisch ideales System absolutistisch-rationaler Raumproduktion. Über Verschiebungen und variierende Kombinationen zwischen den Listen ergäbe sich eine komplexe Varietät koordinierter königlicher Bauvorhaben – deren Vielfalt alles Gekannte in den Schatten stellen würde. Die Ausrichtung einiger dieser Dresdner Projekte zur Elbe hin, die als Ost-West-Achse die Süd-Nord-Ausrichtung von Dresden und Altendresden quert und akzentuiert,72 weist während der Zwanzigerjahre bereits auf Augusts Warschauer Riegel

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Abb. 9 Johann Christoph Naumann: Schiff auf die Weichsel nach den project Ihr: Kön.Maj. 1. Juli 1710. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Cap. X, Nr. 02a, Makrofiche Nr. 8771.

voraus. In Dresden sucht August motivisch allerdings nach ­einer venezianischen Dimension der höfischen Raum- und Festpolitik, die sich auf die repräsentativen Treppenanlagen mit Gondelhäfen in Pillnitz, am Japanischen Palais und am Übigauer Schlösschen sowie auf die aufwändige Neugestaltung der Augustusbrücke durch Matthäus Daniel Pöppelmann und Johann Gottfried Fehre (1685–1753) konzentrieren wird. Innerhalb eines Systems von Blickbeziehungen und elbbegleitenden Raumöffnungen der zugehörigen Gärten versuchen Augusts Architekten die Fusion von überformter Landschaft und Flussraum zur unendlichen Inszenierung der augusteischen Machtpotenziale – die um 1730 in Warschau einer beachtlichen Variation Ausgang gibt. Weit konsistenter nämlich als in Dresden findet Augusts Idee in Warschau Umsetzung, welche sich der längs der Weichsel bereits vorhandenen adeligen Infrastruktur bedient und diese umgehend höfisch-sächsisch kodierten Residenzräume symbolisch-axial mit der umgebenden (Stadt-)Landschaft sowie der begleitenden Flusslandschaft verbindet (Abb. 3a) – zu einer (wenn auch kurzfristigen) raumpolitischen Manifestation, die ihre symbolische Wirkung nicht verfehlt haben dürfte. Die für den inszenatorischen Einbezug der Weichsel entworfenen Lustbarken Augusts (Abb. 9) indizieren die festpolitischen Leitmotive dieser strategisch-repräsentativen Operation, die auch im Warschauer Falle absolutistische Entgrenzung sucht.

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Die von Augusts Architekten durch Gartenlandschaften und Achsen, durch Kanäle und Wasserspiele kunstvoll überformte Natur, welche in der technisch aufwändigen Reihung von Raumerlebnissen entlang der Weichsel zur zweiten, besseren Natur ausgebildet wird, visualisiert perfekt absolutistische Rauminszenierungen, die das Fehlen einer entsprechenden politischen Ordnung im Gesamtterritorium wettmachen sollen. August überantwortet die Simulation von absolutistischer Souveränität angesichts des realen Machtdefizits in der polnisch-litauischen Union also der architektonisch unterstützten, von Anfang an konsequent strategisch gerichteten räumlichen Prachtentfaltung, die mit großem Aufwand performativ-festlich bespielt wird. Repräsentative Innenräume, Gärten und Wegeachsen orten in und um Warschau Reflexe auf Augusts polnische Großmachtträume, die der Monarch zur selben Zeit in Dresden durch den Bau neuer Anlagen zwar nicht in großer Zahl, doch ohne großen politischen Widerstand ungleich großzügiger als in Warschau inszenieren kann. In Dresden konkurriert August raumsymbolisch denn auch nicht mit der Rzeczpospolita, sondern, die architektonische Konkurrenz mit den europäischen Großmächten immer vorausgesetzt, gleich mit den Kaisern von China und Japan, die er vermittels seiner durch Matthäus Daniel Pöppelmann baulich verwirklichten sächsischen Version ostasiatischer Stilistik als integralem Element des augusteischen Gesamtkunstwerkes zu übertreffen trachtet.

Anmerkungen 1

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Eine geringfügig differierende englische Version dieses Beitrages ist als »Augustus the Strong’s Polish Spaces of Representation« bereits erschienen in: Salwa, Piotr (Hg.): Polish Baroque, European Contexts. Warszawa 2012, S. 95–125. Vgl. hierzu Czok, Karl: August der Starke und seine Zeit. Kurfürst von Sachsen, König in Polen. Leipzig 4 2004, S. 54ff.; Neuhaus, Helmut: Friedrich August I. 1694–1733, in: Kroll, Frank-Lothar (Hg.): Die Herrscher Sachsens. Markgrafen, Kurfürsten, Könige 1089–1918. München 2004, S. 173–191. Zur Chronologie der politischen Ereignisse während der sächsisch-polnischen Union vgl. den Überblick in Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Königliches Schloss zu Warschau (Hg.): Unter einer Krone. Kunst und Kultur der sächsisch-polnischen Union. Leipzig 1997, S. 31–37; Czok (2004); Neuhaus (2004). Der Geheime Rat stellt sich hingegen 1706 entschieden gegen August und verlangt nach der verheerenden Niederlage des sächsischen Heeres bei Fraustadt von August, die polnische Krone niederzulegen. Wenig später marschiert die schwedische Armee in Sachsen ein, und Karl XII. nötigt August im Frieden von Altranstädt den Verzicht auf die polnische Krone, die Anerkennung Stanisław Leszczyńskis als rechtmäßigen polnischen König sowie eine Auflösung des Bündnisses mit Russland ab. Die schwedischen Truppen besetzen Kursachen für nahezu ein Jahr. Döring, Detlef: Johann Georg III. 1680–1691 und Johann Georg IV. 1691–1694, in: Kroll (2004), S. 164. Vgl. hierzu Kwiatkowska, Anna: Die Bedeutung Augusts des Starken für die polnische Kultur im 18. Jahrhundert, in: Kopplin Monika (Hg.): Chinois: Dresdener Lackkunst in Schloß Wilanów. Münster 2005, S. 14; Czok 2004, S. 53f.; Staszewski, Jacek: Die Entstehung der sächsisch-polnischen Union. Die polnischen Königswahlen 1697 und 1733, in: Unter einer Krone 1997, S. 71–73. Die sächsische Herrschaft in Polen wird nach der endgültigen Bestätigung Augusts II. durch den polnischen Sejm im Jahre 1699 tatsächlich insgesamt 66 Jahre anhalten. Die Nachfolge Augusts II. tritt schließlich dessen Sohn als August III. an – wiederum unter umstrittenen Umständen: Die neuerliche Doppelwahl, die 1733 auch Stanisław Leszczyński zum König erklärt, mündet in einen Thronfolgekrieg, als dessen

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Folge August III. 1736 zum polnischen Wahlmonarchen befördert wird, um bis zu seinem Tode 1763 als König von Polen zu regieren. Czok (2004), S. 56. Die Protestantin Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth, mit der August seit 1693 verheiratet ist, hatte sowohl seine Konversion zum Katholizismus (der später diejenige des Sohnes nachfolgen sollte) als auch die Krönung zur Königin von Polen abgelehnt und August nie nach Polen begleitet. Vom Dresdner Hofleben hielt sie sich gleichermaßen fern; vgl. Neuhaus (2004) und den Beitrag von Cordula Bischoff in diesem Band. Vgl. hierzu Neuhaus (2004), S. 187. Von 35 während der Regierungszeit Augusts II. einberufenen Sejm-Sitzungen werden immerhin 25 qua Veto blockiert (seit 1652 wird Einstimmigkeit bei Entscheidungsfindungen verlangt): Die Frontstellung König – Sejm erweist sich als verhärtet, die (durch Bestechungsgelder erleichterte) Einflussnahme ausländischer Mächte auf das Abstimmungsverhalten im Sejm ist immanenter Teil der Prozedur. Vgl. Czok (2004), S. 49ff., hier auch eine Auflistung der wichtigsten der geplanten Maßnahmen; siehe auch Neuhaus (2004), S. 187. Teilnahmeberechtigt sind sämtliche männliche Adelige, von denen jeder Einzelne Vetorecht (Liberum veto) besitzt – also nicht nur die Magnaten, sondern ebenso die Mitglieder des niederen Adels; vgl. Neuhaus (2004), S. 187. Czok (2004), S. 58. August II. reist gleichwohl im Oktober 1705 inkognito zu einem Treffen mit dem russischen Zaren nach Polen, auch 1706 besucht er verschiedene Regionen Polens, kehrt dann jedoch erst wieder im August 1709 nach Polen zurück. Im folgenden Jahrzehnt hält sich August eher (und häufig ganzjährig) in Polen als in Dresden auf. In den Zwanzigerjahren wird sich dieses Verhältnis jedoch verkehren (vgl. Günther, Britta/ Krüger, Nina: Die Reisen und Aufenthalte des Königs August II., in: Unter einer Krone 1997, S. 49–53). Hentschel, Walter: Die sächsische Baukunst des 18. Jahrhunderts in Polen [Textband und Bildband]. Berlin 1967, Bd. 1, S. 227. Vgl. hierzu Kwiatkowska (2005), S. 16f.; Chrościcki, Juliusz A.: Der königliche Hof Augusts II. in Warschau. Hierarchische Strukturen, höfische Feste und kirchliche Zeremonien, in: Unter einer Krone 1997, S. 311f.; Gordon-Smith, Maria: Oper, Theater und Ballett am Warschauer Hof unter den Königen August II. und August III., in: Dresdner Geschichtsverein (Hg.): Polen und Sachsen. Zwischen Nähe und Distanz. Dresdner Hefte, 50 (1997), S. 35–39. Czok (2004), S. 56. Zu Augusts polnischer Baupolitik vgl. Kowalczyk, Jerzy: Königliche Baukunst in Sachsen und Polen. Architektur und Städtebau, in: Unter einer Krone 1997, S. 390–393; Kowalczyk, Jerzy: Die zwei Hauptstädte. Dresden und Warschau, in: Unter einer Krone 1997, S. 79–81; May, Walter: Das sächsische Bauwesen unter August II. und August III. in Polen, in: Dresdner Geschichtsverein (Hg.): Polen und Sachsen. Zwischen Nähe und Distanz. Dresdner Hefte, 50 (1997), S. 17–26; Kowalczyk, Jerzy: August II. und die Warschauer Architekten, in: Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken. Dresden 1991, S. 452–463. Vgl. Kowalczyk (1997), Die zwei Hauptstädte, S. 79. Vgl. hierzu die Beiträge von Stefan Hertzig, Peter Heinrich Jahn und Dirk Welich in diesem Band. 1755 wird Dresden schließlich rund 60.000 Einwohner zählen. Vgl. hierzu Anm. 68. Es handelt sich um das Gelände, auf welchem nach dem Brand von 1813 die Warschauer Universität errichtet werden wird. Vgl. hierzu Putkowska, Jolanta: Das Ensemble der Königlichen Residenzen Augusts II. in Warschau und der Anteil M. D. Pöppelmanns an seinem Entstehen, in: Milde (1991), S. 469. Vgl. hierzu Putkowska (1991), S. 464ff.

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Elisabeth Tiller Vgl. hierzu ebd., S. 466. Vgl. Kowalczyk (1997), S. 80. Vgl. hierzu Putkowska (1991), S. 471. Vgl. Kowalczyk (1997), S. 390–393. Vgl. hierzu Hentschel (1967), Bd. 1, S. 243–258. Im Jahre 1732 wird eine dritte Postkutschenroute zwischen Dresden und Warschau eingerichtet. Die bestehenden Routen führen zum einen über den südlichen, bequemeren Kurs über Breslau, wobei die 68¾ Meilen im Jahre 1736 in 136½ Stunden zu bewältigen sind. Diese Angaben beziehen sich auf Adam F. Zürner: Kurze Anleitung zur gewöhnlichen Reise von Dreßden nach Warschau. Nürnberg 1738, wo auf S. 25, im Kapitel »Distanz-Specification«, die kursächsische Meile mit 9,062 km, also einer Gesamtstrecke von ca. 620 km, gleichgesetzt wird (»nach accurat gemessenen in Sachsen gebräuchlichen Meilen von 2000. Dreßdner achtelligten ruthen, wobey 2. Stunden auf eine Meile genommen werden«). Zum anderen wird eine nördliche Route befahren, die über Königsbrück, Hoyerswerda, Sorau/Żary, Sagan/Żagań, Großglogau/Głogów, Fraustadt/Wschowa, Lissa/Leszno und Kalisch/Kalisz in Warschau anlangt. Die dritte, 1732 eingerichtete Route wird erstmals auch über Kargowa führen (Königsbrück, Bernsdorf, Hoyerswerda, Gablenz, Triebel/Trzebiel, Christianstadt/Krzystkowice, Karge/Kargowa, Posen/Poznań, Kleczew und Błonie); vgl. Andreas Oehlke: Die Königliche Reiseroute der Wettiner von Dresden nach Warschau oder zur Geschichte der Post zur Zeit der sächsisch-polnischen Union, in: Dresdner Geschichtsverein (Hg.): Polen und Sachsen. Zwischen Nähe und Distanz. Dresdner Hefte, 50 (1997), S. 55–63, hier S. 57. Vgl. hierzu Hentschel (1967), Bd. 1, S. 189f. Zum Folgenden vgl. Kwiatkowska (2005), S. 18ff.; May (1997), S. 20ff; Kowalczyk (1997), Königliche Baukunst; Walter Hentschel: Die Zentralbauprojekte Augusts des Starken. Ein Beitrag zur Rolle des Bauherrn im deutschen Barock. Berlin 1969, S. 17; Hentschel (1967), Bd. 1. Vgl. hierzu Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Katalog zur Ausstellung im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) vom 17. Mai bis 1. September 2013. Zweite, durchgesehene Version (August 2013) [URL: http:// nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312]. Vgl. hierzu Hentschel (1967), Bd. 1, S. 7–88. Kwiatkowska (2005), S. 20, führt für die ersten Jahre von Augusts Königsherrschaft Giuseppe und Tommaso Bellotti sowie Giuseppe Piola als in Warschau tätige italienische Architekten auf. Vgl. Hentschel (1967), Bd. 1, S. 91–105. May (1997) macht hier Anklänge an Fischer von Erlachs ersten Schönbrunn-Entwurf und damit an die Versailler Gartenfront fest. Die Hauptstraße Krakauer Vorstadt/Krakowskie Przedmieście führt parallel zur Weichsel nördlich direkt zum zentralen Königsschloss, südwärtig aus der Stadt hinaus, in Richtung des ehemaligen Königsschlosses Zygmunts III. in Ujazdów. Vgl. hierzu Hentschel (1967), Bd. 1, S. 106–151. Putkowska (1991), S. 469, nennt Giuseppe Simone Bellotti als Architekten. Vgl. Kowalczyk (1997), Die zwei Hauptstädte, S. 80. Vgl. hierzu Hentschel (1967), Bd. 1, S. 230–239. Vgl. Ines Baumann: ... von denen schoenen Gaerten: barocke Gartenkunst in Polen und Sachsen, 1697–1763. Begleitheft zur Ausstellung im Barockgarten Großsedlitz vom 15. August bis 30. September 1997. Dresden 1997, S. 48. Vgl. hierzu Hentschel (1967), Bd. 1, S. 173–181. Kwiatkowska (2005), S. 23. Ebd., S. 21: »Dieses Verzeichnis mit dem Titel ‚ ›Inventarium Über Die sammtlichen Königl. Meubles zu Warschau gefertiget 1739‹ war das Ergebnis der Inspektion von Louis Antoine Leullier und wurde am 5. April 1739 von Heinrich Graf Brühl unterschrieben. Es folgen 50 Kapitel, die das Mobiliar nach Art des

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Objektes, Material und Herkunft einteilen. Die Bemerkungen betreffen die Stückzahl eines vollständigen Satzes, die Fertigungstechnik und die Art der Verzierung, außerdem, soweit möglich, den Hersteller.« 48 August hatte spätestens 1704 begonnen, in umfangreichen Tranchen u. a. über holländische Zwischenhändler Asiatika aus China und Japan zu erwerben: August häuft Porzellane in großer Stückzahl, Lackmöbel, Zeichnungen, Koromandelschirme, auch türkische Waren u. a. m., die in großer Zahl 1713 bis 1715 in die Warschauer Residenzen verbracht, nach dem Adelsaufstand von 1715 jedoch wieder nach Dresden zurückbefördert wurden. Vgl. hierzu Kopplin (2005) sowie insbesondere den Beitrag von Cordula Bischoff in diesem Band. 49 Vgl. Kwiatkowska (2005), S. 20f.; Jenzen, Igor A.: Stil und Modus in der Dekorationskunst Augusts des Starken, oder warum Schloss Moritzburg mit Ledertapeten ausgestattet wurde, in: Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen (Hg.): Ledertapeten. Bestände, Erhaltung und Restaurierung. Dresden 2004, S. 25. 50 Vgl. Kopplin, Monika: Martin Schnell – Hoflackierer Augusts des Starken, in: Kopplin (2005), S. 32–62. 51 Vgl. hierzu Hentschel (1967), Bd. 1, S. 151–173. 52 Vgl. hierzu Tiller/Lieber (2013). 53 Vgl. Kowalczyk (1997), S. 392; Baumann (1997), S. 42. 54 Der Großteil der Grundstücke gehört der Familie Wielopolski, andere den Sapieha und Ossoliński sowie dem Wojwoden von Rawa; vgl. Hentschel (1967), Bd. 1, S. 239. 55 Bei Gurlitt werden diese Kasernenbauten als »Wielopolskische Kasernen« geführt (vgl. Gurlitt, Cornelius: Warschauer Bauten aus der Zeit der sächsischen Könige. Berlin 1917, S. 48 und 70), bei Hentschel (1967), Bd. 1, S. 239–243, als »Wielopolsche Kasernen«. 56 Kwiatkowska (2005), S. 18. 57 Kurz darauf, im Jahre 1729, gewährt August in Dresden der (ausgewählten) Öffentlichkeit Zutritt zum fertiggestellten Grünen Gewölbe (Raumgestaltung Matthäus Daniel Pöppelmann, Innenausstattung Raymond Le Plat), um die Welt mit sächsischer Prachtentfaltung zu beeindrucken. Die repräsentative Überbietungsgestik der augusteischen Inszenierungen verlangt nach großem Publikum, das nun, jedenfalls in Warschau, auch aus dem Stadtbürgertum gewonnen werden soll. 58 Kwiatkowska (2005), S. 25. 59 Vgl. Baumann (1997), S. 46; Hentschel (1967), Bd. 1, S. 220–226. 60 Vgl. Kopplin: Lackkabinett, in: Kopplin (2005), S. 109–140. 61 Vgl. hierzu Hentschel (1967), Bd. 1, S. 191–216. 62 August II. lässt seinerseits mehrere Tiergärten um Warschau anlegen, etwa die Królikarnia in Marymont sowie Wiślana auf dem Kępa; vgl. Kowalczyk (1997), S. 80. 63 Vgl. hierzu May (1997), S. 18. 64 Chrościcki, Juliusz A./Rottermund, Andrzej: Architekturatlas von Warschau. Warschau 1978, S. 37. 65 Vgl. hierzu Hentschel (1967), Bd. 1, S. 182–188. 66 Vgl. Baumann (1997), S. 47. 67 Vgl. Anm. 57. 68 Vgl. hierzu Hentschel (1967), Bd. 1, S. 227–229. 69 Dieses Verzeichnis der die königlichen Besitzungen in und bei Warschau betreffenden Dokumente, aufgestellt von einer Kommission unter Vorsitz des Kronkanzlers Załuski und unter Beteiligung des damaligen Majors Jauch, begonnen 25. April 1727, beendet 12. Januar 1728 (Rißschrank VII, 87, Nr. 8b/Loc. 3511. Pol., Vol. LX, S. 231f.) findet sich bei Hentschel (1967), Bd. 1, im Anhang, S. 496–503, abgedruckt. Genannt werden: »No 1. Betr. Ihro kgl. Maj. Palais, so das Morsteinsche genannt«; »No 2. Betr. die Plätze, welche vor diesem denen Barmhertzigen Brüdern zu Warschau gehöret«; »No 3. Betr. die Dzialinskische Grund Stücke«; »No 4. Den Denhoff- oder Lubomirskischen Platz betr.«; »No 5. Betr. die Grundstücke derer Hochgeb. Fürsten Wisniowiecki«; »die Grundstücke Sub No 6, 7 et 8 betr.«; »No 9. Betr. den Sapiehischen oder Chodkiewiczischen Hof«; »No 10. Betr. den von diesem dem Hochgeb. Stephan Leszcziński, Woywo-

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Elisabeth Tiller den von Kalisch zugehörigen Platze«; »No 11. den Malachowskischen oder Lubomirskischen Platz betr.«; »No 12. den Tarłoschen Hof betr.«; »Nr. 13. das gemauerte Bokumsche Palais betr.«; »Nr. 14. Betr. den Wyzickischen, und nachhero Potockischen Grund, nebst dem darauf stehenden Pallaste«; »Nr. 15. den Sendomirischen Pallast betr.«; »Nr. 16. den Wdowińskischen Hof und Banderowskischen Platz betr.«; »Nr. 17. Den Grzybowskischen Platz betr.«; »Nr. 18. Das Sapiehaische oder Flemmingsche Palais betr.«; »Nr. 19. Den Potockischen Hof nebst dem erblichen Grunde betr.«; »Nr. 20. Die Barakowskischen und Skolimowskischen Plätze betr.«; »Nr. 21. Den zur Warschauischen Collegiat-Kirche gehörigen Grund betr.«; »Nr. 22. Den Ellortowschen auf Wielopolskischen Grunde gelegenen Hof betr.«; »Nr. 23. Godfried Schultzens Haus auf Wielopole betr.«; »Nr. 24. Das Sadowskische Haus auf Wielopole betr.«; »Nr. 25 und 26. Das Arnssche und Zawadzkische Haus betr.«; »Nr. 27. Den Rupniewskischen Pallast betr.«; »Nr. 28. Betr. den Hof auf Wielopole welchen der Hochwohlgeb. Graf Ossoliński, Cron Schatzmeister von Ihro Königl. Majestät acquiriret hat«; »Nr. 29. Das Casimirsche Palais betr.«; »Nr. 30. Alexandria betr.«; »Nr. 31. Ihro Kgl. Maj. Zwischen Ujazdow und Raweczin gelegene Brauhaus und Gründer betr.«; »Nr. 32. Die Dörfer Ujazdow, Czerniakow nebst Dependitiis betr.«; »Nr. 33. Das Gut Belweder betr.«; »Nr. 34. Betr. das Gut Siela, so unter dem Dominio directo des Wohlwürdigen Decani zu Warschau stehet«; »Nr. 35. Den Berg und das Schloss Mariemont nebst den dazugehörigen Mühlen betr.«; »No 36 et 37. Was die Grundstücken in Polkow, das Jagdhaus, den Brzezińskischen Hof, den Canal, und die übrigen Forderungen derer Camalduler Mönche anlanget«; »Nr. 38. Die Sokolkowskische Hufe auf der Neuen Welt betr.«. Vgl. hierzu Jenzen (2004), S. 25–27 (die handschriftliche Liste Augusts findet sich auf S. 26 abgebildet); Bächler, Hagen/Schlechte, Monika: Komplexität und sächsischer Barock, in: Dresdner Geschichtsverein (Hg.): Achtzehntes Jahrhundert. Dresdner Hefte, 3 (1984), S. 6–26. Zur Zuordnung der »chevalleri« zu Schloss Pillnitz vgl. den Beitrag von Dirk Welich in diesem Band. Vgl. hierzu Bächler/Schlechte (1984), S. 13.

Bibliografie Bächler, Hagen/Schlechte, Monika: Komplexität und sächsischer Barock, in: Dresdner Geschichtsverein (Hg.): Achtzehntes Jahrhundert. Dresdner Hefte, 3 (1984), S. 6–26. Baumann, Ines: ... von denen schoenen Gaerten: barocke Gartenkunst in Polen und Sachsen, 1697–1763. Begleitheft zur Ausstellung im Barockgarten Großsedlitz vom 15. August bis 30. September 1997. Dresden 1997. Chrościcki, Juliusz A./Rottermund, Andrzej: Architekturatlas von Warschau. Warschau 1978, S. 36–38. Chrościcki, Juliusz A.: Der königliche Hof Augusts II. in Warschau. Hierarchische Strukturen, höfische Feste und kirchliche Zeremonien, in: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Königliches Schloss zu Warschau (Hg.): Unter einer Krone. Kunst und Kultur der sächsisch-polnischen Union. Leipzig 1997, S. 311f. Czok, Karl: Zur Neubewertung der sächsisch-polnischen Union (1697–1763), in: Dresdner Geschichtsverein (Hg.): Polen und Sachsen. Zwischen Nähe und Distanz. Dresdner Hefte, 50 (1997), S. 9–16. Czok, Karl: August der Starke und seine Zeit. Kurfürst von Sachsen, König in Polen. Leipzig 42004. Döring, Detlef: Johann Georg III. 1680–1691 und Johann Georg IV. 1691–1694, in: Kroll, Frank-Lothar (Hg.): Die Herrscher Sachsens. Markgrafen, Kurfürsten, Könige 1089–1918. München 2004, S. 160–172. Gordon-Smith, Maria: Oper, Theater und Ballett am Warschauer Hof unter den Königen August II. und August III., in: Dresdner Geschichtsverein (Hg.): Polen und Sachsen. Zwischen Nähe und Distanz. Dresdner Hefte, 50 (1997), S. 35–39.

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Gurlitt, Cornelius: Warschauer Bauten aus der Zeit der sächsischen Könige. Berlin 1917. Hentschel, Walter: Die sächsische Baukunst des 18. Jahrhunderts in Polen [Textband und Bildband]. Berlin 1967. Hentschel, Walter: Die Zentralbauprojekte Augusts des Starken. Ein Beitrag zur Rolle des Bauherrn im deutschen Barock. Berlin 1969. Jenzen, Igor A.: Stil und Modus in der Dekorationskunst Augusts des Starken, oder warum Schloss Moritzburg mit Ledertapeten ausgestattet wurde, in: Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen (Hg.): Ledertapeten. Bestände, Erhaltung und Restaurierung. Dresden 2004, S. 24–30. Kopplin, Monika (Hg.): Chinois: Dresdener Lackkunst in Schloß Wilanów. Münster 2005. Kopplin, Monika: Martin Schnell – Hoflackierer Augusts des Starken, in: Dies. (Hg.): Chinois: Dresdener Lackkunst in Schloß Wilanów. Münster 2005, S. 32–62. Kopplin, Monika: »chinois«. Das Lackkabinett in Schloß Wilanów, in: Dies. (Hg.): Chinois: Dresdener Lackkunst in Schloß Wilanów. Münster 2005, S. 109–140. Kowalczyk, Jerzy: August II. und die Warschauer Architekten, in: Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken. Dresden 1991, S. 452–463. Kowalczyk, Jerzy: Die zwei Hauptstädte. Dresden und Warschau, in: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Königliches Schloss zu Warschau (Hg.): Unter einer Krone. Kunst und Kultur der sächsisch-polnischen Union. Leipzig 1997, S. 79–81. Kowalczyk, Jerzy: Königliche Baukunst in Sachsen und Polen. Architektur und Städtebau, in: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Königliches Schloss zu Warschau (Hg.): Unter einer Krone. Kunst und Kultur der sächsisch-polnischen Union. Leipzig 1997, S. 390–393. Kwiatkowska, Anna: Die Bedeutung Augusts des Starken für die polnische Kultur im 18. Jahrhundert, in: Kopplin, Monika (Hg.): Chinois: Dresdener Lackkunst in Schloß Wilanów. Münster 2005, S. 13–30. Le Maître, Alexandre: La Metropolitée. Amsterdam 1682. May, Walter: Der Bauherr August der Starke, in: Klecker, Christine (Hg.): August der Starke und seine Zeit. Beiträge des Kolloquiums vom 16./17. September 1994 auf der Festung Königstein. Dresden 1995, S. 61–71. May, Walter: Das sächsische Bauwesen unter August II. und August III. in Polen, in: Dresdner Geschichtsverein (Hg.): Polen und Sachsen. Zwischen Nähe und Distanz. Dresdner Hefte, 50 (1997), S. 17–26. Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken. Dresden 1991. Miłobędzki, Adam: Die Architekten in Polen zur Zeit der Herrschaft Augusts des Starken (1697– 1733), in: Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken. Dresden 1991, S. 445–451. Murawska-Muthesius, Katarzyna: Warsaw and Dresden. Art under the Polish-Saxon Union, in: The Burlington Magazine 139 (1997), S. 813–815. Neuhaus, Helmut: Friedrich August I. 1694–1733, in: Frank-Lothar Kroll (Hg.): Die Herrscher Sachsens. Markgrafen, Kurfürsten, Könige 1089–1918. München 2004, S. 173–191.

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Elisabeth Tiller

Oehlke, Andreas: Die Königliche Reiseroute der Wettiner von Dresden nach Warschau oder zur Geschichte der Post zur Zeit der sächsisch-polnischen Union, in: Dresdner Hefte 50 (1997), S. 55–63. Putkowska, Jolanta: Das Ensemble der Königlichen Residenzen Augusts II. in Warschau und der Anteil M. D. Pöppelmanns an seinem Entstehen, in: Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken. Dresden 1991, S. 464–472. Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Königliches Schloss zu Warschau (Hg.): Unter einer Krone. Kunst und Kultur der sächsisch-polnischen Union. Leipzig 1997. Staszewski, Jacek: Die sächsisch-polnische Union, in: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Königliches Schloss zu Warschau (Hg.): Unter einer Krone. Kunst und Kultur der sächsisch-polnischen Union. Leipzig 1997, S. 15–19. Staszewski, Jacek: Die Entstehung der sächsisch-polnischen Union. Die polnischen Königswahlen 1697 und 1733, in: Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Königliches Schloss zu Warschau (Hg.): Unter einer Krone. Kunst und Kultur der sächsisch-polnischen Union. Leipzig 1997, S. 71– 73. Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Katalog zur Ausstellung im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) vom 17. Mai bis 1. September 2013. Zweite, durchgesehene Version (August 2013) [URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312]. Tiller, Elisabeth: Augustus the Strong’s Polish Spaces of Representation, in: Salwa, Piotr (Hg.): Polish Baroque, European Contexts. Warszawa 2012, S. 95–125. Zürner, Adam F.: Kurze Anleitung zur gewöhnlichen Reise von Dreßden nach Warschau. Nürnberg 1738.

Stefan Hertzig

Matthäus Daniel Pöppelmann und das Japanische Palais in Dresden

Das Japanische Palais – ein einzigartiges Bauwerk Neben den beiden großen Sakralbauten, der Frauenkirche und der Katholischen Hofkirche, sowie dem Zwinger stellt das in der rechtselbischen Neustadt gelegene Japanische Palais das vierte hoch bedeutende Bauwerk des Dresdner Barocks dar (Abb. 1). Doch anders als die drei ersten Gebäude wurde dieser Bau bisher in keiner umfassenden Monografie bau- und kunstgeschichtlich gewürdigt.1 Dabei präsentiert sich das Gebäude in mehr als einer Hinsicht als ganz und gar außergewöhnliches Werk. Durch Umbau des älteren Holländischen Palais war es ab 1727 bis ca. 1733, unter Aufbietung eines enormen finanziellen Aufwands, als geschlossene Vierflügelanlage mit betonten Eckpavillons und an Stadt- und Gartenflügel jeweils mit kuppelartig überkrönten Eingangsrisaliten entstanden. Während der Außenbau noch kurz vor dem Tode Augusts des Starken im Wesentlichen abgeschlossen wurde, konnte der Innenausbau nicht mehr vollendet werden. Erst zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Bauwerk nach einem Umbau zu einem – wie es bis heute die Inschrift am Giebel verkündet – MVSEVM VSVI PVBLICO PATENS durch Christian Friedrich Exner – und später noch einmal durch Gottfried Semper – einer neuen sinnvollen Nutzung zur Aufnahme der Antiken- und Münzsammlung sowie der kurfürstlichen Bibliothek zugeführt.2 Die große Besonderheit der ursprünglichen Konzeption des Bauwerkes stellt jedoch seine beabsichtigte Ausstattung dar, die vollständig mit ostasiatischem Porzellan im Erdgeschoss sowie mit dem neu geschaffenen Meißner Porzellan im ersten Obergeschoss erfolgen sollte. Dies sowie die monumentalen Dimensionen des Bauwerkes, welche eher an einen Schlossbau erinnern, machen das Japanische Palais selbst in einer an Kuriositäten und Extravaganzen nicht gerade armen Zeit wie dem 18. Jahrhundert so einzigartig. Im Rahmen des Ende 2013 angelaufenen, von der Fritz-Thyssen-Stiftung finanzierten und am Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der TU Dresden, Lehrstuhl Prof. Dr. Henrik Karge, beheimateten Forschungsprojektes »Das Japanische Palais in Dresden. Vom Porzellanschloss Augusts des Starken zum Museumsschloss des frühen Bildungs-

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Stefan Hertzig

Abb. 1 John Hinnerk Pahl: Dresden-Neustadt, Japanisches Palais, Gartenseite aus nordwestlicher Richtung. Fotografie, 2011.

bürgertums« haben es sich Kristina Friedrichs und der Autor nun zur Aufgabe gemacht, die Architektur- und Kunstgeschichte dieses ungewöhnlichen Bauwerkes genauer zu untersuchen. Neben der weiteren Klärung der eigentlichen Baugeschichte (vor allem auch hinsichtlich des bis ca. 1740 erreichten Ausbaustandes) sollen die bisher weitgehend ungeklärten typologischen Vorläufer des Japanischen Palais, der Stellenwert des Bauwerkes innerhalb der Gesamtbautätigkeit Augusts des Starken sowie seine Bedeutung für die politisch-ideologische Außendarstellung des Kurfürsten-Königs geklärt werden.3 Ein weiterer wichtiger Aspekt des Projektes zielt auf die Händescheidung derjenigen Architekten, die an der Realisierung des Japanischen Palais schöpferischen Anteil hatten.4 Es ist die im 18. Jahrhundert sehr häufig zu findende sogenannte »kollektive Planungsmethode«, das heißt das Hinzuziehen gleich mehrerer Architekten – zumindest bei Bauprojekten von Rang – , welche gerade beim Japanischen Palais eine gezielte Anwendung fand. Unterstützt und begünstigt wurde diese Methode in Kursachsen zusätzlich durch die hervorragend organisierte, hoch effiziente Arbeitsstruktur des königlichen Oberbauamts.5 So ist es im Falle des Japanischen Palais tatsächlich belegt, dass gleich alle vier der damals führenden höfischen Architekten, nämlich Johann Christoph Knöffel (1686–1752), die beiden Franzosen Zacharias Longuelune (1669–1748) und Jean de Bodt (1670–1745) sowie nicht zuletzt natürlich auch Matthäus Daniel Pöppelmann mit dem Projekt betraut waren, »qu’on pourroit choisir le bon de L’un et de L’autre«, wie es in einem Briefwechsel Wacker-

Matthäus Daniel Pöppelmann und das Japanische Palais

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barths in anderem Zusammenhang hieß.6 Zu guter Letzt darf aber auch der schöpferische Anteil des Königs selbst nicht vergessen werden, der hier – wie in so gut wie allen anderen seiner Projekte auch – nicht unwesentlich war. Umso schwieriger scheint es deshalb heute, die Baumeisterfrage und diejenige nach dem künstlerischen Anteil Matthäus Daniel Pöppelmanns am Japanischen Palais noch klären zu können, wo er zumindest eindeutig die Bauleitung innehatte.7 1.

