Arbeiten an der Geschichte: Gesellschaftlicher Wandel im 19. und 20. Jahrhundert 9783666370212, 9783525370216, 9783647370217

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Arbeiten an der Geschichte: Gesellschaftlicher Wandel im 19. und 20. Jahrhundert
 9783666370212, 9783525370216, 9783647370217

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Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft

Herausgegeben von Gunilla Budde, Dieter Gosewinkel, Jürgen Kocka, Paul Nolte, Alexander Nützenadel, Hans-Peter Ullmann

Frühere Herausgeber Helmut Berding und Hans-Ulrich Wehler (1972–2011)

Band 200

Vandenhoeck & Ruprecht

Jürgen Kocka

Arbeiten an der Geschichte Gesellschaftlicher Wandel im 19. und 20. Jahrhundert

2. Auflage

Vandenhoeck & Ruprecht

Mit 5 Tabellen Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-525-37021-6 ISBN 978-3-647-37021-7 (E-Book) Umschlagabbildung: Ford Madox Brown: Work (1852–1865) © Manchester City Galleries © 2012, 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U. S. A. www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. – Printed in Germany. Satz: textformart, Göttingen Druck und Bindung: w Hubert & Co, Göttingen Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.

Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7

Theorie und Geschichte 1. Zwischen Dogmatismus und Dezision: Wirklichkeit und Methode bei Karl Marx und Max Weber . . . . . .

15

2. Spielräume und ihre Grenzen. Angemessenheitskriterien historischer Argumente . . . . . . . . . . .

40

3. Geschichte und Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

46

4. Theorien in der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte . . . . . . . . . .

62

5. Historische Sozialwissenschaft zu Anfang des 21. Jahrhunderts . . .

78

6. Sozialgeschichte und Globalgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . .

94

7. Vergleichende Geschichtswissenschaft heute . . . . . . . . . . . . . . 102

Wirtschaft und Gesellschaft 8. Vorindustrielle Faktoren in der deutschen Industrialisierung. Industriebürokratie und »neuer Mittelstand« . . . . . . . . . . . . . . 111 9. Angestellte: Begriffs- und Sozialgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . 125 10. Grossunternehmen und der Aufstieg des Manager-Kapitalismus. Deutschland im internationalen Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . 140 11. Traditionsbindung und Klassenbildung. Zum sozialhistorischen Ort der frühen deutschen Arbeiterbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 12. Bürgerlichkeit und Obrigkeitsstaat. Deutsches Bürgertum im 19. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . 179 13. Zivilgesellschaft in historischer Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . 191 14. Mehr Last als Lust. Arbeit und Arbeitsgesellschaft in der europäischen Geschichte . . . 203 5

Deutschland in Europa 15. Arbeit und Freiheit 1848/49. Erinnerung an die Revolution im Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . 227 16. Nation und Gesellschaft in Deutschland 1870 bis 1945 . . . . . . . . 241 17. 1945: Neubeginn oder Restauration? Historische Grundlagen der Bundesrepublik Deutschland . . . . . . 256 18. DDR: Eine durchherrschte Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . 280 19. Nationalsozialismus und SED-Diktatur im Vergleich . . . . . . . . . 286 20. 1989 – eine transnationale Revolution und ihre Folgen . . . . . . . . 295

Ausblick 21. Der Kapitalismus und seine Krisen in historischer Perspektive . . . . 307

Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323 Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 396 Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397

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Vorwort Jeder Überblick über die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten macht deutlich, wie sehr sich die thematischen Schwerpunkte, die Fragestellungen, das Klima und damit auch die Ergebnisse der Geschichtswissenschaft in Deutschland und international verschoben haben. Bis etwa 1960 setzte sich die herkömmliche Dominanz der Politikgeschichte fort, wenngleich in unterschiedlichen Formen. In den 1960er und 70er Jahren, vielleicht etwas länger, fand ein bemerkenswerter Aufschwung der Sozialgeschichte mit nachhaltigen Folgen statt. Im Fach war so etwas wie eine »analytische Wende« zu spüren, weit über die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte hinaus. Auf klar formulierte Fragen, scharf definierte Begriffe und theoretische Überlegungen wurde großer Nachdruck gelegt, der mittlerweile wieder verloren gegangen ist. In den 80er und 90er Jahren gewannen unterschiedliche Varianten der Kulturgeschichte an Boden, Hand in Hand mit einer mächtigen, auch in anderen Fächern beobachtbaren »konstruktivistischen Wende«, in der die Sprache als Gegenstand und Medium der Geschichtswissenschaft sowie, in der Folge, Erinnerung als Gegenstand historischer Studien wichtiger wurden. Heute koexistiert viel von dem weiter, was in den vergangenen Jahrzehnten entstand und sich durchsetzte. Aber besondere Aufmerksamkeit wird Prozessen der Transnationalisierung zugewandt, der Europäisierung und vor allem der Globalisierung, und zwar sowohl als Gegenständen wie auch als Perspektiven historischer Arbeit. Klarer als früher greifen historische Forschungen und Darstellungen gegenwärtig über den nationalgeschichtlichen Rahmen hinaus. Neben dem weiträumigen Vergleich wird die Rekonstruktion grenzüberschreitender Transfers und weltweiter Verflechtung nicht nur gefordert, sondern oft auch praktiziert.1 Die im folgenden ausgewählten Texte aus mehr als vierzig Jahren reflek­tieren diese Wandlungen und haben zu ihnen beigetragen. Zugleich aber verkörpern sie – durch ihr fortbestehendes Interesse an Sozialgeschichte in einem weiten Sinn, an analytischen Zugriffen und an der Geschichtswissenschaft als einer kritischen, argumentierenden und orientierenden Disziplin  – ein Stück Kon­ tinuität. Die erste Abteilung versammelt grundsätzliche Texte zu Theorie und Methode der Geschichtswissenschaft. Der erste Text kontrastiert die zum Teil entgegengesetzten Wissenschaftsbegriffe von Karl Marx und Max Weber, versucht zwischen ihnen zu vermitteln, und findet damit die Grundlage eines Verständnisses der Sozial- und Geschichtswissenschaften, das gleich weit entfernt ist von naivem Realismus wie von postmoderner Beliebigkeit: ein Produkt der intellek7

tuellen Auseinandersetzungen Mitte der 1960er Jahre. Auf dieser theoretischen Grundlage umreißt Abschnitt 2, ursprünglich ein Beitrag zur Diskussion über »Objektivität und Parteilichkeit« in der Geschichtswissenschaft, Kriterien der Angemessenheit – wenn man will: der Wahrheit – geschichtswissenschaft­licher Argumente. Abschnitt 3 zeigt die enge Entsprechung, die zwischen einer so verstandenen kritischen Geschichtswissenschaft und den Grundprinzipien der Aufklärung des 18. Jahrhunderts besteht. Er plädiert für Geschichte als Gegenstand der Erklärung, als Feld des Lernens und als Grundlage der Orientierung in der Gegenwart – für Geschichte als Aufklärung. Text Nr. 4 stammt aus dem Aufsatz, der 1975 das erste Heft der neu gegründeten Zeitschrift »Geschichte und Gesellschaft« einleitete. Er begründet, wie und warum die Orientierung an »Theorien« für die Praxis der Geschichtswissenschaft von Nutzen sein kann, besonders für die Sozialgeschichte und die sozialgeschichtlich orientierte allgemeine Geschichte (Gesellschaftsgeschichte), aber nicht nur für diese. Er umreißt damit einen analytisch ehr­geizigen, mit Sozialwissenschaft eng kooperierenden, stark an Strukturen und Prozessen interessierten Ansatz, der bisweilen als »Historische Sozialwissenschaft« bezeichnet worden ist.2 Dieser Ansatz ist immer wieder kritisiert worden: aus der Perspektive des herkömmlichen Historismus, seitens der Alltagsgeschichte, mit kulturgeschicht­ licher Kritik an der Betonung von Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, in postmodernem Geist. Die Historische Sozialwissenschaft, immer ein heterogenes Minderheitsphänomen, hat sich dieser Kritik gestellt und unter ihrem Einfluss verändert. Was Historische Sozialwissenschaft heute bieten und be­anspruchen kann, umreißt Abschnitt 5. Der sechste Aufsatz argumentiert, dass die Interund Transnationalisierung der Sozialgeschichte gegenwärtig die wohl größte Herausforderung und zugleich größte Chance darstellt  – für die Sozialgeschichte wie für die Globalgeschichte, die nur allzu oft auf der Ebene verengter Wahrnehmungs- und Diskursgeschichte verbleibt.  – Was heißt Vergleich in der Geschichtswissenschaft? Welche methodischen Leistungen erbringt der historische Vergleich? Dies wird in Abschnitt 7 diskutiert. Er bekräftigt die über­ragende Leistungsfähigkeit des Vergleichs und zeigt seine verschiedenen Funktionen, auch und gerade für die Globalgeschichte sowie für andere transnationale, transregionale Ansätze. Der Vergleich – im Kern die Beschäftigung mit Ähnlichkeiten und Unterschieden – und die Verflechtungsgeschichte (Rekonstruktion grenzüberschreitender Wahrnehmungen, Beziehungen, Wanderungen und Wirkungen) sind verknüpfbar, und diese Verknüpfung ist wünschenswert. Die zweite Abteilung versammelt ausgewählte Texte zu den sozial- und wirtschaftshistorischen Themen, mit denen ich mich vor allem beschäftigt habe. Zumeist handelt es sich um die Entstehung (und manchmal auch das Vergehen), die Erstreckung und Abgrenzung, die innere Kohärenz und Vielfalt, die Interessen, die Kultur und die Frage der Handlungsfähigkeit großer Sozialformationen, die im Verhältnis zueinander wie im Wechselwirkungsverhältnis zu Wirtschaft und Staat untersucht werden.3 Die Geschichte der großen 8

Wirtschaftsunternehmen, ihrer inneren Sozialgestalt und ihrer Marktstrategien, Probleme des Übergangs vom Familien- zum Managerunternehmen, der Aufstieg des »organisierten Kapitalismus« in Deutschland im 19.  und frühen 20. Jahrhundert – das sind Themen der Abschnitte 8 und 10. Ausgangspunkt war die Fallstudie zur Firma Siemens von den 1840er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg.4 Die Abschnitte 8 und 9 behandeln die Sozial- und Begriffsgeschichte der Angestellten in Deutschland, die sich als soziale Formation mit eigener Bezeichnung, eigenem Recht, eigenen Verbänden und besonderer Kultur im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert konstituierten – in deutlicher Abgrenzung zur Arbeiterschaft. Die Entstehung der Arbeiterklasse und die Sozialgeschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland im 19. Jahrhundert sind die Themen des Abschnitts 11. Seit den frühen 1980er Jahren wurde das Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts zu einem bevorzugten Studienobjekt deutscher Historiker. Auf diesem Gebiet hat man früh Sozial- und Kulturgeschichte verbunden. Die entsprechenden Forschungen haben das Bild von der deutschen Geschichte verändert und beispielsweise die These vom »deutschen Sonderweg« modifiziert. Abschnitt 12 beschäftigt sich mit Bürgertum und Bürgerlichkeit im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Aus der historischen Bürgertumsforschung ging über die Frage nach der Bürgergesellschaft das neue Forschungsgebiet »Geschichte der Zivilgesellschaft« hervor (Abschnitt 13).5 Die Geschichte der Arbeiterbewegung und der Arbeiterschaft ist zunehmend durch das Thema »Geschichte der Arbeit« erweitert und kontextualisiert worden (Abschnitt 14). Vor allem unter globalgeschichtlichen Perspektiven – z. B. als Teil der Geschichte des sich durchsetzenden Kapitalismus, aber auch im Hinblick auf das Verhältnis von Arbeit und Lebenslauf sowie im Hinblick auf die unterschiedliche Kulturbedeutung von Arbeit – wird dieses Forschungsfeld auch in Zukunft großes Interesse finden. Die Aufsätze der dritten Abteilung behandeln Grundprobleme der deutschen Geschichte in ihrem europäischen Zusammenhang, von der Revolution 1848/49 bis zur Umwälzung von 1989/90. Sie beschäftigen sich mit Problemen der kollektiven Identität der Deutschen in ihren Kontinuitäten und Brüchen, auch mit Fragen der Verfassungs-, Politik- und Kulturgeschichte. Gleichwohl sind sie einem sozialgeschichtlichen Blickwinkel verpflichtet, der modifiziert und erweitert, aber insgesamt beibehalten wird. Gleichzeitig dokumentieren sie, dass es sich immer wieder gelohnt hat, mit historischen Argumenten auf dringende, viel diskutierte Gegenwartsfragen einzugehen: vom Problem der nationalen Identität der Deutschen (diskutiert in Abschnitt 16, das zur Zeit der Zweistaatlichkeit entstand) über die Debatte des »deutschen Sonderwegs« und seines Endes in der Bundesrepublik (dazu Abschnitt 17) bis hin zur Auseinandersetzung um die beiden deutschen Diktaturen, ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede wie ihren Ort in der Geschichte des 20. Jahrhunderts (dazu die Abschnitte 18 und 19).6 Dass kollektive Erinnerung und Geschichte als Wissenschaft  – kollektive Erinnerung als Teil der politischen Kultur einerseits, Geschichte als Befund historischer Forschung andererseits  – eng verbunden sind, wird am Beispiel der 9

Revolution 1848/49 und der Geschichte ihres öffentlichen Gedenkens gezeigt (Abschnitt 15). Wie spannungsreich Erinnerung und Geschichte sich zueinander verhalten können, wie sehr jene die Korrektur durch diese benötigt, ist ein Ergebnis des Aufsatzes über den Umbruch von 1989/90 (Abschnitt 20). Dieser wird meist nationalgeschichtlich erinnert, war jedoch im Kern ein transnationales Phänomen. Die abschließende Abhandlung ist neu. Sie befasst sich mit dem Kapitalismus als einem historischen Problem. Mit dieser Thematik habe ich mich seit der Dissertation immer wieder beschäftigt und hoffe, sie weiter zu bearbeiten. Band 1 der »Kritischen Studien zur Geschichtswissenschaft« erschien 1972 mit Aufsätzen von Wolfram Fischer zum Thema »Wirtschaft und Gesellschaft im Zeitalter der Industrialisierung«, Band 100 als »Demokratie in Deutschland« mit Aufsätzen von M. Rainer Lepsius. Ich habe die Einladung meiner Heraus­ geber-Kollegen, für den 200. Band einen Querschnitt meiner Aufsätze zusammenzustellen, sehr gern akzeptiert. Im Vergleich zum Reichtum und zur Vielfalt der langen Reihe Bände »Kritische Studien« ist das Werk eines Einzelnen äußerst begrenzt und die hier getroffene Auswahl aus diesem Werk noch viel begrenzter. Trotzdem tauchen in Band 200 wie in einem Verkleinerungsspiegel viele der Fragen, Themen und auch Veränderungen auf, die für das Spek­trum und das Wandlungsmuster der Reihe insgesamt zentral gewesen sind. Dem Verlag Vandenhoeck & Ruprecht sei für langjährige Kooperation, den zuständigen Lektoren Winfried Hellmann († 1999), Ulrich Dietenberger, Martin ­Rethmeier und Martina Kayser sowie Dörte Rohwedder und Daniel Sander für großes Engagement, wertvolle Hilfe und vielfältigen Rat gedankt. Jedem Beitrag wurde eine erste Anmerkung hinzugefügt, die den Ort der ursprünglichen Veröffentlichung nennt und in der Regel Hinweise auf die Entwicklung des jeweiligen Themengebiets seitdem enthält. In einigen Fällen sind die Überschriften, auch im Text, leicht verändert worden. Kleinere Anpassungen an die neue Veröffentlichungssituation, mehr technisch als inhaltlich, wurden ohne besonderen Hinweis durchgeführt. Im übrigen sind die Texte unverändert geblieben. Ich danke Rabea Rittgerodt für redaktionelle Hilfe und Arbeit am Index sowie Heike Kubisch, meiner langjährigen Sekretärin, für kompetente Unterstützung. September 2010

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Jürgen Kocka

Anmerkungen 1 Vgl. mit Erläuterungen und Literatur Kocka, J., Mode und Wahrheit in der Geschichts­ wissenschaft. Wandlungen der letzten Jahrzehnte, in: Leviathan 38 (2010), S. 213–225; sowie Abschnitt 5 unten. 2 Als kurze Umschreibungen der Begriffe »Sozialgeschichte«, »Gesellschaftsgeschichte« und »Historische Sozialwissenschaft« im hier gemeinten Sinn vgl. Jordan, S. (Hg.), Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2002, S. 165–167, 265–269. 3 Dazu grundsätzlich Kocka, J., Stand – Klasse – Organisation. Strukturen sozialer Ungleichheit in Deutschland vom späten 18.  bis zum frühen 20.  Jahrhundert im Aufriss, in: H.-U. Wehler (Hg.), Klassen in der europäischen Sozialgeschichte, Göttingen 1979, S. 137–165. 4 Vgl. Kocka, J., Unternehmensverwaltung und Angestelltenschaft am Beispiel Siemens 1847– 1914. Zum Verhältnis von Kapitalismus und Bürokratie in der deutschen Industrialisierung, Stuttgart 1969. 5 Zu diesem Zusammenhang vgl. Kocka, J., Civil Society in Nineteenth-Century Europe: Comparison and Beyond, in: M. Hildermeier (Hg.), Historical Concepts Between Eastern and Western Europe, New York 2007, S. 85–100, bes. 85. 6 Vgl. auch Kocka, J., Deutsche Identität und historischer Vergleich. Nach dem »Historikerstreit«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament« B 40–41/88, 30. Sept. 1988, S. 15–28.

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Theorie und Geschichte

1. Zwischen Dogmatismus und Dezision: Wirklichkeit und Methode bei Karl Marx und Max Weber1 Historische Erkenntnis bei Karl Marx und Max Weber im Vergleich Nichts ist entscheidender für den wissenschaftstheoretischen und methodologischen Standort eines Sozialwissenschaftlers oder Historikers als die Art, wie er das Verhältnis von Untersuchungsgegenstand, Begriff/Theorie und (außerwissenschaftlichem) Interesse denkt. Von diesem Angelpunkt her lassen sich – sofern überhaupt eine einigermaßen konsistente theoretisch-methodologische Position vorliegt  – die Vorstellungen erschließen und begründen, die er sich vom rechten Verhältnis zwischen Theorie und Empirie, Objektivität und Parteilichkeit, Wissenschaft und Praxis macht. Das Verhältnis von Gegenstand, Begriff und Interesse ist in der an Hegel orientierten Theorie von Karl Marx und in Max Webers Wissenschaftslehre auf zwei extrem verschiedene Weisen – gewissermaßen klassisch – formuliert worden. In den Werken dieser beiden Autoren finden sich die zwei entgegengesetzten Positionen, die auch die wissenschaftstheoretische Diskussion des letzten Jahrzehnts, jedenfalls hier in Deutschland, geprägt haben, und zwar meist in scharfer Frontstellung gegeneinander. In der einen oder andern Weise an Marx orientierte Autoren werfen »bürgerlichen« Sozialwissenschaftlern häufig irrationalen Dezisionismus, Willkür, Unverbindlichkeit und Agnostizismus bei der Bestimmung des Verhältnisses von Begriff und Wirklichkeit vor und nennen dabei oft Max Weber als negativen Kronzeugen2. Umgekehrt muss die Sicherheit des Anspruchs mancher Marxisten, über Fragestellungen, Begriffe und Theorien zu verfügen, deren Identität mit den zu erkennenden Strukturen der Wirklichkeit im Prinzip gesichert sei, in denen sich sozusagen die zu erkennende Sache selbst bewege und die allein die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten ermöglichen, zumindest für jene, die erkenntnistheoretisch hegelisch-marxistischen Voraussetzungen nicht strikt verpflichtet, sondern – wenn auch oft vage und im Detail sehr differierend – neokantianisch3 orientiert sind, nicht nur als ungerechtfertigt und unkritisch, sondern auch als antipluralistisch und dogmatisch erscheinen4. Die Verständigung über einige Bedingungen, Implikationen und Lösungsperspektiven dieses prinzipiellen und aktuellen Streits ist das leitende Interesse des folgenden Abschnitts, der die wissenschaftstheoretisch-methodologischen Positionen von Marx und Weber teilweise rekonstruiert und konfrontiert5. Die 15

Konfrontation der wissenschaftstheoretisch-methodologischen Konzeptionen von Marx und Weber wird auf deren jeweilige Begrenztheit und Einseitigkeit aufmerksam machen und damit weiter treiben zu der Frage nach Lücken und nach solchen weiterführenden Momenten innerhalb beider Konzeptionen, die den Versuch, sie partiell zu vermitteln und dadurch ihre jeweilige Einseitigkeit zu mildern, nahelegen und tragen können. Solch ein Versuch sollte nicht nur dazu führen, häufig vernachlässigte Aspekte der Marx- und der Weber-Interpretation herauszuarbeiten; er sollte sich vielmehr auch um die Identifikation jener Momente beider Konzeptionen bemühen, die für jede zukünftige Wissenschaftstheorie unaufgebbar sein dürften, wenn sie sich gegen den Vorwurf des autoritären Dogmatismus ebenso verteidigen können will wie gegen das Verdikt des unverbindlichen begrifflich-theoretischen Dezisionismus, dessen Ergebnisse jeden Wahrheitsanspruch entweder aufgegeben haben oder einen solchen nur noch methodisch beanspruchen können. Es soll versucht werden, durch Rekonstruktion, Konfrontation und Kritik der beiden Klassiker die Umrisse einer angezielten Geschichtstheorie zwischen Dogmatismus und Dezisionismus wenigstens anzudeuten. Dass die damit angesprochene wissenschaftstheore­ tische Problematik des Verhältnisses von Erkenntnisgegenstand und Erkenntnis mit der davon zu unterscheidenden geschichtsphilosophischen Problematik des Verhältnisses von analysierbarer geschichtlicher Wirklichkeit und Normen politischen Handelns, also mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Politik, aufs engste verknüpft ist, wird sich zeigen und unterstreicht die praktisch-politische Bedeutung des hier behandelten methodologisch-theoretischen Themas. Das skizzierte Unternehmen stößt auf mehrere Schwierigkeiten: 1. Weber setzt sich explizit kaum mit Marx auseinander. Wenn er sich mit Marxismus beschäftigt, so wendet er sich primär gegen eine bestimmte Weiterentwicklung der Marxschen Theorie, verfehlt aber im wesentlichen die Position Marxens, hinter dessen Denken die damaligen Historischen Materialisten selbst zurückgefallen waren6. – 2. Marx hat sich kaum methodologisch erklärt, wie auch das sich auf ihn berufende Denken kaum mehr als Ansätze zu einer Methodologie hervorgebracht hat. Die Begründung dieses Sachverhalts muss versucht werden. Um Marxens methodologische Position zu ermitteln, wird es nötig sein, einerseits einige Bemerkungen aus seinem philosophischen und ökonomischen Werk heranzuziehen, andererseits sie aus seinem Begriff von Geschichte zu entwickeln. – 3. Um eine stichhaltige Vergleichsbasis zu finden, tritt damit die Notwendigkeit auf, zwar von Webers methodologischer Theorie7 auszugehen, aber darüber hinaus auch nach seinem Geschichtsbild8 zu fragen. Aufzuweisen ist der Punkt, von dem die Verschiedenartigkeit der beiden Positionen einsichtig wird, die auch dann zutage getreten wäre, hätte Weber Marx adäquater interpretiert. Weber aus einer Gegnerschaft zu Marx heraus verstehen zu wollen, wäre ungenügend9. Häufig und auch in seinem Hauptwerk Wirtschaft und Gesellschaft folgen weite Strecken der Untersuchung einer Methode, die sich dem Marxschen Ansatz, gesellschaftliche Organisations- und Bewusstseinsformen auf ökono16

mische Prozesse zu beziehen, sehr nähert. So etwa, wenn die Gemeinschaftsbildung und das Entstehen einer wertbezogenen Ordnung aus der Voraussetzung des wirtschaftlichen Wettbewerbs hergeleitet oder wenn religionssoziologisch der Primat eines Gottes in der Bedeutung einer bestimmten ökonomischen Entwicklung begründet wird10. Selbst Webers Kritik am Historischen Materialismus erweist sich noch dem Marxschen Ansatz verpflichtet: »Und unter dem Eindruck der gewaltigen Kulturbedeutung der modernen ökonomischen Umwälzungen und speziell der überragenden Tragweite der ›Arbeiterfrage‹ glitt der unausrottbar monistische Zug jedes gegen sich selbst unkritischen Erkennens naturgemäß auf diesen Weg« (WL, 167).11 Weber stellt gewissermaßen den marxistischen Monismus unter Ideologieverdacht, indem er ihn auf seine ökonomisch-gesellschaftliche Basis bezieht. Andererseits bedient sich Weber in »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« in bewusster Absetzung gegen Marx12 einer Methode, die dessen Ansatz umkehrt, indem sie geistigreligiöse Ursprünge kapitalistischer Produktionsverhältnisse aufzuzeigen unternimmt.13 Zur Erklärung dieser seiner ambivalenten Haltung gegenüber Marx sind zunächst Webers eigene Äußerungen über Marxismus heranzuziehen. »Die sogenannte ›materialistische Geschichtsauffassung‹ in dem alten genialprimitiven Sinne etwa des kommunistischen Manifests beherrscht heute wohl nur noch die Köpfe von Laien und Dilettanten« (WL, 167). Weber lehnt sie als »Weltanschauung« ab. Dazu mache diese Geschichtsauffassung, ihr gegen sich selbst unkritischer Zug, ihr Glaube, »daß die Gesamtheit der Kulturerscheinungen sich als Produkt oder als Funktion ›materieller‹ Interessenkonstellationen deduzieren lasse« (WL, 166). Und Weber definiert: »Materialistisch« meine »die eindeutige Bedingtheit der ›historischen‹ Vorgänge durch die jeweilige Art der Beschaffung und Verwendung ›materieller‹, das heißt ökonomischer Güter und insbesondere auch die eindeutige Determiniertheit des ›historischen‹ Handelns der Menschen durch ›materielle‹, das heißt ökonomische Interessen« (WL, 314). Vorwürfe, die auf dieser Sicht des Historischen Materialismus beruhen, ziehen sich durch Webers Werk.14 Trotzdem glaubt Weber, »daß die Analyse der sozialen Erscheinungen und Kulturvorgänge unter dem speziellen Gesichtspunkte ihrer ökonomischen Bedingtheit und Tragweite ein wissenschaftliches Prinzip von schöpferischer Fruchtbarkeit war und, bei umsichtiger Anwendung und Freiheit von dogmatischer Befangenheit, auch in aller absehbaren Zeit noch bleiben wird« (WL, 166). Weber sieht sogar die Gefahr, dass die marxistische Methode in der Gegenwart unterbewertet werde. »Die eminente, ja einzigartige heuristische Bedeutung dieser Idealtypen [= der marxistischen Kategorien], wenn man sie zur Vergleichung der Wirklichkeit mit ihnen benutzt und ebenso ihre Gefährlichkeit, sobald sie als empirisch geltend oder gar als reale (das heißt in Wahrheit metaphysische) ›wirkende Kräfte‹, ›Tendenzen‹ usw. vorgestellt werden, kennt jeder, der je mit marxistischen Begriffen gearbeitet hat« (WL, 205). Weber versucht somit das, was er unter marxistischer Geschichtsinterpreta­ tion versteht, für das, was er unter Wissenschaft versteht, zu retten. Er akzeptiert 17

den Historischen Materialismus als heuristisches Prinzip, befreit ihn von seinem Absolutheitsanspruch, damit aber auch von seiner revolutionären ­Potenz, und sieht ihn als eine Methode unter anderen an, Wirklichkeit  – soweit dies überhaupt möglich ist – wissenschaftlich zu erkennen. So kann sich Weber der Marxschen Modelle mit Gewinn bedienen, ohne sich von ihnen seine Methodenvielfalt einschränken zu lassen. Bevor dieser Sachverhalt aus Webers Methodologie verständlich gemacht wird, ist noch näher auf seine Kritik an der Marxschen Geschichtsinterpretation einzugehen. Zweierlei Aspekte der skizzierten Kritik sind auseinanderzuhalten: Zum einen meint Weber tadelnd, der Historische Materialismus gebe die von ihm festgestellten Tendenzen, Kräfte und Gesetzmäßigkeiten als Wirklichkeit aus und kennzeichne sie nicht als von der Wirklichkeit Abstand haltende, idealtypische Konstruktionen. Er identifiziere naiv erfahrungswissenschaftliches Erkennen und objektive Wirklichkeit.15 Zum andern glaubt Weber, die Kausalerklärungen des Historischen Materialismus zielten auf eine Deduktion der einzelnen historischen Erscheinungen aus einem letztlich ungeschichtlichen »Gesetz«, nämlich aus dem Gesetz der kausalen Abhängigkeit gesellschaftlichen Bewusstseins und Handelns vom ökonomischen Sein, das aller Entwicklung monokausal zugrunde liege. Dieser zweite Vorwurf wird jedoch dem, was Marx mit »Gesetz« meint, nicht ganz gerecht. Marx sagt zum Verhältnis von Geschichtsschreibung und Geschichtsphilosophie: »Die selbständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium. An ihre Stelle kann höchstens eine Zusammenfassung der allgemeinsten Resultate treten, die sich aus der Betrachtung der historischen Entwicklung der Menschen abstrahieren lassen. Diese Abstraktionen haben für sich, getrennt von der wirklichen Geschichte, durchaus keinen Wert. Sie können nur dazu dienen, die Ordnung des geschichtlichen Materials zu erleichtern, die Reihenfolge seiner einzelnen Schichten anzudeuten. Sie geben aber keineswegs wie die Philosophie ein Rezept oder Schema, wonach die geschichtlichen ­Epochen zurechtgestutzt werden können.« Die Ordnungs- und Darstellungsprinzipien ergeben sich »erst aus dem Studium des wirklichen Lebensprozesses und der Aktion der Individuen jeder Epoche«.16 Marx lehnt es ausdrücklich ab, jenseits der praktischen Geschichtsschreibung ein philosophisches Gesetz zu formulieren. Dies vor allem aus drei Gründen: 1.  Die Geschichte als durch Arbeit vermittelter »Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur«17 ist für Marx keine automatische, voll determinierte Funktion der ›materiellen Basis‹. Zwar gibt es Formulierungen bei Marx, die eine solche Interpretation ermöglichen, doch widersprechen sie den dominanten Aspekten seines durch und durch historischen Ansatzes, der in seinem ökonomischen Hauptwerk zwar schwächer hervortritt als in seinen Jugendschriften, der aber gleichwohl keineswegs aufgegeben wird.18 Geschichte entsteht für Marx nie ohne praktisch werdendes Bewusstsein. Dieses ist nicht als kausale Folge des »materiellen Seins« zu verstehen, menschliches Handeln nicht als eindeutig determiniertes Ausführen von Gesetzen, die die Basis diktiert. »Die materialistische Lehre19 von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergisst, 18

dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss. Sie muss daher die Gesellschaft in zwei Teile … sondieren«.20 Das will Marx gerade nicht. Vielmehr sind geschichtliches Sein und Bewusstsein sich gegenseitig verändernde Momente eines verschränkten Verhältnisses, das genausogut als getrenntes wie als geeintes gedacht werden muss. Auf jeder geschichtlichen Stufe findet sich ein Ensemble von gewordenen Verhältnissen vor, das »zwar einerseits von der neuen Generation modifiziert wird, ihr aber auch andererseits ihre eigenen Lebensbedingungen vorschreibt und ihr eine bestimmte Entwicklung, einen speziellen Charakter gibt, daß also die Umstände ebensosehr die Menschen wie die Menschen die Umstände machen«.21 Von Gesetzen im Sinne ungeschichtlicher, determinierender Naturgesetze zu sprechen ist nach Einsicht in diese dialektische Vermittlung von Sein und Bewusstsein, von Verhältnissen und Mensch eigentlich nicht möglich. 2. Wenn Marx das Gesetz der Geschichte formulierte, täte er genau das, was er Feuerbach in Bezug auf den Menschen vorwirft. Feuerbach spreche fälschlich von »dem Menschen« statt von dem je und je verschiedenen »wirklichen historischen Menschen«.22 Marx würde vom realen geschichtlichen Verlauf abstrahieren, ein »Naturgesetz« aufstellen und damit seinem eigenen Ansatz nicht entsprechen, der daran festhält, dass die »Natur« des Menschen seine Geschichte sei, man also gerade nicht von einer in Gesetzesform zu fassenden Natur des Menschen und seiner Geschichte sprechen könne.23 Die objektiven Möglichkeiten des gesellschaftlichen Menschen sind durch nichts begrenzt als durch seine bisherige Geschichte und durch die Eigengesetzlichkeit der Natur, in­soweit diese nicht völlig in den Weisen ihrer geschichtlichen Aneignung aufgeht.24 Diese Eigen­gesetzlichkeit der Natur, die dem Menschen nicht völlig verfügbar wird, ist jedoch nur im Rahmen der jeweiligen historischen Situation beschreibbar, in der sich Menschen mit ihr auseinandersetzen. Sie ist deshalb ebenfalls ungeeignet, die Basis für die Formulierung einer (negativ begrenzenden) Wesenskonstante des Menschen abzugeben.25 3. Scharf polemisiert Marx 1870 gegen den Versuch, die gesamte Geschichte »unter ein einziges großes Naturgesetz zu subsumieren« unter das Prinzip des Kampfes ums Dasein.26 Jedoch benutzt Marx häufig den Begriff »Naturgesetz« zur Bezeichnung gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen. Er spricht von den »Naturgesetzen« der kapitalistischen Produktion, von diesen »mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen«.27 Dies ist in doppelter Hinsicht zu verstehen: Mit »Naturgesetz« bezeichnet Marx zum einen kritisch die Weise, in der die Selbstreproduktion des kapitalistischen Systems vor sich geht, »indem hier der Zusammenhang der gesamten Produktion als blindes Gesetz den Produktions­ agenten sich aufzwingt, nicht als von ihrem assoziierten Verstand begriffenes und damit beherrschtes Gesetz den Produktionsprozess ihrer gemeinsamen Kontrolle unterworfen hat«.28 Naturgesetzlich in diesem Sinne läuft der gesellschaftliche oder ökonomische Prozess ab, solange die Menschen noch nicht zum bestimmenden Subjekt ihrer Verhältnisse geworden sind.29 Indem Marx 19

die »Naturgesetze« auf eine bestimmte historische Situation bezieht, aus der heraus sie entstanden und innerhalb deren sie wirken, zeigt er sie als gewordene und veränderbare. Gleichzeitig kritisiert er ihren starren, repressiven, »natur­ gesetzlichen« Charakter mit dem Interesse, ihn aufzuheben.30 Zum andern ist Marx allerdings der Auffassung, dass allen geschichtlichen Produktionsepochen gewisse Merkmale gemeinsam sind. »Soweit der Arbeitsprozeß nur ein bloßer Prozeß zwischen Mensch und Natur ist, bleiben seine einfachen Elemente allen gesellschaftlichen Entwicklungsformen desselben gemein«.31 Die Existenz solcher »Konstanten« innerhalb der Konzeption von Marx ist nicht erstaunlich, wenn man das Verhältnis von Mensch und Natur bei Marx bedenkt. Während der junge Marx sehr utopisch als Ziel der geschichtlichen Entwicklung »die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, (den) durchgeführte(n) Naturalismus des Menschen und (den) durchgeführte(n) Humanismus der Natur«32 bezeichnet, sieht Marx später ein, dass die Natur nicht völlig in den historischen Weisen ihrer praktischen Aneignung aufgeht, dass vielmehr auch der Mensch der sozialistischen Gesellschaft mit der nicht völlig ihrer Widerständigkeit entkleideten Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.33 Er schreibt 1868: »Natur­gesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiednen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen«.34 Aus dem Zusammenhang ist ersichtlich, dass unter dem, was hier mit »Naturgesetze« bezeichnet wird, jene sich durchhaltende »von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen (und)  ewige Naturnotwendigkeit«35 zu verstehen ist. Nichtsdestoweniger sind die den Historiker und Nationalökonomen interessierenden Forschungsgegenstände gerade nicht diese formalen und abstrakten »Naturgesetze«, sondern die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen.36 Solche missverständlichen, vielleicht auch auf Widersprüche im Marxschen Denken hindeutenden Formulierungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei diesen »Naturgesetzen« nicht um abstrahiert von den historischen, konkreten Individualitäten formulierbare, übergeschichtliche Gesetze handelt, nicht um Regeln, als deren Anwendungsfälle die historischen Erscheinungen interpretiert werden könnten, sondern um ein Allgemeines, welches nirgends als im Besonderen ist.37 Zwar ist demnach Geschichte für Marx nicht unbegrenzte Plastizität, doch hat in seinem Denken das »ewige Gesetz«, das Weber ihm unterstellt, keinen Platz. Weber kritisiert, wenn er dem Historischen Materialisten seinen un­ geschichtlichen, monokausalen Gesetzesbegriff vorwirft, nicht so sehr Marx, sondern viel eher jene, die ihn später starr und undialektisch interpretierten. Allerdings muss betont werden, dass Marx selbst seinen historisch-dialektischen Ansatz nicht immer durchhielt, und vor allem: dass der Marxsche Begriff vom Verhältnis des Allgemeinen und Besonderen in der Geschichte eben nur aus seiner Herkunft aus der Hegelschen Logik zu verstehen ist. Schon um die Jahrhundertwende, erst recht aber in den folgenden Jahrzehnten wandten sich 20

solche Begriffe an ein Publikum, das die Voraussetzungen und Eigenarten der Hegelschen Logik i. d. R. nicht mehr teilte; der darin begründeten Gefahr des Missverständnisses, die heute erst recht von jedem zu beachten wäre, der sich hegelianisierender Sprache bedient und dennoch auf möglichst klare Verständigung abzielt, erlag wohl auch Weber. Mit der Aufdeckung dieser Weberschen Einseitigkeit fallen jedoch keineswegs alle Differenzen zwischen Marxens und Webers methodologischer Position fort. Denn: wenn Marx auch nicht ungeschichtliche Gesetze des Geschichtsablaufs formuliert, so gibt er doch nicht den Anspruch auf, die »Kerngestalt« der kapitalistischen Gesellschaft wissenschaftlich zu erkennen, das heißt, Substanzeinsicht zu gewinnen, die für Weber nicht möglich erscheint und die er als »Metaphysik« verurteilt. Auch wenn Weber Marx angemessener interpretiert hätte, wäre dessen Ansatz für ihn unannehmbar gewesen.

Wirklichkeit und Methode bei Weber Weber geht aus von der strikten Trennung zwischen analysierendem Wissenschaftler und zu analysierender Wirklichkeit. Sicherlich genügt es nicht zu behaupten, dass diese Wirklichkeit, insofern sie noch nicht wissenschaftlicher Betrachtung unterzogen worden ist, für Weber eine unstrukturierte sei. »Was Gegenstand der Untersuchung wird und wieweit diese Untersuchung sich in die Unendlichkeit der Kausalzusammenhänge erstreckt«, das bestimmen zwar die Wertideen des Forschers (WL, 184). Mit diesem Satz impliziert Weber aber, dass Kausalbeziehungen existieren, in die sich die Untersuchung erstreckt, das heißt: die Untersuchung folgt vorgegebenen Wirklichkeitsstrukturen, sie zaubert sie nicht hervor.38 Überdies ist die den Geisteswissenschaften vorgegebene Wirklichkeit eine menschlich-geschichtliche Wirklichkeit. Das bedeutet für Weber, dass die Gegenstände geisteswissenschaftlichen Erkennens bereits auf der »­ontischen«39 Ebene durch ein auf Werte bezogenes Handeln entstandene, in­sofern sinnbezogene und dadurch strukturierte sind. Erst diese ihre Eigenart ermöglicht historisches Verstehen, das ebenfalls nur im Bezug auf Werte vor sich gehen kann (WL, 180 f.). Demgegenüber lassen sich eine Vielzahl von Äußerungen Webers zusammentragen, die darauf hinweisen, dass er Wirklichkeit als eine chaotische auffasst. »Das Licht, welches jene höchsten Wertideen spenden, fällt jeweilig auf einen stets wechselnden endlichen Teil  des ungeheuren chaotischen Stromes von Geschehnissen, der sich durch die Zeit dahinwälzt«.40 Viele Interpreten sind aufgrund solcher deutlichen Zitate zu dem Schluss gekommen, dass die Wirklichkeit für Weber überhaupt keinerlei »gegenständliche Struktur« habe.41 Der Widerspruch zwischen einerseits strukturierter, andererseits chaotischer Wirklichkeit lässt sich durch folgende Überlegungen auflösen. Selbst wenn die Wirklichkeit des »heterogenen Kontinuums«42 eine durch Kausalbeziehungen und 21

Wertbeziehungen strukturierte und bestimmte ist, so bedeutet das noch nicht, dass sie in diesen Beziehungen – etwa für den Wissenschaftler – erkennbar sein muss. Vielmehr können die vorgegebenen Strukturen des »Kontinuums« für die Strukturen, die die wissenschaftliche Arbeit aufsucht und mitkonstituiert, irrelevant sein, dann nämlich, wenn die vorgegebenen Kausalbeziehungen unzählbar sind und gleichzeitig jedes Element dieser Wirklichkeit in einer mehrdeutigen Bezogenheit zu anderen Elementen steht. Man kann dann von einem Chaos von Kausalzusammenhängen sprechen bzw. von einem Haufen wertbezogener individueller Seinselemente43, von einem »amorphen Geschiebe von verfilzten«, wenn auch in sich strukturierten Elementen. Kultur ist danach lediglich ein vom Analysierenden nach bestimmten Werten und Gesichtspunkten geordneter, konstituierter Ausschnitt einer zwar nicht unstrukturierten, für den Betrachter letztlich jedoch chaotisch erscheinenden Wirklichkeit.44 Wenn Wirklichkeit somit als unendlich komplex und mannigfaltig vorgestellt wird, kann erfahrungswissenschaftliche Erkenntnis jeweils nur Partial­ erkenntnis sein. »Alle denkende Erkenntnis der unendlichen Wirklichkeit durch den endlichen Menschengeist beruht daher auf der stillschweigenden Voraussetzung, dass jeweils nur ein endlicher Teil derselben den Gegenstand wissenschaftlicher Erfassung bilden, dass nur er ›wesentlich‹ im Sinne von ›wissenswert‹ sein solle« (WL, 171). Die Auswahl des »Wesentlichen« erfolgt aufgrund von Wertideen und Interesse-Gesichtspunkten, die nicht dem »Stoff selbst entnommen« (WL, 181) werden können. Immer wieder verneint Weber die Ableitbarkeit der die wissenschaftliche Erkenntnis erst ermöglichenden Gesichtspunkte aus der Sache.45 Das Kriterium für die Richtigkeit eines Gesichtspunktes beziehungsweise für die Möglichkeit, zwischen mehreren Gesichtspunkten abzuwägen, liegt nicht  – wenigstens nicht hinreichend  – im zu untersuchenden Gegenstand.46 Obwohl die Wirklichkeit des Kontinuums eine strukturierte ist, muss Weber diese Unabhängigkeit der Gesichtspunkt- und Kategorienbildung vom zu untersuchenden Stoff betonen, weil jene »ontischen« Strukturen im »heterogenen Kontinuum« gegenüber den Kausalzusammenhängen und Interdependenzstrukturen, auf die es der Wissenschaft ankommt, weitgehend indifferent sind. Allerdings ist die »ontische« Wirklichkeitsstruktur der wissenschaftlichen Strukturbildung (Begriffsbildung und Ergebnisfindung) gegenüber auch nach Weber nicht völlig indifferent. Der Wissenschaftler kann nicht mit jedem Interesse und jedem Begriff an jeden Stoff herantreten und nicht schlechthin Beliebiges zu einem »historischen Individuum« zusammenfassen.47 Grenze der Willkür ist zunächst und zumindest48 jene Mannigfaltigkeit von Sachverhalten, die zwar vielerlei Deutungen, aber nicht alle zulassen. Solange die wissenschaftliche Begriffsbildung dieser elementaren Tatsächlichkeit nicht widerspricht (und der Spielraum scheint für Weber groß zu sein), bleibt die Wirklichkeit gegenüber der Kategorienbildung jedoch letztlich indifferent. Webers Bemühen, die Gegenstandswelt als wertfreie Tatsächlichkeit sauber von der Welt der Werte und der von ihnen abhängigen Gesichtspunkte zu scheiden, ist aus seinem Wirklichkeitsbild verständlich und ein konstitutives, unauf22

gebbares Moment seiner Wissenschaftslehre wie seiner Ethik. Es brachte ihm den Vorwurf des Dezisionismus ein. Tatsächlich scheint es, als ob die Wahl der Erkenntnisgesichtspunkte im Bereich der rational nicht zu begründenden und zu kritisierenden Entscheidung bleibe, wenn die zu untersuchende Sache, die geschichtliche Wirklichkeit, so weitgehend als Kriterium ausfällt.49 Wenn Weber sagt, die Gesichtspunktwahl sei nicht »willkürlich«, solange der Erfolg für sie spreche (WL, 170), so ist zu bedenken, dass der Erfolg nach denselben Gesichtspunkten beurteilt wird, für die er Kriterium sein soll. Wenn man dem Weber der methodologischen Aufsätze folgt, soweit er bisher zusammenfassend dargestellt wurde, so bleibt zwischen Wirklichkeit und Erkenntnis ein tiefer Spalt. Objektivität kann nicht inhaltlich, sondern nur methodisch bestimmt werden. Dieser Verzicht begründet umso mehr das Recht der Wertgesichtspunkte, in ihrer Freiheit letztlich der rationalen Diskussion ent­ zogen zu sein. Vernunft und Entscheidung scheinen auseinanderzuklaffen. Von hier aus wird Webers ambivalente Haltung gegenüber Marx besser verständlich. Er kann dessen Gesichtspunkte und Kategorien als eine Möglichkeit unter anderen gelten lassen. Ihm einen Vorzug oder Nachteil gegenüber anderen zusprechen kann Weber kaum: so kritisiert er gleichermaßen Historischen Materialismus und Rassentheorie, sie gleichberechtigt und formal nebeneinanderstellend (WL, 167). Zugleich muss er dem Marxschen Denken den Anspruch, mehr als denkende Ordnung eines letztlich ungeordneten Wirklichen zu sein, streitig machen, denn Substanzeinsicht kann es für Weber nicht geben.

Wirklichkeit und Methode bei Marx Marx wendet sich dagegen, Wirklichkeit nur »unter der Form des Objekts« zu fassen. Er will sie als »sinnlich-menschliche Tätigkeit«, als Praxis begreifen.50 Geschichtliche Wirklichkeit ist demnach ein Prozess, in dem ständig und in steigendem Maße menschliche Arbeit und damit menschliches Bewusstsein gegenständlich werden und wiederum als Bedingung auf das denkende und handelnde Subjekt zurückwirken. Marx würde die Webersche Forderung nach klarer Trennung zwischen erkennendem Subjekt und zu erkennendem Objekt als abstrakt ablehnen. Denn einerseits befindet sich auf dem jeweiligen Stand des geschichtlichen Prozesses in den bedingenden Verhältnissen schon immer ein gut Teil menschlichen Bewusstseins, und andererseits – »Der Mensch, das ist die Welt des Menschen«51 – ist menschliches Bewusstsein in Form und Inhalt jeweils als historisches, das heißt durch den historischen Prozess bestimmtes zu beschreiben. Daraus folgt wiederum zweierlei: Einerseits braucht die Wirklichkeit, insofern sie zunehmend durch Arbeit vermittelt und durch praktisch gewordenes Bewusstsein mitkonstituiert ist, dem vernünftigen menschlichen Verstehen nicht prinzipiell fremd und äußerlich zu sein. Daran hält Marx gegen Feuerbach sogar für die Gegenstände der Naturwissenschaften fest: »Selbst 23

diese ›reine‹ Naturwissenschaft erhält ja ihren Zweck sowohl wie ihr Material erst durch Handel und Industrie, durch sinnliche Tätigkeit der Menschen«.52 Dies gilt erst recht für die Sozialwissenschaften. Andererseits nähert sich das Bewusstsein der Wirklichkeit nicht mit sachfremden Kategorien. »… das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse«.53 Deshalb sind seine Bewusstseinsformen und -inhalte »ein historisch gewordenes Dasein in seiner begrifflichen Form, ein gesellschaftlich gewordener Erfahrungsbereich und Vorstellungskreis«.54 Das bedeutet, dass auch Werte und Gesichtspunkte als Momente des gesamt­ gesellschaftlichen und geschichtlichen Prozesses reflektiert werden müssen und keineswegs wie bei Weber unverbunden der Sache gegenüberstehen. Allerdings folgt daraus für Marx nicht, dass das Bewusstsein der Menschen seinen Gegenständen immer angemessen ist. Die begrifflichen Elemente, die in die Wirklichkeit eingehen, können und müssen im Bewusstsein der »Träger und Agenten« der entfremdeten ökonomischen Verhältnisse55 in einer verkehrten Form erscheinen. Wenn etwa die Privatproduzenten im kapitalistischen Tausch­a kt ihre gesellschaftliche Arbeit abstrakt aufeinander beziehen, so »wissen sie (das) nicht, aber sie tun es«.56 Die Aufklärung dieses notwendig falschen Bewusstseins ist gerade Aufgabe der Wissenschaft, die jedoch nur vermittelt durch proletarisches Klasseninteresse und zugleich mit praktischer Veränderung der Verhältnisse erfolgreich sein kann. Welche methodologischen Konsequenzen hat die angedeutete Ungeschiedenheit von Bewusstsein und Welt? Auf keinen Fall kann es sich um eine Auflösung des Objektes im Erkenntnissubjekt handeln. Das »reale Subjekt [das ist das Erkenntnisobjekt] bleibt nach wie vor außerhalb des Kopfes in seiner Selbständigkeit bestehn; solange sich der Kopf nämlich nur spekulativ verhält, nur theoretisch. Auch bei der theoretischen Methode daher muss das Subjekt, die Gesellschaft, als Voraussetzung stets der Vorstellung vorschweben«.57 Ebensowenig kann der Erkenntnisvorgang als Übereinstimmung des Intellekts mit den außerhalb seiner befindlichen Gegenständen im Sinne einer Abbildtheorie beschrieben werden. Das würde gerade jene Dualität von Subjekt und Objekt voraussetzen, die Marx zu über­ winden suchte.58 Der Erkenntnisprozess kann nicht außerhalb des praktischen Verhältnisses von Mensch und Wirklichkeit beschrieben werden. Zum einen nimmt für Marx die Reflexion über Gegenstände der Außenwelt ihren Ausgang von der Bedeutung, die diese als Mittel der menschlichen Bedürfnisbefriedigung haben.59 Der fortschreitende Prozess der praktischen Aneignung dieser Gegenstände führt zum andern dazu, dass in der geschichtlichen Wirklichkeit, die es zu erkennen gilt, Arbeit gegenständlich wird. Damit muss einerseits in die De­f inition solcher Wirklichkeit die menschliche Praxis eingehen, die sie mitkonstituiert hat, andererseits wird so die Praxis zum Wahrheitskriterium: »Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage«.60 Ohne dass hier die in 24

diesem Satz eingeschlossene Problematik weiterverfolgt werden kann61, ist klar, dass für Marx auch wissenschaftliches Denken immer schon präformiert ist von einem Verhältnis zwischen Welt und Mensch, das als praktisches zu beschreiben ist. Wissenschaftliches Denken richtet sich auf eine Welt, die nicht fertig, sondern auf Praxis hin angelegt ist, insofern sie schon immer menschliche Praxis in vergegenständlichter Form enthält. Geschichtliche Wirklichkeit ist strukturiert und in diesen ihren Strukturen innerhalb des jeweiligen Praxisbezugs für den Forscher auch erkennbar. Webers Unterschied zwischen »objektiver« und »historischer« (d. h. durch wissenschaftliche Begriffsbildung mitkonstituierter) Wirklichkeit ist in diesem Denken irrelevant. »Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage«.62 Aus solcher Bezogenheit des Denkens auf gegenwärtige und sich verändernde Praxis ergibt sich eine doppelte Unmöglichkeit: Die Marxsche Theorie erlaubt einerseits nicht, ein wirtschaftswissenschaftliches oder soziologisches System zu formulieren. Dieses müsste sich als solches aus seinem historischen Bezug lösen und abstrakt verselbständigen. Von hier wird wieder einsichtig, wie wenig Platz das von Weber kritisierte allgemeine Geschichtsgesetz im Marxschen Denken hat. Vielmehr ergibt sich hier eine gewisse Übereinstimmung Marxens mit Weber, der ein definitives System der Kulturwissenschaften aufgrund des stetigen Wandels der Erkenntnisinteressen ebenfalls für unmöglich hält (WL, 184). Es wird andererseits unmöglich, eine Methodologie (etwa im Sinne Webers) auszuarbeiten. Jede Methodologie muss, so scheint es, gerade jenen Schnitt zwischen Erkenntnissubjekt und -objekt vollziehen, den Marx ablehnt. Außerdem ist zu fragen, ob sie nicht immer vom konkreten historischen Fall abstrahieren, sozusagen ein Schema aufstellen muss, unter das sie alle Erkenntnisvorgänge subsumieren kann.63 Von der Marxschen Position her verläuft eine Kritik an Webers methodologischem Standpunkt deshalb in folgende Richtung64: Der Prozess der gesellschaftlichen Reproduktion hat eine derartige Selbständigkeit gewonnen, dass die menschliche Welt dem Menschen als eine völlig fremde gegenübertritt. Die Unüberschaubarkeit des geschichtlichen Prozesses für das vereinzelte Individuum, deren Gründe für Marx angebbar sind, spiegelt sich bei Weber in seiner Charakterisierung der Wirklichkeit als unermessliches Chaos. Fortschritt kann nicht mehr gedacht werden. Rationalität verengt sich zur effektivsten Zweck-Mittel-Relation, wobei die Zwecksetzung letztlich nichts mehr mit Vernunft zu tun zu haben braucht. Marxistische Kritik an dem Methodologen Weber würde darauf zielen, seine ungeschichtlich formulierten Aussagen über den erfahrungswissenschaftlichen Erkenntnisvorgang aus ihren geschichtlich-gesellschaftlichen Voraussetzungen zu begreifen, sie damit historisch und gesellschaftlich zu relativieren und so als allgemeine Methodologie zu zerstören. Ein Schritt solcher Kritik wäre etwa die Aufdeckung des Weberschen Wirklichkeitsbildes, einer Voraussetzung seines Denkens, die Weber nicht mitreflektiert. Eine solche Kritik müsste Weber in seinen geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang stellen. Die Kritik der abstrakten Kategorien 25

ginge über in die Kritik der abstrakten Verhältnisse, deren falsche Vollendung jene sind. Ungeschichtliche, von dem Objekt ihrer Anwendung losgelöste Kategorien würden als Indiz für entfremdetes Denken aufgezeigt und relativiert.

Historische Totalität und »heterogenes Kontinuum« Aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass Marx im Gegensatz zu Weber einen Begriff von Gesamtgeschichte hat und damit auch Gesellschaft als bestimmte und bestimmbare Totalität denken kann, als Ganzes, das seine einzelnen Teile (die untereinander in Beziehung stehen) ebenso bedingt, wie es von ihnen bedingt wird. Dadurch kann Marx die Methode anwenden, die er in der Ein­ leitung zur »Kritik der politischen Ökonomie« kurz darstellt.65 Marx geht aus von dem anscheinend »Realen und Konkreten, den wirklichen Voraussetzungen«, also in der Nationalökonomie von der Bevölkerung. Dieses »Reale und Konkrete« erweist sich als inhaltsleere Abstraktion, wenn man nicht bis zu seiner Gliederung, den Klassen und deren Grundelementen, Kapital, Lohnarbeit und so weiter, fortfragt. Ohne den analytischen Gang vom vorgestellten Konkreten zu immer »dünneren« Abstrakta und zu den einfachsten Bestimmungen bliebe die Vorstellung des Ganzen chaotisch und vollkommen unbestimmt. »Von da wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten, bis ich endlich wieder bei der Bevölkerung anlangte, diesmal aber nicht als bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen«. Wirklich konkret ist für Marx also nicht die unmittelbare Anschauung, sondern: »Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannig­ faltigen«.66 Diese konkrete Totalität umfasst sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse einer historischen Periode. Das Ganze ist nirgends zu finden als in seinen Teilen. »In der Natur der Teile des Ganzen liegt die Voraussetzung seiner Existenz, und so ist nur das Studium dieser Teile die das Ganze bildende Bewegung. Aber auch das reicht nicht aus, denn es muß gezeigt werden, wie sie ineinander übergehen, sich gegenseitig bedingen, um als Ganzes zu erscheinen«.67 Umgekehrt ist aufgrund des Zusammenhangs der Teile jeder von ihnen nur zu erfassen, wenn gleichzeitig auf das Ganze hin gefragt wird. Diesem methodischen Vorgehen liegt implizit die Vorstellung einer Wirk­ lichkeit zugrunde, in der es Erscheinungsform und Wesen, Oberfläche und Kerngestalt zu unterscheiden gilt. »Die fertige Gestalt der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich auf der Oberfläche zeigt, in ihrer realen Existenz, und daher auch in den Vorstellungen, worin die Träger und Agenten dieser Verhältnisse sich über dieselben klarzuwerden suchen, ist sehr verschieden von, und in der Tat verkehrt, gegensätzlich zu ihrer innern, wesentlichen, aber verhüllten Kerngestalt und dem ihr entsprechenden Begriff«.68 Obwohl in der entfremdeten Ge26

sellschaft die existierende Gestalt der Verhältnisse ihr Wesen eher verhüllt als bloßlegt, hat der Wissenschaftler bei einer der Oberflächenerscheinungen anzusetzen, denn nirgends sonst kann er die »Kerngestalt« finden als in ihren historisch-konkreten Erscheinungsformen. Die Aufgabe des Wissenschaftlers ist es, den Begriff dieser »Kerngestalt« aufzusuchen69, d. h., »das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen«.70 Das heißt jedoch nicht: ein allgemeines Gesetz im Sinne einer Weltformel zu suchen. Vielmehr handelt es sich um einen Begriff, der nicht losgelöst von den Formen seiner Existenz zu formulieren ist. Deshalb fordert Marx auch sogleich, »die Reise wieder rückwärts anzutreten«, das heißt, die Beziehungen zwischen Kerngestalt und Phänomen an der Oberfläche aufzudecken und erst so die Kerngestalt angemessen, das heißt konkret, zu erfassen.71 Zugleich werden die »Vorstellungen, worin die Träger und Agenten dieser Verhältnisse sich über dieselben klarzuwerden suchen«72, in Frage gestellt und so die Möglichkeit ihrer Veränderung geschaffen, die sich allerdings nicht auf den theoretischen Bereich zu beschränken, sondern in praktische Veränderung jener Verhältnisse überzugehen hat, die jenes falsche Bewusstsein bedingen. Substanzeinsicht in diesem Sinne ist – nach Marx im Gegensatz zu Weber – prinzipiell für die Wissenschaft möglich aufgrund des oben skizzierten dialektischen Verhältnisses von Bewusstsein und Wirklichkeit, wenn sie auch nur von einem Bewusstsein geleistet werden kann, das nicht mehr durch Klassenschranken eingeengt und durch den Zwang der entfremdeten ökonomischen Verhältnisse verkehrt ist. Die Bedingungen der Möglichkeit solcher Erkenntnis können nicht abstrakt reflektiert werden, da Inhalt und Form des erkennenden Bewusstseins als je verschiedene Ergebnisse und Momente je anderer historischer Situationen bestimmt sind. Vor allem ein von Hegel übernommener, allerdings materialistisch transformierter Begriff von Wirklichkeit73, der eine strukturierte Einheit in aller Mannigfaltigkeit, eine Kerngestalt in allen Erscheinungen weiß, ermöglicht es Marx, von der Wissenschaft Einsicht in das Wesen der historischen Verhältnisse, das heißt Substanzeinsicht oder Erfassen der Totalität, zu verlangen. Im Gegensatz dazu muss sich das nach-hegelianische, neokantianische Denken Webers, das sich Wirklichkeit nur als »heterogenes Kontinuum« vorstellen kann, mit Partial­ erkenntnis begnügen und jene Unterscheidung zwischen Wesen und Erscheinung als schlechte Metaphysik und jene Intention auf einen Begriff vom Ganzen hin als überhebliche Selbsttäuschung verurteilen. Umgekehrt sind die Überzeugungskraft und Konsistenz des Marxschen Ansatzes ganz außerordent­lich stark von der Geltung Hegelscher Prämissen abhängig. Wer diese Prämissen nicht mehr akzeptiert, wird jenen Ansatz nicht einfach übernehmen können. Webers aus der Vorstellung von historischer Wirklichkeit als einem »heterogenen Kontinuum« hervorgehende Methode ist im Unterschied zu Marxens ständigem Einbezug des Ganzen dadurch gekennzeichnet, zunächst gemäß einem erkenntnisleitenden Gesichtspunkt einen »Kausalstrang« aus der Fülle des Wirklichen, das nicht als strukturierte Totalität gedacht wird, herauszulösen. Wenn er auch additiv mit Hilfe weiterer Untersuchungen ergänzende »Kausalstränge« verfolgen 27

kann, so ist es Weber aufgrund seiner Methode doch sehr erschwert, ständig die Beziehung und die Bedeutung eines Moments der Wirklichkeit gegenüber den anderen zu reflektieren. Diese vom methodischen Ansatz verlangte Abstraktion lässt sich als Schwierigkeit in Webers Arbeiten, etwa in »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus«, aufweisen. So scheint es, dass Weber, wenn er innerhalb seines begrenzten Ansatzes bleibt, das Phänomen des Pietismus nicht hinreichend erklären kann, der zwar auf gleichen religiösen Grundlagen wie der den Kapitalismus fördernde Puritanismus ruht, aber gerade nicht zu nüchterner Askese und Arbeitsethos führt wie dieser. Weber müsste, wollte er diese Differenz erklären, weitere Bedingungen des Umschlagens von calvinistischer Religiosität in weltoffene Tüchtigkeit entwickeln, die wahrscheinlich gesellschaftlicher, ökonomischer, geographischer und anderer Art sind und die bewirken, dass ähnliche religiöse Inhalte einmal zu tätiger Weltoffenheit, ein anderes Mal zu verinnerlichter Frömmigkeit führen.74 Die Verflochtenheit und gegenseitige Beeinflussung verschiedener bedingender Momente müsste reflektiert und ihre Bedeutungen gegeneinander abgewogen werden.75 In ähnliche Schwierigkeiten gerät Weber durch seine Beschränkung auf eine Kausalkette bei der Erklärung, wie aus Verlagsunternehmen im 18.  Jahrhundert zentralisierte Manufakturen entstanden.76 Weber führt den neuen calvinis­ tischen Geist als bewegenden Grund an, der eine Verschärfung der Arbeitskontrolle. Planung, Kundenwerbung usw. bewirkt und die bisherige auf Heimarbeit fußende gewerbliche Form in Frage stellte. Es scheint aber fraglich, ob alle diese Antriebe und Auswirkungen des neuen Geistes hinreichend erklären können, warum nun die Arbeit in Manufakturen, also in von der Wohnstätte getrennten zentralen Arbeitsräumen, stattfinden musste. Es wäre durchaus denkbar, dass Planung, Kundenwerbung und größere Rationalität des Arbeitsprozesses auch in einer dezentralisierten Arbeitsform garantiert werden hätten können. Um das Entstehen der geschlossenen Betriebe zu erklären, wird es unumgänglich sein, auf die Weiterentwicklung der Produktionsmittel, der Werkzeuge und ersten Maschinen, deren Kauf und Anwendbarkeit eine gewisse Zentralisierung verlangten, und auf den Arbeitsprozess, dessen technologische Weiterentwicklung immer deutlicher zentrale Leitung erforderte, zu rekurrieren und den Zusammenhang dieser Elemente mit dem neuen Geist zu untersuchen. Das erschwert Webers Ansatz aber, zumindest führt er nicht zwangsläufig zu einem solchen Vorgehen. Demgegenüber versucht Marx die Wirklichkeit in ihren vielfältigen, sich gegenseitig bedingenden Momenten zu fassen, deren eines die wissenschaftliche Forschung selbst ist. Für ihn sind selbst die abstraktesten Kategorien historische Kategorien. Er entwickelt das an der Kategorie »Arbeit«. Arbeit könne erst als »Arbeit überhaupt« gedacht werden (nach Marx erstmalig von A. Smith) in einer »sehr entwickelte(n) Totalität wirklicher Arbeitsarten …, von denen keine mehr die alles beherrschende ist«. Vorausgesetzt ist eine Gesellschaftsform, »worin die Individuen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andre übergehen und die bestimmte Art der Arbeit ihnen zufällig, daher gleichgültig ist«. Das war etwa zur Zeit der Physiokraten weniger der Fall als innerhalb 28

der modernen bürgerlichen Gesellschaft. An diesem Beispiel stellt Marx überzeugend fest, »wie selbst die abstraktesten Kategorien, trotz ihrer Gültigkeit – eben wegen ihrer Abstraktion – für alle Epochen, doch in der Bestimmtheit dieser Abstraktion selbst ebensosehr das Produkt historischer Verhältnisse sind und ihre Vollgültigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse besitzen«.77 So konkretisiert sich die obige These, dass das erkennende Subjekt nicht mit sachfremden Kategorien an die Sache herantritt. Es muss jedoch ständig seine Stellung innerhalb der Totalität des geschichtlichen Prozesses und die Herkunft seiner Kategorien aus diesem reflektieren.78 Kategorien, Gesichtspunkte können nur kritisiert werden, indem man sie mit den Verhältnissen in Verbindung bringt, in denen sie entstanden und angewandt werden. Die beherrschende Stellung der Kategorien (Gesichtspunkte) Arbeit, Produktion und Tausch begründet Marx mit der hohen Bedeutung, die diese Elemente in der von ihm untersuchten kapitalistischen Gesellschaft erlangt haben. Kategorien sind für Marx zugleich Seinskategorien, in Webers Sprache: Gesichtspunkte des wissenschaftlichen Erkennens sind zugleich herrschende Elemente der zu untersuchenden Wirklichkeit. Damit stellt sich jedoch die Frage an den Geschichtsschreiber Marx, ob denn Kategorien, die der gegenwärtigen Gesellschaft angemessen sein mögen, auch zur Erforschung vergangener Zeiten verwandt werden können. Falls etwa mit den Kategorien »Klasse« und »Klassenkampf« die mittelalterliche Gesellschaft untersucht wird, so tritt damit die Gefahr auf, dass ein gegenwärtiges Kate­ goriensystem, das nach Marx’ eigenem Anspruch der historischen Relativierung unterliegt, ungeschichtlich aller bisherigen Entwicklung unterschoben wird. Marx denkt historisch im Sinne der Verschiedenartigkeit der historischen Individualitäten genug, um nicht naiv die Anwendbarkeit der gegenwärtigen Begriffe auf vergangene Zeiten zu behaupten. »Wenn daher wahr ist, dass die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie eine Wahrheit für alle andren Gesellschaftsformen besitzen, so ist das nur cum grano salis zu nehmen«.79 Trotzdem ist er der Meinung, dass erst von der (bisher am höchsten entwickelten) Orga­ nisation der Gegenwart her Einsicht in Gliederung und Verhältnisse der untergegangenen Gesellschaftsformen möglich ist, die von der bisher letzten, der gegenwärtigen Form als »Stufen zu sich selbst betrachtet« werden. »Die bürgerliche Ökonomie liefert so den Schlüssel zur antiken etc.«80, wobei die historischen Unterschiede nicht verwischt werden dürfen. Marx scheint unausgesprochen der Meinung zu sein, dass einzelne Momente erst in der Gegenwart als das erscheinen, was sie in der Vergangenheit in verhüllter Form waren, dass die Gegenwart die entwickelte Form der Vergangenheit ist und damit gegenwärtige Kategorien, auf vergangene Formen angewandt, besser deren Wesen erfassen können als etwa Kategorien, die in der zu untersuchenden Zeit selbst bewusst und in Gebrauch waren. Damit ist von Marx implizit zugegeben, dass geschichtliche Betrachtung immer aus einem bestimmten Horizont heraus geschieht. Jedoch sind die gegenwärtigen Verhältnisse, die den Horizont ausmachen, für Marx die entwickel­tere, 29

die wahrere Form der Verhältnisse, die es zu beschreiben gilt. Hier zeigt sich eine gewisse Berechtigung für Webers Vorwurf, bei den »Gesetzen« des Historischen Materialismus handle es sich um eine universalgeschichtliche Methode, in der die Produktionsverhältnisse gleichsam eine metaphysische Präponderanz hätten. Marx liefert selbst Ansatzpunkte dafür, das, was er als Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft plante, als geschichtsphilosophische Maxime, als »materialistische Geschichtsauffassung« zu verkennen. Auch diese Eigenart der Marxschen Methode folgt mit gewisser Notwendigkeit aus Marxens (modifizierter) Übernahme von Hegels Entwicklungsbegriff. Mit diesem liegt nämlich dem Marxschen Denken die Voraussetzung zugrunde, Geschichte als einen im Prinzip vernünftigen Prozess aufzufassen, zu dem der Mensch als aktivvermittelndes Moment unabdingbar hinzugehört. Zwar ist die Geschichte für den Materialisten Marx nicht mehr wie bei Hegel der Weg der Selbstbefreiung des zuerst nur an sich seienden Geistes zur offenbaren Wirklichkeit seines Wesens. Trotzdem wird jede historische Epoche als strukturierte Totalität begriffen, deren Widersprüche die Forderung und das Versprechen ihrer Auflösung bereits in sich schließen. Auch für Marx ist die Gegenwart insofern »eingeengte Zukunft«81, derart, dass die Zukunft nur die Verwirklichung der in der Gegenwart bereits angelegten, gerichteten Entwicklungstendenzen ist. Diese Hegelsche Voraussetzung Marxschen Denkens begründet letztlich den Gegensatz solchen Denkens zu einer Position wie der Weberschen, dessen Absage an jeden Entwicklungsbegriff aus seinem Verständnis von Wirklichkeit als »heterogenem Kontinuum« notwendig folgt.82 Deutlich macht diese Differenz eine Gegenüberstellung dessen, was Weber und Marx prinzipiell unter Kritik ver­stehen: »Das Schicksal einer Kulturepoche, die vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, ist es, wissen zu müssen, dass wir den Sinn des Weltgeschehens nicht aus dem noch so sehr vervollkommneten Ergebnis seiner Durchforschung ablesen können, sondern ihn selbst zu schaffen imstande sein müssen, dass ›Weltanschauungen‹ niemals Produkt fortschreitenden Erfahrungswissens sein können und dass also die höchsten Ideale, die uns am mächtigsten bewegen, für alle Zeit nur im Kampf mit anderen Idealen sich auswirken, die anderen ebenso heilig sind wie uns die unseren« (WL, 154). »Jede sinnvolle Wertung fremden Wollens kann nur Kritik aus einer eigenen ›Weltanschauung‹ heraus, Bekämpfung des fremden Ideals vom Boden eines eigenen Ideals sein« (WL, 157). Dagegen Marx: »Die Vernunft hat immer existiert, nur nicht immer in der vernünf­tigen Form. Der Kritiker kann also an jede Form des theoretischen und praktischen Bewusstseins anknüpfen und aus den eigenen Formen der existierenden Wirklichkeit die wahre Wirklichkeit als ihr Sollen und ihren Endzweck entwickeln«.83 Wahrend für Weber der sich entscheidende Mensch in einer letztlich sinnlosen Wirklichkeit Sinn schafft, will Marx den Sinn der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse durch die Kritik der alten finden, die ihn bereits in impliziter Form enthalten.

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Kritik und Versuch der Vermittlung Innerhalb des Marxschen Denkens, so wurde gezeigt, fungiert die zu unter­ suchende Wirklichkeit als ein Kriterium für die Angemessenheit der Unter­ suchungskategorien. Da es um die Erkenntnis der wesentlichen Strukturen, der »Gesetze« der jeweiligen Wirklichkeit (d. h. um deren »Kerngestalt«) – und nicht um Partialerkenntnis – geht, kann der Anwendung der Untersuchungskategorien nicht ein willkürlicher Wahlakt vorausgehen. Vielmehr drängt die zu untersuchende Sache dem Forscher adäquate Gesichtspunkte und Kategorien zu ihrer eigenen Untersuchung auf, wenn er sich ihr nur in der rechten Weise überlässt. Entsprechendes – so ließe sich zeigen – gilt für das Verhältnis von Werten, das heißt Normen und Kriterien des Handelns, zu der Wirklichkeit, die durch solches Handeln verändert werden soll. Auf die Spitze getrieben, behauptet ein solches Denken die Ableitbarkeit der Normen des Handelns aus der richtigen Analyse der historischen Wirklichkeit.84 Entscheidungen werden hiermit im Gegensatz zur Weberschen Theorie der Wertfreiheit eindeutig überprüfbar, damit aber zugleich eliminiert. Ähnlich wie in einer »wissenschaftlichen Zivilisation«, in der der »Politiker gar nicht ›Entscheidender‹ oder ›Herrschender‹, sondern Analytiker …« wäre, der die Konsequenzen aus Zwängen der die gesellschaftliche Entwicklung bestimmenden Apparatur zöge85, würde auch in einer Wirklichkeit, die eine Analyse ihrer selbst und ihrer objektiven Potenzen derart ermöglicht, dass die Erkenntnis des »gesellschaftlich Wertvollen« daraus ableitbar wird86, die Entscheidung nach Werten durch eine sachgerechte Folgerung aus Wirklichkeitsanalyse ersetzt. In beiden Fällen taucht in der Konsequenz solchen Denkens die Gefahr der Illiberalität, des autoritären Anti-Pluralismus und Dogmatismus auf: wissenschaftstheoretisch als Intoleranz gegenüber anderen Erkenntnisansätzen, die ja innerhalb solchen Denkens nur als irrtümliche oder ideologische Abweichung gegenüber dem eigenen wahren Zugriff verstanden werden können; gesellschaftlich-politisch als ideologische Rechtfertigung der eigenen, durchaus partikularen Ziele als allgemeine und absolute aus angeblich wissenschaftlicher Einsicht. Die Wissenschaftslehre Max Webers, soweit sie bisher herangezogen wurde, formuliert eine entgegengesetzte Position, die an der Unableitbarkeit von Erkenntnisgesichtspunkten aus der zu untersuchenden Sache festhält. Ihre Erkenntnis bleibt immer Partialerkenntnis, deren Richtung durch einen primären Wahlakt zwischen mehreren Gesichtspunkten bestimmt ist. Eine Abhängigkeit der Gesichtspunktwahl von Wirklichkeitserkenntnis wird kaum aufgezeigt, wenn auch umgekehrt die Forschung in Ausgang, Art und Ziel ihres Weges von jenen Gesichtspunkten bestimmt ist. Eine entsprechend radikale Trennung vollzieht Weber, so ließe sich zeigen, auch zwischen geschichtlicher Wirklichkeit und Normen des Handelns (­Werten), zwischen Wirklichkeitswissenschaft und Lebensentscheidungen. Die Erkenntnis von Werten und Zielen des Handelns folgt für ihn nicht aus der er31

fahrungswissenschaftlichen Analyse, so perfekt die auch sein mag. Zumindest reichen die Funktionen der Wissenschaft, die sie auch nach Weber bei der Formulierung von Handlungszielen hat87, nicht aus, den Vorzug eines Wertes gegenüber einem entgegengesetzten anderen zu begründen (WL, 149 ff.). Selbst wenn wissenschaftlich eine Entwicklungstendenz der geschichtlichen Wirklichkeit festgestellt worden wäre, bedeutete das für den Handelnden noch keinen Aufschluss darüber, ob er die Verwirklichung dieser Tendenz unterstützen oder ihr Widerstand leisten solle (WL, 474 f.). In einer Wirklichkeit, die verschiedene Möglichkeiten des Handelns nach entgegengesetzten Werten offen lässt, scheint denn auch die Herkunft und Wahl der Werte nicht rational dis­ kutierbar (WL, 469 f.). Im Bereich des Handelns (bzw. im Forschungsprozess) werden die Ziele und Normen (beziehungsweise die Erkenntnisgesichtspunkte und -ziele) durch einen letztlich dezisionistischen Akt konstituiert, über dessen materiale Vernünftigkeit nichts aussagbar ist.88 Marx und Weber repräsentieren  – soweit ihre Lehren bisher in gewisser, durch die Gegenüberstellung bedingter Einseitigkeit dargestellt wurden – zwei einander entgegengesetzte Denkmöglichkeiten. Ihre in bestimmter Weise akzentuierte Konfrontation erweist ihre Mängel und Gefahren und wird so Anlass zu wechselseitiger Kritik und Vermittlungsversuchen, d. h. zunächst zum Anlass der Frage, inwieweit sich innerhalb der beiden Denkansätze selbst Momente finden, die über deren bisher skizzierte Grundmuster hinausdrängen. Es wurde erwähnt, wie notwendig die Möglichkeit des Ansatzes, Erkenntnisgesichts­ punkte eindeutig aus der zu erkennenden Wirklichkeit abzuleiten, einen Begriff von Geschichte voraussetzt, der sich – zur Praxis hin modifiziert – eng an den Hegels anlehnt. Allerdings: Wenn die Wirklichkeit in ihrer historisch vorfindbaren Gestalt eine solche ist, die erst durch richtiges praktisches Bewusstsein vermittelt zu dem wird, was sie bisher nur als Möglichkeit war, die also auf menschliche Praxis und damit praktisches Erkennen angelegt ist, dann können Normen des Handelns an den objektiven Möglichkeiten der jeweiligen Wirklichkeit ausgerichtet werden. Dann ist diese Wirklichkeit dem Verstehen keine äußerliche und fremde, sondern es gilt der Satz Hegels: »… es kann nur die Natur des Inhalts sein, welche sich im wissenschaftlichen Erkennen bewegt, indem zugleich diese eigene Reflexion des Inhalts es ist, welche seine Bestimmung selbst erst setzt und erzeugt.«89 Solchem Reden liegt als Voraussetzung die Gewissheit einer ursprünglichen Identität des Erkenntnisobjekts und -subjekts zugrunde, die in den Prämissen der Hegelschen Philosophie gesetzt ist. Wenn Geschichte die Tat ist, »wodurch der absolute Endzweck der Welt sich in ihr vollführt, der nur erst an sich seiende Geist sich zum Bewusstsein und Selbstbewusstsein und damit zur Offenbarung und Wirklichkeit seines an und für sich seienden Wesens bringt«90, so kann sich Kritik in der Konfrontation der jeweiligen Wirklichkeit mit ihrem Anspruch erschöpfen, um den historischen Fortschritt zu gewährleisten. Weiterhin garantiert ein solcher Geschichtsbegriff im Prinzip die unproblematische Angemessenheit gegenwärtiger Kategorien für die Erforschung vergangener Verhältnisse, denn jene Kategorien entstammen 32

einer Gegenwart, die die wahrere und entwickeltere Form der zu untersuchenden Vergangenheit ist. Die Identität von subjektivem und objektivem Geist, von menschlichem Bewusstsein und geschichtlicher Wirklichkeit, die auf der Stufe der Sittlichkeit offenbar wird, ist bei Hegel eine von Anfang an angelegte und (wenn auch nur an sich) vorhandene. Dagegen muss gefragt werden, ob der Historische Materialist Marx, der die ursprüngliche, geschichtlich werdende Vernunft, Hegels Prämisse, streicht91, sich damit nicht auch der Basis beraubt, das Verhältnis von Mensch und Geschichte in Hegelscher Weise als angelegte und lediglich zu verwirklichende Identität zu denken. Zwar ist aus der Marxschen Position einsichtig, dass geschichtliche Wirklichkeit weder dem menschlichen Verstehen fremd zu sein braucht noch ein »ungeheurer chaotischer Strom« im Sinne Max Webers ist, da sie immer auch von menschlicher Vernunft gestaltet und begrifflich vermittelt ist. Aber es ist nicht einzusehen, warum die jeweilige Stufe des Stoffwechselprozesses zwischen Mensch und Natur92 immer auch ihren eigenen Zukunftsentwurf, ihre eigene Kritik im Sinne von Hegels objektiver Möglichkeit implizit derart in sich tragen soll, dass man bruchlos formulieren kann: »Gesellschaftlich wertvoll ist allemal das historisch möglich Gewordene«.93 Das Material des geschichtlichen Vermittlungsprozesses ist ja für Marx nicht eine Natur, die als Idee in ihrem Anderssein beschrieben werden könnte94 und deren implizite Wahrheit von Anfang an die Geschichte wäre. Genauso wenig wie Natur bei Marx völlig in Geschichte aufgeht, genauso wenig fordert sie ihre sinnvolle Bearbeitung durch historische Arbeit, sie stellt sie lediglich frei, ebenso wie ihre sinnlose Verwendung. So sehr jede historische Situation begrifflich vermittelt ist, so wenig lässt sich eigentlich von der Marxschen Position her argumentieren, dass jede historische Situation den Sinn ihrer Zukunft bereits hinreichend in sich trage. Ziel der Menschheit ist nur dann der Begriff ihrer bisherigen Entwicklung, wenn dieser Begriff als an sich seiende Vernunft schon immer auch der Entwicklung vorausging. Eben von dieser Prämisse geht aber die Marxsche Theorie nicht mehr aus.95 Die für Marx subjektiv noch selbstverständliche Ableitbarkeit von Zielen des politischen Handelns aus der angemessenen Analyse der bisherigen Entwicklung stellt sich damit auch innerhalb des Marxschen Ansatzes als objektiv äußerst fragwürdig heraus. Entsprechendes gilt für die Ableitbarkeit von Erkenntnisgesichtspunkten und -kategorien aus der zu erkennenden Sache selbst. Wie oben gezeigt96, geschieht auch die Marxsche Geschichts- und Sozialanalyse aus einem spezifischen, historisch bedingten und praktisch bezogenen Horizont heraus. Am Beispiel seiner eigenen methodologischen Hinweise: Wenn Marx vom »Realen und Konkreten der wirklichen Voraussetzungen« auszugehen vorgibt und zum Ausgangspunkt seiner Forschung die »Bevölkerung« nimmt, um zu ihrer Gliederung (Klassen) und zu deren Grundelementen vorzustoßen97, so verfügt er damit bereits über ein an dieser Stelle von ihm nicht weiter expliziertes Vorverständnis, um als Ausgangspunkt nicht etwa die Nation im Gegensatz zu anderen Nationen zu wählen, und über eine Theorie, die ihn befähigt, zu (ökonomisch definierten) 33

Klassen, nicht aber z. B. zu religiösen oder ethnischen Gliederungseinheiten vorzustoßen. Dieses theoretische Vorverständnis gälte es aber zu problematisieren und in seiner relativen Angemessenheit an den Gegenstand zu begründen, wenn einmal die Hegelsche identitätsphilosophische Prämisse und der aus ihr ableitbare Anspruch auf Übereinstimmung von Seins- und Denkkategorien problematisch geworden sind. Dass jenes Vorverständnis, jene Kategorien und theoretischen Ansätze von der zu untersuchenden Wirklichkeit quasi aufgedrängt würden, dass man sich der Sache nur in der rechten Weise überlassen müsse, um sie angemessen zu erkennen, davon kann auch im richtig verstandenen Marxschen Ansatz keine Rede sein.98 Wenn somit demonstriert werden kann, dass auch innerhalb eines recht verstandenen Marxschen Denkens die zu untersuchende Sache selbst kein völlig hinreichendes Kriterium, keine voll ausreichende Kontrollinstanz für die eindeutige Bestimmung der angemessenen Begriffe und Erkenntnisgesichtspunkte ist, wenn sich also zeigt, dass das von Weber vielleicht allzu dezisionistisch gelöste, aber immerhin klargestellte Problem der Angemessenheit von Begriff und Gegenstand nicht einfach durch Rückgriff auf Marx überholt werden kann, dann gilt ein Ähnliches in Bezug auf die Praxis als zweite mögliche Kon­trollinstanz wissenschaftlicher Begriffs-, Kategorien- und Theorienbildung erst recht. Sicherlich kann man mit Marx erweisen, dass wissenschaftliche Erkenntnis schon immer in einem vielfach vermittelten Praxisbezug steht und daraus Kriterien für ihr Vorgehen gewinnen kann und muss.99 Doch: Wenn auch Forschung sich immer an Praxis wird orientieren müssen, so kann doch diese kein fixer, objektiver Maßstab, weder für die Bewertung der Normen noch für die Wahl der Erkenntnisgesichtspunkte, sein. Befindet sich doch der Mensch immer als konstitutives Moment dieser Praxis in ihrer Mitte, ähnlich wie das Erkennen selbst Moment des Prozesses ist, den es erkennen will. Als überschau­bares Ganzes kann es sie nicht objektivieren. Insofern stellt sich auch und gerade für ein Denken, das sich als Teil der zu erkennenden Totalität versteht, das Problem des hermeneutischen Zirkels, das Marx noch nicht bewusst wurde.100 Die Praxis verändert sich außerdem ständig selbst, u. a. durch den Fortgang der Forschung, deren Orientierungsbasis sie zugleich sein soll. Als historische ist sie nie definitiv und zudem immer verschieden auslegbar. Wenn sich somit zeigt, dass auch innerhalb eines recht verstandenen Marxschen Denkens das Problem besteht, auf welche Weise Werte und Erkenntnisgesichtspunkte (bzw. -kategorien) kontrolliert werden können, weil weder die zu untersuchende geschichtliche Wirklichkeit noch die jeweilige historische Praxis des Forschers hinreichend eindeutiges Kriterium der Auswahl sind, so bedeutet das doch nicht, dass zu der oben skizzierten dezisionistischen Alternative zurückzukehren ist. Vielmehr sollen die Reflexion der Erkenntnisgesichtspunkte (allerdings nicht ihre eindeutige Ableitbarkeit) aus der zu bestimmenden Sache und aus der jeweiligen gesellschaftlichen Praxis wie auch der Marxsche Anspruch, die einzelne historische Erscheinung nicht ohne einen Begriff vom Ganzen er­kennen zu können, trotz seiner wohl prinzipiellen Uneinlösbarkeit festgehalten und 34

diese Momente auf ihr Verhältnis zur Weberschen Theorie befragt werden. Ziel einer Interpretation von Webers Wissenschaftslehre, die diesen Elementen der Marxschen Theorie näherkäme, müsste es sein, einerseits den Primat der Gesichtspunkte im Akt des erfahrungswissenschaftlichen Erkennens sowie die Unmöglichkeit festzuhalten, sie eindeutig aus Kriterien der Sache oder der gegenwärtigen Kultur abzuleiten. Andererseits müssten innerhalb der Weberschen Theorie Möglichkeiten der Kontrolle gefunden werden, die die Gesichtspunktwahl von dem Vorwurf befreien, bloßer dezisionistischer Akt zu sein. Weber ist vorgeworfen worden, bei ihm erhalte die Wissenschaft einen Gegenstand, der in der Wirklichkeit nicht existiere. Aufgrund der Strukturlosigkeit des heterogenen Kontinuums lasse sich Erkenntnis nicht mehr aus der Wirklichkeit, sondern nur noch methodisch rechtfertigen; Kultur sei lediglich »ein subjektiver Begriff« und Geschichte nur »unsere Zusammensetzung«. Webers Wirklichkeit als »amorphes Geschiebe von verfilzten Erscheinungen« liefere keinerlei Kriterien zur Auswahl, Bewertung und Kontrolle der Gesichtspunkte, die Erkenntnis erst ermöglichen.101 Diese Kritik – durch viele Aussagen Webers gestützt – bleibt bestehen, auch wenn oben gezeigt wurde, dass für Weber das »heterogene Kontinuum« nicht völlig unstrukturiert ist, denn diese »ontischen« Strukturen können nicht verhindern, dass die Wirklichkeit dem Analysierenden zunächst als »chaotischer Strom« erscheint. Trotzdem kann eine solch radikale Kritik, derzufolge Webers Methodologie als paradox erscheinen muss102, eine Reihe von Momenten und Steilen innerhalb der Wissenschaftslehre nicht hinreichend erklären. Weber weist zumindest implizit darauf hin, dass für ihn die Gesichtspunkte der Erkenntnis zwar nicht ableitbar, aber auch nicht völlig unbefragbar und unkontrollierbar sind. So gibt er der Hoffnung Ausdruck, dass auf einem fortgeschritteneren Stand der Forschung das »Maß der Kulturbedeutung des asketischen Protestantismus« für den modernen Kapitalismus bestimmt, also durchaus ein Urteil über das Gewicht eines Gesichtspunktes und Kausalstranges gegenüber anderen (etwa sozialökonomischen) gefällt werden könne.103 Weber hält weiterhin die leitenden Wertideen der Gegenwart des Wissenschaftlers für ein Kriterium der Erkenntnisgesichtspunkte (WL, 259 f.). Ein »wissenschaftliche(r) Genius«, so meint er, würde die Objekte seiner Forschung auf Werte beziehen, die »die ›Auffassung‹ einer ganzen Epoche« bestimmen (WL, 182). Weber deutet auch an, dass die Erkenntnisinteressen und -gesichtspunkte des Forschers durch die praktischen Bedürfnisse seiner Zeit vermittelt sind (WL, 148, 158, 165). Zwar kann in dieser von ihm eingeräumten gesellschaftlichen Verflochtenheit der Gesichtspunkte noch keine hinreichende Basis ihrer Kontrolle erblickt werden. Wenn nämlich als Erklärungsgrund und Entsprechungsmaßstab der Gesichtspunkt- und Begriffsbildung die praktischen Kulturprobleme ein­geführt werden, so stellt sich damit die Frage nach der Möglichkeit der ein­ deutigen Einsicht in die praktischen Kulturprobleme. Hier wiederholt sich nun die Schwierigkeit, die darin besteht, dass nach dem Weberschen Ansatz die praktischen Kulturaufgaben, je nachdem von welchen Interessen, Werten und 35

Gesichtspunkten der einzelne ausgeht, je anders erscheinen werden, wohingegen doch gerade die Gesichtspunkte an den praktischen Kulturaufgaben gemessen werden sollten. Trotzdem begründen solche Gedankengänge eine Forderung, die Weber selbst nicht ausdrücklich stellt, die aber innerhalb der Wissenschaftslehre Platz hat, ja angelegt und geeignet ist, ihn dem so oft vorgebrachten Dezisionismusvorwurf zumindest teilweise zu entziehen: nämlich die Forderung, wissenschaftliche Gesichtspunkt- und Theorienbildung aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang heraus zu reflektieren, dem die Forschung als Moment angehört.104 Webers eigenes, immer festgehaltenes Postulat nach Klarheit und intellektueller Redlichkeit kann innerhalb seiner Lehre durchaus die Forderung an jeden Wissenschaftler hinreichend begründen, die (von Weber anerkannte) Verflochtenheit seiner Erkenntnisgesichtspunkte mit seiner gesellschaftlichen Situation (WL, 259 f.) zu reflektieren, sie nicht blind hinzunehmen, sondern sie permanenter Kritik, auch im Sinne von Ideologiekritik, auszusetzen. Nicht nur die gesellschaftliche Wirklichkeit des Forschers, sondern auch der zu erkennende Gegenstand selbst bieten überdies innerhalb der Weberschen Theorie Möglichkeiten an, die subjektivistische Willkür zumindest einzuschränken: »Will ich aber den Begriff der ›Sekte‹ genetisch, zum Beispiel in Bezug auf gewisse wichtige Kulturbedeutungen, die der ›Sektengeist‹ für die moderne Kultur gehabt hat, erfassen, so werden bestimmte Merkmale beider (von Kirche und Sekte. J. K.) wesentlich, weil sie in adäquater ursächlicher Beziehung zu jenen Wirkungen stehen« (WL, 194). Während »Kulturbedeutung« bei Weber zumeist den Grund des Interesses ausdrückt, aus dem sich der Wissenschaftler bestimmten historischen Objekten zuwendet, also einen methodischen Vollzug meint, dem gemäß ein »Ausschnitt der sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens« mit »Bedeutung« bedacht und somit »Kultur« wird105, bezeichnet »Kulturbedeutung« hier den Zusammenhang, in dem vergangene Kultur auf moderne eingewirkt hat. Gehört »Kulturbedeutung« dort zu den Begriffen, die wissenschaftliche Erkenntnis an subjektive Wertentscheidungen binden, so bezeichnet das Wort hier eine objektive Struktur.106 Es scheint, dass für Weber im stillen Kultur nicht nur ein vom methodischen Bezug auf Werte und Gesichtspunkte des Wissenschaftlers geordneter Ausschnitt eines Chaos ist, sondern dass er doch etwas wie einen »materialen Kulturbegriff«, eine Kultur auf der »ontischen« Ebene, kannte, deren Strukturen und Sinn nicht erst durch die Gesichtspunkte des Wissenschaftler konstituiert sind.107 Wenn man diese »ontische« Wendung Webers nicht als Bruch und Scheitern seiner Theorie abtun will, die umgekehrt ohne eine solche Wendung sich kaum hinreichend gegen den Vorwurf des Dezisionismus wehren könnte, so stellt sich als Problem: Wie lässt sich die Freiheit der Gesichtspunktwahl, auf der Weber insistiert, mit der Annahme der Existenz einer »materialen« Kultur vereinbaren, die der wissenschaftlichen Untersuchung nicht wie ein unge­ordneter, »amorpher« Allzusammenhang indifferent gegenüberstehen kann, sondern vom Analysierenden verlangt, die Sache, die »ontische« Struktur, die es zu erkennen gilt, 36

möglichst angemessen zu rekonstruieren? Die »materiale Kultur« ist Teil einer Wirklichkeit, die Weber als »heterogenes Kontinuum« begreift, in der nur Partialerkenntnis möglich ist. Keinesfalls kann sie deshalb als eine solche gedacht werden, aus der die Erkenntnisgesichtspunkte eindeutig ableitbar sind. Dennoch stellt sie einen realen Zusammenhang dar, der die Gesichtspunkte, von denen die Wissenschaft ausgeht, rückläufig (wenn auch nicht total) daraufhin kontrolliert, ob sie den Strukturen Rechnung tragen, zu deren Erkenntnis sie gebildet werden. Wenn die Sache dem Forscher die Gesichtspunkte auch nicht aufzwingt, so ist sie doch bei deren Auswahl und Anwendung auch innerhalb der recht verstandenen Weberschen Wissenschaftslehre nicht unbeteiligt und verlangt, die Beziehung zwischen Gesichtspunkt und Stoff ständig mitzureflektieren. Sie schränkt damit die Willkür der Gesichtspunktwahl ein. Wenn dies eine versteckte, selbstverständliche Prämisse der Weberschen Theorie ist, so steht doch fest, dass Weber sie nicht explizierte und so nicht gezwungen war, sie aus dem Zusammenhang seiner übrigen Begriffe zu be­ gründen. Abgesehen von dem damaligen Stand der wissenschaftstheoretischen Diskussion, der Weber dazu veranlasst haben mag, die Rolle der unableitbaren Wertgesichtspunkte in der Geisteswissenschaft gegen den Angriff der gesetzeswissenschaftlichen und historischen Schulen zu betonen108, hätte eine solche Explikation in einer Theorie jener (materialen) Kultur bestehen müssen, die zu leisten Weber nicht bereit war. Ziel einer solchen Theorie hätte es sein müssen, die Spannung zwischen einem materialen Begriff von Kultur und der als »heterogenes Kontinuum« vorgestellten Wirklichkeit zu versöhnen. Möglicherweise hätte ein derartiges Beginnen zu unauflösbaren Widersprüchen beziehungsweise zu der Notwendigkeit geführt, die Vorstellung vom »heterogenen Kontinuum«, die Weber bestenfalls durch Evidenzappelle stützt, zu überprüfen. Übt somit auch für Weber die Sache selbst gegenüber der Anwendung der vor­ gängigen Gesichtspunkte eine Kontrollfunktion aus, deren weitere Explikation allerdings nicht ohne Modifikation der gesamten Theorie möglich sein dürfte, so stellt sich die Frage, in welcher Weise der Forschungsgegenstand bereits die Auswahl der Erkenntnisgesichtspunkte beeinflusst und dirigiert, an deren Primat im übrigen festzuhalten ist, also die Frage nach einem vorwissenschaft­ lichen Vorverständnis vom Gegenstand, das die Bildung der Kategorien lenkt. »Alle historische ›Wertung‹ umschließt ein, um es so auszudrücken, ›kontemplatives‹ Moment, sie enthält nicht nur und nicht in erster Linie das unmittelbare Werturteil des ›stellungnehmenden Subjektes‹, sondern ihr wesentlicher Gehalt ist … ein ›Wissen‹ von möglichen ›Wertbeziehungen‹, setzt also die Fähigkeit voraus, den ›Standpunkt‹ dem Objekt gegenüber wenigstens theoretisch zu wechseln …« (WL, 260). Wenn auch der eigentlichen historischen Arbeit, nämlich der Suche nach den historischen Ursachen, ein Akt des Bezugs auf Werte vorausgeht, der allererst den Forschungsgegenstand unter bestimmten Interessengesichtspunkten und Wertideen konstituiert, so setzt dieser Konstitutionsakt immer schon ein »Wissen« um die verschiedenen Möglichkeiten voraus, den Gegenstand zu Werten in Beziehung zu setzen, »da es sich hier [das meint: bei 37

diesem Konstitutionsakt] lediglich um ein Prinzip der Auswahl des für die Begriffsbildung Wesentlichen durch Beziehung auf Werte handelt, die ›Objektivierung‹ und Analysis der Wirklichkeit also dabei gerade vorausgesetzt wird« (WL, 86). Deutlich spricht Weber hier aus, dass der wissenschaftlichen Gesichtspunkt- und Begriffsbildung bereits eine andere Form der Erkenntnis des Wirklichen vorausgegangen sein muss. »Objektivierung« und »Analysis«109 nennt Weber dieses vorwissenschaftliche Vorverständnis, das die erfahrungswissenschaftliche Begriffsbildung ermöglicht und in ihrer Beliebigkeit einschränkt. Wiederum scheint es, dass Weber ganz selbstverständlich ein in der Sache selbst liegendes, den Vorwurf des Dezisionismus weiter erschwerendes Regu­ lativ der Gesichtspunktwahl und Kategorienbildung gekannt hat, dessen Explikation seine Theorie in Widersprüche verwickelt hätte. Die Vorstellung vom »heterogenen Kontinuum« zwingt Weber dazu, im Erkenntnisprozess isolierend zu abstrahieren. Dagegen müsste ein Vorverständnis, das dem Analysierenden ein Wissen um die verschiedenen möglichen Wertbeziehungen vermitteln will, eine gewisse Vorstellung vom Ganzen einschließen. Denn nur so kann es die Zufälligkeit der Gesichtspunktwahl ausschließen und – wenn auch nicht voll hinreichende – Voraussetzung für die Beurteilung des »Wesentlichen« im Sinne des »Wissenswerten« sein. Weber selbst sieht diese Notwendigkeit, wenn er eine »funktionale Betrachtung der ›Teile‹ eines ›Ganzen‹« als notwendige »Vorfragestellung« zu »provisorischen Orientierungszwecken« anerkennt (WL, 515 u. 518). »Sie allein kann uns unter Umständen dasjenige soziale Handeln herausfinden helfen, dessen deutendes Verstehen für die Erklärung eines Zusammenhangs wichtig ist« und die jetzt erst beginnende Arbeit der verstehenden Soziologie ermöglichen (WL, 515). Damit stellt sich die Frage, ob eine Vorstellung vom Ganzen innerhalb einer Wirklichkeit, die als »heterogenes Kontinuum« und nicht als strukturierte Totalität gedacht wird, überhaupt sinnvoll und möglich ist. Auch hier wäre Weber bei einer weiteren Explikation seiner Theorie auf Schwierigkeiten gestoßen, die die Vorstellung vom »heterogenen Kontinuum« in Frage gestellt hätten.

Vorläufiges Ergebnis Die Konfrontation mit Webers Theorie deckte Spannungen, dogmatische Tendenzen und Mängel innerhalb des Marxschen Denkens auf und zeigte, dass dieses die Problematik von jener keineswegs auflöst. Die Konfrontation mit der Position Marxens bedeutete umgekehrt für die Webersche Wissenschaftslehre Kritik und zugleich Anlass, sie von einigen ihrer dezisionistischen Konsequenzen zu befreien, d. h., sie so zu interpretieren, dass sie sich weniger gegen die Rezeption einiger unaufgebbarer Momente der Marxschen Lehre sperrt. Dieser Vermittlungsversuch fand seine klarsten Grenzen in den Wirklichkeitsbegriffen der beiden Autoren, nämlich in den Resten einer Hegelschen Geschichts38

spekulation bei Marx, im »heterogenen Kontinuum« bei Weber. Es wurde argumentiert, dass eine bei beiden Autoren jeweils angelegte, jedoch in jedem Fall zu neuen Aporien und Spannungen führende Revision ihrer Wirklichkeitsbegriffe bestimmten extremen, unannehmbaren Aspekten ihrer Wissenschaftstheorien den Boden entziehen würde, der Gefahr des erkenntnistheoretischen Dogmatismus bei jenem, des methodologischen Dezisionismus bei diesem. Die Umrisse einer anzustrebenden, praktikablen wissenschaftstheoretischen Position, deren Ausarbeitung natürlich auf zahlreichen hier nicht berücksichtigten Beiträgen fußen könnte110, hier aber nicht weiter betrieben werden kann, sind damit angedeutet: Sie wird daran festhalten, dass Erkenntnisgesichtspunkte, Fragestellungen, Kategorien, Erklärungsmodelle und Theorien dem Forscher eindeutig weder von der zu untersuchenden Sache noch von dem ihn umgreifenden Praxiszusammenhang vorgeschrieben werden; sie wird andererseits darauf insistieren, dass weder die Strukturen der zu erkennenden Sache noch der praktische Vermittlungszusammenhang, in dem sich die Forschung immer befindet, indifferent gegenüber Gesichtspunktwahl, Gegenstandsbestimmung, Fragestellung, Kategorien und Theorienbildung sind, dass also vom Forscher zu verlangen ist, seine theoretischen, begrifflichen und prozeduralen Entschlüsse ständig – und als Teil des Forschungsvorgangs selbst – in Kategorien der Sachangemessenheit und in Kategorien der (allerdings in Grenzen verschieden interpretierbaren) gesellschaftlichen Vernünftigkeit argumentativ zu legitimieren; sie wird insofern einen Spielraum für Diskussion und Pluralität der Forschungsansätze begründen und ihn zugleich durch Aufweis der Kontrollinstanzen – der Sache selbst, des Praxisbezugs und der rationalen, kritischen, offenen, möglichst herrschaftsfreien Kommunikation der Forscher – begrenzen. Nur so wird sie sich zugleich dem Vorwurf des autoritären Dogmatismus und dem Verdikt dezisionistischer Willkür entziehen können.

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2. Spielräume und ihre Grenzen Angemessenheitskriterien historischer Argumente1

Es geht um die Frage der Objektivität oder Parteilichkeit von komplexen, mehrstufigen geschichtswissenschaftlichen Argumenten, die in der Regel Elemente von Beschreibung, Erzählung, Erklärung, Deutung und Theorie in sich schließen. Als Beispiele stelle man sich einen Aufsatz über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und seine Ursachen vor oder eine Analyse der sozialgeschichtlichen Ursachen des Nationalsozialismus oder eine Antwort auf die Frage, warum spezielle Varianten des Marxismus zwischen 1870 und 1890 zur wichtigsten handlungsleitenden Orientierung in der deutschen Arbeiterbewegung wurden. Jedenfalls in bezug auf geschichtswissenschaftliche Argumentationen solchen Komplexitätsgrades ist die Dichotomie Objektivität versus Parteilichkeit kein begriffliches Raster, innerhalb dessen der praktisch arbeitende Historiker seine Erfahrungen reflektieren und sein Vorgehen begründen könnte. Ich möchte für die folgenden Bemerkungen davon ausgehen, dass wohl die allermeisten Historiker bei der Beurteilung von Büchern, Aufsätzen, Vorträgen und Argumenten anderer Historiker nur selten die Frage stellen und beantworten, ob es sich dabei um »objektive« oder »parteiliche« Produkte handelt. Vielmehr werden die meisten Historiker, wenn sie, woraus ein guter Teil  ihrer Arbeit besteht, Klärungen und Beurteilungen jener Art vorzunehmen haben, die Frage stellen und zu beantworten suchen, welche von mehreren historischen Argumentations­ möglichkeiten oder Argumentationen wohl die angemessenere sei. Statt dichotomisch zwischen objektiven und parteilichen Argumentationen zu unterscheiden, wird man in der Regel versuchen, zwischen zutreffenderen und weniger zutreffenden, plausibleren und weniger plausiblen, mehr oder weniger hergebenden, brauchbaren und weniger brauchbaren, vielleicht auch zwischen wahreren und weniger wahren Argumentationen zu unterscheiden. Allerdings würden wohl die meisten Historiker die Meinung vertreten und dies in bestimmten Beurteilungssituationen auch praktisch zeigen, dass es Grenzen gibt, bei deren Überschreitung eine weniger angemessene Argumentation zur unangemessenen Argumentation wird, Grenzen, an denen das Abwägen von Argumentationen verschieden hoher Angemessenheit und Erklärungskraft übergehen muss in die Ablehnung unangemessener, falscher Argumentationen. Ich schlage vor, von dieser Praxis der meisten Historiker einmal auszugehen und deshalb das die hiesige Diskussionen dominierende Denkmuster: Parteilichkeit versus Objektivität mit einem gradualistischen zu verknüpfen. Entspre40

chend werden die folgenden Bemerkungen von der Denkfigur eines Spielraums ausgehen, innerhalb dessen eine Vielheit erlaubter, legitimer, »objektiver«, mehr oder weniger angemessener Argumentationen über ein und denselben historischen Gegenstand möglich sind, und der zugleich durch Grenzen abgesteckt wird, die unangemessene, in einem schlechten Sinne »parteiliche« Argumentationen ausgrenzen. Ausgehend von dieser Denkfigur lässt sich die Grundfrage dieser Tagung nach den Abgrenzungskriterien zwischen Objektivität und Parteilichkeit in zwei Fragen auflösen: 1.  nach der Bestimmbarkeit der Grenzen dieses Spielraums, 2. nach der Beurteilbarkeit und Abwägbarkeit von Argumentationsalternativen innerhalb dieses Spielraums.

I. Ich frage zunächst nach möglichen Kriterien, mit deren Hilfe jene Linie zu bestimmen ist, die den Spielraum mehr oder weniger angemessener, aber legitimer Argumentationen von nicht angemessenen, illegitimen abgrenzt. Ich beginne mit drei Annahmen, die ich hier nicht im einzelnen begründe, die sich aber im Prinzip erkenntnistheoretisch und mit Rekurs auf den Konsensus der Forscher begründen ließen: 1. Jede historische Aussage oder Argumentation ist hinsichtlich ihres Gegenstandes selektiv, d. h. die Merkmale der Beschreibung, Erklärung und Deutung sind immer nur eine Auswahl, nie eine volle Abbildung der Merkmale des vorgegebenen, in Quellen fassbaren und zu untersuchenden Gegenstandes. Aufgrund der Selektivitätsrelation zwischen historischer Argumentation und historischem Gegenstand sind immer mehrere historische Argumentationen hinsichtlich ein und desselben Gegenstandes möglich. 2. Die meisten komplexen historischen Argumentationen sind in Entstehung und Resultat durch und durch von ihrem, wenn auch häufig indirekten Bezug auf außerwissenschaftliche Gesichtspunkte und Faktoren mitgeprägt, die ihrerseits von der Auffassung abhängig sind, die der Forscher in seinem Referenzsystem von seiner Gegenwart und der Art ihrer wahrscheinlichen und wünschenswerten Fortentwicklung hat. Geschichtswissenschaftliche Aussagen und Argumentationen sind von gesamtgesellschaftlichen Dimensionen wie Praxis, Interessen und Werten nicht unabhängig. Die Abhängigkeit geschichtswissenschaftlicher Argumentationen von außerwissenschaftlichen Faktoren zeigt sich auf mindestens drei Ebenen des Forschungsvorgangs: a. bei der Auswahl des Themas, die von dem Erfahrungshintergrund des Forschenden, seinem Engagement und seiner Vorstellung vom Normalen (und damit vom Erklärungsbedürftigen) mitbestimmt werden; b. bei der Auswahl der Begriffe und Erklärungsmuster und somit bei der Entscheidung darüber, welche Aspekte in der Beschreibung betont werden bzw. 41

unterbelichtet bleiben und welche Kausalketten in der Erklärung verfolgt bzw. liegengelassen werden; c. bei der Entscheidung darüber, was als akzeptable Antwort gilt, d. h., wann die ja im Prinzip immer wieder stellbare Frage nach dem Grund abgebrochen wird. Aufgrund dieser engen, hier nicht weiterzuentfaltenden Verknüpfung von wissenschaftlicher Argumentation und außerwissenschaftlichem, vorwissenschaftlichem, teilweise praktischem Kontext ist die Genese wissenschaftlicher Aussagen mit ihrer Geltung auf das engste verknüpft. 3. Historisches Wissen wird für verschiedene außerwissenschaftliche, politische Zwecke benutzt. Der historische Erkenntniszusammenhang und seine Resultate determinieren das Ziel und den Zweck ihrer Verwendung und Verwertung nicht hinreichend. Die Frage nach den Grenzen des Spielraums lässt sich jetzt in drei Teilfragen aufspalten: 1. Unter welchen Bedingungen (Kriterien) wird aus der notwendigen, jeder wissenschaftlichen Erkenntnis immanenten Selektion erkenntnisverzerrende Einseitigkeit? 2. Unter welchen Bedingungen (Kriterien) wird aus dem unvermeidlichen, Erkenntnis überhaupt erst konstituierenden Bezug auf außerwissenschaftliche Gesichtspunkte und Interessen erkenntnisverstellende Parteilichkeit? 3. Unter welchen Bedingungen (Kriterien) wird aus der Verwertung histo­ rischen Wissens für heteronome politische Zwecke eine Instrumentalisierung, die die historische Erkenntnis und ihre Produktion behindert und verbiegt? Die folgenden thesenhaften Antworten auf diese Fragem sind zweifellos unvollständig; sie stellen gewissermaßen einen Minimalkatalog von Kriterien dar, die im Prinzip die Abgrenzung angemessener Argumentationen von unangemessenen erlauben. 1. Die Grenze zwischen Selektion und Einseitigkeit wird überschritten, a. wenn fachspezifische Regeln und Methoden der Überprüfung von Aussagen an den Quellen und im Licht des Forschungsstandes verletzt werden; worin diese und deren Begründungen bestehen, bliebe zu erläutern; b. wenn Regeln der formalen Logik verletzt werden; c. wenn das Bewusstsein von der Selektivität der zu erzielenden Ergebnisse nicht für den Erkenntnisvorgang selbst konstitutiv geworden ist und etwa die Frage nach alternativen Selektionen und nach deren Zusammenhang mit der jeweils gewählten Selektion nicht geprüft und erwogen wurde; d. wenn der selektive Charakter des erzielten Ergebnisses nicht wenigstens andeutungsweise gekennzeichnet wird; damit stellt sich das Problem, dass ein gewisses Vorverständnis vom Ganzen vorhanden sein muss, wenn der Partialcharakter eines Teils auch nur vage bestimmt werden soll. 42

2. Die Grenze zwischen Gesichtspunkt- und Interessenbezug – kurz: Engagement – wissenschaftlicher Erkenntnis einerseits und erkenntnisverstellender Parteilichkeit andererseits wird überschritten, wenn a. das Engagement die volle Anwendung der fachspezifischen Überprüfungsregeln oder die Einhaltung der Regeln der formalen Logik verhindert; b. wenn aufgrund von Besonderheiten des Ausgangsengagements, aufgrund institutioneller, politischer oder psychologischer Barrieren eine ggf. im Erkenntnisakt möglich werdende Kritik der Anfangsgesichtspunkte abgeblockt, deren Revision, Modifikation oder Ergänzung unmöglich gemacht wird; c. wenn nicht die wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen (konstitutionellen, politischen, sozialen, ökonomischen, sozialpsychologischen) Minimalbedingungen des Diskurses erfüllt sind, in dem das Ausgangs-Engagement und die damit verbundenen erkenntnisleitenden Einflussfaktoren mit konkurrierenden Engagements und Interessen konfrontiert werden können und tatsächlich konfrontiert werden; d. wenn eine unmittelbare, nicht durch Reflexion und relative Distanz ge­ brochene, nicht durch Bezug auf andere, bereits verfügbare wissenschaftliche Ergebnisse vermittelte Beziehung zwischen Engagement und Forschungs­ vorgang besteht. 3. Die Grenze zwischen der außerwissenschaftlichen Verwendung und Verwertung wissenschaftlicher Argumentationen und ihrer verzerrenden Instrumentalisierung wird überschritten, a. nicht schon dann, wenn geschichtswissenschaftliche Erkenntnis statt zur Herausbildung und Formulierung politischer Zielsetzungen zu deren nachträglicher Rechtfertigung und Legitimation verwendet wird, sondern b. wenn die Inhalte der historischen Aussagen in Widerspruch mit den politischen Zielsetzungen geraten und dieser Widerspruch zu Lasten der histo­ rischen Aussage gelöst wird; d. h. durch deren Veränderung in einer Weise, die den fachspezifischen Überprüfungs- und Argumentationsregeln oder aber den formal logischen Regeln widerspricht; und c. wenn historisches Wissen für Zwecke eingesetzt wird, deren Realisierung jene realen, d. h. auch: gesellschaftlichen und politischen Bedingungen aufheben würde, die die Geschichtswissenschaft (wie andere Wissenschaften auch) zu ihrer Verwirklichung braucht. Durch solche und ähnliche Grenzziehungen wären einseitige, schlecht-partei­ liche und instrumentalisierte Deutungen, Erklärungen und Theorien im Prinzip von angemessenen zu unterscheiden und auszugrenzen.

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II. Selbst wenn das gelingt und geschieht, bleiben jedoch – sozusagen innerhalb des abgesteckten Spielraums – noch eine Mehrzahl konkurrierender Deutungen, Erklärungen und Theorien möglich. Wenn zwischen diesen nicht dezisionistisch oder etwa je nach Macht oder nach anderen wissenschaftsfremden Kriterien ausgewählt werden soll, muss die Frage nach Kriterien bzw. nach Kriterien­ ebenen gestellt werden, im Hinblick auf die solche Wahl wissenschaftsangemessen durchgeführt werden kann. Gefragt wird also nach Kriterien, die einen einigermaßen rationalen Diskurs des einzelnen Forscher mit sich selbst und seiner jeweiligen Gruppe ermöglichen, wenn auch nicht gefordert und erwartet werden kann, dass die gesuchten Kriterien eindeutige Ableitungen und Beweise der Priorität bestimmter Argumentationen vor anderen erlauben. 1. Man wird in der Regel und ceteris paribus jener Erklärung den Vorrang geben, die andere Erklärungen in sich einbezieht, als Teile inkorporiert und »aufhebt«. Die Beschäftigung mit der Problem- und der Problemlösungs­ geschichte der eigenen Wissenschaft lässt sich von hier aus als wichtige Voraussetzung des Fortschritts der empirischen Forschung begründen. 2. Man wird in der Regel und ceteris paribus jene Erklärung bevorzugen, die mehr vom zu untersuchenden Gegenstand erschließt als andere. 3. Vor allem wird sich die Wahl eines bestimmten Erklärungsmusters im Hinblick auf die jeweiligen Erkenntnisziele begründen lassen, die ihrerseits, wie vorhin angedeutet, mit individuellem und kollektivem Gegenwartsverständnis und zugehörigen Zukunftsperspektiven vermittelt und damit mit jener Sphäre verknüpft sind, auf der analytische, normative und lebenspraktische Dimensionen ineinander übergehen. Diese Orientierung wissenschaftlicher Argumentationen an außerwissenschaftlichen Richtpunkten stellt keineswegs einen nicht weiter befragbaren und damit dezisionistischen Akt dar; vielmehr ist sie, unter Legitimationsdruck gestellt, ein ganzes Stück, wenn wohl auch nicht total, begründbar und argumentierbar. Damit hängt wechselseitig zusammen, dass solche Orientierung wissenschaftlicher Argumenta­tion an außerwissenschaftlichen Richtpunkten keineswegs notwendig die Anpassung des Wissenschaftlers an Mehrheitsorientierungen zu sein braucht. 4. Man wird in der Regel und ceteris paribus jenen Deutungen, Erklärungen und Theorien den Vorzug geben, die bessere Chancen haben, einem Publikum mitgeteilt zu werden, denn die Mitteilung geschichtswissenschaftlicher Ergebnisse und Argumentationen ist notwendige Voraussetzung dafür, dass die Geschichtswissenschaft jene gesellschaftliche Funktionen erfüllen kann, die man ihr vernünftigerweise zumuten kann und muss, wenn man sie als gesellschaftliche Veranstaltung auf der Basis eines relativ großen Mitteleinsatzes (Massenfach!) rechtfertigen will. 5. Man wird in der Regel und ceteris paribus jene Erklärungsmuster und Theorien bevorzugen, die ihre eigene Entstehung mitreflektieren und einsichtig machen. 44

Die vorgetragenen Angemessenheitskriterien für historische Argumentationen sind zweifellos nicht vollständig; ihre Begründung in einem weiteren wissenschaftstheoretischen und wissenschaftshistorischen Zusammenhang wäre wünschenswert und möglich; selbst wenn man sich auf sie einigen könnte, wäre ihre Anwendung im jeweils konkreten Fall kompliziert und wahrscheinlich nicht eindeutig. Doch dürften die hier vorgetragenen Bemerkungen ausreichen, die leicht in die Irre führende Dichotomie Objektivität versus Parteilichkeit durch ein auf der Denkfigur des Interpretationsspielraums und seiner Grenzen fußendes Modell zu ersetzen, innerhalb dessen gewisse Selbstauslegungs- und Überprüfungsprobleme der Historiker besser diskutiert werde können.

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3. Geschichte und Aufklärung1

Anknüpfungspunkte »Aufklärung«, so lautet die berühmte Definition Immanuel Kants aus dem Jahr 1783, »ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.« Aufklärung war für Kant ein Prozess. Auf die Frage, »Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?«, antwortete er (1784): »Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.« Und er erläuterte (so in der Vorrede zur »Kritik der reinen Vernunft« 1781): »Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muß. Religion, durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch ihre Majestät, wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.«2 Andere Aufklärer wie Moses Mendelssohn, Gotthold Ephraim Lessing, Voltaire oder Henriette Herz hätten »Aufklärung« wahrscheinlich leicht abweichend definiert, aber die Umschreibungen Kants lassen erkennen, was man damals unter Aufklärung verstand, was man bis heute unter Aufklärung verstehen kann und was im folgenden mit Aufklärung gemeint ist: eine Bewegung, die auf die umfassende Befreiung der Menschen aus herkömmlichen Zwängen, tradierten Vorurteilen und nicht legitimierter Herrschaft zielte, durch Bildung, öffentliche Kritik und freie Diskussion Unwissenheit, Aberglauben und Intoleranz ausräumen wollte und den mündigen Gebrauch der Vernunft als Regulativ aller privaten und öffentlichen Verhältnisse zur Wirkung bringen wollte. Kritik und Utopie verknüpften sich im Denken der Aufklärung. Die Kritik an ständischen Privilegien, absolutistischer Willkür und klerikaler Gängelung war das eine, die Utopie einer sich vernünftig und friedlich selbst regulierenden Gesellschaft freier und mündiger Individuen das andere. Zentral für die Aufklärung war der Glaube an die zukünftige, durch Erziehung, Reform und institutionelle Wandlungen zu realisierende Fähigkeit der Menschen, ihre Verhältnisse als Subjekte selbst, bewusst und verantwortlich zu gestalten, statt fremdbestimmte Objekte unverstandener Gegebenheiten und Mächte zu sein. Veränderungserfahrungen und Fortschrittserwartungen verbanden sich in dieser kraftvollen Bewegung, die vor allem (nicht ausschließlich) vom neuen, aufsteigenden, gebildeten Bürgertum getragen wurde, manchmal revolutionär, zu46

meist aber refor­merisch gestimmt war, ihre Hoch-Zeit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erreichte und tiefe Wirkungen in den verschiedenen Lebensgebieten hinterließ: Die Abschaffung der Leibeigenschaft und die beginnende Emanzipation der Juden gehörte ebenso zu den Folgen der Aufklärung wie die Deklaration der Menschenrechte und die ersten Verfassungen in den USA und in Frankreich, die Humboldtsche Universität, die sich in ihr bald kräftig ent­ faltenden Wissenschaften wie die vielfältigen Rechtsreformen, die auch östlich des Rheins den Feudalismus allmählich zu Ende brachten, den Absolutismus zähmten und einer bürgerlichen Gesellschaft den Weg bereiteten. Und später erschien die Aufklärung der Romantik zu rationalistisch, den Natio­nalisten zu kosmopolitisch, den Realpolitikern zu prinzipiell, den Metaphysikern zu seicht und den neuen Mythen des 20. Jahrhunderts als zu bürgerlich und westlich, zu dekadent und kraftlos. An Verächtern der Aufklärung – spöttisch oft »Aufkläricht« genannt  – fehlte es gerade in Deutschland nicht. Aber in der Rückschau erkennt man die Aufklärung als eine große gesamteuropäische Bewegung, an der Deutschland voll teilnahm und die der Moderne als Treibsatz diente – im Grunde bis heute. Deshalb meint das Wort »Aufklärung« oft auch mehr als jene geistige Bewegung des langen 18. Jahrhunderts und auch mehr als nur jene Epoche. Mit »Aufklärung« bezeichnet man vielmehr auch, abgekoppelt vom spezifisch historischen Bezug, einen Denkansatz, eine Grundhaltung, für die die öffentliche Kritik, der selbstbestimmte Gebrauch der Vernunft, das Streben nach Emanzipation und das Vertrauen in die Lenkbarkeit des eigenen Schicksals kennzeichnend sind. »Die Geschichte trägt der Aufklärung die Fackel vor«, schrieb der Berliner Verleger Nicolai 1806. »Um herauszubringen, was dem Menschen möglich ist, muß man wissen, was er wirklich ist und wirklich geleistet hat … Im Grunde ist also alle ächte Menschenkenntniß historisch«, formulierte Christoph ­Martin Wieland. Und der sächsische Frühaufklärer Thomasius war überzeugt, man könne sich von den überlieferten Irrtümern nur befreien, indem man »durch Hülffe der Historie den Ursprung der Vorurtheile erkennet«. »Ohne dieselbe [die Historie] ist der menschliche Verstand blind.« In der Tat, im Gegensatz zu dem, was manche von uns im historischen Proseminar gelernt haben mögen, war zum einen die Geschichte für viele (nicht alle) Aufklärer zentral, und zum anderen sind der moderne Umgang mit der Geschichte und vor allem die Geschichtswissenschaft nicht etwa erst Produkte des Historismus des 19. Jahrhunderts, sondern sie sind Produkte der Aufklärung, vor allem der Spätaufklärung der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Historiker wie Chladenius und Gatterer, Schlözer, Ignaz Schmidt und Spittler, Denker wie Vico und Herder, Praktiker wie Moser und Nicolai, westliche Einflüsse wie Gibbon, Voltaire oder Ferguson darf man nicht übersehen, wenn man nach den Gründervätern der Geschichtswissenschaft fahndet. Das hat die wissenschaftsgeschichtliche Forschung der letzten Jahre klar herausgearbeitet.3 Zentral war das Interesse an der Geschichte für die meisten Aufklärer, weil es ihnen um die Kritik der Traditionen ging und weil sie an der Veränder47

barkeit, der Erziehbarkeit, der Vervollkommnung der Menschen in ihren Verhältnissen interessiert waren. Und aus dem Geiste der Aufklärung entstand die moderne Geschichtswissenschaft, weil damals, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, zumindestens vier Innovationen gelangen, die seitdem und bis heute zum Grundbestand, zu den Grundlagen der Geschichtswissenschaft gehören. 1. Als Teil des aufklärerischen Fortschrittsgedankens setzte sich die Vorstellung von Geschichte im Kollektivsingular durch, und zwar von Geschichte im Sinne eines diesseitigen Prozesses. Vorher hatte man entweder von einzelnen Geschichten (im Plural) gesprochen oder die Geschichte der Menschen als Teil eines umfassenden heilsgeschichtlichen Planes gedacht. Damit brach nun das säkularisierte Denken der Aufklärung, und damit wurde zum erstenmal möglich, vergangene Wirklichkeit als einen prinzipiell erforschbaren, diesseitigen Gesamtzusammenhang von Ursachen, Handlungen und Wirkungen zu denken, und zwar so, dass sich Gegenwart und Zukunft von der Vergangenheit zwar gründlich unterschieden (also nicht wiederholten), gleichwohl aber aus ihr hervorgingen (»Kontinuität«). 2. In denselben Jahrzehnten setzten sich neue, rigidere Methoden der Geltungssicherung durch. Nicht zuletzt die Kirchenhistoriker trugen zur Entstehung moderner Quellenkritik und zur Entstehung der modernen Hilfswissenschaften bei. Tatsachen wurden von Legenden und ungeprüften Meinungen unterschieden. Sie hatten die empirische Überprüfung nach bestimmten Regeln zu bestehen, damit sie als wahr, und zwar als wahr für alle (unabhängig von Stand, Religion, Nation und Geschlecht), akzeptiert werden konnten. 3. Aus der sich ebenfalls in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch­ setzenden (oder doch andeutenden) Erkenntnis von der Perspektivität jedes histo­rischen Erkennens wurde nicht die Konsequenz relativistischer Resignation, sondern die Pflicht abgeleitet, den eigenen »Sehpunkt« und »Plan« – das eigene Erkenntnisinteresse und den eigenen Zugriff, würden wir heute sagen – zu explizieren, zu reflektieren und zur kritischen Diskussion zu stellen, für die man ebenfalls Regeln entwickelte. 4. Entsprechend änderte sich die Darstellungsform. Sie wurde diskursiver und argumentativer, methoden- und forschungsbezogener, man wollte sich jetzt von der »Schönschreiberei der Literaten« unterscheiden. Schließlich ging es um Wahrheit, nicht um Fiktion. Dies alles war als Beitrag zur Selbstverständigung und Erziehung einer Gesellschaft gemeint, deren vernünftigen Fortschritt im menschheitsgeschicht­ lichen Maßstab man nicht nur erwartete, sondern eben dadurch auch zu fördern hoffte. Schon Leibnitz und d’Alembert, auch Nicolai und Moser forderten eine nützliche, gegenwartsbezogene, zumeist kritische Geschichtswissenschaft. »Nach meinem Wunsche«, schrieb Moser, »sollte auch der Bauer die Geschichte nutzen, und daraus sehen können, ob und wo ihm die politischen Einrichtungen Recht oder Unrecht tun.« Kritischen Gegenwartsbezug forderte man, nicht aber die Instrumentalisierung oder Verbiegung der Geschichte für gegenwärtige Zwecke. Und man hatte einen sehr breiten Begriff von Geschichtswissen48

schaft, im Sinne von Gesellschafts- und Zivilisationsgeschichte. Wie es Voltaire 1740 formulierte: »Man hat bisher nur die Geschichte der Könige geschrieben und niemals die der Nation. Es sieht so aus, als ob es vierzehn Jahrhunderte lang im Frankenland nur Könige, Minister und Generäle gegeben hätte! Ist denn der Volkscharakter, die Gesetzgebung, das Rechtsherkommen, die geistige Arbeit keiner Beachtung wert?« Von der Einengung auf Politikgeschichte, wie sie der späte Historismus vornehmen sollte, war die Aufklärungsgeschichte noch weit entfernt.4

Zweifel So weit einige Bemerkungen zum inneren Zusammenhang von Aufklärung und Geschichte in jener Epoche, der die Aufklärung ihren Namen gegeben hat. Aber was sollen diese Überlegungen heute, 200 Jahre später? Niemand kann ja bezweifeln, dass wir gegenwärtig in einer ganz anderen Situation leben. Wer ein wenig wissenschaftsgeschichtlichen Überblick besitzt, weiß, dass sich in den zurückliegenden zwei Jahrhunderten die Allianz von Geschichte und Aufklärung deutlich gelockert hat. Und das ambitiöse Programm der Aufklärung ist nicht nur weit von seiner Realisierung entfernt geblieben, sondern auch für viele fragwürdig geworden, gerade heute oder heute wieder. Zur sich entwickelnden und verschärfenden Spannung zwischen Geschichte und Aufklärung nur einige Stichworte: Zu einer akademischen Leitdisziplin wurde die Geschichte ja erst im 19. Jahrhundert, in den Jahren der aufklärungs­ skeptischen Restauration, und das sie bald prägende historistische Paradigma setzte sich geradezu programmatisch vom angeblich unhistorischen, naturrechtlichen, schematischen Aufklärungsdenken ab. Die bürgerlich-volkstümliche Geschichtsbewegung des 19. Jahrhunderts mit ihren vielen lokalen Geschichtsvereinen, Denkmälern und historisierenden Festen sah sich nicht primär in menschheitsgeschichtlich-aufklärerischer Tradition, sondern sie erinnerte Partikulares: regionale Identitäten und das, was der entstehenden Nation, dem ersehnten Nationalstaat, spezifisch sein sollte. Unvergessen ist die scharfe Abgrenzung der deutschen Geschichtswissenschaft gegen das »seichte« Aufklärungsdenken, den Positivismus, die westliche Zivilisation seit dem späten 19. Jahrhundert und vor allem seit dem Ersten Weltkrieg: mit den »Ideen von 1914« gegen die von »1789«. Zwischen 1933 und 1945 ist die Geschichte des Faches zwar durch wenig direkte Instrumentalisierung, aber durch noch weniger Widerstand geprägt gewesen. Hätte es in dieser Phase eklatanter Gegen-Aufklärung nicht mehr Reibung zwischen Historikern und Nationalsozialismus ­geben müssen, wenn aufklärerische Traditionen im Fach tiefer verankert gewesen wären?5 In den letzten zwei Jahrzehnten haben zwar einzelne Strömungen in der hiesigen Geschichtswissenschaft  – meist ohne es zu merken  – an Grund­sätzen 49

der Aufklärungshistorie angeknüpft. Man denke an die Gesellschaftsgeschichte und die Historische Sozialwissenschaft mit ihrer Historismuskritik, ihren traditionskritischen Neigungen, ihrem expliziten Gegenwartsbezug, ihrer Überwindung politikhistorischer Verengung und ihren komparativ-systematischen Interessen.6 Aber ist nicht insgesamt auch die Geschichtswissenschaft zu einem hochspezialisierten, arbeitsteiligen, geradezu selbstreferenziellen Großbetrieb geworden, der von den fortschrittsgeschichtlichen Triebkräften und gesellschaftskritischen Zielsetzungen der Aufklärungshistoriker meilenweit entfernt ist? Auf der anderen Seite sind die Zweifel an der Realisierbarkeit und am Sinn der Aufklärung gewachsen. Als bürgerliche Ideologie konnte sie zu Recht kritisiert werden, solange sie ihre Allgemeinheitsansprüche nicht praktisch einlöste. In langen Phasen ihrer Geschichte hat ebendies die Arbeiterbewegung versucht, nicht ohne Erfolg. Die realen Bedingungen, die die Aufklärung für ihre Realisation braucht, haben sich zweifellos verbessert (Verbreitung der Bildung, Überwindung der Not in unserem Teil  der Welt, Verkürzung der existenznotwendigen Arbeit z. B.), teilweise aber auch verschlechtert (neue Manipulationsmechanismen, die Verführungen moderner Konsumkultur z. B.). Wessen Lebensverhältnisse sind schon so, dass sie dem Angebot der Aufklärung reale Resonanz bieten können und seine volle Inanspruchnahme erlauben? Weltweit gesehen, bleibt dies auf eine kleine Minderheit beschränkt. Vielen ist überdies heute die »Dialektik der Aufklärung« empfindlich bewusst. Die kulturhistorische Forschung hat herausgearbeitet, dass die Auf­ klärung mit ihren modernisierenden Reformen auch ihre »Kosten« hatte und zur Zerstörung älterer Lebensweisen und volkstümlicher Kulturen beigetragen hat. Aufklärung hat immer etwas mit methodischer Lebensführung, mit Rationalisierung, mit Disziplinierung, mit »Selbstdomestikation«, und insofern wohl auch mit Durchsetzung von Ordnung und Unterdrückung von Spontaneität zu tun. War sie nicht überdies primär eine Sache der Männer, gar auf Kosten der Frauen, der Sieg eines männlichen über irgendein weibliches Prinzip? Manche Feministinnen meinen das. Und nicht nur Feministinnen und Grüne weisen auf die ungewollten Folgen des Projekts der Moderne hin, zu dem die Aufklärung so maßgeblich hinzugehört und das zu vorher ungeahnten Zerstörungen, Katastrophen und Bedrohungen geführt hat – von der Zerstörung der Natur über die skandalöse Nord-Süd-Ungleichheit im Weltmaßstab bis zu den Massenvernichtungen der Gegenwart. Verbreitet ist das Erschrecken des Zauberlehrlings: die Kräfte, die von Aufklärung und Moderne einst in Bewegung gesetzt wurden, haben sich jedweder Steuerung entwunden, dynamisch verselbständigt, ständig beschleunigt und bedrohen nun jene Kultur, der sie sich ursprünglich verdanken. Nach den Erfahrungen dieses Jahrhunderts ist die Skepsis gewachsen, ob es denn überhaupt möglich sei, komplexe gesellschaftlich-kulturelle Entwicklungen wirklich zu steuern und die Menschheit, im Sinne der Aufklärung, zum Subjekt ihrer Geschichte zu machen. Und kann man noch guten Gewissens die Aufklärung von Vorurteilen, die Befreiung von hemmenden Bindungen und die Emanzipation aus überflüssiger Herrschaft fordern, wenn eher der Zerfall her50

kömmlicher Bindungen, die Schwäche der Traditionen und damit verbundene Orientierungs- bzw. Sinndefizite zur Signatur der Zeit zu gehören scheinen? Tatsächlich geschieht der Aufschwung des historischen Interesses, den wir erleben und der sich in neuer öffentlicher Hochschätzung für die Geschichte, in historischen Ausstellungen und Museen, in historischen Bestsellern und Geschichtsfesten, in Spurensicherungs- und Konservierungskampagnen, in Flohmarktkultur und Historikerstreit (also sehr vielfältig) ausdrückt  – nur sehr begrenzt im Zeichen der Aufklärung. Nicht das – zum Kern von Aufklärung gehörende – Bedürfnis nach rationaler Kritik speist gegenwärtig die Hinwendung zur Geschichte, sondern eher das Verlangen nach Identität. Nicht die Hoffnung auf Emanzipation und Reform dient als Treibsatz des historischen Fragens, sondern der Wunsch nach Bewahrung und die Suche nach Halt. Erinnerung ist gewünscht, Erklärung viel weniger. Der neue historische Sinn kommt oft zu­ sammen mit Zivilisationskritik und Zukunftsskepsis einher. »Dissonanzen des Fortschritts« überschreibt der Historiker Michael ­Stürmer die Sammlung seiner Aufsätze und meint: »Geschichte verspricht Wegweiser zur Identität, Ankerplätze in den Katarakten des Fortschritts.« Er beschwört gegenwärtige Krisenerscheinungen der technischen Zivilisation und sieht uns in einem Zustand der postmodernen Gesellschaft, deren Träume gealtert seien. »Der Bück, der ratlos in die Zukunft irrt, wird wie von selbst auf Identität, auf Ortsbestimmung, auf Geschichte gelenkt.«  – »Herkunftstreue läßt uns in bezug auf die Folgelasten von Modernisierungsprozessen besser standhalten«, schreibt der Philosoph Hermann Lübbe, der wohl die grundlegendsten Beiträge zu einer konservativen Neubestimmung der konsens- und identitäts­bildenden Funktionen von Geschichte für die Gegenwart geleistet hat. Schon 1978 führte er aus: »… wer auf seine nicht-zustimmungsfähige Vergangenheit sich absetzen ließe, würde zukunftsunfähig.« Angesichts beschleunigter zivilisatorischer Evolution und damit verbundener desorientierender Erfahrungsverluste, sei die kompensatorische Vergegenwärtigung der Vergangenheit durch die historischen Geisteswissenschaften um so nötiger. – Je moderner eine Gesellschaft, desto unabdingbarer die Geisteswissenschaften, meint auch der Philosoph Odo Marquardt. Nicht als Teil- oder Antriebskraft der Modernisierung werden da die Geisteswissenschaften (und mit ihnen die Geschichtswissenschaft) empfohlen, sondern als Widerhalt, als Kompensation, als Reparatur für jene Identitätsschäden und Sinnverluste, die uns die fortschreitende Modernisierung angeblich zugefügt habe und weiterhin antue.7 Solche weitverbreitete, übrigens in verschiedenen politischen Lagern auftretende, jedoch generell als neo-konservativ zu bezeichnende Stimmungen sind weit von aufklärerisch-emanzipatorischen Positionen entfernt. Nicht als Mittel traditionskritischer und zukunftsöffnender Aufklärung wird da Geschichte gewollt, sondern eher als Mittel der Traditionssicherung und der Stabilisierung im Wandel. Demgegenüber möchte ich versuchen zu zeigen, dass und inwiefern es weiter­ hin lohnen könnte, an der alten Allianz zwischen Geschichte und Aufklärung 51

anzuknüpfen, so gut es geht und mit den nötigen Modifikationen. Solche sind zweifellos nötig, denn wir schreiben nicht 1788, sondern 1988, und es wäre naiv, die tiefgreifenden Differenzen zu übersehen, die unsere Zeit von der der Aufklärung trennen. Ich bediene mich im Grunde zweier Argumente. Zum einen nehme ich den Anspruch der Wissenschaft, der Geschichtswissenschaft ernst, die, wie gesagt, ein Produkt der Aufklärung ist und weiterhin das Erbe der Aufklärung in sich trägt, wenn auch meist nur in sorgsam verpackter, oftmals fast unkenntlicher Form. Wenn man, so wird mein erstes Argument lauten, wissenschaftlichen Umgang mit der Geschichte will oder ihn zumindest unter gegenwärtigen Verhältnissen für unvermeidbar hält, dann folgt daraus, mit Geschichte in aufklärerischer Weise umzugehen. Zum anderen versuche ich, praktisch, gewissermaßen appellierend, zu argumentieren, und zwar nach dem Muster: Seht, solche aufklärerischen Funktionen kann die Geschichte wahrnehmen, mit diesen und jenen Folgen. Was aber wäre, wenn sie das nicht täte? Sind die dann wahrscheinlichen Folgen wirklich zu wünschen? Das erste Argument läuft auf die These hinaus, dass Geschichtswissenschaftler schon aus Gründen ihrer Profession für einen aufklärerischen Umgang mit Geschichte eintreten müssen, obwohl sie wissen, dass sich insofern ihr Beitrag in den engen Grenzen der Fachwissenschaft hält und es legitimerweise auch andere Umgänge mit der Geschichte gibt. Das andere Argument zielt auf eine umfassende aufklärerische Wirkung des Umgangs mit Geschichte und versucht zu zeigen, dass dieser möglich ist, wenn man sich dazu – letztlich aus wissenschaftlich nicht mehr voll begründbaren (aber argumentierbaren) Gründen – entscheidet. Beide Argumente sollen nicht abstrakt, sondern mit Bezug auf drei gegenwärtig aktuelle Diskus­sionskomplexe vorgetragen werden: 1. mit Bezug auf einen zentralen Streitpunkt des sog. »Historikerstreits«; 2. mit Bezug auf das Problem von Identität und Geschichte; 3. mit Bezug auf die sich abzeichnende postmoderne Kritik an einer der Aufklärung verpflichteten Geschichtsbetrachtung.

