Aufklärung, Band 11/2: Die Kriegskunst im Lichte der Vernunft.: Militär und Aufklärung im 18. Jahrhundert, Teil I 9783787334834, 9783787341900

Gegenstand des Jahrbuches Aufklärung« ist die Erforschung des 18. Jahrhunderts und seiner Wirkungsgeschichte. Der Gedank

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Aufklärung, Band 11/2: Die Kriegskunst im Lichte der Vernunft.: Militär und Aufklärung im 18. Jahrhundert, Teil I
 9783787334834, 9783787341900

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AUFKLÄRUNG Interdisziplinäre Halbjahresschrift zur Erforschung des 18. Jahrhunderts und seiner Wirkungsgeschichte

In Verbindung mit der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts Herausgegeben von Günter Birtsch, Karl Eibl, Norbert Hinske unter Mitwirkung von Klaus Gerteis und Rudolf Vierhaus sowie Carsten Zelle

Jahrgang 11, Heft 2, 1996

Thema: Die Kriegskunst im Lichte der Vernunft Militär und Auf klärung im 18. Jahrhundert, Teil I Herausgegeben von Daniel Hohrath und Klaus Gerteis

F E L I X M E I N E R V E R L AG H A M B U RG

Unverändertes eBook der 1. Aufl. von 1999. ISBN 978-3-7873-1398-3·  ISBN eBook 978-3-7873-3483-4  ·  ISSN 0178-7128

© Felix Meiner Verlag 1999. Das Jahrbuch und alle in ihm enthaltenen Beiträge sind urheber­ rechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übertragungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.  www.meiner.de/aufklaerung

INHALT

Einleitung. Soldaten und Bildung, Wissenschaft und Krieg: MiliU!rgeschichtliche Studien zum Prozeß der Aufklärung. Von Daniel Hohrath . .

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Abhandlungen Christiane BOchel: Der Offizier im Gesellschaftsbild der Frilhaufkl!rung: Die Soldatenschriften des Johann Michael von Loen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Michael Sikora: „Ueber die Veredlung des Soldaten". Positionsbestimmungen zwischen Mili tär und Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Harald Kleinschmidt: Mechanismus und Biologismus im Militllrwesen des 17. und 18. Jahrhunderts. Bewegungen - Ordnungen - Wahrnehmungen Winfried Mönch: „Rokokostrategen". Ihr negativer Nachruhm in der Militllrgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts. Das Beispiel von Reinhard Höhn und das Problem des ,,moralischen" Faktors

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Kurzbiographie Daniel Hohrath: Jacob von Eggers (1704-1773) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . 01.skusslonen und Berichte Michele Calella: Aufklärung und Musik. Deutsch-englische Beziehungen im Bereich der Musik im 18. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Michael Maaser: Kolloquium Andreas Riem . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . Rezensionen Ober Samuel Thomas Soemmerring (Robert JOtte). Werner Krauss (Rainer Wohlfeil), Wolfgang Martens (Bernd Wunder), Martin Fontius u. Helmut Holzhey (Hanspctcr Marti), Johannes Kunisch (Daniel Hobrath), Stefan Howald (Konrad Feilchenfeld), Fiametta Palladini u. Gerald Hartung (Hanspeter Marti), Holger Jacob-Friesen (Annette Antoine), Richard van DOimen (Manfred Agethcn), Claus Altmayer u. Armands Gütmanis (Hans Dietrich lrmscher) . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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ISSN 0178-7128. Jahrsana 11. Heft 2. 1996. ISBN 3-7873·1397·4 Aul\llrung Jnmdisziplinlre Halbjahrc„chrift zur Erforschung des 18. Jahrhund"1s und &einer W1r1tung11cschiehtc. In Veri>indun3 mit der Ocutscbcn Ocscllscluft fllt die Erforschung des 18. Jahrhundens herausacaebcn von Oontcr Birtsch, Karl Eibl und Norbert Hinske. - Redaktion: Dr. MariaMe Willem1, Ludwig-Maximilians-Universitlt MOnchen. Institut lllr deutsche Philoloaie, Schellingstnße 3, D-80799 MOnchen, Telefon (0 89) 2180-6220, E-mail: aul\[email protected]·muenchen.de

O Felix Mtiner Vulaa GmbH, Hamburg 1999. Printed in Ommny. -Gedniondere fllt Vervielflltigungen, Oberseuunacn. Mikto..rulmungen und die Einspeicherung und Verarbeitun& in elektronischen Systemen.

EINLEITUNG

DANIEL HOHRATH

Soldaten und Bildung, Wissenschaft und Krieg: Militärgeschichtliche Studien zum Prozeß der Aufklärung

Die „Epoche der Aufklärung", das 18. Jahrhundert, war keine friedliche Epoche. Militärische Machtentfaltung war zumindest eines der Hauptelemente jenes politischen Handelns der Potentaten, in dem heute die Herausbildung des modernen Staates und die Entwicklung der europäischen Staatenwelt gesehen wird. Der „Kriegsstaat" war für die Zeitgenossen alltägliche Realität: Für ihn wurden in großem Umfang Steuern eingetrieben und Menschen in Dienst genommen; gerade in den meisten großen und mittleren sowie vielen der kleinen Städte prägten die Soldaten der Garnison das Straßenbild, in Festungsstädten bestimmte die militärische Funktion auch die bauliche Substanz. Auch wenn Kriege in Europa nicht mehr ganz so dicht aufeinander folgten wie im 17. Jahrhundert, waren sie doch nicht selten; die „Interessen der Mächte" hielten die Kriegsdrohung allemal präsent, und auch das Ende des Ancien Regime vollzog sich schließlich seit 1792 in einer 23 Jahre währenden Kriegsepoche. Angesichts dessen müßte es überraschen, wenn die große europäische „Denkbewegung", als die Rudolf Vierhaus die Aufklärung bezeichnet hat, sich nicht auch auf Fragen von Militär und Krieg gerichtet hätte, und umgekehrt aufgeklärtes Denken zwar bei Pfarrern und Kaufleuten, Gutsherrn und Beamten, Ärzten und Gelehrten, um nur einige typische Angehörige der Trägerschicht der Aufklärung zu nennen, nicht aber bei Offizieren feststellbar wäre. Dennoch mögen Titel und Inhalt des vorliegenden Heftes der Aufklärung erstaunen, denn die Aufklärungsforschung bat um dieses Thema bisher meist einen Bogen gemacht, erscheint doch bereits die Frage nach einer „militärischen Aufklärung" oder nach „aufgeklärten Kriegswissenschaften" als nachgerade unzulässige Koppelung widersprüchlicher, nicht kompatibler Begriffe. Dieses und das folgende Heft zeigen exemplarisch einige ganz unterschiedliche Perspektiven auf das Forschungsfeld von Aufklärung, Militär und Krieg und sollen zugleich vorführen, welche vielfältigen Anregungen eine erneuerte Militärgeschichtsschreibung hier geben und erhalten kann. Gewissermaßen als Bindeglied zur geistesgeschichtlichen Aufklärungsforschung mag der Beitrag Christiane Büchels dienen, die im umfangreichen [Johann Michael von Loen,] Der Soldat oder der Kriegs Stand, betrachtet als der Stand der Ehre, Frankfurt, Leipzig 1744, vgl. Anm. 43. 6 Der vollkommene Soldat oder Abschilderung eines wahrhaftigen Heldens, aus dem Frantzösischen Obersetzt durch Carl Sigismund von Rautencrantz, Altenburg 1744; S. B. N., Die wahren Pflichten des Soldaten und insonderheit eines Edelmannes [...], nebst dem Bilde eines vollkommenen Officiers, eines ehrlichen Man.nes und eines wahren Christen, aus dem Französischen übersetzt, Berlin, Potsdam 1753. 1 [Georg Dietrich von der Groeben (Hg.),] Kriegs-Bibliothek oder gesammelte Beyträge zur Krieges-Wissenschaft, Versuche 1- 10, Breslau 1755-1772. ' Vgl. Jahns, Geschichte der Kriegswissenschaften (wie Anm. 4), Bd. 3, 1813-1822; Otto Basler, Wehrwissenschaftliches Schrifttum im 18. Jahrhundert, Berlin 1933, 16-33; Joachim Kirchner (Bearb.), Die Zeitschriften des deutschen Sprachgebietes von den Anfllngen bis 1830 (Bibliographie der Zeitschriften des deutschen Sprachgebietes bis 1900, Bd. 1). Stuttgart 1969, 224f. 9 Vgl. Hans Erich Bödeker, Aufklärung als Kommunikationsprozeß, in: Rudolf Vierhaus (Hg.), Aufklärung als Prozeß (Aufklärung 2f2 (1987)), Hamburg 1988, 89-111. 10 [Anonymus,) Einflllle u. Wünsche, die Verfassung des Kriegsstands betreffend, Franlcfurt, Leipzig 1781 , 5.

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schriften, und die großen Entwürfe Berenhorsts oder Bülowstt entfernten sich am Ende des Jahrhunderts ruckartig von den Ursprüngen der militärischen Aufklärung. Bis da-hin nämlich verharrte die Debatte noch weitgehend in Sammeln und Diskutieren neuer praxisorientierter Erkenntnisse. Jetzt erst schwangen sich auch in Deutschland Autoren zu theoretisch fundierten Synthesen auf, die freilich von den Innovationen der revolutionären Kriegführung zugleich unterlaufen wurden. Formal wie inhaltlich machten damit die Autoren neue Paradigmen geltend, zugleich veränderte sich der soziale und politische Kontext ihres Schreibens. Damit begrenzt diese Zäsur auch den Zeitraum der vorliegenden Beobachtungen, die sich also auf die Kernphase der militärischen Aufklärung von etwa 1765 bis etwa 1795 tz konzentrieren. Um keine falschen Vorstellungen über die Themen der militärischen Aufklärer aufkommen zu lassen, darf nicht übergangen werden, daß sich die meisten Beiträge der militärischen Publizistik auch in dieser Zeit mit den sozusagen harten Problemen der Kriegführung und der Militärtechnik befaßten. In ihrem programmatischen Gehalt wiesen die Beiträge zur 'Veredlung' des Soldaten aber auch den sozusagen kriegspraktischen Studien ihren Platz zu - im Rahmen der Rationalisierung des Krieges und der Qualifizierung der Offiziere. Davon wird noch die Rede sein. Das Interesse an den moralisch-sozialen Themen kam nicht zuletzt in spezifischen Zeitschriftenprojekten zum Ausdruck. So konzentrierte sich das eingangs schon herangezogene Archiv fiir Aufklärung auf solche Fragestellungen. Dem können noch andere Unternehmen wie die Militärische Monatsschrift, ein anscheinend durch das Vorbild der renommierten Berlinischen Monatsschrift inspiriertes Projekt, zur Seite gestellt werden. Von den Aufklärern in Uniform, die sich über diese Medien verständigten, hat die Forschung bisher allerdings noch kein klares Profil gewonnen. Einzelne prominente Figuren wie etwa Nicolai 13 treten in den Vordergrund, ohne daß dabei strukturelle Merkmale sichtbar gemacht worden wären. Ganz pragmatisch können jene als harter Kern der militärischen Aufklärung definiert werden, die sich öffentlich zu Wort meldeten. Deren Schriften liegen auch diesem Beitrag zugrunde, ohne daß diese Gruppe schon mit zusätzlichen gemeinsamen Merkmalen gekennzeichnet werden könnte. Auch die Grenze zur zivilen14 Aufklärung läßt sich weder " Vgl. die Hauptwerke: Georg Heinrich von Berenhorst, Betrachtungen über die Kriegskunst, o.0. 1797; Adam Dietrich Heinrich von Bülow, Geist des neuem Kriegssystems, o.O. 1799. Beide Bücher sind allerdings sehr unterschiedlich konzipiert, Berenhorsl schrieb eher aphoristisch, Bülow bemühte sich um strenge Systematik. " Inwieweit die militärische Theoriebildung nach 1795 noch sinnvoll dem Rahmen militärischer Aufklärung zugeordnet werden kann, soll deshalb auch nicht näher erörtert werden. Azar Gat, The Origins of Military Thought from the Enlightenment to Clausewitz, Oxford 1984, wertet Bülow sozusagen als konsequenten Schlußpunkt der militärischen Aufklärung (79-94) und zählt Berenhorst bereits zur Gegenaufklärung (150-155). u Daniel Hohrath, Ferdinand Friedrich von Nicolai- Bemerkungen zur Biographie eines gelehrten Offiziers, in: Ders. (Bearb.), Die Bildung des Offiziers in der Aufklärung (wie Anm. 32; vgl. dort auch weitere Literatur), 7- 27. •• Die Bezeichnung ,,zivil" wird im weiteren (bis kurz vor Schluß) lllr jene Bedeutung von „bürgerlich" verwandt, von der schon ein Zeitgenosse notierte, „daß es etwas betriffi, welches nicht zum Militärwesen gehört", was er als Ergebnis der ständischen Arbeitsteilung auffaßte, Wackerhagen, Ueber die Verbindlichkeit teutscher Unterthanen zur persönlichen Leistung von Kriegsdiensten, Wetzlar 1793, 21.

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formal noch inhaltlich eindeutig ziehen. Schließlich befanden sich auch unter den nichtmilitärischen Autoren selbst ehemalige Soldaten, und gerade ehemalige Offiziere äußerten sich unmittelbar aus ihren Erfahrungen heraus. Die in zivilen Beiträgen vertretenen Positionen standen auch keineswegs automatisch in Widerspruch zu denen der militärischen Aufklärer. Noch kaum in den Blick gelangt sind jene Offiziere und Soldaten, die sich in aufgeklärten Gesellschaften am Prozeß der Aufklärung aktiv beteiligten. 15 Ebensowenig ist bisher über den breiteren Kreis der Leser jener militärischen Schriften bekannt geworden, wie er sich beispielsweise über die Listen der Subskribenten in einem ersten Zugriff erschließen ließe. 16 An dieser Stelle kann es zunächst nur darum gehen, an einem Ausschnitt der Debatte inhaltliche Merkmale herauszupräparieren. Aber gerade diese Texte liefern selbst aufschlußreiche Hinweise auf den sozialen Kontext, in dem sie sich bewegten. Denn die Autoren sahen sich offenbar zwei Herausforderungen gegenüber. Beide führen unmittelbar zur Frage nach dem Verhältnis von Militär und Aufklärung, das sich nach gegenwärtigem Stand der Forschung vielschichtig darstellt. 17 Zum einen sahen sich die militärischen Aufklärer mit bürgerlicher Kritik am Heerwesen konfrontiert. Kritiker traten nicht allein mit grundsätzlichen Verurteilungen des Krieges in Erscheinung - das war Allgemeingut, das gegen Ende des Jahrhunderts sogar vereinzelt in Frage gestellt wurde - , sondern auch mit politisch-ökonomischer Kritik an den stehenden Heeren. Solche Grundsatzdebatten wurden allerdings von den aufgeklärten Offizieren anscheinend gemieden und jedenfalls nur selten aufgegriffen.1 8 Verschiedentlich wird aber spürbar, daß man unter der Geringschätzung des Soldatenmilieus in den bürgerlichen Kreisen litt. Dabei spielte sicher eine Rolle, daß das alltägliche Nebeneinander von Militär und ziviler Gesellschaft in den Garnisonsstädten immer wieder durch Kompetenzstreitigkeiten mit Offizieren und Reibereien mit einfachen Soldaten belastet wurde.19 Gerade im l j Vgl. für ein spätes Beispiel, typischerweise in Zusammenhang mi1 der prominenten Figur Schamhorsts: Charles &!ward White, The Enlightened Soldier. Schamhorst and the Militärische Gesellschaft in Berlin, 1801- 1805, New York, Wes1point, London 1989. 16 Eine solche Untersuchung bereitet Daniel Hohrath vor. 17 Siehe dazu den Forschungsüberblick von Daniel Hohrath in: Autlclärung 1211 (erscheint demnächst); wegweisend filr die grundsätzlichen Probleme zuletzt Johannes Kunisch, Friedensidee und Kriegshandwerk im Zeilalcer der Autlclärung, zuletzt in: Ders„ Forst - Gesellschaft - Krieg, Köln J992, 131- 159; Ders„ Das „Puppenwerk" der stehenden Heere. Ein Beitrag zur Neueinschätzung von Soldatenstand und Krieg in der Spä1autlclärung, zuletzt in: ebd., 161- 201; vgl. außerdem auch die in Anm. 32 gcnann1en Ti1cl. Zur Neubewertung des Krieges am Ende des 18.Jahrhunderts vgl. jerzt Johannes Kunisch und Herfried MOnkler (Hg.), Die Wiedergeburt des Krieges aus dem Geis1 der Revolution (Beitn'!· ge zur Poli1ischen Wissenschaft, 110). Berlin 1999. 11 Eine Ausnahme bildete typischerweise der spätere Heeresrefonner Gerhard Schamhorsr, vgl. Ders„ Über die Vor- und Nach1heile der stehenden Anneen, in: Neues militairisches Journal 6 ( 1792), 234-254, als Entgegnung auf: (Anonymus,] Versuch über die nachteiligen Folgen der jetzigen Verfassung des KriegsStandes überhaupt, und der, der lnfanterieCorps insbesondere, in: (Schlözers) Stats-Anzeigen, 17. Band, 1791, 5~7. 19 Vgl. Klaus Schwieger, Militär und BOrgertum. Zur gesellschaftlichen Pragkraft des preußischen Militärsystems im 18. Jahrhundert, in: Dirk Blasius (Hg.), Preußen in der deutschen Geschichte (Neue wissenschaftliche Bibliothek, 111). KOnigstein!fs. 1980, 179--199, bes. 188-192; vgl. auch: Ralf PrOve, Stehendes Heer und städtische Gesellschaft im 18. Jahrhundert (Beiträge zur Militärgeschichte, 47), MOnchen 1995, 265-274, der freilich insgesamt eher die Aspekte friedlicher Koexistenz herausstellt; Juna Nowosadrko, Ordnungselement oder S1örfaktor? Zur Rolle der stehenden Heere innerhalb der frQhneuzeitlichen Gesellschaft, in: Ralf Pröve (Hg.): Klio in Unifonn?, Köln, Weimar, Wien 1997, S-34.

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Umgang mit den Gemeinen dürfte sich auch die soziale Distanz zwischen ihnen und den gebildeten Schichten ausgewirkt haben, so daß in der aufgeklärten Heereskritik zu den politischen und ökonomischen Argumenten in der Regel die Klage über „Ausschweifungen des Geschlechtstriebes, mit ihren mannichfaltigen physischen und moralischen Folgen, Trunkenheit und Schlägereyen" trat. 20 Dem konnten auch Verteidiger des Militärs zunächst nur entgegenhalten, daß es sich dabei um Ausnahmen handele.2 1 Immerhin verhehlten auch aufgeklärte Offiziere nicht ihren Abscheu gegenüber dem Gebaren ihrer Untergebenen, etwa angesichts des „aus denen Bier- und Brandteweins Häusern gehöret werdende Jauchzen und Schreien, wo einige sich befleissen, denen unvernünftigsten Thieren ähnlich zu brüllen".22 Schließlich werden auch Vorbehalte im Offizierskorps gegen die Bemühungen der Aufklärer dazu beigetragen haben, daß sich der eingangs bereits zitierte Major Diericke zu einer generellen Klage veranlaßt sah: Des Soldaten „Fehler liegt sicher darinn, daß er weder mit der Kultur, noch mit den Sitten, Kenntnissen und Tugenden der übrigen Stände gleichen Schritt zu halten bemüht war, und er verdient, dieses seines Zurückbleibens willen, mit Recht die Demütigung, die man ihm widerfahren läßt".23 Genau dieses Problem aber verleiht den an sich eher randständigen Beiträgen über die 'Veredlung' des Soldaten eine ganz spezifische Bedeutung. Mit eben jenen Texten, so lautet meine These, traten die Aufklärer in Uniform in einen Dialog mit Aufklärern ohne Uniform, genauer gesagt: Sie legten zunächst sich selbst Rechenschaft ab über die Stellung ihres Berufsstandes im Verhältnis zu jenen Gruppen, mit denen sie im Zuge aufgeklärter Öffentlichkeit in Berührung kamen. Inwieweit diese Aufsätze auch die bürgerlichen Leser erreichten, muß hier offenbleiben. So oder so stellten sie die Argumente bereit, mit denen sich die Offiziere behaupten konnten. Die militärischen Aufklärer suchten dabei nicht nur nach Antworten gegenüber ihrem zivilen Gegenüber. Sie mußten auch, wie bereits angedeutet, innerhalb des Militärs Stellung beziehen. Darin bestand die zweite Herausforderung, denn offensichtlich stießen sie innerhalb des Militärs auf Vorbehalte und Unverständnis. Das spiegelt sich allerdings eher in den apologetischen Argumenten der Aufklärer selbst als in öffentlichen Äußerungen. Offiziere, die den Bemühungen der militärischen Aufklärer verständnislos gegenüberstanden, suchten nicht die gedruckte ÖfTentlichkeit. zo Hier nach [Feder,] Vonheile und Nachrhei le der slehenden Armeen, nebst einigen Folgerungen aus denselben, in: Philosophisches Journal für MoraliUit und Menschenwohl, 1. St., Gießen 1793, 79-107, 83. 21 „Ob nicht das zOgellose rauhe Bcrragen und die wilde Auffllhrung einiger wenigen Personen [...] an der noch übrig gebliebenen Zurücksetzung und zum Theil Geringschätzung schuld sind, welche gesitteten und feinem Gesellschaften ein Bedenken, wo nichl gar eine Furcht und Eckei einflösen [...], will ich zwar nicht gänzlich in Abrede seyn („.)", [Anonymus,) Vom Militairstande, in: Hannoverisches Magazin, 1770, 84. Stück, Sp. 1345-1358, 93. Srück, Sp. 1489-1504, 99. Stück, Sp. 1585-1600, 105. Stück, 1681- 1694, hier 84. Stück, Sp. 1347f. Mit moralischen Vorbehahen mußte sich auch Scharnhorst in seinem Aufsatz (wie Anm. 18) auseinandersetzen. " Georg von Verschuer, Abhandlung über den Wehr Stand und dessen Erfordernis, Stad1bagen 1778, 401. 2l Oiericke, Ucber die Veredlung (wie Anm. 1), 70.

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Immerhin wird gelegentlich Leopold Schönberg von Brenkenhoff namhaft gemacht, der sich in einer bunten Aufsatzsammlung auch mit den Konsequenzen der Aufklärung innerhalb des Militärs kritisch auseinandersetzte. Aus ganz pragmatischen Gründen befürchtete er Verlust an Subordination bei den Gemeinen und Verweichlichung der Offiziere. Viele Sachen sind gut in einem Falle, und schädlich in einem andern: die Philosophie klärt unsern Verstand auf, und macht uns zu bessern Menschen, aber zu schlechten Soldaten; hätte ich zwischen einem Heere von Wilden - die mich ihnen an Verstand überlegen hielten und einem andern zu wählen, bey welchem ein jeder Gemeine nachdenkt, und die Offiziers alle durch Philosophie und schöne Wissenschaften ihren Geist aufgeklärt haben, so würde ich lieber das erste anführen, und gewiß das andere, wäre es auch noch einmal so stark, und in allen Regeln der Taktik geObt, Oberwinden. 24

Freilich wird schon an dieser Stelle deutlich, daß es sich keineswegs um einen prinzipiellen Gegner der Aufklärung handelte. Im weiteren Fortgang des Textes bekannte er sich sogar selbst in mehrbödiger und vielleicht ironischer Weise als Offizier, der den Verlockungen der schönen Literatur erlegen sei und erst später zur Ernsthaftigkeit des militärischen Handwerks zurückgefunden habe. Der Befürchtung gegenüber, Literatur und Wissenschaft würden den Soldaten „mit vielen Bequemlichkeiten und Vergnügungen bekannt" machen, ihn mit der „Geringfügigkeit seiner Bestimmung" konfrontieren und dadurch eher verdrießen, räumte sogar ein anonymer Autor ein: „Es ist nicht zu läugnen, daß die heraufdämmernde Morgenröte der Aufklärung beim Militair wirklich schon einige dieser Folgen geäußert", doch beschwichtigt er im gleichen Atemzug: „aber eben so gewiß ist es, daß je heller es wird, diese Folgen immer mehr und mehr abnehmen werden". 25 Der doppelten Herausforderung begegneten die militärischen Aufklärer mit der Beschwörung eines Ideals, das nach außen den Ruf des Militärs aufpolieren und nach innen als ein Appell wirken sollte. Zu diesem Zweck griffen sie ganz selbstverständlich eine altständische, in Kreisen des Militärs fest verwurzelte und dort sicher allgemein verständliche Vorstellung auf, den traditionell legitimierten Anspruch des Soldatenstandes auf besonderes Ansehen im Staate. In den Augen der aufgeklärten Offiziere konnte ein solcher Anspruch allerdings nicht mehr durch das Pochen auf Vorrechte behauptet werden, sondern nur noch durch eine zeitgemäße Modernisierung des militärischen Selbstverständnisses. In diesem Sinne transformierten sie die herkömmlichen, punktuell im aufgeklärten Sinne erweiterten Tugendideale in eine funktional legitmierte berufsständische Ethik. Damit bezogen sie allerdings auch insofern eine traditionelle, um nicht anachronistisch zu sagen: konservative, Position, als sie am ständischen Ordnungsschema festhielten, während außerhalb des Militärs durchaus schon über eine Annäherung von Bürgerstand und Militärstand diskutiert wurde. 26 Das ist nicht zuletzt deshalb bemer" (Leopold Schönberg von Brenkenhoff,] Paradoxa grOstentheils militarischen Inhalts, o.O. 1780, 10; vgl. Hohn, Revolution, Heer (wie Anm. 32), 98-103. >$ [Anonymus,) Ueber die Aufklärung des Militairs, in: Militärische Monatsschrift, 1. Band 1785, S~l,hier591. ' 6 Vgl. Michael Sikora, Disziplin und Desertion. Strukturprobleme militärischer Organisation im 18. Jahrhundert (Historische Forschungen, 57), Berlin 1996, 326-334.