Pöppelmann und das Holländische Palais

Unstrittig war Pöppelmann der entwerfende Architekt des in den Jahren 1715/16 für den Grafen Jakob Heinrich von Flemming (1667–1728) errichteten Holländischen Palais (Abb. 2). Nachweislich bezog sich der Name nicht auf einen holländischen Gesandten, der das Gebäude einmal bewohnt haben soll, sondern von Anfang an auf die »holländische« Einrichtung mit Porzellan und Lackwaren.8 Wie es scheint, stand von Beginn an August der Starke hinter dieser Baumaßnahme, der – ähnlich wie im Falle von Großsedlitz – für den primären Erwerb des Grundstücks und dessen Bebauung seinen Minister vorschob und anschließend – wie beim Holländischen Palais im Jahre 1717 geschehen – den Komplex von besagtem Minister übernahm.

Abb. 2 Dresden-Neustadt, Holländisches Palais. Kupferstich nach einem Entwurf von M.D. Pöppelmann, um 1729. SLUB Dresden/Deutsche Fotothek, Aufn.-Nr.: df_hauptkatalog_0257209.

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Eindeutig gesichert für den Zwingerbaumeister ist das Palais durch seine Aufnahme in dessen 1729 erschienenes Kupferstichwerk Vorstellung und Beschreibung Des von Sr. Königl. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. Zu Sachßen erbauten so genannten Zwinger=Gartens Gebäuden Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden […] (Tafel 23). Voller Stolz hatte Pöppelmann mit diesem Kupferstich dem Holländischen Palais, das bereits ein Jahr später im neu geschaffenen Japanischen Palais aufgehen sollte, als seiner Schöpfung noch einmal ein Denkmal gesetzt. Tatsächlich stellt jene Tafel zwar nicht die einzige, in der Darstellung der baukünstlerischen Details aber die genaueste Abbildung des verlorenen Bauwerkes dar. Wie Walter May zutreffend darlegte, hatte Pöppelmann, der sich für die Dresdner Zwinger- und vor allem für die Schlossbauplanungen just im Jahre 1715 auf eine Reise nach Frankreich begeben hatte, damals zum ersten Mal den Typus der Maison de Plaisance in Dresden eingeführt.9 Der zweigeschossige, mansarddachgedeckte Baukörper mit zwei begleitenden, eingeschossigen Nebengebäuden und vorgelagertem, mehrfach geschwungenem Ehrenhofgitter war in seiner Komposition eindeutig nach dem Vorbild des Versailler Trianon de Porcelaine errichtet worden. Zwar war jenes 1670 errichtete Porzellanschlösschen mit chinoiser Dekoration10 bereits 1687 für das heutige Grand Trianon wieder abgebrochen worden, doch war der Bau durch Stichvorlagen bekannt.11 Zuletzt sind es aber auch stilistische Details, die das Palais eindeutig als ein Werk Pöppelmanns auszeichneten: Es war weniger das System aufgemalter oder aufgeputzter rechteckiger Spiegelfelder an den Rücklagenachsen, die sich in dieser Weise auch bei so gut wie allen anderen Dresdner Architekten finden ließen, als der aufs Reichste geschmückte fünfachsige Mittelrisalit, der das Holländische Palais als eine Schöpfung Pöppelmanns hervortreten ließ. Wie im Falle zahlreicher anderer Werke auch, so etwa beim Wallpavillon und beim Kronentor des Zwingers, beim Taschenbergpalais, beim Palais Vitzthum-Rutowsky oder auch bei verschiedenen Bürgerhäusern, waren es immer wieder die aus Säulen, Pilastern und reichem Ornament gebildeten, sich keilförmig vorbauchenden, mehrfach konvex und konkav geschwungenen und die Stockwerke übergehenden betonten (meist mittleren) Achsen, die an den Werken Pöppelmanns ins Auge stachen.12 Seit seiner Reise nach Prag, Wien und Rom im Jahre 1710 waren diese künstlerischen Elemente unverwechselbare Züge im Personalstil des Zwingerbaumeisters. Sie gingen maßgeblich auf den Einfluss des römischen Barockarchitekten Carlo Fontana (1638–1714) zurück,13 waren aber auch Reflexe der böhmischen und österreichischen Barockbaukunst.

2. Pöppelmanns Anteil an der Außenbaugestaltung des Japanischen Palais So gut wie überhaupt nicht bekannt ist bisher in der Dresdner Kunstgeschichte, welche Fülle an beeindruckenden barocken Planzeichnungen in den verschiedenen Archiven zum Japanischen Palais existiert.14 Den Dresdner Barock betreffend, handelt es sich bei diesem Konvolut um den größten zusammenhängenden noch existierenden Planbestand für ein

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einzelnes Bauwerk, der auch im deutschsprachigen Bereich mit zu den umfangreichsten seiner Zeit gehören dürfte. Auffällig an der Planungsentwicklung zum Außenbau des Japanischen Palais ist zunächst die große Fülle an unterschiedlichen architektonischen Ideen, die sich aus zahlreichen prominenten Vorbildern der europäischen Schlossarchitektur ihrer Zeit speisten. Einmal mehr mag auch dies ein Beleg für die Hinzuziehung unterschiedlicher Architekten und deren baukünstlerischer Gedanken sein. Es war wohl zunächst Zacharias Longuelune, der mit ersten Plänen zum Umbau beziehungsweise zur Erweiterung für das alte Palais hervortrat, dessen Seitenflügel 1722 um das Doppelte verlängert und verbreitert werden sollten. Dieses frühe Projekt wurde zwar nicht weiterverfolgt, doch sollte hier erstmals die Idee der urbanistischen Einbindung des Bauwerkes durch die Anlage der zentralen Achse der Königsstraße in Erscheinung treten. Nach einer Planungsunterbrechung war in einem neuen Projektierungsanlauf im Jahre 1725 beabsichtigt, den beiden Flügelbauten stadtseitig quadratische Kopfbauten vorzusetzen und das beibehaltene Corps de Logis mittels offener Pfeilergänge anzubinden. In einem zur selben Zeit entwickelten Erweiterungsprojekt sollte zusätzlich zu den vier Eckpavillons eine Eingangssituation mit zentralem Torturm und geschwungenen Flügelbauten geschaffen werden, deren Vorbild das Potsdamer Stadtschloss war.15 Zum Ausführungsprojekt führte schließlich die Planung einer geschlossenen Vierflügelanlage hin, die neben der Erhaltung des Altbaus vier Eckpavillons sowie einen äußerst repräsentativen Treppenhausrisalit im östlichen Seitenflügel vorsah. Dieses sehr wahrscheinlich durch den Berliner Schlossbau von Andreas Schlüter (1662 oder 1663–1714) angeregte,16 stark vorspringende Bauteil hätte den östlichen Seiten- zum Hauptflügel umgeformt und damit die wichtige urbanistische Achse nach Osten verschwenkt – eine Planung, die aufgrund ihrer städtebaulichen Undurchführbarkeit wieder verworfen wurde. Die erhaltenen Aufriss- und Schnittzeichnungen zeigen aber bereits die typischen lisenengeschmückten Fassaden im Stile Longuelunes sowie auch erstmals zaghafte chinoise Elemente an den Dächern und am Giebelfronton. Für das vorläufige Ausführungsprojekt von 1727 zog man schließlich aus beiden Entwurfssträngen die Schlussfolgerung: Es entstand eine Vierflügelanlage mit turmartig herausgerückten dreiachsigen Eckpavillons zwischen drei- beziehungsweise vierachsigen Rücklagen. Die Gesamtkomposition war am Ende wohl doch wieder auf eine Idee des Bauherrn, Augusts des Starken, zurückgegangen, der hier eines seiner bekannten »Zentralbauprojekte«, bestehend aus vier Ecktürmen mit zentraler Kuppel, verwirklicht sehen wollte. Mit großer Wahrscheinlichkeit ging die Vorliebe des Kurfürsten-Königs für solche Projekte auf den tiefen Eindruck zurück, den eine Besichtigung des in der Nähe von Madrid gelegenen spanischen Escorial auf den jungen Prinzen während einer seiner Kavalierstouren Ende der 1680er Jahre hinterlassen hatte.17 Nicht nur sein frühes Auftreten bereits bei den ersten Planungen, sondern die bei sämtlichen Planvarianten – sofern davon Aufrisse vorliegen – festzustellende Dominanz eines kühlen, klassizierenden Lisenenstils lassen im-

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Abb. 3 Matthäus Daniel Pöppelmann [?]: Entwurf zur Erweiterung des Holländischen Palais zum Japanischen Palais, Schnittzeichnung durch den Hof gegen den Elbflügel. Um 1726. Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Planarchiv, Inv.-Nr. M 16. IV, Bl. 22

mer wieder den ersten vorsichtigen Eindruck entstehen, dass Zacharias Longuelune – und keinesfalls etwa Matthäus Daniel Pöppelmann – der spiritus rector und maßgeblich Verantwortliche für das gesamte Bauprojekt gewesen ist. Dennoch lassen sich wohl auch für die Gestaltgenese des Außenbaues künstlerische Einflüsse des Zwingerbaumeisters feststellen. So sah zum Beispiel eine parallel zu den Vierflügelprojekten entwickelte Planserie eine Dreiflügelanlage vor, in deren beiden vorderen Eckpavillons zwei Treppenhäuser geplant waren. Wie Susanne Träger überzeugend nachweisen konnte, hatte Pöppelmanns Sohn Carl Friedrich (um 1697–1750) etwa zur gleichen Zeit für den Umbau des Sächsischen Palais in Warschau eine ganz ähnliche Lösung vorgeschlagen, sodass man im Dresdner Dreiflügelprojekt mit großer Vorsicht vielleicht eine Planung Matthäus Daniel Pöppelmanns sehen kann.18 Ein weiterer, erstmals von Walter May vorgestellter Riss sah im Rahmen des frühen Vierflügelprojekts noch die Erhaltung des Hauptgebäudes des Holländischen Palais vor (Abb. 3). Der reich geschmückte, vertikal aufragende Mittelrisalit wäre dabei zurückgenommen und der Bau stattdessen mit einem kleinen säulengeschmückten Balkon, einem zart dekorierten Mezzaningeschoss sowie einer Figurenbalustrade mit Wappen ergänzt worden. Pöppelmann hätte es damit verstanden, den deutlich abgeflachten Mittelrisalit, ohne seine eigene Formensprache völlig aufzugeben, in den nüchternen Klassizismus der neu geschaffenen Longuelune’schen Seitenflügel zu integrieren. Zu Recht sah May in diesem Riss einen Entwurf des Zwingerbaumeisters, der als ein »sinnreicher Baumeister« – wie ihn eine zeitgenössische Quelle bezeichnet – »geschwind und mannigfaltig die Ideen gegen einander halten, allerhand mögliche Connexionen und Vergleichungen desselben finden, und der Wahrscheinlichkeit gemäß mit einander verbinden« konnte.19

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Abb. 4 Matthäus Daniel Pöppelmann [?]: Entwurf für das Japanische Palais, Schnitt durch die Seitenflügel und den Hof gegen den Elbflügel. Um 1730/31. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. 2, Nr. 11, Makrofiche Nr. 6093/2.

Die bisherige Forschung ist sich weitgehend darin einig, dass am ausgeführten Bau des Japanischen Palais die erst im Verlauf der weiteren Planung auftauchenden chinoisen Elemente und Ornamente auf einen Eingriff Pöppelmanns zurückzuführen sind.20 Dabei waren es nicht nur die vom Bauherrn sicher gewünschten ikonografischen Bezüge auf Ostasien, sondern auch gestalterische Notwendigkeiten, die es als geboten erscheinen ließen, den in den frühen Planungsphasen sehr nüchternen Bau ornamental zu bereichern. So zeigt zum Beispiel ein prachtvoller Riss, der im Entwurf mit größter Wahrscheinlichkeit Pöppelmann zuzuweisen ist, als Schnitt durch den Bau sowohl ansatzweise die charakteristische Innenraumplanung des Architekten – auf diese wird noch einzugehen sein – als auch die gesamte in dieser Weise nicht realisierte Ornamentik für den Innenhof mit reich geschmückten Fassaden und figurenbekrönten Dächern (Abb. 4). Ein anderer Riss zeigt eine geplante Porzellanbelegung (oder auch nur farbige Bemalung) der Dächer – ein Motiv, das sich ähnlich auch am Versailler Trianon de Porcelaine befand, an dem sich Pöppelmann bereits beim Bau des Holländischen Palais orientiert hatte.21 Auch wenn anstelle der ersten sehr reichen Entwürfe schließlich nur eine reduzierte Fassung zur Ausführung kam, so belegt der heutige Bau doch in beeindruckender Weise, dass am Ende eine harmonische Verbindung der chinoisen Ornamentik mit dem klassizierenden Gesamtbaukörper gelang.

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Stefan Hertzig Abb. 5 Dresden-Altstadt, Rampische Straße 33, Kopffassade zum Kurländer Palais. Um 1930. Ausschnitt SLUB Dresden/Deutsche Fotothek, Aufn.-Nr.: df_m_0005032/Fotograf: Walter Möbius, 1937.

Die auffälligsten Veränderungen betrafen die hoch aufragenden, konkav geschweiften und in den ersten Plänen zunächst noch reich ornamentierten Mansarddächer, durch die den Eckpavillons erst ihre gewünschte Betonung verliehen wurde. In ihnen eine Planung Pöppelmanns zu sehen, erscheint mehr als naheliegend. Eine gleichartige Gestaltung wandte der Architekt bei Schloss Pillnitz an, wo der Eindruck des Chinesisch-Fernöstlichen fast ausschließlich durch den Einsatz gebogener Mansarddächer erzeugt wurde.22 Die Verwendung hoher und im unteren Dachbereich konkav geformter Mansarddächer ist aber für keinen der drei anderen am Japanischen Palais beteiligten Architekten verbürgt. Nicht nur bei Chinoiserien, sondern im gesamten übrigen ›europäischen‹ Werk Pöppelmanns trat diese Dachform immer wieder auf, so etwa auch beim Eckhaus Rampische Straße 33, wo ihm auf diese Weise die turmartige Herausrückung des Gebäudes gelang (Abb. 5).23 Zu den neu hinzugekommenen chinoisen Elementen gehörte ferner ein reicheres Schmuckwerk an den Hauptgeschossfenstern der Außenfassaden. So wurden etwa ornamentgeschmückte Segmentbögen und konsolengetragene Balkone an den Mittelrisaliten der Seitenflügel, lambrequinverzierte Baldachine sowie Muscheln, Drachen und liegende Chinesen an den Eckrisaliten und am Mittelrisalit der Hofseite hinzugefügt. Eine besondere Bereicherung des Innenhofs des Japanischen Palais stellte schließlich der mit Japanerhermen geschmückte Kolonnadengang dar, der als architektonisches Motiv vielleicht vom Schlüterhof des Berliner Schlosses her inspiriert worden war. Während die 24 kostbaren Figuren später von Christian Kirchner (1732/33) und Matthäus Oberschall (1732/33–45) ausgeführt worden waren, ist es mehr als wahrscheinlich, dass zumindest Vorzeichnungen bis zu einem gewissen Detaillierungsgrad seitens eines Architekten vorgelegen haben müssen (Abb. 6). Es ist anzunehmen, dass die Plastiken, die mit ihren Faltenwürfen und reichen barocken Bewegungsmotiven (das Ausgreifen nach den darüber

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befindlichen Gebälken ist auffällig) deutlich an die Satyrhermen des Dresdner Zwingers erinnern, einschließlich des ornamentalen Beiwerkes sowie der teilweise zwischen ihnen befindlichen Relieffelder letztlich auf Vorentwürfe Matthäus Daniel Pöppelmanns zurückzuführen sind.24

3. Pöppelmanns Anteil an den Innenraumentwürfen Als sehr viel bedeutender als sein Beitrag zum Außenbau muss der künstlerische Anteil Pöppelmanns an der (geplanten) Innenausstattung des Japanischen Palais angesehen werden. Es ist davon auszugehen, dass man schon kurz nach der Grundsteinlegung am 9. April 1727 mit Vehemenz an die Ausarbeitung erster Innenraumentwürfe heranging. Innerhalb des umfangreichen Planbestandes zum Japanischen Palais bilden die heute im Wesentlichen in zwei Plangruppen (aus den Abb. 6 John Hinnerk Pahl: Dresden-Neustadt, Jahren 1729/30 und 1734/35) sowie zahlJapanisches Palais, Chinesenherme im Hof. reichen bisher weder datierten noch autorFotografie, 2012. schaftlich zugewiesenen Einzelblättern erhaltenen Entwürfe zur Innenausstattung den beeindruckendsten Teil des gesamten Bestandes.25 Während die erste Planung noch vorsah, das gesamte königliche Porzellan ohne Rücksicht auf dessen Herkunft aufzustellen, wurde die Konzeption wohl im Frühjahr oder Sommer 1730 noch einmal verändert. Ergänzt mit Stickereien, Lackarbeiten und weiteren Malereien sollte das ostasiatische Porzellan in den unterschiedlichsten Farben – Grün, Rot, Blau-Weiß und Weiß – in der Eingangshalle sowie 17 weiteren Zimmern des Erdgeschosses aufgestellt werden. Das ungleich prachtvollere Obergeschoss beabsichtigte man hingegen ausschließlich mit Porzellan aus der einheimischen sächsischen Produktion zu schmücken.26 Den ersten, sehr wahrscheinlich ursprünglichen Planungsstand, der noch nicht die Trennung des ostasiatischen und des Meißner Porzellans vorsah, überliefert jedoch eine so gut wie vollständig erhaltene Folge von Plänen, die eindeutig noch vor dem Bericht Keysslers entstanden und damit wohl um 1729 zu datieren sind:27 Eine Galerie mit »Große[n]

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Indianische[n] Vasen« (in einer späteren, nicht durch Risse überlieferten Planungsstufe die berühmte Galerie von »allerhand Thire[n] mit Roth Laquirten Porcellan oder Braunen porcellan«) schloss sich an das Haupttreppenhaus an und bildete den Beginn des Rundgangs. Sodann findet sich eine Folge von gleich vier im Wechsel ein- beziehungsweise zweigeschossig konzipierten Vorzimmern: ein Zimmer mit »Grün Chyn.[esisch] Por.[zellan]«, das nächste mit rotem, diesem folgte ein Saal mit dunkelblauem und mit Gold geziertem Porzellan und schließlich das vierte Vorzimmer mit »Weiß Indianisch Porzellan«. Im westlichen Flügel lagen noch einmal drei Retiraden, von denen die größte, zugleich der mittlere Saal, »Krack Porcelain« enthalten sollte.28 Die Pläne, denen ein beschrifteter Grundriss des Bauwerkes entspricht, sind fortlaufend nummeriert, mit der für die jeweiligen Räume vorgesehenen Porzellangattung bezeichnet und zusätzlich noch an den betreffenden Stellen mit einer Buchstabenfolge versehen, denen die verschiedenen Wandaufrisse jeweils zugeordnet werden können. Der Verfertiger dieser Pläne war der Kondukteur und Zeichner Johann Adam Rothe (1697–?), hinter dem jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Matthäus Daniel Pöppelmann als entwerfender Architekt zu sehen ist.29 Es ist schlichtweg undenkbar, dass für die Ausstattung der damals wichtigsten königlichen Baumaßnahme, an deren Außenbauwerk sowohl finanziell als auch planerisch mit größtem Aufwand und unter Aufbietung aller zur Verfügung stehenden Hofarchitekten gearbeitet worden war, ein weitgehend unbekannter Bauzeichner als künstlerischer Entwerfer (!) herangezogen worden wäre. Tatsächlich sprechen mehrere stilistische Indizien an dieser Plangruppe für Pöppelmann. Streicht man auf den Rissen gedanklich die Konsolen und das darauf angebrachte Porzellan, so bleibt eine recht einfache Wandstruktur, bestehend aus Sockeln, Wandfeldern mit großen gerahmten Spiegeln und reich profilierten, meist mit Konsolen geschmückten Hauptgesimsen übrig. Vor diesen eher schlichten Hintergründen hätte sich die Pracht der Innenräume so gut wie ausschließlich erst durch die davor angebrachten, reich geschnitzten und vergoldeten Konsolen sowie natürlich durch das Porzellan entfaltet. Wie Susanne Träger bereits richtig feststellte, fällt an dessen Anbringung stets eine sich nach oben aufbauende und verjüngende, die Architekturglieder übergehende und die Symmetrieachsen akzentuierende Gestaltungsweise auf, die vollkommen dem entspricht, was man bisher vom Personalstil des Zwingerbaumeisters kennt. Doch ist es nicht nur das große Ganze der Gestaltung, es sind vielmehr zahlreiche Details, die weiterhin für Pöppelmann sprechen. Dazu gehören zum Beispiel mehrere charakteristische Formen der Wandfelder, wie etwa die schildartig konvex-konkav gebogenen Felder an den Hof- und Durchgangsseiten des östlichen Mittelsaals »No: 4. Dunckel Blaues Porc:«, die sich in ganz ähnlicher Form auch an den Wandfeldern des Grünen Gewölbes wiederfinden lassen (Abb. 7).30 Des Weiteren fallen an den hohen Glasspiegeln die Abschlüsse in Form breiter Segmentbögen mit geraden Verlängerungen auf, denen seitlich sowie an den tragenden Gewänden vor- beziehungsweise zurückspringende Verkröpfungen angesetzt sind,

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Abb. 7 Matthäus Daniel Pöppelmann [?]: Wandentwurf zum Raum »No: 4 Dunckel Blaues Porc:[ellain]«, Hofseite, im ersten Obergeschoss des Japanischen Palais. Um 1729. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. 2, Nr. 15, Bl. 26d/1, Makrofiche Nr. 6181.

durch die erst der typisch ›barocke‹, reiche Charakter der Spiegelarchitekturen entsteht. All dies sind künstlerische Elemente, die man zuhauf von Fenstergestaltungen vieler von Pöppelmann entworfener Dresdner Bürgerhäuser und Palais her kennt (vgl. Abb. 5).31 Auffällig ist an den Wandrissen ferner auch die Tatsache, dass die Räume weitgehend europäischen Charakter aufweisen, das heißt explizit Chinoises wird überraschenderweise nur recht selten und dabei akzentuierend verwendet. Auch dies würde wiederum einem Gestaltungsprinzip des Zwingerbaumeisters entsprechen, wie es in der zuvor beschriebenen Weise bereits von Schloss Pillnitz her bekannt ist. So beschränkt sich das Chinoise meist auf die Bespannungen oder Bemalungen der ebenen Wandfelder oder sehr selten auch auf einzelne Chinesenfiguren, die wie etwa an der Fensterseite des westlichen Mittelsaals »No. 10. Krack-Porcelain« als oberste Bekrönung der Spiegel dienen.32 Den Höhepunkt des Japanischen Palais sollten jedoch die Räume im elbseitigen Flügel, dem ehemaligen Holländischen Palais bilden: Rechts des aus dem Vorgängerbau übernommenen Treppenhauses sollte in Raum Nr. 10 das Schlafzimmer mit dem berühmten Federbett33 liegen und links der Treppe, in Raum Nr. 11, eine römisch-katholische Kapelle, deren Ausstattung vollständig aus weißem und goldfarbenem Porzellan angefertigt werden sollte. Den prunkvollen Abschluss bildete jedoch die elbseitige Throngalerie, die beider-

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Abb. 8 Matthäus Daniel Pöppelmann [?]: Wandentwurf zur elbseitigen Throngalerie im Japanischen Palais, östliche Hälfte der Fensterseite. Um 1729. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. 2, Nr. 15, Bl. 26h/1, Makrofiche Nr. 6191.

seits durch je ein Paar kannelierter, verspiegelter und mit Porzellan besetzter Säulen in drei Räume unterteilt wurde. Im ersten, linken Raum sollte unter einem von Hermen getragenen Baldachin ein Glockenspiel aufgestellt werden. Der gegenüber befindliche dritte Raum war schließlich für den Thron des Herrschers bestimmt, für dessen von Karyatiden getragene Baldachinarchitektur gleich mehrere prachtvolle Varianten angefertigt wurden. Die in der Mitte befindliche Galerie selbst diente der Aufstellung von Porzellan »der alten indianischen Art« (Kakiemon), die Wände sollten »mit Spiegeln und anderen verguldeten Zierathen meublieret seyn«.34 Interessanterweise kopierte die Throngalerie zu jenem Zeitpunkt das große Vorbild, die Versailler Spiegelgalerie, aber noch nicht direkt, sondern ahmte vielmehr deren Vorbild, die römische Galleria Colonna, nach, indem man freistehende Vollsäulen zur Abtrennung der Nebenräume verwandte.35 Während für die beiden erstgenannten Räume des Corps de Logis nur Planungen vorliegen, die in ihrer klassizierend-französischen Haltung wohl nur von Johann Christoph Knöffel oder Zacharias Longuelune angefertigt worden sein können, liegen für den Schlusspunkt der Anlage gleich drei Projekte vor – davon zwei aus der Hand Pöppelmanns –, die einmal mehr einen faszinierenden Einblick in die Planungspraxis der Zeit und in die hoch gesteckten Ambitionen erlauben, die man mit dem Bau verband. In seiner ersten für eine Wandseite, die Durchgänge sowie für Teile der Eckräume vorliegenden Planung beabsichtigte Pöppelmann das Gliederungsschema der Vorzimmer

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Abb. 9 Matthäus Daniel Pöppelmann [?]: »Neu Project« für die elbseitige Throngalerie im Japanischen Palais, östliche Hälfte der Hofseite. Um 1730/31. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. 2, Nr. 15, Bl. 26h/2, Makrofiche Nr. 6192.

im Wesentlichen zu übernehmen. Lediglich die drei mittleren Achsen der Galerie sollten durch reichere Porzellanbestückung sowie durch eine große Wappenkartusche mit den Initialen Augusts des Starken betont werden (Abb. 8).36 Wie es scheint, fand dieses Projekt aber nicht die Zustimmung des Königs, was durchaus verständlich erscheint, wenn man den gestalterischen Reichtum bedenkt, der bereits in den vier Vorzimmern an den Tag gelegt worden war und den es in der – auch ikonografisch hoch bedeutenden – Throngalerie noch einmal zu übertreffen galt. In einem zweiten »Neu Project Von der Gallerie Von Hinden gegen Fenstern über«, das nur in einem einzigen Blatt überliefert ist, versuchte Pöppelmann schließlich, die Steigerung zu den prachtvollen Vorzimmern zu erreichen, indem er die Wände in größtmöglichem ornamentalen Reichtum mittels geballt platzierter Porzellane und dazu gehöriger Konsolen gestaltete, die mit Ausnahme der Glasspiegel so gut wie keine freien Flächen mehr übrig ließen (Abb. 9).37 Tatsächlich deckt sich diese Gestaltung mit derjenigen eines fast zur gleichen Zeit – im Jahre 1732 – und in unmittelbarer Nähe zum Japanischen Palais von Pöppelmann entworfenen Bürgerhauses, des sogenannten »Sonnewaldischen Brauhauses«, Große Meißner Straße 5. Dessen Fassade war an den betonten Achsen in gleicher Weise wie der zweite Entwurf zur Throngalerie von einem ornamental äußerst reichen Stil geprägt – letztlich handelte es sich dabei um Pöppelmanns Spätstil.38

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Lässt man dieses »Neu Project« zur elbseitigen Galerie etwas länger auf sich wirken, so wird deutlich, dass auch diese Planvariante, die eher irritierend als erhaben wirkte, nicht die Lösung für den so anspruchsvoll konzipierten Raum gewesen sein konnte. Es war schließlich Zacharias Longuelune vorbehalten, für die den Bau krönende und abschließende Throngalerie die schlüssige Lösung zu finden: Durch die Verwendung einer klassizierenden französischen Formsprache in Verbindung mit durchgängig wandgliedernden Pilastern sowie durch die Aufgabe einer Abtrennung der beiden Ecksäle durch freistehende Säulen glich der Architekt die Throngalerie wieder deutlich mehr an das wohl von Anfang an gesuchte Vorbild der Versailler Spiegelgalerie an.39 Auch die gleichmäßig flächige Reihung der Porzellananordnung unterstrich diesen kühl-vornehmen Charakter und kalkulierte – wie es Longuelune in einer beigefügten Erklärung betonte – absichtsvoll mit ein, dass eventuell nur eine geringere Menge an Porzellan zur Verfügung stand, wodurch die Gesamtkomposition des Raumes jedoch nicht in Frage gestellt wurde.40 Außerhalb der umfassenden Planserie zu den Räumen des ersten Obergeschosses haben sich vier weitere Blätter erhalten, die sich mit Pöppelmann in Verbindung bringen lassen. Die beiden ersten zeigen in Aufrissen für die Schmal- und Längswände die erste Planung zur unteren, stadtseitigen Halle, die bis heute das Vestibül des Japanischen Palais bildet.41 In ihrer jeweils zu den Achsenmitten und nach oben hin akzentuierenden Gestaltung scheinen die Blätter Entwürfe des Zwingerbaumeisters zu sein. Ein weiteres einzelnes Blatt stellt wohl die Vorzeichnung zu der bereits erwähnten großformatigen Schnittzeichnung durch den Hof dar und ist eventuell eine Zeichnung aus Pöppelmanns eigener Hand. Es zeigt interessanterweise den fortgeschrittenen Planungsstand zum Obergeschoss, denn anders als in der ersten Entwurfsserie sollte die Enfilade nicht ein-, sondern doppeltürig angelegt werden, was deshalb zumindest für die Durchgangsseiten der Wände eine Neukonzeption der Abwicklungen erforderlich machte.42 Mit den nun in die Symmetrieachsen der Räume gesetzten, hoch aufragenden Kaminspiegeln zeigt sich auf dieser Zeichnung (beziehungsweise auf den dieser entsprechenden Partien der Hofansicht) der Spätstil Pöppelmanns noch einmal in seinem ganzen ornamentalen Reichtum (vgl. Abb. 4, seitlich). Ein viertes Blatt schließlich bleibt völlig rätselhaft, denn es stellt einen Entwurf für einen bisher nicht zu identifizierenden fünfachsigen Raum des Erdgeschosses dar – der Plan ist beschriftet mit »Lange Seyde in Sall. No: 18« – und zeigt eine Planung für eine mit (wohl Meißner) Tierfiguren bestückte Galerie (Abb. 10).43 Die geplante akzentuierende Porzellanaufstellung vor weitgehend schmucklosen Wandfeldern lässt wieder recht eindeutig die Hand Pöppelmanns deutlich werden. Was es aber mit dem Blatt wirklich auf sich hat, muss vorerst noch unklar bleiben. Neben der elbseitigen Throngalerie war die stadtseitige Tiergalerie – wie es scheint auch in ikonografischer Hinsicht44 – der zweitwichtigste Raum des Porzellanschlosses. Nach der Bearbeitung der Obergeschossräume, denen natürlich Priorität zukam, wurden die un-

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Abb. 10 Matthäus Daniel Pöppelmann [?]: Wandentwurf für eine Tiergalerie im Erdgeschoss des Japanischen Palais. Um 1729. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. 2, Nr. 15, Bl. 27b, Makrofiche Nr. 6199

tergeordneten Erdgeschossräume erst zu einem späteren Zeitpunkt geplant. Vielleicht war es sogar dieser Entwurf Pöppelmanns aus seiner (wohl niemals abgeschlossenen) Planung der Erdgeschossräume, der neben anderem Gedankengut die Anregung zu der erst ab ca. 1730 geplanten Tiergalerie im ersten Obergeschoss des Japanischen Palais gegeben hatte. Wie Samuel Wittwer überzeugend nachzuweisen vermochte, zeigt dieser Riss zwischen den Tierplastiken Gefäße der Böttgerzeit mit typischen, nach Entwürfen Raymond Le Plats gestalteten Maskarons. Faszinierenderweise sollte später – wie oben bereits erwähnt – unter anderem tatsächlich auch Böttgersteinzeug in der großen Tiergalerie des ersten Obergeschosses zur Aufstellung kommen.45 Dieser kurze Einblick in die komplizierte Planungsgeschichte des Bauwerkes zeigt die Schwierigkeit, die unterschiedlichen daran beteiligten Planer klar voneinander zu trennen. So bleibt allein schon bezüglich der Person Matthäus Daniel Pöppelmanns und ihres Anteiles am Japanischen Palais nach wie vor noch vieles offen.