Potentiale der Wissenschaft Die eigentliche Provokation des Historikerstreits von 1986/878 bestand nicht in dem Versuch, die Singularität der nationalsozialistischen Massenmorde zu hinterfragen, indem man den Vergleich mit anderen Massenmorden des 20. Jahrhunderts forderte. Der Vergleich ist ein unaufgebbares methodisches Instrument der Historiker. Wenn sie erklären wollen, müssen sie vergleichen.9 Überdies: Wenn man den nationalsozialistischen Massenterror für absolut singulär erklärt, impliziert man, dass sich dergleichen nie wiederholen kann – eine probate Immunisierungsstrategie, mit der man sich das verstellt, was man vielleicht aus vergangenen Katastrophen für die Zukunft lernen kann. Weder methodisch noch politisch-pädagogisch ist »Singularität« eine besonders progressive Kategorie. – Allerdings ist zweierlei hinzuzufügen. Zum einen hat die ver­gleichende 52

Analyse des Nationalsozialismus eine lange Tradition. Mit den Konzepten des »Totalitarismus« und des »Faschismus« hat man seit langem erfolgreich den Nationalsozialismus in vergleichende Perspektive gerückt.10 Zum andern geht es im geschichtswissenschaftlichen Vergleich immer um die Feststellung von Ähnlichkeiten und Unterschieden. Vergleicht man nüchtern, methodisch und genau, ergibt sich durchaus, was dem nationalsozialistischen Holocaust ganz spezifisch war.11 Der genaue, kontrollierte Vergleich ergibt nichts Ent­lastendes.12 Nein, nicht Noltes vergleichende These war der Skandal, so unsauber, hilflos und teilweise apologetisch sie auch vorgetragen wurde. Die eigentliche Pro­vokation bestand und besteht vielmehr darin, dass Nolte einen Kausal­ zusammenhang unterstellt zwischen dem zeitlich vorausgehenden »asiatischen Klassenmord« der Bolschewisten – im Bürgerkrieg und dann in Form des stalinistischen Massenterrors – einerseits und andererseits dem nationalsozialistischen »Rassenmord«, der zeitlich folgte und den Nolte als gar nicht so unverständliche, gewissermaßen präventive Abwehr-Reaktion der Nationalsozialisten auf die weiterbestehende »asiatische« Bedrohung interpretiert.13 Diese Deutung hat es in sich, dem nationalsozialistischen Massenmord an den Juden nachträglich Sinn zuzusprechen, einen Sinn im Kontext eines ebenfalls unterstellten gesamteuropäischen Abwehrkampfes gegen den Bolschewismus. Zweifellos ist dies ein politisch problematisches Argument. Aber nicht, weil es politisch problematisch war, hat es Schiffbruch erlitten, sondern weil es im Lichte der Quellen und nach dem Maßstab der geschichtswissenschaftlichen Regeln, die bei der Auswertung der Quellen anzuwenden sind, inakzeptabel, nämlich falsch war. Ich kenne keinen ernstzunehmenden Fachhistoriker, der diese These wirklich verteidigt hätte. Die Historiker, die Nolte gegen Kritik in Schutz nahmen, machten um diesen Kern seiner Provokation einen vorsichtigen Bogen. Ähnlich kann man Andreas Hillgruber mit fachwissenschaftlichen Argumenten kritisieren, der die Identifikation des Historikers mit der Perspektive des kämpfenden Ostheers verlangte und auf dieser Grundlage das Ende des Zweiten Weltkriegs beschrieb.14 Es ist nämlich nicht nur eine Forderung wertender Gerechtigkeit, sondern auch eine Grundregel geschichtswissenschaftlichen Arbeitens, seinerzeit divergierende Perspektiven gegeneinanderzuhalten oder aus einer möglichst umfassenden heutigen Perspektive die damalige Situation in ihrer Vieldeutigkeit zu begreifen. Diese Grundregel hat Hillgruber verletzt. Allerdings, dies sollte man betonen, nicht nur er. Ich erspare mir weitere Beispiele. Die These sollte klar sein: Der wissenschaftliche Diskurs mit seinen Regeln der Quellenkritik, der Analyse und Inter­ pretation lässt zwar zumeist mehrere, auch konkurrierende Interpretationen und Ergebnisse zu, aber nicht alles geht. Vieles schließt er aus. Solange er selbst funktioniert und solange er sich geltend machen kann (was nicht nur von den Wissenschaftlern abhängt, sondern auch vom Zustand der Öffentlichkeit, den Machtverhältnissen und Institutionen), sperrt er sich gegen Legenden und Mythen, Verzerrungen und Lügen. Er entfaltet damit eine kritische Kraft, die weit über den innerwissenschaftlichen Bereich hinausreicht  – als Beitrag zur Auf53

klärung. Dem Aufklärungsprodukt »Geschichtswissenschaft« ist eine besondere Rationalität eigen, die im Prinzip in der Lage (wenn auch nicht immer mächtig genug) ist, der Instrumentalisierung der Geschichte zu antiaufkläre­ rischen Zwecken enge Grenzen zu ziehen. Man wird dies in einer Zeit betonen, in der das Unbehagen an der Wissenschaft Hochkonjunktur hat und die Verächter der Wissenschaft sich oft auch noch als progressiv darstellen. Die wissenschaftliche Fundierung der Geschichtslehrerausbildung und des Geschichtsunterrichts ist ein hohes Gut. Sicherlich, nicht jeder gute Historiker ist schon ein guter Geschichtslehrer, da muss noch vieles hinzukommen. Aber einen guten Geschichtslehrer, der nicht gleichzeitig ein guter Historiker ist, kann man sich nur schwer vorstellen.

Identität Wie bereits erwähnt, wird derzeit von der Besinnung auf die gemeinsame Geschichte häufig erwartet, dass sie zur Stärkung kollektiver Identität beiträgt, wobei unter Identität ein konsensförderndes Gemeinsamkeitsgefühl und -bewusstsein verstanden wird, das die Legitimität und die Handlungsfähigkeit von Gesellschaften stärkt. Dies war ein Kernpunkt im »Historikerstreit«. Aber auch in anderen Diskussionszusammenhängen wird immer wieder die Erwartung ausgedrückt, durch historische Erinnerung kollektive Identität zu festigen und damit die Konsensfähigkeit zu erhöhen, um damit Desintegrationserscheinungen und, wie es heißt, der »Zukunftsunfähigkeit« der Deutschen entgegen­ zusteuern. Es scheint mir in der Tat unbestreitbar, dass jede Gesellschaft ein Minimum an Gemeinsamkeitsbewusstsein und Solidarität benötigt, um Ziele zu ­definieren, Probleme zu lösen und überhaupt handlungsfähig zu sein. Auch ist einzuräumen, dass die Erinnerung an gemeinsame, vergangene, weiter wirkende Erfahrungen solches Gemeinsamkeitsbewusstsein fördern kann. Doch ist an diesem Ruf nach Geschichte als Identitätsbildungsbasis mehreres pro­ blematisch. Zunächst kann man bezweifeln, ob wir in der Bundesrepublik Deutschland wirklich zu wenig kollektive Identität, zu wenig Gemeinsamkeitsbewusstsein und zu wenig Konsens besitzen. Schließlich ist es normal und wünschenswert, vielfältige Identität zu besitzen. Jemand mag Westfale und katholisch und Sozia­list und Bürger der Bundesrepublik und Deutscher und Europäer und Angehöriger der westlichen Zivilisation zugleich sein. Diese Zugehörigkeiten mischen sich in je unterschiedlicher Weise, bei jedem (ein wenig) anders. Die daraus entstehenden Loyalitätsanforderungen können miteinander in Spannung treten, aber in der Regel sind sie nicht unvereinbar. Die hiesige Gesellschaft ist meilenweit vom sozialen oder mentalen Bürgerkrieg entfernt. Sie verfügt – trotz aller Kontroversen und Unsicherheiten – über viel Konsensfähigkeit. Mit großer 54

Mehrheit wird der amtierende Bundespräsident zur Wiederwahl vorgeschlagen. Man vergleiche mit den Zuständen in der Weimarer Republik, um dies recht zu würdigen. Und man stelle sich vor, man hätte 1927 versucht, in Berlin ein Deutsches Historisches Museum zu gründen. Unversöhnliche Positionen wären mit großer Vehemenz aufeinandergestoßen; ein intellektueller Krieg hätte statt­gefunden, das Projekt wäre vermutlich gescheitert. 1987 dagegen kam es auf den Weg, nach einigen Kontroversen zwar, aber dann doch mit breiter, obgleich nicht totaler Unterstützung für die Konzeption.15 Wir haben nicht mehr an Krisen und nicht weniger an Stabilität als andere, wahrscheinlich im Gegenteil. Sicherlich, es gibt einige deutsche Besonderheiten. Nation und Na­tionalstaat decken sich nicht. Die Brüche unserer jüngeren Geschichte waren tief und gewaltsam, vergleicht man mit der Schweiz, Frankreich oder den Vereinigten Staaten. Aber darin stecken auch Chancen. Die Mehrheit scheint derzeit relativ immun gegenüber naivem oder geschürtem Nationalismus. Großmachtpolitik belastet uns nicht mehr. Im Umgang mit anderen Staaten ist eine gewisse Vorsicht zu beobachten, die als Vorteil zu werten ist. Kurzum, diejenigen, die über mangelnde Identität, zuviel Pluralismus und angebliche Sinndefizite klagen, sollten die Standards überprüfen, an denen sie die Realität messen und zu leicht befinden. Überdies: Ist die Legitimität, der Konsens, die Identität gegenwärtiger Systeme nicht zuerst und vor allem von ihrer  – nicht nur ökonomischen  – Leistungsfähigkeit abhängig, viel mehr als von historischer Erinnerung? Es würde dann für die Leistungskraft von Gesellschaften und die in ihnen mögliche Lebensqualität sprechen, wenn sie ihre Identität nicht mühsam, gewissermaßen sekundär und ideologisch, über historische Besinnungsübungen stiften müssen. Aber wenn man dennoch Geschichte als Identitätslieferantin in Anspruch nimmt, dann ist folgendes zu bedenken: Erstens sind Formen der Identitätsstiftung denkbar und beobachtbar, die mit Geschichtswissenschaft und ihrer spezifischen, aufklärungsgeprägten Rationa­ lität unvereinbar sind. Dazu gehört jede Stilisierung und jede Beschönigung der eigenen Geschichte, dazu gehören Mythen und Legenden, dazu gehört jede primär über Emotion und Suggestion vermittelte Aneignung von Geschichte. Sicher­lich: Stolz, Sympathie und Rührung mögen die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte begleiten, häufiger noch Trauer und Mitleid, Verachtung und Hass. Aber wenn man Geschichte als Aufklärung will, dann darf man dabei nicht stehen bleiben, sondern muss diese Gefühle gedanklich einholen. Die ehrlichste Betroffenheit, das eindrucksvollste Mahnmal und die angestrengteste Trauerarbeit können das Begreifen, die Erklärung, die Einordnung des historischen Phänomens nicht ersetzen. Darauf aber kommt es an, wenn Geschichte orientieren und zukunftsfähig machen soll. Zweitens bleibt daran festzuhalten, dass eine klare und lebendige Erinnerung an die katastrophalste Phase der deutschen Geschichte (zwischen 1933 und 1945) keineswegs lähmt oder zukunftsunfähig macht. Vielleicht ist das Gegenteil wahr. Viele von uns sind doch gerade durch die kritische Bekanntschaft 55

mit dem Nationalsozialismus zu politischen, wissenschaftlichen, intellektuellen Engagements und Aktivitäten motiviert worden – das Gegenteil von Lähmung. Weil man weiß, dass so etwas passieren konnte, versucht man mitzu­helfen, Wiederholungen zu verhindern. Auch glaube ich nicht, dass die ehrliche Anerkennung der nationalsozialistischen Phase als Teil der eigenen Geschichte uns wirklich an dem hindert, was man den »aufrechten Gang« genannt hat. Im Gegenteil, auf dem Hintergrund des Wissens über deutsche Geschichte vor 1945 ist vielleicht sogar Platz für gewisse Befriedigung und etwas Stolz auf den re­lativen Erfolg der Bundesrepublik als eines demokratischen und freiheitlichen Systems, das sich von jener Vergangenheit mühsam, zeitweise halbherzig, aber im Endergebnis doch deutlich distanziert hat. Die Betonung dieser Differenz zwischen Nationalsozialismus und heute – nicht aber ihre vergessende Einebnung – sollte man als wertvolles Element unseres politischen Selbstverständnisses, unserer kollektiven Identität, hochhalten. Drittens halte ich es für eine merkwürdige Illusion zu glauben, dass die Erinnerung der gemeinsamen Vergangenheit automatisch zu mehr Konsens und Gemeinschaftlichkeit in der Gegenwart führt. Blickt man nüchtern, unvoreingenommen und um Wahrheit bemüht in die Vergangenheit, dann entdeckt man auch vieles, was schmerzt, und vieles, was trennt. Streit ist die Folge, zumindest erfährt man aber Pluralität, Ambivalenz, Relativierung und Zweifel. Nietzsche hat das übrigens beschrieben und von »Begriffsbeben« gesprochen, das von der Geschichtswissenschaft erregt werde und das den Menschen das Fundament ihrer Sicherheit und Ruhe, ihren Glauben nehme.16 Viertens: Destabilisierende Wirkungen können in unserem Fall insbesondere von der allzu bemühten Erinnerung an die nationale Geschichte aus­gehen. Zweifellos ist das Deutsche an unserer Identität von großer Bedeutung. Die Sprache, der »Historikerstreit«, die besondere politische Beziehung zwischen Bundesrepublik, DDR und Berlin, jede Auslandsreise zeigen es einem mit großer Deutlichkeit: man ist nicht nur Europäer, nicht nur Bürger einer bestimmten Stadt oder Region, nicht nur Angehöriger einer spezifischen Berufsgruppe etc., sondern auch Deutscher. Um zu verstehen, was das heißt, ist die Beschäftigung mit deutscher Geschichte unumgänglich, so eng diese in aller Regel in die europäische Geschichte verwoben und im Inneren regional differenziert war. Auch die Thematisierung der Nationalgeschichte in einem Deutschen Histo­ rischen Museum erscheint legitim und sinnvoll, solange diese  – nationale  – Dimen­sion der eigenen Geschichte nicht verabsolutiert wird. Dies auch deshalb, weil eigentlich nirgendwo die nationale Organisationsform komplexer Gesellschaften wirklich vergeht. Das Absehen von der deutschen Nationalgeschichte (zugunsten einzelner historischer Teilthemen, einzelner Regionalgeschichten oder zugunsten einer allgemeinen europäischen Geschichte) wäre nichts anderes als eine sublime Flucht aus der wirklichen Geschichte, ein Akt der Verdrängung – der aber auch gar nicht droht. Auf der anderen Seite ist schwer zu bestreiten, dass das Projekt »Nationalstaat« nicht zu den großen Erfolgen der deutschen Geschichte gehört. Wenn 56

man heute auf nationale, deutsche Gemeinsamkeiten abhebt, kann dies überdies in jedem der beiden deutschen Staaten die jeweilige staatsbezogene Identität durchaus in Frage stellen. Denn im Licht einer stark betonten gesamtdeutschen, eben nationalen Identität erscheint die Bundesrepublik leicht als ungeliebtes Provisorium, als defizitär. Aber die Bundesrepublik ist das Gehäuse, in dem kollektive Handlungsfähigkeit vor allem hergestellt werden muss. Zwischen natio­ naler, deutscher Identität und den Grundlagen der Bundesrepublik Deutschland besteht leicht eine unlösbare Spannung. Die allzu betonte nationalhistorische Erinnerung kann destabilisieren.17 Schließlich eine fünfte Bemerkung zum Thema »Geschichte und Identität«. Die gesellschaftlichen Funktionen von Geschichte sind vielfältig und durch den Begriff »Identitätsbildung« nur sehr ungenau beschrieben. Zu den Leistungen der Geschichte für die Gegenwart gehört ja auch die Erklärung historisch bedingter Gegenwartsphänomene, um sich ihnen gegenüber angemessener verhalten zu können. Beispielsweise sind der Antisemitismus, die nationale Frage, das Problem der sozialen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern solche Gegenwartsprobleme, gegenüber denen man sich ohne Begreifen ihrer historischen Dimension gar nicht vernünftig verhalten kann. Zu den Leistungen der Geschichte für die Gegenwart gehört es weiterhin, dass man durch genaue Analyse vergangener Zusammenhänge, Erfolge und Misserfolge Kategorien gewinnt, die auch unter veränderten Konstellationen in Gegenwart und Zukunft praktische Orientierung erleichtern, Sensibilität erhöhen und gesellschaftlich-politisches Handeln indirekt anleiten. Die Kategorie der nicht-intendierten Folgen von Handlungen lässt sich vor allem an weit zurückliegenden Zusammenhängen erarbeiten. Auch Ideologiekritik lernt sich besser an vergangenen Konstellationen als an (in ihren Folgen noch unübersehbaren) Konstellationen der Gegenwart. Und die Geschichte kann helfen, durch sekundäre Fremdheitserfahrungen, durch die Beschäftigung mit fremden Kulturen und Lebensmöglichkeiten, durch die Vorführung des Anderen, durch Verfremdung Möglichkeitsbewusstsein zu erzeugen, im Lichte dessen die gegebene Wirklichkeit unter Legitimationsdruck gerät und ihre scheinbare Selbstverständlichkeit verliert.18 Hier, in dieser Verflüssigungsleistung, zeigt sich die Kraft der Geschichte als Kritik, wie sie von der Aufklärung geschätzt wurde und m. E. auch heute nicht überholt ist. Allerdings scheint dies das Gegenteil von dem zu sein, was aus neo-konserva­ tiver Perspektive von der Beschäftigung mit Geschichte erwartet wird. Jedoch: Wenn man denn unbedingt will, kann man auch diese kritischen, verflüssigenden, erklärenden, aufklärerischen Funktionen der Geschichte als Beiträge zur Identitätsbildung bezeichnen, als Beiträge zu einer Identität, die in sich pluralistisch ist, Zustimmung und Kritik vereinigt, mehr einen Prozess als einen Zustand darstellt – einen Prozess immerwährender, immer neuer, ­spannungsreicher Verständigung zwischen verschiedenartigen Interessen und Anschauungen.19

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Postmoderne Aufklärungskritik Abschließend sei auf eine ganz andere Herausforderung eingegangen, mit der sich eine an aufklärerischen Traditionen orientierte Geschichte heute kon­ frontiert sieht. Ich meine verschiedene Varianten postmoderner Geschichtssicht, die ich an einigen Bemerkungen des Literaturwissenschaftlers Karl Heinz Bohrer exemplifizieren möchte. Kürzlich versuchte er, unter der Überschrift »Die Illusion des historischen Arguments« eine Position oberhalb der im »Historikerstreit« engagierten Parteien zu beziehen, indem er beiden Seiten vorwarf, im Grunde glichen sie sich ja in ihrem alten Glauben an die rationale Erkennbarkeit von Geschichte und in ihrer illusionären Annahme eines Wirkungszusammenhangs zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dagegen stellte ­Bohrer die Forderung, man solle Kontingenz und Diskontinuität zum Prinzip der Beschäftigung mit Geschichte machen. Geschichte im Singular, das sei doch ein »bildungsbürgerliches Phantasma«. Die Historiker, so Bohrer, sollten nicht Wissen produzieren, nicht Kausalerklärungen bringen, nicht versuchen, Wichtiges von Unwichtigem zu scheiden. Vielmehr sollten sie faszinieren, die Leser aus der eigenen Zeit wie auf einem Märchenteppich entführen, verzaubern und an Dimensionen des Menschlichen erinnern, die in der Moderne vergessen worden seien. Um der banalen Öde der Wissenschaft zu entfliehen, empfiehlt er den Historikern einen ganz anderen Blick auf die Geschichte, nämlich auf das Ge­ wesene als etwas Fremdes. »Unzusammenhängende Notizen über Geschichte« ist dann der folgende Artikel desselben Merkur-Heftes überschrieben, den ­Bohrer als vorbildlich lobt.20 Dieser Blick auf die Geschichte hat unter Intellektuellen und Künstlern, in den Feuilletons und bei Ausstellungsmachern derzeit gewisse Konjunktur. Zum Teil findet er sich auch in der »Alltagsgeschichte«, die ebenfalls dazu tendiert, die historische Zusammenhangserkenntnis in einzelne unverbundene Bruchstückgeschichten aufzulösen, in Miniaturen und insulare Darstellungsweisen.21 Verwandtschaft besteht auch zu anderen Varianten gegenwärtiger Wissenschaftskritik und Wissenschaftsrelativierung, z. B. zu dem bei Hayden White nachlesbaren und m. E. fehlgehenden Versuch, die qualitative Differenz ­zwischen geschichtswissenschaftlichen Texten und Werken fiktionaler Literatur zu bestreiten.22 In dieser Sicht von Geschichte droht auch die Einebnung des fundamentalen Unterschieds zwischen wissenschaftlicher und mythischer Geschichtsbetrachtung. Das Fremde soll als Fremdes stehen gelassen werden, es zu begreifen ist nicht das Ziel. Von Überprüfungskriterien spricht Bohrer nicht. Wahrscheinlich läge es in der Konsequenz seines Ansatzes, dabei eher an ästhe­tische Kriterien als an wissenschaftliche Wahrheitskriterien zu denken. Nicht zufällig spricht man in den einschlägigen Feuilletons gern von »Inszenierungen« der Geschichte: der Historiker als Regisseur oder als Zauberer, Geschichte als Faszination und Unterhaltung, die Darstellung als Folge unzusammenhängender Notizen und Miniaturen  – was könnte weiter vom Begriff der Geschichte als Aufklärung 58

entfernt sein als diese postmoderne Sicht? Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie Geschichte nicht mehr als erforschbaren Zusammenhang von Ursachen, Handlungen und Wirkungen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begreifen will und historische Zusammenhangserkenntnis als entweder überflüssig oder unmöglich oder als langweilig denunziert.23 Die Konsequenz ist deutlich: Geschichten statt Geschichte, Unterhaltung und Imagination statt Durchblick und Aufklärung, Inszenierung statt Erklärung. Was lässt sich dazu sagen? 1. Es gibt sehr verschiedene Weisen des Umgangs mit der Geschichte. Es gibt Denkmäler, Gedenktage, Mahnmale, Friedhöfe. Sie erklären wenig, aber sie erinnern an Siege und Erfolge, an Opfer, Niederlagen und Tod. Als Ein­ladungen zum Feiern und als Aufrufe zum Trauern stehen sie im Kalender oder in der Landschaft. Es gibt historische Legenden, auch heute. Geschichte findet sich in der Bibel und in anderen Heiligen Texten, in den Riten und Messen, und auch noch im Talar der Akademiker, dort wo er die rasanten Veränderungen des Universitätslebens überstanden hat, also z. B. in den USA. Es gibt ästhetische Annäherungen an die Geschichte, in Wagners Opern z. B., doch mit historischer Wahrheit haben sie wenig zu tun. Es gibt Historische Romane, deren Qualität nicht primär nach dem Grad der von ihnen vermittelten historischen Erkenntnisse bemessen wird. Es gibt Inszenierungen von Vergangenheiten, so beim Treffen des Kanzlers mit dem amerikanischen Präsidenten auf dem Bitburger Soldatenfriedhof und dann im KZ, aber auch in der Ausstellung »Mythos ­Berlin« 1987, als Produkte der materiellen Kultur mit symbolischer Bedeutung aus ihrem ehemaligen Zusammenhang gebrochen und  – überraschend, verfremdend, reizvoll, unterhaltend, aber keineswegs aufklärend – in neue, künstliche Zusammenhänge eingefügt wurden. Auch respektable Museen bedienen sich dieser Technik mit großem Zuschauererfolg, z. B. das Musée d’Orsay in ­Paris. Und es gibt Geschichte als Show und Revue, wie sie ebenfalls bei den Feiern zum 750. Jubiläum 1987 sowohl in West- wie in Ostberlin zu genießen waren. Es wäre unsinnig, wirklichkeitsfremd und arrogant, diese Umgehens­ weisen mit Geschichte pauschal kritisieren oder gar unterschätzen zu wollen. Vieles davon ist vielen von uns lieb und teuer. Es entspringt unserem Bedürfnis nach Ehrfurcht und Pietät, Unterhaltung und Anregung, Spiel und Abwechslung. Nur, mit Geschichte als Aufklärung haben sie unmittelbar wenig zu tun, deshalb waren sie nicht Gegenstand dieses Aufsatzes. Sie brauchen aber nicht notwendig im Gegensatz zum aufklärerischen Umgang mit der Geschichte zu stehen, können es aber und tun es auch oft.24 2. Zum aufklärerischen Umgang mit Geschichte gehören die Frage nach Ursachen und Folgen, Bedingungen und Nebenfolgen, das Ernstnehmen von diachronen und synchronen Zusammenhängen, das nüchterne und methodische Streben nach intersubjektiv gültiger Erkenntnis (Wahrheit) und der wertendinterpretierende Bezug auf die Gegenwart unter aufklärungskonformen, zukunftsorientierten Zielsetzungen, gehören Analyse und nie abbrechende Kritik. Am ehesten verwirklicht sich ein solcher Umgang mit Geschichte in einer richtig verstandenen Geschichtswissenschaft. 59

Aufklärungsorientierte Geschichtswissenschaft kann in vielen Gestalten auftreten. Schwerpunktsetzungen sind nötig, die Interessen der Historiker unterscheiden sich, der Wandel ist die Normalität. Aufklärungsorientierte Geschichtswissenschaft wird sich aber weder auf die Rekonstruktion von Erfahrungen, Wahrnehmungen und Handlungen der Zeitgenossen nach Art der Alltags­ geschichte beschränken dürfen, noch allein auf die Analyse der Strukturen und Prozesse; auf die Verknüpfung beider Dimensionen kommt es an.25 Spezialisierung ist nötig, und auf weite Strecken ist wissenschaftliche Arbeit sich selbst Zweck genug. Aber zur Aufklärungsorientierung der Geschichts­ wissenschaft gehört, dass der sie konstituierende Zusammenhang zwischen Vergangenheitserkenntnis, Gegenwartsbezug und Zukunftsorientierung ernstgenommen und durchschaut wird, dass die Wahl der Gegenstände, die Art der Zugriffe und spezialisierten Ergebnisse im größeren Rahmen gegenwartsund zukunftsbezogener Fragestellungen und Erkenntnisinteressen interpretiert werden; und dass die Historiker ihre Arbeit als Teil eines spannungsreichen Gesamtzusammenhangs begreifen, in dem die spezifische Rationalität ihrer Wissenschaft zur Aufklärung von Politik, Kultur und Gesellschaft beiträgt, die umgekehrt zumindest in Grundzügen erreicht sein muss, wenn sich die Wissenschaft ungehindert entfalten können soll.26 Aufklärungsorientierte Geschichtswissenschaft wird sich verschiedener Darstellungsformen bedienen, die auch mit dem vor allem angesprochenen Pu­ blikum variieren: von der konkreten, leicht nachvollziehbaren Erzählung und bunten Beschreibung über das weite Feld der historischen Argumentation bis zur historischen Statistik.27 Aber wenn sie ihren aufklärerischen Anspruch nicht aufgeben wollen, müssen sich Historiker um eindeutige Formulierungen und maximale Klarheit bemühen. Ohne scharfe Begriffe und ihre Definition, ohne theoretische Anstrengungen und reflexive Elemente geht es nicht ab. Unvereinbar mit einer Geschichtswissenschaft, die ihre aufklärerische Prägung ernst nimmt, ist insbesondere die Wahl einer metaphorisch geladenen, schwammig oszillierenden Sprache, die über die Probleme leichtfüßig hinwegtänzelt statt sie zu vertiefen, die funkelt und blendet und die es erlaubt, sich jeder Kritik mit der Antwort zu entziehen, so sei es ja nicht gemeint gewesen. Oft ist die umständliche, sperrige und schmucklose Formulierung nur um den Preis reduzierter Genauigkeit zu ersetzen. Und dieser Preis ist zu hoch. Wenn gewählt werden muss, ist für den Wissenschaftler die intellektuelle Redlichkeit das Wichtigste, auch wenn sie umständlicher wirkt, weniger mediengerecht ist und auf postmoderne Schöngeister langweilig wirkt. Dass man alles daransetzen muss, spannend zu schreiben, verständlich zu sein und sein Publikum auch wirklich zu gewinnen, ergibt sich von selbst, wenn man die gesellschaftlich-­ politischen Funktionen der Geschichtswissenschaft als Beitrag zur Aufklärung ernst nimmt. 3. Hier wurde explizit und implizit für aufklärerischen Umgang mit Geschichte plädiert, nicht als einzigen, aber als unersetzbaren Zugang zur Geschichte, an dessen Ergebnissen sich die anderen messen lassen müssen. Als 60

Historiker weiß man: dieser Umgang ist durchaus möglich. Auch und gerade wenn man den Fortschrittsoptimismus der Aufklärer des späten 18. und ­frühen 19.  Jahrhunderts nach den Erfahrungen des 20.  nicht mehr zu teilen vermag und von den Gefahren beeindruckt ist, die dem Projekt der Aufklärung drohen, mag man sich für ihn einsetzen  – schon aus Mangel an begehbaren Alternativen. Als Wissenschaftler ist man gewissermaßen verpflichtet, die auf­ klärerische Karte zu spielen, sie ergibt sich aus dem eigenen métier, das selbst ein Produkt der Aufklärung ist. Und als Bürger kann man meinen, dass aufklärerischer Umgang mit Geschichte im Interesse einer freiheitlichen, demokratischen und soli­darischen Gesellschaft möglichst mündiger Individuen unabdingbar ist. Verzichtete man nämlich auf historische Ursachen-, Zusammenhangs- und Wirkungserkenntnis, auf empirisch sich absichernde, kritische und nach intersubjektiver Geltung strebende Interpretation, dann entstünde ein Vakuum, in dem sich Legenden und Mythen, Vorurteile und Manipulationen breit machten – mit unabsehbaren Folgen. Und man verzichtete auf ein Medium der Verständigung über gemeinsame Zugehörigkeiten und gemeinsame Probleme, auf ein Medium der Bildung und Kritik von Identität in einem pluralistischen, diskursiven Sinn. Einen solchen Verzicht können sich moderne Gesellschaften nicht leisten.

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4. Theorien in der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte1

I Eine Bedeutung der mehrdeutigen und in den letzten Jahren verbreiteten Forderung nach »mehr Theorie« in der Geschichtswissenschaft zielt auf die Anwendung expliziter und konsistenter Begriffs- und Kategoriensysteme, die der Erschließung und Erklärung von bestimmten historischen Phänomenen und Quellen dienen, aber nicht hinreichend aus den Quellen abgeleitet werden können. Häufig ist der Wunsch nach einer in diesem Sinne theoretisch verfahrenden Geschichtswissenschaft verbunden mit einem Plädoyer für enge Kooperation mit den systematischen Nachbarwissenschaften, von denen dann Hilfestellung bei der Suche und Bildung angemessener Theorien erhofft wird. Die Einsicht in die Notwendigkeit oder Wünschbarkeit der  – meist kritisch-modifizierenden – Anwendung von Theorien und Modellen aus den systematischen Nachbarwissenschaften (besonders den Sozialwissenschaften) in der historischen Forschung hat sich jedenfalls in der methodologisch-programmatischen Diskussion z. Z. weitgehend durchgesetzt – zumindest fehlt es an expliziten und deutlichen Gegenstimmen.2 Wenn man die vorwiegende Zurückhaltung und starke Skepsis, ja Ablehnung der deutschen, vom Historismus besonders stark geprägten Universitäts-Fachhistoriker gegenüber den Theorien und Methoden der systematischen Sozialwissenschaften im 19.  und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedenkt, so drückt sich in jenem, wenn auch sehr abstrakten, Konsensus ein bedeutsamer Wandel des methodologischen Selbstverständnisses der hiesigen Geschichtswissenschaft aus. Trotz tiefgreifender inhaltlicher und wissenschaftstheoretischer Unterschiede verlief die Entwicklung in dieser Hinsicht in der DDR ähnlich: auch dort werden in der methodologisch-theoretischen Debatte der mögliche Nutzen von Theorien aus den (marxistisch-leninistischen) systematischen Sozialwissenschaften und die enge Beziehung zwischen Geschichtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft und Soziologie (im Rahmen des Dialektischen und Historischen Materialismus) betont.3 Diese Öffnung gegenüber Theorien, insbesondere aus den systematischen Sozialwissenschaften, die von deutschen Historikern erst im letzten Vierteljahrhundert und damit deutlich später als etwa von ihren französischen oder amerikanischen Kollegen vollzogen wurde,4 resultierte aus gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Wandlungsprozessen, die hier nur angedeutet werden können. Zum einen trug die Erfahrung der faschistischen Diktatur, des Kriegs und des Zusammenbruchs zu einer tiefen Diskreditierung bestimmter national62

staatlicher und idealistischer Orientierungen bei, die auch die Arbeit deutscher Historiker lange geprägt und ihnen die Einsicht in die Wirkungsmächtigkeit und Dynamik von sozialökonomischen Veränderungen und gesellschaftlichen Massenphänomenen erschwert hatten. Ein in der Bundesrepublik verzögerter und allmählicher, in der DDR durch Oktroi des Marxismus-Leninismus beschleunigter und dogmatisierter Wechsel des vorherrschenden Blickwinkels, aus dem heraus historische Wirklichkeit begriffen und dargestellt wird, war die Folge: Statt historische Synthesen oder Teilsynthesen weiterhin primär um staatlich-politische Institutionen und Prozesse, um Ideen oder gar große Personen zu zentrieren, wurde es nun leichter, Politik und Kultur »von der Gesellschaft her« zu sehen, soziale und ökonomische Strukturen und Prozesse als Basis oder doch als Voraussetzung von politischen und geistigen Veränderungen zu begreifen und entsprechende Forschungsschwerpunkte zu setzen. Die Reinterpretation zentraler Bestandteile der neueren deutschen politischen Geschichte (Erster Weltkrieg, Reichsgründung, Bismarcks Bedeutung, Innenpolitik des Wilhelminischen Reichs und Aufstieg des Nationalsozialismus vor allem) in Kategorien sozio-politischer Interessen und Konflikte auf sozio-ökonomischer Grundlage war ein wichtiges Ergebnis dieses Paradigma-Wechsels. Während viele der dazu beitragenden Arbeiten noch methodisch-theoretisch auf traditionellen Pfaden blieben5, stellte sich doch allmählich heraus, dass die nunmehr größere Aufmerksamkeit erhaltenden sozio-ökonomischen Strukturen und Prozesse, dass Massenphänomene überhaupt nur schwer ohne neue analytische Werkzeuge angegangen werden können. Es war und blieb möglich und üblich, wenn vielleicht auch nicht optimal, politische Entscheidungen, geistesgeschichtliche Phänomene und internationale Beziehungen ohne Zuhilfenahme von Politischer Wissenschaft oder Psychologie zu studieren. Aber es erwies sich als äußerst schwierig, ökonomisches Wachstum oder die Beziehungen zwischen sozialen Klassen ohne Theorien und Methoden zu studieren, wie sie von Ökonomen oder Soziologen entwickelt oder benutzt wurden. Ein zweiter Antrieb hinter dem Plädoyer für geschichtswissenschaftliche Verwendung sozialwissenschaftlicher Theorien hing mit dem Aufkommen einer minderheitlichen Strömung in der Geschichtswissenschaft der späten 60er und frühen 70er Jahre zusammen, die  – ohne klare Abgrenzung und in den meisten Hinsichten heterogen – für eine praktisch engagierte, aber keineswegs politisch instrumentalisierte Geschichtswissenschaft eintrat, deren kritische Potenz in Quellenkritik nicht aufgehen, sondern sich auch gegenüber der eigenen Tradition wie gegenüber gängigen Ideologien und schlecht legitimierbaren Verhältnissen der Gegenwart beweisen sollte. Von den Reformbewegungen der späten 60er und frühen 70er Jahre und deren weiter zurückliegenden intellektuellen Vorbereitungen nicht unbeeinflusst und meist an linksliberalen bis radikal­ demokratischen Perspektiven orientiert, plädierten diese Historiker für eine Geschichtswissenschaft, die ihre Pflicht zur politisch-gesellschaftlichen Päd­ agogik in emanzipatorischer Absicht und ihren »moralischen Beruf« zur praktisch relevanten Selbstaufklärung der gegenwärtigen Gesellschaft ernst nähme – 63

ernster als bisher. Während die amerikanischen »New Left«-Historiker zur gleichen Zeit sich eher durch größere Abwehrhaltung gegenüber den systematischen Sozialwissenschaften und durch stärkere Skepsis gegenüber allzu theoretischen Zugriffen vom Hauptstrom der amerikanischen Geschichtswissenschaft absetzten,6 verband die nach politischer Zielsetzung am ehesten vergleichbare deutsche Historikergruppe ihre Traditionskritik mit dem Plädoyer für explizite Theorieanwendung und für Annäherung an die systematischen Sozialwissenschaften. Traditionskritik hieß in der Bundesrepublik vor allem Historismuskritik und damit die Kritik an dem konservatismus-verdächtigen Postulat, historische Phänomene soweit wie möglich in den Kategorien ihrer Zeit und in der Sprache der Quellen nachzuvollziehen; hieß Misstrauen gegen die Verabsolutierung hermeneutischer Methoden in der Überzeugung, dass der historische Prozess nicht in dem aufgehe, »was die Menschen wechselseitig intendieren« (Habermas), dass also spezielle analytische Werkzeuge zumindest für die in diesem Sinne nicht-»verstehbaren« Dimensionen der Geschichte nötig seien; hieß Absetzung von typisierungs- und generalisierungsfeindlichen Zuspitzungen des Individualitätsprinzips; hieß Polemik gegen den Verzicht auf explizite Begriffe, weil solcher Verzicht nur allzu leicht den möglicherweise kritikbedürftigen, so aber gegen Kritik immunisierten »gesunden Menschenverstand« inthronisierte, d. h. aber auch: die gesellschaftlich gerade dominierenden Vorurteile, Selbstverständlichkeiten und Interessen zum ungeprüften Instrument historischer Erklärung machte. Es bestand also Bedarf nach Kategorien und Begriffssystemen mit Erklärungskraft und Bezug zur Gegenwart, die die Quellen aufschließen und gemäß den Erkenntniszielen strukturieren sollten, die aber nicht aus den Quellen allein abzuleiten waren. Gefordert wurde, die leitenden Erkenntnis­interessen und -gesichtspunkte, Auswahlkriterien, Kategorien und Verknüpfungshypothesen möglichst explizit und konsistent zur Diskussion zu stellen, um ihre Überprüfbarkeit zu sichern und sie mit konkurrierenden bzw. ergänzenden Gesichtspunkten, Kriterien und Kategorien vergleichen zu können. Gesucht wurden Theorien, und von den systematischen Sozialwissenschaften erwartete man Hilfestellung bei der Befriedigung dieses Bedarfs.7 In der DDR standen die umfassende Theorie des Historischen Materialismus und verwandte Theorien der marxistischen Sozialwissenschaften den Historikern im Prinzip zur Verfügung; sie erfüllten das Bedürfnis nach Theorien mit Erklärungskraft und Gegenwartsrelevanz in spezifischer und unausweichlicher Weise; sie schützten zweifellos vor den Gefahren eines begriffslosen Historismus und führten in der Tat zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Großteil der Vergangenheit. Gleichzeitig immunisierten sich diese politisch abgestützten marxistisch-leninistischen Kategorien jedoch gegenüber Kritik, die sich gegen sie selbst richtete, und sie erwiesen sich als rein affirmativ und unkritisch gegenüber der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der sie angewandt und vorgeschrieben wurden.8 Auf weitere Gründe für das programmatische Interesse deutscher Historiker an sozialwissenschaftlichen Theorien und Metho64

den soll hier nicht eingegangen werden.9 Noch soll es darum gehen, die theoretisch-programmatische Debatte zu rekonstruieren, in der die Beschwörung jenes Interesses allmählich zum Gemeinplatz wird. Vielmehr soll gefragt werden, bis zu welchem Grad und wie sozialwissenschaftliche Theorien tatsächlich in der deutschen10 sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Forschung11 der letzten Jahre – beschränkt auf die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts – verwandt worden sind. Daran sollen einige Möglichkeiten, Schwächen und Eigenarten theorie-orientierter Historie gezeigt und einige Vorschläge zum weiteren Vorgehen geknüpft werden.

II Die meisten geschichtswissenschaftlichen Arbeiten beschäftigen sich mit deutlich begrenzten Teilproblemen und setzen diese nur sehr locker in Bezug zu gesamtgesellschaftlichen Wandlungen der jeweiligen Zeitperiode.12 Wenn man fragt, welche Rolle spezielle Theorien bei der Untersuchung solch begrenzter historischer Teilprobleme gespielt haben, dann empfiehlt es sich, zwischen drei Typen von Zugriffen zu unterscheiden, die verschiedene Verfahren der Theorieanwendung repräsentieren und entsprechend zu drei verschiedenen Typen von theoretisch informierten Studien geführt haben, wenn sie auch in einzelnen Arbeiten nebeneinander oder miteinander verknüpft auftreten. 1. Eine große und in den letzten Jahren wohl stark angewachsene Zahl von historischen Studien bedient sich einzelner Begriffe, Kategorien und Modelle aus den systematischen Nachbarwissenschaften und inkorporiert sie in einen historischen Argumentationszusammenhang. Begriffe wie »Klasse« oder »Status«, Kategorien der Interessengruppen-Analyse oder auch der Volkseinkommensrechnung werden auf diese Weise zu Teilen eines breiteren, argumentativen, beschreibenden und erklärenden Kontextes, der seinerseits nicht oder kaum durch explizite Theoriebildung geleitet ist. In dieser Art von sehr unterschiedlichen, meist unprätentiösen Studien dürfte in den letzten Jahren der deutlichste Fortschritt gemacht und der beste Nutzen aus dem gezogen worden sein, was die systematischen Sozialwissenschaften anzubieten haben.13 2. Eine davon zu unterscheidende Art von Theorieanwendung findet sich in jenem Typ von Studien, der auf englisch als »social-scientific history« bezeichnet wird und vielleicht auf deutsch als exakte historisch-empirische Sozialforschung umschrieben werden kann.14 Studien dieser Art tendieren dazu, historische Quelleninformationen, systematisch aufbereitet, mit möglichst expliziten Hypothesen zu konfrontieren, die ihrerseits häufig aus speziellen sozialwissenschaftlichen Theorien abgeleitet wurden. Sie streben nach begrenzten Generalisierungen durch Vergleich ähnlicher Fälle oder versuchen, solche Generalisierungen zur Erklärung bestimmter historischer Phänomene als Fälle allgemeiner Regeln heranzuziehen. Sie sind oft durch hohe Präzision, durch quantitative 65

Methoden und durch technische Sprache gekennzeichnet und folgen, soweit wie möglich, den Regeln der analytischen Einheitswissenschaftslehre.15 Verglichen mit westeuropäischen Entwicklungen sind die Geschichtswissenschaften der Bundesrepublik und der DDR auf diesem Gebiet noch rückständig. Nur wenige deutsche Wirtschaftshistoriker haben bisher systematisch und explizit nationalökonomische Theorie auf historische Gegenstände angewandt, »New Economic History« hat sich hierzulande so gut wie gar nicht durchgesetzt, ein marxistisches Pendant fehlt in der DDR erst recht.16 Bis auf wenige Ausnahmen ist die historische Demographie – also ein Feld, auf dem die letzten Jahre in Frankreich und England die spannendsten Fortschritte gebracht haben – ein in Deutschland unbeackertes Feld.17 Es gab einige Versuche, so­ziale Eliten und soziale Mobilität systematisch zu studieren,18 und einige andere Beispiele könnten genannt werden,19 doch im ganzen ist es leichter, im Vergleich zur westeuropäischen und amerikanischen Geschichtsschreibung die großen weißen Flecken auf der Landkarte der theoretisch informierten, exakten historisch-empirischen Sozialforschung zu umschreiben als die ausgemessenen Flächen dazwischen. Diese empfindliche Rückständigkeit der deutschen Geschichtswissenschaften resultiert aus mehreren Gründen. Zum einen wirkt hier die mittlerweile programmatisch zurückgedrängte traditionelle Theorieskepsis der deutschen Geschichtsforschung besonders deutlich nach; die Bestellung des Bodens, auf dem solche Arbeiten entstehen können, braucht längere Zeit, da die Erwerbung der nötigen Theorie- und Methodenkenntnisse (einschließlich Statistik) i. d. R. spezielle Unterrichtsprogramme und damit institutionelle Vorkehrungen voraussetzt, die nur langsam durch Wandel der Universitätsausbildung zu erreichen sind. Hier hinkt die Realität hinter der Programmatik besonders weit her. Zum andern sind bestimmte Traditionen des deutschen historischen Denkens, die solchen »neopositivistischen« Studien entgegenstehen, auch von jenen Historikern akzeptiert und sogar neu betont worden, die sich in der Bundesrepublik in den letzten Jahren für theoretische Geschichte einsetzten und eine Geschichtswissenschaft »jenseits des Historismus« anvisierten. Die Notwendigkeit hermeneutischer Methoden blieb unbestritten, und das Plädoyer, gesamtgeschichtliche Zusammenhänge nicht außer Acht zu lassen, war gerade bei den »Revisionisten« verschiedenster Prägung häufig. Für die Theorieorientierung der Geschichtswissenschaft und für ihre Weiterentwicklung in Richtung einer »historischen Sozialwissenschaft« wurde in den späten 60er und frühen 70er Jahren kaum mit den Argumenten der Popper und Albert gestritten, sondern meist mit Argumenten, die der Positivismus-Kritik der Frankfurter Schule nahe standen. Dies verbesserte nicht gerade die Chancen der exakten historisch-empirischen Sozialforschung, die ja häufig ihre Gegenstände scharf isoliert, als »Fälle« untersucht und sie in manch anderer Hinsicht ähnlich behandelt wie die Natur- oder Verhaltenswissenschaften die ihren.20 Und wenn die allgemein-reformerischen Impulse der 60er und frühen 70er Jahre, wie oben argumentiert, die Wendung der Geschichtswissen66

schaft zur Theorie beschleunigten, so behinderten sie doch wahrscheinlich eher die Konzentration der Engagierten auf die exakt-empirische Erforschung von historischen Teilproblemen, deren praktische Gegenwartsrelevanz häufig nur sehr vermittelt und indirekt ist; entsprechende Arbeiten erfordern in­sofern viel Askese. Die »linken« reformerischen Anstöße jener Jahre passten insofern gut in die traditionelle Positivismus-Kritik des deutschen historischen Denkens.21 Hier soll nun keineswegs bestritten werden, dass jenes Bestehen auf Analyse und Verstehen, jenes Festhalten an der Aufgabe der Geschichtswissenschaft, den historischen Kontext nicht allzu sehr zu fragmentieren, jenes Misstrauen gegen die Reduzierung von historischen Phänomenen auf Fälle sozialwissenschaftlicher Allgemeinaussagen, jene Positivismus-Kritik der Historiker ihre Berechtigung besitzen und notwendig sind.22 Das Problem ist nur: soweit man sehen und voraussehen kann, besteht in Deutschland kaum die Gefahr, dass die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in szientifischer Rigidität und positivistischer Selbstbegrenzung erstarrt; andererseits ist der mögliche Nutzen der exakten historisch-empirischen Sozialforschung auf dafür zugänglichen Teilgebieten hierzulande noch nicht hinreichend ausprobiert worden. Die notwendige Kritik an den Grenzen und Mängeln szientifisch verfahrender historischer Nationalökonomen und entsprechender historischer Sozialforschung sollte nicht die ohnehin große Anstrengung erfordernden Versuche erschweren, mit solchen Ansätzen zu präzisen und weiterführenden Teilergebnissen zu kommen, die ja dann in größere, weniger szientifische Argumentationszusammenhänge eingebaut werden können. 3. Ein dritter Weg zur Benutzung von systematisch-sozialwissenschaftlichen Ansätzen in der historischen Forschung, zur Verbindung von Theorie und Historie wird durch die vor allem von Max Weber entwickelte und beschriebene idealtypische Methode gewiesen; sie wurde in einigen Studien der letzten Jahre ausprobiert.23 Idealtypisch verfahrende Historiker konstruieren zunächst ein Modell. Diese Konstruktion setzt zum einen bereits ein möglichst umfassendes und bei der Formulierung des Modells zu berücksichtigendes Vorverständnis von der zu untersuchenden Wirklichkeit voraus.24 Zum andern orientiert sich diese Modell-Konstruktion an den leitenden Gesichtspunkten und Erkenntniszielen des Forschers, die  – hierin wird man über Webers eigene Aussagen hinausgehen müssen – vom Wissenschaftler soweit wie möglich nach Genesis und Folgen zu reflektieren, zu begründen und rational zu legitimieren, allerdings nie stringent abzuleiten oder zu »beweisen« sind. Schließlich kann sich der Historiker bei diesem Konstruktionsakt hilfsweise systematisch-sozialwissenschaftlicher Theorien bedienen, wird sie aber i. d. R. auf seinen konkreten Gegenstand und sein spezifisches Erkenntnisziel hin modifizieren. Das so formulierte Modell kann, aber muss nicht ein dynamisches sein, d. h. einen Wandlungsprozess abbilden; es wird eine begrenzte Vielzahl von Wirklichkeitselementen identifizieren und die Beziehungen zwischen ihnen (Ursache, Wirkung, Entsprechung etc.) hypothetisch angeben. 67

Im weiteren Forschungsverlauf geht es dann vor allem darum, den Abstand zwischen Modell und Realität zu bestimmen und zu erklären; der besonders am Wandel interessierte Historiker wird sich vor allem dafür interessieren, ob der Abstand zwischen Wirklichkeit und Modell im Untersuchungszeitraum aboder zunimmt, das Modell die Wirklichkeit also im zunehmenden oder abnehmenden Maße trifft – und warum. Die Erklärung der Nicht-Übereinstimmung von Wirklichkeit und Modell25 und die Erklärung der Veränderung dieses Abstands werden i. d. R. nicht hinreichend mit Begriffen des Modells selbst zu leisten sein, sondern von Fall zu Fall die Einführung weiterer Erklärungsmuster und Hypothesen – ggf. wiederum unter Benutzung (anderer) sozialwissenschaftlicher Theorien  – erforderlich machen. Dies bezeichnet zweifellos eine Grenze der Erklärungs- und Strukturierungskraft des jeweils verwandten Modells und bringt ein eklektizistisches Moment in das Verfahren hinein; doch wird gerade dadurch dessen Flexibilität und Angemessenheit für historisches Arbeiten ermöglicht.26 Resultat ist ein komplexer Argumentationszusammenhang, der vom anfangs aufgestellten Modell wie von einem inneren Gerippe getragen wird, aber nicht in diesem aufgeht. Von diesem Ergebnis her kann versucht werden, das ursprüngliche Modell so zu erweitern und zu modifizieren, dass sich sein Abstand zur Wirklichkeit verringert, um die Ergebnisse dieses Forschungsschritts für spätere nutzbar zu machen. Idealtypische Theorieanwendung fußt auf der erkenntnistheoretischen Prämisse, dass es sich bei historisch-sozialwissenschaftlicher Erkenntnis weder um Widerspiegelung der Wirklichkeit noch um Substanzerkenntnis im marxistischen Sinn handelt, sondern um Partialerkenntnis, die allerdings umfassender oder weniger umfassend, dem Gegenstand mehr oder weniger angemessen sein und den jeweiligen Erkenntniszielen besser oder schlechter entsprechen kann, also kritisierbar und verbesserungsfähig ist. Das idealtypische Verfahren geht davon aus, dass die zu erkennende Wirklichkeit (oder der Quellenbestand) die Kategorien, Modelle und Theorien, die ihre Erschließung ermöglichen sollen, nicht eindeutig vorschreibt, sondern dem Forscher einen allerdings begrenzten Spielraum lässt, innerhalb dessen er nach Maßgabe seiner Erkenntnisziele und unter Berücksichtigung des Kontextes der vorausgegangenen wissenschaftlichen Diskussion mögliche Modelle abwägt, um dann das angemessenste auszuwählen, zu begründen und zu realisieren. Die zu berücksichtigenden Angemessenheitskriterien für Begriffswahl und Modellkonstruktion ergeben sich daraus: Einmal ist es die zu untersuchende Sache selbst, die vom Modell eben auch mehr oder weniger verfehlt werden kann, nämlich dann, wenn dieses sich auf gedankliche Momente beschränkt, die in der zu untersuchenden Realität keine oder nur eine periphere Entsprechung (was nicht notwendig Übereinstimmung heißen muss) besitzen.27 Zum andern sind es die argumentativ auszuweisenden leitenden Erkenntnisgesichtspunkte und -ziele, die letztlich auf historisch sich wandelnde, wissenschaftlich und außerwissenschaftlich bedingte Erkenntnis- und Verständigungsinteressen bezogen sind und damit auf eine Ebene, auf der analytische, normative und lebenspraktische Dimensionen ineinander übergehen. Zum dritten findet sich ein 68

Angemessenheitskriterium in dem nomologischen Wissen, das die Erfahrung, sowie in dem theoretischen und methodischen Wissen, das die Wissenschaft zur Lösung des jeweiligen Problems bereitstellt. Vor diesen drei Instanzen28: der zu untersuchenden Sache, den Erkenntniszielen und -interessen sowie den bisherigen Resultaten der Wissenschaft hat sich das gewählte Modell in einer hier nicht weiterzuverfolgenden Weise zu legitimieren. Die idealtypische Methode der geschichtswissenschaftlichen Theorienanwendung scheint gleichweit entfernt von der Theorieskepsis traditioneller Historie und den strikten Regeln der »social-scientific history«, deren Präzision sie denn auch nicht erreicht. Sie ermöglicht analytisches Vorgehen ohne Verzicht auf hermeneutische Verfahren. Sie gestattet, aus sozialwissenschaftlichen Theorien und Theoremen Nutzen zu ziehen, ohne die Quellen diesen im Sinne der analytischen Wissenschaftstheorie als Daten zu subsumieren oder umgekehrt die Bestandteile von Theorien zu einzelnen Versatzstücken eines ansonsten narra­tiven Zusammenhangs oder zur bloßen »Anregung« zu degradieren. Sie reizt zur expliziten Konstruktion von Hypothesen und Modellen, ohne dafür mit unhistorischer Isolation des jeweiligen Teilgegenstands und mit Fragmentierung des historischen Zusammenhangs zu bezahlen. Sie steuert überdies einen mittleren Weg zwischen theoretischem Dezisionismus und Dogma­ tismus, indem sie die Gesichtspunkt- und Erkenntnisinteressenabhängigkeit his­torischer Forschung und damit den Pluralismus von Modellen und theoretischen Zugriffen ebenso anerkennt wie – durch Insistieren auf Sachangemessenheit und rationaler Begründung der theoretisch-methodischen Entscheidung – begrenzt.29

III Idealtypisch verfahren kann man auch auf einer zweiten hier zu diskutierenden Ebene geschichtswissenschaftlicher Theorieanwendung: bei der sozialgeschichtlichen Analyse ganzer Gesellschaften unter dem Gesichtspunkt ihres Wandels in der Zeit. Solche Untersuchungen, für die vielleicht das Wort »gesellschaftsgeschichtlich« reserviert werden sollte, werden schon aus arbeitsökonomischen Gründen ebenfalls Arbeitsschwerpunkte bilden und perspektivisch auswählen müssen, doch sind sie dadurch gekennzeichnet, dass sie im Prinzip die verschiedensten Wirklichkeitsbereiche einbeziehen – von den materiellen Bedingungen, den Bevölkerungsverhältnissen, vom wirtschaftlichen Wachstum und Wandel über die sozialen Klassen, Gruppen und Schichten, Allianzen, Proteste und Konflikte, Sozialisationsprozesse, Verhaltensmuster und kollektiven Menta­ litäten, bis hin zu den politischen Institutionen und Willens­bildungsprozessen, sowie den Veränderungen im Bereich der Kunst, Religion und Wissenschaft.30 Solche Untersuchungen benötigen einen umfassenden theoretischen Bezugsrahmen besonders dringend, um der Gefahr zu entgehen, in der Fülle der 69

Fakten zu ertrinken oder aber willkürlich und unkontrolliert Einzelaspekte auszuwählen bzw. zu addieren. In der historischen Analyse ganzer Gesellschaften oder ähnlich komplexer Systeme (wie z. B. Städte)  sollte der benutzte theoretische Bezugsrahmen folgende fünf Aufgaben erfüllen: Erstens sollte er Kriterien zur Auswahl des Untersuchenswerten, zur Selektion der »wesentlichen« Quelleninformationen und damit zur Abgrenzung des Gegenstands bereitstellen und im Lichte von dis­ kutierbaren Erkenntniszielen begründen. Diese pflegen auf weite Strecken ra­ tionalisierbar zu sein, ragen aber doch, wenn man sie nur lange genug unter Legitimationszwang stellt, in normativ, praktisch oder lebensweltlich vermittelte Dimensionen hinein, in denen Aussagen über die Vergangenheit mit Einschätzungen der Gegenwart und Stellungnahmen zur wünschenswerten Zukunft verschmelzen. Zweitens sollte ein solcher theoretischer Rahmen überprüfbare Hypothesen zur Verknüpfung der untersuchten Wirklichkeitsbereiche bereitstellen, und zwar zur Verknüpfung in struktureller wie in dynamischer Hinsicht. Kausale und funktionale Beziehungen zwischen Handlungsbereichen und Teilsystemen, manchmal vielleicht auch nur Entsprechungen und Nicht-Entsprechungen, vor allem aber Determinanten des Wandels, treibende Kräfte sollten so in überprüfbarer Weise identifiziert werden, damit die »Vermittlungen« zwischen Ökonomie, Sozialstruktur, Politik, Kultur und anderen begrifflich separierbaren Teilsystemen (oder Dimensionen) geleistet, die in Handbüchern traditionell häufige, bloß additive Aneinanderreihung von relativ unverbundenen Sachkapiteln vermieden und das Hauptgeschäft des Historikers, die Erklärung des gesellschaftlichen Wandels in der Zeit, in Angriff genommen werden kann. Drittens sollte ein solcher Bezugsrahmen Hinweise zur angemessenen Periodisierung geben, die sowohl der zu untersuchenden Sache wie den verfolgten Erkenntniszielen entspricht. Dabei könnte zwischen den verschiedenen und sich zudem wandelnden Veränderungsgeschwindigkeiten verschiedener Wirklichkeitsbereiche unterschieden, ihre Beziehung zueinander thematisiert und – mit Hilfe von Hypothesen über zu erwartende bzw. »normale« Entsprechungen zwischen verschiedenen Veränderungsprozessen  – die Aufmerksamkeit auf Probleme zeitlicher Nicht-Entsprechung, auf Fragen der »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« gelenkt werden.31 Wenn eine Theorie diese drei Funktionen erfüllt, dann kann sie im Prinzip auch viertens die begrifflichen Instrumente für synchronische und diachronische Vergleiche zwischen Gesellschaften bereitstellen;32 erlaubt sie dann doch mit Hilfe bestimmter Schlüsselbegriffe Identisches bzw. Ähnlichkeiten – wie z. B. gleiche Funktionsanforderungen in industrialisierenden Gesellschaften – zu identifizieren, auf deren Basis erst Unterschiede – z. B. funktional äquivalente, aber ansonsten verschiedene Institutionen, oder aber verschiedene Startbedingungen ansonsten ähnlicher Industrialisierungsprozesse – sichtbar gemacht werden können. Fünftens muss von solchen umfassenden Theorien gefordert werden, dass sie sich mit zusätzlichen, auf gesellschaftliche Teilprobleme gerichteten, spezielleren Theorien und Erklärungsmustern vereinbaren lassen, zu deren Anwendung hinführen oder diese 70

doch wenigstens nicht erschweren. Denn nur so wird Erkenntnisfortschritt im Detail ermöglicht und die Gefahr vorschneller Zufriedenheit mit den großen Entwicklungslinien verhindert. Mindestens33 drei unterschiedliche theoretische Zugriffe, die die genannten Aufgaben wenigstens teilweise erfüllen, sind in den letzten Jahren in der deutschen Geschichtsschreibung benutzt worden. Der in der DDR institutionell abgesicherte und verbindliche Historische Materialis­mus marxistisch-leninistischer Prägung kann im Prinzip jene Funktionen erfüllen, die für die historische Analyse ganzer Gesellschaften gefordert sind. Er bietet Kriterien zur Selektion unter relevanten Gesichtspunkten – und blendet damit anderes aus, was unter anderen Erkenntniszielen mindestens ebenso interessant wäre. Er stellt ein Instrumentarium bereit, das sowohl die Verknüpfung wie auch die relative Autonomie einzelner Wirklichkeitsbereiche mit der Maßgabe einer gewissen Dominanz der sozialökonomischen Dimension begrifflich fassen und Faktoren des Wandels identifizieren lässt – wenn auch häufig nicht in hinreichend operationalisierbarer und damit überprüfbarer Form. Er bietet Kriterien zur Periodisierung und Grundlagen zum Vergleich. Er hat – z. B. bei der Erforschung des Ersten Weltkriegs – die Aufmerksamkeit der ihm verpflichteten Historiker auf wichtige sozialgeschichtliche Bereiche gelenkt, die durch die in der Bundesrepublik dominierenden Raster hindurchfielen. Wenn er flexibel genug angewendet wird, erlaubt er – wie vor allem polnische Historiker demonstriert haben – seine Anreicherung durch speziellere Theorieansätze, z. B. Theorien wirtschaftlichen Wachstums oder demographischen Wandels. Wie sich insbesondere an der ostdeutschen Industrialisierungsforschung der 60er Jahre oder an neueren Versuchen zur sozialhistorischen Erforschung sozialer Gruppen zeigen lässt, bietet der historisch-materialistische Rahmen einen wenn auch begrenzten Spielraum zur Kritik und Revision von wissenschaftlichen Teilergebnissen und zur Ausnutzung neuer empirischer ­Methoden.34 Allerdings liegt hier auch eine der empfindlichsten Nachteile, den der marxistisch-leninistische Ansatz wie andere etablierte und umfassende Theorien dieser Art für den Fortschritt der empirischen Erkenntnis besitzen kann. Wenn eine solche Theorie allzu akzeptiert und etabliert ist, dann bremst – statt fördert – sie das Interesse an neuen Fragen, die Neugier an Detailproblemen, das experimentelle Ausprobieren unkonventioneller Strategien und Methoden, denn im Lichte solch einer wohldurchgesetzten Theorie scheinen die meisten Fragen einigermaßen gelöst. Um Fragwürdigkeiten erneut in den Vordergrund treten zu lassen, bedarf es nicht zuletzt der kritischen Infragestellung etablierter Interpretationsmuster, entweder durch Konfrontation mit neuem empirischen Material oder durch innere Widersprüche oder durch die legitime Konkurrenz anderer Theorien. Gerade diese ist angesichts einer politisch institutionalisierten Theorie wie dem Historischen Materialismus in der DDR nur bedingt möglich und riskant, besonders wenn es sich um politik-nahe Erkenntnisbereiche handelt. Wie man an der langen und geradezu programmatischen Nichtachtung für 71

die empirische Sozialforschung in einigen sozialistischen Ländern oder auch an den Ergebnissen der ostdeutschen Vormärz-Analyse zeigen kann, hat sich Theorie hier erkenntnishemmend ausgewirkt.35 Um diese Gefahr zu verringern, muss, so scheint es, die auch radikale Infragestellung von Theorien ermöglicht und die Konkurrenz zwischen verschiedenen theoretischen Ansätzen gefördert werden.36 Ein zweites Problem von Theorieanwendung in der historischen Forschung lässt sich ebenfalls am Historischen Materialismus diskutieren, obwohl es weder auf diesen beschränkt ist noch anderswo eindeutig gelöst zu sein scheint. Ein Begriffssystem, das zunächst und vor allem als Instrument zur Analyse der bürgerlichen Gesellschaft auf industriekapitalistischer Grundlage und damit aus dem gesellschaftlichen Kontext des mittleren 19. Jahrhunderts entstand, wurde teilweise bereits bei Marx und Engels, endgültig dann bei Lenin und marxistisch-leninistischen Historikern der Gegenwart im Begriff der ökono­ mischen bzw. sozialökonomischen Gesellschaftsformation systematisiert und als Instrumentarium zur Untersuchung aller Weltgeschichte verstanden und benutzt.37 Man braucht gar nicht neo-historistische Positionen zu vertreten und etwa zu fordern, dass die verwendeten Theorien soweit wie möglich der Zeit, deren Untersuchung sie dienen, selbst entnommen sein sollen,38 um doch zu fragen, wieweit Begriffe und Begriffssysteme, die möglicherweise zentrale Strukturen und Prozesse einer industrialisierenden Gesellschaft treffen, dann, wenn man sie auf vorindustrielle und in vielen Hinsichten deutlich andersartige Gesellschaften anwendet, zwar nicht »falsch« und nutzlos werden, aber doch nur noch einen viel begrenzteren, vielleicht nur peripheren Teil jener andersartigen Wirklichkeit aufschließen können. Konkret gefragt: Ist nicht eine Theorie, die als Produkt eines industriekapitalistischen Jahrhunderts sozial-ökonomische Triebkräfte, Schichtungskriterien und Konfliktursachen zentral setzt und betont, notwendig in der Gefahr, zentrale Triebkräfte, Schichtungskriterien und Konfliktursachen zu verfehlen, wenn sie aufs 16. Jahrhundert und damit zur Erklärung von Konflikten angewandt wird, die großteils religiös bedingt waren und nicht in sozialökonomischen Konfliktlinien aufgingen?39 Nähme die Erklärungskraft einer solchen Theorie nicht radikal ab, wenn sie ohne tiefgreifende Modifikationen zur Erschließung wenig entwickelter Gesellschaften benutzt würde, in denen sich – zum Beispiel – kaum ökonomische Unterschiede, wohl aber große Unterschiede in der politischen Machtverteilung finden?40 Hier soll nicht behauptet werden, dass die Anwendung von Theorien auf zu untersuchende Wirklichkeiten, die sich von der geschichtlichen Entstehungssituation jener Theorien stark unterscheiden, illegitim sei oder nutzlos sein müsse. Z. B. wenn es um die Überprüfung des Geltungsanspruchs bestimmter Theorien oder um weitgespannte historische Vergleiche geht, wird dies unumgänglich sein. Doch steht zu vermuten, dass im großen und ganzen die Aufschließungs- und Erklärungskraft von Theorien in dem Maße abnimmt und die Ergänzung durch zusätzliche Erklärungsmuster braucht, in dem der qualitative 72

Unterschied zwischen Entstehungssituation und sozialem Substrat der Theorie einerseits und der zu untersuchenden Wirklichkeit andererseits wächst. Diese Korrelation dürfte im Fall konkreter, wirklichkeitshaltiger Theorien eher gegeben sein als bei höchst abstrakten, doch bezahlen diese für ihre größere Übertragbarkeit durch geringere Griffigkeit von Anfang an.41 Ein zweiter umfassender Theorieansatz, der in den letzten Jahren zur Analyse deutscher Geschichte benutzt wurde, entzieht sich dieser Transfer-Pro­blematik, indem er nur Geltung für einen kleineren historischen Abschnitt seit der Industrialisierung beansprucht. Zugleich bietet er für den von ihm bestrichenen Zeitraum ein sehr viel feineres und zugleich weniger leicht politisch instrumentalisierbares Begriffsraster an als der Historische Materialismus. Auf der Basis der Arbeiten älterer Ökonomen (Spiethoff, Kondratieff, Schumpeter) hat Hans Rosenbergs Studie »Große Depression und Bismarckzeit« einen begriff­lichen Rahmen vorgeschlagen, der im Grundsatz jene Funktionen erfüllen kann, die oben skizziert wurden.42 Der Ansatz, der mittlerweile von anderen Autoren aufgegriffen, weiter entwickelt und in verschiedenen Zusammenhängen benutzt wurde,43 ist mit einem flexibel angewandten historisch-materialistischen Ansatz nicht unvereinbar. Er versucht, Veränderungen im sozialen, politischen und kulturellen Bereich mit den »langen Wellen« der wirtschaftlichen Konjunktur derart in Beziehung zu setzen, dass diese sowohl als heuristisches Mittel zur Gliederung der Darstellung benutzt wie auch auf ihre Kausalbedeutung für nicht-ökonomische Ver­ änderungen (der Interessenorganisationen, politischen Institutionen, Außenund Innenpolitik, teilweise auch für Veränderungen der Klassenverhältnisse und der kollektiven Mentalitäten) untersucht werden. Mit Hilfe des Begriffs des »Organisierten Kapitalismus« wurde versucht, diesen Ansatz, der schwergewichtig am Zeitraum 1873 bis Mitte der 90er Jahre erprobt worden war, auf die vorwiegend durch Aufschwungsjahre gekennzeichnete Trendperiode von der Mitte der 90er Jahre bis zum Ersten Weltkrieg und zeitlich darüber hinaus auszudehnen.44 Eine Reihe von Problemen sind dabei noch zu lösen: Selbst wenn die Existenz der »langen Wellen« akzeptiert wird – wozu nicht alle Wirtschaftswissenschaftler bereit sind45 –, bleibt die Frage nach ihren Ursachen offenbar noch dunkel; die meisten Historiker ziehen es vor, ihren Verlauf und ihre Folgen zu erforschen. Überdies stellt es sich in der empirischen Forschung als äußerst schwierig heraus, die konkreten Vermittlungen und Wirkungszusammenhänge zwischen bestimmten ökonomischen Wandlungen und bestimmten sozialen Prozessen oder gar politischen Entscheidungen zu identifizieren und nachzuweisen; vielleicht stellt sich bei der Suche nach diesen Vermittlungsmechanismen heraus, dass kürzere Konjunkturumschwünge, die Juglars und Kitchins, wirksamer das Bewusstsein und die Handlungen der Zeitgenossen und insofern die sozialen und politischen Wandlungen beeinflussten als die »langen Wellen« von 20 bis 30  Jahren; dann sollten sie in diesem Begriffsapparat aber einen zentraleren Platz haben als zur Zeit. Schließlich ist darauf zu verweisen, dass das Konzept 73

des »Organisierten Kapitalismus« noch nicht jene Trennschärfe erreicht hat, die nötig wäre, um die Unterschiede der Entwicklung bis 1914/18, der Entwicklung in der Zwischenkriegszeit und dann in der unmittelbaren Vergangenheit seit dem Zweiten Weltkrieg zu beschreiben und zu erklären; und dass es häufig noch mehr ein heuristischer Rahmen und eine Auflistung wichtiger Variablen darstellt als schon eine durchgeformte gesamtgesellschaftlich-historische Theorie, wenn man von dieser erwartet, dass sie klare Aussagen über Ursachen- und Wirkungsverhältnisse in überprüfbarer Form enthält. Je klarer diese Probleme gelöst werden, desto besser kann der Ansatz die plausible Verknüpfung ansonsten leicht disparat erscheinender Wirklichkeitsbereiche leisten, die Basis für komparative Studien entwickelter Industriegesellschaften abgeben, die Aufmerksamkeit auf bisher eher vernachlässigte Fragen lenken und die jüngere Vergangenheit in einer für die Theorie der Gegenwart relevanten Weise thematisieren. Ein dritter gesellschaftsgeschichtlich realisierbarer Theorieansatz konzentriert sich um den Begriff der »Modernisierung«.46 Explizit und implizit wurde er – in der Tradition von Marx, Max Weber und Vehlen  – zur Untersuchung des Deutschen Kaiserreichs verwandt. Die These von der Diskrepanz zwischen dessen ökonomischer Modernität und partieller sozio-politischer Rückständigkeit ist mittlerweile weitgehend akzeptiert; ihre Fruchtbarkeit als Fluchtpunkt für Einzeluntersuchungen dürfte noch längst nicht erschöpft sein.47 Zum anderen dienen Modernisierungs-Theoreme zur Erforschung des Nationalsozialismus, der so als mitbedingt durch bestimmte Modernisierungsrückstände oder fortwirkende vormoderne Traditionen in einer ansonsten hoch entwickelten Gesellschaft interpretiert werden kann. Der Umriss einer sozialhistorischen Analyse des Nationalsozialismus als einer Form des Faschismus ist damit vorhanden, eine Deutung, die sich gleich deutlich absetzt von der traditionellen, mittlerweile übermäßig stark bestrittenen Interpretation des Dritten Reichs in Kategorien des Totalitarismus wie von der orthodoxmarxistischen Deutung des Faschismus als der unter bestimmten Krisenbedingungen auftretenden Konsequenz des kapitalistischen Wirtschafts- und bürgerlichen Gesellschaftssystems per se.48Anknüpfend an die Hypothesen von Gerschenkron und Moore49 könnte dieser Ansatz vielleicht die Basis für eine Synthese deutscher Geschichte vom Absolutismus bis zur Gegenwart in international vergleichender Perspektive abgeben. Solange die Frage nach den Ursachen und Folgen der nationalsozialistischen Diktatur im Zentrum des Historiker-Interesses bleibt und gleichzeitig das Bedürfnis nach konsequent sozialgeschichtlichen Interpretationen aufrechterhalten wird, hat solch ein Ansatz den Vorteil, dass er ein zentrales Problem sozialgeschichtlich zu thematisieren und wenigstens halbwegs zu lösen gestattet, das bisher vor allem geistesgeschichtlich oder verfassungs- bzw. parteigeschichtlich angegangen worden ist: nämlich die Frage nach bzw. die These von dem deutschen Sonderweg, die in Kategorien sozialer Strukturen und Prozesse, Klassenverhältnisse und Mobilitätsmuster, Verhaltensmuster und kollektiver Mentalitäten in diesem Rahmen thematisiert und geprüft werden kann, und zwar notwendig in vergleichender Perspektive. 74

Die Nachteile des Modernisierungs-Theorems sind andererseits nicht zu übersehen. Ein Hauptproblem liegt darin, dass es sehr viel leichter ist, über Kriterien von Modernität in der ökonomischen Sphäre Einigkeit zu erzielen als mit Bezug auf sozialen und politischen Wandel. Meist unbewusst haben sich viele Historiker und Sozialwissenschaftler an dem anglo-amerikanischen Muster einer relativ liberal-demokratischen Gesellschaftsform mit repräsentativem Regierungssystem orientiert und dieses als Maßstab von Modernität benutzt, wenn sie Spezifika der Entwicklung in Deutschland als vor-modern inter­ pretierten. Selbst wenn man mit den implizierten politisch-normativen Urteilen sympathisiert, wird man der in solchem Vorgehen eingeschlossenen methodologischen Unsauberkeit kritisch gegenüberstehen. Anders formuliert: Wenn Historiker von den »Verwerfungen« der Wilhelminischen Gesellschaft ­sprechen, von der Diskrepanz zwischen ökonomischer Modernität und sozio-politischer Rückständigkeit, dann implizieren oder unterstellen sie, dass bestimmte soziale und politische Wandlungen liberal-demokratischer Art normalerweise die Industrialisierung begleiten (oder: eigentlich begleiten sollten?) und dass Deutschland insofern eine Abweichung vom zu erwartenden Normalen (oder: von der gewünschten Norm?) darstellte. Aber was ist die Basis dieser Unterstellung? Sicher­lich wird man die Synchronisation zwischen Industrialisierung und liberaler Demokratisierung empirisch weder als notwendig noch als wahrscheinlich erweisen können. Wenn so der normative Gehalt solcher Ansätze, der sich schamhaft hinter dem analytisch klingenden Begriff der »Modernisierung« versteckt, aufgedeckt wird, dann braucht man dennoch nicht unbedingt die Absage an solche Theorien überhaupt daraus abzuleiten; vielleicht folgt daraus nur die Notwendigkeit, jene Orientierung am relativ liberal-demokratischen (»westlichen«) Entwicklungsmodell als Vergleichsmaßstab explizit zu machen und durch vergleichende Abwägung seiner Kosten und Chancen, Opfer und Fortschritte sowie unter Verweis auf bestimmte normative Fluchtpunkte, über die man sich dann allerdings klar werden muss, zu begründen. Wenn dies für den jeweiligen Autor und seine Bezugsgruppe im einigermaßen rationalen Diskurs gelingt  – und dass es gelingt, erscheint weder selbstverständlich noch unmöglich  – dann könnte von dieser in normativ-praktische Dimensionen hineinragenden Basis her die Verwendbarkeit und Nützlichkeit vieler von Modernisierungs-Theoretikern entwickelter Begriffe, Kategorien und Modelle begründet werden.50 Jedenfalls in der Bundesrepublik hat bisher nur eine Minderheit von Historikern es für richtig gehalten, mit solch umfassenden gesellschaftsgeschichtlich realisierbaren Theorien zu experimentieren. Dies mag viele Gründe haben: Die vorherrschende Konzentration in der Forschung auf Teilprobleme, die solch umfassende Theorieansätze nicht unbedingt nötig zu haben scheinen; Misstrauen gegenüber diesen umfassenden Theorien, weil sie doch dazu verleiten könnten, die historische Individualität und Vielfalt zu vergewaltigen oder doch wenigstens dazu, »mit der Pinzette des Begriffs aus der Geschichte ein paar Fäden« zu zupfen51 und das Gewebe als Ganzes damit 75

zu verfehlen; vielleicht auch die möglicherweise sehr begründete Befürchtung, durch allzu theoretische Sprache und den damit verbundenen Verzicht aufs Erzählen neue Vermittlungsprobleme gegenüber dem Publikum zu schaffen, die die Nachfrage nach Geschichte weiter verringern könnten; vielleicht ist es auch Unzufriedenheit mit den zur Verfügung stehenden Theorien oder auch nur Unkenntnis und bequeme Orientierung am Hergebrachten. Angesichts der selten bestrittenen These von der »Theoriebedürftigkeit« der Geschichtswissenschaft wundert einen diese Enthaltsamkeit gleichwohl. Jeder der drei aufgeführten theoretischen Zugriffe besitzt im Prinzip ge­ nügend Flexibilität, um in der konkreten historischen Analyse jeweils durch Elemente des anderen und durch zusätzliche Erklärungsmuster angereichert zu werden.52 Im Prinzip kann jeder von ihnen idealtypisch verwandt werden.53 In allen drei Theorieansätzen nimmt die Industrialisierung als Prozess wirtschaftlichen Wachstums und strukturellen Wandels eine Schlüsselstellung ein. Alle drei sind schon deshalb zur Analyse der neueren und neuesten Geschichte – in Deutschland seit dem späten 18. Jahrhundert – besser geeignet als zur Analyse früherer Jahrhunderte, obwohl der Anspruch des ersten und z. T. auch des dritten Ansatzes darüber hinaus reicht. Der historisch-materialistische Ansatz und der Ansatz der »langen Wellen«, aber auch der Modernisierungs-Zugriff, soweit er bisher hierzulande für historische Arbeiten verwandt wurde, gleichen sich überdies in Bezug auf zwei Eigenarten und Schwächen: Zum einen ist für alle drei der politische Bereich weiterhin das Haupt-Explanandum, wenn auch heute politische Institutionen, Prozesse und Ergebnisse sehr viel mehr als früher in sozialgeschichtlichen und sozio-ökonomischen Kategorien erklärt werden. Zum andern bieten die drei Theorieansätze (auf jeden Fall aber der erste und der zweite) begriffliche Werkzeuge zur Analyse der ökonomischen und der politischen Sphäre sowie ihrer Interdependenz; aber keiner davon hat bisher den so stark vernachlässigten Forschungsbereich der sozialen Strukturen und Prozesse im engeren Sinn in nennenswertem Umfang geöffnet: Die historische Untersuchung von Wanderungsbewegungen, sozialer Mobilität, Familienstrukturen, Sozialisationsprozessen, Stratifikationsmustern, kollektiven Verhaltensweisen und Mentalitäten sind innerhalb dieser Ansätze zu kurz gekommen und in Deutschland – Bundesrepublik und DDR sind hierin wiederum trotz aller theoretischideologischen Unterschiede merkwürdig ähnlich – sehr viel weniger vorangekommen als in der französischen oder amerikanischen Sozialgeschichte.54 Fast scheint es so, als ob auch diese Versuche deutscher Historiker, theoretisch orientierte Gesellschaftsgeschichte zu schreiben und über viel diskutierte Grenzen der deutschen historiographischen Tradition hinauszukommen, dieser Tradition deutlicher verhaftet bleiben, als es ihrem Selbstverständnis entspricht. Diese Kontinuität in der deutschen Geschichtsschreibung, die trotz ideo­ logischer Wandlungen, politischer Brüche, intensiver Traditionskritik und Veränderungen der leitenden Erkenntnisgesichtspunkte beim Vergleich mit ausländischen Entwicklungen deutlich hervortritt, enthält durchaus spezifische Chancen. Eine Verkürzung der Sozialgeschichte auf das, was G. M. Trevelyan 76

als »history of  a people with the politics left out« definierte,55 droht hierzulande kaum. Die Missachtung der politischen Dimension und ihrer Einwirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft, auf die Lebenschancen von Gruppen und Individuen scheint glücklicherweise keine große Versuchung für deutsche Historiker zu sein. In Gesellschaften, in denen der Staat immer mehr und immer deut­licher in den ökonomischen und sozialen Bereich eingreift und eindringt, würde eine solche Missachtung des Staatlich-Politischen in der Tat die Geschichtswissenschaft hindern, Probleme zu identifizieren und zu diskutieren, die für das gegenwärtige Bewusstsein zentral sind; sie würde überdies sozialgeschichtliche und wirtschaftsgeschichtliche Gegenstände nur mangelhaft erfassen können, wenn sie deren von Fall zu Fall verschiedene und mit der Zeit variierende Prägung durch staatlich-politische Prozesse unterschlüge. Auf der anderen Seite bedeutet diese historiographische Tradition aber auch eine deutliche Belastung. Sie verführt zur Unterbelichtung breiter Bereiche der Sozialgeschichte, die immerhin von größter Bedeutung für die Lebenschancen und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten, für die Opfer und das Glück von Individuen und Gruppen waren; sie vernachlässigt Handlungsbereiche und Institutionen, in denen sich ein guter Teil des Lebens der vielen entschied. Gesellschaftsgeschichtliche Theoriesätze sollten m. E. mehr daraufhin befragt und ausgewählt werden, wie sehr sie erlauben bzw. darauf hindrängen, diese Dimensionen verstärkt in die Untersuchung einzubeziehen. Nicht einer unpolitischen Spielart der Sozialgeschichte im Sinne von Trevelyans Definition oder einiger Strömungen der älteren »Kulturgeschichte«56 wird hier das Wort geredet, sondern einer um relevante Dimensionen erweiterten Gesellschaftsgeschichte, die gleichwohl die politisch-staatliche Dimension nicht ignorieren darf.57

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5. Historische Sozialwissenschaft zu Anfang des 21. Jahrhunderts1

Die Geschichtswissenschaft kann die Beschleunigung des Wandels als Merkmal des modernen Zeitalters analysieren. Entgehen kann sie ihr nicht. In der heutigen Geschichtswissenschaft altern die Innovationen, Richtungen und Schul­ auseinandersetzungen schnell. Ein Jahrhundertdrittel ist da eine lange Zeit. Über diese Zeitspanne aber muss man nachdenken, wenn man über »Historische Sozialwissenschaft« sprechen will. Denn 1965 gab Hans-Ulrich Wehler in den Veröffentlichungen der Histo­ rischen Kommission zu Berlin die Schriften eines jung im Exil verstorbenen Außen­seiters heraus: Eckart Kehrs zwischen 1927 und 1932 geschriebene Aufsätze zur preußisch-deutschen Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert erschienen jetzt unter dem provozierenden Titel »Der Primat der Innenpolitik«. Hans Rosenberg, Hans Herzfeld und der junge Otto Büsch hatten die Ausgabe unterstützt. In Wehlers Einleitung zu diesem Band fanden sich, wenn ich recht sehe, zum ersten Mal die Grundzüge eines Programms, das später zum Programm der »Historischen Sozialwissenschaft« ausgearbeitet wurde: die Kritik an der herkömmlichen Geschichtswissenschaft als politikgeschichtlich verengter oder geistesgeschichtlich verdünnter Ideologie eines »staatsfrommen«, angepassten Bürgertums; die Kritik an der Verabsolutierung des hermeneutischen Verstehens; das Plädoyer für Sozialgeschichte in einem umfassenden Sinn, nämlich als historische Analyse des Zusammenhangs von Gesellschafts-, Wirtschafts- und Staatsverfassung; die Berufung auf Max Weber und Karl Marx; die Forderung nach »kritischer Theorie« und der Aufruf, Geschichtswissenschaft auch als historische Kritik der Gegenwart mit dem Interesse an einer besseren Zukunft zu betreiben. »Gerade die Geschichtswissenschaft muss der Gegenwart einen kritischen Spiegel vorhalten, wenn sie sich nicht unter dem durchsichtigen Schleier einer historistischen oder positivistischen Enthaltsamkeit der übermächtigen Gegenwart um so sicherer ausliefern will.«2 Für einige von uns, die wir damals studierten, war dies ein elektrisierendes Signal. Es gewann an Überzeugungskraft dazu, als zwei Jahre später, in der­ selben Reihe und mit ähnlicher Stoßrichtung, Hans Rosenbergs »Große Depression und Bismarckzeit« erschien, die auf Anregung Wehlers neu bearbeitete Langfassung eines kurzen Aufsatzes, den der Autor 1943 in der Emigration veröffentlicht hatte. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre erschien eine Reihe von Monographien und programmatischen Äußerungen, die diesen Ansatz weiterentwickelten  – an verschiedenen Stellen, mit unterschiedlichen 78

Akzenten, nur wenig vernetzt, doch in ähnlicher Stimmungslage und mit ähnlichen methodisch-theoretischen Überzeugungen. In Berlin lehrte Gerhard A. Ritter, der 1970 die erste Festschrift für Hans Rosenberg herausgab. Spätestens 1973 kam die zusammenfassende, programmatische Selbstbezeichnung »Historische Sozialwissenschaft« hinzu, die sich dann auch 1975 im Untertitel der Zeitschrift »Geschichte und Gesellschaft« fand.3 Um die Historische Sozialwissenschaft ist es stiller geworden. Die Sprache der sechziger und frühen siebziger Jahre klingt vielen heute fremd. Die Distanz zwischen Geschichtswissenschaft und Sozialwissenschaften scheint wieder größer geworden zu sein. Die heute jungen Historiker streiten meist über andere Fragen. Ist die Historische Sozialwissenschaft ein Auslaufmodell, dessen Zeit rasch vergeht? Oder weiterhin eine Grundlage, auf der neue Fragen gestellt, neue Methoden probiert und neue Antworten gegeben werden können? Vielleicht gar ein noch uneingelöstes Versprechen? Als Historiker kann man sich solchen Fragen nicht nähern, ohne zunächst auf die Geschichte zu blicken.4

I Es ist unübersehbar, dass sich sowohl die Geschichtswissenschaft als auch die einzelnen Sozialwissenschaften als professionalisierte Disziplinen in Abgrenzung voneinander etabliert haben. Bis auf einige herausragende Ausnahmen legten die Historiker Wert auf das, was sie von den Sozialwissenschaften unterschied: ideographische Methoden, narrative Darstellungsformen, die Betonung von Kontext und zeitlichem Wandel, die Konzeptualisierung historischer Phänomene als Individualitäten. Gleichzeitig etablierten die Soziologen, Ökonomen und Politikwissenschaftler ihre Disziplinen erfolgreich im Abrücken von historischen Ansätzen. Sie betonten behavioristische Ansätze, neo-klassische Theorien, Strukturfunktionalismus, Quantifizierung und nomothetische Verfahren. Durch Betonung der Differenzen etablierte man sich disziplinar, in einem Prozess der Ausdifferenzierung, der sich im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beobachten lässt.5 Es hat immer Ausnahmegestalten und Minderheitsströmungen gegeben, die den breiter werdenden Graben zwischen der Geschichtswissenschaft und den Sozialwissenschaften überbrückten. Man denke nur an Max Weber, Norbert Elias oder Reinhard Bendix auf der einen Seite, an das Programm der »Annales« auf der anderen. Eine Innovation der »area studies«, die Faszination durch Quantifizierung mit Hilfe der neuen Rechenmaschinen und zunehmende Offenheit für intellektuelle Experimente brachten ein paar Historiker und Sozialwissenschaftler, besonders in den Vereinigten Staaten, schon in den fünfziger Jahren in enge Kooperation. Doch erst in den sechziger und siebziger Jahren wurde aus dem Wunsch nach enger Zusammenarbeit und bisweilen gar nach einer Verschmelzung von 79

(Teilen der) Geschichtswissenschaft und (Teilen der) Sozialwissenschaften etwas mehr als ein kleines Randphänomen. Es war eine besondere intellektuelle Atmo­sphäre, die das ermöglichte: eine allgemeine Stimmung der Kritik an hergebrachten Traditionen, das Vertrauen in die Planbarkeit intellektuellen Fortschritts, und dies vor dem Hintergrund einer institutionellen Expansion im Universitätssystem, die besonders für die Jüngeren neue Möglichkeiten er­öffnete. In der Geschichtswissenschaft machte sich die Überzeugung breit, dass das hergebrachte Profil der Disziplin den modernen Erfordernissen nicht mehr völlig entspräche. Seit langem hatten Historiker vergangene Politik gründlicher erforscht als die sozialen und ökonomische Prozesse der Vergangenheit. Das sollte nachgeholt werden. Herkömmlicherweise waren Historiker besser für die Rekonstruktion von Motiven, Handlungen und Ereignissen als für die Analyse anonymer Prozesse und Strukturen langfristigen Wandels gerüstet. Das sollte sich ändern. Eine Erweiterung des Spektrums historischer Forschung wurde verlangt. Man betonte die Notwendigkeit von mehr Wirtschafts- und Sozial­ geschichte, auch als Schlüssel zum Verständnis der allgemeinen Geschichte. Überindividuelle Strukturen und Prozesse schienen geschichtsmächtig, doch wenig erforscht zu sein. Fundamentale Veränderungen der Disziplin wurden verlangt und verteidigt, und für all das erhofften traditionskritische Historiker den Beistand der benachbarten Sozialwissenschaften. In der Tat: Für die Untersuchung von ökonomischem Wandel, Bevölkerungswachstum, sozialer Ungleichheit und Mobilität, für die Analyse der Einstellungen und des Verhaltens von Massen, für das bessere Verständnis des sozialen Protests und des Wahlverhaltens ebenso wie anderer Dimensionen der Vergangenheit »unterhalb« oder »jenseits« der Handlungen, Institutionen, Ereignisse und Ideen hatten die Sozialwissenschaften einiges anzubieten, was die Historiker nicht besaßen: von quantitativen Methoden und analytischen Begriffen wie »Klasse«, »Rollenerwartung« oder »Statusdiskrepanz« bis zu Modellen und Theorien des sozialen Wandels. Einige Historiker hatten begonnen, Massen­daten auszuwerten – Heiratsregister, Wahlergebnisse, Steuerunterlagen und ähnliches. Für sie stellte sich die Wende zu den Sozialwissenschaften als unbedingt erforderlich dar.6 Manchmal ging der Wunsch nach Veränderung in der historischen Disziplin Hand in Hand mit Gesellschafts- und Kulturkritik in liberaler, radikaler oder marxistischer Sprache. Aus der Sicht dieser Kritiker hatte die vorangegangene Generation von Historikern das Funktionieren der Institutionen und den Konsens überbetont. Unterschätzt dagegen habe sie die Bedeutung von Konflikt und Ungleichheit vor allem zwischen den Klassen. Die Kritik an hergebrachten Paradigmen der Geschichtswissenschaft konnte sich mit der Kritik an etablierten Autoritäten innerhalb und außerhalb der Profession verbinden. In Deutschland erhielt die verbreitete Traditionskritik durch die Auseinandersetzung mit der historischen Katastrophe der nationalsozialistischen Zeit besondere Schärfe. Gesellschafts-, Traditions- und Fachkritik verschmolzen nicht selten und för80

derten die Annäherung einiger Historiker an die Sozialwissenschaften. Der Gebrauch analytischer Konzepte und theoretischer Ansätze konnte ja selbst schon Ausdruck der Opposition gegen das herrschende, »historistische« Paradigma sein, das bekanntlich auf hermeneutische Ansätze und quellennahe Sprache allergrößten Wert legte. Eine Geschichtswissenschaft »jenseits des Historismus« (Wolfgang J. Mommsen) wurde angestrebt, und dazu bot sich die Kooperation mit den Sozialwissenschaften an. Darüber hinaus konnten einige sozialwissenschaftliche Traditionen, besonders marxistischer Prägung, spezifische gedankliche Ressourcen bereitstellen, um eine »kritische« Geschichtswissenschaft oder besser: eine »kritische historische Sozialwissenschaft« zu entwickeln. Mit Hilfe von modernisierungstheoretischen Annahmen wurde die Sonderweg-Interpretation der deutschen Geschichte begrifflich gestützt: eine kritische Interpretation der modernen deutschen Geschichte im Vergleich zum Westen, eine Sicht, in der das Bemühen um die Erklärung der nationalsozialistischen Katastrophe zentral war.7 Das war eine auch aus der Rückschau sehr überzeugende Mischung aus disziplininternen, paradigmatischen Änderungen, einem neu definierten Praxisbezug und einer disziplinüberschreitenden Hinwendung zu Teilen der benachbarten Sozialwissenschaften als Bündnispartner. In anderen Ländern stellte sich übrigens vieles anders dar. In den USA waren historistische Traditionen in der Geschichtswissenschaft weniger ausgeprägt, und in den Sozialwissenschaften wirkten die gesellschaftskritischen Denktraditionen weniger stark. In Frankreich finden sich Parallelen zu Deutschland, vor allem im Umkreis der »Annales«, doch zeitlich vorausgehend und unter anderen politischen und fachspezifischen Bedingungen. Soviel zu den Motiven und Funktionen der geschichtswissenschaftlichen Hinwendung zu den Sozialwissenschaften. Es gab gleichzeitig, international, Sozialwissenschaftler, die ihr Interesse der Geschichte zuwandten. Auch dabei konnte Unzufriedenheit mit dem eigenen Fach eine Rolle spielen. Man denke an die linke sozialwissenschaftliche Kritik am »ahistorischen«, selbstzufriedenen Strukturfunktionalismus, an die Polemik gegen die damit gegebene Vernachlässigung von Ungleichheit, Konflikt und Wandel, an die sich dagegen stemmenden Historisierungsversuche, wie wir sie in den damaligen DependenciaAnsätzen oder in Immanuel Wallersteins Weltsystemtheorie finden. Häufiger jedoch resultierten die Vorstöße von Sozialwissenschaftlern in die Geschichte aus gestiegenem Selbstbewusstsein, aus den unbezweifelbaren Erfolgen und auch aus dem Wachstum von Soziologie, Politikwissenschaft und Ökonomie. Beispiele dafür sind die nationalökonomisch geprägte, amerikanische »New Economic History« der sechziger Jahre, die Historische Demographie oder auch historische Wahlstudien von Politikwissenschaftlern. Schließlich wirkten ältere marxistische und weberianische Traditionen weiter und regten einzelne Sozialwissenschaftler wie Barrington Moore, Reinhard Bendix, Ralf Dahrendorf, Raymond Aron und Rainer Lepsius zu großen historisch-sozialwissenschaft­ lichen Entwürfen an. 81

So wirkten Anstöße aus beiden Richtungen und trieben eine vielgestaltige Bewegung voran, in Richtung engerer Zusammenarbeit und Überschneidung zwischen Teilen der Geschichte und Teilen der Sozialwissenschaften. Um 1970 erreichte die Produktion programmatischer Artikel und Sammelbände über »Geschichte und Soziologie« ihren Höhepunkt Wichtige neue Zeitschriften erschienen erstmals in den siebziger Jahren, wie etwa »Social Science History«, das »Journal of Interdisciplinary History« und »Geschichte und Gesellschaft«. Schon bestehende Zeitschriften wie »Past and Present« in England und »­Annales« in Frankreich entwickelten sich zu wichtigen Stätten eines engen Austausches (wenn auch nicht wirklicher Verschmelzung) zwischen Geschichtsund Sozialwissenschaften. Es wäre interessant, über die nationalen Unterschiede zu sprechen, über die verschiedenen Wege, auf denen sich Geschichte und Sozialwissenschaften trafen, über die führenden Köpfe auf diesem Gebiet wie etwa Fernand Braudel, Charles Tilly und Hans-Ulrich Wehler, oder über die verschiedenen Zirkel und Organisationen. Doch das ist jetzt weder möglich noch nötig. Es muss reichen, darauf hinzuweisen, dass die Wende zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen Geschichte und Sozialwissenschaften immer ein Minderheitenphänomen geblieben ist. Doch das Überschreiten der Grenzen fand statt: zwischen Geschichte und Ökonomie in der »New Economic History« der sechziger und siebziger Jahre, zwischen Geschichte und Soziologie in der »­Social Science History Association« (seit 1974) und zwischen Geschichte und Politikwissenschaft im »New Institutionalism« der siebziger Jahre, um nur einige Beispiele aus dem amerikanischen Kontext zu nennen. Obwohl große Teile der beteiligten Disziplinen von diesem Trend unbeeinflusst blieben, und obwohl dieser Weg zur Kooperation und Integration der Disziplinen immer deutlich vor einer wirklichen Amalgamierung Halt machte, gab es in den siebziger Jahren Momente, in denen einflussreiche Historiker und Sozialwissenschaftler die Differenzen zwischen ihren Disziplinen dahinschwinden sahen und die Entstehung einer umfassenden »Historischen Sozialwissenschaft« nicht nur erwarteten, sondern auch begrüßten, so z. B. Hans-Ulrich Wehler in Deutschland, Emmanuel Le Roy Ladurie in Frankreich oder Anthony Giddens in England. Giddens schrieb 1979: »Es gibt einfach keine logischen oder auch nur metho­ dologischen Unterschiede zwischen den Sozialwissenschaften und der Geschichtswissenschaft, wenn man sie richtig auffaßt.«8 Ich fasse noch einmal zusammen, was diese im Zeichen der Annäherung von Geschichte und Sozialwissenschaften stehende Umorientierung der sechziger und siebziger Jahre für die Geschichtswissenschaft bedeutete. Einerseits fand eine sozialgeschichtliche Umorientierung statt. Während früher der historische Zusammenhang eher als Zusammenhang der Staaten, der Herrschaft und der Politik oder aber als geistes- und ideengeschichtlicher Zusammenhang gedacht worden war, wurde er nun immer häufiger als »Ge­ sellschaft« gefasst, als sich wandelnder, in sich differenzierter und integrierter, ökonomisch-sozial-politischer Zusammenhang von Ressourcen und ­Interessen, 82

von Handlungen, Prozessen und Strukturen, von Ungleichheit, Macht und Konflikt (bei verschiedenen Autoren in sehr verschiedener Art und Weise). Andererseits fand eine strukturgeschichtliche Akzentverschiebung statt. Man vernachlässigte zwar die traditionelle, im Fach immer schon wichtige hermeneutische Rekonstruktion vergangener Absichten, Handlungen und Erfahrungen nicht; rein strukturalistische Arbeiten blieben die Ausnahme. Aber mehr und mehr Historiker ergänzten und transzendierten nun die hermeneutische Frage durch die Frage nach den Bedingungen und Konsequenzen von Intentionen, Handlungen und Erfahrungen, die den Handelnden und Betroffenen der Vergangenheit nicht bewusst und zugänglich gewesen sein mögen. In anderen Worten: Man wendete sich verstärkt den lange eher vernachlässigten Prozessen und Strukturen zu. Schließlich und vor allem fand so etwas wie eine analytische Wende statt. Das hieß nicht, dass die Geschichtswissenschaft zu einer »science« wurde, die möglichst quantifizierend und nach den Grundsätzen einer nomologisch orientierten Einheitswissenschaftslehre verfahren wäre. Dazu kam es besonders in Deutschland nicht, hier war der Sinn für die Grenzen der Quantifizierung und für die großen Kosten der Variablenisolierung immer sehr ausgeprägt. Analytische Wende hieß vielmehr, dass Historiker nun eindeutiger dazu tendierten, ihre Forschung und ihre Arbeiten begrifflich zu strukturieren, indem sie klare und explizite Fragen im Anschluss an generellere theoretische Debatten stellten. Sie begannen, ihre zentralen Begriffe zu definieren und zu reflektieren. Sie benutzten typologische und vergleichende Ansätze ebenso wie ein breites Spektrum anderer Methoden. Man stellte kausale Fragen. Und um sie zu beantworten, verwendete man Theorien, die die aus den Quellen stammenden Informationen ordneten, aber selbst nicht aus den Quellen stammten. Die Historiker verabschiedeten sich von traditionelleren Formen der Erzählung. Ihre Form der Kommunikation, sowohl unter sich als auch gegenüber der Öffentlichkeit, wurde argumentativer und konzeptueller, explizit abwägend und selbstreflexiv. Der außerwissenschaftliche Bezug von Wissenschaft wurde ernstgenommen, »Relevanz« reklamiert und Praxisbezug bejaht, die eigene Wissenschaft als Teil gesellschaftlich-politischer Aufklärung verstanden. Man betrieb Geschichte, um aus ihr zu lernen und wohl auch, um sich aus ihr zu befreien. Es ist leicht zu sehen, dass die drei genannten Dimensionen des disziplinären, manche sagen: des paradigmatischen Wandels jener Jahrzehnte  – die sozial­geschichtliche, die strukturgeschichtliche und die analytische Wende der sechziger und siebziger Jahre – miteinander verknüpft waren, mit einer spezifischen gesellschaftlichkulturellen Großwetterlage zusammenhingen und die Zu­ sammenarbeit mit den Sozialwissenschaften nahelegten oder gar voraussetzten. Das Programm der »Historischen Sozialwissenschaft« war ein Produkt dieser Veränderungen. Geschichte als Historische Sozialwissenschaft blieb zwar immer das Projekt einer Minderheit. Doch einige ihrer Elemente gewannen Einfluss auf die Profession als ganze.9 83

II Bei dieser Skizze muss ich es belassen und rasch zum zweiten Teil dieses ­Essays kommen. Der skizzierte Wandel war primär ein Ergebnis der sechziger, der siebziger und der frühen achtziger Jahre. Was geschah in den letzten anderthalb Jahrzehnten? Sicherlich setzt sich vieles bis heute fort. Was in den sechziger und siebziger Jahren ausprobiert und angestoßen wurde, trägt häufig erst heute Früchte.10 Andererseits hat sich der Wind gedreht. Oder, besser, er weht jetzt aus verschiedenen Himmelsrichtungen zugleich. Zum Teil  bläst er der Historischen Sozialwissenschaft frontal ins Gesicht. In anderer Hinsicht hat er neue Schneisen geöffnet, den Blick freigegeben auf neue, in den sechziger und siebziger Jahren noch nicht gesehene Möglichkeiten. Die Historische Sozialwissenschaft hatte und hat sich mit sehr grundsätzlicher Kritik auseinanderzusetzen. Sie verändert sich ständig, teils durch die Konfrontation mit neuen Angeboten und Herausforderungen von außen, teils aufgrund ihrer inneren Dynamik. Dabei waren und sind einige Debatten zentral: die Diskussion um das Verhältnis von Sozial- und Frauen- bzw. Geschlechtergeschichte seit den späten siebziger Jahren, der Streit zwischen Strukturgeschichte und Alltagsgeschichte in den achtziger Jahren, die Herausforderung durch den »linguistic turn«, die anhaltenden Grundsatzdebatten über Gesellschaft und Kultur, »structure« und »agency«, Sozial- und Kulturgeschichte, die seit einigen Jahren in vielen Schattierungen geführt werden. Entscheidende Anstöße, beispielsweise in den Schriften von E. P. Thompson, Raymond Williams und Clifford Geertz, auch von Foucault und Derrida, sind teilweise viel älter, doch erst im sich ändernden Klima der achtziger und neunziger Jahre gewannen sie in der Praxis der Geschichtswissenschaft eine gewisse Breitenwirkung, wobei die Entwicklung in Deutschland zwar Teil eines internationalen Vorgangs war, aber später begann und bisher sanfter verlief als beispielsweise in den USA. Es ergaben sich Veränderungen, Herausforderungen und offene Fragen, die ich jetzt in vier Punkten zusammenfasse, bevor ich darauf eingehe, was daraus für das Programm der Historischen Sozialwissenschaft heute folgt. 1. In der Formationsphase der Historischen Sozialwissenschaft wurden häufig sozialökonomische Erklärungsmuster privilegiert, sei es unter marxistischem Einfluss, sei es im Rahmen modernisierungshistorischer Ansätze, sei es in anderer Weise. Nicht zufällig waren »Kapitalismus« und »Industrialisierung« zentrale Gegenstände, »Klasse« und »Interesse« zentrale Kategorien. Die letzten zwei Jahrzehnte haben eine Relativierung sozialökonomischer Ansätze gebracht, parallel zum Bedeutungsverlust des Marxismus, der intellektuell bekanntlich längst vor 1989/90 seine Leuchtkraft verloren und sie seitdem nicht zurückgewonnen hat. Die Relativierung sozialökonomischer Erklärungsmus84

ter innerhalb der Historischen Sozialwissenschaft zeigt sich in vielen Formen, ich nenne nur zwei. a) In intensiven Auseinandersetzungen haben vor allem Vertreterinnen der Frauen- und Geschlechtergeschichte die Sensibilität für die Bedeutung von ­gender als einer zentralen Dimension sozialer Ungleichheit und kollektiver (wie individueller) Identitätsbildung durchgesetzt und damit auch die Praxis der Historischen Sozialwissenschaft differenzierter und komplexer gemacht, ohne notwendigerweise ihren Rahmen zu sprengen. Anders ausgedrückt, neue geschlechtergeschichtliche Fragen lassen sich im Rahmen der Historischen So­ zialwissenschaft bearbeiten; diese ändert sich damit. Die Beziehungen zwischen Klasse, Geschlecht und – häufig – ethnischer Zugehörigkeit stellen aber weiterhin ein herausforderndes Problem dar, das innerhalb der Historischen Sozialwissenschaft bearbeitet wird.11 b) Zum anderen ist auf die Karriere des Kulturbegriffs und die Herausforderungen der neuen Kulturgeschichte zu verweisen, die hierzulande in den achtziger und neunziger Jahren Fuß fasste. Die Praktiker und Befürworter einer neuen Kulturgeschichte stimmen, bei extremer Vielfalt im übrigen, in ihrer Kritik an der Historischen Sozialwissenschaft überein: Diese habe die Produktion von Bedeutungen, die Prozesse der Sinngebung, kulturelle Praktiken und Hervorbringungen, überhaupt die symbolischen Aspekte der historischen Realität insgesamt unterschätzt und damit Dimensionen der Geschichte vernachlässigt, die mit allen anderen Dimensionen eng verwoben und immer vorhanden sind, wenn Menschen zu anderen Menschen und zu der sie umgebenden Welt in Beziehung treten.12 Diese Kritik erwies sich als nicht unberechtigt. Das Programm der Historischen Sozialwissenschaft war ja aus der Distanzierung von einer älteren historiographischen Tradition entstanden, die ihrerseits die Kategorien »Bedeutung«, »Intention« und »Handlung« übermäßig privilegiert hatte – auf Kosten materieller Verhältnisse, sozialer Beziehungen und der Probleme von Ungleichheit, Macht und Abhängigkeit. Für die Erfinder der Historischen Sozialwissenschaft schien es vordringlich, dieser Unausgewogenheit entgegenzutreten und sie abzubauen. Dabei aber dürften neue Ungleichgewichte entstanden sein, diesmal zu Lasten der kulturellen Dimension. Innerhalb der Historischen Sozialwissenschaft hat man darauf reagiert. In den achtziger Jahren, teilweise schon früher, wurden beispielsweise kulturgeschichtliche Dimensionen des Klassenbildungsprozesses – Stichwort »Arbeiterkultur« – und die bürgerliche Kultur des 19. Jahrhunderts als Kern der Sozialformation Bürgertum ausgiebig untersucht. In den neunziger Jahren wurden Anregungen der französischen, englischen und amerikanischen Kulturgeschichte verstärkt aufgenommen, ebenso seitens der Kulturanthropologie und von Klassikern wie Simmel, Troeltsch, Elias und – auch hier – Max Weber.13 Damit stellen sich jedoch bis jetzt nicht voll gelöste theoretische Fragen. Es ist notwendig, den Gesellschaftsbegriff präziser zu fassen, und zwar so, dass er Kultur – und nicht nur deren institutionelle Grundlagen  – einbezieht und zu ihrem Recht kommen lässt; u. a. darüber geht die Debatte.14 85

2. Von der Debatte über das Verhältnis von Gesellschaft und Kultur ist ein zweiter Diskurs scharf zu unterscheiden. Ich meine die Debatte über Struktur und agency, über Verhältnisse und Subjektivierung.15 Bei uns kam dies vor allem durch die Herausforderung der »Alltagsgeschichte« in den achtziger Jahren auf die Tagesordnung. Alltagshistoriker empfanden die Historische Sozialwissenschaft als übermäßig strukturalistisch und bestanden darauf, die subjektiven Seiten der Geschichte zu untersuchen: wie die Menschen der Vergangenheit ihre Welt wahrnahmen, erlebten, erlitten, verstanden und – oft auch – veränderten. Dazu empfahlen sie den mikrohistorischen Zugang, die Konzentration auf die Untersuchung kleiner, überschaubarer Räume in all ihrer Komplexität.16 Andere Anstöße kamen hinzu, so die der Biographie- und Lebenslaufforschung. Oral History gewann für die Zeitgeschichte an Boden, vor allem als Methode zur Erschließung von Subjektivität. Deren Spuren sucht man aber auch durch die Rekonstruktion von Gefühlen, auch in der Geschichte der Sinne, des Hörens, des Betrachtens, des Riechens zu entschlüsseln. Die Hinwendung zum Subjektiven reicht in ihren Wirkungen jedoch weiter, bis weit in das methodische Klima hinein. Historiker beschäftigen sich beispielsweise heute nicht mehr nur mit Traditionen, sondern auch und gerade mit deren »Erfindung« (Hobsbawm/Ranger). Sie beschäftigen sich – zum Beispiel – nicht mehr nur mit den sozialhistorischen und ethnischen Gliederungen einer Erwerbsbevölkerung, sondern mit den Prozessen, in denen diese sozialökonomischen und ethnischen Gliederungen als Kategorien geschaffen wurden, im Bewusstsein und in der Praxis der Zeitgenossen, durch die Statistischen Ämter der Zeit, durch den Diskurs der Sozialwissenschaftler. Eine konstruktivistische, anti-objektivistische Akzentverschiebung findet statt, die Historikern eigentlich sympathisch sein muss, aber in der Formationsperiode der Historischen Sozialwissenschaft ganz am Rande stand.17 Die Historische Sozialwissenschaft änderte sich.18 Ihre Reflexivität nahm zu, ihre Bereitschaft zur Rückwendung auf die eigenen Kategorien wuchs. Zu­ nehmend erkannte sie an, dass eine umfassende Rekonstruktion der Vergangenheit nicht gelingen kann, ohne den Wahrnehmungen und Handlungen der Menschen Aufmerksamkeit zu zollen. Zum Beispiel kann es nur ein erster Schritt sein, Muster der sozialen Mobilität zu messen und zu beschreiben; dies gibt noch keine Antwort auf die Frage, wie die Menschen Aufstiege, Abstiege oder Persistenz erlebten und bewerteten und wie sie darauf reagierten. Beides aber will man wissen, wenn man die Geschichte der sozialen Mobilität untersucht. Im Ergebnis ist man auch in der Historischen Sozialwissenschaft gegenüber subjektiven Faktoren sensibler geworden. Man versucht mit unterschiedlichem Erfolg, Prozesse und Erfahrungen, Strukturen und Handlungen miteinander zu verknüpfen. Weiterhin liegt darin eine große Herausforderung für die empirische Praxis wie für die theoretische Debatte. 3. Das anschwellende Interesse an Kultur und die Hinwendung zum Subjektiven in der Geschichte hatten methodische Konsequenzen oder gehen, besser gesagt, mit Veränderungen der Methoden und Darstellungsformen Hand in Hand. 86

– Es entwickelte sich eine neue Wertschätzung hermeneutischer und inter­ pretativer Ansätze bei der Rekonstruktion von Bedeutung und Sinn, manchmal auf Kosten und zum Nachteil von Erklärung, Analyse und Theorie­ orientierung. Vorbereitet durch wichtige Arbeiten aus den siebziger Jahren oder noch früher, fand diese »interpretative Wende« (Clifford Geertz) vor allem in den achtziger Jahren statt und ist bis heute einflussreich geblieben. Sie kann, besonders in Deutschland, an ältere Traditionen der Geschichts­ wissenschaft anschließen, für die interpretierende Verfahren ja seit Ranke und Droysen zentral sind. – Ich erwähnte schon die konstruktivistische Umakzentuierung: von der Tradition zur Erfindung der Tradition, von der Nation als Realzusammenhang zur Nation als gedachter und stilisierter Gemeinschaft, vom bevölkerungsgeschichtlichen Interesse an ethnischen Unterschieden im Reproduktions- und Wanderungsverhalten hin zur Frage nach der Konstruktion der ethnischen Kategorien selbst. Sogar die Natur wird aus solchen Gesichtpunkten als historisches Produkt vorgestellt, nicht nur im Sinn kulturell geformter Landschaft, sondern als Projektionsfläche menschlicher Erinnerung. – Dass damit das Interesse an Kategorien, Begriffen und Sprache insgesamt zunimmt, liegt auf der Hand. Begriffsgeschichte ist »in«, in vielen Varianten, ist weiterhin vielversprechend, besonders als Teil der Untersuchung von Praxis. Sprache und Rhetorik, Diskurse und Texte rücken wieder ins Zentrum des Historiker-Interesses. Die Rückkehr zum Text verbindet sich bisweilen mit dekonstruktivistischen Interessen und mit neuen Methoden der Textund Bedeutungsinterpretation, mit Anregungen aus der Linguistik und der ­Semiotik. Mit dem »linguistic turn« ist die moderne Literatur- und Sprachwissenschaft für manchen Historiker interessanter geworden. – Auch die Argumentations- und Darstellungsformen verändern sich. Seit Jahren findet eine Hinwendung zu narrativen Strategien statt, teilweise als Rückkehr zu dem, was vor der historisch-sozialwissenschaftlichen Wende dominierte, teilweise – und dies ist interessanter – auf der Suche nach neuen Formen. Man bemüht sich, Plausibilität jenseits strenger Kausalität zu erzeugen, mit Hilfe von Anspielungen, Analogien und Überblendungen. Die Historiker studieren nicht nur Metaphern, sie benutzen sie auch in präzedenz­ loser Häufigkeit. Man nehme, als eines von vielen Beispielen, die Titel der Bücher von Alain Corbin, wie sie ins Deutsche übersetzt wurden: »Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs«, so noch relativ nüchtern 1984. Dann: »Meereslust. Das Abendland und die Entdeckung der Küste« (1990) und »Die Sprache der Glocken. Ländliche Gefühlskultur und sym­ bolische Ordnung im Frankreich des 19.  Jahrhunderts« (1995), schließlich die Aufsatzsammlung: »Wunde Sinne. Über die Begierde, den Schrecken und die Ordnung der Zeit im 19. Jahrhundert«. Die Grenzen zwischen geschichtswissenschaftlichen Texten und fiktionaler Literatur verschwimmen bisweilen, praktisch z. B. bei Simon Schama und theoretisch seit langem begründet bei Hayden White. Der Einfluss der Medien macht sich bemerkbar, die 87

Rheto­rik und die Ästhetik der Texte ändern sich, Bilder werden wichtiger, es geht um Geschichte im Zeitalter zunehmender Visualisierung. Wir sind insofern weit von der argumentativen Wende entfernt, wie sie oben für die Formationsperiode der Historischen Sozialwissenschaft geschildert wurde.19 4. Ich könnte und müsste andere Herausforderungen ansprechen, mit denen sich die Historische Sozialwissenschaft und möglicherweise die Sozialwissenschaften insgesamt konfrontiert sehen und die man gern unter der Rubrik »post­ modern« diskutiert. Ich denke etwa an Extremvarianten des »linguistic turn«, die die Welt im Text aufgehen lassen, keine historische Wirklichkeit jenseits von Text und Sprache als gegeben und/oder erkennbar erachten und die der Sprache ihre kommunikative und regelproduzierende Funktion konzedieren, ihre re­ ferentielle Qualität aber absprechen. »Out there« sei nichts. Ich denke an die extrem relativistischen Folgen, die – auf dem Hintergrund multikultureller Erfahrungen und oft in enger Verbindung zu »cultural studies« – aus dieser linguistischen Wende gezogen werden: jeder Gruppe, jedem Klan, jedem Einzelnen seine oder ihre eigene Geschichte, ohne Beziehung zueinander, prinzipiell gleichberechtigt, und ohne Aussicht auf Überprüfung von Stimmigkeit, Angemessenheit oder Wahrheit. Ich denke an den programmatischen Verzicht auf Zusammenhangserkenntnis als langweilig, doktrinär oder unmöglich. Auch dies führt zur Fragmentierung der Geschichte, zur Auflösung der Geschichte in Geschichten, also zur Umkehrung der frühneuzeitlichen Begriffsbildung, in der »Geschichte« als Kollektivsingular entstand. All dies steht den Grundprinzipien Historischer Sozialwissenschaft scharf entgegen. Alles in allem, ein sehr bemerkbarer, sich beschleunigender Wandel mit offenem Ende, mit den Krisen und Stimmungen der Gegenwart, dem »Zeitgeist« vielfältig verbunden. Einerseits: manche dieser Veränderungen geschahen innerhalb und in Verbindung mit der Historische Sozialwissenschaft, die sich entsprechend veränderte, erweiterte, bereicherte, komplizierte und differenzierte – bis hin zur Gefahr, die scharfe Abgrenzung nach außen zu verlieren. Oder ist dies mehr Chance als Gefahr? Jedenfalls kann man der Historischen Sozialwissenschaft heute kaum sozialökonomischen Dogmatismus oder strukturalistischen Reduktionismus vorwerfen. Im Gegenteil, sie hat sich weit geöffnet gegenüber neuen Fragen, Themen und Sichtweisen, ohne Sorge um ihre scharfe Kontur. Im Grunde hat sie sich um ihre Außengrenzen nie sonderlich Sorgen gemacht. Eine klar umgrenzte Historikergruppe, einen scharf definierbaren Teilbereich der Geschichtswissenschaft hat »Historische Sozialwissenschaft« niemals bezeichnet. Der Begriff stand und steht vielmehr für ein Programm, eine »regulative Idee« (Paul Nolte), die die einen mehr, die anderen weniger überzeugt und die in verschiedenem Ausmaß, in verschiedener Weise eingelöst wird – trotz gewisser institutioneller Abstützungen und personeller Verknüpfungen im Zuge der Durchsetzung der Idee. Viele der geschilderten Wandlungen liefen andererseits außerhalb der Historischen Sozialwissenschaft ab. Das Feld der Geschichte ist noch einmal wei88

ter, bunter, undefinierbarer geworden – eine Gleichung mit zu vielen Variablen, um noch aufgehen zu können, wie es der amerikanische Kulturhistoriker Peter Jelavich formuliert hat. Weniger als je ist Geschichtswissenschaft mit Histo­ rischer Sozialwissenschaft identisch. Andererseits haben sich Elemente der Historischen Sozialwissenschaft weit verbreitet, weiter als je. Einige der geschilderten Veränderungen entwickelten sich und verstehen sich als Widerspruch und Gegenzug zum Paradigma einer analytisch orientierten Geschichtsschreibung im Sinne der Historischen Sozialwissenschaft, wie sie in den sechziger und siebziger Jahren entwickelt wurde. Durch die erneute Betonung hermeneutischer Interpretation, narrativer Argumentation und des literarischen Charakters ihrer Tätigkeit haben viele Historiker die Trennlinie zwischen sich und den Sozialwissenschaftlern wieder schärfer gezogen, jedenfalls gegenüber den härteren Sozialwissenschaften wie Ökonomie, Soziologie und Politikwissenschaft. Doch muss rasch hinzugefügt werden, dass Historiker, die solche interpretativen, hermeneutischen, narrativen und/oder linguistischen Wenden pro­pagieren und praktizieren, ihre Ideen und Ansätze gleichwohl oft mit Forschern der benachbarten Sozialwissenschaften teilen, nämlich mit solchen, die in den letzten Jahren ebenfalls kulturalistische oder interpretative Präferenzen und Ziele entwickelt haben, besonders mit Sozialanthropologen und Kultursoziologen. Einflüsse dieser Disziplinen, insbesondere der Anthropologie waren von Anfang an wesentlich für die Entwicklung jener poststrukturalistischen Richtungen innerhalb der Geschichtswissenschaft.20 Während ältere Formen der Zusammenarbeit und des Austausches zwischen der Geschichte und den benachbarten Sozialwissenschaften in Frage gestellt wurden, sind neue aufgetaucht, allerdings weniger auf analytischem als vielmehr auf hermeneutischem Boden. In diesen Bündnissen könnte die Geschichte für die kooperierenden Sozialwissenschaftler sogar an Wichtigkeit gewonnen haben. In den sechziger und siebziger Jahren wollten Historiker enger mit Politikwissenschaftlern und Soziologen, bisweilen auch mit Ökonomen zusammenarbeiten. In den achtziger und neunziger Jahren werden Anthropologen und Kultursoziologen als Verbündete und Partner bevorzugt, zusammen mit Literaturwissenschaftlern und Ver­tretern von »cultural studies«. Viele der neuen Themen  – von den Geschlechterbeziehungen über den Körper und die Sinne bis hin zur Gewalt und der Kultur des Marktes – verweisen auf neue überdisziplinäre Vernetzungen, andere als die der sechziger und siebziger Jahre, aber nicht auf die Rückkehr zur Disziplinarität. Wieder scheint es, dass die disziplinüberschreitende Kooperation nicht nur neue Einfälle und überraschende Innovationen hervorbringt, sondern auch fachübergreifende Bündnisse, die zur praktischen Kritik am »mainstream« der eigenen Disziplin verwendet werden können.