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kenswert, weil sich in der Selbstbehauptung zugleich eine Art Distanzierung vom bürgerlichen Stand artikulierte. So gesehen, spiegelte sich in der Argumentation die doppelte Herausforderung: Der Anspruch auf Ansehen vereinte die militärischen Aufklärer mit ihren Offizierskollegen, während dessen Legitimation sie dem bürgerlichen Publikum näher bringen sollte. Es mußte von der Berechtigung dieses Ansehens überzeugt werden. Diese Denkweise schloß allerdings eine ständische Differenzierung auch in den Armeen selbst ein. Träger der traditionellen Standesauffassung waren nur die Offiziere. Und auch an der öffentlichen Debatte beteiligten sich gemeine Soldaten zweifellos Träger eines eigenen, ganz anderen Kategorien folgenden Selbstverständnisses21 - allenfalls am Rande.2s Das ist nicht weiter verwunderlich. Kennzeichnend für die aufgeklärte Militärpublizistik ist, daß die gemeinen Soldaten über die ständische Differenz hinaus und hinweg mitunter als Gegenstand der Fürsorge und Betreuung, sozusagen als Mündel29 der Offiziere erscheinen. In dieser Hinsicht reproduzierte die idealisierte Beziehung der Offiziere zu den Gemeinen das Verhältnis der Aufklärer zur Bevölkerung, wie es in den Vorstellungen der Volksaufklärung zum Ausdruck kam.JO Das wird sich im weiteren noch konkretisieren. Das bedeutet aber auch, daß in Aufsätzen der Offiziere gemeine Soldaten kaum eine eigenständige Rolle spielen. Für die Semantik dieser Texte ist es charakteristisch, daß zwar allenthalben vom „Soldatenstand" die Rede ist, die Argumentation oft aber mit großer Selbstverständlichkeit nur um die besonderen Aufgaben und Pflichten der Offiziere kreist. Allerdings läßt sich daraus keine definitorische Aufteilung ableiten. So, wie ein eindeutiger exklusiver Begriff für die Gesamtheit der Unteroffiziere und Gemeinen fehlt, bleibt auch der Begriff des Soldaten in offener Ambivalenz zwischen den Offizieren und der Gesamtheit des Militärsl 1, so daß das Begriffsfeld durch den Kontext bestimmt werden muß. Die Beachtung dieser

2l Vgl. Sikora, Disziplin und Desertion (wie Anm. 26), 268-281 . is Öffentliche Äußerungen von einfachen Soldaten liegen vor allem in Form von Erinnerungsschrifien vor. Die Tatsache, daß sie ihre Texte an die Öffentlichkeit brachten, kann bereits als Berührung mit dem Prozeß der Aufkl!!rung gedeutet werden. Der vielleichl bekann1es1e Autor dieser Gruppe, UI· rich Bräker, bekundele darüber hinaus selbsl seine Lesefreude und seine Koniakte zu der Moralischen Gesellschaft zu Lichtensieig. Andere, wie Johann Gonfried Seume, artikulierien sich ohnehin als Schriftsteller und bewältigten mit diesen Mitteln eigene Soldatenerfahrungen. Nur insofern einige Passagen solcher Texte als krilische Anmerkungen zu den Verhaltnissen in den Heeren interpretiert werden können, berühren sie die hier analysierte Debatte, die allerdings formal und inhalllich völlig anders s1rukruriert war. 29 Die Metapher ist nicht aus der Lun gegriffen, vgl. zum Beispiel Verschuer, Abhandlung über den Wehr Stand (wie Anm. 22), 354: „Kurtz zu sagen, es müssen die Vorgesetzten mit ihren Un1ergegebenen durchgehens umgehen wie Väter". 10 In ihrem Rahmen wären dann auch die aufgeklärten Offiziere zu den Trägern der Volksaufklärung zu Zählen, vgl. im Überblick Holger Böning: Der „gemeine Mann" als Adressat aufklärerischen Gcdankenguics. Ein Forschungsbericht zur Volksaufklärung, in: Das Achtzehnte Jahrhundert 12/1 ( J 988), 52-80, hier 56-59. freilich konnte im mililärischen Rahmen immer nur um eine funk1ionale Zielsetzung gehen, eingcbenet in die miliiarische Disziplinierung. " Um sich von dieser Doppeldeu1igkeil nicht mit einem Kunslbegriff absetzen zu müssen, folgt der vorliegende Text dem modernen Vers1ändnis, wonach der Begriff des Solda1en die Gesamtheit aller Dienstgradgruppen umfaßt, deshalb aber auch im besonderen Fall der zusä12lichen Eingrenzung bedarf.

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Schwierigkeit ist umso wichtiger, als die schwankende Begrifflichkeit durchaus auch Unterschiede im Katalog der Tugendideale repräsentiert. An entscheidenden Punkten handelt es sich um zwei verschiedene Soldatentypen. Zu den exklusiven Erwartungen der Aufklärer an die Offiziere zählte in besonderem Maße die Aneignung fachlicher Kenntnisse zur sachgerechten Ausübung ihrer Aufgaben - Kenntnisse, die von den Aufklärern selbst erst erdacht, formuliert, gesammelt wurden. Die rationale Durchdringung der Kriegführung, der Militärtechnik und des Heerwesens, kurz: die Militärwissenschaft, stand schließlich im Mittelpunkt der eigenen intellektuellen Interessen der militärischen Aufklärer und beherrschte wie erwähnt ganz überwiegend die Beiträge der militärischen Publizistik. Dieser Komplex muß an dieser Stelle nicht eingehend behandelt werden. 32 Festzuhalten bleibt hier nur die Erwartung, daß sich diese Rationalisierungsversuche nicht in theoretischen Bemühungen erschöpften, sondern durch die Verbreitung der Erkenntnisse unter den Offizieren im Sinne einer rationaleren - und das heißt im militärischen Sinne zweckmäßigeren - Praxis realisieren lassen sollten. Der praxisorientierte Lerneifer des Offiziers stellte, so sehr auch die taktischen und organisatorischen Fragen die militärische Publizistik dominierten, im Kontext der aufgeklärten Idealbilder des Soldaten nur einen Aspekt dar. Ganze Bündel von Tugenden verbanden sich in diesen Vorstellungen, die bei aller diffusen Begrifflichkeit immer wieder auch den gemeinen Mann einschlossen. Und während die Forderung nach fachlicher Bildung des Offiziers schon ganz den Paradigmen der Aufklärung verpflichtet war, schöpften die Tugendforderungen aus der militärischen Tradition. Dies galt natürlich insbesondere für die eigentlichen militärischen Kerntugenden der Subordination und des Gehorsams, von denen auch die militärischen Aufklärer keine Abstriche machen wollten und konnten. Von einem 'Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit' durfte in diesem Kontext keine Rede sein. Subordination verlangten die Autoren natürlich auch von den Offizieren. Umfassender Gehorsam aber, als Habitus verdichtet in Gestalt der Disziplin, sollte das Hauptmerkmal der Truppen darstellen und repräsentierte in diesem Sinne sozusagen das spezifische Wissen, das von den gemeinen Soldaten erwartet wurde. Die Tugendprogramme reichten jedoch über diesen militärischen Kernbestand hinaus. Schon in jenem 1719 erschienenen Traktat listete David Fassmann als „die einem Soldaten nöthige Qualitäten" unter anderem auf: Gottesfurcht, Klugheit, Herzhaftigkeit, Todesverachtung, Nüchternheit, Wachsamkeit, Geduld, Selbstzufriedenheit, Treue, Gehorsam, Respekt gegen den Vorgesetzten, Aufmerksamkeit, 12 Vgl. dazu den vorzüglichen Überblick von Daniel Hohrath: Die „Bildung des Officiers" im 18. Jahrhundert, in: Ders. (Bearb.), Die Bildung des Offiziers in der Autkllirung. Ausstellungskatalog Wilrttembergische Landesbibliothek Stuttgart, Stuttgart 1990, 28-63. Vgl. außerdem die Eröffnungsrede zu dieser Ausstellung von Bernhard R. Kroener, Der Offizier im Erziehungsprogramm der Aufklärung, in: Heinrich Walle (Hg.), Von der Friedenssicherung zur Friedensgestaltung. Deutsche Streitlcrafte im Wandel , Herford, Bonn 1991 , 23-34; Daniel Hohrath, Ferdinand Friedrich von Nicolai: Betrachtungen Ober die vorzüglichsten Gegenstände einer zur Bildung angehender Offiziciers anzuordnenden Kriegsschule (1770). Eine bedeutende Denkschrift zur 'Aufklärung des Militärs', in: Milillirgeschichlliche Mitteilungen 51 (1992), 95-141 , mir der Edition dieser wichtigen militärwissenschaftlichen Programmschrift; lypischerweise überwiegend auf die 'große' Theorie des Krieges konzentriert: Gat, Origins of Mili1ary Thought (wie Anm. 12); materialreich, aber problematisch und in seiner schematischen Deulung unzureichend: Reinhard Höhn: Revolu1ion, Heer, Kriegsbild, Darmstadt 1944, 71- 120.

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Haß gegen schnöde Lüste, Ehrbegierde, und auch schon zu diesem Zeitpunkt heißt es, der Soldat solle „Wissenschaffien besitzen und erlangen". 33 Solche Tugendkataloge wurden im Laufe des Jahrhunderts immer wieder aufgestellt. Aus der ausführlichsten Fassung könnte man Menschenliebe, Uneigennützigkeit, Verschwiegenheit, Redlichkeit, Bescheidenheit, Arbeitssamkeit usw. ergänzen.34 Gerade im Kontext einer aufgeklärten Debatte verdient Erwähnung, daß der Religion in der Regel ganz traditionell und fraglos die erste Stelle in solchen Listen eingeräumt wurde. Die Forderung nach Religiosität richtete sich dabei besonders an die einfachen Soldaten. Auch aufgeklärten Offizieren erschien der Rückgriff auf die Religion als unverzichtbar, sahen einige darin doch die entscheidende, ja einzige allgemein verbindliche normative Instanz, auf die die Moralität der Mannschaften gestützt werden könnte. Aus dem Munde eines später noch näher vorzustellenden Praktikers liest sich das so: Was für Thaten, was für Folgsamkeit erwarten Sie von Leuten ohne Gewissen? Und ist Religion und Gewissen bey dem gemeinen Mann nicht einerley? Nehmen sie ihm den Glauben an Unsterblichkeit, und er wird ein Bösewicht. Die subtilen Bewegungsgründe einer verfeinerten philosophischen Sittenlehre sind ihm Algebra. 1 s In solchen Aussagen kommt nicht nur die funktionale lndienstnahme der Religion zu disziplinierenden Zwecken zum Ausdruck, sie offenbaren zudem ein auch unter diesen Autoren fest verankertes Mißtrauen gegen die Masse der Truppen. „Ohne Gottesfurcht ist der gemeine Soldat ein wildes Thier, dessen Wuth durch Mangel und Schläge zwar zurückgehalten, aber nie gänzlich ausgerottet wird". 36 Unter dem Primat der militärisch unverzichtbaren Disziplinierung signalisieren diese Auffassungen auch Abgrenzungen von aufgeklärter Religionskritik und Philanthropie. An einem anderen Punkt griffen die Forderungen der militärischen Tugendprogramme allerdings ein zentrales Thema speziell der politisch denkenden Aufklärung auf, den Patriotismus.37 Auch hierin kann man den Versuch sehen,

n Fassmann, Ursprung, Ruhm, Excellentz und Vortreffiichkeit (wie Anm. 3), 84 f. Vgl. Carl Goufried Wolff: Versuch über die siulichen Eigenschaften und Pflichten des Soldatenstandes für junge Leute von Stand und Erziehung, Leipzig 1776. Wolff widmet jeder dieser Eigenschaften ein eigenes Kapitel. Mit Wolff anikulien sich kein Soldat, aber jemand, den „bey einer angebohmen Neigung zu den Waffen" nur „eine schwächliche Gesundheit und der Mangel an GIOcksgOtem" genötigt habe, den Zivilstand zu wählen, wie es im Vorbericht heißt. H Rede des Generals von Scholten (wie Anm. 69), 11. In diesen Zusammenhang gehön offenbar: [Magnus Friedrich Roos,] Soldaten-Gespräche zur POanzung der Gonseliglceit unter den Soldaten eingerichtet, o. 0 . 1777, vgl. Holger Böning, Die Genese der Volksaufklarung und ihre Entwicklung bis 1780 (Ders„ Reinhan Siegen, Volksaufklärung. Biobibliographisches Handbuch zur Popularisierung aufklärerischen Denkens (.„), 1), Bad Cannstatt 1990, 610. 16 Wolff, Versuch Ober die sinlichen Eigenschaften (wie Anm. 34), 38. n Die Forschung hat sich in den letzten Jahren intensiv mit diesem Thema beschäftigt, wobei allerdings den militärischen Facetten jenseits der Figur Thomas Abbts wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Vgl. zur Einführung Christoph Prignitz, Vaterlandsliebe und Freiheit. Deutscher Patriotismus von 1750 bis 1850, Wiesbaden 1981; Rudolf Vierhaus, „Patriotismus" - Begriffund Realität einer moralisch-politischen Haltung, in: Ders„ Deutschland im 18. Jahrhundert. Politische Verfassung, Soziales Gefüge, Geistige Bewegungen, Göttingen 1987, 96-109, 281-283. Zahlreiche Facetten versammelt Ulrich Herrmann (Hg.). Volk - Nation - Vaterland (Studien zum 18. Jahrhunden, 18), Hamburg 1996. l•

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militärische Disziplinierung durch Rückgriff auf ein allgemeinverbindliches Wertsystem zu stützen. Neben die religiös untermauerte Christenpflicht trat die auf antike Vorbilder gegründete Bürgerpflicht. Deren republikanische Implikationen hatte Thomas Abbt bereits entschärft, um den militärischen Apell in die monarchisch beherrschte Welt der Untertanen transponieren zu können ,38 Dennoch galt das Konzept Patriotismus als primär bürgerliche Generaltugend, die in vielerlei Hinsicht diskutiert und beschworen wurde und unter deren Dach im Sinne Abbts eigentlich eine Verschmelzung von Bürgerstand und Soldatenstand denkbar, ja notwendig gewesen wäre. Vor diesem Hintergrund wurde der Zwiespalt zwischen monarchischem Söldnerwesen und staatsbürgerlichem Patriotismus von zivilen Autoren verschiedentlich aufgegriffen,39 und auch im militärischen Rahmen äußerte sich schon einmal eine kritische Stimme. 40 Patriotismus spielte eine Rolle bei der Diskussion über die Dienstverpflichtung der Untertanen. Patriotismus ließ sich aber im militärischen Zusammenhang auch ohne weitergehende Schlußfolgerungen zur universellen Tugend der Opferbereitschaft im Dienste des Kriegsherren reduzieren, und in dieser Gestalt rückte die Vaterlandsliebe auch in die Debatte über den idealen Soldaten ein. Die zentrale Schlüsselfunktion spielte dagegen das Konzept der Ehre. 41 Wurde die Ehre auch äußerlich oft wie gleichgeordnet in die entsprechenden Kataloge 38 Vgl. zu Abbt: Zwi Batscha, Thomas Abbts politische Philosophie, in: Ders„ »Despotismus von jeder An reizt zur Widersetzlichkeit''. Die französische Revolution in der deutschen Popularpbilosophie, Frankfurt am Main 1989, 126-168; Hans Erich BOdeker, Thomas Abbt: Patriot, Bürger und bürgerliches Bewußtsein, in: Rudolf Vierhaus (Hg.), Bürger und Bürgerlichkeit im Zeitalter der Aufklärung (Wolfenbüneler Studien zur Aufklärung, 7), Heidelberg 1981, 221- 253; zum Kontext des Siebenjahrigen Krieges vgl. Klaus Bohnen, Von den Anfängen des „Nationalsinns". Zur literarischen PatriotismusDebatte im Umfeld des Siebenjährigen Kriegs, in: Helmut Scheuer (Hg.), Dichter und ihre Nation, Frankfurt am Main 1993, 121- 137; Reinhard Hohn, Der Soldat und das Vaterland wahrend und nach dem Siebenjährigen Kriege, in: Festschrift für Ernst Heymann. Bd. 1: Rechtsgeschichte, Weimar 1940,

250-312. 39

Vgl. Sikora, Disziplin und Desertion (wie Anm. 26), 326-334.

'° So hegte als ehemaliger österreichischer Offizier [Jacob de Cognazo,] FreymOthiger Beytrag zur

geschichte des österreichischen Militairdienstes, Frankfurt, Leipzig 1780, 91 f„ 104, 119, Zweifel an der Wirksamkeit des patriotischen Motivs in monarchischen Armeen. Mit anderen Einschätzungen dazu Sikora, Disziplin und Desertion (wie Anm. 26), 294-297. Gerade im Hinblick auf die Desertion wurde die Bindungskraft des Patriotismus diskutiert, wobei ein Teil der Autoren keine Schwierigkeiten hatten, auch vom auslandischen Söldner Patriotismus zu erwarten, vgl. nicht zuletzt selbst Thomas Abbt, Vom Tode fDr das Vaterland, Berlin 1761, 36. " 'Ehre' bezeichnet eine sehr vielseitige und variable Kategorie sozialer Beziehungen, die in den letzten Jahren grolle Aufmerksamkeit in der Forschung gefunden hat Einen Eindruck wn der Bandbreite der damit angesprochenen Phänomene vermitteln die Sammelbände von Ludgera Vogt, Arnold Zingerle (Hg.), Ehre. Archaische Momente in der Modeme, Frankfurt am Main J994, und Klaus Schreiner, Gerd Schwerhoff (Hg.), Verletzte Ehre. Ehrkonnikte in Gesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Köln, Weimar, Wien 1995. Orientierung vermittelt Martin Dinges, Die Ehre als Thema der Stadtgeschichte - Eine Semantik im Übergang vom Ancien Regime zur Modeme, in: Zeitschrift fDr historische Forschung 16 (1989), 409-440, sowie Ders„ Die Ehre als Thema der Historischen Anthropologie, in: Schreiner, Schwerhoff (Hg.), Verletzte Ehre (wie oben). 29-62. Im Zuge dieser neueren Ansätze ist der selbst vielschichtige Gebrauch des Ehrbegriffs im militarischen Raum noch kaum in den Blick gekommen. Aus der älteren Forschung als Materialsammlung brauchbar Rolf Kluth, Preussische Ehrauffassung. Der Ehrbegriff im preussischen Heer des 18. Jahrhunderts, Berlin 194 1, sowie Hohn, Revolution, Heer (wie Anm. 32), 80-90. An dieser Stelle kann nur von einer skizzenhaften Rekonstruktion des spezifischen Konzepts der militärischen Aufklärer die Rede sein.

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vorbildlicher Eigenschaften eingereiht, bedeutete sie jedoch eher deren Bündelung in einem vieldeutigen Generalnenner. Mehr noch, das Konzept der Ehre stellte das zentrale Scharnier dar, das die wechselseitige Beziehung zwischen standesspezifischer Tugend und standesspezifischem Ansehen definierte und aktualisierte. Zum einen bezeichnete der Begriff eben dieses öffentliche Ansehen, einen „gewisse[n) Beyfall der Menschen, durch welchen sie unsere Handlungen und Thaten erheben". 42 Angesichts seiner staatstragenden Funktion und der zu diesem Zweck wie geschildert - nötigen Tugenden bekräftigten die Aufklärer den Anspruch des Soldatenstandes auf besonderes Ansehen, ja er galt als der Stand der Ehre schlechthin. Diese Konzeption geht in Deutschland vor allem auf Johann Michael von Loen4 J zurück. Zweifellos flossen darin nicht zuletzt traditionelle geburtsständische Vorstellungen aus den Legitimitätsansprüchen des Adels als eines Kriegerstandes ein. Ganz in diesem Sinne rechtfertigte sich das Ansehen des Soldatenstandes demnach durch besondere Tugendhaftigkeit, die zugleich als Bringschuld an den einzelnen Offizier zurückverwiesen wurde.44 Die Affinität zu adligen Standeslegitimationen speiste sich nicht zuletzt aus der Erwartung, daß der Adlige qua Geburt und Erziehung die dem Militärdienst objektiv nützlichen Eigenschaften einbringen könne. Hierin spiegelt sich ganz konkret die enge Korrespondenz zwischen der Ehre des Soldatenstandes und der Standeseh.re des Adels, die im Offizierkorps oft weitgehend zur Deckung kam. Auch in Texten der militärischen Aufklärung wird das Ansehen des Offzierkorps' gelegentlich durchaus noch auf das Ansehen adliger Herkunft seiner Angehörigen gestützt und umgekehrt die adlige Herkunft als quasi natürliche Voraussetzung für den Offiziersdienst und die Gewährleistung der Ehrenhaftigkeit unterste1J1. 4s In der Ambivalenz, die dieser Sichtweise prinzipiell innewohnte, verschoben sich nun allerdings die Akzente einseitig von der geburtsständischen hin zur rationalisierenden Legitimation, und zwar nicht nur nach außen. Denn dieser Bedeutung von Ehre als äußere Attribuierung von Ansehen korrespondierte die Bedeutung von Ehre als Bestandteil der individuellen Identität im aufgeklärten Sinne, d.h. jenseits eines auf Tradition gegründeten geburtsständischen Rangdenkens. ,,Die Ehre besteht eigentlich in der innem Ueberzeugung von 46 unsern Verdiensten, und in dem Bewußtsein der redlich vollbrachten Pflicht". e (Loen,] Der Soldat (wie Anm. S), 12. o [Loen,) Der Soldat (wie Anm. 5); zu Loen vgl. Christiane BOchel, Johann Michael von Loen im Wandel der Zeiten. Eine kleine Forschungsgeschichte, in: Das Achtzehnte Jahrhundert 16 ( 1992), 13-37, und den Beitrag derselben Autorin im vorliegenden Heft. "" Zu den Entsprechungen im Rahmen adliger Selbstbilder vgl. Otto Gerhard Oexle, Aspekte der Geschichte des Adels im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Europäischer Adel 1750-1 950 (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 13), Göttingen 1990, 19-56, hier 22 f., siehe auch 52 f. " „In jedem wohl eingerichteten Staate sind die verschiedenen Klassen der Bürger genau bestimmt. Man weihte den Adelstand vorzilglich dem Degen, und wählte aus ihm Befehlshaber: denn da der Kriegsstand der ehrwOrdigtse des Staats ist, so glaubte man, daß es billig wäre, daß derjenige Stand sich vorzüglich demselben weihte, welcher die größten Vonheile genösse" u. s. f„ aus: (Anonymus,] (Rezension zu:) Einflille und Wünsche (wie Anm. 10), in: Bellona, 1. Stück 1781 , 97- l !2, 2. Stück 1781, 113-128, 3. Stack 1781, 113- 121, hier 1. Teil, 108. "6 Wolff, Versuch über die sittlichen Eigenschaften (wie Anm. 34), 87.

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Und diese individuelle Haltung sollte sich in Gestalt der 'Ambition' oder 'Ehrbegierde' als praktische Tugend manifestieren, um zugleich die zirkuläre Doppelpoligkeit des Ehrbegriffs im Handeln immer wieder neu zu aktualisieren: Das Ansehen bestimmt das Bewußtsein, das Bewußtsein bestimmt das Handeln, das Handeln rechtfertigt das Ansehen. Dieser Mechanismus gewährleistete aus der Perspektive der militärischen Tugendlehren, daß der Offizier buchstäblich von selbst dem militärischen Idealbild zu entsprechen suchte. Deshalb machten sich einige Autoren auch kaum Gedanken darüber, wie.die Offiziere bei aller Kritik zu einem solchen Verhalten bewogen werden konnten. Eben darum stehen in diesen Texten Idealismus und Kritik mitunter eigenartig beziehungslos nebeneinander. Die aufgeklärten Offiziere definierten auf diese Weise schließlich auch ihre eigene Identität. Dieser Mechanismus konnte dementsprechend nicht ohne weiteres auf das ganze Heer übertragen werden. Nicht zufällig ist in diesem Zusammenhang oft nur vom Offizier die Rede. Tatsächlich markierte der Ehrbegriff nach traditioneller Auffassung eine substantielle Distanzierung zwischen dem Offizier und dem gemeinen Soldaten oder Unteroffizier. Am prägnantesten brachte das noch Mitte des Jahrhunderts sogar eine nonnative Quelle, ein sächsisches Reglement von 1752, zum Ausdruck: ,,Der Soldatenstand besteht aus Officiers und Gemeinen. [„ .] Beyde haben ihre Grundsätze: Es wird vor die Offiziers die Ehre, vor die Gemeinen der Gehorsam und die Treue bestimmt".47 Im Bemühen, die unteren Dienstgradgruppen in das Erziehungsprogramm einzubeziehen, versuchten aber andere Stimmen eben diese Kluft zumindest annähernd zu überbrücken. ,,Der Gemeine ist einer Eitelkeit fähig, die sich der Ehrliebe sehr nähert",48 so hieß es vorsichtig in einem frühen Text. Der Versuch, auch den einfachen Soldaten an den Motivationsmechanismus des Ehrkonzepts heranzuführen, mochte umso verlockender erscheinen, als es die militärische Pflichterfüllung aus sich selbst heraus begründete, ohne Bezug auf externe Wertsysteme. Ehre konnte daher durchaus als Ersatz für fehlenden Patriotismus aufgefaßt werden. 49 Dieser funktionale Vorteil schien sich gerade unter den Bedingungen absolutistischer Kriegführung anzubieten, wie dies sogar ein Zeitgenosse in aller Klarheit formuliert hat: Ehre, diese erhabene Tugend, ist das Werkzeug, welches die Auflösung eines aus so vielen Gliedern von so mancherley Denkungsart zusammengesetzten Körpers verhindert. Sie ist das von der Politik in Sold genommene Fantom, das den Soldat, der oft nicht einmal die Ur" Zit. nach: Johannes Hofmann, Die Kursächsische Armee 1769 bis zum Beginn des Bayrischen Erbfolgekrieges, Diss. Leipzig, Rudolstadt 1914, l 03. . 4 [Georg Dietrich von der Groeben,] Versuch von der Kriegszucht, in: Krieges-Bibliothek, t. Versuch 1755, 34-104, hier 49. •9 Gepaan mit der typischen ständischen Differenzierung: „Es ist ganz sicher, daß bey einem aus mehreren Nationen zusammen gesetzten Kriegsheer auf die Vaterlandsliebe eben keine grosse Rechnung gemacht werden kann, und daß die Disciplin und Ordnung beym gemeinen Mann, das Point d'Honneur oder die Ehre beym Officier, diese, in allen Zeiten so mächtige Triebfeder des Heldenmuths und ausserordentlicher Thaten, ersetzen muß", [Anonymus,) FreymOthiger Commentarius Ober den freymüthigen Beytrag zu Geschichte des Oesterreichischen Militairdienstes, Frankfun, Leipzig 1780, 44 (bezieht sich auf eine im gleichen Jahr erschienene Schrift, die Jakob de Cognazo zugeschrieben wird).

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sache des Kriegs, in dem er streitet, weiß und wissen kann, mit unerschrockener Stirn in die Arme des Todes führt. Es ist nothwendig, den Soldat darüber enthusiastisch denken zu lassen und seine Täuschungen zu begünstigen.50

Nicht zufällig fiel diese Bemerkung in einem auf den ersten Blick befremdlichen Zusammenhang, nämlich in der Absicht, die Beibehaltung einer Blankwaffe zu begründen. Der Autor argumentierte jenseits militärischer Zweckmäßigkeit nur noch innerhalb des symbolischen Codes der Ehre, indem ihm eine solche Waffe zur Verteidigung gegen Ehrverletzungen unentbehrlich erschien. Als aufgeklärte Zutat zur Beflügelung der Ehrliebe fand schließlich ein Thema Eingang in die Debatte, das zwar ins Zentrum der Aufklärung als geistiger Bewegung führt, das aber im Rahmen der militärischen Diskussion nur am Rande und auffiillig isoliert behandelt wurde. Das kann nicht verwundern, handelte es sich doch um ein gänzlich unkriegerisches Anliegen, nämlich um die Frage, inwieweit nicht auch Bildung des Geschmacks, „Veredelung seines Herzens und seiner moralischen Gefühle",5 1 dem Soldaten, und das meint in diesem Zusammenhang zunächst einmal wieder nur: dem Offizier, zum Vorteil gereichen könnte. Gerade in dieser Hinsicht galt es Bedenken zu zerstreuen. „Schale Romane, Gedichtchen, fliegende Blätter, Geschichten des Tages werden ihn freilich zur Weichlichkeit und Luxus verführen". 52 Eben dies befürchtete Brenkenhoff in seiner charakteristischen Doppelbödigkeit - „im Kriege schreckt den Allzuempfindsamen der Donner des Geschützes, der nur in Gedichten schön klingt" - , mehr aber noch befürchtete er, unter Berufung auf seine persönliche Erfahrung, Ablenkung von den eigentlichen Aufgaben des Offiziers. 53 Dem hielten die Befürworter die Erwartung entgegen, daß gerade auf diesem Wege den Offizieren die angemessenen Vorstellungen von der Bedeutung und der besonderen Würde ihres Tuns vermittelt werden könnten. 54 Eine frühzeitige Ausbildung des Geschmacks und der guten Sitten, ordnungsgemäßen Dienst und entgegenkommende Stabsoffiziere vorausgesetzt, „wird sich Wieland und Voltair, Rousseau und Pope sehr gut mit den Helden vertragen; so wie Alexander nach dem Tage der Schlacht auf Homers Werken schlief, und Friedrich, statt des Bleistifts, der eine Schlachtordnung gezeichnet, die Feder ergriff, um Voltairen eine Lobschrift aufzusetzen". 55 Obwohl auch literarische Bildung zunächst nur vom Offizier erwartet werden konnte, begegnen sogar Gedanken darüber, ob nicht auch einfache Soldaten aus Lektüre Gewinn ziehen könnten. Ein Autor erinnerte sich daran, selbst auf Wachstuben Soldaten beim Vorlesen aus einem Buch bemerkt zu haben. Das hat mich auf die Gedanken gebracht, daß das Lesen, welches in unsern Tagen so gewöhnlich ist, auch dem gemeinen Soldaten ein nützlicher Zeitvertreib werden könnte, wenn io [Anonymus,] Ueber die Ausrüstung und den Anzug des Soldaten, besonders des Infanteristen, in: Militärische Monatsschrift, 4. Ban:! 1786, 394ff., hier 406. " Oicricke, Ueber die Veredlung (wie Anm. I}, 73. >l [Ahonymus,) Ueber die Aufkli;~:mg (wie Anm. 25), 594. " (Schönberg von Brenkenhoff,] Paradoxa (wie Anm. 24), das Zitat 12, das Weitere 17-19. S< Diericke, Ueber die Veredlung (wie Anm. 1), 26-37. '' [Anonymus.) Über die Aufklärung (wie Anm. 25), 594.