Anmerkungen 1

Die Literatur zum Japanischen Palais ist nicht sehr umfangreich: Die frühesten Darstellungen des Bauwerkes sind: Gurlitt, Cornelius: Geschichte des Barockstiles und des Rococo in Deutschland. Stuttgart 1889, und ders.: Beschreibende Darstellung der Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen. Dresden 1903. Ebenso wie Gurlitt bot später Fritz Löffler in seinem berühmten Werk Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten (in mehreren Auflagen Leipzig bzw. Dresden 1955–1984) lediglich einen kursorischen Überblick über die Entstehungsgeschichte des Bauwerkes. Jean-Louis Sponsel ging in seiner Darstellung Kabinettstücke der Meissner Porzellan-Manufaktur von Johann-Joachim Kändler (Leipzig 1900) erstmals auf-

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Stefan Hertzig merksamer auf die Ausstattungsgeschichte des Bauwerkes ein. Die bis dato wichtigste und profundeste architekturgeschichtliche Arbeit zum Japanischen Palais stellt die Dissertation von Wolfgang Pfeiffer, Dresdner Palaisbauten des 18. Jahrhunderts (Breslau 1938, masch. Ms.) dar. Wichtige jüngere Arbeiten sind die Magisterarbeit von Susanne Träger: Das Japanische Palais in Dresden. Berlin 1991, mit der erstmals ansatzweise eine Aufarbeitung der wichtigsten Entwürfe zum Japanischen Palais erfolgt, sowie Samuel Wittwers Dissertation Die Galerie der Meißener Tiere. München 2004, die sich jedoch weitgehend auf den berühmten Bestand an großformatigen Tierplastiken der Dresdner Porzellansammlung konzentriert. In ihrem Aufsatz Original – Kopie – Fälschung. Meißener Porzellane nach ostasiatischen Vorbildern, in: Renate Eikelmann (Hg.): Meißener Porzellane mit Dekoren nach ostasiatischen Vorbildern. Stiftung Ernst Schneider in Schloss Lustheim, Bd. 1. München 2013, S. 15–120, formulierte Julia Weber eine interessante neue These für die ikonografisch-politische Interpretation des Gesamtprojektes. Einen bedeutenden Fortschritt in der Erforschung des Japanischen Palais stellt das von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderte umfangreiche Forschungsprojekt zur Dresdner Porzellansammlung im Japanischen Palais dar, das sich vornehmlich den Entstehungsbedingungen sowie den kulturgeschichtlichen Implikationen der Sammlung widmete. Elisabeth Schwarm und Désirée Baur gelang es dabei, die umfangreichen Archivbestände zu Porzellanankäufen bzw. -lieferungen systematisch aufzuarbeiten und den verschiedenen Planungsstufen für den Innenausbau zuzuweisen. Eine eingehendere Beschäftigung mit den architekturgeschichtlichen Fragestellungen, die an den Bau zu richten wären, sowie mit den zahlreichen erhaltenen Planzeichnungen erfolgte jedoch nicht. Die Gesamtpublikation der Ergebnisse ist Ende 2014 erschienen (Pietsch, Ulrich/Bischoff, Cordula (Hg): Japanisches Palais zu Dresden. Die Königliche Porzellansammlung Augusts des Starken. München 2014). Zwei größere Aufsätze hatten bereits erste wichtige Ergebnisse vorab geliefert: Schwarm-Tomisch, Elisabeth: »... wo hohe Potentaten ihr Plaisirs finden können ...« Das Königlich Holländische Palais in Altdresden bis zu seinem Umbau im Jahr 1727, in: Dresdener Kunstblätter, 46:2 (2002), S. 56–66, sowie dies.: »... Das sehr kostbare Palais in Alt=Dreßden, so man das Japanische nennt ...« Das Japanische Palais in der Zeit zwischen 1727 und 1763, in: Dresdener Kunstblätter, 46:5 (2002), S. 179–187. Am umfassendsten zu diesem Teil der Geschichte des Japanischen Palais: Heres, Gerald: Dresdener Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert. Leipzig 2006, sowie Laudel, Heidrun: Antikensäle im Japanischen Palais, in: Nerdinger, Winfried/Oechslin, Werner (Hg.): Gottfried Semper 1803–1879. Architektur und Wissenschaft. Ausstellungskatalog. München u. a. 2003, S. 144–148. Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts steht jedoch zunächst die Katalogisierung und Datierung der mehr als 300 erhalten gebliebenen originalen Baupläne, von denen die wichtigsten durch eine dreidimensionale Computervisualisierung schließlich auch sinnlich erfahr- und begreifbar gemacht werden sollen. Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich die Forschung zum Japanischen Palais fast ausschließlich auf die ›Baumeisterfrage‹, so etwa Heckmann, Hermann: Matthäus Daniel Pöppelmann als Zeichner. Dresden 1954; ders.: Matthäus Daniel Pöppelmann. Berlin/München 1972, sowie ders.: Matthäus Daniel Pöppelmann und die Barockbaukunst in Dresden. Stuttgart 1986. Desgl. auch das intensiv recherchierte Werk Franz, Heinrich Gerhard: Zacharias Longuelune und die Baukunst des 18. Jahrhunderts in Dresden. Berlin 1953. Meinert, Günther: Zur Geschichte des kursächsischen Oberbauamts im 18. Jahrhundert, in: Forschungen aus mitteldeutschen Archiven. Berlin 1953, S. 253–303; Mertens, Klaus: Das kursächsische Oberbauamt und Matthäus Daniel Pöppelmann, in: Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken in Dresden. Dresden 1990, S. 28–39; Hertzig, Stefan: Das Dresdner Bürgerhaus in der Zeit Augusts des Starken. Zu Entstehung und Wesen des Dresdner Barock. Dresden 2001, S. 196–203. Keyssler, Johann Georg: Neueste Reisen durch Deutschland, Böhmen, Ungarn, die Schweiz, Italien und Lothringen. Hannover ²1751 [= Quelle 2 in: Wittwer (2004), S. 255]. Das berühmte Zitat fiel zwar anlässlich der königlichen Bautätigkeit in Großsedlitz, wird jedoch mit größter Wahrscheinlichkeit auch

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für die Planung des Japanischen Palais zutreffend gewesen sein. Franz (1953), S. 61; Träger (1991), S. 11; SächsHStA, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 2095/200: Lettres et relations du Cte de Wackerbart au roi August II., 1724–1727, fol. 331. Franz (1953), S. 41f. Elisabeth Schwarm: Vom Flemmingschen Palais zum Königlich Holländischen Palais zu Altendresden, in: Bischoff/Pietsch (2014), masch. Ms., S. 119. May, Walter: Das Holländische und das Japanische Palais, in: Marx, Harald (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann. Der Architekt des Dresdner Zwingers. Leipzig 1990 [1990a], S. 198–206; ders.: Matthäus Daniel Pöppelmann und die französische Architektur, in: Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken in Dresden. Dresden 1990 [1990b], S. 182–193. Vgl. hierzu den Beitrag von Cordula Bischoff in diesem Band. Hautecœur, Louis: Histoire de l’architecture classique en France, Bd. 2. Paris 1948, S. 294. Neumann, Carsten: Das Trianon de Porcelaine im Park von Versailles als erster chinoiser Bau in Europa, in: Welich, Dirk (Hg.): China in Schloss und Garten. Dresden 2010, S. 75–81. Hertzig (2001), S. 204–215. Coudenhove-Erthal, Eduard: Carlo Fontana und die Architektur des römischen Spätbarock. Wien 1930; Villata, Edoardo: Carlo Fontana, in: Arte & Storia, 35:8 (2007/08), S. 250–259; Fagiolo, Marcello (Hg.): Studi sui Fontana: una dinastia di architetti ticinesi a Roma tra Manierismo e Barocco. Rom 2008. Der Einfluss Fontanas auf Pöppelmann, mit dem er in Rom wohl auch persönlich zusammengetroffen ist, kann für das Werk des Zwingerbaumeisters nicht hoch genug eingeschätzt werden. Eine größere Forschungsarbeit zu den baukünstlerischen Beziehungen der beiden Architekten ist durch Peter Heinrich Jahn, München, in Arbeit. Erste Ergebnisse zu dieser Fragestellung lieferte das Projekt Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten; vgl. Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Online-Katalog zur Ausstellung. Dresden ²2013 [URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312] sowie der Beitrag von Peter Heinrich Jahn in diesem Band. Die Mehrzahl der Pläne befindet sich im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden, weitere im Landesamt für Denkmalpflege Sachsen; einige wenige liegen in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden. Giersberg, Hans-Joachim: Das Potsdamer Stadtschloss. Potsdam 1998; Kuke, Hans-Joachim: Jean de Bodt 1670–1745. Architekt und Ingenieur im Zeitalter des Barock. Worms 2002, S. 95–109. Darüber hinaus sollte sich das Fortunaportal des Potsdamer Stadtschlosses später auch noch auf andere Bauteile des Japanischen Palais, wie etwa die Gestaltung des in der Throngalerie aufgestellten Glockenspiels und des darüber befindlichen Baldachins, auswirken. Peschken, Goerd/Klünner, Hans-Werner: Das Berliner Schloss. Frankfurt am Main/Berlin ²1991; Hinterkeuser, Guido: Das Berliner Schloss. Der Umbau durch Andreas Schlüter. Berlin 2003. Noch mehr als in dem erst seit 1728 in Dresden anwesenden De Bodt muss in Longuelune, der von 1704 bis 1714 in Berlin tätig gewesen war und seit 1715 in sächsisch-polnischen Diensten stand, der wichtigste Vermittler brandenburgisch-preußischer Architekturmotive gesehen werden. Vgl. Franz (1953), S. 12f; Kuke (2002). Von der Osten-Sacken, Cornelia: San Lorenzo El Real De El Escorial. Studien zur Baugeschichte und Ikonologie. München 1919; Hentschel, Walter: Die Zentralbauprojekte Augusts des Starken. Ein Beitrag zur Rolle des Bauherrn im deutschen Barock, in: Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-historische Klasse, 60:1 (1969); Keller, Katrin (Hg.): »Mein Herr befindet sich gottlob gesund und wohl«. Sächsische Prinzen auf Reisen. Leipzig 1994, S. 258ff. Hentschel, Walter: Die sächsische Baukunst des 18. Jahrhunderts in Polen, Bd. 1. Berlin 1967, S. 106f. und S. 129f.; Träger (1991), S. 30. May (1990a), S. 201; LfD, Planarchiv, Inv.-Nr. M 16. IV, Bl. 22; Marperger, Paul Jacob: Historie und Leben der berühmtesten Europaeischen Baumeister so sich vor und nach Christi Geburt biss auf diese unsere Zeiten durch ihre vortreffliche Gebäude und Verfertigte sonderbare Wercke bekand gemacht. Hamburg 1711, Register;

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Stefan Hertzig Zedler, Johann Heinrich: Grosses Vollständiges Universal-Lexicon, Bd. 37. Leipzig/Halle 1743, Sp. 1704f.; Hertzig (2001), S. 215. Franz (1953), S. 40f.; May (1990a), S. 205f. LfD, Planarchiv, Inv.-Nr. M 16, VII, Bl. 11; SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. II, Nr. 11. Vgl. hierzu den Beitrag von Dirk Welich in diesem Band. Hartmann, Hans-Günther: Pillnitz. Schloss, Park und Dorf. Weimar 1984; Hertzig (2001), S. 130–133. Bedingt durch seinen frühen Tod vermochte Kirchner nur die wenigsten Figuren zu vollenden. Eventuell wurden einige Figuren durch seinen Bruder Gottlieb Kirchner fertiggestellt bzw. weitergeführt. Die große Mehrzahl der Hermen stammte aus der Hand Oberschalls. Vgl. Asche, Sigfried: Balthasar Permoser und die Barockskulptur des Dresdner Zwingers. Frankfurt am Main 1966, S. 185f., 191, 237, 239, 334, 337. Träger (1991), S. 58–75. Julia Weber konnte überzeugend nachweisen, dass es wohl die Auswirkungen der sog. Hoym-Lemaire-Affäre waren, die diese Planänderung ausgelöst hatten; vgl. Weber 2013 S. 33–46. In seinem Bericht, dem offensichtlich Informationen des Oberbauamtes zu Grunde lagen und der sich mit verschiedenen Grundrissen deckt, gab der Chronist Johann Georg Keyssler in seinem 86. Brief Nachrichten von der Stadt Dresden am 23. Oktober 1730 eine Beschreibung der schließlich verbindlich geplanten Innenraumfolge nebst ihrer Porzellanausstattung; vgl. Keyssler 1751 [= Quelle 2 in Wittwer (2004), S. 255]. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. II, Nr. 15. Unter dem sog. Krack- (oder Kraak-)Porzellan verstand man zu jener Zeit blau-weißes chinesisches Porzellan der Wanli-Ära (1573–1620), das zu den ersten in Europa eingeführten Exportporzellanen gehörte. Rinaldi, Maura: Kraak Porcelain: a Moment in the History of Trade. London 1989. Dies vermuteten bereits Träger (1991), S. 58 und 75, sowie Wittwer (2004), S. 42f. Rothe wurde 1729 »wegen der vielen vorhabenden Bauten« beim Oberbauamt angestellt, was einen sicheren Terminus post quem für die Datierung dieser Plangruppe bedeutet. Hentschel (1969), S. 68, sah in Rothe jedoch selbst den »unbekannten deutschen Architekten«, der die Pläne entworfen haben soll. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. II, Nr. 15, Bl. 26 d/1. Sämtliche Übereinstimmungen der Risse mit anderen Werken Pöppelmanns sowie deren künstlerische Herleitung aufzuführen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Es sei lediglich auf die überall spürbare Beeinflussung der Pläne durch die Stichwerke Daniel Marots sowie Jean Bérains hingewiesen, welche auf Pöppelmann nicht nur bei der Gestaltung des Grünen Gewölbes nachhaltigen Einfluss ausübten. Jessen, Peter: Das Ornamentwerk des Daniel Marot. Mit Unterstützung des K. Ministerium für Handel und Gewerbe, Berlin 1892; Bowett, Adam: The Engravings of Daniel Marot, in: Furniture history, 43 (2007), S. 85–100; La Gorce, Jérôme de: Bérain: dessinateur du Roi Soleil. Paris 1986; Bérain, Jean: L’œuvre de Bérain: ornemaniste du roy. Dourdan 2011. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. II, Nr. 15, Bl. 26 k/1. Das ungewöhnliche, aus Zehntausenden von bunten Vogelfedern gefertigte Federbett war von dem französischen Künstler Le Normand geschaffen und im Jahre 1723 von August dem Starken erworben worden. Zusammen mit mehreren Wandbehängen hatte es sich als »Federzimmer« bereits im Holländischen Palais befunden und ist heute nach umfassender Restaurierung im Schloss Moritzburg ausgestellt. Giermann, Ralf: »Mehr zum Staat als zum Gebrauche«. Das Federzimmer im Schloss Moritzburg. Dresden 2003; Cassidy-Geiger, Maureen: The Federzimmer from the Japanisches Palais in Dresden, in: Furniture history, 35 (1999), S. 87–111. Keyssler (1751), zit. nach Wittwer (2004), S. 255 (= Quelle 2). Die berühmte Galleria Colonna in Rom wurde ab 1650 von Antonio Del Grande für Girolamo Colonna I. begonnen, um für die wachsende Kunstsammlung der Familie einen angemessenen Rahmen zu schaffen. Die ab 1693 von Girolamo Fontana weitergeführte und im Jahre 1703 vollendete Galerie gehörte zu den wichtigsten nach der Renaissance in Rom entstandenen Kunstsammlungen und stellte ein Gesamtkunst-

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werk aus Gemälden, Skulpturen, Möbeln, Spiegeln und Raumdekorationen dar; vgl. Safarik, Eduard A.: Palazzo Colonna. The Gallery. Rom 1999. Die neuere Forschung vermochte niemand Geringeren als Gian Lorenzo Bernini als entwerfenden Architekten der Galerie zu identifizieren; vgl. Strunck, Christa: Bernini. Galleria Colonna. Die Galleria Colonna in Rom und die Kunstpatronage des römischen Uradels. München 2007. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. II, Nr. 15, Bl. 26 f/1, f/2, f/3, g, h/1. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. II, Nr. 15, Bl. 26 h/2. Hertzig (2001), S. 178–182. Franz (1953), S. 98f. Träger (1991), S. 71–74. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. II, 15, Bl. 18–32, Explication de la Gallerie du Palais du Japon à la Villeneuve; Wittwer (2004), S. 256f. (= Quelle 3). SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. II, Nr. 15, Bl. 27a,b. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, P, Cap. II, Nr. 15, Bl. 26 k/2. Wittwers Datierung der Hofzeichnung »um 1728« ist auf jeden Fall falsch. Der Plan, der den Bau mit Ausnahme der vorgeschlagenen Fassadenornamentik und der gartenseitigen Kuppel bereits im ausgeführten Zustand zeigt, dürfte 1730, evtl. sogar erst 1731 entstanden sein. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Pläne, Cap. II, Nr. 15, Bl. 27c, a,b No. 21. Lange Seyde Gallerrie. Wittwer versucht, den Raum mit dem fünfachsigen elbseitigen Mittelsaal im Erdgeschoss des von August dem Starken signierten »Ausführungsprojekts« von 1727 zu identifizieren. Dennoch bleibt diese Zuweisung aufgrund des fehlenden symmetrischen Mittenbezugs und der durchgängigen Stichbogenfenster fraglich. Zum anderen scheint der Riss aufgrund seiner Zeichnungsart und der Beschriftung eindeutig der ersten Planserie zuzuordnen zu sein, zumal ein Beginn der Innenraumplanungen mit den Erdgeschossräumen des Palais und vor der endgültigen Fixierung des Außenbaues nur schwerlich vorstellbar ist; Wittwer (2004), S. 130–132. Wittwer (2004), S. 141–152. Auch Gerhard Glaser wies den Entwurf schon vor längerer Zeit Matthäus Daniel Pöppelmann zu: Glaser, Gerhard: Das Grüne Gewölbe im Dresdener Schloß als Weiterentwicklung der barocken Architekturidee des Spiegelkabinetts, als Spezialmuseum und als Ausgangspunkt gegenwärtiger Museumsgestaltung, in: Landesamt für Denkmalpflege Sachsen (Hg.): Bewahren und Erneuern. Gerhard Glaser zum 60. Geburtstag. Denkmalpflege in Sachsen. Mitteilungen des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen. Sonderheft. Dresden 1997, S. 35–84, insbesondere S. 55. Wittwer (2004), S. 131.

Bibliografie Asche, Sigfried: Balthasar Permoser und die Barockskulptur des Dresdner Zwingers. Frankfurt am Main 1966. Bérain, Jean: L’œuvre de Bérain: ornemaniste du roy. Dourdan 2011. Bowett, Adam: The Engravings of Daniel Marot, in: Furniture history, 43 (2007), S. 85–100. Cassidy-Geiger, Maureen: The Federzimmer from the Japanisches Palais in Dresden, in: Furniture history, 35 (1999), S. 87–111. Coudenhove-Erthal, Eduard: Carlo Fontana und die Architektur des römischen Spätbarock. Wien 1930. Fagiolo, Marcello (Hg.): Studi sui Fontana: una dinastia di architetti ticinesi a Roma tra Manierismo e Barocco. Rom 2008. Franz, Heinrich Gerhard: Zacharias Longuelune und die Baukunst des 18. Jahrhunderts in Dresden. Berlin 1953.

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Stefan Hertzig

Giermann, Ralf: »Mehr zum Staat als zum Gebrauche«. Das Federzimmer im Schloss Moritzburg. Dresden 2003. Giersberg, Hans-Joachim: Das Potsdamer Stadtschloss. Potsdam 1998. Glaser, Gerhard: Das Grüne Gewölbe im Dresdener Schloß als Weiterentwicklung der barocken Architekturidee des Spiegelkabinetts, als Spezialmuseum und als Ausgangspunkt gegenwärtiger Museumsgestaltung, in: Landesamt für Denkmalpflege Sachsen (Hg.): Bewahren und Erneuern. Gerhard Glaser zum 60. Geburtstag. Denkmalpflege in Sachsen. Mitteilungen des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen. Sonderheft. Dresden 1997. Gurlitt, Cornelius: Beschreibende Darstellung der Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen. Dresden 1903. Gurlitt, Cornelius: Geschichte des Barockstiles und des Rococo in Deutschland. Stuttgart 1889. Hartmann, Hans-Günther: Pillnitz. Schloss, Park und Dorf. Weimar 1984. Hautecœur, Louis: Histoire de l’architecture classique en France, Bd. 2. Paris 1948. Heckmann, Hermann: Matthäus Daniel Pöppelmann als Zeichner. Dresden 1954. Heckmann, Hermann: Matthäus Daniel Pöppelmann. Berlin/München 1972. Heckmann, Hermann: Matthäus Daniel Pöppelmann und die Barockbaukunst in Dresden. Stuttgart 1986. Hentschel, Walter: Die sächsische Baukunst des 18. Jahrhunderts in Polen, 2 Bde. Berlin 1967. Hentschel, Walter: Die Zentralbauprojekte Augusts des Starken. Ein Beitrag zur Rolle des Bauherrn im deutschen Barock, in: Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-historische Klasse, 60:1 (1969). Heres, Gerald: Dresdener Kunstsammlungen im 18. Jahrhundert. Leipzig 2006. Hertzig, Stefan: Das Dresdner Bürgerhaus in der Zeit Augusts des Starken. Zu Entstehung und Wesen des Dresdner Barock. Dresden 2001. Hinterkeuser, Guido: Das Berliner Schloss. Der Umbau durch Andreas Schlüter. Berlin 2003. Jessen, Peter: Das Ornamentwerk des Daniel Marot. Mit Unterstützung des K. Ministerium für Handel und Gewerbe. Berlin 1892. Keller, Katrin (Hg.): »Mein Herr befindet sich gottlob gesund und wohl«. Sächsische Prinzen auf Reisen. Leipzig 1994. Keyssler, Johann Georg: Neueste Reisen durch Deutschland, Böhmen, Ungarn, die Schweiz, Italien und Lothringen. Hannover ²1751. Kuke, Hans-Joachim: Jean de Bodt 1670–1745. Architekt und Ingenieur im Zeitalter des Barock. Worms 2002. La Gorce, Jérôme de: Bérain: dessinateur du Roi Soleil. Paris 1986. Laudel, Heidrun: Antikensäle im Japanischen Palais, in: Nerdinger, Winfried/Oechslin, Werner (Hg.): Gottfried Semper 1803–1879. Architektur und Wissenschaft. Ausstellungskatalog. München u. a. 2003, S. 144–148. Löffler, Fritz: Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten (in mehreren Auflagen Leipzig bzw. Dresden 1955–1984). Marperger, Paul Jacob: Historie und Leben der berühmtesten Europaeischen Baumeister so sich vor und nach Christi Geburt biss auf diese unsere Zeiten durch ihre vortreffliche Gebäude und Verfertigte sonderbare Wercke bekand gemacht. Hamburg 1711.

Matthäus Daniel Pöppelmann und das Japanische Palais

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May, Walter: Das Holländische und das Japanische Palais, in: Marx, Harald (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann. Der Architekt des Dresdner Zwingers. Leipzig 1990 [1990a], S. 198–206. May, Walter: Matthäus Daniel Pöppelmann und die französische Architektur, in: Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken in Dresden. Dresden 1990 [1990b], S. 182–193. Meinert, Günther: Zur Geschichte des kursächsischen Oberbauamts im 18. Jahrhundert, in: Forschungen aus mitteldeutschen Archiven. Berlin 1953, S. 253–303. Mertens, Klaus: Das kursächsische Oberbauamt und Matthäus Daniel Pöppelmann, in: Milde, Kurt (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann 1662–1736 und die Architektur der Zeit Augusts des Starken in Dresden. Dresden 1990, S. 28–39. Neumann, Carsten: Das Trianon de Porcelaine im Park von Versailles als erster chinoiser Bau in Europa, in: Welich, Dirk (Hg.): China in Schloss und Garten. Dresden 2010, S. 75–81. Osten-Sacken, Cornelia von der: San Lorenzo El Real De El Escorial. Studien zur Baugeschichte und Ikonologie. München 1919. Peschken, Goerd/Klünner, Hans-Werner: Das Berliner Schloss. Frankfurt am Main/Berlin ²1991. Pfeiffer, Wolfgang: Dresdner Palaisbauten des 18. Jahrhunderts. Breslau 1938. Pietsch, Ulrich/Bischoff, Cordula (Hg): Japanisches Palais zu Dresden. Die Königliche Porzellansammlung Augusts des Starken. München 2014. Rinaldi, Maura: Kraak Porcelain: a Moment in the History of Trade. London 1989. Safarik, Eduard A.: Palazzo Colonna. The Gallery. Rom 1999. Schwarm-Tomisch, Elisabeth: »... wo hohe Potentaten ihr Plaisirs finden können ...« Das Königlich Holländische Palais in Altdresden bis zu seinem Umbau im Jahr 1727, in: Dresdener Kunstblätter, 46:2 (2002), S. 56–66. Schwarm-Tomisch, Elisabeth: »... Das sehr kostbare Palais in Alt=Dreßden, so man das Japanische nennt ...« Das Japanische Palais in der Zeit zwischen 1727 und 1763, in: Dresdener Kunstblätter, 46:5 (2002), S. 179–187. Sponsel, Jean-Louis: Kabinettstücke der Meissner Porzellan-Manufaktur von Johann-Joachim Kändler. Leipzig 1900. Strunck, Christa: Bernini. Galleria Colonna. Die Galleria Colonna in Rom und die Kunstpatronage des römischen Uradels. München 2007. Tiller, Elisabeth/Lieber, Maria (Hg.): Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten. Online-Katalog zur Ausstellung. Dresden ²2013 [URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312]. Träger, Susanne: Das Japanische Palais in Dresden. Berlin 1991. Villata, Edoardo: Carlo Fontana, in: Arte & Storia, 35:8 (2007/08), S. 250–259. Weber, Julia: Original – Kopie – Fälschung. Meißener Porzellane nach ostasiatischen Vorbildern, in: Eikelmann, Renate (Hg.): Meißener Porzellane mit Dekoren nach ostasiatischen Vorbildern. Stiftung Ernst Schneider in Schloss Lustheim, Bd. 1. München 2013, S. 15–120. Wittwer, Samuel: Die Galerie der Meißener Tiere. München 2004. Zedler, Johann Heinrich: Grosses Vollständiges Universal-Lexicon, Bd. 37. Leipzig/Halle 1743.

Dirk Welich

Schloss Pillnitz – ein chinoises Gesamtkunstwerk

Die Geschichte von Schloss Pillnitz1 reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück; erstmalig urkundlich erwähnt wird ein altes Rittergut 1403. Über mehrfachen Besitzerwechsel entwickelt sich das Gut im 16. und 17. Jahrhundert unter den Familien von Loß und von Bünau zu einem vierflügeligen Renaissanceschloss mit Logengebäude. 1694 erwirbt Kurfürst ­Johann Georg IV. im Tausch gegen Schloss und Amt Lichtenwalde das Pillnitzer Anwesen. Durch den kurz darauf folgenden Tod des Kurfürsten erbt dessen Bruder Friedrich August, genannt der Starke, die Anlage und beginnt mit deren Entwicklung zu einem der wichtigsten und größten kulturhistorischen Zeugnisse der Chinoiserie. Die Chinoiserie – ein Begriff des 18. Jahrhunderts, entstanden aus dem französischen chinois (chinesisch)2 – ist die Bezeichnung für ein stilistisches Phänomen, das durch die ostasiatische Kultur, im Wesentlichen aber durch China inspiriert, nicht nur über drei Jahrhunderte bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein gewirkt, sondern vielschichtige gattungsübergreifende Ausprägungen bewirkt hat, in denen sich Kunstformen mannigfaltig gemischt haben. Das Schlossensemble Pillnitz wurde beinahe während der gesamten Wirkungszeit dieser ostasiatischen Beeinflussung zu einer ihrer exemplarischen Projektionsflächen: Anfang des 18. Jahrhunderts in einer assoziationsästhetischen Phase, um 1800 im Zuge des archäologischen Klassizismus und in der stilistischen Orientierungslosigkeit im ausgehenden 19. Jahrhundert. Zu Beginn dieser modischen Übernahmen wurde jedoch nicht zwischen Ländern wie China, Japan oder Indien unterschieden. Im Gegenteil, unter dem undifferenzierten Begriff ›indianisch‹ verstand man allgemein ein fernöstlich gelegenes, fantastisches Reich. Dabei wurden die Vorstellungen von diesem Reich mehr von den eigenen, anhand der typisch asiatischen Waren wie Porzellan, Seide und Lackwaren assoziierten respektive projizierten Sehnsüchten und Fantasien genährt, als von realistischer Kunde. Insofern kam das Bild, das die europäischen Zeitgenossen von der ostasiatischen Welt besaßen, eher einem Mythos gleich – einem Mythos, der bestens geeignet war, vielfältig ausgelegt und damit, den eigenen Interessen dienend, kulturell integriert zu werden. So entstanden unter dessen Einfluss ganz frei erfundene Chinoiserien, Imitationen chinesischer beziehungsweise ostasiatischer Kunstformen, ostasiatische Produktionen nach europäischem Geschmack oder europäische Gestaltungen mit integrierten originalen ostasiatischen Elementen. Ent-

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Dirk Welich

Abb. 1 Matthäus Daniel Pöppelmann: Entwurf zum Ausbau des Wasserpalais von Schloss Pillnitz mittels zweier Verbindungstrakte und vorgelagerter Freitreppen in Grund- und Aufriss. Mehrfarbig lavierte Risszeichnung in Tusche auf Papier (der rechte, ein Viertel des Blattes ausmachende Papierstreifen verloren), 1721/22. Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Plansammlung, Inv. Nr. 342/1971.

Schloss Pillnitz

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scheidend bleibt, dass die Anmutung dieser Gestaltungen scheinbar unbekannt, exotisch, fremd und damit interpretierbar war. In dieser Weise eigneten sich Chinoiserien im 17. und 18. Jahrhundert auch hervorragend als Instrument der absolutistischen Machtrepräsentation. Von den Strategien der absolutistischen Herrschaftspolitik ging auch die chinoise Gestaltung für Pillnitz aus. Die weit zielenden politischen Bestrebungen des sächsischen Kurfürsten Friedrich August I. führten im September 1697 in Krakau zu seiner Krönung als König von Polen und Großfürst von Litauen unter dem Thronnamen August II. In der Lesart der absolutistischen Zeit verlangte eine solche Personalunion nach entsprechender Repräsentation, denn nur wer ein Amt nach außen darzustellen vermochte, konnte auch Anspruch darauf erheben. Ein solches Verständnis beschreibt Julius Bernhard von Rohr, der Theoretiker des absolutistischen Zeremoniells, indem er erklärend ausführt, dass die einfachen Menschen, die ihren Verstand nicht recht gebrauchten, nur über die augenfällige, äußerliche Erscheinung der Dinge beeindruckt werden könnten, um so eine klare Vorstellung von der Majestät des Königs sowie dessen Macht und Gewalt zu erlangen.3 Von Rohr gibt über das Verhältnis von Macht und deren Demonstration noch genauer Auskunft, wenn er schreibt: »Je schwerer die Regiments-Last, die grossen Herren bey Beherrschung ihrer Länder auf dem Halse lieget, je mehr Erquickung und Ergötzlichkeit haben sie auch vonnöthen. Da auch alle Handlungen, der Regenten […] mit einander harmoniren müssen, so müssen auch ihre Divertissemens Fürstlich seyn und man kan nicht allezeit die mit einigen Unkosten vorgenommene Ergötzlichkeiten […] einem grossen Herrn verdencken.«4 Daraus darf und sollte geschlossen werden, dass die Größe der Ergötzlichkeiten der Größe des Regenten entsprach.5 Dass August der Starke dieser Strategie vorbildlich folgte, belegt eine handschriftliche Notiz von 1716, in der er eine Liste von 24 einem bestimmten Thema gewidmeten Lustschlössern plante, die genau dieser Zerstreuung und Darstellung seiner Macht dienen sollten.6 Pillnitz ist darin noch den »Chevalleri« (Reiterspielen oder ritterlichen Spielen) zugeordnet. Zugleich gibt August die Ausstattungsstile und die ihm zur Verfügung stehenden Architekten an, unter denen sich mit der Bezeichnung »ginesischer« wahrscheinlich der chinesische Stil und mit Matthäus Daniel Pöppelmann einer der infrage kommenden Architekten befindet. Die auf der Liste bestehenden Konkordanzen zwischen Ort, Stil und Architekt entsprechen jedoch nicht der erfolgten Umsetzung. Letztendlich war es aber Pöppelmann, der Pillnitz als ›indianischen‹ Auftakt der Ergötzlichkeiten an der Elbe umgesetzt hat (Abb. 1). Das Schloss verkörperte in jedem Falle den Anspruch Augusts, ein mit den fernöstlichen Herrschern vergleichbarer Fürst zu sein. Das Chinabild der Europäer hing untrennbar mit den Kenntnissen über die östliche Hemisphäre zusammen, die den Zeitgenossen zugänglich waren und die erstmals in ausführlicher Form mit den Reisebeschreibungen Marco Polos nach Europa gelangten. Für die Ausbildung des ›Chinoiseriestils‹ in Pillnitz waren allerdings insbesondere diejenigen Reiseberichte wirksam, die von den seit 1602 unternommenen Gesandtschaften der nie-

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derländischen Vereinigten Ostindischen Kompanie in den asiatischen Raum berichteten. Insbesondere in Johan Nieuhofs Beschreibung,7 die seit 1666 auch in deutscher Sprache vorlag, finden sich zwei Architekturstiche, die konzeptionell und formal als vorbildlich für die Pillnitzer Bauten angesehen werden können. Der eine zeigt den kaiserlichen Palast in Peking aus einer Vogelperspektive, der andere die Torhallen des kaiserlichen Audienzsaales im Innern der Palastanlage. Ersterer findet wahrscheinlich wegen seiner Grundidee seit 1721 auch Verbreitung in Johann Bernhard Fischer von Erlachs Entwurff einer historischen Architektur […].8 Auf den ersten Blick bietet die Ansicht des Palastes in Peking aber wenig Vergleichbares mit der heutigen Anlage in Pillnitz. Ganz anders der ursprüngliche Gedanke, den August der Starke für Pillnitz entwickelt oder abgeleitet hatte. Etwa zeitgleich mit Erlachs Publikation entstand ein Idealplan für Pillnitz, der eine etwa viermal größere Anlage vorsah. Obwohl auch dieser Idealplan formal kaum mit der Palastanlage in Verbindung gebracht werden kann, ist doch die Annäherung an ein Zentrum über eine Reihe gestaffelter Toranlagen als das gemeinsame Grundprinzip erkennbar. Bei diesem Prinzip ist natürlich der Herrscher im Zentrum zu denken und das Überwinden der ›Torhürden‹ als Demut der Untergebenen gegenüber seiner Größe und Macht. Bei der zweiten Anregung scheint August der Starke die Applikation fremder Herrlichkeit auf die eigene Persönlichkeit mit einer Umwertung der architektonischen Bedeutungsträger noch zu intensivieren. Ganz offensichtlich ist die formale Analogie der dreigliedrigen Pavillongruppe des Audienzsaales bei Nieuhof zu Wasser- und Bergpalais in Pillnitz. Während allerdings in Peking diese Architektur den Herrschersitz verkörpert und somit höchste Wertigkeit genießt, hält die gleiche Architekturform bei August gerade einmal als Torhaus her.9 Entscheidend für die Ausbildung des chinoisen Stils sind die aus dem Vorlagenstich abgeleiteten, konvex geschwungenen Dächer. Allein deren Form ist in Pillnitz schon ausreichend für die Stilbezeichnung ›chinois‹ und ein weithin sichtbares Merkmal, das den Charakter der Gesamtanlage bestimmt. Doch dürfte noch ein anderes Bauwerk, von dem August mit Sicherheit Kunde besaß und das auf seine Art schon eine Chinoiserie war, Anregung für Pillnitz gewesen sein – das Trianon de Porcelaine im Park von Versailles. Dieser von Ludwig XIV. für seine Mätresse Madame de Montespan errichtete private Rückzugsort ist ein chinoises Schlüsselwerk, das nicht nur die sich im Namen abzeichnende Vorliebe für chinesisches Porzellan spiegelt, sondern ein vielfältig reproduzierter und nachgeahmter, auf den Porzellanturm von Nanking zurückgehender Prototyp ist.10 Die Pagode von Nanking soll völlig mit Porzellanplatten verkleidet gewesen sein, eine Anmutung, die man am Trianon de Porcelaine mit Fayencen zu imitieren versuchte. Die Idee eines ganz aus Porzellan gefertigten Schlösschens besticht gleichsam wie eine Preziose, wird mit ihr doch sinnbildlich behauptet, das wertvolle Porzellan stehe im Überschwang sogar als Baumaterial zur Verfügung, was unbedingt mit Reichtum gleichzusetzen war. August dem Starken stand damit eine weitere Spielart für sein Repräsentationsbestreben offen. Und so wurde insbesondere die Lustgartenseite