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III Was folgt für die Zukunft? Ich verzichte auf Voraussagen. Vielmehr nenne ich, was aus meiner Sicht wünschenswert oder notwendig erscheint – in drei abschließenden Argumentationsschritten: Bewahrung, Veränderung, P ­ erspektiven. Es war die spezifische historische Konstellation der sechziger bis siebziger Jahre, die Geschichte als Historische Sozialwissenschaft in der Bundesrepublik hervorbrachte. Die sozialwissenschaftliche Einfärbung der Geschichts­ wissenschaft war auf das Engste mit dem Versuch und mit der Möglichkeit verbunden, Geschichte als Aufklärung zu betreiben und aus Geschichte zu lernen. Mittlerweile erwartet man von der Geschichte viel stärker auch Anderes: Aneignung von Vergangenheit, Erinnerung, Gewährleistung und Verbürgung von Iden­tität, bisweilen auch Unterhaltung. Mit dieser Verschiebung der Erwartungen an die Geschichte hängen die Wandlungen zusammen, die ich weiter vorn in Bezug auf die Erforschung und Darstellung der Geschichte skizziert habe. Ich bestreite nicht die Legitimität dieser Funktionen, plädiere aber dafür, an Geschichte als Aufklärung gleichzeitig festzuhalten: als Ressource für nütz­ liches Wissen, im Interesse an rationaler Verständigung zwischen partikularen Identitäten, als Reservoir von Möglichkeitsbewusstsein, als Basis von Kritik. Von diesen – wünschenswerten – Funktionen der Geschichte her lässt sich für die Verteidigung ihrer sozialwissenschaftlichen Einfärbung plädieren, in dreifacher Hinsicht: – für die Aufrechterhaltung methodischer Überprüfungs-, Argumentationsund Darstellungsformen, in klarer Abgrenzung zur Fiktionalität, im Unterschied zu manchen rein literarischen Produkten und in Abwehr postmoderner Beliebigkeit; – gegen die Auflösung von Geschichte in Geschichten, für das Insistieren auf der Möglichkeit und Notwendigkeit von Zusammenhangserkenntnis, wenngleich immer nur selektiv und aus wechselnden Perspektiven, von denen es immer mehrere gibt; aber doch mit dem Interesse an Verknüpfung als Basis von Verständigung; – für die Beibehaltung von »Gesellschaft« als Zentralbegriff gegen den konkurrierenden Begriff der »Kultur«. Wohlgemerkt, dabei geht es nicht um den Zweifel am Recht der Kulturgeschichte als Geschichte einer Dimension der historischen Wirklichkeit; im Gegenteil, diese muss und kann auch im Rahmen der Historischen Sozialwissenschaft gebührend behandelt werden. Es geht vielmehr um die Frage, ob der historische Gesamtzusammenhang eher als Gesellschaft oder eher als Kultur gefasst werden kann. Mir scheint dafür »Gesellschaft« besser geeignet, denn damit lenkt man den Blick auf Kohärenz und Konflikt, während dem Kulturbegriff, in Verknüpfung mit »Identität«, leicht integrationistische Assoziationen eigen sind. Der Gesellschafts­ begriff gibt auch eher die Frage nach solchen Ressourcen, Ungleichheiten und Machtverhältnissen frei, die seinerzeit kommunikativ nicht manifest, 90

symbolisch nicht verstärkt und den zeitgenössischen Akteuren möglicherweise nicht präsent waren, während der Kulturbegriff den Blick, verkürzend und oftmals schmeichelnd, auf jene Bereiche der Wirklichkeit lenkt, die den Akteuren als Gegenstand der Kommunikation und als Ort symbolischer Repräsentation gegenwärtig waren.21 Auch als Historische Sozialwissenschaft hat die Geschichtswissenschaft ihre disziplinäre Eigenständigkeit bewahrt, aus guten, hier nicht zu diskutierenden Gründen. Die sozialwissenschaftliche Orientierung war überdies immer nur die Sache einer Minderheit von Historikern. Das ist verständlich. Doch die Öffnung zu den Sozialwissenschaften hat für die Geschichtswissenschaft einen Zuwachs an Erklärungskraft gebracht, der nicht wieder verlorengehen sollte. Andererseits steht Veränderung an, sie ist auf dem Weg, zum einen aufgrund der Dynamik im Innern der Historischen Sozialwissenschaft selbst, zum andern aufgrund neuer Herausforderungen und Angebote von außen. Selbst­k ritik ist notwendig, seit langer Zeit üblich und weiter im Gang, so am anfänglich zu starken Übergewicht sozialökonomischer Erklärungsmuster, an der einstmals sehr starken Strukturlastigkeit wie auch an der oftmals leserunfreundlichen Abstraktheit und Technizität vieler Darstellungen. Neue Dimensionen, vor allem kulturgeschichtliche Fragen und Themen, sind entdeckt und inkorporiert worden, dies im Grunde sehr früh und aus eigener Initiative: am Beispiel der Arbeiterkultur schon in der zweiten Hälfte der sieb­ ziger und in Form der Bürgertumsgeschichte seit den mittleren achtziger Jahren. Die Sozialgeschichte der Familie ist ein weiteres Beispiel für die Erweiterung und Veränderung der Historischen Sozialwissenschaft aus eigener Kraft. Dagegen haben geschlechtergeschichtliche Fragen und Themen nur sehr allmählich innerhalb der Historischen Sozialwissenschaft Platz gefunden, und zwar als Antwort auf Herausforderung und Kritik seitens der Frauen- und Geschlechtergeschichte, die sich eigenständig entwickelte. Zu stark war offenbar die Orientierung an sozialökonomisch definierten Klassen und Schichten, zu männlich wohl auch das soziale und intellektuelle Milieu, in dem Historische Sozial­wissenschaft entstand und geprägt wurde. Erst in der Rückschau wird so etwas deutlich. Derzeit ist ein Prozess rascher Öffnung zu beobachten, getragen durch jüngere Historiker und Historikerinnen, die sich der neuen Kulturgeschichte, der Sozial- und Kulturanthropologie, der Geschichte der Bilder, Stereotypen und Emotionen weit öffnen, um nur einzelne Bereiche exemplarisch zu nennen. Das Interesse an den historischen Akteuren wächst auch in der Historischen Sozialwissenschaft, dichte Beschreibungen und narrative Exkurse ergänzen zunehmend die begriffs- und theoriegeleitete Darstellungsform, die Komplexität nimmt weiter zu – obwohl manches andere ganz an den Rand tritt, ja geradezu verschwindet, was früher viel Aufmerksamkeit fand, so die Geschichte der Aufstiegs- und Abstiegsmobilität und überhaupt die hierzulande sehr un­populär gewordene Quantifizierung. Die Außengrenzen dessen, was Historische So­zialwissenschaft genannt wird, waren nie scharf gezogen. 91

Nun verflüssigen sie sich noch mehr. Falsch, kontraproduktiv und wirkungslos wäre es, definitorisch Grenzmarken setzen zu wollen. Daran besteht auch gar kein Interesse. Eher beobachtend und rückblickend wird man sehen, was als Grundbestand bleibt und von anderen Richtungen unterscheidet. Der Reiz zur Veränderung ist groß. Historische Sozialwissenschaft war immer sehr in Bewegung. Das setzt sich fort. Es besteht kein Grund, sie als überstabil und orthodox zu kritisieren. Überdies hat eine theoretische Neudiskussion begonnen, die lange vernachlässigt wurde, nachdem sie in den siebziger Jahren  – man denke an den Bad Homburger Arbeitskreis »Theorie der Geschichte«  – Hochkonjunktur hatte. Dafür interessieren sich nun auch Jüngere in eigenständiger, oft sehr tradi­ tionskritischer Weise.22 Die treibende Kraft kommt derzeit aus der meist sympathisierenden Auseinandersetzung mit der neuen Kulturgeschichte. Die Dichotomisierung von »Gesellschaft« und »Kultur«, von Struktur und Handlung zu überwinden, gilt als wichtiges Ziel. Unter den Anregern aus der Soziologie spielen klassisch Weber und Simmel sowie aktuell Bourdieu und Giddens die größte Rolle, wie es scheint. Postmoderne Angebote und Herausforderungen wirken ein. Bedenkt man, wodurch frühere Theoriedebatten Energie und Brisanz gewannen, dann kann man nur hoffen, dass endlich der Frage nach den gesellschaftlichen, kulturellen und – in weitestem Sinn – politischen Funktionen der Geschichtswissenschaft wieder mehr Gewicht eingeräumt wird, also der Frage nach der Relevanz von Geschichtswissenschaft in praktischer Hinsicht. Vielleicht gehen von der kürzlich vehement erneuerten Kritik an der problematischen Rolle des Faches  – oder doch zahlreicher seiner Vertreter  – im Nationalsozialismus demnächst neue Anstöße zur theoretischen Debatte über Eigenart und Funktion, Bedeutung und Ohnmacht der Geschichtswissenschaft aus.23 Abschließend sei auf zwei Desiderata verwiesen, die mir besonders dringlich erscheinen. Von ihrer Entstehung her ist die Historische Sozialwissenschaft vor allem nach innen gerichtet. Ihr Zentralbegriff ist die Gesellschaft. Deren Geschichte zu erforschen ist ihr Ziel. Sehr häufig konzentrieren sich historischsozialwissenschaftliche Forschungen und Darstellungen auf die Moderne und akzeptieren dabei den nationalstaatlichen Rahmen zur Konstitution ihrer Untersuchungsgegenstände. Doch unsere Gegenwart ist durch intensive Prozesse der Internationalisierung geprägt, wirtschaftlich, kulturell, z. T. auch politisch und sicherlich sozial. Sollte dies nicht Rückwirkungen auf die leitenden Fragen und Begriffe der Historischen Sozialwissenschaft haben? Wie löst sie dieses Problem? Der historische Vergleich, meist zwischen nationalstaatlich verfassten Gesellschaften oder ihren Teilen, hat in den letzten Jahren sehr an Bedeutung gewonnen. Er hilft mit, den Blick international zu weiten.24 Doch geht es um mehr, nämlich um die übernationalen Verflechtungen der Geschichte, um gegenseitige Beeinflussung und Durchdringung, um die innere Verknüpfung zwischen lokalen Erscheinungen und globalen Zusammenhängen. Die Inter­ nationalisierung der Historischen Sozialwissenschaft steht erst noch bevor. 92

Zu den großen Verlierern der letzten beiden Jahrzehnte gehört die Wirtschaftsgeschichte. Die in den sechziger und siebziger Jahren florierende Hoffnung, in der Ökonomie den Schlüssel zur Einsicht in die allgemeine Geschichte zu finden, ist vorbei. Sozialökonomische Erklärungsmuster haben zusammen mit dem Marxismus an Stellenwert verloren. Während die Wirtschaftswissenschaftler jedenfalls in Deutschland die Geschichte, und damit die Wirtschaftsgeschichte, noch nicht wieder entdeckt haben (das mag bald geschehen), haben die Allgemeinhistoriker viel von ihrem früheren Interesse an der Wirtschafts­ geschichte verloren. Der kulturalistische Zeitgeist macht sich bemerkbar. Die Sozialgeschichte hat ihre einstmals enge Verbindung zur Wirtschaftsgeschichte gelockert, vor allem ihre jüngeren Vertreter docken lieber an der Kultur­ geschichte an. Natürlich gibt es Ausnahmen, doch dies ist der Trend, der durchaus irritierende Befund. Denn während die Macht der Ökonomie fast täglich in rasanten Veränderungen des Lebens und in verbreiteten Krisenerscheinungen, der Massenarbeitslosigkeit z. B., zu erfahren ist, wenden sich die Geschichtswissenschaft und mit ihr die Sozialgeschichte vor allem der Erforschung und Darstellung von Kulturphänomenen zu. Insofern ist eine Grundorientierung der gegenwärtigen Geschichtswissenschaft nicht auf der Höhe der Zeit.25 Wie ist Abhilfe zu schaffen? Die enge Verknüpfung von Sozialgeschichte und Wirtschaftsgeschichte war lange ein Markenzeichen der deutschen Entwicklung, auch noch der Historischen Sozialwissenschaft.26 Sicherlich wäre es naiv, langweilig und chancenlos, für die Rückkehr zu älteren Formen der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zu plädieren. Die künftige Wirtschaftsgeschichte wird die neuen Anstöße aus der Kulturgeschichte, aus dem Konstruktivismus und aus der neuen Aufmerksamkeit für die handelnden Subjekte aufnehmen müssen. Es mag interessant sein, die Geschichte des Kapitalismus, der Industria­lisierung und des Übergangs zur postindustriellen Gesellschaft stärker handlungsgeschichtlich darzustellen, etwa auf Unternehmen und Unternehmer besonders zu achten, Produktions- und Konsumgeschichte zu verknüpfen und der Geschichte der Arbeit und des Wissens besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Vieles ist denkbar, aber hier nicht auszuführen. Jedenfalls zeichnet sich die Restituierung der Wirtschaftsgeschichte – nicht als Spezial-Subdisziplin, denn als solche existiert und floriert sie ja auch heute, sondern als tragender Teil einer als Historische Sozialwissenschaft verstandenen All­gemeingeschichte – als lohnende Aufgabe ab.

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6. Sozialgeschichte und Globalgeschichte1 Die Sozialgeschichte ist wohlauf und in vielen Bereich wirksam, wenngleich stark verändert, mit zerfasernden Außengrenzen und nicht ohne Gegenwind. Sie hat aufgehört, die faszinierende, avantgardistische Oppositionswissenschaft zu sein, als die sie einstmals die unternehmungslustigen Jüngsten im Fach faszinierte und hinter sich scharte. Wenn es heute etwas Entsprechendes gibt, dann ist es die transnationale Öffnung der Geschichtswissenschaft in Richtung Weltund Globalgeschichte. Es gibt Vorläufer, natürlich, doch seit Anfang der neunziger Jahre erlebt dieses Phänomen einen raschen Aufschwung. An Buchtiteln, Zeitschriften­ gründungen, Debatten, Kongressen, Studiengängen und Seminarthemen lässt sich das zeigen. Unter den Etiketten »Transnationale Geschichtswissenschaft«, »Weltgeschichte« und »Globalgeschichte« (um jetzt nur deutsche Begriffe zu nennen, obwohl es sich um ein internationales Phänomen handelt, mit besonderem Schwerpunkt in den USA, aber auch in Ländern wie Indien vertreten) versammelt sich sehr Verschiedenes: von der Geschichte kultureller Transfers und Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert über die Geschichte von Öffentlichkeit, Politik und Zivilgesellschaft auf europäischer Ebene und die über Jahrhunderte reichende Geschichte der großen Imperien mit ihren Kriegen bis hin zur Geschichte kolonialer und postkolonialer Beziehungen zwischen Teilen des Westens und nichtwestlichen Teilen der Welt. Die Geschichte der Weltwirtschaft oder wirtschaftlicher Beziehungen im globalen Maßstab gehört dazu; ebenso die Klima- und Umweltgeschichte; des Weiteren die Geschichte der gegenseitigen Wahrnehmungen von Orient und Okzident im Spiegel von Reisen, Kriegen, Missionsberichten und intellektuellen Diskursen, der anspruchsvolle Zivilisationsvergleich und der hier nicht zu berücksichtigende Extremfall planetarischer Geschichtsentwürfe. Viel anderes wäre zu nennen, die Palette ist bunt. Gemeinsam ist diesen Untersuchungen die transnationale Stoßrichtung, die Leidenschaft für die Überschreitung von Grenzen, die Faszination durch historische Phänomene mit großer räumlicher Erstreckung, das Interesse an Verflechtung und Vergleich über regionale, nationale, kulturelle Grenzen hinweg, die Suche nach großen Zusammenhängen auch dann, wenn man sich danach wieder einem enger begrenzten Gegenstand, zum Beispiel dem deutschen Kaiserreich um 1900, zuwendet in der Hoffnung, diesen Untersuchungsgegenstand im großen, tendenziell globalen Zusammenhang neu zu beleuchten und neu zu deuten. Das konfliktreiche Verhältnis, die asymmetrischen Beziehungen zwischen Europa und den nichteuropäischen Teilen der Welt, zwischen »the West and the 94

rest«, stellen teils explizit, teils implizit ein ideenpolitisches Zentrum der neuen Welt- und Globalgeschichte dar, oft in postkolonialem Geist und mit schlechtem westlichen Gewissen, oft mit der ausdrücklichen Absicht, sich von europazentrischen Deutungen zu lösen – und sei es nur durch Diskursgeschichte, Dekonstruktion und Kritik der überlieferten »Meistererzählung« vom Aufstieg des Westens in der Moderne. Allerdings findet sich die »westkritische« Sichtweise nicht bei allen, die sich auf dem Feld der Welt- und Globalgeschichte oder der transnationalen Geschichte überhaupt tummeln. Was sie dagegen durchweg gemeinsam haben, ist die Arbeit an der Lockerung, der Überschreitung, der Überwindung des nationalgeschichtlichen Paradigmas. Und das ist, wo es gelingt, durchaus wichtig. Denn trotz immer wieder auftretender Ausnahmen ist jedenfalls die Neuere Geschichte seit ihrer Professionalisierung im 19. Jahrhundert vor allem im nationalgeschichtlichen Rahmen betrieben worden. In den meisten westlichen Ländern ist der Aufstieg der Geschichte als eines wissenschaftlichen Massen­ faches in Schule, Universität und Öffentlichkeit eng mit der kulturellen Na­ tionsbildung verbunden gewesen und vom sich machtvoll etablierenden Nationalstaat befördert worden, wie umgekehrt die Historiker mit ihren Deutungen zur Kräftigung der nationalen Identität beitrugen. Nicht immer, aber meistens platzierten Historiker ihre Untersuchungsgegenstände in nationalgeschichtlichen Kontexten, sie untersuchten Phänomene der Politik, der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Kultur eines Landes  – oftmals des eigenen –, und das gilt im Grunde bis heute, nicht nur in den westlichen Ländern einschließlich Osteuropas, sondern auch in den Ländern Asiens und Afrikas, wo die westliche Geschichtswissenschaft Fuß gefasst und sich mit eigenständigen Traditionen geschichtlichen Denkens verschmolzen hat. Zwar haben beispielsweise in Deutschland die Neigung zum unkritischen Lob der eigenen Nationalgeschichte und die Bereitschaft zur vorbehaltlosen Identifikation mit der eigenen Nation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr nachgelassen. Doch gerade auch die kritisch-selbstkritische Befassung mit der eigenen Geschichte blieb meist innerhalb des nationalgeschichtlichen Paradigmas. Das gilt auch für die Sozialgeschichte, auch und gerade in ihrer Bielefelder Prägung. Die Lust an der Sprengung dieser mächtigen Tradition nationalgeschichtlichen Denkens und Forschens erklärt einen Teil der Faszination, die davon auf viele unternehmungslustige jüngere Historiker ausgeht. Im Umkehrschluss erklärt sich so aber auch, warum diese Öffnung zur Welt- und Globalgeschichte, zur Verflechtungs- und Beziehungsgeschichte heute eine mächtige intellektuelle Bewegung darstellt. Sie ist vor allem ein Reflex auf die reale Transnationalisierung unseres Lebens, die zwar weit zurückreichende Wurzeln hat, aber seit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes 1990 und mit der digitalen Revolution der letzten anderthalb Jahrzehnte erheblich an Geschwindigkeit gewonnen hat – als Europäisierung schon seit längerem, als Globalisierung zuletzt. Mit Globalisierung ist nicht gemeint, dass die verschiedenen Gesellschaf95

ten und Kulturen immer ähnlicher werden und die Welt immer homogener wird; das Gegenteil ist teilweise zu beobachten. Mit Globalisierung ist vielmehr gemeint, dass die Interaktion, die gegenseitige Beeinflussung, die Verflechtung der verschiedenen Gesellschaften, Kulturen, Erfahrungsraume und Handlungseinheiten an Häufigkeit und Intensität zunehmen und der transnationale Zusammenhang wirklicher, erfahrbarer und gestaltbarer wird. Dies geschieht derzeit nicht nur in Ökonomie und Politik sondern auch durch Migrationen und Reisen, Information und Kultur in Bezug auf Hochkultur und Volkskultur, Mode, Musik, Konsum und Lebensstil. Es handelt sich um transnationale Verflechtungen unterschiedlicher Reichweite – von der deutschfranzösischen Nach­barschaft über EU-Zusammenhänge und die atlantische Zusammengehörigkeit bis hin zu selektiven Verknüpfungen weltweit. Die Medien, die internatio­nal-globalen Institutionen wie UNO, Weltbank, Attac oder auch global wahrgenommene Ereignisse wie die Olympischen Spiele, der Irakkrieg oder der Tod eines Papstes leisten ihren Beitrag dazu – erst recht der weltweit siegreiche Kapitalismus und die prinzipiell weltweit agierende Wissenschaft, vor allem für die Eliten, aber teilweise auch für die breite Bevölkerung, jedenfalls in unseren Ländern. Was »unsere Geschichte« ist, ändert sich damit. Ohne dass die nationale Dimen­sion verschwände, gewinnen transnationale Dimensionen in unseren Erfahrungen und Erwartungen, in unserem Selbstverständnis und unseren Handlungsräumen an Gewicht. Die Tendenzen zur transnationalen Geschichtssicht sind ein Produkt dieser Epoche der Globalisierung  – einer Globalisierung, die mit ihren Anfängen bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen mag, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert an Fahrt gewann, aber erst in den letzten anderthalb Jahrzehnten so mächtig wurde, dass sie als Epochenmerkmal der Gegenwart gelten kann. Doch die transnationale Öffnung der Geschichtswissenschaft stößt auf Schwierigkeiten und Grenzen, besonders in ihrer globalen Variante. Erstens gibt es Probleme der Methode. Historiker legen aus gutem Grund viel Wert darauf, genau hinzuschauen. Sie versuchen, Primärquellen zu nutzen und sie in der Originalsprache zu studieren. Sie versuchen, die zu unter­ suchenden Phänomene nicht zu sehr aus ihrem Kontext zu lösen. Um historisch zu re­konstruieren, zu verstehen und zu erklären, muss man den Kranz der Bedingungen und Folgen, der Begleitumstände und Üblichkeiten, den dichten Kontext und komplexen Zusammenhang gut kennen und in Rechnung ­stellen, in die das zu untersuchende Phänomen eingebettet ist. Diese Kontexte variieren und wandeln sich sehr in Raum und Zeit. Wer sie nicht genau kennt oder von ihnen zu sehr abstrahiert, setzt sich der Gefahr der Verzeichnung, der Oberflächlichkeit, der Spekulation und der Ideologisierung aus. Wenn man mit weltweiter Erstreckung über Epochen-, Länder-, Sprach- und Kulturgrenzen hinweg fragt und argumentiert, ist diese Gefahr groß. Das war es wohl, was uns früher Weltgeschichte à la Spengler als vor-professionell ablehnen ließ. 96

Zweitens gibt es Probleme der Ideologie. Ein Anstoß zur Beschäftigung mit globalgeschichtlichen Fragen kommt aus der Denkrichtung der »postcolonial studies«. Sie lenkt den Blick auf Interaktionen und asymmetrische Abhängigkeiten zwischen Metropole und Peripherie, zwischen Kolonialland und Kolonie, zwischen dem Westen und anderen Teilen der Welt, und zwar nicht nur auf Einflüsse und Einwirkungen von der Metropolenwelt auf die Kolonisierten, sondern gerade auch umgekehrt: z. B. auf die Rückwirkung des kolonisierten Bengalen auf die Kultur der englischen Oberschicht und generell auf die Bedeutung der Erfahrung kolonialer Beherrschung auf das kolonisierende Land. Das eröffnet vielfache neue Erkenntnismöglichkeiten, zweifellos, die erst noch zu realisieren sind. Das führt manchmal zur Relativierung der historischen Subjektrolle der Metropolen und zur Kritik herkömmlicher Selbstverständlichkeiten, und das ist sowohl intellektuell wie politisch interessant. Das kann man aber auch rasch übertreiben. Vor allem muss man hier zwischen den einzelnen westlichen Ländern scharf differenzieren. Was für die aktiven Kolonialländer England, Frankreich, Niederlande, auch Spanien und – nach Osten hin – Russland zutreffen mag, nämlich ein Stück Prägung durch das Ausgreifen in die nichteuropäische Welt die man unterwirft, ausnutzt und beeinflusst, und eben dadurch rückwirkend geprägt und verändert wird, trifft auf das deutschsprachige mittlere Europa sehr viel weniger zu, das als kolonialisierende Region spät auftrat und nicht weit kam. In unkritischer Orientierung an Glaubenssätzen postkolonialer Herkunft produzieren globalhistorische Ansätze, insbesondere zum 19.  und 20.  Jahrhundert, derzeit manches Stück heiße Luft mit wenig empi­ rischer Substanz dahinter. Mein drittes Argument über Grenzen der globalgeschichtlichen Öffnung möchte ich mit Karl Marx, dem Marx des Kommunistischen Manifests und der Deutschen Ideologie, exemplifizieren. Marx hat ja Mitte des 19.  Jahrhunderts scharfsinnig gezeigt, und Globalhistoriker zitieren das gern zustimmend, wie sich der Kapitalismus mit der Industrialisierung weltweit ausbreiten, bisher vorkapitalistische Teile der Welt durchdringen und verändern würde, und dann als transnationales Phänomen auf die Industrie und die Bourgeoisie der Ausgangsländer zurückwirken, diese prägen und verändern würde. Dies ist zweifellos ein überzeugendes globalgeschichtliches Argument, das dem Einfluss globaler Zusammenhänge auf nationalgesellschaftliche Entwicklungen scharfsinnig nachgeht, wenngleich nur als Skizze. Aber um die Entstehung dieses globalen Zusammenhangs und also die Bedingung dieser globalgeschichtlichen Einwirkung auf nationalgesellschaftliche und nationalökonomische Prozesse zu analysieren, blickt Marx vor allem in das Innere der die Industrialisierung vorantreibenden Länder, und dort auf das Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, auf das Verhältnis der Klassen, auf die gesellschaft­ lichen Bedingungen kapitalistischer Dynamik. Ich glaube, das ist paradigmatisch. Um die Entstehung globaler Dynamiken, die Triebkräfte und Träger der Globalisierung, die Motive und Energien transnationalen Ausgreifens zu verstehen, muss man zunächst und vor allem 97

Erfahrungen und Erwartungen, Sozialisationsprozesse und soziale Konflikte, Interessen und Konstellationen, handelnde Individuen und Gruppen in den beteiligten Ländern in den Blick nehmen, und zwar eher in den Metropolen als an den Peripherien – so sehr einzuräumen ist, dass der Verflechtungsprozess, wenn er erst einmal in Gang gesetzt ist, selbst zur weiteren Dynamik beitragen kann, wie an der Geschichte des Imperialismus und der Imperien seit längerem erforscht worden ist. Viertens sei darauf hingewiesen, dass es viele gute Gründe auch zukünftig geben dürfte, Geschichte – auch Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte – im nationalgeschichtlichen Rahmen zu betreiben, jedenfalls wenn es um das 19.  und 20.  Jahrhundert in unserem Teil  der Welt geht. Ein Grund dafür liegt darin, dass das gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben in hohem, wenngleich historisch variablen Ausmaß durch die sich ­etablierenden, sich durchsetzenden, kräftig bleibenden Nationalstaaten geprägt wurde, besonders dann, wenn deren Grenzen mit sprachlichen Grenzen zusammenfielen (wie meistens und im 20. Jahrhundert noch einmal zunehmend der Fall). Die sich spätestens seit den achtziger Jahren des 19.  Jahrhunderts verdichtenden transnationalen Verflechtungen über die Grenzen hinweg haben diesen Prozess, der als Territorialisierung oder Nationalisierung des ge­ sellschaftlichen Lebens zu verstehen ist, nicht nur nicht gebremst, sondern ­umgekehrt eher mit angetrieben, wie die jüngste Forschung zum Nationalismus zeigt. Zum andern sei an die öffentlichen Funktionen der Geschichtswissenschaft erinnert. Gerade wer diese ernst nimmt und dafür eintritt, dass Historiker ihren kleinen Beitrag zur historischen Selbstaufklärung der Gegenwart, zur Kritik an Mythen und Erinnerungen, zur Möglichkeit des Lernens aus Geschichte leisten und den Bezug zu ihrem Publikum pflegen sollen, wird nicht übersehen können, dass heute und auf absehbare Zeit dieses Publikum – nicht nur, aber auch  – nationalstaatlich gerahmt, nationalkulturell getönt und nationalsprachlich spezifisch ist, gerade auch in Bezug auf das kollektive oder kulturelle Gedächtnis. Wenn wir uns in diesem Sinn für unsere Geschichte interessieren, dann ist diese nicht ausschließlich, aber eben auch nationale ­Geschichte, auch dann, wenn man ihr kritisch nachzugehen versucht. Auch daraus folgt das Recht, ja für viele Themen die Pflicht zur nationalgeschichtlichen Perspektive. Doch umgekehrt bietet die globalgeschichtliche Öffnung den Historikern, und auch den Sozialhistorikern, interessante Chancen und Perspektiven. Ohne dies jetzt ausführen zu können, nenne ich abschließend vier Leistungen, die ich mir von der transnationalen Öffnung für die Sozialgeschichte erhoffe und die teilweise bereits sichtbar sind. Erstens spricht viel dafür, auch in der Sozialgeschichte verstärkt über Räume nachzudenken und Grenzen wie Grenzüberschreitungen zu thematisieren. Die sozialgeschichtliche Bedeutung nationalstaatlicher Grenzen sollte nicht nur als gegeben vorausgesetzt, sondern zum empirischen Problem gemacht ­werden. 98

Man wird dabei transnationale Räume entdecken, wie in der letzten Zeit in der historischen Migrations- und Diasporaforschung. Man wird das ­Phänomen gesellschaftlicher Transterritorialität untersuchen und damit einen Beitrag zur Debatte über den Begriff der Gesellschaft leisten können, der mit seinen meist implizit vorausgesetzten nationalstaatlichen Grenzen in der letzten Zeit ins Schwimmen gerät. Am Phänomen gesellschaftlicher Europäisierung wird dies von Sozialwissenschaftlern diskutiert. Zweitens. Herkömmlicherweise ist der Vergleich, also die systematische Frage nach Ähnlichkeiten und Unterschieden, der Königsweg der Historiker über die Nationalgeschichte hinaus. Das bleibt er meiner Überzeugung nach auch im Zug der globalgeschichtlichen Erweiterung des historischen Blickwinkels, wie sie derzeit stattfindet. Doch ist klar, altbekannt und im letzten Jahrzehnt nur verstärkt ins Bewusstsein getreten, dass es einen zweiten Weg über den je­weiligen nationalgeschichtlichen Rahmen hinaus gibt: die Rekonstruktion von Beziehungen, Wahrnehmungen, Transfers und Verflechtungen über die Grenzen hinweg. Güter, Informationen, Menschen wandern von Land zu Land, von Region zu Region, über kurze und sehr lange Distanzen, und sie ändern sich dabei. Da bleibt auch sozialgeschichtlich vieles zu erforschen, und darin sind reizvolle Theorieprobleme verborgen, die derzeit an den Stichworten »­histoire croisée«, »entangled histories« und »Verflechtungsgeschichte« dis­ku­ tiert werden. Methodisch scheint mir zweierlei besonders wichtig: Einerseits soll man sich nicht einreden lassen, dass historischer Vergleich und Verflechtungsgeschichte sich gegenseitig ausschließen; im Gegenteil, sie sind aufeinander angewiesen. Wenn Globalhistoriker, wie häufig zu beobachten, auf systematischen Vergleich verzichten zu können glauben, begeben sie sich auf dünnes Eis. Zum anderen gilt, dass auch Verflechtungsgeschichte den Begriff der Grenze voraussetzt. Zunehmende Verflechtungen und Beeinflussungen über Grenzen hinweg führen auch nicht notwendig zur Verwischung dieser Grenzen, sondern können zu ihrer schärferen Ausprägung beitragen – in der Wahrnehmung der Zeitgenossen, aber auch praktisch durch Ausbau und Befestigung der Grenzen, gewissermaßen im Gegenzug. So gingen Schübe der Nationalisierung, der Nationalstaatsbildung und des Nationalismus mit Schüben der realen Transnationalisierung, ja Globalisierung Hand in Hand, so schon um 1800, wieder um 1900 und vielleicht auch in den letzten fünfzehn Jahren, vor allem außerhalb des Westens: ein scheinbares Paradox, das sich auflösen lässt, wobei die Sozialgeschichte des Nationalismus neue Anregungen erhält. Drittens zum Thema »the West and the rest«. In der meist kritisch, oft polemisch, noch öfter schuldbewusst gestellten Frage nach dem Verhältnis des ­Westens zu anderen Teilen der Welt liegt eine wichtige Triebfeder der heutigen Konjunktur globalgeschichtlichen Interesses. Transnationale Geschichtsschreibung erreicht globale Reichweite eigentlich erst dann, wenn sie über den Westen hinaus zu fragen, zu forschen, zu argumentieren vermag – immer selektiv, niemals flächendeckend, aber immerhin. 99

Mustert man die ernsthafte Forschungsliteratur mit globalgeschichtlicher Reichweite, dann sieht man einzelne große Leistungen, in Deutschland z. B. das Werk von Jürgen Osterhammel. Man sieht, dass perzeptions- und diskurs­ geschichtlich einiges vorliegt, zum Beispiel zur gegenseitigen Wahrnehmung von Asiaten und Europäern über die Jahrhunderte, nicht zuletzt im Medium der Literatur, der Reiseberichte. Man sieht, dass politikgeschichtlich vieles erforscht wurde: im Bereich der internationalen Beziehungen, zu übernationalen Organisationen des 20. Jahrhunderts, zur Geschichte der Weltreiche beziehungsweise Imperien (ein großes globalgeschichtliches Thema gerade jetzt). Und man sieht, dass die wirtschaftsgeschichtliche Forschung im globalen Rahmen große Fortschritte macht, auch zu der alten Frage, warum Ostasien, das bis ins 17. oder gar 18.  Jahrhundert in Teilen mindestens so modern und ökonomisch leistungsstark war wie Europa, seit dem 18.  und 19.  Jahrhundert gegenüber dem davonziehenden Westen tief in Rückstand geriet, was sich erst jetzt, im 21. Jahr­ hundert, wieder ändert. Sozialgeschichtlich bleibt noch das meiste zu tun, wenngleich es Ansätze längst gibt. Die Migrationsgeschichte zum Beispiel, zuletzt und am besten bei Dirk Hoerder. Genannt sei die historische Diasporaforschung, beispielsweise zur Geschichte der Chinesen und ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit in Südostasien, Afrika und Nordamerika. Die Geschichte der Juden ist die Geschichte eines transnationalen Phänomens par excellence. Es gibt auch Ansätze zur global vergleichenden Arbeiter- und Arbeiterbewegungsgeschichte, zum Beispiel bei Marcel van der Linden in Amsterdam. Schließlich wird man auf den breiten Zivilisationsvergleich, etwa mit Hilfe eines reflektierten Modernisierungsbegriffs in der Nachfolge Max Webers keinesfalls verzichten können. Er eignet sich allerdings nicht für Dissertationen, ist eher eine Sache historischer Soziologen reiferen Alters: Shmuel N. Eisenstadt, Michael Mann und Björn Wittrock seien als Beispiele genannt. Und er ruft fast automatisch den reflexhaften Vorwurf des Europazentrismus, der westlichen Befangenheit hervor. Davon sollte man sich nicht zu schnell abschrecken lassen. Viertens könnte die transnationale Öffnung die Sozialhistoriker dazu zwingen, einige ihrer Grundbegriffe und Erklärungsmuster kritisch zu über­denken. Denn Begriffe wie Gesellschaft, Klasse und Ungleichheit sind oft nationalgeschichtlich gerahmt, ohne dass uns diese Rahmung immer bewusst wäre. Aus transnationaler Sicht könnte das deutlich werden – Konsequenz zunächst offen. Das ist das Eine. Das Andere: Üblicherweise tendiert man in der So­ zialgeschichte dazu, die behandelten Phänomene – z. B. soziale Proteste, Differenzierung, Wandel der Familie, Nationalismus, Aggressivität – in Kategorien innergesellschaftlicher Dynamiken zu begreifen, zu erklären und einzuordnen. Generell halte ich dies für überzeugend, selbst bei der Erklärung von Globalisierungsschüben, wie oben im Anschluss an das Kommunistische Manifest aus­geführt. Aber es gibt auch die andere Beeinflussungsrichtung. Die gesellschaftliche Entwicklung in den einzelnen Regionen, Ländern und Weltteilen ist häufig vom »Geschiebe und Gedränge«, den meist asymmetrischen Bezie100

hungen ­zwischen ihnen, von Kämpfen, Imitationen, Unterwerfungen und Befreiungen mitgeprägt. Die transnationale Öffnung des Blicks wird die Aufmerksamkeit für die externen Bedingungen interner Entwicklungen, für das Wechselverhältnis von Binnen- und Außenbeziehungen schärfen. Man wird sich heute kaum mehr einem generellen Primat der Innenpolitik verschreiben, auch nicht in der So­zialgeschichte. Erst Recht spricht nichts für den Primat der Transnationalität. Beides richtig zusammenzuführen und dabei die Fragen nach Ursachen und Folgen klar zu verfolgen, darauf kommt es an.

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7. Vergleichende Geschichtswissenschaft heute1 Die Vergleichende Geschichte hat in den letzten Jahren einen großen Aufschwung erlebt, besonders in Deutschland. Ihr Nutzen wird immer wieder beschworen. Doch in der Praxis ist der systematische Vergleich eine Sache von Minderheiten geblieben. Es fehlt nicht an alten und neuen Einwänden gegen die historische Komparatistik. Das Thema bleibt kontrovers.2 Es hat überdies an Aktualität gewonnen, seit transnationale, transregionale und insbesondere globalgeschichtliche Ansätze in den letzten Jahren weltweit an Boden gewonnen haben, die nur zu einem Teil vergleichend vorgehen, zum anderen Teil aber grenzüberschreitend Verflechtungen, Beziehungen und Transfers nach­gehen. Das spannungsreiche Verhältnis von histoire comparée und histoire ­croisée, von Vergleich und Verflechtung ist damit ins Zentrum der Aufmerksamkeit ­gerückt.3

Ähnlichkeiten und Unterschiede Historisches Vergleichen ist dadurch gekennzeichnet, dass es zwei oder mehrere historische Phänomene systematisch nach Ähnlichkeiten und Unterschieden untersucht, um auf dieser Grundlage zu genaueren Beschreibungen, besseren Erklärungen und weiter führenden Interpretationen zu gelangen. Indem man die Frage nach Ähnlichkeiten und Unterschieden von mindestens zwei Vergleichsfällen als zentrales Merkmal sieht, grenzt man den historischen Vergleich von solchen Arbeiten ab, die sich lediglich der Untersuchung und Darstellung eines, wenngleich möglicherweise sehr umfassenden, Zusammenhangs widmen. Zahlreiche wertvolle Arbeiten sind transnational und transkulturell angelegt, ohne damit schon vergleichend zu sein.4 Im Vollsinn vergleichende Arbeiten unterscheiden sich überdies von solchen, in denen Vergleiche nur »en  passant«, nebenbei oder implizit vorkommen. Diese sind häufig. Im Fol­ genden geht es um systematische Vergleiche, in denen die Frage nach Ähnlichkeiten und Unterschieden eine zentrale Rolle spielt. Schließlich soll die obige Definition darauf verweisen, dass Vergleiche in der Geschichtswissenschaft selten Selbstzweck sind, sondern gewöhnlich weiterreichenden Erkenntniszielen dienen. Auf der allgemeinsten Ebene kann man zwischen zwei Grundtypen des histo­ rischen Vergleichs unterscheiden, nämlich zwischen solchen, die eher der Kontrastierung, mithin der Einsicht in die Unterschiede und damit der genaueren 102

Erkenntnis der einzelnen Vergleichsfälle (oder eines davon) dienen und solchen, die eher die Einsicht in Übereinstimmungen, also die Generalisierung und damit die Erkenntnis allgemeiner Zusammenhänge befördern. Diese Unterscheidung findet sich in der wissenschaftlichen Literatur immer wieder. Schon John Stuart Mill kontrastierte die »method of difference« mit der »method of agreement«. Ähnlich argumentieren A. A. van den Braembussche, Theda Skocpol und Charles Tilly, um zwischen dem »contrasting type« und dem »universalizing type« des historischen Vergleichs zu unterscheiden und dazwischen verschiedene Mischformen zu entdecken.5 Eine entsprechende Unterscheidung traf bereits Otto Hintze in einer Schrift aus dem Jahr 1929: »Man kann vergleichen, um ein Allgemeines zu finden, das dem Verglichenen zugrunde liegt; (oder) man kann vergleichen, um den einen der möglichen Gegenstände in seiner Individualität schärfer zu erfassen und von den anderen abzuheben.«6 Vergleichend arbeitende Historiker tun meist beides zugleich, doch mit sehr unterschiedlichem Gewicht. Die von Otto Hintze und anderen formulierte Unterscheidung ist grundlegend. Vergleichende Forschungen lassen sich im Hinblick auf die Art und Weise unterscheiden, in der sie beide Dimensionen gewichten und verbinden.

Methodische Funktionen Auf einer zweiten Ebene, die eine etwas genauere Differenzierung erlaubt, lassen sich unterschiedliche methodische Zwecke ausmachen, denen der histo­rische Vergleich dienen kann. a) In heuristischer Hinsicht erlaubt der Vergleich, Fragen zu identifizieren, die man ohne ihn nicht oder nur schwerlich stellen würde. Für diese Leistung des Vergleichs gab Marc Bloch, aufgrund eigener Forschungen, ein Beispiel aus der Agrargeschichte. Nachdem er die englischen »enclosures« vom 16. bis zum 19. Jahrhundert untersucht und in ihren Funktionen gewürdigt hatte, lag ihm die Annahme nahe, dass entsprechende Prozesse auch in Frankreich stattgefunden haben könnten, wenngleich die dortigen Forschungen sie noch nicht entdeckt hatten. Ausgehend von dieser vom englischen Beispiel angeregten Frage nach französischen Analogien oder Äquivalenten deckte Bloch für die Provence des 15., 16.  und 17.  Jahrhunderts entsprechende, wenngleich nicht identische Veränderungen der agrarischen Besitzstruktur auf und trug damit zu einer Revision der Geschichtsschreibung über diese Regionen bei. Die produktive wissenschaftliche Transferleistung fußte auf der Überzeugung, dass agrargesellschaftliche Problemlagen sich beiderseits des Kanals ähnlich stellten, die auf entsprechende, wenn auch nicht identische Lösungen drängen mussten, wenn denn ähnliche Weiterentwicklungen – hier die Herausbildung einer marktwirtschaftlich betriebenen Landwirtschaft – eintreten sollten. Dass solche Weiterentwicklungen eingetreten waren, wusste man aber in der Rückschau.7 103

b) In deskriptiver Hinsicht dient der historische Vergleich vor allem der deutlichen Profilierung der einzelnen Fälle, oft auch eines einzigen, besonders interessanten Falles. So gelangt man zu der Einsicht, dass die deutsche Arbeiterbewegung relativ früh als eigenständige Kraft einschließlich zugehöriger Partei auftrat, vor allem dann, wenn man sie mit anderen Arbeiterbewegungen vergleicht, etwa mit denen in England oder den Vereinigten Staaten. Die ungewöhnlich starke Stellung, ausgeprägte Kohäsion und große Wirkungskraft des deutschen Bildungsbürgertums erkennt man erst im Vergleich mit anderen europäische Gesellschaften und die verspätete Entwicklung der Stadt Oberhausen wird erst im Unterschied zu anderen vergleichbaren deutschen Städten deutlich.8 Historische Besonderheiten erkennt man erst dann scharf, wenn Vergleichsbeispiele herangezogen werden, die in anderen strukturellen Hinsichten genügend ähnlich, in der besonders interessierenden Hinsicht jedoch unterschieden sind. c)  In analytischer Hinsicht leistet der Vergleich einen unersetzbaren Beitrag zur Erklärung historischer Sachverhalte. Einerseits dient er der Kritik von Pseudoerklärungen. Wiederum hat Marc Bloch ein brauchbares Beispiel geliefert: Wenn man bemerkt, dass die Verschärfung des Drucks der mittel­ alterlich-frühneuzeitlichen Grundherrschaft in den meisten Gebieten Europas etwa gleichzeitig stattfand (freilich in unterschiedlicher Form), wird man örtlich spezifischen Erklärungen skeptisch gegenüber stehen, die der Lokal- oder Regional­historiker anbieten mag. Man wird vielmehr nach gesamteuropäischen Erklärungsmustern suchen und in diesem Fall auf die fallende Grundrente und ihre Ursachen stoßen.9 Andererseits können Vergleiche als Argumente dienen und das »Testen von Hypothesen« ermöglichen. Wenn ein Historiker das Auftreten eines Phänomens a in einer Gesellschaft der Bedingung oder Ursache b zurechnet, kann er diese Hypothese dann überprüfen, wenn er nach Gesellschaften sucht, in denen a ohne b auftrat oder b existierte ohne zu a zu führen, um entweder die Hypothese als bis auf weiteres erhärtet zu akzeptieren oder sie weiter zu differenzieren.10 Allerdings stößt dieses Verfahren auf enge Grenzen, da Historiker – anders als im naturwissenschaftlichen Experiment – nur selten das Glück haben, die »ceteris paribus«-Bedingung als gegeben annehmen zu können. Schließlich dient der Vergleich auch zur Erhärtung von raum- und zeit­ spezifischen Regelmäßigkeiten. So konnte durch die vergleichende Betrachtung sozialer Protestformen in unterschiedlichen Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts der Zusammenhang zwischen staatlicher Gewaltanwendung und sozialen Protesten näher bestimmt werden. Ein anderes Beispiel: Der Vergleich verschiedener nationaler Fälle konnte zeigen, dass und wie die Organisationsfähigkeit spezifischer Industriearbeiter von ihren Arbeitsverhältnissen und von der Struktur ihrer Gemeinden beeinflusst wurde.11 d)  In paradigmatischer Hinsicht hat der Vergleich oft verfremdende Wirkung. Im Licht beobachteter Alternativen verliert eine spezifische Entwicklung die Selbstverständlichkeit, die sie vorher besessen haben mag. Der Vergleich 104

öffnet den Blick für andere Konstellationen. Er schärft, was Robert Musil den Möglichkeitssinn genannt hat. Er lässt den jeweils interessierenden Sachverhalt als eine von mehreren Möglichkeiten erkennen. Der Vergleich führt zur Ent­provinzialisierung historischer Studien. »Vor allem zwingt uns der vergleichende Ansatz dazu, unsere Annahmen über die Einzigartigkeit unserer eigenen historischen Erklärung zu überdenken.«12

Vergleichende Geschichte im Wandel Bis in die 1980er Jahre fanden historische Vergleiche vor allem in der Sozial-, Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte statt. Gegenstand des Vergleichs waren vor allem Prozesse, Strukturen und Institutionen, soziale Gruppen und Klassen, Streikwellen, Sozialstaaten, Schulsysteme, Beschäftigungsmuster, Unternehmen, Industrialisierung- und Verstädterungsprozesse, Minderheiten, Modernisierungsprozesse im Wandel der Zeit. Häufig bedienten sich vergleichende Untersuchungen quantitativer Analysetechniken, beispielsweise in der weit entwickelten vergleichenden Geschichte sozialer Proteste.13 Aber in den letzten Jahrzehnten wurde die Vorliebe der Historiker für die Untersuchung von Strukturen, Prozessen und Konstellationen in Frage gestellt. Die Rekonstruktion von Erfahrungen, Haltungen und Handlungen gewann an Bedeutung. Verschiedene Varianten der Kulturgeschichte rückten in den Mittelpunkt des Interesses. Symbolische Formen, kulturelle Praktiken, Werteinstellungen und Bedeutungen wurden zu wichtigen Themen historischer Forschung. Die Sprache gewann an zusätzlicher Bedeutung, sowohl als Gegenstand wie als häufig reflektiertes Medium historischer Studien.14 Das vorher sehr ausgeprägte Vertrauen in die Aussagekraft quantitativer Daten ließ nach, als man sie verstärkt als Produkt spezifischer historischer Situationen und sich wandelnder begrifflicher Vorentscheidungen zu sehen lernte. Im Zuge dieser Umorientierungen, die das Fach Geschichte ebenso wie benachbarte Disziplinen veränderten, haben sich auch die vorherrschenden Rahmenbedingungen, Gegenstände und Methoden des historischen Vergleichs verschoben.15 Zweifellos dürfen Strukturen und Prozesse nicht vernachlässigt werden. Die Rekonstruktion von Erfahrungen, Diskursen, Handlungen und Ideen bleibt einseitig, wenn sie nicht auf die Analyse von Strukturen, Prozessen und Institutionen bezogen wird. Auf die Verknüpfung der Dimensionen kommt es an. Dies gilt für die vergleichende Geschichte wie für andere Bereiche historischer Studien. Zweifellos wäre die Abwendung von jeder Form von Quantifizierung ein großer Verlust für die Geschichtswissenschaft, ob sie nun vergleichend arbeitet oder nicht. Man muss auch betonen, dass die vergleichende Geschichte niemals hauptsächlich quantifizierend vorging. Auch hat sie Erfahrungen, Wahrnehmungen, Handlungen und kulturelle Praktiken niemals zur Gänze vernach­ lässigt. Auf der anderen Seite ist nicht zu übersehen, dass der Vergleich von Kul105

turen und kulturellen Praktiken, von Symbolen und symbolischen Aktionen, von Mentalitäten und Ideen, Stereotypen und Orientierungen, Erinnerungen und Erinnerungsorten in den letzten Jahren erheblich an Ausdehnung gewonnen und Fortschritte gemacht hat.16 Dabei sind die vergleichenden Historiker vorsichtiger und reflektierter geworden, was die Verwendung verallgemeinernder Begriffe, Annahmen über Vergleichbarkeit und die Akzeptanz quantitativer Daten angeht. Die vergleichende Begriffsgeschichte hat an Boden gewonnen.17 Auf all diesen Gebieten bleibt viel zu tun. Eindeutig ist, dass der historische Vergleich die Dimension der Wahrnehmungen, Erfahrungen, Handlungen nicht zugunsten der Ebene der Strukturen, Prozesse und Institutionen vernachlässigen muss. Es gibt keine eingebaute Spannung zwischen dem historischen Vergleich und der Kulturgeschichte. Kulturgeschichte kann vom Vergleich ebenso profitieren wie die Sozial-, Wirtschafts- und Institutionengeschichte oder auch die zahlreichen Studien, die sich solcher Einteilung nicht fügen, weil sie die unterschiedlichen Dimensionen verknüpfen. Traditionell steht der »internationale« Vergleich im Zentrum der Komparatistik, der Vergleich zwischen Ländern, Nationalstaaten und nationalen Gesellschaften oder doch der Vergleich von Phänomenen, die unterschiedlichen Staaten und ihren Gesellschaften angehörten. Man denke an die vergleichende Untersuchung sozialer Mobilität in Deutschland und den USA, an den Vergleich der Geschichtsschreibungen in den verschiedenen Ländern Europas oder an die komparative Analyse des Verhältnisses zwischen Nationalismus und Feminismus in verschiedenen Ländern des 19.  und 20.  Jahrhunderts.18 Der internationale Vergleich hat auch weiterhin große Bedeutung. Die derzeit ausgefeilteste vergleichende Sozialgeschichte Europas analysiert Ähnlichkeiten und Unterschiede, Konvergenzen und Divergenzen gesellschaftlicher Phänomene und Entwicklungen in verschiedenen Ländern im internationalen Vergleich.19 Es gibt gute Gründe für den international vergleichenden Ansatz, jedenfalls in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie hängen mit der großen Bedeutung nationaler Grenzen und Identitäten für das Leben, die Gesellschaft, die Politik und die Kultur in Vergangenheit und Gegenwart zusammen. Andererseits ist nicht zu bezweifeln, dass regionale und lokale Unterschiede sowohl die vergangene Wirklichkeit wie die heutigen Vorstellungen von der Geschichte tief geprägt haben und prägen. Umgekehrt haben die Europäisierung und die Globalisierung des wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Lebens in den letzten Jahrzehnten die auch in früheren Jahrhunderten nicht fehlenden übernationalen Beziehungen, Austauschvorgänge und Verknüpfungen verstärkt. Historische Studien haben ihre Fragen und Antworten immer auch lokal- und regionalgeschichtlich gerahmt. Transnationale Ansätze haben in den letzten Jahren ungemein an Bedeutung gewonnen. All dies wirkt sich als Relativierung des international vergleichenden Ansatzes aus.20 Weniger als je ist heute vergleichende Geschichte auf internationale Vergleiche reduziert. Schon Marc Bloch bemerkte, dass die Entscheidung über die angemessene räum­liche 106

Erstreckung der zu vergleichenden Untersuchungseinheiten mit den Fragen und Problemen variiert, um deren Lösung es geht.21 Wertvolle vergleichende Untersuchungen sind oftmals auf lokaler und regionaler Ebene angesiedelt gewesen, dies setzt sich fort. Der Aufschwung transnationaler Fragestellungen in den letzten Jahren hat den Anreiz zu breiten Vergleichen zwischen Weltregionen, Kulturen und Zivilisationen verstärkt.22

Vergleich und Verflechtung Weiter vorn wurde betont, dass vergleichende Geschichte durch ihr Interesse an Unterschieden und Ähnlichkeiten, Divergenzen und Konvergenzen definiert ist. Dies gilt für alle Arten historischer Vergleiche. Vergleiche sind hervorragend geeignet, die in der Geschichtswissenschaft traditionell vorherrschende nationalgeschichtliche Sicht zu durchbrechen und auszuweiten, sei es im Sinne des klassischen internationalen Vergleichs, sei es durch Vergleich von Phänomenen mit transnationaler Erstreckung, man denke an Religionen, internationale Institutionen, Phänomene sozialer Ungleichheit oder multinationale ökonomische Strukturen. Aber in jüngster Zeit haben andere Formen der Überwindung nationalgeschichtlicher Begrenzungen in der historischen Forschung und Darstellung stark an Boden gewonnen. Ich denke an Ansätze der Transfergeschichte, der »entangled histories«, der »connected histories«, der »histoire croisée«, der Verflechtungsgeschichte. Diese unterschiedlichen Ansätze haben das Interesse an der Überschreitung von Grenzen gemeinsam, von Grenzen zwischen Nationen, Regionen, Kontinenten oder anderen Räumen. Sie untersuchen grenzüberschreitende Prozesse, Bewegungen und Interaktionen, häufig mit der Frage, wie man sich gegenseitig wahrnahm, beeinflusste, prägte, ja konstituierte. Das Interesse an kulturellen Transferbeziehungen zwischen zwei Ländern, etwa zwischen Deutschland und Frankreich, war eine der Wurzeln dieser Forschungsrichtung. Das Interesse an den zutiefst asymmetrischen, aber nicht einlinigen Beziehungen zwischen Kolonialmächten und Kolonien, zwischen Metropolen und Peripherien, zwischen dem Westen und anderen Teilen der Welt ist eine andere Triebkraft für Forschungen dieser Art. Durch den jüngsten Aufschwung der Globalgeschichte erhielten sie kräftigen Rückenwind.23 Die Logik des historischen Vergleichs und die Logik der Verflechtungs­ geschichte unterscheiden sich voneinander. Während der vergleichende Ansatz die Einheiten des Vergleichs separiert (allerdings mit dem Ziel, sie unter den Gesichtspunkten der Ähnlichkeit und der Differenz wieder zusammenzubringen), betont die Verflechtungsgeschichte die Verbindungen, die Kontinuitäten, den Zusammenhang zwischen den Phänomenen in den beobachteten Räumen oder analytischen Einheiten; sie weist es zurück, zwischen ihnen scharf zu unterscheiden, wenngleich sie, entgegen dem Selbstverständnis mancher ihrer Vertreter, auch nicht ohne die Unterscheidung zwischen ihnen auskommen. Einige 107

Vertreter der Verflechtungsgeschichte (entangled histories, histoire croisée) haben vergleichende Geschichte als zu analytisch abgelehnt und ihr vorgeworfen, Unterscheidungslinien zu ziehen, wo sie nicht existierten. Sie haben die Unvereinbarkeit von historischem Vergleich und Verflechtungsgeschichte behauptet. Diese Position ist nicht überzeugend und auch weitgehend aufgegeben worden.24 Trotzdem gibt es weiterhin viele verflechtungsgeschichtliche Arbeiten, die sich mit der Rekonstruktion grenzüberschreitender Beziehungen und Einflüsse zufriedengeben und auf klar zugeschnittene Vergleiche verzichten. Dies ist problematisch, denn die Ziele umfassender transnationaler und insbesondere globaler Geschichtsdarstellungen lassen sich ohne genauen Vergleich nicht erreichen. Wie Johannes Paulmann richtig gesagt hat: »Um als Historiker aber überhaupt erkennen zu können, was bei einem interkulturellen Transfer vor sich geht, muss man vergleichen: die Stellung des untersuchten Gegenstandes im alten mit der in seinem neuen Kontext, die soziale Herkunft der Vermittler und der Betroffenen im einem Land mit der im anderen, die Benennung in einer Sprache mit der in einer anderen und schließlich die Deutung eines Phänomens in der nationalen Kultur, aus der es stammt, mit der, in die es eingefügt wurde.«25

Ohne expliziten Vergleich ist die historische Untersuchung von Transfers, Beziehungen und Verflechtungen in der großen Gefahr, den festen Boden zu verlieren und allzu luftig zu werden. Auf der anderen Seite gilt, dass vergleichende Untersuchungen nicht beschädigt, sondern verbessert werden, wenn sie die Beziehungen, Einflüsse und Verknüpfungen zwischen den von ihnen untersuchten Vergleichseinheiten (etwa zwei benachbarten Ländern) berücksichtigen, wo immer und wann immer solche bestehen. Abgesehen von jenen interessanten Studien, die weit von einander entfernte und nicht (oder kaum) verknüpfte Gesellschaften miteinander vergleichen, 26 kann und muss der historische Vergleich die Verbindungen zwischen den von ihm untersuchten Gesellschaften, Regionen, Kulturen, Perioden und Phänomenen in Rechnung stellen. Solche Verbindungen – zum Beispiel gegenseitige Wahrnehmungen und Beeinflussungen, Transfers und Reisen, Migrationen und Handelsbeziehungen, Nachahmung und Vermeidung, Abhängigkeiten und Interaktionen – können ihrerseits Ähnlichkeiten und Unterschiede, Konvergenzen und Divergenzen mit erklären. Dies wird grundsätzlich diskutiert und in empirischen Untersuchungen praktiziert. 27 Der Aufstieg der Verflechtungsgeschichte in den letzten Jahren hat dieses methodologische Postulat nur bekräftigt. Es ist eine Aufgabe der Zukunft, historischen Vergleich und Verflechtungsgeschichte noch besser zu kombinieren. Letztlich bedeutet es, den Vergleich besser in andere intellektuelle Verfahren der historischen Untersuchung und Darstellung einzubetten und dabei zu modifizieren. Der historische Vergleich hat sich verändert und wird sich weiter verändern. Er wird dabei subtiler, reflektierter und komplexer. Historischer Vergleich und Verflechtungsgeschichte werden in neuer Weise kombiniert. 108

Wirtschaft und Gesellschaft

8. Vorindustrielle Faktoren in der deutschen Industrialisierung Industriebürokratie und »neuer Mittelstand«1

I Die vorindustrielle Geschichte eines Landes beeinflusst Verlauf, Geschwindigkeit und Eigenart seiner Industrialisierung. Insbesondere gehören Interessen, Einstellungen und Verhaltensweisen der vorindustriellen Herrschaftseliten zu den prägenden Faktoren der wirtschaftlichen Wachstums- und sozioökonomischen Wandlungsprozesse, die als »Industrialisierung« zusammengefasst werden können. Das Ausmaß der Einwirkung staatlicher, meist feudal-bürokratischer Herrschaftsgruppen auf diese Prozesse wächst mit dem Grad der relativen ökonomischen »Rückständigkeit« eines Landes bei Beginn seiner Industrialisierung, wie der Vergleich der früh industrialisierenden westeuropäischen mit den später folgenden zentraleuropäischen Staaten und den Nachzüglern Russland und Japan zu zeigen scheint, ökonomische »Rückständigkeit« und damit verknüpfte vorindustrielle Traditionen beeinflussen nicht nur die Geschwindigkeit des Wachstums, die industrielle Organisation, die Methoden der Kapitalbeschaffung und andere im engeren Sinne ökonomische Veränderungen, sondern auch die Heftigkeit des sozialen Wandels, die Manifestation, Schärfe und Ausformung der im Laufe der Industrialisierung notwendig auftretenden sozialen Konflikte sowie die begleitenden Ideologien. Durch die Untersuchung vorindustrieller Wirkungsfaktoren der deutschen Industrialisierung kann der Historiker deshalb hoffen, nicht nur unterstützende und hemmende Bedingungen des industriellen Wachstums zu entdecken, sondern auch zur Analyse von so­ zialen Krisen und Protesten beizutragen, die aus den Widersprüchen des kapitalistischindustriellen Bereichs allein nicht zu erklären sind.2 Beiträge zur Verwirklichung dieses hier nicht systematisch und detailliert zu entfaltenden Forschungsansatzes fehlen keineswegs, wenn sie auch häufig unter anderer spezifischer Fragestellung erarbeitet wurden: Die Bedeutung des landbesitzenden Adels und seiner soziokulturellen Werteinstellung für die »Feudalisierung« der bürgerlichen Oberschichten und die damit verbundenen illiberalen und antidemokratischen Folgen, die reaktionäre Allianz agrarischer und industrieller Organisationen seit den späten 1870er Jahren und die Rolle agrarischer Interessen bei der Aufrechterhaltung eines traditionellen soziopolitischen Herrschaftssystems trotz gleichzeitiger ökonomischer Modernisierung fanden 111

zu Recht die Aufmerksamkeit der Forschung. Die Einwirkung von Militär und militärischen Vorbildern auf Politik und Gesellschaft Preußens und Deutschlands wurden behandelt. Die Funktionen der Bürokratie für die Modernisierung der preußisch-deutschen Gesellschaft wurden vor allem für die Zeit bis 1848 untersucht, ihre Bedeutung als Belastung für die deutsche Verfassungsentwicklung bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erkannt und – manchmal ins Stereotyp und in Vereinfachungen abgleitend – der Einfluss bürokratisch-militärischer Traditionen auf die politische Kultur und Geistesgeschichte PreußenDeutschlands im allgemeinen betont.3 Wenn sich die folgenden Bemerkungen mit einem Teilgebiet dieses Gesamtkomplexes, mit dem Einfluss von Bürokratie auf industrielle Organisation und Verwaltung sowie auf die damit zusammenhängende soziale Gruppenund Ideologienbildung beschäftigen, so mit der leitenden Hypothese, dass auf einen begrenzten Sektor bestimmte vorindustrielle, vorkapitalistische, nämlich bürokratische4 Traditionen unter bestimmten Bedingungen und in gewissen Grenzen ökonomisches Wachstum förderten und dass dieselben Traditionen zugleich – mit der Industrialisierung notwendig ablaufende – Strukturveränderungen in einer Weise beeinflussten, die sich letzlich als hinderlich für eine liberale Demokratisierung von Staat und Gesellschaft herausstellte. Im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern bestand in Preußen lange vor der Industrialisierung, deren erste Phase (nach mannigfachen Vorbereitungen) in den 1830er Jahren begann, eine ausgebildete, mächtige Bürokratie. In dem Bestreben, den nationalen Wiederaufbau Preußens zu fördern, wurde sie, nach dem Zusammenbruch des ancien régime und auf bereits im Ansatz vorhandenen sozioökonomischen Modernisierungstendenzen (besonders in den west­lichen Provinzen) fußend, zum Initiator und Leiter eines grundlegenden Wandels der Staatsverfassung, des Sozialgefüges und des Wirtschaftssystems. Die Reformen der Bürokratie ermöglichten die Entstehung einer in gewissem Sinne bürgerlichen Gesellschaft, die sich  – zum großen Teil  vergeblich  – gegen eben diese Bürokratie schließlich auflehnte. Die deutlichen Grenzen dieses obrigkeitlich gelenkten, andernorts gegen die Obrigkeit durchgesetzten Emanzipationsprozesses lagen einerseits in der seit den 1820er Jahren zunehmenden Abhängigkeit der Bürokratie vom großgrundbesitzenden Adel, andererseits in den aufrechterhaltenen Herrschaftsinteressen der modernisierenden Elite selbst. Entsprechend verwoben sich in der preußischen Wirtschaftspolitik des Vormärz industrialisierungsfördernde und -hindernde Momente in einem zeitlich, regional und sektoral wechselnden Mischungsverhältnis, aber doch in einer Weise, die die Feststellung erlaubt, dass die Industrialisierung ebensowenig gegen die Bürokratie begonnen und durchgesetzt wurde wie die bürger­liche Emanzipation im allgemeinen, dass sie vielmehr unter obrigkeitlicher Anleitung und Aufsicht, unter starker Beeinflussung und begrenzter Förderung durch die staatliche Verwaltung fortschritt.5 Die Organisations- und Ver­haltensformen, der Geist und die Leitbilder der Bürokratie drangen damit in alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft ein.6 112

Diese ökonomische und soziale Bürokratisierung im weitesten Sinn blieb, wenn auch modifiziert und im Ganzen abgeschwächt, weit über den Vormärz hinaus erhalten. Zwar trat der unmittelbare Einfluss der Bürokratie im ökonomischen Bereich nach 1848 zurück, wirtschaftspolitische Zugeständnisse kamen den selbstbewussteren Forderungen der Wirtschaftsbürger entgegen. Gerade dadurch wurde es jedoch der Bürokratie erleichtert, trotz Revolutionsversuch und Konfliktzeit, ihre politische und allgemein-gesellschaftliche Herrschaftsstellung in Allianz mit feudalen Gruppen aufrechtzuerhalten. Zumal nach den nationalpolitischen Erfolgen und begrenzten verfassungspolitischen Zugeständnissen des preußischen Staates seit 1866 zeigten sich in der Reichsgründungszeit und erst recht nach 1878 im Bürgertum starke Tendenzen, die Dominanz der bürokratischen und agrarischen Führungsschichten zu akzeptieren. Der bürgerliche Emanzipationskampf um Parlamentarisierung und begrenzte Demokratie, der nicht vor der Industrialisierung ausgetragen worden war, fand angesichts des mit der Industrialisierung entstehenden Proletariats und der sich damit für das Bürgertum eröffnenden »zweiten Front« erst recht nicht statt: Mit der Ausprägung des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit neigte vor allem das besitzende Bürgertum dazu, sich mit der obrigkeitlichen Gewalt zu verbünden, um die ihren Machtanteil fordernde oder gar die Gesellschaft in ihren Prinzipien in Frage stellende Arbeitnehmerschaft in engen Schranken halten zu können.7 Als im Zusammenhang mit den schweren Wachstumsstörungen in der zweiten Phase der deutschen Industrialisierung ab 1873 die relativ liberalste Periode deutscher Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik ihren Abschluss fand, verstärkten staatliche Instanzen wiederum ihre Eingriffe in den sozialen und wirtschaftlichen Prozess, übernahmen Pflichten und Rechte der gesellschaftlichen Integration und förderten als Adressaten der Forderungen organisierter Interessen eine nach-liberale »Formierung« der Gesellschaft, in der die immer weniger liberale, immer stärker mit feudalen Gruppen alliierte Bürokratie eine Schlüsselstellung innehielt.8 In der wachstumsintensiven, dritten Industrialisierungsphase von der Mitte der 90er Jahre bis zum Ersten Weltkrieg verstärkten sich nicht nur die Konzentrations- und Zentra­ lisationstendenzen in der deutschen Wirtschaft sowie die Macht der wirtschaftlichen und sozialen Verbände bei der Organisation von Markt und Arbeitskampf, sondern auch die interventionsstaatlichen Tendenzen. Indem staatliche Organe an der Gestaltung und Stabilisierung der Machtverhältnisse und an der Förderung des wirtschaftlichen Wachstums mitwirkten und umgekehrt organisierte Interessen verstärkten Einfluss auf sie zu erlangen suchten, verzahnten sich staatliche und sozioökonomische Handlungsbereiche enger als zuvor. Für die Art des ökonomischen Lebens in Deutschland, seine Organisation, seinen Stil, seine Träger und deren Selbstverständnis gewann damit eine politische Machtstruktur an Bedeutung, die in ihrer Entwicklung mit der ökonomischen Modernisierung nicht Schritt gehalten hatte und weiterhin von vorindustriellen Herrschaftsschichten, von Bürokratie, Militär und Adel, bestimmt wurde. Ohne Berücksichtigung dieser allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen, 113

die hier nur äußerst flüchtig skizziert werden können, wäre kaum zu verstehen, warum die aus den spezifischen Bedingungen der deutschen Frühindustria­ lisierung stammende bürokratische Einfärbung verschiedener, sich im übrigen stark verändernder, sozioökonomischer Bereiche solange andauerte.9

II Die Kanäle, durch die bürokratische Organisations- und Verhaltensmuster in die entstehende Industrie und besonders in ihren Verwaltungsbereich eindrangen, waren vielfältig. Die merkantilistische Verknüpfung von Staat und Wirtschaft in vorindustrieller Zeit führte zu mannigfachen Abhängigkeiten und Verschmelzungen zwischen Teilen der Bürokratie und den Manufakturunternehmern, die obrigkeitliche Funktionen wahrnahmen und oft einen den Fürstendienern ähnlichen Status erhielten. Staatliche Instanzen suchten und fanden Einfluss auf Auswahl, Behandlung und Orientierung des manufakturellen Personals.10 Vor und nach 1800 agierten preußische Beamte als Unternehmer. Der Staat betrieb in eigener Regie von Beamten geleitete Unternehmen, vor allem Bergwerke und einzelne Musterbetriebe bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein. Seit den 20er Jahren bildeten staatliche Beamte in staatlichen Gewerbe-, später Polytechnischen und Technischen Hochschulen Handwerker, Werkmeister, Techniker, Ingenieure und Unternehmer aus. Allein das Berliner Gewerbeinstitut entließ in den ersten 50 Jahren seines Bestehens 3.500 ausgebildete Techniker in die aufnahmebereite Wirtschaft. In den technischen und gewerblichen Gesellschaften des frühen 19. Jahrhunderts waren der Anteil der Beamten hoch und Kontakte zwischen Gewerbetreibenden, Wissenschaftlern, Beamten und Offizieren leicht.11 Weiterhin stellten die technischen Offiziere und Beamten ein bevorzugtes Rekrutierungsfeld für die industriellen Unternehmen dar. Die Bedeutung des Begriffs »Ingenieur«, der in Deutschland besonders lange, bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, vor allem den Kriegsbaumeister mit Erd- und Maschinenbaukenntnissen meinte, wies auf die militärische Tradition dieser Berufsgruppe hin. 1850 verfügte Preußen über ein Ingenieurkorps von 4.000 Mann und 220 Offizieren. Der absolutistisch-merkantilistischen Periode entstammte eine Bau- und Wegeverwaltung, die technische Beamte mit Bau- und Maschineningenieurkenntnissen ausbildete und beschäftigte und die wahrscheinlich die Hauptursache dafür war, dass sich in Deutschland im Unterschied zu England und USA keine Gruppe selbständiger Zivilingenieure heraus­bildete. Der Staats- und Militärbürokratie warb insbesondere der Eisenbahnbau Beamte ab.12 Schließlich waren die entstehenden Fabriken Teil einer Gesellschaft, in der das Bild des Beamten aus Macht, Bildung, Pflichtethos und sozialer Sicherheit für viele erstrebenswert schien, in der das ausgeprägte Selbstbewusstsein des Beamten seine Parallele in weitverbreiteter Anerkennung fand und in der bürokratische Organisations und Ver­haltensmuster offenbar 114

hoch angesehen waren.13 Diese Zusammenhänge wirkten sich auf die Struktur und die Verhaltensweisen in den früheren Unternehmen aus. Im Unterschied zum Handwerksbetrieb und zum Verlagssystem erforderten Manufaktur und Fabrik die Koordination und Disziplinierung einer Vielzahl von Arbeitskräften unter den durch Arbeitsplatzzentralisierung, Werkzeuge und Maschinen vorgegebenen Bedingungen, bei immer eindeutigerer Trennung von Leistungsund Ausführungsfunktionen im Interesse eines vom Unternehmer definierten und durchzusetzenden Unternehmenszieles und innerhalb eines von ihm mit zunehmender Genauigkeit determinierten, arbeitsteiligen, zu integrierenden, planmäßigen Arbeitsprozesses. Spezifische Organisationsformen, Anweisungs-, Koordinations- und Überwachungssysteme, Zu-, Über- und Unterordnungsverhältnisse wurden dadurch notwendig, die in den bisherigen Formen der gewerblichen Wirtschaft kaum vorgebildet waren und die den Unternehmer zu organisatorischen Innovationen zwangen. Die Einbindung des Unternehmens in eine sich immer klarer durchsetzende Markt- und Konkurrenzwirtschaft, sein Leistungscharakter, seine Profitorientierung und der Zwang zur Akkumulation großer Mengen fixen Kapitals stellten völlig neue Organisationsprobleme. Diese vermehrten und verschärften sich mit der Ausdehnung der Betriebe, die von technologischen und kommerziellen Faktoren nahegelegt, durch Management-Schwierigkeiten jedoch häufig behindert wurde. Die Bewältigung dieser Probleme war und ist eine wichtige, keineswegs automatisch gegebene Bedingung industriellen Wachstums.14 Die modifizierende Verwendung im öffentlichen Bereich entwickelter, bereitstehender Organisations- und Verwaltungsmodelle erleichterte den frühen preußisch-deutschen Unternehmern die Lösung dieser Aufgabe. So lässt eine detaillierte Untersuchung der 1847 gegründeten, 1872 über 500 Beschäftigte verfügenden, elektrotechnische Artikel herstellenden und Telegraphenlinien errichtenden Fabrik Siemens & Halske Berlin die klare und bewusste Übernahme bürokratischer Organisationsmuster erkennen, und zwar in einem Ausmaß, das ausländische Parallelbeispiele jener Zeit nicht aufwiesen und das möglicherweise auch über das durch den Produktions- und Verwer­ tungsprozess in jener Wachstumsphase Geforderte hinausging. Ansätze zur Formalisierung unternehmensinterner Kommunikation, klare Unter- und Überordnungsverhältnisse, bürokratische Kontrollen des angestellten Personals auf der unteren und mittleren Ebene sowie aus dem Behördenverkehr bekannte Stilelemente kennzeichneten die sich entwickelnde Industrieverwaltung zumindest dieses Unternehmens in einem hohen Maße.15 Allerdings blieb die Anwendung solcher bürokratie-orientierter Strukturen und Methoden klar begrenzt. Neben ihnen verwandte das Unternehmen finanzielle Anreize und Strafen sowie Management-Techniken, die auf der verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Loyalität leitender Angestellter beruhten oder eine ähnliche Loyalität durch patriarchalische Maßnahmen in der Belegschaft herzustellen versuchten. Formale, vom Wechsel der Personen unabhängige Organisation bildete sich nur allmählich heraus. Arbeitszerlegung und Spezialisierung blieben be115

grenzt, besonders im Büro. Der Fabrikherr war zudem jederzeit in der Lage, die von ihm erlassenen Ordnungen zu durchbrechen, Hierarchien kurzzuschließen und durch schnelle Entschlüsse etablierte Prozeduren zu stören. Die Fabrik war eindeutiger als spätere Riesenbetriebe Privatbesitz und privater Verfügung unterworfen; der Unternehmer glich eher dem Fürsten im vorkonstitutionellen, autokra­tischen Staat, in dem die entstehende Bürokratie aus abhängigen Fürstendienern bestand, als dem ersten Beamten eines modernen bürokratischen Herrschaftssystems. Schließlich setzte die Marktabhängigkeit und Leistungsbeziehungsweise Profitorientiertheit des Unternehmens seinem bürokratischen Charakter klare Grenzen, was sich u. a. in der wechselnden Leistungsbezahlung besonders für leitende Angestellte und für eine wachsende Zahl von Arbeitern, in der Nichtachtung formaler, genereller Qualifikationskriterien bei der Besetzung der Positionen, in der prinzipiellen Entlassbarkeit und prinzipiellen Unsicherheit aller Beschäftigten (auch der »Unternehmensbeamten«) zeigte.16 Soweit bürokratische Management-Methoden angewandt wurden, förderten sie vorwiegend den Erfolg des Unternehmens. Bürokratische Ordnungsvorstellungen und erwerbswirtschaftliche Rationalisierungsabsichten griffen ineinander, um die noch handwerklich und vorkapitalistisch orientierten Arbeiter dem neuen Geist anzupassen: größere Pünktlichkeit, schärfere Aufsicht, Gehorsam sowie exakte Kompetenz- und Arbeitsteilung, Schriftlichkeit und Regelmäßigkeit entsprachen auf dieser Stufe sowohl dem bürokratischen wie dem Erwerbsprinzip. Unternehmensgünstig wirkte sich auch der Einfluss bürokratischer Ordnungsvorstellungen auf Situation und Selbstverständnis der frühen Angestellten, der »Privatbeamten«, aus. Als innerbetriebliche Gruppe sind die Angestellten bereits in der ersten Phase der Industrialisierung klar identifizierbar. Eine Minderheit der Arbeitnehmer – Buchhalter, Ingenieure, Kassierer, Registratoren, Werkstattvorsteher, Meister, Werkstattschreiber, Zeichner, später Ingenieure, Korrespondenten, etc.  – (bei Siemens & Halske Berlin 1866 13 von insgesamt 165, 1873 knapp 50 von ca. 580  Beschäftigten) zeichneten sich vor den anderen industriellen Arbeitnehmern durch einen Sonderstatus aus, der sich in Gehalts- und teilweiser Anciennitätsbezahlung, in relativer Arbeitsplatzsicherheit und geringerer Arbeitszeit, in weniger Kontrollen und in Vorteilen innerhalb früher unternehmerischer Pensions- und Versicherungskassen, in Urlaubsberechtigung und anderen Sonderleistungen des Unternehmens konkretisierte, und ihnen die Vorteile eines in mancher (längst nicht in jeder) Beziehung staatsbeamtenähnlichen Dienstverhältnisses sicherte. Insofern beeinflussten die dem kapitalistischen Wirtschaften spezifischen Tausch-, Vertrags- und Leistungsgesichtspunkte den innerbetrieblichen Status der Angestellten später und unvollkommener als den der Lohnarbeiter. Dieser Sonderstatus resultierte, wenigstens zum größten Teil, aus dem Charakter der Angestelltenfunktionen, die im Gegensatz zu den unmittelbar der Produktion dienenden Arbeiten in der frühen Fabrik noch nicht vergesellschaftet und schwer zu quantifizieren waren; aus gewissen Eigenarten des noch nicht standardisierten, schwer kontrollierbaren Arbeitsprozesses und 116

eines in Bezug auf die Angestellten kaum entwickelten Arbeitsmarktes; sowie aus ihrer – allerdings sehr verschiedenartigen – Teilhabe am Herrschafts- und Informationssystem des Unternehmens. Die Unterscheidung zwischen Gehalt empfangenden Angestellten und Lohnarbeitern scheint somit aus den Erfordernissen des frühindustriellen Unternehmens hervorgegangen zu sein, beziehungsweise der durch das Unternehmerinteresse bestimmten ökonomischen Rationalität des Produktions- und Verwertungsprozesses entsprochen zu haben, und müsste mithin auch in ähnlichen frühindustriellen Betrieben anderer Länder in ähnlicher Form nachzuweisen sein.17 Jedoch sowohl die Behandlung der Angestellten durch den Unternehmer als auch (in noch stärkerem Maße)  deren Verhalten und Selbstverständnis wiesen eine am Beamtenmodell orientierte Färbung auf, die sich in dem zunehmend wider­sprüchlichen Begriff »Privatbeamter« spiegelte, die sich nicht aus Sachanforderungen des Unternehmens erklären lässt, die in vergleichbaren Unternehmen anderer Länder nicht aufgetreten zu sein scheint und die auf die bürokratische Tradition der deutschen Industrialisierung verweist. Das durch ihre objektive Situation im Betrieb nicht voll gerechtfertigte (prinzipielle Entlassbarkeit, große Abhängigkeit von Unternehmerentscheidungen!), am Beamtenmodell orientierte Selbstverständnis dieser Arbeitnehmer, das ihnen die ideologische Identifikation mit der prestigebesetzten Staatsbeamtenschaft, die Stilisierung ihrer Tätigkeit als »geistig«, die eigene Verantwortung als Auto­ ritätsträger im Dienste der Firmen-»Obrigkeit« und damit die klare Absetzung von den Lohnarbeitern als herrschaftsunterworfener Gegengruppe erlaubte, war stark und verbreitet genug, um nach den auch für manche Gehaltsempfänger existenzbedrohenden Erfahrungen der Depression der 1870er Jahre 1881 als Grundlage eines ersten überberuflichen Zusammenschlusses von Buchhaltern, Ingenieuren, Werkführern, Revierförstern, Verwaltern, wissenschaft­ lichen Hilfsarbeitern und ähnlichen Kategorien zu dienen. In diesem, vor allem Versicherungsleistungen anbietenden, mit Unternehmern kooperierenden, unpolitischen »Deutschen Privat-Beamten-Verein« (Magdeburg) verdeutlichte sich, zum ersten Mal auf überbetrieblicher Ebene greifbar, das am Beamtenmodell orientierte Selbstverständnis dieser Gruppe und ihre Tendenz, sich als »Stand«, als Teil  des »Mittelstandes« zu verstehen und zu organisieren. Ganz der beamtentypischen Herrschafts- und Vermittlungsideologie folgend, begriffen sie sich unkorrekt aber schmeichelnd als Autoritätsträger zwischen Arbeitgeber und Arbeiter: »Niemand steht dem Arbeiter näher als der kleine Beamte … Solange diese kleinen Autoritäten den Agitatoren im Wege stehen dicht neben dem Arbeiter, so lange hat es gute Wege mit der Furcht vor dem Umsturz … Wer bildet den natürlichen wertvollen Vermittler zwischen dem Arbeitgeber und den murrenden Arbeitermassen? der Beamte.«18 Diese Beamtenideologie der frühen Angestellten lag in mehrfacher Hinsicht im Interesse der Unternehmensleitungen: Einmal musste ihnen erwünscht sein, dass ihre Angestellten gesellschaftlich von den Kunden und Vertragspartnern 117

akzeptiert wurden. Dabei konnte ihnen ihr Auftreten als Beamte in einer von der Achtbarkeit des Beamten überzeugten Gesellschaft nur nützen. Zum anderen: Solange die Kontrolltechniken, die den Unternehmern zur Verfügung standen, wenig leistungsfähig waren, musste das Beamtenselbst­ verständnis und -ethos ihrer Angestellten in ihrem Interesse liegen, wenn dieses Ethos wenigstens seinem Anspruch nach »Rechtschaffenheit, Pflichtgefühl, uneigennützige[n] Fleiß, Gemeinsinn, unbeugsames Rechtsgefühl und schlichte Treue« enthielt. Sofern es praktisch wurde, erfüllte das Beamtenselbstverständnis der frühen Angestellten in Deutschland die Funktion, die im England der Frühindustrialisierung das durch die Bildung von Berufsvereinen unterstützte Berufsbewusstsein der Techniker und Manager leistete: Es wirkte als Kontrolle gegen die gefürchtete Unzulässigkeit und den sich bis zum Betrug steigernden Eigennutz einer Gruppe von Beschäftigten, von deren Loyalität die Firmen ganz besonders abhingen.19 Schließlich: Zu einer Zeit, da die Arbeiter begannen, ihre Lage durch kollektiven Arbeitskampf zu verbessern, trug das beamtenhafte Firmenbewusstsein der Angestellten dazu bei, einerseits eine etwa bestehende Gefahr ihrer Solidarisierung mit den Arbeitern zu verringern – denn wie konnten sie sich auf die Stufe jener stellen, an deren Leitung sie anspruchsgemäß teilhatten –, andererseits aber die Angestellten von einer kollektiven Aktion zur Verbesserung ihrer eigenen Lage abzuhalten. Ein Beamter konnte sich wohl mit einer individuellen Bitte an seinen Dienstherrn wenden, kaum aber mit einer Kollektivpetition und schon gar nicht mit einer Streikdrohung.

III Mit zunehmender Ausdehnung der Firma  – besonders seit die Belegschaftszahl 1872 über 500 geklettert war  – verstärkte sich die Tendenz, immer größere Teile des Unternehmens – von der Werkstatt über die technischen zu den kauf­männischen Abteilungen fortschreitend  – schriftlichen Regeln (Arbeitsordnungen, Instruktionen, Stellenbeschreibungen, Anweisungen in Engagementsschreiben) zu unterwerfen. Auch andere Veränderungen wiesen auf eine zunehmende Anwendung bürokratischer Organisationstechniken hin, die, wie aus den seit Ende der 60er Jahre vereinzelt publizierten Industrieverwaltungslehrbüchern ersichtlich, keineswegs auf Siemens & Halske begrenzt war. Die Wirtschaftskrise der 70er Jahre verstärkte die Suche der Unternehmensleitungen nach kostensparender, zweckrationaler Unternehmensorganisation, und zwar nunmehr auch durch überbetrieblichen Erfahrungsaustausch; neben bürokratischen dienten jetzt auch zunehmend und explizit militärische Organisationsprinzipien als vorbildhaft – sicherlich nicht unbeeinflusst von den gefeierten Erfolgen und dem gesellschaftlichen Glanz der preußischen Armee seit den Einigungskriegen.20 Am längsten entzog sich die Leitungsorganisation einer 118

systematischen Reorganisation: Häufig scheinen sich Unternehmer an traditionelle, persönlich vermittelte Leitungsmethoden geklammert zu haben, die, über die Zeit ihrer sinnvollen Anwendung hinaus aufrechterhalten, in den wachsenden und immer komplexeren Großbetrieben zu Leitungsschwächen führten, die ihrerseits auf mittlerer und unterer Ebene Erscheinungen von Erstarrung und Bürokratismus zur Folge haben konnten. Gerade der Mangel an maßvoll bürokratischen Leitungsmethoden verstärkte in diesen Fällen eine Bürokratisierung der Abteilungen in einer dem Wachstum und dem Unternehmenserfolg durchaus abträglichen Weise. Um die dadurch auftretenden Hemmnisse und Störungen zu beseitigen, reorganisierten Siemens & Halske nach 1890 die Unternehmensspitze, die zwar flexibler und weniger formalisiert als die mittleren und unteren Ebenen der Unternehmensverwaltung blieb, jetzt aber ebenfalls arbeitsteilig systematisiert wurde. Der immer lebhaftere öffentliche Erfahrungsaustausch über industrielle Organisationsfragen dürfte seit der Jahrhundertwende die Ähnlichkeiten in den Organisationen der großen Unternehmen verstärkt haben.21 Die zunehmende Verwissenschaftlichung der Technik und die Standardisierung der Fabrikation, die immer klarere Trennung von Handund Kopfarbeit in der Produktion erhöhten die Schriftlichkeit in den Werkstätten, unterwarfen die Arbeitsvorgänge detaillierten, generellen Regeln und trieben die systematische Arbeitsteilung weiter voran. Die Kommerzialisierung der Unternehmenspolitik schlug sich in den großen Elektrounternehmen organisatorisch in der Entstehung riesiger, bürokratisch geordneter Angestelltenabteilungen nieder, in denen strikte Verteilung von Kompetenzen und Befehlsbefugnissen, genau reglementierte Geschäftsgänge und detailliert fremdbestimmte Arbeitsteilung erfolgreich in den Dienst größerer kaufmännischer Erfolge gestellt wurden. Der wachsende Angestelltenanteil an den sich vergrößernden Belegschaftszahlen reflektierte diesen Prozess. In den deutschen Siemens-Unternehmen arbeiteten: Arbeiter

Angestellte

Verhältnis

1872

ca. 530

ca. 50

10,6

1890

2.540

360

7,1

1895

3.470

685

5,0

1912

44.378

12.502

3,5

Im Verwaltungsgebäude in Siemensstadt, das 1913 ca. 3.000 Angestellten Raum bot, beförderten vier Aufzüge die Belegschaft, fünf halbautomatische Pater­ noster die Postsachen in alle Flügel und Stockwerke. 1897 zählte man im Berliner (ab 1905: Werner-) Werk S & H 86.000, 1907 559.000 und 1913 1.311.000 Postein- und -ausgänge.22 Zwar setzten auch jetzt noch die Institution des Privateigentums und die daraus resultierende Macht an der Spitze, die Leistungs119

orientierung und die Marktabhängigkeit des Unternehmens den Bürokratisierungstendenzen klare Grenzen, die sich etwa in neuartigen unbürokratischen Kooperationsformen in der Leitung, aber auch zwischen Werkstatt, Konstruktion und Verkauf, in programmatischer Dezentralisierung und im Einbau von Marktelementen in Form eines inneren Preissystems, in der Bedeutung finanzieller Anreize und in dem in mancher Hinsicht vom Beamtenstatus unterschiedenen Arbeitnehmerstatus der meisten Angestellten zeigte. Weiterhin verbot sich die Gleichsetzung öffentlicher und privatwirtschaftlicher Bürokratie, in der zudem wichtige Veränderungen schon vor 1914 auf eine gewisse Enthierarchisierung, auf den Abbau direkter Befehls-Gehorsams-Verhältnisse und auf die Zunahme funktionaler Momente drängten.23 Doch ohne Zweifel glichen die Riesenunternehmen der Vorweltkriegszeit öffentlichen Bürokratien mehr als je zuvor. Ihr Wachstum und der weitgehend verschwundene Einfluss direkter, unmittelbarer Leitung; die Genauigkeitsanforderungen der komplizierten, kapitalstarken, technischen und organisatorischen Apparatur; der Abbau hochkapitalistischer Verhaltensweisen auf einem zunehmend organisierten Markt und das Bedürfnis nach Aufrechterhaltung unternehmerischer Herrschaft über nicht mehr direkt zu kontrollierende Belegschaften waren die unternehmensimmanente Basis dieser weitgehenden Bürokratisierung. Wenn der bürokratische Charakter deutscher Unternehmen zunächst aus außerindustriellen Bereichen induziert worden war und einen Grad aufgewiesen hatte, der durch die produktionstechnischen und kommerziellen Erfordernisse nicht voll gerechtfertigt gewesen zu sein scheint, so wurde er in den großen Industrieunternehmen nunmehr unabdingbar. Entsprechend begannen vergleichbare Großunternehmen in den USA seit den 1890er Jahren bürokratische Organisationen aufzubauen. Deutsche Unternehmen konnten dagegen auf bereits bestehende Organisationsmuster zurückgreifen, die sie zum Teil bereits selbst angewandt hatten und die sie lediglich zu modifizieren und zu modernisieren hatten; sie machten sich zudem weiterhin die Organisationsfähigkeiten öffentlicher Beamter zunutze, die sie mit Hilfe höherer Verdienstangebote leicht den öffentlichen Verwaltungen abwarben.24 In der so erleichterten Systematik und Effizienz der industriellen Verwaltung und Organisation im Kaiserreich, die auch zeitgenössischen Betrachtern auffiel, wird man, besonders wenn man sie mit gleichzeitigen Erfahrungen Großbritanniens vergleicht, dessen nachlassendes Wirtschaftswachstum zu einem Teil aus Management-Schwächen erklärt werden kann, eine der Grundlagen der raschen und erfolgreichen Expansion der deutschen Industrie vor 1914 sehen müssen, das heißt einen das Wachstum fördernden Faktor, der zum Teil als nachwirkender Vorteil der bürokratischen Bedingungen deutscher Industrialisierung zu analysieren ist.25 In den ausgedehnten Büroabteilungen erreichten Arbeitsteilung und Routine, die Einfachheit und zum Teil Quantifizierbarkeit vieler Tätigkeiten, sowie die Kontrollierbarkeit und Austauschbarkeit der meisten Angestellten ein hohes Maß. Die allgemeine Verbreitung von Grundkenntnissen im Lesen und Schrei120

ben, der Ausbau des gewerblichen und technischen Schulwesens und die anhaltende Attraktivität nichtmanueller Berufe ließen bis 1900 eine »Reservearmee« ausreichend qualifizierter Angestellter zumindest in Ansätzen entstehen. Diese Veränderungen, die zum Aufstieg der Industrie als ganzer beitrugen, bauten allmählich die in Eigenarten der frühen Industrie wurzelnde funktionale Grundlage der Privatbeamtensonderstellung für eine zunehmende Anzahl nichtmanueller Arbeitnehmer ab. Tatsächlich bewirkten sie, von Betrieb zu Betrieb in Intensität und Zeitpunkt wechselnd, von deren Größe, Bürokratisierung, Kommerzialisierung, Technologie und Personalpolitik abhängig eine Verringerung der durchschnittlichen Bezahlungsdifferenz zwischen Gehalts- und Lohnempfängern und eine zunehmende Schematisierung der Angestelltenbehandlung. Markt- und Leistungsgesichtspunkte bestimmten Gehalt, Stellung und Sicherheit auch dieser Arbeitnehmer mehr als zuvor. Die Spezialisierung der Angestellten schritt weiter voran, ihre Aufstiegschancen nahmen ab, viele wurden immer detaillierteren Kontrollen unterworfen und erhielten immer weniger Informationen über das Unternehmensgeschehen als ganzes. Den betroffenen Angestellten, deren Mitarbeiter- und Beamtenselbstverständnis damit immer mehr in Widerspruch zu ihrer tatsächlichen Situation als privatindustrielle Arbeitnehmer trat, erschienen diese Veränderungen als Degradierung, gegen die sie protestierten.26 Wenn die Unternehmensleitungen die vom Arbeiter abhebende Sonderstellung der Angestellten auch für die zunehmende Zahl jener Angestellten, deren Tätigkeit, Ersetzbarkeit, Eingeweihtheit, Autoritätsanteil und Entscheidungsspielraum keinerlei Sonderbehandlung ökonomisch rechtfertigten, in einem hohen, wenn auch abnehmenden Maße aufrechterhielten, so  – neben anderen Faktoren – zunehmend aus sozialpolitischen Erwägungen und mit unternehmensintegrativer Zielsetzung. Spätestens seit den 1880er Jahren lässt sich in den Siemens-Unternehmen ein Überschuss an Arbeiter-Angestellten-Differenzierung feststellen, die offenbar den Erwartungen der Privatbeamten entsprach und, ökonomisch-funktionalen Notwendigkeiten weitgehend entkleidet, »künstliche« Aufstiegsmöglichkeiten schaffte. In der zeitgenössischen Diskussion wurde der Sinn einer solchen Politik ausgesprochen: Um die Explosionsgefahr der sozialen Frage zu bändigen und den »Arbeiterstand« wieder »wurzelfest« zu machen, forderte Gustav Schmoller 1889 die Schaffung eines geordneten »Stufenganges« und zahlreicher Arbeiterkarrieren. »… es ist die Herausbildung von festgeordneten Lebenslaufbahnen, die zwar im engeren Kreis verlaufen, aber allen tüchtigen gesunden Familienvätern ein sicheres, für viele erreichbares Ziel vor Augen halten. Und das ist es, was der gewöhnliche Mann haben muß, um glücklich zu werden.« Dieses keineswegs voll durch Sachnotwendigkeiten des Arbeitsprozesses geforderte Ausmaß an Differenzierung der Arbeitnehmerschaft antwortete auf das im Großbetrieb nach dem Scheitern direkter, persönlicher Integrationsmethoden sich neu stellende Problem, soziale Konflikte zu entschärfen und die im Betriebsinteresse erforderliche Verbundenheit der Belegschaft mit dem Unternehmen zu sichern. Während die Lösungsversuche im 121

Rahmen eines bewusst und künstlich wiedererweckten Patriarchalismus die distanzierende Anonymität und unpersönliche Sachlichkeit des Großbetriebes zu mildern suchten, akzeptierte die hier diskutierte Integrationsmethode die typisch großbetriebliche Distanz, passte sich ihr an und versuchte innerhalb ihrer, auf bürokratie-orientierte Weise Anreize und Verbundenheit zu schaffen.27 Besonders im Zuge der Verschärfung der Arbeitskämpfe nach der Jahrhundertwende, nachdem sich (1904/05) der erste gewerkschaftlich orientierte Technikerverband gebildet hatte und Unternehmerverbände (mindestens seit 1908) zu Kampfmaßnahmen gegen organisierte Angestellte aufgerufen hatten, musste es für die Unternehmensleitungen naheliegen, den ökonomisch zum Teil überholten Quasi-Beamtenstatus der dafür empfänglichen Angestellten, soweit wie ökonomisch irgend vertretbar, aufrechtzuerhalten.28 Ein ähnliches Wechselspiel zwischen ökonomisch bedingtem Statusverlust, daraus folgendem Angestelltenprotest und dessen partieller Befriedigung durch die entsprechenden Herrschaftsgruppen aus sozialintegrativen Gründen fand zur selben Zeit auf gesamtgesellschaftlicher Ebene statt. Die beschriebene und durch unternehmerische Integrationsmaßnahmen in ihren nivellierenden Folgen nicht voll zu entschärfende Modernisierung der Arbeitsverhältnisse, wie sie für den industriellen Bereich angedeutet wurde und im Handels-, Versicherungs- und Bankensektor sogar noch klarer nachgewiesen werden könnte, beeinflussten die ökonomische Situation vieler Angestelltenkategorien in einer mit ihrem traditionellen Selbstverständnis schwer vereinbaren Weise. Die Entlassungen und Gehaltsreduktionen der Rezession 1900–02 machten ihnen dieses Dilemma erneut bewusst. Diese Infragestellung des überlieferten Beamtenselbstverständnisses führte bei den meisten Betroffenen jedoch nicht zu dessen Auflösung, sondern zu dessen Beschwörung und Betonung. Wie die Stellungnahmen von Angestelltenvertretern klar erkennen lassen, bewunderten die Angestellten auch nach 1900 auf durchaus kapitalismusfremde Weise vor allem die Sicherheit der Beamtenstellungen, die nun, wie auch in früheren Wirtschaftsflauten an Anziehungskraft gewann. Mehr kam hinzu: »Gewiß sind es zum großen Teil wirtschaftliche Rücksichten, die Sicherheit der Stellung und die Aussicht auf Pension, die für den Privatangestellten die Beamtenqualität erstrebenswert machen, aber zum großen Teil ist es auch das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung, nach Hebung des Ansehens, was die Sehnsucht hervorruft, aus Angestellten zu Beamten zu werden.«29

In der bis dahin expansivsten Phase des deutschen Kapitalismus orientierten sich, wie häufig herausgestellt wurde, viele Unternehmer an vorindustriellen Idealen und Lebensformen feudal-agrarischer Provenienz, während, wie aus einer solchen Auskunft eines Angestelltenvertreters in typischer Weise hervorgeht, ein sich ständig verbreiternder Anteil ihrer Arbeitnehmerschaft sich an ebenfalls vorindustriellen, nämlich beamtentypischen und bürokratischen Modellen ausrichtete und bürgerlichunternehmerische Werte wie Risiko, Initiative, Leistungswettbewerb und individuelle Eigenverantwortung für wenig 122

er­strebenswert hielt. Den Feudalisierungstendenzen vieler deutscher Unternehmer entsprachen die Verbeamtungstendenzen ihrer Angestellten. Die in der Entstehung der deutschen bürgerlichen Gesellschaft und in den Bedingungen der deutschen Industrialisierung fußenden Bürokratisierungsansätze verbanden sich mit den historisch unvermeidlichen Erschütterungen der kapitalistischen Wirtschaft, um in deren Zentrum einen in seinem Denken und Wünschen antikapitalistischen »Mittelstand« zu produzieren. 1900 manifestierte sich diese lange angelegte Entwicklung als wirkungsvolle sozialpolitische Forderung. Die Mehrheit der Angestellten, die sich über berufliche, den bisherigen Organisationen meist als Abgrenzung dienende Unterschiede hinweg, eigentlich erst jetzt als gesamtgesellschaftliche Gruppe sichtbar konstituierten und organisierten, forderte in Ausschüssen und Versammlungen, mit Publikationen und Wahlbeeinflussungen eine gesetzliche Angestelltenversicherung, die sie von den Lohnarbeitern und deren längst bestehender, bis dahin auch die meisten Angestellten einbeziehender Versicherung unterscheiden und ihnen beamtenähnliche Anrechte sichern sollte. Die Aktivität der Angestellten, die bereits 1904 als »lawinenartige Bewegung« in einem »großen und mächtigen Zweig des Mittelstandes« bezeichnet wurde, führte zum Erlass des Angestelltenversicherungsgesetzes von 1911, das nicht nur die Gruppe der Angestellten vor der Masse der Arbeiter versicherungsmäßig privilegierte, sondern auch eine erste rechtliche Definition des Angestelltenbegriffs enthielt, die seitdem in andere, sozial- und arbeitsrechtliche Gesetze mit ähnlichem Differenzierungseffekt übernommen wurde und so eine nicht zu unterschätzende gruppen­bildende, sozialstrukturierende Kraft entfaltete.30 Wie das Absonderungsstreben der Angestellten in den einzelnen Unternehmen zu seiner partiellen Verwirklichung der gleichgerichteten sozialpolitischen Intentionen der Unternehmensleitungen bedurfte, so konnte sich das auf ihrem Berufs- und Beamtenbewusstsein fußende Absetzungsstreben der Angestellten gesamtgesellschaftlich nur durchsetzen, weil ihm die Unterstützung einflussreicher Gruppen zuteil wurde. Neben finanziellen Interessen des Reiches und der Konkurrenz der Parteien um die schnell sich vergrößernde Wählergruppe kamen den Angestellten »mittelständische«, besonders antisozialdemokratische Absichten einflussreicher Kräfte entgegen. Das Schlagwort vom »neuen Mittelstand«, das eine durch objektive Interessenlagen kaum gerechtfertigte Übereinstimmung zwischen kleinen Selbständigen (»alten Mittelstand«) und Angestellten suggerierte, wurde von den Befürwortern der Angestelltensonderversicherung geschickt eingesetzt. Dieser ungenaue, ideologisch aufgeladene Begriff erlaubte es, in einer vom Zerfall ständischer Strukturen gekennzeichneten Wirklichkeit die traditionellen ständischen Implikationen des Wortes zu übernehmen und zugleich etwas von zukunftsfroher Zuversicht auszustrahlen. Er gestattete den auf Privilegierung bedachten Angestellten und den die (ohnehin kaum in Ansätzen sichtbare) sozialkritische Solidarisierung von Arbeitern und Angestellten ablehnenden Unternehmern und Politikern, innerhalb eines hierarchischen Gesellschaftsbildes eine scheinbar klare Linie zwischen meist 123

sozialdemokratisch ausgerichteten, bekämpften und antiproletarischen, »national zuverlässigen« Arbeitnehmern zu ziehen. Die vor allem in Kreisen um den Bund der Industriellen feststellbare, seit der Gründung des Hansa-Bundes offenbar verstärkte Absicht, das »Zusammengehörigkeitsgefühl der Privatbeamten mit Handel und Industrie« zu betonen (Stresemann), die gesellschaftliche Basis einer bürgerlichen Sammlungspolitik zu schaffen oder zu festigen, den ersten angestelltengewerkschaftlichen Tendenzen die Spitze abzubrechen und eine eventuelle, den Status quo bedrohende Einheitsfront aller Arbeitnehmer zu erschweren, verhalf den »mittelständischen«, am Beamtenmodell orientierten antiproletarischen Absetzungsbestrebungen der Angestellten zum Erfolg.31 Die Mobilisierung der durch die ökonomische Entwicklung bedrohten bürokratischen – »mittelständischen« Traditionen im Selbstverständnis der Angestellten trug dazu bei, dass diese Gruppe, unterstützt von den gekennzeichneten Interessen herrschender Gruppen, noch rechtzeitig, d. h. kurz bevor die reale ökonomische Basis ihrer bisherigen privilegierten Sonderstellung für die Mehrheit ihrer Mitglieder im arbeitsteiligen Büro ganz dahinschwand, eine sozialpolitische, versicherungsrechtliche Fixierung dieser Sonderstellung durchsetzte, die in dieser Form weder in England noch in den USA auftrat. Bürokratische Traditionen der deutschen Industrialisierung trugen damit zu einem Überschuss an hierarchischer Differenzierung und sozialer Ungleichheit bei, die immer weniger funktional gerechtfertigt waren, die aber dazu dienten, den Status quo mit Hilfe eines Minimums an Zugeständnissen zu erhalten und es vorübergehend ermöglichten, auf tiefergreifende, für die Herrschenden kostspieligere Reformen zu verzichten. Durch die Verschärfung und vorläufige Zementierung einer immer weniger durch Eigenarten des ökonomischen Prozesses bedingten Gesellschaftsgliederung trugen sie zur Aufrechterhaltung traditioneller, in gewissem Sinne vorindustrieller, hierarchischer, »mittelständischer« Erwartungen bei, die in Krieg, Inflation und Depression um so schärfer in Widerspruch zu unaufhaltsamen, auf Abbau überholter Statusunterschiede drängenden öko­ nomischen Entwicklungen traten und »mittelständische« Proteste auch in den abhängigen Mittelschichten auslösten, die den angelsächsischen Ländern – in dieser Stärke und Form – erspart blieben.

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9. Angestellte: Begriffs- und Sozialgeschichte1 Der folgende Abschnitt behandelt die Entstehung der Angestelltenschaft bis zum Ersten Weltkrieg: zum einen die Herausbildung von Interessen- und Erfahrungsgemeinsamkeiten, von Kommunikation und gemeinsamer Organisation über Berufs- und Branchengrenzen hinweg; zum andern die allmähliche Abgrenzung gegenüber Arbeitern, Selbständigen und Beamten; schließlich die zugrundeliegenden Determinanten dieses Strukturierungsprozesses.2 Im gebrochenen Spiegel der Begriffsgeschichte soll dieser Prozess rekonstruiert werden. Die Geschichte des Angestelltenbegriffs soll als Schlüssel zur Geschichte der Angestelltenschaft dienen.3

Der Begriff im staatlich-öffentlichen Bereich seit 1800 Angestellter und Beamter. Angestellter entstand im 19.  Jahrhundert aus dem substantivisch gebrauchten Partizip Perfekt von anstellen. Wahrscheinlich der Soldatensprache entstammend, bedeutete das Verb u. a. seit dem 15./16. Jahrhundert »jemanden  – vor allem Angehörige der sozialen Unterschichten  – mit wiederholten Handlungen beauftragen, in Dienst nehmen«.4 Gegen Ende des 18. Jahrhunderts bezog es sich zugleich auf »Ämter und Bedienungen« aller Art.5 Trotz prinzipieller Aufrechterhaltung dieses weiten Anwendungsbereiches rückten anstellen und mehr noch Anstellung seit 1800 in die Nähe von Amt und Beamter. Die zeitgenössische staatsbeamtenrechtliche Literatur benutzte jene Begriffe, sobald sie die dem Verhältnis zwischen absolutistischem Herrscher und Fürstendiener angemessenen, im 18. Jahrhundert vorherrschenden privatrechtlichen Vertragstheorien überwand und das Verhältnis des Beamten zum Staat, der erfolgreichen Emanzipation der Bürokratie aus der Kontrolle ihres monarchischen Schöpfers entsprechend, als Anstellungsvertrag zu bestimmen begann, in dem sich öffentlich- und privatrechtliche Momente verschränkten.6 Meyers »Konversations-Lexikon« definierte 1857 Anstellung als »Übertragung eines Dienstes und Gewährung eines gewissen damit verbundenen Einkommens, insbesondere aber die Verleihung eines öffentlichen Amtes, und dieses Amt selbst.«7 Die Affinität von Anstellung und Amt wurde dadurch gefördert, dass die Stellung des (Staats-)beamten ein Merkmal auszeichnete, das in »Anstellung« immer mitgemeint war: eine gewisse Stetigkeit des Dienstverhältnisses und des damit verbundenen Entgelts. Entsprechend konnte 1840 Anstellung mit Versorgung gleichgesetzt werden.8 Festes Entgelt in Naturalien oder 125

Geld (Gehalt) gewährte der Anstellende eher im Sinne eines angemessenen Unterhalts denn als Tauschäquivalent für messbare Einzelleistungen. Die Affinität von Amt und Anstellung prägte den frühen Gebrauch von Angestellten. In dem Maße, in dem Staatsdiener und Beamter Bezeichnungen für Mitglieder einer rechtlich und sozial privilegierten und klar definierten Gruppe wurden, diente Angestellter – zunächst noch neben Offiziant – als selten benötigte Sammelbezeichnung für jene nicht mehr als herrschaftliche Diener ansprechbaren öffentlichen Bediensteten, denen der Beamtenstatus, der langsam klare Umrisse gewann, versagt blieb, sowie als Oberbegriff zur Zusammenfassung dieser Staats- und Gemeindebediensteten mit den eigentlichen Beamten. 1809 trat ein Bericht des Oberamts und der Frohnverwaltung Pforzheim dafür ein, »die Personalfrohnfreiheit auf jedes Subjekt anzuwenden, das die ganze oder die meiste Zeit im Dienste herrschaftlicher oder Landesverrichtungen mittel- oder unmittelbar angestellt ist, z. B. Zöllner, Weidgesellen, Chaussewarte, Flußknechte …«. Jeder von ihnen müsse jedoch als Bürger und Untertan »alle an dieser Eigenschaft haftende Dienste und Onera (z. B. Umlagen von Zugfrohndiensten auf Güter und Schätzung, … Naturalprästationen von Zugfrohnen zum Wegemachen, Flußbauwesen) … der Herrschaft sowohl als der Gemeinde leisten, wenn nämlich ein solcher Angestellter einen eigenen Zug (d. h. ein eigenes Gespann) hat«.9 C. F. von Wiebeking schlug 1815 vor zu unterscheiden, »welche Angestellte eigentlich Staatsdiener sind, die vielleicht nur Jahrgehalte und Pensionen beziehen sollten; und welche andere Angestellte ihren Gehalt, von den Vorstehern der Stellen erhalten möchten, um der Staatskasse nicht in der Folge unerschwingliche Pensionen aufzubürden. Mit diesen letztern mechanischen Individuen wird leicht gewechselt werden können, wenn sie nicht mehr ihre Schuldigkeit tun, welches bei denen von der Regierung Angestellten große Schwierigkeiten hat«.10 – 1847 forderte von Reden die »Verbesserung der Gegenwart und Sicherung der Zukunft derjenigen Angestellten des Staats, der Gemeinde usw., deren Diensteinnahmen selbst zur Befriedigung ihrer und ihrer Familien notwendigsten Bedürfnisse nicht ausreicht«.11 – 1863 fasste eine preußische Statistik Postbeamte, -hilfsarbeiter und -unterbeamte als die »bei der k. Postverwaltung Angestellten« zusammen.12 Häufig bleibt unentscheidbar, ob es sich bei »Angestellter« um das substantivierte Partizip oder bereits um ein Substantiv handelte.13 Die Abhebung vom Lohnarbeiter. Wenn auch die öffentliche Bedeutung von Angestellter bis gegen Ende des Jahrhunderts dominierte,14 wurde Angestellter nicht völlig auf diese eingeengt. Angestellte waren für Ersch/Gruber 1853 neben Staatsbediensteten auch Personen im Privatdienst, so etwa Haushofmeister, Kammerdiener und Schauspieler.15 Vorwiegend meinte Angestellter den Gehalt empfangenden, d. h. den in seinem ökonomischen und sozialen Status Marktund Leistungsfaktoren nur sehr vermittelt ausgesetzten abhängigen Inhaber einer relativ festen Dienststellung. Während Beamter dieser Bedeutung immer mehr entsprach, fiel andererseits die als Produkt der Industrialisierung entstehende Lohnarbeiterschaft aus dem 126

Anwendungsbereich von Anstellung und Angestellter heraus, obwohl es während des 19. Jahrhunderts nie ganz unmöglich wurde, Arbeiter als Angestellte zu bezeichnen. Der formal freie, immer kurzfristiger kündbare, die Arbeitskraft als Ware behandelnde Arbeitsvertrag widersprach den Merkmalen von Angestellten ebenso wie die dem industriellen Arbeiter spezifische Bezahlungsart, der Lohn. Dessen Begriff verengte sich mit der Durchsetzung erwerbswirtschaftlicher Prinzipien zur Bezeichnung eines schwankenden, vom Arbeitsund Gütermarkt wie von der Leistung des Arbeiters unmittelbar abhängigen, in immer kürzeren Perioden berechneten, jederzeit unterbrechbaren Äquivalents für geleistete Arbeit (meist Handarbeit).16 Lohn (des Arbeiters, Handwerkers, Gesindes, Tagelöhners und Fuhrmanns)17 trat in klaren Gegensatz zu Gehalt. Darunter verstanden Ersch/Gruber 1853: »was jemand bestimmtes als Angestellter erhält.«18 Der sich erst mit der Industrialisierung bildende, noch keineswegs eindeutige Unterschied zwischen Gehalt empfangenden Angestellten (vor allem in Staatsstellung) und Lohn erhaltenden Beschäftigten (darunter Industriearbeitern) bezeichnete zugleich ein soziales Prestigegefälle: Gehalt war vornehmer als Lohn, der für niedrigste Arbeiten gewährt wurde.19

Vom Industriebeamten zum Industrieangestellten (1850–1890) Die Zweiteilung der Arbeitnehmerschaft. Auf Personenkreise der privaten Wirtschaft wurde Angestellter anscheinend zuerst im Industriebetrieb angewandt. Eine Minderheit industrieller Arbeitnehmer- Prokuristen, Buchhalter, Werkführer, Ingenieure, Kassierer, Registratoren, Schreiber, Materialverwalter und Zeichner, z. T. auch Meister und Boten – nahmen ihre betrieblichen Funktionen, im Gegensatz zu den Arbeitern im bereits vergesellschafteten Produktionssektor, noch nicht als Kollektive wahr. Dies und der Charakter ihrer nicht produktorientierten Tätigkeiten, Loyalitätsbedürfnisse des Unternehmers, die Bedeutung der Erfahrungskomponente in ihrer Qualifikation angesichts der Individualität früher Unternehmungen und die geringe Verbreitung allgemeiner und fachlicher Bildung begründeten das Interesse des Unternehmers, sie durch finanzielle Sonderleistungen, größere Arbeitsplatzsicherheit und Be­zahlung in Form von Gehalt gegenüber den Lohnarbeitern zu privilegieren. Klar hob sich dadurch bereits in der ersten Phase der Industrialisierung die Gruppe der später als Angestellte bezeichneten Personen aus der Gesamtarbeitnehmerschaft eines Betriebes heraus.20 Entsprechend entstand innerbetrieblich das Bedürfnis nach ihrer Benennung, als die allgemeine und rechtliche Literatur, die Lexika und die Statistik noch keinen Begriff dieser Arbeitnehmerkategorie brauchten oder besaßen. In den Industriebetrieben galten sie als Beamte, viel seltener – und zwar vor allem in Süddeutschland – als Angestellte. Werner Siemens schreib 1858: »Die Beamten bleiben bei uns, weil sie aus Erfahrung wissen, daß wir niemand ent127

lassen, wenn er nichts verschuldet hat, selbst wenn wir nichts für ihn zu tun haben.«21  – Um 1870 formulierte der Freiburger Industrielle Karl Mez: »An der Herrschaft (des Unternehmers) sollen die ständigen Arbeiter und Angestellten (Aufseher, Verwalter, Commis, Direktoren) einen gebührenden Anteil bekommen«.22 »An meine Beamten und Arbeiter« wandte sich 1872 der Berliner Fabri­ kant W. Borchert.23 Eine der ersten industrieorganisatorischen Publikationen stellte 1874 fest: »Es ist durchaus notwendig, daß jeder Angestellte wisse, in was seine Beschäftigung besteht.«24 1878 lobte Roesky die Kruppschen Etablisse­ ments: »In diesen fühlt sich der Beamte gleich einem Staatsbeamten und der Arbeiter nicht minder«.25 Das Problem der Staatsbeamtenähnlichkeit. Letztlich resultierte die Anwendung der Begriffe Beamter und Angestellter, die über die Dimension der bisher ausreichenden Berufsbezeichnungen (Kaufmann, Handlungsgehilfe, Ingenieur etc.) abstrahierend hinausgriffen, aus dem Doppelcharakter der industriellen Unternehmung, die Güter sowohl produzierte wie als Ware auf dem Markt ver­ wertete, also sowohl technisches wie kaufmännisches Personal benötigte und zudem neue verwaltende Stellen entstehen ließ. Die Kooperation verschiedener Berufe im Industriebetrieb durchkreuzte die bisher vorwiegend gültigen, rein beruflich definierten Ordnungsstrukturen und forderte einen berufsneutralen Begriff. Die Bezeichnung gewisser von privaten Gesellschaften oder Einzel­personen beschäftigter Arbeitnehmer als Beamte wurde durch staatsbeamtenähnliche Züge ihrer Situation nahegelegt: durch die Bezahlungsform des Gehalts, das häufig (auch) Senioritätsgesichtspunkten folgte, durch ihre relativ gesicherte Stellung, durch den schriftlichen, »büromäßigen« Charakter ihrer Arbeit und, zumindest für viele von ihnen, durch die Teilhabe an delegierter Anordnungsbefugnis. Andererseits setzte die dennoch drohende Kündigungsmöglichkeit, die Abhängigkeit ihrer Bezahlung von Leistungs- und Marktkriterien, der Mangel eines auf formalen Qualifikationen fußenden Berechtigungswesens und das Fehlen einer öffentlich-rechtlichen Untermauerung ihres Dienstverhältnisses, generell: der Unterschied zwischen einer öffentlichen Behörde und einer privatwirtschaftlichen Unternehmung, dieser Beamtenähnlichkeit auch schon um die Jahrhundertmitte objektive Grenzen. Da Beamter zunehmend ein öffentliches Dienstverhältnis meinte, dessen Modell der Staatsbeamte war, der sein Amt als Dienst an der Allgemeinheit der Pflicht gemäß und in würdiger Nähe zur Obrigkeit wahrzunehmen beanspruchte, bedeutete die Anwendung des Begriffs auf privatwirtschaftliche Arbeitnehmer zugleich einen ideologischen Identifikationsversuch mit der sozial akzeptierten, prestigebesetzten Gruppe der (Staats-)Beamten. »Angestellter« als Oberbegriff zu »Beamter im Industriebetrieb«. Dieser Widerspruch zwischen der realen Situation solcher Arbeitnehmer, deren sich vergrößernde Mehrheit fremdbestimmte Tätigkeiten ohne Autoritätsbefugnis ausübte 128

und – besonders nach 1873 – von der Gefahr sozialen Abstiegs bedroht war, und dem immer klarer am Staatsbeamtenmodell ausgerichteten Anspruch ihres Begriffs lag der sprachlichen Wandlung zugrunde, die etwa seit 1890 An­gestellte auch in jenen Betrieben durchsetzte, die bisher nur Beamte und Arbeiter gekannt hatten. Das Wachstum der Unternehmen, die Verwissenschaftlichung der Technik, das Streben nach optimaler Verwertung der Arbeitskraft, steigende Anforderungen an die Genauigkeit des Rechnungswesens und die Effektivität der Marktbehandlung bei zunehmender Konkurrenz, mit Verwaltungsarbeit verbundene Ansprüche des Staates (Steuern, Versicherungen) und wirtschaftlicher Organisationen (Kartelle, Verbände) an die Betriebe vermehrten in diesen die arbeitsvorbereitenden und kontrollierenden, konstruktiven, merkantilen und allgemein-verwaltenden Tätigkeiten, die im Zuge der auf den Bürosektor ausgreifenden Arbeitsteilung von neuen Personalkategorien in neuen Stellen ausgeführt wurden.26 Dadurch entstand eine breite Unter- und Mittelschicht von Büroarbeitern ohne die Merkmale, die den ersten Fabrikbeamten ihre Privilegierung eingetragen hatten. Die Unternehmensleitungen gestanden ihnen den innerbetrieblich mittlerweile verfestigten, privilegierten Beamtenstatus auch keineswegs automatisch zu. Für diese Zeichner, Schreiber, Meister und Vizemeister, Kalkulanten, Korrespondenten, Magazin- und Laborgehilfen folgte der Beamtenstatus nicht mehr notwendig aus ihrer Funktion, sondern wurde als ein mit Vorteilen verbundener Rang durch Entscheidung der Firmenleitung, meist als Belohnung für langjähriges Dienen und Wohlverhalten, verliehen.27 Er funktionierte somit als Differenzierungsmittel der unteren Arbeitnehmerschaft und damit als personalpolitisches Integrationsinstrument in der Hand der Unternehmensleitung.28 Durch diese relative Einengung des Beamtenbegriffs auf einen Teil des Büround Werkstattpersonals entstand das Bedürfnis nach einem neuen Begriff, der die Kategorien der Betriebsbeamten, der noch nicht fest angestellten Beamtenanwärter und des übrigen Büropersonals der Großbetriebe zusammenfasste. Der bereitstehende, lokal bereits verwandte, noch nicht eindeutig festgelegte, tendenziell aber die Inhaber relativ fester Dienststellungen meinende Begriff des Angestellten bot sich an. Siemens & Halske schrieben in diesem Sinne 1890: »Indem wir hiermit unsere neueste Geschäftsordnung … unseren Herren Angestellten zur Kenntnisnahme … und Nachachtung übergeben, bestimmen wir …«.29 Ähnlich früherem Vorgehen staatlicher Behörden definierte die Dienstordnung für die Angestellten der S & H A.-G. von 1897: »Die Gesellschaft unterscheidet bei ihren Angestellten 1. Unterbeamte, 2. Hilfsbeamte (Diätare), 3. Beamte … Welcher Klasse von Angestellten der einzelne angehört, … wird ihm beim Eintritt oder bei späteren Änderungen schriftlich mitgeteilt«.30 »Betriebsbeamter« und »Angestellter« in der Gesetzgebung. Die Begriffswahl der Gewerbe- und Sozialgesetzgebung reflektierte diesen Wandel vom Beamten zum Angestellten und half mit, ihn auch außerbetrieblich einzubürgern. 1881 bemühte sich der Gesetzgeber erstmals um eine Klärung des Begriffes Betriebs129

beamter. Angesichts der »mancherlei Zwischenstufen zwischen gewöhnlichen Arbeitern und wirklichen Betriebsbeamten« scheiterte dieser Versuch.31 Da die gesetzesauslegenden Behörden und Gerichte, denen die Abgrenzung der Arbeiter von den Betriebsbeamten dadurch überlassen blieb, diese immer klarer als Personen mit Leitungs-, Aufsichts- und Repräsentationsbefugnissen eingrenzten,32 wurde eine wachsende Anzahl von Technikern, Handlungsgehilfen und Bürogehilfen, die sich nach Bezahlungsart, Tätigkeit und Selbstverständnis von den Lohnarbeitern unterschieden, nicht als Beamte, sondern als Arbeiter behandelt.33 Als der Gesetzgeber den dadurch entstehenden Widersprüchen Rechnung trug, indem er – auf den Druck der betroffenen Interessenorganisationen hin – diese nicht als Beamte geltenden Techniker, Meister etc. den Betriebsbeamten gleichwohl zur Seite stellte, deutete er, offenbar in Verlegenheit um einen adäquaten Sammelbegriff, Angestellter, als solchen an. 1890 erstreckte sich das Gewerbegerichtsgesetz auch auf »Betriebsbeamte, Werkmeister und mit höheren technischen Dienstleistungen betraute Angestellte«.34 Die Novelle zur Gewerbeordnung von 1891 regelte erstmalig das »Dienst­ verhältnis der von Gewerbeunternehmungen gegen feste Bezüge beschäftigten Personen, welche nicht lediglich vorübergehend mit der Leitung oder Beaufsichtigung des Betriebes oder einer Abteilung desselben beauftragt (Betriebsbeamte, Werkmeister oder ähnliche Angestellte) oder mit höheren technischen Dienstleistungen betraut sind (Maschinentechniker, Bautechniker, Chemiker, Zeichner und dergleichen)«.35 Ähnlich wie die innerbetriebliche Sprache hatte damit die Gesetzesterminologie der Entstehung einer mit einer dem Beamtenbegriff nicht mehr fass­ baren, sich dennoch durch Bezahlungs- und Tätigkeitsart, durch Arbeitsplatz und Selbstbewusstsein von den Lohnarbeitern unterscheidenden industriellen Arbeitnehmergruppe Rechnung getragen.