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man ihn dabei unterstUtzte, und ihm Bücher, die seinen Fähigkeiten angemessen wären, verschafte..16

Er zögerte auch nicht mit konkreten Vorschlägen. 'Empfindelnde Romane', 'weinerliche Komödien' und selbst Kriegsgeschichten schätzte er für diese Aufgabe gering. Aber die abenteuerlichsten Romane, wo viel von Schiffbrüchen, unbewohnten Inseln, Sklaverei, und dergleichen vorkommen; Bacher wie Gullivers und Klims Reisen, und wie Don Quixote; Possenspiele, wie die mehresten von Holbergs, und einige von Molieres Lustspielen, das sind Bücher für den gemeinen Soldaten.

Nicht zufällig erschien dieser Vorschlag allerdings in einem Aufsatz über Desertion. Denn der wesentliche Nutzen bestand in den Augen des Verfassers eben darin, den Soldaten auf der Wache die Zeit zu vertreiben, damit sie nicht vor Langeweile auf dumme Gedanken kämen. Gerade darum sah sich in unmittelbarer Reaktion darauf ein anderer Autor veranlaßt, vor falscher Lektüre zu warnen, um nicht das Gegenteil dieser Absicht herauszufordern. Von Romanen und Robinsonaden befürchtete er, daß sie eher „zur schädlichen Nachahmung reizen" könnten; „ich würde daher lieber Biographien, und wo möglich wahre Biographien berühmter Kriegshelden etc. wählen. Diese erzeugten den doppelten Vortheil, daß sie unterhielten, und auf eine für den Staat nützliche Art zur Nachahmung bewegten".S7 Immerhin knüpfte ein Dritter durchaus weitergehende Erziehungsabsichten an solche Lektüre. Er gab eine Zeitschrift heraus, die sich ausnahmsweise ausdrücklich an einfache Soldaten richtete: „bedarf vielleicht der gemeine Soldat [„.] keiner Begriffe von Tugend, Rechtschaffenheit, Edelmuth und wahrer Tapferkeit?" Zu diesem Zweck hatte er seine Schrift speziell zum lauten Vorlesen auf den Wachen konzipiert. 58 Es ist natürlich kein Zufall, daß gerade dieser Publizist in einem fiktiven Wirtshausgespräch einen einfachen Musketier demonstrativ ausrufen läßt: „[„.] aber warum soll ich als Soldat nicht eben so viel Ehre im Leibe haben, als mein Offizier!"S9 Freilich war den Autoren bewußt, daß der Alltag in den Garnisonsstädten keineswegs durch Lesestunden auf der Wachstube geprägt wurde. Offensichtlich war im Gegenteil, daß der „Veredlung" des einfachen Soldaten in der militärischen Praxis eine Menge Mißstände entgegen standen, Mißstände, die wesentlich zum schlechten Ruf der Truppen beitrugen und auch in der Öffentlichkeit.immer wie56 Von W(interfeld], Ueber die Desertion, in: MilitJ!rische Monatsschrift, 5. Band 1787, 351- 361, hier 358, das folgende 359 f. Eine ohne EinverstJ!ndnis des Verfassers veranderte Fassung war bereits 1784 in der Berlinischen Monatsschrift erschienen. " [Anonymus,] Uebers Descrtiren der Soldaten, in: Magazin gemcininteressanter und unterhaltender LektOre, Frankfurt, Leipzig 1. Quartal 1785, 100-120, hier l 17f. Seine Befllrchtungen sah der Verfasser am angeblichen Beispiel zweier Schüler erwiesen, deren schwllnnerische Einbildungskraft, angeregl durch Robinson und Insel Felsenburg, sie nach einer fernen Insel suchen ließ, ohne daß ihre Reise Ober den Nachbarort hinausgelang1 wäre. s1 F. W. von Schwerin, Der Soldatenfreund, eine Monatsschrift für den gemeinen Krieger, 1. Stock, Stettin 1789, 8 und 12. Insgesamt sind 1789190 immerhin 12 StOcke erschienen. Zurecht fand dieser Titel auch Aufnahme in Holger Bönings Bibliographie zur Volksaufldarung (wie Anm. 35), 701. Schwerin, Der Soldatenfreund (wie Anm. 58), 8. Stock 1790, 136.



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der beklagt wurden. Der an sich unverbindlichen Entfaltung hehrer Tugend- und Bildungsideale stellten die militärischen Aufklärer daher eine Fülle von Überlegungen und Vorschlägen zur Seite, wie diese !deale in die Wirklichkeit umgesetzt werden könnten. Das erforderte an erster Stelle eine kritische Auseinandersetzung mit den bestehenden Verhältnissen, und darin manifestierte sich ein weiteres Element aufgeklärter Modernisierung herkömmlicher Denkweisen. Diese Kritik spie· gelt die aus zahlreichen Quellen bekannten Facetten des Zwangs zum Dienst und des Zwangs im Dienst.60 Erst die Beseitigung der Mißstände, darüber herrschte Einigkeit, konnte die Voraussetzungen dafür schaffen, überhaupt bildend und aufklärend auf die gemeinen Soldaten einwirken zu können. So berechtigt in diesem Zusammenhang die Warnung vor der Überbetonung solcher Mißstände ist, so darf doch umgekehrt die Ernsthaftigkeit, mit der sie nicht zuletzt von militärischen Autoren selbst ins Visier genommmen worden sind, damit nicht beiseite geschoben werden. Ablehnung des Zwangs bedeutete zum einen Kritik an unfreiwilligen Rekrutierungen, sei es durch Gewalt, sei es durch List.61 Die anonym erschienene Schrift eines ehemaligen preußischen Offiziers fand dazu wie zu manch anderen Themen die entschiedensten Worte: „Menschen stehlen, um sie mit Gewalt in die Sclaverey und zur Schlachtbank zu schicken, - das flucht! - das entehrt die Menschheit! Wie kann der Staat sich Treue von einem Ma1U1e versprechen, der durch Treulosigkeit ihm zu Theil gefallen?" .62 Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang aber auch, daß Aushebung von Untertanen in der Regel nicht als Zwang verstanden wurde. Im Sinne patriotischer Tugend hielt man dafür, daß sie selbstverständlich zum Militärdienst verpflichtet seien. Wenn ich von Leuten rede, die mit Gewalt zum Dienste gezwungen werden, verstehe ich niemals Lands-Kinder und Unterthanen darunter, sondern Fremde. Jene können (... ) nie-

'° Die sprachliche Pointierung nach Höhn. Revolution, Heer (wie Anm. 32), 14, 18, der freilich wiederum die Kri1ik ums1andslos als Abbild der Wirklichkeit darslellt. 61 Klagen Ober willkOrliche Gewalt der Truppenwerber sind zahlreich überliefen und in der Forschung on aufgegriffen worden. Prägend wirkte die Monographie von W. von Schultz, Die preußischen Werbungen unter Friedrich Wilhelm 1. und Friedrich dem Großen bis zum Beginn des ?jährigen Krieges mi1 besonderer Berücksichtigung Mecklenburg-Schwerins, Schwerin 1887; die Mecklenburger VerMltnisse gestalteten sich allerdings aufgrund politischer Umsllinde besonders extrem. Plastische Eindrücke von einer weniger spektakulären Normalilät der Truppenwerbung vermittelt Walter Schüssler, Das Werbewesen in der Reichsstadt Heilbronn, vornehmlich im 18. Jahrhunden, Diss. Tübingen 1951. Differenzienere Einblicke erlauben auch jOngere Studien von Bernhard Sicken, Die preußische Werbung in Franken, in: Heinz Duchhardt (Hg.), Friedrich der Grolle, Franken und das Reich, Köln 1986, 121- 156; Ralf Pröve, Zum Verhältnis von Militär und Gesellschaft im Spiegel gewaltsamer Rekrutierungen (164&-1789), in: Zeitschrifi fOr Historische Forschung 22 (1995), 191- 223; RudolfGugger, Preußische Werbungen in der Eidgenossenschafi im 18. Jahrhunden, Berlin 1997. [Augus1 Wilhelm Leopold von Rahme!,) Ueber den Dienst, von einem, ehemals unter der preußischen Armee gestandenen, und jetzt unter den Amerikanern dienenden Offizier, Boston 1783, 14. Nach den vorliegenden biographischen Hinweisen handelt es sich bei der Selbstbezeichnung als amerikanischer Offizier um eine Fiktion, die räumliche Unangreifbarkeit, wohl aber auch dezente politische Sympathie mit der amerikanischen Revolution signalisieren sollte. Rahmet hatte in Berlin die Kadettenschule besucht und sich nach dreizehn Dienstjahren 1780 als BOrgermeis1er in Schlesien niedergelassen. Seit 1779 trat er mit verschiedenen anonymen Trakta1en zu militärischen Fragen, aber auch mit Gedichten in Erscheinung.



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mals sagen, daß sie gezwungen worden; hernach so ist im Nothfalle jeder Unterthan schuldig, das seinige zum Dienste seines Herrn und Vaterlandes beyzutragen.6l

Ablehnung des Zwangs bedeutete zum anderen Kritik an den Gewalttätigkeiten der mmtärischen Disziplinierung. 'Tyrannei' und 'Sklaverei' waren die allgemein verständlichen und empörenden Etiketten, mit denen die Übelstände üblicherweise gebrandmarkt wurden. Rahmels Worte markieren auch in dieser Hinsicht das bemerkenswerte Extrem der Kritik: Ein Mann mit einem Ringkragen und einer Scherpe umgeben [also den Insignien eines Of.. fiziers, M. S.], ist wie Achilles unverletzlich. Er kann die Ehre von tausenden verwunden, denen er nicht werth ist, die Schuhriemen aufzulösen; - er kann prügeln, er kann wüthen, er kann Zähne ausstoßen, er kann in die Hölle zum Teufel schicken, er kann als ein morgenländischer Despot zum Zeitvertreibe einen armen Sclaven todt peitschen lassen, ohne für alle diese BrOtalitäten Ahndung befürchten zu mü.ssen.64

Daß die Mißhandlung der Soldaten nicht dazu angetan war, deren Einsatzbereitschaft zu steigern, war indes keine originelle Erkenntnis der militärischen Aufklärung. Aus praktischer Erfahrung war es den Kriegsherren schon von jeher bewußt, daß eine menschenverachtende Disziplinierung gerade das Gegenteil provozieren konnte. Es genügt hier, darauf hinzuweisen, was kein geringerer als der in dieser Hinsicht eher berüchtigte 'Soldatenkönig' Friedrich Wilhelm 1. seinen Offizieren ins Reglement schrieb, wo es heißt, es müsse „einem neuen Kerl, damit er nicht gleich im Anfange verdrießlich und furchtsahm gemache! werde, sondern Lust und Liebe zum Dienst bekommen möge, alles durch gütige Vorstellungen sonder Schelten und Schmälen gelemet [...], vielweniger mit Schlägen und dergleichen übel tractiret werden". 65 Im Kontext der aufgeklärten Publizistik wurden solche Forderungen gelegentlich mit apriorischen Auffassungen von der Menschenwürde gestützt. 66 Charakteristischerweise aber geriet das praxisorientierte Nutzenkalkül nie aus dem Auge, wobei es nicht allein auf den militärischen Zweck zielte, sondern zugleich als wesentliche argumentative Strategie zur Legitimation der aufklärerischen Anliegen im Militär diente. Auf die Kritik der Verhältnisse folgte als weiteres Merkmal spezifisch aufgeklärten Denkens der Schritt zu den Möglichkeiten ihrer Veränderung, aber er führte in ein Dilemma. Da im Rahmen dieser Debatte niemand eine radikale Umgestaltung des Heerwesens fordern mochte, mußte die Schlüsselrolle als Multiplikatoren der militärischen Aufklärung zwangsläufig den Offizieren zufallen.67 Eben 6J [Anonymus,) Einßlle u. WOnsche (wie Anm. 10), 62. Es WOrde an dieser Stelle zu weit führen, die Debatte Ober die Dienstpflicht der Untertanen zu behandeln. Darüber bereite ich einen eigenen Aufsatz vor. 64 [Rahme!,) Ueber den Dienst (wie Anm. 62), 3 f. 6S Reglement vor die König!. Preußische Infanterie [„.], Berlin 1726, 222. 66 ,,Als ich nun wider meinen Willen Soldat ward, gab ich da alle Rechte der Menschheit auf?", so die rhetorische Frage aus der Perspektive des Opfers in [Anonymus,) Kriegs-Censoren (wie Anm. 72), 84. 67 Es flillt auf, daß dabei nur selten von den Unteroffizieren die Rede ist, die in der militärischen Praxis die Hauptlast der Ausbildung zu tragen hatten und, obwohl selbst aus den niederen Rängen stammend, als verlängene Arme der Offiziere fungierten. Als Ausnahme vgl. [Friedrich Eckard („von einem Soldaten"),] Versuch über die Kunst junge Soldaten zu bilden, Prag 1782, 28 ff.

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diese erschienen aber zugleich als deren eigentliche Hindernisse, trugen sie doch die Verantwortung für die kritisierten Mißstände. Aus der Perspektive der militärischen Aufklärer - im Offizierskorps allem Anschein nach immer noch eine Minderheit - mußten die kritisierten Offiziere zunächst selbst Objekt aufklärerischer Bemühungen sein. Dafür aber fehlte den Aufklärern eine erfolgversprechende Strategie. Als pragmatischer Brückenschlag zur Beschwichtigung und Überzeugung der Gegner bildete daher der Hinweis auf den militärischen Nutzen der Aufklärung das Rückgrat der Argumentation. Letztlich aber drehten sich die Autoren im Kreis ihrer eigenen Logik. Insofern die Probleme des Militärs aus ihrer Perspektive zunächst als Summe individuellen Fehlverhaltens begriffen wurden, konnte allein Aufklärung den gordischen Knoten lösen, zeichnete sich der vorbildliche Offizier doch gerade dadurch als aufgeklärt, rational und pflichtbewußt handelnd aus, daß er eben solche Mißstände abstellte. Die Tugendphantasien und die Dialektik des Ehrbegriffs beschworen vor diesem Hintergrund die Erwartung, daß die Offiziere quasi von selbst eine aufgeklärte Haltung annehmen würden, um den Sinn ihres Standes zu verwirklichen. Um so größere Popularität war einem Musterbeispiel sicher, an dem sich der Erfolg der Argumente und die Richtigkeit solcher Logik zu beweisen schien. Als solches hielt der preußische Oberst Johann Anton 68 von Schollen Einzug in die Publizistik. Er schlug eine Brücke zwischen dem Alltag der Kaserne und dem Diskurs der Aufklärer, und zwar ganz konkret: An seinem Standort Treuenbrietzen gründete er 1781 eine „Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften und des guten Geschmacks", in der Offiziere und Stadtbürger der Garnison zu Vorlesungen und Konzerten zusammengeführt wurden. Mehrere Reden, die Scholten vor diesem Publikum gehalten hat, wurden gedruckt, so auch seine Abschiedsrede 1786, die dann in Auszügen und mit biographischen Anmerkungen auch in der Berlinischen Monatsschrift aufgegriffen wurde. 69 In bewegten Worten, die angeblich so tränenreich waren, daß im Druck die durch Tränen verschwommenen Stellen des Manuskripts ergänzt werden mußten, hinterließ er den Offizieren seine Grundsätze der Truppenführung. Daß der Umgang mit den Mannschaften in der Praxis auch von aufgeklärten Offizieren nicht nur mit guten Worten gepflegt werden konnte, zeigt die Verknüpfung seines aufgeklärten Credos mit einer pragmatischen Unterscheidung: „Man muß Soldaten als Menschen, Bösewicbter aber, die diesen ehrwürdigen[!] Namen nicht verdienen, als Bösewichter behandeln". 70 Indes spiegelt der ganze Text die Ideale des aufgeklärten Offiziers, der sich dessen bewußt ist, daß nicht allein „der bloße Zwang" Soldaten zu „Heldentugenden" erhebt, daß der Offizier mit „Menschenliebe, Verstand und Geschicklichkeit" das Exerzieren lehrt und dabei „mit Unwillen und Mitleiden auf den herab [sieht], dessen ganze Kunst im Gebrauche des Stocks und der Scheltworte besteht".

•s Einige biographische Lexika geben als Vornamen Johann Andreas an. •• Rede des Generals von Schollen beym Abschiede von seinem Bataillon, Berlin 1786, vgl. (Anonymus,) Edle Grundsätze des Kriegswesens von Preußischen Feldherren, in: Berlinische Monatsschrif\, 8. Band 1786, 3. Hel\, 218-233; Hohn, Revolution, Heer (wie Anm. 32), 95-97. 10 Rede des Generals von Schollen (wie Arun. 69), 14, das folgende 12 und 15.

Ueber die Veredlung des Soldaten

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Dabei konnte sich Scholten auf einen anderen preußischen General berufen, Wichard Joachim Heinrich von Möllendorf, der sich offenbar nicht auf die Selbstheilung des adligen Offzierskorps' verließ und die Möglichkeiten seiner Position dazu nutzte, das aufgeklärte Programm mit einigem Gewicht durchzusetzen. Als Gouverneur von Berlin erließ er 1785 ein Rundschreiben an die Offiziere der Garnison, das soviel Aufsehen erregte, daß es gleich mehrfach veröffentlicht und in Scholtens Abschiedsrede als vorbildlich herausgestellt wurde. Darin heißt es: „Seit 2 Jahren, als so lange ich das Gouvernement in hiesiger Residenz fü[h]re, ist eine meiner ersten Bemühungen gewesen, zur Ehre der Menschlichkeit die barbarisch geringschätzige Art der Officiers gegen den gemeinen Mann auszumerzen"; während er bei sechs Regimentern zufrieden den Erfolg seiner Bemühungen registriert, werden die Offiziere eines ungenannten siebten Regiments auf diese Weise öffentlich gemahnt, „den gemeinen Mann mer mit Ambition als mit der Tyrannei, zu der Ordnung und KriegsGeschicklichkeit zu fü[h]ren, die des Königs Maj. verlangen. Se. Maj. haben keine Schlingel, Canailles, Racailles, Hunde und Krabzeug im Dienste, sondern rechtschaffene Soldaten, welches wir auch sind, nur blos daß uns das zufällige Glück höhere Charaktere gegeben hat". 71 Dieses bemerkenswerte Zeugnis wirft nicht nur ein Schlaglicht auf den Umgangston in preußischen Regimentern, sondern liefert zugleich einen der wenigen Hinweise auf die praktischen Auswirkungen der Aufklärungsdebatte im Militär. Bemerkenswert an diesem Text ist nicht zuletzt, mit welcher Entschiedenheit ein preußischer General gemeine Soldaten und Offiziere im Hinblick auf ihre Ehrfähigkeit aneinander rückt. Welche Phantasien der Wunsch, die Offiziere für das aufgeklärte Konzept der Menschenführung in Dienst zu nehmen, darüber hinaus freisetzen konnte, zeigt ein in seiner Fonn extremer Debattenbeitrag. Ausgehend von der Klage, daß wohl ,,heut zu Tage jeder Kriegsstaat sich beeifert, die Wissenschaft der Kriegskunst zu bearbeiten", darüber aber „der sittliche[.] Theil der Kriegskunst"n vernachlässigt werde, entwirft der Autor ein schonungsloses Bild der vielbeklagten Mißstände. Als ,,Palliativ" zur Behebung der ärgsten Übel wirft er nach antikem Vorbild die Berufung von ,,K.riegs-Censoren" in die Debatte. Jedem Regiment sollte ein solcher Censor beigegeben werden, der unabhängig vom Kommandeur den ganzen Dienstbetrieb und insbesondere die Pflichterfüllung der Offiziere zu überwachen und Untersuchungen über Mißbräuche anzustellen hätte. Zur größten Vollkommenheit verlangte der Autor ein neues Reglement: „Der Geist der Menschenliebe, der Güte und der Ordnung leuchte aus jeder Seite hervor''. 73 Diese Forderung war auch fonnal von Bedeutung, da bisher die Reglements insbesondere die Dienst71 Hier zitiert nach: Copei des von dem Gouverneur der Stadt Berlin, Hrn. Gencrallieutenant von MOiiendorf, unterm 10. Jun. 1785 an die Offiziere der Berlinischen Garnison erlassenen CircularSchreibens, in: Sials-Anzeigen, 8. Band 1785, 69 f.; siehe auch: Deutsche Zeitung, 50. Stack 1785, vom 17. 12., 404f. (Hier „Grobzeug" srau ,,Krabzeug"), nach den dortigen Angaben dem Deutschen Zuschauer, 7. Heft, entnommen. Zit. auch in der Berlinischen Monatsschrift, als Anmerkung zu dem Aufsatz Ober Schollen (wie Anm. 69); dort ist neben der Deutschen Zeitung und den Sials-Anzeigen noch von ,,mehreren anderen Journalen" die Rede. Bei Schollen selbst findet MOilendorf 15 f. Erwähnung. 72 [Anonymus,] Kriegs-Censoren. Ein Traum für der Nachwell, in: Bellona, 3. Stück 1781 , 81-1 JO, hier 81 ; vgl. Hohn, Revolution, Heer (wie Anm. 32), !04-109. " [Anonymus,) Kriegs-Censoren (wie Anm. 72). 99.

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pflichten der Mannschaften festlegten und über diese nur indirekt die Aufsichtspflichten der Offiziere. Hier aber wurde nun ein Reglement gefordert, daß auch die Offiziere in die Pflicht nehmen sollte.74 Nicht zuletzt beinhaltete dieser Plan, daß die Censoren über die Offiziere regelmäßig Bericht erstatteten, ,,nach Verlauf jedes Jahres eine Charakteristik von jedem, vom General bis zum jüngsten Fähndrich", parallel zu entsprechenden Conduitenlisten der Kommandeure. „Uebrigens führen sie [die Censoren] ein genaues Tagebuch über das moralische Verhalten der Officiers".1s Ausdrücklich zum Schutz der gemeinen Soldaten vor Beeinträchtigungen sah dieser Plan also vor, die Offiziere selbst einer strengen Überwachung zu unterwerfen. Ein neuer Typ des Commissarius wird hier am Ende des 18. Jahrhunderts entworfen, angesiedelt zwischen dem alten Kriegskommissar des 17. Jahrhunderts und dem Politkommissar des 20. Jahrhunderts. An die Stelle der Selbstveredlung aus dem Geist standesspezifischer Ehre traten in diesem Modell Maßnahmen, die sonst eher im Umgang mit den gemeinen Soldaten Anwendung fanden - an die Stelle der Ehre trat die Disziplinierung. Gerade darin offenbart dieser Vorschlag aber auch die Ratlosigkeit in den Auseinandersetzungen über die Aufl Nachgewiesen z.B. durch: Ulrich Bräker, Lebensgeschichte und natürliche Abenleuer des annen Mannes im Tockenburg, Berlin 1985 (Neudruck der Ausgabe von 1789). 92-97. 31 Tes1ament Friedrichs II. von 1752, in: Richard Dietrich (Hg.). Politische Testamenle der Hohenzollern, München 1981, 229.

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trolle von Landesherren oder anderen Armeeführern zu exerzieren, bestand somit nicht allein im 18., sondern bereits im 15. und 16. Jahrhundert. Gleichwohl haben die Landesherren während des 15. und 16. Jahrhunderts nicht einmal versucht, das Exerzieren mit Handfeuerwaffen in den von ihnen angeworbenen Armeen durchzusetzen.32 Es liegt folglich nahe, die militärischen Verhaltensregeln des 17. und 18. Jahrhunderts in den Zusammenhang außennilitärischer Ordnungen zu stellen.

2. Ordnungen Die Voraussetzungen dafür, daß die Landesherren ihre Soldaten militärischen Verhaltensregeln unterwerfen und deren Einhaltung direkt beaufsichtigen konnten, wurden schon am Ende des 16. Jahrhunderts gelegt. Ausgangspunkt war die Ethik der Selbstkontrolle, die Justus Lipsius entwarf und während des Achtzigjährigen Kriegs zunächst in den unierten Niederlanden zur Umsetzung empfahl. Lipsius' rationalistische Ethik war einerseits universal, indem sie die Kontrolle der Emotionen und die Hinnahme vorgegebener Ordnungen durch jeden Menschen einforderte, und galt somit für die gemeinen Soldaten genauso wie für Kommandeure, für die ländliche genauso wie für die städtische Bevölkerung, für den Adel und die Landesherren genauso wie für die Untertanen. Sie war andererseits auf die Herrschaftsvertragslehre gegründet, die alle in städtischen oder landesherrlichen Territorien seßhaften Menschen zur Einhaltung jenes hypothetischen Vertrags verpflichtete, aus dem die bestehenden Ordnungen innerhalb eines jeden städtischen oder landesherrlichen Territoriums abgeleitet wurden. 33 Die Herrschaftsvertragslehre entstammte zwar der politischen Theorie des 14. Jahrhunderts, wurde aber durch die Union der niederländischen Stände gerade zu Lipsius' Zeit aktualisiert und in die Praxis umgesetzt.34 Der Lipsius' Ethik der Selbstkontrolle inhärente Dualismus zwischen universalem Geordnetsein und partiellen Ordnungen bestimmte während des 17. und der ersten beiden Drittel des 18. Jahrhunderts die Grundlinien legitimen politischen ll Dazu mehr bei: Kleinschmidt, Tyrocinium (wie Anm. 17). 43-95; Ders., Feuerwaffentechnik (wieAnm. 17). " Justus lipsius, De constantia libri duo ( 1584), hg. von R. Kirk, C. M. Hall, New Brunswick 1939 (Neudruck der englischen Version von John Stradling), 95-96. :1< Engclbert von Admont, De ortu et fine Romani imperii, cap. 2, hg. von Mclchior Goldast, Politica imperialia, Frankfurt 1614, 755-756. Siehe zu Engelbert und Lipsius: Harald Kleinschmidt, Justus Lipsius - Theorist of Imemational Relations, in: Ders. (Hg.). Why Global Unifonnity?, Tsulcuba J995, 11-96; JOrgen Miethke, Politisches Denken und monarchische Theorie. Das Kaisertum als supranationale Institution im späteren Mittelalter, in: Joachim Ehlers (Hg.), Ansätze und Diskontinuität deutscher Nationenbildung im Mittelaller, Sigmaringen 1989, 121-144; Ders., Politische Theorie in der Krise der Zeit, in: Gert Melville (Hg.), Institutionen und Geschichte. Theorelische Aspekte und mittelalterliche Befunde, Köln, Weimar, Wien 1992, 157- 186; Gerhard Oestreich, Der römische Stoizismus und die oranische Heeresrcfonn, in: Dcrs., Geisl und Gestalt des frOhmodemeo Staates, Berlin 1969, 11- 34; Ders„ Constantia in publicis malis, in: Ders., Neostoicism (wie Anm. 15), 76-89; Ders„ Antiker Geist und moderner Staat bei Justus lipsius, Göttingen 1989; Gerke Teitler, The Genesis of the Professional Officers' Corps, Beverly Hills, London 1977, 184-190; H. L. Zwitzer, The Eighty Years War, in: Ma.rco van der Hoeven (Hg.), Exercise of Anns. Warfare in the Netherlands (1568-1648). Leiden, New York, Köln 1997, 33-55.