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des Wasserpalais mit aufwändigen Malereien versehen, die untrüglich den Eindruck einer Porzellanverkleidung hervorrufen. Auch die typischen Pillnitzer Traufenkehlen sind mit figurativen Szenen ausgestattet, deren Vorlagen aber asiatische Kunst imitierende europäische Erfindungen sind.11 Doch wie stets ging es auch dabei nur um ein Vortäuschen, um die Erzeugung eines möglichst makellosen Scheins. So ist Pillnitz am Anfang des 18. Jahrhunderts ein Beispiel für einen typischen Barockbau, dessen exotische Fantasiedekorationen von authentischen ostasiatischen Bauten inspiriert wurden, darin aber ein assoziationsästhetisches Muster blieben.12 Nach dieser Anfangsphase entsteht in Pillnitz erst 1804 wieder ein Zeugnis der China­ mode. Bei dieser neuerlich aufgekommenen Rezeption versuchte man, die chinesische Architektur in archäologisch korrekter Weise aufzunehmen. Zuvor hatte Friedrich August der Gerechte das Schlossensemble zu seiner Sommerresidenz erklärt und zwischen 1788 und 1791 mit Ergänzungsbauten an Berg- und Wasserpalais durch Christian Friedrich Exner die notwendigen Architekturen für das höfische Zeremoniell errichten lassen. Wie Pöppelmann übernahm auch Exner für seine Neubauten als chinoises Element nur die signifikante Dachform, unter der die klassizistische Kolonnadenfront ruht. Friedrich August war den Wissenschaften und der Kunst sehr zugetan. Nach der Errichtung des Englischen Pavillons 1780 im Englischen Landschaftsgarten beauftragte er 1804 den Bau des Chinesischen Pavillons an der nördlichen Grenze des Pillnitzer Gartens. Fast hundert Jahre nach Johan Nieuhof ist es William Chambers, der 1757 in London mit seinem Werk Designs of Chinese Buildings ein erstes umfassendes Werk über die chinesische Architektur mit Anspruch auf ethnografische Authentizität vorlegt und damit dem Architekten des Chinesischen Pavillons, Christian Friedrich Schuricht, die entscheidenden Impulse für seinen Bau vorgibt.13 Chambers hatte die chinesische Architektur vor Ort studiert. Insgesamt betrachtet zeigen seine Zeichnungen die drei äußerlichen Elemente chinesischer Architektur: Plattform, Säulenzone und Dach. Keine Aussagen treffen sie jedoch zur Statik eines Gebäudes, die seit alters her im klassischen Holzskelettbau durch Säulen und Balken gebildet wird; Wänden kommt dabei nur eine füllende Funktion zu. Demzufolge konnte Schuricht, jedoch absichtslos, alle damit verbundenen statischen Probleme nur auf die bekannte europäische Art lösen, indem er im Wesentlichen eine tragende, einheitlich geschlossene Wand zum Einsatz brachte. Von einer genauen Wiedergabe der chinesischen Architektur kann also nicht die Rede sein. Gleichwohl ist der Chinesische Pavillon ohne die Schriften Chambers nicht vorstellbar. Die von Schuricht angenommene Echtheit der zitierten Chamber’schen Vorlagen ermöglichte die Fiktion der Authentizität. Letztendlich vereinte der Trugschluss aber die authentischen Quellen mit einer europäischen Interpretation. Mit der Innenraumgestaltung schuf Schuricht eine Art virtuellen Transfer des Pavillons in das ferne China. Die Wände zeigen Ausblicke in chinesische Reallandschaften und täuschen somit eine Umgebung vor, die die Echtheit des Pavillons belegen soll. Als

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Schöpfer der Malerei gilt Johann Ludwig Giesel. Die motivischen Vorlagen befinden sich im Reisebericht der englischen Gesandtschaft, die im Auftrag König Georgs III. von 1792 bis 1793 an den Kaiserhof von China reiste. William Alexander war der Zeichner, der die Gesandtschaft zu Dokumentationszwecken begleitete. Seine Zeichnungen wurden später für die Publikation in Kupfer gestochen. Die in den Gemälden dargestellten Orte sind über die Reisebeschreibung alle identifizierbar und zum Teil heute noch mit den markanten architektonischen Ausformungen existent, wie beispielsweise der Putuo-Zongcheng-Tempel nördlich von Peking – 1767 bis 1771 unter Kaiser Qian Long errichtet – oder der TaiyeChi-Park (Nordmeer-Park) mit der Insel Qionghua (Insel der jadenen Blüten) und dem Pai Tá Shan (Hügel des weißen Turmes) nordöstlich der Verbotenen Stadt in Peking. In seiner Gesamtheit ist der Chinesische Pavillon ein hervorragendes Beispiel für zeitgenössische Bestrebungen um 1800, die fernöstliche Welt nicht oberflächlich imitierend für repräsentative Zwecke zu benutzen, sondern sie mit wissenschaftlichem Ernst zu erschließen und ihr gleichsam zu huldigen. Dass auch dies mehr Wunsch als Tatsache war, war den Zeitgenossen nicht bewusst. Im Gegenteil, Schuricht wird seinen Bau gerade durch die Verwendung der aktuellen Literatur als authentisch betrachtet haben.14 Etwa 70 Jahre später erlebt Pillnitz eine dritte Phase der Chinamode. Unter König ­Albert von Sachsen wird im neuen Palais ein Chinesisches Kaffeezimmer eingerichtet, im Bergpalais etwa zur gleichen Zeit der Hauptsaal im japanischen Stil ausgestattet und schließlich 1903 unter König Georg von Sachsen im Wasserpalais das Gelbe Teezimmer ausgeführt. Zuvor erfährt Pillnitz jedoch noch eine weitere Veränderung mit der Errichtung des Neuen Palais. Dieser Bau entstand als Ersatz für das am 1. Mai 1818 abgebrannte Alte Renaissanceschloss. Dabei schloss Schuricht als dritter in Pillnitz in größerem Umfang wirkender Architekt sehr feinfühlig die Lücke zwischen Berg- und Wasserpalais und errichtete an prominenter Stelle ein Gebäude, das sowohl die Harmonie des Ensembles wahrte als auch die verloren gegangenen Funktionen des Vorgängerbaues ersetzte. Schuricht löste diese Aufgabe, indem er architektonische Elemente seiner Vorgänger modifiziert weiterführte. So behielt er die Grundstruktur der Baukörpergliederung aus Pavillon und Verbindungsbau in Kombination mit den geschwungenen Dächern bei. Auch erinnerte er mit der Turmuhr und der haubenbekrönten Attika auf dem Neuen Palais an das gewohnte Erscheinungsbild des vormaligen Renaissanceschlosses mit Giebeln und Schlossuhrturm. Dass Pillnitz als chinoises Gesamtensemble heute auf den ersten Blick einen so geschlossenen Eindruck auf den Betrachter macht, ist ganz wesentlich den beiden Architekten Exner und Schuricht zu verdanken, die den Grundgedanken eines ›indianischen‹ Lustschlosses über die Formkontinuität der Dachlandschaft aufrechterhielten. Die letzten Ausprägungen chinoiser Gestaltungen fallen in die Zeit des aufkommenden Kunstgewerbes und des entstehenden Jugendstils. 1884 wird in den Inventaren letztmalig der Raum neben dem Kuppelsaal nur als Kaffeesalon bezeichnet, seine Nennung als »Chines. Cafe-Salon« erfolgt in einem Inventar der Schlossverwaltung Pillnitz von 1890.15

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In diesem Inventar werden auch alle Ausstattungsgegenstände benannt, die sich auf einer historischen Fotografie aus der Zeit vor 1945 erkennen lassen. Wichtigstes Element der Raumgestaltung ist eine chinesische, auf Papier gemalte Panoramatapete, deren Entstehungszeit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts liegt und die aus den Werkstätten von Anthonij oder Seequa in Kanton stammt16 – also chinesische Importware ist. Eine frühere Verwendung dieser Tapete ist für Pillnitz bisher nicht bekannt. Sicher ist nur, dass die Verwendung in Pillnitz nicht den ursprünglichen Formzusammenhang dieser Panoramatapete berücksichtigt. Stattdessen finden sich die Bahnen auseinandergerückt und, in der Abfolge vertauscht, als Paneele auf die Wand gebracht, durch Bambusstabwerk gegliedert und mit Dekorationsporzellan auf Gipskonsolen kombiniert. Zusammengeführt wurde die lose Anordnung durch eine Jugendstilmalerei in der Deckenkehle, die auch zwischen den Paneelen vermutlich auf Papierbahnen ausgeführt war. Ergänzt war das Interieur mit aufwändig gearbeiteten chinesischen Vorhangstangen an den Durchgängen und Fenstertüren. Mit diesem noch entfernt an ein barockes Porzellankabinett erinnernden Kaffeezimmer besaß Pillnitz ein typisches Beispiel aus der eklektischen Zeit des Historismus, bei dem aus einem ganz individuellem Geschmacksverständnis heraus versatzstückhaft originale chinesische Kunst mit europäischen Adaptionen und Gestaltungsformen in eine Synthese gezwängt wurden.17 Wie frei der Umgang mit den Vorlagen in dieser Zeit gehandhabt wurde, zeigt auch die Neugestaltung des Hauptsaales im Bergpalais. Hier wirkte sich der Einfluss Japans aus, das seit 1854 seine Häfen für den Handel geöffnet hatte und damit große Mengen japanischer Kunstgegenstände nach Europa brachte. Die Ausmalung erstreckt sich auf alle Ausstattungselemente einschließlich der Decke, sodass ein sehr komplexes Bildprogramm vorhanden zu sein scheint. Die Bestimmung der Vorlagen zeigte jedoch, dass auch hier in einem hohen Maß unreflektierte Positionierungen erfolgten, bei welchen die Sujets einander ohne inhaltliche Verbindung abwechseln.18 So finden sich dekorative Pflanzen- neben emblematischen oder symbolisch wirkenden Tier- und Figurendarstellungen sowie narrativen Genreszenen. In Letzteren sind ersatzweise chinesische Figurentypen eingeflossen. Da sich dafür keine inhaltliche Begründung finden lässt, kann man die sorglose Durchmischung nur mit einer Haltung erklären, deren Ziel eben nicht eine authentische Gestaltungsform im japanischen Stil, sondern eine assoziationsästhetische Fantasie aus dem herrschenden eklektischen Stilpluralismus heraus war. Ausgeführt wurden die Malereien vermutlich durch Emil Schulze.19 Entgegen den beiden vorgenannten Beispielen scheint das Gelbe Teezimmer im Wasserpalais einer einheitlicheren Vorstellung von Stilvernetzungen zu entstammen. Der auftraggebende Monarch König Georg hatte 1902 nach der Thronfolge seinen Sommersitz von der Villa in Hosterwitz nach Pillnitz verlegt und, den neuen königlichen Status berücksichtigend, Teile des Wasserpalais umgestalten lassen. Zumindest für die Anfangszeit der Umbauarbeiten ist aktenkundig, dass Gustav Frölich als Hofbaurat an den Planungen beteiligt

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war, später führte Oberbaurat Dunger die Bauüberwachung aus.20 Das Gelbe Teezimmer entsteht aus einer Zusammenlegung von drei kleineren Räumen und bietet so die Möglichkeit zu einem grundlegenden Neuentwurf im Stil des Neorokokos.21 In gelb-weißer Farbgebung gehalten entsprechen die Ornamentformen noch ganz dem Rokoko, während die Wandflächen, nicht mehr in Kartuschen gegliedert, eine einheitliche Dekorationseinheit darstellen. Auf diesen entfalten die Ornamente, ergänzt durch exotische Vogel- und Drachenmotive, große Schwünge und umgreifen figürliche chinoise Szenen, für die sich die Themen Spiel, Tanz, Lustwandeln und Jagd bestimmen lassen. Charakteristisch ist die Fortführung der Stuckaturen auf Teilen der Möbel, wie es an den großen Spiegeln in Form von asiatischen Köpfen zu beobachten ist, bis hin zu einer vollplastischen Chinesenfigur als Konsolträger.22 Wie schon im Chinesischen Kaffeezimmer zu sehen war, mischen sich auch hier gestalterische Erfindungen des Jugendstils in die Ausprägung des Teezimmers, wenn Frölich am Kamingitter den Bart eines Maskarons, virtuos mit den umliegenden Elementen verflochten, zu einem Jugendstilornament verwandelt. Das Teezimmer ist insofern von Bedeutung, als in ihm auch die Möbel- und Porzellanausstattung, wie es die Inventare belegen, auf die Wandgestaltung dezidiert abgestimmt waren.23 Resümierend erweist sich auch das Gelbe Teezimmer, gleichwohl es einem deutlich hervortretenden und einheit­ lichen Gestaltungswillen im Stil des Neorokokos unterliegt, als Rückgriff auf den chinoisen ›Modestil‹, der wie im Barock eher verklärend die ferne ostasiatische Welt im Auge hat. Modern ist es trotz kleiner Formspiegelungen des Jugendstils bei Weitem nicht. Es reiht sich als sentimentale Variation in die späten chinoisen Ausstattungen in Pillnitz ein. Das kulturhistorische Phänomen Schloss Pillnitz ist so vielschichtig wie ambivalent. Obwohl gerade die chinoise Anfangsphase unter August dem Starken einen bedeutsamen kulturhistorischen Hintergrund in der absolutistischen Repräsentationspolitik hat, ist deren durch Pöppelmann geplante stilistische Ausführung rein plakativ, konnte sich aber dadurch bis ins 19. Jahrhundert hinein behaupten und zum markantesten Stilmerkmal von Pillnitz werden. Hingegen kommt dem Chinesischen Pavillon zwar innerhalb der chinoisen Mode herausragendes Gewicht als einem der markantesten Exempel des archäologischen Klassizismus zu, diese Besonderheit ist aber weitestgehend unbekannt geblieben.

Anmerkungen 1 2

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Hartmann, Hans-Günter: Pillnitz. Schloss, Park und Dorf. Weimar 1996; Dietrich, Andrea/Welich, Dirk: Schloss und Park Pillnitz. Leipzig 2012; Magirius, Heinrich: Schloss und Park Pillnitz. Leipzig 1994. Bischoff, Cordula: Chinoiserie, in: dies. (Hg.): Goldener Drache und Weißer Adler. Kunst im Dienste der Macht am Kaiserhof von China und am sächsisch-polnischen Hof (1644–1795). Ausstellungskatalog der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und des Palastmuseums Peking. Dresden 2008, S. 70–75; hier S. 70. Vgl. von Rohr, Julius Bernhard: Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschaft Der großen Herren. Neudruck der Ausgabe von 1733 (hg. von Monika Schlechte). Leipzig 1989, S. 2, § 2. Ebd., S. 732, § 1.

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Dieser interpretative Schluss folgt den Auslegungen von Jenzen, Igor A.: Stil und Modus in der Dekorationskunst August des Starken, oder warum Schloss Moritzburg mit Ledertapeten ausgestattet wurde, in: Ledertapeten – Bestände, Erhaltung und Restaurierung. Tagungsband der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen. Dresden 2004, S. 24–30; hier S. 27. Vgl. den Beitrag von Elisabeth Tiller in diesem Band, Abb. 8; SächsHStA, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 02097/50, Blatt 2b, zuerst veröffentlicht von Hagen Bächler und Monika Schlechte in: Komplexität und sächsischer Barock, in: Rat des Bezirkes Dresden Abt. Kultur (Hg.): Achtzehntes Jahrhundert. Dresdner Hefte, 3 (1984), S. 6–26; hier übernommen nach Jenzen (2004), S. 25, Anm. 8. Jenzen liefert zur Zahl 24 an gleicher Stelle auch das Erklärungsmuster, nach dem August der Starke auf seiner Krönungsfahrt nicht nur die ihm als Kurfürst zustehenden 12 Trompeter, sondern seiner Doppelfunktion entsprechend 24 Trompeter aufstellen ließ. Dieser Doppelanspruch schlägt sich auch bei der Planung der Lusthäuser nieder. Nieuhof, Johann: Het Gezantschap der Neerlandtsche Oost-Indische Compagnie, aan den Grooten Tartarischen Cham, Den tegenwoordigen Keizer van China […]. Amsterdam 1665. Fischer von Erlach, Johann: Entwurff Einer Historischen Architectur: in Abbildung unterschiedener berühmten Gebäude des Alterthums und fremder Völcker; umb aus den Geschicht-büchern, Gedächtnüß-münzen, Ruinen, und eingeholten wahrhafften Abrißen, vor Augen zu stellen; Auch kurtzen Teutschen und Frantzösischen Beschreibungen. Leipzig 1725. Letztendlich sind von dem Großen Plan nur zwei der Torhäuser realisiert worden. Auch die Porzellanpagode von Nanking ist durch Nieuhof und Erlach überliefert und galt als ein allgemein beachtetes »Wunder«. August der Starke sammelte entsprechende Vorlagenmappen, wie sie sich noch heute im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden befinden. Es ist schon verschiedentlich darauf hingewiesen worden, dass die Innenhofseite von Berg- und Wasserpalais eher den stilistischen Merkmalen palladianischer Villen folgt, während die Elbseite den venezianischen Palästen verpflichtet ist. Vgl. auch Jenzen, Igor A.: Schloss und Park Pillnitz. München/Berlin 1998. Chambers, William: Designs of Chinese Buildings, Furniture, Dresses, Machines, and Utensils […]. London 1757. Vgl. Vogel, Gerd-Helge: Wunderland Cathay. Chinoise Architekturen in Europa, Teil 1–4, in: Die Gartenkunst, Jg. 16 und 17, 2004/1, S. 125–172, 2004/2, S. 339–382, 2005/1, S. 168–216, 2005/2, S. 387–430; ders.: The Pagoda: A Typical East-Asian Architectural Structure and Its Adaption within European Garden Structures in 18th an 19th Century, in: Gao, Jianping/Wang, Keping (Hg.): Aesthetics and Culture. East and West. Beijing 2006, S. 162–207. SächsHStA, 10715 Schlossverwaltung Pillnitz, Akten-Nr. 139, S. 170–174. Fröhlich, Anke: Chinoiserien und Japonerien in Sachsen. Unveröffentlichte Studie im Auftrag der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen. O. J. [2002], S. 13f. Im Zuge der derzeitigen Planungen zur Restaurierung des Neuen Palais ist die Wiedereinrichtung des Chinesischen Kaffeezimmers mit den noch erhaltenen originalen Teilen des Interieurs vorgesehen. Die beinahe lückenlose Zuweisung von möglichen, mitunter formal sehr kongruenten Vorlagen zu den einzelnen Bildfeldern erfolgte durch Anke Fröhlich anhand der hauptsächlich im Kupferstichkabinett und dem Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden befindlichen Musterbücher. Fröhlich, Anke: Die Innenraumdekoration im Hauptsaal des Bergpalais zu Pillnitz – ein Höhe- und Endpunkt des Japonismus in Deutschland, in: Welich, Dirk (Hg.): China in Schloss und Garten. Dresden 2010, S. 208–217; hier S. 212–214. Für die Identifizierung der Kinderspieltafeln danke ich Frau Prof. Dr. Yoko Mori, die dafür das Kinderbuch Kodom Asobi Gacho bestimmen konnte. Vgl. Mori, Yoko: Bruegelskinder und Kinder in Yukiyoe, in: Kobayashi, Tadashi (Hg.): Edo Kodomo Hyakkei [Die 100 Kinderszenen in der Edo-Periode]. Tokio 2008, S. 84–89. Fröhlich (2010), S. 210.

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Dirk Welich SächsHStA, 10715 Schlossverwaltung Pillnitz, Akten-Nr. 8, vgl. Ernek, Christiane: Das Gelbe Teezimmer in Schloss Pillnitz – eine moderne Chinoiserie? Magisterarbeit an der TU Dresden, Philosophische Fakultät, Institut für Kunst- und Musikwissenschaften. Dresden 2007, S. 78. Stalla, Robert: »… Mit dem Lächeln des Rokoko«. Neurokoko im 19. und 20. Jahrhundert, in: Fillitz, Hermann (Hg.): Der Traum vom Glück. Die Kunst des Historismus in Europa. Ausstellungskatalog des Künstlerhauses der Wiener Akademie der Künste, Bd. 1. Wien 1996, S. 221–235, vgl. ebd., S. 51f. Ebd., S. 85ff. Ebd., S. 88–91.

Bibliografie Bächler, Hagen/Schlechte, Monika: Komplexität und sächsischer Barock, in: Rat des Bezirkes Dresden Abt. Kultur (Hg.): Achtzehntes Jahrhundert. Dresdner Hefte, 3 (1984), S. 6–26. Bischoff, Cordula: Chinoiserie, in: dies. (Hg.): Goldener Drache und Weißer Adler. Kunst im Dienste der Macht am Kaiserhof von China und am sächsisch-polnischen Hof (1644–1795). Ausstellungskatalog der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und des Palastmuseums Peking. Dresden 2008, S. 70–75. Chambers, William: Designs of Chinese Buildings, Furniture, Dresses, Machines, and Utensils […]. London 1757. Dietrich, Andrea/Welich, Dirk: Schloss und Park Pillnitz. Leipzig 2012. Ernek, Christiane: Das Gelbe Teezimmer in Schloss Pillnitz – eine moderne Chinoiserie? Magisterarbeit an der TU Dresden, Philosophische Fakultät, Institut für Kunst- und Musikwissenschaften. Dresden 2007. Fischer von Erlach, Johann: Entwurff Einer Historischen Architectur: in Abbildung unterschiedener berühmten Gebäude des Alterthums und fremder Völcker; umb aus den Geschicht-büchern, Gedächtnüß-münzen, Ruinen, und eingeholten wahrhafften Abrißen, vor Augen zu stellen; Auch kurtzen Teutschen und Frantzösischen Beschreibungen. Leipzig 1725. Fröhlich, Anke: Chinoiserien und Japonerien in Sachsen. Unveröffentlichte Studie im Auftrag der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen. O. J. [2002]. Fröhlich, Anke: Die Innenraumdekoration im Hauptsaal des Bergpalais zu Pillnitz – ein Höheund Endpunkt des Japonismus in Deutschland, in: Welich, Dirk (Hg.): China in Schloss und Garten. Dresden 2010, S. 208–217. Hartmann, Hans-Günter: Pillnitz. Schloss, Park und Dorf. Weimar 1996. Jenzen, Igor A.: Schloss und Park Pillnitz. München/Berlin 1998. Jenzen, Igor A.: Stil und Modus in der Dekorationskunst August des Starken, oder warum Schloss Moritzburg mit Ledertapeten ausgestattet wurde, in: Ledertapeten. Bestände, Erhaltung und Restaurierung. Tagungsband der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen. Dresden 2004, S. 24–30. Magirius, Heinrich: Schloss und Park Pillnitz. Leipzig 1994. Mori, Yoko: Bruegelskinder und Kinder in Yukiyoe, in: Kobayashi, Tadashi (Hg.): Edo Kodomo Hyakkei [Die 100 Kinderszenen in der Edo-Periode]. Tokio 2008, S. 84–89. Nieuhof, Johan: Het Gezantschap der Neerlandtsche Oost-Indische Compagnie, aan den Grooten Tartarischen Cham, Den tegenwoordigen Keizer van China […]. Amsterdam 1665.

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Rohr, Julius Bernhard von: Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschaft Der großen Herren. Neudruck der Ausgabe von 1733 (hg. von Monika Schlechte). Leipzig 1989. SächsHStA, 10715 Schlossverwaltung Pillnitz, Akten-Nr. 139, S. 170–174. SächsHStA, 10715 Schlossverwaltung Pillnitz, Akten-Nr. 8. Stalla, Robert: »… Mit dem Lächeln des Rokoko«. Neurokoko im 19. und 20. Jahrhundert, in: Fillitz, Hermann (Hg.): Der Traum vom Glück. Die Kunst des Historismus in Europa. Ausstellungskatalog des Künstlerhauses der Wiener Akademie der Künste, Bd. 1. Wien 1996, S. 221–235.

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Chinoiserie am sächsischen Hof – Mainstream oder Avantgarde?

In jeder Abhandlung zum Thema Chinoiserie werden August der Starke, sein Lustschloss Pillnitz und sein Porzellanschloss Japanisches Palais umfassend gewürdigt, in jeder noch so kurzen Zusammenfassung zumindest erwähnt.1 Dabei werden diese Bauten in einem Atemzug mit anderen führenden chinoisen Architekturen wie der Pagodenburg im Schloss­park Nymphenburg oder dem Chinesischen Teehaus in Potsdam-Sanssouci genannt. Häufig wird den Dresdner Bauten sogar eine Schlüsselposition zugeschrieben. Pillnitz gilt als eine der frühesten, wenn nicht die früheste chinoise Architektur Deutschlands,2 charakterisiert durch ihre im Äußeren ablesbare chinesische Gestaltung in Form der pagodenähnlich geschwungenen Dächer und der Bemalung mit chinesischen Figuren. Das Japanische Palais, Gehäuse der umfangreichen augusteischen Porzellansammlung, wird als großartige Steigerung des Porzellankabinetts, als erstes und singuläres Porzellanschloss begriffen.3 August der Starke selbst wird als bedeutendster Porzellansammler seiner Zeit gewürdigt, dessen Begehrlichkeiten sowohl auf chinesische und japanische Porzellane als auch auf Nachschöpfungen aus seiner eigenen Meissener Manufaktur gerichtet waren. Zweifellos erreichte die Chinamode am sächsischen Hof einen Höhepunkt. Dennoch wird häufig übersehen, dass sich hier eher der End- als der Anfangspunkt einer Entwicklung manifestiert und dass Augusts scheinbar megalomanische Sammel- und Bauwut sehr konkrete Ziele verfolgte. Es gilt also, eine Einordnung in die bestehenden europäischen Traditionslinien der Asienrezeption vorzunehmen sowie den Kontext der sächsischen Kunstpolitik zu spezifizieren.

1.

Das chinoise Kabinett in Europa

Das chinoise Porzellankabinett kann als Kulminationspunkt der frühneuzeitlichen Asienbegeisterung gelten. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts entstanden vier durch Porzellanund Fayenceausstattung geprägte Raumtypen: das chinoise Kabinett, die Prunkküche, das Prunkbad und die Porzellangrotte. Die Entwicklung nahm ihren Ausgangspunkt in den Niederlanden, verbreitete sich aber innerhalb weniger Jahrzehnte europaweit, getragen vor allem durch die weiblichen Mitglieder des Hauses Oranien.

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1.1

Cordula Bischoff

Die ersten Lackkabinette

Das um 1654 geschaffene Lackkabinett der Amalia von Solms-Braunfels, Prinzessin von Oranien (1602–1675), im Huis ten Bosch gilt als das früheste nachgewiesene Porzellankabinett,4 wobei die exaktere Bezeichnung lauten müsste: das früheste Kabinett im asiatischen Stil.5 Zwar gab es bereits einige Vorläufer-Räume sowohl in Holland als auch in England, doch erst mit dem neuen Kabinett der Amalia von Solms wurde erstmals eine Einheit von Wandverkleidung, Mobiliar und Porzellanausstattung im asiatischen Stil geschaffen. Das Landschloss in der Nähe Den Haags wurde ab 1645 durch die Prinzessin von Oranien erbaut. Nach dem Tode ihres Mannes Prinz Friedrich Heinrich 1647 ließ sie insbesondere den Festsaal, den »Oranjezaal«, ihm zu Ehren mit einem Memorial- und Triumphprogramm ausstatten.6 Während dieser Saal im Wesentlichen noch heute unverändert besteht, sind die Wohnquartiere in der Folgezeit komplett umgebaut worden, sodass der Zustand um 1650 überwiegend aus Inventaren, Reisebeschreibungen und Kupferstichen rekonstruiert werden muss. Die Bauherrin bewohnte das östliche Appartement des Erdgeschosses. Es bestand nach französischem Muster aus Vorzimmer, (Parade-)Schlafzimmer, großem und kleinem Kabinett sowie einer Garderobe. Zur Möblierung gehörten einige der frühesten in Holland eingeführten japanischen Lackwaren,7 beispielsweise eine 1640 von der Ost-Indischen Kompanie als Geschenk für die Prinzessin – aber wohl auf deren Veranlassung hin8 – in Japan bestellte Balustrade aus Perlmutt und Goldlack auf schwarzem Grund.9 Gleich in zweifacher Hinsicht verblüffte Amalia mit diesem »Chineser Schranckwerck«: Es war das erste Mal, dass in holländischen Häusern eine Schlafzimmerbalustrade nach französischem Zeremoniell zur Anwendung kam, und überdies bestand sie aus dem exotischen Japanlack.10 Kurz nach 1654 ließ Amalia die Wände ihres Kabinetts durch japanische Lacktafeln verkleiden. Ihre gesammelten Lackkästen, auf Wandfeldgröße zurechtgeschnitten, erhielten so eine völlig neue Nutzung. Eine solche Maßnahme wurde hier wohl zum ersten Mal in Europa durchgeführt und erregte entsprechendes Aufsehen. In diesem asiatisch-fremdländisch anmutenden Raum muss man sich Amalias umfangreiche Porzellansammlung von 398 Stücken vorstellen.11 Das Gesamtprogramm des Huis ten Bosch ist auf die Verherrlichung der Familie der Oranier ausgerichtet. Dazu wurden neben zahlreichen allegorischen Gemälden die kostbarsten Gegenstände, die sich um die Mitte des 17. Jahrhunderts sammeln ließen, nämlich asiatische Lacke und Porzellane, genutzt. Nahezu der gesamte Ostasienhandel lief seit 1602 über die Niederlande. Asiatica als spezifisch holländische Luxusobjekte (zu denen auch Seide und Tee gehörten), deren Handelswert einen Gutteil des niederländischen Wohlstandes ausmachte,12 waren daher hervorragend geeignet, sowohl das dem Land vorstehende Fürstenhaus als auch die Nobilität dieser adeligen Familie zu versinnbildlichen. Wenige Jahre nach der Einrichtung dieses Kabinetts entstanden auch an anderen Höfen ähnliche Räumlichkeiten. Für das dänische Schloss Rosenborg sind mehrere Lackkabinet-

Chinoiserie am sächsischen Hof

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te aus den 1660er Jahren, jedoch ohne Porzellanausstattung bezeugt. So wurde zwischen 1663 und 1665 für Frederik III. (1609–1670) das im ersten Obergeschoss neben seinem Audienzzimmer gelegene nordöstliche Turmzimmer in ein Indianisches Lackkabinett umgewandelt, das als das älteste erhaltene Lackkabinett Europas gilt.13 Es diente als privater Audienzraum, in dem Gesandte empfangen wurden.14 Seine Wandpaneele bestehen aus chinoisen, teils erhabenen vergoldeten Lackmalereien auf schwarzem Grund, ausgeführt von dem holländischen Maler François de Bray.15

1.2 Das Trianon de Porcelaine Auch am französischen Hof wurde mit neuartigen Architekturen experimentiert. Von 1670 bis 1671 ließ Ludwig XIV. im Park von Versailles eine Maison de Plaisance für seine offizielle maitresse en titre Madame de Montespan (1641–1707) errichten. Das Lustschlösschen bestand aus einem Hauptpavillon und zwei Nebenpavillons sowie zwei Nebenhöfen mit je einem Pavillon und diente als privater Rückzugsort für den König. Berühmt wurde es durch seinen Fayence­dekor. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht waren die Außenfassaden jedoch nicht mit Fliesen belegt. Sowohl die hohen Mansarddächer als auch die zahlreichen großen Vasen auf der umlaufenden Balustrade, den Dachgiebeln und den Fensterstürzen gaben nur vor, aus Keramik zu bestehen. Das Dach war mit blau-weiß bemalten Bleiplatten gedeckt, die Vasen bestanden aus Kupferblech mit imitierter Fayencefarbfassung.16 Die blau-weiße Farbigkeit wurde akzentuiert durch goldene Verzierungen. Im Innern setzte sich die überwiegend blau-weiße Gestaltung fort: Fliesen-Fußböden,17 Spiegel mit Lackrahmen, Lackmöbel, Stoffe und Stuckornamente, selbst die Fensterrahmen waren mit blau-weißen Mustern bemalt.18 Für das Palais bürgerte sich schon bald die Benennung Trianon de Porcelaine ein,19 obwohl es ursprünglich als Pavillon de Flore bezeichnet wurde.20 Das Schlösschen wird allgemein als Markstein und Beginn der französischen Chinamode gesehen; der chinesische Kaiserpalast und die Porzellanpagode in Nanking werden als Vorbilder genannt21 und die Fayenceoptik wird als Ausweis der Porzellanmode gedeutet. Auch das Dresdner Japanische Palais wird häufig in seine Nachfolge gestellt. Auffallend ist jedoch, dass keinerlei asiatische Porzellane in Zusammenhang mit dem Trianon erwähnt wurden. Die verwendeten Fliesen stammten überwiegend aus französischen Manufakturen.22 Die Formen der Ziervasen waren europäisch, die meisten Muster und Zierelemente wie Vögel, Blumen, Amoretten wiesen türkische oder maurische Einflüsse auf, die Möbel waren mit Elfenbein- und Ebenholzmarqueterien oder mit italienische Pietra dura imitierenden Glaseinlegearbeiten versehen.23 Einzig chinesische Seidenstoffe sind belegt. Die Mischung exotischer Elemente wurde allein durch die alles dominierende Farbfassung vereint und sinisiert. Gemeint war jedoch nicht chinesisches Porzellan, sondern die europäisch adaptierte Form der Fayence, und hier bezeichnenderweise nicht die dominierende Delfter Ware, sondern die einheimische Produktion.

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Das Trianon ist als Pendant zur Menagerie, der Sammlung exotischer Tiere, errichtet worden, und herausragendes Merkmal des Pavillon de Flore war seine Blumenvielfalt. Nicht weniger als 96.000 Blumenstöcke und zwei Millionen einzelne Blumentöpfe, darunter zahlreiche Orangen-, Granat- und Zitronenbäumchen, ermöglichten saisonale Farbwechsel und eine andauernde Duftsymphonie.24 In einer zeitgenössischen Beschreibung André Félibiens von 1673 wird diese Blumenvielfalt als Charakteristikum hervorgehoben.25 Auch in einer 1677 verfassten Ekloge wird die Schönheit der Blumen der kostbaren Materialvielfalt gegenübergestellt und das Trianon als Ort ewigen Frühlings gefeiert.26 Zwar fand die Bauform des Trianons, eines eingeschossigen mit hohem Dach versehenen Pavillons, eine rege Nachfolge,27 doch auf die Entwicklung des Porzellankabinetts hatte das Palais keinen entscheidenden Einfluss. Selbstverständlich wurde auch am französischen Hof bereits vor den umfangreichen Schenkungen durch die Siamesischen Gesandtschaften 1684 und 1686 asiatisches Porzellan gesammelt und geschätzt. Doch der »goût chinois« äußerte sich vor allem in der Verwendung chinesischer Möbel und Stoffe, ergänzt um chinoise dekorative Malereien.28 Mit dem Trianon entstand eine neue Art der Innenraumgestaltung: Neben der Ausmalung in Marmorimitation und einer mit feiner Goldornamentik überzogenen weißen Wandausmalung wurde nun auch die »façon de pourceline«, die blau-weiße Bemalung, modern.29 Anders als in den Niederlanden aber war Porzellan nicht integraler Bestandteil des chinoisen Kabinetts. Zum dominierenden Element französischer Prunkkabinette wurden Spiegel, insbesondere ganze verspiegelte Wände, vor denen vor allem Gegenstände aus Kristall, Schmucksteinen und Edelmetallen präsentiert wurden.30 Die Galerie des Glaces in Versailles wurde unmittelbar nach dem Frieden von Nijmegen 1678 geplant und bis 1686 fertiggestellt. Das ikonografische Programm ist dem erfolgreich geführten Krieg gegen Holland gewidmet, und in Grafiken wird die Galerie – entgegen der Realität – zum wichtigsten Zeremonialraum des Schlosses stilisiert.31 Es ist sicher kein Zufall, dass Ludwig XIV. genau zu dem Zeitpunkt, zu dem sich das Haus Oranien durch Porzellanausstattung profilierte, eine eigene abweichende Form des Paraderaumes, eben das Spiegelkabinett, etablierte. 1.3

Die Porzellansammlungsräume der Oranierinnen

Das Bemühen, chinesische Elemente in die Innenraumdekoration zu integrieren, ist um die Mitte des 17. Jahrhunderts also an verschiedenen Höfen Europas in unterschiedlicher Form erkennbar. Jedoch einzig das neuartige Porzellankabinett schaffte es, durch eine beispiellose Verbreitungskampagne durch das Haus Oranien zu einem unverzichtbaren Bestandteil der höfischen Repräsentation aufzusteigen. Um 1700 gehörte ein Porzellankabinett kanonisch zu jedem Paradeappartement einer Fürstin, ja, es stellte dessen exklusivsten und prachtvollsten Raum dar.