Vom Beruf zur Stellung Die Veräußerlichung des Berufsinhalts und Mobilität. Der Durchsetzung des Angestelltenbegriffs im industriellen Unternehmen lief etwa seit 1890 die Einbürgerung von Angestellter als Sammelbezeichnung für Arbeitnehmer aus verschiedenen Wirtschaftszweigen parallel. So vertrat der Deutsche Privat-Beamten-Verein 1891 in einer Petition zur Steuergesetzgebung das Interesse der Staatsbürger, »die gegen festes Entgelt mit einem geringen oder mittleren Einkommen als Angestellte Privater in den verschiedensten Berufsarten und Erwerbszweigen tätig sind.«36 Wie zunächst nur innerhalb der Betriebe, so deutete der Gebrauch von Angestellter nun auch gesamtgesellschaftlich darauf hin, dass die »Stellung« des Arbeitnehmers in bestimmten Zusammenhängen bedeutsamer wurde als seine Berufszugehörigkeit. Zu solcher Verwischung der beruflichen Gliederung trug bei, dass im Zuge zunehmender Arbeitsteilung 130

und Differenzierung auch in Bereichen außerhalb der Produktion Tätigkeiten entstanden, die mit den herkömmlichen Berufsbezeichnungen nicht mehr erfasst werden konnten. Die Berufsbezeichnung Handlungsgehilfe versagte vor dem nur mechanisch Abschreibenden, der im Handelskontor angestellt wurde, als die vermehrte kaufmännisch-verwaltende Arbeit systematisch zerlegt und teilweise mechanisiert wurde.37 So erkannten die Gerichte nur die Stenotypis­ tinnen als Handlungsgehilfinnen an, »die bei der Formung des Inhalts der Schriftstücke selbsttätig beteiligt waren«.38 Mechanische, routinisierte Büro­ tätigkeiten, die aus der herkömmlichen Berufsstruktur herausfielen, vermehrten sich auch in den Bürogroßbetrieben der Versicherungsgesellschaften, die schon vor 1880 mehrere hundert Personen beschäftigten, in den Rechtsanwaltsbüros und der sich ausdehnenden staatlichen und kommunalen Verwaltung. Solche Arbeitnehmer wechselten ihre Erwerbstätigkeit, die sie kaum mehr als Beruf im emphatischen Sinne, als befriedigende Vergegenständlichung der eigenen Subjektivität durch Arbeit verstehen konnten, schnell und ohne Qualifikationsschwierigkeiten. Die durch arbeitsteilige Vereinfachung erreichte Auswechselbarkeit und Mobilität des Personals über einzelne Wirtschaftszweige hinweg diente dem Gesetzgeber als Begründung, als er zu Versicherungszwecken verschiedene Berufsgruppen zusammenfasste (1889), die später als Angestellte galten.39 Mit Hinweis auf diese Mobilität forderten Angestelltenvertreter nach der Jahrhundertwende ein einheitliches Angestelltenrecht, »damit ein Beamter, der etwa in dem einen Jahr in einem Handelsgeschäft, im nächsten in einem Rechtsanwaltsbureau und im übernächsten im Bureau eines Wohltätigkeitsvereins tätig ist, nicht mehr mit jedem Stellungswechseln unter andere Rechtsverhältnisse kommt«.40 Technologisch und arbeitsorganisatorisch bedingte Änderungen in der Berufsstruktur, die die Arbeit niederer Angestellter tendenziell von ihrem bestimmten Inhalt lösten, konstituierten mithin gemeinsame Interessen bisher isoliert agierender, rein beruflich definierter Gruppen. Als sprachlicher Niederschlag dieser veränderten Verhältnisse setzte sich der berufsneutrale Begriff des Angestellten durch.41 Interessengemeinsamkeit und staatliche Sozialinterventionen als Voraussetzungen des überbetrieblichen Angestelltenbegriffs. Die Entstehung gemeinsamer Inter­essen verschiedener Berufsgruppen aus verschiedenen Wirtschaftszweigen als Basis der Entstehung von Gruppe und Begriff der Angestellten wurde durch die Wirtschaftskrise seit 1873 und die darauf folgende wirtschafts- und sozialpolitische Umorientierung mit ihren Ansätzen zu interventionsstaatlicher Sozialpolitik gefördert, die ihrerseits zur Gruppenbildung im gesellschaftlichen Bereich anreizte. Nach der gemeinsamen, ihr Beamtenselbstverständnis bedrohenden Erfahrung der Krise schlossen sich 1881 Angestellte verschiedener Berufe im »Deutschen Privat-Beamten-Verein«, Magdeburg, zusammen. Buchhalter, Ingenieure, Werkführer, Markscheider, Revierförster, Gutsbeamte, Bankdirektoren, wissenschaftliche Hilfsarbeiter, Hütten-Inspektoren, Gemeindeschreiber und ähnliche Kategorien manifestierten durch ihren Beitritt zu 131

diesem hauptsächlich Versicherungsleistungen anbietenden Verein erstmalig gleiche Interessen in Form von Versicherungsbedürfnissen, die sie durch die entstehende, auf Arbeiterverhältnisse zugeschnittene staatliche Sozialversicherung unbefriedigt wähnten.42 Damit bürgerte sich der Begriff Privatbeamter, der in der Rechtsprechung mindestens etwa seit 1840 eine Rolle gespielt hatte, in der Öffentlichkeit ein.43 Während im unternehmens-internen Gebrauch kaum Gefahr bestand, Beamter mit öffentlicher Beamter zu verwechseln, erforderte der von der betrieblichen Situation abgelöste Sprachgebrauch einen Zusatz wie Privat-, je mehr Beamter sich auf den öffentlichen Bereich einengte.44 An der Abtragung beruflicher Unterscheidungslinien wirkten die staatlichen Sozial­ interventionen mit, die primär nicht die Berufszugehörigkeit, sondern die »soziale und wirtschaftliche Stellung« zum Kriterium der Verteilung von Pflichten und Ansprüchen machten. Auf dieser Grundlage fassten das Alters- und Invalidenversicherungsgesetz (AIVG) von 1889 und seine Novellen schrittweise immer mehr Arbeiter und unter 2.000 Mark pro Jahr verdienende Betriebsbeamte, Handlungsgehilfen und sonstige Angestellte zusammen.45 Die erste rechtliche, für spätere Kategorienbildungen entscheidende Zusammenfassung der Berufsgruppen, die man bald allgemein als Angestellte bezeichnete, geschah nach Versicherungsgesichtspunkten, und zwar nicht um sie von den Arbeitern zu unterscheiden, sondern um sie in gleicher Weise wie diese vor wirtschaftlicher Not (und politischer Radikalisierung) zu behüten. Angesichts der Sozialversicherung, der Steuergesetzgebung und der arbeitsrechtlichen Bestimmungen, soweit sie für Handel und Industrie gemeinsam galten, rückte die »Stellung« des Arbeitnehmers, sein wirtschaftlicher und sozialer Status, in den Vordergrund und damit das, was ihn mit Angehörigen anderer Berufe verband. Neben Privatbeamter erfüllte Angestellter das sich dadurch stellende Bedürfnis nach einem Sammelbegriff. Das 1896 verabschiedete Gesetz zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs bedrohte jeden mit Strafe, »der als Angestellter, Arbeiter oder Lehrling eines Geschäftsbetriebes Geschäfts- oder Betriebsgeheimnisse« missbrauchte.46 Darauf hatte der »Deutsche Privat-Beamten-Verein« Einfluss genommen, um die »Interessen der Angestellten des Handels und der Industrie« zu vertreten.47 Erstmals fasste 1895 die Berufsstatistik »nichtleitende Beamte, überhaupt das wissenschaftlich, technisch oder kaufmännisch gebildete Verwaltungs- und Aufsichts-, sowie das Rechnungs- und Bureaupersonal, Prokuristen, Disponenten, Buchhalter, Rechnungsführer, Geschäfts- und Handlungsreisende sowie die im Betriebe beschäftigten Rechner und Schreiber« als Angestellte zusammen.48 Noch 1882 hatte sie »höheres Verwaltungs- und Aufsichts-, sowie das Rechnungs- und Bureaupersonal« als Gehilfen summiert.49 Auch ohne zusammenfassende Absicht bürgerte sich Angestellter nach 1890 ein: Ein »Angestellter des Comtoirs, einer der besseren Buchhalter … war ein großer wohlgenährter Mann mit goldigem Zwicker und goldiger Uhrkette«.50

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»Angestellter« und »Arbeiter« in ihrer Abgrenzung bis 1911 Begriffliche Unschärfen. Klar grenzte der Begriff Beamter die früheren An­ gestellten von den Arbeitern ab, indem er diese als herrschafts- unterworfene Gegengruppe, jene als Träger delegierter Herrschaft und Vermittler interpretierte: »Wer bildet den natürlichen wertvollen Vermittler zwischen dem Arbeitgeber und den murrenden Arbeitermassen? der Beamte.« Und: »Solange diese kleinen Autoritäten den Agitatoren im Wege stehen dicht neben dem Arbeiter, so lange hat es gute Wege mit der Furcht vor dem Umsturz« (Deutscher Privat-Beamten-Verein 1889).51 Dieses durch Unternehmer geförderte Beamtenbewusstsein stärkte die Zuverlässigkeit und das Dienstethos der Angestellten und verhinderte ihre Solidarisierung mit den Lohnarbeitern. Die sprachliche Wendung vom Beamten zum Angestellten reflektierte die Umstrukturierung dieses Personals, innerhalb dessen die untergeordneten, autoritätslosen, ungesicherten Arbeitnehmer zunahmen. Damit verlor jenes am bürokratischen Modell orientierte Selbstbewusstsein an Berechtigung, so wie der tatsächliche und der sprachliche Unterschied gegenüber den Arbeitern an Schärfe. Trotz seiner Tendenz, Lohnempfänger auszugrenzen und sich als Gegenbegriff zu Arbeiter zu etablieren,52 war der noch nicht häufig gebrauchte, unverfestigte Angestelltenbegriff noch nicht immer klar von Arbeiter abgesetzt. 1891 schrieb ein Sozialist: »Heute noch Inhaber eines seinen Mann ernährenden Detailhandelsgeschäftes – nach einem oder zwei Jahren, wenn sich in der Nähe ein großes Magazin etabliert hat – entweder Angestellter (Lohnarbeiter) in diesem großen Warenhaus oder … Hausierer.«53 Gegenbegriff zu Angestellter war hier Selbstständiger, aber nicht Arbeiter. Ähnlich schrieb der DHV 1895: »Jeder sozial denkende Kaufmann wird von Herzen wünschen, daß es seinen Angestellten gut geht, denn zufriedene Arbeiter leisten doppelte Arbeit.«54 In einzelnen Fällen diente Angestellter als Oberbegriff für Beamte und Arbeiter. 1903 schrieb ein Ingenieur über »Siemens & Halske«: »Im Jahre 1897 zählte man in Berlin 6.000, in Wien 2.000, in Petersburg 1.000, in London 3.000 Arbeiter, außerdem zusammen 2.000 Beamte, so dass die gesamte Gesellschaft etwa 14.000 Angestellte hatte.55 In solchem Gebrauch erhielt sich neben der auf die Inhaber einer relativ gesicherten Dienststellung eingeengten Bedeutung der ursprüng­lich weite Umfang des Wortes, den noch ein Lexikonartikel 1908 an erster Stelle nannte: »Angestellter ist derjenige, der von einem anderen zur Vornahme einer gewissen Tätigkeit bestellt wird.«56 Noch 1911 gebrauchte Stresemann, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, diesen weiten Angestelltenbegriff im Reichstag. Er sprach sich gegen eine einheitliche Versicherung für Angestellte und Arbeiter aus, »weil damit gewissermaßen die gemeinsame Idee des Klassenkampfes aller Angestelltenschichten in Deutschland auch in der Form der Versicherung das Siegel aufgedrückt erhalten sollte«.57 Berufliche Mobilität und Sozialgesetzgebung hatten zwar insofern die Voraussetzung der Entstehung von Gruppe und Begriff der Ange133

stellten geschaffen, als sie die Berufs- und Wirtschaftszweigzugehörigkeit des einzelnen in ihrer Bedeutung reduzierten. Eine klare Abgrenzung der entstehenden Gruppe »nach unten« leisteten sie jedoch nicht. Vielmehr behandelte das AIVG die versicherungspflichtigen Angestellten genauso wie die Arbeiter und betonte die Gleichheit ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage. Während in den Unternehmen die Angestelltenzugehörigkeit in Grenzfällen durch Dezision gelöst wurde, fehlte außerhalb der Betriebe das praktische Bedürfnis nach einer klaren Trennung von Arbeitern und Angestellten. Diese Situation und der seltene Gebrauch von Angestellter hatten zur Folge, dass vor 1900 Arbeiter noch nicht als klarer, eindeutig unterschiedener Gegenbegriff zu Angestellter fungierte. Angestellter im Unterschied zu Handlungsgehilfe und Privatbeamter. Seine Spitze richtete der Angestelltenbegriff gegen das, wovon er abstrahierte: gegen die Berufsbezeichnungen. Gerade jene, die das berufsständische Denken, das sich in der Bezeichnung Handlungsgehilfe reflektierte, als ideologische Verschleierung einer dauernden, fremdbestimmten Abhängigkeit ablehnten, benutzten den Begriff des Angestellten, um den Arbeitnehmercharakter dessen zu betonen, der sich selbst noch gern als junger Kaufmann stilisierte.58 Die sozialistische Publikation Der Handels-Angestellte schrieb 1892: »Nein, die Handels-Angestellten haben andere Interessen wie die Chefs, aber dieselben Interessen wie Arbeiter anderer Berufe. Und deswegen müssen die Handels-Angestellten, besonders die Handlungsgehilfen, lernen, sich als Arbeiter zu fühlen, als Arbeiter zu denken …«.59 Der die Transport- und Packereiarbeiter60 einschließende Begriff des Handels-Angestellten diente dem Aufruf zur Solidarisierung aller Arbeitnehmer, aller Unselbständigen im Handel und darüber hinaus. Dagegen bedauerte 1890 ein Harmonieverband, der sich an der patriarchalischen Vergangenheit orientierte, dass »Gehülfe nicht mehr vom Prinzipal als Fleisch von seinem Fleisch … angesehen werde«.61 – Als der Leipziger Verband Deutscher Handlungsgehülfen sich nach 1905 einem stärker gewerkschaftlichen Standpunkt annäherte, gab er sich den Untertitel: Berufsvereinigung der Kaufmännischen Angestellten in Handel und Industrie.62 Der mittelständisch-nationalistische DHV vermied noch 1926 tunlichst die Bezeichnung kaufmännischer Angestellten in programmatischen Äußerungen und zog Kaufmannsgehilfe vor.63 Ähnlich, doch später wandte sich Angestellter gegen Beamter und Privatbeamter. Noch nach der Jahrhundertwende galten Privatbeamter und Privatangestellter als Synonyme. 1903 verlangte ein nationalliberaler Antrag im Reichstag die Vorbereitung »einer, den eigenartigen wirtschaftlichen Verhältnissen der Privatbeamten (Privatangestellten) entsprechenden … Versicherung«.64 Der erste gewerkschaftliche Technikerverband nannte sich noch 1904 Bund der technisch-industriellen Beamten (Butib). Den im Privatbeamtenbegriff mitgemeinten Anspruch auf Staatsbeamtenähnlichkeit konkretisierten die Angestellten seit 1900 in ihrer ersten gemeinsam vorgebrachten sozialen Forderung: dem Verlangen nach einer staatsbeamtenähnlichen Pensionsversicherung. Der 134

Kampf um diese Einrichtung verstärkte die intentionale Komponente der Bezeichnung Privatbeamter und wies ihr eine agitatorische Funktion zu.65 Je klarer jedoch die Auseinandersetzungen um die Angestelltenversicherung die Vergeblichkeit jenes Wunsches nach Beamtenähnlichkeit aufdeckten, desto deutlicher zeigte Privatbeamter eine ideologisch-elitäre Tendenz und trat allmählich zurück. 1907 sagte der SPD-Abgeordnete Heine im Reichstag: »Wir stehen der Frage der Privatangestellten oder, wie man jetzt, um der Sache einen noch schöneren Namen zu geben, zu sagen pflegt, der Privatbeamten, mit großem Interesse gegenüber«.66 Von 1907 ab vermied der Butib weitgehend das Wort in seinen Publikationen. Zur Angestelltenversicherung schrieb er 1907, »daß man nicht nur eine Versicherung einer oberen Schicht mit »Beamtencharakter« wünscht, sondern daß die 1½ bis 2 Millionen Angestellten aller Berufe, vom einfachsten Bureauschreiber und Verkäufer an, dem neuen Gesetz unterliegen sollen.67 Der Begriff des Angestellten rückte den Arbeitnehmercharakter des Beschäftigten in den Vordergrund und betonte so seine Abhängigkeit statt den Inhalt seines Berufes. Er rückte das vielen Gruppen Gemeinsame in den Blickpunkt und destruierte das von der wirtschaftlichen Entwicklung überholte Sonderbewusstsein. Die nüchterne Abstraktion des Angestelltenbegriffs, der immer auch Polemik gegen die überkommene Berufsstruktur, gegen überholten Patriarchalismus oder quasi-obrigkeitliches Beamtenbewusstsein enthielt, machte ihn unbrauchbar für berufsständisches oder nationalistisches Pathos. Die Asso­ ziation maßvoller Mittelmäßigkeit, die ihm später besonders in Ausdrücken wie »kleiner« Angestellter, »mittlerer« Angestellter oder »Angestelltenkultur« anhaftete,68 hatte vor dem Ersten Weltkrieg stärker als heute ideologiekritische Funktionen. Andererseits fehlte ihm auch das revolutionäre Pathos, das in (Lohn-)Arbeiter mitschwingen konnte. Ein Begriff, der noch 1911 weit genug war, Beamte als Angestellte des Staates einzuschließen, betonte zwar den Arbeitnehmerstandpunkt, doch nicht in antagonisierender Weise. Die solidarisierende Kraft von Arbeiter blieb dem Angestelltenbegriff immer fremd. Gerade seine Farblosigkeit, seine Flexibilität, sein zunächst künstlicher, wenn nicht gar Verlegenheitscharakter prädestinierten ihn als Bezeichnung einer Gruppe, die ihren gesellschaftlichen Standort ebensowenig wie außenstehende Beobachter eindeutig oder gar einheitlich bestimmen konnte. Das hohe Maß an unanschaulicher Abstraktion des Begriffs entsprach der Heterogenität derer, die er zusammenfasste. Das Angestelltenversicherungsgesetz (AVG) und der »neue Mittelstand«. Die zehnjährige Agitation für das AVG von 1911 diente als Kristallisationskern, um den sich die bisher nur latenten, gemeinsamen Angestellteninteressen formierten. Im Kampf um dieses Gesetz stellten sich die Angestellten erstmals einer breiten Öffentlichkeit als soziale Gruppe dar. »Privatangestellte aller Berufe, vereinigt Euch!« forderte 1904 der Vertreter des Werkmeister-Verbandes in seiner Schrift Die Organisation des Privatbeamtenstandes.69 Durch Versammlungen, 135

Broschüren, Parlamentsdebatten bürgerte sich der Begriff des (Privat-)Angestellten endgültig im allgemeinen Sprachgebrauch ein. Während Privatbeamter zu veralten begann, setzte sich neben Privatangestellter – häufig als synonyme Abkürzungsform – Angestellter durch. Der Zentrums-Abgeordnete Sittart sagte 1903 im Reichstag: »die Zahl der Angestellten, der Privatbeamten beläuft sich wohlauf 1 Million«.70 Doch schloss Angestellter im Gegensatz zu Privatangestellter bis in die zwanziger Jahre öffentliche Beamte ein.71 Erst in der Ausein­ andersetzung um das AVG verlor der Angestelltenbegriff seine bisher noch mögliche Anwendbarkeit auf alle Arbeitnehmer und verfestigte sich mit der Gruppe, die er meinte. Er gewann seinen für die folgenden Jahrzehnte entscheidenden, wenn auch in Einzelheiten modifizierten Bedeutungsumfang. Als angestelltenversicherungspflichtig bezeichnete das Gesetz von 1911: »1. Angestellte in leitender Stellung, … 2. Betriebsbeamte, Werkmeister und andere Angestellte in einer ähnlich gehobenen oder höheren Stellung ohne Rücksicht auf ihre Vorbildung, Bureauangestellte, soweit sie nicht mit niederen oder lediglich mechanischen Dienstleistungen beschäftigt werden, … 3. Handlungsgehilfen und Gehilfen in Apotheken, 4. Bühnen- und Orchestermitglieder ohne Rücksicht auf den Kunstwert der Leistungen, 5. Lehrer und Erzieher, 6. bestimmte Mitglieder von Schiffsbesatzungen«. Als Versicherungspflichtgrenze galt ein Jahres­ verdienst von 5.000 Mark.72 Dieser Berufsgruppenkatalog und damit die Umgrenzung des Angestelltenbegriffs waren Resultat eines mehrjährigen, vielschichtigen Interessenkampfes und -ausgleichs, in dem Definitionen meist die Rolle ideologischer Begründungen von Forderungen spielten. Die verwickelte Beziehung zwischen Interessen und Begriff machte dessen systematische Analyse unmöglich und verurteilte spätere juristische und sozialwissenschaftliche Definitionsversuche zum ­Scheitern. Initiator und treibende Kraft der »Privatbeamtenbewegung«, die seit 1901 auf das Gesetz hinarbeitete, war die Forderung der meisten, noch auf beruf­ licher Basis organisierten Angestelltenverbände nach einer staatsbeamtenähnlichen Pensionsversicherung.73 Da ihre große Mehrheit gleich den Arbeitern der bestehenden Sozialversicherung bereits angehörte,74 muss die Agitation der Angestellten als Ausdruck eines Sonderbewusstseins verstanden werden, das sich durch das auf den Handarbeiterstand zugeschnittene AIVG unbefriedigt erklärte.75 Die gegenüber dem Produktionssektor »verspätete« Industrialisierung der Bürobereiche, die von einer Angestelltenkategorie zur andern wechselnden, gleichwohl von den Lohnarbeitern absetzenden Merkmale ihrer Arbeits­situation und gesamtgesellschaftlich vermittelte, antiproletarische Ressentiments hatten zur Folge, dass die sich in ihrer Mehrheit berufsständisch oder nach dem Beamtenmodell verstehenden Angestellten, die untereinander wenig verband, was sie nicht auch mit vielen Arbeitern teilten, dennoch in einem glichen: dem Bewusstsein und Wunsch, nicht zu jenen zu gehören, für die sich Beruf weitest­gehend in Klassenlage aufzulösen schien und deren ökonomisch-soziale Situation von proletarischer Unsicherheit gekennzeichnet war. Aus dieser nur negativen Ge136

meinsamkeit – die ihre positive Definition unmöglich machte76 – erwuchs in der Krise von 1900 die Forderung nach versicherungspolitischer Privilegierung. Den Erfolg dieses Strebens nach Sonderbehandlung verdankten die Angestellten der mittelständischen Politik einiger Parteien und der Regierung und der unter Arbeitgebern verbreiteten Furcht, durch eine einheitliche Versicherung aller Arbeitnehmer deren Solidarisierung im Arbeitskampf zu erleichtern,77 sowie der Konkurrenz der Parteien um die sich schnell vergrößernde, noch nicht festgelegte Wählergruppe und finanziellen Erwägungen der Regierung. Das Absetzungsstreben der Angestellten und die ihm entgegenkommende Politik der bürgerlichen Parteien wie der Regierung fanden ihre gemeinsame Formulierung im Schlagwort vom »neuen Mittelstand«. Obwohl sich Angestelltengruppen in ihrer bedrohten Unterscheidung von der Arbeiterschaft schon früh dem Mittelstand zugerechnet hatten,78 wurde dieser Begriff in den neunziger Jahren ausschließlich mit Hinblick auf kleine und mittlere Bauern, Gewerbe- und Handlungstreibende politisiert.79 Erst 1897 wies Gustav ­Schmoller auf die »höheren besser bezahlten Arbeiter, die Werkmeister, Steiger, Monteure, Vorarbeiter als eines der tüchtigsten, energischsten, zukunftsreichsten Elemente hin und bezeichnete sie zusammen mit dem höheren Verwaltungspersonal als Kern des neu sich bildenden Mittelstandes.«80 Das sich in der Folgezeit langsam verbreitende, verschwommene Wort vom neuen Mittelstände erlaubte es, in Anwendung auf Privatbeamte, Handlungsgehilfen und sonstige Angestellte, teilweise auch auf öffentliche Beamte, die ständisch-hierarchischen, auf eine doppelte Bedrohung und Frontstellung, auf Unterstützungsbedürftigkeit und -würdigkeit hinweisenden Implikationen des Mittelstandsbegriffs mit zukunftsfroher Zuversicht zu verbinden: »Wenn also der alte Mittelstand im Rückgang ist, so entwickelt sich ein neuer Mittelstand, der zum mindesten finanziell jenen ersetzt«.81 Je stärker sich das Interesse der bürgerlichen Parteien, besonders seit 1906/07, auf die neue Gruppe der Angestellten »als Mittel- und Bindeglied zwischen verschiedenen Gesellschaftsklassen, als Stütze gegen die Sozialdemokratie«82 richtete, desto häufiger erschien sie als »Kernpunkt des Mittelstandes«, desto klarer wurde die Sonderversicherung als »wesentliches Stück Mittelstandspolitik« herausgestellt;83 dagegen sprachen Sozialdemokraten »vom sogenannten neuen Mittelstand«.84 Indem er ganze Arbeitnehmergruppen betont vom Proletariat unterschied und eine tatsächlich über äußerliche und ideologische Merkmale kaum hinausreichende Gemeinsamkeit zwischen diesen Arbeitnehmern und dem selbständigen »Mittelstand« vorgab,85 indem er auf unklare Weise die Vermittlung klassengesellschaftlicher Gegensätze und somit Stabilisierung versprach,86 fungierte der Begriff des neuen Mittelstandes als ideologisches Schlagwort gesellschaftlicher Integrationsbemühungen, in deren Dienst letztlich auch das AVG als privilegierende Sonderversicherung stand. Wie sich die Angestellten als soziale Gruppe nur in absetzendem Gegensatz zu den Arbeitern formieren konnten, so musste der jetzt erst eindeutige Konturen gewinnende Angestelltenbegriff dieses Distanzierungsstreben spiegeln 137

und eine Frontstellung gegen die Arbeiter aufnehmen, die ihm bisher fehlte. Die Privilegierung einer Gruppe setzte ihre Definition voraus. Nachdem sich diese jedoch als unmöglich erwies,87 bestimmte der sich im wesentlichen durchsetzende Regierungsentwurf den Kreis der Versicherungspflichtigen, indem er »die durch 30jährige Praxis des Reichsversicherungsamtes erläuterte Fassung des Arbeiterversicherungsgesetzes« zugrundelegte.88 Damit entschieden über den Angestelltenstatus eines Arbeitnehmers Kriterien, die zu einem ganz anderen Zweck formuliert worden waren. Was vor 1900 unter dem Gesichtspunkt der Versicherungsbedürftigkeit und unter ständiger Einflussnahme der betroffenen Interessengruppen zusammengefasst worden war, um ebenso wie die Arbeiter geschützt zu werden, wurde nun – zuzüglich einiger besser Verdienender – als Arbeitnehmer in beamtenähnlichen »gehobenen Stellungen … zwischen dem Prinzipal und dem Arbeiter«89 präsentiert, um vor den andern Arbeitnehmern privilegiert zu werden. Abgesehen davon, dass diese Kennzeichnung faktisch nicht zur Auswahl des angestelltenversicherungspflichtigen Personenkreises benutzt wurde, traf sie keineswegs auf alle aufgezählten Berufsgruppen zu.90 Sie diente vielmehr als ideologische Rechtfertigung einer ganz anders entstan­ denen Entscheidung.

Ausblick Wenn das AVG auch nur den Kreis der versicherungspflichtigen Angestellten umriss, so bedeutete das in einer Situation, in der es noch keinen festen allgemeinen Angestelltenbegriff gab, die Entscheidung darüber, wer überhaupt Angestellter – im Gegensatz zum Arbeiter war, zumal der Angestelltenbegriff des AVG im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik in andere Gesetze des Sozial- und Arbeitsrechtes übernommen wurde und so seine gruppenstrukturierende Kraft verstärkte. In Praxis und Diskussion der nächsten Jahrzehnte galt oft mangels besserer Kriterien als »Angestellter, wer angestellten- versicherungspflichtig ist«.91 Die Identifikation von Versicherungs- und allgemeinem Angestelltenbegriff wurde durch die spätere (1924) Ausweitung des AVG-Berufsgruppenkatalogs auf die niederen Büroangestellten erleichtert.92 Die Klassifizierung der Angestelltentätigkeiten als »gehoben« und »beamtenähnlich« und damit die Begründung ihrer Privilegierung erschien dadurch allerdings noch fragwürdiger als bei ihrer Verkündung 1911, zumal der technologische Fortschritt ständig neue, oft sehr arbeitsteilig-routinisierte, wenig qualifizierte Tätigkeiten hinzufügte. Der mittelständische Anspruch der Angestellten und ihre soziale Verortung als »Position zwischen den Klassen« (Lederer) verloren fortschreitend an Berechtigung, wenn das Wort vom neuen Mittelstand auch noch nach der viele deklassierenden Wirtschaftskrise das ideologische Selbstverständnis zahlreicher Angestellten ausdrückte und in politischen wie in wissenschaftlichen Diskussionen als Alternative zu klassengesellschaftlichen Vorstellungen fort138

wirkte.93 Für Juristen und Sozialwissenschaftler wurde es zunehmend schwieriger, Grundlage und Einheit des Angestelltenbegriffs zu bestimmen. Während sich jene u. a. auf die »Verkehrsanschauung« beriefen  – die doch ihrerseits engstens von Gesetzgebung und Rechtsprechung bestimmt war94–, schlugen einige von diesen eine Revision des Begriffs und der von ihm gemeinten, sich tendenziell ohnehin den Arbeiterverhältnissen angleichenden Wirklichkeit vor.95 In der jüngsten Zeit haben einzelne Wirtschaftsunternehmen die Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten aus personalpolitischen Gründen aufgegeben und auch die sprachliche Unterscheidung abgeschafft  – z. T. zugunsten neuer Differenzierungen und neuer sprachlicher Bezeichnungen.96 Doch wie die Entstehung der begrifflichen Unterscheidung zwischen Angestellten und Arbeitern auf das engste mit sozialen und politischen Interessenkonflikten und -ausgleichen verknüpft war, so stehen ihrer Revision starke Interessen entgegen, solange die Begriffsdifferenz nicht all ihren Wirklichkeitsgehalt verliert.97

139

10. Grossunternehmen und der Aufstieg des Manager-Kapitalismus Deutschland im internationalen Vergleich1

Der deutsche sozial-liberale Publizist und Politiker Friedrich Naumann schrieb 1906: »Alle Verhältnisse werden vom Gedanken der Organisation, das ist der Regelung der Menge, durchdrungen. Es wird ein Stolz des Menschen, in großen Betrieben zu stehen, in weite Verbindungen hineingezogen zu sein. Oft ist dieser Stolz noch gemischt mit einem schmerzlichen Rückblick auf Zeiten, wo der Einzelne für sich etwas war … Alle Teile des Volkes treten mit Forderungen an den Staat heran … Der Staat und die Verbände werden Wirtschaftsfaktoren, an deren Notwendigkeit man glaubt … Die Wirtschaftsleitung wird dem Produzenten aus der Hand genommen und geht teils in die Verbände, teils an den Staat über. Die Zahl der wirtschaftlich leitenden Personen wird immer kleiner … Es verbreitet sich ein Geist der Gebundenheit an ein dunkles Ganzes, das uns alle umfängt.«2 Ungefähr zur selben Zeit entstanden Max Webers Bürokratieanalysen. In ihnen mischt sich die Faszination durch die Leistungsfähigkeit bürokratischer Verwaltung mit dem Misstrauen gegen eine sich abzeichnende, freiheitsbedrohende »bürokratische Umklammerung« des Einzelnen. Weber analysierte, wie und warum ein bestimmter Typus formaler Organisation zunehmend die Verteilung von gesellschaftlichen Ressourcen und die Koordination gesellschaft­ licher Beziehungen übernahm und damit zum einen den Verteilungs- und Koordinationsmechanismus des Marktes ergänzte und überlagerte, zum anderen Spontaneität und Dezentralisation einschränkte und einengte.3 Die Aussagen Naumanns und Webers könnten durch die Stimmen anderer Zeitgenossen ergänzt werden.4 In unterschiedlicher Sprache beschäftigen sie sich mit einer fundamentalen Transformation der kapitalistischen Wirtschaft und bürgerlichen Gesellschaft ihrer Zeit, einem Bündel von Veränderungen, die in den fortgeschrittenen Industrieländern Europas und Nordamerikas seit dem späten 19. Jahrhundert zu beobachten sind und bis in unsere Gegenwart fortdauern. Sie beschäftigen sich mit der Tendenz zur bewussten, kollektiven, formalen Organisation von Beziehungen, die bis dahin ganz oder stärker durch den Markt oder nach traditional-gemeinschaftlichen Prinzipien geregelt worden oder aber dezentral, unkoordiniert verblieben waren. Diese Tendenz zur Organisation zeigte sich in den verschiedensten Lebensbereichen.5 140

Das Netzwerk der vielen kleinen und mittleren Wirtschaftsunternehmen wurde von den Blöcken der an Zahl und Umfang zunehmenden Großunter­ nehmen durchsetzt und beeinflusst, die sich vor allem in der Industrie, im Verkehrssektor, im Bankwesen und in anderen Dienstleistungsbereichen entwickelten. Die Unternehmen gingen Absprachen ein und schlossen sich in Kartellen, Syndikaten und Konzernen zusammen, das Markt- und Konkurrenzprinzip durch Selbstorganisation ergänzend und verändernd. Oligopolistische und monopolistische Abhängigkeitsverhältnisse entstanden. In den Großunternehmen hatten immer häufiger angestellte Unternehmer, auch »Manager« genannt, die Leitung in der Hand. Eine gewisse Trennung von Eigentum und Kontrolle trat ein. Die Rolle des Kapitalisten und die des Unternehmers traten ein Stück weit auseinander. In den großen Unternehmen wurden die funktionale Arbeitsteilung und die hierarchische Abstufung differenzierter, schärfer und formalisierter. In der Produktion, dann auch im Vertrieb und schließlich in der Innenverwaltung wurde die Wissenschaft immer wichtiger. Die Innenstruktur der großen Privatunternehmen wurde der Innenstruktur großer Behörden ähnlicher. Solche tiefgreifende Veränderungen im Bereich von Produktion und Verwertung hatten tiefgreifende Veränderungen in der sozialen Schichtenbildung zur Folge. Einerseits entstanden neue Führungsschichten: die Manager, die leitenden Angestellten, die oberen Ränge der »technisch-wissenschaftlichen Intel­ ligenz«. Andererseits führte die Ausweitung der nicht unmittelbar der Produktion dienenden Bereiche zur überproportionalen Vermehrung der Angestellten unteren und mittleren Rangs. Auch auf dem Gebiet des Arbeitsmarktes, des Klassenkonfliktes und anderer Interessenkonflikte verdrängte das Prinzip der bewussten kollektiven Organisation zunehmend das individuelle Konkurrenz-, Tausch- und Vertragsprinzip, das sog. »freie Spiel der Kräfte«; immer größerere, umfassendere Interessenorganisationen bildeten sich heraus. Bei grundsätz­ licher Aufrechterhaltung kapitalistischer Strukturprinzipien verstärkten sich die Tendenzen zur engeren Verknüpfung und Verflechtung der sozialökonomischen und der staatlichen Sphäre. In Umkehr der Tendenz, die das zweite Drittel des 19. Jahrhunderts bestimmt hatte, und in gewisser Abkehr von wirtschaftsliberalen Idealvorstellungen übernahmen staatliche Organe nunmehr – in Deutschland seit den 1870er Jahren – zunehmend Aufgaben bei der Regelung der Wirtschaft und der sozialen Verhältnisse. Allmählich wurden das wirtschaftspolitische Instrumentarium und die staatliche Sozialpolitik ausgebaut. Staatliche Entscheidungen und Handlungen – in der an Macht gewinnenden, sich umstrukturierenden Staatsverwaltung, in den eher schwächer werdenden Parlamenten und in den Massenbasis gewinnenden und mit Interessengruppen kooperierenden Parteien  – wurden immer wichtiger für die Abläufe in Wirtschaft und Gesellschaft. Damit wuchs der Anreiz für die ökonomischen und sozialen Interessen, auf staatliche Entscheidungen und Handlungen Einfluss zu nehmen. Die zunehmende kollektive Organisation der Interessen, die perso­nelle Verflechtung von öffentlichen und nichtöffentlichen ­Herrschaftsgruppen und 141

andere Erscheinungen reflektierten eine zunehmende Verwischung der Trennungslinie zwischen privater und öffentlicher Macht seit dem späten 19. Jahrhundert. Es ließen sich weitere Aspekte dieser allgemeinen Organisationstendenzen aufzählen, so im Bereich des politischen Systems, der Mentalitäten und der politischen Ideen. Man müsste dann den inneren Zusammenhang der hier nur aufgezählten Veränderungsprozesse diskutieren und ihre Ursachen untersuchen, unter denen Gleichgewichtsstörungen des Marktes und soziale Konflikte eine prominente, wenn auch keine ausschließliche Rolle spielen. Man müsste weiterhin herausarbeiten, dass all diese Organisationstendenzen besonders vor 1914, aber auch noch danach und im Grunde bis heute, zwar immer stärker wurden, aber dennoch partiell und sehr unvollkommen blieben. Das Prinzip des Marktes wurde in den hier interessierenden Ländern West- und Mitteleuropas wie Nordamerikas nicht aufgehoben, sondern ergänzt und überlagert; Spontaneität wurde nicht ausgelöscht, Koordinationsmängel blieben unübersehbar, der Gesamt­prozess entzog sich weiterhin der planenden und kontrollierenden Organisation. Schließlich würde der internationale Vergleich zeigen, dass die Stärke, Chronologie und Art dieser zunehmenden Organisationstendenzen international stark variierten und dass diese Variationen durch Momente der vorangegangenen Industrialisierungsgeschichte, durch verschiedenartige Industrialisierungsbedingungen, durch fortwirkende vorindustrielle »Reststrukturen« und Traditionen sowie durch transkulturelle und internationale Einwirkungen bedingt waren. Man müsste eine Typologie der Varianten des zunehmend organisierten Industriekapitalismus entwickeln. Dabei wird etwa zwischen einer stärker zur Organisation mit Hilfe des Staates neigenden Variante (z. B. Deutschland) und einer Variante mit starker Neigung zur Selbstorganisation unter maßgeblicher Regie der großen Unternehmen (z. B. USA) zu unterscheiden sein, aber auch zwischen solchen Fällen und Phasen, in denen sich diese umfassenden Organisationstendenzen unter Aufrechterhaltung liberal-demokratischer Bedingungen vollzogen, und solchen Fällen, in denen autoritär-diktatorische Alternativen siegten (wie etwa im deutschen Faschismus). Man wird Phasen der Entwicklung des organisierten Kapitalismus herausarbeiten müssen, unter denen überall der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre Phasen besonderer Beschleunigung gewesen sein dürften. Zu all dem ist hier nicht der Platz. Vielmehr soll im Folgenden ein zentraler Bestandteil des skizzierten Veränderungsprozesses diskutiert werden, nämlich die Entwicklung der wirtschaftlichen Großunternehmen. Die Entwicklung der deutschen Großunternehmen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert soll in international vergleichender Perspektive, auf der Grundlage neu gesammelter Daten und unter den Fragestellungen diskutiert werden, die soeben vorgestellt wurden. Abschließend sind einige generelle Schlussfolgerungen für die Entwicklung des organisierten Kapitalismus in Deutschland daraus zu ziehen. 1. Die Zunahme der durchschnittlichen Unternehmensgröße lässt sich nur schwer dokumentieren. Die offizielle deutsche Statistik weist aus, dass 1882 142

im Sektor »Industrie und Handwerk« nur 1,9 % aller Beschäftigten in Riesen­ betrieben mit mehr als 1.000 Personen arbeiteten; 1895 betrug dieser Anteil 3,3 %, 1907 4,9 % und 1925 6,8 %, 1950 übrigens 13,5 %. Umgekehrt halbierte sich der Anteil der in Kleinbetrieben mit bis zu 10 Personen beschäftigten Erwerbstätigen von 1882–1925 von 64,2 % auf 33 %. Der Anteil der in mittelgroßen Betrieben (11 bis 200 Beschäftigte) Arbeitenden stieg ebenfalls: von 24,8 % 1882 auf 42 % 1925.6 Insgesamt verlief dieser Konzentrationsprozess 1882–1895 rascher als 1895–1907 oder 1907–1925. Doch zählt diese Statistik eben Betriebe, d. h. technische Einheiten, nicht aber Unternehmen, d. h. Wirtschafts- und Entscheidungseinheiten. Viele Unter­ nehmen besaßen mehrere Betriebe; Unternehmenskonzentration lässt sich so nicht messen. Aussagekräftiger ist ein Vergleich der 100 größten deutschen Industrie- und Bergwerks-Unternehmen in den Jahren 1887, 1907 und 1927. Daten zu diesen 100 Größten wurden an der Universität Bielefeld auf der Grundlage von Unternehmensfestschriften, Börsenhandbüchern, Firmenmonographien, Branchenuntersuchungen und dergleichen systematisch erhoben. Maßstab der Größe von Unternehmen war ihr Kapital (bei Aktiengesellschaften: Nominalkapital). Unternehmen wurden als Wirtschafts- und Entscheidungseinheiten gefasst, die innerhalb ihrer selbst vorwiegend nach Prinzipien formaler Organisation strukturiert sind, miteinander aber primär nach Regeln des Marktes verkehren. Tabellen 1, 2 und 3 fassen einige Ergebnisse zusammen.7 Wie aus den linken Spalten hervorgeht, hatten diese 100 größten Unternehmen im arithmetischen Mittel 1887 ein Kapital von 9,4, 1907 von 26,8 und 1927 von 59,2 Mill. Mark, wobei Geldwertverlust nur einen kleinen Teil dieses Zuwachses erklärt. 1887 konnte ein Unternehmen mit 3,8 Mill. Mark Kapital zur Hunderter-Spitzengruppe gehören, 1907 gehörten dazu mindestens 10 und 1927 mindestens 13 Mill. Mark. Eindeutig war der Sprung von 1887–1907 größer als von 1907–1927. Misst man an Belegschaftszahlen, so beschäftigte 1887 der Spitzenreiter (Krupp) etwa 20.000 Personen; 1907 war Krupp immer noch der größte Arbeitgeber mit 64.000 Beschäftigten, dicht dahinter Siemens mit 30.000. 1927 waren die Vereinigten Stahlwerke einsamer Spitzenreiter mit fast 200.000 Beschäftigten vor Siemens mit 116.000 und IG Farben mit 80.000.8 Die höchsten Durchschnittskapitalien und die größten Einzelunternehmen fanden sich in allen drei Stichjahren in den Branchen Bergbau und Eisen-/Metallgewinnung sowie in den »neuen Industrien« Elektro und Chemie. 1887 und 1907 stammten, wie Tabelle 4 zusammenfassend zeigt, vier Fünftel der 100 Größten aus den Industriegruppen Eisen- und Metallgewinnung, Bergbau, Chemie und Maschinenbau (bei gleichbleibender Rangfolge). Ganz eindeutig rangierten also die Produktionsgüterindustrien- vor den Konsumgüterindustrien. Dadurch unterschied sich das deutsche Muster ein wenig vom zeitgenössischen amerikanischen: dort waren Unternehmen aus dem Bereich »Nahrungs- und Genussmittel« stärker unter den 100 größten vertreten; erst recht unterschied sich Deutschland darin von England. Dort befand sich die Mehrheit der 50 Größten im Konsumgüterbereich: zu zwei Fünftel in der Nah143

8,7

5,0

4,5

4,9

4,4

9,4

Chemische Industrie

Textilindustrie

Kautschukindustrie

Holz u. Schnitzstoffe

Nahrungs- und Genußmittel

Total (1887)

100

8

1

1

5

12

2

12

32

3

24

16

4





1

3





1



7

A

50

4

1

1

4

8

1

1

11

2

17

B

25









1



7

16

1



C

48

2







5



1

21

3

16

ab

6



1







1



2



2























7









2





5





abc abcd abd

27

2





5

2



9

3



6

b

11

4



1



3

1

2







bc

Integration a = Rohstoffe b = Produktion c = Vertrieb d = Syndikat























bcd

4 KG = Kommanditgesellschaft (auf Aktien) 5 PG = Personalgesellschaft

9











1

4

4





D

Diversifikation A = 1 Prod.bereich B = 2–4 C = 5–9 D = 10 u. m.

1 AG = Aktiengesellschaft 2 Gew = bergrechtliche Gewerkschaft 3 GmbH = Gesellschaft mit beschränkter Haftung

7,3

17,5

13,9

Eisen- u. Metallgew., Metallwaren

Elektroindustrie

5,7

Steine und Erden

Maschinen, Apparate, Fahrz. (exkl. elektr.)

7,6

Bergbau

Industriegruppe

Durchschnittskapital in Mio. Mark

1















1





bd

79

8

1

1

5

12

1

9

23

1

18

AG1

6















1



5













































15











1

3

8

2

1

Gew.2 GmbH3 KG4 PG5

Rechtliche Form

Tab. 1: Merkmale der hundert größten deutschen Unternehmen (Industrie und Bergbau) nach Branchen im Jahr 1887

Anzahl der Unternehmen

144

145

13,2

36,7

15,1

78,4

16,1

14,2

17,6

14,6

26,8

Steine und Erden

Eisen- u. Metallgew., Metallwaren

Maschinen, Apparate, Fahrz. (exkl. elektr.)

Elektroindustrie

Chemische Industrie

Textilindustrie

Papier- und Druckindustrie

Nahrungs- und Genußmittel

Total (1887)

100

4

2

3

17

4

13

31

3

23

5





1

1









3

A

44

4

2

2

13



2

1

3

17

B

32







3



7

19



3

C

6



1



1





1



3

ab

7







3





1

2

1

10









1



7



2

45







8



2

20

1

14

abc abcd abd

12





2

2



6

2





b

14

4

1

1

2

2

4







bc

Integration a = Rohstoffe b = Produktion c = Vertrieb d = Syndikat

2









1

1







bcd

4 KG = Kommanditgesellschaft (auf Aktien) 5 PG = Personalgesellschaft

19









4

4

11





D

Diversifikation A = 1 Prod.bereich B = 2–4 C = 5–9 D = 10 u. m.

1 AG = Aktiengesellschaft 2 Gew = bergrechtliche Gewerkschaft 3 GmbH = Gesellschaft mit beschränkter Haftung

25,3

Bergbau

Industriegruppe

Durchschnittskapital in Mio. Mark

4







1









3

bd

77

4

1

2

16

4

11

25

3

11

AG1

10













2



8

5



1



1





2



1

1





1













7











2

2



3

Gew.2 GmbH3 KG4 PG5

Rechtliche Form

Tab. 2: Merkmale der hundert größten deutschen Unternehmen (Industrie und Bergbau) nach Branchen im Jahr 1907

Anzahl der Unternehmen

4 1

8 100

17,7 34,1

22,4 59,2

1 AG = Aktiengesellschaft 2 Gew = bergrechtliche Gewerkschaft

3

20 5 13 10

27,2 99,6 132,6 27,5

26,4

22

82,5

Papier- und Druckindustrie Leder und Linoleum, Schuhe Kautschukindustrie Nahrungs- und Genußmittel Total (1887)

5

22,1

Steine und Erden Eisen- u. Metallgew., Metallwaren Maschinen, Apparate, Fahrz. (exkl. elektr.) Elektroindustrie Chemische Industrie Textilindustrie

9

65,3

Bergbau

Industriegruppe

Durchschnittskapital in Mio. Mark

– 1

1 –



– – – –







A

4 33

– –

2

6 – 4 6

7

2

2

C

– 30

– –



8 3 3 –

13



3

D

2 3

– –



– – – –

1





ab

– 7

– 1

2

– – – 1

1

2



– 26

– –



2 1 4 –

12



7

– 13

– –



1 – 5 –

2

3

2

abc abcd abd

– 9

– –



6 – – 2

1





b

6 38

4 –

1

11 2 4 5

5





bc

Integration a = Rohstoffe b = Produktion c = Vertrieb d = Syndikat

3 GmbH = Gesellschaft mit beschränkter Haftung 4 KG = Kommanditgesellschaft (auf Aktien)

4 36

3 1

1

6 2 6 4

2

3

4

B

Diversifikation A = 1 Prod.bereich B = 2–4 C = 5–9 D = 10 u. m.

– 3

– –



– 2 – 1







bcd

8 88

4 1

2

15 5 13 9

20

5

6

AG1

– 1

– –



– – – –





1

– 8

– –

1

2 – – 1

2



2

– 2

– –



2 – – –







– 1

– –



1 – – –







Gew.2 GmbH3 KG4 PG5

5 PG = Personalgesellschaft

– 1

– –



– – – 1







bd

Rechtliche Form

Tab. 3: Merkmale der hundert größten deutschen Unternehmen (Industrie und Bergbau) nach Branchen im Jahr 1927

Anzahl der Unternehmen

146

Tab. 4: Verteilung der hundert größten deutschen Unternehmen (Industrie und Bergbau) nach Branchen 1887, 1907 und 1927 1. Eisen- und Metallgewerbe

(32)

Eisen- und Metallgewerbe

(31)

Eisen- und Metallgewerbe

(22)

2. Bergbau

(24)

Bergbau

(23)

Maschinen usw.

(20)

3. Chemie

(12)

Chemie

(17)

Chemie

(13)

4. Maschinen usw.

(12)

Maschinen usw.

(13)

Textil

(10)

5. Nahrungs- und Genußmittel

(8)

Nahrungs- und Genußmittel

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Bergbau

(9)

6. Textil

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Elektroindustrie

(4)

Nahrungs- und Genußmittel

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rungs- und Genussmittelindustrie und zu einem Fünftel im Textil­bereich. Während in Deutschland der Anteil der Konsumgüterindustrien an den 100 größten 1907–1927 durch Zusammenschlüsse und dadurch bedingte Verschiebungen wuchs, nahm in England der Anteil der Produktionsgüterindustrien am Feld der Spitzenreiter in den 20er Jahren zu. Die deutsch-britischen Unterschiede waren deshalb Ende der 20er Jahre kleiner als vor dem Ersten Weltkrieg.9 2. Der allmähliche Übergang vom »Markt« zur »Organisation« lässt sich an der zunehmenden funktionalen Integration der großen Unternehmen besonders gut verfolgen. Mit »funktionaler Integration« ist  – im Falle von Produktionsunternehmen – eine Strategie gemeint, die den Funktionsbereich des Unternehmens derart erweitert, dass es neben der Güterproduktion auch die Rohstoff- und Halbstoff-Versorgung einerseits (Rückwärtsintegration) und die Weiterverarbeitung sowie den Absatz der produzierten Güter andererseits (Vorwärtsintegration) betreibt.10 »Funktionale Integration« bedeutet also, dass verschiedenartige Funktionen wie Rohstoffbeschaffung, Produktion, Vertrieb, Transport, Finanzierung etc., die in früherer Zeit häufiger durch selbstständige, funktional spezialisierte und miteinander nach Marktregeln verkehrende Unternehmen wahrgenommen worden waren, nunmehr in einer Hand. d. h. innerhalb eines Unternehmens, vereinigt werden. Die Koordination durch formale Organisation und Management ersetzt damit tendenziell die Koordination durch den Markt. In den Tabellen 1–3 bedeutet die Abkürzung b: reines Produktionsunternehmen (im Bergbau: reines Abbauunternehmen); ab bedeutet: Produktionsunternehmen mit Integration der Rohstoffe; unter bc und bd werden Produktionsunternehmen eingeordnet, die »vorwärts« integrierten, entweder durch eine firmeneigene Vertriebsorganisation (bc)  oder durch die Mitgliedschaft in einem Syndikat, d. h. in einem Kartell mit eigener Verkaufsstelle (bd); abc, abd und abcd bezeichnen Varianten der vollständigen Integration. 147

Schon 1887 gab es nur 27 reine Produktionsunternehmen unter den 100 Größten, 1907 nur noch 12 und 1927 9, zuletzt fast nur noch in der Maschinen- und Fahrzeugindustrie. Vor allem die technologisch naheliegende und auch aus Gründen defensiver Marktpolitik resultierende »Rückwärtsintegration« war schon im späten 19.  Jahrhundert häufig, besonders im Montanbereich und in der Chemie. Was sich von 1887 bis 1927 radikal änderte, war die zusätzliche Neigung der Produktionsunternehmen zur »Vorwärtsintegration«, zunächst (1887–1907) in der Form der Mitgliedschaft in einem der sich schnell vermehrenden Syndikate, dann (1907–1927) hauptsächlich durch Angliederung oder Aufbau einer firmeneigenen Vertriebsorganisation. Den Vertrieb in der einen oder anderen Weise erledigten mit: 1887 25 der 100 größten Industrieund Bergbauunternehmen, 1907 aber schon 82 und 1927 gar 88. Die Integration des Vertriebs war 1887 vor allem bei Elektro-, Chemie- und Brauereiunternehmen üblich gewesen. Immer mehr wurde sie zur allgemeinen Strategie in allen Branchen. Oft kamen, wie in der Montanindustrie, die freien Händler zuerst unter das Diktat der Syndikate, bis sie nach und nach ihre Unabhängigkeit ganz verloren, indem sie von Großunternehmen aufgekauft oder majorisiert wurden. Die deutsche Großindustrie erwies sich damit schon vor dem Ersten Weltkrieg als ebenso hochgradig integriert wie die amerikanische, und sie unterschied sich insofern deutlich von der weniger integrierten britischen.11 3. Auch die zunehmende Diversifikation der großen Unternehmen kann man als allmähliche Ergänzung des Marktprinzips durch das Prinzip der formalen Organisation deuten. Mit »Diversifikation« ist eine Unternehmensstrategie gemeint, durch die die Spezialisierung auf ein Produkt oder eine Produktgruppe durch breitere Fächerung und Herstellung sehr verschiedenartiger Produkte ersetzt wurde, welche vielleicht die Herstellbarkeit durch gleiche oder interdependente Technik, die Herkunft aus gleichen oder ähnlichen Rohstoffen bzw. Halbprodukten oder die Absetzbarkeit durch gleiche oder ähnliche Marktorganisationen gemeinsam hatten, welche aber auch  – je später desto häufiger  – keinerlei innere Verbindung aufwiesen. »Diversifikation« bedeutet also die Ablösung des Marktprinzips durch das Prinzip formaler Organisation bei der Koordination verschiedener Teilproduktionen. Tabellen 1–3 unterscheiden zwischen vier Diversifikationsgraden und Kategorien: Zur Kategorie A gehören die nicht diversifizierten Unternehmen, die nur in einem von 430 durch die Statistik des Deutschen Reichs ausgewiesenen Produktbereichen tätig sind; zur Kategorie B gehören die schwach diversifizierten Unternehmen mit Tätigkeit in zwei bis vier Produktbereichen (z. B. Walzfabrikate und Röhren und Lokomotiven); zur Kategorie C gehören die höher diversifizierten Unternehmen mit Tätigkeit in fünf bis neun Produktbereichen; als voll diversifiziert (Kategorie D) gelten Unternehmen, wenn sie in zehn und mehr Produktbereichen tätig sind.12 Wie Tabelle 1 zeigt, war die Diversifikationsneigung deutscher Großunternehmen schon in den 1880er Jahren beträchtlich, vor allem in der Eisen- und Metallgewinnung, in der Maschinen- und in der Elektroindustrie. Immerhin 148

3

8

12

19

25 28 37

29

10 u.m. Diversifikationsbereiche

28 23

5–9 Diversifikationsbereiche 2–4 Diversifikationsbereiche

28

4

1 Diversifikationsbereich

30

26

23

1

Deutschland

USA

Tab. 5: Diversifikationsvergleich der 82 bzw. 80 größten industriellen Unternehmen in den USA (für 1909, 1929) und in Deutschland (für 1907, 1927)

waren aber 1887 noch 66 % der 100 größten Unternehmen nicht oder kaum diversi­f iziert, also hoch spezialisiert; bis 1907 fiel dieser Anteil auf 49, bis 1927 auf 37 %. Vergleicht man diese Zahlen mit ähnlich erhobenen Daten über die größten amerikanischen Unternehmen 1909 und 1929, dann zeigt sich, dass der Diversifikationsgrad der deutschen Unternehmen im ersten Drittel dieses Jahrhunderts den der amerikanischen Unternehmen sehr deutlich übertraf. Tabelle 5 (Graphik) stellt diesen deutsch-amerikanischen Unterschied dar. 1907/09 waren immerhin schon 48 % der deutschen Spitzenreiter, aber nur 15 % der amerikanischen in den beiden hohen Diversifikationsstufen angesiedelt. 1927/29 existierte dieser deutsche Vorsprung immer noch, war aber geringer ge­worden: Immerhin gehörten jetzt auch 36 % der amerikanischen zu den hoch diversifizierten gegenüber 53 % der deutschen. Vergleicht man nach Branchen, dann stellt sich heraus, dass in beiden Ländern die meisten hochdiversifizierten Großunternehmen aus den Bereichen Eisen- und Metallgewinnung, Elektroindustrie und Chemie kamen, wohingegen in Deutschland viel stärker als in den USA auch die Maschinen-, Apparate- und Fahrzeugbauindustrie große hochdiversifizierte Unternehmen aufwies. Entsprechende Zahlen für England fehlen, doch weist alles darauf hin, dass der Diversifikationsgrad der großen englischen Unternehmen noch weit hinter dem amerikanischen lag.13 4. Schon 1887 waren nur noch 15 der 100 größten Unternehmen als Personalgesellschaften verfasst; diese fanden sich vor allem im Bereich der Eisen- und Metallgewinnung (Krupp und die schlesischen »Adelsunternehmen« wie von Giesche’s Erben, Breslau und Henckel von Donnersmarck). 1897 waren nur noch 149

7 Personalgesellschaften unter den 100 größten (nämlich 4 schlesische »Adelsunternehmen« und Stinnes im Montanbereich, Borsig und Henschel im Maschinenbau), 1927 nur noch eine (nämlich die vergleichsweise kleine Schichau Werft in Elbing). Die Tabellen 1–3 zeigen die Verteilung der Rechtsformen im einzelnen. Die Rechtsform der Aktiengesellschaft (AG) wurde in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern wesentlich im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts politisch durchgesetzt und rechtlich ausgeprägt. Sie wurde (s. Tab. 1) schon vor 1887 – in den 1860er, 1870er und 1880er Jahren – zur Regelform der Großunternehmen, während die große Mehrzahl der mittelgroßen und kleinen Unternehmen die Form der Personalgesellschaft beibehielten.14 79, 77, bzw. 88 der 100 Größten waren 1887, 1907 und 1927 als AG verfasst. Andere Rechtsformen (die herkömmliche bergrechtliche Gewerkschaft, die Gesellschaft mit beschränkter Haftung, und die Kommanditgesellschaft auf Aktien) spielten daneben nur eine zweitrangige Rolle. Die Häufigkeit der AG-Form unter den 100 Größten erklärt sich primär aus ihrem Kapitalbedarf. Manchmal, so vor allem im Ruhr-Bergbau der 1850er/60er Jahre, war der Kapitalbedarf schon bei der Gründung zu groß, als dass er von Einzelpersonen und Einzelfamilien aufgebracht hätte werden können. Der Kapitalmarkt und die Hilfe der Banken mussten in Anspruch genommen werden. So waren viele der großen Ruhr-Zechen von Anfang an Kapitalgesellschaften, die das Risiko der Anleger beschränkten, verstreutes Kapital zu sammeln verstanden, den Banken Einsicht und Eingriffsmöglichkeiten boten und an­gestellte Unternehmer (Manager) in ihrer Leitung hatten, während viele Mit-Eigner (­Anleger) kaum Einfluss auf die Unternehmensentscheidungen nahmen.15 Im hier nicht behandelten Eisenbahnsektor verhielt es sich ähnlich.16 In den meisten anderen Branchen überstieg der Kapitalbedarf dagegen die Möglichkeiten einzelner Familien und die Möglichkeiten der Eigenfinanzierung erst auf fortgeschrittener Stufe der Expansion. Mehr als die Hälfte der 100 Größten des Jahres 1907 waren ursprünglich als Personalgesellschaften gegründet und meist in den 1870er und 1880er Jahren in eine AG oder andere Kapitalgesellschaft umgegründet worden. Als treibende Kräfte traten hierbei zumeist die Banken auf, die wie die Deutsche Bank, die Commerzbank oder die Darmstädter Bank selbst als Aktiengesellschaften verfasst waren, sich primär mit Industriefinanzierung beschäftigten, den kapitalbedürftigen Industrieunternehmen aber nur dann durch langfristige Kredite und Eröffnung des Kapitalmarkts unter die Arme zu greifen bereit waren, wenn diese sich in eine Aktiengesellschaft oder dergleichen umwandelten. Denn erst diese Rechtsform eröffnete den Banken Einsichts- und Eingriffsmöglichkeiten in das von ihnen finanziell unterstützte Unternehmen, vor allem über den für Aktiengesellschaften seit 1870 rechtlich vorgeschriebenen Aufsichtsrat, in den die Banken ihre Vertreter schicken konnten. Bankdirektoren waren unter den Mitgliedern der Aufsichtsräte deutscher Industrie-Aktiengesellschaften die größte einzelne Gruppe und stellten 1913/14 150

etwa 20 %. Die Deutsche Bank hatte z. B. Vertreter in 186 anderen Gesellschaften. Einzelne führende Bankdirektoren akkumulierten 1914 bis zu 44, 1930 bis zu 100 Aufsichtsratssitzen.17 Aus solchen Zahlen lässt sich keine Dominanz des Bank- über das Industriekapital belegen, wie es häufig versucht wird.18 Die Zahlen weisen aber darauf hin, wie wichtig die AG-Form für die zunehmende Verflechtung von Industrie- und Bankunternehmen war und wie häufig die Beziehung zwischen den großen Unternehmen nicht in reinen Markt- und Konkurrenzbeziehungen aufging. Diese spielten zweifellos weiter eine zentrale Rolle, wurden aber von einem Netz nichtmarktförmiger Beziehungen (hier: Mehrfachmitgliedschaften in den Führungsgremien der großen Unternehmen und daraus resultierende Koordinationspotentiale) überlagert – ein weiteres Element des sich allmählich herausbildenden organisierten Kapitalismus der Großunternehmen, das in Deutschland früher und deutlicher ausgeprägt gewesen zu sein scheint als in Westeuropa und Nordamerika. 5. Nicht jede AG war ein Manager-Unternehmen, wenn man unter ManagerUnternehmen ein Unternehmen versteht, in dem die Entscheidungen und Herrschaftsbefugnisse von angestellten Managern, nicht aber von den Eigentümern vollzogen werden. Sehr häufig, besonders nach Umwandlungen, stellte die AG nur eine rechtliche Form dar, innerhalb derer der Gründer bzw. seine Familie weiterhin die ausschlaggebende Stimme hatten und kontinuierlich die Leitung ausübten: ein Familienunternehmen im AG-Kleid wie Krupp nach 1903. Mit Alfred D. Chandler, Jr.19 kann man drei Unternehmenstypen unterscheiden, wobei die wirkliche Leitungsstruktur, nicht die rechtliche Form als Kriterium dient: die in der frühen Zeit vorherrschenden Eigentümer-Unternehmen, in denen der oder die Eigentümer sowohl die langfristigen strategischen Entscheidungen wie die tagtäglichen Leitungsentscheidungen treffen; das Manager-Unternehmen, in dem angestellte Manager beide Arten von Entscheidungen treffen, während die Eigner des (verstreuten) Kapitals kaum daran beteiligt sind; und eine Zwischenform, in der strategische Entscheidungen (vor allem Investitionsentscheidungen) noch vom Gründer, bzw. seiner Familie, seinen Erben und engen Freunden getroffen werden, die kontinuierliche Leitung aber wenigstens zum großen Teil in der Hand von angestellten Managern liegt. Auf der Basis dieser Unterscheidung lässt sich sagen: Während EigentümerUnternehmen wohl schon 1887 unter den 100 Größten eine kleine Minderheit darstellten, die bis 1927 weiter abnahm, waren auch die reinen Manager-Unternehmen eine – allerdings wachsende – Minderheit. Wohl auch noch 1927, erst recht aber 1887 gehörte die Mehrheit der 100 Größten zur Zwischenform, in der noch keine klare Trennung zwischen Kapitalbesitz und Unternehmenskontrolle eingetreten war. Manager-Unternehmen stellten 1927 die Mehrheit der Größten lediglich in den Bereichen Bergbau (hier schon im 19.  Jahrhundert), Eisen- und Metallgewinnung, Chemische Industrie sowie allgemein unter den das Spitzenfeld anführenden ganz Großen. Hannes Siegrist schätzt, dass 1927 von den zehn Spitzenreitern IG Farben, Vereinigte Stahlwerke, Siemens, AEG, Mannesmann, Krupp, Burbach Kaliwerke, Winterschall (Kaliwerke), Harpener 151

Bergbau AG und Deutsche Erdöl AG nur noch zwei, nämlich Krupp und Siemens, zu jener Zwischenform gehört haben; die übrigen acht waren ManagerUnternehmen. Expansion, Integration und Diversifikation waren in allen drei Unternehmenstypen möglich. Allerdings stieß das Eigentümer-Unternehmen in der Regel irgendwann an seine Grenzen: zu starke Ausdehnung, Integration und Diversifikation überforderten den bzw. die Eigentümer zumeist, wenn sie nicht Kapital und vor allem spezialisierte oder allgemeine Leitungskompetenz »von außen« hinzuholten, d. h. in der Regel Bankenvertreter und professionelle Manager in die Leitung aufnahmen, wodurch sie sich in die obengenannte Zwischenform umwandelten. In dieser aber konnten sie lange mit reinen ManagerUnternehmen konkurrieren, zum Teil bis heute. Was die allmähliche Ersetzung des Eigentümer-Unternehmers durch den angestellten Unternehmer oder Manager ökonomisch, sozial und politisch wirklich bedeutet, ist viel diskutiert worden.20 Manche fürchteten, dass dadurch die Dynamik an der Spitze der großen Unternehmen dahinschwinden und verantwortungsloses Handeln in den Leitungsgremien zunehmen würde, denn diese neuen Manager würden ja für ihre Misserfolge nicht mit ihrer ganzen ökonomischen und sozialen Existenz einstehen müssen wie sie umgekehrt nur begrenzten persönlichen Gewinn von ihren eventuellen unternehmerischen Erfolgen haben würden. Umgekehrt knüpften andere an den Aufstieg der Manager die Hoffnung, dass sie ein weniger selbstsüchtiges Verhalten an den Tag legen, soziale Verantwortung ernster nehmen und zur Entschärfung des Klassenkampfes beitragen würden. Die empirische Untersuchung ist u. a. deshalb so schwer, weil so viele Zwischenformen bestanden und der Übergang so allmählich war. Insgesamt haben sich die meisten Befürchtungen und die meisten Hoffnungen nicht bestätigt. Am ehesten zeichneten sich im Untersuchungszeitraum zwischen dem Leiter eines großen Manager-Unternehmens und dem Leiter eines großen Eigentümer-Unternehmens ceteris paribus folgende Unterschiede ab: a) Manager dürften etwas dynamisch-expansiver entschieden haben als Eigentümer-Unternehmer; diese fürchteten eher als jene, den relativen, über Kapitalmehrheit gesicherten Einfluss ihrer Familie oder ihrer selbst durch schnelle Expansion einschließlich Fusionen und Bankenbeteiligung zu verlieren. Die Macht des angestellten Unternehmers ruhte ohnehin nicht auf Kapitalbesitz und traditioneller Legitimation; schnelle Expansion konnte seine Stellung nur verbessern. Bei ihm schlugen rein ökonomische Interessen und Motive gewissermaßen reiner durch als beim Eigentümer-Unternehmer, der stärker durch außerökonomische, familiale Rücksichten gebremst wurde. Entsprechend dürften Manager-Unternehmer in punkto Integration und Diversifikation eher auf Fusionen und Konzernbildung gesetzt haben, Eigentümer-Unternehmer eher auf inneren Ausbau und Kartelle. Es ist interessant zu beobachten, dass jedenfalls zwischen 1887 und 1907 die meisten Diversifikations- und Integrationsschritte der 100 größten Unternehmen nicht durch Zusammenschluss bereits bestehender 152

Unternehmern, sondern durch inneres Wachstum, innere Differenzierung und Neueröffnung von Zweigstellen etc. geschahen. Umgekehrt haben von 158 Fusionen, die im Feld der 100 Größten 1887–1907 beobachtet wurden, nur 12 eine Integrations- und nur 23 eine Diversifikationswirkung gehabt.21 b)  Manager unterschieden sich von Eigentümer-Unternehmern durch eine etwas höhere durchschnittliche schulische Qualifikation, sowohl durch einen höheren allgemeinen Bildungs- wie durch einen höheren fachlichen Ausbildungsstand. Qualifikation trat bei ihnen als Selektionskriterium stärker an die Stelle von Eigentum. Doch bedeutete dies kaum eine Demokratisierung des Zugangs zu den Spitzen der Unternehmerwirtschaft. Denn die Barrieren, die dem Erwerb höherer und tertiärer Bildung entgegenstanden, waren im Unter­ suchungszeitraum für Unterschichtangehörige nicht viel geringer als die Hindernisse beim Erwerb von Kapital. Lediglich die angestellte und beamtete (untere und mittlere)  Mittelschicht konnte aus dieser Bedeutungszunahme des Schulsystems als Selektionsinstrument Nutzen ziehen: Ihre Söhne waren unter Managern stärker vertreten als unter Eigentümer-Unternehmern. c) In der Laufbahn und in der Arbeitssituation der angestellten Unternehmer gab es einige beamtentypische Elemente, die dem beruflichen Lebensweg der Eigentümer-Unternehmer fremd gewesen waren: schrittweise Karrieren von mittleren Angestelltenpositionen bis in die Chefetage; relativ später Eintritt in die Unternehmer-Position; Gehälter, die u. a. Senioritätskriterien folgten; weniger Ortsansässigkeit: die Betonung von professionellem Sachwissen als Basis des Anspruchs auf Autorität und Ansehen. Die Distanz gegenüber der Arbeiterschaft dürfte dadurch eher an Ausprägung hinzugewonnen haben. Der Prozess der Systematisierung und Bürokratisierung der großen Unternehmen unterhalb der Vorstandsebene dürfte dadurch gefördert worden sein. Formalisierung und Schriftlichkeit nahmen zu; Kompetenzen und Stellung in der Hierarchie wurden klarer abgegrenzt; die unternehmensinternen Abläufe wurden präziser geplant und kontrolliert, zunehmend auf wissenschaftlicher Basis. Diese Systematisierung und partielle Bürokratisierung des Innenlebens der großen Unternehmen resultierten aus vielen Anstößen, und sie fehlten auch nicht in großen Eigentümer-Unternehmen. Sie dürften aber in Manager-Unternehmen besonders früh und leicht Eingang gefunden haben. Allerdings blieben die Entscheidungsprozesse und Strategien auf den obersten Ebenen durchaus unbürokratisch; durch Flexibilität, Konkurrenzbereitschaft, Höhe der Einkünfte, Beteiligung am Gewinn, prinzipielle Entlassbarkeit, Aufstiegsmöglichkeiten auch ohne formale Qualifikationen und außerhalb der Seniorität  – dadurch und durch andere Momente unterschied sich der angestellte Unternehmer auch weiterhin deutlich vom öffentlichen Beamten. Gerade an der Spitze hatte die Bürokratisierung der großen privatkapitalistischen Unternehmen klare Grenzen. Hier konnten nur Zusammenfassungen zu einigen Aspekten eines komplexen Phänomens vorgelegt werden. Sie scheinen zu ergeben, dass die Herausbildung der Grundstrukturen des organisierten Manager-Kapitalismus, soweit sie hier behandelt werden konnten, in Deutschland klarer und früher geschah als 153

in Westeuropa und Nordamerika.22 Die Erklärung dieses Phänomens kann hier nur angedeutet werden.23 Sicherlich wurde die Herausbildung dieser Strukturen durch die Betonung von Wissenschaft nahegelegt und gefördert, die aus vielfältigen Gründen die deutsche Industrialisierung gekennzeichnet hat  – in graduellem Unterschied zu England und USA. – Der Mangel an unternehmerisch-manageriellem Fachwissen scheint überall zeitweise eine wichtige Grenze für die Herausbildung großer, diversifizierter, integrierter Konzerne gewesen zu sein; es lässt sich argumentieren, dass aufgrund früh entwickelter bürokratischer Organisationsmodelle im preußisch-deutschen Beamtenstaat und aus anderen Gründen der Vorrat entsprechender Fertigkeiten und Kenntnisse in Deutschland größer war als in England und USA, wenn auch bürokratische Modelle vor Verwendung im privatwirtschaftlichen Bereich modifiziert werden mussten. Überhaupt förderten staatlich-bürokratische Einflüsse in vielfacher Hinsicht die Herausbildung der großen Manager-Unternehmen. – Die entschiedene Schutzzollpolitik des Deutschen Reichs seit den späten 1870er Jahren dürften ebenfalls den Aufbau großer Unternehmenseinheiten gefördert haben. Vor allem aber ist in Rechnung zu stellen, dass Deutschland zu den industriellen Nachfolgestaaten gehörte, lange von Bedingungen relativer Rückständigkeit geprägt war, dann aber relativ schnell sich industrialisierte und den Vorsprung westlicher Vorbilder, besonders Englands, aufzuholen versuchte.24 Das bedeutete: a) Angesichts einer zunächst schwach entwickelten kommerziell-gewerblichen Infrastruktur lag es für neuentstehende Unternehmen sehr nahe, die Beschaffungs- und einen Teil  der Verteilungsfunktion nicht dem Markt zu überlassen, sondern in die eigene Hand zu nehmen, von der eigenen Organisation wahrnehmen zu lassen und diese entsprechend auszubauen. Frühe Organisation war also die Antwort auf frühe Schwächen des Marktes. Dieser Mechanismus erklärt mit, warum es in Deutschland schon in der ersten Industrialisierungsphase, der »Industriellen Revolution« (1840er Jahre bis 1873) mehr funktional integrierte Unternehmen, besonders im Montanbereich und im Maschinenbau, gegeben haben dürfte als in England, b) Relativ schlecht entwickelte und wenig transparente Märkte legten den frühen Unternehmern produktmäßige Diversifikation frühzeitig nahe, wenn sie ihre fortgeschrittenen, an westlichen Vorbildern orientierten Einrichtungen überhaupt auslasten und das Risiko verringern wollten, c) Aktiengesellschaften und Banken können als Mittel zur Industrialisierung unter Bedingungen relativer ökonomischer Rückständigkeit interpretiert werden. Sie spielten in der deutschen Industrialisierung früh eine große Rolle. Umgekehrt stellten Aktiengesellschaften dem Aufstieg von Managern, der Integration und der Diversifikation geringeren Widerstand entgegen als Personalgesellschaften. Die Einflüsse der Banken wirkten in dieselbe Richtung. Mit ihrer Stärke hing die relative Schwäche des unabhängigen Kaufmanns wechselseitig zusammen, der bei der Finanzierung der Industrieunternehmen 154

und bei der vielfältigen Vermittlung zwischen ihnen in Deutschland eine viel geringere Rolle gespielt zu haben scheint als etwa in England. Es gibt andere Beziehungen zwischen anfänglicher gesamtwirtschaftlicher Rückständigkeit eines spät, aber schnell sich industrialisierenden Landes einerseits und der Tendenz zur Größe, Diversifikation, Integration und Modernität seiner größten Unternehmen andererseits. Sicherlich verlor sich jene frühe Rückständigkeit im Laufe der Jahrzehnte. Doch ihre Resultate wirkten teilweise fort und erleichterten im letzten Viertel des 19. und im frühen 20. Jahrhundert den Übergang zum organisierten Manager-Kapitalismus auf breiter Front.

155

11. Traditionsbindung und Klassenbildung Zum sozialhistorischen Ort der frühen deutschen Arbeiterbewegung1

I Seit einigen Jahren wird das Verhältnis von Tradition und Moderne intensiv diskutiert und allmählich neu bestimmt. In dem Maß, in dem Modernisierungskritik und Fortschrittsskepsis das intellektuelle Klima prägten, fand oftmals eine gewisse Aufwertung der Tradition statt. Je mehr die Deutungen der Gegenwart vom Eindruck des schnellen, sich beschleunigenden und bedrohlich verselbständigenden Wandels getragen wurden, desto häufiger kam es zur Suche nach Widerlagern. Sie meint man in der Besinnung auf die Tradition zu finden. Spricht man über den Nutzen der Historie für das Leben (oder die gesellschaftlichen Funktionen der Geschichtswissenschaft), so steht gegenwärtig ihre identitätsstärkende, identitätsbildende Leistung obenan, während andere ihrer Möglichkeiten – Aufklärung, Kritik, Beiträge zur Emanzipation – eher bei­läufig Erwähnung finden, ganz anders als vor ein bis zwei Jahrzehnten. Das »Projekt der Moderne« findet sich vielfach in Zweifel gezogen, und das führt nicht nur zum Interesse an einer wie immer im einzelnen zu beschreibenden »Postmoderne«, sondern auch zum freundlicheren Blick auf die Tradition.2 Hier ist nicht der Ort, um diesen allgemeinen Eindruck, wie eigentlich nötig, zu differenzieren. Auch kann hier nicht die angedeutete Veränderung des »Zeitgeistes« auf Ursachen und Folgen, Berechtigung, Blindstellen und Gefahren hin diskutiert werden. Es ist hier noch nicht einmal möglich, die vielfältigen Auswirkungen dieser Änderung in der intellektuellen Großwetterlage auf die Geschichtswissenschaft allgemein zu diskutieren, obwohl es viele solcher Auswirkungen gibt: von der alltagsgeschichtlichen Hochschätzung vorindustrieller Volkskultur und der Interpretation der Modernisierung im Sinne von Verlust und Disziplinierung bis hin zur großen Skepsis gegenüber lange akzeptierten Versuchen, spezifische Probleme der jüngeren deutschen Geschichte (z. B. Strukturprobleme des Kaiserreichs oder Aufstiegsbedingungen des Nationalsozialismus) dem zähen Weiterleben vorindustrieller Traditionen, Strukturen, Machtgruppen und Werte zuzurechnen.3 Vielmehr geht es im folgenden um einige Veränderungen unseres Bildes von der frühen deutschen Arbeiterbewegung, die sich im Zusammenhang der angedeuteten intellektuellen Akzentverschiebungen, aber auch als Folge neuer em156

pirischer Ergebnisse vollziehen. An diesem Beispiel sollte es möglich sein zu zeigen, dass auch diesmal grundsätzliche Akzentverschiebungen im Bewusstsein, in den Vorurteilen und in den Erkenntnisinteressen der Gegenwart neue Fragen an die Vergangenheit provozieren und damit wissenschaftlichen Fortschritt ermöglichen. Andererseits wird sich zeigen, dass der Gegenstand – die frühe Arbeiterbewegung – sich gegen eine wirklich radikale Umdeutung unter den neuen modernisierungskritischen Fragestellungen sperrt. Ob dies auch auf Grenzen der derzeit weitverbreiteten zivilisationskritischen, modernisierungsskeptischen Sichtweisen verweist, kann hier nicht weiter untersucht werden. Auf diesem hier nur angedeuteten, grundsätzlichen Hintergrund geht es im folgenden zum einen um die Bedeutung bestimmter vorindustrieller gewerblicher Traditionen (vor allem des Handwerks) für die frühe Arbeiterbewegung und damit um die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität zwischen der vorindustriellen Zeit und der Epoche der Industrialisierung. Zum andern geht es um das Verhältnis der frühen Arbeiterbewegung zur Modernisierung. Drückte sie, ohne es zu sagen und vielleicht gar zu wissen, letztlich den Protest der im Modernisierungsprozess Unterliegenden, also der Opfer, aus? Oder war sie vielmehr ein Teil  der sich gegen Widerstand durchsetzenden Moderne, und trug sie also bei, die traditionale Lebenswelt mit ihren Werten und Institutionen im Namen des Fortschritts und seiner Rationalität zu zerstören oder doch zu verändern? Und wie schätzt man das ein? Der Blick ist gerichtet auf den Zeitraum vom späten 18. Jahrhundert bis zur Mitte der 1870er Jahre, als eine erste Phase der Industrialisierung in Deutschland zu einem gewissen Abschluss gekommen, die industrielle Entwicklung auf Dauer gestellt und eine, wenn auch noch sehr kleine, Arbeiterbewegung – als Gewerkschaftsbewegung und Arbeiterpartei – entstanden war.

II Diese Fragen sollen im Hinblick auf das Verhältnis von handwerklicher Tradition und entstehender Arbeiterbewegung geklärt werden.4 Daneben wird das Verhältnis von gewerblicher Heimarbeitstradition und Arbeiterbewegung gestreift. Auf andere Traditionen der frühen Arbeiterbewegung, etwa auf bäuerliche, konfessionelle oder landsmannschaftliche, wird nicht eingegangen, so wichtig diese auch sein mögen. Es sprechen mindestens drei Gründe dafür, das Verhältnis zwischen altem Handwerk (und Heimgewerbe) und entstehender Arbeiterbewegung besonders zu untersuchen, wenn man deren Ort im Rahmen der anfangs angedeuteten Grundsatzproblematik bestimmen will. 1. Zum Handwerk – Warenproduktion primär für den lokalen Markt, in relativ kleinen Betrieben ohne Maschinen und ohne viel Arbeitsteilung, unter Leitung des selbständigen Eigentümers, des Meisters, der selbst qualifizierte Handarbeit leistet, meist allein und manchmal zusammen mit wenigen, ihm 157

im Rahmen von Recht und Gewohnheit weisungsunterworfenen Gesellen und Lehrlingen, meist in enger Verknüpfung mit Haushalt und Familie zum Handwerk im diesem Sinn5 gehörten in der vorindustriellen Zeit des 18. Jahrhunderts mehr als die Hälfte der überhaupt gewerblich Beschäftigten. Etwas weniger als die Hälfte rechnet man als verlagsmäßig oder ähnlich abhängige Heimarbeiter. Dabei kann man diese wohl am ehesten durch ihre vielfältige Abhängigkeit vom Kaufmann-Verleger und damit durch ihre Einbindung in überlokale, überregionale, z. T. internationale Märkte von den Handwerkern im Vollsinn abgrenzen, so fließend die Übergänge mit fortschreitender Zeit wurden, da der (nicht genau bekannte) Anteil der zunftmäßigen Handwerker an allen Handwerkern rückläufig war, die verlagsmäßigen Abhängigkeiten schrittweise in große Handwerkerberufe (Schneider, Schuster z. B.) eindrangen und damit ein Teil der Handwerker dem Typus des verlagbeschäftigten Heimarbeiters ähnlicher wurde.6 Zweifellos arbeitete noch um 1800 nur eine kleine Minderheit der überhaupt gewerblich Beschäftigten in den wenigen (zentralisierten) Manufakturen, frühen Fabriken oder Bergwerken.7 Fragt man also nach vorindustriellen Traditionen im Gewerbe und nach ihrer Wirkung auf die entstehende Arbeiterbewegung, dann muss man schon aus quantitativen Gründen vor allem auf das Handwerk und daneben auf das Heimgewerbe blicken. Dafür spricht auch die folgende Überlegung: Die große Mehrzahl der städtischen Handwerker und eine Minderheit der ländlichen gehörte in Deutschland jedenfalls bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Zünften an. Vor allem das zünftige, aber in abgeschwächter Form auch das unzünftige Handwerk stellte mehr als nur eine kleingewerbliche Betriebsform dar. Es repräsentierte ein zeittypisches, ausstrahlungskräftiges Ensemble von Arbeits- und Lebensformen, von Bräuchen und Normen, von genossenschaftlichen Solidarstrukturen und spezifischen Konfliktformen im Rahmen rechtlich fixierter und traditional legitimierter Muster sozialer Ungleichheit  – trotz vieler Erosionserscheinungen durchaus ein Teil  der ständischen Welt ohne scharfe Ausdifferenzierung von Ökonomie und Familie, Moral und Politik, in klarem Unterschied zur Welt des Marktes, des Wachstums, der Klassen und der Staatsbürgergesellschaft späterer Jahrzehnte. Das alte Handwerk war ein ökonomischsozial-kulturelles Teilsystem, in dem man die vor-moderne Lebenswirklichkeit der »kleinen Leute« mindestens ebensogut, wenn natürlich auch anders, zu fassen bekommt wie in der häufiger studierten bäuerlich-kleinbäuerlichen Volkskultur.8 Auch das vor allem im Textilbereich verbreitete und hier dominierende Heimgewerbe stellte mehr als eine Betriebsform dar. Obwohl in aller Regel unzünftig und also ohne rechtlich-ständische Abstützung, gehörten zum meist ländlichen (»protoindustriellen«) Heimgewerbe häufig auch bestimmte Familienformen und Lebensweisen, Mentalitäten und Protestformen, die es möglich erscheinen lassen, auch hierbei von einem ökonomisch-sozial-kulturellen Teilsystem zu sprechen, wenn auch in deutlich schwächerer Ausprägung als im Falle des Handwerks.9 2. Diese Traditionen ragten mitten in die Periode der entstehenden Arbeiterbewegung hinein, wenn auch allmählich abgeschwächt und sich allmählich 158

ändernd. Bekanntlich hat die seit den 1840er Jahren richtig einsetzende Industrialisierung mit ihren Eisenbahnen, Dampfmaschinen und Fabriken, ihrem beschleunigten Wachstum und der beginnenden Verstädterung das Handwerk – einige Branchen ausgenommen – weder zerrieben noch allgemein zum Abstieg verurteilt. Zwar wurde die Abgrenzung zwischen Handwerk und sonstigen Gewerben schwieriger, zwar kam es zu gravierenden Verschiebungen innerhalb des Handwerks und zu neuen Abhängigkeiten vieler Handwerker von größeren Betrieben, Handelshäusern und neuen Formen des Verlags; zwar wuchs die Zahl der Handwerker langsamer als die Zahl der großgewerblich Beschäftigten; aber sie wuchs eben und schrumpfte nicht. Um 1860 gab es in Preußen gut eine halbe Million Handwerksgesellen, ungefähr ebensoviel wie Fabrik- und Bergarbeiter zusammen. Die Zahl der Handwerksmeister, meistens Alleinmeister, war nur wenig kleiner. Anfang der 70er Jahre übertraf die Zahl der Arbeiter in Groß- und Mittelbetrieben (mit fünf Beschäftigten und mehr) die Zahl der in Kleinbetrieben tätigen Gesellen im Deutschen Reich nur etwa um ein Drittel.10 Und was das verlagsmäßig organisierte Heimgewerbe betrifft, so gerieten große Teile davon (vor allem im Textilbereich) zwar spätestens in den 40er Jahren in eine schwere Krise, die vor allem aus der Überbevölkerung und der – zunächst ausländischen – Fabrikkonkurrenz resultierte; aber die Zahl und der Anteil der im Heimgewerbe Beschäftigten ging insgesamt vor 1850 nicht zurück. Und in Sachsen, dem Land mit dem höchsten gewerblichen Anteil und bald mit der am stärksten entwickelten Arbeiterbewegung, wuchs der Heimarbeiteranteil an allen Erwerbstätigen auch noch 1850, auf jeden Fall bis in die 60er, vielleicht bis in die 70er Jahre.11 Aber auch von den älteren Arbeits- und Lebensformen, den Einstellungen und Institutionen überlebte so manches, und zwar im deutschen Bereich – was das Handwerk betrifft – länger und anders als in England und Frankreich. Die korporativ-genossenschaftliche Zunfttradition, die Meister und Gesellen gegenüber den Kräften des Marktes ein Stück weit abfederte und ihr Verhältnis vom Lohnarbeitsverhältnis auf freier Vertragsbasis unterschied, dieses vor-kapitalistische, ständische Grundverhältnis war am Ende des 18. Jahrhunderts im durchkommerzialisierten England längst verschwunden. In Frankreich zerbrach es spätestens unter den Schlägen der Revolution.12 Aber in großen Teilen Deutschlands bestand es fort, bzw. wurde es nach Abzug der napoleonischen Besatzung restauriert. Zwar wurde es verändert, geschwächt und vor allem obrigkeitsstaatlich überformt, aber das zünftige Handwerksrecht wich endgültig der Gewerbefreiheit erst in den 60er Jahren. Das gilt nicht für die linksrheinischen Gebiete und nur wenig für das wirtschaftsliberale Preußen (das gleichwohl 1845 und 1849, zuletzt als Antwort auf die Forderungen der Handwerker in der Revolution, wieder gewisse zünftische Elemente in seiner Gewerbeordnung verankerte), doch es galt für die meisten anderen deutschen Staaten, u. a. für die süddeutschen, für Sachsen und für Hamburg.13 Im Unterschied zu England und Frankreich überlebte damit ein Stück der ständischfeudalen Welt – und zwar auch im Gewerbe, nicht nur in der Landwirtschaft, auch institutionell, nicht nur 159

in den Mentalitäten – bis auf den Höhepunkt der Industriellen Revolution und bis in die Gründungsphase der Arbeiterbewegung. Dies dürfte die wichtigste Ursache dafür sein, dass die Unterscheidung zwischen »Handwerk« und »Industrie« in Deutschland im Grunde bis heute sprachlich überdauert hat und ein Stück Realität auch in rechtlicher und verbandlicher Hinsicht geblieben ist, anders als jedenfalls in England und USA, anders wohl auch als in Frankreich. Schließlich der dritte Grund für das besondere Interesse an der Handwerkstradition (und in zweiter Linie an der heimgewerblichen Tradition) im hier interessierenden Zusammenhang: Die Arbeiterbewegung, wie sie sich bis zur Mitte der 70er Jahre in ihrer Grundstruktur herausbildete, war ihrem Anspruch und ihren Bemühungen nach eine Klassenbewegung, in dem Sinn, dass sie zumindest und vor allem – die kleinen Meister und die kleinen Gehaltsempfänger sind ein Sonder- und Randproblem  – alle lohnabhängigen Handarbeiter zu erreichen, zu mobilisieren und zu repräsentieren versuchte, einschließlich der großen Masse der ungelernten Tagelöhner und Handarbeiter, der landwirtschaftlichen Arbeiter und des Gesindes.14 Zusammengefasst und repräsentiert werden sollten alle, die als Lohnempfänger ohne (größeren) Produktionsmittelbesitz ihre Arbeitskraft marktmäßig zu verwerten hatten, wobei man unterstellte, dass eben diese gemeinsame Situation der Lohnabhängigkeit im Gegensatz zum Produktionsmittelbesitz im Prinzip und trotz vieler anderweitiger Unterschiede gemeinsame Interessen und langfristig wohl auch gemeinsame Erfahrungen und Einstellungen begründete.15 Faktisch aber war die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts eine Bewegung gewerblicher Arbeiter. Und in der Minderheit gewerblicher Arbeiter, die sich überhaupt für die Arbeiterbewegung in der einen oder anderen Form engagierten, stellten Handwerksgesellen und andere handwerklich geprägte Arbeiter die große Mehrheit. Ganz eindeutig galt das für die Bildungs-, Unterstützungs- und Auslandsvereine des Vormärz wie für die 1848 gegründete »Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung« und die vielen Proteste der Revolutionsjahre. Immer wieder werden Buchdrucker und Schriftsetzer, Schneider und Schuster, Tischler, Zimmerleute, Maurer und Textilhandwerker, zunehmend auch Metallhandwerker in den Quellen genannt.16 Das gilt auch für die 50er und 60er Jahre.17 In den Arbeiterparteien, Gewerkschaften und Streiks der 70er Jahre spielten neben den Arbeitern aus kleinen Betrieben bereits Arbeiter aus den Fabriken und dem Großgewerbe überhaupt eine beträchtliche, wenn auch immer noch minderheitliche Rolle; aber auch unter diesen dominierten meist die gelernten, handwerklich geprägten Arbeiter. Die Unterschiede verflossen ohnehin angesichts des häufigen Wechsels zwischen Handwerksbetrieb und Fabrik. Und die große Mehrzahl eines Querschnitts von Aktivmitgliedern und Führern der Gewerkschaften, Arbeitervereine und Arbeiterparteien der 60er und 70er Jahre stammten, ihrer sozialen Herkunft nach, aus dem Handwerksmilieu, daneben aus Familien kleiner Händler, Angestellten und Beamten, kaum aber aus dem bäuerlich-unterbäuerlich-landwirtschaftlichen Milieu (stark überproportional aus größeren Städten, stark unterproportional vom Land). Arbeiter land160

wirtschaftlich-ländlicher Herkunft stellten in den 70er Jahren weit mehr als die Hälfte der gewerblichen Arbeiterschaft – meist unter den Ungelernten aber nur einen verschwindenden Anteil unter den fassbaren Aktivmitgliedern der damaligen Arbeiterbewegung.18 Dagegen ragten handwerkliche Traditionen unübersehbar in die frühe Arbeiterbewegung hinein.

III Trotzdem sind die Forschungen und vor allem die überblicksartigen Darstellungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung lange Zeit von der Überzeugung eines tiefen Spalts, eines qualitativen Sprungs zwischen Handwerkertradition und Heimgewerbetradition einerseits, der Entwicklung von Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung andererseits geprägt gewesen. Am deutlichsten war und ist das in der Geschichte der Arbeiterparteien, ihrer Programme, Ideologien und Politik. Nicht zu Unrecht wurde und wird betont, dass sich die radikal-oppositionelle Stoßrichtung der frühen sozialdemokratischen Arbeiterparteien – der Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung. des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) – nicht nur gegen den sich durchsetzenden Kapitalismus und gegen Aspekte der bürgerlichen Gesellschaft wandte, sondern auch gegen jede Restauration ständisch-zünftiger Verhältnisse. Diese Sichtweise entspricht dem Selbstverständnis der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung spätestens seit den 1860er Jahren, die sich bei aller Kritik am Kapitalismus doch nie gegen die Industrie, die Technik und die Industrialisierung als solche wandte. Weil sie sich für eine berufsübergreifende Lohnarbeitersolidarität einsetzte, wandte sie sich gegen den Berufspartikularismus und, wie es hieß, »verzopften« Berufsegoismus der alten Gesellenschaften und Zünfte. Man setzte sich für eine Überwindung der Handwerkstradition ein, zum Nutzen einer nachhandwerklichen Arbeiterbewegung.19 Eine ähnliche Abwertung des nicht-zünftigen Heimgewerbes drückte sich in der frühen Arbeiterbewegung nicht aus, doch je eindeutiger sich diese auf den besitzlosen Lohnarbeiter mit Klassensolidarität stiftenden Arbeitserfahrungen einstellte, desto weniger konnte sie die vereinzelt arbeitenden, eigene Werkzeuge besitzenden, sich sehr oft als »Handwerker« fühlenden Heimarbeiter als ihre Hauptzielgruppe verstehen, erst recht nicht in späteren Jahrzehnten, als die Heimarbeiter tatsächlich zur Randerscheinung wurden und die Arbeiterbewegung im großen und ganzen zur Fabrikarbeiterbewegung. Diese Sichtweisen prägen den größten Teil der Geschichtsschreibung über die politische Arbeiterbewegung bis heute.20 Etwas weniger eindeutig ist das Bild, wenn man auf die ältere Historiographie zur frühen Gewerkschaftsbewegung blickt. Denn hier war ja nicht zu übersehen, dass die frühen Gewerkschaften aus Berufsverbänden bestanden, wie die älteren Gesellenorganisationen auch. Die meist von gewerkschaftsnahen Auto161

ren geschriebenen Einzelgewerkschaftsgeschichten, die zahlreich nach 1900 entstanden, ließen die Frühgeschichte ihrer Verbände nicht selten in der Zunftgeschichte des jeweiligen Berufs beginnen. Aber durchweg betonten sie dann als Entwicklungsbruch und fortschrittlichen Neuanfang, was in der Regel in den 60er und 70er Jahren geschah: die Gründung der eigentlichen Gewerkschaften unter neuen rechtlichen Bedingungen und oft auch unter dem Einfluss der Arbeiterparteien. Die Literatur betonte, was die neuen Gewerkschaften seit den 60er Jahren von den alten Gesellenschaften unterschied: ihre Nähe zu den politischen Parteien und deren Programmen sowie die frühe Gliederung der Gewerkschaftsbewegung nach parteipolitischen Sympathien oder Zugehörigkeiten; das Fehlen eines organisatorischen Zusammenhangs mit Meister- oder Arbeitgeberverbänden, wohingegen die Gesellenschaften ja meist Teile der Zünfte gewesen waren; die nunmehr freiwillige Mitgliedschaft. Man betonte, und das entsprach wohl dem Selbstverständnis der Gewerkschaften, je später desto klarer, was Handwerkstradition und Gewerkschaftsbewegung trennte. Auch zur Geschichte der Heimgewerbe hielt die Gewerkschaftsgeschichte Distanz, aus ähnlichen Gründen wie die Geschichtsschreibung über Arbeiterparteien und vielleicht auch, weil die dezentralisiert arbeitenden Heimarbeiter nicht zu Unrecht als gewerkschaftlich schwer organisierbar galten.21 Überhaupt ist die Arbeitergeschichte herkömmlicherweise eher getrennt von der Handwerksgeschichte betrieben worden. Wie den Zeitgenossen des zweiten Jahrhundertdrittels die zunächst gar nicht so zahlreichen Fabriken als das eigentlich Kennzeichnende und Neue der Industrialisierung erschienen, so sah Karl Marx das entstehende Industrieproletariat, sozial wie politisch, als den Kern der entstehenden Arbeiterklasse an, so klein dieses Industrieproletariat im Vergleich zu den kleinbetrieblich arbeitenden Gesellen, den Heimarbeitern und den vielen Tagelöhnern auch war.22 »Die moderne Arbeiterklasse ist das Produkt der Maschine«, schrieb Jürgen Kuczynski. Die DDR-marxistische Arbeitergeschichte ist dieser Sicht lange im großen und ganzen gefolgt.23 Die sozialen Charaktere des Handwerksmeisters und des -gesellen sind in dieser Sichtweise transitorische Randphänomene, die vor allem dann bemüht werden, wenn erklärt werden soll, warum die entstehende Arbeiterschaft sich nicht klassenbewusster, nicht radikaler verhielt, als sie es tat. Die nicht-marxistische Arbeitergeschichte zeigte zwar mehr Aufmerksamkeit für die Übergänge zwischen Gesellen und Lohnarbeitern, doch auch sie interessierte sich mehr für den durch Industrialisierung, großbetriebliche Arbeitsteilung, Maschinen und Marktabhängigkeit geprägten Fabrikarbeiter (kaum aber für den Übergang vom Kleinmeister oder vom Heimgewerbetreibenden zum Lohnarbeiter). Wie sich seit 1848, spätestens aber seit den 1860er Jahren, Handwerkerbewegung und Arbeiterbewegung getrennt voneinander entwickelten und, begriffsgeschichtlich, »Handwerker« und »Arbeiter« auseinanderdrifteten, so spielte es sich in der Praxis der Forschung ein, dass Handwerkergeschichte und Arbeitergeschichte in der Regel in die Zuständigkeit verschiedener Wissenschaftler, Wissenschaftlergruppen und Förderungsinstitutionen fielen.24 162

IV Doch die Situation ist dabei, sich zu ändern, die Sichtweisen verschieben sich z. T. als Folge der anfangs zitierten Akzentverlagerungen im intellektuellen Klima. Mit dem vorindustriellen »Volk«, mit den »kleinen Leuten« der Vor-Moderne, wird auch das alte Handwerk erneut interessant. Seine Traditionen und Bräuche stoßen auf wachsende Aufmerksamkeit, seine vormarktwirtschaft­ liche Ehrbarkeit und Subsistenzmentalität, seine vor-kapitalistische »moral economy« (E. P. Thompson), die noch keine scharfe Trennung zwischen mora­ lischen Normen und wirtschaftlicher Rationalität zu akzeptieren bereit war und z. B. fluktuierende Marktpreise im Namen einer Vorstellung vom »gerechten Preis« kritisierte.25 Was manche Historiker noch vor einigen Jahren als »rückwärtsgewandt« qualifizierten, findet heute verständnisvolles Interesse und wird auf seine »innere Logik« abgeklopft. Die Analyse symbolischer Handlungen ist für die Sozial- und Kulturgeschichte neu entdeckt und auch auf die Rituale der Gesellen angewandt worden.26 Während sich die wirtschafts- und sozialhistorische Forschung häufig auf die Industrialisierung, die Frühindustrialisierung und die Industrielle Revolution konzentrierte, findet seit einigen Jahren die Durchsetzung des vor-fabrikindustriellen Kapitalismus die ihm zustehende Aufmerksamkeit, die ihm übrigens bereits von Klassikern wie Marx und Weber, Schmoller und Sombart entgegengebracht worden war. Die noch anhaltende Diskussion über Proto-Industrialisierung hat dazu ebenso beigetragen wie die unter Wirtschaftshistorikern kurzlebige Debatte über »property rights«.27 Vorindustriell-industrielle Kontinuitäten werden gesucht. Arbeiter- und Handwerkergeschichte rücken näher zusammen, z. T. unter dem Einfluss westeuro­ päischer – französischer und englischer – Forschungen. So hat man für Frankreich gezeigt, wie eng Handwerkstradition und früher Sozialismus zusammenhingen. Es lässt sich im einzelnen nachweisen, dass vorkapitalistische, ständische Orientierungen – z. B. die Forderung nach dem »gerechten Preis« für das Produkt der eigenen Arbeit; der Anspruch auf Regelung der Arbeitsvorgänge nicht primär nach ökonomischen Rentabilitätserwägungen, sondern zumindest auch nach moralischen, von Herkommen und Übereinkunft bestimmten Kriterien; der Wunsch nach kollektiver Organisation des Arbeitsmarktes im Sinne der älteren Bruderschaften (­compagnonnages) –, dass Einstellungen, Erwartungen und Normen dieser Art bei den französischen Gesellen und Gesellen-Arbeitern bis weit ins 19.  Jahrhundert hinein eine große Rolle spielten, obwohl ja in Frankreich das alte zünftige Handwerk mit Revolution und Napoleon gründlicher untergegangen war als zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Man hat gezeigt, wie sich diese an Handwerks­ traditionen orientierten Bestrebungen französischer Gesellen und Arbeiter mit egalitär-emanzipatorischen Zielvorstellungen vermischten, die als Erbschaft der Revolution verbreitet waren und 1830 wie 1848 aktualisiert wurden. Und man hat herausgearbeitet, wie sich die sozialistische, insbesondere die genos163

senschaftssozialistische Kapitalismuskritik der von Gesellen-Arbeitern getragenen frühen französischen Arbeiterbewegung ideologie- und sprachgeschichtlich aus diesen beiden Wurzeln – handwerkliche Tradition und revolutionäres Erbe – speiste.28 Nun dürfte sich das alles diesseits des Rheins etwas anders abgespielt haben. Nicht nur fehlte es hier an der fortwirkenden Rhetorik und ideologischen Hinterlassenschaft einer großen Revolution, sondern die deutsche Zunfttradition war auch anders geprägt, stärker von den Meistern besetzt und obrigkeitsstaatlich überformt, deshalb und aus anderen Gründen für Gesellen und Arbeiter weniger attraktiv. Darauf ist noch zurückzukommen. Trotzdem kann man aus den genannten Forschungen über die französische Entwicklung ersehen, wie eng vorkapitalistisch-handwerklich geprägte Kapitalismuskritik und sozialistische Kapitalismuskritik im Gemenge liegen konnten. Offensichtlich war jedenfalls in den ersten Jahrzehnten des Industrialisierungszeitalters die »rückwärtsgewandte« Orientierung an der in Frage gestellten Tradition mit radikaler Zeitkritik und utopischer Zukunftserwartung durchaus zu vereinbaren. Aus dieser Perspektive wird sehr begreiflich, warum noch ständisch geprägte, aber mit neuen, herausfordernden Erfahrungen konfrontierte Gesellen in den 30er und 40er Jahren den frühen Sozialismus und Kommunismus in den verschiedensten, teils auch christlich-messianischen Varianten attraktiv finden konnten.29 Aus dieser Perspektive wird es auch nicht überraschen, wenn man entdeckt, dass die sozialistischen Parteien der 1860er und frühen 70er Jahre zunächst und vor allem bei eher herkömmlichen Arbeitertypen Fuß fassten, die sich in ihren herkömmlichen Lebens- und Arbeitsformen, Einstellungen und Werten durch neue Entwicklungen herausgefordert sahen. Dazu gehörten bekanntlich zum einen Gesellen solcher Sparten, die durch technischen Wandel, die Konkurrenz der Fabrik, die sich verschiebende Nachfrage und andere Veränderungen betroffen waren; sie befanden sich im Prozess der Wandlung vom korporativ eingebundenen Handwerker zum kapitalistisch freigesetzten Lohnarbeiter, erlebten diesen Prozess als Herausforderung und besaßen genügend Kraft, um sich gegen ihn zu artikulieren.30 Als Gesellen-Arbeiter hat man diese Übergangsform zutreffend bezeichnet.31 Dazu gehören zum andern auch formal selbständige, aber real abhängige Gewerbetreibende verschiedener Art: kleine Meister des städtischen Schneider- und Schuhmachergewerbes z. B., die in neue Formen des Verlags einbezogen wurden, in Abhängigkeit von »Magazinen« und Konfektionshäusern gerieten und dagegen  – wie gegen ihre armseligen Verdienst- und Lebensverhältnisse  – protestierten.32 Aber auch die Heimarbeiter in gewerblich verdichteten ländlichen (»proto-industriellen«) Gewerben gehörten zum Rekrutierungsfeld der frühen Sozialdemokratie, soweit sie klar handwerklich geprägt waren und nicht (mehr) allzu stark in die agrarisch-ländliche Arbeits- und Lebenswelt eingefügt waren: also eher die Weber und Strumpfwirker um Glauchau-Meerane in Sachsen oder die dezentralisiert arbeitenden, verlagsmäßig organisierten Metallhandwerker in Solingen und Umgebung, weniger dagegen die teils Landwirtschaft treibenden, teils spinnenden und weben164

den Heuerlinge in den Dörfern um Bielefeld – um nur drei gut erforschte Beispiele zu nennen.33 Es ist jüngst zu Recht wieder darauf hingewiesen worden, dass die entstehenden Arbeiterparteien in ihren ersten Jahren vor allem in alten, aber jetzt gefährdeten »proto- industriellen« Gebieten Resonanz fanden, so vor allem der ADAV im Bergischen Land und die Sächsische Volkspartei/SDAP in den sächsischen Textilgebieten.34 »In den drei Wahlkreisen, wo Liebknecht, Bebel und Schraps [im Februar 1867 für den Norddeutschen Reichstag] kandidierten, rang die Hausindustrie ihren entsetzlichen Todeskampf mit der Maschinenarbeit.«35 Kein Zweifel, neben den noch wenig zahlreichen Arbeitern in Fabriken und großen städtischen Werkstätten stellten solche älteren, aber unter Druck geratenen bzw. in Wandlung befindlichen Kategorien von Arbeitern und Gewerbetreibenden den größten Teil der Anhängerschaft der frühen Sozialdemokratie. Zweifellos war jene frühe Arbeiterbewegung noch nicht, was sie später vor allem wurde: Fabrikarbeiterbewegung. Allerdings sind die Berufsbezeichnungen (etwa »Weber«) in den zeitgenössischen Mitglieder- und Delegiertenlisten oder in anderen Mitgliedschafts-, Wähler- und Sympathisantenbeschreibungen meist nicht trennscharf genug, um zu entscheiden, um welche Kategorie es sich handelte: um einen meisterabhängigen Handwerksgesellen, einen teilweise auf eigene Rechnung arbeitenden »selbständigen Gesellen«, einen handwerklich qualifizierten Arbeiter in einer frühen Fabrik, einen im Familienverband arbeitenden, verlagsabhängigen Heimweber oder einen unabhängigen Handwerksmeister, der vielleicht selbst Gesellen beschäftigte. Geht man von diesem Sozialprofil der frühen Arbeiterbewegung aus und stellt man in Rechnung, dass jene Mischung von (handwerklicher, heimgewerblicher) Traditionsorientierung, radikaler Zeitkritik und utopischer Zukunftserwartung keineswegs selten war, dann ergibt sich auch eine angemessenere Interpretation der damaligen Produktivassoziationen. 1848/49 gab es in Deutschland wohl 50–100 und in den 1850er/60er Jahren mindestens 300 Produktivgenossenschaften, z. T. in enger Verbindung zur »Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung« in der Revolution und dann zu den frühen Gewerkschaften und Arbeiterparteien, die erst seit den 70er Jahren ihre deutliche Skepsis gegenüber dieser Art genossenschaftlicher Selbsthilfe entwickelten. In der Forschung ist dieser Zweig der frühen Arbeiterbewegung zumeist nicht besonders ernst genommen worden. Teils ist er als Ausdruck mangelnder Reife, teils als fehlgeleitetes, harmonistisches Alternativangebot von liberaler Seite missverstanden worden. Die angedeutete Perspektivveränderung kann den Blick für die Tatsache öffnen, dass die Produktivgenossenschaften von den Meisterorganisationen zwar in der Regel abgelehnt wurden, aber für einen bestimmten, in der frühen Sozialdemokratie stark vertretenen Arbeitertypus zwischen Vollhandwerker und Lebenszeit-Lohnarbeiter – also für Gesellen, Kleinmeister, verlegte Handwerker und Heimarbeiter – sehr attraktiv gewesen sein müssen, attraktiver als reine Gewerkschaften, die schließlich auf der (mindestens mittelfristigen) Anerkennung des Lohnarbeiterstatus als Regelfall fußten. Produktivassoziationen – 165

ganz im Einklang mit der zeitgenössischen Begeisterung für das Prinzip der »Assoziation« – boten den Mitgliedern engste Kooperation und gleichzeitig Vermeidung von Lohnabhängigkeit. Sie versprachen ihnen den »vollen Arbeitsertrag« und enthielten mitunter radikal-utopische, sozialreformerische Perspektiven, vor allem 1848/49. Wenn die Produktivgenossenschaft sicherlich auch nie eine leistungskräftige und überlebensfähige Langzeitalternative zur privat­ kapitalistischen Organisation der Industrialisierung gewesen ist, so gilt es doch, ein für zweieinhalb Jahrzehnte eminent wichtiges Phänomen genauer zu erforschen, das zeigt, wie sehr die frühe Arbeiterbewegung noch zwischen Handwerkstradition und Lohnarbeiterperspektive oszillierte.36 Schließlich liegt es nahe, das Marxsche Programm und seine gewisse Attraktivität in der frühen Arbeiterbewegung unter solchen Gesichtspunkten zu interpretieren. Denn zwar war Marx weit davon entfernt, die »große Industrie« als solche zu kritisieren und zu handwerklichen Arbeitsweisen zurückkehren zu wollen. Er setzte auf den technisch-industriellen Fortschritt, zunehmende Naturbeherrschung und dadurch ermöglichte Emanzipation. Seine Theorien haben insofern viel mit Modernisierungstheorien gemeinsam. Aber hinter seiner Kritik an Kapitalismus und entfremdeter Arbeit, an der »unsichtbaren Hand« des Marktes und an der Verselbständigung des ökonomischen Teilsystems aus moralisch-politischen Bindungen stehen vielleicht in höherem Maße, als man sich üblicherweise klar macht, vorindustriekapitalistische Maßstäbe und Ideale, Ideale nicht-entfremdeter Arbeit ohne Marktvermittlung, Vorstellungen einer »moral economy«, politisch gewendet.37 Anders stellt sich der Zusammenhang zwischen Handwerkstradition und Arbeiterbewegung in der Frühgeschichte der Gewerkschaften dar, nachdem die jüngere Forschung zutage gefördert hat, dass die Gewerkschaften der 60er Jahre doch wohl in geringerem Maße Schöpfungen der Parteien waren, als eine parteizentrierte Geschichtsschreibung es lange annahm.38 In einigen Fällen  – und vielleicht entdeckt man noch weitere – ist bekannt geworden, dass Berufs­ gewerkschaften der 60er Jahre direkt aus Gesellenorganisationen hervorgingen, die behördlich geduldet worden waren. In solchen Fällen wurden aus den Laden, den Wander- und Krankenkassen der Gesellen gewerkschaftliche Unterstützungs- und Streikkassen. Die Herberge wurde zum Gewerkschaftslokal. Mit den Fahnen und Zeichen der Gesellen wurden ihre Geselligkeitsformen in die Gewerkschaft übernommen – ein ganz fließender Übergang, der vor allem für das industriearme Hamburg nachgewiesen wurde, das die Zünfte und Gesellenbrüderschaften bis 1864 gesetzlich festschrieb.39 Meist allerdings eigneten sich die Gesellenorganisationen, falls sie in den 60er Jahren überhaupt noch bestanden, nicht zur Umwandlung in eine streikbereite Gewerkschaft mit offener Mitgliedschaft. Zu eng waren oft ihre Zuständigkeiten beschnitten und auf die Wahrnehmung von Kassenfunktionen beschränkt, zu klar wurden sie oft von den Kommunalbehörden und vor allem von den Meisterorganisationen kontrolliert. Lokale Gewerkschaften entstanden deshalb oft neben ihnen: sie unterwanderten bestehende Kassenorganisationen 166

und traten mit ihnen in Konkurrenz, fanden sich behindert durch die Existenz dieser behördlich kontrollierten Kassen. Doch auch dann stellten die vorhandenen Gesellenorganisationen manchmal Kommunikationsbeziehungen und Solidaritätspotentiale bereit, die die Gründung der neuen Organisationen – auf beruflicher Basis natürlich  – erleichterten. Anreisende Gewerkschaftsagitatoren mochten zunächst an den Altgesellen schreiben und versuchen, sein Adressenbuch zur Einberufung einer ersten Versammlung zu benutzen.40 Aber auch wenn man, wie meistens, nicht auf die Unterstützung bestehender Gesellenorganisationen rechnen konnte; wenn sie der staatlichen Unterdrückungspolitik zu Beginn des Jahrhunderts, im Vormärz und wieder in den 50er Jahren zum Opfer gefallen waren; wenn sie dem Markt- und Bevölkerungsdruck nicht standgehalten hatten; wenn also die Organisationen der neu entstehenden Arbeiterbewegung – und das war wohl die Regel – überhaupt nicht auf Gesellenorganisationen aufbauen konnten, weil es keine gab oder weil sie von der staatlichen Obrigkeit und den Zünften effektiv kontrolliert bzw. auf Krankenkassenfunktionen beschränkt wurden, selbst dann erwiesen sich häufig handwerkliche Traditionen als hilfreich für die Entstehung der Arbeiterbewegung. Denn auch ohne formelle Organisation hielten sich unter den Zimmerern und Maurern, den Schneidern und Schustern gemeinsame Erfahrungen und Normen, die durch ähnliche Arbeit, bei Gelegenheit des Wanderns und auf den Herbergen immer neu befestigt wurden. Es waren Vorstellungen von ehrbarer Arbeit und auskömmlicher Nahrung, wenig arbeitsteiliger Tätigkeit und herkömmlichen Rechten, Vorstellungen also, die zunehmend in Konflikt mit den Realitäten und Anforderungen der sich durchsetzenden Marktwirtschaft, der Industrialisierung und der sich intensivierenden staatlichen Herrschaft gerieten. Man denke an die Abneigung der wandernden Gesellen gegen Wanderpässe und obrigkeitliche Kontrollen anderer Art, an die Abwehrhaltung der Weber, Schneider und Schuster gegenüber den Kaufleuten, Verlegern und Magazinen, von denen sie – in diesem Fall Gesellen und Meister zusammen – zunehmend abhängig wurden. Man denke an die Verteidigung des »blauen Montags« gegen verschärfte Zeitdisziplin oder an die vielfach bezeugte Abneigung von Gesellen, arbeitsteilig, zusammen mit Ungelernten oder Frauen in Fabrikwerkstätten zu arbeiten und sich neuen Lohnformen anzubequemen.41 Nimmt man all dies zusammen: die Verknüpfung von Traditionsorientierung, Zeitkritik und radikalen Zukunftserwartungen in den Produktivassoziationen, im frühen Sozialismus, im Marxismus und anderswo; die herkömmlich-modern durchmischte soziale Basis der frühen Sozialdemokratie, in der dekorporierte Handwerksgesellen, Kleinmeister und Heimgewerbetreibende unter Druck eine sehr große Rolle spielten; schließlich die vielfältigen Verbindungen zwischen Handwerkstradition und entstehenden Gewerkschaften  – dann verändert sich das Bild der frühen Arbeiterbewegung: Es war offenbar nicht nur, ja vielleicht nicht einmal vornehmlich der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, wie Marx ihn analysierte und wie man ihn in der Arbeiterbewegung beschwor, sondern ebensosehr der Zusammenprall zwischen herkömm167

lich-handwerklicher bzw. herkömmlich-heimgewerblicher Lebenswelt und der entstehenden Welt des Kapitalismus, der Industrialisierung und der Bürokratien, also der Zusammenprall zwischen Tradition und Modernisierung, aus dem Reibungen, Enttäuschungen und Protestpotentiale hervorgingen, die zur Entstehung der frühen Arbeiterbewegung beitrugen. Handwerkergeschichte und Arbeiterbewegungsgeschichte rücken damit enger aneinander. Herkömmlicherweise wurde der Spalt, die Diskontinuität zwischen Handwerkstradition und Arbeiterbewegung betont und die Arbeiterbewegung als vorwärtsgerichtete Emanzipationsbewegung, ob revolutionär oder nicht, als Teil des von ihr miterkämpften Fortschritts verstanden. Im Licht der hier vorgetragenen Ergebnisse wird die Kontinuität zwischen Handwerkstradition und Arbeiterbewegung betont, und im Endeffekt erscheint dann die frühe Arbeiterbewegung als eine wesentlich defensive, aus dem Widerstand gegen die Modernisierung lebende Protestbewegung. Das passt in die anfangs skizzierte Stimmungslage hinein. Es rückt die frühe Arbeiterbewegung, strukturell gesehen, in die Nähe späterer Mittelstandsbewegungen, die oft als antimodernistische Protestbewegungen analysiert worden sind.42 Diese standen allerdings politisch meist unter »rechtem« Vorzeichen. Aber warum soll sich eine wesentlich defensive Protesthaltung nicht auch hinter politisch »linken« Denk- und Sprechfiguren ver­ stecken können?43 Rückwärts gewandte Traditionsbindung kann offenbar unter den besonderen Bedingungen einer dazu geeigneten Herausforderung geradezu radikale, in die Zukunft weisende Bewegungsenergien erzeugen oder doch deren Mobilisierung befördern. Sicherlich werden im Licht der vorgetragenen Argumente und geschilderten Beispiele Triebkräfte der frühen Arbeiterbewegung sichtbar, die ihr selbst kaum bewusst waren, ihrem Selbstverständnis nicht entsprachen und in der Literatur oft vernachlässigt worden sind.