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Entscheidens und das Verhalten der Entscheidungsträger in der Politik sowie darüber hinaus auch im Militär. Denn dieser Dualismus ermöglichte Konzeption und Gestaltung des militärischen Raums als eines besonderen sozialen Raums, der speziellen, nur für ihn selbst gültigen Regeln unterworfen sein sollte und als Aggregat sui generis neben anderen sozialen Räumen gedacht werden konnte. Der soziale Raum des Militärs war also wahrnehmbar als derjenige soziale Raum, der die universalistisch begründete Verpflichtung zur Selbstkontrolle mit der partikularistisch legitimierten Verpflichtung zur unbedingten Ausführung erteilter Befehle verband und die gemeinen Soldaten der doppelten Kontrolle durch sich selbst und durch ihre Kommandeure unterwarf. Die ethische Begründung der auf das Militär begrenzten doppelten Verhaltenskontrolle erweiterte seit der Wende zum 17. Jahrhundert die Möglichkeiten, durch die die gemeinen Soldaten ihre intellektuellen Fähigkeiten, technischen Fertigkeiten und körperlichen Kräfte ausschließlich dazu verwandten, um taktische Mittel einzusetzen und strategische Ziele zu erreichen, die nicht durch sie selbst ausgewählt und gesetzt worden waren. Zwar hatten diese Möglichkeiten schon zuvor bestanden und waren auch, wie beispielsweise in den englischen Heeren des 14. und 15. Jahrhunderts, eingesetzt worden. Aber ihre Begründung aus der Ethik der Selbstkontrolle folgte erst am Ende des 16. Jahrhunderts. 35 Die taktischen Mittel umfaßten selbstverständlich auch die offene Feldschlacht. Allerdings war die offene Feldschlacht nur eines unter drei taktischen Mitteln, die eingesetzt werden konnten, um den oder die Gegner zur Aufgabe ihrer Ziele zu zwingen. Die beiden anderen Mittel waren die Belagerung und das taktische Manöver. Dem Einsatz aller drei taktischen Mittel war gemeinsam, daß strategische Planer und Praktiker der Kriegführung versuchten, Regeln zu entwerfen, die den Ablauf eines Kriegs als kalkulierbar erscheinen lassen konnten. 36 Dadurch wurden Kriege zu Choreographien unter Einsatz militärischer Gewalt. Ohne Zweifel gelang es keineswegs oft, die Choreographien nach Plan auszuführen und den Kriegsverlauf korrekt zu kalkulieren. Aber dahingehende Versuche wurden schon seit dem 16. Jahrhundert unternommen, die durch Zusammenstellung und Veröffentlichung kriegsrelevanter statistischer Daten 37, durch Geometrisierung des Festll Siehe: Jusius Lipsius, De militia Romana libri quinque, Antwerpen 1595-1596. Siehe zu den Heeresreformen um 1600: Hahlweg, Heeresreform der Oranier (wie Anm. 17); Kleinschmidt, Tragt die Spiess (wie Anm. 17); Kelly Roben DeVries', Gunpowder Weaponry and 1he Rise ofthe Early Modem State, in: War in Hisiory 5 (1998). 127-145. Jo Raimondo Montecuccoli, Kriegsbuch, Hs. Wien, Ös1erreichische Nationalbibliothek, Cod. s. n. 12033; vgl. Dcrs., Abhandlung über den Krieg, in: Ders., Ausgewähhe Schrillen, hg. von A. Velm!, Bd. l, Wien 1899, 21- 24, 75-76, 81-92 (an diesen Stellen zitierte Montecuccoli Lipsius als Vorbild); A. J. Brandes, Abhandlung von den Regeln und Grundsätzen des Krieges, Hannover 1774; Charles Sevin Marquis de Quincy, Maximes et instructions sur l'an mili1aire; Paris 1726; Ders., L'art de la gucrre, Paris 1745; Anton Eberhard Freiherr Scherte! von Burtenbach, Die Kriegswissenschaf\ in Tabellen, KOln 1791; siehe dazu: Thomas Mack Barker, The Military lntellectual and Banle. Raimondo Moniecuccoli and the Thirty Years War, Albany 1975; Azar Gat, Montecuccoli, Humanist Philosophy, Paracelsian Science and Military Theory, in: War and Society 6 ( 1988), 21-31. J> Siehe unier vielen: Hanns Friedrich von Fleming, Der vollkommene teutsche Soldat, Osnabrück 1967 (Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1726); Quincy, Maximes (wie Anm. 36). Die statistische Literatur wurde zeitgenössisch erschlossen von dem Bibliographen und Literärhistoriker Johann Georg Meusel, Litteratur der Statis1ik, Leipzig 1790; siehe darüber: Michael Behnen, Statistik, Politik und Staaten-

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ungsbaus und der Ballistik38 sowie eben auch durch die Konstruktion fester Exerzierabläufe belegt sind. Die Veröffentlichung allgemeiner kriegsrelevanter statistischer Daten zu nahezu allen Territorien diente der Vermeidung von Überraschungsmomenten, die aus der Geheimhaltung spezieller Daten zur Verfügbarkeit von Soldaten, Waffen, Munition und Logistik resultieren konnten. So konnte eine bekannt gewordene Erhöhung der Truppenstärke in Friedenszeiten sowie der Bau zusätzlicher Festungen als Kriegsgrund benutzt werden, wenn diese Maßnahmen gegenüber der interessierten Öffentlichkeit nicht überzeugend begründet wurden.39 Der Bau geometrischer Festungsanlagen erlaubte die Planbarkeit von Belagerungen und unterwarf die Festungen vorgegebenen, nicht ortsspezifischen und nach allen Seiten gleichen Ordnungen. Die Konstruktion festliegender Exerzierabläufe verbot den Einsatz von Truppen zu ungeplanten Manövern und vereinheitlichte darüber hinaus die taktischen Grundlagen des Truppeneinsatzes über die Grenzen der Territorien hinweg. Insgesamt also sollten Kriege im großen wie die Exerzierabläufe im kleinen als Aggregate geordneter Handlungen gestaltet werden. Im 17. und 18. Jahrhundert unterschied sich der wohl organisierte, uniformierte und kontrollierte soziale Raum des Militärs von anderen, neben einander koexistierenden, in sich selbst wiederum heterogenen und vielgestaltigen sozialen Räumen, etwa denen auf dem Land, in den Städten oder den verschiedenen Adelskreisen. Zwar bestand, zumal im bäuerlichen Bereich, aber auch im Bürgertum und dem niederen Adel, die Forderung nach Hinnahme von Fremdbestimmung oder externer Kontrolle, aber die Möglichkeit des Widerstands gegen Fremdbestimmung war dort beträchtlich weiter ausgeprägt als im Militär. Erkenntlich werden die Unterschiede an dem für das Militär charakteristischen, strengen und mit scharfen Strafen bewehrten Verbot des Räsonnierens 4o, das gerade auch im bäuerUchen Bereich eine alltägliche Ausprägung des Widerstands war. 41 Die Überschreitung geschichte von Spitteler bis Heeren, in: Hanmut Boockmann, Hermann Wellenreuther (Hg.), Geschichtswissenschaft in Göttingen, Göttingen 1987, 82-83; Vincenz John, Geschichte der Statistik, Stuttgan 1884; Petter, Zur Kriegskunst (wie Anm. 20), 255-256; Arno Seifen, Staatenkunde, in: Mohammed Rassem, Jus1in Stag! (Hg), Statistik und Staatenbeschreibung in der Neuzeit, Paderborn 1980, 217-244. 31 Simon Stevin, The Principal Works, Bd. 4: The An ofWar, hg. von W. W. Schukking, Amsterdam 1964; Niccolö Tanaglia, Three Bookes of Colloquies Conceming the Ane of Shooting, London 1588 (Englische Version der Ausgabe Vinegia 1537); siehe dazu: Eduard Jan Dijksterhuis, Simon Stevin, Den Haag 1943; Christopher Ouffy, The Fonress in the Age ofVauban and Frederick the Great. 1660-1789, London l 985; Henning Eichberg, Das Interesse an der Ballistk, in: Sudhoffs Archiv 58 (1974), 341-355; Ders., Festung, Zentralmacht und Sozialgeometrie. Kriegsingenieurwesen des 17. und 18. Jahrhunderts in den HerzogtOmem Bremen und Verden, Köln, Wien 1990; Simon Pepper, Nicholas Adams, Firearms and Fonifications. Military Archilecture and Siege Warfare in Sixteenth-Century Siena, Chicago, London 1986; Ben Vermeulen, Simon S1evin and the Geomelrical Method in Oe jure praedae, in: Gro1iana, N. S. 4 (1983). 6:>-66. 19 Nikolaus Hieronymus Gundling, Erönerung der Frage, ob wegen der anwachsenden Macht der Nachbarn man den Degen en1blOssen könne, in: Gundlingiana, 5. SIOck, Halle 1716; Ludwig Manin Kahle, La Balance de l'Europe considere commc Ja regle de Ja paix et de la guerre, Berlin, GOningen 1744, 156; Ders„ Neue Erläuterung der europäischen Balance, Hannover 1746, 52- 53; Emcrich de Vattel, Le Oroit des gens, Bd. 2, Genf 1983 (Nachdruck der Ausgllbe London 1758), 32-45. "' Reglement (wie Anm. 27). §Xl/3,7; FOrsI von Reuss, Gedanken über die Anwendung der Richtung der Kriegs-VOiker, Dresden 1776, 4 ff. " Andreas Würglcr, Unruhen und ÖfTentlichkeiI. Städtische und ländliche Protestbewegungen im 18. Jahrhunden, Tübingen 1995.

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der aggregativ aneinander gefügten sozialen Räume erforderte also die Unterwerfung unter jeweils raumspezifische Regeln. Sie glich einer Reise in ein anderes Territorium, die zumeist nur gegen Vorlage von Pässen als autorisierten und formalisierten Passierscheinen möglich war. 42

3. \Vahrnehrnungen Der Übertritt in das Militär wurde in den Kategorien nicht nur der Ethik, sondern auch der Ästhetik dokumentiert. Sinnfälliges äußeres Merkmal war die Uniform, die nach außen hin die Soldaten als Männer des Landesherrn zu erkennen gab, und nach innen den Rang der Soldaten und deren Zugehörigkeit zu einem Regiment auswies. Die Uniform der Soldaten ähnelte seit dem späteren 17. Jahrhundert der Kleidung der herrscherlichen Zivildiener, war möglicherwiese der bürgerlichen Tracht nachempfunden und drückte dadurch die Absonderung der Soldaten von dem bäuerlichen sozialen Raum ihrer Herkunft aus. Die in Uniform gesteckten Bauern wurden aus Untergebenen des Adels zu Leuten des Königs. Zugleich war die Uniform Ausdruck des \Vohlgeordnetseins der einzelnen Soldaten wie auch der Armee als ganzer. Bei Dienst in der Garnison hatte die Uniform stets sauber und in guter Ordnung zu sein und mußte vorschriftsmäßig getragen werden. Dem durch die Uniform dokumentierten Rang entsprechend galten unterschiedliche Vorschriften der Devotion gegenüber Ranghöheren. Ebenso wurden Ordnung und \Vohlgeordnctsein durch das Bild des Soldaten verdeutlicht. Anders als im 16. Jahrhundert setzte sich im 17. und 18. Jahrhundert ein Soldatenbild durch, das den einzelnen Mann mit dem Ausdruck regelkonformen Verhaltens darstellte. Die vielen Exerzierreglements beigegebenen Abbildungen stellten Soldaten dar, die bereit und in der Lage sein sollten, sich selbst zu kontrollieren sowie erteilte Befehle unbedingt und prompt auszuführen. Bezeichnenderweise wurde, anders als in Bildquellen des 16. Jahrhunderts, in den Reglements des 17. und 18. Jahrhunderts die zur Ausführung anbefohlener Bewegungen erforderliche Körperkraft kaum mehr zur Darstellung gebracht. Es kam also bei der Abbildung der Soldaten in den normativen Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts nicht darauf an, die Soldaten als muskelkräftige Krieger darzustellen, die sich unter Ausnutzung der ihnen verfügbaren Körperkräfte gegen \Vidersacher durchsetzten. Hingegen war es wichtig, die Soldaten als diejenigen abzubilden, die nach den Vorschriften handelten. Die auf diese \Veise zum bildlichen Ausdruck gebrachte \Vahrnehrnung der Soldaten als befehlsgemäß Handelnde beschrieb Menschen, die nicht nur durch das Äußerliche der Kleidung, sondern auch durch ihr Verhalten uniformiert waren. •> Siehe die Abdrucke bei: Hans Michael Möller, Das Regiment der Landsknechte, Wiesbaden 1976, 48; Elmar Schmiu, Leben im 18. Jahrhundert, Konstanz 1987, 13-14. Edict, weder die Desertion derer Soldaien, und von unterschiedlichen Puncten, welche zu deren VerhOtung zu beobachten, vom 12. Juli 1713, in: Ouo Christian Mylius, Des Corpus Conslitutionum Marchiarum Dritter Theil, Berlin und Halle 1737, Sp. 346-348; siehe dazu: Sikora, Disziplin und Desertion (wie Anm. 17), 110-112. Passierscheine waren erforderlich nichl nur für reisende Soldaten, sondern auch für Angehörige anderer Berufsstände. Die Gesehich1e nichl nur des milili!risehen Passwesens isl ungeschrieben.

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Den Eindruck des Wohlgeordnetseins vennittelten auch Bilder von Truppeneinheiten, besonders der Leibgarden. Dabei handelte es sich um Sondereinheiten, die mehr der Erhaltung der inneren Ordnung in den Staaten und Territorien dienten als dem Krieg. Aber gerade durch ihre Präsenz in den Garnisons- und Residenzstädten verbreiteten sie das Bild vom wohlexerzierten und kontrollierten Soldaten. Für diese Wahrnehmungsweise kam schon im 17. Jahrhundert die Bezeichnung ,,Zierlichkeit" auf, was zunächst so viel wie Wohlgeordnetsein bedeutete.•J In verbalen Beschreibungen wurde somit der bildliche Ausdruck wiederholt, daß das Verhalten der Soldaten durch kontrollierte Bewegungen und Einfügung in vorgegebene Ordnungen bestimmt sein sollte. Diese Ordnungen bestanden als abstrakte Regelsysteme und gleichzeitig als konkrete Organisationen, die wie Aggregate als Summe ihrer Bestandteile aufgefaßt wurden. Genauso wie die Körper jedes einzelnen Soldaten, die Exerzierabläufe und die Ordnungen der sozialen Räume wurden somit die Anneen als ganze als Aggregate ihrer Bestandteile wahrgenommen. Diese Wahrnehmungsweise wurde oft durch die Metapher der Maschine ausgedrückt. 44 Sie kann folglich als mechanistisch bezeichnet werden. lll. Zusammenfassung zum Mechanismus

Bewegung, Ordnung und Wahrnehmung als Kategorien militärischen Verhaltens im 17. und früheren 18. Jahrhundert führen also jeweils auf dasselbe Beschreibungsmodell zurück, das der Maschine. Die Maschine wurde definiert als statisches Aggregat ihrer Bestandteile, die hierarchisch geordnet waren, miteinander arbeiteten und gemeinsam ein Produkt erstellten. In Reflexionen über das Militär finden sich daher besonders im 18. Jahrhundert folgerichtig diverse Maschinen-



Johann VII. von Nassau Siegen, Kriegsbuch, hg. von Werner Hahlweg, Die Heeresrefonn der Oranier (VerOffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 20), Wiesbaden 1973, 123, 614-616; siehe dazu: Kleinschmidt, Tyrocinium (wie Anm. 17), 10>-106; Gerhard Oestreich, Graf Johanns VIJ. Verteidigungsbuch für Nassau-Dillenburg, in: Ders., Geist und Gestah (wie Anm. 34), 327- 328; Schülte, Ordnung und Verzierung (wie Anm. 11), 33-34. ... So neben anderen: Berenhorst, Betrachtungen über die Kriegskunst (wie Anm. 22). 127-129; Brandes, Abhandlung von den Regeln (wie Anm. 36), 79; Carl David Küster, Cha.racterzOge des preussischen Gcneral-Lieutenants von Saldem, Berlin 1793, 85; siehe dazu: Christopher DufTy, The Mili1ary Expericnce in the Age of Reason, London, New York 1987, 96-104; Henning Eichberg, Ordnen, Messen, Disziplinieren. Moderner Herrschaftsstaat und Fortifikation, in: Johannes Kunisch, Barbara Stollberg-Rilinger (Hg.). Staatsverfassung und Heeresverfassung in der europäischen Geschichte der frühen Neuzeit, Berlin 1986, 347-376; Alan James Guy, Oeconomy and Discipline. Officership and Administration in the British Anny. 1714-1764, Manchester 1985, 53-87; Hahlweg, Heeresrefonn der Oranier (wie Anm. 17); Colin Jones, The Welfare of the French Foot Soldier from Richelieu to Napoleon, in: Ders„ The Charitable Imperative, London, New York 1989, 209--246; Johannes Kunisch, Friedensidee und Kriegshandwerk im Zeitalter der Aufklärung, in: Der Staat 27 (1988). 547- 568; Ders., Das „Puppenwerk" der stehenden Heere, in: Zeitschrift für Historische Forschung 17 (1990), 49--83; Sabina Loriga, Soldats. Un laboratoire disciplinairc. L'annee piemontaise au XVllle siecle, Paris 1991; John A. Lynn, Tactical Evolution in the French Anny. 1560-1660, in: French Historical Studies 14 (1985). 176-191; Ders., The Evolu1ion of Anny Style in the Modem West, in: International History Review 18 (1996). 50$--545; Ronald Martin, The Army of Louis XIV, in: The Reign of Louis XIV. Essays in Celebration of Andrcw Lossky, Totowa, London 1990, 11 1-127; Stollberg-Rilinger, Der Staat als Maschine (wie Anm. 12).

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metaphem, deren Sinn stets darin besteht, den reibungs- oder widerstandsarmen Handlungsablauf sowie die Kontrollierbarkeit, die Koordiniertheit und das Wohlgeordnetsein der Handelnden und der Handlungen in den Armeen als Tatsache oder Forderung auszudrücken. Derartiger Mechanismus charakterisierte ein Verhalten, demzufolge die Soldaten wie Räder einer Maschine willenlos ihre Kraft zum Vorteil des Ganzen der Annee einsetzen sollten. Dabei konnten die von der Maschine als Aggregat abgeleiteten Metaphern zur Beschreibung der körperlichen Bewegungen der Soldaten, zur Bezeichnung der im Militär bestehenden Ordnungen und zur Wahrnehmung des Militärs als Bestandteil der ebenfalls als statisch wahrgenommenen Welt benutzt werden. Denn ebenso wie die menschlichen Körper als Aggregate ihrer Glieder konnten Anneen als Aggregate der sie ausmachenden Soldaten und Offiziere und schließlich konnte die Welt als Aggregat der in ihr befindlichen sozialen Räume und Territorien wahrgenommen werden. In jedem Fall galten die Aggregate als schwer oder gar nicht veränderbare Elemente der göttlichen Schöpfung. 45

IV. Wie wurde militärisches Verhalten im späteren 18. Jahrhundert reguliert?

1. Bewegungen Forderungen nach Änderung der Bewegungsvorschriften setzten während des Siebenjährigen Kriegs ein und weiteten sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zu einer Fundamentalkritik der Lineartaktik aus. Die auf Statik und Bewahrung der Senkrechten ausgerichtete Gleichgewichtshaltung wurde schon 1761 als zu steif und für den Schlachtablauf unzweckmäßig verworfen.•6 Taktiker wie Jacques An· toine Hippolyte de Guibert übernahmen in den 1770er Jahren zeitgenössische Beobachtungen von Künstlern47 und Anatomen•S und stellten Forschungen über die allgemeinen Grundlagen des menschlichen Gangs an. 49 Guibert kam zu dem •J Zur Gegensätzlichkeit militärischer und anderer sozialer Räume siehe: Paul J. Marperger, Das Wohl-eingerichtete Seminarium Militare. Oder POantz-Schul kOnffiig geschickter und tapferer KriegsLeute und Soldaten, Dresden 1727, 3- 5; Friedrich von Eckardt, Versuch Ober die Kunst, junge Soldaten zu bilden, Prag 1782; Christoph Conrad Wilhelm Friderici, GrOndliche Einleitung in die KriegswissenschaO, Bd. 2, Breslau 1764; Johann Michael von Loen, Der Soldat oder der Kriegs-Stand, Frankfurt und Leipzig 1744; Carl Gonfried WoltT, Versuch Ober die sinlichen EigenschaOen und Pnichten des Soldaten-Standes, Leipzig 1776. Zur religiösen Komponente der militärischen Organisation siehe: Wolf Dietrich von Raitenau, Erzbischof Wolf Dietrichs biblische Kriegsordnung, hg. von Wilfried Keplinger, in: Mineilungen der Gesellschafi für Salzburger Landeskunde 13 (1963), 8o-89; siehe dazu: Reinhard Heinisch, TOrkenkrieg und Biblische Kriegsordnung, in: Ulrike Engelsberger, Franz Wagner (Hg.}, Fürstbischof Wolf Dietrich von Raitenau, Gründer des barocken Salzburg, Salzburg 1987, 66-69. " Campbell Dalrymple, A Military Essay, London 1761, 67. Entgegen den Vorschriften der zeitgenössischen englischen Reglements wurde in England nach preußischem Vorbild exerziert, siehe: Gentleman's Magazine (1756), 203, 239; siehe dazu: Manfred Schlenke, England und das friderizianische Preußen, Freiburg, München 1963, 279. " Hogarth, The Analysis of Beauty (wie Anm. 26). •• Peter Camper, Abhandlung Ober die beste Form der Schuhe, hg. von Wilhelm Thomsen, Leipzig 1939 (Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1784); siehe dazu: Eugenia Girotti, La calzatura, Mailand l 986. " Jacques Antoine Hippolyte de Guibert, Versuch über die Taktik, Dresden 1774 (Deutsche Version der Originalausgabe Paris 1772); siehe zu Guibert: GeotTrey Francis And.rew Best, War and Society

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Schluß, daß Stellungen mit und ohne Gewehr einerseits sowie Wendungen, Marschieren, Griffe für das Laden und Feuern andererseits aufeinander abgestimmte Handlungen sein sollten. Zum einen sollten die Soldaten sich in Ruhestellungen mit und ohne Gewehr auf künftige Bewegungen vorbereiten. Dies sollte Guibert zufolge in der Weise geschehen, daß die Soldaten während der Ruhestellungen dadurch in sich Spannungen erzeugten, daß sie ihren Oberkörper leicht nach vorn beugten und die Beinmuskeln anspannten, damit sie trotz der Vorlage des Oberkörpers beim Stehen nicht vorn über fielen.so Diese Abweichung von der durch die Körpennitte verlaufenden imaginären senkrechten Linie sollte bewirken, daß die so erzeugten Spannungen auf Befehl in Bewegungen umgesetzt werden konnten. Zum zweiten sollten die Soldaten daran gewöhnt werden, beim Wenden und Marschieren auf die muskelschonende und schnelle Ausführung der Bewegungen zu achten. Dies sollte dadurch erreicht werden, daß das Marschieren als besonderer Teil der Rekrutenausbildung wie auch des regelmäßigen Exerzierens eingerichtet und somit höher gewichtet wurde.s 1 Dabei hatten die Soldaten zu Jemen und zu üben, ohne Schwanken das Gewicht ihres Körpers stets auf dem Standbein ruhen zu lassen, den Oberkörper also keinesfalls nach hinten zurückzulehnen. Außerdem sollten sie in dem zur Fortbewegung vorgestreckten Bein bei leicht gebeugtem Knie eine Muskelspannung dadurch erzielen, daß sie die Fußspitze in Richtung auf den Boden streckten. In dieser Weise sollten das vorgestreckte Bein und dessen Fuß eine gerade Linie bilden und die Fußsohle in gleichem Abstand über den Boden gleiten. So gerieten die marschierenden Soldaten mit jeder Verlagerung des Körpergewichts von einem Standbein auf das andere in einen Rhythmus, in dem kurze Ruhestände und sorgfältig ausgeführte Bewegungen in schneller Folge alternierten. Gemeinsam war diesen Bewegungsregeln, daß die Körper der Soldaten als Einheit behandelt und die Körperteile aufeinander bezogen werden sollten. Damit sollte erreicht werden, daß, anders als im früheren 18. Jahrhundert, der Bewegung ein höherer Stellenwert gegenüber der Ruhestellung und der Erzeugung von Spannungen eine größere Bedeutung als der Bewahrung von Gleichgewichtshaltungen eingeräumt werden konnte. Guibert bestand darauf, daß die von ihm formulierten Grundsätze und Regeln für das Marschieren allgemeingültig in dem Sinn seien, daß sie mit den von allen Menschen beachteten Regeln des Gangs übereinstimmten. s2 Militärische Bewegungen verloren dadurch ihre Sonderstellung gegenüber außennilitärischen Bewegungsweisen. Die Auffassung von Bewegung als gesamt-

in Revolu1ionary Europe. 1770-1870, Leices1er 1982, 57-59; Andre Corvisier, Les annees et la guerre, in: Jean Berenger u.a. (Hg.), L'Europe ä la fin du XVll!e siecle, Paris 1985, 230-233. 50 Guibert, Versuch Ober die Taktik (wie Anm. 49), 163-165. " Guibert, Versuch Ober die Taktik (wie Anm. 49), 181- 182. " Guiben, Versuch Ober die Taktik (wie Anm. 49), 183-184. Es ist also unzulreffend, wenn Mary Mosher Flesher, Repe1i1ive Order and the Human Walking Apparatus, in: Annals of Science 54 ( 1997), 463-487, behauplet, die empirische Forschung Ober menschlichen Gang habe erst im 19. Jahrhundert begonnen. Beobachtungen, die denjenigen Guibens ähneln, wurden schon im 18. Jahrhundert im Obrigen auch am Gang der Orang-U1angs und der Pferde vorgenonunen; siehe: Peter Camper, Kort Berigt wegens de On1leding van verschiedene Orang-Outangs, Arnslerdam 1780; Otto Sothen, Versuch einer Abhandlung von der mililärischen Reiterey, Goningen 1787, 128.