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Die vier Töchter der oranischen Prinzessin Amalia von Solms-Braunfels, Louise Henriette von Brandenburg (1627–1667), Albertine Agnes von Nassau-Diez (1634–1696), Henriette Catharina von Anhalt-Dessau (1637–1708) und Maria von Simmern (1642–1688), allesamt mit deutschen Fürsten verheiratet, ließen in ihren jeweiligen Fürstentümern Lustschlösser erbauen, die sowohl von der Ausstattung als auch von der Programmatik her Bezüge zum Huis ten Bosch und zu den weiteren elterlichen Schlössern aufwiesen. Schon die Namen der neu errichteten Schlösser der vier Fürstinnen machen deutlich: Mit Oranienburg (bei Berlin), Oranienstein (bei Diez/Lahn), Oranienbaum (bei Dessau) und Oranienhof (bei Bad Kreuznach) wird nicht nur der Rückbezug zur Herkunftsfamilie hergestellt, sondern auch die Verwandtschaft und der Zusammenhalt untereinander betont.32 Das Bestreben der vier Fürstinnen zielte darauf, die in vieler Hinsicht als überlegen geltenden Errungenschaften der niederländischen Hochkultur in ihrer jeweiligen neuen Heimat, in den vom Dreißigjährigen Krieg gezeichneten, zumeist bescheiden ausgestatteten deutschen Residenzen ihrer Ehemänner einzuführen. Der Kontakt zu den heimischen Niederlanden und zu den Geschwistern brach nie ab, sodass sowohl architektonische als auch andere künstlerische Projekte vorrangig im Kontext der Familie zu sehen sind.33 Die Schwestern informierten sich sehr genau über anstehende Pläne und orientierten sich eng aneinander. Sie tauschten Informationen, Baupläne und Handwerker untereinander aus. Der Informationsfluss erfolgte über gut funktionierende Personalnetze.34 Die Übernahme niederländischer Gedanken, Formen und Strukturen ermöglichte einerseits ein Leben im von Kindheit an gewohnten Milieu, führte andererseits aber auch die Leistungsfähigkeit des niederländischen Handwerks und Handels im ›Ausland‹ vor. Das Haus Oranien erwies sich als eine der führenden Nationen Europas durch seine Kunst und Kultur, wozu auch das Sammeln von Porzellan und Fayence sowie die Einrichtung von Porzellansammlungsräumen zählten. 1.4

Die Porzellansammlungsräume des Hauses Brandenburg

Das erste Porzellankabinett in einem deutschen Schloss wurde 1663, nur wenige Jahre nach der Einrichtung des Lack- und Porzellankabinetts im Huis ten Bosch, durch Louise Henriette von Brandenburg (1627–1667) in ihrem Lustschloss Oranienburg eingerichtet. Über das Aussehen dieses Raumes ist fast nichts bekannt. Die Wände waren in den oranischen Farben mit gold-blauen Ledertapeten beschlagen, und die Decke bestand aus Ölbildern mit indianischen Szenen in goldenen Rahmen.35 Bereits 1667, wenige Jahre nach Vollendung des Baues, starb die Kurfürstin. Ihr drittgeborener Sohn und Nachfolger in der Regierung, Kurfürst Friedrich III., ließ in den 1680er und 1690er Jahren den bestehenden Bau zu einem Memorialbau für seine Mutter umbauen. Zwar wurde der holländische Stil des Außenbaues zugunsten des moderneren

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italienischen Stils verändert, doch hielt Friedrich die Erinnerung an seine Mutter wach, indem er zahlreiche Hinweise auf die Begründerin des Schlosses einfügte, etwa in Form von Inschriften und Monogrammen. Im Innern ließ er einen neuen Fest- und Speisesaal, den »Orange Saal« einrichten, dessen ikonografisches Programm die Genealogie der Oranier mit Friedrich selbst als Endpunkt verherrlichte sowie »das Lob auf die Tugenden der Königl. Frau Mutter und den Ruhm und [die] Thaten ihrer Eltern und Voreltern aus dem Hause Oranien« versinnbildlichte.36 In der Parkanlage entstand um 1700 eine Orangerie, die mehrere Räume beherbergte, wovon einer ein großes Deckengemälde mit einer Apotheose der verstorbenen Kurfürstinmutter enthielt.37 All dies machte unmissverständlich klar, dass der preußische König, legitimiert über die oranische Abstammung seiner Mutter, politische Ansprüche auf die Nachfolge des kinderlosen Wilhelm III. von Oranien erhob.38 Neben der direkten bildlichen Umsetzung seiner politischen Ambitionen argumentierte Friedrich aber vor allem mit der Einrichtung von eben jenen Räumen, zu deren Erfindung und Verbreitung seine Mutter gut 30 Jahre zuvor maßgeblich beigetragen hatte. Mehr als jedes andere bildliche oder architektonische Element standen Porzellankammer, Lackkabinett und Prunkküche um 1700 sinnbildhaft für das Haus Oranien. Offenbar war der gesamte nordwestliche Pavillon mit diesen repräsentativen Räumen ausgestattet. Im Zwischengeschoss lag der Speisesaal, an den sich sehr wahrscheinlich die »Holländische Küche« anschloss. Über dem Speisesaal befanden sich der größte Raum, die (neue) Porzellankammer, und daneben ein »Gelacktes Kabinett«.39 In einer Beschreibung von 1786 wird differenziert zwischen der »große[n] Porzellankammer«, ausgestattet mit blau-weißer Ware, und der »kleine[n] Porzellankammer von lauter buntem Porzellan«.40 Die Ausstattung der Räume zählte zum Prächtigsten, was das damalige Europa zu bieten hatte, wie in zahlreichen zeitgenössischen Beschreibungen hervorgehoben wurde (Abb.1). Damit war eine Traditionslinie des Porzellansammelns und -präsentierens begründet worden, die alle nachfolgenden in das Haus Brandenburg einheiratenden Fürstinnen durch die Einrichtung eigener chinoiser Kabinette fortsetzten.41 Die Porzellanthematik war besonders geeignet, die Verbindung zu Holland und damit verbundene politische Ansprüche auszudrücken, da Porzellan(-import) und Fayence(-produktion) quasi als Synonym für holländische Kultur standen. Der symbolische Repräsentationswert des Porzellans war eng verknüpft mit seinem realen Handelswert. Indem die Brandenburger ihre Schlösser mit sämtlichen Varianten von Porzellansammlungsräumen einrichteten, setzten sie innerhalb Deutschlands Standards im Bereich der Interieurgestaltung. Sie dokumentierten ihre Internationalität und demonstrierten ihre Verankerung innerhalb eines mächtigen Beziehungsgeflechtes. Ähnlich erfolgreich funktionierte die Verbreitung der neuen Raumkonzepte auch in den übrigen deutschen Fürstentümern, indem Töchter und Schwiegertöchter der Oranierinnen die Tradition fortsetzten.

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Abb. 1 Augustin Terwesten: Allegorie auf die Einführung des Porzellans in Europa. Deckengemälde in Schloss Oranienburg, Porzellankammer, 1697. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.

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1.5

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Die Verbreitung der chinoisen Kabinette

Zur raschen Verbreitung der Porzellansammlungsräume trugen nicht nur die verwandtschaftlichen Beziehungen der Auftraggeberinnen, sondern auch ein neu entwickeltes Design bei. Der hugenottische Architekt und Entwerfer Daniel Marot (1660–1756), der nach der Aufhebung des Edikts von Nantes vom französischen Hof vertrieben worden war, entwickelte unter den Oraniern einen prägenden französisch-niederländischen Hofstil. In Honselaarsdijk schuf er 1685 ein Indiaanse Cabinet, das alle bis dato entstandenen Kabinette in den Schatten stellte. Das Zusammenspiel von Wandverkleidung aus chinesischem Lack, Verspiegelung des Deckenplafonds, Aufstellung von zahlreichen Porzellanen auf der Kaminummantelung und Möblierung im asiatischen Stil veranlasste zeitgenössische Besucher zu enthusiastischen Kommentaren. Der von Marot entwickelte Blickfang des indianischen Kabinetts, die Kaminwand, wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem kanonischen Interieurelement, das für zahlreiche Schlösser und in unterschiedlichen Räumen über-

Abb. 2 Daniel Marot: Entwurf einer Kaminwand. Radierung und Kupferstich, in: Nouvelles Cheminées faites en plusieur en droits de la Hollande et autres Provinces du Dessein de D. Marot. Amsterdam 1712. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett, Inv.-Nr.: in B 787,2.

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Abb. 3 Daniel Marot: Das Porzellan- und Bilderkabinett in Het Loo. Radierung, unten beschnitten, nachträglich koloriert, in: Nouveaux Livre da Partements. 1701/02 (Aktentitel: Ansicht der Ausgestaltung und Einrichtung eines Kabinetts in einem unbekannten fürstlichen Schloss). Das Blatt steht möglicherweise in Zusammenhang mit einem Aufenthalt des Dresdner Baumeisters Matthäus Daniel Pöppelmann in Het Loo im Jahre 1715. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Plankammer, Cap. 9, Nr. 1a, Makrofiche Nr. 8734.

nommen wurde. Ursprünglich in Einheit mit einer kompletten chinoisen Raumausstattung gedacht, verselbstständigte sich diese sogenannte Cheminée à la Hollondoise zu einem Miniatur-Porzellankabinett, das aus Konsolen auf der Kaminummantelung und dem umgebenden Rahmen bestand, die mit Porzellangefäßen bestückt wurden. Über dem Kamin hinterfing ein großer Spiegel oder auch ein Gemälde die Sammlungsstücke (Abb. 2). Die Neuartigkeit dieses Kamintyps bestand in der Verschmelzung des französischen Kaminaufbaus mit eingelassenem Spiegel und niederländischen Dekorationselementen zu einem einheitlich gestalteten, den Raum dominierenden Prinzipalstück. In den 1680er Jahren hatte sich der Raumtyp »chinoises Kabinett« als intimster und künstlerisch aufwändigster Raum des weiblichen Paradeappartements etabliert. In der Regel vereinte er asiatisches Porzellan, asiatische und/oder chinoise Lackboiserien und -möbel und einen oder mehrere Spiegel. Zusätzlich konnten chinesische oder chinoise Textilien und Malereien die asiatische Wirkung unterstützen. Ab den 1680/90er Jahren setzte eine Differenzierung ein: Je nach vorherrschendem Material entstanden Lack- oder

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Spiegelkabinette,42 die nun weniger oder manchmal gar keine Porzellane mehr enthielten,43 oder deren chinoiser Charakter nicht mehr im Vordergrund stand. Das chinoise Kabinett, dessen Hauptdekorationsmerkmale aus Porzellan, Lacktafeln und wenigen Spiegeln bestanden hatten, war einem Prunkkabinett gewichen, das je nach Gusto einem Material den Vorzug gab oder eine beliebige Mischung der verschiedenen Anteile vereinigte (Abb. 3). Dafür besaß man nun häufig mehrere solcher Kabinette,44 und es wurde offenbar angestrebt, für die überwältigende Fülle der gesammelten Asiatica ganze Raumfolgen, Gebäudeflügel oder gar eigene Schlösser einzurichten. Bis um 1700 waren all diese Porzellansammlungsräume nahezu ausschließlich von oder für Frauen geschaffen worden.45 Sie hatten sich im Laufe von 40 Jahren zu unverzichtbaren Repräsentationsräumen entwickelt, die nun zwangsläufig in jedem Schloss erwartet wurden. Insbesondere in den ersten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts hatten sich die chinoisen Porzellan-Lack-Spiegelkabinette so weit verbreitet, dass sie – in Deutschland und Holland – ihren Charakter als typisch weibliche Räume verloren, was etwa in Frankreich und England auf Kritik stieß – mit dem Argument, der chinesische Geschmack sei »effeminate«.46 Zunehmend begannen nun auch Männer, ihre Paradeappartements mit chinoisen Kabinetten zu versehen, um die veränderten Standards einer standesgemäßen Ausstattung zu erfüllen. Bezeichnenderweise gehörten zu den ersten Fürsten, die sich eigene Porzellankabinette einrichteten, unverheiratete Männer – wie etwa Kirchenfürsten –, die nicht die Paraderäume ihrer Ehefrauen zur repräsentativen Selbstdarstellung nutzen konnten.47

2.

Die Chinamode am sächsischen Hof

Wie stellt sich nun die Situation am sächsischen Hof dar? Um 1700 unterschied sich der Dresdner Hof in puncto Asieninteresse zunächst nicht von anderen deutschen Höfen. Selbstverständlich besaßen die sächsischen Fürstinnen Kabinette im asiatischen Stil, die auch mit Porzellanen und Lackwaren bestückt waren.48 Allerdings weiß man zum jetzigen Zeitpunkt sehr wenig darüber. August der Starke hätte sicherlich, wie es üblich war, die Paradezimmer seiner Gemahlin zur Repräsentation nutzen können. Da sich Christiane Eberhardine wegen der Konversion ihres Ehemannes und ihres Sohnes zum Katholizismus jedoch mit August überworfen hatte, mied sie die Residenz Dresden und lebte überwiegend in Torgau und ihrem eigenen Schloss Pretzsch. Nur bei unvermeidlichen Gelegenheiten nahm sie ihre Funktion als Landesherrin wahr und trat gemeinsam mit August in der Öffentlichkeit auf. Aufgrund ihrer Abwesenheit erfüllte sie ihre Rolle als höfische Hausherrin und Gastgeberin nicht, weshalb auch ihre Appartements nicht als repräsentative Gesellschaftsräume zur Verfügung standen. Insofern war Augusts Bestreben, selbst für geeignete Paradegemächer zu sorgen, vielleicht ausgeprägter als bei anderen Fürsten. Insbesondere durch zwei Ereignisse, die zu einem ernormen Macht- und Prestigezuwachs führten, stieg die Notwendigkeit der representatio maiestatis mithilfe angemessener

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Bauten und Kunstsammlungen. Zum einen übte August der Starke nach dem Tode Kaiser Josephs I. 1711 das Reichsvikariat aus, zum anderen schuf er eine enge Verbindung zum Kaiserhaus durch die Hochzeit seines Sohnes mit der Kaisertochter Maria Josepha im Jahre 1719. Dementsprechend nahm die Bau- und Planungstätigkeit, die Modernisierung und Strukturierung der Residenz gerade in den Jahren um 1710 bis 1720 enorm zu. Beispielhaft sei eine eigenhändige Liste Augusts von 1716 angeführt, in der er sich mit der Neudefinition und -einrichtung seiner Dresdner Lustschlösser beschäftigte.49 Für 24 »Schleßer und lustheißer umb Dresten auf 3. meillen am weittesten« plante er jeweils unterschiedliche Funktionen und dazu passende Ausstattungen. Offenbar bestand die Absicht, systematisch nach Stilen zu differenzieren. Explizit genannt werden spanische, französische, englische, italienische, deutsche, türkische, persische und chinesische Möblierung.50 Aus dem späteren Bauverlauf ist erkennbar, dass vieles davon umgesetzt wurde, jedoch nicht unbedingt an den hier aufgeführten Orten. Vielmehr waren die Planungen einem ständigen Wechsel unterworfen. Die gültige Zuordnung eines Ortes zu einem bestimmten Stil spielte offenbar eine weitaus geringere Rolle als der Wunsch, alle Stilrichtungen vertreten zu wissen. Auch ist nicht ersichtlich, dass der chinesische Stil zu diesem Zeitpunkt eine bevorzugte Rolle gespielt haben könnte. 2.1

Turquerie und Chinoiserie

Am Beispiel der türkischen und der chinesischen Einrichtung kann nachvollzogen werden, wie sich erst allmählich durch Ausweitung der Sammlungen eine Differenzierung der Ausstattungsmodi ergab. Zwischen 1713 und Anfang 1715 wurden große Mengen an exotischen Kunstwerken nach Warschau geliefert, darunter Porzellane, Specksteine, chinesische Tapeten, Lackmöbel, Wandschirme und Spiegel, welche die Ausstattung der Warschauer Palais komplettieren sollten. 1714 ließ August der Starke gezielt Orientalica in der Türkei ankaufen, die, wohl zur Einrichtung eines Türkischen Palais bestimmt, ebenfalls von Dresden nach Polen geliefert wurden. Am 6. Januar 1715 wurde in Warschau ein türkisches Fest gefeiert, das in einem türkischen Ambiente stattfand. Nur wenige Monate später, im August 1715, endete der Aufenthalt Augusts des Starken in Polen. Seine Bestrebungen, den Sejm zu entmachten und die Königskrone im Hause Wettin erblich zu machen, provozierten den Aufstand des polnischen Kleinadels. Eine überstürzte Rückkehr nach Dresden war die Folge. Seine soeben erst angelieferten orientalischen Kunstwerke wurden bereits im Mai und Juni 1715 nach Dresden, zunächst in das Grüne Gewölbe, zurückgebracht. Die in Warschau begonnenen Projekte wurden nun in Dresden ausgeführt. Zum einen sah sich August möglicherweise mit dem Problem konfrontiert, wo er die für mehrere Warschauer Räumlichkeiten angesammelten Porzellane und Exotica unterbringen sollte, deren Anzahl zudem durch weitere große Porzellankäufe ständig stieg. Zum anderen hatte er offenbar zeitgleich ohnehin auch für

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Abb. 4 Matthäus Daniel Pöppelmann: Entwurf für ein Porzellanarrangement in der Elbgalerie des Japanischen Palais in Dresden. Um 1727 [Aktentitel: Aufriss der Osthälfte der Hofseite/Nordseite der Elbgalerie (Variante), (»Neu Project von der Gallerie von Hinden«) im Südflügel des ersten Obergeschosses]. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Plankammer, Cap. 2, Nr. 15, Bl. 26h/2, Makrofiche Nr. 6192.

die Dresdner Lusthäuser Umgestaltungen geplant, wie aus seinem Plan der 24 Schlösser zu erkennen ist.51 Daher brachte er im Juli 1715 einen Teil der polnischen Exotica zur Vervollständigung der Inneneinrichtung in das Taschenbergpalais, das, zurückgekauft von der verbannten Gräfin Cosel, zum Türkischen Haus umgebaut worden war. Bereits drei Jahre später, 1718, wurde es erneut umgestaltet und zum Wohnpalais des kurprinzlichen Paares bestimmt. Es sollte von nun an auch nicht mehr Türkisches Palais genannt werden. Stattdessen wanderte die Ausstattung in das sogenannte Lusthaus in »Ihrer Hoheit oder Italiänischen Garten auf der Plauischen Gassen«.52 Das dortige Palais wurde 1719 zum Türkischen Palais umgebaut und mit einem türkischen Fest eingeweiht, eine Gelegenheit, bei welcher August das Gebäude seiner frischgebackenen Schwiegertochter Maria Josepha zum Geschenk machte. Innerhalb von nur fünf Jahren wurden also die Turquerien mindestens vier- oder fünfmal an unterschiedliche Orte transportiert. Zeitgleich, ab etwa 1715, hatte August auch begonnen, verstärkt Asiatica, vor allem Porzellane, zu erwerben. Mit dem Kauf des Holländischen Palais im April 1717 ergab sich eine neue Möglichkeit, die zahlreichen Porzellane aus der Dresdner Residenz und die Neuan-

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käufe dieser Zeit dorthin zu überführen und hier schwerpunktmäßig das asiatische Porzellan zu sammeln. Die Einrichtung erfolgte in holländischer Manier, das heißt im chinoisen Stil, den man sich aber im Sinne Marots vorstellen muss: mit Wandbespannungen, Silbermöbeln und französischen Spiegeln, dekoriert mit Porzellanen (Abb. 4). Ab 1719 wurde das Palais auch als Japanisches Palais bezeichnet. Für die Zeit um 1719/20 ist eine Differenzierung in der Porzellansammelpolitik und damit auch in der Gestaltung der Räumlichkeiten festzustellen. Ganz offensichtlich verdichtete sich die Idee, das Palais vorrangig dem Thema »Japan« zu widmen. Unter japanischem Porzellan verstand man farbige Ware (Imari). Blau-weißes Porzellan hingegen galt als Inbegriff des chinesischen Porzellans. Dieses sollte nach einem Vorschlag Wackerbarths nun (1721/22) im neu gestalteten »indianischen Lustgebäude« Pillnitz konzentriert werden, während das ebenfalls noch vorhandene türkische Porzellan 1719/20 mit umfangreichen Lieferungen an das Türkische Palais ausgegliedert wurde. Im Frühjahr 1721 wurde eine erste Aufnahme des Porzellanbestandes des Japanischen Palais vorgenommen. Obwohl die Meissener Porzellanmanufaktur seit 1710 produzierte und auch von Beginn an ostasiatische Muster kopierte, befanden sich unter den 14.513 Keramiken nur 959 Stücke aus Meissener Produktion.53 Dies hat einen Grund: Die Bemalung mit bunten Schmelzfarben, also im ›japanischen‹ Stil, stellte eine weitaus größere technische Herausforderung dar als die blau-weiße ›chinesische‹ Farbgebung. Erst 1720, mit Eintritt des Malers Johann Gregorius Höroldt, war die Meissener Manufaktur technisch im Stande, zufriedenstellende Kopien und Adaptionen der japanischen Porzellane herzustellen, sodass nun, vor allem ab 1723, zahlreiche Meissener Waren im japanischen Stil geliefert werden konnten (Abb. 5). Ziel war jedoch von Anfang an, die Importwaren zu übertreffen.

Abb. 5 Zwei Deckelvasen. Links: Japan/Arita, Manufaktur Sakaida Kakiemon, um 1690, H. 32 cm, Inv.-Nr. PO 377 (Gefäß) und PO 4764 (Deckel). Rechts: Meissen, um 1728–30, H. 31,2 cm, Inv.-Nr. PE 6773a, b. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Porzellansammlung/Fotograf: Herbert Jäger.

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2.2

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Konkurrent Brandenburg

Zum Zeitpunkt der Einrichtung des Japanischen Palais war zweifellos der preußische Hof führend, was Porzellansammlungen betraf. Das Haus Brandenburg hatte sich über mehrere Generationen hinweg ein europaweites Renommee als Experte für chinoise Kabinette und deren Ausstattung mit chinesischen Porzellanen geschaffen (Abb. 6).54 Wie erfolgreich dieses Konzept aufging, lässt sich daran erkennen, dass die Sammlungspolitik Preußens als vorbildhaftes Exempel in die Anweisungsliteratur eingegangen ist: Fast in jedem Hauße findet man jetzt einen Aufbutz von Porcellan, also ist sich nicht zu verwundern/ wann auch grosse Herren gantze Collectiones davon machen. Es ist aber mehr eine Sammlung des Fürstlichen Frauen=Zimmers. Die gröste Collection, so man in Europa davon antrifft/ ist zu Potzdam bey dem König von Preußen/ bey welcher doch die vorigen Churfürstinnen den ersten Grund geleget. Die Menge des Porcellans, und der grossen Gefäße insonderheit/ ist so considerable, daß man auch diesen Schatz auf mehr als eine Tonne Goldes hält.55

Augusts Bestrebungen, den Fokus stärker auf Japan als auf China zu legen, sind sicher in Konkurrenz zu Preußen zu verstehen.56 Da die Chinathematik bereits belegt war, musste August eine andere Strategie entwickeln und etwas Neues, Eigenes schaffen. Das heißt nicht, dass ausschließlich japanische Porzellane gesammelt oder aufgestellt worden wären – bei Weitem die größte Anzahl bestand aus in China gefertigten Waren. Doch der Schwerpunkt lag auf farbigen und damit als japanisch geltenden Waren, einerlei, ob sie in China oder Japan oder später in Meißen hergestellt wurden. Das Grundkonzept der Innenausgestaltung des Japanischen Palais sah eine nach Farben sortierte Aufstellung vor. Auch damit unterschied sie sich deutlich von der bis dato vorrangigen Ausrichtung in Blau-Weiß. Während Brandenburg blau-weiße chinesische und chinoise Keramik (vor allem auch die holländischen Fayencen) zu seinem Markenzeichen gemacht hatte, versuchte Sachsen offenbar, auf dem Gebiet der farbigen Porzellane aufzutrumpfen. Das lag nahe, denn Sachsen konnte – anders als Brandenburg, das via Holland sozusagen den exklusiven Verteilerweg nutzen konnte – nicht mit direkten Beziehungen zu China aufwarten. Wohl aber hatten einige Sachsen bereits im 17. Jahrhundert Japan bereist:57 Der Dresdner Zacharias Wagner (1614–1668) verbrachte als erster deutscher Ostasienfahrer überhaupt mehrere Jahre in Edo (Tokyo) sowie in Südamerika. Teile seiner Autobiografie und kolorierte Tierzeichnungen gelangten nach seinem Tod 1668 in die Dresdner Kunstsammlungen.58 Wagner trug wesentlich zur Wiederbelebung des japanischen Porzellanexports nach Europa bei.59 Auch der 1689 zum kurfürstlich sächsischen Hofgärtner ernannte Georg Meister war zwischen 1677 und 1687 mehrfach in Japan gewesen und hatte von dort über 400 Pflanzensamen mitgebracht. 1692 veröffentlichte er Beschreibungen der Pflanzen in seinen Reiseerlebnissen. Noch heute befinden sich im Dresdner Kupferstich-Kabinett nicht nur chinesische,

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Abb. 6 Martin Engelbrecht nach Johann Friedrich Eosander: Schloss Charlottenburg, Entwurf für die Ostwand des Porzellankabinetts, in: Theatrum Europæum, Bd. 16: 1707 (1703), S. 252f. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Inv.-Nr. GK II (1) 16585.

sondern auch japanische Zeichnungen, Landkarten und Bücher, die nachweislich bereits zu Augusts Zeiten vorhanden waren.60 Die Selbstdarstellung Sachsens als Produzent von Porzellan und insbesondere von farbigem Porzellan scheint von der Öffentlichkeit auch so wahrgenommen worden zu sein. Es ist jedenfalls bemerkenswert, dass in Carl Christian Schramms Reiselexikon der ausführliche und überschwänglich lobende Eintrag zu Dresden mit dessen vollkommener Porzellanherstellung beginnt – unter Betonung der Farbbrillanz des sächsischen Porzellans, welche die japanische übertreffe: Das auf den höchsten Gipffel der Vollkommenheit gebrachte Sächsisch-Meißnische und Dreßdnische Porcellain-Werck, so dem Japanischen am Wesen gleichet, an der Bildung aber es weit übertrifft, zeuget von so etwas ausserordentlichem, das Ost-Indien so wie China beständig vor unmöglich gehalten, und welches doch durch die ietziger Zeit so hoch gestiegene Emaillen-Kunst, vermittelst deren die Farben mit Golde und Silber auf das schärfste eingebrannt werden, in die völlige Wircklichkeit versetzet werden.61

Selbstverständlich kannte August der Starke die brandenburgischen Porzellankabinette. Noch 1717 hatte er sich darum bemüht, die Porzellanbestände zweier Prunkküchen aus Charlottenburg und Oranienburg – über 2.000 Gefäße – sowie eine der zur Präsentation der Geschirre entwickelten pyramidenförmigen Etageren zu erwerben. Friedrich Wilhelm I. trennte sich jedoch nicht von diesen Stücken, sondern überließ August im Tausch ge-

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gen ein Dragonerregiment 151 teils großformatige Gefäße, die später sogenannten Dragonervasen. Ab 1722 entstanden Pläne, im Japanischen Palais einen Raum als Prunkküche einzurichten, wie es zu diesem Zeitpunkt in allen brandenburgischen Schlössern längst kanonisch war. 1723 wurden die bis dahin wirtschaftlich genutzten Räume im Souterrain des Corps de Logis entsprechend umgebaut, das heißt mit Fayencefliesen belegt und mit Regalschränken zur Aufnahme der Tafel- und Speiseservice möbliert. Abweichend zu den ersten Planungen bestand die Prunkküche nun jedoch aus zehn Räumen, womit sie alle anderen Schlösser übertraf.62 Vermutlich war auch hier vorgesehen, eine räumliche Differenzierung nach Materialien oder Farben vorzunehmen. So ist belegt, dass ein Raum kleinere Lackgegenstände zusammen mit schwarz glasierter Keramik aufnehmen sollte.63

2.3

Der Triumph des Meissener Porzellans

Um 1730 lässt sich eine erneute Planänderung in der Einrichtung des Japanischen Palais feststellen, die sich in programmatischer Form auch am Eingangsportal ablesen lässt. Das 1731 ausgeführte Relief zeigt die Allegorie Sachsens (gekennzeichnet durch den Kurfürstenhut und ein Schild mit dem kurfürstlichen Wappen), der sich von rechts europäische Figuren mit Porzellanen nähern. Diese werden angeführt durch eine Frau mit Mauerkrone, der gängigen Personifikation einer Stadt, vermutlich also Meißens. Auf der anderen, der traditionell höherwertigen heraldisch rechten Seite, präsentiert eine Gruppe Asiaten ihr eingeführtes Porzellan, das sie aus ihren Schiffen entlädt. Unterhalb des Tympanons waren zwei weitere Reliefs geplant (Abb. 7), die nicht ausgeführt wurden, zu denen sich aber die Entwurfszeichnungen Jean de Bodts erhalten haben. Links und rechts des sächsisch-polnischen Wappens hätten Allegorien auf die Porzellanmalerei und auf die Gefäßbildnerei ihren Platz gefunden,64 eine Charakterisierung der Gebäudefunktion, die man eher am Portal der Porzellanmanufaktur erwartet hätte als an einem fürstlichen Stadtpalais. Ungewöhnlich ist, eine solche Aussage an so zentraler Stelle, am Giebel des Eingangs, anzubringen. Damit wird bereits außen die Hauptfunktion des Gebäudes angesprochen: der Triumph des Meissener Porzellans über die asiatische Ware. Dieser Gedanke, der als Wunschvorstellung bereits die Gründung der Porzellanmanufaktur mitbestimmt hatte, konnte tatsächlich ab etwa 1730 umgesetzt werden. Zu diesem Zeitpunkt war die Meissener Manufaktur in der Lage, technisch und ästhetisch überzeugende Porzellane in großen Mengen zu liefern. Der Plan, asiatische und europäische Porzellane getrennt aufzustellen, nahm Gestalt an und führte zu einer kompletten Neuordnung, indem nämlich das gesamte erste Geschoss ausschließlich mit Meissener Ware bestückt wurde, die somit symbolisch über die asiatischen Porzellane im Erdgeschoss triumphierte. Nach dem Tod Augusts des Starken führte August III. die begonnene Linie fort und konzentrierte sich auf die Meissener Ware. In einem bis dato nicht gekannten Ausmaß scheint er die Ausstattung des Palais mit sächsischem Porzellan vorangetrieben zu ha-

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Abb. 7 Jean de Bodt: Entwurf des Portikus des Japanischen Palais. Zeichnung, um 1730, Detail [Aktentitel: Aufriss des Nordflügels (Ausführungsvariante) des Japanischen Palais]. SächsHStA Dresden, 10006 Oberhofmarschallamt, Plankammer, Cap. 2, Nr. 16, Bl. 9, Makrofiche 6238.

ben. Die Entnahme von über 35.000 Porzellanen aus dem Warenlager der Manufaktur im November 1733 sowie die Anweisung 1734, Fremdaufträge nachrangig zu behandeln, mündeten in der Entscheidung 1735, die Innenraumgestaltung nicht mehr im asiatischen Stil auszuführen. Innerhalb weniger Jahre war das Ziel, ein Gesamtkunstwerk »Asiatica« zu schaffen, abgelöst worden durch das Bestreben, eine Leistungsschau der Meissener Manufaktur vorzuführen. Folgerichtig wurden das Specksteinkabinett, die Prunkküchen und die Lackräume aufgelöst. Mit der technischen Beherrschung des Werkstoffes Porzellan schien alles machbar zu sein: August der Starke hatte anfangs durch schiere Menge beeindrucken wollen. Mit den zunehmenden Möglichkeiten ging es jedoch auch darum, die Grenzen des Materials auszuloten. Diese Idee führte August III. fort. Ob monumentale Tierplastiken, Thron und das große gegenüberliegende Glockenspiel im Audienzsaal, Kapellenausstattung mit Altar, Kreuzigungsgruppe, lebensgroßen Apostelbüsten, eine Orgel mit porzellanenen Orgelpfeifen oder das geplante Reiterstandbild – die Umsetzung von Großplastik, Mobiliar und Bauskulptur in Porzellan stellte eine neue Dimension dar. Der schriftlich fixierte Longuelune’sche Entwurf des Deckenfreskos von etwa 1735/37 sah ein dreiteiliges Gemälde für die Galerie vor. Neben dem zentralen Triumph des sächsischen Porzellans sollten die Künste und Manufakturen Sachsens sowie die Natur- und Bodenschätze des Landes dargestellt werden. Ein ganz ähnliches Bildprogramm findet sich

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Cordula Bischoff Abb. 8 Rückwand einer Sänfte, Bemalung durch Christian Wilhelm Ernst Dietrich: Personifikationen Sachsens und Polens. Dresden, um 1740. Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gGmbH, Schloss Moritzburg und Fasanenschlösschen, Inv. Nr. 899/86/Fotograf: Werner Lieberknecht, Dresden.

auf einer prunkvoll durch Christian Wilhelm Ernst Dietrich bemalten königlichen Sänfte.65 Während auf der Vorderfront Merkur, Gott des Handels, sowie zahlreiche Putti mit Insignien der Künste und Wissenschaften auftreten, ist die Rückseite mit zwei Bildfeldern geschmückt. Im oberen thront Minerva, Göttin der Weisheit. Im unteren sind Personifikationen des Kurfürstentums Sachsen und des Königreichs Polen dargestellt, wobei die Saxonia deutlich hervorgehoben ist (Abb. 8). Ihr zu Füßen sind mehrere Porzellangefäße abgestellt, die scheinbar aus einem Füllhorn voller Früchte quellen. Auch hier erhält Porzellan den Vorrang vor den übrigen sächsischen Erzeugnissen. Damit erweist sich das Japanische Palais mit seiner Ausstattung als Propagandainstrument für ein sächsisches Produkt, dessen herausragender Vorteil in seiner Singularität lag. Das Bestreben aller frühneuzeitlichen merkantilistischen Staaten richtete sich auf die Produktion von Luxuswaren mit Alleinstellungsmerkmalen. Die Exklusivität konnte darin liegen, dass Rohstoffe oder Bodenschätze natürlicherweise auf eine Region begrenzt waren oder dass ein besonderes kunsthandwerkliches Geschick gefördert wurde. Diese Waren dienten häufig als diplomatische Geschenke mit dem willkommenen und beabsichtigten Nebeneffekt, dass die zugleich geweckten Begehrlichkeiten einen regen Nachfolgekonsum auslösten.