V Aber das Argument lässt sich schnell übertreiben. Es kann nur eine ergänzende Stellung beanspruchen. Denn es gab auch gewichtige Spannungen und Brüche zwischen Handwerkstradition und Arbeiterbewegung. Und diese war von Anfang an sehr viel mehr als eine defensive Protestbewegung gegen bedrohliche Modernisierung. Im folgenden seien einige Überlegungen und Belege zusammengestellt, die dies erläutern. 1. Soweit sich die Führer der frühen Arbeiterbewegung als Repräsentanten und Initiatoren einer entstehenden Klassenbewegung fühlten, hatten sie durchaus Grund, misstrauisch auf die handwerklichen Identifikationen der von ihnen umworbenen Gesellen-Arbeiter, Heimgewerbetreibenden, gelernten Fabrikarbeiter und ggf. auch Kleinmeister zu blicken. Abschätzig sprachen sie von »Zünftelei« und vermieden sogar zunächst das Wort »Gewerkschaft«, da es zu berufsbezogen, zünftig verzopft und partikularistisch klang.44 168

Zweifellos waren die herkömmlichen, handwerklichen Loyalitäten primär berufsbezogen und konkurrierten insofern mit überberuflichen Klassenloya­ litäten. Die Beispiele sind Legion, die zeigen, dass das beruflich-berufsständische Selbstverständnis von Buchdruckern, Messerschleifern, Schiffszimmerern etc. zwar ihren Zusammenhalt und ihre Protestfähigkeit im engeren Rahmen ihres jeweiligen Berufs stärkte, aber sie zugleich in der Zusammenarbeit mit anderen gelernten und ungelernten Arbeitern hinderte. Und die Autonomiebestrebungen handwerklich geprägter Arbeiter wandten sich nicht nur – zwecks selbstbestimmter Kontrolle über die Arbeitsvollzüge – gegen die Herrschaftsund Rationalisierungsansprüche der Unternehmer, sondern eben auch – exklusiv-monopolisierend  – gegen andere Arbeiter, Ungelernte und Frauen zumal. Soweit die Arbeitsmärkte noch eindeutig beruflich strukturiert und großbetriebliche Arbeitsverhältnisse noch selten waren, mochte solch eine berufspartikulare Interessenpolitik durchaus zum Nutzen der spezifischen Berufsgruppe ausschlagen, wie an den bis ins frühe 20.  Jahrhundert zu verzeichnenden Erfolgen der Solinger Messerschleifer und ihrer zunftartigen »Gewerkschaften« kürzlich gezeigt worden ist und sicher auch an anderen Beispielen in Deutschland und vor allem in England gezeigt werden kann. Aber natürlich entsprach solche Partikularpolitik nicht übergreifenden Klasseninteressen, wie sie von den Sprechern der Arbeiterparteien oder Vertretern berufsübergreifender Gewerkschaften seit Beginn der Arbeiterbewegung formuliert worden sind.45 Und unmittelbar kontraproduktiv, auch für die so organisierte Berufsgruppe, konnten der handwerklich geprägte Berufsstolz und die daraus folgende ex­ klusive Kohäsion im beruflichen Rahmen werden, wenn sie in großbetrieblichen Arbeitssituationen und auf überberuflich ausgeweiteten Arbeitsmärkten (Substitutionsmöglichkeiten, besonders nach der Zerlegung von Arbeitsvorgängen!) fortlebten. Agitatoren der frühen Arbeiterbewegung bemühten gern das Beispiel der Wagenfabrik, die neben Radmachern auch Schmiede, Schlosser, Lederarbeiter, Klempner, Lackierer usw. beschäftigte, um die Überholtheit rein beruflicher Interessenvertretung zu beweisen. »Im Fall die einen die Arbeit einstellen, können die andern nicht weiterarbeiten.«46 Um 1870, in einer im übrigen noch vorwiegend handwerklich-kleinbetrieblich-heimgewerblich strukturierten Arbeitswelt, entsprach dieses Argument noch kaum den Arbeits- und Konflikterfahrungen der vielen. Überberufliche Solidarität war in jener frühen Zeit eher mit Appellen an die gemeinsamen Erfahrungen der Unterprivilegierung, Unterdrückung, Armut, Leistung und Abhängigkeit, wohl auch mit politischen und ideologischen Redefiguren zu wecken als mit einem instrumentell-zweckrationalen Argument der angeführten Art. Aber, je großbetrieblicher die Arbeitswelt wurde, desto mehr traf es zu. Hilflos und selbstzerstörerisch verhielten sich die hochqualifizierten und traditionsreichen Schiffszimmerer mit ihren berufsexklusiven Spezialgewerkschaften und ihrem hohen Organisationsgrad auf den zunehmend überberuflich strukturierten, zunehmend rationalisierenden Hamburger Werften im späten 19. Jahrhundert.47 Auf dem starken Berufspartikularismus der Handwerker konnte die Arbeiterbewegung also 169

nicht gebaut werden, diese Tradition musste sie wenigstens zu modifizieren versuchen, wenn sie denn Arbeiterbewegung und nicht eine Summe von Berufs­ bewegungen sein wollte. 2. Obwohl modifizierte Reste der Zunfttradition in Deutschland länger und sichtbarer, rechtlich verfestigter und institutionell abgestützter weiterlebten als jedenfalls in Westeuropa (und natürlich auch als in den USA), konnten die entstehenden Gewerkschaften an diese Tradition kaum anknüpfen. Sie waren im Effekt weniger zunftähnlich als die englischen »trade unions«, als diese von deutschen Beobachtern um 1870 in Deutschland bekannt gemacht wurden. Zunftähnliche Praktiken der Arbeitsmarktkontrolle via Einfluss auf Lehre, Lehrlingszahl und Stellenvermittlung sowie mit Hilfe der Verpflichtung der Mitglieder auf bestimmte Arbeitsvollzüge bei Ablehnung anderer durch Mechanisierung und Zerlegung geforderter Tätigkeiten  – all das spielte bei den deutschen Gewerkschaften im Unterschied zu den englischen nur ganz vereinzelt eine gewisse Rolle. Die enge Berufsbezogenheit der Organisationen war in England deutlicher ausgeprägt als in Deutschland.48 Sicher lag dies zunächst einfach daran, dass die deutschen Gewerkschaften in jener Zeit  – und auch später  – unvergleichbar viel schwächer waren als die englischen.49 Aber eben darin spiegelt sich zugleich der abruptere Traditionsbruch wider, der die deutsche Gewerkschaftsentwicklung von der älteren Zunft- und Gesellengeschichte viel deutlicher trennte, als dies in England der Fall war. Um dies zu verstehen, muss man bedenken, dass die zünftische Tradition in den meisten deutschen Staaten in asymmetrischer, die Meister vor den Gesellen privilegierender Form überlebte. Letztlich resultierte dies aus einseitigen obrigkeitsstaatlichen Eingriffen: Seit dem mittleren 18.  Jahrhundert trafen die Regulierungsanstrengungen der ihre Macht auch nach innen erweiternden monarchisch-bürokratischen Staaten die Brüderschaften (und die Freiheiten) der Gesellen viel härter als die Zünfte der Meister. Diese überlebten – als Innungen – die Reformen des frühen 19.  Jahrhunderts oder wurden nach dem Ende der »Franzosenzeit« restituiert, wenn auch in modifizierter, in den Kompetenzen stark eingeschränkter, die Industrialisierung unter kapitalistischem Vorzeichen nicht allzu sehr behindernder Form – mit behördlicher Hilfe auch gegen die Kräfte des Marktes und der Überbevölkerung. Anders im Fall der Gesellenorganisationen. Hier verstärkten behördliche Disziplinierungsmaßnahmen jene Wirkungen, die ohnehin von der mit der Bevölkerung zunehmenden Unterbeschäftigung und der sich durchsetzenden Marktwirtschaft ausgingen und die Kassen, die Durchsetzungskraft und schließlich die Existenz der Gesellenschaften gefährdeten. Dies begann schon im 18. Jahrhundert. Im Vormärz und in der Reaktionszeit kamen dann wirtschaftsliberale Vorstellungen und politische Befürchtungen der Regierungen und ihrer Beamten dazu und führten entweder zur Unterdrückung oder zur engsten Kontrolle weiterlebender Gesellenschaften, wobei diese tunlichst auf Kassenfunktionen beschränkt werden sollten. Behördliche Überwachung traf die Gesellenschaften viel effektiver als die einzelnen Gesellen, und 170

auch die hatten in Deutschland ein in England undenkbares Maß an behörd­ licher Überwachung, zunehmend als Schikanen empfunden, zu ertragen (Visitationen, Wanderbücher etc.). Mit den Koalitionsverboten verschärfte sich diese Situation zwischen den 1840er und den 1860er Jahren. Der Obrigkeitsstaat half kräftig mit, den Gesellen kollektiv das Rückgrat zu brechen.50 Sicherlich variierte die Situation von Staat zu Staat; Hamburgs Gesetze erlaubten mehr Kontinuität als die preußischen. Auch von Beruf zu Beruf stellte sich die Situation anders dar: Bei den Buchdruckern, die sich traditionell als »freie Künstler« verstanden, spielten Gesellenorganisationen offenbar eine größere Rolle als bei klassischen Zunftberufen wie den Schneidern. Weitere Forschungen mögen Neues zutage fördern, z. B. mit Bezug auf die »geheimen Brüderschaften« des Vormärz. Behördliche Verbote, das ist bekannt, erwiesen sich damals sehr oft als ineffektiv. Aber sicher ist doch, dass die Gesellenschaften, soweit sie denn noch oder wieder in der Konstituierungsphase der Arbeiterbewegung von den 1840er bis in die 1870er Jahre existierten, äußerst schwache, funktionsarme, fremdbestimmte Gebilde waren, ohne die so zentralen Mittel zur Arbeitsmarktkontrolle wie Arbeitsnachweise, Lehrlingsausbildung und Tariffähigkeit. Trotz punktueller Streiks und Proteste, die es noch genauer zu untersuchen gilt, waren sie zu effektiven Boykotten längst nicht mehr in der Lage. Da war nicht viel, was die neuen Gewerkschaften hätten fortführen und woran sie hätten anknüpfen können. Und mit den Organisationen der Gesellen hatten auch ihre berufsspezifischen Traditionen gelitten. Immerhin fühlte sich Jacob Grimm schon 1813 bemüßigt, eine »recht genaue und sorgfältige Sammlung der Sprache, Lieder und Gewohnheiten der Handwerker« zu veröffentlichen, nachdem »das meiste davon aus dem eigentlichen Leben ausgetrieben worden ist«.51 Die Innungen überlebten, die Gesellschaften nicht oder nur in verkrüppelter Form. Das hing auch mit dem staatlich gesetzten Handwerksrecht zusammen. Bei allen Variationen von Staat zu Staat räumte es doch generell den Meistern entscheidende Vorteile ein und privilegierte sie vor den Gesellen: bei der Kündigung z. B. Es übertrug ihnen die Organisation und Kontrolle der Arbeitsvermittlung (Arbeitsnachweise) und Lehrlingsausbildung. Es gewährte ihnen wichtige Aufsichts- und Kontrollbefugnisse: den einzelnen Meistern über die noch in ihrem Haushalt lebenden Lehrlinge und Gesellen, aber auch den Meisterzünften und -innungen über die Kassen der Gesellen und ihre Herbergen. Im Grunde verdankten die Zünfte ihren Fortbestand ebendiesen ihren Polizeifunktionen, auf die die Obrigkeiten in jenen zunehmend angespannten Jahrzehnten vor und nach der Revolution 1848/49 nicht verzichten zu können glaubten.52 Unter solchen Bedingungen ist verständlich, dass sich die Sehnsucht der Gesellen nach Aufrechterhaltung oder gar Wiederverstärkung ständischzünftiger Regeln in Grenzen hielt. Sie waren zwar keine glühenden Bewunderer der sich durchsetzenden liberalkapitalistischen Marktwirtschaft, aber eben auch keine entschiedenen Verteidiger des alten vorkapitalistisch-vorindustriellen Systems, dessen Schattenseiten gerade sie nur allzu gut kannten. Eine nostal­gische Idyllisierung der »guten, alten Zeit« lag ihnen vermutlich fern. 171

Die »Dekorporierung« dürften die meisten von ihnen stärker als Emanzipation denn als Verlust erfahren haben.53 Die ständisch-zünftige Tradition war in Deutschland stärker von den Meistern besetzt und hierarchisch durchformt als in Frankreich oder in England. Vor allem die Meister setzten sich für ihre Erhaltung oder Wiederverstärkung ein, wie sich spätestens 1848 in aller Öffentlichkeit zeigte.54 So erweist sich die antizünftige, anti-ständische Stoßrichtung der entstehenden Arbeiter­bewegung als sozialgeschichtlich durchaus konsequent. Die rechtliche Fixierung sozialer Unterschiede war ein charakteristisches Merkmal der ständischen Gesellschaft Alteuropas gewesen. Dazu hatte die bis ins einzelne gehende rechtliche Fixierung des sozialen, ökonomischen und in der Lebensführung sich niederschlagenden Unterschieds zwischen Handwerksmeistern und -gesellen gehört. In Deutschland überlebte das zünftig geprägte Handwerksrecht das Ancien régime, wenn auch in modifizierter Form. Auch im 19. Jahrhundert war der Unterschied zwischen Meistern und Gesellen gleichzeitig ein rechtlicher. Entsprechend scharf war er markiert, viel schärfer als in England und viel schärfer, als es allein aufgrund verschiedenartiger ökonomischer Interessen und unterschiedlicher sozialer Erfahrungen zu erwarten gewesen wäre. Gegen allzu enge Kooperation von Meistern und Gesellen wurde behördlich Stellung genommen. Es gehe nicht an, so der Berliner Magistrat in einer Mahnung an die Schneiderinnung der Stadt 1854, »daß der Unterschied zwischen Meistern und Gesellen beseitigt [werde] und nur der Arbeiter zur Geltung komme … Ein solches sociales Streben« sei mit den gesetzlichen Bestimmungen unvereinbar.55 Die obrigkeitsstaatlich überformte, in gesetzlich festgeschriebener Form fortlebende ständische Tradition half also mit, den Unterschied zwischen formal selbständigen und formal unselbständigen Handwerkern zu zementieren und damit die sich herausbildende »Klassenlinie« zu verschärfen.56 So erklärt sich, dass ein kluger Beobachter wie der Statistiker und Sozial­ wissenschaftler Victor Böhmert 1858 feststellte, dass Klassenspannungen vor allem in »Gegenden mit alten Zunfteinrichtungen« anwüchsen.57 So erklärt sich, dass Gesellen und Meister spätestens seit 1848 zu getrennten Organisa­ tionen tendierten, wobei die »itio in partes« auf dem Frankfurter Handwerkerkongress im Sommer 1848 nur der spektakulärste und bestbekannte Einzelfall war.58 Auch begriffsgeschichtlich schlug sich der Tatbestand nieder. Zwar gab es sprachliche Unsicherheiten, wenn die alten Begriffe nicht mehr auf die neue Wirklichkeit passten.59 Aber während im Englischen das Begriffspaar »master and men« auf die Unterscheidung zwischen größeren Meistern und Unternehmern als Arbeitgebern einerseits und Gesellen plus kleine, wenn auch formal selbständige Gewerbetreibende andererseits abhob, blieb es in Deutschland die Regel, sprachlich und kategorial (in Verordnungen, Statistiken, sozialtopographischen Beschreibungen etc.) alle Meister (einschließlich der keine Gesellen oder Gehilfen beschäftigenden Klein- oder Alleinmeister) zusammen mit Fabrikanten und Kaufleuten auf der einen Seite, die Gesellen aber, ggf. zu­ 172

sammen mit »Gehülfen« und Fabrikarbeitern, auf der anderen Seite einzuordnen.60 Sicherlich spiegelt die soziale Begrifflichkeit Wahrnehmungsweisen und Deutungsmuster der Zeit; sie gibt Auskunft darüber, wie sich die soziale Welt in den Köpfen der Zeitgenossen abbildete.61 Vermutlich indiziert der angedeutete Befund, dass sich viele der so zahlreichen Kleinmeister als von den auch formal unselbständigen Gesellen unterschieden verstanden (und umgekehrt). Zwar haben neue Forschungen überzeugend gezeigt, wie ähnlich die Situation der Kleinmeister und Gesellen im 19.  Jahrhundert oft war. Ihr Einkommen war ungefähr gleich gering, ihr Lebensstandard ähnlich prekär, sie wohnten in denselben Quartieren und unter ähnlichen Wohnungsverhältnissen, sie glichen sich in ihren Arbeitserfahrungen, ihrer Herkunft und ihrem Lebenszuschnitt. Gemeinsam mochten Kleinmeister und Gesellen des Schneider-, Schreiner- und Schuhmachergewerbes schon im zweiten Drittel des 19.  Jahrhunderts in den mittleren und größeren Städten auf das »Confectionsunwesen« schimpfen und ihre gemeinsame Abhängigkeit vom kapitalstarken »Magazin« beklagen. Auch mochten sie 1848/49 und in den 1860er Jahren gemeinsam den lokalen Demokratischen Verein unterstützen.62 Wenn dennoch die kleinen Meister, die den Statuten nach in der Regel Mitglieder der frühen Gewerkschaften werden konnten, diesen  – abgesehen von einer sich verringernden kleinen Minderheit  – meistens fernblieben, so hing dies außer mit sozialökonomischen Interessendivergenzen, die sich vor allem in Streiksituationen zeigten, auch mit jenem Unterschiedsbewusstsein zusammen, das an der Linie zwischen Gesellen und Meistern (nicht primär zwischen kapitalistischen Arbeitgebern und Gesellen/Kleinmeistern) differenzierte und letztlich ein Resultat ständischen Überhangs war. Wie es ein gewerkschaftlich engagierter Schuhmacher aus Berlin 1875 ausdrückte, als es um das Verhältnis von Kleinmeistern und Gesellen in diesem Gewerbe und um die lohn­drückende Abhängigkeit der Handwerker von »Bazaren« und »Fabriken« ging: »… würden die Herren Kleinmeister mit den Gesellen Hand in Hand gehen, so wäre es überhaupt gar nicht möglich, dass die Großfabrikanten so viel Gesellen beschäftigen. Aber die Kleinmeister haben einen zu großen Dünkel auf dem Titel ›Meister‹, denn es wäre ja eine Schande, sich so weit herabzulassen, um mit den Gesellen gemeinschaftlich die Lage des Gewerbes zu besprechen.«63 In der Konsequenz entwickelten sich die deutschen Gewerkschaften relativ früh und schnell auf reine Arbeitnehmerorganisationen zu (wenn auch in den folgenden Jahrzehnten in den Sparten mit Kleinbetrieben immer auch ein Anteil Selbständiger unter den Mitgliedern zu Finden war, oft ehemalige Gesellen und Arbeiter, die selbständig geworden waren und ihre Mitgliedschaft beibehalten hatten). Wiederum gilt: Die Art, in der die Zunfttradition in Deutschland fortexistierte, erschwerte den Anschluss der frühen Gewerkschaften an die Handwerkstradition. 3. Wie sehr sich schon die frühe Arbeiterbewegung aus der älteren Handwerkstradition gelöst hatte, zeigt sich recht eindrucksvoll, wenn man die sehr häufigen Handwerksgesellen-»Aufstände« des 18.  Jahrhunderts mit den noch 173

viel häufigeren Streiks gewerblicher Arbeiter in der industriellen Revolution vergleicht. Den folgenden Ausführungen liegen systematische Erhebungen zu etwa 260 Gesellenaufständen in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts und zu etwa 1.150 Streiks 1871–78 zugrunde.64 Die älteren Gesellenaufstände und die neueren Streiks unterschieden sich nicht darin, dass diese rationaler geplant, weniger spontan, stärker mit Organisationen verknüpft und in der Regel erfolgreicher waren als jene. Auch die lokale Erstreckung der Konflikte nahm nicht eindeutig zu. Das stellt manche akzeptierte Aussage der historischen Protestforschung in Frage, doch ist dies hier nicht weiter zu verfolgen.65 Nach Größe und Dauer, Form und Verteilung unterschieden sich die älteren Gesellenaufstände und die Streiks der ersten Industrialisierungsphase dagegen sehr, doch soll hier nur auf drei wesentliche Unterschiede verwiesen werden: Zum einen unterschieden sich ältere Gesellenaufstände und spätere Streiks in dem Maß, in dem sie zu Regelverletzungen führten und die Obrigkeit in­ volvierten. Während jeder fünfte oder sechste Gesellenaufstand zur Anwendung von Gewalt auf seiten der Gesellen führte, spielte Gewalt seitens der Streikenden in den 70er Jahren kaum eine Rolle. Bei den Konflikten des 18. Jahrhunderts kam es häufig zu Militäreinsätzen und Verhaftungen, in den 1860er/70er Jahren waren sie selten geworden. Jeder vierte Gesellenprotest des 18. Jahrhunderts richtete sich zumindestens auch gegen die Obrigkeit, in der Regel gegen den Magistrat. Als Konfliktgegner von Anfang an spielten die Behörden in den 70er Jahren dagegen kaum noch eine Rolle – kaum mehr und noch nicht wieder. Vordergründig war dieser Wandel auf die Legalisierung von Gewerkschaften und Streiks in den 60er Jahren zurückzuführen.66 Die Handwerksgesellenaufstände des späten 18. Jahrhunderts waren zwar häufig, aber verboten. Prinzipieller gewendet, reflektiert dieser Wandel im Charakter der Proteste die zunehmende Ausdifferenzierung der Teilsysteme Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Um 1870 waren Aktionen in einem dieser Bereiche möglich, ohne dass der andere sofort und direkt mit einbezogen wurde. Dagegen war ständisch-­feudale Wirklichkeit durch die relative Ungeschiedenheit ökonomischer, sozialer, kultureller und politischer Dimensionen definiert.67 Vielleicht verweist diese Veränderung des Protestverhaltens aber auch auf einen sich ändernden Stellenwert von Gewalt. Die seinerzeit so häufige kleine Gewalt des Alltags – die blutigen Ausschreitungen, die gewalttätigen Spiele, die öffentliche Prügelstrafe, das Beobachten des Henkers – wurde seltener, die Gewaltschwelle rückte höher – dank sich durchsetzender Staatsbildung und veränderter Psychologie. Der zweite grundsätzliche Unterschied zwischen den älteren Gesellenaufständen und den späteren Arbeiterstreiks: Nur in 2 % aller Fälle waren im 18. Jahrhundert Gesellen verschiedener Berufszugehörigkeit gemeinsam in den Ausstand getreten. In den 1870er Jahren stieg dieser Anteil immerhin auf 10 %, vor allem dank überberuflich zusammengesetzter Fabrikarbeiterstreiks. Im 18.  Jahrhundert wurde Unterstützung für Streikende aus anderen Gewerben in 13 % der Fälle dokumentiert; dagegen fand in den 1870er Jahren jeder dritte Streik Unterstützung durch Organisationen, die – wie der ADAV und die 174

SDAP – ihrerseits überberuflich strukturiert waren. Umgekehrt: Während wenigstens 16 % der Gesellenaufstände im 18. Jahrhundert von Meistern und ihren Zünften unterstützt worden waren, fanden die Streiks der 1870er Jahre nur im Ausnahmefall Unterstützung durch Arbeitgeber. Denn in den 1870er Jahren konzentrierten sich die Konflikte viel stärker als im 18. Jahrhundert auf Fragen, die mit Notwendigkeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern kontrovers waren: vor allem auf marktbezogene Verteilungsfragen (Löhne und Arbeitszeit) und in zweiter Linie auf Herrschaftskonflikte (Kontrollen und Arbeitsordnungen in den Werkstätten z. B.) Dagegen konnten in Fragen der Ehre, der Sitten und der zunftigen Privilegien, die im 18. Jahrhundert häufig Gegenstand der Auseinandersetzungen waren, oft Gesellen und Meister derselben Meinung sein und an einem Strick ziehen. Systematisch gewendet, verweist diese Veränderung im Charakter der Proteste auf ein gewisses Voranschreiten des Klassenbildungsprozesses: Die überberufliche Zusammenarbeit von Lohnabhängigen wurde häufiger, und die »Klassenlinie« strukturierte die Proteste nun klarer als zuvor. Dies ist ein Befund, der – allerdings nur der Tendenz nach und innerhalb enger Grenzen – auf die Arbeiterbewegung jener Jahre insgesamt zutrifft.68 Hier zeigt sich ein zentraler Unterschied zwischen der entstehenden Arbeiterbewegung und des alten Handwerk mit seiner streng berufsständischen Struktur und seinen starker vertikalen, Gesellen und Meister verbindenden Loyalitaten. Die Gründe für diesen fundamentalen Strukturwandlungsprozess, der die Arbeiterbewegung erst möglich machte, lassen sich kaum mit wenigen Worten resümieren. Da spielten Veränderungen der immer öfter überberuflich strukturierten Arbeitsverhältnisse eine Rolle, die wachsende Arbeitsteilung und berufliche Differenzierung, am Rande auch die Maschinisierung aber auch die sehr erfahrbare Herrschaft von Unternehmern und Kapitalbesitzern wie auch die Erfahrung der zunehmenden, lohnarbeitertypischen Abhängigkeit vom Markt und seinen Un­sicherheiten. Fluktuation und Wanderungen nahmen zu, auf dem Hintergrund eines sich weiter beschleunigenden Bevölkerungswachstums. Manche staatlichen Eingriffe  – z. B. die Einrichtung überberuflicher Kassen als schikanös empfundene Kontrollen oder die Unterdrückung von feinen und kollektiven Aktionen – schwächten überkommene berufliche Identitäten und boten sicherlich ungewollt Gelegenheit zu überberuflichen, klassenspezifischen Erfahrungen.69 Dass ständisch-zünftige Überhänge Klassenunterschiede verschärfen konnten, wurde oben erwähnt. All dies trug dazu bei, dass – der Tendenz nach  – die gemeinsame Lohnabhängigkeit, relativ zur Berufszugehörigkeit, objektiv und subjektiv an Bedeutung gewann. Schließlich unterschieden sich die älteren Gesellenproteste und die späteren Arbeiterstreiks in Bezug auf die Forderungen der Streikenden, ihre manifesten Streikziele.70 Nur ein Aspekt sei hervorgehoben: Die Aufstände des 18. Jahrhunderts hatten, soweit erkennbar, fast durchweg defensiven Charakter. Es ging den protestierenden Gesellen  – vermutlich nicht nur rhetorisch, sondern als Sache der Überzeugung aus ihrer Perspektive  – fast durchweg um die Wie175

derherstellung alter Rechte, um die Wiedergewinnung verlorenen Bodens, um Widerstand gegen Veränderungen, die von oben oder außen kamen, von den Behörden, der Inflation, den Kaufleuten, den Verlegern, den Meistern. Auch in den ländlich-landwirtschaftlichen Protesten (»Bauernunruhen«) des 17. und 18. Jahrhunderts herrschte diese subjektiv defensive Grundstimmung vor, wenn sie auch objektiv dynamisierend wirken konnten.71 In den Jahren 1871 bis 1873 bezweckten dagegen  – nach den erklärten Streikzielen zu urteilen  – acht von zehn Streiks Verbesserungen der Löhne und Arbeitsverhältnisse oder erstrebten neue, z. B. gewerkschaftliche Rechte. Selbst in den Krisenjahren 1874/75 war noch jeder zweite Streik in diesem Sinn offensiv. Hier zeigt sich ein fundamentaler Unterschied zwischen der alten Handwerks- und Volkskultur einerseits, der entstehenden Lohnarbeiterklasse und ihrer Bewegung andererseits. Gesellen im Ausstand, empörte, sich zusammen­ rottende Bauern, Kleinbauern und Heimarbeiter, die Träger von frühneuzeitlichen Volksprotesten überhaupt, dürften in aller Regel von der Gerechtigkeit ihrer Sache zutiefst überzeugt gewesen sein. Fast immer war es eine Sache der Verteidigung, des Widerstands, der Zurückweisung neuer Zumutungen, jedenfalls subjektiv. Letztlich konservativ und traditionsgebunden wehrte man sich gegen eine Verschärfung der Frondienste, eine Erhöhung der Abgaben, die Individualisierung bisher kommunaler Besitz- und Verfügungsrechte, gegen die Einstellung unzünftiger Arbeiter durch einen innovationsfreudigen Meister, gegen die Erhöhung von Preisen oder die Beschneidung der Bruderschaftsautonomie. Die Initiative lag bei den andern: den Behörden, den Unternehmern, den Herren. Diese im Kern reaktiven Protestformen72 lebten im 19. Jahrhundert weiter, auch noch sehr deutlich in der Arbeiterbewegung der 60er und 70er Jahre; vielerlei Mischformen tauchten auf.73 Aber zwischen dem späten 18. Jahrhundert und den 1870er Jahren lernten Teile der Unterschicht, und vor allem eine Minderheit qualifizierter gewerblicher Arbeiter, Vorteile und Rechte zu fordern, die sie nie vorher gehabt hatten und auch nie vorher gehabt zu haben glaubten – wiederum besten Gewissens und mit dem Gefühl, für eine gerechte Sache einzutreten, vielleicht mit Berufung aufs Menschenrecht.74 Diese neue Haltung prägte die Forderungen, die Programme und Aktionen der jungen Arbeiterbewegung mit, die sich damit von einer jahrhundertealten Tradition zu lösen begann. Sie war insofern keine defensive Protestbewegung, sondern eine offensive Emanzipationsbewegung, die den Fortschritt nicht bekämpfte, sondern ihren Teil daran einforderte und damit zu ihm beitrug. Allerdings stellte sie wohl eine kleine Insel im Meer einer vornehmlich traditional orientierten Unterschicht dar, besonders wenn man deren ländlichen Teil einschließt.75 Dieser Wandel reflektierte den Beginn einer Revolution der Ansprüche, die wie die meisten wichtigen Revolutionen schrittweise gekommen und zunächst auf eine Minderheit beschränkt war. Schon in den 1790er Jahren und in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts waren vereinzelt Ansätze dieses Bewusstseinswandels erkennbar, so in den gut untersuchten Bremer Gesellenaufständen und in den schlesischen Massenbewegungen der Zeit: Fernwirkungen der Großen 176

Französischen Revolution, hohe Erwartungen im Anschluss an die Reform­ versprechen der Regierungen, erste Ansätze zur Politisierung.76 Der Vormärz seit 1830 und die Revolution von 1848/49 brachten schnelle Schritte vorwärts auf diesem Weg.77 Das Reichsgründungsjahrzehnt trieb die Politisierung des Volkes mit inhaltlich anderen Schwerpunkten voran. Fortschrittsüberzeugungen verbreiteten sich aus dem Bürgertum in Teile der qualifizierten, vor allem städtischen Unterschicht hinein, über Bildungsvereine und Literatur vermittelt, über Kontakte mit Intellektuellen und absteigenden Absolventen der reformierten Universität, auf Wanderungen und Reisen teilweise ins Ausland, vielleicht sogar über die öffentlichen Volks- und Gewerbeschulen.78 Gewichtig war die Rolle einiger Journalisten und Lehrer, der linken Bildungsbürger und kritischen Intellektuellen, des Linkshegelianismus und überhaupt der Geschichtsphilosophie in diesem Unterschichten-Bildungsprozess, in dem die Momente der Emanzipation die der Disziplinierung überwogen: späte Folgen der Aufklärung in ihrer neuhumanistischen Form. Die »Kontaktstellen« zwischen Bürgern und Arbeitern müssten systematisch untersucht werden, um diesen Prozess genauer zu begreifen.79 Diese oftmals radikalen, bürgerlichen Propagandisten des Fortschritts hätten jedoch Schiffbruch erlitten, wenn sie nicht an Fortschrittserfahrungen der Adressaten, der Gesellen und Arbeiter, hätten anknüpfen können. Sie sind noch schwerer zu rekonstruieren. Immerhin, der Wandel und die Wandelbarkeit der Verhältnisse, die häufigen Ab- und Aufstiege, Neuerungen unerhörter Art waren für jeden sichtbar und erfahrbar: von der partiellen Entmachtung der kirchlichen Institutionen und ihrer Vertreter zu Beginn des Jahrhunderts bis zur Entstehung des Reiches 1870/71, von den die Landschaft und das Zeitgefühl verändernden Eisenbahnen bis zur neuen Werkzeugmaschine, der sich der Fabrikarbeiter mit einer Mischung aus Misstrauen und Interesse, Ablehnung und Stolz nähern mochte. Auch waren, als die Arbeiterbewegung endgültig entstand, die Jahre der allergrößten Not vorbei. Mit den Löhnen ging es allmählich aufwärts, bei riesiger und wohl zunehmender Ungleichheit. Bekanntlich waren es ja auch nie die Allerärmsten, die in der Arbeiterbewegung aktiv wurden, so sehr die Erfahrung realer und drohender Armut ein gemeinsames Merkmal der dama­ ligen proletarischen Situation darstellte und Arbeiter verschiedenen Berufs zu­ sammengeführt haben mag.80 Im Ergebnis: Es ist zweifellos wichtig, die traditionellen Wurzeln der modernen Arbeiterbewegung und ihre Kontinuität zum alten Handwerk und zu den Gesellen- und Volksbewegungen der vorindustriellen Zeit ernst zu nehmen. Hier hat die jüngere Forschung Fortschritte gemacht. Doch falsch wäre es, diese Neubewertung der Tradition zu übertreiben. Die deutsche Arbeiterbewegung entstand nicht primär als Fortsetzerin der hier behandelten Traditionen, sondern vor allem aus der Distanzierung zu ihnen. Auch in der hier allein behandelten frühen Phase stellte die Arbeiterbewegung nur zum kleinen Teil eine defensive Protestbewegung gegen Markt, Industrie und bürokratischen Staat dar. Vor allem war sie eine Bewegung der Emanzipation und des Kampfes für Fort177

schritt, wie sie ihn verstand, ein Produkt der Moderne, offensiv, anti-traditio­ nalistisch und weit von zivilisationskritischer Verklärung der Vergangenheit entfernt. Zweifellos geriet sie damit in Distanz zu einigen populären Traditionen, herkömmlichen Einstellungen und verbreiteten Abwehrhaltungen der »kleinen Leute«: Weder verteidigte sie den »blauen Montag« noch den Maschinensturm, noch die gewaltsamen Tumulte gegen Bierpreiserhöhungen in süddeutschen Städten 1873.81 Aber gleichzeitig muss sie verbreiteten Erfahrungen und Erwartungen der von ihr vertretenen Arbeiter entsprochen haben. Sonst wäre sie nicht zu der langfristig wachsenden, stabilen Massenbewegung geworden, die sie 1875 allerdings nur als Möglichkeit war.

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12. Bürgerlichkeit und Obrigkeitsstaat Deutsches Bürgertum im 19. Jahrhundert1

I Wenn man über das deutsche Bürgertum im 19.  Jahrhundert spricht, dann dürften sich die meisten deutschsprachigen Historiker im großen und ganzen darüber einig sein, welche Berufs- und Sozialgruppen dem Bürgertum zu­ zurechnen sind und welche nicht  – abgesehen von einigen, allerdings großen Zwischen- und Randgruppen, deren Zuordnung unklar ist und wechselt. Nicht zum Bürgertum rechnen Adel, katholischer Klerus, Bauern, Arbeiter und die Unterschichten insgesamt. Auf jeden Fall zum Bürgertum rechnen die Kaufleute, Fabrikanten und Bankiers, Kapitalbesitzer, Unternehmer und ihre leitenden Angestellten – also das Wirtschaftsbürgertum bzw. die Bourgeoisie im eigentlichen Sinn. Ebenfalls zum Bürgertum rechnet man bei uns i. d. R. die Ärzte, Rechtsanwälte und anderen Freien Berufe, die Gymnasiallehrer und Professoren, die Richter und höheren Verwaltungsbeamten, dann auch Naturwissenschaftler, die Diplom-Ingenieure und qualifizierte Experten anderer Art – also Personen, die durchweg höhere, tendenziell akademische Bildung besitzen und davon leben und die man deshalb auch manchmal mit der Sammelbezeichnung »Bildungsbürger« zusammenfasst, »Bourgeoisie« und »Bildungsbürgertum« sind die beiden wichtigsten Segmente des Bürgertums. Zusammen mit ihren Familien dürften sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr als 5–8 % der Bevölkerung ausgemacht haben.2 Ob die große Masse der kleinen Selbständigen in Handel und Gewerbe – die Handwerker, Kleinhändler und Gastwirte – und die an Zahl bald zunehmenden mittleren und kleineren Angestellten und Beamten eindeutig zum Bürgertum zu rechnen sind, ist schon weniger klar. Jedenfalls gegen Ende des 19. Jahrhunderts bezeichnete man sie gern als »kleinbürgerlich« (oder als »mittelständisch«) und deutete damit an, dass sie wohl in gewisser Weise, aber doch nicht im Vollsinn des Wortes zum Bürgertum gehören. Wie gesagt, das ist die Sicht des späten 19.  Jahrhunderts. Ein Jahrhundert früher gehörten die städtischen Handwerker und Detaillisten dagegen ohne Zweifel zum städtischen Bürgerstand, aber in dem Maße, in dem im Laufe des 19. Jahrhunderts Besitz- und Bildungsbürger aufstiegen und die Bedeutung des Bürger-Begriffs prägten, in dem Maße rückten jene kleineren Existenzen an den Rand des Bedeutungsfeldes von »Bürgertum«. Die Angestellten sind als Massenphänomen ohnehin erst ein Produkt 179

des späten 19. Jahrhunderts – Arbeitnehmer wie auch die Arbeiter, aber durchweg bemüht, nicht zu diesen zu rechnen und als »neuer Mittelstand« eher auf der Seite des Bürgertums stehend – nach Selbstverständnis, Ansehen, Einstellungen und Lebensstil.3 Auch wenn man die kleinen Selbständigen und die kleinen Gehaltsempfänger wie andere schwer zuzuordnende Kategorien (Künstler z. B.) zunächst einmal beiseite lässt und sich auf den wirtschafts- und bildungsbürgerlichen Kern beschränkt, ist es nicht leicht zu sagen, aber doch eine zentrale Frage der Bürgertumsforschung, was denn der gemeinsame Nenner und zugleich die abgrenzende Besonderheit jener ist, die schon die zeitgenössischen Wörterbücher und erst recht die heutigen Historiker zum Bürgertum rechnen. Was ist es denn, das die Kaufleute, Fabrikanten und angestellten Bankdirektoren, die selbständigen Rechtsanwälte, die Richter und Ministerialbeamten, später auch die Diplomingenieure und Betriebswirtschaftler etc. in sozial relevanter Weise gemeinsam hatten, und zwar so, dass es sie zugleich von NichtBürgern unterschied? Die gleiche Klassenlage kann es nicht gewesen sein, denn die einen waren selbständig, die anderen beamtet, und wieder andere zählten zu den Privatangestellten. Nicht nur nach Beruf, auch nach Bildung unterschied man sich, denn eine, wenn auch abnehmende, Mehrheit der Wirtschaftsbürger verfügte im 19. Jahrhundert nicht über jene akademische Bildung, die die Bildungsbürger als solche definierte. Und auch nach Einkommen und sozialer Herkunft war das Bürgertum äußerst heterogen. Wodurch definierte es sich dann, was hielt es zusammen? Nun, eine Antwort ist: nichts, jedenfalls nichts Wesentliches. In der Tat verzichten viele Sozialhistoriker in den meisten west- und osteuropäischen Ländern darauf, vom Bürgertum insgesamt zu sprechen und dieses zum Gegenstand ihrer Forschung zu machen. Die polnischen Historiker z. B. betreiben Forschungen über die Bourgeoisie (Unternehmer, Kapitalisten etc.), daneben Forschungen über die »Intelligenz«, daneben Forschungen übers Kleinbürgertum, aber diese drei Forschungsrichtungen werden von verschiedenen Personengruppen betrieben, nicht zusammengefasst, verlaufen getrennt voneinander. Im angloamerikanischen Bereich kennt man zwar den Begriff »middle classes«, aber er ist eher marginal, strukturiert die Forschung nur wenig. Business­men auf der einen Seite, professions auf der anderen werden relativ separat untersucht.4 Auch im deutschsprachigen Raum sind die meisten Studien spezialisiert, auf Unternehmer die einen, auf Beamte die anderen, auf Ärzte die dritten, und es gibt mehr Studien über einzelne Aspekte der Bürgertumsgeschichte (Bildung, Professionalisierung, Familienideal, Liberalismus) als über das Bürgertum insgesamt. Aber vor allem in den letzten Jahren findet sich in der Forschung immer häufiger die Tendenz, in Forschungsprojekten, Monographien, Artikeln und Sammelbänden die Geschichte des Bürgertums insgesamt zu thematisieren. Ähnliche Tendenzen zeigen sich in Österreich, in Ungarn und in Italien.5 Ein innerer Zusammenhang und eine äußere Abgrenzbarkeit der als Bürgertum zusammengefassten Berufs- und Sozialgruppen werden dabei entweder implizit unterstellt oder explizit begründet. Mit welchen Argumenten? 180

Zwei Argumentationen scheinen mir tragfähig, brauchbar und komplementär. Ich beschränke mich auf sie, lasse andere beiseite. Zum einen ist da die Argumentation mit den sozialen Frontstellungen. Man weiß ja, dass sich Gruppen sehr oft nur im Konflikt konstituieren: durch Absetzung von anderen konstituiert sich eigene Identität. Man weiß das aus der Geschichte der Klassen, der Nationalitäten, der Konfessionen. Angewandt auf diesen Fall: Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, als das Bürgertum im modernen Sinne entstand, teilten Kaufleute, Manufakturunternehmer und Kapitalisten, gebildete Beamte und Publizisten, Professoren und manche Pfarrer – bei aller Verschiedenheit der Interessen und Erfahrungen ansonsten – die kritische Absetzung von den alten Mächten, vom privilegierten Geburtsadel einerseits, vom monarchischen Absolutismus andererseits. Man berief sich auf Leistung und Bildung, auf Arbeit und Persönlichkeit, man entwarf das Modell einer modernen, säkularisierten, nachständischen, nicht von oben gegängelten, sich vernünftig selbst regulierenden, eben »bürgerlichen« Gesellschaft – und all das in der Kritik an geburtsständischen Privilegien und am Obrigkeitsstaat. In den Lesegesellschaften und Logen traf man sich und diskutierte, auch in anderen Vereinen, bald auch in liberalen Versammlungen, bei politischen Gastmählern und schließlich im Landtag. Die Kritik der Bürger war zumeist nicht revolutionär. Und die Grenzlinie war niemals ganz scharf gezogen – adlige Überläufer gab es zuhauf, und die aufgeklärten Beamten gehörten zugleich zur bürgerlichen Kritik wie zum kritisierten Staat. Dennoch: was diese Bürger ganz verschiedener Art einigermaßen einte, waren die gemeinsamen Gegner: der Adel, der unbeschränkte Absolutismus, vielleicht auch die kirchliche Orthodoxie, – und in der Opposition dagegen entwickelte sich so etwas wie ein Berufe und Gruppen übergreifendes Bürgertum mit seiner damals utopischen Idee der bürgerlichen Gesellschaft der Freien und prinzipiell Gleichen.6 Im Laufe des 19.  Jahrhunderts verblasste allerdings diese Frontlinie, ohne doch je ganz zu verschwinden. Der weitgehende Abbau der rechtlichen Privilegien des Adels vom Beginn des Jahrhunderts bis zum Jahrzehnt der Reichsgründung, die Konstitutionalisierung des Herrschaftssystems und ökonomisch-sozial-kulturelle Annäherungen zwischen den oberen Schichten des Bürgertums und Teilen des Adels trugen dazu bei. Aber eine andere, schon um 1800 nicht ganz fehlende Frontstellung trat in den Vordergrund: die Abgrenzung nach unten, die Absetzung gegenüber den nicht-bürger- liehen Unterschichten und ihren Bewegungen, die in Form der mit der Industrialisierung anschwellenden Arbeiterbewegung zu einer immer mächtigeren Herausforderung wurden. So sehr sich die Großindustriellen und Kleinunternehmer, die freiberuf­ lichen Akademiker, hohen Beamten, mittleren Angestellten und Oberlehrer, die ­Diplom-Ingenieure und Hotelbesitzer in fast allem unterschieden – die kritischdefensive Absetzung gegenüber den kleinen Leuten, dem Volk, dem Proletariat, der Arbeiterbewegung teilten sie i. d. R., und das war in der klassengespaltenen Gesellschaft des Kaiserreichs und auch noch in Weimar-Deutschland wichtig und prägend genug, um weiterhin von einem Bürgertum zu sprechen.7 181

Aus diesem Gedankengang folgt nun umgekehrt: In dem Maße, in dem diese Frontstellungen fehlten oder verblassten, in dem Maße verlor das Reden von einem zugleich umfassenden und abgrenzbaren Bürgertum an Realitätsgehalt. So kann man einige internationale Unterschiede erklären: Wo die Adelstradition schwach war oder gar fehlte (wie in der Schweiz und in den USA), wo die frühe Entfeudalisierung des Landes und die frühe Kommerzialisierung der Landwirtschaft die Adel-Bürger-Differenz und überhaupt den Land-Stadt-Unterschied zeitig abschliffen (England, Schweden), dort wirkten starke Faktoren der Herausbildung eines distinkten Bürgertums und einer einheimischen Bürgertum-Diskussion entgegen. Die im Vergleich zum Gebiet östlich des Rheines radikalere Einebnung der Adel-Bürger-Differenz im revolutionären Frankreich (und in der Schweiz) dürfte dazu beigetragen haben, dass es westlich des Rheins im Laufe des 19.  Jahrhunderts üblicher wurde, von adlig-bürgerlichen Eliten (z. B. Notablen) zu sprechen, als zwischen Adel und Bürgertum zu differenzieren (wie es in Deutschland, Österreich, Italien und Teilen Ostmitteleuropas weiterhin sinnvoll blieb).8 Ähnlich lässt sich erklären, warum es heute viel schwieriger als im 19. Jahrhundert und als im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ist, in fortgeschrittenen Industrieländern wie der Bundesrepublik Deutschland ein übergreifendes und zugleich klar abgegrenztes Bürgertum zu identifizieren, denn mittlerweile ist auch die zweite der beiden genannten Frontstellungen (die »Klassenlinie«) verblasst, d. h. an Bedeutung zurückgegangen, wenn auch nicht völlig verschwunden. Notwendig ist also eine konsequente Historisierung des Bürgertum-Begriffs.9 Die Formation Bürgertum erweist sich als durch und durch konstellationsabhängig. Sie entsteht und vergeht, mit sich wandelnden Konstellationen. Nicht nur die Art des Bürgertums, sondern auch der Grad seiner Existenz variiert in Zeit und Raum. Eine zweite durchaus kompatible und ergänzende Argumentation hebt« auf eine dem Bürgertum gemeinsame und spezifische »Kultur« ab, »Kultur« im Sinne von Lebensführung, Deutungsmustern, Symbolen, Wertungen und Mentalitäten verstanden. Aus dieser kulturgeschichtlichen Perspektive teilten die Wirtschaftsbürger und die Bildungsbürger eine besondere Hochachtung vor individueller Leistung und begründeten damit ihre Ansprüche auf wirtschaftliche Belohnung, soziales Ansehen und politischen Einfluss. Damit verknüpfte sich eine positive Grundhaltung gegenüber regelmäßiger Arbeit, eine typische Neigung zu rationaler und methodischer Lebensführung. Als ausgesprochen bürgerlich gilt in dieser Perspektive das Streben nach selbständiger Gestaltung individueller und gemeinsamer Aufgaben, auch in Form von Vereinen und Assoziationen, Genossenschaften und Selbstverwaltung (statt durch Obrigkeit). Die Betonung von Bildung (statt von Religion) kennzeichnete das Welt- und Selbstverständnis der Bürger. Bildung gehörte zugleich zur Grundlage ihres Umgangs miteinander und zur Abgrenzung von anderen (etwa durch Klassiker-Zitate und Konversationsfähigkeit). Ein ästhetisches Verhältnis zur Hochkultur (Kunst, Literatur, Musik) war für das Bürgertum ebenso kennzeichnend wie der Respekt vor der 182

Wissenschaft. Sicherlich war bürgerliche Lebensführung zentral durch ein besonderes Familienideal gekennzeichnet: die Familie als eine sich selbst begründende, als Selbstzweck begreifende Gemeinschaft, als eine durch emotionale Beziehungen statt durch Zweckhaftigkeit und Konkurrenz geprägte Sphäre in Absetzung zu Wirtschaft und Politik, die Familie als rechtlich geschützter und durch »dienstbare Geister« freigesetzter Innenraum der Privatheit im Unterschied zur Öffentlichkeit. Bürgerliche Kultur verwirklichte sich nur in der Stadt. Vielleicht gehörte auch ein Minimum an liberalen Tugenden wie Toleranz, Konflikt- und Kompromissfähigkeit, Autoritätsskepsis und Freiheitsliebe zur bürgerlichen Kultur, doch geht gerade an dieser Stelle die idealtypische Beschreibung besonders leicht in ideologische Rechtfertigung über. Wenn man so den Zusammenhalt der Bürger und ihre Unterscheidung von anderen durch Normen, Einstellungen und Lebensweisen definiert, wird man die große Wichtigkeit symbolischer Formen für die Identität des Bürgertums würdigen können: Tischsitten und Konventionen, Titel und feine Lebensart, Sauberkeit und Körperpflege, die Kleidung, den (heute aus der Übung gekommenen) Hut.10 Für dieses das Bürgertum kennzeichnende Ensemble kultureller Momente und Lebensführungspraktiken hat man auch den Begriff »Bürgerlichkeit« vorgeschlagen. Wenn im Folgenden von »Bürgerlichkeit« die Rede ist, dann in diesem Sinn. Die Definition des Bürgertums durch spezifische Kultur und Lebensführung hat manche Probleme. Die Merkmale sind nicht immer trennscharf, nichts lässt sich in der Geschichte schwieriger präzis erfassen als das luftige Gebiet der Deutungen und Gebräuche, der Wertorientierungen und Lebensweisen. Auf verschiedene Gruppen des Bürgertums passen einige der genannten Merkmale überdies mehr schlecht als recht. Umgekehrt fehlten sie nie ganz in den nichtbürgerlichen Schichten. Aber diese kulturgeschichtliche Definition des Bürgertums hat auch zahlreiche Vorteile und Anschlussmöglichkeiten. Man kann etwa fragen, welche sozialökonomischen und politischen Bedingungen gegeben sein müssen, um Bürgerlichkeit in diesem Sinn zu verwirklichen: etwa Rechtsstaatlichkeit, ein dauerndes Auskommen deutlich über dem Existenzminimum (gleich aus welchen Quellen) und, damit verbunden, eine gewisse Sicherheit und Planbarkeit des Lebens; in den Familien eine gewisse Freisetzung der Mutter und der Kinder von früher und drückender Erwerbsarbeit, denn nur so konnten die Pflege und Weitergabe jener bürgerlichen Kultur gewährleistet werden; wohl auch eine gewisse Distanz zur Arbeit mit den Händen und vor allem: Zeit und Muße.11 Damit erklärt sich dann auch, warum kleine Handwerker und kleine Angestellte nur am Rande zum Bürgertum gehörten und andere – Arbeiter, Bauern – gar nicht. Bei diesen Kategorien waren nämlich die harten Bedingungen für Bürgerlichkeit nur im begrenzten, prekären Ausmaß gegeben, oder auch gar nicht. Ihnen blieb Bürgerlichkeit im Kern verschlossen, ihre Verbürgerlichung stieß an Grenzen, auch wenn sie noch so sehr von bürgerlichen Reformern betrieben und von Möchtegern-Bürgern erstrebt wurde.12 183

Schließlich kann man die Begriffe »Bürgertum« und »Bürgerlichkeit« ana­ lytisch voneinander lösen. So sehr beides  – Bürgertum und Bürgerlichkeit  – in ihrer Entstehungsphase im späten 18.  und frühen 19.  Jahrhundert zusammengehörten, so sehr mag es spätere Phasen oder andere Situationen gegeben haben, in denen sich Bürgerlichkeit durchsetzte, verbreitete und erhielt, ohne auf ein Bürgertum als Trägergruppe angewiesen oder begrenzt zu sein. Denn der bürgerlichen Kultur war ein Hang zur Verallgemeinerung eigen, sie besaß große Anziehungs- und Ausstrahlungskraft. Man denke an das Modell der bürgerlichen Familie, dem man bald auch in der Arbeiterschaft nachstrebte. Auch gab es die verschiedensten Institutionen und Strategien, die der Ausbreitung bürgerlicher Lebensführung und Werte, Umgangsformen und Bildung dienten, wenn nötig mit Hilfe von Macht und Druck. Man denke an die Schule und, in anderer Weise, an das zentralisierte Unternehmen, vor allem die ­Fabrik. Sicher haben die Erhöhung des Lebensstandards und die Verallgemeinerung der Schulbildung die Verbürgerlichung nichtbürgerlicher Schichten vorangetrieben. Einzelne Elemente der Bürgerlichkeit – Schriftlichkeit, Sauberkeit, später das Reisen – verbreiteten sich geradezu universal. Je bürgerlicher große Teile der Gesellschaft insgesamt wurden, desto weniger waren Bürgerlichkeit und Bürgertum deckungsgleich. Dies ist die Situation in vielen westlichen Ländern heute.13 Umgekehrt kann man fragen, wie bürgerlich ein spezifisches Bürgertum war, und wie es um seine Bürgerlichkeit bestellt war. Das soll jetzt mit Bezug auf das deutsche Bürgertum des 19. Jahrhunderts geschehen.

II Die Diskussion über die Frage, was denn besonders gewesen sei am deutschen Bürgertum, wenn man es international vergleicht und die an sich gravierenden regionalen Unterschiede vernachlässigt, hat eine lange Tradition. Oft ist die These vertreten worden, daß es im 19. Jahrhundert im Vergleich zum westlichen Europa einen deutschen Sonderweg gegeben habe, der sich vor allem in einer besonderen Schwäche des deutschen Bürgertums, in einem besonderen Defizit an Bürgerlichkeit in Deutschland ausgedrückt habe, ein Sonderweg, der in der Zwischenkriegszeit die Überlebenskraft der ersten deutschen Demokratie geschwächt und indirekt den Aufstieg und Durchbruch des Nationalsozialismus gestärkt habe. Diese Sonderweg-These ist in den letzten Jahren intensiver Kritik unterzogen worden.14 Diese Diskussion kann hier nicht aufgenommen werden. Sie ist nur zu nennen, um einen Hintergrund anzudeuten, der die Frage nach den Besonderheiten von Bürgertum und Bürgerlichkeit in Deutschland in spezifischer Weise interessant macht. Die Frage nach dem »Sonderweg« hat, neben anderen Fragen, das oben erwähnte Forschungsprojekt am Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) zum Thema »Bürgertum, Bürgerlichkeit und bürgerliche 184

Gesellschaft. Das 19. Jahrhundert im europäischen Vergleich« (1986/87) geleitet. Die Ergebnisse dieses Projektes bestätigen, dass man nicht von einer generellen Unterentwicklung deutscher Bürgerlichkeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert sprechen kann. Sie zeigen, dass die sog. »Feudalisierung« des Großbürgertums, d. h. die Übernahme aristokratischer Werte und Lebensführung durch die oberen Ränge des Bürgertums und die soziale Verschmelzung von Großbürgertum und Teilen des Adels, einerseits kein besonderes deutsches, sondern ein allgemeines europäisches Phänomen darstellte, und andererseits diese »Feudalisierung des Großbürgertums« in Deutschland eher weniger ausgeprägt war als in Frankreich oder England, wenngleich sie in Preußen-Deutschland auch von besonderer Art war und sich in der vergleichsweise schärferen Ausprägung des Spalts zwischen Adel und Bürgertum nicht notwendig bürgerliche Kraft und Eigenständigkeit, vielmehr Grenzen bürgerlicher Ausstrahlungskraft spiegelten. Die Ergebnisse des ZiF-Forschungsprojekts haben ebenfalls bestätigt, dass das Ergebnis des Vergleichs sehr stark von der Wahl des Vergleichs-Rahmens abhängt. Vergleicht man das deutsche Wirtschaftsbürgertum mit dem in westlichen Ländern, erscheint es gemäßigt-schwach, als Spätentwickler, ein ­wenig rückständig  – bei großen regionalen Unterschieden. Vergleicht man es mit Polen und Russland, erscheint es hochentwickelt, keineswegs rückständig, vielmehr stark. Und es gab Eigenarten, die weder als Stärken noch als Schwächen, sondern eben nur als Eigenarten des deutschen Bürgertums und der deutschen Bürgerlichkeit zu interpretieren sind. Man denke an die konfessionelle Struktur und an die im internationalen Vergleich fast einzigartige Ausprägung und Ausstrahlungskraft des Bildungsbürgertums.15 All dem kann hier nicht näher nachgegangen werden. Vielmehr möchte ich lediglich auf einen zentralen Zusammenhang zu sprechen kommen, auf eine zentrale Prägung des deutschen Bürgertums, durch die es sich, wie die ver­ gleichende Forschung immer wieder bestätigt, in der Tat von den Bürgertümern anderer Länder unterschied. Ich meine die starke Staatsorientierung oder auch Staatslastigkeit des deutschen Bürgertums. Im internationalen Vergleich mit England, USA, Ostmitteleuropa und dem Süden erscheint immer wieder ein Grundtatbestand deutscher Geschichte als kaum zu überschätzen: Für Preußen, Osterreich, für andere größere deutsche Staaten und dann für das Deutsche Reich gilt, dass der Aufbau leistungsstarker, einflussreicher, angesehener öffentlicher Bürokratien frühzeitig erfolgte – lange vor der Industrialisierung, vor der Parlamentarisierung, vor der Demokratisierung zumal. Der Beamtenstaat ist in Deutschland ein Produkt des 18. Jahrhunderts, und trotz aller Ausweitungen und Wandlungen, die er durchmachte, überlebte er im Grunde die tiefen Brüche der deutschen Geschichte bis ins 20.  Jahrhundert. Entscheidende Modernisierungsleistungen erfolgten in Deutschland unter staatlicher Regie: vom aufgeklärten Absolutismus der ­Josephs und Friedrichs über die defensive Modernisierung in den Reformen 185

zu Beginn des 19. Jahrhunderts über die Reichsgründung von oben bis hin zur dekre­tierten Parlamentarisierung des Reichs im Jahre 1918. In England und USA entstanden öffentliche Bürokratien viel später und waren weniger einflussreich, im Süden, Norden und Osten Europas wurde die Herrschaft lange von fremden Mächten und ihren Beamten ausgeübt – eine ganz andere Situation in Frankreich wuchs die Bürokratie zwar auch aus dem Absolutismus heraus, aber sie wurde mehrfach revolutionär gebrochen, sie war in geringerem Maße Modernisierungsagent, weniger unabhängig, wohl auch weniger angesehen und weniger prägend. Der Einfluss bürokratischer Eliten und Modelle, bürokratischer Macht und bürokratischer Kultur lässt sich – aus vergleichender Perspektive – in vielen Bereichen der deutschen Sozial-, Verfassungs-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte nachweisen. Eigenarten unserer massiven, aber ziemlich unrevolutionären Arbeiterbewegung entschlüsseln sich aus dieser Perspektive ebenso wie die gebremste Parlamentarisierung im Kaiserreich oder auch die Tatsache, dass die einflussreichsten Bürokratienanalysen von deutschen Autoren stammen – Max Weber, Otto Hintze. Es ist nicht überraschend, dass auch die Geschichte des Bürgertums und der Bürgerlichkeit in Deutschland durch diese Zusammenhänge geprägt war. Hier ist nicht der Ort, dies erschöpfend zu zeigen.16 Ich beschränke mich darauf, es an vier Einzelphänomenen zu illustrieren. 1. Zum einen ist auf die große Zahl, das hohe Ansehen und den starken gesellschaftlich-politischen Einfluss der Beamten innerhalb des deutschen Bürgertums zu verweisen. Zwar muss man nach Region und Jahrzehnt unterscheiden: Es gab auch in Deutschland Regionen und Städte, in denen Kaufleute und Unternehmer dominierten: etwa im sächsischen Gewerbegebiet um Chemnitz, im gewerblich dichten Bergischen Land, in Städten wie Hamburg und Krefeld, im Südwesten und Westen mehr als im mittleren Preußen. Und zweifellos erlebte das Wirtschaftsbürgertum mit der Industrialisierung einen rasanten Aufstieg, auch relativ zu den Beamten und anderen »Bildungsbürgern«. Das Wilhelminische Berlin hatte seine starke, reiche, angesehene und selbstbewusste Bourgeoisie, die keineswegs respektvoll zu den Beamten aufschaute – ganz anders als das Berlin im Vormärz. Aber trotzdem gilt im Vergleich mit Westeuropa und den USA, dass das Bildungsbürgertum m Deutschland ein viel stärkeres Gewicht gehabt hat als die Bourgeoisie. Und innerhalb des Bildungsbürgertums dominierte das beamtete Element, in scharfem Unterschied zur angelsächsischen Welt, aber auch im Unterschied zu Italien mit seinen vielen, einflussreichen Advokaten und auch im Unterschied zur kaum verbeamteten polnischen »Intelligenz«. Diese einzigartige Stellung der Beamten innerhalb des deutschen Bürgertums ließe sich an ihrer großen Zahl und an ihrem hohen sozialen Ansehen ebenso zeigen wie an ihrer ausgeprägten politischen Macht, ihrer relativen Autonomie und ihrem »esprit de corps«. Staatlich bestätigte Bildung und daraus folgende Berechtigung, eine sichere, wenn auch keineswegs reiche Stellung mit wohl erworbenen Rechten, die Nähe zur Macht und zum Staat, der Anspruch, dem allgemeinen Interesse zu dienen und dieses besser zu kennen als 186

alle Privat­leute – das kennzeichnete das Bild des höheren und mittleren Beamten von sich selbst und in der Öffentlichkeit.17 2. Natürlich gab es in Deutschland zahllose große und kleinere Privatunternehmer  – Kaufleute und Fabrikanten, Kapitalisten und Bankiers, Eisenbahngesellschaftsdirektoren, Industrielle und Makler –, die sich vom Typus des Beamten scharf unterschieden: orientiert an Markt und Gewinn, bereit zu Risiko und Neuerungen, an Konkurrenz gewöhnt und durchsetzungsfähig, auf individuelle Selbständigkeit bedacht, auf Eigentum und Leistung pochend. Schließlich verlief auch die deutsche Industrialisierung nach kapitalistischen Regeln, keineswegs unter der Regie der Obrigkeit. Und immer wieder findet man Beispiele wirtschaftsbürgerlicher Kritik am allzusehr gängelnden Obrigkeitsstaat und seiner Bürokratie.18 Dennoch scheinen bürokratischer Geist und Orientierung am Staat in der deutschen Unternehmerschaft stärker verbreitet gewesen zu sein als in den Unternehmerschaften anderer westlicher Länder. Dazu nur einige wenige, beliebig vermehrbare Illustrationen: Wie der Vergleich deutscher und amerikanischer Industrieunternehmen und Eisenbahnen im 19.  Jahrhundert zeigt, hat das Vorbild der öffentlichen Verwaltung die Entstehung privatwirtschaftlichen Managements in Deutschland – aber nicht in Amerika  – stark geprägt. Beamte, die in privatwirtschaftliche Stellungen überwechselten, dienten häufig als Mittler. Der Leistungsfähigkeit deutscher Unternehmen kam das durchaus zugute.19 – Ein anderes Beispiel: Der Titel eines Kommerzienrats oder Geheimen Kommerzienrats war in Preußen ein von der Ministerialbehörde, z. T. auf Vorschlag der unteren und mittleren Behörden, an besonders erfolgreiche, würdige und zuverlässige Unternehmer verliehener Titel, der den Ausgezeichneten protokollarisch Offizieren und höheren Beamten gleichstellte, etwa bei der Feier des Königlichen Geburtstags, zu dem der Oberpräsident einladen mochte. In ca. 750 untersuchten Fällen (Preußen im 19. Jahrhundert) kam es nur ein einziges Mal vor, dass ein Unternehmer den Titel ablehnte, und dies nur deshalb, weil er der Überzeugung war, dass er nicht den einfachen Kommerzienratstitel, sondern sofort den höher rangierenden Titel eines Geheimen Kommerzienrates verdiente. Der Titel war äußerst begehrt und wurde in Preußen i. d. R. nur nach ausführlichen Nachprüfungen vergeben. Er bedeutete ein staatlich verliehenes Gütesiegel, das soziale An­ erkennung, aber wohl auch Kreditfähigkeit und damit Geschäftserfolg steigerte und gewissermaßen per staatlichen Akt eine Oberschicht von Unternehmern aus der Masse der Unternehmer hervorhob. Diese ließen es sich gern gefallen. Friedrich Naumann sprach um 1900 von einer Generation, »in der man sich lieber Herr Kommerzienrat nennen läßt als Herr Baron«. Das Suffix ›-rat‹ suggerierte die weithin erwünschte Gleichrangigkeit mit der hochgeschätzten Beamtenschaft.20 Auch andere Aspekte des verbreiteten Titelwesens deuten darauf hin, dass so etwas wie soziale Bürokratisierung vor dem Wirtschaftsbürgertum nicht halt machte. Reisenden aus England und den USA fiel das immer wieder auf. – Extrem anti-gouvernementale Laissez-faire-Politik wurde von deutschen 187

Unternehmern nur selten gefordert. Vielmehr erwarteten sie viel vom Staat. Und der allmähliche, im europäischen Vergleich ungemein frühe und erfolgreiche Übergang zum Interventionsstaat seit den 70er Jahren stieß auf wenig Widerstand seitens der sich etablierenden großen Unternehmerverbände wie CVDI und BDI. Große Kartelle und Konzerne entstanden, durchaus mit staatlicher Hilfe. Man hat vom »organisierten Kapitalismus« gesprochen. Der typische Unterschied zwischen Unternehmern und Beamten verlor dabei an Prägnanz – früher und schneller als in anderen Ländern.21 3. Überall in Europa und Nordamerika fanden im 19. Jahrhundert Profes­ sionalisierungsprozesse statt, d. h. es bildeten sich scharf abgegrenzte Experten­ berufe heraus, deren Mitglieder über spezialisierte, i. d. R. akademische Fachausbildung verfügten, auf dieser Grundlage das Monopol beim Angebot der von ihnen erbrachten Leistungen forderten, Autonomie beanspruchten und er­folgreiche Organisationen bildeten  – zwecks professioneller Selbstkontrolle und Interessenwahrnehmung. Diese Prozesse verliefen in den unterschiedlichen Ländern ähnlich, aber im internationalen Vergleich  – z. B. im deutscheng­lischen Ärztevergleich – wird eines immer deutlicher: In Deutschland fußte die Professionalisierung solcher Berufe viel eindeutiger als in England auf staatlich bereitgestellter und staatlich normierter Universitätsbildung. Viel mehr als ihre englischen Kollegen konnten sich deutsche, besonders preußische, Ärzte auf staatliche Ordnungen (etwa 1851/52) stützen, die die nicht oder nur halb professionalisierten Konkurrenten  – als »Kurpfuscher«  – vom Markt vertrieben. Im Unterschied zu ihren englischen Kollegen bezogen sich die Sprecher professioneller Organisationen in Deutschland immer wieder auf das Vorbild des gutgestellten höheren Beamten, wenn sie standespolitische Forderungen begründeten.22 4. Schließlich ein Blick in jene breite und sich ausdehnende Randzone des Bürgertums, in der die Zugehörigkeit zum Bürgertum fraglich und prekär war. Wie in anderen Ländern wuchs in Deutschland um 1900 die Kategorie der Privatangestellten, der Buchhalter und Werkmeister, der Handlungsgehilfen und Büroschreiber, der Sekretäre und Sekretärinnen, überdurchschnittlich schnell an. Überall unterschieden sich damals (wie heute)  gehaltempfangende Angestellte von Lohnarbeitern, white-collar employees von blue-collar workers. Aber in Deutschland wiesen die kollektive Selbstidentifikation und die Fremdeinschätzung der sich herausbildenden Angestelltenschaft Eigenarten auf, die sich in den USA, England und Frankreich nicht fanden: Wie sich schon in der Selbstbezeichnung »Privatbeamte« zeigt, wählte man in der entstehenden Angestelltenschaft den Typus des öffentlichen Beamten als normative Referenzgruppe, als Modell, an dem man sich orientierte und dem man nacheiferte. Praktisch wurde diese Beamtenorientierung vieler kleiner und mittlerer Angestellter in deren Einsatz für eine beamtenähnliche Sozialver­ sicherung im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. In der von Angestelltenverbänden getragenen Agitation für eine Sonderversicherung in Absetzung zur allgemeinen Sozialversicherung der Arbeiter konstituierte sich in Deutschland 188

die Angestelltenschaft als soziale Gruppe. Das Angestelltenversicherungs­gesetz von 1911 stellte einen Erfolg dieser Kampagne dar. Es trug in den folgenden Jahrzehnten dazu bei, den Arbeiter-Angestellten-Unterschied vergleichsweise scharf hervortreten zu lassen, denn dieser Unterschied hatte nunmehr auch eine rechtliche (zunächst nur versicherungs-, bald auch allgemein arbeits- und sozialrechtliche)  Dimension  – sehr im Unterschied zu den meisten anderen Ländern (ausgenommen das auch in dieser Hinsicht ähnliche Österreich). Die »Kragenlinie« (white-collar – blue-collar) erweist sich bei internationalen Vergleichen als in Deutschland relativ scharf ausgeprägt und dies u. a. aufgrund der hohen Attraktivität des Beamtenmodells in diesem wachsenden Rand­ bereich kleiner Bürgerlichkeit und aufgrund staatlich-bürokratischer Sozial­ interventionen.23 Viele andere Beispiele könnten für die bürokratische Prägung, die Staats­ orientierung, die Staatslastigkeit des deutschen Bürgertums beigebracht werden. So wäre auf das durchstaatlichte Schul- und Ausbildungssystem und das damit zusammenhängende Berechtigungswesen zu verweisen. Eigenarten des deutschen Liberalismus wären zu diskutieren, der selten extrem antigouvernemental argumentierte. Auf die Staatsnähe der protestantischen Kirchen in Deutschland wäre zu verweisen, deren Pfarrer praktisch Beamte waren, ganz im Unterschied zu England und den USA.24 Und sicherlich müsste auf Unter­ tanen-Mentalitäten eingegangen werden, die Heinrich Mann in seinem Diederich Hessling zwar überscharf konturierte, aber sicherlich nicht aus der Luft griff. In welcher anderen europäischen Hauptstadt außerhalb Berlins hätte der Untertan spielen können? Doch ich breche hier ab und ende mit einer offenen Frage: Wie interpretiert man diese Staatslastigkeit der Bürgerlichkeit in Deutschland? Hat man darin eine Variante von Bürgerlichkeit zu sehen, durch die man sich in Deutschland von anderen, staatsferneren, weniger durchstaatlichten Varianten der Bürgerlichkeit unterschied  – teils zum Vorteil, teils zum Nachteil? Oder hat man in dieser Staatslastigkeit und bürokratischen Prägung eher eine Grenze von Bürgerlichkeit zu sehen, einen Tatbestand, der anzeigt, dass das Reden vom besonderen Defizit an Bürgerlichkeit in Deutschland nicht ohne Grund ist? So ähnlich hat es Max Weber gesehen, der vom deutschen Beamtenstaat zwar einerseits fasziniert war, aber ihn andererseits in Verbindung brachte mit der von ihm gegeißelten Schwäche des deutschen Bürgertums und seiner Kultur. Er spottete über das Titelwesen, das Versicherungsdenken schon der Studenten, die kathedersozialistischen Sozialreformen – auch als Zeichen sozialer Bürokratisierung und bürgerlicher Schwäche. Und in der Tat: Steht nicht die Sozialfigur des Beamten in gewisser Spannung zum selbständigen, sich auf sich selbst verlassenden Bürger und seinen Assoziationen? So manche Zeitgenossen des 19.  Jahrhunderts sahen es so, anders als die meisten Historiker heute. Geht man in den Enzyklopädien und in anderen Schriften des 19. Jahrhunderts – von Hegel über Riehl bis Max Weber  – die jeweils benutzten Definitionen von »Bürgertum« durch, dann stellt man fest, dass oftmals der Beamte nicht umstandslos zum 189

Bürgertum gezählt wurde. Es bestanden, im Sprachgebrauch der Zeit, durchaus Spannungen zwischen dem Beamten- und dem Bürgerbegriff.25 Und wenn zur Idee einer wahrhaft bürgerlichen Gesellschaft ihre Fähigkeit zur mündigen Selbstregulierung und die Ablehnung staatlicher Gängelung und Fürsorglichkeit gehören – dann markieren die obrigkeitsstaatlichen Prägungen des deutschen Bürgertums eine empfindliche Grenze seiner Bürgerlichkeit.

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13. Zivilgesellschaft in historischer Perspektive1

Wissenschaftliche Begriffe haben ihre Karrieren, publizistische Begriffe auch. Sie steigen auf, sie verbreiten sich manchmal wie Epidemien und sind dann in aller Munde, bevor sie wieder an den Rand rücken und altmodisch werden. In der Zeit ihrer Hochkonjunktur erfüllen sie viele Funktionen. In den Wissenschaften dienen sie der Beschreibung und Analyse. In der öffentlichen Auseinandersetzung bezeichnen sie Zugehörigkeiten und Frontstellungen wie Fahnen, die ihre Anhänger hinter sich versammeln und in die Schlacht führen. Die wissenschaftlichen und die publizistischen Funktionen des Begriffs stehen ein­ ander manchmal im Weg. Zivilgesellschaft ist so ein Begriff, der in den letzten fünfzehn Jahren sehr populär geworden ist und immer noch viel verwendet wird. Auf Englisch spricht man von civil society, auf Polnisch von spoleczenstwo obywatelskie, auf Japanisch von shimin shakai und auf deutsch von Zivilgesellschaft oder Bürgergesellschaft. Ganz identisch sind die Bedeutungen dieser Worte in den verschiedenen Sprachen nicht. Überhaupt oszilliert der Begriff. Man hat ihn mit einem Pudding verglichen, der zerfließt, wenn man ihn an die Wand nageln will.2 Um den Begriff dennoch wissenschaftlich verwenden zu können, muss man sich seine Geschichte vergegenwärtigen und die Konstellationen nachzeichnen, die ihm zu seiner Vieldeutigkeit und Attraktivität verhalfen (1). Man muss ihn definieren (2). Danach soll über das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Markt wie über das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Staat gesprochen werden (3). Des Weiteren werde ich über die Familie in der Zivilgesellschaft (4) sowie die Akteure und Ressourcen der Zivilgesellschaft (5) diskutieren. Ich schließe mit Bemerkungen über Zivilgesellschaft im Nationalstaat und in transnationalen Zusammenhängen (6). Durchweg habe ich vor allem den deutsch-mitteleuro­ päischen Weg im Auge, aber ich vergleiche mit Westeuropa bis England und mit Osteuropa bis Russland.

Begriffsgeschichte Der Begriff der Zivilgesellschaft ist alt: Er gehört seit Jahrhunderten zu den Zentralbegriffen europäischen Denkens über Politik und Gesellschaft. Seine Bedeutungen variierten. Aber fast immer bezog er sich auf gesellschaftlichpolitisches 191

Leben jenseits der Sphäre von Haus und Familie. Und er bezog sich auf Fragen des Zusammenlebens, auf das Gemeinwesen jenseits des Nur-Partikularen, auf das Allgemeine und Politische, oft normativ und emphatisch. Der Begriff – nun als civil society, société civile, Zivilgesellschaft bzw. Bürgergesellschaft – erhielt seine moderne Prägung im 17. und 18. Jahrhundert, primär durch Autoren der Aufklärung. Locke, Ferguson, Montesquieu, die En­ cyclopédisten, Immanuel Kant und viele andere haben Unterschiedliches dazu beigetragen. Zivilgesellschaft war im Aufklärungsprozess positiv besetzt. Der Begriff stand für den damals utopischen Entwurf einer zukünftigen Zivilisation, in der die Menschen als mündige Bürger friedlich zusammen leben würden, als Privatpersonen in ihren Familien und als Bürger (Citizens) in der Öffentlichkeit, selbständig und frei, selbständig kooperierend, unter der Herrschaft des Rechts, aber ohne Gängelung durch den Obrigkeitsstaat, mit Toleranz für kulturelle, religiöse und ethnische Vielfalt, aber ohne allzu große soziale Ungleichheit, jedenfalls ohne ständische Ungleichheit herkömmlicher Art.  Allmählich definierte man Zivilgesellschaft in Absetzung vom Staat, vom damals meist absolutistischen Staat, also mit anti-absolutistischer Spitze. Dieser anti-absolutistische und anti-ständische »Entwurf« einer künftigen Gesellschaft, Kultur und Politik, mit der Idee gesellschaftlicher Selbstorganisation von Individuen und ­Gruppen im Zentrum, war traditionskritisch und utopisch. Er war der Wirklichkeit weit voraus und sollte es bleiben. Unter dem Eindruck des sich durchsetzenden Kapitalismus und der be­ ginnenden Industrialisierung kam es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Umdefinition, z. B. bei Hegel und Marx. Schärfer als vorher wurde Zivil­gesellschaft nun gegenüber dem Staat abgesetzt und als System der Bedürfnisse und Arbeit, des Marktes und der Partikularinteressen verstanden, eher als bürgerliche Gesellschaft der Bourgeoisie denn als Zivilgesellschaft der Citizens. Im Deutschen wurde der traditionell positive Begriff Zivilgesellschaft oder Bürgergesellschaft durch den Begriff bürgerliche Gesellschaft verdrängt, der bis ins späte 20. Jahrhundert vor allem kritisch und polemisch gebraucht worden ist. Im Englischen und Französischen hielt sich die alte positive Bedeutung länger, z. B. bei Tocqueville. Doch insgesamt trat der Begriff Zivilgesellschaft auch in den anderen Sprachen langsam in den Hintergrund und spielte bis ca. 1980 nur eine marginale Rolle. Seit etwa 1980 erlebt der Begriff Zivilgesellschaft ein fulminantes Comeback. Er wurde zum Schlüsselbegriff anti-diktatorischer Kritik vor allem in Ostmitteleuropa, in Prag, Warschau und Budapest, wo Dissidenten wie ­Havel, Geremek und Györgi Konräd mit dem Begriff gegen Parteidiktatur, sowjetische Hegemonie und totalitäre Herrschaft antraten: für Freiheit, Pluralismus und gesellschaftliche Autonomie. Entsprechendes war, teils schon früher, in Lateinamerika und Südafrika zu beobachten. Mittlerweile wird der Begriff weltweit verwandt, in verschiedenen politischen Milieus, in der politischen Mitte und links, bei Liberalen, Kommunitaristen und Globalisierungsgegnern, bei 192

Sozial­wissenschaftlern wie John Keane, Charles Taylor und Jürgen Habermas – durchweg mit positiver Konnotation. Ins Deutsche wurde er als Zivilgesellschaft rückübersetzt, unter Umgehung des kritischpolemisch festgelegten Ausdrucks bürgerliche Gesellschaft.3 Offensichtlich erreichten Ideen des 18. Jahrhunderts am Ende des 20. Jahrhunderts neue Aktualität. Zivilgesellschaft erlangte neue Attraktivität im siegreichen Kampf mit den Diktaturen, die im 20. Jahrhundert die eklatanteste Verneinung der Zivilgesellschaft dargestellt hatten. Doch auch in der nicht-diktatorischen Welt des Westens passte und passt der Begriff in die politisch-intellektuelle Großwetterlage. Erstens: mit seiner Be­ tonung gesellschaftlicher Selbstorganisation und individueller Eigenverantwortung reflektiert der Begriff die verbreitete Skepsis gegenüber der Gängelung durch den Staat, der als Sozial- und Interventionsstaat auch im Westen nach Meinung vieler an die Grenzen seiner Leistungskraft stößt, der zu viel reguliert und sich damit überfordert. Zweitens verspricht Zivilgesellschaft – man kann dies am Wortgebrauch gegenwärtiger Antiglobalisierungsbewegungen zeigen – dem sich unbändig entfaltenden, weltweit siegreichen Kapitalismus etwas entgegenzusetzen. Der Begriff reflektiert damit eine Kapitalismuskritik neuer Art, denn die auf Diskurs, Konflikt und Verständigung setzende Logik der Zivilgesellschaft verspricht andere Problemlösungen als die Logik des Marktes, die auf Wettbewerb, Austausch und Optimierung des individuellen Nutzens beruht. Drittens gehört zum zivilgesellschaftlichen Verhalten das bürgerschaftliche Engagement, der Einsatz für allgemeine Ziele, so unterschiedlich sie auch definiert werden. In den stark individualisierten und teilweise fragmentierten Gesellschaften des spät- und postindustriellen Typs verspricht Zivilgesellschaft eine Antwort auf die drängende Frage, was unsere Gesellschaften denn überhaupt noch zusammenhält. Ähnlich wie in der anglo- amerikanischen Diskussion über den »Dritten Weg« geht es in der Debatte über Zivilgesellschaft um die notwendige Neubestimmung des Verhältnisses von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, um die moralischen Grundlagen der Politik und das Gemeinwesen insgesamt. So erklärt sich die Attraktivität und die Aufladung des Begriffs in vielen öffentlichen Diskussionen heute. Als Ergebnis dieses kurzen begriffshistorischen Überblicks sei zweierlei festgehalten. Zum einen: Von Anfang an und immer wieder haben sich in dem Begriff Zivilgesellschaft normative und deskriptiv-analytische Bedeutungsschich­ ten verknüpft. Das gilt auch heute. Darin liegt eher eine Chance als eine Belastung. Zum anderen: Die »Hauptopponenten« des Begriffs haben sich im Lauf der Zeit gewandelt, oder besser: Es sind neue Opponenten dazugekommen, und ihr relatives Gewicht verschiebt sich dauernd; mit den Hauptstoßrichtungen aber verschieben sich Bedeutungsumfang und Bedeutungsnuancen des Begriffs. Es hätte im 18. Jahrhundert, für Adam Smith und Ferguson, keinen Sinn gemacht, die anti-absolutistische und antiständische Frontstellung des Begriffs durch seine gleichzeitige Absetzung von der erst noch um ihre Geltung 193

kämpfenden Marktwirtschaft zu schwächen. Im Gegenteil, der Markt, die Wirtschaftsbürger, die Konkurrenz, der Kapitalismus – das waren Bündnispartner, und Zivilgesellschaft wurde von der Ökonomie begrifflich nicht geschieden. Anders bei manchen Autoren des späten 20. Jahrhunderts: Angesichts der siegreichen Ausbreitung der kapitalistischen Marktwirtschaft in die fernsten Länder und die innersten Bezirke unseres Lebens ist zivilgesellschaftliches Handeln heute nicht nur gegen den gängelnden Staat, sondern auch gegen den alles durchdringenden Markt zu behaupten; entsprechend wird Zivilgesellschaft oft von der Ökonomie abgegrenzt. Schließlich machen wir heute die postmoderne Erfahrung weit fortgeschrittener Individualisierung und Fragmentierung, die noch in den sechziger und siebziger Jahren eher marginal war. Im Gegenzug betont man das Kommunitäre an der Zivilgesellschaft, den durch Zivilgesellschaft vermittelten Zusammenhalt, das Soziale mit neuer Emphase. Heutige Definitionen von Zivilgesellschaft sollten die Erinnerungen an diese Stoßrichtungen und Abgrenzungen nicht einfach abschneiden, wenn sie nicht die Verbindung zu jenen diskurs- und praxishistorischen Kontexten verlieren wollen, aus denen der Begriff seine Kraft und Attraktivität außerhalb der spezialisierten empirischen Forschung geschöpft hat und schöpft.

Definition Vor diesem Hintergrund bietet sich die Definition von Zivilgesellschaft in dreifacher Weise an: erstens als Typus sozialen Handelns, zweitens als Bereich zwischen Wirtschaft, Staat und Privatsphäre, drittens als Kern eines Entwurfs oder Projekts mit immer noch utopischen Zügen. Zunächst meint Zivilgesellschaft einen spezifischen Typus sozialen Handelns4 – in Abgrenzung zu anderen Typen sozialen Handelns, nämlich im Unterschied zu Kampf und Krieg, zu Tausch und Markt, zu Herrschaft und Gehorsam sowie zu den Eigenarten des privaten Lebens. Der spezifische zivilgesellschaft­ liche Typus sozialen Handelns ist dadurch charakterisiert, dass er (1) auf Konflikt, Kompromiss und Verständigung in der Öffentlichkeit ausgerichtet ist, (2) individuelle Selbständigkeit und gesellschaftliche Selbstorganisation betont, (3) Pluralität, Differenz und Spannung anerkennt, (4) gewaltfrei, friedlich verfährt und (5) jedenfalls auch an allgemeinen Dingen orientiert ist, d. h. von den je eigenen partikularen Erfahrungen und Interessen der Beteiligten ausgehend, sich für das allgemeine Wohl engagiert, wenn auch die verschiedenen zivil­ gesellschaftlichen Akteure ganz Verschiedenes unter dem allgemeinen Wohl verstehen mögen. Der so definierte zivilgesellschaftliche Typus sozialen Handelns fehlt nicht ganz in der staatlichen Verwaltung und Politik; er fehlt auch nicht ganz in den Wirtschaftsunternehmen und ihrem Verhältnis zueinander; er fehlt auch nicht ganz in den Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen. Soweit sich staat­liche 194

Organe und ihre Beamten, Unternehmen und ihr Personal, Familien und Stammesverwandtschaften dieses Typus’ sozialen Handelns bedienen, sind sie als Akteure der Zivilgesellschaft aktiv. Doch sind in diesen Bereichen jeweils andere Typen sozialen Handelns dominant, nämlich herrschaftlich-politische, marktlogische bzw. solche des privaten Lebens. Wirklich dominant ist jener zivilgesellschaftliche Typus sozialen Handelns vielmehr in einem sozialen Bereich oder Raum, der in modernen, ausdifferenzierten Gesellschaften »zwischen« Staat, Wirtschaft und Privatsphäre zu lokalisieren ist, in dem Raum der Vereine, Assoziationen, sozialen Bewegungen, Netzwerke und Initiativen – ein Raum, für den ein hohes Maß gesellschaftlicher Selbstorganisation kennzeichnend ist. Deshalb bezeichnet Zivilgesellschaft nicht nur einen Typus sozialen Handelns, sondern oft auch den selbst-organisierten, dynamischen, spannungsreichen öffentlichen Raum der Vereine, Netzwerke, Bewegungen und Initiativen »zwischen« Staat, Wirtschaft und Privatsphäre.5 Schließlich sollte man im Auge behalten, dass nach allen historischen Erfahrungen Zivilgesellschaft als Typus sozialen Handelns wie als Bereich gesellschaftlicher Selbstorganisation nur dann nachhaltig durchzusetzen und zu etablieren ist, wenn sie in einen Kranz sich wandelnder ökonomischer, sozialer, politischer und kultureller Bedingungen eingebettet ist, deren Sicherung und Bekräftigung sie umgekehrt dient. Das zeigt sich daran, dass Zivilgesellschaft oft nur in Kritik an gegebenen oder drohenden Verhältnissen durchgesetzt und bewahrt werden konnte, in Kritik – ich habe dies erwähnt – an obrigkeitlicher Gängelung und Unterdrückung, in Kritik an überlieferten Formen der Ungleichheit, im Widerstand gegen die Überwältigung durch den siegreichen Kapitalismus wie im Gegenzug gegen die Fragmentarisierung und Entsolidarisierung der Gesellschaft. Daran erweist sich, dass Zivilgesellschaft Teil eines umfassenden Entwurfs oder Projekts ist, das von der Aufklärung bis heute uneingelöste Züge enthält. Zivilgesellschaft bleibt insofern ein Stück Utopie, ein immer noch nicht voll erfülltes Versprechen, wenngleich die Wirklichkeit heute in Europa diesem Entwurf, dieser Utopie sehr viel mehr entspricht als früher. Das bedeutet aber auch, dass Zivilgesellschaft niemals identisch mit real existierenden Gesellschaften ist, weder früher noch heute. Vielmehr bezeichnen wir mit Zivilgesellschaft immer nur ein Moment bzw. ein Bündel von Struktur­ elementen real existierender Gesellschaften, die immer auch anderes enthalten: Staat, Markt und Intimität, aber auch Gewalt, Fanatismus und Chaos. Gesellschaften unterscheiden sich nach dem Maß und der Art, in denen sie Zivil­ gesellschaft verwirklichen. Damit stellen sich der historisch- sozialwissenschaft­ lichen Komparatistik reichhaltige Aufgaben.

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Zivilgesellschaft, Kapitalismus und Staat Ich habe die Logik der Zivilgesellschaft und die Logik des Marktes analytisch getrennt, Zivilgesellschaft vom Kapitalismus unterschieden. Das ist wichtig, dabei soll es auch bleiben. Aber eine Modifikation ist nötig. Denn zwischen Marktwirtschaft und Zivilgesellschaft besteht nicht nur ­Spannung, sondern auch Affinität. Die Entstehung und der Erfolg von Marktwirtschaften werden von zivilgesellschaftlichen Strukturen zumindest erleichtert, wenn nicht gar erst ermöglicht. Marktwirtschaft setzt einen gewissen sozialen Zusammenhalt voraus, sie braucht ein Minimum an Vertrauen und sozialem Kapital, und das sind Ressourcen, die die Zivilgesellschaft bietet. Um­gekehrt braucht Zivilgesellschaft den Markt. Fehlt die für funktionierende Marktwirtschaften typische Dezentralisierung von ökonomischen Entscheidungen und ökonomischer Macht, hat die Zivilgesellschaft schlechte Karten. In zentralisierten Verwaltungswirtschaften gedeiht die Zivilgesellschaft nur schlecht, wie das Beispiel der Gesellschaftssysteme zeigt, die bis Anfang der neunziger Jahre in Mittel- und Osteuropa bestanden. Im internationalen historischen Vergleich beobachtet man viel Parallelität zwischen der Durchsetzung marktwirtschaft­ licher Ordnung und dem Ausbau von Zivilgesellschaft Diese Parallelität hat einen besonderen Aspekt: Historiker wissen, wie sehr Kaufleute und Fabrikanten in europäischen Städten des 19.  Jahrhunderts zivilgesellschaftliche Akteure ersten Ranges gewesen sind, und zwar nicht nur als Privatleute, sondern gerade als Unternehmer. Das lässt sich an den Hono­ ratioren in der Selbstverwaltung europäischer Städte vor der Revolution von 1848 ebenso zeigen wie am mäzenatischen Engagement von Großunternehmern in St. Petersburg um 1900. Ich erinnere auch an die gegenwärtige Diskussion über Unternehmenskultur und an das zivilgesellschaftliche Engagement heutiger Großunternehmen und ihrer Stiftungen. Nicht jede Form von Mäzenatentum reicher Individuen sollte als zivilgesellschaftliches Engagement gefeiert werden. Aber umgekehrt wäre es ebenso falsch, jeden Fall von »corporate citizenship« nur als ideologisch verbrämte Wahrnehmung rein partikularer Interessen abzutun und damit im Vorhof der Zivilgesellschaft abzulegen. Diese Beispiele sollen sagen: So sehr Unternehmer und Unternehmen sich primär nach der Logik des Marktes verhalten und verhalten müssen, so wichtig können sie als zivilgesellschaftliche Akteure sein. Andererseits gibt es Varianten des Kapitalismus, Typen von Kapitalisten und Formen des marktwirtschaftlichen Unternehmertums, die sich überhaupt nicht auf zivilgesellschaftliches Engagement einlassen und vom gesellschaftlichen Zusammenhalt zehren statt ihn zu stärken. Diese Negativbeziehung zwischen Unternehmertum und Zivilgesellschaft findet sich wohl vor allem in besonders mobilen, räumlich fluiden, nirgends sesshaften Formen früheren und heutigen Unternehmertums, in der New Economy gestern und im internationalen Finanzkapitalismus heute. 196

Auch das Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Staat ist kompliziert und ambivalent. Weiter vorn wurde die Logik der Zivilgesellschaft von der Logik der Verwaltung und Herrschaft analytisch getrennt, also Zivilgesellschaft vom Staat unterschieden. Dabei soll es bleiben. Aber auch hierzu sind Modifika­ tionen nötig. Zunächst ist zu bedenken, dass das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Staat jeweils anders zu bestimmen ist, je nachdem, ob wir den vordemokratischen Absolutismus des 18.  Jahrhunderts, die antidemokratischen Diktaturen des 20.  Jahrhunderts oder den demokratischen Rechts- und Verfassungsstaat von heute im Auge haben. Als kritische Idee und oppositionelle Kraft entstand die Zivilgesellschaft im Zeitalter des Absolutismus. Im Kampf gegen die Dikta­turen des 20. Jahrhunderts gewann sie neue Attraktivität. Dagegen muss ihr Verhältnis zum Staat unter parlamentarisch-demokratischen Bedingungen anders bestimmt werden: als ein Verhältnis kritischer Partnerschaft und gegenseitiger Bestärkung. Liberale, kommunitaristische und sozialdemokratische Konzepte der Zivilgesellschaft unterscheiden sich in der Art, wie sie das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Staat bestimmen. Aus sozialdemokratischer Sicht wird man betonen, dass eine starke Zivilgesellschaft einen starken Staat benötigt, und umgekehrt.6 Denn einerseits: Um sich voll entfalten und langfristig erhalten zu können, benötigt die Zivilgesellschaft politische Institutionen, die die Kriterien des Rechts- und Verfassungsstaats erfüllen, demokratische Partizipation erlauben, Grundsatzfragen entscheiden, rechtliche Rahmenbedingungen setzen sowie schützend, fördernd und schlichtend eingreifen. Nur im demokratischen Rechtsstaat findet die in sich vielfältige Zivilgesellschaft ihre notwendige Einheit. Ohne einen politischen Rahmen dieser Art kann die Zivilgesellschaft nicht gedeihen. NGOs sind kein Ersatz für den demokratischen Staat, nirgendwo. Doch unter vordemokratischen Bedingungen – unter absolutistischer, autokratischer oder diktatorischer Herrschaft – können zivilgesellschaftliche Anstöße die Demokratisierung vorbereiten und befördern (sofern die Diktatur nicht von einer Radikalität ist, die zivilgesellschaftliche Regungen sofort zerstört, wie es unter Hitler und Stalin der Fall war). Andererseits ist es die Zivilgesellschaft, die den Rechts- und Verfassungsstaat prägt, mit Leben erfüllt, dynamisiert und zur Rechenschaft zwingt. Die dynamischen Teile der Zivilgesellschaft führen dem Gemeinwesen die nötige Energie und Beweglichkeit zu. Der Zugang zivilgesellschaftlicher Initiativen, Bewegungen und Organisationen zum politischen System ist deshalb eine zentrale Bedingung dafür, dass Zivilgesellschaft funktioniert.7 Durch die Stärkung der Zivilgesellschaft stärkt der Staat auch sich selbst. Doch resultiert das gegenwärtige Interesse an der Zivilgesellschaft, jedenfalls im Westen, auch aus der Erfahrung, dass der Staat als Sozial- und Interventionsstaat überfordert sein kann und dass er mehr als notwendig vorsorgt und gängelt; dass er sich schwächt, wenn er zuviel reguliert oder regulieren will; dass die Aufgabenverteilung zwischen Staat und Gesellschaft neu bedacht werden muss; 197

dass ein starker Staat ein solcher ist, der sich konzentriert und vieles der Zivilgesellschaft überlässt. Allerdings gibt es offene Probleme. Zum einen: Wie und nach welchen Kri­ terien sind die Aufgaben zwischen Staat und Zivilgesellschaft abzugrenzen? Wieweit trägt das Prinzip der Subsidiarität? Zum anderen: In der Zivilgesellschaft gibt es auch Ansätze zum Egoismus und zur Reformfeindlichkeit, zum Fundamentalismus und zum Ressentiment. Die Stärkung der Zivilgesellschaft durch einen sich zurücknehmenden Staat kann deshalb politisch sehr zweischneidig und riskant sein. Jedenfalls darf die Stärkung der Zivilgesellschaft nicht dazu führen, dass sich der demokratische Staat vor der Wahrnehmung seiner zentralen Aufgaben drückt.

Zivilgesellschaft und Familie Es ist üblich, Zivilgesellschaft und Familie definitorisch zu trennen und getrennten Sphären zuzuordnen. Weiter vorn wurde mit Einschränkung so argumentiert. Doch auch hierbei sind Modifikationen notwendig. Besonders aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive haben jüngere Forschungen zum Bürgertum gezeigt, was für die Familien der Bauern und Arbeiter in anderer Weise ohnehin galt: dass nämlich Familie im 19. und frühen 20. Jahrhundert keineswegs nur eine private Veranstaltung war, sondern auch öffentliche Seiten hatte. In der Konsequenz wird die kategoriale Trennung zwischen öffentlich und privat stark relativiert. Gunilla Budde hat daraus kürzlich die Konsequenz gezogen und die bürgerliche Familie des 19. Jahrhunderts als zentrale zivilgesellschaft­ liche Instanz zu begreifen versucht. Auch wer so weit nicht gehen will, kann sich der Einsicht nicht verschließen, dass gerade größere und funktionsstarke bürgerliche Familien mit ihren Lebensäußerungen weit in die Zivilgesellschaft hinein­reichten, diese ermöglichten und stärkten. Zu denken ist an die vielfältigen Erziehungsleistungen der Familien – und in ihnen der Frauen – in Richtung auf Selbständigkeit und bürgerschaftliches Engagement; an die halböffentlichen Räume in den Häusern der Bürger gerade der früheren Zeit, in der Fremde zu Gast waren, Geselligkeit geübt wurde und bürgerliche Repräsentation stattfand; an das zivilgesellschaftliche Engagement der Frauen vor allem in kulturellen, karitativen und sozialen Bereichen, während sie gleichzeitig an ihre Rollen im Haus gebunden blieben und sich nicht aus der Familie lösten. Noch in anderer Weise stellte die Verfassung von Familie und Verwandtschaft jedenfalls im westlichen und mittleren Europa wichtige Bedingungen für den Aufstieg der Zivilgesellschaft bereit. Familienverbände absorbierten hier die Loyalität und das Engagement ihrer Mitglieder nicht so lückenlos und absolut, dass für zivilgesellschaftliches Engagement kein Raum mehr geblieben wäre. Nicht jede Art von Familie und Verwandtschaft ist für Zivilgesellschaft gleich gut geeignet. Der Vergleich des westlichen und mittleren Europa mit den 198

Stammes- und Clanverfassungen im Südosten und Süden Europas, erst recht in anderen Teilen der Welt, dürfte dies zeigen. Interessant ist auch der intertemporale Vergleich. Der weitgehende Durchbruch der Zivilgesellschaft im westlichen Deutschland seit den sechziger Jahren ging mit einer Rückbildung der Familienkohäsion und der Familienfunktion Hand in Hand. Dies lässt sich als Hinweis auf eine Disjunktion von Zivilgesellschaft und Familie in neuester Zeit lesen, im Unterschied zum 19. Jahrhundert. Doch die entsprechende Forschung steht wohl noch aus.8

Zivilgesellschaft, Akteure und Ressourcen Wer kommt als Motor der Zivilgesellschaft in Frage? Wer sind die Träger? Welche Ressourcen braucht man, um zivilgesellschaftsfähig zu sein? Ich möchte dies ausgehend vom deutschen Fall und bezogen auf das Verhältnis von Zivil­ gesellschaft und Bürgertum diskutieren.9 Blickt man auf das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Mitteleuropa, dann beziehen sich die Begriffe Bürgertum und bürgerlich einerseits auf die kleine, städtische Sozialformation von Geschäftsleuten, Unternehmern, Bankiers und Direktoren einerseits, von akademisch gebildeten Beamten, Professoren, Gymnasiallehrern, Rechtsanwälten, Ärzten, Geistlichen und Journalisten andererseits, die sich als Bürgertum vom Adel, von der Masse des Volkes und von der Landbevölkerung unterschieden und vor allem durch eine gemeinsame Kultur zusammengehalten wurden: durch eine bürgerliche Kultur, zu der allgemeine Bildung, bestimmte Werte wie Selbständigkeit, ein spezifisches Familienmodell und besondere Kommunikationsformen gehörten. Von bürgerlicher Gesellschaft oder Bürgergesellschaft sprach man aber eben auch mit Blick auf das Gesellschaftsmodell, das wir heute als Zivilgesellschaft bezeichnen. Diese Doppeldeutigkeit  – Bürger steht eben für bourgeois und für cito­ yen – ist kein semantischer Zufall. Es lässt sich zeigen, dass jenes Projekt einer zukünftigen Zivilgesellschaft damals vor allem in den Logen, Vereinen und Netzwerken, in den Korrespondenzen und Kommunikationskreisen, den Bewegungen und Parteien, in Milieu und Kultur des städtischen Bürgertums Unterstützung und Verbreitung fand (einige Adlige und Kleinbürger eingeschlossen), während andere soziale Schichten und Klassen eher in Distanz zu jenem Projekt standen, oft geradezu ausgeschlossen waren, wenig mit ihm anzufangen wussten und auch kaum von ihm profitierten. Diese frühe Affinität, diese frühe Allianz zwischen der Kultur des Bürgertums und dem Projekt der Zivilgesellschaft lockerte sich aber im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auf. Teile des Bürgertums wurden konservativ und defensiv und wandten sich vom zivilgesellschaftlichen Projekt in wichtigen Hinsichten ab. Die Vision der Zivilgesellschaft aber gewann neue Sympathisanten, Verfechter und Träger in bisher ihr fern stehenden Schichten und Klassen, vor 199

allem in der qualifizierten Arbeiterschaft und in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, die zu einer entscheidenden Triebkraft ihrer weiteren Verwirklichung wurde. Die Geschichte des Bürgertums und die Geschichte der Zivil­ gesellschaft begannen sich zu trennen. Zwar finden sich auch heute Reste jener alten Beziehung zwischen bürgerlichen Mittelschichten und zivilgesellschaftlichem Engagement: Auch heute zeigt sich zivilgesellschaftliches Engagement  – in Vereinen, Bürgerinitiativen und NGOs – vor allem in den gebildeten, bürgerlichen Mittelschichten. Jedenfalls gilt das für Deutschland. Doch heute erhält das zivilgesellschaftliche Projekt breite Unterstützung in anderen Schichten, nicht nur im Bürgertum, dessen Profil überdies so sehr verschwimmt, dass manche bezweifeln, ob man heute überhaupt noch von der Existenz eines Bürgertums sprechen sollte. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass diese enge Verbindung von Bürgertum und Zivilgesellschaft auch im 19.  Jahrhundert nicht überall bestand. In Polen trat der kleine Adel an die Stelle des nur schwach entwickelten, z. T. fremdnationalen Bürgertums. In England und Frankreich kam es zu einer viel engeren Verschmelzung von Bürgertum und Adel und damit zu einer breiteren sozialen Basis der sich entwickelnden Zivilgesellschaft. In Russland vor dem Ersten Weltkrieg wurden zivilgesellschaftliche Tendenzen vor allem von den Mittelschichten der Städte getragen – im kleinen und mittleren Bürgertum, in der kommunalen Politik. Das gibt Anlass zur Frage, wer und was denn an die Stelle des Bürgertums tritt, wenn es um den Aufbau einer Zivilgesellschaft in Regionen geht, die ihr Bürgertum verloren oder nie so recht entwickelt haben, etwa im postkommunistischen Osteuropa seit der Umwälzung um 1990. Jedenfalls gilt für die Vergangenheit wie für die Gegenwart, dass bestimmte Sozialgruppen zivilgesellschaftlich sehr aktiv und andere dabei unterrepräsentiert sind. Zivilgesellschaftsfähigkeit ist ungleich verteilt: Zeit, Abkömmlichkeit, Auskömmlichkeit des Lebensunterhalts, Kommunikationsfähigkeit, Bildung und andere ungleich verteilte Ressourcen sind entscheidend. Rechtliche Dis­ kriminierung – von Frauen, ethnischen Minderheiten und Armen – erschweren zivilgesellschaftliches Engagement. Zivilgesellschaft setzt zwar keineswegs soziale Gleichheit voraus. Aber sie entstand als Projekt gegen ständische Ungleichheit, und sie wird wohl auch heute durch sehr ausgeprägte ökonomische und soziale Ungleichheit behindert und beschädigt. Untersucht man Mechanismen des zivilgesellschaftlichen Engagements, entdeckt man die entscheidende Rolle von einzelnen Personen, von zivilgesellschaftlichen Unternehmern. Die Rolle von Religion und Religiosität bei der Hervorbringung oder Behinderung von Zivilgesellschaftlichkeit stellt sich in verschiedenen Konstellationen ganz unterschiedlich dar. Das kirchliche Gemeindeleben nonkonformistischer Religionsgemeinschaften, beispielsweise der englischen und amerikanischen Quäker, war und ist eine Wurzel zivilgesellschaftlichen Engagements. Dagegen stehen die Prinzipien und Praktiken der großen Staatskirchen zivilgesellschaftlicher Selbstbestimmung meist abwehrend entgegen. Entscheidend ist, ob Religion 200

und Kirche im Plural oder Singular auftreten. Schließlich noch eine Ressource: Zum zivilgesellschaftlichen Engagement gehört ein Mindestmaß an Vertrauen: in sich selbst, in die Anderen, in die Zukunft. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – als zivilgesellschaftliches Motto taugt Lenins Spruch nicht. Aus all dem wird klar: Zivilgesellschaft lässt sich weder dekretieren noch einfach erfinden. Sie ist historisch voraussetzungsvoll. Sie ist immer auch ein Produkt der Geschichte. Man kann sie behindern, man kann sie befördern – dekretieren und machen lässt sie sich nicht.

Zivilgesellschaft, Nation und Europa Manchmal wird behauptet, dass Zivilgesellschaft und Nationalstaat ­Zwillinge seien und aufs Engste zusammengehörten. Doch der historische Befund ist komplizierter. Für das 19.  Jahrhundert beobachten wir im innereuropäischen Vergleich zivilgesellschaftliche Bestrebungen und Organisationen  – Vereine, Theatergründungen, Bürgerbewegungen und andere gesellschaftliche Organisationen –, die sich in Westeuropa im Rahmen etablierter Territorial- und Nationalstaaten herausbildeten, und solche, die es ohne akzeptierten staatlichen Rahmen bzw. gegen die gegebene Form von Staatlichkeit versuchten – so in Ostmitteleuropa und Südosteuropa, nämlich gegen die dort etablierten Reiche, gegen Habsburg, das Zarenreich und das Osmanische Reich, die zunehmend als Fremdherrschaft empfunden wurden. Der Befund ist nicht einheitlich. Zum Teil entwickelten zivilgesellschaftliche Initiativen ohne nationalstaatlichen Rahmen besondere Kraft, etwa in Polen. Zum Teil wirkte sich das Fehlen staatlicher Unterstützung aber schwächend aus. Jedenfalls gab es zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich im 19. Jahrhundert quer zu den etablierten Formen der Staatlichkeit und gegen diese entwickelten, vor allem in Ostmittel- und Südosteuropa. Bis zu den Nationalstaatsgründungen um 1870 galt das auch für Deutschland und Italien. Politisch engagierte Turner, Sänger und Wissenschaftler bauten nationale Netzwerke lange vor dem Nationalstaat auf. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert kamen bald zivilgesellschaftliche Bewegungen, Netzwerke und NGOs mit transnationaler Reichweite hinzu. Beispiele dafür finden sich in der Antisklaverei-Bewegung, im Kampf für das Frauenwahlrecht, in der internationalen Arbeiterbewegung, im Kampf gegen Prostitution oder Alkoholismus, dann auch – dies bis heute – im Kampf für die Abrüstung und den Frieden. Erst recht hat es in der allerjüngsten Zeit Wellen der Transnationalisierung gegeben. Die Zivilgesellschaft überschreitet nun nationale Grenzen mit beispielloser Geschwindigkeit und dringt dabei in neue Politikbereiche ein – man denke an die Ökologie, die Menschenrechte und die Kritik an der Globalisierung. Neue dezentrale Formen und neue Kommunikationsmittel stehen dafür zur Verfügung, auch wenn die europäische Vielsprachigkeit sicher noch lange die Entfaltung einer europäischen Zivilgesellschaft verzögern wird. 201

Die Idee der Zivilgesellschaft entstand in der Aufklärung. Sie ist ein Produkt des Westens, aber ihre Grundsätze beanspruchen universale Geltung. Innerhalb Europas ist die Idee von Westen nach Osten gewandert, dabei aber hat sie sich geändert. Im Osten des Kontinents hat man sich durch Ideen des Westens zwar inspirieren lassen, doch was man davon übernahm und übernimmt, war und ist keine bloße Imitation, sondern selektive Anverwandlung an die jeweils eigenen Bedingungen. Zivilgesellschaft entstand und entsteht auf unterschiedlichen Wegen und in verschiedenen Varianten, hier stärker, dort schwächer, hier früher, dort später, aber überall anders und bisweilen gar nicht  – wobei man sich über die Grenzen hinweg gegenseitig beobachtet, beeinflusst und prägt. Die Wirklichkeit in dem einen Land kann nicht einfach das Modell für die Entwicklung im anderen Land sein. Doch Vergleichen lohnt sich, in der Wissenschaft wie im gesellschaftlichen und politischen Leben.

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14. Mehr Last als Lust Arbeit und Arbeitsgesellschaft in der europäischen Geschichte1

Man weiß viel über die Geschichte der Arbeit in verschiedenen Arbeitsverhältnissen, Berufen, Städten, Gütern, Unternehmen und Arbeitskonflikten, auch über die Geschichte des Arbeitsbegriffs und der Arbeitsdiskurse in der Philosophie, den Sozialwissenschaften und der schönen Literatur. Auch an Überblicksdarstellungen fehlt es nicht.2 Trotzdem bleibt das Feld als ganzes un­ strukturiert. Vielleicht liegt es daran, dass Konsens über die Fragen fehlt, die zu verfolgen sind, wenn man die Geschichte der Arbeit im Allgemeinen behandelt. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Begriff »Arbeit« nur schwerlich klar umrissen werden kann, sich im Lauf der Zeit sehr gewandelt hat, von einer Sprache und Kultur zur anderen variiert und überhaupt sehr umstritten bleibt. Erschwerend kommt hinzu, dass in den meisten historischen Konstellationen das, was der Begriff »Arbeit« meint, auf das Engste mit anderen Tätigkeiten und Lebensäußerungen verknüpft war – was die Thematisierung von »Arbeit« als eines isolierbaren Phänomens zu einem anachronistischen Unternehmen zu machen droht. Schließlich ist unübersehbar, dass »Arbeit« ein hoch aggregiertes und hoch abstrahiertes begriffliches Konstrukt darstellt und so viel Verschiedenes umfasst, dass es schwierig ist, Beschreibungen und Erklärungen zu formulieren, die für das ganze Aggregat, also für Arbeit generell, gültig sind. Trotzdem ist es verführerisch und lohnend, über die Geschichte der Arbeit im Allgemeinen nachzudenken. Zum einen verlangt das Thema die Verknüpfung der verschiedensten methodischen Ansätze und stellt somit eine interessante Herausforderung an den Historiker dar. Zum andern haben die verbreitete Massenarbeitslosigkeit, die Veränderung der Arbeit unter dem Einfluss von Globalisierung und Computerisierung wie auch die Notwendigkeit und die Schwierigkeit der Reform unserer gesellschaftlich-politischen Verhältnisse seit einiger Zeit zu lebhaften Grundsatzdiskussionen über den Zugang zu Arbeit als ökonomischer und sozialer Ressource und ihrer politischen Relevanz und kulturellen Bedeutung gefühlt. Diskutiert wird auch über die »Arbeitsgesellschaft« und über mögliche Alternativen zu ihr, wenn sie denn, wie manche meinen, ein Auslaufmodell darstellt.3 Durch Untersuchungen und Reflexionen zur Geschichte der Arbeit im Allgemeinen können Historiker zu dieser grundsätzlichen Debatte beitragen. Diese Debatte käme nicht weiter, wenn sie ohne 203

­ istorische Dimension geführt würde. Oft wird mit Annahmen über verganh gene Zustände operiert, ohne dass diese immer zureichend geprüft und interpretiert werden könnten.

Begriff und Aufwertung der Arbeit Zunächst zur Begriffsgeschichte und zum Problem der Definition. Auf diesem Teilgebiet ist der Forschungsstand am besten, wenngleich zumeist auf den Westen konzentriert und ohne die dringend notwendigen Vergleiche der Arbeits­ begriffe in den verschiedenen Zivilisationen.4 Es gab und gibt Kulturen und Sprachen, die keinen allgemeinen Arbeits­ begriff kennen und kannten. Kulturen und Sprachen unterscheiden sich überdies sehr darin, welche Tätigkeiten sie als »Arbeit« (oder mit Hilfe eines teilidentischen Begriffs) zusammenfassen und von anderen Tätigkeiten abgrenzen. Das macht den Vergleich interessant und die Übersetzung schwierig. Beispielsweise wird berichtet, dass die Yir-Yoront, ein einheimischer Stamm in Australien, Arbeit und Spiel mit dem gleichen Wort bezeichneten, und dass die Dogon in Mali ein und dasselbe Wort für Ackerbau und für den Tanz bei religiösen Zeremonien benutzen, während sie keinen allgemeinen Begriff für Arbeit besitzen.5 – Den Griechen der klassischen Epoche wäre es unsinnig erschienen, die Handarbeit der Sklaven auf dem Feld, die untergeordnete Arbeit der Frauen im Haus, die literarische Produktion eines Schriftstellers und die Tätigkeit eines Politikers mit ein und demselben Begriff zu belegen. Für verschiedene Aktivitäten benutzten sie verschiedene Worte, über einen allgemeinen Arbeitsbegriff verfügten sie nicht.6 – Die Begriffsbildung im frühen und hohen Mittelalter war komplex und im Wandel begriffen, doch der Tendenz nach blieben »­labor«, »Arbeit«, »travail« und »labour« auf körperliche Arbeit eingeengt.7  – Noch in Zedlers Universallexikon von 1763 tut sich der Autor schwer, eine allgemeine Definition für »Arbeit« zu geben. Im Wesentlichen begnügt er sich mit der Aufzählung unterschiedlicher Beispiele für Arbeit, darunter allerdings neben »etwas Gutes schaffen mit den Händen« auch schon, mit Hinweis auf Paulus, das Reisen, die Lehre und der Disput – und auch die »schwere Amts- und Erlösungsarbeit Christi«.8 Es sollte nicht wundern, dass ein allgemeiner Begriff von Arbeit – etwa im Sinne zielstrebiger Anstrengung körperlicher und geistiger Kräfte zur Erfüllung von Bedürfnissen (oder so ähnlich) – nur sehr allmählich und längst nicht überall entstand. Denn ein solcher Begriff wird erst dann benötigt und sinnvoll, wenn tatsächlich sehr verschiedene Tätigkeiten unter bestimmten Gesichtspunkten als formal ähnlich erscheinen und gleichzeitig von anderen Tätigkeiten abgrenzbar sind. In vielen Gesellschaften fehlte und fehlt es sowohl an solcher Ausdifferenzierung wie auch an praktischen Konstellationen, die den semantischen Abstraktions- und Subsumtionsakt nahe legen. Umgekehrt lassen sich in 204

der europäischen Geschichte Konstellationen – diskursive Situationen – identifizieren, in denen es Anlässe zur Entwicklung eines allgemeinen Arbeitsbegriffs gab, Schübe zu seiner Entwicklung stattfanden und damit Schritte auf dem Weg der Konstituierung von Arbeit als einem allgemeinen, mehrere Tätigkeiten umfassenden und von anderen Tätigkeiten unterschiedenen Phänomen. Da war einmal der religiös-theologische Kontext des christlichen Glaubens, seiner Auslegung und Institutionalisierung, der Gelegenheit bot, über menschliche Arbeit im Allgemeinen zu reflektieren. Dies geschah ansatzweise schon in spätantiker und mittelalterlicher Zeit, besonders deutlich dann in der Reformation, als beispielsweise Luther Arbeit als »Beruf« und Gottesdienst, als Teil von Gottes Ordnung in der Welt umschrieb: die Magd, die den Besen schwingt, tut in dieser Hinsicht nichts anderes als das, was Bischöfe und Könige tun, sie tut ihre Arbeit, denn vor Gott gilt alle Arbeit gleich. – Da war zum andern die obrigkeitliche Politik. Zunächst begannen die Städte des 14. und 15. Jahrhunderts, Armut und Müßiggang zu bekämpfen und den Begriff Arbeit positiv zu besetzen: mit Tugend, Wohlstand und Macht. Dabei ging es um Arbeit im Allgemeinen. Dies setzten dann die absolutistischen Territorialstaaten der Frühen Neuzeit mit ihrer Politik der Armutsbekämpfung, Arbeitserziehung und Sozial­ disziplinierung fort.9 – Drittens glichen sich unterschiedliche Tätigkeiten unter den Gesichtspunkten des sie bewertenden Marktes aneinander an. »A man’s labour also is a commodity exchangeable for benefit, as well as any other thing«, schrieb Thomas Hobbes 1651 in England, wo der Kapitalismus als Kommerzialisierung weit vorgedrungen war.10 Schließlich das Denken, die Schriften der Aufklärer, für die Arbeit im Allgemeinen zur menschlichen Tätigkeit schlechthin wurde.11 Im 18. Jahrhundert war jedenfalls ein allgemeiner Begriff von Arbeit entstanden, der von verschiedenen Autoren leicht unterschiedlich gefasst wurde, aber in der Regel durch folgende Minimalmerkmale definiert war: Arbeit hatte einen Zweck außerhalb ihrer selbst, nämlich den Zweck, etwas herzustellen, zu leisten, zu erreichen; Arbeit hatte etwas von Verpflichtung oder Notwendigkeit an sich, diente einer von anderen gestellten oder selbst gesetzten Aufgabe; Arbeit war immer auch mühsam, hatte Widerstand zu überwinden, erforderte Anstrengung und ein Minimum an Beharrlichkeit und ging über den Punkt hinaus, an dem die Aufgabe aufhörte, ausschließlich angenehm zu sein. Im Großen und Ganzen ist dies eine auch heute noch akzeptable Minimal – Umschreibung von Arbeit im umfassenden Sinn. Spiel, Muße, Nichtstun sind Gegenbegriffe.12 Hand in Hand mit der Herausbildung eines allgemeinen Arbeitsbegriffs fand eine ständige Um- und Aufwertung der Arbeit statt. In der Antike herrschte eine skeptische Einschätzung der Arbeit vor, ihre Wirklichkeit war durch Unfreiheit und Inferiorität geprägt, Arbeit und Freiheit, Arbeit und Bürgerrecht standen in Spannung zueinander wie oikos und polis. – Die wortgeschichtliche Wurzel von »Arbeit«, althochdeutsch »arbeit«, ist dunkel, düster und hart. Das Lexikon verzeichnet als Entsprechungen: mühe, mühsal, not, die man leidet oder freiwillig übernimmt, kampfesnot, strafe, kindesnöte. Ähnlich war es in anderen Spra205

chen. Ambivalenz in vielen Schattierungen kennzeichnete das Verständnis der Arbeit in der jüdisch-christlichen Tradition: Arbeit als Fluch und Segen, Strafe und göttlicher Auftrag zugleich. Selbst in den entschiedensten Plädoyers für die Anerkennung der Arbeit – jeder Arbeit – als göttlich gewollt, so in den Mönchsregeln des Mittelalters und den Schriften der Reformatoren, lief immer ein Subtext mit, dass mit der Mühsal und Qual der harten Arbeit auch ein Stück Buße für menschliche Sündhaftigkeit geleistet werden sollte – »im Schweiße deines Angesichts« (Genesis 3, 17–19). In der europäischen Stadt des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, mit dem zünftigen Handwerk und dem ständischen Handel als sozialökonomischer Basis, gewann Arbeit zentrale Bedeutung. Arbeit – vor allem qualifizierte, berufsformige, ehrbare, also sozial und kulturell genormte Arbeit – war nun mit Freiheit und Stadtbürgerrecht verknüpft, diametral anders als in der antiken Polis. Arbeit wurde für die entstehende Stadtbürgerkultur prägend, mit anti-feudaler Spitze. Stadtbürgerliche Kultur wirkte aufwertend auf Arbeit zurück, indem sie sie ehrte und als Legitimationsquelle nutzte, auch zur Legitimation von Eigentum, Vermögen und sozialen Vorsprüngen. Schließlich das 17. und 18. Jahrhundert: In den Schriften der Aufklärer und der frühen Nationalökonomen kam es zur geradezu emphatischen Aufwertung der Arbeit als Quelle von Eigentum, Reichtum und Zivilität bzw. als Kern menschlicher Existenz und Selbstverwirklichung. Dies geschah oft mit antiaristokratischer Spitze, in bürgerlichem Geist und mit neuprotestantischer Selbstgewissheit. Befördert wurde diese Entwicklung vom sich durchsetzenden Kapitalismus und technologischen Fortschritt, nicht zuletzt auch von der inneren Staatsbildung der Territorialstaaten  – Hand in Hand mit beschleunigtem Wandel auf vielen Gebieten.13 Jedoch sind zwei begriffsgeschichtliche Entwicklungen zu unterscheiden: Zum einen ist in der Philosophie der Aufklärung und dann des Deutschen Idealismus eine emphatische Fundamentalisierung des Arbeitsbegriffs zu beobachten. Thomas Hobbes brachte Mitte des 17. Jahrhunderts die Arbeit (operatio) und Handlung (actio) mit Macht (potentia) in enge Verbindung. Wenig später machte John Locke Arbeit zu einem gesellschaftlichen Grundbegriff. Für ihn verlieh Arbeit, und zwar individuelle Arbeit, dem Menschen sein Recht auf Eigentum und den Dingen erst ihren Wert. Und im Standardwerk der französischen Aufklärung, in der von D’Alembert und Didérot herausgegebenen »Encyclopédie« (1751–72) hieß es über »travail«: »occupation journalière à laquelle l’homme est condamné par son besoin & à laquelle il doit en même temps sa santé, sa subsistance, sa sérénité, son bon sens & sa vertu peut-être«. Allmählich begann sich die alte Verbindung von »Arbeit« mit »Mühe und Last« zu lockern. Die Techniken (artes) sollten zur Arbeitserleichterung fuhren, so spätestens Descartes: Arbeit als Lust statt Arbeit als Last dank fortschrittlicher Technologie. Radikaler noch formulierte Immanuel Kant. Er wertete die Muße als »leere Zeit« ab und die Arbeit zum Lebenssinn auf: »Je mehr wir beschäftigt sind, je mehr fühlen wir, dass wir leben, und desto mehr sind wir uns unseres Lebens bewusst. In der Muße fühlen wir nicht allein, dass uns das Leben so vorbei206

streicht, sondern wir fühlen auch sogar eine Leblosigkeit.« Friedrich Schiller gab dem Gedanken die volkstümliche Form und die sozialgeschichtliche Einordnung: »Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen seiner Mühe Preis. Ehrt den König seine Würde, ehret uns der Hände Fleiß.«14 Zum anderen fand neben der philosophischen Fundamentalisierung des Arbeitsbegriffs seine Ökonomisierung statt. Hierfür findet man Beispiele bei den schottischen Moralphilosophen und Politökonomen des 18. Jahrhunderts, insbesondere bei Adam Smith, seinen Vorläufern, Übersetzern und Nachfolgern. Arbeit erschien bei Smith als eigentliche Quelle des Reichtums und der Wertschöpfung, als wichtigster Produktionsfaktor, als wahrer Maßstab des Tauschwerts der Güter, als Hauptbegriff der ökonomischen Theorie und der ent­ stehenden Wirtschaftswissenschaft. Aus diesem wirtschaftswissenschaftlichen Verständnis von Arbeit war Mühsal, Pein und Verachtung geschwunden. Arbeit wurde in diesem Denken zur grenzenlos dynamischen Kraft. Sie schaffe Reichtum, Luxus und Kapital – und dies wurde akzeptiert, in der Hoffnung und Überzeugung, dass eben diese Akkumulation letztlich dem allgemeinem Wohl zugute kommen werde. Dies war der Arbeitsbegriff des durchbrechenden Kapitalismus, noch vor Beginn der Industrialisierung, die sich in England ja erst seit dem späten 18. Jahrhundert, auf dem europäischen Kontinent erst im 19. Jahrhundert durchsetzte. Bei Smith wurde die Gesellschaft als Wirtschaftsgesellschaft gedacht: auf Arbeitsteilung und Handel beruhend, durch Märkte und aufgeklärtes Eigen­ interesse der vielen Einzelnen verknüpft (allerdings auch durch Recht und Sitte zusammengehalten), mit Produktion und Konsum, Arbeit und Bedürfnis als zentralen Momenten. Aus dieser modernen, bürgerlich-kapitalistischen, fortschrittsoptimistischen Gesellschaftsvorstellung, in der Arbeit eine Schlüsselfunktion hielt, konnte Kritik an herkömmlichen und zeitgenössischen Formen politischer Herrschaft geübt werden: an Adelsmacht und absolutistischem Staat. Zugleich war das System von Smith ein System der »Politischen Ökonomie«, das die Wirtschaft auf Politik, Nation und Staat bezog, wobei Arbeit als Grundlage von Wohlstand und Macht des Nationalstaats geschätzt wurde.15 Viele Differenzierungen wären nötig, Ausnahmen wären zu nennen, auch gegenläufige Evidenz lässt sich aufführen. Bei aller emphatischen Aufwertung der Arbeit ging der Sinn für ihre Ambivalenz nicht ganz verloren. Beispielsweise sah Diderots Encyclopédie, wie zitiert, die Arbeit eben nicht nur als Grundlage des Nutzens, Segens und der Tugend, sondern auch als etwas, zu dem der Mensch aufgrund seiner Bedürfnisse verdammt war. Viele von jenen Intellektuellen, die die ökonomische Zentralität und die zivilisierende Macht der Arbeit herausstrichen, wussten zugleich, dass mensch­liche Wesen, und besonders die »common people«, in der Regel Muße der Arbeit vorziehen, denn die sei immer auch »toil and trouble«. Eben deshalb bedürfe es – vor allem bei »inferior employments«  – der »recompensation«.16 Auch unterschieden Autoren wie Adam Smith und Adam Ferguson durchaus zwischen Arbeiten unterschiedlicher Qualität  – zwischen produktiven und unproduk­ 207

tiven, geistigen und mechanischen, gelernten und ungelernten, hochwertigen und gemeinen Tätigkeiten zum Beispiel. Und sie wussten, dass die einen zwar aufwerten, die anderen aber erniedrigen und somit soziale Ungleichheit bekräftigen.17 Gleichwohl, der Haupttrend ist nicht zu bezweifeln: Bis 1800 hatte sich der Arbeitsbegriff in den intellektuellen Diskussionen ein Stück weit aus seiner ehemals engen Verbindung zu Kampf, Not und Mühsal gelöst, aufs Schöpferisch-Kreative hin bewegt und als Kern menschlicher – jedenfalls bürgerlicher – Identitätsbildung empfohlen. Ich sehe nicht, dass sich in anderen Kulturkreisen eine ähnliche Apotheose der Arbeit entwickelt hat. In der Konsequenz erschien Arbeit als Menschenrecht.18

Arbeit als Last und Utopie Zweifellos gingen die echten Arbeitserfahrungen der Angehörigen der verschiedenen sozialen Kreise in den geschilderten Arbeitsdiskursen nicht auf. Was die Arbeitsverhältnisse und Arbeitserfahrungen betrifft, zerfielen ständische und bürgerliche Gesellschaft geradezu in Teilgesellschaften. Arbeit bedeutete für Adelige, Bürger und Bauern, Handwerker und unterständische Existenzen auf dem Land und in den Städten jeweils etwas anderes. Wessen Arbeit wird von der Begriffsgeschichte beschrieben? Wer selbst mit den Händen arbeitete, sei es als Bauer oder Landarmer, als Magd oder Knecht, als Handwerker, Heimarbeiterin oder Tagelöhner, häufig in Unfreiheit oder an der Grenze zur Verarmung, dürfte die Last und die Mühe, die Härte und das Elend der Arbeit nicht so beiseite gerückt oder relativiert haben, wie es in den philosophischen und sozialwissenschaftlichen Abhandlungen geschah.19 Doch eine mehr als punktuelle Rekonstruktion von Arbeitserfahrungen, -haltungen und -gewohnheiten bleibt methodisch schwierig. Ich wähle zunächst einen sehr indirekten Weg. Auf der Suche nach Quellen, die darüber Auskunft geben können, wie die Menschen Arbeit früher eingeschätzt haben und wie man sich früher die Zukunft der Arbeit gewünscht hat, habe ich utopische Romane durchgesehen, also Exem­plare einer literarischen Gattung, die der heutigen Science-Fiction verwandt ist. Diese Schriften entwarfen (und entwerfen) Visionen der Zukunft, die als kritische Kommentare zu den Verhältnissen der Gegenwart gelesen werden können, in der sie entstanden.20 Die Schrift »Utopia« von Thomas Morus wurde 1516 veröffentlicht, sie gab der literarischen Gattung den Namen. Für Morus, den englischen Philosophen und Staatsmann, war Arbeit »Knechtschaft des Leibes«. Auf der Insel »Utopia« (Nirgend-Ort) werde die tägliche Arbeitszeit auf sechs Stunden pro Tag beschränkt sein, um genügend Zeit für »andere nützliche Beschäftigung« zu haben, für literarische Studien oder wissenschaftliche Kontemplation, aber auch für Sport und Spiel, für Gespräch, Musik und Erholung. Sechs Stunden sollten genügen, um alles Nötige zu erzeugen, und mehr. Die dafür nötige hohe 208

Produktivität sollte durch zentrale Planung und Organisation erreicht werden. Dazu gehörten die allgemeine Arbeitspflicht für Männer und Frauen, eine Art von Gütergemeinschaft, die Abschaffung der Lohnarbeit und das Verbot des Müßiggangs: ein utopisches Gegenmodell mit kurzer Arbeit und ausgiebiger Freizeit, durch Disziplin und autoritäre Organisation erkauft.21 In Johann Gottfried Schnabels »Insel Felsenburg« findet sich ein gutes Jahrhundert später noch immer das nämliche Bild, aber mit einer bezeichnenden Neuheit: jetzt träumte man von Maschinen und abgerichteten Affen, die die Menschen der Zukunft von der »grausame[n] Mühe und Arbeit« befreien, die Arbeit erleichtern und die Arbeitszeit radikal verkürzen würden  – ein Motiv, das sich hielt und in Gestalt immer effektiverer technischer Erfindungen noch in den Utopien des 20. Jahrhunderts ausgemalt wurde: als Fortschritt zumeist, als bedrohliche Maschinerie zuletzt.22 Der französische Autor Louis Sébastien Mercier schrieb um 1770 einen in ganz Europa gelesenen utopischen Roman, einen Bestseller mit dem Titel »Das Jahr 2440«. Das Handlungsgerüst bildet ein Traum. Der Erzähler erwacht mitten im Paris des Jahres 2440 und macht sich auf zu einer Wanderung durch die Straßen und Plätze der Metropole: man lebt vernünftig, fleißig, sparsam, friedlich, grundehrlich und sehr ernst. Armee und Prostitution sind abgeschafft, die Bastille ist längst abgerissen, universelle Gastfreundschaft ersetzt Restaurant und Kneipe, das Theater ist ausschließlich moralische Anstalt; Physiker und Astronomen sind die Priester und Katecheten der von allen geachteten Vernunftreligion. Über die Arbeit im Jahr 2440 heißt es: »Jeder Hausvater gibt ein Beispiel. Das Tagewerk ist mäßig, und sobald es geschafft ist, beginnt das Vergnügen. Ruhepausen regen den Arbeitseifer an, der durch Spiele und ländliche Tänze immer weiter angeregt wird. […] Die Arbeit bereitet nicht mehr jenen hässlichen und widerlichen Anblick, weil sie nicht mehr als das Los von Sklaven erscheint. Eine sanfte Stimme lädt einen zu seiner Pflicht, und alles geht leicht, gemächlich, ja sogar angenehm. Da [man] nicht mehr jene ungeheure Menge Müßig­ gänger [hat], und die Faulheit abgeschafft ist, so darf nun endlich jedes Individuum seine Muße genießen, und es muss keine Klasse mehr darben, zum Vorteil einer anderen. Ihr werdet leicht einsehen«, schreibt der Autor, »dass, da wir weder Mönche noch Pfaffen, noch zahllose Dienstboten und unnütze Knechte noch Hersteller kindischer Luxusartikel mehr haben, einige wenig Arbeitsstunden bereits weit mehr einbringen als der öffentliche Bedarfes erfordert.« Die Geschlechterdifferenz aber hatte sich gehalten: die Frauen waren auch noch 2440 zu häuslichen Arbeiten bestimmt, die Feldarbeit verblieb für die Männer. Und für die unangenehmsten Arbeiten hielt der aufgeklärte Autor eine besondere Lösung bereit. »Hat uns die Natur schon dazu verdammt, das Fleisch der Tiere zu essen, so wollen wir uns wenigstens den Anblick ihres Todes ersparen. Das Fleischerhandwerk wird von Ausländern ausgeübt, die ihre Heimat verlassen mussten. Sie werden vom Gesetz geschützt, aber nicht in die Klasse der Bürger aufgenommen. Keiner von uns betreibt diese blutige und grausame Tätig­keit.«23 209

Auch die Frühsozialisten des frühen 19.  Jahrhunderts träumten von kürzester Arbeitszeit und waren bereit, sie durch vorübergehende Arbeitspflicht zu erkaufen, zentral organisiert. Ein Senat sollte entscheiden, nicht aber der Markt. Lohnarbeit gehöre abgeschafft. Als neues utopisches Moment kam nun hinzu, dass die lebenslange Festlegung auf einen Beruf überwunden werde. Durch einen Arbeitswechsel alle zwei Stunden sollte jeder die Möglichkeit haben, gleichzeitig in mehreren Berufen tätig zu sein. All das forderte Wilhelm Weitling in Anlehnung an Charles Fourier, der Arbeit und Genuss zusammenführen wollte. Der junge Marx nahm das auf, als er in den 1840er Jahren zur Utopie der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft rechnete, dass sie »die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, ­Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden wie ich gerade Lust hab«.24 Spätere Sozialisten setzten verstärkt auf Planung, begrenzte Arbeitspflicht und durchgreifende Organisation der Arbeit  – gegen Lohnarbeit, Markt und Müßiggang, für Gleichheit und Großunternehmen, mit öffentlichem Wohlstand, verringerter Arbeitszeit und Abschaffung schwerer, gefährlicher Arbeit. So schrieb es der Amerikaner Edward Bellamy in seinem Bestseller »Ein Rückblick aus dem Jahr 2000« von 1888, so August Bebel in »Die Frau und der So­ zialismus«. Beide sahen eine Zukunft voraus, die die Hausarbeit abschaffen, d. h. die Frauen und Dienstboten davon befreien würde  – dank öffentlicher Waschanstalten und städtischer Küchen, dank Elektrizität und technischen Fortschritts.25 Radikaler war die Utopie des anarchistischen Sozialismus, die wir bei Paul Lafargue, Marxens Schwiegersohn, in seiner schmalen Schrift »Das Recht auf Faulheit« von 1883 finden. »Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht, eine Sucht, die das in der modernen Gesellschaft herrschende Einzel- und Massenelend zur Folge hat. Es ist dies die Liebe zur Arbeit.« Die Muße sei verloren gegangen, mit dem Ethos des Bürgertums, den Märkten des Kapitalismus und den Maschinen der Industrialisierung. Sehnsüchtig blickte er in eine idealisierte Vergangenheit zurück und entdeckte in ihr das Maß für die erwünschte Zukunft. »Meint man aber, dass die Arbeiter, obwohl sie damals von sieben Tagen der Woche nur fünf arbeiteten, nur von Luft und Wasser gelebt hätten […]? Geht doch! Sie hatten Muße, Zeit, um die irdischen Freuden zu kosten, um der Liebe zu pflegen und Possen zu treiben, und vergnügt zu Ehren des Gottes der Nichtstuerei ­Tafel zu halten.« Man müsse weniger arbeiten und mehr konsumieren. »Oh Faulheit, Mutter der Künste und edlen Tugenden, sei Du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!«26 Zuletzt ein Stück aus dem 20.  Jahrhundert, da aus dem Wunschtraum ein Albtraum wird. Als Beispiel diene Aldous Huxleys »Schöne neue Welt« von 1937. In diesem »Roman der Zukunft« leiden die Menschen nicht mehr unter schwerer Arbeit, sondern sie sind Rädchen in einer großen, selbsttätig lau­ 210

fenden Maschinerie und ihnen werden alle Wünsche so erfüllt, dass sie kaum noch wirkliche Wünsche haben. Rauschmittel werden fabrikmäßig hergestellt. Man kann mit ihnen Urlaub von der Wirklichkeit nehmen, bevor man auf den »sicheren Boden täglicher Arbeit und Unterhaltung« zurückkehrt. Die Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit verschwindet, weil die Arbeit leicht und die Freizeit ausgefüllt ist. »Heutzutage« – gemeint ist die schöne neue Welt der Zukunft – »arbeiten [auch] die alten Leute, erfreuen sich ihrer sexuellen Triebe, sind immer beschäftigt, das Vergnügen lässt ihnen keine Muße, keinen freien Augenblick, um sich hinzusetzen und nachzudenken.«27 Soviel zur Zukunft der Arbeit in den Utopien der Vergangenheit. Zukunftsutopien können als histo­ rische Gegenbilder zu ihrer Gegenwart verstanden werden. Es ist deutlich, wogegen sie sich wandten, was ihren Autoren an der Arbeit, wie sie sie kannten, besonders unvollkommen oder unerträglich erschien: – Vor allem und fast durchgehend war es die Härte der Arbeit, die Arbeit als Mühe und Last, die überwunden werden sollten – durch Arbeitszeitver­ kürzung, Affen und Maschinen. Dann war es, und zwar schon im 18. Jahrhundert, die Ungleichheit in der Verteilung der Arbeit und ihrer Erträge, die es in Zukunft zu verändern galt. – Lohnarbeit galt den Autoren keineswegs als Quelle der Freiheit, sondern als Ärgernis, das durch Organisation ersetzt werden sollte  – im Interesse von ­Solidarität, Ordnung und Effizienz, und sogar um den Preis begrenzten Zwanges. – Schließlich war es die lebenslange Eintönigkeit der Arbeit, die durch dauernden Wechsel behoben werden sollte, auf dass die Arbeit besser der menschlichen Selbstverwirklichung dienen könne. Dies Motiv tauchte erst zu Beginn des 19.  Jahrhunderts auf. Zugegeben, dies sind nur indirekte Belege, keine Berichte über Arbeitserfahrung aus erster Hand. Aber sie stammen aus viel gelesenen Schriften. Sie müssen mit weit verbreiteten Erfahrungen und Erwartungen harmoniert haben. Um gute Utopien schreiben zu können, mussten die Autoren gute Beobachter der Realität sein. Zweifellos konnte auch anstrengende, wenig geschätzte und schlecht bezahlte Arbeit Anlass zu Genugtuung, Zufriedenheit und Ergebnisstolz bieten, Freude machen, überhaupt die unterschiedlichsten physischen, psychischen und sozialen Bedürfnisse erfüllen.28 Aber es ist doch bemerkenswert, wie eindeutig in den hier ausgewerteten Quellen, den utopischen Romanen, Arbeit im Sinn von Erwerbsarbeit als unangenehme Mühe, drückende Last und ungeliebte Verausgabung erscheint, die man tut, weil es notwendig ist, und die man möglichst zu verkürzen sucht. Andere Belege weisen in dieselbe Richtung. So finden sich in einschlägigen Volksliedern und Sprichwörtern kaum Erwähnungen von Arbeitslust und Arbeitslob, eher schon Erwähnungen der Sympathie für Faulheit und Sinn für Ruhe.29 Reith Thomas sammelte Hunderte von Textstellen zur Bedeutung der Arbeit über die Jahrhunderte. In der Auswertung zitierte er einen Autor aus dem 17. Jahrhundert, aus dessen Sicht Tätigkeiten, die Vergnügen bereiten, keine Arbeit sind, da diese sich dadurch auszeichne, 211

dass sie keine Freude errege. Das mag übertrieben sein. Doch Thomas fügt hinzu, dass seine Anthologie diesen Eindruck bestätige. Sie führe vor allem die Monotonie, Unannehmlichkeit, Langweiligkeit, Leiden und Zwänge des Arbeitens vor. »It confirms the inescapable fact that, through the centuries, the lot of most of the human race has been hard toil for small reward.«30 In dieses Bild passt letztlich auch, wie sich Gewerkschaften und Sozialdemokratie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Erwerbsarbeit stellten: die Forderung nach ihrer Verkürzung war dominant. Und als Adolph Levenstein Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Umfragen unter Industriearbeitern veröffentlichte, war wenig von Arbeitslust, dagegen viel von Arbeitsleid zu lesen, verbunden mit der Hoffnung auf mehr freie Zeit und eine ökonomische Situation, die es wenigstens der eigenen Frau erlauben würde, dass sie »nicht mehr in die Fabrik gehen brauchte, und sich dem Häuschen und den Kindern widmen könnte«.31 Je näher die Quellen an den Alltag und die Erfahrungen der landwirtschaftlich und gewerblich arbeitenden breiten Bevölkerung heranfuhren, desto weniger ist von jener Glorifizierung der Arbeit zu spüren, die den Diskurs der Intellektuellen schon im 18. und in anderer Form auch noch im 19. Jahrhundert bestimmte.