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körperlichem Vorgang, der einerseits die in Bewegung befindlichen wie auch die unbewegt gehaltenen Körperteile, andererseits Ruhestellungen, Wendungen und Marschieren aufeinander bezog, erzeugte eine Dynamik, die die Soldaten primär darauf verpflichtete, möglichst schnell und dennoch wohlgeordnet zu marschieren. Guibert stellte somit den Marsch anderen Elementen des Exerzierablaufs voran. Guiberts Vorschläge wurden in einzelnen Reglements schon in den l 770er Jahren berücksichtigt53 und fanden systematisch Anwendung im Reglement Steubens von 177954 sowie im französischen Reglement für die Revolutionsannee von 1791.H Nach letzterem Reglement wurde ganz darauf verzichtet, feste Handlungsabläufe zu exerzieren, die in der Schlacht möglichst genau nachvollzogen werden sollten. Statt fester Abläufe exerzierten die Soldaten bestimmte Bewegungen wie Marschieren und Wenden und die erforderlichen Griffe zum Laden und Feuern in der Weise, daß sie sie jederzeit und unabhängig von einem bestimmten Handlungsablauf, je nach Befehl, ausführen konnten. An die Stelle komplizierter, vorgeplanter Handlungsabfolgen traten somit Einzelhandlungen als individuelle Versatzstücke, die nach Bedarf in unterschiedlicher Weise zu variablen Handlungsabläufen komponiert werden konnten. Diese Variabilität wiederum erweiterte die Möglichkeiten zur Gestaltung der Schlachtabläufe unter Berücksichtigung der aktuellen Lage und die Konzeption wie auch die Anwendung unkonventioneller St~tegjirn und nicht-regelkonformer Taktiken auch und gerade durch reguläre Einheiten. Das französische Reglement von 1791 wurde während der Revolution von einem Kommittee erarbeitet, in dem der Adel die Mehrheit innehatte.57 Dieser Umstand bestätigt, daß die Veränderungen der militärischen Bewegungsweisen, die schon während des Ancien Regimes gefordert worden waren, unter Mithilfe und " Ordonnance du Roi pour regler l'exercice de ses troupes d'infanterie, Paris 1776, 17-18, 2022, 44. "' Friedrich Wilhelm von Steubcn, Regulations for the Order and Discipline ofthe Troops of the United States, hg. von Joseph R. Riling, Philadelphia 1966 (Nachdruck der Ausgabe Philadelphia 1779), 13; siehe dazu: Peter Paret, Colonial Experience and European Military Reform at the End of the Eighteenth Century, in: Bulletin of the Institute of Historical Research of the University of London 37 (1964), 47- 59; Ders„ The Relationship bctween the Revolutionary War and European Military Thought and Practice in the Second Half of the Eighteenth Century, in: Don Higginbotham (Hg.), Reconsiderations on the Revolutionary War, Westpor1 1978, 144-157. ll Reglement concernant l'exercice et les manoeuvres de l'infanterie. Du ler Aout 1791, Paris 1791, §§ 2 u.ö. u So z.B.: Napoleon 1„ Comment faire la guerre, Paris 1973. $1 Siehe zur Reform der französischen Armee: Jean-Paul Bcr1aud, La revolution armee. Les soldatscitoyens et la Revolution francaise, Paris 1979; Richard Cobb, Les armees revolutionaires, 2 Bde„ Paris 1961-1963; Samuel Anderson Covington, The 'Comite Militaire' and the Legislative Reform of the French Army, Diss. masch„ University of Arkansas, Fayetteville 1976; Kleinschmidt, Tyrocinium (wie Anm. 17), 246-264; John A. Lynn, „En avant!" The Origins of the Revolutionary Attack, in: Ders. (Hg.), The Tools of War, Urbana, Chicago 1990, 154-177; Ders„ Bayonets of the Republic, Boulder '1996; Claudia Opitz-Belakhal , Militärreformen zwischen BOrokratisierung und Adelsreaktion. Das französische Kriegsministerium und seine Reformen im Offizierskorps von 1760-1790, Sigmaringen 1994; Peter Paret, Napoleon and the Revolution in War, in: Ders. (Hg.). Makers of Modem Strategy, Princeton 1986, 123-142; Robcr1 Sherman Quimby, The Background of Napoleonic Warfare, New York 1951, 300-307; Samuel Francis Scott, The French Revolution and the Line Army, Diss. masch„ University of Wisconsin, Madison 1968.

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mit Zustimmung des Adels während der Revolution ausgeführt wurden. Die Dynamisierung militärischer Bewegungen war folglich Vorläufer, nicht Folge der Revolution. Nicht zuletzt die Anpassung militärischer Bewegungsregeln an allgemeine Bewegungsweisen ennöglichte die Levee-en-masse vom Jahr 1793 und die Festschreibung des Exerzierens als Gebot in der nicht in Kraft gesetzten französischen Verfassung desselben Jahres.ss Unter dem Eindruck der Dynamisierung der Bewegungsweisen begann also am Ende des 18. Jahrhunderts ein Prozeß der wechselseitigen Durchdringung und der Integration militärischer und anderer sozialer Räume, ohne daß es in dieser Zeit zu waffentechnischen Neuerungen gekommen wäre. 2. Ordnungen Dieser Prozeß der wechselseitigen Durchdringung und Integration militärischer und ziviler sozialer Räume setzte Ordnungen voraus, die in beiden Typen sozialer Räume zur Geltung gebracht werden konnten. Solche, partielle soziale Räume übergreifenden Ordnungen mußten mindestens auf die Gesamtheit der einem Souverän unterstellten Bevölkerung bezogen sein, die sich als Vertragsgemeinschaft59, Interessengemeinschaf't{>O wirtschaftlich Handelnder oder historisch gewordene Sprach- und Kulturgemeinschaft6 1 verstand. Über die Ursprünge solcher Ordnungen und die Modalitäten ihrer Verbreitung oder Erzwingung machte sich bereits Adam Smith Gedanken. Er ging davon aus, daß es einen unautbaltsamen metaphysischen Fortschritt der ,,Zivilisation" von „societies" gebe, und untergliederte diesen Prozeß nach der Art des Wirtschaftens in vier Stufen, die ,,Jägerzivilisation", die „Hirtenzivilisation", die „Ackerbauernzivilisation" und die „Zivilisation der Manufakturen". Einer jeden ,,Zivilisation" wies er eine bestimmte „Kriegsverfassung" als Form militärischer Organisation zu: Bei den Jägern sei es üblich, daß alle Jäger zugleich Krieger seien; Hirten seien stets kriegerische „societies", und es komme häufig vor, daß sie als ganze „societies" mit samt ihren Herden in den Krieg zögen; unter Ackerbauern könne jeder waffenfähige Mann außerhalb der Saat- und Erntezeit als Krieger tätig werden. Allein in einer Manufakturwirtschaft aber sei es unmöglich, daß Handwerker und Kaufleute zugleich Krieger seien, denn ihnen gehe während des Kriegsdiensts Zeit zur Erwirtschaftung ihres Lebensunterhalts und zur Produktion von wichtigen Gütern für die „society" verloren. Daher müsse in diesem Fall der Kriegerberuf ein Hauptberuf sein, und die Krieger müßten als Soldaten von der „society" besoldet werden. Zudem stellte Smith unter ausdrücklichem Hinweis auf die Entwicklung der Feuerwaffen fest, daß mit dem von ihm angenommenen Fortschritt der ,,Zivi-

$S

Les constitutions de la Franee, Paris 1970, 90.

n Jean-Jacques Rousseau, Contra! social (1762), in: Ders„ The Political Writings, hg. von C. E.

Vaughan, Bd. 2, Oxford 1962 (Nachdruck der Ausgabe Cambridge 1915), 21-134. 60 Adam Smith, An lnquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, hg. von R. H. Campbell, A. S. Skinner, W. B. Todd, Bd. 1, Oxford 1976 (Neudruck der Ausgabe London 1776), 56 u O. 61 Johann Gottfried Herder, Abhandlung Ober den Ursprung der Sprache, hg. von Ulrich Gaier (Herder, FrOhe Schriften), Frankfun 1985 (Neudruck der Ausgabe Berlin 1772). 791- 799.

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lisation" auch die Verteidigung einer „society" gegen Gewalt und Unrecht zunehmend teurer werde, die von anderen „societies" ausgehen könnten. Denn mit zunehmender ,,Zivilisiertheit" wachse die Bedrohung, der eine „society" aus dem Neid weniger „zivilisierter" „societies" ausgesetzt sei. Deswegen sollten Armeen als stehende Heere auch in Friedenszeiten unterhalten werden und stets mit den neuesten Waffentypen ausgerüstet sein, zu denen Smith insbesondere Feuerwaffen zählte. 62 Ein stehendes Heer sei deswegen erforderlich, da nur eine wohlgeordnete Armee, und damit meinte Smith eine wohl exerzierte und disziplinierte Armee, in der Lage sei, die von ihr zu verteidigende „society" wirksam zu schützen. Zudem könne nur eine wohlgeordnete Armee eine „society" erfolgreich „zivilisieren", die Herrschaft des Rechts durchsetzen und eine ordnungsgemäße Verwaltung aufrechterhalten. 63 Aus dieser Argumentation zog Smith den Schluß, daß nur eine wohlgeordnete und reiche „society" für ihre Verteidigung aufkommen könne. Denn nur eine wohlgeordnete „society'' könne reich werden, und, nur wenn sie reich sei, könne sie die für ihre Verteidigung erforderlichen Kosten aufbringen und so ihren Reichtum sichern.64 Smith leitete also militärische wie zivile Ordnungen aus dem allgemeinen Geordnetsein der Welt ab, das er als Resultat des von ihm postulierten metaphysischen Prozesses der „Zivilisation" verstand. Auf der Stufe der Manufakturwirtschaft sollten folglich militärische und andere zivile soziale Räume nicht nur aufeinander bezogen sein, sondern einander durch ihr Wohlgeordnetsein bedingen: Ebenso wie eine wohlgeordnete „society" einer wohlgeordneten Armee bedürfe, befördere eine wohlgeordnete Armee das Wohlgeordnetsein einer ,,society". Viele Beobachtungen Smiths waren mit den Ansichten der Physiokraten und anderer Spätaufklärer vereinbar, aber seine Schlußfolgerungen wichen von älteren Vorstellungen in einigen wichtigen Punkten ab. Smiths Behauptung, daß das Wohlgeordnetsein der Welt nicht unveränderbares Ergebnis eines göttlichen Schöpfungsakts, sondern Resultat eines metaphysischen Wandlungsprozesses sei, war nicht ungewöhnlich.65 Sein Versuch, verschiedene „Kriegsverfassungen" als For6l Smith, An lnquiry into the Nature (wie Anm. 60), Bd. 2, 689-Q99. ._. Ebd„ 701-702, 706-708. Smith stellte sich mit dieser Ansicht gegen die Befürworter von Mili· zen, die als kostengünstiger und leichter kontrollierbar galten. Siehe zur Diskussion Ober die Milizen: George J. Neimanis, Militia vs. the Standing Army in the History of Economic Thought from Adam Smith to Friedrich Engels, in: Military Affairs 44 (1980). 28-32; Robert Niklaus, The Pursuit of Peace in the French Enlightenment, in: John Pappas (Hg.), Essays on Diderot and thc Enlightenment in Honour ofOtis Fellows, Genf 1974, 234-235; Lois G. Schwoerer, 'No Standing Arrnies!'. The Antiarrny ldcology in Seventcenth-Century England, Baltimore, London 1974. Siehe zur Diskussion um die Kriegsfinanzierung im 18. Jahrhundert: John Brewer, The Sinews of Power. War, Money and the English State. 1688-1783, London 1989; Charles lngrao, Kameralismus und Militarismus im deutschen Polizeistaat. Der hessische Söldnerstaat, in: Georg Schmidt (Hg.), Stän· de und Gesellschaft im alten Reich, Stuttgart 1989, 171-185; Bernhard R. Kroener, Vom „extraordinari Kriegsvolck" zum ,,miles perpetuus". Zur Rolle der bewaffneten Macht in der europäischen Gesellschaft der Frohen Neuzeit, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 43 (1988), 166-175; Lawrence Stone (Hg.), An Imperial State at War. Britain from 1689 to 1815, London, New York 1994; Dietrnar Stu12er, Das preußische Heer und seine Finanzierung in zeitgenössischer Darstellung. 1740-1790, in: Militllrgeschichtliche Mitteilungen 24 (1978). 23-47. 6S John Miliar, Observations Conceming the Distinctions of Ranks in Society, London 1771; Robert-Jacques Turgot, Tableau philosophique des progres successifs de l'esprit humain (1750); Ders„



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men der militärischen Organisation bestimmten Stufen dieses Prozesses zuzuweisen, und seine hohe Bewertung der Bedeutung der Feuerwaffen waren ebenso wenig neu.66 Schließlich paßte Smiths positive Wertschätzung des Geordnetseins der Welt noch in das mechanistische Weltbild des 17. und früheren 18. Jahrhunderts.6 7 Anders als der in militärischen Dingen durchaus sachkundige Physiokrat Johann Heinrich Gottlob von Justi behauptete Smith jedoch, daß die von ihm angenommene hohe Bedeutung der Feuerwaffen ein Faktor der Entwicklung der „Kriegsverfassungen" als Formen militärischer Organisation sei. Diese Behauptung zwang ihn dazu, gegen die älteren Theoretiker des 18. Jahrhunderts, wie etwa den Polybius-Kommentator Chevalier de Folard68, dem Glauben an die Parallelität der antiken und der „modernen" „Kriegsverfassungen" zu entsagen und die Antike als Alterität der ,,Modeme" zu setzen. Folglich wogen in Smiths Darlegungen die durch den metaphysischen Prozeß der „Zivilisation" bewirkten Veränderungen schwerer als die nachvollziehbaren Kontinuitäten. Sein Respekt vor dem Wandel führte Smith schließlich zu der damals ungewöhnlichen Schlußfolgerung, daß in jeder „society" die Wahl der Waffensysteme und der „Kriegsverfassungen" als Formen militärischer Organisation keineswegs nur den Grundsätzen einer überzeitlichen Rationalität folge69, sondern derjenigen Stufe des Prozesses der „Zivilisation" angepaßt sein müsse, die für eine „society" anzunehmen sei. Smith setzte also gegen die Aggregate verschiedener jeweils für sich wohlgeordneter und statischer sozialer Räume denjenigen geographischen Raum, der durch jeweils eine „society" besetzt war und in den die dort bestehenden aggregativen sozialen Räume absorbiert werden sollten, und flexibilisierte die Ordnungen dieses Raums durch sein Postulat eines allgemeinen metaphysischen Prozesses der ,,Zivilisation".

Plan de deux discours sur l'histoire universelle (1751), in: Ders„ Oeuvres, Bd. 1, hg. von Gustavc Schnelle, Paris 1913, 21 4-235, 275-323, bes. 279-280, 282, 288; siehe dazu: Elizabeth Fox-Genovesc, The Origins of Physiocracy, lthaca, London 1976; Klaus Geneis, Physiokratismus und aufgeklärte Reformpolitik, in: Auflclärung 211 (1987), 75-94; Heinrich Häufle, Auflclärung und Ökonomie. Zur Position der Physiokraten im Siecle des Lumieres, München 1978; Folken HensmaM, Staat und Absolutismus im Denken der Physiokraten, Frankfun 1976; Ernst Hinrichs, Produit net, proprietaire, cultivateur. Aspekte des soiialen Wandels bei den Physiokraten und Turgot, in: Festschrift fUr Hermann Heimpel, Bd. I, Göningen 1971, 471-510; Ulrich Muhlack, Physiokratie und Absolutismus in Frankreich und Deutschland, in: Zeitschrift für Historische Forschung 9 (1982), 15-46; Paolo Rossi, The Dark Abyss ofTime, Chicago, London 1984 (Englische Fassung der Ausgabe Mailand 1979); Manin J. S. Rudwick, The Meaning of Fossils, Chicago, London 21985; Arno Seifen, Verzeitlichung, in: Zeitschrift für Historische Forschung 10 ( 1983), 447-477; Donald J. Wilcox, The Measure ofTimes Past, Chicago, London 1987. 66 Siehe: Johann Heinrich Gottlob Justi, Vergleichung der Europaischen mit den Asiatischen und andern vermeintlich Barbarischen Regierungen, Berlin, Stenin, Leipzig 1762, 212-221 ; siehe zu Justis Militärschriftstellerei: Sikora, Disziplin und Descnion (wie Anm. 17), 95, J 31. " Siehe oben Anm. 1. 68 Jean-Charles de Folard, Histoire de Polybe, nouvellement traduil du grec. Avec un commentaire ou un corps de science militaire, 6 Bde., Paris 1727- J730; siebe dazu: Lee KeMelt, The Chevalier de Folard and the Cult of Antiquity, in: Soldier-Statesmen of the Age of the Enlightenment. Acta, hg. von der Commission Internationale d'Histoire Militaire, Manhattan/Kansas 1984, 17- 22; Hatto H. Schmitt, Polybios und das Gleichgewicht der Mächte, in: Emilio Gabba (Hg.), Polybe, Genf 1973, 67-93. 69 So etwa Justi, Vergleichung der Europäischen (wie Anm. 66), 212- 215.

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3. \Vahrnelunungen Die Flexibilisierung der Ordnungen und die mit ihr einhergehende Dynamisierung der Bewegungen bedingte also die wechselseitige Durchdringung militärischer und anderer sozialer Räume und wirkte dadurch auf die \Vahrnehmung der Soldaten zurück. Das geschah in der \\leise, daß die aus dem 17. und früheren 18. Jahrhundert überkommenen und an \Verten der Steifheit der Glieder und Geradheit der Körperhaltung orientierten militärischen Körperhaltungen in Verrufkamen.10 Derjenige, der die neuen, auf Dynamik und Bewegbarkeit ausgerichteten Haltungen zuerst eingehend schilderte, war wiederum Guibert. Er beschrieb die Grundstellung der Soldaten wie folgt: Der Soldat soll gerade stehen, die Schultern zurückgezogen, die Brust frey und ungezwungen, weil nur in dieser Stellung der Magen und das Zwerchfell die Verdauung und das Atemholen ganz bequem bewirken können. Da die Schultern zurückgezogen sind und die Brust frey ist, so verursacht nothwendiger \\leise dieses vorwärts getragene Gewicht, daß der Bauch ein wenig zurück bleiben muß, um erstem als ein Gegengewicht zu dienen. Der Bauch und die Brust würden, wenn sie allzuweit vorwärts oder allzuweit rückwärts wären, nicht mehr in dem Gleichgewichte seyn, welches einzig und allein die Leichtigkeit, Geschicklichkeit und Freyheit der Bewegungen hervorbringen kan; die Muskeln des Unterleibes würden nothwendiger \\leise gepreßt werden, um eine so außerordentliche Lage anzunehmen; kein Theil des Körpers aber muß auf sich selbst wirken, das ist, weder Zwang noch Zusammenziehen der Nerven verursachen, wenn der Körper in dem Stand der Ruhe ist. Die Hände müssen an den Seiten ohne Steife und ungezwungen herunter hängen und ihrer eigenen Schwere überlassen seyn; kurz zu sagen, auf so eine Art, daß sie von gleichen Gewichten niedergezogen sind und welche die Schultern auf einer Horizontallinie erhalten.... \Venn der Soldat in dieser Stellung ist, so soll er unbeweglich stehen und ein genaues Stillschweigen beobachten; dem ohngeachtet aber nicht etwa einer leblosen Machine, sondern vielmehr einer belebten Bildsäule ähnlich seyn, die alle Augenblicke zu wirken und sich zu bewegen bereit ist. 71 Auffallend an dieser Vorschrift ist die Häufigkeit der Begründungen, die Guibert in seinen Text entgegen der Praxis des 17. und früheren 18. Jahrhunderts einfließen ließ. In den Begründungen stellte Guibert auf Muskelschonung, Leichtigkeit der Bewegung und Bewahrung des Gleichgewichts ohne besondere Kraftanwendung ab. Er verwarf die mechanistische Metaphorik und setzte die Maschine in einen Gegensatz zur Natur. Maschinelle Statik und natürliche Dynamik hielt er für unvereinbar und wandte sich dagegen, ein menschliches Individuum so darzustellen, als wäre es ein Aggregat aus leblosem Material. 72 Hingegen trat Gui'" Dalrymple, A Military Essay (wie Anm. 46). " Guibert, Versuch Ober die Taktik (wie Anm. 49), 163-165. 72 Mehr als zwanzig Jahre später wies der Verfasser des sogenannten „ältesten Systemprogramms des deutschen Idealismus", vermutlich Hegel, den Gebrauch der Maschinenmetapher im Zusammenhang mit Diskursen über den Staat als unpassend zurück; siehe: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (um 1796), in: Christoph Jamme, Helmut Schneidler (Hg.), Mythologie der Vernunft. Hegels „ältestes Systemprogramm des deutschen Idealismus", Frankfurt 1984, 11- 12.

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bert dafür ein, die Soldaten in der Grundstellung mit einer „belebten Bildsäule" (statue animee) zu vergleichen, die jeden Moment sich zu bewegen beginnen könne. Bei dieser aus der Welt der Schausteller stammenden Metapher handelte es sich um einen Ausdruck, der Statik und Dynamik miteinander verschmelzen ließ. Die Bildsäule als solche war Abbild, also statisch, und der Soldat sollte ihr gleich sein, indem er in der Grundstellung so still stand und schwieg, als wäre er leblos. Das war kein entspanntes, bequemes Stehen, sondern ein Stehen in angespannter Unbewegtheit. Jedoch sollte der Soldat sich von der Bildsäule dadurch unterscheiden, daß er über ein Bewegungspotential verfügte, das jederzeit auf Befehl aktivierbar war und zum Einsatz kommen sollte. Die Grundstellung als Ausdruck des Statischen sollte somit die Dynamik künftiger Bewegungen vorbereiten. Wie nach Guiberts Marschvorschrift sollte auch der in der Grundstellung stehende Soldat in sich eine Spannung erzeugen, die sich auf Befehl in Bewegung löste. In Guiberts Beschreibung der Grundstellung wurde der Soldat also zu einem dynamisierten Instrument. Auch mit dieser Aussage nahm Guibert Änderungen der statischen Ästhetik vorweg, die während der Französischen Revolution zum Inhalt amtlicher Vorschriften und seit Anfang des 19. Jahrhunderts Gemeingut der militärischen Organisation in Europa wurden. Infolge dieser neuen Ästhetik waren die Soldaten nicht mehr gehalten, ihre Körper optisch in bewegbare und unbewegt gehaltene Teile zerlegen zu lassen, sondern als Individuen aufzutreten. Der als Einheit wahrgenommene Körper der Soldaten sollte die Quelle jener Spannung und Dynamik sein, die schließlich Clausewitz als schlachtentscheidend beschrieb.73 V. Zusammenfassung zum Biologismus

Hinter Bewegung, Ordnung und Wahrnehmung als Kategorien militärischen Verhaltens stand somit auch im späteren 18. Jahrhundert ein und dasselbe Beschreibungsmodell, jetzt jedoch nicht das der Maschine, sondern das des lebenden Körpers. Der Körper wurde definiert als Einheit, die größer war als die Summe ihrer Bestandteile. Anders als im 17. und früheren 18. Jahrhundert fanden sich in normativen Quellen und Reflexionen über das Militär an der Wende zum 19. Jahrhundert häufig biologistische Metaphern. Sie kennzeichneten das Beschriebene als dynamisch, flexibel und wandelbar. Nicht nur menschliche Körper wurden in biologistischer Weise beschrieben und dargestellt, sondern auch menschengemachte Ordnungen wie Staaten und „societies". Die mechanistischen Aggregate verschiedener sozialer Räume gingen in den integrierten geographischen Räumen auf, die als die Lebensräume von „societies" als integrativen sozialen Gruppen definiert waren. Die Armeen wurden als integrale Bestandteile dieser „societies" aufgefaßt. Im Grundsatz sollte, zuerst in Frankreich seit 1793, danach auch anderswo, jeder Soldat Bürger seines Staats sein. 74 73 Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Berlin 1980 (Neudruck der Ausgabe Berlin 1832), 199-200; siehe dazu: Azar Gat, The Origins of Military Thought from the Enlightenment to Clausewitz, Oxford 1989, 139-250; Kleinschmidt, Spannung (wie Anm. 17). " Die Forderung nach Aufhebung der Grenzen zwischen militärischen und anderen sozialen R4u-

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VI. Schluß

Der Wandel des militärischen Verhaltens am Ende des 18. Jahrhunderts fügte sich somit vollständig in den Umbruch vom Mechanismus zum Biologismus ein. Erbetraf nicht nur Grundsätze von Strategie und Taktik, sondern auch und vor allem Begriffe und Metaphern der Beschreibung. Es geht deswegen nicht an, den Wandel des militärischen Verhaltens mit innermilitärischen Wirkfaktoren wie etwa der Waffentechnik, taktischen Neuerungen oder der Neubestimmung strategischer Ziele zu begründen.75 Denn es ist die tiefer gehende Frage nach den Voraussetzungen der Veränderungen in Waffentechnik, Taktik und Strategie zu beantworten. Diese Voraussetzungen können keineswegs nur im Bereich von Politik und Diplomatie gesucht werden. 76 Denn das Verhalten der Entscheidungsträger in Politik und Diplomatie unterlag denselben Wandlungen wie das Verhalten der Soldaten und Offiziere.77 Ebenso wenig ist es angebracht, nur sozioökonomische Faktoren des Wandels in Betracht zu ziehen78, da der Begriff von „society" oder Gesellschaft als integratives soziales System und die Perzeption wirtschaftlichen Handelns als disäquilibrierender Basisfaktor des Wandels selbst erst im Vollzug des Wandlungsprozesses entstanden, um den es hier geht. 79 Sie fallen daher als allgemeine Faktoren aus.so Hingegen manifestierte sich der Umbruch vom Mechanismus zum Biologismus als Trias der Dynamisierung der Bewegungen, Flexibilisierung der Ordnungen und Ausrichtung der Wahrnehmungen auf die Unterschiede zwischen der belebten und der unbelebten Welt.

men kam jedoch schon in den l 770cr Jahren auf; siehe: Johann Ems1 Faber, Die Vereinigung des Civil und Militär Standes, Göttingen 1771. Faber setzte sich kritisch mit Argumenten auseinander, die Fride· rici, Gründliche Einleitung (wie Anm. 45), geäußert hatte. 15 So unter anderen: David D. Bien, The Army in the French Enlighienment. Reform, Reaction and Revolution, in: Past and Presenl 85 ( 1979}, 68-98; Werner Gembruch, Zur Diskussion um Heeresverfassung und Kriegführung in der Zeit vor der Französischen Revolution, in: Ders„ Staat und Heer, Berlin 1990, 239-256; Eberhard Kessel, Wandlungen der Kriegskunst im Zeitalter der Französischen Revolution, in: Ders„ Militärgeschichte und Kriegstheorie in neuerer Zeit, Berlin 1987, 19-45. 76 So unter anderen: Hans Delbrück, Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Ge· schichte, Bde. 3 und 4, Berlin '1923, 1920; Gerhard Ritter, Staatskunst und Kriegshandwerk, Bd. 1, München '1965. " Kleinschmidl, Conceptualization ofSystems Change (wie Anm. 13}. '18 So schon: Max Weber, Wirtschafi und Gesellschafi, Tübingen '1980, 683-686. 19 So schon: 0110 Brunner, Land und Herrschafi, Darmstadt 1981 (Nachdruck der 5. Aun. Wien 1965), 118-120. •• Sie werden gleichwohl auch in der neueren Forschung noch betont, so durch: Bernd Ulrich, 'MiliUirgeschichie von unten'. Anmerkungen zu ihren Ursprüngen, Quellen und Perspektiven im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschafi 22 (1996), 473-503; Pröve, Zum Verhahnis von Militär und Gesellschafi (wie Anm. 17); Wette, Zum Verhältnis von Militär und Gesellschafi (wie Anm. 17).