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Der Staatswissenschaftler Friedrich Carl Moser hatte die für »große Herren« geeigneten Geschenke in »dreyerley Gattung« unterteilt: [E]ntweder bestehen sie nemlich in Naturalien, lebendigen oder leblosen, welche in dem eigenen Land eines Souverains hervorgekommen und gezeuget worden sind, oder die Kunst hat den meisten Anteil daran, jedoch so, daß es abermals in dem Land selbst ge- und verarbeitet worden; oder es ist sonst was seltenes, an welchem entweder die Natur, oder die Kunst, oder beides zugleich zu bewundern ist ...66

Der brandenburgisch-preußische Hof verfügte über ein landestypisches konkurrenzloses Produkt, das der dritten Kategorie entsprach: Bernstein und daraus gefertigte Kunstgegenstände. Die reichen Bernsteinvorkommen an der preußischen Küste ermöglichten nicht nur, diesen Werkstoff in großen Mengen zu verschenken, sondern führten auch zu einer spezialisierten Kunstproduktion, die von Galanteriewaren und Kästchen bis hin zu Kabinettschränken, Thronsesseln und ganzen Zimmervertäfelungen reichte. Um den Umfang der Sammlung und die Kunstfertigkeit der eigenen Handwerker vorzuführen, wurden in den brandenburgischen Schlössern nicht nur Porzellankabinette, sondern auch Bernsteinzimmer eingerichtet. Im 1709 errichteten westlichen Stadtflügel von Schloss Oranienburg war eine im rechten Winkel an die Porzellangalerie anschließende Bernsteingalerie vorgesehen, ein Projekt, das nicht vollendet wurde.67 Beide Galerien wären vom Audienzgemach aus zugänglich gewesen und hätten die beiden hochrangigsten brandenburgischen Repräsentationsgüter unmittelbar nebeneinander vor Augen geführt. Schon zuvor ist die Vertäfelung des berühmten Bernsteinzimmers entstanden, das ursprünglich noch unter Königin Sophie Charlotte für Schloss Lietzenburg (Charlottenburg) geplant, später in das Berliner Stadtschloss versetzt und 1716 an Zar Peter den Großen verschenkt wurde.68 Durch die Nacherfindung des Porzellans hatte Sachsen ein ebenso wertvolles Handelsgut zu bieten, das im Japanischen Palais wie in einer Ausstellungshalle werbewirksam vorgeführt wurde.69 Die Strategie erwies sich als erfolgreich: Binnen weniger Jahre überstieg die Wertschätzung des Meissener Porzellans die des asiatischen. Meissener Porzellan begann nun seinerseits, vorbildhaft zu werden, vor allem, nachdem mit der Produktion von Speiseservicen begonnen worden war. Am sächsischen Hof wurde – wie andernorts auch – ab 1715 bei offiziellen Festessen der Dessertgang auf asiatischem Porzellan serviert. Bereits ab 1717 wurde für alle Gänge statt Silber oder vergoldetem Silber Porzellan verwendet, und zwar überwiegend das kostbare und rare japanische Porzellan. Damit zählt Dresden zu den ersten Höfen, an denen komplette Porzellanservice benutzt wurden, zumindest im Japanischen Palais, das per Definition keine Residenz war und daher auch nicht dem offiziellen Staatszeremoniell unterlag. Schon zur Gründung der Meissener Manufaktur hatte Johann Friedrich Böttger visionäre Ideen vorgestellt. Er beabsichtigte, komplette Tischservice nach dem Vorbild von Silbergerät in Porzellan herzustellen,

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was jedoch zu diesem Zeitpunkt technisch noch nicht überzeugend ausgeführt werden konnte.70 Für einige Jahre behalf man sich daher offenbar mit der japanischen Ware, die, noch begehrter als chinesisches Porzellan, sukzessive im Rang aufstieg und dem hierarchisch höherwertigen Edelmetallgeschirr ebenbürtig wurde. Nachdem ab etwa 1728 tatsächlich komplette Meissener Service produziert werden konnten, verdrängten sie die asiatischen Geschirre. Da diese zumeist erst in Europa zu Servicen zusammengestellt werden mussten und überdies viele der benötigten Gefäßformen nicht aufwiesen, waren sie klar im Nachteil. Die Meissener Porzellane konnten in allen erwünschten Formen und Dekoren und somit in einheitlichen Serien produziert werden. Zu Sachsens diplomatischen Geschenken zählten nun vermehrt Tafelservice, sodass sich der Gedanke, Porzellan für die herrschaftliche offene Tafel hoffähig zu machen, durchsetzte.

2.4 Fazit Die Asienmode am sächsischen Hof zeigte zunächst keine avantgardistischen Züge. Eine seit 50 Jahren bestehende Tradition, chinoise Kabinette in den Paradegemächern von Fürstinnen einzurichten, wurde fortgesetzt. Die Tendenz, die immer größer werdenden Porzellansammlungen in Raumfolgen unterzubringen, war andernorts vorgeprägt. Auch konnte sich August in die im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts zunehmende Zahl männlicher Auftraggeber und Nutzer chinoiser Architekturen einreihen. Erst ab etwa 1715 begann August, Porzellane und Asiatica in größerem Umfang zu kaufen, zunächst jedoch ebenso wie andere Kunstgegenstände in der Absicht, Schlösser und Raumfolgen in unterschiedlichen Modi zu gestalten. Das Asienthema war unmittelbar gekoppelt an Porzellan, ja, Porzellan stand als pars pro toto für Asien. Als sich abzuzeichnen begann, dass die Meissener Manufaktur tatsächlich in der Lage war, dem Originalporzellan Ebenbürtiges oder gar Überlegenes entgegenzusetzen, erlangte die Asienthematik Priorität für den sächsischen Kurfürsten. Zunächst gelang es August, durch schiere Masse zu beeindrucken. Sodann versuchte er, in Abgrenzung zu Preußen die Japanthematik zu besetzen. Als schließlich das Meissener Porzellan zu einem hochwertigen Produkt herangereift war, das in der europäischen Geschenkdiplomatie eine herausragende Rolle spielen konnte, verlor die Asienthematik am sächsischen Hof an Brisanz. Das Thema Chinoiserie verlagerte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in ganz Europa zunehmend auf die Gartenkunst.71

Anmerkungen 1 2

Vgl. die Beiträge von Dirk Welich und Stefan Hertzig in diesem Band. Lupfer, Gilbert: »Weil es doch ein orientalisches Lust-Gebäude sein soll.« Exotische Anklänge in der Dresdner Schlossarchitektur des 18. Jahrhunderts, in: Dresden. Spiegel der Welt. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in Japan. Ausstellungskatalog Staatliche Kunstsammlungen Dresden/National Museum of Western Art Tokyo. Tokyo 2005, deutsches Beiheft, S. 148–151, hier S. 149.

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May, Walter: Das Holländische und das Japanische Palais, in: Marx, Harald (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann. Der Architekt des Dresdner Zwingers. Leipzig 1989, S. 198–206, hier S. 206. Zur Baugeschichte des Huis ten Bosch siehe Loonstra, Marten: »het huys int bosch«. Het Koninklijk Paleis Huis ten Bosch historisch gezien / The Royal Palace Huis ten Bosch in a historical view. Amsterdam 1985. Datierung des Kabinetts folgend Lunsingh Scheurleer, Theodoor Herman: De woonvertrekken in Amalia’s Huis in het Bosch, in: Oud Holland, 84 (1969), S. 29–66. Die kunsthistorische Forschung hat eine definitorische Trennung zwischen Porzellan-, Spiegel- und Lackkabinett vorgenommen, die aus der historischen Rückschau, d. h. aus einer Zeit, als sich die Kabinetttypen ausdifferenziert hatten, gerechtfertigt erscheint. Zu Beginn der Entwicklung kam es den zeitgenössischen Auftraggebenden und Benutzenden solcher Prachträume jedoch genau auf die Mischung dieser Elemente an. Die Mehrzahl der frühen rekonstruierbaren oder noch bestehenden Kabinette dieser Art sind nicht eindeutig einem der drei Typen zuzuordnen. Auch die zeitgenössischen Bezeichnungen für solche Prunkkabinette variierten und lassen nicht unbedingt auf die materielle Ausstattung schließen. Daher wird im Folgenden allgemein von »chinoisem Kabinett« gesprochen. Bischoff, Cordula: Spiegel-, Lack- oder Porzellankabinett? Der chinoise Sammlungsraum und seine Ausdifferenzierung, in: Kritische Berichte. Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaften, 32/2 (2004), S. 15–26. Peter-Raupp, Hanna: Die Ikonographie des Oranjezaal. Hildesheim/New York 1980; Gaehtgens, Barbara: Amalia von Solms und die oranische Kunstpolitik, in: Lademacher, Horst (Hg.): Onder den Oranje Boom. Dynastie in der Republik. Das Haus Oranien-Nassau als Vermittler niederländischer Kultur in deutschen Territorien im 17. und 18. Jahrhundert. Ausstellungskatalog Krefeld u. a. (Textband). München 1999, S. 265–285. Zum europäischen Handel mit japanischen Kunstwerken vgl. Ayers, John/Impey, Oliver/Mallet, John V. G.: Porcelain for Palaces. The Fashion for Japan in Europe 1650–1750. Ausstellungskatalog British Museum. London 1990. Fock, C. Willemijn: The apartments of Frederick Henry and Amalia of Solms. Princely splendour and the triumph of porcelain, in: Van der Ploeg, Peter/Vermeeren, Carola: Princely Patrons: The Collection of Frederick Henry of Orange and Amalia of Solms in The Hague. Ausstellungskatalog Den Haag. Zwolle 1997, S. 76–86, hier S. 78. Lunsingh Scheurleer (1969), S. 48f. Die erste Erwähnung einer Balustrade in einem Schlafzimmer im Jahre 1602 bezieht sich auf die Räume des jungen Louis XIII. Möglicherweise hatte jedoch bereits Amalias Schwiegermutter Louise de Coligny eine Balustrade in ihrem Schlafzimmer im Oude Hof in’t Noordeinde in Den Haag. Fock (1997), S. 78. Lunsingh Scheurleer (1969), S. 56, Anm. 49. Darüber hinaus befanden sich in ihren Kabinetten in Noordeinde 519 Stück Porzellan, in Rijswijk 558. Fock (1997), S. 81. Die Vereinigten Niederlande bestritten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zwei Drittel des Welthandels mit Asiatica. Wappenschmidt, Friederike: Der Traum von Arkadien. Leben, Liebe, Licht und Farbe in Europas Lustschlössern. München 1990, S. 26. Hein, Jørgen: The Treasure Collection at Rosenborg Castle. The Inventories of 1696 and 1718. Kopenhagen 2009, S. 47. Hein (2009), S. 54. Einige Motive entstammen Martini, Martino: Novus Atlas Sinensis. Amsterdam 1655. Vgl. Boesen, Gudmund: Kineserier på Rosenborg. Om hollandske lakerere i København i det 17. århundrede og deres forbilleder, in: Historiske Meddelelser om København. Årbog 1977, S. 24–47. Lablaude, Pierre-André: Die Gärten von Versailles. Worms 1995, S. 105, bildet Entwurfszeichnungen zu diesen Vasen ab. Es wurden holländische Fliesen mit blau-weißen Landschaftsdarstellungen und violett-weißen geometrischen Mustern verwendet sowie französische Fliesen mit polychromen Blumenmotiven aus Lisieux und Saint-Claude. Lemmen, Hans van: Delfter Kacheln. Stuttgart 1998, S. 92.

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Cordula Bischoff Neumann, Carsten: Das Trianon de Porcelaine im Park von Versailles als erster chinoiser Bau in Europa, in: Welich, Dirk/Kleiner, Anne (Hg.): China in Schloss und Garten. Chinoise Architektur und Innenräume. Dresden 2010, S. 75–81, hier S. 80. Es ist mir nicht gelungen, herauszufinden, wann die Bezeichnung zuerst auftaucht. Die zeitgenössischen Beschreibungen sprechen meist nur von Trianon. In Saint-Simons Memoiren ist von »le petit Trianon de porcelaine« die Rede (Mémoires complets et authentiques du Duc de Saint-Simon sur le siècle de Louis XIV et la régence. Paris 1856, Bd. XII, Kap XVI, S. 393). Möglicherweise bürgerte sich diese Bezeichnung erst nach Abriss des Gebäudes 1687 ein – zur Unterscheidung von dem an gleicher Stelle errichteten Grand Trianon. Die Annahme, dass der Name Trianon de Porcelaine »bereits auf die gestalterische Absicht hindeutet« (Neumann [2010], S. 77), ist jedenfalls spätere Interpretation. Lablaude (1995), S. 103. Krause, Katharina: Die Maison de plaisance. Landhäuser der Ile-de-France (1660–1730). München 1996, S. 63ff. Kaufmann, Gerhard: Bemalte Wandfliesen. Bunte Welt auf kleinen Platten. Kulturgeschichte, Technik, und Dekoration der Fliesen in Mitteleuropa. München 1973, S. 27; Montclos, Jean-Marie de/Polidori, Robert: Versailles. Köln 1996, S. 160; Lemmen (1998), S. 93. Neumann (2010), S. 80. Die am stärksten duftenden Pflanzen wurden in einem eigenen Cabinet des Parfums kultiviert. Lablaude (1995), S. 104; vgl. auch Nolhac, Pierre de: Versailles et la Cour de France. Trianon. Paris 1927. »Ce Palais fut regardé d’abord de tout le monde comme un enchantement: Car, n’ayant esté commencé qu’à la fin de l’Hyver, il se trouva fait au Printemps, comme s’il fust sorty de terre avec les fleurs des Jardins qui l’accompagnent, & qui en mesme temps parurent disposez tels qu’ils sont aujourd’huy, & remplis de toutes sortes de Fleurs, d’Orangers & d’arbrisseaux verts. L’on pourroit dire de Trianon, que les Graces & les Amours qui forment ce qu’il y a de parfait dans les plus beaux & les plus magnifiques ouvrages de l’Art, & mesme qui donnent l’accomplissement à ceux de la Nature, ont esté les seuls Architectes de ce lieu, & qu’ils en ont voulu faire leur demeure« (Félibien, André: Description sommaire du Chasteau de Versailles. Paris 1674, S. 92f.). Duc de Saint-Aignan: Eloge de Versailles et de Trianon, in: Mercure, Januar 1677. Im Wortlaut bei Krause (1996), S. 64. Krause (1996), S. 65. Vgl. Belevitch-Stankevitch, Hélène: Le goût chinois en France au temps de Louis XIV. Paris 1910, Reprint Genf 1970. Belevitch-Stankevitch (1910), S. 112. Das chinesische Appartement, das Ludwig XIV. im Erdgeschoss von Versailles besaß, wird 1668 von Lorenzo Magalotti beschrieben, wobei v. a. Malereien und Textilien sowie Lackmöbel hervorgehoben werden. Porzellan wird beiläufig erwähnt: Ansonsten sei alles voller feinster chinesischer Porzellane und anderer Irdenwaren (»e ogni cosa è piena di porcellane ed altre terre chinesi [sic!] finissime«). Magalotti, Lorenzo: Relazioni di Viaggio in Inghilterra, Francia e Svezia [1668]. Hg. von Walter Moretti. Bari 1968, S. 182f. Vgl. Bischoff (2004). Ziegler, Hendrik: Der Sonnenkönig und seine Feinde. Die Bildpropaganda Ludwigs XIV. in der Kritik. Petersberg 2010, S. 154. Zu den Bauten der vier Schwestern vgl. auch Bechler, Katharina: Schloss Oranienbaum. Architektur und Kunstpolitik der Oranierinnen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Halle 22007. Vgl. Groenveld, Simon: Beiderseits der Grenze. Das Familiengeflecht bis zum Ende der ersten oranisch-nassauischen Dynastie, 1702, in: Lademacher (1999), Textband, S. 139–156. Auch entferntere Verwandte lieferten künstlerische Anregungen. So besuchten Henriette Catharina von Anhalt-Dessau und Maria von Pfalz-Simmern 1668 ihren Cousin Graf Christian-Albrecht Dohna (1621–1677). Dessen Ehefrau, eine geborene von Holland-Brederode-Vianen, hatte sich soeben nach nie-

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derländischem Vorbild einen Landsitz in Schönhausen (Mark Brandenburg) eingerichtet. Die oranischen Schwestern waren entzückt und erbaten sich Musterzeichnungen »für die eigene Häuslichkeit«. Dohna, Graf Siegmar: Kurfürstliche Schlösser in der Mark Brandenburg. Theil I: Grunewald, Oranienburg, Schönhausen. Berlin 1890, S. 141. Boeck, Wilhelm: Oranienburg. Geschichte eines preußischen Königsschlosses. Berlin 1938, S. 25. Aus dem 1702 publizierten, von dem Historiker Johann Georg Wachter entworfenen ikonografischen Programm des Deckengemäldes. Zit. nach Kat. Nr. 15/7, in: Lademacher (1999), Katalogband, S. 429. Kat. Nr. 8/40, in: Lademacher (1999), Katalogband, S. 243. Vgl. Bischoff, Cordula: Porzellansammlungspolitik im Hause Brandenburg, in: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): Aspekte der Kunst und Architektur in Berlin um 1700. Potsdam 2002, S. 15–23. Boeck (1938), S. 52. Nicolai, Friedrich: Nachricht von den Baumeistern, Bildhauern, Kupferstechern ... in und um Berlin ... Berlin/ Stettin 1786, Anhang I. Zit. nach Kemper, Thomas: »Der Triumph des Porzellans in Europa«. Zu Augustin Terwestens Deckenbild in der Porzellankammer des Schlosses Oranienburg, in: Götter und Helden für Berlin. Gemälde und Zeichnungen von Augustin (1649–1711) und Matthäus (1670–1757) Terwesten. Zwei niederländische Künstler am Hofe Friedrichs I. und Sophie Charlottes. Ausstellungskatalog Berlin 1995, S. 93–101, hier S. 100. So etwa die zweite Frau des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, Dorothea von Holstein-Sonderburg-Glücksburg (1636–1689) in ihrem Lustschloss Caputh bei Potsdam, Sophie Charlotte von Braunschweig-Lüneburg (1668–1705), zweite Ehefrau von Friedrich I., in Lietzenburg [heute Charlottenburg], Sophie Charlotte oder Sophie Louise von Mecklenburg-Grabau (1685–1735), dritte Ehefrau Friedrichs I., in Niederschönhausen, Sophie Dorothea von Hannover (1687–1757), Ehefrau von Friedrich Wilhelm I., in Monbijou. Die Einrichtung von Spiegelkabinetten stand häufig in Zusammenhang mit der Gründung eigener Spiegelmanufakturen, so etwa in Gaibach 1708–13, Favorite bei Rastatt 1711, Ludwigsburg 1713, Gartenpalais Schönborn 1718/19. Vgl. Lohneis, Hans–Dieter: Die deutschen Spiegelkabinette. Studien zu den Räumen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. München 1985. Da hier der Stolz auf die großen Spiegelflächen im Vordergrund stand, wurde oft auf Porzellan verzichtet. Das 1712–1717 eingerichtete indianische Kabinett auf Schloss Schönborn in Göllerdsorf z. B. enthielt kein Porzellan, aber die figürliche farbige und vergoldete Ornamentik vor weißem Grund ließ die Wände selbst wie Porzellantafeln wirken. Sophie von Brandenburg (1668–1690) z. B. ließ in ihrem Schloss Lietzenburg (Charlottenburg/Berlin) 1695–99 ein Indianisches Kabinett und erstmals ein Spiegelkabinett ohne Porzellan einrichten. Vgl. Bischoff (2002). Ausführlich dazu Bischoff, Cordula: Women collectors and the rise of the porcelain cabinet, in: Campen, Jan van/Eliëns, Titius (Hg.): Chinese and Japanese Porcelain for the Dutch Golden Age. Zwolle 2014, S. 171–189. So äußerte sich 1711 der 3rd Earl of Shaftesbury, ein Anhänger des englischen Palladianismus. Jacobson, Dawn: Chinoiserie. London 1999 [11993], S. 34. Dazu gehörten etwa Lothar Franz von Schönborn (1700–1705 Chinesisches Kabinett in der Neuen Residenz Bamberg; 1703 Spiegelzimmer in Mainz), Friedrich Karl von Schönborn (1706–1711 Porzellankabinett im Schönbornpalais Wien), der unverheiratete Prinz Eugen von Savoyen (ab 1708 Goldkabinett im Stadtpalais Wien), Clemens August von Köln (mehrere Kabinette in Brühl, erbaut 1729–1733). Vgl. Herz, Silke: Porzellan im Besitz sächsischer Fürstinnen bis 1733, in: Pietsch, Ulrich/Bischoff, Cordula (Hg.): Japanisches Palais zu Dresden. Die Königliche Porzellansammlung Augusts des Starken. München 2014, S. 62–82. SächsHStA, 10026 Geheimes Kabinett, Loc. 2097, Nr. 50, Bl. 2, fol. 4.

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Cordula Bischoff Ausführlich dazu Jenzen, Igor: Stil und Modus in der Dekorationskunst Augusts des Starken, oder warum Schloss Moritzburg mit Ledertapeten ausgestattet wurde, in: Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsens (Hg.): Ledertapeten. Bestände, Erhaltung und Restaurierung. Tagungsband. Dresden 2004, S. 24–30; vgl. auch den Beitrag von Elisabeth Tiller in diesem Band. Dort ist ein Serail (»seralge«) für einen bisher nicht identifizierbaren Ort namens »beiers« vorgesehen. Bechter, Barbara: Etwas von denen Kostbarkeiten des Türkischen Gartens auf der Plauischen Gasse vor Dreßden, in: Gartenkunst, Jg. 13, H. 2 (2001), S. 185–209. Schwarm, Elisabeth: Das »Inventarium über das Palais zu Alt-Dressden. Anno. 1721« und die Bestandsaufnahme der Porzellane und Kunstwerke im Holländischen Palais, in: Pietsch/Bischoff (2014), S. 102–111. Ausführlich dazu Bischoff (2002). Florinus, Franciscus Philippus [= Philipp von Sulzbach]: Oeconomus prudens et legalis continuatus. Oder Grosser Herren Stands Und Adelicher Haus-Vatter, Bd. 2. Nürnberg 1719, S. 129 (»Von den Fürstlichen Divertissements und Lustbarkeiten«). Ausführlich dazu Bischoff, Cordula: Die Porzellansammlungspolitik der sächsischen Kurfürst-Könige, in: Pietsch/Bischoff (2014), S. 287–299. Neben den genannten auch der Leipziger Chirurg Caspar Schamberger (1623–1706) sowie der Soldat und Landvermesser Caspar Schmalkalden (um 1617–1675). Bräutigam, Herbert: Wettiner Lande in Kontakt mit Ostasien – Facetten eines Kennenlernens, in: Dresdner Geschichtsverein (Hg.): Im Banne Ostasiens. Chinoiserie in Dresden. Dresdner Hefte, 96 (2008), S. 67–79. Kurtze Beschreibung / Der 35. Jährigen Reisen und Verrich= / tungen, welche Weyland / Herr / Zacharias Wagner / in Europa, Asia, Africa und America, / meistentheils zu Dienst der ost= und West= / Indianischen Compagnie in Holland, / rühmlichst gethan und abgeleget, / gezogen aus des seelig= gehalte=nen eigenhändigen Journal. Ausführlich dazu Michel, Wolfgang: Zacharias Wagner und Japan (I) – ein Auszug aus dem Journal des »Donnermanns«, in: Dokufutsu Bungaku Kenkyu, No. 37 (1987), Kyushu University, S. 53–101 [URL: http://www.flc.kyushu-u.ac.jp/~michel/publ/aufs/28/28.htm]. Bräutigam (2008), S. 71. Bischoff, Cordula: Die ostasiatischen Werke in Augusts des Starken Kupferstich-Sammlung: das Inventar von 1738, in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, 36 (2010), S. 62–71. Schramm, Carl Christian: Neues Europäisches Historisches Reise-Lexicon, Worinnen Die merckwürdigsten Länder und Städte nach deren Lage, Alter, Benennung, Erbauung, Befestigung, Beschaffenheit, Geist- und Weltlichen Gebäuden, Gewerbe, Wahrzeichen und andern Sehenswürdigkeiten … beschrieben werden … 2 Bde. Leipzig 1744, Bd. 1, Stw. Dreßden, Sp. 349–448, hier S. 351. Lediglich Herzogin Elisabeth Juliane von Braunschweig (1634–1704) ließ – als eine der ersten Fürstinnen ohne ersichtlichen Bezug zum Hause Oranien – in der 1694 eingeweihten Sommerresidenz Salzdahlum ihre »Holländische Küche« mit immerhin fünf Schauräumen einrichten, von denen jeder eine andere Sammlung an Speise- und »Kochutensilien« enthielt: Zinngefäße, seltene Körbe, Fayencen, ein venezianisches Glasservice. Ausführlich dazu Bischoff, Cordula: »... daß es was artiges sey zum Plaisir einer Fürstin ...«. Zum Phänomen der Prunkküche im Schlossbau des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, in: Hirschbiegel, Jan/Paravicini, Werner (Hg.): Das Frauenzimmer. Die Frau bei Hofe in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Stuttgart 2000, S. 193–204. Schwarm, Elisabeth: Einrichtung und Ausstattung der Prunkküchen im Jahr 1723, in: Pietsch/Bischoff (2014), S. 131–145. Wittwer, Samuel: Die Galerie der Meißener Tiere. Die Menagerie Augusts des Starken für das Japanische Palais in Dresden. München 2004, S. 36. Sänfte, um 1740, Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen, Schloss Moritzburg und Fasanenschlösschen, Inv. Nr. 899/86. Marx, Harald: Sehnsucht und Wirklichkeit – Malerei für Dresden im 18. Jahrhundert. Katalog Gemäldegalerie Alte Meister Dresden. Köln 2009, Kat.-Nr. 165.

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71

331

Moser, Friedrich Carl von: Kleine Schriften. Zur Erläuterung des Staats- und Völker-Rechts, wie auch des Hofund Cantzley-Ceremoniels. 12 Bde. Frankfurt am Main 1751–1765, Bd. 1, S. 36. Göres, Burkhardt: Die Ausstattung des Schlosses Oranienburg mit Möbeln, Bildteppichen und Silber, in: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): Schloss Oranienburg. Ein Inventar aus dem Jahre 1743. Berlin 2001, S. 53–61, hier S. 60. Peschken geht davon aus, dass das Charlottenburger Bernsteinzimmer in die Oranienburger Galerie hätte versetzt werden sollen. Peschken, Goerd: Bernsteinkabinett und Rote Kammer, in: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): Aspekte der Kunst und Architektur in Berlin um 1700. Potsdam 2002, S. 49–57. Vgl. Weber, Julia: » ... dass andere Nationen darüber erstaunen müssen ...«. Sächsisches Porzellan in der europäischen Diplomatie, in: Pietsch, Ulrich/Banz, Claudia (Hg.): Triumph der blauen Schwerter. Meissener Porzellan für Adel und Bürgertum 1710–1815. Ausstellungskatalog. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Porzellansammlung. Leipzig 2010, S. 153–161. Ausführlich dazu Schwarm, Elisabeth: Tafeln am sächsisch-polnischen Hof. Böttgers »Unvorgreiffliche Gedanken« für das Repertoire der Meißner Manufaktur – der frühe Gebrauch indianischer Porzellane auf dem fürstlichen Tisch, in: Jahrbuch der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen, 15 (2007/08), S. 28–42. So stellt die unter Friedrich August III. 1769–1782 im chinoisen Stil eingerichtete Fasanerie im Schloss­ park Moritzburg eine Gartenarchitektur dar.

Bibliografie Ayers, John/Impey, Oliver/Mallet, John V. G.: Porcelain for Palaces. The Fashion for Japan in Europe 1650–1750. Ausstellungskatalog des British Museum. London 1990. Bechler, Katharina: Schloss Oranienbaum. Architektur und Kunstpolitik der Oranierinnen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Halle 22007. Bechter, Barbara: Etwas von denen Kostbarkeiten des Türkischen Gartens auf der Plauischen Gasse vor Dreßden, in: Gartenkunst, 13:2 (2001), S. 185–209. Belevitch-Stankevitch, Hélène: Le goût chinois en France au temps de Louis XIV. Paris 1910, Reprint Genf 1970. Bischoff, Cordula: »... daß es was artiges sey zum Plaisir einer Fürstin ...«. Zum Phänomen der Prunkküche im Schlossbau des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, in: Hirschbiegel, Jan/Paravicini, Werner (Hg.): Das Frauenzimmer. Die Frau bei Hofe in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Stuttgart 2000, S. 193–204. Bischoff, Cordula: Porzellansammlungspolitik im Hause Brandenburg, in: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): Aspekte der Kunst und Architektur in Berlin um 1700. Potsdam 2002, S. 15–23. Bischoff, Cordula: Spiegel-, Lack- oder Porzellankabinett? Der chinoise Sammlungsraum und seine Ausdifferenzierung, in: Kritische Berichte. Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaften, 32:2 (2004), S. 15–26. Bischoff, Cordula: Die ostasiatischen Werke in Augusts des Starken Kupferstich-Sammlung: das Inventar von 1738, in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, 36 (2010), S. 62–71. Bischoff, Cordula: Die Porzellansammlungspolitik der sächsischen Kurfürst-Könige, in: Pietsch, Ulrich/Bischoff, Cordula (Hg): Japanisches Palais zu Dresden. Die Königliche Porzellansammlung Augusts des Starken. München 2014, S. 287–299.

332

Cordula Bischoff

Bischoff, Cordula: Women collectors and the rise of the porcelain cabinet, in: Campen, Jan van/ Eliëns, Titius (Hg.): Chinese and Japanese Porcelain for the Dutch Golden Age. Zwolle 2014, S. 171–189. Boeck, Wilhelm: Oranienburg. Geschichte eines preußischen Königsschlosses. Berlin 1938. Boesen, Gudmund: Kineserier på Rosenborg. Om hollandske lakerere i København i det 17. århundrede og deres forbilleder, in: Historiske Meddelelser om København. Årbog 1977, S. 24–47. Bräutigam, Herbert: Wettiner Lande in Kontakt mit Ostasien – Facetten eines Kennenlernens, in: Dresdner Geschichtsverein (Hg.): Im Banne Ostasiens. Chinoiserie in Dresden. Dresdner Hefte, 96 (2008), S.67–79. Dohna, Graf Siegmar: Kurfürstliche Schlösser in der Mark Brandenburg. Theil I: Grunewald, Oranienburg, Schönhausen. Berlin 1890. Duc de Saint-Aignan: Eloge de Versailles et de Trianon, in: Mercure, Januar 1677. Félibien, André: Description sommaire du Chasteau de Versailles. Paris 1674. Florinus, Franciscus Philippus [= Philipp von Sulzbach]: Oeconomus prudens et legalis continuatus. Oder Grosser Herren Stands Und Adelicher Haus-Vatter, Bd. 2. Nürnberg 1719. Fock, C. Willemijn: The apartments of Frederick Henry and Amalia of Solms. Princely splendour and the triumph of porcelain, in: Van der Ploeg, Peter/Vermeeren, Carola: Princely Patrons: The Collection of Frederick Henry of Orange and Amalia of Solms in The Hague. Ausstellungskatalog Den Haag. Zwolle 1997, S. 76–86. Gaehtgens, Barbara: Amalia von Solms und die oranische Kunstpolitik, in: Lademacher, Horst (Hg.): Onder den Oranje Boom. Dynastie in der Republik. Das Haus Oranien-Nassau als Vermittler niederländischer Kultur in deutschen Territorien im 17. und 18. Jahrhundert. Ausstellungskatalog Krefeld u. a. (Textband). München 1999, S. 265–285. Göres, Burkhardt: Die Ausstattung des Schlosses Oranienburg mit Möbeln, Bildteppichen und Silber, in: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): Schloss Oranienburg. Ein Inventar aus dem Jahre 1743. Berlin 2001, S. 53–61. Groenveld, Simon: Beiderseits der Grenze. Das Familiengeflecht bis zum Ende der ersten oranisch-nassauischen Dynastie, 1702, in: Lademacher, Horst (Hg.): Onder den Oranje Boom. Dynastie in der Republik. Das Haus Oranien-Nassau als Vermittler niederländischer Kultur in deutschen Territorien im 17. und 18. Jahrhundert. Ausstellungskatalog Krefeld u. a. (Textband). München 1999, S. 139–156. Hein, Jørgen: The Treasure Collection at Rosenborg Castle. The Inventories of 1696 and 1718. Kopenhagen 2009, S. 47. Herz, Silke: Porzellan im Besitz sächsischer Fürstinnen bis 1733, in: Pietsch, Ulrich/Bischoff, Cordula (Hg.): Japanisches Palais zu Dresden. Die Königliche Porzellansammlung Augusts des Starken. München 2014, S. 62–82. Jacobson, Dawn: Chinoiserie. London 1999 [11993]. Jenzen, Igor: Stil und Modus in der Dekorationskunst Augusts des Starken, oder warum Schloss Moritzburg mit Ledertapeten ausgestattet wurde, in: Ledertapeten. Bestände, Erhaltung und Restaurierung. Tagungsband der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen. Dresden 2004, S. 24–30.