Arbeit als Ideal und Erwerbsarbeit als Realität: die Arbeitsgesellschaft entsteht In der Geschichte der Arbeit reicht vieles über die Jahrhunderte zurück. Der Begriff bildete sich lange vor der Industrialisierung heraus, und auch die »Glorifizierung der Arbeit« (Hannah Arendt) war vorindustriellen, nämlich frühneuzeitlichen Ursprungs. Doch die Industrialisierung des »langen 19. Jahrhunderts«32 veränderte das Feld. Erst jetzt entstand die »Arbeitsgesellschaft«, die noch unsere heutige Wirklichkeit prägt, wenngleich viele meinen, dass ihre Subsistenz zerrinnt und ihre Zeit ausläuft. 1. Erst nach den Revolutionen und Reformen um 1800 und erst mit der Industrialisierung setzten sich die Mechanismen der kapitalistischen Marktwirtschaft auf breiter Front durch. An sich viel älter, wurden sie erst im 19. Jahrhundert zum dominanten Prinzip der wirtschaftlichen Ordnung, die zunehmend auch die Welt der Arbeit – der Erwerbsarbeit – strukturierte. Arbeit hatte über die Jahrhunderte in unterschiedlichen institutionellen und rechtlichen Rahmen stattgefunden: im Haus und im Haushalt, in verschiedenen Formen persön­ licher Unfreiheit (u. a. Sklaverei), unter feudalen und korporativen Bedingungen. Im größten Teil  Europas und zweifellos in Deutschland war vertraglich frei geregelte, marktbezogene Erwerbsarbeit vor 1800 ein Minderheitenphänomen gewesen, wenngleich die Grenzen zunehmend verschwammen und Markt­ elemente seit langem schrittweise in die Organisation von Landwirtschaft und Gewerbe eingedrungen waren.33 Erst jetzt, im 19.  Jahrhundert, wurde markt212

vermittelte Arbeit dominant, natürlich in unterschiedlichen Formen, von denen die Lohnarbeit nur eine war. 2. Zunehmend fand Erwerbsarbeit in Manufakturen und Werkstätten, Fabriken und Bergwerken, Büros und Verwaltungen statt. Es gab unzählige Übergangs- und Zwischenformen, auch Gegentendenzen. Doch insgesamt entfernten sich der Ort, an dem Erwerbsarbeit geleistet wurde, und die Sphäre des Hauses bzw. der Familie voneinander. Solch räumliche Trennung war früher seltener gewesen. Bauern und Heimarbeiter, Handwerker und Kaufleute aber auch Gelehrte und Verwalter waren vornehmlich dort ihrer Arbeit nachgegangen, wo sie und ihre Familien auch lebten und wohnten, wenngleich Jäger und Karawanenführer wie auch Fernkaufleute, Wanderarbeiter und andere auch in vorindustrieller Zeit Arbeit in räumlicher Distanz zu Haushalt und Familie leisteten.34 Erwerbsarbeit war gewöhnlich eng mit sonstigen Arbeiten und Lebensäußerungen verknüpft, war »eingebettet« gewesen. Das änderte sich nun für sehr viele. Die Unterscheidung zwischen Arbeit im Sinn von Erwerbsarbeit und Nicht-Arbeit (einschließlich mancher anderen Tätigkeit) wurde jetzt schärfer gezogen, leichter erfahrbar und häufiger diskutiert. Die Erwerbsarbeit erhielt ihren eigenen Raum, der »Arbeitsplatz« entstand. Die Erwerbsarbeit erhielt auch ihre eigene Zeit. Vorindustrielle Arbeit war meist unregelmäßig gewesen, nicht scharf begrenzt. Die natürlichen Rhythmen des Tages und des Jahres waren maßgebend, sie ergaben keine scharfen Zäsuren. Arbeit hatte oft sehr lange gedauert, war aber meistens porös, pausenhaltig, von anderen Tätigkeiten und Muße durchdrungen. Die Messinstrumente ließen zu wünschen übrig. Mit der Industria­ lisierung und der Ausdifferenzierung der Erwerbsarbeit in einen eigenen Bereich wurde nun das Zeitregiment genauer. Auch in dieser Hinsicht prägte sich der Unterschied zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit schärfer aus. Genauer gehende Uhren, Glocken, Sirenen, das Durchschreiten des Fabriktores oder die routinemäßige Eingangskontrolle beim Portier – so und auf andere Weise wurden Anfang und Ende der Arbeit klarer markiert. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dehnte sich die durchschnittliche Arbeitszeit aus, seitdem nahm sie ab (bis vor kurzem). Arbeit wurde messbarer als je zuvor und: umstreitbarer.35 Erst auf dem Hintergrund dieser Ausdifferenzierung wurde das Fehlen von Arbeit zu einem identifizierbaren Phänomen, zu einem Thema und bald zum Problem. Erst in den 1880er Jahren tauchten die Begriffe »Arbeitslosigkeit«, »unemployment« und »chomage« in den Lexika und sozialen Diskursen auf.36 3. Arbeit – auch und besonders Erwerbsarbeit – war immer nach Geschlechtskriterien verteilt. Männer und Frauen hatten immer sehr ungleichen Zugang zu den verschiedenen Arten von Arbeit, für Männer und Frauen besaß Arbeit verschiedene Bedeutung, und die Arbeitsordnung war immer eng mit der Geschlechterordnung verknüpft. Streit und Kompromiss in dem einen Bereich hatten oft mit Streit und Kompromiss im andern Bereich zu tun. Die Verbindung von Geschlecht und Arbeit, von Geschlechter- und Arbeitsordnung änderte sich im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der zunehmenden Ausdifferen­ zierung von Arbeitsplatz und Haushalt. In haushaltsgebundener und haushalts213

naher Erwerbsarbeit hatten Mann und Frau meist eng kooperiert, meist arbeitsteilig und asymmetrisch  – mit Tendenz zu männlicher Dominanz, aber in vielen Varianten und mit vielen Ausnahmen. Jetzt liefen Männerarbeit und Frauen­arbeit weiter auseinander. Dies war im Bürgertum noch ausgeprägter der Fall als in der Arbeiterschaft, wo es fast durchweg notwendig und die Regel blieb, dass sich die Frauen – wie früh auch die Kinder – am Einkommenserwerb der Familie beteiligten, und sei es nur mit einem geringen Anteil des »Hinzuverdienens« in der einen oder anderen Form. Aber in dem Maß, in dem die Familie aufhörte, Produktionseinheit zu sein, verlor die arbeitsteilige Erwerbs-Koope­ ration der Paare an Bedeutung, verteilten sich Mann und Frau, Männer und Frauen auf unterschiedliche Arbeitsplätze und rückten damit – auch räumlich – auseinander. Überdies gewann nicht nur im Bürgertum, sondern ein Stück weit auch in der Arbeiterschaft das Modell der »male breadwinner family« an Boden, gemäß dem der Mann und Vater die Erwerbsarbeit leistete und das Einkommen für die Familie erwirtschaftete, während der Frau und Mutter die unbezahlte Arbeit im Haus oblag, die einerseits die Erwerbsfähigkeit des Mannes ermöglichte, andererseits für die Geburt und die Erziehung der Kinder – und damit für die intergenerationelle Reproduktion – zuständig war und schließlich vielerlei Funktionen für die Organisation des Lebens außerhalb der Erwerbsarbeit wahrnahm. Dieses Modell setzte sich, wie gesagt, außerhalb des Bürgertums nicht flächendeckend durch, sein Realisierungsgrad variierte stark über die Berufsgruppen, Regionen, Länder und Jahrzehnte. Gleichwohl setzte es sich – in der Arbeiterschaft in Verbindung mit der Forderung nach dem Familienlohn – im Lauf des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend durch und ermöglichte damit neue, vielfältige Formen der Ungleichheit – auch der Distanz – zwischen den Geschlechtern, die in vorindustrieller Zeit selten gewesen waren. Seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hat sich dieser Trend durch die zunehmende Erwerbsarbeit der Frauen umgekehrt.37 4. Es hatte immer Unterschiede, Spannungen und Konflikte zwischen den Inhabern unterschiedlicher Positionen im sozialen System der Arbeit gegeben: zwischen Guts- bzw. Grundherrschaft und Bauern, zwischen Meistern und Gesellen, Verlegern und Heimarbeitern, Unternehmern und Arbeitern sowie den vielen Mischexistenzen dazwischen. Jetzt, da die marktbezogene Erwerbarbeit bis zu einem gewissen Grad aus ihrer Einbettung in andere Tätigkeiten und Lebensäußerungen gelöst und zu einer klar unterschiedenen, eigenen Sphäre wurde, konnten sich diese Unterschiede, Spannungen und Konflikte, natürlich in sich ändernder Form, voll entfalten. Die Klasse wurde zu einer zentralen Dimension kollektiver Selbstidentifikation, der Klassenkonflikt zum großen Thema des Jahrhunderts.38 5. Arbeit war immer von Regierungen, Behörden und anderen politischen Instanzen reguliert worden. Der Durchbruch der Marktwirtschaft und die rechtliche Liberalisierung reduzierten die öffentliche Regulierung der Arbeit, vor allem im zweiten Drittel und dritten Viertel des 19. Jahrhunderts. Aber nur für eine begrenzte Zeit. Schon in den beiden letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts 214

setzte die rechtliche und administrative Regulierung der Arbeit neu ein. Da es sich nun um die Regulierung der Erwerbsarbeit als eines aus anderen sozialen und kulturellen Bezügen ein Stück weit herausgelösten, unterschiedenen Bereichs handelte, konnten sich dafür ein spezialisiertes Recht – das Arbeitsrecht – und ein darauf spezialisierter Arm von Regierung und Verwaltung entwickeln. Der trug umgekehrt zur »aparten« Existenz der Arbeit als besonderer Sphäre und zu ihrer Kodifizierung bzw. Normierung bei, und zwar durch das ganze 20. Jahrhundert hindurch.39 Ich habe in den letzten Absätzen häufig von Erwerbsarbeit statt von Arbeit generell gesprochen. Tatsächlich betrafen die fünf genannten Strukturveränderungen nicht jede Tätigkeit, die unter den breiten Arbeitsbegriff fällt, der weiter vorn (siehe S. 185 f.) als Ergebnis der Wahrnehmungs- und Diskussionsprozesse bis etwa 1800 festgehalten wurde. Vielmehr betrafen sie nur die Arbeit, von der man lebte und durch die man verdiente, größtenteils indem man Leistungen erbrachte und Güter herstellte, die auf Märkten einen Gegenwert erzielten – sei es als unterschiedlich qualifizierte Arbeitskraft, sei es als deren Produkt. Damit war nicht nur Arbeit für Lohn und Gehalt gemeint, wenngleich diese am schnellsten zunahm und bald den Großteil der Erwerbsarbeit wie die Mehrheit der Erwerbstätigen umfasste; damit war vielmehr auch die Arbeit von selbständigen Handwerkern, Kaufleuten, Unternehmern, Freiberuflern, Künstlern und später Politikern etc. gemeint, die ihre Dienste und Produkte auf dem Markt anboten, um davon zu leben und daran zu verdienen. Arbeiten dieser sozial­ ökonomischen Qualität waren es, die von den großen Strukturveränderungen des 19. Jahrhunderts umgeformt wurden. Sie gerieten dadurch ins Zentrum der Erfahrungen und Erwartungen, der Reflexion und der Diskussion, sie rückten im Sprachgebrauch der Zeit nach vorn und prägten zunehmend den Arbeits­ begriff, der sich damit ein Stück weit auf sie verengte. Dafür standen und stehen verschiedene Bezeichnungen zur Verfügung, doch »Erwerbsarbeit« trifft das Gemeinte am besten. Erwerbsarbeit stand auch schon in der Frühen Neuzeit häufig im Vordergrund, wenn über Arbeit diskutiert wurde. Im Grunde ging es in den weiter vorn diskutierten utopischen Romanen seit Thomas Morus um die Verkürzung, Organisation und Erleichterung von Erwerbsarbeit. Im Grunde waren Adam Smith und die anderen Autoren der entstehenden Wirtschaftswissenschaft an Arbeit als Erwerbsarbeit interessiert, während jedoch die Theologen und die Philosophen, die Schriftsteller und der allgemeine Sprachgebrauch ihrer Zeit einem breiten Verständnis von Arbeit folgten. Es war erst im 19. Jahrhundert, dass sich in Verbindung mit den genannten Zeiterfahrungen die Einengung des gängigen Arbeitsbegriffs auf Erwerbsarbeit weiter durchsetzte, in den öffentlichen Diskussionen wie in den öffentlichen Statistiken, in der Sozialpolitik wie im allgemeinen Sprachgebrauch, allerdings ohne die breiteren Bedeutungen ganz abzuwerfen. Auf diesem begriffsgeschichtlichen Weg von der Arbeit zur Erwerbsarbeit gerieten Tätigkeiten ganz an den Rand, die vorher als Arbeit gegolten hatten und nun nicht mehr als Arbeit im vollen Sinn zählten. Man denke 215

an die Tätigkeiten im Haus, speziell die Arbeiten der Frauen im Haushalt, beim Gebären und in der Kindererziehung, an nicht-bezahlte Tätigkeiten in der Gesellschaft und im öffentlichen Interesse, an die Arbeit für sich selbst.40 Zur Geschichte der Arbeit im langen 19.  Jahrhundert gehört im Übrigen ein grundlegender Widerspruch. Er verschärfte sich, wurde politisiert und entwickelte sich zu einem wichtigen Antrieb gesellschaftlicher Dynamik. Ich meine den Widerspruch zwischen der emphatisch-anspruchsvollen Bedeutung der Arbeit in der Tradition des frühneuzeitlich-aufklärerischen Denkens (siehe oben S.  200 ff.) einerseits und der Realität der Arbeit, wie sie sich im 19.  Jahrhundert als Erwerbsarbeit entwickelte (siehe oben S.  206 f.) andererseits. Der em­ phatische Diskurs über Arbeit als konstitutives Element menschlicher Existenz brach ja im 19. Jahrhundert nicht ab, wurde vielmehr durch Hegel und Marx noch einmal intensiviert und lief in anderer, nüchterner Weise mindestens bis Max ­Weber weiter.41 Auf der anderen Seite war die wirkliche Arbeit als Erwerbs­ arbeit, wie ausgeführt, durch zunehmende Arbeitsteilung und Spezialisierung gekennzeichnet, häufig höchst abhängig von Märkten, Vorgesetzten oder Maschinen, oft hart, monoton, erschöpfend, abnutzend und elend. Diese Inkonsequenz, dieser Gegensatz oder Widerspruch war nicht neu, doch wurde er im 19. Jahrhundert weiter zugespitzt, und vor allem: er wurde im Zuge des Aufstiegs der bürgerlichen Gesellschaft ein Gegenstand öffentlicher Debatte. Aus diesem Widerspruch entstand einerseits die entschiedene und mobilisierende Kritik an der Arbeit im Kapitalismus als entfremdet, ausgebeutet, menschenunwürdig – am schärfsten bei Marx; und andererseits der Anspruch – am deutlichsten und wirkungsvollsten in der sozialistischen Arbeiterbewegung  – auf Aufwertung und Humanisierung der Arbeit wie auf Einbeziehung und Teilhabe der Arbeiter als Bürger. Arbeit wurde zum Gegenstand fundamentaler Kritik und zur Legitimationsgrundlage emanzipatorischer Forderungen. Dies war nicht nur eine Sache der Theoretiker und politischen Programme. Blickt man genauer in die »Basis« der entstehenden Arbeiterbewegung, erkennt man, dass die sich engagierenden Handwerker-Arbeiter, weit jenseits oder unterhalb marxscher Gedankengänge, ein anspruchsvolles Verständnis ihrer Arbeit als qualifizierter, produktiver, übrigens sehr männlicher Arbeit mit großer Kulturbedeutung besaßen, ein Verständnis, das ihrer Forderung auf Besserstellung, Mitsprache und staatsbürgerliche Gleichstellung Substanz gab und ihre oft scharfe Kritik an Schmarotzern und Müßiggängern motivierte.42 Dass die größte Protest- und Emanzipationsbewegung des 19.  und frühen 20. Jahrhunderts, die Arbeiterbewegung, auf Erwerbsarbeit als Basis fußte, ist bekannt. Sie rekrutierte ihre Mitglieder vor allem unter den abhängig Arbeitenden, vertrat ihre Interessen und nutzte ihre Erfahrungen mit abhängiger Arbeit und damit verbundener Ungleichheit zur Festigung ihres inneren Zusammenhalts und zur Selbstdarstellung nach innen und außen, bis hinein in ihre Ikonographie. Darüber hinaus, so das hier vorgetragene Argument, dienten Arbeitserfahrungen und -vorstellungen ihren Mitgliedern und ihren Forderungen als Motivations- und Legitimationsbasis. Daran zeigt sich exemplarisch, wie 216

sehr die Vorstellungen von Arbeit im 19. Jahrhundert das Selbstverständnis der Menschen und das gesellschaftlich-politische System beeinflussten. Das zeigt sich auch an anderen sozialen Bewegungen und politischen Strömungen. Beispielsweise war die Erringung neuer Arbeitsmöglichkeiten für die Frauenbewegung des späten 19.  Jahrhunderts ein zentraler Punkt, um darauf die Forderung nach Emanzipation, Gleichberechtigung und politischem Einfluss zu gründen. Umgekehrt wurden neue politische Einflussmöglichkeiten zur Erringung neuer Arbeitsmöglichkeiten für Frauen genutzt.43 Und der Glaube an die Möglichkeit menschlicher Selbstverwirklichung durch freie Arbeit wirkte in der Rhetorik und vielleicht auch der Politik der Liberalen weiter. »Ist früher das Vorrecht heilig gewesen, so ist heute die Arbeit heilig; die freie Arbeit, der Fleiß und die Tätigkeit … ist heute die höchste Ehre.« So formulierte ein liberaler Abgeordneter in der Paulskirche 1848. Und Mitte der 1860er Jahre hielt der liberale Genossenschaftsgründer Hermann Schulze-Delitzsch die Arbeit – und er hatte zumindest auch Erwerbsarbeit im Blick – für die »Hauptmacht im Haushalt der Menschheit«. Seinen Vortrag vor einem liberalen Arbeiterverein in Berlin schloss er mit den Worten: »Die freie Arbeit allein, wie sie die innere Er­lösung zugleich mit der äußern Befreiung der Arbeiter mit Notwendigkeit nach sich zieht, wird die Menschheit im ganzen und großen frei machen, indem sie den Eintritt bewusster Massen in die Kulturbewegung vermittelt, welche ohnedem nicht durchführbar ist. Der endlich vollständige Sieg dieses großen Prinzips ist der Sieg der Menschlichkeit, das Endziel unserer gesellschaftlichen Entwicklung.«44 Die Idee der Arbeit veränderte sich, sie breitete sich aus und gewann an alles durchdringender Kraft. Sie wurde weniger christlich und weniger idealistisch, sie wurde empirisch gewendet und bisweilen in naturwissenschaftliche Sprache gefasst – z. B. als Arbeitskraft, in Anlehnung an die Sprache der Thermo­ dynamik. Zu Beginn des 20.  Jahrhunderts war der zu bekämpfende Gegner weniger der moralisch verwerfliche Müßiggang als die arbeitswissenschaftlich zu behandelnde Müdigkeit.45 Doch daneben gab’s Anderes: weiterhin die bürgerliche Stilisierung der Arbeit als Tugend und Pflicht, das bürgerliche »Berufsethos«, das die Selbstverpflichtung zur Arbeit an die Idee des Berufs und damit der »Berufung« knüpfte, sich damit von Arbeit als bloßem Mittel zum Brot­erwerb und Ansammlung wechselnder Beschäftigungen (jobs) absetzte und dennoch Teil  des Arbeitsdiskurses blieb. Weiterhin gab es den Arbeits­ begriff der sozialistischen Arbeiterbewegung, mit dem gegen die angeblichen Flaneure, Faulenzer und Schmarotzer in der Oberschicht angekämpft wurde. Die als Schicht gegen Ende des Jahrhunderts entstehende und dann rasch wachsende Angestelltenschaft gewann ihr kollektives Selbstverständnis, soweit sie es denn erlangte, durch Verständigung über die gemeinsame Stellung im Arbeitsprozess – in Absetzung von der Handarbeit und der Arbeiterschaft, aber trotzdem in arbeitsbezogenen Kategorien. Man hat den Eindruck, dass Arbeit nun anders als früher kaum noch der Rechtfertigung durch anderes bedurfte, sondern selbstbegründend wurde, den Sinn in sich trug und als rechtfertigende 217

Basis für Ansprüche der verschiedensten Art dienen konnte. Wer sein Leben erzählte, ging fast immer ausführlich auf seine Arbeit ein. Jedenfalls beruf­ liche Arbeit definierte persönliche Identität mit und war – schon aufgrund der Arbeitsteilung  – ein verbindendes, verknüpfendes Element, das zu Kooperation und Konflikt führte. Das zeigt sich exemplarisch an der vergesellschaftenden Wirkung der Arbeit als Kitt von Arbeiterkultur und Arbeiterbewegung, aber auch, wenn auch anders, für den Zusammenhalt der sich herausbildenden Professionen; zum andern am Klassenkonflikt, der die Gesellschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zunehmend durchfurchte und im sozialen System der Arbeit seine Wurzeln besaß. Arbeit wurde überdies zum zentralen Begriff der entstehenden Sozialwissenschaften. Sozialkategorien, die mit Arbeit zu tun hatten, waren dominant, wenn Statistiker die Gesellschaft vermaßen und Publizisten sie kritisierten.46 Der Zusammenhang zwischen Arbeit und Nationsbildung ist diffizil und indirekt. Spätestens 1848/49 tauchte das Schlagwort von der »nationalen Arbeit« auf, bald schrieb Wilhelm Heinrich Riehl darüber ein Buch. Seit den 1850er Jahren führten Weltausstellungen Arbeit und ihre Produkte vor, nach Nationen differenziert und mit nationalen Ansprüchen. Ein Prager Professor schrieb 1875: Die Arbeit präge dem Menschen »den Stempel seines Wesens auf, sie bildet die Nation. Nationalität und nationale Arbeit sind gleiche Begriffe.«47 Auch in den transnationalen Verflechtungen spielte Arbeit eine gewichtige Rolle. Der Zusammenprall unterschiedlicher Arbeitsvorstellungen war ein Dauer­t hema für europäische Besucher nicht-westlicher Zivilisationen und ein Dauerkonflikt im Verhältnis von Kolonialherren und Kolonisierten. Beobachtungen, Vorstellungen und Vorurteile über unterschiedliche Haltungen zur Arbeit definierten die sich einwurzelnden Unterscheidungen zwischen Europäern und Afrikanern, Europäern und Asiaten, dem Westen und den anderen mit. Durch Arbeit, Arbeitspraktiken und Arbeitsvorstellungen war das vielleicht wichtigste Feld abgesteckt, auf dem sich im kolonialen und imperialen Zusammenhang Disziplinierung und Resistenz, Belehrung und Ausnutzung, Herrschaft und Unterwerfung, manchmal auch Lernen und Befreiung abspielten.48 In den Wirkungen kaum zu überschätzen war die Weichenstellung, die jedenfalls in Deutschland dazu führte, dass der Sozialstaat seit den 1880er Jahren auf der Basis der Erwerbsarbeit aufgebaut wurde. Die Arbeiter – nicht die Armen  – wurden zu Adressaten von Bismarcks staatlicher Kranken-, Unfallund Altersversicherung. Die Beiträge der Arbeiter und Arbeitgeber, nicht aber Steuern oder Ersparnisse finanzierten das System. Es wurde im 20. Jahrhundert ausgebaut und perfektioniert. Steuern und Verpflichtungen wie auch Trans­ ferzahlungen und Anrechte knüpfte man an den Status, den der Einzelne im sozialen System der Arbeit einnahm; der wurde eben dadurch befestigt und dauerhafter. Die Arbeit  – als Erwerbsarbeit verstanden  – avancierte damit zum entscheidenden Faktor, der über die Inklusion oder Exklusion der Einzelnen in das System der sozialen Rechte und Pflichten, über gesellschaftliche Zugehörigkeit, Randstellung und Außenseitertum entschied. Was Individuen und ggf. ihre 218

Familien zur Allgemeinheit beitrugen und umgekehrt von ihr zu erwarten hatten, wurde zum großen Teil abhängig von der Erwerbsarbeit, zu der sie Zugang fanden – oder die sie verloren. Auch in diesem Sinn wurde die Erwerbs­arbeit zum zeitweise wichtigsten Bindemittel, das den Zusammenhalt des Gemeinwesens trotz zentrifugaler Tendenzen gewährleistete – oder daran versagte.49 Damit sind die wichtigsten Elemente dessen aufgezeigt, was spätestens seit Hannah Arendts Buch »The Human Condition« von 1958 als »Arbeitsgesellschaft« bezeichnet wird, im 19. Jahrhundert entstand und für das 20. Jahrhundert charakteristisch blieb, nicht nur in Deutschland, sondern wohl überall, wo die Industrialisierung sich durchsetzte und prägend wurde, wenngleich mit bezeichnenden und hier nicht untersuchten Unterschieden von Land zu Land und im ständigen Wandel begriffen:50 eine Gesellschaft, deren wirtschaftliche Leistungskraft, sozialer Zusammenhalt, kulturelle Orientierung und politische Steuerung in entscheidender Weise auf Erwerbsarbeit beruhen. Niemals zuvor hatte Arbeit als derart zentraler Pfeiler der Architektur einer ganzen Gesellschaftsordnung gedient.

Ausblicke Selbst noch der flüchtigste Blick auf das 20. Jahrhundert zeigt, dass die Arbeitsgesellschaft in Deutschland und anderswo typische Veränderungen durchlief. Diese hingen mit dem Ende der Industrialisierung und dem Übergang in eine postindustrielle Ordnung sowie mit der radikalen Umverteilung der Erwerbstätigen vom landwirtschaftlich und gewerblich-industriellen zum Dienstleistungssektor zusammen, mit der technologischen Entwicklung, mit der nachhaltigen Gewichtsverschiebung von der manuellen zur nicht-manuellen Arbeit, mit der Zunahme der Freizeit und dem Aufstieg der Konsumgesellschaft, deren Identitätsangebote mit denen der Arbeitsgesellschaft konkurrieren, während sie von dieser abhängig bleibt und ihre zentrale Bedeutung bekräftigt. Darüber hinaus müssten Untersuchungen zur Geschichte der Arbeit im 20. Jahrhundert einige grundsätzliche Probleme ansprechen, die bisher nur am Rande anklangen. Zum einen ist da das Verhältnis von Arbeit und Destruktion. Traditionell wird in Europa – und wurde in diesem Aufsatz – Arbeit als produktiv empfunden: als die Herstellung oder Bereitstellung von etwas, als zukunftsorientierte Handlung, als Lösung von Problemen, als Überwindung von existenzieller Not und Gefahr. Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts bieten dagegen reichhaltiges Anschauungsmaterial, wie Arbeit und Zerstörung zusammengehen können. Man braucht die beiden Definitionen von Arbeit im breiten Verständnis (siehe oben S. 199) und von Arbeit als Erwerbsarbeit (siehe oben S. 209 f.) nicht oder kaum zu verändern, um die Arbeit des Krieges, die Tätigkeit der Soldaten und die Aggres219

sionen Krieg führender Regierungen darunter zu fassen. Man möchte es wünschen, doch gibt es prima vista keinen stichhaltigen Grund, das Kriegshandwerk in seinen vorindustriellen, industriellen und postindustriellen Formen aus der Arbeit auszugrenzen. Überdies: führten nicht die Exzesse des Ersten Weltkriegs zu verstärkter Bewunderung für den Typus des »Arbeiters« (Ernst Jünger), der sich anders als »der Bürger« für illiberale Heroisierung eignet? Setzten die tiefen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nicht ungeahnte Energien für an­ gestrengte Arbeit und ihre Hochschätzung frei, die in den folgenden Jahren zu großen Produktivitätsgewinnen und Aufbauerfolgen führten – wie ähnlich bereits nach den Zerrüttungen des Dreißigjährigen Kriegs des 17. Jahrhunderts, auf den die frühneuzeitliche Glorifizierung der Arbeit folgte?51 »Arbeit macht frei«. Es lohnt sich – zweitens – der Blick auf die ungemein zentrale Stellung, die der Arbeit  – breit und fundamental verstanden, gerade nicht auf Erwerbsarbeit verengt – in den großen totalitären Ideologien und Systemen des 20. Jahrhunderts zukam. Bleiben wir beim Nationalsozialismus und erinnern daran, dass Goebbels’ Roman »Michael« von 1929 die Arbeit als Quelle der Selbstachtung und persönlichen Identität wie als Mittel der Verbindung mit Boden und Mitmenschen glorifizierte; dass Alfred Rosenbergs Einheit der Arbeit von Stirn, Faust und Schwert die nationalsozialistische Propaganda prägte; dass die Ehrung der Arbeit – nach der Zerschlagung der selbständigen Arbeiterbewegung und der Verfolgung ihrer Führer – vielfältigen Niederschlag in der Symbolik und Praxis der »Volksgemeinschaft« fand; dass der Reichs-ArbeitsDienst die Arbeit als Waffe gegen innere Zerreißung propagierte, während er die Arbeit für die Herstellung der Waffen gegen den Feind organisierte; dass die deutsche Gesellschaft 1933–1940 als eine autoritäre Leistungsgesellschaft ana­ lysiert werden kann; dass Rudolf Höß ein leidenschaftlicher Arbeiter war und den zynischen Spruch ernst genommen haben mag, der am Tor des von ihm kommandierten Lagers in Auschwitz angebracht war.52 Das komplizierte Thema ist hier nicht auszuschöpfen. Doch sollte seine Erwähnung darauf aufmerksam machen, wie kompliziert und spannungsreich das Verhältnis von Freiheit und Arbeit sein kann und in der Geschichte war. Die Befreiungs- und Freiheitspotenziale, die der Arbeit aus der Sicht der Aufklärer und Liberalen, der klassischen Politischen Ökonomie und der dialektischen Philosophie von Hegel und Marx – in jeweils anderer Weise – eigen sind, sind nicht zu bestreiten. Eindeutige Belege für diesen Zusammenhang finden sich in großer Zahl in der Geschichte des Bürgertums seit dem Hohen Mittelalter, in der Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte, in den Erfolgen der nicht-kommunistischen Arbeiterbewegungen und den sie tragenden Erfahrungen von Arbeitern, im Protestantismus und beim Blick auf den Zusammenhang von Erwerbsarbeit und Emanzipation im Verhältnis der Geschlechter zueinander seit dem 19. Jahrhundert. Die Aufzählung ist nicht erschöpfend. Doch das umgekehrte Verhältnis scheint – in vielen Varianten – das historisch dominante gewesen und auch in der Moderne nicht abwesend zu sein: Die langdauernde Geschichte von Sklaverei und Leibeigenschaft, die Dauerhaftigkeit gebunde220

ner Arbeit mit ausgeprägten unfreien Elementen im Feudalismus, die Ubiquität der Arbeit als eines Mittels der Disziplinierung von unteren Schichten und fremden Völkern, die konstitutive Asymmetrie des Lohnarbeitsverhältnisses mit der Unterordnung als Konsequenz und der Ausbeutung als Möglichkeit, die zwanghaften Elemente, die zu jeder disziplinierten Arbeit gehören, wenn sie auch mit Art, Ort und Qualifikation der Arbeit stark variieren – all das belegt die enge Verbindung von Arbeit und Unfreiheit geradezu als historischen Regelfall, wenngleich nicht als historische Notwendigkeit. Und die Erfahrung mit den kommunistischen und faschistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts – so unterschiedlich sie im Übrigen waren – zwingen zu dem Schluss, dass der Arbeit als solcher keine hinreichende Widerstandskraft gegen ihre totalitäre Instrumentalisierung eingebaut ist; das gilt nicht nur für Arbeit im engen Sinn der Erwerbsarbeit, sondern erst recht für Arbeit in darüber hinaus zielenden, umfassenden Bedeutungen. Es kommt auf den gesellschaftlichkulturellen Kontext und die politisch-moralischen Rahmenbedingungen der Arbeit an, wie diese zur Freiheit steht und ob sie mehr zur Befreiung oder mehr zur Verkrümmung beiträgt.53 Schließlich: Geht die Arbeitsgesellschaft des 19.  und 20.  Jahrhunderts derzeit zuende? Darauf hinauslaufende Vermutungen finden sich schon bei Hannah Arendt 1958 und sind damit so alt wie die Einführung des Begriffes selbst. In den 1980er Jahren erhielten sie neue Dringlichkeit, immer wieder werden sie vorgebracht. Das Kernargument ist: »Art und Menge der verfügbaren Arbeit reichen nicht mehr aus, um Gesellschaften und das individuelle Leben zu strukturieren.«54 Dabei kann auf Globalisierung und Digitalisierung als strukturelle Gründe, auf die zähe Massenarbeitslosigkeit und die Zunahme der nicht der Erwerbsarbeit gewidmeten Lebenszeit als Haupterscheinungen, aber auch auf die beobachtbare Fragmentierung der Arbeit in Raum und Zeit – Jobs statt »Normal­arbeitsverhältnis«55, Entgrenzung der Arbeitsplätze, »Entberuf­ lichung« – als unbestreitbare Phänome verwiesen werden, wie auch auf die Veränderung dominanter Wertorientierungen: von der bürgerlichen Arbeitsethik zurückliegender Jahrhunderte ist unsere Zeit weit entfernt, und selbst die Bibel hat man korrigiert. Luther hatte den Psalm 90,10 sehr eigenwillig und arbeitsfreundlich übersetzt: »Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen.« Generationen von Bürgern haben das zitiert. Der he­ bräische Urtext spricht aber von »amal« und »aven«, die Vulgata von »labor et dolor« – weit vom lutherschen Arbeitslob entfernt. Die neue evangelisch-katholische Einheitsübersetzung ist realistischer: »Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig. Das beste daran ist nur Mühsal und Beschwerd’, rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin.«56 Gravierender noch ist die Überlegung, dass sich das Regelsystem der Arbeitsgesellschaft selbst in die Quere kommt. Es hat der Erwerbsarbeit als ihrer tragenden Säule zu viel zugemutet und sie dadurch – ökonomisch ge­sprochen – zu teuer gemacht bzw.  – sozial und politisch gesprochen  – überfordert. Deshalb 221

wird die mit Lohnnebenkosten hoch belastete, bis ins Einzelne normierte Erwerbsarbeit knapp, zieht sich zurück und entzieht damit dem System seine Basis. In der jüngsten Diskussion finden sich interessante Alternativvorstellungen: vom Primat der Erwerbsarbeit (zurück) zu einem breiteren Arbeitsverständnis einschließlich zivilgesellschaftlicher Bürgerarbeit (Ulrich Beck) und nicht durch Marktbezug vermittelter Eigenarbeit, von der Arbeitsgesellschaft zur »Tätig­keitsgesellschaft« (Dahrendorf), die der Erwerbsarbeit ihren zentralen Rang nimmt. Das ist der Stoff, aus dem heutige Utopien zur zukünftigen Arbeitswelt gefertigt sind.57 Andererseits ist unübersehbar, dass von der Arbeitsgesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts viel überlebt. Es gibt weiterhin genug zu tun. Trotz der Vernichtung von Arbeitsplätzen in unserem Teil  der Welt durch den technologischen Wandel der digitalen Revolution und die ungemein verschärfte Konkurrenz im Zuge der Globalisierung gibt es weiterhin auch in den ökonomisch entwickeltsten Gesellschaften keinen wirklichen Mangel an Arbeit. Die immense Verbreitung der Schwarzarbeit und die viel geringeren Arbeitslosenziffern in vergleichbaren Ländern außerhalb Deutschlands weisen darauf hin. Aus der Geschichte der menschlichen Bedürfnisse weiß man auch von deren Flexibilität und Ausdehnungsfähigkeit. Unsere hohen Arbeitslosenziffern verweisen auf die Notwendigkeit tief greifender institutioneller Reformen, nicht auf das Ende der Arbeitsgesellschaft. Erwerbsarbeit der einen oder anderen Art entscheidet weiterhin über die Zuteilung von Status und Lebenschancen mehr als jeder andere Regelungsmechanismus, mit Ausnahme der Herkunft. Die Verbreitung von Erwerbsarbeit ist in den letzten Jahrzehnten sogar kräftig gewachsen; sie ist nach dem massenhaften Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt heute mehr die Regel als je zuvor. Angesichts der zunehmenden internationalen Konkurrenz als Folge der Globalisierung ist die Leistungsfähigkeit der Ökonomie eines Landes gefragter und unabdingbarer als je, will es entscheidende Wohlstandsverluste vermeiden; es ist nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte aber nicht zu sehen, welche Organisation der Arbeit es mit der marktbezogenen Erwerbsarbeit an Effizienz aufnehmen könnte. Im gegebenen System wird die Verteilung von Pflichten und Anrechten im Verhältnis von Allgemeinheit und Individuum weiterhin sehr stark durch dessen Ort im System der Erwerbsarbeit geregelt. Was an sozialer Gerechtigkeit existiert oder fehlt, wird größtenteils auf diese Weise bestimmt, und zwar durch ein interdependentes arbeitsgesellschaftliches Regelsystem, das sich gegen Änderungen – Reformen – wirksam sträubt. All das weist nicht daraufhin, dass die Erwerbsarbeit weniger wichtig und die Arbeitsgesellschaft ersetzbar geworden ist. Sie mag sich in den Fallen verfangen, die sie selber gebaut hat. Sie mag die Ressourcen austrocknen, deren sie bedarf. Doch ist völlig unklar, was an die Stelle des zentralen Regelungselements »Erwerbsarbeit« treten soll, wenn dieses nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen oder bewusst marginalisiert werden sollte.58 Wenn es gut geht, wird es auf eine radikal reformierte und an die heutigen Umstände angepasste Arbeitsgesellschaft hinauslaufen. Bis dahin ist noch viel 222

Zeit für historische Reflexion. In der historischen Langzeitperspektive, die hier gewählt wurde, erscheint manches am heutigen Kampf um das richtige Verhältnis von Arbeit, Gesellschaft und Glück wie die spannende Neuaufführung eines sehr alten Stückes, durchaus originell in vielem, aber doch dem vorgegebenen Texte treu. Das gilt in dreierlei Hinsicht: Immer wieder ging es und geht es auch heute zentral um den Bedeutungsumfang von »Arbeit«, ihr Verhältnis zu und ihre Unterscheidbarkeit von anderen menschlichen Tätigkeiten. Es wird deutlich geworden sein: »Arbeit« ist ein Konstrukt – nicht eines, das Einzelne beliebig verändern könnten, aber eines, das unter bestimmten, praktischen Gesichtspunkten entsteht, sich wandelt und immer auch stipulative Elemente enthält, die allerdings erst in langen Diskussionen wirksam werden. Wenn heute viel dafür spricht, die semantische Verengung der Arbeit auf Erwerbsarbeit zu revidieren und die Arbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft zu emanzipieren, wird ein Dauerthema der Arbeitsgeschichte neu intoniert. Dazu gehört auch, dass in Freizeit, Konsum und Spiel (Sport!) immer auch Elemente von Arbeit stecken und die Grenzen verschwimmen.59 Selbst in seiner engen Bedeutung und erst recht in seinen breiten Varianten umfasst der Begriff »Arbeit« ungemein unterschiedliche Tätigkeiten. »Ich glaube nicht an den Ruhestand bei meiner Art von Arbeit, nicht solange mein Geist klar ist. Meine Arbeit ist mein Leben, ich kann mir eines ohne das andere nicht vorstellen. Aufhören zu arbeiten heißt anfangen zu sterben.« So wird Pablo Casals zitiert.60 Zu Recht grenzt der große Cellist diese Sicht auf seine Art von Arbeit ein. Denn für die große Mehrheit der männlichen und weiblichen Erwerbstätigen gilt, dass sie dem Ruhestand so früh wie möglich entgegensehen: sofern er denn finanziell gut ausgestattet ist, stellt sich die mit ihm verbundene »Arbeitslosigkeit« nicht als Problem und Persönlichkeitsbedrohung dar, sondern als begrüßte Gelegenheit zu Muße, Nichtstun und anderen Tätigkeiten. Wenn Hochschullehrer, beispielsweise Historiker, in einer der zahlreichen Erhebungen gefragt werden, wie lang ihre effektive Wochenarbeitszeit währt, tun sie sich mit der Antwort meist schwer. Denn wo ist die Grenze zu ziehen? Wohin gehört die Lektüre der Zeitungen, eines historischen Romans? Diese Schwierigkeit hat die große Mehrheit der abhängig Beschäftigten mit klar abgegrenztem Arbeitsplatz und fest definierter Arbeitszeit (noch) nicht. Aber wie steht es mit dem Bauern in Kenia, dem sich für Projekte verdingenden Programmierer in Indien, der selbständigen Modeexpertin? »Arbeit« umfasst so unendlich viel Verschiedenes, dass generalisierende Beobachtungen, Problemdefinitionen und Abhilfevorschläge fast notwendig in Schieflage geraten. Man fragt sich, ob die Griechen der Klassischen Antike nicht klarer denken und urteilen konnten, weil sie mit einem allgemeinen, so Diverses umschließenden Arbeitsbegriff weder ausgestattet noch belastet waren. Schließlich zum Verhältnis von Lust und Last, von Fortschritt und Preis, von Genuss und Anstrengung, um das es in der Diskussion über Arbeitsgesellschaft (und Sozialstaat) auch immer geht. Es wäre kurzsichtig, die Freuden und Gratifikationen zu übersehen, die immer wieder mit Arbeiten verbunden waren und 223

sind: Arbeit vertreibt Langeweile, lenkt ab, verleiht Halt, hält gesund, erfüllt, verschafft Genugtuung und Stolz über erbrachte Leistungen, schafft Kontakte und Bindungen, hat vielfältige symbolische Bedeutung, kann schön sein und sich mit Ritualen verbinden, deren Wiederholung an sich Freude macht. Doch der Durchgang durch die Geschichte der Arbeit zeigt, dass Arbeitslast und Arbeitsleid für die meisten und meistens dominierten: die Härte und Mühsal, die Eintönigkeit und die Abnutzung, Inferiorität und Unfreiheit, Zwang und Verzicht, Verkrümmung und Beschädigung in den verschiedensten Formen. Arbeit als Herrschaft und Disziplinierung  – wie ein schwarzer Faden zieht sich das durch die Zeiten, und man versteht das Lob der Muße, der Faulheit und des Nichtstuns nur allzu gut, das sich als Antwort darauf ebenfalls über die Zeiten hinweg hält. Angesichts dieser ungleichgewichtigen Koexistenz und Verknüpfung von Arbeitslust und Arbeitslast – mehr Last als Lust – ist es nicht verwunderlich, dass das Lob, die Aufwertung, die Glorifizierung der Arbeit sich in aller Regel gerade nicht auf die Freude und den Genuss berufen, die mit Arbeit bisweilen verbunden sind, sondern den Wert, die Größe und den Sinn der Arbeit trotz und oft gerade wegen des Verzichts, der Mühsal und Härte herausstreichen, die zur Arbeit meistens gehören. Gefordert, gelobt und gerühmt wird Arbeit als Dienst und Pflicht, als Ressource des Wohlstands und Kern zivilisatorischer Leistung, als Investition in die Zukunft und mühsamer Königsweg des Menschen zu sich selbst – selbst dann, wenn sie als Selbstzweck bezeichnet wird. Wenn man sich in dieses Gewirr von Last, Lust und Lob der Arbeit re­ konstruierend begibt, stößt man letztlich auf die Widersprüchlichkeit menschlicher Existenz in sehr grundsätzlicher Weise. Man begreift etwas vom dialektischen Zusammenhang zwischen Fortschritt und seinem Preis. Vielleicht kann diese Perspektive von Nutzen sein, wenn es um die richtige Mischung von Disziplin und Freiheit, Zumutung und Gewährung, Pflichten und Rechten in der heutigen und zukünftigen Arbeitsgesellschaft geht.

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Deutschland in Europa

15. Arbeit und Freiheit 1848/49 Erinnerung an die Revolution im Wandel1

Es gehört zur Geschichtsmächtigkeit der großen neuzeitlichen Revolutionen, dass sie nach ihrem Ende weiterlebten: in den Köpfen der Menschen, in Erinnerungen und Ritualen, in den politischen Kämpfen der Kinder, Enkel und Urenkel, natürlich auch in den Büchern der Historiker. Erst kurz vor dem bicentenaire 1989 erklärte François Furet, die Französische Revolution gehe nun endlich zu Ende, reflektierte Distanz könne jetzt den Zwang zur Identifikation und Verabscheuung durchbrechen. Erst in den 1990er Jahren konnte um die Bedeutung der Russischen Oktoberrevolution auch in dem Land wirklich gestritten werden, in dem sie stattfand: zum Beispiel im symbolischen Konflikt um die Frage, wo die wieder ausgegrabenen Gebeine der letzten Zarenfamilie zu bestatten seien. Die deutsche Revolution von 1918/19 blieb in der Weimarer Republik bitter umstritten. Auf die »Novemberverbrecher« schimpfte man rechts, und auf der Linken höhnte Tucholsky: »Die deutsche Revolution hat 1918 im Saale stattgefunden.« Dass die ostdeutsche Revolution von 1989 bisher so wenig Kontroversen um ihre Deutung ausgelöst hat, beunruhigt ein wenig und nährt Zweifel an ihrem revolutionären Charakter.2 Wie war es mit der Revolution von 1848?

1848 im Kaiserreich Zum 25. Jahrestag fanden 1873 am linken Rand des politischen Spektrums vereinzelt Gedenkfeiern statt, die größte im Friedrichshain bei Berlin. Hier hatte man 1848 256 der über 300 Berliner »Märzgefallenen« feierlich beigesetzt, getötete Barrikadenkämpfer vom 18./19. März. Das dort geplante Totendenkmal wurde nicht gebaut. Während der 1850er Jahre waren öffentliche Veranstaltungen an den Gräbern verboten, Absperrungen erschwerten den Zugang selbst für die Angehörigen, und mehrfach hatte man erwogen, die Gebeine der Toten zu verlegen und die Grabstätte zu planieren, um sie »möglichst der Vergessenheit anheim fallen zu lassen«.3 Das unterblieb, in den sechziger Jahren nahm der Spielraum für politische Diskussionen und öffentliche Veranstaltungen wieder zu, und am 18. März 1873 zwei Jahre nach der Reichseinigung, organisierte die Berliner Sozialdemokratie einen eindrucksvollen Demonstrationszug nach Friedrichshain, an dem mehr 227

als 20.000 Menschen teilgenommen haben sollen. Man sang die »Arbeiter­ marseillaise«, hörte politische Reden, gedachte der »Märzkämpfer« von 1848, des Volks von Berlin und vor allem der beteiligten Arbeiter. Man rühmte ihren Mut, betrauerte ihr Scheitern und würdigte ihre Opfer. Zugleich gedachte man der Erhebung der Pariser Kommune im März 1871. Hunderte von Kränzen wurden niedergelegt, größtenteils mit roten, bisweilen mit schwarz-rotgoldenen Schleifen. Die Polizei prüfte sie einzeln und schnitt sie ab, wenn sie Inschriften enthielten, die der »Verherrlichung der Revolution« zu dienen schienen. Es kam zu Zusammenstößen und Verhaftungen.4 In Frankfurt trafen sich vor allem süddeutsche Linksliberale und Demokraten zum 25. Jubiläum der Eröffnung des Vorparlaments am 31. März 1873 und beschworen die Volkssouveränität, die 1848 vergeblich verfochten worden sei. Das Deutsche Reich von 1871 habe die 48er Forderungen nicht eingelöst. Man hoffte auf eine baldige »dritte Reichs Verfassung«, wenn auch nicht ausdrücklich auf eine weitere Revolution.5 25 Jahre später, am 18.  März 1898, debattierte der Reichstag Fragen der Militär­strafgerichtsordnung. August Bebel sprach sich vehement gegen ein Sonderrecht für Offiziere aus. Er sah darin ein Überbleibsel der feudalen Ordnung und erwähnte, wie beiläufig, aber in Wahrheit scharf kalkuliert, dass vor genau fünfzig Jahren in Berlin »der große Kampf« entbrannt sei, in dem das Volk nicht nur um seine Freiheit, sondern auch um seine bürgerliche Gleichheit kämpfte – schon damals gegen das preußische Junkertum und das von ihm vertretene System. Und, fügte Bebel provozierend hinzu, »das deutsche Bürgertum ist [so] tief gesunken, dass es nicht den Mut besitzt, gegenüber der Anmaßung gewisser Gesellschaftsschichten sein Recht und seine Freiheit zu wahren.«6 Daraufhin verlief die Debatte auf zwei Ebenen. Ein Redner nach dem anderen unterbrach seine Ausführungen zur Militärstrafgerichtsbarkeit, um zur fünfzig Jahre zurückliegenden Revolution Stellung zu nehmen, der offiziell überhaupt nicht gedacht werden sollte. Der Kriegsminister von Goßler sah in den damaligen Ereignissen »eins der traurigsten Blätter in der preußischen Geschichte«. Der konservative Abgeordnete von Puttkamer erklärte, die Revolution von 1848 sei »hauptsächlich von ausländischem Gesindel angezettelt worden, welches unser gutes treues Volk verführt hat, die Waffen gegen seinen König zu heben«. Er meinte wohl Fran­ zosen und Polen. Hätte die Revolution wirklich gesiegt, wäre es den Deutschen ergangen wie 1789 den Franzosen.7 Der freikonservative Freiherr von Stumm-Halberg konnte »über die damaligen Straßenkämpfe, über die sogenannte Märzrevolution nur ein Gefühl der tiefsten Scham empfinden«. Die Straßenkämpfe seien überdies siegreich niedergeschlagen worden, bevor das Heer des Königs freiwillig abgezogen sei. Die preußische Verfassung sei nicht von den Straßenkämpfern erzwungen, sondern ein »freies Geschenk« des Königs gewesen. Zwischendurch machte Liebermann von Sonnenberg, Abgeordneter der antisemitischen Partei, die Juden für die Revolution verantwortlich.8 228

Zwei linksliberale Abgeordnete widersprachen den konservativen Thesen und verteidigten die Revolution. Sie habe in Preußen die konstitutionelle Ära eingeleitet, und ohne diese wäre es später nicht zur glücklichen Geburt des Deutschen Reichs gekommen. Sie sahen den 18. März als einen »Tag der Trauer an, denn es war ein Tag des Blutvergießens«, zugleich aber als einen »Gedenktag für Deutschland und für Preußen, an den man mit Erhebung zurückdenken muß«.9 Bebel, der mehrfach das Wort ergriff, behauptete, dass eine erfolgreiche Nationalstaatsbildung im Sinne der 48er Revolution Bismarck und seine Reichsgründung unnötig gemacht hätte, und damit auch den deutschfranzösischen Krieg von 1870/71. Der Nationalliberale von Bennigsen widersprach. Auch wenn die »bürgerliche Klasse« statt der Fürsten das Regiment übernommen hätte, wäre das Verhältnis zwischen den Völkern nicht friedlicher, nicht brüderlicher geworden. »Der große Kampf gegen Frankreich … war absolut erforderlich«. Im übrigen habe sich der 18.  März mit seinen Straßenkämpfen für das Ziel eines starken, einheitlichen Nationalstaats nur »verhängnisvoll und störend« ausgewirkt. Er und seine Freunde bauten dagegen auf der Erinnerung an das Frankfurter Parlament weiter fort, das »zusammengesetzt aus den besten Kräften der ganzen Nation, den ersten ernsthaften Versuch gemacht hat, die Umgestaltung von Deutschland herbeizuführen«.10 Die Debatte nahm an Härte und Schärfe zu – »Jahr der Schande« und »arge Verirrung« hieß es rechts, von einer niedermetzelnden »Soldateska« und dem König als »Verräter« sprach man auf der Linken.11 Persönliche Angriffe folgten. Der amtierende Präsident bremste vergeblich. Das »Berliner Tageblatt« schrieb am nächsten Tag von Szenen, »die zu den erregtesten bisher im Reichstage erlebten gehören«.12 Warum? Zum Teil verteidigten die Abgeordneten ihre eigene Jugend, in der sie die Revolution selbst miterlebt hatten, in unterschiedlicher Position. Sie setzten die damaligen Kämpfe fort oder rechtfertigten ihren Gesinnungswandel. Doch die Erregung hatte auch allgemeinere Gründe. Im Streit über 1848 ging es um Gewalt und ihre historische Deutung, um den Sinn von Opfern und ihre Vergeblichkeit, um Krieg und Verfassung, Moral und Politik. Es ging um die Frage, ob es zu diesem Kaiserreich eine bessere Alternative gegeben hätte. Man konfrontierte monarchische Legitimität und Volks Souveränität. Deren Verhältnis blieb in der konstitutionellen Monarchie des Kaiserreichs bekanntlich in der Schwebe. Trotz der neuen Wende, die Bismarck der deutschen Geschichte gegeben hatte, wirkten die Fronten von 1848/49, wenngleich modifiziert, weiter. In ihnen spiegelten sich innere Konflikte des Kaiserreichs. Die Erinnerung an die Revolution gehörte nicht zu den Gründungsmythen des Reichs. Anders als die Befreiungskriege von 1813 und die Einigungskriege von 1864–71 wurde die 48er Revolution nicht benutzt, um dem Reich historische Legitimität zu verschaffen. Im Gegenteil, die Erinnerung an 1848 hätte gestört, sie wurde im Kaiserreich marginalisiert. Trat sie öffentlich dennoch hervor, wie im geschilderten Fall, erwies sie sich als hochgradig politisiert, kontrovers und zudem fragmentiert. Denn die einen gedachten vor allem der Volksbewegung – 229

so die Sozialdemokraten regelmäßig am 18.  März im Friedrichshain, wo die »Märzgefallenen« 1848 feierlich beigesetzt worden waren und wo man überdies, ebenfalls immer am 18. März, des Aufstands der Pariser Kommune gedachte. Zahlreiche Liberale zogen dagegen die Paulskirche als Ort der Erinnerung vor. Für die meisten galt weder das eine noch das andere. In den »Buddenbrooks« und im »Untertan« tauchte »1848« auf, das eine Mal als ironisierte Gefahr, das andere Mal als Erinnerung an eine bessere, aber abgeschlagene Alternative, in der Figur des alten Buck. Übrigens spiegelte die Historiographie zur Revolution die politischen Kontroversen der Gegenwart wider. Andererseits erzielte sie bald Ergebnisse, die geeignet gewesen wären, die Fronten zu lockern und die Bilder zu differenzieren. Doch das sollte sich erst später auswirken.13

Zwischen den Kriegen Anders als das Kaiserreich stellte sich die Weimarer Republik bewusst in die Tradition von 1848 und dokumentierte dies in einer großen, offiziellen Gedenkfeier zum 75. Jahrestag, aber nicht am 18. März in Berlin, sondern am 18. Mai in Frankfurt. Edwin Redslob, Reichskunstwart und Demokrat, wusste, wie bitter nötig es war, republikanische Formen staatlicher Repräsentation zu entwickeln. Auf dem Frankfurter Römer und in der Paulskirche sprachen Reichspräsident Ebert und Reichstagspräsident Lobe (beide SPD). Der parteilose Reichskanzler Cuno sandte eine Grußbotschaft, die Festrede hielt der linksliberale Sozial­wissenschaftler Alfred Weber. Für die rechtsliberale DVP meldete sich zustimmend Stresemann zu Wort Die in den Zeitungen stark beachteten Feierlichkeiten und Reden beschworen einen schwarz-rot-goldenen Konsens. Sie betonten einerseits das nationale Erbe der 48er Revolution, und nutzten es zu Hieben auf die Franzosen – der Ruhrkampf hatte begonnen. Sie zitierten auch das liberale und demokratische Erbe der Revolution und interpretierten den »Volksstaat« von 1919 als Erfüllung der Forderungen von 1848. Schließlich wurde die Erinnerung an die Volksbewegung und ihren Kampf um »Gleichberechtigung« nicht ausgeklammert, sondern – jedenfalls von Lobe – mit der Tatsache in Verbindung gebracht, dass mittlerweile eine neue Kraft, die Arbeiterschaft, zu den Trägern des Staates gehöre. Insgesamt wurde deutlich, dass in der Erinnerung an diese Revolution jetzt auch bereits ein gewisses Versöhnungspotential steckte, wenn man denn wollte und sich auf den Boden der Republik und ihrer Verfassung stellte. Von der Schärfe des Deutungskonflikts und der Bitterkeit des Kampfes um den historischen Ort der Revolution, so typisch noch für den 50. Jahrestag, war zum 75. wenig zu spüren. Weltkrieg und Revolution hatten die Konstellation verändert, die lebensgeschichtliche Kontinuität war gebrochen.14 Aber das öffentliche Interesse blieb sehr begrenzt. Und schaut man genauer hin, differierten die Erinnerungen beträchtlich. Am eindeutigsten identifizierten sich die Linksliberalen. Theodor Heuss hatte die Pauls­k irche 230

schon im Januar 1919 »seltsam aktuell« gefunden. »Wenn wir heute staatsrechtlich neu denken sollen, so nehmen wir den Verfassungsentwurf des Jahres 1849 aus der Schublade und buchstabieren dort weiter, wo unsere Großväter aufgehört haben.«15 Die Sozialdemokraten feierten dagegen doch lieber im Friedrichshain, wo man Ende 1918 auch Opfer der Novemberrevolution beigesetzt hatte. Der sozialdemokratische »Vorwärts« lobte auch noch 1923 vor allem die Märzkämpfer, während er den fehlenden Mannesmut der Bürger tadelte. Sein Verhältnis zur Paulskirche blieb distanziert. Sie sei ausgegangen »wie das Hornberger Schießen«. Weiter links, zum Beispiel bei der USPD, waren viele mit den Ergebnissen der Novemberrevolution zutiefst unzufrieden, auf sie muss das achtundvierziger Revolutionslob schal gewirkt haben. Die katholische »Kölnische Volkszeitung« feierte dagegen Einheit und Freiheit, fügte ihrem Bild aber zusätzlich großdeutsche Anklänge hinzu. Ihr Bericht hob die Teilnahme österreichischer Abgeordneter an der Frankfurter Erinnerungsfeier hervor. Auch das konnte man schließlich aus 1848 herausholen, wenn man wollte, und nach dem Anschlussverbot von 1919 lag es nahe. Der Rechtsliberale Stresemann schließlich beschwor weniger die Kontinuität zwischen 1848 und 1919, als vielmehr den »geraden Weg« »von dem Tag, an dem im Gasthof ›Zur Tanne‹ in Jena die deutsche Burschenschaft gegründet wurde, über die Frankfurter Paulskirche zum 18. Januar 1871«. Man sieht, jede Richtung beschwor ihr eigenes achtundvierzig.16 Und es gab große politische Lager, die sich bewusst außerhalb stellten. Die Kommunisten schickten zwar Kranz und Abordnung in den Friedrichshain, zum »Gedenken der gefallenen proletarischen Kämpfer«, und zwar am 18. März zwischen 12.30 und 13.30 Uhr. Ab 14.00 Uhr war der Friedhof für die Sozialdemokraten reserviert, sie kamen in großer Zahl. Auf diesen Stundenplan hatte man sich geeinigt, um Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten zu vermeiden. Im übrigen hielt aber die KPD wie schon Lenin und Luxemburg demonstrative Distanz zur »kleinbürgerlichen« Revolution von 1848. Man spottete über die Bürgerwehren und geißelte den »Verrat der Bourgeoisie«.17 Der nationalsozialistische »Völkische Beobachter« hielt die Frank­ furter Erinnerungsfeier für »einen schlechten Witz« und lobte die bayerische Landesregierung, die als einzige keinen Vertreter entsandt hatte.18 Die Blätter der deutsch-nationalen Rechten gingen behutsamer mit der Paulskirche um, behutsamer auch als es die Konservativen des Kaiserreichs getan hatten. Selbst über die sozialdemokratische Kranzniederlegung im Friedrichshain durch Paul Löbe berichtete der »Berliner Lokal-Anzeiger« (Hugenberg-Konzern) mit gewissem Respekt. Aber man wandte die nun nicht mehr in Bausch und Bogen abgelehnte 48er Tradition gegen die Weimarer Republik: »Was in aller Welt haben unsere Novemberverbrecher mit den Märzkämpfern zu tun?«19 Am Kampf der deutsch-nationalen Reichstags-Fraktion gegen die Farben SchwarzRot-Gold zeigte sich ihr Vorbehalt gegen die 48er Tradition sehr deutlich. Bekanntlich durften die Reichswehr die Handelsschifffahrt und schließlich gewisse deutsche Auslandsvertretungen weiter hin Schwarz-Weiß-Rot flaggen. Die Weimarer Republik hat es nie zu einheitlichen Staatsfarben gebracht. 231

Insgesamt: Seit 1898 hatte die Integrationskraft der 48er Tradition zugenommen Die Erinnerung an 1848 blieb jedoch in sich vielfältig, jeder hatte »sein achtundvierzig« und instrumentalisierte es ohne Bedenken. Die Erinnerung an die Revolution blieb kontrovers. Wie ein Lackmuspapier spiegelte sie die inneren Fronten der Weimarer Republik. Die historiographische Erforschung der Revolution machte Fortschritte. Neben den meist nationalliberal bis konservativ eingestellten deutschen Historikern machten sich einzelne linksliberale Autoren bemerkbar. Veit Valentins Klassiker erschien 1932. Während Guiseppe Mazzini, der Theoretiker und Aktivist der italienischen 1848er Revolution 1927 von Giovanni Gentile als »Gründer, Vorläufer und Inspiration des Faschismus« in Anspruch genommen wurde20, ist mir ein entsprechender Vereinnahmungsversuch seitens eines nationalsozialistischen Intellektuellen nicht bekannt. Für das nationalsozialistische Geschichtsverständnis war die 1848er Revolution marginal. Die Nationalsozialisten ließen an ihrer Ablehnung der Paulskirche, des Parlamentarismus, der sozialen Kämpfe und der Freiheitsvorstellungen von 1848 nicht den geringsten Zweifel. Ein Schulbuch von 1941 verkürzte die Ereignisse von 1848 auf die Darstellung der nationalen Erhebungen im mittleren und östlichen Europa, die überall auf eine Bedrohung der deutschen Volksgruppen und ihrer Rechte hinausgelaufen seien. Gemessen an nationalsozialistischen Kriterien fand am ehesten die großdeutsch-nationale Strömung der achtundvierziger Revolution Zustimmung. Beiläufig stellte Hitler am 31. März 1938 in Frankfurt den Anschluss Österreichs als Vollendung der revolutionären Bewegung von 1848 dar. Und gegenüber Goebbels äußerte er 1940: »Die 48er Demokraten waren großdeutsche Idealisten. Nicht zu vergleichen mit den Novemberdemokraten. Alle [48er] haßten die Dynastien und Österreich, weil es das Reich zerstörte.«21

Nach dem Zweiten Weltkrieg Zur Hundertjahrfeier 1948 waren die alten Fronten gründlich verblasst. Die Revolution von 1848 wühlte niemanden mehr unmittelbar auf. Die nationalsozialistische Diktatur, der Zweite Weltkrieg und die unmittelbaren Folgen hatten alte Probleme entwertet, allerdings zwei neue geschaffen, die der Revolution von 1848 wiederum Gegenwartsbedeutung zuwachsen ließen. Zum einen stellten sich bohrende Fragen nach den Ursachen der »deutschen Katastrophe« (Meinecke). In deren Licht rückte die 1848er Revolution in eine neue Perspektive. Neben manchen anderen deutete Ernst Reuter die Richtung an, die von Publizistik und Geschichtswissenschaft in den folgenden Jahren immer stärker erkundet wurde. In einem Gedenkartikel sprach er davon, dass die Niederlage in der Revolution von 1848 dem freiheitlichen Bürgertum das Genick gebrochen, Untertanengesinnung befestigt und den Sieg des zunehmend 232

militaristischen Obrigkeitsstaats ermöglicht habe – mit langfristig verhängnisvollen Folgen für die Entwicklung der freiheitlichen Demokratie in Deutschland und mit drückenden Hypotheken bis in die Gegenwart, die es abzutragen gelte. In lebhaftem Pro und Contra und mit viel empirischer Forschung ist diese These vom deutschen »Sonderweg« 1848–1933 in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer neu diskutiert worden.22 Zum anderen stand die Hundertjahrfeier im Zeichen des Kalten Kriegs, besonders hier in Berlin. Er wirkte wie ein Riesenmagnet mit sich gegenseitig abstoßenden und anziehenden Polen, deren Kraftfeld die Argumente neu sortierte. In West und Ost verortete man sich nun entschieden in der Tradition von 1848, beanspruchte sie jeweils für sich und bestritt sie der je anderen Seite. Mit der Ost-West-Konkurrenz um den historisch-moralischen Besitz der Revolution war interne Kritik an ihr nur noch schwer vereinbar. So versickerten im Westen die konservativen und im Osten die kommunistischen Vorbehalte. In West und Ost wurde die 48er Revolution nun eindeutig positiv konnotiert, breit akzeptiert und für die eigene Legitimation beansprucht, zugleich für die vehemente Kritik an der jeweils anderen Seite instrumentalisiert.23 Entsprechend komplementär entwickelten sich die Bilder und halbierten die Revolution: im Westen der Primat der Freiheit und die Kritik an der Diktatur, im Osten zunächst noch die Betonung der Einheit und die Weiterentwicklung der alten Bourgeoisie-Kritik zur Polemik gegen den Westen. Hier blieb die Nationalversammlung im Zentrum der Interpretation, an deren Werk das Bonner Grundgesetz anknüpfte, mit der Frankfurter Paulskirche als wichtigstem Erinnerungsort; dort die Volksbewegung zunehmend in klassengeschichtlicher Überspitzung, die Märzgefallenen und ihre Grabstätte als vielfach verwendbarer lieu de mémoire. Zur Berufungsinstanz der Kritik an der Diktatur wurde die Erinnerung an 1848 in der DDR nicht, anders als etwa in Ungarn. Die These vom »deutschen Sonderweg« hat viel Forschung angeregt und zur historischen Selbstverständigung der Deutschen beigetragen. Im Lauf der Zeit hat sie sich gründlich verändert. Widerlegt wurde sie nicht. Zur Interpretation der 48er Revolution trägt sie allerdings heute kaum noch etwas bei. Je größer die Distanz zur nationalsozialistischen Zeit, desto geringer die Aussicht, 1848 sub specie 1933 tragfähig zu deuten. Zu bedenken ist auch, dass die Revolution in fast allen europäischen Ländern verlorenging, in denen sie 1848 auftrat. Die Niederlage der Revolution konstituierte keinen deutschen Sonderweg. Die Verknüpfung von 1848 und 1933 ist dünn. Die konfliktreiche Spannung zwischen den beiden deutschen Geschichtskulturen hat zu vielen Verwerfungen und Einseitigkeiten geführt, aber auch als Konkurrenz produktiv gewirkt, bis ins Jahr des 125. Jubiläums hinein, das Gustav Heinemann nutzte, um in Rastatt, einem Hauptort der Revolution, die Gründung der »Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte« anzuregen.24Aber über die Jahre hat die deutsch-deutsche Konkurrenz unser Bild von 1848 immer weniger geprägt. Seit 1989 ist sie zu Ende. 233

Länger als ein Jahrhundert hat eine enge Verbindung bestanden zwischen der Deutung der 48er Revolution und großen politisch-moralischen Streit­fragen der Zeit. Im sich wandelnden Licht kontroverser Gegenwartsprobleme wandelten sich die strittigen Bilder der Revolution. Ihrer angemessenen Erkenntnis kam das nicht gerade zugute, ihrer Beachtung in der Öffentlichkeit umso mehr. Im Medium der Debatten über 1848 wurden grundsätzliche Konflikte der jeweiligen Gegenwart ausgetragen. Das scheint jedoch heute vorbei. Weder in der ostdeutschen Revolution von 1989 noch in der Wiedervereinigungspolitik von 1990 wurde legitimierend, sich absetzend oder auch nur warnend auf die 1848er Revolution Bezug genommen, wenn ich richtig sehe. Gegenwärtig [1998] widmen die Medien dem Ereignis große Aufmerksamkeit. Aber an Kontroversen fehlt es. Niemand reibt sich mehr an dieser Revolution, jedenfalls nicht zur Zeit. Ist sie also als Revolution verbraucht? Ist sie nach gut einem Jahrhundert am Ende, in dem Sinn, in dem Furet nach fast 200 Jahren die – viel epochalere und gewaltsamere – Fran­ zösische Revolution von 1789 zu Ende gehen sah? Meines Erachtens spricht viel für diese Annahme, übrigens auch, dass die fachwissenschaftliche Erforschung der 1848er Revolution in den letzten Jahrzehnten ungeheure Fortschritte gemacht hat und weiterhin macht. Gerade weil die Deutung der Revolution sich aus den heftigsten moralisch-politischen Kontroversen befreit hat, ist ihre detailgenaue, empirische Untersuchung möglicher und naheliegender geworden als früher. Je komplexer, auch diffuser das Bild der Revolution wird, das die Forschung ergibt, desto weniger lässt es sich politischmoralisch instrumentalisieren. Je weniger relevant etwas wird, desto genauer können wir es fachhistorisch erkennen. Welche Ergebnisse der Forschung zeichnen sich ab? Ergeben sich daraus nicht neue Gesichtspunkte, möglichst gar solche, die die Deutung der 1848er Revolution gleichzeitig auf allgemeinere Probleme der Gegenwart beziehen, jedoch ohne sie wieder verzerrend zu instrumentalisieren? Ich versuche drei Antworten.

Relativierung der nationalgeschichtlichen Sicht Die wichtigsten Ergebnisse haben in den letzten Jahren mikrohistorische Studien erbracht, zu einzelnen Bezirken, Dörfern und Städten, zuletzt Hachtmanns Buch zu Berlin.25 In der Konsequenz kompliziert sich das Bild der Revolution, es wird heterogener und vieldeutiger, ja die Revolution löst sich bisweilen auf, außer in den Wahrnehmungen der Zeitgenossen und Nachgeborenen. Die Sozial- und Kulturgeschichte hat Tiefenschichten der Revolution freigelegt, die keine Traditionen stifteten, im Meinungskampf um nationale Geschichtsbilder keine Rolle spielten und lange auch in der Historiographie übersehen wurden: zum Beispiel die bäuerlichen Aufstände als wichtige Antriebskraft der Revolu234

tion in den ersten Monaten, zum anderen eine »elementare Revolution« (Dieter Langewiesche) mit eigener Logik in der Stadt, d. h. Unterschichten-Tumulte und Straßenproteste, die sich an älteren, vormodernen, vorbürgerlichen Mustern orientierten. Damit hängt zusammen, dass die 1848er Revolution heute manchen Historikern stärker als letzter Akt in der Sozialgeschichte des alten Europa denn als Beginn einer neuen Epoche erscheint. Diese Akzentverschiebung wurde möglich, weil die lange selbstverständliche Dominanz des nationalgeschichtlichen Blicks, der auch noch große Teile der Sozialgeschichte prägte, ins Wanken geriet.26 Eine zweite Konsequenz dieser paradigmatischen Veränderung beginnt sich erst abzuzeichnen: die europäische Öffnung. Natürlich wusste man immer, dass die 1848er Revolution nicht nur in Deutschland auftrat, sondern fast gleichzeitig in anderen Teilen Europas. Aber es hängt mit den geschilderten gegenwartspolitisch verankerten Gründen des Interesses an der 1848er Revolution zusammen, dass aus diesem Wissen meist keine Konsequenz für Methode und Deutung gezogen wurde. Die Revolution interessierte eben vor allem im nationalgeschichtlichen Rahmen. Doch neueste Veröffentlichungen scheinen zu zeigen, dass es leichter und interessanter geworden ist, die 1848er Revolution  – trotz großer Unterschiede von Land zu Land und trotz der unbestreitbaren nationalen, regionalen und lokalen Eigenbewegungen  – zugleich als europäisches Phänomen zu erfassen. Gemeinsame Züge treten hervor. Eisenbahn, Telegraph und die Korrespondentennetze der großen Zeitungen ermöglichten die rasche Europäisierung der Revolution, jedenfalls ihrer Wahrnehmung. Nach ihrer Erstreckung war die Revolution von 1848 die europäischste aller Revolutionen zwischen 1789 und 1989. »Revolution, Revolutionsabwehr und Gegenrevolution verbanden Europa zu einer Einheit.« Nach der Revolution war Europa in höherem Maße ein Kommunikations- und Handlungszusammenhang als vorher, obwohl oder weil die Bildung von Nationalstaaten durch »Staatsvereinigung und Staatstrennung« fast überall auf dem Programm stand und dies der übernationalen Solidarität der Revolutionäre klare Grenzen setzte, sie teilweise gegeneinander aufbrachte. Den gegenrevolutionären Regierungen fiel die übernationale Zusammenarbeit leichter. Die Erfahrung von Gewalt und Krieg war 1848/49 nicht flächendeckend aber europäisch. »Alle Kernlande der Revolution führten 1848 nationalrevolutionäre Einigungs- und Separationskriege« oder halfen mit, sie niederzuschlagen. Diese Einsicht sollte vor jeder Glorifizierung der Revolution bewahren. Es lohnt sich jedenfalls, im Blick auf Europa den Plural »Revolutionen« versuchsweise durch den Singular »Revolution« zu ersetzen. Aus dieser Perspektive war 1848/49 der Anfang, nicht das Ende einer Epoche.27 Übrigens besteht keine Gefahr, dass die Frage der Nation zukünftig aus der Diskussion über 1848 ausgespart würde.28 Das verbieten zum einen die Quellen: Nationalrevolutionen waren zentraler Bestandteil von 1848. Zum andern ist zu erwarten (und zu hoffen), dass sich die Bundesrepublik auch zukünftig ihrer Identität historisch auch durch Bezug auf die 48er Revolution versichern wird. Es gibt, trotz aller Ambivalenzen von 1848, wenig Besseres für diesen 235

Zweck. Aber wissenschaftlich und intellektuell rückt das Thema »Revolution und Nation« vielleicht doch in die zweite Reihe, gerade weil 1990 ein deutscher Nationalstaat erfolgreich wiedererrichtet wurde und damit Deutschland – insofern – in die europäische Normalität zurückgekehrt ist. Der innere Nationsbildungsprozess, den die Wiedervereinigung innenpolitisch, sozial und kulturell letztlich darstellt, ist freilich noch lange nicht abgeschlossen.

Scheitern und Erfolg Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die 1848er Revolution in tiefen Niederlagen endete. Weder reüssierten die Liberalen und die gemäßigten Demokraten, die einen freiheitlich verfassten, parlamentarisch mitbestimmten, ein Stück weit demokratisierten Nationalstaat mit monarchischer Spitze über friedliche Vereinbarung mit den bisherigen Machtträgern zu erreichen hofften und in der Frankfurter Nationalversammlung die Mehrheit stellten; noch gelangten die radikalen Demokraten und Sozialdemokraten an ihr Ziel, die zusätzlich zu den liberalen Forderungen auf Republik, entschiedene Demokratie und soziale Rechte setzten, wenn nötig im offenen Konflikt mit den bisherigen Eliten. Die Beendigung der Revolution mit militärischen Mitteln in Wien und Berlin im Herbst 1848, die Zurückweisung der angebotenen Kaiserkrone durch den preußischen König im März 1849, der Zerfall von Nationalversammlung und Provisorischer Reichsregierung danach und die blutige Niederschlagung der vor allem in Baden, Sachsen und der Rheinpfalz wieder aufflammenden Revolution im Mai 1849 wurden von links bis weit in die Mitte als bittere Niederlagen empfunden. Wie sehr sie das waren, machten die folgenden Jahre klar: die Bestrafung, Maßregelung und Exilierung zahlloser Revolutionsanhänger, die »Reaktion« auf vielen Gebieten, die sich rasch abzeichnende Verschiebung des politischen Schwerpunkts der Liberalen nach rechts, hin zur »Realpolitik«. Auch die meisten Historiker haben das so gesehen und, vor allem im 20. Jahrhundert, auf die problematischen Langzeitfolgen verwiesen: auf Belastungen für die politische Kultur der Deutschen, ihre Verfassung und die sozialen Machtverhältnisse. Sicherlich hätte sich die deutsche Geschichte freier, demokratischer, bürger­ gesellschaftlicher entwickelt, wenn das Projekt der Paulskirche gelungen wäre. Diese skeptische Beurteilung – die Betonung des Scheiterns und der belastenden Folgen – gewann nach dem Zweiten Weltkrieg an Boden, besonders seit den sechziger Jahren. Für sie spricht auch weiterhin viel.29 Doch in den letzten Jahren haben Historiker unterschiedlicher Couleur immer häufiger die partiellen Erfolge der Revolution hervorgehoben, die Grenzen ihres Scheiterns: beispielsweise die rasche Abschaffung der Reste feudaler Herrschaft auf dem Lande, die dauerhafte Verankerung einer Verfassung in einem bis dahin vorkonstitutionellen Staat wie Preußen, die rasche rechtliche Gleichstellung der Juden.30 Auch langfristig erscheinen die Folgen nicht 236

nur als belastend. Vom bürgergesellschaftlichen Mobilisierungsschub der Revolutionsjahre  – von dem spontan sich ausbreitenden Vereinswesen, der Inanspruchnahme des öffentlichen Raums, der Ausformulierung von Ansprüchen und Maßstäben – überlebte so manches die Niederlage von 1849. Das von der heutigen Forschung zu Recht mit Respekt betrachtete Verfassungswerk der Paulskirche hat seine Fernwirkung erst im 20.  Jahrhundert entfaltet. Von der billigen Kritik am unpraktisch-ungeschickten »Professorenparlament« hat man sich mit guten Gründen entfernt. Insgesamt zeigt sich ein Zugewinn an Ambivalenz, an Historisierung, wohl auch an Angemessenheit. Der Entdämonisierung und Entheroisierung der Revolutionäre entspricht die Relativierung ihres Scheiterns  – ein Produkt lang­ jähriger Forschung und sich ändernder Sicht aus wachsender zeitlicher Distanz. Nach bald 50 Jahren Bundesrepublik und nach der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung von 1989 muss die Zäsur von 1848 in anderem Licht erscheinen als nach der Katastrophe des Dritten Reichs. Doch es empfiehlt sich, nicht unter der Hand die blutige Niederlage der 1848er Revolution in einen Sieg umzudeuten. Es war eine Niederlage.

Arbeit und Freiheit Es ist problematisch, die Revolution von 1848 als »bürgerliche« zu etikettieren, wie es häufig geschieht. Nach sozialer Trägerschaft, Zielen und Verlauf bestand auch die deutsche Revolution von 1848 gewissermaßen aus mehreren Revolu­ tionen, zumindest aber aus zwei. Zum einen war da die teils liberale, teils demokratische Bürgerbewegung, die sich in der rasch ausbreitenden bürgerlichen Öffentlichkeit etablierte, auf dem rasant wachsenden Zeitungsmarkt, in den sich an Zahl multiplizierenden Ver­ einen, dann vor allem parlamentarisch, in der Paulskirche zumal, mit Einfluss in den gemäßigt liberalen Märzregierungen, die meist bis zum Sommer amtierten und danach schrittweise an Boden verloren. Die liberalen und demokratischen Bürger, oft akademisch gebildet bis intellektuell, mit starker Unterstützung vom damals noch sehr liberalen Wirtschaftsbürgertum und aus anderen sozialen Gruppen, machten Front gegen Kleinstaaterei, bürokratische Gängelung und Zensur, gegen feudale Privilegien und ständische Ungleichheit. Sie setzten sich für Menschen- und Bürgerrechte, für freiheitliche Verfassung, parlamentarische Institutionen und für den Nationalstaat ein sowie – das variierte nun – für mehr oder weniger ausgeprägte Teilhabe des Volkes, über Wahlen, Bildung und soziale Rechte. Die Auseinandersetzungen zwischen konstitutioneller Monarchie und Republik, zwischen liberal und radikal, zwischen großdeutsch und kleindeutsch fanden hauptsächlich innerhalb dieser Bewegung statt.31 Zum andern  – stark vereinfacht  – war da die Volksbewegung. Auch damals gab es kein homogenes Volk, sondern sehr unterschiedliche Unterschicht­ 237

gruppen, die oft wenig miteinander zu tun hatten. Entsprechend heterogen stellte sich die revolutionstragende Volksbewegung dar, von der rasch wachsen­ den Handwerker- und Arbeiterbewegung (zunehmend in Vereinen organisiert) über die vor- oder subproletarische Protest- und Tumultbewegung auf den Straßen der Städte bis zur machtvollen, aber kurzlebigen und in vielem noch antifeudalen bäuerlichen Aufstandsbewegung in den Dörfern. Vor allem außerhalb der vereinsmäßig organisierten Handwerker- und Arbeiterbewegung war der bürgerliche Einfluss gering. Um Freiheit ging es auch in der Volksbewegung, aber der Begriff bedeutete hier anderes als im Bürgertum. Dort war er auf Verfassung, Gedanken, Sprache und Schrift, auf politische Organisation, sehr stark auf die einzelnen bezogen, hier dagegen oft kommunitaristisch getönt, auf gemeinsame Freiheit, auf Brüderlichkeit (und Schwesterlichkeit) orientiert und ständisch differenziert. Dort, im Bürgertum, mochte Freiheit auf Wirtschaft bezogen sein, im Sinne von Selbständigkeit und Marktwirtschaft, hier, im Volk, dagegen auf Arbeit, oft mit anti-marktwirtschaftlicher, anti-kapitalistischer Spitze, orientiert an älteren Normen der Auskömmlichkeit, der Ehrbarkeit, der gemeinschaftlichen Nutzung von Eigentum, an Prinzipien einer »moral economy«, die noch keine Trennung zwischen Arbeit und Soziabilität, zwischen Wirtschaft, Moral und Politik akzeptierte. Viele, sehr viele Forderungen der Volksbewegung hatten mit Arbeit und ihren Ergebnissen zu tun: zentral natürlich, bis in die Sprache und Benennung hinein, in der »Arbeiterverbrüderung«, der ersten Massenorganisation der deutschen Arbeiterbewegung, die 1848 entstand. Aber letztlich ging es auch in den Forderungen der Bauern und anderen Dörfler um Arbeit, nämlich um die Befreiung der Arbeit und ihrer Ergebnisse von grundherrlichen und landesherrlichen Diensten und Abgaben. Und in den Hungertumulten und Straßenprotesten ging es in diesen Jahren mangelnder Nahrung und ausgeprägtester Arbeitslosigkeit nicht selten um das Recht auf Arbeit, dessen Gewährleistung man nicht vom Markt, sondern von der Obrigkeit einforderte.32 Natürlich gab es Brücken zwischen diesen Milieus: gegenseitige Beeinflussungen, Verflechtungen, Überschneidungen. Aber im übrigen kann man sich die kulturelle, mentale und revolutionspraktische Differenz zwischen Bürgerbewegung und Teilen der Volksbewegung gar nicht dramatisch genug vorstellen. Es handelte sich nicht nur um sozialökonomische Interessenunterschiede zwischen Bourgeoisie und Proletariat, die wichtig genug waren und die Revolutionäre in wirtschaftlichen und sozialen Fragen sehr bald trennten. Es handelte sich vielmehr auch um Unterschiede der Lebensführung und des Politikverständnisses. Kürzlich hat Charlotte Tacke die Feste der Revolution in Baden und in der Toskana studiert. Bürger und Volk feierten häufig zusammen, auf gemeinsamen Festzügen, auf großen Festversammlungen, rund um die rasch errichteten Freiheitsbäume. Schwarz-rot-goldene Farben prangten klassen- und schichtübergreifend. Jedoch wurden, das zeigt der genaue Blick, Ritual und Symbolik in der volkstümlichen und in der bürgerlichen Festkultur in sehr unterschiedlicher, gegensätzlicher Weise ausgefüllt. Die jungen Burschen der städtischen oder ländlichen Unterschichten feierten 238

abends oder nachts, die Bürger in der Regel tagsüber, es sei denn beim Fackelzug. Jene sangen »geräuschvoll«, störten die Ruhe, schrien und lärmten; diese sangen harmonische Lieder, defilierten hinter Musikgruppen her oder verhielten sich ruhig. Jene schössen mit Pistolen um sich, diese setzten wohldosiert an der richtigen Stelle Kanonenschüsse ein. Die Burschen rügten und tadelten, die Bürger sprachen Toasts auf verdienstvolle Männer. Jene veranstalteten Katzenmusiken, diese gaben Ständchen. Die Burschen provozierten durch spontane Unordnung, Lärm und Sachbeschädigung, die Bürger setzten alles auf die Ordnung ihres Festes. Bei bürgerlichen Festen dienten die Damen wohlgekleidet als Schmuck und Symbol der Ordnung, bei politischen Festen hatten sie nichts zu suchen. Dagegen wirkten Frauen der Unterschicht an den volkstümlichen Aktionen der »Straßenpolitik« kräftig mit. Die bürgerliche Kultur akzeptierte das Gewaltmonopol des Staates im Prinzip, »kleine Gewalt« war dagegen im ple­ bejischen Alltag nicht selten.33 Die damalige Gesellschaft zeigt sich hochgradig fragmentiert, die inter­ essenmäßige und kulturelle Distanz ausgeprägt. Das war der Hintergrund für die misstrauische Fremdheit der Volksbewegungen gegenüber der parlamentarischen Arbeit der Bürger einerseits und für deren teils überlegene, teils ängst­ liche Wahrnehmung des Pöbels andererseits. An Arbeitern und Bauern fehlte es bekanntlich in der Paulskirche. Umgekehrt belegen die privaten Briefe und öffentlichen Reden auch gutwilliger Akademiker, wie sich ihre Irritation über die drohende Unordnung, die begriffslose Unverständlichkeit des Volkes, schließlich ihre Furcht vor dem Chaos und der »roten Republik« schrittweise steigerten, zwischen März und Herbst 1848, hier in Berlin wie anderswo auch.34 Es erstaunt, dass diese unterschiedlichen Bewegungen überhaupt zeitweise zusammenfanden, sich vereinbaren konnten. Doch dies war ja die Bedingung der Revolution, so begann sie. Sie entstand nicht – oder kaum – aus dem Drängen der Liberalen auf Verfassungs- und Gesellschaftsreform, obwohl dieses Drängen in den 1840er Jahren an Stoßkraft gewann. Im Grunde wollten die Liberalen keine Revolution. Die Erinnerung an die Radikalisierung der Französischen Revolution von 1789 wirkte nach. Die 1848er Revolution entstand vielmehr aus einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Krise, zu der die Krise der Arbeit entscheidend gehörte  – angesichts schnellen ökonomischen Strukturwandels, rasanten Bevölkerungswachstums, verbreiteter Armut und grassierender Unterbeschäftigung. Diese Krise des Vormärz traf Teile des Volkes sehr viel härter als die bürgerliche Mittelschicht, und es hing letztlich mit dieser Krise zusammen, dass eine explosive Stimmung entstand, in der die Nachricht vom gelungenen Februar-Aufstand in Paris auch östlich des Rheins die Revolution in Gang setzen konnte.35 Nur mit dem Rückenwind der revolutionären Volksbewegung, die am blutigen 18. März in Berlin einen Höhepunkt erreichte, kamen dann, in den folgenden Tagen, die liberalen, reformbegierigen Bürger an die Macht, an einen Teil der Macht allerdings nur. Umgekehrt brauchte die sich entfaltende Volksbewegung die Überführung ihrer Energie in Programme und Institutionen, 239

um nachhaltig wirken zu können. Das konnte sie zunächst nicht allein. Nur soweit es gelang, die um Arbeit zentrierten Proteste der einen mit den auf Freiheit orientierten Forderungen der anderen zu vereinbaren, gelang die Revolution. Doch auf beiden Seiten verstanden nur wenige diesen Zusammenhang. Und die auseinandertreibenden Erfahrungen, die divergierenden Interessen, die kaum kompatiblen Politikformen erwiesen sich in der Folge als übermächtig. Die Monate von April bis Herbst 1848 lassen sich als Geschichte der Entfremdung der beiden Bewegungen darstellen. Vom Herbst 1848 bis zum April 1849 tagte dann die Frankfurter Nationalversammlung auf einer stark abgeschwächten populären Basis; dem preußischen König fiel es deshalb leicht, ihr forderndes Angebot der Kaiserkrone zurückzuweisen. Die Nationalversammlung zerfiel. Als Antwort darauf kam es im Mai 1849 zu einer letzten Welle von Volksaufständen. Doch ihnen fehlte jetzt die zentrale Institution, die ihren Impuls hätte umsetzen können. Sie unterlagen. Man kann also die deutsche Revolution von 1848 weder allein in der Paulskirche noch allein im Friedrichshain angemessen erinnern. Beides gehört zusammen. Im übrigen, es gab im dezentralen Deutschland mehrere Zentren und Regionen der Revolution, mit jeweils anderen Traditionen. Ein ideenpolitischer Höhepunkt im Prozess der Entfremdung zwischen liberaler Reformpolitik und Volksbewegung fiel übrigens auf den 8. und 9. Februar 1849, als die Frankfurter Nationalversammlung über das »Recht auf Arbeit« debattierte.36 Der »Congreß deutscher Handwerker- und Arbeitervereine« in Berlin hatte es gefordert, zumindest aber Arbeiterschutz und Arbeitslosenversicherung. Die Begründungen klingen bekannt: Das nackte Dasein müsse gesichert werden. Man gebe besser Arbeit als Almosen. Der soziale Friede sei sonst gefährdet. Man wolle keine »Löwengesellschaft«. Die liberale Mehrheit der Nationalversammlung lehnte jedoch ab, auch sie mit bekannt klingenden Argumenten: Die Kosten würden zu hoch. Der Staat dürfe den Unternehmen keine unerwünschte Konkurrenz machen. Das freie Spiel der Kräfte dürfe nicht gestört werden, dann werde das Kapital von selbst für Arbeit sorgen. Jede schlichte Parallelisierung mit heute verbietet sich. Man versteht rück­ blickend sehr gut, warum die Kodifizierung eines »Rechts auf Arbeit« unterblieb und vermutlich unterbleiben musste. Doch der schwierige Zusammenhang zwischen freiheitlicher Verfassung und sozialem Zusammenhalt ist ein Dauer­problem moderner Gesellschaften. 1848/49 gelang es nicht, ihn zu sichern. Nicht zuletzt daran scheiterte die Revolution. Auch deshalb verdient sie unser Interesse.

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16. Nation und Gesellschaft in Deutschland 1870 bis 19451

Fragestellung James Sheehan hat in einem anregenden Artikel dazu aufgefordert, die Geschichte der Deutschen aus ihrer kleindeutsch-nationalstaatlichen Verengung zu befreien. Wenn im folgenden trotzdem vor allem über die politische Inte­ gration der Deutschen im Deutschen Reiche gesprochen wird, so mindestens aus zwei Gründen: Erstens scheint Sheehans Vorschlag eher für die Zeit vor 1870 gedacht als für die Zeit seitdem. Denn zwischen 1870 und heute ist die Geschichte der deutschen Nation, wie immer man sie definiert, stark und zunehmend durch Erfahrungen geprägt, die mit ihrer Verstaatlichung in verschiedenen Staaten zu tun haben. Leicht hätte überdies eine Geschichte der Deutschen, die den Zeitraum 1870 bis 1945 behandelt und über Nationalstaatsgrenzen hinweg eine deutsche Kulturnation oder eine deutsche Sprachgemeinschaft zu ihrem Gegenstand machte, großdeutsche Implikationen, über deren Wünschbarkeit noch nachzudenken bleibt. Überdies: Wie würde man den Gegenstand einer solchen überstaatlichen Geschichte der Deutschen abgrenzen? Wer würde dazugehören und wer nicht: die Deutsch-Österreicher sicherlich, aber auch die Deutsch-Schweizer? – die Sudetendeutschen zweifellos, aber auch die Deutsch-Amerikaner? Zweitens sollte man bedenken, dass die Aktualität des Generalthemas (»Die Rolle der Nation in der deutschen Geschichte«), unter dem auch die Ausführungen des folgenden Beitrages stehen, mit einer wiederbelebten politisch-publizistischen Diskussion über Nation, nationale Einheit und manchmal auch Wiedervereinigung zusammenhängt. In dieser Diskussion schwingt meist weiterhin der deutsche Nationalstaat kleindeutscher Prägung – in welchen Grenzen auch immer – als Maßstab und Perspektive mit. Wenn man als Historiker zu dieser Diskussion indirekt beitragen will, kann es weiterhin sinnvoll sein, über diesen Nationalstaat zu sprechen, ohne die nicht im Reich lebenden Deutschen ganz aus dem Auge zu verlieren. Das Deutsche Reich von 1871 ist oft als unvollendeter Nationalstaat bezeichnet worden. Ohne dass die ganze Problematik, die hinter dieser Sprechweise liegt, jetzt aufgenommen werden könnte, möchte ich dem Satz für die Zeit unmittelbar nach der Reichsgründung zustimmen. Dieses Reich wies eine Reihe gravierender Unvollkommenheiten auf; man kann auch sagen: seine nationalstaatliche Integration wies eine Reihe von ins Gewicht fallenden Grenzen auf, 241

die aus der Art seiner Entstehung resultierten. Vier davon sollen knapp aufgezählt werden: 1. Das Reich entstand als Zusammenfassung vorher existierender Einzelstaaten, die den inneren Staatsbildungsprozess bereits vor ihrer Zusammenfassung weit vorangetrieben hatten. Damit hing zusammen, dass das Reich als Verwaltungseinheit Anfang der 70er Jahre so gut wie nicht existierte. Aber Verwaltung ist der Alltag der Politik. In Beziehung darauf war das Reich zunächst mehr eine gut vorbereitete Möglichkeit, aber noch kaum Realität. 2. Weite Kreise der Bevölkerung waren Anfang der 70er Jahre noch nicht in den reichsdeutschen Nationalstaat einbezogen. Was ihr tägliches Leben und ihr Selbstverständnis betraf, befanden sie sich noch weitgehend außerhalb, nicht weil sie entschieden gegen den neuen Nationalstaat eingestellt gewesen wären, sondern weil er für sie relativ unwichtig war, relativ zu ihrer Familie, ihrem Dorf, ihrer Gemeinde, ihrem Pfarrer, ihrer Region. Vorpolitische, kleinräumige, lokale, regionale, einzelstaatliche Identifikationen und Lebenswelten dominierten – trotz der verbindenden Erfahrung des kriegerischen Einigungsprozesses. Natürlich traf dies für verschiedene soziale Schichten in verschiedenem Maße zu: für die Unterschichten am meisten, aber auch für viele Adlige, manche Beamte und zahlreiche Bürger der »home towns« (Mack Walker). 3. Aus der vornationalen Machtstaatspolitik Preußens einerseits und dem kleindeutsch-preußischen Charakter der Reichsbildung andererseits resultierte, dass in erheblichem Umfang nicht-deutsche Nationalitäten zum »deutschen Volk« im Sinne der Reichsverfassung von 1871 gehörten – im Osten, im Norden und im Westen –, während andererseits Millionen von Deutschen außerhalb des neuen Reiches lebten – eine Inkongruenz von Sprach- und Kulturnation einerseits, Staatsnation andererseits, die dem Nationalstaatsprinzip nicht recht entsprach. 4. Es gab im Reich große, bedeutende Minderheiten deutscher Nationa­lität, die dem deutschen Nationalstaat ablehnend gegenüberstanden: neben ­anderen vor allem das katholische Deutschland und die politische Linke, das heißt: viele Demokraten und die entstehende Arbeiterbewegung. Die Spannung des neuen Nationalstaats mit dem Katholizismus resultierte aus dem konfessionell gemischten Charakter der deutschen Nation vor der Reichsgründung, aus der preußisch-protestantischen Prägung des neuen Reiches und aus dem fundamentalen Gegensatz zwischen Nationalstaat und vornationaler, übernationaler Kirche, die es beide auf die Seelen der Menschen abgesehen hatten, aber auf extrem verschiedenen Geltungsgrundlagen ruhten. Der Gegensatz zur Linken, speziell zur Arbeiterbewegung, resultierte nicht primär aus deren Internationalismus – mit dem war es nicht weit her –, sondern aus Eigenarten des deutschen Nationalstaatsgedankens und wiederum aus der spezifischen Art dieser Reichsgründung: Diese war »von oben« durchgesetzt worden, nicht gegen die alten Gewalten, sondern teilweise unter deren Regie, und vor allem zeitgleich mit der Entscheidung in der Verfassungsfrage und zeitgleich mit der Entstehung der Arbeiterbewegung. 242

Wie erging es diesen vier Begrenzungen der nationalstaatlichen Integration in den folgenden Jahrzehnten? Wurden sie vertieft und verschärft oder zurückgedrängt und relativiert? Machte die politische Integration des Deutschen Reiches Fortschritte? Blicken wir zunächst und vor allem auf das Kaiserreich.

Behördenausbau und innere Staatsbildung Zweifellos war ein staatlicher Behördenausbau und Funktionszuwachs auf Reichs­ ebene durch die Entscheidung von 1870/71 und die Verfassung vorgezeichnet. Einmal auf die Spur gesetzt, entwickelte der Nationalstaat seine eigene Dynamik. Es kam denn auch sofort zur Einrichtung neuer Reichsämter. Es entstand das Reichseisenbahnamt, das Reichspostamt, das Reichsjustizamt, das Statistische Reichsamt, das Reichsschatzamt, vor allem auch das Reichsamt des Innern, das 1880 aus der Reichskanzlei ausschied. Ein zweiter Antrieb kam hinzu. Der Behördenausbau und die Vermehrung der staatlichen Funktionen auf Reichsebene machten in den folgenden Jahren die bedeutendsten Fortschritte auf dem Gebiet der Sozialpolitik, der Wirtschaftspolitik, der Wissenschaftsförderung und bei der Regelung der Kolonial-, Marine- und Außenwirtschaftspolitik. Man denke zum Beispiel an die zollpolitische Grundsatzentscheidung Ende der 1870er Jahre, die zum Abbau der konservativen Skepsis gegenüber dem neuen Reich kräftig beitrug; an das Sozialistengesetz 1878; vor allem an die Sozialversicherung der 1880er Jahre, die 1913 mehr als 20.000 Beamte und Angestellte beschäftigte; an die Gründung von Forschungsinstituten seit den 1880er Jahren, an die Verselbständigung des Reichskolonialamts (1907) wie auch an die wirtschaftspolitischen Abteilungen im Reichsinnenamt, nach deren organisatorischer Verselbständigung allerdings schon Bismarck vergeblich gestrebt hatte. Ganz offensichtlich kam der inneren Staatsbildung auf Reichsebene zugute, dass sie relativ zur Chronologie der Industrialisierung erst in dieser Phase stattfand, das heißt: nicht in vorindustrieller Zeit und auch nicht in der wirtschaftsliberalen ersten Industrialisierungsphase. Vielmehr fiel sie mit der zweiten Phase der Industrialisierung ab 1873 zusammen, in der wirtschaftliche Wachstumsstörungen, soziale Spannungen und Koordinationsbedürfnisse anderer Art zu interventionsstaatlichen Eingriffen drängten und den allmählichen Übergang von einer beschränkten Ordnungs- zu einer sich ausdehnenden Leistungsverwaltung bedingten. Es scheint, dass diese frühen interventionsstaatlichen Tendenzen sich vor allem als Zugewinn auf der Zentralebene niederschlugen. Einer Nationalstaatsbildung in vorindustrieller Zeit hätte dieses Vehikel nicht zur Verfügung gestanden. Das bedeutet allerdings auch, dass der staatliche Behörden- und Aufgabenausbau im Reich seit den 1870er Jahren in engster Verknüpfung mit ökonomischen und sozialen Tagesfragen stand, gewissermaßen ständig mit ökonomischen und sozialen Nahkämpfen konfrontiert war, von daher besonders leicht der ­Kritik 243

verschiedener sozialer Gruppen ausgesetzt sein musste und schnell überfordert sein konnte, allerdings auch das Bewusstsein der Menschen besonders tief prägte. Wahrscheinlich war dies ein Grund für den tiefen Eindruck, den dieser nur so kurz bestehende Nationalstaat im Bewusstsein der Deutschen hinterließ. Dieser moderne Verstaatlichungsprozess unterstrich und vermehrte das, was die Reichsdeutschen von den Deutschen außerhalb des Reiches unterschied. Der Aufstieg des Interventionsstaats führte nicht nur zum Ausbau der staatlichen Bürokratie im Reich, sondern auch zu Einflussgewinnen für den Reichstag. Dessen entscheidende Mitwirkung an der Sozialversicherungsgesetzgebung wäre ein Beispiel. So begrenzt der Einfluss des Reichstags auf die »große Politik« in diesem föderalistischen, vorparlamentarischen System war und so falsch mir die Rede von einer stillen Parlamentarisierung vor 1914 erscheint, so wichtig war diese Institution für die Vermittlung einzelner Interessen hinein in die gesamtstaatliche Willensbildung, und zwar um so mehr, je stärker sich diese mit der Regelung ökonomischer und sozialer Prozesse befasste. Der nach allgemeinem Männer-Wahlrecht zusammengesetzte Reichstag diente überdies als zentrale Bühne für Regierung und Parteien zur Einwirkung auf eine reichsweite Öffentlichkeit. Von dieser Bühne gingen wichtige Anstöße aus, die Parteien und die großen Interessenverbände reichsweit auszubauen und schrittweise zu ­zentralisieren. Schließlich ist wohl unbestreitbar, dass die von Bismarck bis zu Hindenburg und Ludendorff immer wieder auftretenden plebiszitär-demagogischen Politik­ ansätze – ein Drittes neben Behördenausbau und Parlamentseinfluss – ebenfalls reichsweit auftraten und insofern zur Nationalisierung der Politik beitrugen. Insgesamt wird man sagen dürfen, dass der Ausbau staatlicher Institutionen und Funktionen seit den 70er Jahren rasche Fortschritte machte und zu einer allmählichen Gewichtverschiebung von der lokalen, regionalen und einzelstaatlichen Ebene auf die nationalstaatliche führte. Diese Grenze nationalstaatlicher Integration trat also allmählich zurück, wenn natürlich, schon an­ gesichts der föderalistischen Verfassungsstruktur, nur tendenziell.

Mobilisierung und Entregionalisierung Fragt man nun im nächsten Schritt, ob sich politische Integration auch mit Bezug auf die lokalistischen, regionalistischen, partikularistischen und zum Teil vorpolitischen Identifikationen und Lebensweisen der Bevölkerung durchsetzte, so ist zwischen drei Bedeutungsebenen im Begriff »politische Integration« zu unterscheiden, zwischen »Einbeziehung«, »Homogenisierung« und »Konsensstiftung«. Integration im Sinne von Einbeziehung meint einen Prozess, im Laufe dessen Nation und Nationalstaat für die in ihm Lebenden bedeutsam und wichtig werden, im Laufe dessen sie mit dem Staat und mit den anderen in ihm lebenden 244

Menschen etwas zu tun bekommen – negativ oder positiv. Es geht um Kommunikationsherstellung, Mobilisierung und Politisierung auf ­nationalstaatlicher Ebene. Integration heißt zum anderen soviel wie Reduzierung und Abbau von Unterschieden, Reduktion von Heterogenität, Homogenisierung von einerseits regionalen Differenzen, andererseits von Unterschieden zwischen sozialen Schichten, Gruppen und Klassen. Schließlich wird bei »Integration« oft »Konfliktreduzierung« assoziiert. Integration in diesem Sinn führt zum Ausgleich von Spannungen, zur Entschärfung von Konflikten, zum Konsens. Diese drei Dimensionen politischer Integration laufen nicht notwendig Hand in Hand. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Integration im Sinne von Einbeziehung, Mobilisierung und Politisierung bis dahin kaum einbezogener, vor allem kleinbürgerlicher und unterer Schichten in Stadt und Land im Kaiserreich bedeutende Fortschritte machte. Das zeigt sich am deutlichsten an der steigenden Wahlbeteilung. Den Reichstag von 1871 wählten nur 51 % der dazu Wahlberechtigten, den von 1912 dagegen 84 %. Ein sprunghafter, nicht mehr revidierter Anstieg der Wahlbeteiligung ist vor allem in den späten 1880er Jahren zu verzeichnen. Seitdem kam es überdies zur Gründung von reichsweit ausgedehnten, massenpolitisch wirksamen Interessenverbänden neuen Typs. Schlagkräftig, durchorganisiert, von Berufspolitikern geleitet, widmeten sie sich der Agitation und der Öffentlichkeitsbearbeitung mit ganz anderer Intensität, als es die älteren Verbände noch von der Art des Centralverbands Deutscher Industrieller getan hatten. Zu denken ist vor allem an den Bund der Landwirte von 1893 (mit bald über 300.000 Mitgliedern), den Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband vom selben Jahr und die seit 1887 entstehenden nationalen Kampf- und Agitationsverbände, die Deutsche Kolonialgesellschaft von 1887, den Alldeutschen Verband (1891), den Deutschen Ostmarkenverein (1894), den Deutschen Flottenverein von 1898 und andere. Vor allem seit 1890 kam es andererseits zum Ausbau der Gewerkschaften als Massenorganisationen und zu immer neuen Stimmgewinnen der SPD, zum Teil auf Kosten der Liberalen und des Zentrums, zum großen Teil durch Mobilisierung bisher wahlenthaltsamer Schichten. Ungleichmäßig und zunächst sehr unvollkommen, aber unübersehbar, veränderten sich die Parteien vom Typus der lokal fragmentierten Honoratioren- zur immer stärker zentralisierten Massenpartei. Am wenigsten gelang das den Liberalen. Die SPD war das Modell. Die Konservativen imitierten es mit Hilfe des Bundes der Landwirte und veränderten sich damit, indem sie populistische, extrem nationalistische und manchmal auch antisemitische Elemente in sich aufnahmen. Dem Zentrum gelang massenhafte Mobilisierung im Grunde am frühesten, und zwar im Kulturkampf der 1870er Jahre, wenn auch begrenzt auf den katholischen Bevölkerungsteil und seit den 1880er Jahren trotz des »Volksvereins« ein wenig rückläufig. Es müsste möglich sein, diese Prozesse überlokaler und überregionaler Mobilisierung auch an anderen Symptomen zu verdeutlichen: an der Zunahme und 245

Verbreitung einschlägigen Schrifttums in einer Zeit, in der die Analphabetenrate gegen Null tendierte; an den steigenden Zahlen von Teilnehmern an nationalen Aufmärschen und Festen, zunehmend organisiert; an der Zunahme überregionaler und überlokaler Nation-bezogener Inhalte im öffentlichen Bildungswesen, vor allem in den Volksschulen, die für mehr als 90 % der Heranwachsenden die einzige Schulerfahrung darstellten. Dass selbst in den katholischen Teilen Bayerns nach 1870 die Pflege deutsch-nationaler Ideale und Sichtweisen im Volksschulunterricht an die Seite der einzelstaatlichen Traditionspflege und der Erziehung zur Heimatliebe trat, hat kürzlich Werner Blessing gezeigt: der Kaiserkult trat neben das Königslob, der Krieg von »70/71« wurde als heilige Feuertaufe der Nation stilisiert, nationalliberale Schullehrer setzten sich durch. Erst recht galt das für den Geschichtsunterricht, der 1872 in Preußen obligatorisch wurde. Vermutlich wurden im Zuge dieser Einbeziehungsprozesse die regionalen und lokalen Differenzierungen ein Stück weit abgeschliffen. Zwar ist bekannt, dass die regionale Ungleichheit, soweit sie an Einkommen und Vermögen, Industrialisierungsgrad, Ärztedichte und dergleichen gemessen wird, bis 1914 nicht abnahm, vielmehr vielleicht sogar zunahm, wenn auch auf insgesamt steigendem Niveau. Es ist auch klar, dass regionale und landschaftliche Unterschiede in politicis, in der Sprache, in den Nahrungsgewohnheiten, in den demographischen Trends weiterbestanden. Regionales historisches Bewusstsein scheint seit Ende des 19. Jahrhunderts sogar neu belebt worden zu sein, wenn man die Begründung regionaler Historischer Kommissionen und die Betonung von heimatlich-landschaftlichen Traditionen in der Zeitschriftenliteratur als Indizien nennt. Heinz Gollwitzer hat darauf hingewiesen. Hier ist noch viel zu erforschen. Aber in anderen Hinsichten wurden ausgeprägte regionale und lokale Fragmentierungen etwas aufgeschüttet, traten die regionalistischen und lokalistischen Dimensionen des Lebens zugunsten der reichsweiten, der nationalen Dimensionen ein Stück weit zurück. Darauf verweist vor allem die zunehmend reichsweite Organisation von Parteien und Verbänden. Auch die nationalen Agitationsverbände mobilisierten reichsweit, sie übersprangen die Stadt-LandBegrenzung und umfassten verschiedene Berufe, wenn auch nicht alle Klassen gleichmäßig und zudem ausschließlich Männer. Diese Nationalisierung der Politik signalisiert überlokale, regionübergreifende Erfahrungs- und Interessenlagen, die durch eben diese Politik nicht nur manifest gemacht, sondern auch verstärkt wurden. Sprachgeschichtliche Befunde weisen in dieselbe Richtung. Sprachhistoriker glauben nicht nur, eine allmähliche Erweiterung der sozialen Trägerschichten der Literatursprache festzustellen, sondern auch die Integration von lokal eng begrenzten Mundarten in weiträumiger verstandene Umgangssprachen, die allerdings weiterhin regional differierten und mundartlich eingefärbt blieben. Fachsprachen verschiedener Art drangen vor – und wenn, dann überregional. Normierungsversuche von oben kamen hinzu. Der erste Duden erschien 1872. 1885 gründete man den »Allgemeinen Deutschen Sprach246

verein«. Sicher gibt es andere Indizien und Belege für die partielle Entregiona­ lisierung und insofern Nationalisierung des Lebens im Kaiserreich. Mobilisierung und Entregionalisierung gingen also Hand in Hand, beförderten sich gegenseitig und resultierten überdies aus denselben Antrieben: einerseits aus den Einwirkungen eines an Bedeutung für das Leben der einzelnen Bürger wachsenden Staates, wozu oben das Nötigste angedeutet wurde; andererseits aus der Durchstrukturierung überregionaler Arbeitsmärkte im Zuge der kapitalistischen Industrialisierung, aus den Wanderungsströmen – seit 1870 zunehmend als Fernwanderung aus der Urbanisierung und dem rasanten Ausbau des Verkehrs- und Nachrichtenwesens. Dies ist nicht der Ort, Zahlen vorzutragen über Eisenbahnpassagiere, Briefe, Telegramme und Ferngespräche pro Jahr, über die Zunahme von Urlaubsreisen und Kuraufenthalten im Wilhelminischen Reich, über die sprunghafte Zunahme der mit der Post vertriebenen, also vermutlich überlokal gelesenen Zeitungs- und Zeitschriftenexemplare. Auch erspare ich mir die an sich möglichen Informationen über Wanderungsfrequenzen und Distanzen, über Karrierewanderungen in den überlokal sich etablierenden Großunternehmen und über die geographische Ausweitung von Heiratskreisen. Es soll nur betont werden, dass viele dieser Prozesse ihren größten Umfang und ihre höchste Geschwindigkeit im Wilhelminischen Reich und im Ersten Weltkrieg erreichten, sich danach aber wieder leicht verlangsamten – so die Wanderungen, die Verstädterung, das Wachstum der großen Unternehmen, der Ausbau des Eisenbahnwesens (natürlich nicht des Kraftwagenverkehrs). In vielen Hinsichten veränderte sich die Wilhelminische Gesellschaft schneller als die der Weimarer Republik und die des Dritten Reichs; und die hier nur angedeuteten beschleunigten Veränderungen  – Wanderungen, Verkehrsund Nachrichtenrevolution etc. – waren, zusammen mit den interventionsstaatlichen Eingriffen, dafür verantwortlich, dass herkömmliche, kleinräumige Bindungen der Menschen gelockert oder sie aus diesen herausgelöst wurden, dass sie überlokal und überregional miteinander zu tun bekamen, dass sie bereit gemacht und freigesetzt wurden für neue Identifikationen überlokaler, überregionaler, nicht-traditionaler Art, also etwa für nationale Identifikationen, und zwar bis tief hinein in die untere Mittelschicht und in die Unterschicht.

Sozialer Ausgleich und soziale Konflikte im Nationalstaat Bedeutete das alles auch politische Integration in der dritten der genannten Bedeutungen, im Sinn von Konsensstiftung? Man wird in Rechnung stellen müssen, dass die Industrialisierung und der sich mit ihr durchsetzende Kapitalismus sowie die damit verbundenen Erneuerungen, Verschiebungen und Zerstörungen die sozialen Spannungen und Konflikte bedeutend anschwellen ließen. Die Ungleichheit der Einkommen, Vermögen und Lebenschancen nahmen mindestens bis 1900 zu, wenn auch auf 247

insgesamt steigendem Niveau. Der Gegensatz zwischen gewerblicher Arbeiterschaft und Unternehmern, zwischen proletarischer Bewegung und bürgerlicher Gesellschaft bezeichnete nur eine der vielen Fronten, die die Gesellschaft des Kaiserreichs durchfurchten, wenn auch sicher die wichtigste. Die Infragestellung älterer Lebensformen führte zu sozialen Abstiegsprozessen und Abwehrversuchen, die Zerstörung älterer Bindungen zu unbefriedigtem Orientierungsbedarf und Angst. Konnte der Nationalstaat Solidarität und Zustimmung stiften, die diesen sozialen Spannungen und Konflikten entgegenwirkten? Sicherlich gingen vom deutschen Nationalstaat solche Wirkungen aus. Die allmähliche Einbindung der katholischen Minderheit wäre ein Beispiel. Es besteht auch kein Zweifel, dass die Leistungen der staatlichen Sozialversicherung zur Besserung der Lage vieler Arbeiter beitrugen; und es ist hochwahrscheinlich, dass sie mithalfen, die Legitimitätsbasis des Reiches in der arbeitenden Bevölkerung zu erhöhen. Wie der fast voll durchgesetzte Volksschulunterricht auf die vielen wirkte, ist schwer zu erschließen: sicher verschiedenartig und oft nicht sehr tief, aber es ist auch nicht auszuschließen, dass er eine gewisse und unbewusste Nationalisierung der ländlichen und städtischen Unterschichten beförderte, wie Guenther Roth meinte. Die drei-, später zweijährige Dienstzeit, mit der etwas mehr als 50 % aller jungen Männer Bekanntschaft machten, funktionierte wohl kaum als »Schule der Nation«, als Erziehung zur Vaterlandsliebe und zum Anti-Sozialismus. Die von ihr ausgehenden Disziplinierungsaspekte sind gleichwohl schwer abzuschätzen; sicherlich bedeutete der Militärdienst für die jungen Männer nicht nur eine abstoßende, sondern auch eine neuartige Erfahrung und Blickerweiterung, an die man später nicht ungern zurückdachte. Auch was die Inszenierungen des Nationalstaats angeht, die Denkmalsenthüllungen und Sängerfeste, die Sedansfeiern und Kaiser-Geburtstage, so ist ihre Wirkung schwer abschätzbar. Man kann mit George Mosse die Popularisierung und Quasi-Demokratisierung der politischen Rituale betonen. Man kann auch mit Theodor Schieder die Unsicherheit der damaligen Reichssymbolik herausarbeiten: die offizielle Zurückhaltung und das Schwanken in der Flaggenfrage, das Fehlen einer offiziellen Nationalhymne, die großen Stilschwankungen in der Architektur der Nationaldenkmäler, den Streit um die Sedansfeier, diese Bielefelder (Bodelschwinghsche) Erfindung. Immerhin setzte sich das Deutschland-Lied seit den 90er Jahren durch. Auch in sozialdemokratischen Wohnungen konnte man Bilder des Kaisers, Moltkes und Bismarcks neben Portraits von Bebel, Liebknecht und Lassalle sehen, Heiligenbilder übrigens auch; und wenn die im Kyffhäuserbund zusammengeschlossenen Kriegervereine 1913 fast drei Millionen Mitglieder zählten, dann dürften neben vielen Kleinbürgern und Bauern auch manche Arbeiter dazugehört haben. Sozialdemokraten und Mitglieder der sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaften sollen unter ihrem oft behördlich erzwungenen Ausschluss gelitten haben. Man wird die genaue Bedeutung dieser staatlichen Veranstaltungen für die politische Integration der Deutschen nie wirklich genau bestimmen können, schon deshalb nicht, weil sie von den zum Teil viel wichtigeren Auswirkungen 248

nicht-staatlicher Veränderungen, der Arbeits-, Verdienst- und Lebensverhältnisse, des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts, der Urbanisierung und der Wanderungen nicht isoliert werden können. Zweifellos gewann dieses Deutsche Reich – durch Indoktrination und Leistung auf der Grundlage des langsam steigenden Lebensstandards – an Zustimmung auch in der gewerblichen Arbeiterschaft dazu, sonst wäre deren Haltung beim Kriegsausbruch 1914 ebensowenig zu verstehen wie der bemerkenswerte Zusammenhalt des Staates in der Zerreißprobe von Weltkrieg und Revolution. Doch das war nur die eine Seite. Auf der anderen Seite bestand, je länger, desto klarer, ein merkwürdiges Verhältnis der wechselseitigen Verstärkung zwischen sozialen Konflikten und nationalstaatlicher Ideologie beziehungsweise Nationalismus. Nationalismus war niemals innenpolitisch neutral. In seinen Frühphasen  – den Phasen der Bewegung  – verband er sich stärker mit den Kräften des Wandels, der Emanzipation, der Herausforderung, des angreifenden Liberalismus und der Demokratie. Im späten 19.  Jahrhundert dagegen  – im etablierten Nationalstaat – verband er sich häufiger mit den Kräften der Abwehr und Herrschaftssicherung. Diese Umakzentuierung des Nationalprinzips von der linken zu einer rechten Ideologie lässt sich wohl auch in anderen Ländern beobachten. Doch in Deutschland geschah sie auf besonders ausgeprägte Art und Weise, dank der Tatsache, dass die deutsche Nationalbewegung in ihrer Wendung gegen Frankreich früh anti-westliche, anti-konstitutionelle, antidemokratische Elemente in sich aufgenommen hatte; dank der Tatsache, dass sie sich nicht auf der Basis eines verfassten Nationalstaats entwickeln und somit die freiheitliche Staatsnation nicht so ins Zentrum ihrer Argumentation rücken konnte, wie die Schweiz, wie Frankreich oder USA; dank der Tatsache, dass die Nationalstaatsbildung zuletzt unter obrigkeitlicher Regie und gegen linksliberale Demokraten und Sozialdemokraten zustande gekommen war; auch dank der tiefgreifenden Konflikte und Brüche im Herrschaftssystem des Kaiserreichs, die den Gebrauch des Nationalismus als Mittel der manipulativen Integration auf Kosten von »Reichsfeinden« besonders nahe legten. Natürlich gab es auch im späten Kaiserreich Ausnahmen: Man denke an Friedrich Naumann, der sich für die Machtentfaltung des deutschen Nationalstaats und zugleich für demokratischsoziale Reformen einsetzte. Aber insgesamt und in der Regel wurden Nationalstaatsideal und Nationalismus zu Kampfinstrumenten gegen die Linke schon unter Bismarck und erst recht im Wilhelminischen Reich. Der aufschäumende Nationalismus der Agitationsverbände zielte nicht nur auf deutsche Weltmachtgeltung nach außen, sondern eben auch auf Ablehnung der Linken im Innern. Immer deutlicher gewann der Begriff »national« anti-sozialistische, anti-demokratische, ja anti-liberale Bedeutungsebenen hinzu. Seine ehemals stärkere Integrationskraft ließ nach. Er wurde zu einem Instrument der Trennung. Viele Beispiele und Belege könnte man nennen; ich beschränke mich auf zwei Illustrationen: Die Sozialdemokratie, mit Unterstützung ihrer Basis, feierte den Sedanstag nicht mit. Lieber feierte sie den 18. März zur Erinnerung an die revo249

lutionären Kämpfe in Berlin 1848 und an die Erhebung der Pariser Commune 1871, später den 1. Mai. Und in den 1880er Jahren spätestens verloren die für die nationale Bewegung so wichtigen Sänger- und Turnervereine die meisten ihrer proletarischen Mitglieder, eine proletarische Turn- und Gesangsbewegung entstand als Teil einer relativ separaten Arbeiterbewegungskultur. Der Nationalismus verschärfte und fundamentalisierte den Klassenkonflikt, den gewisse Ergebnisse der Industrialisierung und andere Leistungen des Nationalstaats zu mildern tendierten. Umgekehrt speisten soziale Spannungen den immer radikaleren Nationalismus im Wilhelminischen Reich. Dies ist ein vielschichtiges Problem. Ich meine zum Beispiel den aggressiven integralen Nationalismus als Mittel der moralischen Selbstbestätigung in Frage gestellter Mittelschichten; den extremen Nationalismus des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes als Antwort auf drohende Deklassierung und als Mittel der Absetzung von einem fälschlich als anti-national ausgegebenen Proletariat. Der zum Chauvinismus sich steigernde Nationalismus des Kaiserreiches und der Zwischenkriegszeit lässt sich nur erklären, wenn man sich soziale Konflikte und soziale Desintegration als seine Treibsätze vor Augen hält – so komplex und schwer durchschaubar die Mechanismen im einzelnen auch waren. Schließlich zum letzten der vier Komplexe, die Anfang der 1870er Jahre der Vollendung des Nationalstaats entgegenstanden, zur mangelnden Deckung von Sprach- beziehungsweise Kulturnation und Nationalstaat: Auch dieses Problem wurde durch machtvolle Selbstentfaltung des Nationalstaats nicht gemildert, sondern verschärft. Man denke an Westpreußen, die Provinz Posen und Oberschlesien. Der Kampf der Nationalitäten wurde härter; es wurde immer schwerer, sich darin neutral zu verhalten und, etwa in Oberschlesien, jener Zwischenschicht anzugehören, die zweisprachig war und sich weder als deutsch noch als polnisch definierte. Die Mobilisierung, Selbstabgrenzung und Feindschaft der polnischen Minderheit waren die notwendige Folge des Übergangs vom in gewisser Weise vor-nationalen preußischen Staatsgedanken zur deutschnationalen Reichspolitik. Von Konsensbildung kann man nicht sprechen. Auf diesem Gebiet führten nationalstaatliche Integrationsversuche nur zu ihrem Gegenteil, jedenfalls im Osten und im Norden. Wenn die Existenz von Millionen Deutschen außerhalb des deutschen Nationalstaats in letzter Konsequenz im Widerspruch zu dessen Grundprinzipien stand, so wurde dies für die offizielle Politik des Reiches bis 1914 noch kaum zum Problem. Die stark expansiven Elemente in der Außen- und Außenwirtschaftspolitik des Reiches in der Epoche des Imperialismus waren zum geringsten Teil  volkstumpolitisch-volksnational motiviert. Diese Zurückhaltung erklärt sich nicht nur aus der Rücksicht auf den österreichischen Bündnispartner, den eine großdeutsch-nationalistische Zielrichtung vor allem getroffen hätte. Sie erklärt sich auch aus der preußisch-norddeutsch-protestantischen Prägung dieses Reiches und aus der eher monarchisch-nationalen Staatsorientierung seiner führenden Beamtenpolitiker. Völkisch-großdeutsche Motive begannen ihre expansive und unter den gegebenen Umständen destabilisierende Wirkung unter­ 250

halb der Regierungsebene zu entfalten, auch in Form rechter Opposition gegen die als zu moderat kritisierte Regierungspolitik, so etwa bei den im Grunde oppositionell eingestellten Alldeutschen sowohl im Reich wie in Wien um Schönerer. Chamberlains Satz vom »Pangermanischen Weltreich deutscher Nation« fiel hier auf fruchtbaren Boden. Großdeutsche Gedanken spielten in der imperialistischen Rhetorik der Zeit eine unübersehbare Rolle. Unter den gegebenen Bedingungen – nämlich: Inkongruenz zwischen Nationalstaat und Sprachbeziehungsweise Kulturnation, ein stark auf gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte statt auf Staat und Verfassung aufruhender Nationalgedanke – erwies sich das Nationalstaatsprinzip als expansiv, über den Status quo hinausdrängend, als aggressiv. Am Übergang vom moderaten Allgemeinen Deutschen Schulverein von 1881 zum Verein für das Deutschtum im Ausland mit seinen nationalistisch-volkstumpolitischen Zielen lässt sich diese Dynamik eines sich unter diesen Bedingungen fast notwendig radikalisierenden Nationalstaatsgedankens zeigen, eine Dynamik, die nicht nur den inneren Frieden gefährdete, sondern auch auf Verschärfung der Außenkonflikte drängte.

Die Zuspitzung im Ersten Weltkrieg Am Vorabend des Ersten Weltkriegs hatte die politische Integration der Deutschen im Reich große Fortschritte gemacht. Dies galt zum einen für den Prozess der inneren Staatsbildung: Mehr als je zuvor hatte Nation nun eine staatliche Dimension; eben dies rückte die Geschichte der Reichsdeutschen von der Geschichte der Deutsch-Österreicher, Deutsch-Schweizer und Volksdeutschen ab. An der Auseinanderentwicklung von reichsdeutscher und deutsch-österreichischer Arbeiterbewegung die um 1870 gemeinsam entstanden waren, lässt sich das exemplarisch verdeutlichen. Fortgeschritten war auch die Mobilisierung breiter Bevölkerungsschichten und ihre Einbeziehung in die Nation. Auch gewisse Entregionalisierungs- und Entlokalisierungsprozesse hatten stattgefunden wenn auch begrenzt. Um 1914 besaß der Begriff »Nation« mehr realen Gehalt als 1870. Was Integration als Konfliktlösung und Konsensbildung angeht, war die Bilanz jedoch zwiespältig: einerseits Legitimationszuwächse des Nationalstaats, Ansätze zur ausgleichenden Solidarität; andererseits und vor allem konflikttreibende Wirkungen des Nationalgedankens in Form des unter den gegebenen Bedingungen notwendig aus ihm hervorgehenden Nationalismus. Der Weltkrieg beschleunigte die genannten Tendenzen und trieb sie  – in kriegsspezifischen Verzerrungen – auf einen letzten Höhepunkt. Doch sein Ausgang veränderte die Rahmenbedingungen. Im Krieg machte der Ausbau des Interventionsstaates rasante Fortschritte; die Zentralisierung auf Reichsebene ging schnell weiter; der Staat übernahm Aufgaben, mit denen er sich übernahm; die Kritik an ihm nahm von allen Seiten zu  – eine wichtige Bedingung der Revolution. Die Mobilisierung der Be251

völkerung schritt voran, wenn auch zunächst, unter zunehmend durchlöcherten Burgfriedensbedingungen, ohne die früheren Manifestationsmöglichkeiten. Insbesondere Frauen und Jugendliche gerieten nun verstärkt in diesen Mobi­ lisierungssog. Mindestens im Falle der Jugendlichen wurde das auch in den 20er und 30er Jahren nicht rückgängig gemacht. Die Zentralisierung des politischen Lebens, die gemeinsame Erfahrung der Nation im Krieg und die außer­ ordentliche Fluktuation der Kriegsjahre ließen die Entregionalisierung weiter voranschreiten. Noch einmal versuchte sich das Nationalstaatsprinzip in seiner ausgleichenden, nach innen pazifizierenden Funktion. »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.« Im Dienst an der gemeinsamen nationalen Kraft­ anstrengung in einem als gerecht empfundenen Krieg wurden die inneren Konflikte zunächst stillgelegt. Im Zuge der kriegsbezogenen nationalen Einigkeit baute man Brücken über die Klassenlinie hinweg, oft unter behördlicher und militärischer Regie. Erst jetzt gelang die staatliche »Anerkennung«, die politische Integration der dazu nur allzu bereiten Organisationen der Arbeiterbewegung. Die Grundlagen der Weimarer Sozialpolitik wurden im Weltkrieg gelegt. Doch die Fortschritte politischer Integration im kämpfenden Nationalstaat stießen bald auf deutlich empfundene Grenzen: Fest eingegrabene innen- und außenpolitische Interessenpositionen verhinderten tiefergreifende Reformen, zum Beispiel in der Frage des preußischen Wahlrechts oder der Parlamentarisierung. Die durch das Burgfriedens-Versprechen mit seinen egalisierenden Implikationen hochgeschraubten Erwartungen sahen sich enttäuscht. In der »belagerten Festung« Deutschland setzten Verarmungsvorgänge ein, die sich der staatlichen Gegensteuerung entzogen und Ungleichheit verschärften. Der Krieg dauerte an, und insbesondere, wenn die Erfolge ausblieben, wuchs unter dem Eindruck der immensen, ebenfalls ungleich verteilten Opfer der Zweifel am Sinn seiner Fortsetzung. Die Debatte über die Kriegsziele spaltete die Nation seit 1917. Die polarisierenden und illiberalen Wirkungen des Nationalismus traten damit wieder schärfer hervor. Die nationalistische »Vaterlandspartei« vom Sommer 1917 agitierte eben nicht nur für einen »Siegfrieden«, für Annexionen und deutsche Weltgeltung, sondern zugleich gegen die Forderungen der Linken, gegen Parlamentarisierung, Demokratisierung und gewerkschaftlichen ­Einfluss. Die nationale Frage verband sich immer mehr mit der Diskriminierung von  Minderheiten, so im auffällig anschwellenden Antisemitismus des letzten Kriegsjahres. In der außerordentlichen Zerreißprobe des langen Krieges zeigte sich zwar, welchen Fortschritt die politische Integration der Deutschen in den letzten Jahrzehnten gemacht hatte; selbst in Revolution und Niederlage stand die Einheit des Reiches als solche kaum ernsthaft zur Debatte; der Zusammenhalt des Reiches bedurfte nicht mehr »der Vermittlung dynastischer Anhänglichkeit«, wie Bismarck noch in Gedanken und Erinnerungen gemeint hatte. Das Bleich hielt zusammen, allerdings auch deshalb, weil anders als nach 1945 die Mehrheit der 252

Sieger an einer deutschen Teilung nicht interessiert war und ein inter-alliierter Grundsatzkonflikt mit seinen zentrifugalen Folgen ausblieb. Doch andererseits führte der Druck des Krieges zu neuen Polarisierungen und politischer Des­integration in der deutschen Gesellschaft. Der Nationalismus verlor erneut seine kurzfristig revitalisierte, nach innen integrierende, versöhnende Kraft. In der Revolution trat dies deutlich zutage.