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Die neuere militärgeschichtliche Forschung geht von einem Gegensatz zwischen „Militär und Gesellschaft" aus und versucht, mit Methoden der historischen Kritik zu untersuchen, was beide Bereiche zu verschiedenen Zeiten trennte und zusammenfegte. Diese Fragestellung ist aus Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts abgeleitet und beruht auf der Erwartung, daß „ Gesellschaft" als Begriff eindeutig definierbar ist. Diese Voraussetzung ist jedoch for die europäische Geschichte vor dem Ende des 18. Jahrhunderts nicht haltbar. Folglich muß for die Frühe Neuzeit wie auchfor frühere Epochen das Verhältnis des Militärs zu außermilitärischen Lebensbereichen nach anderen Kategorien bestimmt werden. Dies kann geschehen, wenn man von der Beobachtung sozialer Räume als gruppenspezifischen Handlungsräumen ausgeht und danach fragt, wie sich die Vernetzung sozialer Räume in der Zeit wandelt. Für das 17. und 18. Jahrhundert ergibt sich die Möglichkeit, normative Quellen heranzuziehen, die den militärischen sozialen Raum als denjenigen Raum definieren, in dem spezifische Verhaltensregeln bestanden, die Bewegungen, Ordnungen sowie Wahrnehmungen von Bewegungen und Ordnungen festlegten. Im vorstehenden Beitrag wird versucht, den Wandel des militärischen Verhaltens im Verlauf des 18. Jahrhunderts in den allgemeinen Wandel vom Mechanismus zum Biologismus einzuordnen. Vor der Folie des entstehenden Biologismus kann die Auffassung verständlich werden, daß an der Wende zum 19. Jahrhundert der militärische soziale Raum nicht aggregativ neben manch anderen sozialen Räumen bestand, sondern als integraler Bestandteil von „ Gesellschaft" wahrgenommen wurde.

„ War and Society" research takes its starting-point from the investigation of the transformation ofthe relationship between the mi/itary and „society" through the ages. lt takes for granted that the concept ofsociety is definable in general tenns. This assumption is born out by nineteenth- and twentieth-century experiences which, however, do not hold true for the early modern or even earlier periods. Hence the relationship between the military and non-military spheres of life must be determined on other grounds for all periods of European history before the nineteenth century. One possibility is to dejine social spaces as group bound spaces of communication and investigate the changing relationship among these spaces. For the seventeenth and eighteenth centuries, normative sources exist which disp/ay the social space ofthe military as one in which certain patterns of behaviour were enforced that regulated movements, ordering systems as weil as perceptions of movements and ordering systems. In the above artic/e, attempts have been made to categorise the change ofmilitary patterns of behaviour as part and parcel ofthe more general transformation from mechanism to biologism. lt is against the background of this transformation that the military social space was considered as an aggregate which coexisted with various other social spaces up to the second half ofthe eighteenth century, and began to be perceived as an integral part of„society" only at the turn ofthe nineteenth century.

Prof. Dr. Harald Kleinschmidt, Namiki 4-931- 101, Tsukuba-shi. 305--0044. Japan

WINFRIED MÖNCH

,,Rokokostrategen" Ihr negativer Nachruhm in der Militärgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts. Das Beispiel von Reinhard Höhn und das Problem des ,,moralischen" Faktors „Nicht jeder, der die Kunst des Rokokos schlitzte, mußte deshalb auch ein Rokokomensch in seinem Leben sein. Einer der grOß. ten Bewunderer des Rokokos war Friedrich der Große, der in seinen Kriegen und seiner Politik sicherlich keinen Rokokoeinfluß erkennen llßt."1 (Sir) Anthony Blunt (1907- 1983), britischer Kunsthistoriker und Sowjetagent

/. „Stilistische" Betrachtungen Wenn ein Historiker, der kein Spezialist für das 18. Jahrhundert ist,2 die ältere wie neuere Literatur zur mj)jtärischen Geschichte dieser Zeit betrachtet, ergibt sich für ihn ein eigenartig diffuses Bild: Die in diesem Zusammenhang eher unerwarteten Begriffe ,,Aufklärung", „Rokoko" und ,,Zopfzeit" mischen sich in einer eigentümlichen Gemengelage, um einen „Stil der Epoche" zu beschreiben. Der Blick auf diesen „Stil" erweist sich nun als aufschlußreich: Trotz allem historistischen Streben, jede Zeit aus sich selbst heraus zu verstehen und trotz allem Bemühen der Historiker, keine unziemlichen Wertmaßstäbe an die Vergangenheit anzulegen, scheint es Epochen zu geben, die sich im „mainstream" verschiedener historischer Fachdisziplinen keiner sonderlichen Wertschätzung erfreuen. Dazu zählt nun auch die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, die sich über weite Strecken als Zeit einer ,,Dekadenz" darbietet, und zwar nicht nur für die am „Stil" besonders interessierte Kunstgeschichte, sondern auch für die von solchen Betrachtungsweisen vermeintlich besonders weit entfernte Militärge1 Anthony Blunt u. a„ Kunst und Kultur des Barock und des Rokoko. Architektur und Dekoration, Freiburg 1979, 19. ' Im folgenden soll es nicht darum gehen, „Tatsachen" filr das 18. Jahrhundert zu behaupten, oder Thesen für diese Zeit aufzustellen; das Interesse gilt vielmehr den historiographischen Interpretationsmustern dieser Epoche, die die Militargeschichtsschreibung bis heute prägen. Die folgenden Überlegungen entstanden im Zusammenhang mit Forschungen zur Historiographie des Zweiten Weltkrieges und der Invasion von 1944.

Aufklärung 11/2 0 Felix Meiner Verlag, 1999, ISSN 0178-7128

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schichte. 3 Beide Disziplinen tradieren das im 19. Jahrhundert entstandene negative Bild von der überlebten Gesellschaft des 18. Jahrhunderts als Zeit eines höfischen „Rokoko", das sich bar aller „bürgerlichen" Ernsthaftigkeit nur auf sich selbst zu kaprizieren schien. Damit war es in der Sicht vieler Nachgeborener zu Recht dem Untergang geweiht. Albert-Erich Brinckmann (1881- 1958) war einer der wenigen Kunsthistoriker, der dem Rokoko einen eigenen Wert zugestand. In seinem Werk Kunst des Rokoko machte er auch einige Bemerkungen über Schlachtengemälde und künstlerische Darstellungen des Krieges und leitete daraus weitreichende Schlußfolgerungen zum Verständnis der Epoche ab. Er schloß aufgrund seiner intensiven Betrachtung der Rokokokunst, daß man damals nicht mehr „grausam im barocken blutrünstigen Sinn" gewesen sei sondern „geistreich", was auch „eine beschwingte und komplizierte Form der Grausamkeit sein" könne. Die Welt habe im Rokoko auch „Kriege und Kriegsgeschrei gekannt", sie hätten aber in der Kunst nicht mehr die Rolle gespielt wie früher. Brinckmann machte weiterhin die bemerkenswerte Beobachtung: „Sogar Schlachtenbilder bekommen einen charmanten Zug."4 Soweit der Blick des Kunsthistorikers aufs Kriegerische, nun „Stilistisches" von Seiten der Militärgeschichte. Es scheint, daß auch verschiedene Militärhistoriker auf ihrem Forschungsfeld Beobachtungen gemacht haben, die sich im weitesten Sinne ebenso in Brinckmanns Richtung interpretieren ließen. Wie diese Wahrnehmungen dann gewertet wurden, ist eine andere Frage. So analogisierte im Jahre 1874 der Militärhistoriker Max Jähns (1837- 1900) in seinem Vortrag Die Kriegskunst als Kunst die Art des Kämpfens seit der Antike mit den verschiedenen Epochen der Kunstgeschichte. Jähns sah etwa in den Säulenhallen griechischer Tempel das gleiche Prinzip verwirklicht, wie es sich auch in der „hellenischen Phalanx" offenbarte. Der erwachenden Individualität der Künstler in der Renaissance stünden auf kriegerischem Gebiete die Virtuosen der Kriegskunst in Person der Condottieri gegenüber. Jähns konstatierte nun für die ,,Barockperiode der Kriegskunst", daß sich das Exerzieren der Truppen allmählich von seinem eigentlichen Gefechtszweck gelöst habe und zum reinen Selbstzweck geworden sei. Er bemerkte weiter ein „Überwuchern der Paradeformen" und ein „Spielen mit dem konstruktiven Detail"; beides Dinge, die während der „Rokokoperiode der Kunst" ihre „üppigsten Blüten" getrieben hätten und die dann letztlich charakteristisch für die „steife Zopfzeit" geworden seien. s Bei Jähns deutet sich schon bei aller Vorsicht in der Argumentation eine 'Fundamentalkritik' des Rokoko in seiner Übertragung auf den militärischen Bereich an, die gegen Ende des 19. und zu Beginn dieses Jahrhunderts zur vollen Schärfe

' Auch wenn man sich neuerdings von kunsthistorischer Seite aus bemüht, dem Rokoko jenseits des pejorativen Begriffes „Dekadenz" gerecht zu werden, zu mehr als einem „Übergangsphänomen" scheint es in der Bewertung des Stils aber nicht zu reichen, vgl. den Artikel Rokoko, in: Lexikon der Kunst, Bd. 6, Leipzig 1994, 193. • Albert-Erich Brinckmann, Die Kunst des Rokoko (Propyläen-Kunstgeschichte, 13), Berlin 3 1940, 154. s Max J!ihns, Die Kriegskunst als Kunst [1874], in: Geschichtliche Aufsätze von Max Jähns, hg. von Karl Koetschau, Berlin 1903, 97-130, hier 110, 120, Zitat 123.

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auflief.6 Nicht nur das kunsthistorische „Rokoko", sondern auch die geistesgeschichtliche „Aufklärung" schien jetzt, wie es der Militärschriftsteller Carl von Binder-Krieglstein (1869-1905) im Jahre 1893 ausdrückte, einer „ganz philisterhaften Art des Krieges" Vorschub geleistet zu haben. 7 Für den preußischen Generalstabsoffizier und Militärschriftsteller Hugo Freiherr von Freytag-Loringhoven (1855-1924) war das späte 18. Jahrhundert ganz allgemein eine „Zeit des Rückganges in der Kriegskunst". 8 Sein Kamerad Oscar von Lettow-Vorbeck (1839-1904) sprach hinsichtlich der preußischen Armee von einer Zeit des „Stillstandes", der nur mit ,,Rückschritt" gleichbedeutend sein konnte. 9 Dem Historiker Hans Rothfels (1891-1976) erschien die „Rokokokriegführung" 1920 schließlich nur noch als „schöne Scheinwelt".10 Jähns Beobachtung, wonach „Selbstzweck" und „Spiel" die Epoche bestimmt hätten, wurde von vielen zeitgenössischen und nachgeborenen Militärhistorikern geteilt und bis zur Gegenwart immer wieder repetiert. Variationen über das Thema wurden zum Inhalt zahlreicher historischer und militärischer Studien, die im späten 19. und und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Als markantes Beispiel hierfür sei auf den ersten Band von Staatskunst und Kriegshandwerk, das Problem des 'Militarismus' in Deutschland von Gerhard Ritter (1888-1976) hingewiesen, der 1954 erschienen ist. Der Band, der bereits in der Endphase des Zweiten Weltkrieges konzipiert wurde, nahm sich „die altpreußische Tradition" zum Thema. Ein Kapitel hatte als Überschrift „Rationelle Strategie und Kriegspolitik des Rokoko, die gezähmte Bellona". 11 Ritter subsumierte darin eine lange militärhistorische Diskussion unter einen Begriff. Aus Ritters „großem Alterswerk" (Andreas Dorpalen [1911-1982)) 12 sprechen bemerkenswerte Ressentiments gegenüber der „Kriegskunst" des 18. Jahrhunderts. Ritter prägte offenbar auch den Begriff „Rokokostrategie". 13 Gerhard Ritters Verwendung des kunsthistorischen Begriffes „Rokoko" in einem militärhistorischen Zusammen6 Diese Entwicklung einmal für das 19. Jahrhundert eingehender zu untersuchen, wArc sicherlich ein lohnendes Unterfangen. Vgl. allgemein zur Geschichte der Militärtheorie des Jahrhunderts Azar Gat, The Development of Military Thought. The Nineteenth Century, Oxford 1992. 7 Carl von Binder-Krieglstein, Zur Psychologie des Grossen Krieges, Bd. 2: Ein Krieg ohne Chancen, Wien 1893, 56. 8 Hugo Frhr. von Freytag-Loringhoven, Eine Zeit des Rfickganges in der Kriegskunst, in: Vierteljahreshetle für Truppenführung und Heereskunde 2 (1905), 597~8. vgl. Antulio J. Echevarria 11, General Staff Historian Hugo Freiherr von Freytag-Loringhoven and the Dialectics of Gennan Military Thought, in: The Journal of Military History 60 (1996), 471-494. ' Oscar von Lettow-Vorbeck, Der Krieg von 1806 und 1807, Bd. 1: Jena und Auerstedt, Berlin 1891, 38. 10 Hans Rothfels, Carl von Clausewitz. Politik und Krieg, Bonn 1980 (Nachdruck der Ausgabe Berlin 1920), 44. 11 Gerhard Ritter, Staatskunst und Kriegshandwerk. Das Problem des „Militarismus" in Deutschland, 4 Bde„ München 1954-1968, Bd. 1: Die altpreußische Tradition 1740-1890, MOnchen lJ965, 50ff. 12 Andreas Dorpalen, Gerhard Ritter, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Deutsche Historiker, GOningen 1973, 8~99, hier 95. " Riuer, Staatskunst und Kriegshandwerk (wie Anm. l l), 339. Nebenbei sei angemerkt, daß Ritter ansonsten in seinem ganzen vierhändigen Werk kunstgeschichtliche Analogien oder Bezeichnungen gemieden hat.

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hang ist symptomatisch für das schlechte „Image" das der Kriegführung dieser Zeit seit dem 19. Jahrhundert immer mehr anhaftete. Das Spielerische und Unernste, wie es sich in der Kunst ausgedrückt habe, soll sich demnach auch im Wesen der Kriegskunst gespiegelt haben. „Manöverstrategien", mit dem Ziel, möglichst keine Schlachten schlagen zu müssen, hätten zu einer generellen „Unentschiedenheit"14 der Kriege geführt, die somit einem „Kriegstheater" alle Ehre machten. Auch der Historiker Hans Delbrück (1848-1929) bediente sich an einer charakteristischen Stelle der kunsthistorischen Metaphorik. Er schrieb über den „Stil" der napoleonischen Strategie, der „Empire-Styl" lasse mit „seinem Klassizismus, seiner geradlinigen Einfachheit" einen „gewissen Vergleich auch mit der Kriegskunst der Epoche zu." 1s Damit wurde zugleich das Rokoko indirekt als das Gegenteil dieser geradlinigen Einfachheit mitgedacht, was dann erst recht auch für die Kriegskunst dieser Epoche zu gelten hatte. Als die beiden Welten aufeinandertrafen, siegten die neuen Anneen des „Empire" über die alten Heere des ,,Rokoko". - Verlassen wir nun das Rokoko als Kunststil und wenden uns der „Aufklärung" als Denkstil zu.

II. Katastrophe und Katharsis Für Preußen endete das „Ancien Regime" mit zwei Schlachten an einem Tag. Am 14. Oktober 1806 schlugen die Franzosen bei Jena und Auerstedt die preußische Annee vernichtend. Napoleons Triumph zerstörte von einem Tag auf den anderen den Nimbus der preußischen Armee, der ihr seit den Siegen Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg angehangen hatte. Für die preußischen Politiker und Militärs stellte sich nun die Frage nach den Ursachen für dieses Debakel mit aller Dringlichkeit. In einem gewissen Sinne ließe sich sagen, daß die Antworten, die die verschiedenen zeitgenössischen Autoren darauf entwickelten, eine neue Militärgeschichtsschreibung hervorgebracht haben, die ebenso radikal mit den Traditionen brach, wie die revolutionären Anneen mit denen der stehenden Heere. Die neue historische Sicht der Dinge wuchs aus dem Geist der Niederlage. 16 Für Preußen bedeuteten Jena und Auerstedt einen klar definierten zeitlichen Einschnitt. Die Verhältnisse vorher und nachher ließen sich so eindeutig kontrastieren.I' Dies bot zunächst den Militärs, die über ihre Niederlage nachdachten, und später den Historikern, die die Katastrophe analysierten, die seltene Gelegen-

" Vgl. z.B. das Buch des amerikanischen Militärhistorikers Russel F. Weigley, The Age of Battles. The Quest for Decisive Warfare from Brci1enfeld to Waterloo, Bloomington 1991, XIII. Weigley konstatiert eine generelle „Unentschiedenheit" („indecisiveness") der Kriegführung. Diese Vorstellung ist so tief verwurzeh, daß Jeremy Black neuerdings speziell gegen diese These angeschrieben hat, vgl. Jercmy Black, Eighteenth-Century Warfare Reconsidered, in: War in History 1 (1994), 215-232. os Hans Delbrück, Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte, 4. Teil, Neuzeit, Berlin 1962 (Nachdruck der Ausgabe Berlin 1920), 488. " Vgl. Ernst August Nohn, Wehrforschung und historischer Sinn. Zur Geschichte der Kriegsgeschichtsschreibung, in: Wehrwissenschaftliche Rundschau 8 ( 1958), 30-45, 437-451, hier 41. 17 Vgl. Eugen von Frauenholz, Das Heerwesen des 19. Jahrhunderts (Entwicklungsgeschichte des deutschen Heerwesens, 5), München 1941, 11.

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heit, auch erkenntnistheoretisch von scheinbar klaren Zäsuren auszugehen. Die Dichotomie von ,,neu" und „alt" schien mit dem Unterschied von „Sieg" und „Niederlage" gleichbedeutend. Die Historiker und Militärs interessierten sich so eher für die Brüche als für die Kontinuitäten der Geschichte. Außerdem war die militärische Niederlage so schwerwiegend, daß neue Erklärungsmuster gefunden werden mußten, die sowohl die militärischen als auch die gesellschaftlichen und geistigen Rahmenbedingungen des Krieges miteinbezogen. Gründe für die Kriegsentscheidung konnte man nun nicht mehr allein im rein militärischen Bereich suchen.is Gerade in den Schriften von Carl von Clausewitz (1780-1831) und vor allem in seinem Hauptwerk Vom Kriege ließe sich etwa ein solches erkenntnisleitendes Interesse postulieren. Auch seine generelle Frage lautete: Warum war das preußische Heer „wie nie eine Annee" zuvor so „auf dem Schlachtfelde [... ) zugrunde gerichtet" worden?•9 Die politische und historische ,,Aufarbeitung" des Feldzuges bewegte sich auf zwei Ebenen; zum einen der militärtheoretischen, die taktische und operative Probleme sowie die Fragen der Führung untersuchte, zum anderen der gesellschaftspolitischen, die nach den Gründen für den staatlichen Kollaps im Gefolge der militärischen Niederlage forschte. Am Exempel der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt ließen sich beide Ansätze mustergültig verbinden. War es doch die Frage, ob der „militärische" den „moralischen" Zusammenbruch bewirkt habe oder umgekehrt. Nach der Niederlage stieg Preußen in der Reformzeit innerhalb von nur wenigen Jahren wieder aus der Asche und war am Ende der Napoleonischen Kriege wieder als europäische Großmacht restituiert. Doch der Schock der Niederlage saß tief. Die Schlacht von Jena und Auerstedt wurde im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem Symbol von ,,Fall und Wiederaufstieg", das im historischen und politischen Diskurs in Deutschland einen großen Referenzwert hatte. 20 Dies galt gleichermaßen für Autoren der verschiedensten politischen Lager. 21 " Es ware eine spannende Frage, inwieweir die deutsche Kriegsgeschichrsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts generell ihre intellektuellen Wurzeln eben in jener geisrigen Auseinanderserzung mit dieser katastrophalen Niederlage haue. Leider ist fes1:tustellen, daß sich die ,,lclassische" wie auch die ,,moderne" Kriegs- bzw. MiliUirgeschichtsscbreibuog bisher rech! wenig für die Geschichre ihres eigenen Faches zu interessieren scheinen. "Carl von Clausewitz, Vom Kriege [Berlin 1832], hg. von Werner Hahlweg, Bonn "1991, 311. lnwieweir eine spätere Geschichisschreibung durch die Antworten, die Clausewirz auf diese Frage selbst gab, vorgeprligt wurde, ware noch im einzelnen zu unrersuchen. Vgl. zum Thema Clausewirz als Historiker Peter Parer, Clausewirz und der Staat. Der Mensch, seine Theorien und seine Zeit, Bonn 1993, 404 ff. Erst neuerdings sieh! man auch wieder die „posiriven" Aspekle der preußischen Armee vor Jena und Auerstedr, vgl. Dennis E. Showalter, Hubertusberg to Auerstadr. The Prussian Army in Decline?, in: German Hisrory 12 (1994), 308-333. Der Aufsarz ist Teil eines Themenheftes mit dem Titel Prussia from Rossbach 10 Jena. 20 Vgl. zur „Metapher Jena 1806, Niederlage und Wiederaufsrieg" JOrgen John, ,Jena 1806". Symboldatum der Geschichre des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Gerd Fesser, Reinhard Joascher (Hg.), Umbruch im Schauen Napoleons. Die Schlachten von Jena und Auerstcdt und ihre Folgen (Jenaer Studien, 3), Jena 1998, 177-195, hier 181, vgl. auch 188. Im übrigen ist der Aufsarz eine hervorragende Quelle zur Men1ali1at einer sich auf eine ,,moderne" Mili1argeschich1SSCbreibung stOrzenden Argumentation. 21 Vgl. als sozialdemokratische Varianre Hugo Schulz, Blut und Eisen. Krieg und Kriegenum in al1er und neuer Zei1, Bd. 2, Berlin o. J. [1906], besonders 677-{;82 und 746-754.

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In diesen Zusammenhang gehören auch die einflußreichen Studien, die der preußische Offizier und Militärschriftsteller Colmar Freiherr von der Goltz (1843-1916)2l über die Schlachten des Feldzuges von 1806/07 verfaßt hat. Als historische Beispiele dienten sie von der Goltz zur Illustration 'zeitloser Wahrheiten'. Im Titel des 1883 erschienenen Buches Roßbach und Jena23 wurden Sieg und Niederlage anhand zweier Schlachten umschrieben. Beide Schlachtfelder liegen geographisch nahe beinander; in beiden Schlachten stellten sich preußische Truppen gegen eine vordringende französische Armee. Symbolisch bezeichnete „Roßbach" aber den Sieg der „alten" Armee Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg, „Jena" aber den Untergang eben dieser in der Vergangenheit befangenen Armee. In französischer Sicht bedeutete dagegen die Schlacht von 1757 die Krise des „Alten" und „ 1806" den Triumph des revolutionären „Neuen". Zum hundertsten Jahrestag der preußischen Katastrophe brachte von der Goltz 1906 die zweite Auflage seines Werkes unter dem Titel Von Roßbach bis Jena und Auersredr. in einer vollständigen Neubearbeitung heraus. 24 Die erste Fassung von 1883 war noch relativ zurückhaltend im Urteil, was das preußische Militär des Ancien Regime im allgemeinen anging. In der Neuausgabe hatte er dafür nur noch Hohn und Spott übrig. Die „unter der 'Sonne der Aufklärung' keimenden Blüten"2S sollten sich seiner Meinung nach für das preußische Militär als verhängnisvoll erweisen. Insbesondere hatte es ihm der „kaltsinnige, klügelnde" Teil der militärischen Aufklärung angetan, der bar allen „Enthusiasmus" und mit fehlender „Einfachheit"26 dem „starren Doktrinarismus eines gelehrten Militärprofessors" 27 gefröhnt habe. Von der Goltz kommt zu dem vernichtenden Urteil: „Ein echter Stratege jener Epoche glaubte, ohne Logarithmentabelle nicht mehr drei Mann über die Gosse führen zu können."28 Er machte als Hauptgrund für die Niederlage von 1806 generell „die verkünstelte Auffassung der Kriegführung" verantwortlich, die durch die „Einwirkung des in seichter Aufklärung, falscher Humanität, Genußund Selbstsucht entarteten Zeitgeistes auf das Heer" bedingt worden sei. Das Heer habe des „Kriegsfeuers" entbehrt und sei „friedensselig" geworden. 29

22 Colmar von der Goltz un1errich1ete zeitweise als Lehrer für Kriegsgeschichte an der Kriegsakademie in Berlin, mehrere Jahre war er als preußischer Militärberater im Osmanischen Reich tätig und brach1e es don zum veritablen Pascha. Im Ersten Weltkrieg wurde er osmanischer Heerführer. Es mag durchaus sein, daß er in der TOrkei das aktuelle Betätigungsfeld sah, um im Sinne seiner aus der Geschichle abgeleiteten Thesen vom ruhmreichen Wiederaufstieg nach einer militärischen Katastrophe zu wirken. Eine wissenschaftliche Biographie sieht aus, vgl. einstweilen Hermann Teske, Colmar Freiherr von der Gohz. Ein Kämpfer f'Or den militärischen Fonschrill (Pcrsönlichkeil und Geschichle, 6), Göttingen 1957. 2J Colmar Freiherr von der Goltz, Roßbach und Jena. S1udien über die Zustände und das geis1ige Leben in der preußischen Armee während der Übergangszeit vom 18. zum 19. Jahrhundert, Berlin 1883. 2• Colmar Freiherr von der Goltz, Von Roßbach bis Jena und Auers1ed1. Ein Beitrag zur Geschichte des preußischen Heeres, Berlin 1906. 2i von der Goltz, Von Roßbach bis Jena und Auers1edt (wie Anm. 24), 509. 26 von der Goltz, Von Roßbach bis Jena und Auers1ed1 (wie Anm. 24), 522. 27 von der Goltz, Von Roßbach bis Jena und Auerstedl (wie Anm. 24), 476. ia von der Goltz, Von Roßbach bis Jena und Auers1ed1(wie Anm. 24), 361. 2• von der Golrz, Von Roßbach bis Jena und Auers1ed1 (wie Anm. 24), 539.