Chinoiserie am sächsischen Hof

333

Kaufmann, Gerhard: Bemalte Wandfliesen. Bunte Welt auf kleinen Platten. Kulturgeschichte, Technik, und Dekoration der Fliesen in Mitteleuropa. München 1973. Kemper, Thomas: »Der Triumph des Porzellans in Europa«. Zu Augustin Terwestens Deckenbild in der Porzellankammer des Schlosses Oranienburg, in: Götter und Helden für Berlin. Gemälde und Zeichnungen von Augustin (1649–1711) und Matthäus (1670–1757) Terwesten. Zwei niederländische Künstler am Hofe Friedrichs I. und Sophie Charlottes. Ausstellungskatalog. Berlin 1995, S. 93–101. Krause, Katharina: Die Maison de plaisance. Landhäuser der Ile-de-France (1660–1730). München 1996. Lablaude, Pierre-André: Die Gärten von Versailles. Worms 1995. Lademacher, Horst (Hg.): Onder den Oranje Boom. Dynastie in der Republik. Das Haus Oranien-Nassau als Vermittler niederländischer Kultur in deutschen Territorien im 17. und 18. Jahrhundert. Ausstellungskatalog Krefeld u. a. 2 Bde. München 1999. Lemmen, Hans van: Delfter Kacheln. Stuttgart 1998. Lohneis, Hans-Dieter: Die deutschen Spiegelkabinette. Studien zu den Räumen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. München 1985. Loonstra, Marten: »het huys int bosch«. Het Koninklijk Paleis Huis ten Bosch historisch gezien / The Royal Palace Huis ten Bosch in a historical view. Amsterdam 1985. Lunsingh Scheurleer, Theodoor Herman: De woonvertrekken in Amalia’s Huis in het Bosch, in: Oud Holland, 84 (1969), S. 29–66. Lupfer, Gilbert: »Weil es doch ein orientalisches Lust-Gebäude sein soll.« Exotische Anklänge in der Dresdner Schlossarchitektur des 18. Jahrhunderts, in: Dresden. Spiegel der Welt. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in Japan. Ausstellungskatalog Staatliche Kunstsammlungen Dresden/National Museum of Western Art Tokyo. Tokyo 2005, deutsches Beiheft, S. 148–151. Magalotti, Lorenzo: Relazioni di Viaggio in Inghilterra, Francia e Svezia [1668]. Hg. von Walter Moretti. Bari 1968. Marx, Harald: Sehnsucht und Wirklichkeit – Malerei für Dresden im 18. Jahrhundert. Ausstellungskatalog der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden. Köln 2009. May, Walter: Das Holländische und das Japanische Palais, in: Marx, Harald (Hg.): Matthäus Daniel Pöppelmann. Der Architekt des Dresdner Zwingers. Leipzig 1989, S. 198–206. Mémoires complets et authentiques du Duc de Saint-Simon sur le siècle de Louis XIV et la régence. Bd. 12, Paris 1856. Michel, Wolfgang: Zacharias Wagner und Japan (I) – ein Auszug aus dem Journal des »Donnermanns«, in: Dokufutsu Bungaku Kenkyu, 37 (1987), S. 53–101 [URL: http://www.flc.kyushu-u. ac.jp/~michel/publ/aufs/28/28.htm]. Montclos, Jean-Marie de/Polidori, Robert: Versailles. Köln 1996. Moser, Friedrich Carl von: Kleine Schriften. Zur Erläuterung des Staats- und Völker-Rechts, wie auch des Hof- und Cantzley-Ceremoniels. 12 Bde. Frankfurt am Main 1751–1765, Bd. 1. Neumann, Carsten: Das Trianon de Porcelaine im Park von Versailles als erster chinoiser Bau in Europa, in: Welich, Dirk/Kleiner, Anne (Hg.): China in Schloss und Garten. Chinoise Architektur und Innenräume. Dresden 2010, S. 75–81. Nolhac, Pierre de: Versailles et la Cour de France. Trianon. Paris 1927. Peschken, Goerd: Bernsteinkabinett und Rote Kammer, in: Stiftung Preußische Schlösser und

334

Cordula Bischoff

Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): Aspekte der Kunst und Architektur in Berlin um 1700. Potsdam 2002, S. 49–57. Peter-Raupp, Hanna: Die Ikonographie des Oranjezaal. Hildesheim/New York 1980. Schramm, Carl Christian: Neues Europäisches Historisches Reise-Lexicon, Worinnen Die merckwürdigsten Länder und Städte nach deren Lage, Alter, Benennung, Erbauung, Befestigung, Beschaffenheit, Geist- und Weltlichen Gebäuden, Gewerbe, Wahrzeichen und andern Sehenswürdigkeiten … beschrieben werden … 2 Bde. Leipzig 1744. Schwarm, Elisabeth: Tafeln am sächsisch-polnischen Hof. Böttgers »Unvorgreiffliche Gedanken« für das Repertoire der Meißner Manufaktur – der frühe Gebrauch indianischer Porzellane auf dem fürstlichen Tisch, in: Jahrbuch der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen, 15 (2007/08), S. 28–42. Schwarm, Elisabeth: Das »Inventarium über das Palais zu Alt-Dressden. Anno. 1721« und die Bestandsaufnahme der Porzellane und Kunstwerke im Holländischen Palais, in: Pietsch, Ulrich/ Bischoff, Cordula (Hg.): Japanisches Palais zu Dresden. Die Königliche Porzellansammlung Augusts des Starken. München 2014, S. 102–111. Wappenschmidt, Friederike: Der Traum von Arkadien. Leben, Liebe, Licht und Farbe in Europas Lustschlössern. München 1990. Weber, Julia: » ... dass andere Nationen darüber erstaunen müssen ...«. Sächsisches Porzellan in der europäischen Diplomatie, in: Pietsch, Ulrich/Banz, Claudia (Hg.): Triumph der blauen Schwerter. Meissener Porzellan für Adel und Bürgertum 1710–1815. Ausstellungskatalog der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Porzellansammlung. Leipzig 2010, S. 153–161. Wittwer, Samuel: Die Galerie der Meißener Tiere. Die Menagerie Augusts des Starken für das Japanische Palais in Dresden. München 2004. Ziegler, Hendrik: Der Sonnenkönig und seine Feinde. Die Bildpropaganda Ludwigs XIV. in der Kritik. Petersberg 2010.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik) In: SächsHStA Dresden, 10047 Amt Dresden, Nr. 3056, Acta Commissionis/ Des verstorbenen Königl. Ober-/ Landbaumeister Herr Mattheus/ Daniel Pöppelmanns Nachlaßes/ Ob. und Designation auch Inven[tar]/ sambt was deme mehr anhäng[ig]/ betr. [1736], fol. 158v, fol. 170r–175r. 

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig



12 ” [gr.]



90.

2



2”



91.

3



4 gr.



92.

4



2 gr.



93.

5



2 gr.

6”

94.

24 ”





352.

1

6

158v

170r

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

337

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Das hehrliche dreßdnische Gesangbuch, Dresde et Lips. 1725

Marperger, Bernhard Walter (Hg. und Verfasser einer Vorrede): Das privilegirte ordentliche und vermehrte Dreßdnische Gesang-Buch. Dresden und Leipzig: Hekel [?], 1725.

Engelschalls præjudicia Vitæ, Lips. 1723 in Frb. [Franzband] Cassenii Kirchen Andachten ibid. ead. […] in einem Corduan. Bande

Engelschall, Carl Gottfried: Præjudicia vitæ, das ist: Nichtige Lebens-Vorurtheile der Welt-Kinder [...], Teile 1–2. Leipzig: August Martini, 1723/24. Erstausgabe ebd., 1718 [vgl. lfd. Nr. 67].

Marpergers Kranckenund Sterbe-Bett, Norimb. 1724. in Corduan. Bande

Marperger, Bernhard Walter: Das Krancken- und Sterbe-Bett, mit den Worten des Lebens beleuchtet. Nürnberg: Rüdiger, 1724.

Dykens Nosce te ipsum, Basel. 1638, in Bergam. Bande [Pergamenteinband]

Dyke, Daniel/Dyke, Jeremiah (Hg.): Nosce te ipsum oder Selb-Betrug, sampt der wahren Buß […]. Basel: Georg Decker, 1638. Englische Originalausgabe: The Mystery of Self-Deceiving. London 1614.

Joh. Olearii Sterbe Schule Lips.1669 in Bergam. Bande […]

Olearius, Johannes: Gymnasium euthanasias. Christliche Sterbe-schule […]. Leipzig: Georg Heinrich Fromman, 1669.

Theatr. Europæi P.I. II. III. IV. VI. VIII. IX. XI. XII. in Bergam. Bande

Abelinus, Johann Philipp/Merian, Matthäus d.Ä. (Hg.): Theatrum Europæum. Frankfurt am Main: Matthäus Merian d.Ä., 1634 [Bd. I]– Merian Erben, 1691 [Bd. XII].

338

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

7

1”

16 ”



353.

8



10 ”



354.

2 rth





No. 355.

2”





356.

9

10

170v

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

339

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Joh. Christoph Wagners Beschreibung des Königreichs Ungarn und Türckey I. u. II. Theil

Wagner, Johann Christoph: Delineatio provinciarum Pannoniæ et imperii Turcii in Oriente Eine Grundrichtige Beschreibung deß ganzen Aufgangs sonderlich aber deß Hochloeblichen Koenigreichs Ungarn und der ganzen Tuerckey […] [I. und II. Teil]. Augsburg: Jacob Koppmeyer, 1685/88.

Petri Sardi Romani Fortification Frf. ad Moen. 1648. […]

Sardi Romano, Pietro/Gottfried, Johann Ludwig (Übers.): Coronæ Imperialis Petri Sardi Romani Erster Theil, Das ist: Gründlicher vnd beständiger Bericht, von Fortification vnd Vestungsbaw, nach der wahren Geometrischen Kunst vnd Mathematischen Fundamenten […]. Frankfurt am Main: Johann Press, 1648. Erstauflage ebd./Hamburg: Jakob de Zetter, 1626. Eventuell auch den anonym übersetzten sowie illustrierten 2. Teil umfassend: Corona Imperialis Architecturæ militaris, Das ist: Gründlicher Bericht von der Fortification vnnd Befestigung allerhandt Oerter, wie die mögen vorfallen, wider allen Anlauff, so beydes zur Offension und zur Defension von nöthen. […] Am Ende seynd auch etliche Principia Geometriæ, so zur Vbung und Verstandt der Architecturæ Militaris nöthig hinzu gethan. Frankfurt am Main: Jakob de Zetter, 1644. Erstauflage ebd., 1622; italienische Originalausgabe des Gesamtwerkes: Corona Imperiale dell’Architettura militare. Di Pietro Sardi Romano Diuisa in due trattati. Il Primo contiene la Teorica. Il secondo contiene la Pratica. Il Primo Trattato si diuide in sette libri. Venezia: Eigenverlag des Autors, 1618.

Kurzes Verzeichnis wie Kayser Carolus V. in Africa dem König von Thunis so von denen Barbarossen vertrieben mit Kriegs Rüstung zu Hülffe kommen, durch und durch mit Kupfferstichen

Hogenberg, Franz: Kurtze Verzeichniss wie Keyser Carolus der V. in Afrika dem Konig von Thunis, […] zur hulffe komt. Köln: Eigenverlag des Autors und Kupferstechers, um 1574.

Ein Buch in Bergam. Bande mit Kupffern

[nicht identifiziert]

340

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

11

2”

12 ”



357.

12



3”



358.

13



12 ”



359.

14

1”

8”



360.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

341

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Palatior. Romanor. à celeberrimis sui ævi Architectis erector. Pars 1.

Ferrerio, Pietro: Palatiorum Romanorum a Celeberrimis sui ævi Architectis erectorum Pars Prima. Nürnberg: Johann Jakob von Sandrart, o. J. [ca. 1694]. Auszugsweiser (im Umfang ungefähr halbierter) seitenverkehrter Nachdruck von: ders.: Palazzi di Roma de piu celebri architetti, libro primo. Roma: Giovanni Giacomo De Rossi, o. J. [1655].

Joh. Christian Seylers Parallelismus Architectorum celebrium, Lips. 1696

Seyler, Johann Christian: Parallelismus Architectorum celebrium, das ist, Zugleiche Vorstellung Derer Aeltesten und Berühmtesten Bau-Meister Virtuvii, Leon. Bapt. Alberti, Seb. Serlii, Pietri Catanei, Andr. Palladii, Jac. Barotzii, von Vignola, Vinc. Scamotz, Giova. Branca, und Nicolai Goldmanns, […] Woraus nechst völligem Ursprunge Der Fünff Ordnungen […] zu ersehen […] um wieviel sie von einander differiren, […] und welche einander am nechsten beykommen. […] Nebst einem Anhange der Sätze, Bau-Regeln und Correcturen, Aus dem Cursu Architectonico Mons. Blondels. Leipzig: Eigenverlag des Autors, 1696.

Chronica Carionis von Anfang der Welt, bis auf Kayser Carol. V. Vitemb. 157[6].

Melanchthon, Philipp/Peucer, Kaspar: Chronica Carionis. Von anfang der Welt, bis vff Keiser Carolum den Fünfften ...; jetzund zum ersten, aus dem Lateinischen gantz vnd volkömlich in Deudsche Sprach gebracht. Wittenberg: Lufft, 1578. [Auflage nicht eindeutig identifizierbar]. Lateinische Ausgaben z. B. Wittenberg 1558ff.

Bonajuti Lorini fünff Bücher von Vestung Bauen Frf. ad Moen. 1621.

Lorini, Buonaiuto/Wormbser, David (Übers.): Fünff Bücher Von Vestung Bawen, Bonaiuti Lorini, Florentinischen vom Adel. In welchen, durch die allerleichteste Reguln, die Wissenschafft sampt der Practic, gelehret wirdt, wie man Städte vnd andere örter, vff vnderschidlicher Situs gelegenheit sol befestigen. Frankfurt am Main: Johann Theodor de Bry, 1621. Deutsche Erstauflage ebd.: Theodor de Brys Witwe und Söhne, 1607; italienische Originalausgabe: Delle fortificationi di Buonaiuto Lorini, nobile fiorentino, Libri Cinque. Ne’ quali si mostra con le piu facili regole la Scienza con la Pratica, di Fortificare le Città, & altri luoghi sopra diuersi siti […], 2. Auflage. Venezia: Giovanni Antonio Rampazetto, 1596/97; rare Erstauflage von Widmungsexemplaren ebd., 1592.

342

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

15

3”





361.

16

1”

12 ”



362.

363.

Weil dieses Buch dem H. Olbaum. [Oberlandbaumeister] Knöfel gehört ist es nicht mit taxiret worden

1

17

2”

16 ”



364.

18

1”





365.

19

1”





366.

Erscheinungsjahr nicht zweifelsfrei zu bestimmen, vgl. SächsHStA Dresden, 10047 Amt Dresden, Nr. 3058, Inventarium/ über/ des verstorbenen Ober-Land-/ Baumeisters Herrn Matthias/ Daniel Pöppelmanns Verlaßen-/ schafft/ gefertiget/ beym/ Amte Dreßden/ ao: 1736, fol. 28r, hier wird das Jahr 1640 als Erscheinungsjahr angegeben.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

343

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Ost- West- Indischer und Sinesischer Lust- und Stats Garten I. II. und III. Theil, mit Kupffern Norimb. 1668. in Frb.

Francisci, Erasmus: Ost- und West-Indischer wie auch Sinesischer Lust- und Stats-Garten in drey Haupt-Theile unterschieden […]. Nürnberg: Johann Andreas Endter, 1668.

D. Petri Andr. Matthioli Kräuterbuch, Frf. ad Moen. 1600.1 in Bergam. Bande

Mattioli, Pietro Andrea/Camerarius, Joachim (Übers. und Bearb.): Kreutterbuch Deß Hochgelehrten unnd weltberühmten Herrn D. Petri Andreæ Matthioli, Jetzt widerumb mit viel schönen neuwen Figuren, auch nützlichen Artzneyen […] gemehret […]. [Auflage nicht eindeutig identifizierbar]. Deutschsprachige Erstausgabe: Frankfurt am Main: Feyerabend für Fischer und Dacken, 1586; weitere Folioausgaben ebd., 1590, 1598 und 1611; italienische Originalausgabe des Textes ohne Holzschnitte: Di Pedacio Dioscoride Anazarbeo libri cinque dell’istoria e materia medicinale […]. Venezia: Nicolò Bascarini, 1544.

Joh. Lud. Gottfridi Chronica mit Kupffern 1674. in Corduan. Bande

Gottfried, Johann Ludwig: Historische Chronica Oder Beschreibung der Fürnemsten Geschichten so sich von Anfang der Welt bis auff das Jahr Christi 1619 zugetragen. Frankfurt am Main: Matthäus Merian d.J., 1674. Erstauflage ebd., 1642.

Anton. Weckens dreßdns. Chronica, Norimb. 1679. in Bergam. Bande

Weck, Anton: Der Chur- Fürstlichen Sächsischen weitberuffenen Residenz- und Haupt-Festung Dresden Beschreib- und Vorstellung. Nürnberg: Johann Hoffmann, 1679.

Unterschiedl. Augspurgische Goldschmidts Arbeit I. Theil, so auch zugleich 4 Jahreszeiten vorstellen, inventirt und gezeichnet von Abraham Drentwett,

Drentwett, Abraham II.: Vnterschiedlich Augspurgische Goldtschmidts Arbeit Erster Theil, So auch zu gleich 4. Jahrs Zeiten Vorstellen. Augsburg: Jeremias Wolff, o. J. [um 1710].

Ein geschrieben Buch von Teichen und Erziehung des Fisch Saamens

Stäntzl de Cronfels, Andreas Leopold: Piscinarium Oder Teicht Ordnung. Ollmütz: Johann Joseph Kylian, 1680.

344

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig



20 gr.



367.

21



18 ”



368.

22

1”

8”



369.

23



12 ”



370.

20

171r

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

345

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Joan. Uredeman. Frisii Perspective,

Vries, Johann Vredeman de/Marolois, Samuel (Bearb. und Hg.): Perspectiva theoretica ac practica. Hoc est Opus opticum absolutissimum: […] Iuxta veterum ac recentiorum Autorum doctrinam accuratè exaratum Studio atque Opera Joannis Vredemanni Frisii: Multis verò notis illustratum per Samuelem Marolois – Joannis Vredemanni, Frisii, Perspectivæ pars II: Exhibens Artis præcepta; […] : [Auflage unbekannt]. Erstauflage: Den Haag: Hendrick Hondius d.Ä. bzw. Arnheim: Johannes Jansson, 1615; bei Letzterem mehrere Folgeauflagen bis 1651; Originalausgabe: Vries, Johann Vredeman de: Perspective, id est, Celeberrima ars inspicientis aut transpicientis oculorum aciei, in pariete, tabula aut tela depicta, in qua demonstrantur quædam tam antiqua, quam nova ædificia, Templorum sive Ædium, Aularum, Cubicularum, Ambulaciorum, Platearum, Xystorum, Hortorum, Fororum, Viarum, & huiusmodi alia, […] – Perspective pars altera, in qua Præstantissima quæque Artis præcepta, nec non eximia ac scitu digniora argumenta circa magnifica aliquot Ædificia & præclara Architecturæ decora plenè planèque exhiberentur, […]. Leiden: Hendrick Hondius d.Ä., o. J. [1604/05].

135 stck. Kupfferstiche in einem Bergam. Bande

[nicht identifiziert]

Le magnifique chasteau de Richelieu en general et en particulier

Marot, Jean: Le magnifique chasteau de Richelieu, en general et en particulier, ou les plans, les elevations, et profils generaux et particuliers dudit chasteau […]. O. O. u. J. [Paris: Eigenverlag des Autors, ca. 1657/59].

Andr. Alberti 2. Bücher das 1ste von der Ohne und durch die Arithmetica gefundenen perspectiva das andere von dem darzu gehörigen Schatten.

Albrecht, Albrecht: Andreæ Alberti Zwey Bücher Das erste Von der Ohne und durch die Arithmetica gefundenen Perspectiva. Das andere Von dem dartzu gehörigen Schatten. [Auflage unbekannt]. Erstauflage Nürnberg: Eigenverlag des Autors, 1623 und 1634, bzw. um anonymen Anhang erweiterte Neuauflage ebd.: Paulus Fürsts Witwe und Erben, 1670/71.

346

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

24



18 ”



371.

25



16 ”



372.

26



8”



373.

27

1”

12 ”



374.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

347

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Adam. Freitag. Architectura militaris,

Freitag, Adam: Architectura militaris nova et aucta oder Newe vermehrte Fortification Von Regular Vestungen, Von Irregular vestungen und Aussen wercken, Von praxi Offensiva und Defensiva: Auff die neweste Niederländische Praxin gerichtet und beschrieben. [Auflage unbekannt]. Erstauflage Leiden: Bonaventura und Abraham Elzevier, 1631; verbesserte Folgeauflagen ebd. bei dens., 1635 und 1642, sodann Amsterdam: Daniel Elzevier, 1654 und 1665.

der Mahler und Baumeister Perspectiv II. Theil von Andr. Pozzo, Augsp. 1709

Pozzo, Andrea: Perspectivæ pictorum atque architectorum, II. pars, […] – Der Mahler und Baumeister Perspektiv, Zweyter Theil, Worinn die allerleichteste Manier, wie man, was zur Bau-Kunst gehörig, ins Perspectiv bringen solle, berichtet wird. Augsburg: Jeremias Wolff, 1709. Von Georg Konrad Bodenehr nachgestochene, dabei im Format geringfügig reduzierte deutsche Übersetzung der lateinisch-italienischen Originalausgabe: Perspectiva pictorum et architectorum […] pars secunda. […] – Prospettiva de’ pittori, e architetti […] parte seconda. In cui s’insegna il modo più sbrigato di mettere in prospettiva tutti i disegni d’Architettura. Roma: Johann Jakob Komarek, 1700.

Verschyde Schoorsteen Mantels nieulykx geinventeert door Mr Bullet

Bullet, Pierre/Lepautre, Jean u.a.: Verschyde Schoorsteen Mantels nieulykx geinventeert door M.r Bullet. Amsterdam: Justus Danckerts, o. J. [um 1675/86]. Umfang unbekannt, je nach Ausgabe 10 oder 16 Blatt umfassende Nachstiche französischer Vorlagen, darunter Bullet, Pierre: Liure nouueau de Cheminées tirées des diuers ouvrages de M.r Bullet Architecte du Roy. O. O. u. J. [Paris: JeanBaptiste Nolin, vor 1686, später von Nicholas Langlois Vater und Sohn verlegt], sowie Lepautre, Jean: Cheminees a la Moderne. Paris: Jean Mariette, 1661; optional kombiniert mit der Neuauflage einer sechsteiligen niederländischen Serie von Kaminentwürfen des Verlagshauses Danckerts.

Discorso sopra l’antico Monte citatorio situato nel Campo Marzio, Romæ 1708.

Fontana, Carlo: Discorso sopra l’antico Monte Citatorio Situato nel Campo Marzio, E d’altre cose erudite ad Esso Attinenti Estratto da piu’ gravi autori Con l’istoria di ciò che è occorso nell’ inalzamento del nuovo Edificio della Curia Romana E di quanto è accaduto nel Ritrovamento, & alzamento della Nuova Colonna Antonina. Roma: Giuseppe Nicolò de Martiis, 1708. Erweiterte Zweitauflage: Discorso del Cav. Carlo Fontana Sopra il Monte Citatorio situato nel Campo Martio, ed altre cose ad esso appartenenti. Roma: Giovanni Francesco Buagni, 1694.

348

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

28

1”

12 ”



375.

29



8”



376.

30

1”





377.

31

1”

8”



378.

32

3”





379.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

349

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Georg Andr. Böckler. Theatrum Machin. Norimb. 1661.

Böckler, Georg Andreas: Theatrum Machinarum Novum, Das ist: Neu-vermehrter Schauplatz der Mechanischen Künsten, Handelt von Allerhand- Wasser- Wind- Roß- Gewicht- und Hand-Mühlen, […]. Beneben Nützlichen Wasserkünsten Als da seynd Schöpff- Pomppen- Druck- Kugel- Kästen- BlaßWirbel- Schnecken- Feuer-Sprützen und Bronnen-Wercken. Nürnberg: Paulus Fürst, 1661. Beträchtlich erweiterte, neu kommentierte Neuausgabe von: De Strada à Rosberg, Ottavio d.J. (Hg.)/Bramer, Benjamin (Kommentator): KVnstliche Abriß, allerhand Wasser- WindRoß- vnd Handt Mühlen, beneben schönen vnd nützlichen Pompen, auch andern Machinen, damit das Wasser in die Höhe zuerheben, auch lustige Brunnen vnd Wasserwerck. Frankfurt am Main: Eberhard Kieser, 1629; um 12 Tafeln geringere und unkommentierte zweiteilige Erstauflage ebd. im Eigenverlag des Herausgebers, 1617/18.

drey und dreyßig stck. Kupfferstiche in einem Bande

[nicht identifiziert]

Sebast: Serlii Regeln von der Architectur,

Serlio, Sebastiano/Rehlinger, Jakob (Übers.): Die gemaynen Reglen von der Architectur uber die funf Manieren der Gebeu, zu wissen, Thoscana, Dorica, Ionica, Corinthia, und Composita, mit denen Exemplen der Antiquitaten so durch den merern Tayl sich mit der Leer Vitruvii vergleichen. [Auflage unbekannt]. Erschienen in zwei Auflagen: Antwerpen: Pieter Coecke van Aelst, 1542 und ebd.: Mayken Verhulst, 1558; italienische Originalausgabe später als 4. Buch eines mehrbändigen Architekturtraktats gezählt: Regole generali di architettura sopra le cinque maniere degli edifici. Venezia: Francesco Marcolini, 1537.

Ein Buch worinnen 99 stck. Kupfferstiche,

[nicht identifiziert]

Veües des belles Maisons de France in einen Frb.

Pérelle, Nicolas/Pérelle, Adam: Vues des belles maisons de France. Paris: Nicholas Langlois Vater und Sohn sowie Jean Mariette, o. J. [Auflage und Umfang unbekannt]. Ab 1670 in unterschiedlichem Umfang vertriebene Vedutenserie französischer Landschlösser.

350

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

33

2”





380.

34

1”

12 ”



381.

35

1”

16 ”



382.



12 gr



383.

36

171v

384.

gehört gleichfalls H. Oberlandbaumeister Knöfel

37

172v

– gehört ebenfalls H. Obb. Knöfel

8”



385. 386.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

351

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Il nuovo splendore delle Fabriche in Prospettiva di Roma Moderna […]

Vergelli, Giuseppe Tiburzio nach Falda, Giovanni Battista: Il nuovo splendore delle fabbriche in prospettiva di Roma moderna, fatte restaurare dalla fel. mem. di Papa Alessandro VII nuovamente intagliato sotto il felice pontificato di N. S. Papa Innocentio XI, copiate dalle stampe di gia intagliate da Gio. Batt. Falda, libri tre. Roma: Matteo Gregorio De Rossi, 1686–89. Nachstiche von: Il nuovo teatro delle fabriche, et edificii, in prospettiva di Roma moderna, libri I–III. Roma: Giovanni Giacomo De Rossi, 1665–69.

Archit. et Jardin. durch und durch mit Kupffern

Architectures et Jardins [französisches Kupferstichwerk zur Bau- und Gartenkunst; nicht identifiziert]

Lumen picturæ et Delineationis divisum in sex partes

De Wit, Frederik (Hg.): Lumen picturæ et delineationis divisum in sex partes. Amsterdam: ders., o. J. [um 1660/75]. Unter Verzicht auf den Text und im Umfang der Illustrationen erheblich reduzierte, zudem geringfügig ergänzte Neuedition von: Van de Passe, Crispijn d.J.: La luce del dipingere et disegnare – ’t light der Teken en Schilder konst – la lumiere de la peinture & del la designature – Liecht der Reiß und Mahlkunst, 5 Teile. Amsterdam: Johannes Jansson, 1643/44.

Definitiones et Problemata

[nicht identifiziert]

Pauli Decker. Architectura Civilis, […]

Decker, Paul d.Ä.: Fürstlicher Baumeister, Oder: Architectura civilis, Wie Grosser Fürsten und Herren Palläste, mit ihren Höfen Lust-Häusern, Gärten, Grotten, Orangerien, und anderen darzu gehörigen Gebäuden füglich anzulegen, und nach heutiger Art auszuzieren; […] Erster Theil. Augsburg: Jeremias Wolff, 1711. Eventuell mitsamt der ebd. bei dems. 1713 edierten Folgepublikation: Des Fürstlichen Baumeisters Anhang zum Ersten Theil Welcher nicht allein den zum Fürstlichen Pallast gehörigen Triumph-Bogen Ehren-Saul Garten ec. sondern auch einige andere Fürstliche Lust-Häuser vorstellet.

dreyzehen stck Kupfferstiche

[nicht identifiziert]

Pauli Deckeri Architect. Civil. 1ster Theil Augsp. 1711.

[vgl. Nr. 384 laut Nachlassakte]

352

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

38

3”





387.

39

1”

12 ”



388.

40

2”

12 ”



389.

41



12 ”



390.

42



16 ”



391.

43

1”

12 ”



392.

44

4”





393.

45

4”





394.

46



8”



395.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

353

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Vües de la Residence Ducale de Louisbourg

Frisoni, Donato Giuseppe: Vues de la residence ducale de Louisbourg – Underschiedliche Prospect u. Grundriß deß Herzoglich Würtembergischen Residenz-Schlosses Ludwigsburg. Augsburg: Jeremias Wolffs Erben, 1727.

Neun und zwanzig stck Riße in einen Fr. Bande

[nicht identifiziert]

Vier und fünffzig stck Kupfferstiche in einen Fr. Bande

[nicht identifiziert]

zwölff stck Risse in einen dergl. Bande

[nicht identifiziert]

Leonhard. Christoph. Sturms Prodromus Architecturæ Goldmannianæ, Augsp. 1714.

Sturm, Leonard Christoph: Prodromus Architecturæ Goldmannianæ Oder Getreue und gründliche Anweisung, I. Worinnen die wahre Praxis der Civil-Bau-Kunst bestehe, II. Wie das Bau-Wesen in einem Fürstenthum […] einzurichten sey, III. Wie eine nach Nicol. Goldmanns Reguln eingerichtete Invention […] in Praxi sicher stehen könne. Augsburg: Jeremias Wolff, 1714.

32. stck Kupfferstücke in einen Frb.

[nicht identifiziert]

Des Defuncti Vorstellung und Beschreibung des von Sr. König. Mait. in Pohlen und Churf. Durch. zu Sachßen erbauten so genannten Zwinger Gartens Gebäuden oder der König. Orangerie zu Dreßden in 24. Kupfferstichen

Pöppelmann, Matthäus Daniel: Vorstellung und Beschreibung Des von Sr. König. Majestät in Pohlen, Churfl. Durchl. zu Sachßen erbauten so genannten Zwinger-Gartens Gebäuden, Oder Der Königl. Orangerie zu Dreßden. Dresden 1729.

Homanni Atlas in rothen Leder

Homann, Johann Baptist: Neuer Atlas bestehend In auserlesenen und allerneuesten Land-Charten über die Gantze Welt […]. [Auflage unbekannt]. Erstauflage: Nürnberg: Eigenverlag des Autor, 1707; unzählige weitere Ausgaben.

Siebenzehen stck Kupfferstiche […]

[nicht identifiziert]

354

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig



20 gr.



No. 396.

48



2”



397.

49



12 ”



398.

50



16 ”



399.

51



8”



400.



1”



401.



10 ”



402.

47

52

53

173v

174r

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

355

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Joh. Jacobs von Wallhausen Kriegs Kunst zu Pferdt mit Kupffern Frf. ad Moen. 1616

Wallhausen, Johann Jacobi von: Kriegskunst zu Pferdt darinnen gelehret werden, die initia und fundamenta der Cavallery, aller vier Theilen […] Mit dargestelten Beweistumben, was an den edlen Kriegskünsten gelegen […]. Frankfurt am Main: Theodor De Bry, 1616.

Camillus der Großmüthige Drama vorgestellet auf dem Theater des Durchl. Churfürstens zu Sachßen im Jahr 1693.

Pietragrua, Carlo Luigi: Camillus Der Groß-Müthige DRAMA Vorzustellen auf dem Teatro Des Durchleuchtigsten Chur-Fürstens zu Sachßen, Camillo Generoso. Dresden: Immanuel Bergen, 1693.

Adam. Olearii Persianischer Rosenthal Schleßwig 1654. mit Kupffern

Olearius, Adam: Persianischer Rosenthal In welchem viel lustige Historien, scharffsinnige Reden und nützliche Regeln. Vor 400. Jahren von einem Sinnreichen Poeten Schich Saadi in Persischer Sprach beschrieben. Hamburg: Johann Naumann/Schleswig: Holwein, beide 1654.

Corneille Danckerts repræsentation au Naturel de Fontaine-bleau

Danckerts III., Cornelis (Hg.): Representation au Naturel de Fontainebleau. Amsterdam: ders., o. J. [um 1700/10]. 16-teilige (?) Vedutenserie nach Pariser Vorlagen.

Grundriss des neu erbauten Churf. Schloßes und Lustgartens zu Potsdam sambt der Stadt und neuen erweiterung derselben, wie auch des Fasan und allerhand geflügelgartens. bestehend aus 15. Kupfferstichen

Memhardt, Johann Gregor: Risse und Ansichten des neu erbauten kurfürstlichen Schlosses und Lustgartens sowie der Fasanerie zu Potsdam [Behelfstitel]. O. O. u. J. [Berlin: (Verleger unbekannt), um 1674/78]. Ohne Titelblatt erschienene, 16 Blatt umfassende Kupferstichserie.

Marci Freunds alter und neuer Hauß Calender mit beygefügter Aufflösung aller in- und ausländischen Potentaten aufs Jahr 1663.

Freund, Marcus: Neuer und Alter Haupt-Calender. Mit beygefügter Auflösung, aller In- und Ausländischer Potentaten, Herrschafften, Länder und Stände, Wappen […]. Nürnberg: Endter, 1663.

Historia Chronologica Pannoniæ Frf. 1596

Lonicer, Johann Adam: Historia Chronologica Pannoniæ: Ungarische und Siebenbürgische Historia. Frankfurt am Main: Theodor de Bry, 1596.

356

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

54



8”



403.

55



10 ”



404.

56



12 ”



405.

57

1”

12 ”



406.

58



5”



407.

59

1”

4”



408.

60



18 ”



409.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

357

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Traicté des cinq ordres de l’Architecture dont se sont servy les Anciens Traduit du Palladio, augmenté de Nouvelles inventions pour l’Art de bien bastir par le Sr. le Muet a Amsterdam 1646.

Le Muet, Pierre (Übers. und Bearb.)/Palladio, Andrea: Traicté Des cinq Ordres d’Architecture, dont se sont seruy les Anciens. Traduit du Palladio. Augmenté de nouuelles inuentions pour l’Art de bien bastir. Amsterdam: Cornelis Danckerts, 1646. Originalausgabe der kleinformatigen französischen PalladioAdaption: Paris: François Langlois dit Chartres, 1645; italienische Originalausgabe des Bezugstextes: Palladio, Andrea: Il primo libro dell’architettura, in: ders.: I quattro libri dell’architettura. Venezia: Domenico de’ Franceschi, 1570, S. 5–67.

D. Mart. Luthers Hauß Postill Luneb. im andern lutherischen Jubel Jahr

Luther, Martin: Haus-Postill, das ist, Predigten über die Evangelien auff die Sonntage und vornehmsten Feste dess gantzen Jahrs […] nebst einer Vorrede vom Lutherischen Jubel-Jahr [1717?]. [Auflage nicht eindeutig identifizierbar]. Erstausgabe: Nürnberg: Johann vom Berg und Ulrich Neuber, 1544 [bearbeitet, mit einer Vorrede versehen und herausgegeben von Veit Dietrich].

Lütkens geistreiche Catechismus Predigten, Leipz. und Gardelegen 1731.

Lütkens, Franz Julius: D. Frantz Julii Lütkens […], XLVIII. Geistreiche und Erbauliche Catechismus-Predigten, Darinnen Die fünf Hauptstücke des Catechismi Doct. Martini Lutheri deutlich erkläret werden […]. Leipzig/Gardelegen: Ernst Heinrich Campen, 1731.

Friderici Lucæ Chronica von Ober- und Nieder Schlesien Frf. ad Moen. 1689.

Luca, Friedrich: Schlesiens curieuse Denckwürdigkeiten, oder vollkommene Chronica von Ober- und Nieder-Schlesien […]. Frankfurt am Main: Friedrich Knoch[en], 1689.

Noæ Meurers Wasser-Recht Norimb. 1733.

Meurer, Noa: Tractatus Juridicus De Alluvione, Insulis, Alveo [et] Jure Aquatico. Oder vom Wasser-Recht […]. Nürnberg: Albrecht, 1733.

Sächßische Historie, Leipzig 1724.

Rüdiger, Johann Christoph: Sächsische Merckwürdigkeiten oder vollständige alte, mittle und neue Historie von Sachsen […]. Leipzig: Moritz Georg Weidmann, 1724.

M. Christian Scrivers erbaul. dreyfaches Absehen eines Christen auf Gott, auf den Nechsten un auf sich Selbst, Nürnb 1713.

Scriver, Christian: Erbauliches dreifaches Absehen eines Christen auff Gott, auff den Nechsten und auff sich selbst. Nürnberg: [Verleger unbekannt], 1713.

358

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

61



3”



410.

62



16 ”



411.

63



12 ”



412.

64



5”



413.

65



8



414.

66



12



415.

67



9



416.

174v

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

359

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Tob. Beutels geographisches Kleinod, Dreßd. 1680.

Beutel, Tobias: Cimelium Geographicum Tripartitum, Oder Dreyfaches Geographisches Kleinod Darinnen Begriffen I. Richtiggesuchte und verfassete Longitudines und Latitudines […] II. Milliographia, oder Meilen-Beschreibung […] III. Seminarium Geographicum, Geographischer Pflantz-Garten. Dresden: Melchior Bergen, 1680.