Ausblick auf Weimar und Drittes Reich Viele der im Kaiserreich beobachteten Prozesse setzten sich in der Weimarer Republik fort: die Zunahme staatlicher Funktionen und Ämter auf Reichsebene; die Schwächung des Regionalismus durch den weiteren Ausbau des Verkehrs- und Nachrichtennetzes sowie durch die Entwicklung neuer Formen der Volks- oder Massenkultur. Der Übergang zum Verhältniswahlrecht erleichterte die weitere »Entregionalisierung« der Parteien; gleichmäßiger als im Kaiserreich verteilten sie nunmehr ihre Kandidaten aufs ganze Reich. Die politischen Teilnahmerechte wurden ausgeweitet; sie waren nun nicht mehr auf den männ­ lichen Teil der Bevölkerung beschränkt; die politische Mobilisierung der breiten Bevölkerung ging nur zeitweise zurück und erreichte in der Wirtschafts-, Gesellschafts- und Staatskrise um 1930 neue, fiebrige Höhepunkte. – Aber einiges hatte sich gegenüber dem Kaiserreich fundamental verändert: 1. Nie zuvor war der Widerspruch zwischen hochgetriebenen nationalen Erwartungen und ihrer demütigenden Enttäuschung so ausgeprägt gewesen wie jetzt nach dieser nicht akzeptierten Niederlage. Eine weitere Radikalisierung des Nationalismus war die Folge. Er kristallisierte sich um den Kampf gegen die leidenschaftlich abgelehnte Festschreibung der Niederlage, den als nationale Demütigung empfundenen Versailler Vertrag und gegen die, die ihn zähne­ knirschend unterzeichnet hatten, um Schlimmeres zu verhüten. Der Kampf gegen das »Diktat von Versailles« verknüpfte den radikalisierten Nationalismus und den aufsteigenden Nationalsozialismus am augenfälligsten. 2. Durch die erzwungenen Abtretungen verlor das Reich größtenteils seine nicht-deutschen Minoritäten. Doch was dies an gesteigerter politischer Integra­ tionskraft hätte erbringen können, wurde bei weitem wettgemacht durch ein weiteres Problem: 3. Es gab das neu entstandene oder doch ungemein verschärfte Problem der Volksdeutschen. Nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie und nach der Errichtung der Nationalstaaten in Ost-Mitteleuropa stellte sich die Inkongruenz von deutschem Nationalstaat und deutscher Sprach- beziehungsweise Kulturnation als viel größere Herausforderung dar als je im Kaiserreich. Aus ihrem staatlichen Verband entlassen, schlug im Bewusstsein der Deutschen in Österreich, wie der in Böhmen und Mähren, die Zugehörigkeit zur vorstaatlich verstandenen deutschen Nation noch einmal voll durch; auch den Deutschen im 253

Reich schien der »Anschluß« natürlich. Nur außenpolitische Zwänge verhinderten ihn. Irridentaprobleme entstanden, das deutsch-nationale Bewusstsein der »Deutsch-Österreicher«, der »Sudetendeutschen«, der Deutschen Ost-Mittel­ europas schwoll an, und die »östliche Zerstreuung« (W. Conze) wurde auch den Deutschen des Reiches stärker bewusst als vor 1914. Dies verstärkte den Nationalismus im Reich, der sich unter solchen Bedingungen mit Notwendigkeit völkisch orientierte, das heißt: sich vom westlichen Begriff der Nation noch stärker absetzte und auf der Vorstellung eines deutschen Volkes aufruhte, das über die bestehenden Grenzen zwischen den Staaten hinweg existierte und diese in Frage stellte. Viel deutlicher als vor 1914 stand damit der deutsche Nationalismus gegen die Grenzziehungen der europäischen Landkarte. 4. Aus Krieg und Revolution war eine parlamentarisch-demokratische Re­ publik hervorgegangen, von Sozialdemokraten, bürgerlichen Demokraten und Liberalen, teilweise vom Zentrum, getragen. Diese Verbindung der den Natio­ nalstolz verletzenden Niederlage mit der Demokratisierung verschärfte den vom Kaiserreich her ohnehin angelegten Konflikt zwischen Nationalismus und demokratischer Idee nebst ihren Befürwortern. Anders als im Kaiserreich, aber formal ähnlich wie vor 1866/71, stand der Nationalismus nun eindeutig gegen das existierende System, gegen Verfassung und Staat. Damit entfiel eine wichtige Einbindung des Nationalismus, die im Kaiserreich seiner auch damals nicht ganz fehlenden radikalpopulistisch-völkischen Wendung hemmend im Weg gestanden hatte. Entsprechend veränderte sich jetzt die nationale Rechte in ihrer Stoßrichtung, ihrer Radikalität und ihrer sozialen Zusammensetzung. Die nationale Rechte gestand der parlamentarisch-demokratischen Republik nicht zu, Fortsetzerin der Nationalgeschichte zu sein. Die nationalistischen Visionen (jedenfalls in ihren vorwiegenden Varianten) richteten sich nicht nur gegen den status quo der internationalen Beziehungen, sondern auch gegen den existierenden Staat und seine Verfassung. Zur politischen Integration der Deutschen trug der Nationalismus damit nicht mehr das geringste bei, ganz im Gegenteil: Er zersetzte den Konsens, der sich aus anderen Quellen speiste. Erst als mit Hitlers Machtübernahme die nationalistische Revision des internationalen wie des verfassungspolitischen Status quo zur offiziellen Politik des Staates wurde – und zwar, anders als vor 1866, in rücksichtsloser, die Folgen nicht achtender, explosiver Weise und im Sieg über Demokratie, Rechtsstaat und Republik –, entwickelten Nationalstaat und Nationalismus erneut so etwas wie eine späte integrative und mobilisierende Kraft, wenn auch in engen Grenzen und mit riesigen Opfern. Ich meine Leistungen der Ressourcenmobilisierung im Namen nationaler Ziele, Schwächungen überkommener sozialer Barrieren und Autoritäten als Teil einer nicht ausschließlich ideologischen Volksgemeinschaftspolitik, die fortschreitende Entprovinzialisierung des Lebens und die Einbeziehung bis dahin kaum in nationale Kommunikationszusammenhänge einbezogener Gruppen, vor allem auf dem Lande. Die Grenzen dieses Prozesses nationaler Integration macht die neuere sozialgeschichtliche Forschung allerdings immer klarer: In breiten Bevölkerungsschichten hielt sich die nationale 254

Begeisterung sehr in Grenzen. Dauermobilisierung gelang dem Regime keineswegs. Der Politisierungsgrad der frühen 1930er Jahre wurde nicht gehalten; Depolitisierung setzte ein, als Reaktion gegen die Zumutungen des Systems und zugleich mit der Folge seiner Stabilisierung. Der Rückzug ins Private, die individuelle Leistungsanstrengung im isolierten Bereich der eigenen Zuständigkeit, Freizeitbetrieb und bescheidener Konsum, individuelles Sich-Durchlavieren – bei grundsätzlicher Akzeptierung oder doch Tolerierung des neuen Systems – kennzeichneten die Stimmung in der breiten Bevölkerung viel mehr als politisierte Identifikation mit Volk und Führer, allerdings auch sehr viel mehr als Resistenz oder gar Widerstand. Die Opfer der nationalsozialistischen Volksgemeinschafts- und Expansionspolitik prägen zu Recht unser Bild von jener Zeit mehr als alles andere: im Innern die Unterdrückung und Verfolgung, Vernichtung und »Ausmerzung« eines Teils der Nation, der politischen Gegner, der Juden und »volksfremden« Minoritäten überhaupt; nach außen (und schließlich nach innen zurückschlagend) die vielen Millionen Toten, die massivsten Verwüstungen und grenzenlosen Beschädigungen als Folgen der Aggression. Seit den 1870er Jahren entfaltete das nationale Prinzip, in fließendem Übergang zum Nationalismus gesteigert, nicht nur integrierende, sondern immer auch polarisierende, ausgrenzende und desintegrierende Kraft: zwei Seiten einer Medaille. Je später, desto mächtiger setzte sich die zweite, die destruktive Seite durch und verzerrte, was von der ersten noch überlebte. Was blieb, war ein Trümmerhaufen. Diese nationale Tradition bietet wenig Anknüpfungspunkte – leider.

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17. 1945: Neubeginn oder Restauration? Historische Grundlagen der Bundesrepublik Deutschland1

Die Frage Als sich 1990 abzuzeichnen begann, dass mit der anstehenden Wiedervereinigung Deutschlands auch die alte Bundesrepublik zu Ende gehen würde, zeigte sich, wieviel Zustimmung sie nach mehr als vierzig Jahren in den verschiedensten Bevölkerungsgruppen gefunden hatte. Der Zusammenbruch der DDR stärkte – zumindest vorübergehend – das Selbstbewusstsein der ­Bundesrepublik ungemein. In fast allen Teilen des politischen Spektrums herrschte nun die Überzeugung vor, dass die Geschichte der Bundesrepublik, gemessen an früheren Perioden deutscher Geschichte und im Vergleich zur scheiternden DDR, insgesamt eine Erfolgsgeschichte gewesen sei – trotz aller Schwächen, Unvollkommenheiten und Widersprüche. Dabei geriet in Vergessenheit, dass die Bundesrepublik Deutschland während des allergrößten Teils ihrer Lebenszeit ungemein kontrovers beurteilt worden ist. Dabei meine ich nicht so sehr die Kontroverse über den Verlust und die Wiederherstellung der nationalen Einheit. Diese Debatte bewegte die fünfziger Jahre und begleitete die Entscheidung für die Westbindung der Bundesrepublik, die von Konrad Adenauers Regierung durchgesetzt und lange von den nationaleren Sozialdemokraten unter Kurt Schumacher bekämpft worden war. Aber seit den sechziger Jahren trat diese Kontroverse rasch in den Hintergrund, und zwar so sehr, dass die Deutschen von der Möglichkeit ihrer Wiedervereinigung 1989/90 gründlich überrascht wurden. Vielmehr denke ich an die große Kontroverse über den Stellenwert der »Gründerjahre« 1945–49 im Rahmen der langfristigen Geschichte von Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. Von der Beurteilung dieser Jahre hing sehr lange die grundsätzliche Stellung ab, die jemand gegenüber Gegenwart und Zukunft der Bundesrepublik einnahm – bis weit in die achtziger Jahre. Zwei gegensätzliche Hauptpositionen ließen sich unterscheiden. Da war zum einen die Restaurationsthese. Sie war älter als die Bundesrepublik selbst. Schon im Herbst 1946 bedauerte der Schriftsteller Hans Werner Richter in der neuen Zeitschrift »Der Ruf«, dass die mögliche und notwendige Neuordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland nach dem Zusammenbruch versäumt worden sei. »Deutschland ist ein Land der halben und niemals beendeten Revolutionen …« [Nach Kriegsende] »ist nicht etwa, wie es doch zu erwarten war, eine 256

Revolution über dieses Land hingegangen, sondern hat lediglich eine behördlich genehmigte Restauration stattgefunden.«2 Seitdem begleitete der Restaurationsvorwurf die Entwicklung der Bundesrepublik. Er wurde zu einem Kernstück so mancher Kritik an der bundesdeutschen Gesellschaft, vor allem aus einer marxistischen Perspektive. So las man in dem weit verbreiteten Taschenbuch Determinanten der westdeutschen Restauration 1945–1949: »In die Zeit von 1928 bis 1949 fallen zwei entscheidende Niederlagen der deutschen Arbeiterklasse. Der Sieg des Faschismus 1933 führte große Teile ihrer Organisationen SPD und KPD in die Konzentrationslager, das Proletariat selbst auf die Schlachtbank des Zweiten Weltkriegs … Die zweite … Niederlage war mit der Proklamation der BRD als bürgerlich-parlamentarisch ver­ faßtem deutschen Teilstaat angezeigt: Untätig und zersplittert, nahm die Arbeiterklasse die Ratifikation der von den Westalliierten betriebenen Restauration eines spät­kapitalistischen Systems hin, das dem von Weimar gar nicht so unähnlich war.«3 In der Konsequenz dieses Arguments lag dann häufig die Behauptung, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Konstellation, die den National­ sozialismus hervorgebracht habe, in der Bundesrepublik im Grundsatz weiterbestehe. Faschismusanalyse, Beurteilung der »Gründerjahre« und Gegenwartsverständnis verschränkten sich. Dasselbe galt für die wichtigste Gegenposition, jedoch mit anderem Inhalt und anderem Ergebnis. Sie wurde am klarsten um 1960 von dem liberalen Soziologen Ralf Dahrendorf formuliert. Er meinte, dass Hitler-Diktatur, Krieg und Zusammenbruch wie eine teils gewollte, teils ungewollte Revolution gewirkt hätten. Feudale, obrigkeitsstaatliche und illiberale Traditionen in Gesellschaft, Staat und Kultur seien durch jene »Revolution« vernichtet oder doch sehr geschwächt worden. Damit seien gerade jene gesellschaftlichen Bedingungen, die den Faschismus in Deutschland im Unterschied zu anderen kapitalistischbürgerlichen Systemen ermöglicht hatten, durch Sieg und Niederlage eben dieses Faschismus zerstört worden.4 Der sozialdemokratische Theoretiker Richard Löwenthal schloss sich im Grundsatz an und schrieb in seinem Rückblick nach 25 Jahren Bundesrepublik: »In Wirklichkeit waren Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik etwas völlig Neues nicht nur gegenüber der untergegangenen Hitlerdiktatur, sondern auch gegenüber der Weimarer Republik und dem Kaiserreich … Zum ersten Mal entstand auf deutschem Boden, auf dem Hintergrund einer liberalen Staats- und Wirtschaftsordnung, eine im westlichen Sinne bürgerliche Lebensform, gleich weit entfernt vom hierarchischen Untertanengeist der Wilhelminischen Ära und von der formlosen Gärung der Weimarer Zeit.«5

Was spricht für die Restaurations-, was für die Neubeginn-These? Welche Kontinuität verbindet die Nachkriegszeit mit den Jahren und Jahrzehnten davor? Welche Brüche und Diskontinuitäten traten auf und wodurch? Hielt die Zeit radika­lere Wandlungen als Möglichkeiten bereit, die nur nicht wahrgenom257

men wurden? Welche Chancen wurden verpasst, welche Gefahren vermieden? Was war bedeutsamer: Kontinuität oder Diskontinuität, Restauration oder Neu­ beginn?

Kapitalistische und bürokratische Kontinuität »Ich war entschlossen, keine halben Dinge zu machen, sondern ich war entschlossen, diesmal alles auf eine Karte zu setzen. – Nicht um ein System handelt es sich, sondern es handelt sich darum, ob diese 85 Millionen Menschen in ihrer nationalen Geschlossenheit ihren Lebensanspruch durchsetzen können oder nicht. Wenn ja, dann gehört diesem Volk die Zukunft Europas. Wenn nein, dann wird dieses Volk vergehen, dann wird es zurücksinken, und es wird nicht mehr lohnend sein, in diesem Volk dann zu leben!«6 Was Hitler in dieser Sportpalast-Rede am 16. Dezember 1940 als zweite ungeheuerliche Möglichkeit ankündigte, schien im Mai 1945 Wirklichkeit zu werden. Bedingungslose Übergabe setzten die Alliierten durch, nicht nur in militärischer, sondern auch in staatlichpolitischer Hinsicht. Der totale Krieg zog die totale Niederlage nach sich. Die Besiegten hatten die Souveränität über Terri­ torium und Bevölkerung an die Sieger abzugeben. Das war ein historisches und völkerrechtliches Novum. »Tabula rasa« sollte gemacht werden. Ausrottung des Nazismus, Entschädigung der Sieger, langfristige Kontrolle und Vorbereitung einer demokratischen Neuordnung  – das waren die alliierten Ziele. Mit dem Verlust seiner Handlungsfähigkeit war das 1871 gegründete Deutsche Reich, historisch-politisch gesehen, am Ende, was immer spätere Völker- und staatsrechtliche Konstruktionen auch behaupten würden. Was an Behörden auf lokaler Ebene weiterarbeitete, tat dies im Auftrag und unter den Anordnungen der Besatzungsmacht. Die zeitgenössische Formel von der »Stunde Null« meinte aber mehr als das staatliche und militärische Ende. Sie signalisierte nämlich auch das Ende oder doch die tiefe Infragestellung einer Vielzahl von sozialen Beziehungen, Verhaltensweisen, Einstellungen und Werten. Viele der Überlebenden hatten Gewalt und massenhaften Tod kennengelernt, an der Front, in den Konzentra­ tionslagern, im Bombenkrieg der Städte, bei den Vertreibungen. Dies bedeutete viel für Mitglieder einer Zivilisation, die den Tod in der Regel ganz an den Rand ihres Erfahrungsbereichs abgedrängt hatte. 1946 standen für 14 Millionen Haushaltungen nur acht Millionen Wohnungen zur Verfügung, von diesen viele beschädigt. In den Großstädten war mehr als die Hälfte des Wohnraumbestandes zerstört. Obdachlosigkeit wurde zum Massenphänomen. 1946 zählte man in den vier Besatzungszonen fast zehn Millionen Vertriebene; jeder achte Einwohner der Westzonen hatte dieses Schicksal hinter sich. Vertreibung und Flucht warfen viele aus ihrer Bahn, führten zu sozialem Abstieg, manchmal aber auch zum Aufstieg in einem Ausmaß, das ansonsten unwahrscheinlich ge258

wesen wäre. Zwei Millionen waren in Gefangenschaft, 1,6 Millionen vermisst. Im Oktober 1946 lagen beim Roten Kreuz und bei ähnlichen Stellen fast zehn Millionen Suchanträge. Individuen wurden aus sozialen Bezügen gelöst, aus Betrieben, Gemeinden, Vereinen, Verwandtschaften; am ehesten hielt die Familie, obwohl auch sie oft zerriss. Die Sozialbeziehungen wurden kleinräumiger, Naturaltausch ersetzte zum Teil die Geldwirtschaft, Informationen waren knapp; man plante nur noch über kurze Zeiträume voraus. Man lebte in einer Art Ausnahmesituation. Die Not war groß, besonders in den Städten. In Köln besaßen Ende 1945 nur 12 % der Kinder das altersmäßige Normalgewicht. Das Durchschnittsgewicht von männlichen Erwachsenen lag Mitte 1946 in der amerikanischen Zone bei ca. 51 Kilo. In Hamburg litten Ende 1945 über 100.000 Personen an Hungerödemen. Von dort berichtete der Schriftsteller Hans-Erich Nossack Ende 1945: »Vor allem ist da aber die Kälte, die Gedanken verwirren sich darüber … Die meisten Menschen laufen mit geschwollenen Fingern und offenen Wunden umher, und es lähmt alle Tätigkeit … Von 8 bis 3 Uhr halte ich im Geschäft aus, – erst ab 3 Uhr gehn die Verkehrsmittel wieder, – bin dann aber auch so erfroren, zumal ich nur zwei Scheiben trockenes Brot mitnehmen kann. Und dann beginnt ein harter Kampf um die U-Bahn. Inzwischen hat meine Frau morgens Stunden gegeben, eilt mittags eine Stunde weit, um das Essen aus der Volksküche zu holen, worauf wir mangels Gas, Elektrizität und Kochgelegenheit angewiesen sind, obwohl die meisten Lebensmittelmarken dabei drauf gehn … Zwischen 5 und 6 Uhr versuche ich zu schlafen, um einen Vorhang vor den bisherigen Tag zu ziehen und die fehlenden Kalorien gleichzeitig zu ersetzen. Später nehmen wir noch etwas Teeartiges und einen kleinen Imbiß zu uns, und sitzen dann, wenn nicht gerade Besuch verabredet ist, arbeitend bei einer 15 Watt-Kerze gegenüber. Um 10 Uhr heult die Sirene dreimal, um 10 1/4 zweimal und 10 1/2 einmal; dann ist, wie es hier heißt ›curfew‹, also Ausgehverbot. Ich selber sitze meist in Dekken gehüllt noch bis 1 Uhr auf, um dann erfroren ins Bett zu kriechen.«7

Die Entstehung öffentlicher Tugenden wurde durch diese Erfahrungen kaum gefördert. Man war froh, im Alltag und im kleinsten Kreis durchzukommen. Der Zusammenbruch war, ähnlich wie die Machtergreifung zwölf Jahre zuvor, keine gute Gelegenheit, sein politisch-moralisches Rückgrat zu beweisen, Identität zu stärken und Grundsätze zu verteidigen. Die einziehenden Alliierten wie auch die Deutschen, die jetzt aus den Gefängnissen, den Lagern oder aus der Emigration zurückkehrten, vermerkten verwundert oder auch bitter, wie eifrig alle beteuerten, eigentlich von nichts gewusst zu haben. »Wenn man sie so reden hört, muß man glauben, daß der einzige Nazi in Deutschland Adolf Hitler gewesen sei«, meinte der langjährige KZ- Häftling Kurt Schumacher im Sommer 1945.8 Sicher war das System durch seinen so sichtbaren Misserfolg, seine jetzt voll bekannt werdenden Verbrechen und die erbärmlichen Reak­ tionen seiner Führer zutiefst diskreditiert, und die Abwendung vieler geschah aus Über­zeugung. Schließlich hatte der Spuk ja auch nicht 1.000, sondern nur zwölf Jahre gewährt; auch damit hing es zusammen, dass entgegen den Er259

wartungen der Sieger keine nazistische »résistance«, keine braune Guerilla entstand. Doch viele wandten sich vom Nationalsozialismus nur aus Opportunismus ab, oder dem Zwang der Verhältnisse folgend. Viele tarnten sich und verleugneten ihre Vergangenheit, reagierten mit Zynismus, mit Verachtung gegen sich selbst und die andern. Würdelose Anbiederung an die neuen Macht­ haber war nicht selten. Andere erkannten wie der Historiker Friedrich ­Meineke: »Es ist demütigend genug für uns, daß es erst eines verlorenen Krieges bedurfte, um den Bann der Partei zu brechen.«9 Sicher verspürten auch viele die Erleichterung, noch einmal davongekommen, vom Krieg und vom gefährlichen Druck der Diktatur befreit zu sein; es gab neue Erfahrungen der Solidarität und Gemeinsamkeit über traditionelle Barrieren hinweg; viele Regeln, Konventionen und zivilisatorische Zwänge waren von der Not außer Kraft gesetzt – das hatte auch seine Reize. Doch wichtiger war, was Kurt Schumacher im Sommer 1945 so formulierte: »Größer noch als das Trümmerfeld der Wirtschaft, als das Elend und die Trauer um die sinnlos Gestorbenen, ist das geistige und moralische Trümmerfeld, das die Nazis hinterlassen haben.«10 Vor materiellen und geistigen Trümmern meinten viele, an einem Nullpunkt zu stehen, den Zwängen der Geschichte entgehen zu können und mehr als normale Gestaltungsfreiheit zu haben. Die bereits erwähnte, von jungen Intellektuellen publizierte Zeitschrift »Der Ruf« drückte diese Aufbruchsstimmung noch am 1. Oktober 1946 so aus: »Die Staatsschiffe der Gegenwart gleichen den Kauffahrteifahrern des 16.  Jahr­ hunderts. Sie sind mit dem ganzen Ballast der Vergangenheit belastet. Sie navigieren nur schwerfällig, und jede Kursänderung bereitet unendliche Schwierigkeiten. In Deutschland ist das alles zerschlagen. Es hat weder einen Staat noch eine Wirtschaftsordnung. Die junge Generation kann ganz von vorn … beginnen … Sie braucht nicht umzubauen … Sie kann neu bauen.«

Dies war ein Irrtum, eine Illusion. Denn von der Vergangenheit überlebte mehr in den Wirren der Gegenwart, um die Zukunft zu prägen, als es in den Trümmern zunächst schien. Das galt vor allem für die Wirtschaftskraft und die Wirtschaftsordnung in den westlichen Besatzungszonen. Zwar lagen die größeren Städte in Trümmern. Auch das Verkehrssystem war zerbombt worden. Aber der Zerstörungsgrad der wichtigsten Industrien lag nur zwischen 10 und 20 %; das war ungefähr soviel, wie im Krieg an Anlagen hinzugekommen war. Die Demontagen wirkten sich zwar voll auf die Ostzone aus; die im Krieg besonders stark zerstörte Sowjetunion entnahm hier bis 1954 Anlagen und laufende Produktion in Höhe von 60 Milliarden Mark. Der Gesamtwert der im Westen demontierten Anlagen hat aber nur vier Milliarden Mark erreicht  – die bald nachlassenden Zwangsexporte (vor allem an Rohstoffen) nicht gerechnet. Zwar hatten sich die Sieger auch und gerade für die Westzonen auf eine radikale Reduktion der deutschen Industriekapazität geeinigt. Man setzte Obergrenzen fest: Noch 1946 wurde eine Begrenzung auf nur 50–55 % des Vorkriegsstandes dekretiert. Das wirkte bedrohlich. 260

Doch zunächst wurden diese Obergrenzen von der gelähmten Wirtschaftsproduktion ohnehin nicht erreicht. Bevor sie hinderlich wurden, revidierte man sie im Zuge der sich schon Ende 1945 ankündigenden und bis 1947 voll durchgesetzten, von Amerika initiierten neuen Politik, die auf schnellen Wirtschaftsaufbau im Westen Deutschlands und Europas abzielte. Eine hochqualifizierte Arbeiterschaft stand ja ohnehin bereit, die sich durch den Flüchtlingsstrom weiter vermehrte. Nachdem die Lähmung der unmittelbaren Nachkriegszeit überwunden war, bedurfte es nur kräftiger Kapital­zufuhr, um den Nachteil der begrenzten Zerstörung zu einem das Wachstum antreibenden Vorteil werden zu lassen  – zumal gleichzeitig politische Wandlungen die Außenhandelsbeziehungen mit dem Westen normalisierten. Amerikanische Kredite, zum Teil  im Rahmen des Marshallplans von 1947, die kapitalfreundliche Währungsreform vom Juni 1948, die nur bescheidenen Forderungen der Arbeiter, die Schlimmeres gewohnt waren, und die staatlich geförderte unternehmerische Dynamik eines politisch wieder einmal enttäuschten Bürgertums – all das kam schließlich zusammen, um jenen Kapitalbedarf zu befriedigen. Das Wirtschaftswachstum, das schon vor der Währungsreform begann und den verschiedenen sozialen Gruppen sehr ungleich zugute kam, erschien den allermeisten so sehr als freudige Überraschung, dass sie vor der Bezeichnung »Wirtschaftswunder« nicht zurückschreckten, obwohl die Ökonomen  – jedenfalls im nachhinein – nichts Wunderliches daran finden können. Gegen das Wachstum der Wirtschaft an sich erhob sich natürlich keine Opposition. Umstritten war die Organisationsform: die kapitalistische Unternehmerwirtschaft. Deren Grundprinzipien – private, aus dem Eigentum folgende Verfügungsmacht über Kapital, dezentralisierte Entscheidungen mit Profit­ orientierung, Marktbeziehungen und Lohnarbeit – hatten die deutsche Industrialisierung seit dem 19. Jahrhundert geprägt. Sowohl in Weimar-Deutschland wie auch im »Dritten Reich« hatte das kapitalistische System Bestand gehabt, obgleich seit 1936 und vor allem in der zweiten Phase des Kriegs sehr weitgehende Staatseingriffe die Dispositionsfreiheit der Unternehmer eingeengt hatten. Aber die Grundelemente der kapitalistischen Ordnung überlebten auch den Zusammenbruch und prägen das Wirtschaftssystem der Bundesrepublik Deutschland bis heute. Kurz nach dem Zusammenbruch hätte kaum jemand eine Wette auf den Fortbestand des kapitalistischen Wirtschaftssystems abgeschlossen. Antikapitalistische Bestrebungen und Stimmungen waren weit verbreitet, wenn auch vage und wenig entschieden. Intellektuelle und Politiker plädierten für irgendeine Form des Sozialismus oder der Gemeinwirtschaft von den Kommunisten über die SPD und den starken linken Flügel der entstehenden CDU bis zu den christlichen und humanistischen Intellektuellen, die Zeitschriften wie »Der Ruf«, »Die Wandlung« oder »Frankfurter Hefte« herausgaben. Die Zielsetzungen variierten im einzelnen. Vielen schwebte – wenn auch meist nur sehr vage – vor, in einem wieder erstehenden deutschen Nationalstaat Demokratie und Sozialismus zu verschmelzen und damit einen Brückenschlag zwischen Ost und West zu bewerkstelligen. Mit Ausnahme der Kommunisten 261

gingen die Befürworter von Sozialismus, Sozialisierung und Gemeinwirtschaft davon aus, dass Reformen in dieser Richtung die zu schaffende freiheitlichdemo­k ratische Verfassungsordnung nicht in Frage stellen, sondern erst wirklich ausfüllen würden. Der kleinste gemeinsame Nenner all dieser Gruppen war die sofortige Sozialisierung der Grundstoffindustrien. In der Regierungserklärung des ersten nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Karl Arnold hieß es noch am 17. Juni 1947: »Das deutsche Volk und insbesondere die Menschen an Rhein und Ruhr sind entschlossen, eine öffentliche Ordnung aufzubauen, die der Wohlfahrt des Volkes und dem Frieden dient. Das gilt insbesondere für die Neuordnung unserer Wirtschaft. Das kapitalistische Wirtschaftssystem hat sich an seinen eigenen Gesetzen totgelaufen. Der natürliche Zweck der Wirtschaft, nämlich die Bedarfsdeckung des Volkes, wurde in sein Gegenteil verkehrt … Die bisherigen einseitigen Machtgebilde in der Großwirtschaft werden beseitigt und Neubildungen in der Zukunft werden dadurch verhindert, daß die deutsche Grundstoffindustrie (Kohlenwirtschaft, die stahl- und eisenerzeugende Industrie, sowie die den Markt monopolistisch beherrschende Großchemie) in Gemeinwirtschaft überführt wird. Eine Beteiligung des privaten Großkapitals in den vorgenannten Betriebs- und Industriezweigen wird ausgeschlossen. Soweit im Zuge der Überführung der vorgenannten Industriezweige in Gemeinwirtschaft und im Interesse des Allgemeinwohles Enteignungen erforderlich werden, erfolgt eine Entschädigung nach Maßgabe der künftigen Gesetzgebung und nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit. Kriegs- und Naziverbrecher werden entschädigungslos enteignet.« Arnold gehörte der CDU an und sprach für eine Allparteienregierung.11 Neben alten, in Deutschland immer lebendigen und in den Jahren von 1933 bis 1945 keineswegs geschwächten antikapitalistischen Traditionen in den verschiedensten politischen Lagern stand hinter den vielfältigen und verbreiteten Sozialisierungswünschen vor allem zweierlei: Zum einen glaubten viele, dass der Kapitalismus eine entscheidende wirtschaftliche Verbesserung für die Bevölkerung nicht zuwege bringen würde und dass man sich schon deshalb in diesem zerrütteten und verarmten Land keine private Unternehmerschaft mehr leisten könne. Dieses mächtige antikapitalistische Motiv wurde schnell schwächer, als der Kapitalismus nach der Währungsreform 1948 zu zeigen begann, was er immer noch konnte, wenn es darum ging, Fleischtöpfe zu füllen. Zum anderen gab es grundsätzlichere Argumente für die Sozialisierung. Zitieren wir noch einmal Kurt Schumacher, den ersten Vorsitzenden der SPD nach dem Kriege. Im Sommer 1945 sagte er: »Das Monopolkapital hat Hitler zur Macht verholfen, und in seinem Auftrag hat er den großen Raubkrieg gegen Europa vorbereitet und geführt. Solange es in Deutschland möglich ist, daß sich große Vermögen in der Hand verantwortungsloser Privater sammeln können, ist die Demokratie nicht gesichert. Die ungeheure Wirtschaftskraft der Konzerne muß in die Hand der Allgemeinheit gelegt werden, sonst wirkt sie sich als politische Macht gegen den neuen Staat aus.«12 262

Dass Hitler seine Raubkriege im Auftrag der großen Kapitalisten führte, wie Schumacher hier sagt, hat die historische Forschung nicht bestätigt. Dass der Faschismus und seine Erfolge in Deutschland mannigfaltige Ursachen hatten, wusste auch Schumacher. Doch dass die tiefe Krise des privatkapitalistischen Systems und die antidemokratische, antiparlamentarische und antisozialis­ tische Politik der meisten Unternehmer großen Anteil am Sieg des Nationalsozialismus hatten, das ist nicht zu bezweifeln. Unbestreitbar ist auch, dass die großen Unternehmer unter der nationalsozialistischen Herrschaft weniger Einbußen an Einfluss und Lebenschancen erlitten als andere Klassen, etwa die Lohnarbeiterschaft. Bei vielen Menschen bestand ein Gespür für diese Zusammenhänge. Die »Antifaschistischen Ausschüsse« und Betriebskomitees  – räte­artige Spontangruppen im kurzen Machtvakuum des unmittelbaren Zusammenbruchs  – dachten kaum an die Wiedererrichtung der diskreditierten Unternehmerwirtschaft. Ende 1946 stimmten in Hessen 72 % der Wähler für einen Verfassungsartikel, der die sofortige Sozialisierung der Grundstoffindustrien, Banken und Versicherungen, der Energiewirtschaft und des Versicherungsgewerbes vorsah. Das waren sehr viel mehr Stimmen, als SPD und KPD zusammen bei Wahlen in Hessen und anderswo erhielten. 1946–1948 waren also Mehrheiten für die Teilsozialisierung der deutschen Wirtschaft vorhanden. Zweifellos wäre dies auch mit den liberal-demokra­ tischen Grundsätzen des 1948/49 entstehenden Grundgesetzes vereinbar gewesen. Ob dann ein ähnlich erfolgreiches Wirtschaftswachstum stattgefunden hätte, mag zumindest bezweifelt werden. Was im Gefolge der Verstaatlichung wichtiger Teile der westdeutschen Wirtschaft anders gelaufen wäre, kann niemand sagen. Die Sozialisierungsversuche scheiterten vor allem an der amerikanischen Besatzungsmacht. Sie untersagte entsprechende Schritte, weil sie jenen von Schumacher und anderen betonten Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Demokratiegefährdung aufgrund von Erfahrungen im eigenen Land nicht sah; weil sie bald alles zu vermeiden versuchte, was die Effizienz der deutschen Wirtschaft beeinträchtigen und damit dem amerikanischen Steuerzahler neue Lasten aufbürden würde – und eine Beschneidung privatwirtschaftlicher Initiativen, so fürchtete man, würde genau diese Auswirkungen haben; selbst Unter­nehmer mit prononcierter NS-Vergangenheit profitierten von dieser Befürchtung der Besatzungsmacht und ihrer insofern besonders inkonsequenten Entnazifizierungspolitik. Sozial und ideologisch bestanden viele Übereinstimmungen zwischen einflussreichen Teilen der amerikanischen Militärregierung und der deutschen Geschäftswelt, und diese nutzte das aus. Auch alliiertes Misstrauen, ökonomische Macht in den Händen des eben noch bekämpften deutschen Staats zusammengeballt zu sehen, spielte eine Rolle. Vor allem jedoch passten Verwaltungswirtschaften – und die Teilsozialisierung erschien als Schritt auf diesem Weg – schlecht in die amerikanische Politik, je mehr sich diese in Konfrontation mit der Sowjetunion darauf einstellte, ein weltweites System möglichst liberalkapitalistischer Wirtschaftsbeziehungen und möglichst liberaldemokratischer 263

Verfassungsverhältnisse abzustützen, um so den eigenen Interessen am besten zu entsprechen und eine weitere Ausdehnung des sowjetischen Einflusses zu verhindern. Aufgrund überragender ökonomischer Macht setzten die USA diese Politik allmählich bei den anderen westlichen Besatzungsmächten durch. Der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay, der Sozialisierungsgesetze ebenso wie einige ihm zu weitgehende Mitbestimmungsregelungen mit formalen Einwänden verhinderte oder, besser, hinausschob, machte seine Taktik ganz klar: »Die Zeit ist auf unserer Seite … Wenn wir daher die Angelegenheit hinauszögern können, während die freie Unternehmerwirtschaft fortfährt zu arbeiten und wirtschaftliche Verbesserungen sich einstellen, dann wird sich die Frage dem deutschen Volk vielleicht gar nicht mehr stellen.«13 Er sollte recht behalten. Doch ebenso entscheidend für das Scheitern der Sozialisierungspolitik war, dass man deutscherseits nicht wirklich darauf bestand. Als die Amerikaner den Parlamentarischen Rat, der vom September 1948 bis zum Mai 1949 in Bonn das Grundgesetz ausarbeitete, zu einem stärker dezentralisierten und föderalistischen Verfassungssystem drängten, als dieser für richtig hielt, zeigte sich, dass sich entschlossene deutsche Mehrheiten gegen amerikanische Ansinnen ein Stück weit auch in wichtigen Punkten durchsetzen konnten. Amerikanische Interessenpolitik in Deutschland setzte nämlich langfristig die prinzipielle Zustimmung seitens deutscher Mehrheiten voraus, wenn sie erfolgreich sein wollte; dadurch unterschied sie sich sehr von der sowjetischen Deutschland-Politik. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass einschneidende Wirtschaftsreformen -wenn auch sicher nicht ein ausgewachsenes sozialistisches System – auch gegen eine widerstrebende amerikanische Besatzungsmacht hätten durchgesetzt werden können, ohne eine prinzipielle Änderung der amerikanischen Politik auszulösen. Voraussetzung wäre gewesen, dass Mehrheiten auf deutscher Seite leidenschaftlich und lange genug darauf bestanden hätten. Zweifellos hätten die USA auch dann mit der Bundesrepublik ihren Handel treiben und in ihr auch dann ein Bollwerk ihres antisowjetischen Bündnissystems finden können, wenn dieser Staat einige sozialisierte Wirtschaftssektoren mehr gehabt hätte. Nur linke und rechte Dogmatiker sehen liberaldemokratische Institutionen und kapitalistische Wirtschaftsverhältnisse in enger Verknüpfung, dass die einen nur zusammen mit den andern zu verteidigen, zu reformieren oder  – zu be­ seitigen sind. In Wahrheit bestanden und bestehen Chancen zu verschiedenen Kombinationen. Doch die Forderung nach einer deutlichen Modifikation des Kapitalismus wurde eben auch von deutscher Seite nur halbherzig betrieben. Für die meisten hatte das keine große Priorität. Überleben war wichtiger, Not bedeutete nicht Radikalisierung, und von Politik hatte man ohnehin genug. Soweit die noch nicht wieder organisierten Unternehmerinteressen vor allem in der CDU zum Zuge kamen, wirkten sie natürlich gegen solche grundlegenden Veränderungen. Und viele bezweifelten, dass primär das kapitalistische Wirtschaftssystem den Faschismus hervorgebracht habe; dessen Ursachen sahen sie eher in besonderen Gegebenheiten der deutschen Geschichte, zum Beispiel, wie Konrad ­Adenauer, 264

in der Tradition der preußisch-deutschen Staatsvergötzung und des Militarismus. In der Tat hatten ja kapitalistische Wirtschaftsverhältnisse in den west­ lichen Demokratien nicht zum Faschismus geführt. In der damaligen Situation konnte aus solchen Überlegungen die Konsequenz gezogen werden, dass die Sozialisierung vielleicht doch nicht jene zentrale Vorbedingung einer freiheitlichdemokratischen Entwicklung sein würde, als die sie so häufig hin­gestellt wurde. Umgekehrt war die Erfahrung mit der stalinistischen Sowjetunion und ihrer Besatzungspolitik in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) hautnah genug, um den Zeitgenossen ganz klarzumachen, dass die Verstaatlichung der Produktionsmittel an sich keineswegs demokratisierende Folgen haben muss, sondern Freiheit bedrohen und Wohlstand erschweren kann. All das erklärt mit, warum es einerseits in West-Deutschland nach 1945 zu einer grundsätz­lichen Änderung der Wirtschaftsstruktur nicht gekommen ist und warum andererseits diese kapitalistische Kontinuität so wichtig auch wieder nicht ist, wenn man nach den Chancen der Demokratie in Deutschland fragt. Was die Situation an Sozialisierungschancen dennoch bereitgehalten haben mag, ging zum einen verloren durch das relativ schwache Abschneiden der SPD in den Wahlen 1946/47. Starke antimarxistische Ressentiments wirkten sich dabei aus, die im »Dritten Reich« verstärkt worden waren und jetzt von der neuen bürger­ lichen Sammelpartei, der CDU, geschickt ausgenützt wurden. Zum andern begab sich die SPD durch ihre Entscheidung, im Wirtschaftrat der Bizone (Zusammenschluss der amerikanischen und der englischen Besatzungszone) Mitte 1947 in die Opposition zu gehen, aller weiterbestehenden Chancen zur wirtschaftspolitischen Einflussnahme. In diesem Gremium wurde unter Leitung des Wirtschafts-Direktors Ludwig Erhard und mit Unterstützung der Amerikaner 1947/48 eine gemäßigt-neoliberale marktwirtschaftliche Politik vorbereitet und eingeleitet, die, weil erfolgreich, die wirtschafts- und ordnungspolitischen Weichen schon gestellt hatte, als der erste Deutsche Bundestag im September 1949 zusammentrat. Lediglich die britische Enteignungs- und Entflechtungspolitik in der RuhrMontan-Industrie hatte zu tiefergreifenden Strukturreformen geführt: Gewerkschaftliche Mitbestimmung entwickelte sich dort ab 1947 in den »entflochtenen«, d. h. aus ihren früheren Konzernbindungen gelösten, Unternehmen. Sie wurde 1950/51 bei der Reprivatisierung dieser Unternehmen von den Gewerkschaften erfolgreich verteidigt, und dieser gewerkschaftliche Erfolg dürfte eine wichtige Voraussetzung dafür gewesen sein, dass ein Vierteljahrhundert später ähnliche Mitbestimmungsregelungen für alle Großunternehmen durchgesetzt werden konnten. Mindestens so wichtig wie die kapitalistische Kontinuität war die bürokra­ tische. In Deutschland ging die Ausbildung öffentlicher Bürokratien der Industrialisierung, der Parlamentarisierung und der Demokratisierung voraus. Dann unterscheidet sich die deutsche Geschichte fundamental von Ländern wie England und den USA. Revolutionen waren in Deutschland nicht zuletzt deshalb so schwach und erfolglos, weil bürokratische Reformen »von oben« einen Teil ­ihrer 265

Ziele immer schon erfüllt hatten, wenn auch in obrigkeitsstaatlicher Weise. Die Tradition des deutschen Berufsbeamtentums hat – jedenfalls westlich der Elbe – alle großen Einschnitte der neueren deutschen Geschichte relativ unerschüttert überstanden; und seit 1990 wird sie – mit einigem Zögern – auch in den neuen Bundesländern wiederhergestellt. In ihrer rechtlichen Grundstruktur, in ihren Verfahrensweisen und  – nach kurzer Unterbrechung  – auch in ihrer Zusammensetzung überstand die deutsche Bürokratie in Westdeutschland auch den Einschnitt von 1945, obwohl auch hier starke Kräfte auf eine radikale Reform drängten. Die amerikanischen und britischen Besatzer kamen aus Ländern ohne festgefügtes Berufsbeamtentum. Besonders die Amerikaner tendierten dazu, die obrigkeitsstaatlich-bürokratische Tradition Deutschlands für dessen illiberalen und undemokratischen Weg verantwortlich zu machen. Ein Zeitgenosse berichtet: »Den deutschen Beamten wurden u. a. Kommandopraxis und Kastengeist, blinder Gehorsam und unbesehene Gleichsetzung von Gesetz und Recht, fehlende Gleichberechtigung der Geschlechter im öffentlichen Dienst und mangelnde Trennung von Beamten- und Abgeordnetenstellen zum Vorwurf gemacht.«14 Etwas Unterstützung fanden die Alliierten mit ihrer Bürokratie­k ritik bei der deutschen Linken. Sie kehrte hervor, dass die Beamten trotz ihres Anspruchs auf Überparteilichkeit letztlich die Sache des Bürgertums, des Konservatismus oder der Reaktion betrieben, schon aufgrund ihrer sozialen Herkunft und ihrer Privilegien. Die Entnazifizierung traf insbesondere das mittlere und höhere Beamtentum zunächst hart. So wurden z. B. in Hessen von den Personen, die im Mai 1945 im Dienst des Landes standen, aus politischen Gründen bis zum 1. Mai 1946 75 % der Beamten, 34 % der Angestellten und 15 % der Arbeiter entlassen. Doch spätestens 1947 kehrte sich der Trend um. Die wieder steigenden Anforderungen der Verwaltung, der Mangel an unbelasteten qualifizierten Beamten, die innere Unsicherheit der Entnazifizierungspolitik, die zunehmende Entscheidungsmacht der deutschen Stellen und die auf raschen Wiederaufbau gerichtete Besatzungspolitik führten zur Wiedereinstellung der meisten entlassenen Laufbahnbeamten. Diese personelle Restauration wurde auf der Grundlage des Artikels 131 des Grundgesetzes in den frühen fünfziger Jahren gründlich fortgesetzt. Anders in der SBZ: Dort war man bereit, lieber administrative Ineffizienz auf einige Jahre in Kauf zu nehmen, als ehemalige Nazis und Mitläufer wieder einzustellen. Ähnlich erfolglos blieben alliierte Versuche, das Recht des Berufsbeamtentums zu reformieren. Die Engländer und Amerikaner wollten die rechtlichen Unterschiede zwischen Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes aufheben, die Anstellungs- und Beförderungspraxis entbürokratisieren und das Recht der Beamten zur politischen Betätigung einschränken. Die Bürokratie war stark und unersetzbar genug, um diesen Angriff auf ihre »wohlerworbenen Rechte« abzuwehren. Die damals verpasste Reform des öffent­lichen Dienstes konnte später erst recht nicht nachgeholt werden. Der Schul- und Hochschulbereich machte den doppelten Restaurationsprozess voll mit: Institutionell 266

wurde vorwiegend auf die Weimarer Situation zurückgegriffen, personell wurde auf eine klare Absetzung von der nationalsozialistischen Zeit nach kurzem verzichtet. Sicher hatten Prestige und Selbstbewusstsein des Beamtentums im »Dritten Reich« gelitten; manche obrigkeitsstaatliche Fixierung mag in diesen Jahren geschwächt worden sein; der Korpsgeist des Beamtentums wurde gelockert; dem Durchbruch des demokratischen Parlamentarismus nach 1945 hat die Büro­ kratie keine Steine in den Weg gelegt; vor allem nach 1960 hat sie sich in Geist, Zusammensetzung und Funktion stark geändert und diesen Veränderungen keinen vehementen inneren Widerstand entgegengestellt. Dennoch bedeutete diese bemerkenswerte Kontinuität des Beamtenapparats über den Einbruch von 1945 hinweg eine deutliche Anbindung der neuen Bundesrepublik an die Jahrzehnte davor, ganz im Unterschied zur DDR. Sozialkonservativer Geist und Stil drangen von hier aus in die Politik, Gesellschaft und Kultur der jungen Republik ein; vordemokratische Autoritätsmuster und illiberale Traditionen wurden auf diese Weise weitergereicht, allerdings auch Kompetenz und Leistungsfähigkeit der Verwaltung, die für das neue, labile Staatswesen unbezahlbar waren. All dies prägte den Stil und den Inhalt der jungen Republik sehr stark mit, denn es gibt gerade in Deutschland wenig Lebensbereiche, die von staatlich-bürokratischen Eingriffen und Beeinflussungen ganz frei sind. Zweifellos bedeutete dieser Verzicht auf klare Grenzziehungen gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit eine böse Belastung und schwere Bürde für das Selbstverständnis, die politische Moral, die Autorität und die Glaubwürdigkeit dieses neuen Staates – für viele Jahrzehnte. Auf der anderen Seite ersparte sich die Bundesrepublik so die Entstehung eines belastenden Protestpotentials von degradierten Bürgern zweiter Klasse, mit denen sie als liberaler Rechtsstaat sehr viel weniger leicht fertig geworden wäre als die DDR, die ihre Grenzen nach Westen zudem erst dann abriegelte, als die meisten ihrer aus­gebooteten NS-Funktionäre mit dem großen Flüchtlingsstrom in die auch in dieser Hinsicht großzügigere Bundesrepublik ausgewichen waren. Dass der westdeutsche Verzicht auf eine gründlichere »Bewältigung der Vergangenheit« nicht schädlichere Auswirkungen hatte, lag vor allem daran, dass der Bundes­ republik in anderer Hinsicht wichtige Neuansätze glückten  – zum Teil allerdings ohne ihr Zutun die den Einschnitt nach 1945 schließlich doch tiefer erscheinen lassen als den von 1918 oder den von 1848 – trotz der bisher besprochenen ­Kontinuitäten.

Gelingende Neuansätze 1. Was die herrschenden Klassen in Deutschland von den herrschenden Klassen einer voll entwickelten bürgerlichen Gesellschaft vor allem unterschied, war bis 1933 die großteils adlige bevorrechtigte Großgrundbesitzerklasse (»Junker«) 267

Ostelbiens gewesen, die der Demokratisierung von Gesellschaft und Staat seit dem 19. Jahrhundert vehementen Widerstand entgegensetzte und einen großen Beitrag zum Sieg des Nationalsozialismus geleistet hat. Diese Klasse hat 1945 aufgehört zu existieren. Nicht nur die Sieger legten sich 1945 in Potsdam auf eine Bodenreform fest, die den Großgrundbesitz aufteilen sollte. In allen deutschen Parteien wurde sie vorübergehend gefordert. Sie unterblieb im Westen aus ähnlichen Gründen wie die Sozialisierung. Aber sie geschah dort, wo sich die ökonomische Basis der Junker befand: in der Ostzone und in den von Polen und Russland annektierten deutschen Ostgebieten. Der Historiker Golo Mann schreibt dazu: »Der stärkste Träger der alten Autorität, der preußische Adel, ist damals dreimal ruiniert worden: Durch den Krieg, in dem Tausende seiner Mitglieder fielen; durch seinen Widerstand gegen Hitler, die Kette von Verschwörungen, in deren Folge er zu Hunderten ausgerottet wurde, endlich durch Polen und Russen. Da wurden die Junker von ihren Gütern gejagt – wieviel umkamen, hat niemand gezählt –, ihre Schlösser abgetragen, ihr Besitz verteilt. Die Überlebenden verschwanden in der Masse der Flüchtlinge aus dem Osten … Eine Tragödie, um so grausamer, weil sie so sehr spät kam, und die man in dem abgestumpften Wirrsal der ersten Nachkriegsjahre kaum auch nur bemerkte.«15 Dies trifft zu – doch zutreffend ist auch, dass seit 1945 diese Belastung der Demokratie in Deutschland nicht mehr besteht. 2. Eine zweite große Belastung der Demokratie in Deutschland stellte der Militarismus spätestens seit den Reichsgründungskriegen von 1866 und 1870/71 dar. Bis zum Ende der Weimarer Republik gelang es nicht, die Armee der zivilen Gewalt voll unterzuordnen. Der Eigenständigkeitsanspruch der militä­ rischen Spitzen begrenzte die Parlamentarisierung in Deutschland. Unheilvolle Entwicklungen gingen von diesem »Staat im Staate« vor allem 1914–1918 und in der Endphase der Weimarer Republik aus. Was die Autonomiebestrebung des Militärs in der deutschen Verfassungsgeschichte, war das Überborden militärischer Wertvorstellungen, Stilelemente und Verhaltensformen in der deutschen Sozialgeschichte. Mehr als in den westlichen Ländern prägte das Leitbild des Offiziers große Teile des Bürgertums. Befehl und Gehorsam, Dienst, Pflicht und Treue rangierten höher auf der Wertskala als Gelassenheit und Toleranz, Kritik und Diskussion. Traditionsverbände, Burschenschaften und Korps vermittelten diese Tradition auch in der Weimarer Republik. Liberal-demokratische Tugenden entwickelten sich nur mühsam. Die nationalsozialistische Diktatur trieb diese militaristische Tradition auf die Spitze und dann in den Ruin. Was den zivilen Regierungen in Kaiserreich und Republik nicht gelungen war, Hitler gelang es: die Unterordnung des Generalstabs, seine Instrumentalisierung und personelle Umbildung in einem auch militärisch wahnwitzigen Krieg. Zum Blutzoll, den diese traditionale Führungsgruppe im Krieg und schließlich im späten Widerstand des 20. Juli 1944 zahlte, kam die ihren Nimbus kräftig zerstörende Niederlage. Zu Recht meinte später – im März 1959 – Theodor Heuss in einer Rede vor Leutnants und Fähn268

richen der Bundeswehr: »Ich will ganz nüchtern im historischen Aspekt dieses sagen: Eine eigenständige, eine autonome preußisch-deutsche Militärgeschichte ist zu Ende; sie gibt es nicht mehr.«16 Dieser erste Bundespräsident, wie auch alle seine Nachfolger, symbolisierte, dass die Hypertrophie militärischer Werte, Umgangsformen und Verhaltensweisen in der bürgerlichen Gesellschaft des westlichen Deutschlands weitgehend ausgerottet ist. In der DDR blieben militärische Traditionen stärker erhalten. Das wiedervereinigte Deutschland setzt, so ist zu hoffen, das zivile Erbe der alten Bundesrepublik fort. Auch aus den Hochschulen ist dieser unbürgerliche und antizivilistische Geist verschwunden. Trotz des kalten Kriegs und der Wiederaufrüstung gehört der Militarismus – als Verfassungsproblem und als Belastung des sozialen Lebens – der Vergangenheit an. Ein teuer erkaufter, nicht zu unterschätzender Fortschritt, der Deutschland den westlichen Demokratien ähnlicher gemacht hat. 3. Die Spitzenpositionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Verbänden und Kultur wurden, insgesamt gesehen, 1945–1949 gründlicher umbesetzt bzw. neubesetzt als 1933 oder 1918/19, und zwar auch im Westen Deutschlands, von dem hier die Rede ist. Am wenigstens galt das für die Kirchenleitungen und führenden Positionen an den Hochschulen; am deutlichsten wurde es in Regierung, Parlament und Parteien. In den Spitzenpositionen der privaten Wirtschaft war der Wechsel weder besonders stark noch besonders gering. Die Nazi-Elite wurde entmachtet. Rückgriffe auf das Führungspersonal von vor 1933 waren häufig, vor allem in den Kirchen, im diplomatischen Dienst, in den neu entstehenden Gewerkschaften, in der SPD und den Verwaltungen. NS-Verfolgte und Emi­ granten rückten in bemerkenswertem Ausmaß in die neuen Führungspositionen ein, vor allem in der SPD, jedoch auch in den protestantischen Kirchen und im kulturellen Bereich. Die tiefgreifende Schwächung, ja Zerstörung der so lange wirksamen feudalen und militärischen Traditionen spiegelte sich im Erscheinungsbild und im Verhalten der neuen Oberschichten. Die Zurückdrängung traditioneller Führungsgruppen – mit Ausnahme der leitenden Beamten – bedeutete einen Bodengewinn für Manager, Unternehmer und Financiers. Die Bourgeoisie gewann an Boden. Sie hatte in Deutschland zuvor nie jene überragende Rolle gespielt, die ihr die Theorie  – und die Kritik  – der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft zuschreiben. Mehr als je zählte jetzt individueller, vor allem wirtschaftlicher Erfolg, um Status und Einfluss zu gewinnen. Der so häufige Vorwurf des Materialismus trifft einen Teil dieses Sachverhalts; man muss aber zugleich sehen, dass dies auch eine Befreiung von alten Zwängen darstellte, einen Durchbruch an Bürgerlichkeit, der wahrscheinlich in einer anderen Wirtschaftsordnung nicht möglich gewesen wäre. Dieser verspätete Durchbruch kapitalistisch-bürgerlicher Elemente in Wirtschaft, Gesellschaft, Staat und Kultur geschah allerdings unter Bedingungen, die sich von denen des 19. Jahrhunderts scharf unterscheiden: Staatlich-büro­ kratische Lenkung von wirtschaftlichen und sozialen Prozessen ist in vielen Bereichen absolut notwendig und überdies selbstverständlich. Kollektive, 269

organi­sierte Interessenwahrnehmung hat die Konkurrenz der Individuen stark überlagert. Die Bedeutung der Interessenorganisationen ist so groß, dass die Bundesrepublik manchmal als »Verbändestaat« bezeichnet worden ist. In den großen privatwirtschaftlichen Unternehmen entscheiden nicht Einzelunternehmer vom Typus des alleinherrschenden Fabrikgründers der industriellen Revolution, sondern angestellte Unternehmer (Manager) an der Spitze bürokratischer Apparate. Vielfältig ist die organisatorische Verflechtung zwischen den großen Unternehmen sowie zwischen Unternehmen, Verbänden und Staat. All dies unterscheidet sich sehr vom Modell eines möglichst staatsfreien Industriekapitalismus der individuellen Konkurrenz, das zwar nie und nirgends voll in die Wirklichkeit umgesetzt worden ist, aber dem doch die Realität vor hundert Jahren ähnlicher war als die heutige. Solche Tendenzen zur zunehmenden Organisation und Bürokratisierung beobachten wir in allen fortgeschrittenen Industriestaaten westlicher Prägung. (Erst recht galt dies für die Diktaturen des »realsozialistischen« Lagers, und zwar ungleich durchdringender, in vielem ganz anders und langfristig ohne Erfolg – wie man heute weiß.) Aber in Deutschland konnten sich diese Tendenzen besonders leicht und erfolgreich durchsetzen, denn hier konnten sie ja auf einer alten und starken bürokratischen Tradition aufbauen, die bei uns Wirtschaft und Gesellschaft immer schon stärker geprägt haben als in der angelsächsischen Welt. Kapitalistisch-bürgerliche Prinzipien setzten sich deshalb nur gezähmt und gehemmt, im Rahmen politisch-bürokratischer Gegengewichte und Begrenzungen durch. Das zeigt sich nicht nur an der großen Rolle des Staates bei der Gewährleistung wirtschaftlichen Wachstums und an der weit ausgedehnten Sozial­ politik. Es zeigt sich vielmehr auch an der Verteilung der Macht innerhalb der neuen herrschenden Klassen und am kapitalistisch-bürgerlich-bürokratischen Stil der Bundesrepublik Deutschland, der von einer hochkapitalistisch-darwinistischen Wildbahnatmosphäre ähnlich weit entfernt ist wie von der Eingezwängtheit durchorganisierter Obrigkeitsstaaten des 19. und 20. Jahrhunderts. Ein ganz entscheidender soziopolitischer Neuansatz in der Bundesrepublik hing mit dieser teuer erkauften Emanzipation von älteren halbfeudalen und militaristisch-obrigkeitsstaatlichen Traditionen zusammen. Um noch einmal Richard Löwenthal zu zitieren: »Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte akzeptieren die besitzenden Oberschichten und die beamteten Träger der staatlichen Exekutive, die in der Mehrheit der ersten deutschen Republik von Beginn an als Feinde gegenübergestanden hatten, die demokratischen Regeln mit gleicher Selbstverständlichkeit, wie dies in den alten angelsächsischen Demokratien der Fall ist.«17 Ohne die blutige Lehre durch NS-Diktatur, Krieg und Zusammenbruch wäre das wahrscheinlich nicht der Fall, allerdings vielleicht auch dann nicht, wenn die Strukturreformen nach 1945 radikaler ausgefallen wären. Hier liegt eine wichtige Erklärung für die Lebensfähigkeit der zweiten deutschen Demokratie, nachdem die erste nicht zuletzt an dem Hass und der Feindschaft von deutschen Oberschichten zugrunde gegangen ist. 270

4. Entsprechende, die Chancen der Demokratie erhöhende Veränderungen sind im Kleinbürgertum der Bundesrepublik vor sich gegangen. Kleine Handwerker und Händler, kleine und mittlere Angestellte, kleine und mittlere Bauern waren vor 1933 unter den Anhängern des aufsteigenden Nationalsozialismus überproportional vertreten. Unter den wirtschaftlichen Krisen der Weimarer Republik hatten sie viel zu leiden. Doch das erklärt nicht alles. Ebenso wichtig waren die im deutschen »Mittelstand« lebendig gebliebenen Anschauungen und Ansprüche, die sich zum Teil an älteren, vorindustriellen Leitbildern orientierten und leicht in Konflikt mit der modernen Wirklichkeit gerieten, so dass kollektive Unzufriedenheiten die Folge waren. An zünftig-ständischen Idealvorstellungen orientierten sich große Teile des Handwerks; sie forderten von der Obrigkeit Schutz gegen den scharfen Wind der modernen Konkurrenzwirtschaft, aber auch gegen die parlamentarischen Entscheidungsprozesse, in denen sie leicht unterlagen. Nach standesgemäßen, beamtenähnlichen Lebensformen strebten viele Angestellte, die Handlungsgehilfen und Privatbeamten, wie sie lange genannt wurden. Sie strebten nach rechtlichen und sozialen Privilegien, durch die sie sich vom Proletariat, auf das sie mühsam herabzuschauen versuchten, möglichst klar absetzen wollten.  – In diesen kleinbürgerlichen und angestellten Mittelschichten verband sich die Erinnerung an eine angeblich »gute alte Zeit« mit antikapitalistischen Ressentiments, antisozialistischem Hass und illiberaler Demokratieskepsis zu einem oft explosiven Gemisch. Daraus  – unter anderem  – entstand die braune Protestbewegung Hitlers, die ja ebenfalls Antikapitalismus und Antisozialismus in demagogischer Mischung verband. Sieg und Niederlage des Nationalsozialismus und die unmittelbare Nachkriegszeit haben manche unzeitgemäße Wunschvorstellung, manche pseudoständische Barriere, manchen Dünkel und manche Frontstellung abgebaut. Das schnelle Wachstum der folgenden Zeit und der Klimawechsel der ­sechziger Jahre wirkten in dieselbe Richtung. Natürlich gibt es weiter Unterschiede zwischen Arbeitern und Angestellten. Doch anders als vor 1933 sind heute Angestellte zum großen Teil  in Gewerkschaften organisiert, in denen auch Arbeiter Mitglieder sind und sogar die Mehrheit stellen. Die Lebensformen und das Wahlverhalten von Arbeitern und Angestellten sind ähnlicher geworden. Die einst zentrale Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten hat etwas an sozialer Bedeutung verloren. Bei den wenigen Versuchen, eine rechtsradikale Bewegung wiederzubeleben, so in der NPD der sechziger Jahre, waren Angestellte unterrepräsentiert. Es sieht so aus, als ob dieser zahlenmäßig so wichtige »neue Mittelstand« aufgehört hätte, ein herausgehobenes Potential für rechtsgerichtete Proteste zu sein, und diese Veränderung geht zum Teil auf den tiefen Umbruch zurück, den Diktatur, Krieg und Zusammenbruch darstellten. 5. Auch andere traditionell wirksame Spannungslinien und Konfliktfronten wurden durch die Erfahrung der Jahre 1933–1949 abgeschliffen oder geschwächt. Der konfessionelle Gegensatz verlor an Bedeutung, zumal ja auch 271

durch die Teilung Deutschlands die Katholiken im Westen aus ihrer Minderheitsposition herauskamen und im Osten den Kirchen wenig Spielraum und Anlass blieb, ihre traditionellen Konflikte fortzusetzen. Die ehemals so harte, steife Unterscheidungslinie zwischen Arbeiterschaft und bürgerlicher Gesellschaft ist unschärfer geworden. Zwar war auch die alte Bundesrepublik weit von der lange beschworenen »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« und der Aufhebung des Klassengegensatzes entfernt. Doch die Zerstörung traditioneller Wohn-Siedlungen, die erzwungenen Wanderungen, die gemeinsamen Erfahrungen von Unterdrückung und Not, die Unterbrechung des politischen Einflusses der Arbeiterbewegung in den Jahren 1933 bis 1945, die Sozialpolitik und zuletzt auch die Bildungs- und Schulreformen haben bestimmte Entwicklungstendenzen verstärkt und beschleunigt, die ohnehin im schnellen Wandel moderner Industriegesellschaften angelegt sind: In der alten wie in der neuen Bundesrepublik findet sich nur noch wenig von jener dis­k riminierten und sich selbst abschottenden proletarischen Subkultur, die die deutsche Gesellschaft seit der zweiten Hälfte des 19.  Jahrhunderts so stark kennzeichnete. All diese Unterschiede sind nicht vollkommen verschwunden; an ihre Stelle traten oft neue soziale Ungleichheiten, so etwa das miserable Ghetto der ausländischen Arbeiter anstelle des allgemein-proletarischen. Von bestimmten Gesichtspunkten her wird man jene Abschleifungen überdies als Verluste bedauern. Doch vor allem gilt, dass traditionelle Erstarrungen der deutschen Sozialstruktur gewaltsam aufgelockert und abgebaut worden sind, die die Chancen der Demokratie in Deutschland bis 1933 so beeinträchtigten. Erst diese Auflockerung der deutschen Sozialstruktur bildete die Voraussetzung für das neue Parteiensystem der Bundesrepublik, das in den Gründerjahren nach 1945 entstand und sich bis heute als lebensfähig erweist, auch nach seiner Ausdehnung auf den östlichen Teil Deutschlands. Die Vertreter der Restaurationsthese übersahen zumeist, dass das so instabile viergliedrige deutsche Parteiensystem aus dem 19. Jahrhundert (Sozialdemokraten/katholisches Zentrum/Liberale/Konservative), das im Prinzip auch die Revolution von 1918/19 noch gut überstand, nach 1945 nicht wieder erstand und nicht wieder erstehen konnte. Die primär bürgerlichen Sammelparteien CDU/CSU stellten in dieser Hinsicht eine wichtige Neuheit dar, trotz der alten Traditionen des Antisozialismus, die sie rücksichtslos und lange erfolgreich fortgesetzt und benutzt haben. Und auch die traditionsreiche Sozialdemokratie löste sich nach 1945 allmählich aus den Einschnürungen ihrer Vergangenheit: Sie überwand ihre tendenzielle Begrenzung auf die quantitativ stagnierende Lohnarbeiterschaft und öffnete sich den Mittelschichten, vor allem den Angestellten und Beamten. Entsprechende Wandlungen vollzogen sich auf ideologischem Gebiet. Schon 1945 formulierte Kurt Schumacher: »Es ist gleichgültig, ob jemand durch die Methoden marxistischer Wirtschaftsanalyse, ob er aus philosophischen oder ethischen Gründen oder ob er aus dem Geist der Bergpredigt Sozialdemokrat geworden ist.«18 Trotz der unterschiedlichen Zusammensetzung der beiden großen Parteigruppen haben sie eine politische und soziale Integrationskraft entwickelt, 272

und zwar über die Neugründungsphase hinaus, die in der deutschen Parteigeschichte vor 1933 nicht ihresgleichen hat und den Erfolg der zweiten deutschen Demokratie miterklärt. Es ist nur zu hoffen, dass dieses Parteiensystem die starken Belastungen besteht, in die es nach Ausdehnung auf die neuen Länder und angesichts altneuer Parteien­verdrossenheit im wiedervereinigten Deutschland geraten ist. Auch die traditionelle politisch-ideologische Dreigliederung der deutschen Gewerkschaftsbewegung wurde nach 1945 nicht restauriert. Die gemeinsame Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur, die eine selbständige Arbeiter­ bewegung unterdrückt und Arbeiterführer der verschiedensten politischen Ausrichtung verfolgt hatte; die Not der Nachkriegszeit; die gemeinsame Frontstellung gegenüber den Besatzungsmächten, die den gewerkschaftlichen Wiederaufbau streng kontrollierten und oftmals verzögerten – all dies erleichterte die Gründung einer »Einheitsgewerkschaft« statt der politischen »Richtungs­ gewerkschaften«, die bis 1933 bestanden hatten. 6. Unrichtig ist es auch, das im Grundgesetz festgeschriebene Verfassungssystem als Ausdruck der Restauration zu begreifen. Nicht um die Wieder­ errichtung, sondern um die Neuerrichtung eines funktionierenden parlamentarisch-demokratischen Verfassungssystems ging es, denn ein solches hatte es in der deutschen Geschichte noch nicht gegeben. Dies gelang auf der Grundlage einer schnell erreichten Übereinstimmung zwischen den westlichen Alliierten und fast allen politischen Kräften im westlichen Deutschland. Diese Übereinstimmung erklärt sich zum einen aus der Tiefe der Niederlage und der radikalen Diskreditierung des vorangehenden Systems; zum andern aus dem beginnenden kalten Krieg. Entsprechend entstand die Verfassung der Bundesrepublik mit einer doppelten Frontstellung: in Absetzung von der nationalsozialistischen Vergangenheit und von der entstehenden Diktatur östlich der Elbe. Leider drängte die zweite Frontstellung die erste bald sehr deutlich in den Hintergrund. Gleich zu Beginn der ersten Regierungserklärung Bundeskanzler Adenauers wurde (1949) jene doppelte Absetzung ausgesprochen, die einen breiten Konsensus der Parteien ausdrückte: »Der Fortschritt gegenüber den Verhältnissen, die seit 1945 bei uns bestanden, auch gegenüber den Zuständen des nationalsozialistischen Reichs, ist groß … Wir haben vor allem aber wieder den Schutz der Persönlichkeitsrechte. Niemand kann bei uns, wie das im nationalsozialistischen Reich der Fall war und wie es jetzt noch in weiten Teilen Deutschlands, in der Ostzone, zu unserem Bedauern der Fall ist, durch Geheime Staatspolizei oder ähnliche Einrichtungen der Freiheit und des Lebens beraubt werden. Diese Güter: Rechtsschutz, Schutz der persönlichen Freiheit, die wir lange Jahre nicht besaßen, sind so kostbar, daß wir trotz allem, was uns noch fehlt, uns darüber freuen müssen …«19 Ziemlich unumstritten waren die meisten Grundprinzipien der Verfassung: Festschreibung und Sicherung gerichtlich einklagbarer Menschen- und Bürgerrechte, Rechtsstaatlichkeit, das Bundesverfassungsgericht, die konsequente Verwirklichung des parlamentarischen Repräsentativsystems, Parteienkonkurrenz 273

und Rechte der parlamentarischen Opposition, allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht, die starke Exekutive. Autoritäre Alternativen wurden ebensowenig ernsthaft verfochten wie radikaldemokratische. Umstritten waren Elternrecht und Bekenntnisschule sowie das Föderalismusproblem. Vor allem auf dieses bezogen sich die alliierten Einflussnahmen. Ein Streit um die Grundsätze der Sozialverfassung wäre unvermeidbar gewesen, hätte man sie nicht aus den Verfassungsverhandlungen weitgehend ausgeklammert. Man verzichtete auf ihre verfassungsrechtliche Fixierung. Das Grundgesetz war ja als Provisorium gemeint. Diese Auseinandersetzung würde man später führen. So dachte die Linke. Die Politik der westlichen Alliierten, die sich an den Verhältnissen in ihren eigenen Ländern orientierten, wirkte flankierend: Zum Beispiel setzten die Angelsachsen die Neugründung einer einheitlichen Gewerkschaftsbewegung in Form von Industrieverbänden durch. Sie verhinderten damit eine von starken Kräften gewünschte allgemeine, nur regional gegliederte Gewerkschaftsbewegung, die vermutlich weniger gut in das System des entstehenden parlamenta­ rischen Parteienstaates gepasst hätte. Das Grundgesetz markierte einen bedeutsamen Neuanfang in der deutschen Geschichte. Es erwies sich als flexibel genug, um schnellen sozialen Wandel zu erlauben und im verfassungsmäßigen Rahmen zu halten. Selbst den nächsten und bisher letzten Wendepunkt deutscher Geschichte – den von 1989/90 – hat es überstanden, jedenfalls zunächst. 7. Einen tiefen Bruch mit der historischen Kontinuität stellte schließlich die Teilung Deutschlands im Zusammenhang grundsätzlich veränderter internationaler Beziehungen dar. Aus der Gemeinsamkeit des Kriegs gegen Hitlers Deutschland entwickelte sich bald zwischen den Siegern ein fundamentales Spannungsverhältnis, das sich aus der Gegensätzlichkeit ihrer gesellschaftlichideologischen Systeme und ihrer machtpolitischen Interessen mit gewisser Notwendigkeit ergab und sich allmählich zum kalten Krieg steigerte. Deutschland war nur ein Schauplatz und ein Faktor in diesem sich weltweit entwickelnden Ost-West-Gegensatz. Die Einheitlichkeit Rest-Deutschlands war zwar im Potsdamer Abkommen vom August 1945 noch vorgesehen; doch zunehmend wurde sie zur Fiktion. Zunächst sperrten sich die Franzosen aus national- und sicherheitspolitischen Gründen gegen die Errichtung zentraler Verwaltungen für ganz Deutschland. Bald wirkten sich die unterschiedlichen Interessen der Mächte an deutschen Reparationen zentrifugal aus, verschiedenartige Interessen, die aus der unterschiedlichen Wirtschaftsstruktur der einzelnen Siegerländer und ihrer Besatzungszonen folgten. Von Anfang an verstanden die Alliierten Unterschiedliches unter den Begriffen »Demokratisierung« und »Entnazifizierung«, und sie verwirklichten diese gemeinsam erklärten Ziele auf ganz verschiedene Weise. Die in der Ostzone 1946 unter sowjetischem Einfluss zustande gekommene Zwangsverschmelzung von SPD und KPD und die Weigerung der SPD unter Schumacher, diese Politik mitzumachen, spiegelten im Frühjahr 1946 bereits 274

den sich entwickelnden prinzipiellen Ost-West-Gegensatz, und sie trugen erheblich zu der verschiedenartigen Partei- und Verfassungsentwicklung in Westund Ostdeutschland bei. 1947 hatten sich die weltpolitischen Strategien der beiden Weltmächte schon so verfestigt, dass wohl keine Chance mehr bestand, den deutschen Nationalstaat wieder zu errichten. Ob eine solche Chance überhaupt nach Kriegsende vorhanden war, bleibt umstritten. Dass die inter­nationale Konstellation und die Strategien der Großmächte die gesellschafts­politischen Grundentscheidungen in den Besatzungszonen zutiefst beeinflussten, wurde am Beispiel des amerikanischen Einflusses auf die Sozialisierungspolitik bereits erwähnt. Die Integration Westdeutschlands in das sich entwickelnde westliche Bündnissystem reduzierte die Chancen antikapitalistischer Strukturreformen, welcher Art auch immer, in den Westzonen außerordentlich. Die auf solche Strukturreformen drängenden westdeutschen Politiker, vor allem in der SPD, hielten denn auch energischer und länger als ihre gesellschaftspolitischen Gegner am Ziel eines vereinigten Gesamtdeutschlands zwischen den Machtblöcken fest. Je unerreichbarer dieses Ziel im sich ständig verengenden Spielraum des kalten Krieges wurde, desto deutlicher votierte jedoch auch die SPD für einen freiheitlich-demokratischen Teilstaat mit Westbindung, wenn auch unter Betonung seines provisorischen Charakters und mit weiterreichenden gesellschaftspolitischen Veränderungsabsichten. Auch die nichtkommunistische Linke im westlichen Deutschland wäre, selbst wenn ihr die Politik der Besatzungsmächte mehr Spielraum gelassen hätte, nicht im geringsten von ihrem grundsätzlichen Ja zur liberalen parlamentarischen Mehr-Parteien-Demokratie abgerückt, selbst wenn sie damit ihre national- und gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen hätte retten können. Nationale Einheit und Sozialismus mit liberal-demokratischen Grundsätzen zu bezahlen, kam im Westen für keine Partei (ausgenommen die KPD) in Frage. Die Prioritäten waren und blieben da klar. Gerade die SPD hatte unter ihrem Sprecher und Vorsitzenden Kurt Schumacher seit 1945 keinen Zweifel an ihrer Abgrenzung vom diktatorischen Kommunismus sowjetischen Typs gelassen. Die noch lebendige Erinnerung an den alten Konflikt zwischen SPD und KPD vor 1933, das Wissen vom stalinistischen Terror, positive Erfahrungen im westlichen Exil und sehr bald die Betroffenheit durch kommunistische Zwangspolitik in der SBZ kamen zusammen und erleichterten es der SPD, an ihrem ohnehin starken freiheitlich-demokratischen Erbe festzuhalten. Die Gründung der Bundesrepublik fußte also auf einem sehr breiten Konsens, obwohl sie den schon eingetretenen Verlust der nationalen Einheit erst einmal festschrieb. Auf den Verlust der nationalen Einheit hat man in Deutschland nicht mit nationalistischem Protest reagiert. Zu sehr wirkte der historische Anschauungsunterricht des »Dritten Reiches« nach, zu tief war die Diskreditierung nationalistischer Anschauungen. Sehr kurz war überdies die Zeit gewesen, während der die Deutschen in einem Nationalstaat gelebt hatten. Keine fünfundsiebzig Jahre war es 1945 her, dass ein kleindeutsches Reich durch das nun endgültig aufgelöste Preußen mit Gewalt zusammengefügt worden war. Die Alten des Jahres 275

1945 waren noch als Bürger Preußens oder Sachsens oder Württembergs geboren worden; sie hatten das Reich überlebt. Durch den Krieg Hitlers, den Verlust deutschen Territoriums im Osten und die staatliche Teilung wurden die entstehenden beiden Teilstaaten aus der Spitzengruppe der Großmächte herauskatapultiert. Dies bedeutete vor allem Entlastung für eine Nation, die sich mit ihrer Großmachtrolle seit der Bismarckschen Reichsgründung sehr schwergetan hat und gerade durch Großmachtpolitik ihrer inneren Liberalisierung und Demokratisierung Steine in den Weg gelegt hat. Die weltpolitische Zweitrangigkeit der deutschen Staaten im Zeitalter der Supermächte USA und Sowjetunion haben viele von uns im Licht der historischen Erfahrung erleichtert zur Kenntnis genommen. Zweifellos ist die innere Entwicklung der Bundesrepublik durch die Existenz zweier deutscher Staaten mit entgegengesetzten gesellschaftlichen und ideologischen Systemen geprägt worden. Vielleicht hätte sich die Einheitsgewerkschaft wieder in politische Richtungsgewerkschaften aufgelöst, wie es in anderen europäischen Ländern geschah, wenn nicht im Zuge der deutschen Teilung und der Konfrontation im kalten Krieg der kommunistische Einfluss in der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung so gründlich nachgelassen hätte und zurückgedrängt worden wäre. Wahrscheinlich hätte auch das Parteienspektrum der Bundesrepublik ohne die deutsche Spaltung anders ausgesehen: In der Bundesrepublik war der parteipolitische (und der intellektuelle)  Kommunismus nicht zuletzt deshalb so schwach  – schwächer als in den meisten anderen europäischen Ländern  –, weil er hier durch die kommunistisch regierte DDR und durch die Frontstellung zwischen den beiden deutschen Staaten zutiefst diskreditiert worden ist. Der seit 1917 die Arbeiterbewegung international belastende Konflikt zwischen Sozialdemokratie und Kommunisten wurde in Deutschland gewissermaßen geographisch entzerrt, territorialisiert. Daraus erklärte sich nicht nur das hohe Maß an grundsätzlicher Übereinstimmung und Stabilität in der Bundesrepublik. Daraus erklärte sich teilweise auch, warum in der Bundesrepublik rationale Kommunismus-Kritik besonders leicht in irrationalen Antikommunismus und manipulierte Kommunismus­ angst umschlug, mit allen Bedrohungen für Demokratie und Liberalität, die daraus folgten.

Teilung und Wiedervereinigung (1993) Die voranstehenden Beobachtungen sind durchweg aus der Perspektive eines Bürgers der alten Bundesrepublik niedergeschrieben worden. Die diesem Blickwinkel eigene Begrenzung ist heute (1993) offenkundiger als zum Zeitpunkt der Konzeption dieses Beitrages 1977. In SBZ und DDR war der Bruch mit der historischen Kontinuität teilweise tiefer als im Westen. Ein tiefgreifender Umsturz des Wirtschafts- und Sozialsystems wurde schrittweise erzwungen, von der kapitalistischen Tradition blieb kaum etwas übrig. Der Wechsel in den Führungs276

positionen von Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Kultur und damit auch die Entnazifizierung waren östlich der Elbe radikaler und gründlicher als im Westen – als Folge sowjetischer Besatzungspolitik, die bald von den deutschen Kommunisten fortgesetzt wurde, auch als Konsequenz neuer Unterdrückung, Flucht und Vertreibung, als Produkt eines planmäßig betriebenen Elitewechsels. Die schrittweise Errichtung einer Diktatur verhinderte die Wiederanknüpfung an Verfassungs- und Parteitraditionen von vor 1933, wie sie – wenngleich mit entscheidenden Modifikationen – im Westen stattfand. Was die nationalsozialistische Diktatur, der Krieg sowie Flucht und Vertreibung an Umwälzung und Traditionsschwächung mit sich brachten, wirkte sich östlich der Elbe eher noch gravierender aus als im Westen. Doch in anderen Hinsichten blieben SBZ und DDR viel tiefer in Kontinuitäten der deutschen Geschichte verhaftet als die Westzonen und die Bundesrepublik. Das gilt vor allem in Bezug auf die mächtigen Traditionen des autoritären Obrigkeitsstaats und des Illiberalismus, die die deutsche Geschichte so verhängnisvoll prägten, die in der Bundesrepublik schrittweise abgebaut wurden, aber unter dem Dach der Einparteiendiktatur der DDR kräftig weiter­lebten und dort die politische Verfassung ebenso prägten wie die sozialen Strukturen und Mentalitäten. In der DDR konnte keine bürgerliche Gesellschaft westlichen Typs neu entstehen wie in der Bundesrepublik. Stärkere westliche Einflüsse blieben aus. Wirtschaftliches Wachstum und kulturelle Modernisierung verliefen in der DDR viel langsamer, und so kam es, dass das Gebiet zwischen Elbe und Oder viel deutscher blieb als die immer klarer der politischen Kultur des Westens zugehörende Bundesrepublik. Wenn der »deutsche Sonderweg« im Kern eine Wegentwicklung Deutschlands vom Westen war, dann setzte er sich in der DDR noch fort, als er in der Bundesrepublik längst zu Ende gegangen war. Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten hat die Konstellation neu definiert. Der Wendepunkt von 1989/90 lässt den Wendepunkt von 1945–1949 in neuem Licht erscheinen. Ein wichtiger Aspekt des Bruchs von 1945–1949 wurde revidiert: Der deutsche Nationalstaat erfuhr eine Wiedergeburt, wenn auch nicht in der Erstreckung und nicht in der Verfassung, die er vor 1945 oder vor 1933 besessen hatte. Was dies langfristig bedeutet, wird sich erst zeigen. Beide deutschen Staaten waren durch ihr Gegensatz- und Wechselverhältnis geprägt; das ist zu Ende. Nach 1989/90 hat der Spielraum innen- und außenpolitisch zugenommen, die Zukunft scheint offener, als sie es war. Die Bundes­ republik verändert sich, indem sie die DDR in sich aufnimmt und sich in einer neuen internationalen Szenerie verhalten muss. All das könnte die Weichen­ stellungen, die 1945–1949 im Westen vorgenommen wurden, langfristig relativieren. Aber andererseits hat der Wendepunkt von 1989/90 grundsätzlich das System der Bundesrepublik bestätigt, das sich 1945–1949 im Kern herausbildete. Die Wiedervereinigung vollzieht sich – jedenfalls im Prinzip – als Übertragung des westdeutschen Systems auf das Gebiet der gescheiterten DDR. Insofern mag die westdeutsch geprägte Perspektive dieses Essays auch 1993 nicht 277

ganz ohne Berechtigung sein. Was oben für das westliche Deutschland ausgeführt wurde, gilt im Grundsatz wohl auch für das vereinigte Deutschland der Zukunft – hoffentlich.

Ergebnis »Kapitalistische Restauration oder demokratischer Neubeginn?« hieß die Frage, die wir eingangs aufgegriffen haben. Im Ergebnis erweist sich das als falsche Alter­native. Im Westen Deutschlands konnte es gar nicht zu einer kapitalistischen Restauration kommen, weil die privatwirtschaftliche Grundstruktur 1945 gar nicht gestört oder tiefgreifend verändert war. Es ist richtiger, von kapitalistischer  – und bürokratischer  – Kontinuität zu sprechen. Zum andern standen kapitalistische Kontinuität und demokratischer Neubeginn nicht im Gegensatz zueinander; sie schlossen einander nicht aus. Beides fand nebeneinander statt. Trotz jener fundamentalen Kontinuität des Wirtschaftssystems und der öffentlichen Bürokratie waren die Neuansätze und Kontinuitätsbrüche zahlreich und tief genug, um den durch totalitäre Diktatur, totalen Krieg, Zusammenbruch und Neuordnung bedingten Wendepunkt deutscher Geschichte von 1945 mindestens so tiefgreifend und folgenreich sein zu lassen wie die Wendepunkte 1918/19 und 1933. Allerdings trat dieser Neuansatz nicht sofort klar in Erscheinung; er brauchte gewissermaßen eine Inkubationszeit und neue Anstöße, um deutlich hervorzutreten: vor allem in den 60er und 70er Jahren. Deren Reformen und Reorientierungen wären ohne die Traditionsbrüche in Diktatur, Krieg und Zusammenbruch weniger griffig und einschneidend gewesen. Durch jenen Wendepunkt der deutschen Geschichte ist hierzulande zum ersten Mal ein fast »normales«, den westlichen Ländern sehr ähnliches liberal-demokratisches System – zunehmend mit sozialdemokratischen Zügen – entstanden, und seit 1989/90 bemüht man sich, es nach Osten hin auszudehnen. Es hat all jene Probleme, die kapitalistisch-bürgerlichen Industriegesellschaften fortgeschrittenen Typs eigen sind: Probleme sozialer Ungleichheit und ihrer Infragestellung, Lenkungs- und Verteilungsprobleme bei nachlassendem Wachstum, Verweigerungsprobleme und Schwierigkeiten der Legitimation, langfristig die Belastung durch den Nord-Süd-Gegensatz und durch unbewältigte ökologische Probleme. Diese Schwierigkeiten teilt die Bundesrepublik mit den anderen westlichen Industriestaaten, wie auch die großen Vorzüge, die diesen Systemen im Vergleich zu allen anderen eigen sind. Die für Deutschland spezifischen Belastungen der Demokratie, die hierzulande den Aufstieg und Sieg des Faschismus ermöglichten, scheinen abgeschwächt oder beseitigt zu sein. Das ist aber kein Grund, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Zu hoch war der Preis, zu groß waren die Opfer, die für die 278

späte Emanzipation eines großen Teils von Deutschland gezahlt wurden, und zwar nicht nur von den Deutschen selbst. Und zum andern bleiben erhebliche Unsicherheiten. Immer wieder erinnert die Gegenwart an die auf jeden Fall verblassten, aber vielleicht doch nicht verschwundenen Schatten der Vergangenheit. Gerade nach 1989/90 tauchen in Deutschland und Europa Mentalitäten und Strukturen wieder auf, die längst überwunden zu sein schienen: Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Andererseits beschleunigt sich der Wandel krisenhaft. Die alte Bundesrepublik wird schnell zur Geschichte. Die Wendepunkte, die einem am nächsten sind, lassen sich am schwersten beurteilen.

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18. DDR: Eine durchherrschte Gesellschaft1 Nichts spricht für eine scharfe Trennung von Sozialgeschichte und Politik­ geschichte. Hierzulande hat auch eine eng definierte Sozialgeschichte, verstanden als »history with politics leftout« (Trevelyan), nie eine große Rolle gespielt. Im Gegenteil, der Aufstieg der Sozialgeschichte in den sechziger und siebziger Jahren verdankte sich nicht zuletzt der sozialgeschichtlichen Analyse von Politik, der »politischen Sozialgeschichte«. Dabei stand die Frage nach den sozialen Bedingungen und Folgen politischer Entscheidungen, Prozesse und Strukturen im Vordergrund.2 Erst recht wäre schlecht beraten, wer die Sozialgeschichte der DDR ohne ständige Einbeziehung des Politischen betreiben wollte. Dies belegt dieser Band. Seine Beiträge dokumentieren die Untrennbarkeit von staatlichparteilicher Herrschaft und gesellschaftlicher Entwicklung in der Geschichte der DDR. Dabei steht meist nicht so sehr – wie in der Sozialgeschichte bürgerlicher Gesellschaften üblich – die Frage nach der sozialen Basis politischer Prozesse als vielmehr die Frage nach der politischen Basis sozialer Prozesse im Vordergrund.3 Diese Fragerichtung ergibt sich mit gewisser Notwendigkeit aus den Funktionsbedingungen der DDR als einer Diktatur kommunistischer Prägung.4 Zu ihren Zielsetzungen gehörte es, eine neue, politisch gesteuerte Gesellschaft zu schaffen, in der herkömmliche Differenzierungen abgeschafft, Prinzipien einer neuen Gleichheit verwirklicht, Vorsorge und Sicherheit politisch gewährleistet und neuartige Strukturen  – vor allem die sozialistische Eigentumsordnung  – etabliert sein würden: eine neue Gesellschaft mit neuen Menschen.5 Zum Zweck der politischen Konstituierung, Steuerung und Kontrolle von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur – wie auch zur Erhaltung der eigenen Macht – baute die Partei- und Staatsführung der DDR einen tief in alle Bereiche eingreifenden Herrschaftsapparat auf, der alle Merkmale moderner Diktaturen aufwies: vom systematischen Bruch verfassungs- und rechtsstaatlicher Prinzipien und der dauerhaften Verletzung von Menschen- und Bürgerrechten über die Ablehnung des politischen und weltanschaulichen Pluralismus, die Ausschaltung intermediärer Gewalten und den Abbau der relativen Autonomie gesellschaft­licher Teilbereiche bis hin zu spezifischen Formen der Massenbeeinflussung und Repression, im Extremfall als Terror. Einzelne Teile und Aspekte dieses Herrschaftsapparats und der daraus hervorgehenden Herrschaftspraxis sind in Beiträgen zu diesem Band6 analysiert worden, unter Betonung sozialgeschichtlicher Fragestellungen. Clemens Vollnhals behandelt den mächtigen und nach Größe wie nach Funktionsvielfalt neuartigen Apparat des Ministeriums für Staatssicherheit. Er zeigt seine Ziele, 280

Organisation und Methoden, seine Rekrutierungspraxis und allmähliche Professionalisierung, vor allem auch seine vielfältigen Aufgaben, zu denen Repression und »Zersetzung« ebenso gehörten wie die Informationsbeschaffung in einem System ohne funktionierende Öffentlichkeit und die umfangreiche »präventive Sozialsteuerung«.  – Eine neuartige illiberal-fürsorgliche, nachbürger­ liche Variante des Sozialstaats führt Günther Hockerts vor. Die Sozialpolitik hat die DDR stabilisiert und – ein Stück weit – legitimiert, Zugleich diente sie mehr als ihre westlichen Entsprechungen der gesellschaftlich-politischen Disziplinierung und Kontrolle.  – Das Recht als Instrument zum Abbau der bürgerlichen Rechtsordnung, als »vorrechtsstaatliches« Recht analysieren es Gerhard Dilcher und Thomas Friedrich. Die Unterordnung des Rechts unter Staat und Partei, die Instrumentalisierung der Justiz, die Einschüchterung der Juristen und die innere Veränderung ihrer Ausbildung, vor allem die Aufhebung der Trennung von Politik, Moral und Recht, der Abbau der inneren rechtlichen Differen­zierungen, die Verschleifung der Unterscheidung von Staat und Gesellschaft – all dies arbeitet die rechtsgeschichtliche Analyse heraus und enthüllt damit zentrale Mechanismen der DDR-Diktatur, die sich in ihrem Verhältnis zum Recht gleichwohl deutlich von der NS-Diktatur unterschied.7 Hartmut Zimmermann schließlich untersucht das höhere Personal der Herrschafts- und Dienstleistungsapparate, die Kader und das Kadersystem als Basis einer von oben konstituierten und kontrollierten Gesellschaft, die weitgehend aufhörte, eine bürgerliche zu sein. Diese Herrschaft hatte ihre tiefreichenden sozialgeschichtlichen Konsequenzen. Von einer »durchherrschten« Gesellschaft spricht Alf Lüdtke in diesem Zusammenhang.8 In der Tat prägte ubiquitäre politische Herrschaft jene Gesellschaft bis in ihre feinsten Verästelungen hinein. Ein zentrales Beispiel: Primär politische Eingriffe waren etwa für Flucht, Vertreibung und Enteignung verantwortlich, die zwischen 1949 und 1961 zur Abwanderung von 2,7 bis 2,8 Millionen Ostdeutschen nach Westen, zu einem Bevölkerungsrückgang von 18,4 auf 17 Millionen, zu massiven Verlusten von Qualifikation und Leistungsfähigkeit, zur Zerstörung des Wirtschaftsbürgertums, zur Entstehung einer weiblichen Mehrheit in der Bevölkerung aufgrund der Männerüberrepräsentation unter den Abwanderern und zur Eröffnung gewaltiger Mobilitätschancen für nachrückende Aufsteiger führten. Es waren gezielte politische Maßnahmen, die die Ausbildung und Rekrutierung nachrückenden Nachwuchses so steuerten, dass Söhne und Töchter des Bürgertums diskriminiert und die Nachkommen von Familien aus der unteren Mittel- und oberen Unterschicht privilegiert wurden. Neu eingerichtete Institutionen wie Arbeiter- und Bauern-Fakultäten und Vorstudienanstalten haben dazu ebenso beigetragen wie die Ergänzung, Überlagerung und bisweilen Ersetzung von fachlichen Qualifikations- und Selektionskriterien durch soziale und politische Kriterien, vor allem proletarische Herkunft und Mitgliedschaft in der SED. Als Konsequenz dieser politischen Setzungen und Maßnahmen haben in der DDR bis Anfang der siebziger Jahre massenhaft Aufstiegsprozesse stattgefunden, ein Austausch der Eliten, wie er 281

jeden­falls in der modernen deutschen Geschichte kein Vorbild findet. Als Folge ergab sich Deprofessionalisierung in vielen Bereichen, so in der Justiz, in der Hochschullehrerschaft, in der öffentlichen Verwaltung, die sich dadurch vom klassischen Typus der Bürokratie, wie ihn Weber analysiert hat, deutlich entfernte.9 Das muss zu Einbußen an Leistungskraft geführt, aber auch  – über den Zuwachs an Chancen für die Dableibenden  – zur Legitimation der frühen DDR erheblich beigetragen haben, bevor spätestens Anfang der siebziger Jahre neue Schließungsprozesse einsetzten, die die Aufstiegsmobilität weit unter das westdeutsche Maß hinabdrückten und die Gesellschaft der DDR geradezu er­starren ließen, was zu ihrer Delegitimierung bei den Jüngeren beigetragen h ­ aben dürfte.10 Die Zerstörung herkömmlicher und der Aufbau neuer Strukturen aufgrund politischer Gestaltung durch Partei und Staat, die politische Dekonstruktion und Konstruktion sozialer Wirklichkeit – dies ist ein Leitthema vieler Beiträge zu diesem Band. Ich resümiere weitere Beispiele: Kohli erwähnt, der Staat habe versucht, den Lebenslauf in seine Regie zu nehmen; das Gewicht der Familie für die Plazierung des Nachwuchses nahm vermutlich ab, schon weil ihr das materielle Kapital als Plazierungsressource entzogen wurde.11 Arnd Bauerkämper analysiert die politisch verursachte Umwandlung von Landwirtschaft und ländlicher Gesellschaft auf dem Weg von der Bodenreform zur Zwangskollektivierung.12 Andere arbeiten heraus, dass neben der Berufsgruppenzugehörigkeit und damit der Stellung im System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung es vor allem die Nähe – oder Distanz – zur politischen Macht war, die in der DDR über Lebenschancen entschied, in Form von Privilegien oder Ent­ behrung.13 Die staatliche Politik trieb die Modernisierung der DDR in vielen Bereichen voran, so in der Wissenschaft, bei wirtschaftlichen Innovationen, im Städtebau, im Ausbau des Erziehungswesens, bei der Gleichstellung der Frau. Gleichzeitig bremste sie ab, verhinderte Modernisierung als subjektive Selbsttätigkeit und behinderte Selbständigkeit aller Art, die dem Machtmonopol der Staatsund Parteiführung hätte gefährlich werden können.14 Diskriminierung und Repression durch Partei und Staat erkennt Detlef Pollack als wichtigsten Faktor hinter dem rasanten Rückgang der Kirchenmitgliedschaft in der DDR.15 Die DDR habe den alten Patriarchalismus im Geschlechterverhältnis ein erhebliches Stück weit abgebaut, aber durch eine Art Staatspatriarchalismus ersetzt, meint Ute Gerhard.16 Doch die Sozialpolitik der DDR hat zur Veränderung der Geschlechterverhältnisse kräftig beigetragen und den Frauen neue Möglichkeiten geschaffen. Sie hat das Verhältnis der Generationen zueinander verschoben, zugunsten der Jüngeren. Sie dürfte die ostdeutschen Mentalitäten langfristig geprägt haben, im Sinne hoher Erwartungen an Staat und Regierung, mit dem Ergebnis betonter Hochschätzung von Sicherheit und geringerer Betonung von Selbständigkeit.17 Die rechtlich unbegrenzte Herrschaftsmacht von Staat und Partei trug dazu bei, dass die Scheidelinie zwischen öffentlich und privat in der DDR anders gezogen war als im Westen und ständig von Überschreitung bedroht wurde. 282

Letztlich hingen auch der Mangel an funktionaler Ausdifferenzierung der DDR-Gesellschaft in relativ selbstgesteuerte Teilsysteme mit je spezifischen Rationalitätskriterien und damit die ausgeprägte Tendenz zur institutionellen Fusionierung und zur Multifunktionalität der Institutionen mit der Dominanz der Politik und den schwach ausgeprägten Begrenzungen staatlich-parteilicher Herrschaftsmacht zusammen, die der Tendenz nach alles zu steuern und zu durchdringen unternahm und sich damit am Ende übernahm. Mit dieser Tendenz zur funktionalen Entdifferenzierung und institutionellen Fusionierung unterschied sich die DDR übrigens nicht nur von den bürgerlichen Gesellschaften des Westens, sondern auch von der Gesellschaft der nationalsozialistischen Diktatur. Funktionale Entdifferenzierung und institutionelle Fusionierung werden als zentrale Merkmale der DDR in diesem Band häufig erwähnt und ausführlich am Beispiel der Unternehmen, der Produktionsbrigaden und der Arbeitswelt analysiert.18 Alles in allem erweist sich die Gesellschaft der DDR in hohem Maß als künstliches Produkt politischer Herrschaft, von dieser ermöglicht, durchformt und abhängig. Dennoch hat Ina Merkel recht, wenn sie sich vehement gegen die »Repressionsthese« wendet und  – in meinen Worten  – darauf insistiert, dass die Gesellschaft, das Leben, der Alltag der DDR in ihrer diktatorischen Gängelung nicht aufgingen. Falsch wäre es nämlich anzunehmen, dass die Herrschaft von Partei und Staat die Gesellschaft total prägte und determinierte. Vieles in ihr war älter als dieser Staat. Staatlich-parteiliche Steuerung und Durchdringung stießen ständig auf Grenzen. Bisweilen lösten sie sogar Gegentendenzen aus.19 So manche ältere Tradition lebte weiter, indem sie sich gegenüber herrschaftlichen Rekonstruktionsversuchen als immun erwies und zum Teil mit neuen Aufgaben ausgestattet wurde. Christoph Kleßmann zeigt dies an den ge­ schwächten, aber fortlebenden Restbeständen des Bildungsbürgertums, das  – anders als das Wirtschaftsbürgertum – der völligen Vernichtung entging. Friedrich Wilhelm Graf argumentiert, dass in der protestantischen Theologie der DDR alte, sehr deutsche Traditionen weiterlebten, in Unterschied und Ent­ gegensetzung zur Bundesrepublik. Peter Hübner und Alf Lüdtke heben auf das Fortleben älterer Traditionen des Arbeiterstolzes auf gute – »deutsche« – Wertarbeit ab, auf Traditionen, die nach 1945 in SBZ und DDR revitalisiert worden seien. Und so sehr auch die parteilichstaatliche Durchdringung von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur eine neuartige Qualität besaß, so sehr baute sie – die­ selben verstärkend – auf älteren obrigkeitsstaatlichen Traditionen auf, die die deutsche Entwicklung seit langem geprägt und von anderen Ländern Europas unterschieden hatten. Zumindest in diesen Hinsichten hielt sich in der DDR mehr von der alten deutschen Gesellschaft als in der Bundesrepublik, die sich schneller verwestlichte.20 In der DDR dauerte insofern der »Sonderweg« länger.21 Wenngleich nicht aus Gründen rechtsstaatlicher Absicherung, so doch als Folge des Zwangs der Verhältnisse blieb die politisch-herrschaftliche Durchdringung der DDR-Gesellschaft begrenzt. Wie wenig es dem SED-Staat in Wirklichkeit gelang, die Organisation der Lebensläufe in eigene Regie zu nehmen und die 283

nachwachsende Jugend zu formen oder auch nur zu gewinnen, zeigt Dorothee Wierling genau. Die Spannung zwischen staatlich-parteilichen und innerfamiliären Erziehungseinflüssen blieb ausgeprägt. Die Familie hatte in der DDR viel von den Funktionen verloren, die sie in der bürgerlichen Gesellschaft und vor allem im Bürgertum so wichtig machen: Nach den Enteignungen war sie kaum mehr der Ort für die Weitergabe materiellen Kapitals an die nächste Generation. Angesichts der frühen und umfassenden Einbeziehung der Kinder in öffentliche Erziehungseinrichtungen und -gruppen nahm auch ihre Bedeutung als Ort der Weitergabe kulturellen Kapitals ab. Ihr Zusammenhalt muss sich gelockert haben. Aber andererseits gewann sie an Bedeutung für das Leben des einzelnen hinzu: als Ort der Versorgung angesichts der Unterentwicklung der Märkte und versagender staatlicher Planung, als wichtiges Glied in den sich herausbildenden informellen Beziehungsgeflechten und als Ort des Rückzugs vor politischgesellschaftlicher Zumutung. Die Generationen­dynamik entzog sich der Steuerung durch Partei und Staat; ihr Beitrag zum Zusammenbruch der DDR war beträchtlich.22 Wer den Arbeitsprozess in der DDR mit der Vorstellung effektiver totalitärer Kontrolle (›Kommandowirtschaft‹) verbindet, würde erwarten, auch im Betrieb einen Ort vollständiger Entsubjektivierung anzutreffen. Die Realität sah anders aus. In der Forschungsliteratur besteht Übereinstimmung, dass der Spielraum und das Widerstandspotential der Beschäftigten im Betrieb hoch war – ty­pischerweise höher als in der Bundesrepublik.23 Man erinnert sich an Heiner Müllers ironische Pointe: »Der bisherige Burgfrieden in der DDR beruhte doch darauf, daß zwei Stunden gearbeitet, aber acht bezahlt wurden.« Überall entdeckt man bei genauerem Hinsehen informelle Strukturen, inoffizielle Beziehungsgeflechte und Problemlösungsmuster, die formell nicht vorgesehen waren, aber auf Funktionsdefizite der offiziellen Struktur reagierten oder auch zu Basen des Rückzugs, der Sperrigkeit, des stillen Widerspruchs werden konnten. Blickt man z. B. genauer auf die Hochschullehrerrekrutierung, dann findet man unterhalb der professionellen und der politischen Regelungsmechanismen, dass Hausberufungen die Regel wurden, »Stallgeruch« wichtig war, lokalistische Strukturen entstanden und einzelne Professoren viel persönliche Macht kumulierten – ganz im Gegensatz zu den Absichten der SED, die auf die »Inzucht« im Hochschulbereich schimpfte und darin wohl zu Recht eher Grenzen ihrer Durchsetzungsmacht sah. In ganz anderem Zusammenhang spricht Ina Merkel von »Widerstandsstrategien im Alltag«, die ohne jede Öffentlichkeit subtil funktionierten und sich in vielfältigen Formen der Anpassung verkleiden konnten, um nicht entlarvt zu werden.24 Auch wer den Widerstandsbegriff gern enger begrenzt, wird hier ein großes Thema sehen, das nicht auf die Wochenend-Freuden des Datscha-Lebens und die vielzitierten »Nischen« beschränkt war und in diesem Band bei weitem nicht ausgeschöpft wird. Es kommt darauf an, das sich wandelnde Wechselwirkungsverhältnis zwischen der diktatorischen Herrschaft und den vielfältigen Weisen zu erforschen, in denen die Menschen mit ihr umgingen  – von unkritischer Identifikation und über284

zeugter Kooperation über opportunistische Anpassung, Apathie und Rückzug ins Private bis hin zu Resistenz und Opposition. Das Leben in der DDR war durch diktatorische Herrschaft geprägt, ging aber in dieser Prägung nicht auf. Es gab faktische Grenzen der Durchherrschung im Alltag, sie gilt es näher zu bestimmen. Die Arrangements waren vielfältig, teils traditional und teils neu.25 Zwar standen sie immer unter der Drohung des Ernstfalls. Kam es zum offenen Konflikt zwischen Lebenswelt und System, setzte sich bis zum Herbst 1989 die diktatorische Herrschaft durch: in Form von gewaltsamer Repression wie am 17.  Juni 1953, in Form individuellen Terrors, harter Disziplinierung, Ausbürgerung und Benachteiligung anderer Art. Aber ohne jene Arrangements, deren sich wandelnde Geschichte noch zu schreiben ist, wird man weder das Leben in der DDR gerecht rekonstruieren noch deren relative Stabilität angemessen verstehen können. Aus ihnen gingen überdies ungesteuerte Dynamiken hervor, die schließlich am Zusammenbruch des Systems nicht unbeteiligt waren.

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19. Nationalsozialismus und SED-Diktatur im Vergleich1

I Vergleiche zwischen Drittem Reich und DDR begleiten den deutschen Einigungsprozess seit 1989. Die Vergleiche zwischen erster und zweiter deutschen Diktatur sind häufig und bisweilen kontrovers, in der wissenschaftlichen Diskussion wie in der öffentlichen Auseinandersetzung um den Ort der DDR in der deutschen Geschichte. Da erklärt – um nur drei frische Beispiele zu nehmen – der Abgeordnete Norbert Geis im Bundestag, die DDR sei ein – ich zitiere nach der Presse – »genauso verbrecherisches Regime wie das Nazi-Regime« gewesen. Das »Neue Deutschland« weist den Diktaturenvergleich, wie er vom Potsdamer Forschungsschwerpunkt »Zeithistorische Studien«2 betrieben wird, polemisch als »Auslaufmodell« zurück. Und die »Deutsche Gesellschaft« hat gerade zusammen mit der »Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung« ein inhaltsreiches Buch mit dem Titel »Vergangenheitsbewältigung 1945 und 1989. Ein unmöglicher Vergleich?« vorgelegt. Dieses Buch berichtet von einer Potsdamer Tagung, an der der Bundes­ präsident teilnahm, es bringt gekonnte und abwägende Vergleiche, es spricht von der »breiten Betroffenheit, die … erzeugt wird, wenn die DDR in vergleichender Absicht mit dem nationalsozialistischen Deutschland in Beziehung gebracht wird« und fährt fort: »Fragestellungen, die auf einen Vergleich der DDR mit dem nationalsozialistischen Deutschland hinauslaufen, empfindet ein großer Teil, wenn nicht sogar die Mehrheit der ehemaligen DDR-Bürger als einen beleidigenden persönlichen Angriff …, während sie von den ehemaligen Bundesbürgern – sofern sie davon überhaupt berührt werden – eher mit gelassener Interesse zur Kenntnis genommen werden.« Ich weiß nicht, wie weit diese These zu substantiieren ist. Einiges davon entspricht auch meiner Erfahrung. Es gibt natürlich Ostdeutsche, die als Opfer der Diktatur – und es sind viele bzw. in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung stehend, den NS-DDR-Vergleich akzeptieren und ihn auch schärfen, totalitarismushistorisch zuspitzen. Aber zahlreiche Bürger aus der ehemaligen DDR finden diesen Vergleich in der Tat ungerecht, deplaziert, im Gegensatz stehend zu ihren antifaschistischen Überzeugungen und Erfahrungen. Sie stehen diesem Vergleich fern, auch wenn sie im übrigen eine durchaus kritische, ggf. sehr kritische Sicht auf ihren ehemaligen Staat haben mögen. Umgekehrt gibt es natürlich Westdeutsche, die den NS-DDR- Vergleich auch heute noch 286

ablehnen, weil er ihnen zuviel Gleichsetzung von Ungleichem – rot = braun – impliziert. Aber der kritische Vergleich zwischen den beiden deutschen Diktaturen entspricht doch zentralen Bausteinen des Selbstverständnisses der Bundesrepublik vor und nach 1990, der Bundesrepublik, für die ja die doppelte Absetzung vom nationalsozialistischen Erbe einerseits, vom kleinen, hässlichen Bruder östlich der Elbe andererseits identitätsbildend war und in anderer Weise immer noch ist, als Kraftquelle wie auch als Legitimationsbasis. Vom NS-DDR-Vergleich wird gegenwärtig in der Öffentlichkeit sehr unterschiedlich Gebrauch gemacht. Das Spektrum reicht vom missbräuchlichen Totschlagargument der Gleichsetzung  – gleich verbrecherisch, beide zum »Reich des Bösen« gehörig – bis hin zur subtilen Analyse von Ähnlichkeiten und Unterschieden mit dem Ziel, das Besondere am DDR-System oder auch das Besondere an der NS-Diktatur besser zu erkennen. Fast immer sind bei solchen Ver­ gleichen Tatbestandsaussagen mit Wertungen verknüpft, fast immer geht es beim Vergleichen um Analyse und Selbstverständnis zugleich, schon die Wahl des Vergleichspartners ist eine wertbezogene Entscheidung. Aber im übrigen kann der NS-DDR-Vergleich im mühsamen Prozess der deutschen Vergangenheitsbewältigung sehr verschiedene Funktionen haben. Dem gehe ich jetzt nicht weiter nach, sondern entwickle eine Argumentation in drei Stufen: Erstens stelle ich grundsätzliche Ähnlichkeiten zwischen den beiden deutschen Diktaturen fest, die meines Erachtens den Vergleich zwischen ihnen beiden rechtfertigen. Zweitens nehme ich ernst, dass im historischen Vergleich immer nach Ähnlichkeiten und Unterschieden gefragt wird, und arbeite einige grundsätzliche Unterschiede zwischen NS-Diktatur und DDR heraus. Drittens will ich etwas zu den Grenzen des Diktaturenvergleichs sagen.

II Es ist nicht zu bezweifeln, dass sich Nazi-Deutschland und die DDR in erheb­ lichen, ins Gewicht fallenden Hinsichten glichen, wenn man sie aus der Perspektive der Prinzipien des liberal-demokratischen Verfassungs- und Rechtsstaates betrachtet. Zu beiden Systemen gehörten die systematische Verletzung von Menschenund Bürgerrechten und die fehlende Begrenzung der Staatsmacht. In beiden Fällen fehlten die Absicherung relativ autonomer gesellschaftlicher Teilbereiche und fehlten der Schutz privater Räume. All dies zeigte sich an der fehlenden Unabhängigkeit der Justiz, an der eingeschränkten Versammlungs- und Meinungsfreiheit, an staatlicher Willkür der verschiedensten Art, an staatlicher Verfolgung von Dissidenten. Offene oder kaum verschleierte Einparteienherrschaft mit einer klaren Tendenz zu einer monokratischen Spitze, der Hegemonialanspruch einer institu­ 287

tionalisierten Ideologie und die Ablehnung von Pluralismus – das kennzeichnete beide Systeme. Sowohl das NS-Regime wie das SED-Regime setzten moderne Massenbeeinflussungs- und Massenüberwachungsmittel ein  – Massenorganisation, Propaganda, vielfältige Repression, Verführung und Terror  –, und sie erreichten damit, wenigstens zeitweise, erhebliche Massenmobilisierung, und dies nun im Unterschied zu traditionelleren Formen despotischer oder autoritärer Herrschaft oder im Unterschied zu alten Diktaturen. Beide Herrschaftssysteme zielten auf die Umgestaltung der Gesellschaft und die Erziehung eines neuen Menschentyps, wenngleich mit sehr verschiedenen Inhalten und mit unterschiedlicher Konsequenz. In solchen und ähnlichen Merkmalen glichen sich beide Systeme. Es sind, wie ich vorziehe zu sagen, die Merkmale der modernen Diktatur, deren Be­ griffsbestimmung sich, oft nur ex negativo, aus dem kontrastierenden Vergleich mit den Prinzipien des liberal-demokratischen Rechts- und Verfassungs­staates ergibt. Es wäre falsch, diese Entsprechungen im Herrschaftssystem und in der Herrschaftstechnik, wie es manchmal geschehen ist, als formal und zweitrangig abzutun. Sie sind vielmehr für jeden zentral, der aus menschen- und bürgerrechtlicher Perspektive zu argumentieren und zu urteilen gewohnt ist. Die genannten Eigenarten der beiden Diktaturen waren überdies lebensgeschichtlich, auch alltagsgeschichtlich von allergrößtem Gewicht, vor allem für die, die aus politischen Gründen ins Gefängnis gesteckt, gefoltert, umgebracht, vertrieben oder auch nur eingeschüchtert und zur Anpassung gebracht wurden Es gibt weitere Gemeinsamkeiten zwischen Nazi-Deutschland und DDR, Gemeinsamkeiten, die erst nach dem Ende der DDR, seit 1989/90, ganz deutlich geworden sind. Ich meine den zunehmenden Realitätsverlust der Herrschenden in beiden Diktaturen, das in ihnen beiden verbreitete, immer hilfloser werdende Verschweigen oder Uminterpretieren der nicht in den Kram passenden historischen Realität. Ich meine die unterentwickelte Lernfähigkeit beider Systeme als Folge fehlender Öffentlichkeit und fehlender Institutionalisierung von interner Kritik. Was man für den Nationalsozialismus seit langem wusste, zeichnet sich nun auch für die DDR ab, wenngleich in weniger eindeutiger Weise und vorbehaltlich weiterer Forschungen. Seit Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre führte die mangelnde Lernfähigkeit, die mangelnde Reformfähigkeit des Systems zu nachlassender Leistungsfähigkeit und zu so etwas wie schleichender Selbstzerstörung, die dann, nach dem Wegfall der sowjetischen ­Stützgarantie, Ende der achtziger Jahre ans Licht trat und unter dem Druck des System­ konflikts und der übermächtigen Konkurrenz des Westens in den offenen Zusammenbruch führte. Schließlich ist, was Ähnlichkeiten angeht, zu betonen, dass beide deutsche Diktaturen, die faschistische wie die kommunistische, antiwestlich orientiert waren, antiwestlich in einem sehr grundsätzlichen Sinn. Beide teilten die Verachtung für den Liberalismus, die Abkehr von Individualismus und Bürgerlich288

keit, die Skepsis gegenüber Kapitalismus und Marktwirtschaft, wenngleich dies letztere nur für die Ideologie des Nationalsozialismus, kaum aber für seine Praxis zutrifft. Beide Diktaturen standen eben im Kontext ein- und derselben Geschichte, in der Tradition der deutschen politischen Kultur, in der man immer von den Obrigkeiten viel und von der verantwortungsvollen Selbständigkeit der einzelnen wenig erwartet hatte. Im Kern dessen, was bisweilen als »deutscher Sonderweg« bezeichnet worden ist, steckte im 19. und im frühen 20. Jahrhundert eine zunehmende Abwendung der Deutschen von der Zivilisation des Westens, seinem Gesellschaftsund Politikmodell. Dieser Sonderweg, diese deutsche Abweichung vom Westen, gipfelte im Nationalsozialismus. Er endete – mit Glück und bis auf weiteres – im west­lichen Deutschland der letzten Jahrzehnte. Aber im östlichen Deutschland, in der DDR, wurde er  – natürlich mit anderen Inhalten und unter den Bedingungen des verlorenen Krieges, des Staatssozialismus, der sowjetischen Hegemonie – in gewisser Weise fortgeführt bis 1989/90. Das bedeutete: weitere Einübung in Abhängigkeit, geringe wirkliche Partizipation an den öffentlichen Dingen, die Bereitschaft, sich für die üblen Seiten der allgemeinen Politik als »nicht zuständig« zu erklären, sich wegzuducken, sich anzupassen, mangelnde Zivilcourage. Hier sehe ich die sozial- und mentalitätsgeschichtlich größte grundlegende Ähnlichkeit, ja Kontinuität zwischen den beiden deutschen Diktaturen. Ich meine also ihre Verwurzelung in den illiberalen Traditionen der deutschen politischen Kultur, auf denen diese Diktaturen aufbauten und die sie in neuartiger, auch unterschiedlicher Weise zuspitzten und radikalisierten. Die beiden Diktaturen setzten die Unterentwicklung zivilgesellschaftlicher Einstellungen und Verhaltensweisen in Deutschland voraus, und sie trugen ihrerseits zu ihrer weiteren Schwächung bei – ein noch lange lastendes Erbe. So weit zu einigen zentralen Ähnlichkeiten und Kontinuitäten.

III Zwischen Nazi-Deutschland und DDR bestanden aber auch zahllose erheb­liche, ins Gewicht fallende Unterschiede. Je genauer man hinblickt, je gründlicher man das Herrschaftssystem, die Sozial- und Rechtspolitik, die Minderheitenpolitik, die Sozialgeschichte, das Wirtschaftssystem, den Alltag, die Kultur der beiden Diktaturen untersucht, desto mehr treten ihre tiefgreifenden und vielfältigen Unterschiede hervor. Ich hebe einige dieser Unterschiede, von denen ich annehme, dass sie für eine historische Beurteilung der DDR von besonderer Wichtigkeit sind, im folgenden hervor. Gravierende Unterschiede zeichnen sich gerade auf solchen Gebieten ab, auf denen sich die Unmenschlichkeit des nationalsozialistischen Systems besonders krass entfaltete: Weder hat es in der DDR systematische staatlich gelenkte 289

Massen­morde gegeben, die auch nur entfernt der nationalsozialistischen Vernichtung der Juden und anderer als »volksfremd« oder »schädlich« erklärter Minderheiten geähnelt hätten, noch ist von der DDR ein Weltkrieg ausgegangen, der auf die Errichtung eines Imperiums, auf die gewaltsame Eroberung von »Lebensraum« und die Vernichtung oder Versklavung als »minderwertig« definierter Völker abzielte. Also gerade das, was die nationalsozialistische Diktatur auch noch nach 50 Jahren zu einer so riesengroßen Last für die nach­ folgenden Generationen macht, zu einer Vergangenheit, die nicht vergeht, diese beispiellosen, staatlich initiierten und gelenkten Massenermordungen und der von Deutschland begonnene Krieg mit seinen vielen Millionen Opfern vor allem außerhalb Deutschlands, gerade das gab es in der DDR nicht. Diese Ungeheuerlichkeiten blieben in der zweiten deutschen Diktatur nicht etwa nur deshalb aus, weil es ihr dafür an außenpolitischem Entscheidungsspielraum fehlte, sondern auch aus inneren Gründen. Die offizielle Ideologie der DDR hatte zwar ihre antipluralistischen, dem Freund-Feind-Denken ver­ hafteten, auf Vernichtung des Klassenfeindes gerichteten, gewaltsamen Elemente. Aber der Rassismus und Antisemitismus, der Sozialdarwinismus und Nihilismus des nationalsozialistischen Ideologiegebräus waren der DDR Ideologie fremd. Diese DDR-Ideologie stammte aus anderen geistesgeschichtlichen, anderen ideengeschichtlichen Traditionen, aus solchen des Internationalismus, der Arbeiterbewegung, des Sozialismus und der Aufklärung, so sehr sie diese Tradition auch verbog, pervertierte und letztlich zerstörte. Ein zentralistischdiktatorisches System wie das der DDR ging natürlich mit Minderheiten nicht gerade pfleglich um. Aber die Politik der SED und der von ihr abhängigen Regierungen hatte nichts mit der antislawischen Ausmerzungspolitik der Nationalsozialisten zu tun. wie sich an der DDR-Politik gegenüber den Sorben in der Lausitz studieren lässt. Die offizielle Festlegung auf den proletarischen Internationalismus und die Kooperation mit den sozialistischen Brudervölkern, wie es hieß, überdeckte und überlagerte das, was an antipolnischen Strömungen zweifellos weiterlebte und nicht an die Öffentlichkeit gelassen wurde. In jüngster Zeit sind antisemitische Züge in der Personal- und Judenpolitik von SED-Organen in den frühen fünfziger Jahren herausgearbeitet worden. Aber dies blieb hinter dem zurück, was gleichzeitig in der Sowjetunion, in Polen und in der Tschechoslowakei geschah, und ist mit der nationalsozialistischen Judenpolitik nicht zu vergleichen. Und was das Verhältnis der beiden deutschen Diktaturen zum Krieg anseht: Die Zielsetzungen Hitlers, die innere Dauermobilisierung des NS- Herrschaftssystems, seine Instabilität und seine eingebaute Neigung zur Flucht nach vom und zur Flucht nach außen – all das drängte das Nazi-Reich mit gewisser Notwendigkeit schrittweise in den Krieg. Man sieht nicht, wie es seine abenteuer­ liche Expansionspolitik hätte abstoppen können, ohne seinen Charakter grundsätzlich zu ändern. Im Vergleich dazu war das SED-System nicht in dauernder Bewegung, es war defensiver, bald verkrustet, nicht auf den Krieg hin angelegt, wenngleich 290

die Verteufelung des Klassenfeindes ein erhebliches destruktives Potential aufbaute und man, wie neuere Forschungen ergeben haben, zum Zweck der Macht­ erhaltung offenbar zu Kriegsgängen bereit und entschieden war. Es ist mithin nicht richtig, die beiden deutschen Diktaturen nach dem Grad verbrecherischer Unmenschlichkeit gleichzusetzen. Eine solche Gleichsetzung enthält auch leicht eine gewisse Verharmlosung der Nazi-Verbrechen. Übrigens käme man zu ganz anderen Ergebnissen, wenn man Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion vergleichen würde. Aber dies ist nicht mein Thema, ist nicht unser Thema, hier geht es um den Vergleich zwischen Nazi-Deutschland und der DDR. Wenn somit das moralische Zerstörungs- und das physische Vernichtungspotential der NS-Diktatur ungleich massiver war als das der SED-Diktatur, so hat diese doch viel radikalere Wandlungen der Wirtschafts-, Sozial- und Politikstruktur angezielt und hervorgebracht als jene. Unter Leitung der SED sind die alten Führungsschichten weitgehend abgesetzt, ausgetauscht, vernichtet worden – häufig gewaltsam und sicherlich widerrechtlich im Zusammenhang mit Enteignung, Vertreibung und erzwungener Abwanderung. Die DDR hat neue Führungsschichten in Macht und Einfluss gebracht, zahlreiche Aufsteiger aus dem Proletariat und aus der unteren Mittelschicht, homines novi, was die Legitimationsbasis des Systems verstärkt, seine Leistungsfähigkeit aber langfristig geschwächt haben dürfte. Die Nazi-Diktatur, die ja mit Unterstützung eines Teils der alten Führungsschichten in den Sattel gehoben wurde, hat trotz aller egalitärer Volksgemeinschaftsrhetorik solch einen Elitenwechsel weder wirklich angestrebt noch tatsächlich bewerkstelligt, ausgenommen die Vertreibung oder Vernichtung des jüdischen Anteils an den Oberschichten und abgesehen von den Zerstörungen die Weltkrieg, Widerstand und Zusammenbruch – dies aber gegen die Intentionen der NSDAP – einem Teil der Oberschicht zufügten. Man denke an die Generalität und den adeligen Großgrundbesitz, an die Opfer und die Vernichtung großer Teile der Wehrmacht im Krieg und an den 20. Juli 1944. Die SED hat einen tiefgreifenden Wandel der Eigentumsverhältnisse erzwungen, die NSDAP nicht. Zum weitreichenden Planungs-, Leitungs- und Gestaltungsstreben der kommunistischen Herrscher gab es auf nationalsozialistischer Seite, keine wirkliche Entsprechung. Die SED-Politik hat die Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Teil­systeme in Ost-Deutschland tatsächlich ein Stück weit zurückgedreht und also die verschiedenen Lebensbereiche – Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft etc. – politischer Steuerung zu unterwerfen gesucht, wiederum nicht ohne Gewalt und sehr zum Schaden der Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems. Die NSDAP hat dies weder ernsthaft versucht noch bewerkstelligt, trotz einiger Ansätze, vor allem in der Kriegswirtschaft. Die SED hat das Erziehungssystem organisatorisch und inhaltlich umge­ staltet die NSDAP kaum. Die Eingriffe der SED-Diktatur in Wissenschaft, Forschung und Lehre waren ungleich gründlicher und folgenreicher als die der 291

Nazis. All das lag sicherlich auch daran, dass das Nazi-Reich kaum mehr als zwölf, das SED-Regime aber mehr als 40 Jahre Zeit hatte. Wir wissen nicht, was aus dem Nazi-System geworden wäre, hätte es den Zweiten Weltkrieg siegreich überstanden. Dieser Unterschied, der tiefere Eingriff der SED-Diktatur in Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik, lag aber auch an qualitativen Unterschieden zwischen den beiden Systemen. Die Diktatur der deutschen Kommunisten war stärker auf gesellschaftliche Neugestaltung bedacht, sie war trotz allem zweckrationaler und erfasste die Gesellschaft totaler als die Diktatur der deutschen Faschisten, die ihrerseits aber an Vernichtungs- und Zerstörungskraft, an permanenter Dynamik, Willkür und Terror überlegen war. Die DDR hat ihre gesellschaftliche Neuordnungsdynamik mit der Zeit allerdings verloren, sie ist zunehmend erstarrt. Dagegen hat die NS-Diktatur ihre Vernichtungskraft und Zerstörungsdynamik aufs Ende zu immer mehr radikalisiert – ein wichtiger Unterschied, der zur Erklärung des verschiedenartigen Endes beider Diktaturen beiträgt. Welche der beiden Diktaturen die totalitärere war, hängt von der Definition des Begriffs »totalitär« ab. Ich kann darauf in der Diskussion zu sprechen kommen. Die Frage des Gebrauchs der Begriffe »totalitär«, »Totalitarismus« sollte nicht zu einem Glaubenskrieg werden – das war es teilweise in früheren Jahren. Ich glaube, dass eine vergleichende Analyse mit Hilfe der Kategorie der »modernen Diktatur«, wie ich sie hier ansatzweise definiert habe, auskommt, so dass man dann die Frage stellen kann, welchen Grad von Totalitarität verschiedene moderne Diktaturen hatten. Dies erfordert aber eine genaue De­f initionsarbeit, und ich werde vielleicht in der Diskussion Gelegenheit haben zu sagen, dass es eben sehr unterschiedliche Definitionen von »totalitär« gibt.3 So klar und brauchbar ist dieser Begriff deshalb nicht. Aber Begriffsfragen sind zu einem großen Teil  Fragen der Zweckmäßigkeit und nicht unbedingt Substanz- und Glaubensfragen. Viele andere Unterschiede zwischen den beiden deutschen Diktaturen ­wären zu nennen. Das Nazi-System war ganz und gar hausgemacht, der SED-Staat verdankte sich zum erheblichen Teil, jedoch nicht zur Gänze, sowjetischer Hegemonialpolitik. Die Entstehungsbedingungen beider Diktaturen waren außerordentlich unterschiedlich. Die eine entstand aus der Krise der bürgerlichen Gesellschaft, die andere aus dem Krieg und seinem Ende und einer gewissen außenpolitischen Konstellation, die zwar auch etwas mit der Krise der bürgerlichen Gesellschaft jener Jahrzehnte zu tun hatte, aber sehr viel indirekter. Nazi-Deutschland und DDR existierten in unterschiedlichen internationalen Konstellationen. Das prägte sie. Darüber wäre viel zu sagen. Die DDR war einer von zwei deutschen Staaten, und sie war durch das Wechselverhältnis zum anderen deutschen Staat zutiefst und in vielem geprägt und beeinflusst. Auch das entfiel natürlich im Fall des Dritten Reichs. 292

Das Dritte Reich trieb den extremen Nationalismus auf die Spitze, und es sprengte den deutschen Nationalstaat selbst durch seine eigene Expansion. Die DDR war vom extremen Nationalismus weit entfernt, tat sich schwer mit dem Nationsbegriff und eignete sich nur allmählich das an, was sie als nationales Erbe bezeichnete, dann manchmal mit Graden deutschtümelnder Tendenz, die im Westen fehlten. Im Dritten Reich gehörte die kommunistische Arbeiterbewegung zu den ersten Opfern, in SBZ und DDR zu den kräftigsten Nutzgenießern der Diktatur. Der Sozialdemokratie ging es eigentlich in beiden Diktaturen schlecht. Während man vom nationalsozialistischen »Doppelstaat« gesprochen und damit auf das Nebeneinander von Staat und Partei angespielt hat, lässt sich die DDR so nicht charakterisieren. Hier machte sich die Partei den Staat völlig Untertan, saugte ihn gewissermaßen auf und setzte sich an seine Stelle. Auch in den Herrschaftsmechanismen zeigen sich erhebliche Unterschiede: Zum Beispiel blieb das Charisma Hitlers den Ulbricht und Honecker fremd. Die Zustimmung der Deutschen zum Dritten Reich war ausgeprägter und trag­ fähiger als die Zustimmung der Ostdeutschen zur DDR. Die Bespitzelungs- und Kontrollintensität durch Gestapo und Staatssicherheitsdienst verhielt sich umgekehrt proportional. Entsprechend unterschiedlich gingen beide Systeme zu Ende.