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In seinem im folgenden Jahr erschienenen Anschlußband Von Jena bis Pr[eußisch] Eylau behielt von der Goltz den verächtlichen Tenor bei, ja er steigerte ihn stellenweise sogar noch, so etwa wenn er auf die katastrophalen „Folgen des Kosmopolitismus, der Friedensseligkeit, der Humanitätsduselei und der entarteten Kriegführungsweise der vorjenensischen Zeit" zu sprechen kam.30 In diesem zweiten Buch zum Krieg von 1806/07 beschreibt er den Selbstreinigungsprozeß, den die preußische Armee nach ihrer Niederlage bei Jena und Auerstedt stellenweise durchlaufen und der den „preußischen Waffenruhm" wiederhergestellt habe. Höhepunkt dieses Prozesses sei die Schlacht von Preußisch Eylau am 8. Februar 1807 gewesen. Die französische Armee konnte an diesem Tag gegen die verbündeten Russen und Preußen nur ein unter großen Verlusten erkauftes „Unentschieden" erreichen. Am Ausgang des Krieges änderte die Schlacht zwar nichts, es zeigte sich aber hier, „daß nicht erst durch die Schlachten der Befreiungskriege, sondern schon bei Pr. Eylau die alte Armee sich vor dem Urteil der Geschichte gerechtfertigt habe." 31 Seine Charakterisierung der Strategen der alten Zeit ist so prägnant, daß es sich lohnt, den Wortlaut vollständig zu zitieren: „Abgetreten von der Bühne waren die gelahrten, die aufgeklärten Führer, die am liebsten durch Kunst, ohne Blutvergießen gesiegt hätten, die den Feind durch die überwältigende Macht ihres strategischen Calcüls und durch ihre wissenschaftliche Ansicht von der Kriegführung überwunden hätten, wenn er nur nicht so roh gewesen wäre, vor ihren Winkeln und Linien, ihren Barrieren und Wirkungssphären keinerlei Respekt zu haben."3 2 Mit anderen Worten: es handelte sich bei den von der Aufklärung beeinflußten preußischen Offizieren um weltfremde Theoretiker, die das brutale Wesen des Krieges nicht begreifen wollten und die deshalb ihre Strafe in Form einer vernichtenden Niederlage zu Recht verdient hatten. Ähnliche Werturteile, wie sie von der Goltz gefällt hatte, fanden sich später auch bei weiteren Autoren, sei es vor3J, sei es nach dem Zweiten Weltkrieg.34 Im Grunde teilte auch Gerhard Ritter die Auffassung eines von der Goltz. Auch er argumentierte, daß die Politiker des 18. Jahrhunderts „vom Geist des ,,klügelnden Berechnens" befallen gewesen seien und daß nirgendwo eine „starre, klügelnde Doktrin" so wenig am Platze sei wie gerade im Krieg. Vor allem aber sei das Berufsheer eine überlebte Institution gewesen. An die Stelle „des seelenlosen Machtinstruments" hätte daher folgerichtigerweise die „kämpfende Nation" selbst treten müssen.Js

30 Colmar Freiherr von der Goltz, Von Jena bis Pr. Eylau. Des alten preußischen Heeres Schmach und Ehrenrenung. Eine kriegsgeschichtliche Studie, Berlin 1907, 201. Bemerkenswert an dem Buch ist auch die geforderte Bereitschaft, Verluste beliebiger HOhe hinzunehmen, wenn es nur um einen „ Verzweinungskampt" geht, und „Krieg" wird hier immer als solcher gesehen. Begrenzte Ziele und Mine! sollten als Charakteristikum einer überwundenen Zeit gelten. Siehe dazu 48. >1 von der Goltz, Von Jena bis Pr. Eylau {wie Arun. 30), IV. u von der Goltt, Von Jena bis Pr. Eylau {wie Arun. 30), 49. 33 Vgl. z.B. Major Diumar, 1806. Der Zusammenbruch einer pazifistischen Gedankenwelt, in: Wissen und Wehr 12 {1931), 487-498. >• Vgl. z.B. Hans Wachtier, Die Ursachen des jähen Zusammenbruchs Preußens im Jahre 1806, in: Wehrwissenschaftliche Rundschau 8 (1958), 571- 571 . " Riner, Staatskunst und Kriegshandwerk {wie Anm. 11), 74, 77, 67.

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Dies ist eine Auffassung, die Ritter mit einer der schillerndsten Gestalten der deutschen Historiographie teilte. Er verwies im Quellenanhang zu Staatskunst und Kriegshandwerk nachdrücklich auf das Werk eines bestimmten Schriftstellers, den er auch besonders positiv hervorhob.36 Ritters eigene Interpretation der ,,Rokokostrategie" scheint über weite Strecken dessen Vorgaben gefolgt zu sein. Bei dem Autor handelte es sich um Reinhard Höhn (* 1904)37 und sein 1944 erschienenes Werk Revolution, Heer, Kriegsbild. 38 Dieses umfangreiche Buch Höhns stellt die bis heute fundierteste Auseinandersetzung mit der Entwicklung des militärischen Denkens von der Aufklärung bis zu den Befreiungskriegen dar. Es ist nicht zuletzt durch seine Quellenerschließung nach wie vor von solch einer Bedeutung, daß es von keiner einschlägigen Arbeit ignoriert werden konnte und kann. 39 Seine andauernde Wirksamkeit zeigt sich nicht zuletzt auch in Höhns mehrfach aufgelegter Biographie des preußischen Generals und Militärreformers Gerhard von Scharnhorst (1755-1813) 40, die auf diesem Werk gründet. 41 Der Historiker Ulrich Herbert (* 1951) zählte Höhn in seiner 1996 erschienen Biographie über Werner Best (1903-1989) zu den „SS-Intellektuellen''. 42 Als solcher gehörte Höhn während des Dritten Reiches zum Führungskader des nationalsozialistischen „Sicherheitsdienstes" (SO). Er war Professor für öffentliches Recht und Direktor des ,,Instituts für Staatsforschung" in Berlin und bekleidete den Rang eines SS-Standartenführers. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er Karriere 'in der Wirtschaft'. In zahlreichen militärhistorischen und ökonomischen Studien verfolgte er seine Sicht der Geschichte konsequent (und bis heute einflußreich) weiter. Höhns literarische Produktion ist zu umfangreich und zu vielschichtig, als daß man sie im Rahmen eines Aufsatzes auch nur annähernd würdigen könnte.•3 Im folgenden soll daher nur auf ein „Leitmotiv" hingewiesen werden, das Höhns wissenschaftliche Arbeit seit Anbeginn durchzogen hat. Doch bevor wir auf einige Thesen Höhns näher eingehen, müssen wir noch ein wenig ausholen.

Riucr, S1aatskuns1 und Kriegshandwerk (wie Anm. 11), 339. Eine Biographie Hohns steht noch aus. Eine solche ist ein Desiderat der Forschung. Teilaspekte seiner politischen Tätigkeit während des „Dritten Reiches" werden in zwei neueren Werken gestreift: Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien Ober Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1989, Bonn 1996, und Lutz Hachmeister, Der Gegnerforscher. Die Karriere des SS-FOhrers Franz Alfred Six, Manchen 1998. 38 Reinhard Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbild, Dannstadt 1944. l9 Vgl. z. B. Detlef Bald, Perspektiven der Militargeschichte. Der Gegenwart Grundlagen geben, Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr {SOWl-Arbcitspapier, 33), München 1990, 7 ff. "° Reinhard Hohn, Schamhorsts Verml!chtnis, Bonn 1952, 3. Aun . unter dem Titel Schamhorst. Soldat, Staatsmann, Erzieher, München, Bad Harzburg 1981. 4 1 Vgl. Bruno Thoß, Allgemeine Wehrpnicht und Staatsbürger in Uniform. Scharnhorst-Forschung und Schamhorst-Rezeption in der Bundesrepublik und in der Bundeswehr, in: Eckhardt Opitz {Hg.), Gerhard von Schamhorst. Vom Wesen und Wirken der preußischen Heeresreform, ein Tagungsband (Schriftenreihe des Wissenschaftlichen Forums fllr Internationale Sicherheit e.V. [WIFIS], 12), Bremen 1998, 147-162. Zur stilprägenden Bedeutung von Höhn vgl. 151. • ? Herben, Best (wie Anm. 37), 286. •l Vgl. das umfangreiche, offenbar bei weitem nicht vollständige Schriftenverzeichnis von Gisela Böhme, Sybille Jegodzinski, Ono Roller. Spiegel des Schaffens. Eine Bibliographie der Schriften und Aufsätze von Reinhard Höhn, Bad Harzburg l 1984. l6 l7

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III. Die Trinität von militärischen, moralischen und ökonomischen Faktoren

Seit Ende des 19. Jahrhunderts bildeten sich in der Militärtheorie zwei gegensätzliche Positionen heraus. Die Frage war, ob die Kriegsentscheidung allein im militärischen, d. h. im Schlachtenerfolg zu suchen sei, oder ob nicht etwa außermilitärische Faktoren wie etwa die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen („Potentiale") der kriegführenden Staaten als die wirklich kriegsentscheidenden Faktoren anzusehen seien. Die Obsession vieler „schlachtenverrückter"44 Militärtheoretiker des 19. Jahrhunderts für den Primat der „Entscheidungsschlacht"45 stand zur Diskussion, wenn nicht gar generell zur Disposition. Der „Strategiestreit" zwischen Hans Delbrück und der historischen Abteilung des preußischen Generalstabes über die Interpretation des Siebenjährigen Krieges ist über weite Strecken eigentlich ein Streit um die Rolle der militärischen bzw. der außermilitärischen Faktoren für die Entscheidung des Krieges.46 In der vor dem Ersten Weltkrieg aktuellen strategischen Planung wie in der dazu parallelen historischen Kontroverse gab es für den deutschen Generalstab nur den Primat der Schlachtentscheidung. Delbrück dagegen sah in der „Ermattung" der schließlich Unterlegenen den entscheidenden Faktor im Siebenjährigen Krieg. Gegenüber dem eng militärischen Blickwinkel des Generalstabes war Delbrücks Position weiter ausgreifend und gesellschaftsbezogen. Der „Sieg" in der Schlacht bedingte gemäß der ersten These auch fast automatisch den „Sieg" im Krieg, während bei einem Primat der ,,Ermattung" neben der Schlachtentscheidung auch außermilitärische Faktoren von entscheidender Bedeutung sein konnten. 47 Vor dem Ersten Weltkrieg war eine solche Debatte nur vordergründig ein Streit um historische Fragen. Im Grunde war es eine verdeckte Auseinandersetzung um die strategischen Grundprämissen eines vom deutschen Generalstab geplanten oder zumindest anvisierten zukünftigen Krieges, der dann zum Ersten Weltkrieg werden sollte. Die von den Deutschen geplante und die für sie siegreiche ,,Entscheidungsschlacht" solJte es dann bekanntlich nicht geben. ,,Material"- und ,,Abnutzungsschlachten" bestimmten das Bild, und es schien, daß am Ende nur der gesiegt hatte, der in der Lage gewesen war, mehr Männer und Material ins Feld zu

„ Hans Rothfels, Clausewitz, in: Edward Mead Earle (Hg.), Malccrs of Modem Strategy. Military Thought from Machiavelli to Hitler, Princeton 1943, 93-113, hier 93. Rothfels gebrauchte die Be· zeichnung „banle-mania". Der Begriff ist auch so eine folgenschwere Erfindung des 19. Jahrhunde.rts, vgl. Edward Creasy, The Fifleen Decisive Battles of the World. From Marathon to Waterloo, 2 Bde„ London 1851, vgl. da· zu John Keegan, Das Antlitz des Krieges, Düsseldorf 1978, 400f. " Vgl. zur Geschichte der Kontroverse die Darstellung von Sven Lange, Hans DelbrOck und der „Strategiestreit". Kriegführung und Kriegsgeschichte in der Kontroverse 1879-1914 (Einzelschriften zur MiliUlrgeschichte, 40), Freiburg 1995. Hier auch die Einzelnachweise der verschiedenen Streit· schrillen. Vgl. auch Arden Bucholz, Hans Delbrück and the German Military Establishment. War lma· ges in Connict, lowa City 1985. " Die Debatte ist bis heute noch nicht ausgestanden. So fordert etwa Martin Raschke (* 1961) „der militärgeschichtliche Beitrag" zur Erforschung dieser Frage mOsse eigentlich „den 'Kantons' gelten, nicht den 'Peletons', siehe Martin Raschke, Der politisierende Generalstab. Die friderizianischen Kriege in der amtlichen deutschen Militärgeschichtsschreibung 1890-J914 (Einzelschriften zur Militärge· schichte, 36), Freiburg 1993, 168.



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stellen. Der Sieg im Ersten Weltkrieg fiel der Seite zu, die genügend Mittel hatte, einen „Ennattungskrieg" durchzustehen. In unserem Zusammenhang ist es nicht wesentlich, ob Friedrich der Große eine „Ermattungs-" oder ob er eine „Vernichtungsstrategie" in der Sicht der Protagonisten des „Strategiestreites" verfolgt hat oder nicht. Wesentlich ist, daß sich der Streit um den Stellenwert der rein militärischen gegenüber den eher außermilitärischen Faktoren gedreht hat. Damit war dieser Streit Teil einer allgemeineren militärtheoretischen Diskussion. Der russische Publizist Johann von Bloch (1836-1902) eröffnete 1900 die Debatte um die Bedeutung des volkswirtschaftlichen Faktors für das 20. Jahrhundert mit seinem sechsbändigen Werk Der Krieg. 48 Darin versuchte er nachzuweisen, daß Kriege von nun an nicht mehr führbar seien, da sie unweigerlich den Zusammenbruch der am Krieg beteiligten Volkswirtschaften bedeuten würden. Die Erfahrungen sollten dann aber zeigen, daß diese Volkswirtschaften einen modernen Krieg überhaupt erst ermöglichten und daß die Mächte zum militärischen nun auch noch einen „zivilen" Krieg auf wirtschaftlichem und propagandistischem Gebiet führten. Dabei schien der Verlauf des „zivilen" Krieges letztlich von entscheidender Bedeutung zu sein. Diese Problematik wurde nach den traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges zum Kern einer international geführten Debatte. Es sei hier nur auf ein prägnantes Beispiel verwiesen. Der britische Marinehistoriker J. Holland Rose (1855-1942) stellte 1926 fest, daß die moderne Kriegführung, wie man sie noch frisch aus dem Ersten Weltkrieg in Erinnerung hatte, zur kolossalen Farce geworden sei. Eine rein militärische Kriegsentscheidung schien nicht mehr möglich, da die ganze moderne Kriegführung im militärischen Bereich zielstrebig auf ein „Unentschieden" hinauslaufe. In seiner Aufsatzsammlung The lndecisiveness of modern war and other essays stellte er fest, daß der Kampf sowohl der Flotten wie der Anneen gegeneinander keine kriegsentscheidenden Folgen mehr zeitige. Die Tendenz der Kriegführung richte sich daher von nun an immer mehr gegen die Zivilbevölkerung. Dies geschehe in Fonn von Seeblockaden und durch die Zerstörung der feindlichen Städte aus der Luft. Das eine sei dem Wirtschaftskrieg zuzurechnen, das andere diene der Erschütterung der Moral der feindlichen Bevölkerung. 49 Insofern war ein „strategischer Luftkrieg" gegen Städte etwas vollkommen Neues: die Ziele der Militärs waren rein „zivil". Die Bekämpfung der feindlichen Luftwaffe wurde damit zum nachgeordneten Nebenzweck und nur noch notwendige Voraussetzung für den eigentlichen Krieg gegen die Zivilbevölkerung.

'' Johann von Bloch, Der Krieg. Übersetzung des russischen Werkes des Autors, der zukOnflige Krieg in seiner technischen, volkswirtschaftlichen und politischen Bedeutung, Berlin 1899. •• J. Holland Rose, The lndecisiveness ofmodem War and other Essays, London 1927, 48. Vgl. z.B. auch Eugen von Frauenholz, Das Hcerwesen in der Zeit des Absolutismus (Entwicklungsgeschichte des Deutschen Heerwesens, 4). München 1940, 47, wo er im Hinblick auf eine „Ehrenrettung" der kriegswissenschafilichen Werke aus der Zeit des Absolutismus feststellt, daß der Erste „Weltkrieg selbst, in dem wir trotz vieler militärischer Siege schließlich unterlagen", ja ein „Beweis" dafür sei, „daß Kriege nicht allein auf dem Schlachtfelde entschieden werden."

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IV. „Der Weltkrieg ist noch nicht entschieden" Höhn ist Jahrgang 1904. Er war damit Zeuge der „Kriegsbegeisterung" am Beginn des Ersten Weltkrieges und der Erosion des Willens zum Krieg und, wie es schien, des „Willens zum Sieg" 50 an dessen Ende. Mit seiner Generation verband ihn die ausgesprochene Aversion gegen das Bürgertum und die jugendbewegte Begeisterung für dessen Überwindung mittels einer radikalen Umgestaltung der Gesellschaft. Die Zeit sei reif für eine neue elitäre „Garde der Nation" meinte Höhn 1929 in seinem Buch über den Gründer des ,,Jungdeutschen Ordens" Artur Mahraun. 51 Höhns historischer Standort und intellektueller Ausgangspunkt ist das Deutschland der 1920er Jahre, das unter der Niederlage im Ersten Weltkrieg litt und das sich unter den Bedingungen des Versailler Vertrags genauso geknechtet sah wie das Preußen unter der Herrschaft Napoleons. Die „Revolution" als Grundlage für einen zukünftigen „Sieg" stand damals noch aus. Höhn vertrat 1929 in seinem Buch Der bürgerliche Rechtsstaat und die neue Front die Meinung, ein Volk könne einen Krieg verlieren, denn dieser entscheide nicht über dessen Schicksal. Ein Volk dürfe allerdings „keine Revolution verlieren", denn sonst sei es „für Jahrhunderte erledigt". Der „Weltkrieg" sei „noch nicht entschieden". Die letztliche Entscheidung falle erst nach der noch ausstehenden „Revolution des 20. Jahrhunderts", die Höhn in ihrer politischen Funktion analog zu der des 18. Jahrhunderts setzte. Höhn postulierte in seiner Schrift auch den Gedanken von der Unbesiegbarkeit des revolutionären Staates. Dieser werde in seiner „neuen Einheit" gegen seine Feinde („Staaten westlichen liberalen Geistes") triumphieren. Diese Staaten sollten sich in „derselben Lage" befinden „wie die Armeen der absoluten Herrscher, die gegen die revolutionären Ideen von 1789 in Bewegung gesetzt wurden." Höhn warnte dann noch pathetisch: „Mögen sie sich hüten vor einer Kanonade von Valmy!"S2 Die von Höhn 1929 ersehnte „Revolution" zeichnete sich nun aber mit Aufkommen des Nationalsozialismus und dessen Willen zum Krieg deutlich am Horizont ab. Höhn forschte in den zwanziger und dreißiger Jahren in Hinblick auf einen „Zukunftskrieg", der dann zum Zweiten Weltkrieg werden sollte. Doch bevor dieser Krieg mit sicherer Aussicht auf Erfolg gewagt werden konnte, mußte die deutsche Gesellschaft genauso 'durchrevolutioniert' werden wie seinerzeit die "' So der Buchlitel eines deutschen Generals und Milit§rschriftstellers, der sich in den 1930/40er Jahren gleichfalls sehr für die „moralischen Größen" im Krieg interessiert hat. Vgl. Friedrich von Cochenhausen, Der Wille zum Sieg. Clausewitz' Lehre von den dem Kriege innewohnenden Gegengewichten und ihrer Überwindung, erl§utert am Feldzug 1814 in Frankreich, Berlin 1943. " Reinhard Höhn, Artur Mahraun, Der Wegweiser zur Nation. Sein politischer Weg, Aus seinen Reden und AufslUzen, Rendsburg 1929, 143. n Reinhard Höhn, Der bfirgerliche Rechtsstaat und die neue Fron!, die geis1esgeschich1lichc Lage einer Volksbewegung, Berlin 1929, 133 f. Höhn griff diesen Gedanken während des Zweiten Weltkrieges vor und nach dem deutschen Sieg über Frankreich 194-0 dann noch einmal auf, vgl. Höhn, Frankreichs Demokratie und ihr geistiger Zusammenbruch (Forschungen zum Staats- und Verwaltungsrecht, Reihe A, 1). Darmstadt 1940, 65, und Ders., Frankreichs demokratische Mission in Europa und ihr Ende (Forschungen zum Staats· und Verwaltungsrecht, Reihe A, 3), Darmstadt 1941, 151tT. Die Schriften von 1929 und 1940 waren, wenn man so will, „prophetisch", die von 1941 war „historisch". An der Argumentation änderte sich fre.ilich wenig.

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preußische Gesellschaft während der Reformzeit. Höhns Interesse und seine historischen Untersuchungen waren also anwendungsorientiert, und d. h. höchst politisch. Höhn sah eine große Analogie zwischen dem Siebenjährigen Krieg und den Kriegen Preußens gegen Frankreich 1806/07 und 1813/ 1815 einerseits und dem Krieg von 1870171 und dem Ersten Weltkrieg andererseits. In beiden Fällen folgte nach einem glänzenden und vielfach unerwarteten Sieg Preußens und seiner Verbündeten eine katastrophale Niederlage. Die Existenz des „Staates" stand auf dem Spiel. Nach den Niederlagen von 1806 und 1918 war nämlich ein ,,morscher" Staat mehr oder weniger reibungslos in sich zusammengefallen. In beiden Fällen war es nach Höhn das „Bürgertum", das aus unterschiedlichen Gründen dafür hauptsächlich verantwortlich war. Im 18. Jahrhundert habe es an dessen gesellschaftlicher Abseitsstellung hinsichtlich der Kriegsanstrengungen gelegen; im 20. Jahrhundert habe es seine historische Mission erfüllt und müsse daher abtreten. Aus der militärischen Katastrophe Preußens in der Schlacht von Jena und Auerstedt im Jahre 1806 erwuchs dann aber die geradezu revolutionäre Umgestaltung des preußischen Staates, die zur Grundlage des schließlichen Triumphs über das napoleonische Frankreich in den Befreiungskriegen der Jahre 1813-15 führen sollte. Höhn schätzte die preußischen bzw. deutschen Siege im Siebenjährigen Krieg und im Krieg von 1870171 demgegenüber nicht sonderlich hoch ein. Sie waren zwar für sich gesehen bemerkenswerte Höhepunkte, sie markierten aber auch die Ausgangspunkte, von denen aus es dann geradewegs in die Katastrophe ging. Höhn interessierte sich nicht primär für die Faktoren der preußischen Siege, sondern für die Gründe der preußischen bzw. deutschen Niederlagen. Höhn hatte damit einen anderen Blickwinkel als die „traditionellen" Militärhistoriker. Höhn suchte nicht nach dem „Positiven" oder Vorbildhaften in der Vergangenheit, das als Richtschnur für gegenwärtiges Handeln dienstbar gemacht werden könnte. Höhn fragte vielmehr nach dem „Negativen", das die beiden Niederlagen letztlich verursacht hatte, und er beschränkte sich dabei keinesfalls auf die militärischen Ursachen, sondern suchte diese im Kern der Gesellschaft. Höhn sah in der Vergangenheit einen 'Dreisprung' von Sieg, Katastrophe und „Endsieg". Indem er diese historische Analogie auf seine politische Gegenwart bezog, ergab sich für ihn dadurch eine klare Zukunftsperspektive. Höhns gesellschaftliches Idealbild war die Zeit der Befreiungskriege 1813/ 14. Hier gab es die in den l 920er Jahren so schwer vermißte innere „deutsche Einheit" in Form eines „Bündnisses zwischen Regierung und Nation" .~3 Hier war schon einmal das so sehr angestrebte Einswerden aller gesellschaftlich relevanten Gruppen vor einem gemeinsamen Kriegsziel erreicht worden. 54

5l Vgl. HOhn, Schamhorsts Vermächtnis (wie Anm. 40), 5. HOhn verweist im Vorwort zu diesem Buch noch einmal ausdrilcklich auf Scharnhorst als den Schöpfer dieser umwälzenden politischen Konzeption. :w Unter dieser Perspektive ließe sich auch Hohns umfangreiches Werk zum Thema Bürgertum und Sozialdemokratie in ihren jeweiligen zeitbe.dingten Konflikten mit dem „Heer" ebenso interpretieren, wie seine Darstellung der Versuche, das „Heer" als nationale „Erziehungsschule" zu begreifen. Bemerkenswert ist dabei sein anhaltendes Erkenntnisinteresse, das auch nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges beständig in dieselbe Richtung ging. Vgl. Höhn, Verfassungskampf und Heereseid. Der

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Höhns frühes Oeuvre läßt sich bis 1945 im weiten Feld der deutschen Debatten um die „Dolchstoßlegende" verorten. Doch anders als in der kruden Fonn der Legende, bei der „dunkle Mächte", „politische Schurken" oder „Verräter" für die Niederlage verantwortlich gemacht wurden, interessierte sich Höhn für die (fehlende) geistige Widerstandskraft und den (mangelnden) Durchhaltewillen einer ganzen Gesellschaft im Krieg. ss Höhn grenzte nicht irgendwelche „Verräter" aus, sondern suchte nach dem „geistigen Verrat", der alle und jeden „befallen" könne. Es genügte ihm nicht mehr, 'nur mitzumachen'. Das wäre ihm zu wenig und würde nur bedeuten, ,,Besseres" zu verhüten. Gefordert war jetzt ein unbedingter „Enthusiasmus". Höhns Interesse galt also weniger dem Handeln als den Hirnen der Handelnden. Höhns „geistige Mobilisierung" zielte nicht auf die „Masse", sondern auf die ,,massenhafte" Mobilisierung der Einzelnen. Und die Frage nach dem „Enthusiasmus" stellte sich für ihn, wie schon für die Zeit von 1806/07, auch nach 1918/19 wieder neu.

V. Ein „Kriegsbild" Höhn belegte „Rokoko" und „Aufklärung" nicht mit moralischen Werturteilen, sondern stellte deren Aufkommen nur sachlich fest und analysierte sie hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf das Bestehende. In seiner 1929 veröffentlichten Dissertation Die Stellung des Strafrichters in den Gesetzen der französischen Revolutionszeit stellte er allgemein über die Aufklärer im Rechtswesen fest: „Die Zeit war reif: Es ist wie bei allen großen Geschehnissen: wenn die Zeit für sie da ist, treten Männer auf, die sie verwirklichen. Ohne Übergang plötzlich sind sie da." Doch damit nicht genug: „Die Ideen" der Aufklärung hätten ,,mit einer solchen Gewalt" eingeschlagen, „wie es eben nur möglich" sei, „wenn die Zeit einer alten Epoche erfüllt ist und eine neue anbricht."'0 Höhns These vom instantanen Auftreten des „Neuen" ließ sich problemlos vom juristischen auf den militärischen Bereich übertragen. Genau dies tat er dann auch in seiner monumentalen Studie Revolution, Heer, Kriegsbild, die im Kriegsjahr 1944 trotz Zeiten allgemeinen Papiennangels mit mehr als 700 Seiten erschienen ist.S 7

Kampf des BOrgertums um das Heer, 1815-1850, Leipzig 1938; zeitlich wie inhaltlich daran anschließend: Ders., Sozialismus und Heer, Bd. 1: Heer und Krieg im Bild des Sozialismus, Bd. 2: Oie Auseinandersetzungen der Sozialdemokratie mit dem Moltkeschen Heer, Bd. 3: Der Kampf des Heeres gegen die Sozialdemokratie, Bad Homburg 1959 und 1969, Zitat Bd. 1, 12; vgl. Ders„ Oie Armee als Erziehungsschule der Nation. Das Ende einer Idee, Bad Harzburg 1963, 18. ss Vgl. z.B. ein zeitgenössisches Werk mit Ahnlichem Erkenntnisinteresse: Felix Scherke, Ursula Gräfin Vitzhum, Bibliographie der geistigen Kriegfllhrung mit einem Geleitwort von General der Flieger von Cochenhausen, Berlin 1938. 56 Reinhard Höhn, Oie Stellung des Strafrichters in den Gesetzen der französischen Revolutionszeit ( 1791-1810) (Beitrage zur Geschichte der deutSChen Strafrechtspflege, 2), Berlin 1929, 35, 37. " Hohn, Revolution, Heer (wie Anm. 38); vgl. Azar Gat, The Origins of Military Thougt. From the Enlightenment to Clausewitz, Oxford 1991, 55, der bei allen anerkannten Verdiensten des Werks auf eine gewisse stereotype (,,stereotyped") Argumentation Hohns hinweist. Hohn bedient mit seinem Werk natOrlich auch historische Erwartungshaltungen, die in der Geschichte „Fortschritte" sehen wollen, zumal er ja das ,,Zukunflsweisende" und „Modeme" vor dem Panorama des „Allen" und „überholten" ausbreitet.