Das neu geharnischte GroßBritannien, Nürnberg 1690.

Beer, Johann Christoph: Das Neu-Geharnischte GroßBritannien […] Wahre Landes- und Standes-Beschaffenheit Derer drey-vereinigten Koenigreiche Engel- Schott- und Irrlands […]. Nürnberg: Johann Andreas Endter, 1690.

D. Justi Gesenii EvangelionsPredigten auf die Sonn-, Fest-, und Apostel-Tage durchs ganze Jahr in 3. Theile abgetheilet Braunschw. 1654.

Gesenius, Justus: Evangelions-Predigten auff die Sonn-Fest- und Apostel-Tage durchs gantze Jahr […]. Braunschweig: Christoff Friedrich Zilliger, 1654.

Das betrübte Thorn mit Kupffern Berlin 1725.

Jablonski, Daniel Ernst: Das Betrübte Thorn, Oder die Geschichte so sich zu Thorn Von Dem II. Jul. 1724 biß auf gegenwärtige Zeit zugetragen […]. Berlin: Ambrosius Haude, 1725.

In 8° Sam. Pufendorffs Histor. der Reiche und Staaten, Frf. ad Moen. 1693. in Frb.

Pufendorf, Samuel: Continuirte Einleitung zu der Historie der Vornehmsten Reiche und Staaten so itziger Zeit in Europa sich befinden […]. Frankfurt am Main: Friedrich Knoch[en], 1693. Erstausgabe: ebd., 1682.

Cubachs Gebeth- Buch, Lüneb. 1687 in Frb. mit Clausuhr

Cubach, Michael (Hg.): Einer gläubigen und andächtigen Seelen vermehrtes tägliches Bet- Buß- Lob- Und Danck-Opffer Das ist: Ein grosses vollkomenes Bet-Buch […]. Leipzig: Weidmann, 1687. Erstauflage: vermutlich ebd., 1616

Engelschalls præjudicia Vitæ II. Theil, Leipz. 1724. in Frb.

Engelschall, Carl Gottfried: Præjudicia vitæ, das ist: Nichtige Lebens-Vorurtheile der Welt-Kinder [...], Teile 1–2. Leipzig: August Martini, 1723/24. Erstausgabe: ebd., 1718 [vgl. lfd. Nr. 2].

360

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

68



6”



417.

69



8”



418.

70



8”



419.

71



10 ”



420.

72



16 ”



421.

73



10 ”



422.

2 Im Inventarium/ über/ des verstorbenen Ober-Land-/ Baumeisters […] wird das Jahr 1712 als Erscheinungsjahr angegeben, vgl. fol. 31v.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

361

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

La Grammaire Royale par Chr. des Pepliers Leipz. 1732.

Des Pepliers, Jean Robert/Jablonski, Johann Theodor [Pseud.: Rondeau, Pierre] (Bearb.): La Parfaite Grammaire Royale Françoise & Allemande = Das ist: Vollkommene Königl. Frantz. Teutsche Grammatica: Mit neuen und sehr nützlichen Reguln; Nebst einem verbesserten Wörter-Buche, manierlichen Gesprächen und zierlichen Redens-Arten, auserlesenen Sprüchen, artigen Historien und sinnreichen Einfällen, anmuthigen und nach jetziger Zeit wohlgesetzten Briefen. Durch ein Mitglied der Königl. Preuß. Societät der Wissenschaften in Berlin auffs fleißigste verbessert […]. Berlin: Ambrosius Haude, 1732. Viele weitere Auflagen auch in Leipzig; französische Originalausgabe Paris, vor 1698.

Militair. Journal 17142[?]. geschrieben von Joh. Peter von Müller als zu der Zeit gewesenen Flügel Adjutant

[nicht identifiziert]

Das berlinische Gesang-Buch in schw. Corduan benebst eines Futterals

Crüger, Johann (Hg.): Praxis Pietatis Melica. Das ist: Übung der Gottseligkeit in christlichen und trostreichen Gesängen, Herrn D. Martin Lutheri fürnehmlich, wie auch anderer […]. [Auflage unbekannt]. Erstauflage: Berlin: Runge, 1647, bzw. unzählige Folgeauflagen ebd.

Historie von Pohln. WahlTagen Stockholm 1733.

La Bizardière, Michel David de: Historie der Pohlnischen Wahl-Tage […]. Stockholm: [Verleger unbekannt], 1733.

Leben Friedr. Augusti des Großen Königs in Pohlen Frf. et Lips. 1734.

Fassmann, David: Des Glorwürdigsten Fürsten und Herrn, Herrn Friedrich Augusti, des Großen, Königs in Pohlen und Churfürstens zu Sachsen, etc. Leben und Helden-Thaten […] aus mehrern Documenten und Actis publis […] erläutert durch J.G.H. [ Johann Gottlob Horn]. Frankfurt am Main/Leipzig: Wolffgang Deer, 1734.

Historische Staats und KriegsSchau-Bühne des Königreichs Pohlen Frf. et Lips. 1734.

Historische Staats- und Kriegs-Schau-Bühne Des Königreichs Pohlen: In einem kurtz gefasten Zusammenhang Derer heutigen Polnischen Kriegs-Troublen nebst beygefügten Journal von Belagerung der Stadt Dantzig […]. Frankfurt am Main/ Leipzig: [Verleger unbekannt], 1734.

362

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

74



4”



423.

75



6”



424.



4 gr.



425.

77

2”





426.

78



8”



427.

79

8”





428.

80



16 ”



429.

81



6”



430.

82



4”



431.

76

175r

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

363

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Sylvanders von Edel-Leben zufällige Betrachtungen von der Glückseeligkeit der Tugend 1726. Les Œuvres Francoises de Mr. d’E. 1726.

Loen, Johann Michael von: Sylvanders von Edel-Leben Zufällige Betrachtungen, Von Der Glückseeligkeit der Tugend. Hanau [?]: S. von Einsiedel, 1726.

Europæischer Staats Secretarius I. II. bis 9ten Theil in einem Bergam. Bande, X. XI. XII. XIII XV. XVI. und XVII. und XIX und XX. roh

Europäischer Staats-Secretarius, welcher die neuesten Begebenheiten unpartheyisch erzehlet und vernünftig beurtheilet. Leipzig: Weidmann, 1734 [Bd. I]–1736 [Bd. XX].

Schallens Hauß Postilla 1668.

[nicht identifiziert]

Eugenii Helden-Taten I. II. III. und IV. Theil in 4. Bergam. Bänden

Des Großen Feld-Herrns Eugenii Hertzogs von Savoyen und Käyserlichen General-Lieutnants Helden-Thaten, Teile 1–4. Frankfurt am Main/Leipzig: Christoph Riegel, 1709–1720.

Last und Lust der Innewohner am Rhein-Strohm Frf. et Lips. 1734 in Bergam. Bande

Die Last und Lust Der Innwohner am Rhein-Strom, Oder derselben Schaden und Gefährlichkeit zu Kriegs-Zeiten Wie auch […] zu Friedens-Zeiten [1. Teil]. Frankfurt am Main/Leipzig: [Veleger unbekannt], 1734.

Happelii Chronica 16. Bergam. Bände

Happel, Eberhard Werner: Des Couriers Historischer Kern oder kurtze Chronica der Merckwürdigsten Welt- und WunderGeschichte. Hamburg: [Verleger unbekannt], 1676ff.

Hoffmanns Zittauische Bibel in schw. Corduan mit Clausuhr

Hoffmann, Gottfried: Biblia, Das ist, Die gantze Heilige Schrifft, Altes und Neues Testaments, verdeutschet durch Martin Luthern […]. Zittau: Schöps, 1711.

Arnds wahres Christenthum Goth. 1713, in Frb. mit Clausuhr

Arndt, Johann: Vier geistreiche Bücher vom wahren Christentum […] welchem noch beygefüget […] von des sel. Johann Arndts übrigen […] Schriften unter dem Namen Fünftes u. Sechstes Buch vom wahren Christenthum. Gotha: Heinrich Hansche, 1713. Zahlreiche Auflagen der postumen sechsbändigen Ausgabe ab 1695.

A. Franckens Predigten über die gewöhnl. Sonnt. Evangelia Halle, 1699.

Francke, August Hermann: Sonntags-Predigten über die ordentliche evangelische Texte des gantzen Jahrs […]. Halle [Auflage nicht eindeutig identifizierbar]. Mehrere Auflagen ebd.: in Verlegung des Waysenhauses, [1698]–1700.

364

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

83





6”

432.

84



6”



433.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

365

Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Der Simplicissmus, defect

Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten, genant Melchior Sternfels von Fuchshaim […]. [Auflage unbekannt]. Nach der Erstausgabe der fünf Bücher, Nürnberg [Mömpelgard]: Wolf Eberhard Felßecker [ Johann Filion], 1668 [1669], wurde der Roman später immer wieder verändert und um einen sechsten Band erweitert. Die Erstversion erschien bis 1718 mindestens zwölfmal.

Regeln von der Architectur mit Kupffern

Le Muet, Pierre (Hg.)/Barozzi da Vignola, Giacomo: Regel der fünff Orden, Von der Architectur, Gestellt durch M.r Jacob Barozzio von Vignola. Auffs Newe vermehret mit etlichen herrlichen Gebäwen deß Michaël Angelo Bonaroti, Durch den Herrn Muet. [Auflage unbekannt]. Deutschsprachige Erstausgabe: Amsterdam: Cornelis Danckerts, 1651; Folgeauflagen ebd. bei dems., 1660, 1664, um 1700, sowie Nikolaus Vischer, 1675, bzw. Nachdrucke in Nürnberg: Johann Hofmann, 1675 (Titel nach dieser Ausgabe zitiert), 1687, 1694, sowie Johann Zieger und Georg Lehmann, 1699, desgleichen in Augsburg: Jeremias Wolff, 1700, 1705, 1717, 1735; französische Originalausgabe: Regles des cinq Ordres d’Architecture de Vignolle Reueues Augmentees et Reduites de Grand en petit par Le Muet. Paris: Melchior Tavernier bzw. Pierre Mariette, 1632; allesamt Oktavausgaben (sog. Kleiner Vignola) der viersprachigen Edition: Regola delli cinque Ordini d’ Architettvra; Di M. Giacomo Barozzio da Vignola. Con la nuova aggionta di Michel-Angelo Buonaroti – Reghel van de vijf Ordens der Architecture, […] – Reigle des cinq Ordres d’ Architectvre, De M. Iaques Barozzio de Vignole […] – Regel der funff orden von Architectur, Ghestelt durch M. Iacob Barozzio von Vignola. Auffs newe vermehrt mit etlichen herlichen Gebäwen von Michiel Angelo Bonaroti. Arnheim: Johannes Jansson, 1620; italienische Bezugspublikationen: Barozzi da Vignola, Giacomo: Regola delli cinque ordini d’architettura. o. O. : Eigenverlag des Autors, o. J. [1562], Nuova et ultima aggiunta delle porte d’architet.a di Michel Angelo Buonaroti Fiorentino Pittore Scultore & Architetto Eccell.mo […]. Roma: Andrea Vaccario, 1610 (1607 erstmalig mit einer ebd. verlegten Neuausgabe von Vignolas Regola kombiniert).

366

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik)

Lfd. Nr.

fol.

Schätzwert lt. Nachlassakte Reichstaler

Groschen

Nr. laut Nachlassakte

Pfennig

85



4”



434.

86







436.

Die Spalten 3–7 sind aus der Nachlassakte transliteriert, Spalte 8 enthält den Verweis auf die heute identifizierbare Ausgabe. Zeilensprünge des Transkripts sind aus dem Original übernommen, ebenso wie Schreibweise und Abkürzungen. Auslassungen, z. B. im Falle nicht sachdienlicher Kommentare des bearbeitenden Notars, und Hinzufügungen wurden mit »[…]« gekennzeichnet. Transliteration: Meike Beyer und Anja Schwitzgebel. Identifikation der Buchtitel: Meike Beyer, Anja Schwitzgebel sowie Peter Heinrich Jahn für die architekturbezogenen Bücher und Druckgrafiken.

Der Nachlass Matthäus Daniel Pöppelmanns (Bücher und Druckgrafik) Bezeichnung laut Nachlassakte

Bibliografischer Nachweis

Der Staat von Siberien Nürnb. 1725.3 roh. […]

Der allerneueste Staat von Siberien einer grossen und zuvor wenig bekannten Moscowitischen Provinz in Asien [...]. Nürnberg: Endter, 1725.

Vier große Schubladen voll Risse und Kupfferstiche so man versiegelt 5. stck. Liegen haussen [verstehe: liegen draußen] […]

[nicht identifiziert]

3 Im Inventarium/ über/ des verstorbenen Ober-Land-/ Baumeisters […] wird das Jahr 1735 als Erscheinungsjahr angegeben, vgl. fol. 32v.

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AutorInnen

Meike Beyer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanistik der TU Dresden. Studium der Romanistik und der Kunstgeschichte an der TU Dresden und der Università degli Studi di Trento. Seit Oktober 2011 im Forschungsprojekt ENBaCH tätig, u. a. Mitarbeit an der Ausstellung Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten (2013). Cordula Bischoff ist Kunsthistorikerin, Privatdozentin an der TU Dresden sowie freiberufliche Ausstellungskuratorin. Forschungsschwerpunkte: Geschlechterforschung, Hofkunst, Interieur, Chinoiserie. Derzeitiges Forschungsprojekt: Frühe Asiatica und Chinoiserien am sächsischen Hof. Zahlreiche Publikationen zur Kunst des 16.–18. Jahrhunderts, zuletzt u. a. als Ausstellungskuratorin Goldener Drache – Weißer Adler: Kunst im Dienste der Macht am Kaiserhof von China und am sächsisch-polnischen Hof, 1644–1795 (2008 im Residenzschloss Dresden und 2009 im Palastmuseum Peking); Die Kunst der Aufklärung (2010–2011 im National Museum of China, Peking). Martin Engel ist Leiter der Abteilung Fotothek/EDV am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien. Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie an der FU Berlin. Im Anschluss Wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Kunsthistorischen Institut und von 2002 bis 2004 Assistent am Historischen Museum Basel. Forschungsschwerpunkte: Architekturtheorie, Preußische Architektur des 18. Jahrhunderts sowie die Wiener Bildhauerei des 19. Jahrhunderts. Ulrich Fröschle ist Privatdozent am Institut für Germanistik der TU Dresden. Forschungsschwerpunkte: Literatur und Nationalerziehung; Kulturgeschichte der Führung. Studium der Neueren deutschen Literatur, der Neueren deutschen Geschichte, Geschichte Ost- und Südosteuropas sowie der Russistik in München und Dresden. Promotion 2006, Habilitation 2011. Stefan Hertzig ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fritz-Thyssen-Forschungsprojekt Das Japanische Palais in Dresden. Vom Porzellanschloss Augusts des Starken zum Museumsschloss des frühen Bildungsbürgertums am Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der TU Dresden. Studium der Kunstgeschichte, Neueren Geschichte und Klassischen Archäologie an der Universität des Saarlandes. Promotion 2000. Zuletzt u. a. Kurator der Ausstellung 1756. Das barocke Dresden (2006).

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AutorInnen

Peter Heinrich Jahn ist Kunst- und Architekturhistoriker. Studium der Neueren deutschen Literatur, Geschichte des Mittelalters, Mittleren und Neueren sowie Byzantinischen Kunstgeschichte in München. Promotion 2006 an der Universität Augsburg. Zuletzt u. a. Mitglied des Research-Fellow Programms Werkzeuge des Entwerfens (2010–2012) am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (IKKM) in Weimar. Mitarbeit an der Ausstellung Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten (2013). Jarl Kremeier unterrichtet Kunstgeschichte an Berliner Kunsthochschulen und im Gasthörerprogramm der Freien Universität Berlin. Studium der Kunstgeschichte, der Geschichte und der Musikwissenschaft in Würzburg, Berlin und London. Promotion 1996. Forschungsschwerpunkte: Architektur und Architekturtheorie, vorwiegend des 17. und 18. Jahrhunderts in Deutschland, England und Italien. Zuletzt u. a. George I and George II as Patrons of Architecture in Hannover, in: Georgian Group Journal XXII, 2014. Katrin Nitzschke ist seit 1975 in der Sächsischen Landesbibliothek, – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) tätig und seit 1984 Leiterin des Buchmuseums. Studium des Bibliothekswesens und der Kulturwissenschaften in Leipzig. Veröffentlichungen mit dem Schwerpunkt Dresden und Bibliotheksgeschichte, zuletzt u. a. Dresden. Ein Reisebegleiter. Berlin 2011; Hrsg. mit Alexandra Schellenberg u. Anne Spitzer: Weihnachtsbilder. Fotografien aus dem Archiv der Deutschen Fotothek Dresden. Leipzig 2012. Anja Schwitzgebel ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanistik der TU Dresden. Studium der Slavistik und der Romanistik an der TU Dresden. Seit 2011 im Forschungsprojekt ENBaCH tätig, u. a. Mitarbeit an der Ausstellung Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten (2013). Elisabeth Tiller ist Professorin für Italienische Literatur und Kulturwissenschaft an der TU Dresden. Studium der Komparatistik, der Französischen und der Italienischen Philologie an der LMU München. Promotion 1994 an der Universität Tübingen. Habilitation 2009. ­Veröffentlichungen zu Raum- und Stadtdiskursen, Gegenwartsliteratur, Frühneuzeitforschung, Kulturgeschichte, Gender Studies. Zuletzt u. a. Pöppelmann 3D. Bücher – Pläne – Raumwelten [(2013), URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-118312] Mathias Ullmann leitete von 1992 bis 2003 die Edition der Schriften von Ehrenfried Walther von Tschirnhaus. Studium der Afrikanistik und der Geschichte in Halle. Promotion 1989. Seit 2011 Geschäftsführer der Stiftung Deutsches Uhrenmuseum Glashütte – Nicolas G. Hayek. Dirk Welich ist seit 1995 wissenschaftlicher Referent bei den Staatlichen Schlössern, Burgen und Gärten Sachsen. Studium des industriellen Designs in Halle sowie der Kunstpädagogik,

AutorInnen

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der Kunstgeschichte und der Psychologie in München. Promotion 2005. Forschungsschwerpunkte: Chinoiserie, Architektur- und Interieurgeschichte, barocke Skulptur, mediale Vermittlung in Ausstellungen und digitale Rekonstruktion historischer Architekturen. Zuletzt u. a. Kurator der Ausstellung eine STARKE FRAUENgeschichte – 500 Jahre Reformation (2014, Schloss Rochlitz).

Index A Ablancourt, Nicolas Perrot d’ 226 Agricola, Georgius 172 Albertine Agnes von Oranien-Nassau, Fürstin von Nassau-Diez 311 Albert, König von Sachsen 300 Albrecht, Andreas 65, 66, 67, 97, 98, 101, 116 Alexander der Große 23 Alexander VII., Papst 82 Alexander, William 300 Amalia von Solms-Braunfels, Gräfin von Nassau 308, 311, 327 Anjou, Regnier d’ 167 Anna Constantia von Cosel, Reichsgräfin 318 Archilochos 234 Argens, Jean-Baptiste de Boyer, Marquis d’ 230, 231 Aristophanes 172 Aristoxenos von Tarent 234 Arndt, Johann 52, 53 Arouet, François-Marie, genannt Voltaire 227, 229, 230, 231 Ashley-Cooper, Anthony, dritter Graf von Shaftesbury 329 Audran, Gérard 224 August II., genannt der Starke,  siehe Friedrich August I. August III.,  siehe Friedrich August II. August II., König von Polen und Großherzog von Litauen 251, 263 Augustinus von Hippo, hl. Kirchenvater 173 August, Kurfürst von Sachsen 155, 162, 163 Augustus (Gaius Octavius), römischer Kaiser 8, 23, 76 Aviler, Augustin-Charles d’ 201, 214

B Barnaud, J. 221 Bartholomaei, Johann Jacob 180, 182 Bartsch, Johann Gottfried 85 Bayle, Pierre 228, 230 Bellegarde, Jean-Baptiste Morvan de 225 Bellotti, Giuseppe Simone 268 Bellotti, Tommaso 268 Bérain, Jean 290 Bérain, Jean d. Ä. 194, 206, 207, 209 Bernhard von Clairvaux, hl. Kirchenvater 173 Bernigeroth, Martin 175 Bernini, Gian Lorenzo 75, 235, 291 Besser, Johann von 41, 162, 167 Beutel, Tobias 45, 46 Bibiena, Ferdinando Galli 224 Bielfeld, Jakob Friedrich von 231, 232 Bielińska, Maria Magdalena 249 Bisschop, Jan de 235 Bloemaert, Abraham 69 Blondel, Jacques-François 196 Blondel, Nicolas François 73 Böckler, Georg Andreas 46, 96, 97, 172, 202, 203 Bodenehr, Gabriel 194, 203 Bodt, Jean de 11, 254, 274, 289, 322 Boffrand, Germain 205, 206 Böhme, Jakob 53, 173 Böhm, Johann Georg 223 Bontekoe, Cornelius 172 Bossuet, Jacques Bénigne 227 Böttger, Johann Friedrich 179, 180, 182, 183, 325

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Index

Bourbon, François Louis de, Prince de Conti 244 Boutet, Claude 222 Braun, David 168 Brühl, Heinrich Graf von 39 Buchner, August 160 Bullet, Pierre 84, 98 Bünau, deutsches Adelsgeschlecht 295 Bury, Richard de 148 C Caesar, Gaius Iulius 8, 42 Callières, François de 214 Campbell, Colen 194, 208, 210, 215, 234 Canstein, Carl Hildebrandt von 185 Carion, Johannes 47 Carl Ludwig, Kurfürst von der Pfalz 129 Carpzov, Benedikt 173 Caus, Salomon de 96 Chalons, Vincent-Claude 226 Chambers, William 299 Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth, Kurfürstin von Sachsen 267, 316 Christian I., Kurfürst von Sachsen 155 Cicero, Marcus Tullius 42, 172, 234 Clemens August von Bayern, Kurfürst und Erzbischof von Köln 329 Clemens XI., Papst 37 Cochois, Barbe 231 Coecke van Aelst, Pieter 70 Coehoorn, Menno van 203 Coligny, Louise de, Fürstin von Oranien-Nassau 327 Colonna, Girolamo 290 Comenius, Johann Amos 172 Cotte, Robert de 205 Courtonne, Jean 224

Crell, Johann Christian, genannt Icander 13, 14, 15, 16, 17, 24, 33 Curabelle, Jacques 224 Czartoryski, August Aleksander 260 D Dacier, André 226, 231 Danckerts, Cornelis d. Ä. 112 Danckerts, Cornelis d. J. 83, 112 Danckerts, Justus 84 Dapper, Olfert 172 Daßdorf, Karl Wilhelm 12, 168 Daviler, Charles Auguste,  siehe Aviler, Augustin-Charles d’ Decker, Paul d. Ä. 86, 88, 89, 90, 92, 98, 99, 113, 194 Del Grande, Antonio 290 Denhoff, Maria Zofia 259, 260 De Rossi, Domenico 82 De Rossi, Giovanni Giacomo 82 De Rossi, Matteo Gregorio 82 Desargues, Gérard 224, 237 Descartes, René 143, 172, 177 Des Pepliers, Jean Robert 42 Deybel, Johann Sigmund 249, 253, 254, 255, 259, 260 Dientzenhofer, Johann 188 Diesel, Matthias 194 Dietrich, Christian Wilhelm Ernst 324 Dieussart, Charles Philippe 202 Dilich, Wilhelm 11 Dinglinger, Georg Christoph 19, 42, 44, 45, 46, 49, 53, 54 Dinokrates 23 Dohna, Christian-Albrecht von 328 Dohna, Sophie Theodore Gräfin von, geb. von Holland-Brederode-Vianen 328 Drentwett, Abraham d. J. 91, 97, 98, 114 Dunger, Gustav 302

Index

E Ebersbach, Gottfried 160, 161, 162 Ebert, Friedrich Adolf 155, 157, 159, 160, 161, 163, 164, 167 Elisabeth Juliane von Braunschweig-Lüneburg, Herzogin, geb. Herzogin von Schleswig-Holstein 330 Engelschall, Carl Gottfried 45 Eugen Franz, Prinz von Savoyen-Carignan 329 Euklid von Alexandria 172 Exner, Christian Friedrich 273, 299, 300 F Falda, Giovanni Battista 82, 97, 98, 211 Falkenstein, Konstantin Karl 160, 163 Fare, Charles Auguste de la 226 Fäsch, Johann Rudolf 202 Fassmann, David 45, 49 Fehre, Johann Gottfried 265 Félibien, André 223, 310 Felßecker, Wolff Eberhard 130 Ferrerio, Pietro 81, 97 Finckelthaus, Gottfried 160 Fischer von Erlach, Johann Bernhard 194, 268, 298, 303 Flemming, Jakob Heinrich von, Reichsgraf 11, 275 Fontana, Carlo 74, 75, 76, 77, 98, 99, 108, 110, 276, 289 Fontana, Girolamo 290 Försch, Elias Adam 197 Foucault, Paul-Michel 149 Fouqué, Heinrich August de la Motte 237 Fourré, Charles 234 Francart, Laurent 84 Francisci, Erasmus 50 Francke, August Hermann 46, 52, 172, 179, 181, 182, 185

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Franckenstein, Christian Gottfried 227 Frank, Johann Bartholomäus 204 Frederik III., König von Dänemark und Norwegen 309 Freitag, Adam 94, 97, 98 Friedrich August I., genannt der Gerechte, König von Sachsen, als Friedrich August III. Kurfürst von Sachsen 299, 331 Friedrich August I., genannt der Starke, Kurf 252 Friedrich August I., genannt der Starke, Kurfürst von Sachsen, als August II. König von Polen und Großfürst von Litauen 7, 8, 11, 12, 13, 15, 16, 17, 18, 21, 22, 23, 29, 30, 34, 37, 54, 76, 78, 81, 86, 92, 100, 134, 155, 158, 162, 164, 167, 178, 179, 180, 182, 243, 244, 245, 246, 247, 248, 249, 250, 251, 252, 253, 254, 255, 256, 258, 259, 260, 262, 264, 265, 266, 267, 268, 269, 273, 274, 275, 277, 285, 290, 291, 295, 297, 298, 302, 303, 307, 316, 317, 318, 320, 321, 322, 323, 326 Friedrich August II., Kurf 267 Friedrich August II., Kurfürst von Sachsen, als August III. König von Polen und Großherzog von Litauen 13, 162, 249, 254, 322, 323 Friedrich II., genannt der Große, König von Preußen und Kurfürst von Brandenburg 20, 85, 221, 223, 224, 226, 227, 228, 230, 231, 232, 233, 235, 236, 237 Friedrich I., König in Preußen, als Friedrich III. Kurfürst von Brandenburg 167, 311, 312, 329 Friedrich Wilhelm I., König in Preußen 90, 221, 321, 329 Friedrich Wilhelm von Brandenburg, Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches 329 Friesen, Heinrich Friedrich, Graf von 160

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Index

Frisoni, Donato Giuseppe 85, 86, 99 Fritsch, Johann Friedrich 165 Frölich, Gustav Robert 301, 302 Fürstenberg, Anton Egon von, Reichsfürst 180, 181, 182, 243 Furttenbach, Joseph 95 G Galilei, Galileo 143 Gameren, Tylman van 249, 250, 251, 254, 255, 261 Gärtner, Andreas 96 Geier, Martin 159 Georg III., König von Großbritannien und Irland 300 Georg, König von Sachsen 300, 301 Gerber, Christian 162, 163 Giesel, Johann Ludwig 300 Gleditsch, Johann Friedrich 165 Godonesche, Nicolas 226 Goldmann, Nikolaus 73, 89 Goltzius, Hendrick 69 Gottfried, Johann Ludwig 93 Götze, Johann Christian 160, 162, 168 Goulon, Louis 221 Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von 20, 50, 129, 130, 131, 132, 133, 134, 135, 137, 138, 139, 142, 143, 144, 146, 147, 148, 149 Grosse, Henning 165 Guarini, Guarino 198 Guericke, Otto von 172 H Halevi Sopher Rabbenu Nissem, Eliasar Bar Samuel 163 Hals, Frans 36 Happel, Eberhard Werner 50 Hartig, Johann Jakob von 178 Haude, Johann Ambrosius 226, 228

Haugwitz, Friedrich Adolf von 159 Hénault, Charles-Jean-François 226 Henriette Catharina von Oranien-Nassau, Fürstin von Anhalt-Dessau 311, 328 Hesse, Andreas Martin 34 Heubel, Erdmuth Sophie, geb. Pöppelmann 30 Heubel, Johann Ernst 30, 51 Heubel, Johann Heinrich 51, 52 Hirschfeld, Christian Cay Lorenz 196 Hoffmann, Gottfried 51 Hoffmann, Johann Adolf 227 Hoffmann von Hoffmannswaldau, Christian 173 Hölderlin, Friedrich 133 Homer 225 Hoogh, Pieter de 36 Horatius Flaccus, Quintus, genannt Horaz 231, 234 Horaz,  siehe Horatius Flaccus, Quintus Höroldt, Johann Gregorius 319 Hübner, Johannes 227 Hutten, Christoph Franz von, Fürstbischof von Würzburg 188, 209 Hutter, Leonhard 53 Huygens, Christiaan 43, 172, 175, 176 I Icander,  siehe Crell, Johann Christian J Jan III Sobieski, König von Polen und Großfürst von Litauen 248, 251, 259, 261 Jansson, Johannes 69 Jauch, Joachim Daniel 249, 253, 254, 255, 260 Johannes von Antiochia, genannt Chrysostomus, hl. Kirchenvater 173 Johann Georg III., Kurfürst von Sachsen 34, 157, 160, 165, 178, 244

Index

Johann Georg II., Kurfürst von Sachsen 161 Johann Georg I., Kurfürst von Sachsen 160 Johann Georg IV., Kurfürst von Sachsen 32, 178, 244, 295 Johann III. Sobieski,  siehe Jan III Sobieski Jones, Inigo 209, 232 Joseph I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 317 K Kalckstein, Christoph Wilhelm von 221 Karcher, Johann Friedrich 11, 16, 253, 254 Karl VI., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und Erzherzog von Österreich 36 Karl XII., König von Schweden 51, 134, 220, 229, 247, 266 Kentmann, Johannes 163 Kent, William 232 Kepler, Johannes 172 Keyssler, Johann Georg 281, 290 Kircher, Athanasius 46, 172 Kircher, Christian 280, 290 Kirchner, Gottlieb 290 Kleiner, Salomon 194 Kleinert, Markus Friedrich 187 Klengel, Wolf Caspar von 12 Klimpert, Andreas 209 Knobelsdorff, Alexander von 229 Knobelsdorff, Georg Wenzeslaus von 20, 21, 219, 220, 221, 222, 223, 224, 225, 226, 227, 228, 229, 230, 231, 232, 233, 234, 235, 236, 237 Knöffel, Johann Christoph 11, 45, 54, 86, 113, 252, 253, 274, 284 König, Johann Ulrich von 167 Konstantin I., genannt der Große 229 Kopernikus, Nikolaus 172 Kopp, Ignaz 187

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L Laet, Johannes de 70, 74, 97, 99, 104, 107 Lairesse, Gérard de 223 Lamprecht, Jakob Friedrich 226 Langlois, Nicolas 83 Laugier, Marc-Antoine 196, 211 Lawer, Maria Josepha Margarethe, geb. Neumann 190 Leeuwenhoek, Antoni van 172 Leibniz, Gottfried Wilhelm 43, 175, 176, 182 Le Maître, Alexandre 246 Le Muet, Pierre 71, 202 Le Normand 290 Leonardo da Vinci 223 Leoni, Giacomo 232 Lepautre, Jean 84, 98 Le Plat, Raymond 269, 287 Le Roy, David Julien 214 Leszczyński, Stanisław 247, 266 Leupold, Jakob 193 Locci, Augustyn 259 Loen, Johann Michael von 14, 15, 16, 17, 50 Longuelune, Zacharias 11, 19, 42, 43, 45, 46, 54, 253, 254, 274, 277, 278, 284, 286, 289, 323 Lorini, Buonaiuto (Bonaiuto) 93, 95, 97, 98 Loß, sächsisches Adelsgeschlecht 295 Louise Henriette von Oranien-Nassau, Kurfürstin von Brandenburg 311, 312 Louis XIII, König von Frankreich 84, 327 Louis XIV, König von Frankreich 21, 134, 206, 209, 211, 226, 298, 309, 310, 328 Louis XV, König von Frankreich 226 Löwendal, Woldemar, Baron von 159 Lubomirski, polnisches Adelsgeschlecht 251 Lubomirski, Stanisław Herakliusz 251, 260, 261 Ludwig XIII.,  siehe Louis XIII

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Index

Ludwig XIV., siehe Louis XIV Luther, Martin 53, 173

Münnich, Burkhard Christoph von 253, 260, 262

M Magalotti, Lorenzo 328 Malipiero, Federico 225 Mander, Carel van 222 Manteuffel, Ernst Christoph, Graf von 160, 228 Maria Josepha von Österreich, Erzherzogin von Österreich, Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen 13, 36, 317, 318 Maria von Oranien-Nassau, Pfalzgräfin von Simmern 311, 328 Mariette, Jean 83, 219, 222, 235 Marolois, Jean 224 Marolois, Samuel 65, 101, 216 Marot, Daniel 206, 290, 314, 319 Marot, Jean 83, 84, 114, 206, 207 Marperger, Bernhard Walther 45 Mattioli, Pietro Andrea 35, 39 Maupertuis, Pierre-Louis Moreau de 224 Meister, Georg 320 Mélac, Ezéchiel de 134 Melanchthon, Philipp 46, 173 Memhardt, Johann Georg 85 Mencke, Otto 165 Ménestrier, Claude-François 226 Mézeray, François Eudes de 226 Mohr (Mohrendal), Jørgen 176, 178, 184 Montespan, Françoise Athénaïs de Rouchechouart de Mortemart, Marquise de 298, 309 Montesquieu, Charles-Louis de Secondat, Baron de 226, 227, 228, 230 Moritz Wilhelm, Herzog von Sachsen-Zeitz 167 Moser, Friedrich Carl von 325

N Naumann, Johann Christoph 253, 254, 256, 259, 262 Nemeitz, Johann Christoph 208 Neufforge, Jean-François de 196 Neumann, Balthasar 20, 187, 188, 189, 192, 193, 194, 195, 196, 197, 198, 199, 200, 201, 202, 204, 205, 206, 207, 208, 209, 210, 212, 213, 214, 216 Neumann, Franz Ignaz Michael 188, 189, 194, 195, 196, 197, 198, 207, 214 Neumann, Maria Anna Anastasia, geb. Försch 189 Neumann, Maria Eva Engelberta, geb. Schild 187 Neumann, Valentin Franz Stanislaus 188, 197 Newton, Isaac 176, 229 Nieuhof, Johan 298, 299, 303 Nieuwland, Baron von 175 O Oberschall, Matthäus 280, 290 Ohain, Gottfried Pabst von 179, 182 Oldenburg, Henry 176 Olearius, Adam 39, 172 Olearius, Gottfried 227 Orzelska, Anna Karolina, Gräfin 255 Ossoliński, polnisches Adelsgeschlecht 269 Ovid,  siehe Ovidius Naso, Publius Ovidius Naso, Publius, genannt Ovid 42, 43, 225, 234 Ozanam, Jacques 46