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Im Grunde war für Höhn das ganze Projekt der Aufklärung von vornherein zum Scheitern veru.rteilt. Die strukturellen Probleme des Absolutismus im allgemeinen und die sich daraus für die Streitkräfte ergebenden Schwierigkeiten ließen sich so nicht aus dem Wege räumen. Aufgeklärte Reformen bewirkten allenfalls ein Kurieren an Symptomen.58 Das „Öl der Aufklärung" sorge, so Höhn, „im Getriebe des absoluten Staates"59 bestenfalls für ein reibungsloses Funktionieren, letztlich sei die Aufklärung aber für das „Heer" nur ein „Stoff der Gärung".60 Bei dieser Metapher ist aber nun keinesfalls ein „chemisches Zersetzen" des traditionell Bewährten und an sich „Guten" gemeint. Es ging ihm vielmehr um das neue Menschenbild der Aufklärung, das die „Vergewaltigung der menschlichen Natur" durch den ,,Mechanismus der Heeresanstalt" beklage.6 1 Erst unter dem Eindruck der Niederlagen der stehenden gegen die revolutionären Heere wandte sich in der Sicht Höhns das Interesse der militärischen Aufklärer ab von Fragen der Humanität hin zum Problem der, wie man heute sagen würde, „Motivation". Ziel für die „aufgeklärten Offiziere" war es nun vor allem, „in dem Soldaten bestimmte Eigenschaften und Leidenschaften zu erwecken und die gesamte Behandlung des Soldaten darauf abzustellen. "62 Höhn vertrat die These, daß der Siebenjährige Krieg durch den moralischen und nicht durch den militärischen Faktor entschieden worden sei. Daraus ergab sich natürlich ein gewisses Problem, da die gängige Geschichtsschreibung selbstverständlich vom Primat des Militärischen ausgegangen war. Höhn löste es, indem er Friedrich den Großen zu einer Figur stilisierte, die während des Krieges zu Mitteln gegriffen habe, die seiner Zeit weit voraus gewesen seien.63 Friedrich habe sich über das „einexerzierte System" hinweggesetzt und bei „moralischen Krisen" die Soldaten, die bis dato als „Nummer" gegolten hätten und lediglich ,,Rädchen in der Heeresmaschinerie" gewesen seien, als „Wesen von Fleisch und Blut" behandelt. Damit sei es Friedrich dem Großen möglich gewesen, die „letzten Reserven" herauszuholen. Der „persönliche Einsatz" der einzelnen Soldaten sei demnach „entscheidend" gewesen.64 Dieser entscheidende moralische Faktor sei nach Ende ss Ein eigenes, noch zu untersuchendes Kapitel w!lre die Frage nach dem spezifischen Bild der Aurkll!rung bei Höhn. Er wendet sich in seiner Darstellung ausdrücklich gegen von der Goltz, dem er ein tieferes Verständnis für die Aufklärung und ihr revolutionäres Potential generell abspricht, vgl. Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbild (wie Anm. 38), L r. >9 Höhn, Die Armee als Erziehungsschule der Nation (wie Anm. 54), VI. 60 Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbild (wie Anm. 38), 71 ff. 6• Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbild (wie Anm. 38), 73. 62 Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbild (wie Anm. 38), 379. 4l Vgl. schon Jähns, Die Kriegskunst als Kunst (wie Anm. 5), 124, der Friedrich den Großen als genialen und zeituntypischen Strategen sieht. Die zeitgenössischen und epigonalen Interpreten hälten nun dessen militärische Operationen in starre Systeme gepreßt und damit auch das Wesen der ganzen friderizianischen Kriegführung Oberhaupt verkannt. Jähns sieht das Geniale im konsequenten Ausnützen der militärischen Möglichkeiten der Zeit, während Hohn das Geniale am zeitweisen Überwinden der dem Militär seiner Zeit anhaflenden strukturellen Defizite durch Friedrich den Großen festmacht, indem dieser sich ,,zum Führer einer Gemeinschafl von Kriegern" gemacht hal>e, siehe Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbild (wie Anm. 38), 524. Vgl. auch von Freytag-Loringhovcn, Eine Zeit des Rückganges in der Kriegskunst (wie Anm. 8). 608, der ebenfalls im Sinne von Jähns argumentien. Reinhard Höhn, Der Soldat und das Vaterland während und nach dem Siel>enjährigen Krieg, in: Festschrif't Ems! Heymann, Bd. 1: Rechtsgeschichte, Weimar 1940, 250-312, hier 259; vgl. Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbild (wie Anm. 38). 36-41.



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des Krieges dann nicht einmal mehr von Friedrich dem Großen selbst in seinen militärtheoretischen Schriften gebührend gewürdigt worden. Solange die absolutistischen Staaten nur untereinander Krieg führten, mochte das Strukturdefizit in der moralischen Konsistenz der Anneen als nicht so wesentlich erscheinen. Doch in dem Augenblick, in dem die traditionellen Söldnerheere auf revolutionäre Massen stießen, die freiwillig und nicht „gekauft" ins Feld zogen, mußte sich das Motivationsdefizit der alten Heere als entscheidender Mangel erweisen. Höhn stellte nun für die Revolutionskriege den „Enthusiasmus" auf Seiten der Revolution als das „entscheidende neue Kriegsmittel" heraus. Dem vermochte das Militär des Absolutismus nichts eigenes Gleichrangiges entgegenzusetzen.6s Der Krieg des Absolutismus als Angelegenheit des Adels und des vom Bürgertum als ,,Abschaum" verachteten Soldatenstandes habe im Kampf gegen den modernen ,,Massenkrieg" der Französischen Revolution auf einer zu schmalen sozialen Basis gestanden. Der „absolute Staat" sei, so Höhns Fonnulierung, damit plötzlich in einen „Weltanschauungskrieg"66 geraten, den er aufgrund seiner strukturellen Defizite hätte nur durchstehen können, wenn er selbst „revolutionäre" Maßnahmen ergriffen hätte. Es gab grundsätzlich zwei Möglichkeiten, die sozialen Grundlagen zu erweitern. Zunächst die naheliegende, indem man das bisher vom Kriege ausgeschlossene Bürgertum „mobilisierte". Die andere Möglichkeit bestand darin, die einfachen Soldaten zu motivieren, indem man sie aus ihrem Status als willenlose „Maschinenelemente" einer absolutistischen „Kriegsmaschinerie" entließ. Jede Möglichkeit für sich hätte schon den Rahmen des Kriegsbildes gesprengt. Beide zusammen bedeuteten aber eine Revolution nicht nur des Staates, sondern auch des Kriegsbildes. „Krieg" sollte nun Angelegenheit „aller" werden. Dies war aber nur möglich, wenn sich von nun an Bürger und Soldaten mit etwas identifizieren und für etwas begeistern konnten. Nach Lage der Dinge ließ sich „Enthusiasmus" für ein „Vaterland" nur dadurch wecken, daß man dem Einzelnen das Angebot machte, sich mit dem „Staat", wenn schon nicht zu identifizieren, so doch sich mit ihm zu solidarisieren. Höhns „Held" der Revolutionskriege war der französische „Tirailleur", der als „naturhafter Krieger" auftrete, die „angeborene Kunst zu fechten" anwende und die „Vorteile" nutze, die ihm die Natur biete. Der Tirailleur gehe selbstverständlich von dem Grundsatz aus: „Der Krieg ernährt den Krieg." Der „Soldat des stehenden Heeres" war für Höhn dagegen blanker ,,Ausdruck des Rokoko-Menschen mit seiner gezierten Fechtweise, dem Aufputz seiner Monturen" und der Notwendigkeit sich „auf Magazine zu stützen", wenn er vorrücke, „anstatt zu nehmen, was die Natur bietet". Der Tirailleur sei zugleich die personifizierte Impfung gegen die „Pest" der stehenden Heere, die Höhn einmal als ,,Desertionsseuche" bezeichnet hat.67 Dies mußte weitreichende Konsequenzen für das Menschenbild hinsichtlich des Soldaten haben, der im „Rokoko des Absolutismus" lediglich als „Nummer" behandelt worden sei, nur durch „Zwang" zum „maschinenmäßigen Fechten" gedrillt. Der Tirailleur sei dagegen ein ganz ,,neuer Menschentyp". Dieser habe sich 6l 66 61

Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbild (wie Anm. 38), 131. Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbild (wie Anm. 38), 136. Höhn, Der Soldat und das Vaterland (wie Anm. 64), 312.

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als „Einzelindividuum" befreit und sich vom „absolutistischen Zwang" hin zum „Einzelkämpfer mit ausgeprägter Individualität" entwickelt. Das Ergebnis sei ein „Enthusiasmus" im Kampf, der nur möglich gewesen sei, weil der „Untertan zum Staatsbürger'' wurde. 68 Höhn argumentiert hier ähnlich wie schon ein anderer deutscher Militärpublizist vor ihm. Der 'Nationalrevolutionär' Herbert Blank (18991958) schrieb schon 1932 in seinem Buch Soldaten, zum „rechten Tiraillieren" könne man keinen „Mann der Linie nehmen, auch keinen neuen Soldaten". Dies vermöge „nur ein neuer Mensch."69 Der Tirailleur ist für Höhn nicht nur der zeitgemäße Soldat; er ist ein Ideal: „Niemand steht hinter ihm, niemand zwingt ihn, niemand hindert ihn zu fliehen." 70 Mit anderen Worten: er tue das, was er solle, nicht weil er müsse, sondern weil er innerlich überzeugt sei. Außerdem werde die Ausbeute an „Leistung" durch eine „freie" Ordnung höher als bei einem Zwangssystem. Ein Gedanke, den Höhn später auch für Wirtschaft und Verwaltung dienstbar zu machen gedachte. Die Thesen Höhns zur militärischen Bedeutung der Tirailleure blieben lange unwidersprochen. Erst nach Erscheinen der zweiten Auflage von Höhns Schamhorst-Biographie71, in der er seine Thesen wiederholte, regte sich 1975 Widerspruch. Friedrich Doepner umschrieb Höhns Ausführungen von einem militärhistorischen Standpunkt aus schlicht als „Tirailleurlegende".72 Das Verhalten der französischen Truppen im Gefecht interpretierte Doepner einfach als militärisches Unvermögen „ungeordneter Massen", die nicht in der Lage gewesen seien, sich in „geschlossenen Verbänden" zu schlagen. Doch Doepner verkannte die „moralischen" Intentionen Höhns. Die Franzosen siegten ja trotz ih.rer scheinbaren militärischen Unzulänglichkeiten und trotz der „Überlegenheit" der regulären preußischen Truppen im Gefecht. Doepner begründete die preußische Niederlage durch „Führungsfehler" der Militärs, während Höhn behauptete, daß in den entscheidenden Momenten schließlich nur der siege, der mit der richtigen „Moral" kämpfe. Das gelte durch alle militärischen und zivilen Führungsebenen hindurch und erst recht für die Spitze. Höhn postulierte schlechthin einen universellen Primat des moralischen Faktors im Krieg. Höbns Verwendung des Begriffes „Weltanschauungskrieg" in seinem Buch Revolution, Heer, Kriegsbild verweist auch auf den großen Unterschied zwischen Höhn, Revolu1ion, Heer, Kriegsbild (wie Anm. 38), 129f. Herbert Blank, Solda1en. Preussisches Führenum von Waterloo bis Ypem. Idee, Geschichte und Gestalt des Offiziers, Oldenbuig 1932, 37. Anders als der Titel vermuten ließe, beginnt die Darstellung, fast konnte man sagen ,,natürlich", mit der Darstellung der ••dekadenten" preußischen Verhältnisse vor Jena und Auerstedt und deren Überwindung in der preußischen Reformzeit. Vgl. zu Blank die Angaben bei Armin Mohler, Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch, Darmstadt • 1994, 460 f. 10 Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbi ld (wie Anm. 38). 130. " Höhn, Schamhorsts Vermächtnis (wie Anm. 40). n Friedrich Doepner, Über die Tirailleurlegende, in: Wehrkunde 24 (1975), 424-429, 481-485, 533-539, hier 534. Doepner bezieht sich vor allem auf Hohn, Schamhorsts Vermächtnis (wie Anm. 40), J 5. Doepner verweist auch auf ältere Literatur, die schon lange vorher mit der „Tirailleurlegende" aufgeräumt habe. Doch allein die Hartnäckigkeit der Diskussion zeigt, daß es dabei eben um mehr ging als um „reine" oder ,,angewandte" Taktik, nämlich um ein neues militärisches „Selbstverständnis" schlechthin. 61

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dem Zweiten und dem Ersten Weltkrieg. Kollabierte 1918 nach einer Reihe schwerer deutscher Niederlagen der Wille zum Krieg im Reich, so war er im „Dritten Reich" jetzt - 1944- trotz aller katastrophalen deutschen Debakel ungebrochen. Die ,,Kriegsmoral" in dem von den Nationalsozialisten begonnenen „Weltanschauungskrieg" stimmte, was den Wert der „moralischen" Aufrüstung für den „geistigen Krieg" im Sinne Höhns nur allzu deutlich unterstrich. Schon kurz nach dem überraschenden ,,Blitzsieg" über Frankreich hatte Höhn im Jahre 1941 den Ersten Weltkrieg dahingehend interpretiert, daß Frankreich diesen Krieg als einen „Weltanschauungskampf für die Demokratie und gegen den Absolutismus monarchischer Staaten" geführt habe.73 Nach den Prämissen Höhns war ein Sieg der „Demokratie" damals also unvermeidlich. Doch diesmal führten die Deutschen im Zweiten Weltkrieg einen „Weltanschauungskrieg", der demnach zu einem deutschen ,,Endsieg" führen mußte. Doch am Ende des Zweiten Weltkriegs waren es dann auschließlich die militärischen Faktoren und nicht die moralischen, die triumphierten. 74 Die bedingungslose deutsche Kapitulation erfolgte erst nach der restlosen Zerschlagung der deutschen Wehrmacht. Der nationalsozialistische Krieg war so bedingungslos verloren, daß es nun keine Frage mehr sein konnte, ihn zu früh, sondern allenfalls, ihn viel zu spät verloren gegeben zu haben. Überlegungen, wie sie für den Ersten Weltkrieg angestellt wurden, daß es theoretisch möglich gewesen wäre, den Krieg weiterzuführen, sind in diesem Falle absurd. 7S Die Verantwortung für die militärische Niederlage konnte man nicht mehr dem Versagen der „Heimatfront" anlasten. Die Wirklichkeit hatte Höhns historische Analogien widerlegt. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg sollte es außerhalb des staatlichen und militärischen Bereiches durchaus noch Möglichkeiten geben, alte Thesen höchst erfolgreich in einem neuen Gewand zu verbreiten.

Vl Wider die „Innere Kündigung" Das Problem des moralischen Faktors blieb in den militärtheoretischen und politischen Debatten auch nach dem Zweiten Weltkrieg höchst virulent. Er wurde begrifflich dahingehend modernisiert, daß man nun von den „psychologischen" anstelle von „moralischen" Faktoren sprach. Ein Kriegsschauplatz des „Kalten Krieges" waren die „Herzen und Hirne"76 der Menschen, die gegen die geistige 71 Höhn, Frankreichs demokratische Mission (wie Anm. 52), 7. " Die Amerikaner untersuchten nach dem Zweiten Weltkrieg in einer eigens angefertigten soziologischen Studie die Auswirkungen des alliierten strategischen Bombcnlcrieges auf den Durchhaltewillen der deutschen Bevölkerung und fanden, daß er zwar im Hinblick auf dessen Erschütterung ziemlich erfolgreich gewesen sei, „enlSCheidend" sei er allerdings nicht gewesen, vgl. The United S1a1es Strategie Bombing Survey. The Effects of Strategie Bombing on German Morale, Vol. 1, Morale Division, Dates ofSurvcy, March-July 1945, Washington D. C. 1947, 12. " Vgl. Hohn, Sozialismus und Heer (wie Anm. 54), 780, wo er Überlegungen anstellt, wie ein „totaler Zusammenbruch" 1918 möglicherweise hätte verhindert werden können. 76 So ein amerikanisches Propagandamollo aus der Zeil des Vietnamkrieges. Höhn spricht z.B. von einer „Methode, die Herzen der feindlichen Truppen zu gewinnen", die die Franzosen während der Revolutionskriege angewendet hätten, siehe Höhn, Revolution, Heer, Kriegsbild (wie Anm. 38), 148.

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„Infektion" des Kommunismus „immun" gemacht werden mußten. Höhn trat auf diesem politischen und propagandistischen Gebiet wohl auch im Hinblick auf seine persönliche Vergangenheit publizistisch nicht weiter hervor. Er engagierte sich stattdessen in dem Bereich, der im Kalten Krieg schließlich zum entscheidenden Faktor werden sollte. Höhns Interesse verlagerte sich unter den so ganz anderen Bedingungen, wie sie sich in der Bundesrepublik Deutschland darstellten, weg von den militärischen und moralischen Faktoren hin zum ökonomischen Faktor. Dieser wurde nun isoliert und scheinbar unpolitisch angegangen. An die Stelle der 'militärisch-moralischen' Faktoren traten nun die 'ökonomisch-moralischen'! Doch bei seiner Beschäftigung mit wirtschaftlichen Themen variierte Höhn nur sein altes Motiv von der entscheidenden Bedeutung des moralischen Faktors für den Enderfolg. War es früher der Sieg im Kriege, der ihn interessierte, war es nun die Mitarbeitermotivation im wirtschaftlichen „Überlebenskampf". Nach dem Zweiten Weltkrieg forderte nicht mehr das Vaterland, sondern der Betrieb den vollen Einsatz, der sich durchaus auch militärischer Vorbilder und Metaphern bedienen sollte. So lehrte Höhn etwa den richtigen Gebrauch von „Stäben"n und „Krisenstäben"78 in Unternehmen. Höhn war langjähriger Leiter der „Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft" in Bad Harzburg, die als „eine der größten europäischen Managerschulen" giJt.79 An dieser Bildungsstätte war er bis Ende der l 980er Jahre aktiv. "Wo beginnt der Verrat? Bei der Bewegung im Herzen, beim bloßen Denken oder erst in der Tat?"SO Diese Frage der deutschen Publizistin Margret Boveri (1900-1975), die sie 1956 in ihrem Buch Der Verrat im 20. Jahrhundert gestellt hatte, rührte an den Kern der nationalsozialistischen Vorstellung von „Kriegsmoral"; denn der „Tat" bedurfte es gar nicht ausdrücklich. Ein jedes Nachlassen der „Kriegsmoral" war „Defaitismus", und damit schon eine Form von „Verrat"; sei es, daß man sich mit der Niederlage abgefunden hatte, sei es, daß man sich nicht voll einsetzte. Höhn „modernisierte" nun diese Fragestellung, indem er sich nun dem Problem der mangelnden Einsatz- oder zeitgemäßer formuliert ,,Leistungsbereitschaft" widmete; läßt sich doch „Verrat" als die Form der innersten Kündigung des Einzelnen beschreiben. Insofern behielt er auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Perspektive eines 'Sicherheitsdienstes' bei, als er die Gegnerbeobachtung in den eigenen Reihen und das Aufspüren von „Verrätern" zum Gegenstand seiner Untersuchungen machte.s1 11 Reinhard Höhn, Die Fnhrung mil Stäben in der Winschan (Menschenführung und Belriebsorganisation, 1), Bad Han:burg 1961. "' Reinhard Höhn, Das Un1emehmen in der Krise. Krisenmanagement und Krisenstab (Menschenführung und Betriebsorganisation, 13), Bad Hmburg 1974. 19 Siehe S1ichwort Hohn, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, hg. von Wolfgang Benz u.a., Stuttgart 1997, 847. so Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert, Bd. 1: For und gegen die Nation. Das sichtbare Geschehen, Bd. 2: Für und gegen die Nation. Das unsichtbare Geschehen, Bd. 3: Zwischen den Ideologien. Zentrum Europa (Rowohlts deutsche Enzyklopädie, Bde. 23, 24, 58), Reinbek 1956, 1957, hier Bd. 1, 14. 11 In diesen lnleressenzusammenhang mag auch HOhns Herausgabe von Polizeiberichten über die Aktivitäten der Sozialdemokratie unter den Bedingungen des Sozialistengese1zes gehören, vgl. Reinhard Höhn, Die vaterlandslosen Gesellen. Die Sozialdemokratie im Licht der Geheimberichte der preußischen Polizei (1878--1914), Bd. 1: (1878--1890), Köln 1964.

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Höhn veröffentlichte in den 1980er Jahren zwei bemerkenswerte Bücher zum Thema „Innere Kündigung" in Betrieben82 und Behörden.SJ Diese Werke ließen sich in den weiten Kreis der betriebswirtschaftlichen Ratgeberliteratur einordnen. Doch anders als in der in dieser Literaturgattung ansonsten üblichen Verbreitung aufgeblasener Allgemeinplätze argumentierte Höhn hier primär historisch, auch wenn er sie mit aktuellen Beispielen aus der „Wirtschaft" anreicherte. Die Bücher waren Ausarbeitungen von Gedanken, die er im Januar 1982 schon einmal in einem Artikel für die Rubrik Blick durch die Wirtschaft der Frankfurter Al/gemeinen Zeitung geäußert hatte. Die Kernthese der Bücher, die in mannigfachen Variationen dargeboten wurde, lautet: die „innere Kündigung" eines Mitarbeiters sei „im Grunde eine Kapitulation".8 4 Höhn interessierte sich nicht für die persönlichen Gründe einer solchen ,,Kapitulation" sondern suchte nun nach den möglichen Voraussetzungen hierfür. Diese fand Höhn in den bis in die Gegenwart hinein nicht überwundenen „absolutistischen" Denkkategorien. In beiden Büchern entwickelte Höhn seine Vorstellungen von einer ,,modernen" Verwaltung wiederum vor der Folie des „absoluten Staates" und seinem Militär, dessen Prinzip von „Befehl und Gehorsam" er konstitutiv bis in die Gegenwart wirken sah. Die Folge sei ein autoritärer „Führungsstil", der die Eigeninitiative des Einzelnen hemme. Höhn kam es nun darauf an, genau diese Leistungsreserven zu mobilisieren und für Betriebe und Behörden nutzbar zu machen. Im Grunde löse man sich seiner Meinung nach erst in der „zweiten Demokratie", wie sie in der Bundesrepublik Deutschland herrsche, von den ideologischen Wurzeln des Absolutismus. 85 Der Gegenpol zum Mitarbeiter, der innerlich gekündigt hat, sei der motivierte betriebliche „Mitstreiter", der in seinem persönlichen Aufgabenfeld eigenverantwortlich im Sinne des höheren Ganzen handele. Es sei der Ubergang von der autoritären Führungu mit striktem Befehl und Gehorsam zur delegierten Führung, die dem einzelnen in seinem Bereich weite Handlungspielräume zum Wohle des Ganzen lasse.8 7 Dieser motivierte Mitarbeiter ist ein 'Tirailleur der Wirtschaft', der der Konkurrenz genauso überlegen ist, wie seinerzeit seine Vorbilder den „Rokokosöldnem". Auch hier tritt wieder der alte Gedanke von der entscheidenden Bedeutung des moralischen Faktors in Erscheinung. Der autoritäre Verwaltungsstil lebte ja nach " Reinhard Höhn, Die innere KOndigung im Unternehmen, Ursachen, Folgen, Gegenmaßnahmen, Bad Harzburg 1983. " Reinhard Hohn, Oie innere KOndigung in der offenllichen Verwaltung, Ursachen, Folgen, Gegenmaßnahmen, Stullgart 1989. 14 Höhn, Die innere KOndigung in der öffentlichen Verwaltung (wie Anm. 83). 7. ss Hohn, Die innere KOndigung in der offentlichen Verwaltung (wie Anm. 83), 29; siehe auch Ders., Die Dienstaufsicht und ihre Technik (Menschenführung und Betriebsorganisation, 9), Bad Harzburg 1967, 19 ff., wo er „die totale Kontrolle als Prinzip der Verwaltung des absoluten Staates" bezeichnet. Vgl. Reinhard Hohn, Verwaltung heute. Autoritare Führung oder modernes Management (Modemes Management in der Verwaltung, 1), Bad Harzburg 1970. " Vgl. Reinhard Hohn, Gisela Böhme, Der Weg der Delegation von Verantwonung im Untemehmen. Ein Stufenplan (Menschenführung und Betriebsorganisation, 10), Bad Harzburg 1969; vgl. auch Reinhard Höhn, Gisela Böhme, Führungsbrevier der Winschaft (Menschenführung und Betriebsorganisation, 6}, Bad Harzburg 81969.



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Höhn vom äußeren Zwang, der keine „freien" Entscheidungen des Untergebenen zulasse und der damit ausgesprochen „kontraproduktiv" sei. Eine moderne Führung setze dagegen auf die Selbstverpflichtung des Untergebenen und dessen 'Selbststeuerung' durch die richtige „Moral" oder, anders gewendet, die richtige „innere Einstellung". Es wäre in diesem Zusammenhang sicher einmal lohnend, das Verhältnis von ziviler „Delegation von Verantwortung" und militärischer „Auftragstaktik", wie sie in den deutschen Streitkräften des 19. und 20. Jahrhunderts gehandhabt wurde, genauer zu untersuchen. ss Unterschwellig ließ Höhn seine Interpretation der preußischen bzw. der deutschen Niederlagen von 1806 und 1918 in seine Betriebs- und Behördensicht der 1980er Jahre eingehen. Letztlich sei es beidesmal der „autoritäre" Führungsstil gewesen, der die Masse der Zeitgenossen zur inneren Kündigung und damit zur inneren Kapitulation getrieben habe. Die äußere Kapitulation mußte daher zwangsläufig folgen. Im Wirtschaftsleben bedeutet die Übertragung der historischen Analogien folgendes: ein „Unternehmen" sei „auf Dauer im Wettbewerb unrettbar unterlegen", wenn es „Mitarbeiter" beschäftigte, „die sich nicht mehr mit dem Unternehmen identifizierten und sich nicht mehr voll und ganz für ihre Aufgaben einsetzten."89 Das Problem des Defaitismus als moralischer Größe kehrt bei Höhn in Form des „Pessimimus" als besonders schlimmer Ausprägung der inneren Kündigung wieder. Dieser Pessimismus begegne „uns heute allenthalben" in „unserer Gesellschaft", dabei fehle ihm doch ,jeder geistige Tiefgang".90 Die vordringlichste Aufgabe eines jeden Unternehmens müsse also sein, diesem Pessimismus entgegenzuwirken; denn man verliere auch im wirtschaftlichen Überlebenskampf erst dann, wenn man sich selbst aufgegeben habe. Diese Argumentation erinnert in ihrer Struktur wiederum an eine militärhistorische Kontroverse der 1920/30er Jahre: Ein besonderes Kapitel in der deutschen Moraldebatte nach dem Ersten Weltkrieg bildeten nämlich die Diskussionen um die Gründe für die entscheidende deutsche Niederlage in der Marneschlacht 1914. Die Frage nach der „Moral" war hier die Frage nach dem „Pessimismus" und „Optimismus" der beteiligten militärischen Führer. Analog zur These, wonach man den Ersten Weltkrieg erst dann verloren habe, als man ihn verloren gab, interpretierte man nun den Ausgang der Marneschlacht nach folgendem Muster: Man verlor die Schlacht nicht, weil sie verloren war, sondern, weil die deutsche Führung sie verloren glaubte.91 88 Vgl. Höhn, Die Führung mit Stäben in der Winschafi (wie Anm. 77), 10, wo er auf das ,,Stabsprinzip" hinweist, das die „Delegation der Verantwonung gegenüber den Unterführern in der Annee" einschließe. l!'I Höhn, Oie innere Kündigung im Unternehmen (wie Anm. 82), 74. 9