IV Ich breche die Aufzählung der Unterschiede ab und ende mit der Erinnerung an die unbestreitbare Tatsache, dass die zweite deutsche Diktatur der ersten folgte. Die DDR zog daraus andere  – aber nicht minder entschiedene  – Kon­ sequenzen als die Bundesrepublik. Auch sie definierte sich durch die Absetzung von der faschistischen Diktatur, sie definierte sich als antifaschistischen Neu­ anfang. Schnell wurde ihr Antifaschismus zum Kampfinstrument gegen die Bundesrepublik, zur Ideologie der Stabilisierung kommunistischer Herrschaft und zum Mittel einer verdrängenden Interpretation des Nationalsozialismus, für den man nach dieser Interpretation dann selbst keine Verantwortung übernehmen zu müssen glaubte. Aber die Absicht, das Erbe des Faschismus zu überwinden und ein neues, besseres Deutschland zu errichten, diente auch als ehrliche Motivation für viele in SBZ und DDR, sehr lange auch als Kraftquelle der entstehenden DDR, auch als Basis der Legitimierung von Entbehrung und Unterordnung, die die DDR ihren Bürgern zumutete. Die kommunistische Diktatur wäre ohne die vorausgehende faschistische nicht möglich gewesen. Der Vergleich zwischen den beiden deutschen Diktaturen ist, wie ich glaube, legitim und nützlich, überdies wissenschaftlich angebracht, weil dieser Vergleich ohnehin im Diskurs der Vergangenheitsbewältigung in Politik und Öf293

fentlichkeit verbreitet ist. Der Vergleich kann auch helfen, mit den Folgen besser umzugehen und zu lernen, um ähnliches zu vermeiden. Der differenzierende Vergleich, der nach Ähnlichkeiten und Unterschieden fragt, ist auch notwendig, um dem Verhalten der Menschen in diesen Diktaturen und dem Verhalten der Menschen zu diesen Diktaturen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Doch möchte ich nicht schließen, ohne darauf zu verweisen, dass es genauso nützlich sein kann, die Geschichte der DDR mit der Geschichte der kommunistischen Nachbarländer im Osten oder mit der Geschichte anderer europäischer Länder zu vergleichen. Je nach Vergleichsperspektive erscheint dann die DDR immer in leicht unterschiedlichem Licht. Die Gesellschaft der DDR erweist sich in hohem Maße als künstliches Produkt diktatorischer Herrschaft, von dieser ermöglicht, durchformt und abhängig. Das habe ich zu argumentieren versucht. Aber ebenso wichtig ist es, die Grenzen der Durchsetzung diktatorischer Herrschaft zu analysieren, um den vielfältigen Formen des Umganges mit ihr in den verschiedenen sozialen Gruppen und Lebensbereichen gerecht zu werden. Denn auch im Fall der DDR gilt: Die vielschichtige historische Realität lässt sich als Objekt diktatorischstaatlicher Herrschaft allein nur teilweise entschlüsseln. Sie ist zu komplex, um durch das dichotomische Begriffspaar »Diktatur« hier, »liberal-demokratischer Rechts- und Verfassungsstaat« dort hinreichend erfasst zu werden. Der Diktaturenvergleich beleuchtet einzelne Dimensionen der DDR-Wirklichkeit, andere nicht.

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20. 1989 – eine transnationale Revolution und ihre Folgen1

I Historische Erinnerung ist vornehmlich nationalgeschichtlich geprägt. Von Land zu Land unterscheidet sich das kollektive Gedächtnis. Zwar gibt es Er­ eignisse, die international erinnert werden, wie der deutsche Überfall auf Polen, der den Zweiten Weltkrieg begann, und dessen 70. Jahrestag am 1. September 2009 mit großer Internationaler Aufmerksamkeit begangen wurde. Auch gibt es Forschungsprojekte, die sich um europäische Erinnerungsorte – oder auch um deutsch-polnische Erinnerungsorte (Robert Traba) – bemühen. Meist aber herrscht in der anschwellenden Erinnerungsliteratur der nationalgeschichtliche Blickwinkel vor. In den Medien, durch Denkmaler oder auf Jubiläums­ veranstaltungen wird meistens erinnert und gewürdigt, was zu den Taten und den Leiden, den Triumphen und Katastrophen, aber auch zum Alltag der eigenen Geschichte gehört – und eigene Geschichte ist weiterhin vor allem die Geschichte des eigenen Landes, der eigenen Kultur, der eigenen Nation. Dies ist verständlich, aber der historische Prozess, auf den die Erinnerung zielt ist häufig transnational gewesen. Erinnerung und Geschichte sind auch in dieser Hinsicht nicht kongruent. Will man begreifen, was wirklich geschah, muss man oft über den nationalgeschichtlichen Tellerrand hinausblicken. Dann sieht man, dass die kollektive Erinnerung in ihrer nationalgeschichtlichen Begrenzung nur einen Ausschnitt erfasst. Und dieser Ausschnitt erscheint in anderem Licht, wenn man ihn als das erkennt, was er wirklich ist: als besonderer Teil eines größeren Ganzen. Als Beispiel kann der 2009 in Deutschland stattfindende Boom von Erinnerungen an 1989 dienen. Tag für Tag beschäftigten sich die Medien mit den Vorgängen vor zwanzig Jahren. Die damaligen Er­eignisse in Deutschland standen völlig im Mittelpunkt des Interesses, der Zeitzeugenberichte und der Gedenkveranstaltungen: die Proteste der Ostdeutschen, ihr Drang in den Westen, die Berliner Mauer und ihre Öffnung am 9. November – und die großen Emotionen, die damit verbunden waren. Aber was 1989 geschah, war in Wirklichkeit nicht ein Phänomen der deutschen – oder irgendeiner anderen – Nationalgeschichte. Es war ein dynamischer Zusammenhang mit grenzüberschreitender Erstreckung, eine transnationale Revolution. Erst im Licht der historischen Analyse erkennt man die Begrenztheit des national verengten Erinnerungsbetriebs. Zunächst konzentriere ich mich auf das Jahr 1989 und seine Vorgeschichte. 295

Ich spreche von dreimal zwei miteinander verknüpften Umbrüchen, zuerst in Polen und Ungarn, dann in der DDR und der Tschechoslowakei, schließlich in Rumänien und Bulgarien. Danach erweitere ich den Blick auf andere Teile Europas und auf die beiden Jahrzehnte, die seit jenen Umbrüchen vergangen sind. Am Ende überlege ich, mit welchem Recht die Umwälzung von 1989/90 als Revolution bezeichnet wird.

II Die sechs Fälle verliefen unterschiedlich. In gewissem Sinn kann man sagen, dass »1989« schon 1980 begann, mit den Streiks auf der Werft in Danzig und der Gründung von Solidarnosc, ermutigt vom polnischen Papst, der 1979 sein Heimatland besucht hatte. Die 80er Jahre brachten eine ungünstige, enttäuschende Entwicklung der materiellen Verhältnisse mit zunehmender Unzufriedenheit, die fortschreitende Delegitimierung des Systems unter dem »Kriegsrecht« und die allmähliche Entwicklung einer oppositionellen Gegenelite, die auch Kontakte zu Partei und Regierung besaß. Gewisse Reformen fanden seit 1986 statt, aber insgesamt bestand eine Pattsituation, die erst nach den Streiks vom Sommer 1988 in Bewegung kam, als man sich entschloss, einen »Runden Tisch« – den ersten – einzurichten, für Verhandlungen zwischen der Regierung und verschiedenen sozialen, auch oppositionellen Gruppen. Diese Verhandlungen, mit der Kirche als potenziellem Schlichter und Garanten gefundener Vereinbarungen im Hintergrund, führten zum Kompromiss der halbfreien Wahlen im Juni 1989, die die Kommunisten haushoch verloren. Neue Parteien entstanden und die erste nicht-kommunistisch geleitete Regierung Polens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstand, einschließlich der wieder legalen Solidarnosc  – ein klares Zeichen der Anknüpfung an 1980/81 und der Startschuss für weitere Reformen umfassender Art. In Ungarn gelangen in den späten 80er Jahren kleine Veränderungen, die von Reformkommunisten in Partei und Regierung – mit Kontakt zu oppositionellen Gruppen – unterstützt oder toleriert wurden, angetrieben von wirtschaft­lichen Schwierigkeiten und vom Verlangen nach wirtschaftlichen Reformen. Das sowjetische Beispiel unter Gorbatschow spielte eine Rolle, die polnischen Ver­ änderungen wurden beobachtet. Hier in Ungarn gingen entscheidende Anstöße zur Veränderung aus dem Regierungsbereich hervor. Es war das Zentralkomitee der ungarischen kommunistischen Partei selber, das im Februar 1989 nach der Bildung eines Mehrparteiensystems und der Abhaltung freier Wahlen rief. Im Juni wurden Dreiparteienverhandlungen geführt, zwischen Kommunisten, Oppositionsgruppen und anderen gesellschaftlichen Organisationen. Ein Referendum und freie Wahlen folgten, in denen die Kommunisten unterlagen. Unter der Führung der neugegründeten Partei »Ungarisches Demokratisches Forum« wurde eine nicht-kommunistische Regierung gebildet. Die Reform­ 296

gesetzgebung wurde zügig begonnen: Verfassungsreformen, Schritte in Richtung einer Marktwirtschaft, der Schutz ethnischer Minderheiten. Anders verlief die Entwicklung in der DDR und der Tschechoslowakei. Diese beiden Länder waren über die Jahre von konservativen Kommunisten und repressiven Regimen regiert worden. Die Verhältnisse waren hier starrer als in Polen und Ungarn. Die Veränderungen kamen hier später, sie verliefen dann stoßartiger, rascher, revolutionärer als in Polen und Ungarn. Sie wurden hier von schnell wachsenden Massenbewegungen vorangetrieben, statt durch institutionelle Kompromisse wie in Ungarn und Polen. Die DDR stellte insofern einen Sonderfall dar, als sie nur einer von zwei Staaten gleicher Nationalität war. Der andere deutsche Staat im Westen war nicht nur viel größer und erfolgreicher, sondern auch ein permanenter Bezugspunkt, mit dem sich die Ostdeutschen verglichen, ein großer Bruder und Rivale, der die staatliche Teilung und damit die Existenz der DDR nie voll anerkannte. Dies zeigte sich unter anderem an seiner Staatsbürgerschaftspolitik, die am Prinzip einer deutschen Staatsbürgerschaft festhielt und wie eine ständige Einladung an alle Deutschen, auch die aus der DDR, wirkte. Dies hatte zur Folge, dass der Umbruch in der DDR mit der Forderung nach Reisefreiheit begann, mit dem Druck auswanderungswilliger Ostdeutscher auf die Grenzen der DDR und, als die Grenzen bröckelten, als Massenexodus zahlloser Ostdeutscher nach Westdeutschland. Auf faszinierende Art und Weise verbanden sich Massenexodus aus der DDR mit Massenbewegungen in der DDR, die seit September 1989 auf den Straßen der ostdeutschen Städte in Erscheinung traten und lawinenartig anschwollen. Dieses Wechselspiel von Massenexodus und Massenbewegung – von exit und voice (Albert Hirschman) – setzte eine Dynamik in Gang, die in wenigen Monaten das Honecker-Regime zu Fall brachte, mit dem Mauerfall am 9. November als dramatischem Scheitelpunkt. Die Grenzöffnung machte es möglich, dass die Bewegung der Ostdeutschen nun Schritt für Schritt in den Sog der Politik der Bundesrepublik geriet, dass sich in die Forderungen nach Freiheit, Wohlstand und Demokratisierung immer deutlicher Forderungen nach nationalstaatlicher Einheit mischten. In den freien Wahlen vom März 1990 sprach sich eine große Mehrheit der Ostdeutschen für die Wiedervereinigung nach westdeutschem Muster aus. Diese fand, unter den gegebenen Machtverhältnissen, als Beitritt der DDR zur Bundesrepublik statt. Nur hier führte das Ende des Kommunismus zum Ende selbständiger Staatlichkeit. Erst Mitte November zündete der Funke der Revolution auch in Prag, zuerst in Zirkeln von Dissidenten, Schriftstellern, Künstlern und Studenten, die sich in Klubs und Theatern trafen; dann im Milieu streikender Arbeiter; sehr bald aber in Massendemonstrationen, die in wenigen Tagen bisher ungekannte Größenordnungen erreichten: Die Zahl der Teilnehmer schnellte in Prag für einige Tage auf ca 750.000 hinauf. Auch in Prag kam die Dynamik aus einer aktiven, sich schnell vervielfäl­ tigenden Massenbewegung auf breiter Basis, die mit nicht legalen, aber gewaltlosen Mitteln operierte. Diese Aktionen waren hier noch massiver, und der 297

Prozess vollzog sich hier noch schneller als in der DDR. Während es ca. sechs Wochen gedauert hatte, bis Honecker in der DDR zurücktrat, und noch länger, bis alle anderen Mitglieder der »alten Garde« abgetreten waren, dauerte es nur eine Woche, bis das tschechoslowakische Politbüro zurücktrat. Eine neue nicht-kommunistische Regierung wurde unter der Führung des neugegründeten Bürger­forums und ihrer slowakischen Schwesterorganisation, der VPN, schnell gebildet. Vaclav Havel, der regimekritische Dramatiker, politischer Gefangener über lange Zeit und sicherlich der beeindruckendste Führer der 89er Bewegung in Europa, wurde bereits im Dezember 1989 zum Präsidenten der Republik gewählt. Weiter östlich, auf dem Balkan, verlief es anders. Rumänien wurde zum einzig wirklichen gewaltsamen Fall. Noch im November 1989 erklärte Nicolae Ceausescu stolz, dass es keine Reformen geben werde. Er beabsichtigte, seine bizarre Gewaltherrschaft fortzusetzen, in der Nepotismus, Personenkult und ein machtvoller Geheimdienst (Securitate)  die zentralen Rollen spielten. Aber im Dezember entzündeten sich gesellschaftlicher Protest und Gewalt an der Situation der ungarischen Minderheit in der westlichen Stadt Temesvar, die als sich ausbreitende Massenproteste bald auf Bukarest übersprangen. Es kam zu einer Art Spaltung in der herrschenden Elite, die Streitkräfte unterstützten eine neugegründete »Front zur Nationalen Rettung«, also Gegner von Ceausescu, der zusammen mit seiner Frau gefangengenommen und am Weihnachtstag 1989 umgebracht wurde. Ion Iliescu wurde zum neuen Präsidenten berufen, ein früherer Kommunist, nun Post-Kommunist, der schon einige Jahre zuvor mit Ceausescu gebrochen hatte. Die Institutionen des alten Regimes wurden von ihm aber nur zu einem kleinen Teil reformiert. In Bulgarien entwickelten sich die Konflikte, Proteste und ihre ­Unterdrückung um die türkisch-ethnische Minderheit, die von Generalsekretär Schiwkow, dem dienstältesten Diktator im kommunistischen Block, unterdrückt und zum Teil  vertrieben wurde. Mitte November entschieden sich Parteireformer, vom Außenminister geführt, zu handeln und den alternden Führer zu verdrängen. Die damals typische Abfolge von Ereignissen schloss sich an: die Freilassung politischer Gefangener, die Zulassung von nicht-kommunistischen Parteien, ein »runder Tisch« für die Planung freier Wahlen, einige Verfassungsänderungen und volle Staatsbürgerschaft für Moslems und Türken, eine Umbenennung der Kommunistischen Partei in »Bulgarische Sozialistische Partei«, dann die Wahlen selbst, die hier die ehemaligen Kommunisten gewannen. Die Umstürze in Rumänien und Bulgarien glichen ein wenig Palast-Revolten, das heißt die Machtverhältnisse änderten sich als Resultat eines Kampfes zwischen verschiedenen Fraktionen der regierenden Elite. Personelle und institutionelle Kontinuität blieben stark ausgeprägt. Nichtsdestotrotz brachte der Umbruch auch hier die alte Ordnung zu Ende und die beiden Balkanländer auf ihren langen Weg »zurück nach Europa«.

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III Die sechs Fälle waren unterschiedlich: langgestreckt und voll institutioneller Kompromisse in Polen und Ungarn, revolutionär in der DDR und der ČSSR, putschartig in Rumänien und Bulgarien. Aber es bestanden auch wichtige Gemeinsamkeiten: Erstens: Die Umbrüche beeinflussten sich gegenseitig, wie Steine in einem Domino-Spiel. Man beobachtete sich gegenseitig. Was an Reformen in Polen gelang, diente den Ungarn als Ermutigung und zeigte ihnen, was ungestraft möglich war. Die Öffnung der Grenzen Polens und Ungarns stellte Schleusen für den ostdeutschen Exodus nach Westen bereit, der die Protestneigung im Innern der DDR steigerte und die dortige Regierung diskreditierte. Die un­garischen Reformen wirkten sich auf Rumänien aus, wo die Unruhen nicht zufällig im westlichen Temesvar begannen, mit der dortigen ungarischen Minderheit. Sobald kommunistische Führer in einem Land gestürzt wurden, höhlte das die Legitimität kommunistischer Führungen anderswo aus. Hier liegt die herausragende Bedeutung von Polen und Ungarn, sie waren die ersten und dienten als Beispiele, sie wirkten ansteckend nach West und nach Ost. Zweitens: Anders als in der Sowjetunion wurde der Umbruch in allen sechs Fällen nicht »von oben« durch Regierungshandeln herbeigeführt, sondern im wesentlichen »von unten« durch soziale Bewegungen erzwungen. Das gilt auch und besonders für Polen, wenn man – was sich durchaus empfiehlt – das ganze Jahrzehnt in den Blick nimmt. Polen ist auch analytisch ein spannender Fall. Denn hier wächst der Aufstand, der am Ende die Diktatur beseitigt, sehr klar aus den Traditionen der Arbeiterbewegung heraus – man denke an Danzig 1980, an Solidarnosc und die Streiks im Sommer 1988. Dies war nicht so in der DDR, wo die Massenbewegung des Jahres 1989 nicht aus den Betrieben hervorging und nicht von Gewerkschaften angeführt wurde. Die soziale Zusammensetzung der Bewegungen, die die Regierungen der sechs Länder in die Enge trieben und zum Nachgeben drängten, verdienen eine gründlichere komparative Untersuchung, als sie hier geleistet werden kann. Doch überall galt in der einen oder anderen Weise: Das Volk wurde aktiv und zum Subjekt des Umbruchs. Dieser hatte überall systemischen Charakter. Das heißt, es fanden gleichzeitig und innerhalb kurzer Zeit Änderungen des politischen Systems, der Wirtschafts­ ordnung, des sozialen Lebens und der dominanten Ideologien statt. All das war miteinander verknüpft. Beides – die starke Rolle sozialer Bewegungen »von unten« wie der systemische Charakter und die zeitliche Verdichtung der Veränderungen auf wenige Jahre, Monate und Wochen – machen es möglich, von den Umbrüchen 1989/90 als einer Revolution zu sprechen. Drittens: Die Massen und die Aktivisten der 89er Bewegungen blieben weitestgehend gewaltlos. Ihre pazifistische Qualität war bemerkenswert, taktisch klug und nur verständlich auf dem Hintergrund der früheren Gewaltexzesse 299

des 20. Jahrhunderts, die aufgrund der gemachten Erfahrungen vermieden werden sollten. Wichtig war auch, dass gewaltlose Demonstrationen und Regierungskritik im Prinzip anderswo anerkannt waren, im Prinzip also zur Verfügung standen, wenngleich sie im kommunistisch beherrschten Teil Europas nicht durchgesetzt wurden. Ebenso bemerkenswert war, dass die Regime zusammenbrachen und die herrschenden Eliten nachgaben, ohne gewaltsame Mittel wie Polizei und Armee für den entschiedenen Machterhalt einzusetzen. In Peking war es im Sommer 1989 noch anders verlaufen und das war bekannt! Im Gegensatz zu den faschistischen Diktaturen früherer Jahrzehnte lösten sich die kommunistischen Diktaturen am Ende des 20.  Jahrhunderts weitgehend ohne Krieg und Gewalt auf, mit der Ausnahme Rumäniens, der Kämpfe im Baltikum und des Balkans in den 90er Jahren. Viertens: In allen sechs Fällen spielte das Streben nach nationaler Identität und Autonomie eine große Rolle, es richtete sich gegen das supranationale Sowjet­imperium. Alle Fälle bekräftigten, restaurierten und begründeten das Prinzip des Nationalstaats neu. Auf der andern Seite zielte die Rhetorik des Wandels auf eine Ordnung jenseits von Nation und Nationalstaat. »Europa« und »Rückkehr nach Europa« waren positiv besetzte Codewörter, man setzte sich für »Europäische Werte« ein. Dazu gehörten Menschen- und Bürgerrechte wie auch staatsbürgerliche Pflichten und Solidarität. »Europa«, das implizierte »Marktwirtschaft«, »Zivilgesellschaft« und freiheitliche Demokratie oder einfach nur eine »normale« moderne Lebensweise. In der Sprache des Umbruchs war das gewünschte Gegenmodell zum »Kommunismus« nicht »Kapitalismus«, sondern »Europa«, schreibt Tony Judt. Fünftens: Schließlich hatten die schnellen und systemischen Veränderungen in den sechs Ländern ähnliche Ursachen. Fast überall im kommunistischen Zentral- und Osteuropa fand in den 80er Jahren wirtschaftlicher Niedergang statt und führte zu wachsender Unzufriedenheit innerhalb der Bevölkerung, zumal in einer Zeit, in der die Kommunikationsmedien die Grenzen über­ schritten und grenzüberschreitende Vergleiche möglich machten. Es gab andere destabilisierende Faktoren, beispielsweise die so stark von Willy Brandt beförderte Entspannungspolitik. Sie nahm den kommunistischen Regierungen die Möglichkeit weg, ihre kapitalistischen Nachbarn im Westen als bedrohliche Feinde darzustellen und über diese angebliche Bedrohung ihre diktatorische Herrschaft im eigenen Land zu legitimieren. Der generationelle Wandel spielte überdies seine Rolle. Die Erinnerung an Faschismus und Weltkrieg schwächte sich ab, aber diese Erinnerung hatte nach 1945 zur Legitimation des Kommunismus als der positiven antifaschistischen Alternative gedient. Neue kulturelle Praktiken setzten sich gerade bei den Jüngeren durch, mit Betonung der Individualisierung und des Konsums. Dies hatte wenig Affinität zur offiziellen marxistischen Ideologie, die ihre Kraft lange vor 1989 verlor. Aber die wichtigsten Ursachen hinter den Veränderungen der Jahre um 1989 standen im Zusammenhang mit Gorbatschow. Er setzte mit seiner Reform­ politik seit 1985 ein Zeichen und machte deutlich, dass die Sowjetunion anders 300

als 1953 in Berlin, 1956 in Budapest, 1968 in Prag und noch Anfang der 80er Jahre in Polen militärisch nicht eingreifen würde, um die Regime gegen fundamentale Herausforderungen im Innern zu stabilisieren. Dies war entscheidend. Warum es zu diesem fundamentalen Wandel der sowjetischen Politik nach vielen Jahrzehnten kam, muss man erklären, wenn man »1989« verstehen will. Vieles spielte dabei zusammen: Personen und ihr rascher Wechsel an der Spitze in Moskau, die Ermüdung eines alten Systems, der verlorene Krieg in Afghanistan, die harte Konkurrenz mit den USA unter Reagan, vor allem aber die langfristig nicht zu versteckende Unterlegenheit einer staatssozialistischen Zentralverwaltungswirtschaft unter den Bedingungen der digitalen Revolution. Diese brauchte Dezentralisation, Netzwerkstrukturen und Freiheit, um ihr Potenzial zu entfalten. Dazu fehlte es in der Sowjetunion wie im gesamten Ostblock. Eisen­bahnen, Hochöfen und Stahlwerke hatte man Anfang des 20. ­Jahrhunderts noch zentralwirtschaftlich bauen und leiten können, eine konkurrenzfähige ­IT-Industrie am Ende des Jahrhunderts aber nicht. Die sowjetischen Produk­ tionsverhältnisse standen der Entwicklung der Produktivkräfte – und damit der Wettbewerbsfähigkeit des Landes – im Weg. Dies war der tiefste Grund für den Zusammenbruch des Kommunismus.

IV Die Umbrüche von 1989 brachten Gewinner, Verlierer und neue Ungerechtig­ keiten hervor. Neue Ungleichheiten entstanden in den Gesellschaften im Zuge ihrer Transformation, sie forderten zur Kritik heraus, dies zeigt sich bis heute. Die Kontroversen um Täter und Opfer, um Schuld und Verwicklung, um Unrecht und Moral in den Zeiten der Diktaturen halten bis heute an. Sie sind durchweg mit politischen Positionskämpfen verbunden. Es ist schwierig, mit der Erbschaft von Diktaturen umzugehen. Jedes Land macht es anders. Polen verfuhr in dieser Hinsicht lange behutsamer als beispielsweise wir in Deutschland. Aber im Großen und Ganzen bedeutete 1989 für Millionen von Menschen und Familien einen gewaltigen Schritt vorwärts in Richtung Freiheit. Ich meine Menschen- und Bürgerrechte, politische Freiheiten und Mitwirkungsrechte, Reisefreiheit, überhaupt die Chance, das eigene Leben zu gestalten. 1989 endete die diktatorische Periode der europäischen Geschichte. Trotz aller Rückschläge, etwa in Russland, ist dieser Fortschritt bis heute nicht zurückgedreht worden. Die Urteile über die letzten zwanzig Jahre differieren. Ich zitiere ein Urteil von Adam Michnik. Er schrieb in der Zeitschrift »Osteuropa« 2009: Die 1989 neu gewonnene Freiheit »brachte Paradoxien mit sich. Die Arbeiter, die in Polen die Freiheit erstreikt hatten, waren die ersten Opfer der Transformation. Hoch­ burgen der Solidarnosc gingen bankrott. Aber im gesamten Raum [gemeint ist Mittel- und Osteuropa], mit Ausnahme des Balkans und Russlands, hat es nie bessere zwanzig Jahre gegeben als die zurückliegenden.« Und vielleicht ist es an 301

diesem Ort und in dieser Vorlesung auch angemessen, Willy Brandt zu zitieren. Gefragt, welchen der drei Grundwerte der Sozialdemokratie – Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität – er nach seiner Lebenserfahrung für den wichtigsten halte, antwortete er in seiner Abschiedsrede: die Freiheit. In Bezug auf die Geschichte des Kapitalismus ist die Wende der Jahre um 1989 eine tiefe Zäsur. Einerseits verlor der Kapitalismus seinen wichtigsten Widersacher. Seitdem erscheint er vielen geradezu ohne Alternative, wenn auch weiterhin reformbedürftig und, hoffentlich, reformierbar. Andererseits wurden durch den Zusammenbruch des kommunistischen Lagers und das Ende des Ost-West-Konflikts lange verschlossene Grenzen geöffnet, und das gab der längst ablaufenden Globalisierung, auch ökonomisch, einen neuen Schub. Beides beschleunigte den globalen Siegeszug des Kapitalismus, wie im »Kommunistischen Manifest« von Marx und Engels vorausgesagt. Auch innerhalb der Gesellschaften nahm sein Gewicht mit Kommerzialisierung und Wettbewerbsverschärfung weiter zu. Die Kommodifizierung des Lebens ist auch in Territorien und Bereichen vorangeschritten, die von ihr bis dahin nicht erobert werden konnten. Der Kapitalismus verlor auch innere Grenzen. Ihm wurden mit dem Sieg über seinen Widersacher, den Kommunismus, einige innere Kontroll­ mechanismen entzogen, die in den Jahren des Systemkonflikts dazu beigetragen hatten, ihn (den Kapitalismus) zu mäßigen und zu zähmen – durch regulierende Gesetze und Verordnungen der Behörden, durch absichernde Vorkehrungen des Sozialstaats wie durch soziales Verhalten und kulturelle Gewohnheit. Die marktliberale Deregulierung, die wachsende Bereitschaft zum immer größeren Risiko und die immer weniger gehemmte Entfesselung des Profitstrebens schwächten früher wirksame Brems- und Mäßigungsmechanismen ab, oder reflektierten deren Abschwächung. Vieles davon war schon vor 1989 auf dem Weg, aber 1989 öffneten sich ruckartig bis dahin mäßigende Schleusen. Vielleicht wären einige der Exzesse des Finanzkapitalismus, wie sie in den letzten Jahren hervortraten, im alten System abgebremst und vermieden worden. Vielleicht wären der Verlust an Vorsicht, der Rückgang von Langfristigkeit im Denken und Handeln sowie die Erosion der Verantwortung im Kapitalismus der letzten Jahre ohne den Emanzipationsschub von 1989/90 vermeidbar oder doch schwächer gewesen. Ein früher Triumph trägt häufig den Samen einer späteren Krise in sich. Hier besteht eine beunruhigende Verbindung zwischen 1989 und der Gegenwart. Gesucht ist eine neue Einbettung des Kapita­ lismus, sozial, politisch und kulturell. Es sieht nicht so aus, als ob diese bald gefunden sein würde. Der Umbruch von 1989/90 bereitete eine tiefgreifende Umstrukturierung der geopolitischen Landschaft vor, ein Jahr später brach die Sowjetunion zu­ sammen. Damit verschwand die letzte Verkörperung einer Ära, die nicht vom nationalstaatlichen Prinzip, sondern von supra-nationalen Reichen geprägt gewesen war. Sie ging nun definitiv zu Ende, nachdem sie schon im Ersten Weltkrieg und erneut nach dem Zweiten entscheidend geschwächt worden war. Der Ost-West-Konflikt, der die Weltpolitik für Jahrzehnte geprägt hatte, war vorbei. 302

Die Welt wandelte sich von einem bipolaren System der Konkurrenz und gegenseitigen Kontrolle zweier Machtblöcke zu einer neuen, offeneren und ständig wechselnden Konstellation mit einer Supermacht (USA) und neu aufstrebenden Machtzentren wie China. Die Globalisierung, verstanden als transnationaler und transkontinentaler Prozess zunehmender Interdependenz, wurde enorm beschleunigt. Die gegenwärtige Krise bremst die Globalisierung nur vorüber­ gehend ab. Der Wandel ist dauerhaft, immer neue Konflikte entstehen, vom »Ende der Geschichte« spricht heute niemand mehr. 1989/90 haben viele Europäer – in Polen, in Frankreich, in Großbritannien und anderswo – besorgt auf die Deutschen geschaut. Würde ein wiedervereinig­ tes Deutschland nicht die europäische Balance stören und zum Störenfried werden, mit neuem machtpolitischen Ehrgeiz und revanchistischen Forderungen? Andere fürchteten, dass der Prozess der europäischen Integration versanden würde, denn einer seiner Hauptantriebe, der Kalte Krieg zwischen Ost und West, gehörte nun der Vergangenheit an. Beide Besorgnisse wurden übrigens Anfang der 90er Jahre auch von vielen Deutschen geteilt. Die vergangenen zwei Jahrzehnte haben diese Besorgnisse widerlegt. Ja, die große Wende hat auch in Mittel- und Osteuropa das Nationalstaatsprinzip neu bekräftigt. Die Völker und Staaten gewannen viel an nationaler Selbstbestimmung zurück, das gilt zweifellos für Polen und Deutschland, Doch das hat in der Regel nicht zu neuen Spannungen zwischen den Nationalstaaten geführt. Was das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen betrifft, wurde die Wiedervereinigung Deutschlands dazu genutzt, jahrzehntealte Gebietsansprüche zu begraben und die Grenzen anzuerkennen, wie sie sich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelt hatten. Die Zustimmung Europas zu ihrer Wiedervereinigung schien den meisten Deutschen durch die definitive Akzeptanz ihrer Ostgrenze nicht zu teuer bezahlt. Auch zwischen der europäischen Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung einerseits und der deutschen Zustimmung zur weiteren Intensivierung der europäischen Integration – bis hin zum Euro  – bestand ein innerer Zusammenhang. Insgesamt hat kluge Politik dazu geführt, dass die Rückkehr zum nationalstaatlichen Prinzip mit Fortschritten der europäischen Einigung Hand in Hand ging – bis hin zur Erweiterung der EU 2004 und zur Vertiefung der Union mit dem Lissabon-Vertrag, der nach langen Anstrengungen nunmehr gilt. Es ist wahr, Europa bleibt eine Baustelle und viel bleibt zu tun, erst recht, wenn man an den Balkan und an die Konfliktzone an der westlichen Grenze Russlands denkt. Es gibt keine Garantie für eine friedliche, glückliche Zukunft. Probleme entstehen immer neu. Aber wer vor sechzig Jahren oder auch nur vor dreißig Jahren das freie, friedliche und zunehmend geeinte Europa vorausgesagt hätte, wie es heute besteht, wäre als optimistischer Fantast verlacht worden. Der Umbruch von 1989/90 hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet. Es ist klar: Was 1989/90 geschah, hat Europa und die Welt verändert. Aber es ist weniger klar, wie dieser tiefe Umbruch genannt werden soll. Manche sprechen vom »Ende des Kommunismus« oder vom »Ende der alten Ordnung« in 303

Mittel- und Osteuropa, andere von einer »Wende«. Wer den Begriff »Revolution« gebraucht, fügt meistens ein qualifizierendes Adjektiv hinzu und spricht von der »friedlichen«, der »gewaltlosen« oder der »samtenen« Revolution. Der französische Historiker François Furet wies die Bezeichnung »Revolution« zurück. Was 1989/90 in Europa geschah, sei vielmehr eine »Restauration« gewesen. Andere dagegen vergleichen »1989« mit »1789«, also mit der Großen Französischen Revolution, die den Feudalismus zu Ende brachte. Dem Umbruch von 1989 fehlte aufs Ganze die blutige Gewaltsamkeit, die zum Teil schon seit der Englischen Revolution des 17. Jahrhunderts, auf jeden Fall aber seit der nordamerikanischen und der französischen Revolution im späten 18. Jahrhundert gemeinhin als zentrales Merkmal von Revolution gilt, in der Alltagssprache wie in der wissenschaftlichen Literatur. Die Umwälzung von 1989 zielte auch nicht auf die Errichtung einer wesentlich neuen Gesellschaftsund Politikordnung ab, Weder hat sie sich an großen Utopien orientiert noch hat sie solche hervorgebracht – auch dies anders als 1789 in Frankreich, 1917 in Russland und 1949 in China. Sie wurde nicht von revolutionärer Intelligenz, gar von Berufsrevolutionären geleitet wie viele Revolutionen des 20. Jahrhunderts. Sie lässt sich auch nicht als die Überwältigung einer Klasse durch eine andere deuten, wie es in Bezug auf die großen Revolutionen der Geschichte mit einigem Recht versucht worden ist. Überall, vor allem aber in Polen und Ungarn, gingen die oppositionellen Kräfte Kompromisse mit einem Teil der alten Gewalten ein, Vereinbarungen fanden statt anstatt klarer Schnitte. Nirgendwo hat nach dem Umbruch eine veritable Gegenrevolution stattgefunden. Aus all diesen Gründen zögern viele, die Umwälzung von 1989/90 als Revolution zu bezeichnen. Andererseits war der Wandel, der stattfand, »systemisch«, also umfassend: Er betraf die politische Verfassung, die wirtschaftliche Ordnung, die sozialen Verhältnisse und die Kultur in ihrem Zusammenhang. Es handelte sich um einen Umsturz, der zum großen Teil  durch Massenbewegungen, nicht durch die Reformpolitik der Regierungen zustande gebracht wurde. Und der Umbruch fand in relativ kurzer Zeit statt, er hatte stoßartigen Charakter, jedenfalls außerhalb Polens und Ungarns. Die Wirkungen besaßen weltgeschichtliche Bedeutung. All dies macht es möglich, von Revolution zu sprechen, wie es im Titel dieses Aufsatzes geschieht. Viele aktiv Beteiligte, jedenfalls in Deutschland, bean­spruchen diesen Begriff mit Emphase – auch in Erinnerung an die Gefahren, den Mut, den Zusammenhalt der Protestierenden, das Erlebnis der Befreiung, die Begeisterung jener Monate im Herbst 1989. Der Revolutionsbegriff hätte sich damit verändert und erweitert. Er meint nunmehr kraftvolle, umfassende, stoßartige Umwälzungen, die entscheidend von sozialen Bewegungen vorangetrieben werden und die Gesellschaft als ganze erfassen, einschließlich ihrer wichtigsten Regeln und Institutionen  – voll von Gewalt wie im 18., 19. und 20. Jahrhundert, oder eben gewaltlos wie 1989/90. Timothy Garton Ash sieht in der »Samtenen Revolution« (»Velvet Revolution« oder VR, im Anschluss an zeitgenössische Bezeichnungen des Umsturzes in Prag) von 1989/90 sogar das Modell eines neuen Typus von Revolution: gewaltlos, 304

anti-utopisch (oder doch nicht-utopisch), von breiten Koalitionen getragen (vom »Volk«), ohne scharf definierte Führungsgruppen und ohne Märtyrer, aber mit starker Beteiligung der Medien und reich an Inszenierungen und neuen Sym­ bolen, auf allgemeine, gleiche und freie Wahlen hin orientiert, vor allem aber voll von ausgehandelten Kompromissen mit Mitgliedern des alten Systems – Kompromissen, die in der Folgezeit umstritten sind und als Abrücken von der eigentlichen Revolution angeprangert (von anderen aber verteidigt) werden. Dieser ­Typus der »Samtenen Revolution« sei im Ansatz schon 1974 in Portugal gelungen; er sei auch nach 1989/90 immer wieder versucht worden, teils mit Erfolg wie im Baltikum und in Südafrika, teils scheiternd wie in Weißrussland und Kirgisistan, teils mit halbem Erfolg wie in Georgien und der Ukraine. Dieser Typus der »Samtenen Revolution« habe Zukunft, auch außerhalb Europas. Wer so definiert und spricht, dehnt den Revolutionsbegriff weit und sub­ sumiert sehr Unterschiedliches darunter. Es ist bemerkenswert, wie positiv der Revolutionsbegriff derzeit konnotiert wird; das war nicht immer so. Zweifellos befindet sich der Begriff der Revolution im sprachlichen Wandel, der die neuen Erfahrungen des späten 20. Jahrhunderts reflektiert. Wenn man »Revolution« breit definiert, kann man die Umbrüche von 1989 durchaus als »Revolution« bezeichnen. Dies erlaubt dann weit zurückreichende Vergleiche. Der Vergleich von 1989 mit 1789 ist kühn, aber nicht abwegig, wenn man bedenkt, dass 1989 das große weltgeschichtliche Experiment zu Grabe getragen wurde, das mit der Russischen Revolution von 1917 begann und im 20. Jahrhundert ungeheure Hoffnungen mobilisiert, aber auch unsägliches Leiden hervorgebracht hat. Es gab unzählige Unterschiede zwischen 1789 und 1989. Ich verweise hier nur auf zwei: 1789 fand der welthistorische Fortschritt, wie so oft, unter westeuropäischer Führung statt, 1989 dagegen mit Mittel- und Ostmitteleuropa im Zentrum. Die Revolution von 1789 entstand aus den inneren Konflikten eines Landes, die von 1989 war dagegen – wie schon die Revolutionen von 1848/49 und am Ende des Ersten Weltkriegs – von Anfang an ein grenzüberschreitendes, transnationales Phänomen: ein großer Moment in der Geschichte Europas. Erinnerung als individuelle oder kollektive Vergegenwärtigung von Vergangenem und Geschichte als wissenschaftliche Disziplin befruchten sich gegenseitig. Sie stehen aber auch in Spannung zueinander. Einerseits: In Bezug auf »1989« hat der lebhafte Erinnerungsbetrieb des Jahres 2009 – mit medialer Dauerberieselung, unzähligen Gedenkveranstaltungen, Talk Shows, politischen Reden, Zeitzeugeninterviews, Großinszenierungen und öffentlichen Emotionen – auch zu einer Flut neuer wissenschaftlicher Untersuchungen und Darstellungen geführt. Umgekehrt konnte sich die öffentliche Beschäftigung mit »1989«, so subjektiv und unwissenschaftlich sie oft auch war, auf einen großen Bestand wissenschaftlicher Forschungsliteratur stützen, die in den vorangehenden Jahren entstanden war. Andererseits: Die von gegenwärtigen Verständigungsbedürfnissen, Vermarktungsinteressen und politischen Zwecken mitgesteuerte Erinnerung ist hoch305

gradig selektiv und oftmals verkürzend, sie reißt aus dem Zusammenhang und kümmert sich nicht um Proportionen. In einer politischen Öffentlichkeit, die weiterhin nationalstaatlich verfasst ist und nationalsprachlich realisiert wird, liegt der nationalstaatliche Zuschnitt der historischen Erinnerung nahe. Überdies: Als Akt der Vergegenwärtigung, der auf Erlebnisse rekurriert, der sich auf Zeitzeugenberichte stützt und der eben dadurch wie durch emotionale Verdichtung seine »authentische« Beglaubigung erreichen will, tendiert »Erinnerung« meist zu kleinräumiger Rahmung: zur Vergegenwärtigung von Vergangenem im regionalen oder lokalen Rahmen, wenn nicht gar im erlebbaren Kleingruppenkontext, etwa der Familie, Damit werden aber die nicht leicht erlebbaren, von Zeitgenossen also kaum zu erzählenden, komplexen Zusammenhänge vernachlässigt, die mindestens so wichtig sind wie die erlebbaren und erzählbaren Ausschnitte der Wirklichkeit, deren sich die Erinnerung annimmt, so etwa die weiträumig-transnationalen und die langfristig-historischen Bedingungen und Folgen von »1989«. Es ist die Chance und die Aufgabe von Geschichte als kritischer Wissenschaft, die meist viel punktuellere »Erinnerung« in größere Zusammenhänge zu stellen, sie einzubetten und dadurch zu relationieren. Eben dies geschieht, wenn man »1989« als transnationale Revolution analysiert, wie es vorstehend versucht wurde. Es besteht überdies die Hoffnung, dass dadurch zur Entstehung und Befestigung einer transnationalen Erinnerungskultur bei­ getragen wird, die im Zeitalter des Zusammenwachsens Europas und der fortschreitenden Globalisierung dringend als Ergänzung der national begrenzten Erinnerungskulturen benötigt wird.

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Ausblick 21. Der Kapitalismus und seine Krisen in historischer Perspektive

Begriffsgeschichte »Man kann […] berechtigte Zweifel hegen, ob ein Artikel über Kapitalismus überhaupt in ein wissenschaftliches Werk gehört.« So leiteten zwei StandardEnzyklopädien  – das »Handwörterbuch der Staatswissenschaften« in seiner 4.  Auflage 1923 und der einschlägige Band 3 der »Geschichtlichen Grundbegriffe« von 1982 – ihre Ausführungen über »Kapitalismus« ein. In der Tat: In den letzten Jahrzehnten hat – im Westen – die große Mehrheit der (nicht-marxistischen) Wirtschafts- und Sozialhistoriker und die überwiegende Mehrheit der (nicht-marxistischen) Wirtschaftswissenschaftler den Begriff überhaupt nicht, nur beiläufig oder mit spitzen Fingern verwendet. Einerseits fanden Wissenschaftler den Begriff zu vage und ungenau, andererseits wiesen sie ihn als zu gefühlsbetont und kämpferisch zurück. Letztlich handele es sich um ein politisches Schlagwort, nicht jedoch um einen wissenschaftlichen Begriff.1 Der Begriff wurde und wird nicht immer auf diese Weise abgelehnt. Vielmehr hat er eine bemerkenswerte Geschichte und erlebt gegenwärtig eine Art Comeback. Der Begriff »Kapital« ist sehr alt, der Begriff »Kapitalist« existiert mindestens seit dem späten 17. Jahrhundert. Doch »Kapitalismus« ist – semantisch betrachtet – ein Produkt des 19. Jahrhunderts, im Französischen, Deutschen und Englischen. Er entstand als ein zumeist kritischer, mitunter gar polemischer Begriff, der in kritischen Betrachtungen der Markwirtschaft und der bürgerlichen Gesellschaft verwendet wurde, und zwar vor allem von gesellschaftskritischen Schriftstellern im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. Karl Marx verwendete das Sub­ stantiv »Kapitalismus« nur beiläufig, schrieb jedoch viel über die »kapitalistische Ära« und die »kapitalistische Produktionsweise«. Seine Analyse, seine Kritik und seine Voraussagen haben die Verwendung des Begriffs seit den 1870er Jahren tief beeinflusst. Als der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Richard Passow 1918 die Fachliteratur untersuchte, bemerkte er 111 leicht voneinander abweichende Bedeutungen von »Kapitalismus«. Er interpretierte die große Zahl von Definitionen als einen Hinweis auf die Vagheit des Begriffs, den er nicht schätzte. Zweifellos gab es Definitionsunterschiede. Während Marx den Mehrwert der vertraglichen Arbeit, die unaufhaltsame Akkumulation des Kapitals und 307

den dynamischen Klassen-Antagonismus zwischen Arbeitern und Bourgeoisie als wesentliche Züge des Kapitalismus herausstellte, unterstrich Max ­Weber gemeinsam mit Werner Sombart die »rationale« Organisation von Geschäft und Arbeit im von Haushalt und Politik getrennt agierenden Unternehmen als Hauptmerkmale des modernen Kapitalismus. Joseph A. Schumpeter definierte Kapitalismus als »Form privater Eigentumswirtschaft, in der Innovationen mittels geliehenen Geldes durchgeführt werden, was im Allgemeinen […] Kreditschöpfung voraussetzt«. Es gab zahlreiche andere Positionen und Nuancen.2 Doch bei eingehender Betrachtung dieser Definitionen fällt auf, dass sie gar nicht so weit auseinander lagen. Zumindest strukturell wiesen sie viele Gemeinsamkeiten auf: Gewöhnlich verwendeten die Autoren den Begriff, um grund­ legende Erfahrungen ihrer Zeit zu beschreiben, die sie als neu und modern begriffen  – in Absetzung von früheren sozialökonomischen Verhältnissen, die kaum auf Wachstum und schnelle Veränderung hin orientiert waren und weniger auf Markt- als vielmehr auf hauswirtschaftlichen, feudalen oder ständischen Prinzipien beruht hatten. Unter Verwendung dieser gegenwartsbezogenen Kategorisierung haben Historiker wie Henri Pirenne und Sozialwissenschaftler wie Lujo Brentano und Richard H. Tawney den Begriff auf ältere Epochen angewandt, wo sie Anfänge, weniger ausgereifte Variationen und Vorstufen des modernen Kapitalismus antrafen. Oder der Begriff »Kapitalismus« wurde verwendet, um das seinerzeitige System erst mit der Idee und dann mit den Anfängen des Sozialismus zu vergleichen. Mit anderen Worten, »Kapitalismus« war im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ein Differenzbegriff. Er bezog seine Kraft aus dem Vergleich der Gegenwart mit der Vergangenheit und einer imaginären Zukunft. Der Begriff wurde nicht nur als politisches Schlagwort oder als Zentralbegriff der Sozialkritik verwendet, sondern auch als analytischer Begriff – nicht nur im sozialistischen und gesellschaftskritischen Sprachgebrauch, sondern auch in Texten von Autoren, die alles andere als antikapitalistische Intellektuelle oder Aktivisten waren.3 Aber die kritischen, polemischen und abwertenden Konnotationen von »Kapitalismus« fehlten nie ganz, vor allem im Deutschen. Sie wurden sogar noch ausgeprägter im Nationalsozialismus, dessen Ideologen sich gerne als Antioder Post-Kapitalisten darstellten. Der Kalte Krieg war auch ein Krieg um Begriffe. Im Bereich der sowjetischen Vorherrschaft wurde »Kapitalismus« nicht nur ein zentraler Begriff der Gesellschaftsanalyse, sondern auch ein semantisches Instrument, um den Westen anzugreifen und die kommunistische Gesellschaftsordnung zu rechtfertigen. Auch in den westlichen Ländern konnten Links-Intellektuelle und linke Bewegungen auf eine lange Tradition des AntiKapitalismus bauen. Manchmal geriet »Kapitalismus« zur Erklärung für alles Schlechte in der Welt, der Begriff wurde ausgedehnt, aufgeblasen und überfrachtet, seine analytische Kraft verschwand bisweilen hinter seiner polemischen Verwendung in politisch-ideologischen Kämpfen. Diejenigen, die diese anti-kapitalistische, anti-bürgerliche, zum Teil  auch anti-westliche Frontstel308

lung nicht teilten, vermieden das Wort oder behandelten es mit Argwohn oder regelrechter Feindseligkeit.4 Für den Niedergang von »Kapitalismus« als analytischem Instrument waren überdies weitere Gründe verantwortlich. Je mehr die Wirtschaftswissenschaft eine spezialisierte, analytische Wissenschaft mit streng umrissenen Parametern und klar definierten Theorien wurde, umso weniger hielten ihre Praktiker einen breiten Begriff wie »Kapitalismus« für nötig, der darauf abzielte, Wirtschaft und Gesellschaft in ihrer Verknüpfung zu erfassen, und dies oft unter einem historischen Blickwinkel.5 Es gab in verschiedenen Disziplinen immer Autoren, die den Begriff »Kapi­ talismus« undogmatisch verwendeten, man denke an Fernand Braudel und Eric Hobsbawm oder Albert O. Hirschman und Immanuel Wallerstein oder an Außen­seiter wie Karl Polanyi. Der Begriff wurde überdies im Englischen weniger instrumentalisiert und politisiert als im Deutschen.6 Aber der Raum für eine produktive Verwendung des Begriffs war eng, andere Begriffe wie »Industrialisierung«, »Modernisierung« oder »Marktwirtschaft« fuhren besser. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich das intellektuelle Klima jedoch geändert. Der Kalte Krieg ist vorbei. Die kapitalismuskritische Stimmung der Intellektuellen, die Schumpeter und Hayek so anschaulich analysierten, ist nicht verschwunden, aber sie hat viel von ihrer Kraft und ihrem Selbstvertrauen verloren. Heutzutage ist der Begriff »Kapitalismus« nicht mehr linken Standpunkten vorbehalten, er ist viel weniger eine Flagge oder ein politisches Signal, als in den vorangehenden Jahrzehnten. Es ist jetzt möglich, »Kapitalismus« mit positiven Konnotationen zu verwenden – wie etwa in einem Bericht der Deutsche Bank Research von 2007 mit dem Titel »Die glückliche Variante des Kapitalismus«, einer vergleichenden Analyse der Einstellungen zum Kapitalismus in verschiedenen Ländern. Wirtschaftswissenschaftler, die eindeutig nicht links zu verorten sind, vermeiden den Begriff nicht notwendigerweise, man denke an kürzlich erschienene Bücher von Barry Eichengreen und Hans-Werner Sinn. Der Begriff kann neutral verwendet werden, mit einem vergleichenden Interesse an beobachtbaren »Varianten des Kapitalismus« oder mit einem Sinn für die tiefen Ambivalenzen, die dem Kapitalismus innewohnen wie in der kürzlich erschienenen geschichtswissenschaftlichen Synthese von Joyce Appleby. Jüngst handelte ein Artikel von Hartmut Berghoff von »Mittelstand and German Capitalism«, Jerry Z. Muller veröffentlichte seine Essays zum Thema »Capitalism and the Jews«. Historiker mit Interesse an globaler Geschichte entwickeln Sichtweisen und Fragen, die zur Wiederentdeckung von umfassenden Begriffen einladen. Es ist schwer, über Globalisierung zu sprechen, ohne den Kapitalismus zu erwähnen. Die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise hat nicht nur die Kritik am Kapitalismus wieder verstärkt, sondern auch das Interesse an der Analyse von Marktkrisen erneuert. In der Folge sind der Kapitalismus und seine Geschichte auch unter Wirtschaftswissenschaftlern zunehmend zum Gegenstand der Diskussion und Betrachtung geworden.7 Die Krise hat interessante Fragen aufgeworfen, auf die sich die Historiker beziehen können. Diejenigen, die – wie der Autor 309

dieses Artikels – die zunehmende Kluft zwischen Wirtschaftshistorikern und anderen Historikern bedauern, können hoffen, dass der Begriff »Kapitalismus« als Brücke dient, die die Wirtschaftshistoriker ermutigt, die gesellschaftlichen, kulturellen und rechtlichen Dimensionen nicht zu ignorieren, während sie Sozial-, Kultur- und andere Historiker einlädt, die Wirtschaft ernster zu nehmen, als sie es seit der »kulturellen Wende« der 1980er Jahre getan haben.

Definition Wenn wir den Begriff verwenden wollen, müssen wir ihn definieren, um ihn von einer langen Tradition der Vagheit und politischen Instrumentalisierung zu befreien. Vor dem Hintergrund der Diskussionen, die ich umrissen habe, und auf der Grundlage einer selektiven Sichtung der einschlägigen Literatur8 schlage ich vor, Kapitalismus als Art des Wirtschaftens oder als Wirtschafts­ system mit drei Reihen von Kriterien zu verstehen. Erstens beruht Kapitalismus auf individuellen Eigentumsrechten und Entscheidungen. Diese Entscheidungen führen zu Resultaten, sowohl Gewinnen als auch Verlusten, die Individuen zugeschrieben werden, d. h. Einzelpersonen, Gruppen, Gesellschaften oder Firmen. Zweitens findet im Kapitalismus die Koordinierung der verschiedenen wirtschaftlichen Akteure vor allem über Märkte und Preise, durch Wettbewerb und Zusammenarbeit, Nachfrage, Angebot und den Austausch von Waren statt. Das »zur Ware werden« von Ressourcen und Produkten ist grundlegend, darunter die Kommodifizierung von Arbeit, vor allem in Form von vertraglicher (»freier«) Arbeit für Lohn oder Gehalt. Drittens ist Kapital grundlegend für diese Art der Wirtschaft und damit: die Investition von Erspartem oder Erträgen in der Gegenwart mit der Aussicht auf höhere Gewinne in der Zukunft. Daraus ergeben sich die Bedeutung des Profits als wichtigste Messlatte des Erfolgs und die zentrale Stellung der Akkumulation mit der Aussicht auf Wandel und Wachstum, schlechtweg auf Dynamik. Unsicherheiten und Risiken zu akzeptieren, gehört dazu ebenso wie der Gedanke der Rentabilität und ihrer systematischen Kontrolle im Zeitverlauf. In dieser Hinsicht – Kapital, Investition, Rentabilität im Zeitverlauf – ist es sinnvoll, geliehenes Geld und Kredite sowie Spekulation und Haftungsbegrenzung als grundlegend für den Kapitalismus zu betrachten, wie Schumpeter es tat. In dieser Hinsicht – Kapital, Investition, Rentabilität im Zeitverlauf – kann man doppelte Buchführung als wichtiges Merkmal des Kapitalismus sehen – eine von Werner Sombart entwickelte These, die immer noch auf empirischer Grundlage diskutiert wird.9 Und in dieser Hinsicht – Kapital, Investition, Rentabilität im Zeitverlauf – ist es sinnvoll, die systematische (»rationale«) Organisation von Geschäft und Arbeit im modernen Unternehmen als zentrales Kriterium des modernen Kapitalismus zu 310

sehen, so wie Max Weber und viele anderer in seiner Tradition. In überzeugender Weise erkannten Marx und Weber die Unterscheidung zwischen dem Arbeit­geber mit auf individualisierten Eigentumsrechten beruhender Entscheidungsgewalt und Autorität auf der einen Seite und vertraglich »freien« Arbeit­ nehmern ohne Eigentumsrechte und Entscheidungsgewalt auf der anderen Seite als zentrales Element dieser »rationalen« systematischen Organisation. So begriffen sie den Klassengegensatz als Teil des Kerns des modernen Kapitalismus. Diese Arbeitsdefinition umreißt »Kapitalismus« als einen Idealtypus, ein Modell, das verwendet werden kann, obwohl man weiß, dass die historische Realität damit nie vollkommen identisch ist, sondern ihm vielmehr auf verschiedene, sich wandelnde Weise und in unterschiedlichen, sich wandelnden Maßen entspricht. Nach dieser Definition ist Kapitalismus ein Wirtschaftssystem mit bestimmten Institutionen und Regeln, gewisser Autonomie und eigener Logik.10 Kein Zweifel, Kapitalismus hing immer auch von nicht-wirtschaftlichen Faktoren ab: von Gesetzgebung und Staat, Kultur und Gesellschaft, Familie und sogar Religion. Umgekehrt beeinflusst der Kapitalismus Gesellschaft, Kultur und Politik. Aber um diese komplexen und sich wandelnden Beziehungen zu begreifen, muss man Kapitalismus als ein Wirtschaftssystem mit nicht-wirtschaft­ lichen Bedingungen und Konsequenzen definieren, nicht als Gesellschaftssystem oder Kultur und nicht als historische Epoche. Kapitalismus hat in verschiedenen Gesellschafts-, vor allem aber unter sehr unterschiedlichen Poli­ tiksystemen existiert, unter liberaldemokratischen, autoritären und diktatorischen Bedingungen. Ob langfristig eine Affinität zwischen Kapitalismus, pluralistischer Gesellschaft und partizipatorischem Rechts- und Verfassungsstaat existiert, ist eine offene Frage. Historiker haben sehr unterschiedliche Auffassungen von den Aufgaben ihrer Profession. Aber die meisten von ihnen teilen einige methodische Orientierungen. Sie bevorzugen Feststellungen, die raum- und zeitspezifisch sind. Sie interessieren sich für Wandel im Laufe der Zeit. Sie nehmen Kontexte ernst.11 Ich werde dem Rechnung tragen. Zunächst möchte ich einige räumliche Dimensionen des Kapitalismus unter Gesichtspunkten des langfristigen Wandels behandeln. Zweitens werde ich Krisen und den Wandel des Kapitalismus im 19. und 20. Jahrhundert ins Auge fassen. Dabei sollen die Weltwirtschafts­k risen nach 1929 und 2007 verglichen werden, um die jüngsten Veränderungen des Kapitalismus zu diskutieren und unsere gegenwärtige Erfahrung in einen historischen Zusammenhang zu setzen. Schließlich soll auf sich wandelnde Kontexte und dabei vor allem auf die sich wandelnde Kapitalismuskritik einge­ gangen werden.

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Zeitliche und räumliche Dimensionen In der Forschungsliteratur finden sich unterschiedliche Auffassungen, wann die Anfänge des Kapitalismus zu datieren sind. Die einen sahen Kontinuitäten von der Antike bis zum 19. und 20. Jahrhundert (z. B. Lujo Brentano), andere versetzten den Beginn des Kapitalismus ins Mittelalter (z. B. Joseph Schumpeter), und wieder andere betonten den Aufstieg des Kapitalismus als modernes Phänomen nach der Renaissance und der Reformation (so etwa Max Weber). Ähnliche Vielfalt lässt sich bei der Datierung anderer komplexer Phänomenen wie etwa der »Industrialisierung« beobachten. Dies liegt weniger am ungleichen und sich ändernden Forschungsstand als vielmehr an unterschiedlichen Kriterien der Definition. Die meisten Autoren sind sich der überregionalen, zunehmend globalen Beziehungen bewusst gewesen, die zum Aufstieg des Kapitalismus beitrugen – von den »Kreuzzügen« und dem Fernhandel mittelalterlicher Kaufleute über die europäische Kolonialexpansion und die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen der frühen Neuzeit bis hin zum Imperialismus, internationalen Handel und zur Globalisierung des 19. und 20. Jahrhunderts. Aber es wird in der Regel die Ansicht vertreten, dass der Kapitalismus ursprünglich ein europäisches, dann ein westliches Phänomen war, bevor er sich auf andere Teile der Welt ausdehnte und im 20. Jahrhundert global wurde – ein Prozess, der immer noch im Gange ist. Die Diskussion über die Besonderheiten des Kapitalismus im Römischen Reich ist nicht beendet. Ihre große Abhängigkeit von Sklavenarbeit und von militärischen Mitteln, um für Einkünfte, Ressourcen und Wachstum zu sorgen, sowie ein geringes Maß an Marktintegration und unternehmerischer Konti­ nuität unterscheiden die antike Realität vom oben umschriebenen Idealtyp des Kapitalismus. In Überblicksdarstellungen wird dann meist auf die Kaufleute und Ban­k iers von Florenz, Venedig und anderen norditalienischen Städten geschaut, auf die Handelsfamilien süddeutscher Städte wie Augsburg und Nürnberg und auf das Netzwerk der Hanse an der Ostsee im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Das waren Formen von Handelskapitalismus, die auf Fernhandel und einer Symbiose von örtlichen oder regionalen politischen Mächten basierten, Inseln des Kapitalismus in einer prinzipiell nicht-kapitalistischen Umgebung, aber gleichzeitig Orte, an denen anspruchsvolle Methoden des Kapitaltransfers und des Rechnungswesens sowie die Idee und Praxis von Eigentumsanteilen mit Haftungsbegrenzung entwickelt wurden. Danach befassen sich die Überblicke meist mit den Anfängen der modernen Weltwirtschaft im 16.  bis 18.  Jahrhundert, die vor allem durch die westeuro­ päische Expansion nach Übersee vorangetrieben und zunächst von SüdwestEuropäern, dann von den Niederländern und schließlich von den Briten dominiert wurden. Das waren Systeme mit starken kapitalistischen Elementen, aber wiederum in enger Symbiose zwischen Kapitalisten und politischen Macht­ 312

habern. Sie beruhten auf einer dynamischen Mischung aus nicht-kapitalistischen Formen der Ausbeutung (Zwang, Versklavung, Plünderung, gewaltsame Zerstörung) und kapitalistischem Handel, Kapitalakkumulation und Spekulation, zunehmend durch Handel an Börsen. Dies war ein Prozess voller Gewinne und Verluste, Blasen und Zusammenbrüche, Innovationen und Grausamkeiten, barbarisch und zivilisierend zugleich. Nutzen und Kosten waren ungleich verteilt, unter der Regie von europäischen Abenteurern, Unternehmern und Machtträgern. In diesem Zeitraum begannen die kapitalistischen Prinzipien langsam über den Handel hinauszuwirken, indem sie in die gewerbliche Produktion (meistens noch in dezentralisierter Form) und in die landwirtschaftliche Produktion eindrangen, dies z. B. in den Plantagen der Karibik, den Farmen Nordamerikas und in Gestalt der kommerziellen Erosion des Feudalismus in einigen ländlichen Gebieten Europas, wo – oft adlige – Gutsherren zu Agrar­ kapitalisten und -unternehmern wurden. Im späten 17.  und 18.  Jahrhundert wurde England – neben und nach Teilen der Niederlande – zum kapitalistisch­ sten Land der Welt.12 Eine neue Qualität gewann der Kapitalismus in seiner Verbindung mit der Industrialisierung seit dem 18.  Jahrhundert, ihren umstürzenden technologischen Innovationen, dem Aufstieg des Fabriksystems und einer neuen Organisation der Arbeit, ermöglicht durch den Abbau feudaler, ständischer und büro­k ratischer Beschränkungen in den europäischen Staaten und Regionen, zunächst im Westen und später auch im Osten des Kontinents. Denn erst mit der Industrialisierung wurden die Rekrutierung und der Einsatz von Arbeitskräften voll und ganz nach kapitalistischen Prinzipien organisiert: Arbeitsmärkte entstanden, vertragliche Arbeit für Lohn oder Gehalt wurde auf breiter Linie üblich. Arbeit wurde zu einer Ware, Lohnarbeit zum Massenphänomen und bald zur Grundlage für gesellschaftliche Proteste und Arbeiterbewegungen. Erst mit der Industrialisierung wurde das zentralisierte Unternehmen mit Festkapital und systematischer Geschäftsorganisation häufiger. Erst mit der Industrialisierung wurde der Kapitalismus zur beherrschenden Struktur der Volkswirtschaften in einer schnell wachsenden Zahl von Regionen und Ländern und durchdrang bald deren gesellschaftliche Verhältnisse, Kultur und Machtverteilung. Dies gab es vorher nicht (mit der partiellen Ausnahme von England im 17. und 18. Jahrhundert). Daher sehen einige Autoren den Kapitalismus erst im 18. Jahrhundert beginnen. Dabei unterscheiden sie nicht klar zwischen Kapitalismus und Industrialisierung, worauf jedoch nicht verzichtet werden sollte. Im 19. Jahrhundert, während eines Großteils des 20. Jahrhunderts und häufig auch heute – z. B. in Ostasien – gingen und gehen die Geschichte des Kapitalismus und die Geschichte der Industrialisierung Hand in Hand. Wir sprechen von industriellem Kapitalismus. Aber in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hunderts sind in einigen hoch entwickelten Ländern des Westen die Dienstleistungs­ sektoren so dominant geworden, dass man geneigt ist, von postindustriellem Kapitalismus zu sprechen. 313

Was im 19. und 20. Jahrhundert passierte, wird meist als Prozess der allmählichen, ungleichen und partiellen Ausdehnung beschrieben, die in Westeuropa begann und sich dann nach Nordamerika sowie nach Mittel- und Osteuropa ausdehnte, im späten 19. Jahrhundert Japan erreichte und im 20. Jahrhundert viele andere Regionen der Welt durchdrang. Es ist eine Geschichte des Wachstums und der Expansion, der Innovation und der Emanzipation, des permanenten Wandels und kraftvoller Dynamik, die viel über die transterritoriale und grenzüberschreitende Kraft des Kapitalismus sagt. Aber es ist auch die Geschichte von enormer Ungleichheit und Ausbeutung, von Abhängigkeit zwischen Kernen und Peripherien, von Kolonisierung und Zerstörung traditioneller Lebenswelten, eine Geschichte, die von Krisen und Kriegen unterbrochen wurde und in die schnelle Globalisierung der Gegenwart mündet.13 Vieles davon ist bekannt, aber manche Fragen bleiben offen, und die Bilanz muss erst noch gezogen werden. Um eine zukünftige Geschichte des Kapitalismus zu schreiben, scheinen unter räumlich-historischen Gesichtspunkten zwei Bündel von Fragen besonders wichtig zu sein. Erstens: Welche Erkenntnisse wird der in Gang befindliche Fortschritt der Globalgeschichte bringen? Stammte der Kapitalismus wirklich ausschließlich aus Europa? Neuere Forschungen scheinen zu zeigen, dass es nicht immer einfach ist, zwischen einem kapitalistischen Europa und einem nicht-kapitalistischen China oder Indien früherer Jahrhunderte zu unterscheiden. Gab es in China, Indien oder in Tokugawa-Japan Äquivalente zu den frühen europäischen Anfängen des Kapitalismus, noch bevor die westlichen Einflüsse sich nachhaltig auf diese Regionen auswirkten? Wie wird sich das Gesamtbild ändern, wenn der heutige Kapitalismus unter autoritären oder diktatorischen Bedingungen in Singapur, China und Vietnam voll einbezogen wird? Zweitens: Inwieweit muß man hauptsächlich einzelne Territorien erforschen, um den Aufstieg und die Dynamik des Kapitalismus zu erklären? Oder sollte man seine Entwicklung eher im Sinn von Beziehungen  – Handel, Migration, Kapital- und Wissenstransfer zwischen Regionen, Ländern und sogar Kontinenten  – erklären? Standen die Territorialisierung des Kapitalismus und der Aufstieg des Nationalstaats im 19.  und frühen 20.  Jahrhundert in Differenz zum transterritorialen Handelskapitalismus früherer Jahrhunderte und im Gegensatz zur gegenwärtigen Entterritorialisierung des Finanzkapitalismus? Die Erforschung der räumlichen Dimensionen des Kapitalismus verspricht neue Erkenntnisse zu liefern. Ein gründlicher Vergleich (der Ähnlichkeiten und Unterschiede betont und sie erklärt) und die Analyse von transnationalen Beziehungen, Abhängigkeiten und Verbindungen müssen kombiniert werden.14

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Wandel und Krisen Wandel ist normal im Kapitalismus und Teil seines Wesens, Wandel einer besonderen Art, der Neues findet und schafft, während er Altes verwirft und zerstört. Joseph Schumpeters Beschreibung von 1943 ist berühmt: »Der fundamentale Antrieb, »der die kapitalistische Maschine in Bewegung setzt und hält, kommt von den neuen Konsumgütern, den neuen Produktions- oder Transportmethoden, den neuen Märkten, den neuen Formen der industriellen Organisation, welche die kapitalistische Unternehmung schafft. […[ [Es ist ein Prozess], der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. Dieser Prozess der ›schöpferischen Zerstörung‹ ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum«.15 Wirtschaftswachstum unter kapitalistischen Bedingungen findet in Zyklen statt. Phasen der Hochkonjunktur und der Flaute wechseln sich ab. Diese Höhen und Tiefen werden auch weitgehend von innen heraus produziert. Sie werden von unterschiedlichen Wirtschaftstheorien unterschiedlich erklärt. Aber zweifellos haben sie etwas mit Innovationen zu tun, mit – je nach Wirtschaftszweig – steigenden oder sinkenden Erträgen, mit Erwartungen, die sich nicht erfüllen, mit Überinvestitionen und Unterkonsum, mit begrenztem Wissen und grundlegender Unsicherheit, mit der Tatsache, dass strategische Entscheidungen in diesem System dezentralisiert und spontan, nicht zentral geplant sind.16 Aber hin und wieder gibt es besondere Höhepunkte und außergewöhnliche Niedergänge, Euphorien und Zusammenbrüche, Blasen, die platzen und zu Wirtschaftskrisen führen. Während es konkurrierende theoretische Erklärungen für solche tiefen Krisen des Kapitalismus gibt (Marx, Keynes, Schumpeter, Friedman und andere), gibt es auch gute wissenschaftliche Literatur, in der solche Krisen historisch und systematisch beschrieben werden, beispielsweise  – neben anderen – von Hyman Minsky, Charles Kindleberger, Knut Borchardt, Harold James, Carl-Ludwig Holtfrerich, Niall Ferguson und in jüngerer Zeit Carmen M.Reinhart und Kenneth S.  Rogoff, Nouriel Roubini und Stephen Mihm sowie Moritz Schularick. 17 Kindleberger begann seine Studie »Manias, Panics, and Crashes« mit der hochspekulativen Südseeblase (»South Sea Bubble«) von 1720, in der Isaac ­Newton ein riesiges Vermögen verlor. Das brachte diesen zu dem Schluss, dass er zwar die Bewegung von Himmelskörpern berechnen könne, nicht aber die Verrücktheit von Menschen. Für den Zeitraum von 1810 bis 1987 führte Kindleberger 20 solcher Krisen auf, von denen 13 in Großbritannien oder in den USA begannen. Sie alle waren im Prinzip Krisen, die ihren Ursprung in Aktien-, Börsen- oder Bankenkrisen hatten und normalerweise schwerwiegende Folgen für die »Realwirtschaft«, d. h. Produktion, Beschäftigung und Wachstum nach sich zogen. Kindleberger beschrieb ein regelmäßiges Muster: Es beginnt mit dem Auftauchen neuer und profitabler Möglichkeiten in wechselnden Wirtschafts315

zweigen wie Eisenbahnen, IT oder Immobilien, eine Euphorie folgt, die von erwarteten Gewinnen getragen wird und zu steigenden Aktienpreisen führt; dies steigert sich zur Manie, Massen von Investoren werden von den wachsenden Hoffnungen auf leichte Kapitalgewinne angelockt (darunter auch einige Schwindler); Überspekulation findet statt und eine »Blase« entsteht, bis einige, normalerweise Insider, feststellen, dass die erwarteten Gewinne unmöglich die mittlerweile exorbitant hohen Aktienpreise rechtfertigen können; sie beginnen, Gewinne mitnehmen, indem sie verkaufen; die Aktienpreise beginnen zu fallen, viele ergreifen panisch die Flucht, und dann platzt die Blase – mit gravierenden bis verheerenden Folgen für die, die Eigentum verlieren, für Banken, die zahlungsunfähig werden, Kredite, die eingefroren werden. Schrumpfender Handel, rückläufige Geschäfte, Arbeitslosigkeit und weit verbreitetes Misstrauen sind die Folge. Die leichte Verfügbarkeit von Geld, aus welcher Quelle auch immer, skrupellose Finanzpraktiken, wenig regierungsseitige Regulierung, aber auch staatliche Vorgaben und Anreize (wie im Fall des US-Immobilienmarkts der letzten Jahrzehnte) begünstigen das Auftreten dieses Mechanismus – und umgekehrt. Dieser Wissensfundus scheint vor der letzten Krise so gut wie vergessen gewesen zu sein, zumindest fehlte er weitgehend in den Theorien, Empfehlungen und Prognosen der etablierten Wirtschaftswissenschaftler und in den Erwartungen und Überlegungen der meisten Akteure in Wirtschaft und Politik. 18 Man kann viel tun, damit diese Krisen unwahrscheinlicher, seltener und weniger schwerwiegend werden, vor allem durch schärfere Gesetzgebung und bessere Regulierung, man kann aus früheren Krisen zu lernen versuchen und auf eine neue Kultur in der Finanzwirtschaft hoffen. Aber man kann diese Krisen nicht vollkommen verhindern, solange man die wichtigen positiven Funktionen, die der Finanzsektor für die gesamte Wirtschaft hat, nicht gefährden will. Mit Blick auf drei dieser Krisen – die nach 1873, 1929 und 2008 – möchte ich der derzeitigen Diskussion eine historische Sichtweise hinzufügen, insbesondere zwei Beobachtungen zu den möglicherweise produktiven Folgen solcher Krisen und zu dem, was an der jüngsten Krise neu gewesen ist. Die internationale Krise von 1873 war in Deutschland besonders schwer. Hier folgte sie auf einen enormen Boom, der durch einströmendes Kapital, Reparationszahlungen durch das besiegte Frankreich an das neu gegründete Deutsche Reich, aufgeheizt wurde. Sie führte zu einem Börsenkrach, Bankenpleiten, einer Deflation und zu einer über Jahre hinweg schwachen Konjunktur. Sie provozierte eine Welle der Kapitalismuskritik, öffentliche Entrüstung über den Kapitalismus, oft mit einem antiliberalen und antisemitischen Tenor. Im Land fand eine Umstrukturierung der politischen Landschaft im Sinn eines Rechtsrutsches statt. Aber die Krise führte auch zu institutionellen Reformen. Neue Formen der Kooperation wurden geschaffen – zwischen den großen IndustrieUnternehmen sowie zwischen diesen und großen Banken. Eine Vielzahl von Interessenverbänden entstand, und es gab andere Bestrebungen zur Organisation 316

des Marktes, unterstützt von zunehmender staatlicher Regulierung und den Anfängen des Sozialstaats in den 1880er Jahren. Später sprach der sozialistische Theoretiker Rudolf Hilferding von »organisiertem Kapitalismus«. 19 Die Weltwirtschaftskrise nach 1929 war viel tiefer, ausgedehnter und weitreichender als alle anderen Wirtschaftskrisen im 19. und 20. Jahrhundert. Ihre Auswirkungen waren, wie man weiß, teilweise entsetzlich: Arbeitslosigkeit, Armut, Entbehrung, Statusverlust, gesellschaftliche und politische Orientierungslosigkeit. Hitlers Machtergreifung 1933 hatte viele Gründe, aber ohne diese Wirtschaftskrise hätte sie wahrscheinlich nicht stattgefunden und die Welt­ geschichte hätte sich anders entwickelt. Aber es gab auch produktive Reaktionen. Man denke an Franklin D. Roosevelts »New Deal« in den USA, der Elemente des Sozialstaats auf Bundesebene einführte, verschiedene staatliche Regulierungen institutionalisierte und den Kapitalismus – in gewisser Weise – reformierte. Zu nennen sind neue Rechte für die Gewerkschaften, die Einführung der Sozialversicherung und das Glass-­ Stegall-Gesetz zur Regulierung von Banken (1933 erlassen und 1999 aufge­ hoben). Und man denke an John Maynard Keynes, der seine »General Theory of Employment, Interest and Money« 1935 vollendete und 1936 publizierte. Es war vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, dass er seine weitreichenden politischen Empfehlungen entwickelte, die im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts und erneut in der Gegenwart zu einer Grundlage der Wirtschaftspolitik in vielen Ländern wurden: ein struktureller Wandel und ein Stück Reform des Systems, wenngleich nicht ohne unbeabsichtigte Folgen, die sich in den 1970er und 80er Jahren zeigten. Auch grundlegende Ideen der »Sozialen Marktwirtschaft«, des sehr koordinierten »rheinischen Kapitalismus« der Bundesrepublik Deutschland, hatten ihren gedanklichen Ursprung in den Jahren der Weltwirtschaftskrise – bei Autoren wie Alfred Müller-Armack. Das waren produktive Reaktionen auf die Krise, die in diesem Sinne als Katalysator für die Reform des Kapitalismus diente und einen strukturellen Wandel erzeugte oder doch beschleunigte.20 Ist etwas Vergleichbares von der jüngsten Krise zu erwarten? Wie lässt sie sich mit früheren Krisen vergleichen? Die Parallelen zwischen den Krisen nach 1929 und 2007 sind häufig kommentiert worden, sowohl mit Blick auf die zugrunde liegenden Mechanismen als auch hinsichtlich ihrer Tiefe, ihres Tempos und ihres globalen Ausmaßes. Zweifellos war die Talfahrt der internationalen Aktienmärkte, des internationalen Handels und des Volumens der industriellen Produktion weltweit und in den führenden Wirtschatsnationen 2008/09 so ausgeprägt, dass sie nur mit der Krise nach 1929 verglichen werden konnte.21 Aber auch die Unterschiede zwischen diesen beiden Krisen sind auffällig. 22 Ich möchte vier davon ansprechen. Erstens gibt es zahlreiche Unterschiede bei den wirtschaftlichen Voraussetzungen, wie etwa zwischen dem damaligen Gold-Standard im Vergleich zu den heutigen flexiblen Wechselkursen sowie zwischen dem damals häufigen staat­lichen Handelsprotektionismus im Vergleich zu den niedrigen Handels­ 317

barrieren heute. Die sozialstaatliche Gesetzgebung, die für etwas Schutz sorgt, ist heute viel weiter entwickelt als 1929/30. Zweitens hat sich mit dem Aufstieg des »Finanzmarkt-Kapitalismus« ein Teil des Systems gewandelt.23 Seit Jahrzehnten lässt sich ein permanentes Wachstum von liquiden Mitteln weltweit beobachten, die sehr ungleich verteilt und ständig im Umlauf sind – über Grenzen hinweg und oft auch in der Richtung von den Schwellenländern in die wirtschaftlich weiter entwickelten Weltregionen. Seit Jahrzehnten erleben wir den unaufhaltsamen Aufstieg eines speziellen Typus von Kapitalisten, die sich auf Finanzdienstleistungen und -entscheidungen spezialisieren: Fondmanager, Analysten, Rating-Experten, Makler, Private-EquityManager, Investment-Banker. Heute wird, etwa an der New Yorker Börse, die große Mehrheit der Aktien von institutionellen Anlegern, von Fonds, Banken etc. gehalten. Die Manager dieser Institutionen sind meistens Profis, die hohe Gewinnerwartungen pflegen und sehr wettbewerbsorientiert, mobil und global orientiert sind. Sie treffen grundlegende Entscheidungen über Ressourcen, die nicht ihnen gehören, sondern Aktionären und Kreditgebern. Sie akzeptieren höchste Risiken, aber ihre persönliche Haftung ist sehr begrenzt. Ihre Unverantwortlichkeit scheint institutionalisiert. Sie haben eine sehr indirekte, mittelbare Beziehung zu dem Eigentum, über das sie verfügen. Sie sind Manager, aber sie sprechen im Namen der Eigentümer/Investoren und ihrer Rendite-Interessen, anders als die Manager von Industrie-, Handels- oder anderen Dienstleistungsunternehmen. In der einschlägigen Literatur spricht man nicht mehr vom Regime – oder der Revolution – der Manager24, sondern vom Investoren-Kapitalismus, insbesondere von der Macht der institutionellen Anleger wie etwa Fonds. Dies ist der Bereich, in dem kurzfristiges Gewinndenken und unverantwortliche Spekulation Dimensionen erreicht haben, die in den 1920er und 30er Jahren unbekannt waren. Die Umschlagsrate von Aktien an der New Yorker Börse lag vor der jüngsten Krise bei über 100 Prozent, das heißt, die Investoren behielten ihre Aktien im Schnitt weniger lang als ein Jahr, während die entsprechende Ziffer vor 50 Jahren bei rund 10 Prozent gelegen haben dürfte. Dieser finanzmarktbezogene Teil des Kapitalismus ist viel stärker, abgesonderter, globaler, dynamischer und noch a-moralischer als in den 1920er und 30er Jahren, und er ist weniger reguliert als vor zwanzig Jahren. Besonders stark ist er in den USA und Großbritannien entwickelt. Die Politik bemüht sich um angemessene Formen der Regulierung dieses Teils des Finanzsektors. Ob sie in hinreichendem Maße gefunden und gegen mächtige Widerstände durchgesetzt werden können, ist noch unklar. Sie müssten eine transnationale, globale Reichweite haben. Skepsis ist angebracht. Drittens unterscheiden sich die Reaktionen auf die Krise nach 2007 von denen auf die nach 1929. Während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre stand der Kapitalismus der Herausforderung durch starke und feindliche Alternativen – die des Kommunismus und des Faschismus – gegenüber. Diese Alternativen haben sich in der Zwischenzeit selbst diskreditiert und sind nun Geschichte. Auch in der jüngsten Krise hat sich keine klare Alternative zum Kapitalismus heraus318

gebildet. In der Folge setzen sich gegenwärtig auch tiefe Wirtschaftskrisen weniger leicht in politische Systemkrisen um. Anders als in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 haben die Regierungen überdies auf die Krise 2008–10 entschlossen reagiert, riesige Rettungsschirme aufgespannt und antizyklische Förderpakete als Stabilisierungsprogramme geschnürt. Sie versuchen, die als fatal geltenden Fehler der Regierungen in den 1930er Jahren zu vermeiden und aus der damaligenWeltwirtschaftskrise zu lernen. In viel grösserem Ausmaß als damals nutzen sie öffentliche Gelder, um private Unternehmen zu retten, die öffentliche Funktionen erfüllen und für die Gesamtheit so wichtig sind, dass man glaubt, sie nicht scheitern lassen zu dürfen. 25 In Folge dessen scheint die jüngste Krise einerseits viel kürzer gewesen zu sein als die der 30er Jahre (obwohl die Zukunft keinesfalls klar ist). Die Talfahrt der meisten Indikatoren wurde nach rund zehn Monaten gestoppt und zum Positiven gewendet, während es mehr als drei Jahre dauerte, bis eine solche Umkehr der Kurven in den 1930er Jahren erreicht wurde. Zudem war damals die Aufrüstung ein wesentlicher Stimulus, und der nächste Krieg stand unmittelbar bevor. 2008, 2009 und 2010 waren die Arbeitslosigkeit und andere sozialen Folgen, so belastend und zerrüttend sie insbesondere in den USA auch waren und sind, bei weitem nicht so schwer wie in den 30er Jahren. Und die jüngste Krise hat bisher keine größeren politischen Veränderungen ausgelöst, die vergleichbar wären mit den Schockwellen, die die politischen Systeme Anfang der 1930er Jahre trafen und die Demokratie gefährdeten und teilweise zerstörten.26 Andererseits hat  – anders als in den 1930-er Jahren  – die akkumulierte Staatsverschuldung 2008/09 in den USA einen Sprung von 65 Prozent des BSP auf 78 Prozent gemacht, und in Deutschland von 66 auf 73 Prozent. In Groß­ britannien werden 2010 ein Defizit von 12 bis 13 Prozent und eine Brutto­ verschuldung von 73 Prozent des BSP erreicht. Selbst wenn man Griechenland, Spanien, Portugal und Irland nicht mitrechnet, hatte die Euro-Zone 2009 ein Haushaltsdefizit von 5,2 Prozent und eine Bruttoverschuldung von 81,5 Prozent des BSP.27 Die Zahlen zeigen an, dass diesmal, anders als nach 1929, die Regierungen, die Staaten die Krise der Märkte absorbiert, übernommen und gewisser­maßen geschultert haben. Es ist aber keineswegs klar, ob sie Wege finden werden, um in Zukunft mit dieser Belastung zurechtzukommen. Aus den regierungsgetragenen Kraftakten können sich tiefe Legitimationsprobleme für die demokratische Ordnung und überdies schwer zu beherrschende Störungen in den internationalen Beziehungen ergeben, die Euro-Krisen des Jahres 2010 geben darauf einen Vorgeschmack. Man fragt sich überdies, wie häufig ein solcher Kraftakt, eine solche staatlich getragene Rettungsstrategie wiederholt werden kann. In diesen Hinsichten ist die jüngste Krise des Kapitalismus keineswegs zu Ende. Damit in Zusammenhang steht ein weiterer Unterschied zwischen den Weltwirtschaftskrisen nach 1929 und nach 2007. Es handelt sich um einen Unterschied in der vorherrschenden Einstellung zum Sparen und Ausgeben. 319

Nehmen wir die öffentliche Verschuldung – die Bruttoverschuldung – von Deutschland als Beispiel. Im letzten Jahr vor der Weltwirtschaftskrise 1928/29 stand sie schätzungsweise (die Reparationslast nicht mitgerechnet) um 10 Prozent des BSP. Im letzten Jahr vor der Krise von 2008/09 betrug diese Ziffer 62 Prozent – ein gewaltiger Anstieg, noch vor dem Beginn der Krise. Das zweite Beispiel bieten die USA: Dieses Land war 1928/29 der weltgrößte Exporteur von Kapital, heute ist es der weltgrößte Importeur von Kapital. Die Sparquote der Amerikaner (private Haushalte) betrug 1930 fast fünf Prozent, sie erreichte in den frühen 80er Jahren mehr als zehn Prozent, aber ging 2005/07 auf null zurück. Während einige Amerikaner Geld sparen, geben andere mehr aus als sie haben. Ein drittes Beispiel: Auch die Finanzstrategien der großen Banken passen in dieses Muster, sowohl in den USA als auch in Europa. Das durchschnittliche Eigenkapital der Banken betrug vor der jüngsten Krise weniger als zehn Prozent, häufig weniger als zwei Prozent ihres ausgewiesenen Gesamtvermögens, verglichen mit rund 25 Prozent zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Aufnahme von Fremdkapital, d. h. von geliehenem Geld, hatte sich multipliziert. Es ist bekannt, dass die enorm hohe Fremdkapitalaufnahme (»leverage«) einer der Faktoren war, der die jüngste Krise verschärfte. Sie resultierte aus der Tatsache, dass die hohen Erträge nicht wieder investiert, sondern an die Aktionäre aus­ geschüttet und an die Manager verteilt wurden.28 Wenn man die gewaltigen öffentlichen Schulden, die in die Höhe schnellenden Fremdkapitalquoten und die abnehmenden Sparquoten der Haushalte in einigen Ländern zusammennimmt, begreift man sie als Indikatoren für ein und denselben grundlegenden Wandel, den Ralf Dahrendorf in einem seiner letzten Aufsätze als problematischen Wechsel vom »Sparkapitalismus zum Pumpkapitalismus« beschrieben hat. Die Ursachen dieses Wandels sind vielfältig. Zu ihnen zählt der Aufstieg des Konsumkapitalismus, der in anderer Hinsicht die Legitimität und Akzeptanz des Kapitalismus so sehr gestärkt, seine Kraft unter Beweis gestellt, der breiten Bevölkerung  – nicht nur den Eliten  – viel gebracht und dazu beigetragen hat, den Kommunismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu besiegen. Die Spannung zwischen der kapitalismusimmanenten Notwendigkeit des Sparens, d. h. des Aufschiebens der Belohnung in die Zukunft, und der ebenfalls systemimmanenten Notwendigkeit des Ausgebens für den Konsum in der kapitalistischen Gegenwart wurde bereits in Daniel Bells »The Cultural Contradictions of Capitalism« (1976) analysiert. In der Zwischenzeit ist diese Spannung noch stärker geworden. Es handelt sich um eine nachhaltige Quelle der Destabilisierung des Kapitalismus heute und vermutlich nicht nur um ein Problem dieses Wirtschaftssystems, sondern darüber hinaus um ein Problem der Kultur und der Politik in den wohlhabenden westlichen Ländern insgesamt.29 Keynes stand einem Zu viel Sparen grundsätzlich kritisch gegenüber. Er schrieb eher darüber, wie man mehr Geld ausgibt als man verdient, zumindest in schlechten Jahren. Und auf lange Sicht seien wir ohnehin alle tot.30 Wenn er heute lebte, würde er wahrscheinlich mehr darüber schreiben, was man tun 320

kann, um den machtvollen Ausgabe-Trend einzudämmen und manchmal weniger Geld auszugeben als man verdient. Und er würde sich vielleicht mehr Sorgen um die längerfristige Zukunft machen.

Kontext und Kritik Mit anderen Worten, die historische Analyse legt nahe, dass eine einfache Rückkehr zum Keynesianismus weder möglich noch ausreichend sein wird. Es reicht in der Regel nicht, eine neue Krise mit den Lösungsstrategien zu bearbeiten, die aus der Erfahrung der vorangehenden Krise entwickelt wurden. Aus der Geschichte lernen heißt vielmehr auch, sich auf neue Probleme einzustellen, die mit alten Rezepten nicht bewältigt werden können. Denn die Verhältnisse ändern sich. Wird es produktive Antworten auf die jüngste Krise und grund­ legende Reformen des kapitalistischen Systems geben, wie nach 1873 und 1929? Statt den Versuch zu machen, die bisher sehr partiell bleibenden Reformen des internationalen Finanzmarkt-Kapitalismus in den Jahren 2009 und 2010 Revue passieren zu lassen und eine im übrigen notwendig spekulativ bleibende Antwort auf die gestellte Frage zu geben, möchte ich abschließend auf die Bedeutung des nicht-wirtschaftlichen Kontextes für jede Kapitalismus-Reform – und jede Kapitalismus-Geschichte  – hinweisen. Die genauere Analyse würde zeigen, dass es in beiden Fällen (nach 1873 und nach 1929) nicht die kapita­ listische Wirtschaft per se, sondern das Zusammenspiel zwischen der Krise des Kapitalismus, starken Wellen der Kapitalismus­k ritik und politischer Handlungsfähigkeit auf der Basis gesellschaftlicher Mobilisierung war, das partielle Lösungen für grundlegende Probleme ermöglichte und zu Strukturreformen führte. Die Kritik des Kapitalismus gehört zu den Bedingungen seiner Reform. Die zentralen Themen der Kapitalismuskritik haben sich geändert: Der Widerstand gegen kapitalistische Ausbeutung am Arbeitsplatz und gegen den unterprivilegierten Status der Arbeiterklasse waren in den Klassenkämpfen des 19.  und frühen 20.  Jahrhundert zentral. Proteste gegen Arbeitslosigkeit und Elend spielten in der Krise der 1930er Jahre die Hauptrolle. In den Jahrzehnten des Kalten Kriegs hat die kommunistische Kritik immer wieder die dunklen Seiten des Kapitalismus angeklagt und dessen Neigung zur Selbstreform beflügelt. Die Geschichte der Kapitalismuskritik31 ist so lang und so wichtig wie die Geschichte des Kapitalismus selbst. Und sie muss ausführlich berück­sichtigt werden, wenn man die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung des Kapitalismus und die Mechanismen verstehen will, die seine Krisen verschärften und durch die seine Krisen und Reformen miteinander verbunden waren, meist durch wechselseitige Prozesse der intellektuellen Kritik, der öffentlichen Meinungsbildung, gesellschaftlicher Mobilisierung und des politischen Konflikts. Auch in diesem Sinne ist die Geschichte des Kapitalismus nie nur ein Gegen321

stand der Wirtschaftsgeschichte, sondern immer auch der sozialen, kulturellen und politischen Geschichte.32 Nach dem Zusammenbruch der sozialistisch-kommunistischen Alternativen im späten 20. Jahrhundert ist die ausformulierte grundlegende Kritik am Kapitalismus heute relativ schwach. Heute konzentriert sich die Kapitalismus­k ritik, jedenfalls im Westen, nicht mehr auf die Gefahr der Verelendung, die Entfremdung am Arbeitsplatz und die Entrechtung der Arbeiterklasse, auch nicht auf das antidemokratische Potenzial des Kapitalismus, das für marxistische Faschismusanalysen solange zentral gewesen ist. Vielmehr konzentriert sich die gegenwärtige Kapitalismuskritik auf die zunehmende Ungleichheit, dauernde Unsicherheit und den unablässigen Veränderungs- und Beschleunigungsdruck, die der Kapitalismus hervorruft und notwendig macht. Kritisiert wird der Kapitalismus im Hinblick auf seine zwanghafte Abhängigkeit von permanentem Wachstum und dauernder Expansion per se, die die natürlichen Ressourcen (Umwelt, Klima)  und die kulturellen Bedingungen (Solidarität, Sinn) zu zersetzen und zerstören drohen, Ressourcen übrigens, die auch kapitalistische Wirtschaftssysteme für ihr langfristiges Überleben brauchen.33 Die zerstörerisch-selbstzerstörerischen Kräfte eines politisch und kulturell nicht genug eingebetteten Kapitalismus sind in der letzten Krise nur allzu deutlich geworden. Auf grundsätzlichster Ebene bleibt die Diskrepanz zwischen dem an universalisierbaren Werten orientierten Verständigungs- und Gestaltungsanspruch demokratischer Gesellschaften einerseits und der sich demokratischer Politik und moralischer Gestaltung entziehenden Dynamik des Markt- und Konkurrenzkapitalismus andererseits eine Quelle fortdauernder Kritik. Ob diese Arten des Leidens am Kapitalismus ausgeprägt genug sein werden, und ob das politische System – auf globaler Ebene! – reaktionsfähig genug sein wird, um eine weitere Runde grundlegender Reformen des Kapitalismus hervorzubringen, bleibt abzuwarten. Ohne Frage sind nicht-ökonomische Kontexte von größter Bedeutung, wenn man sich mit der Geschichte des Kapitalismus als Wirtschaftssystem beschäftigen will. Einerseits ist es zweifellos notwendig, sich gesellschaftliche Verhältnisse, Mentalitäten, Kultur, Religion und politische Macht anzuschauen, um zu verstehen, wie und warum der Kapitalismus sich in bestimmten Gegenden und Zeiträumen (und nicht in anderen) entwickelte.34 Andererseits ist es aber auch unerlässlich, die politische, gesellschaftliche und kulturelle Eingebettetheit35 weiterentwickelter Formen des Kapitalismus zu untersuchen, um zu verstehen, wie und warum er überlebt oder scheitert. Die vielförmigen, variablen und gestaltbaren Beziehungen zwischen Kapitalismus und demokratischer oder autoritärer bzw. diktatorischer Politik, das historisch variable Verhältnis des Kapitalismus zu moralischen Werten, bürgerschaftlichem Engagement und Zivilität, die Rolle von Kapitalismus für Krieg und Frieden sind anhaltend große Themen, die bearbeitet werden müssen, wenn man verstehen will, was Max ­Weber die »Kulturbedeutung« des Kapitalismus36 nannte, die heute allerdings im globalgeschichtlichen Kontext zu diskutieren ist. Doch dieses Programm reicht weit über die Ziele dieses Aufsatzes hinaus. 322

Anmerkungen 1. Zwischen Dogmatismus und Dezision: Wirklichkeit und Methode bei Karl Marx und Max Weber 1 Zuerst als »Karl Marx und Max Weber. Ein methodologischer Vergleich«, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 122 (1966), S. 328–352; mehrfach in unterschiedlichen Sprachen in ergänzter Form wieder abgedruckt; hier nach der ergänzten Fassung in: Kocka, J., Sozialgeschichte. Begriff-Erklärung-Probleme, Göttingen 1986², S.  9–40; der Aufsatz ging aus einer Arbeit im philosophischen Seminar von Dieter Henrich an der FU Berlin im WS 1963/64 hervor. Die Denkfigur des »Spielraums« am Ende des Textes wird in Abschnitt 2 weiterentwickelt Die Diskussion ist seitdem vielfältig weiter gegangen. Zum MaxWeber-Vergleich siehe Steinvorth, U., Wertfreiheit der Wissenschaften bei Marx, Weber und ­Adorno: Ein Nachtrag zum Methodenstreit zwischen Kritischer Theorie und Kritischem Rationalismus, in: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie, Vol. 9, Nr. 2, 1978, S. 293– 306; zu den erkenntnistheoretischen Grundproblemen im Verhältnis von Wirklichkeit und Methode siehe etwa Rüsen, J., Rekonstruktion der Vergangenheit. Grundzüge einer Historik II: Die Prinzipien der historischen Forschung, Göttingen 1986; Lorenz, C., Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie, Köln 1987 (zuerst niederl. 1987). Siehe auch die Literatur in Anm. 1 zu Abschnitt 2 unten S. 231 f. 2 Vgl. z. B. Kon, I. S., Die Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts, Bd.  1, Berlin 1966, S. ­136–157; Werner B. u. a. (Hg.), Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung, Köln 1971, S. 76–81; Kuczynski, J., Max Weber und die »Wertfreiheit« der Wissenschaft, in: ders., Studien zur Wissenschaft von den Gesellschaftswissenschaften, Berlin 1972, S.  189–200; Schleier, H., Theorie der Geschichte – Theorie der Geschichtswissenschaft. Zu neueren theoretischmetho­dologischen Arbeiten der Geschichtsschreibung in der BRD, Berlin 1975, S. 72.; Le­ fevre, W., Zum historischen Charakter und zur Funktion der Methode bürgerlicher Soziologie. Untersuchungen am Werk Max Webers, Frankfurt/Main 1971, S. 6–23; Brentano, M. von, in: Der Spiegel, 26. Jg., Nr. 8 (14.2.1972) S. 36, 38: Kritik am »pluralistischen Wissenschaftsbegriff« unter Hinweis auf seine Herkunft von M. Weber und seine angeblich dezi­ sionistischen Konsequenzen; Wissenschaft verenge sich dabei auf Methode und schließe jede Theorie aus, die einen inhaltlichen Wahrheitsanspruch stelle. Kittsteiner, H-D., Theorie und Geschichte. Zur Konzeption der modernen westdeutschen Sozialgeschichte, in: Das Argument, Nr. 75 (= Kritik der bürgerlichen Geschichtswissenschaft II), Berlin 1972, S. 18–32. 3 Hinsichtlich der im folgenden anhand Webers zu diskutierenden und zu differenzierenden Überzeugung, dass die Welt der Phänomene prinzipiell in verschiedenen Weisen konzep­ tualisiert werden kann. 4 Als Beispiele solcher marxistischer Argumentationen: Tomberg, F. Was heißt bürgerliche Wissenschaft?, in: Das Argument, Nr. 66, 1971, S. 470–475; Eckermann, W. u. H. Mohr, Einführung in das Studium der Geschichte, Berlin 19692, S. 33, 40 f., 47 ff., 69 ff.; Hahn, E., So­ ziale Wirklichkeit und soziologische Erkenntnis. Philosophisch-methodologische Aspekte der soziologischen Theorie, Berlin 1965. – Demgegenüber kritisch: Albert, H., Traktat über kritische Vernunft, Tübingen 19692, S. 7, 47–54 (19753); Seiffert, H., Marxismus und bürgerliche Wissenschaft, München 1971, bes. S. 95–104.

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5 Und zwar systematisch. Nicht behandelt wird dagegen der historische Aspekt des Verhältnisses von Weber und Marx. Vgl. Roth, G., Das historische Verhältnis der Weberschen Soziologie zum Marxismus, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Bd. 20, 1968, S. 429–447; wd. in: R. Bendix u. G. Roth, Scholarship and Partisanship: Essays on Max Weber, Berkeley 1971. – Überhaupt werden die historischen Bedingungen von Webers Wissenschaftslehre hier nicht diskutiert. Vgl. dazu u. a. Sharlin, A. N., Max Weber and the Origins of the Idea of Value-free Social Science, in: Archives européennes de sociologie, Bd. 15, 1974, S. 337–353; s. auch Kocka, J., Kontroversen über Max Weber, in: Neue Politische Literatur, Jg. 21, 1976, S. 281–301, bes. S. 299 f. – Auch die »historischen Schichten« innerhalb der Werke von Marx und Weber werden hier vernachlässigt. 6 Hier geht es nur um einen Vergleich der methodologisch-wissenschaftstheoretischen Grundpositionen der beiden Autoren und um deren Geschichtsauffassung, soweit diese damit verknüpft ist, nicht um viele andere Aspekte (Kapitalismusbegriff, Staatsverständnis etc.), die in einem umfassenden Vergleich der beiden behandelt zu werden pflegen. Unter den zahlreichen Marx-Weber-Vergleichen siehe z. B.: Löwith, K., Max Weber und Karl Marx, in: ders., Gesammelte Abhandlungen, Stuttgart 1960, S.  1–67; Lowy, M., Weber et Marx, in: L’homme et la Société, Nr. 20, 1971, S. 73–83; Hufnagel, G., Kritik als Beruf. Der kritische Gehalt im Werk Max Webers, Frankfurt/Main 1971, S.  148–154; Ashcroft, R., Marx and Weber on Liberalism as Bourgeois Ideology, in: Comparative Studies in Society and History, Bd. 14, 1972, S. 130–168; Mayer, C., Die Marx-Interpretation von Max Weber, in: Soziale Welt, Bd. 25, 1974, S. 265–277; Mommsen, W., Max Weber. Gesellschaft, Politik und Geschichte, Frankfurt/Main 1974, S. 144–181; Bader, V. M., u. a., Einführung in die Gesellschaftstheorie. Gesellschaft, Wirtschaft und Staat bei Marx und Weber, 2 Bde., Frankfurt/ Main 1976. 7 Diese kann hier nicht zur Gänze und in ihren vielen Schattierungen dargestellt werden. Vgl. dazu Schelting, A. von, Max Webers Wissenschaftslehre, Tübingen 1934; Schaaf, J. J., Geschichte und Begriff. Eine kritische Studie zur Geschichtsmethodologie von Ernst ­Troeltsch und Max Weber, Tübingen 1946; Henrich, D., Die Einheit der Wissenschaftslehre Max Webers, Tübingen 1952; Tenbruck, F., Die Genesis der Methodologie Max Webers, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Bd. 11, 1959, S. 573–630; Janoska-Bendl, J., Methodologische Aspekte des Idealtypus. Max Weber und die Soziologie der Geschichte, Berlin 1965; Hufnagel, G., Kritik als Beruf. Der kritische Gehalt im Werk Max Webers, Frankfurt/Main 1971 (mit ausführlichem Literaturverzeichnis); Dux, G., Gegenstand und Methode. Am Beispiel der Wissenschaftslehre Max Webers, in: ders. u. T. Luckmann (Hg.), Sachlickeit. Festschr. zum 80. Geburtstag von H. Plessner, Opladen 1974, S. 187–221. 8 Vgl. Mommsen, W., Universalgeschichtliches und politisches Denken bei Max Weber, in: HZ, Bd. 201, 1965, S. 557–612, wd. in: ders., Max Weber, S. 97–143; Abramowski, G., Das Geschichtsbild Max Webers. Universalgeschichte am Leitfaden des okzidentalen Rationalisierungsprozesses, Stuttgart 1966. 9 So schreibt etwa Braunreuther, K., Bemerkungen über Max Weber und die bürgerliche Soziologie, in: Wiss. Zeitschr. der Humboldt-Univ., Ges.– u. Sprachwiss. Reihe 1958/59, S. ­115–123: »Antimarxist zu sein, das war Webers eigentlicher Beruf« (S. 116). 10 Vgl. Weber, M., Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1956 (1976), S. 199–207, 212, 352. 11 Aus Weber, M., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen (19221) 19683 (19856) wird im Text zitiert: (WL …), jedoch mit den Seitenzahlen der 1. Aufl. von 1922, da die 2. und die 3. Aufl. am inneren Seitenrand die Seitenzahlen der 1. Aufl. in eckiger Klammer aufweisen (sofern diese von der 3. Aufl. unterschieden sind). 12 Vgl. Weber, M., Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, Tübingen 1920 (19726), S. 38: Die Erkenntnis, dass in den USA der kapitalistische Geist vor der ökonomischen Entwicklung zum Kapita-

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lismus vorhanden war, benutzt Weber zu einer Polemik gegen den »naiven« Historischen Materialismus. »In diesem Falle liegt also das Kausalverhältnis jedenfalls umgekehrt als vom ›materialistischen‹ Standpunkt aus zu postulieren wäre. Aber die Jugend solcher Ideen ist überhaupt dornenvoller, als die Theoretiker des Überbaues’ annehmen, und ihre Entwicklung vollzieht sich nicht wie die einer Blume.« Vgl. dazu ebd., S. 60 13 Allerdings muss angemerkt werden, dass Weber sich selbst darüber klar ist, dass diese Betrachtungsweise zur Erklärung des entwickelten (»siegreichen«) Kapitalismus nicht ausreicht (ebd., S. 37): »Er (der siegreiche Kapitalismus, J. K.) zwingt dem einzelnen, soweit er in den Zusammenhang des Marktes verflochten ist, die Normen seines wirtschaftlichen Handelns auf.« Im entwickelten Kapitalismus (und diesen untersucht Marx im Kapital, J. K.) muss also der »Geist des Kapitalismus« weitgehend als Funktion der Verhältnisse begriffen werden, die er nach Weber einstmals mitgeschaffen hat und die mittlerweile zum sich selbst reproduzierenden System (»Gehäuse«) geworden sind. Jedoch geht diese Einsicht nicht in Webers methodologische Reflexionen ein. Vgl. auch ebd., S. 203 f. 14 So etwa ebd., S. 37 f., 60, 83, 205 f., Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 228 u. 352. 15 Vgl. dazu auch Janoska-Bendl, S. 89–114. 16 Vgl. Marx, K. u. F. Engels, Die Deutsche Ideologie, in: K. Marx u. F. Engels, Werke, Berlin 1957 ff. (im folgenden: MEW), Bd. 3, S. 27. 17 Vgl. Marx, K., Das Kapital, Bd. I, MEW, Bd. 23, S. 57. 18 Im Vorwort von: Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859) gibt Marx eine schematische Zusammenfassung seiner bisherigen Studien, die eine weitgehende Trennung von gesellschaftlichem Sein und Bewusstsein behauptet und so zu undialektischer Interpretation des Marxschen Werkes verführt. Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW, Bd.  13, 18 ff. Solche mechanistischen Ansätze bei Marx wurden von späteren Theoretikern wie Karl Kautsky und Max Adler, zum Teil schon von Friedrich Engels, in anderer Weise im Stalinismus aufgenommen und betont. Mit vielen Belegen zeigt und begründet das Wellmer, A., Kritische Gesellschaftstheorie und Positivismus, Frankfurt/Main 1971, S. 45–127. 19 Gemeint ist der Materialismus, den Marx vorfand und kritisierte, unter anderem der Feuerbachs. 20 Vgl. Marx, Dritte These über Feuerbach, MEW, Bd. 3, S. 5 f. 21 Vgl. Marx u. Engels, Die Deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3, S. 38. 22 Ebd., S. 42. 23 Vgl. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, MEW, Erg. Bd., 1. Teil, S. 579. »Weder die Natur -objektiv- noch die Natur subjektiv ist unmittelbar dem menschlichen Wesen adäquat vorhanden. Und wie alles Natürliche entstehn muß, so hat auch der Mensch seinen Entstehungsakt, die Geschichte … Die Geschichte ist die wahre Naturgeschichte des Menschen.« 24 Vgl. Schmidt, A., Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, Frankfurt/Main 1962, S. 51 ff. 25 Zum historischen Charakter des Marxschen Ansatzes generell mit weiteren Belegen: ders., Über Geschichte und Geschichtsschreibung in der materialistischen Dialektik, in: Folgen einer Theorie. Essays über »Das Kapital«, Frankfurt/Main 1967, S. 103–129; u. Fleischer, H., Marxismus und Geschichte, Frankfurt/Main 1969. 26 Vgl. Marx an L. Kugelmann, 27.6.1870, MEW, Bd. 32, S. 685. 27 Vgl. Marx, Das Kapital, Bd. I, MEW, Bd. 23, S. 12. 28 Ebd., Bd. III, MEW, Bd. 25, S. 267. 29 Vgl. ebd., Bd. I, S. 89 u. 511: »… mit der blind zerstörenden Wirkung eines Natur­gesetzes …«, »… wie etwa das Gesetz der Schwere, wenn einem das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt«. Vgl. dazu Rosdolsky, R., Ein Neomarxistisches Lehrbuch der politischen Ökonomie, in: Kyklos, Bd. 16, 1963, S. 631 f. – Weniger zutreffend: Helberger, Ch., Marxismus als Methode, Frankfurt/Main 1974, S. 19 f., pass.

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30 Vgl. auch Schmidt, Über Geschichte, S. 128 f. 31 Vgl. Marx, Das Kapital, Bd. III, MEW, Bd. 25, S. 890 f. 32 Vgl. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW, Erg. Bd., 1. Teil S. 538. 33 Vgl. Marx, Das Kapital, Bd. III., MEW, Bd. 25, S. 829 u. Schmidt. Begriff, S. 57, 109, 115 ff. 34 Vgl. Marx an L. Kugelmann, 11.7.1868, MEW, Bd. 32, 553. 35 Vgl. Marx, Das Kapital, Bd. I, MEW, Bd. 23, S. 57. 36 Als Beispiel nennt Marx die Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit als sich durchhaltendes Naturgesetz, den Tauschwert als seine Form in der kapitalistischen Gesellschaft. »Die Wissenschaft besteht eben darin, zu entwickeln, wie das Wertgesetz sich durchsetzt«. (Marx an Kugelmann, 11.7.1968, MEW, Bd. 32, S. 553). Vgl. Rosdolsky, Der Gebrauchswert bei Karl Marx, in: Kyklos, Bd. 12, 1959, S. 31 ff. 37 Vgl. auch: Marx an Engels, 9.12.1861, MEW, Bd. 30, S. 207: »Hegel hat nie die Subsumtion einer Masse von ›Cases‹ under a general principle Dialektik genannt.« 38 Vgl. Henrich, Die Einheit, S. 14. 39 Das Adjektiv »ontisch« soll sich hier auf die Wirklichkeit beziehen, wie sie der wissenschaftlichen Analyse – durch den wissenschaftlich-methodischen Bezug auf Werte und Gesichtspunkte noch nicht mitkonstituiert – vorgegeben ist. (Im Gegensatz dazu meint »historisches Individuum« bei Weber eine Einheit von Wirklichkeitsbestimmungen, bei deren Verknüpfung ein auf Werte und Interessengesichtspunkte beziehender Akt des Wissenschaftlers mitwirkt.) Genauso wie Weber erkenntnisphilosophischen Reflexionen über die dem Wissenschaftler erscheinende Wirklichkeit aus dem Wege ging, so wird hier »­ontisch« in einem erkenntnistheoretisch unproblematischen Sinne gebraucht. (Vgl. Henrich, Die Einheit, S. 17 ff.) 40 Vgl. WL, S. 213 f. Vgl. weiterhin WL, S. 180: »›Kultur‹ ist ein vom Standpunkt des Menschen aus mit Sinn und Bedeutung bedachter endlicher Ausschnitt aus der sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens«. WL, S. 177: »Die Zahl und Art der Ursachen, die irgendein individuelles Ereignis bestimmt haben, ist ja stets unendlich, und es gibt keinerlei in den Dingen selbst liegendes Merkmal, einen Teil  von ihnen als allein in Betracht kommend auszu­ sondern. Ein Chaos von ›Existentialurteilen‹ …« WL, S. 184: »Endlos wälzt sich der Strom des unermeßlichen Geschehens der Ewigkeit entgegen.« Die Zitate ließen sich vermehren. 41 Vgl. Tenbruck, S.  601; weiterhin z. B.: Landshut, S., Kritik der Soziologie (1929), in: ders., ­K ritik der Soziologie u. andere Schriften zur Politik, Neuwied 1969, S.  37 ff.; Hufnagel, S. 130–139, 211 f., 219, 221; ähnlich: Mommsen, Max Weber, S. 106, 226. 42 Dieser von Weber selbst nicht gebrauchte Terminus Rickerts meint eine unübersehbare mannigfaltig-verschiedenartige Wirklichkeit, die in ihrer raumzeitlichen Bestimmtheit wie hinsichtlich ihrer quantitativen Eigenart durch eine für den analysierenden Verstand übergroße Anzahl von Merkmalen gekennzeichnet ist. Jeder konkrete Gegenstand steht in einem Allzusammenhang, seine Bedingtheiten sind ebenso komplex und prinzipiell un­ erschöpflich wie seine Eigenschaften. Vgl. Henrich, Die Einheit, S. 9 ff. 43 Zwar konstituiert ein solcher Wertbezug eine allen handelnden Individuen gemeinsame Struktur. Doch bleibt diese rein formal, da über die Inhalte der als Bezugspunkt fungierenden Werte nichts Verbindliches oder Gesetzmäßiges ausgesagt werden kann. Somit konstituiert der Bezug auf Werte, der als spezifisch menschliche »Rationalität« zu begreifen ist, zwar eine Struktur im individuellen Bereich (die »Persönlichkeit«), er ist aber ungeeignet, eine überindividuelle Struktur im Sinne einer »materialen« Kultur zu begründen, da Inhalt dieser »Rationalität« eine unübersehbare Vielzahl von verschiedenen Kombinationen sein kann. Hieraus wird einsichtig, dass Objekte der verstehenden Soziologie »lediglich Abläufe und Zusammenhänge spezifischen Handelns einzelner Menschen« sind, »da diese allein für uns verständliche Träger von sinnhaft orientiertem Handeln sind« (WL, S. 514). Innerhalb der verstehenden Soziologie kann es deshalb kaum einen (dialektischen oder funktionalen) Begriff vom Ganzen der Gesellschaft geben.

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44 Vgl. dagegen Tenbruck, S. 600. Zur Frage der Wirklichkeitsstruktur bei Weber vgl. die Modifikation dieser Interpretationsthese, S. 21 ff. 45 Gesichtspunkte sind gebunden an »Wertideen, die ihrerseits … nicht … aus dem empi­ rischen Stoff als geltend begründbar sind« (WL, S. 213). »Was aber für uns Bedeutung hat, das ist natürlich durch keine ›voraussetzungslose‹ Untersuchung des empirisch Gegebenen zu erschließen, sondern seine Feststellung ist Voraussetzung dafür, dass etwas Gegenstand der Untersuchung wird« (WL, S. 1751). Vgl. auch oben Anm. 40. 46 Ähnlich verneint Weber die Ableitbarkeit von Normen des Handelns aus der Erkenntnis der Wirklichkeit, in der gehandelt werden soll (vgl. WL, S. 154 u. 475). 47 Vgl. Henrich, Die Einheit, S. 19 48 Über weitere Instanzen, von denen aus auch innerhalb von Webers Gedankengebäude die Willkür der Begriffs- und Kategorienwahl eingeschränkt werden kann, vgl. S. 21 ff. 49 Vgl. WL, S. 151 f. u. 469 ff. 50 Vgl. Marx, Erste These über Feuerbach, MEW, Bd. 3, S. 5. 51 Vgl. Marx, Zur Kritik der Hegeischen Rechtsphilosophie. Einleitung, MEW, Bd. 21, S. 378. 52 Vgl. Marx u. Engels, Die Deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3, S. 44. 53 Vgl. Marx, Sechste These über Feuerbach, MEW, Bd. 3, S. 6. 54 Vgl. Morf, O., Geschichte und Dialektik in der politischen Ökonomie. Zum Verhältnis von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte bei Karl Marx, Frankfurt/Main 1970, S. 114. 55 Vgl. Marx, Das Kapital, Bd. III, MEW, Bd. 25, S. 219. 56 Ebd., Bd. I, MEW, Bd. 23, S. 88. 57 Vgl. Marx, Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW, Bd. 13, S. 633. Vgl. auch Schmidt, Begriff, S. 66. 58 Lenins Abbildtheorie wurde in diesem Sinne von marxistischer Seite kritisiert. Vgl. Korsch, K., Marxismus und Philosophie, Leipzig 1930, S. 25 ff. 59 Vgl. Marx, »Randglossen zu Adolph Wagners ›Lehrbuch der politischen Ökonomie‹«, zit. bei Schmidt, Begriff, S. 93. 60 Vgl. Marx, Zweite These über Feuerbach, MEW, Bd. 3, S. 5. Vgl. Schmidt, Begriff, S. 101. 61 Vgl. Bloch, E., Das Prinzip Hoffnung, Berlin 1960, Bd. 1, S. 214 ff. 62 Vgl. Marx, Zweite These über Feuerbach, MEW, Bd. 3, S. 5. 63 Vgl. Schmidt, Begriff, S. 94; MEW, Bd. 3, S. 5. 64 Vgl. Lukäcs, G., Die Zerstörung der Vernunft, Neuwied 1961, S. 521–537; differenzierter die marxistische Analyse von: Kon, Die Geschichtsphilosophie, Bd. 1, S. 136–157. 65 Vgl. Marx, Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW, Bd. 13, S. 631 ff. 66 Ebd. Dazu Morf, S. 36 ff.; Schmidt, A., Geschichte u. Struktur. Fragen einer marxistischen Historik, München 1971, S. 41 ff. 67 Vgl. Morf, S. 128. 68 Vgl. Marx, Das Kapital, Bd. III, MEW, Bd. 25, S. 219. 69 Ebd., Bd. III, S. 825: »… alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen«. 70 So formuliert Marx selbst den »Endzweck« seines Werkes (Das Kapital. Bd I, MEW, Bd. 23, S. 151). 71 Vgl. Rosdolsky, Lehrbuch, S. 645 ff. 72 Wie Anm. 68. 73 Mit Lukäcs, G., Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik [1923], Neuwied 1970, S. 255–355; Marcuse, H., Vernunft und Revolution [engl. 1941, 19522], Neuwied 1962, S. 241 ff.; Bekker, K., Marx’ Philosophische Entwicklung. Sein Verhältnis zu Hegel, Zürich 1940; Avineri, S., The Social and Political Thought of Karl Marx, Cambridge 1968, S. 3, pass.; Schmidt, Geschichte und Struktur, S. 47–51, pass. u. v. a. ist an dem großen und fortwirkenden Einfluss der von ihm dann allerdings radikal transformierten Hegel-

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schen Philosophie auf Marx festzuhalten. Nicht überzeugend die gegenteilige Position bei Althusser, L., Für Marx, Frankfurt/Main 1968, S. 130–135, 142–145, pass. 74 Vgl. Weber, Protestantische Ethik, S. 134 ff. u. 192. 75 Allerdings ist zu bedenken, dass Weber seine Studie als Vorarbeit bezeichnet und Er­gänzung aufgrund anderer Gesichtspunkte von der zukünftigen Forschung erwartet (Ebd., S. 2051). 76 Ebd., S. 52 f. – Vgl. zum Problem des Übergangs vom Verlag zur Manufaktur: Kocka, J., Unternehmer in der deutschen Industrialisierung, Göttingen 1975, S. 221. 77 Vgl. Marx, Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie, MEW, Bd.  13, S.  634.  – Zur Geschichte des Begriffs »Arbeit« vgl. Werner Conzes Artikel in: O. Brunner u. a. (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. 154 ff. 78 Diese Forderung deutet Marx nur an (ebd., S. 6171), sie kann aber aus dem Zusammenhang gefolgert werden. Weber stellt diese Forderung nicht, weil er die Gesichtspunkte getrennt von der zu untersuchenden Wirklichkeit ansiedelt. 79 Vgl. Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW, Bd. 13, S. 636. 80 Ebd. 81 Vgl. Bloch, E., Subjekt – Objekt. Erläuterungen zu Hegel, Berlin 1951, S. 221 ff. 82 Vgl. Troeltsch, E., Der Historismus und seine Probleme, 1.  Buch (Neudruck der 1922 er­ schienenen Aufl.), Aalen 1961, S. 367. 83 Vgl. Marx an A. Rüge, Sept. 1943, in: Die Frühschriften, hg. v. S. Landshut, Stuttgart 1953, S. 169. Zur Möglichkeit dieser immanenten Kritik bei Marx im Zusammenhang mit dem hier nicht ausführlich zu thematisierenden Übergang von Hegel zu Marx, auch: Wellmer, S. 59–61, 78–92. 84 Als moderne Vertreter dieses Denkens vgl. Horkheimer, M., Zum Begriff der Vernunft, in: T. Adorno u. M. Horkheimer, Sociologica II, Frankfurt/Main 1962 (bes. S. 204) u. Hofmann, W., Gesellschaftslehre als Ordnungsmacht. Die Werturteilsfrage heute, Berlin 1961, S. 29. 85 Vgl. Schelsky, H., Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation, Köln 1961, S.  25 u. ­passim. 86 So etwa im Umkreis marxistischen Denkens Hofmann, S. 32 f.: »Allgemeingültigkeit kommt solchen Auffassungen von Wert oder Unwert sozialer Sachverhalte zu, die einer gegebenen historischen Gesellschaft nach dem Stand aller ihrer Potenzen objektiv entspricht. Gesellschaftlich wertvoll ist allemal das historisch möglich Gewordene.« 87 Diese sind kurz und prägnant aufgeführt in WL, S. 472 f. 88 In dieser Art als Dezisionist abgestempelt erscheint Weber, mit einigen Schattierungen und oft gegensätzlichen Wertungen, z. B. bei: Tenbruck, S.  600 ff.; Lukács, Zerstörung, S.  532 ff.; Strauss, L., Naturrecht und Geschichte, Stuttgart 1956, S.  107 ff.; Habermas, J., Technik und Wissenschaft als Ideologie, Frankfurt/Main 1968, S. 121 f.; Marcuse, Kultur und G­esellschaft, Bd.  2, Frankfurt/Main 1965, S.  107 ff. Vgl. weiterhin die Übersicht bei Roth, Political Critiques of Max Weber. Some Implications for Political Sociology, in: American Sociological Review, Bd. 30, 1965, S. 213–223; insgesamt vgl. Beck, Objektivität und Nor­mativität. Die Theorie-Praxis-Debatte in der modernen deutschen und amerikanischen Soziologie, Reinbek 1974. 89 Vgl. Hegel, G. W. F., Wissenschaft der Logik, Leipzig 1923, 1. Teil, S. 6; Morf (S. 77) nimmt dieses Hegel-Zitat zu Recht für die Marxsche Methode in Anspruch. Zur weitgehenden Verwandtschaft von Marxens Methode mit Hegels Logik auch Schmidt, Geschichte und ­Struktur. 90 Vgl. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundriß, Hamburg 1959, S. 426 (S. 549). 91 Vgl. Marx u. Engels, die Deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3, S. 13 ff. 92 Vgl. Marx, Das Kapital, Bd. I, MEW, Bd. 23, S. 57, u. a. 93 Siehe oben Anm. 86. 94 So Hegel, Enzyklopädie, S. 197 (S. 244).

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95 Auch Wellmer arbeitet diese Hegelschen Reste einer spekulativen Geschichtslogik im Marxschen Denken, in dem sie gleichwohl keinen rechten Platz und keine rechte Begründung mehr haben, heraus und sieht in ihnen die Basis für die Neigung Marxens, zu unterstellen, dass die gesellschaftlich-historischen Widersprüche mit einer gewissen Notwendigkeit in einer fortschrittlichrevolutionären Weise aufgehoben würden (S.  56 ff., 64 ff., 77, 93 f., 126 ff.). Diese Annahme habe sich »in einem fatalen Sinne als falsch erwiesen« (S. 128). – Vgl. auch Theunissen, M., Gesellschaft und Geschichte. Zur Kritik der kritischen Theorie, Berlin 1969, S. 30, 33–38. Er weist nach, dass die »Kritische Theorie«, obwohl sie explizit der Hegelschen Prämisse (Ausgang von einer absoluten, aber geschichtlich werdenden Objektivität) abschwört, sich letztlich – etwa bei Habermas – so verhält, als ob sie auf jener identitätsphilosophischen Voraussetzung noch bauen könnte. Eben darin sieht Theunissen gewisse Tendenzen in der »Kritischen Theorie« zum intoleranten Dogmatismus und erkenntnistheoretisch-politischen Absolutheitsanspruch begründet. 96 Vgl. S. 30 f. 97 Vgl. Marx, Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW, Bd. 13, S. 631 f. 98 Auf einer langen hermeneutisehen Diskussion fußend, macht Jürgen Habermas die große Bedeutung des historisch wandelbaren (und auch innerhalb derselben Gesellschaft und Epoche heterogenen!) vorwissenschaftlichen Vorverständnisses für den wissenschaftlichen Erkenntnisakt klar, und zwar mit Wendung gegen einige Vertreter der neopositivistischen Wissenschaftslehre, die dies nicht genügend in Rechnung stellen (Analytische Wissenschaftstheorie und Dialektik. Ein Nachtrag zur Kontroverse zwischen Popper und Adorno, in: Zeugnisse. Th. W. Adorno zum 60. Geburtstag. Hg. v. M. Horkheimer, Frankfurt/Main 1963, S. 473–501, bes. S. 476; wd. abgedr. in: Th. W. Adorno (Hg.), Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie (1969), Neuwied 1972, S. 155–191, u. in: J. Habermas, Zur Logik der Sozialwissenschaften, Frankfurt/Main 19702, S. 9–38). Hier soll betont werden, dass eben diese Überlegung auch gegenüber marxistischen Ansätzen ins Feld geführt werden muss, soweit diese ihre eigene Historizität zu unterschlagen und die hermeneutische Erkenntnisproblematik zu überspringen geneigt sind. Vgl. auch Seiffert, S. 79–95. 99 Vgl. S. 24 f. 100 Vgl. Theunissen (S. 34 f.) zeigt, dass auch die an Marx anknüpfende »Kritische Theorie« diesem Problem nicht gewachsen ist und dass in ihrem jener Grundsituation widersprechenden Anspruch auf Erkenntnis der Totalität die Möglichkeit des Dogmatismus gegenüber anderen Ansätzen begründet liegt. 101 So z. B. Tenbruck, S.  600, 602; ähnlich auch Landshut (oben Anm.  41); Lefevre, S.  16 ff. u. v. a. 102 Schließlich ließe sich in einer so interpretierten Methodologie Webers kein hinreichender Grund finden, das Entstehen des britischen Kapitalismus nicht unter dem Gesichtspunkt des in England häufigen Nebels zu interpretieren. Dagegen muss bedacht werden, dass Weber nicht nur eine Wissenschaftslehre, sondern auch praktische Forschungsarbeiten vorgelegt hat, deren Ergebnisse auf dem Hintergrund einer derart paradoxen Methodologie kaum zu begreifen wären. 103 Vgl. Weber, Protestantische Ethik, S. 205 f. 104 Tendenziell im Sinne von Habermas, Analytische Wissenschaftstheorie, S 473 f. 105 Vgl. WL, 180. Vgl. – auch zum Folgenden – Henrich, Die Einheit, S. 74 ff.; ders., Diskussionsbeitrag, in: O. Stammer (Hg.), Max Weber und die Soziologie heute. Verhandlungen des 15. deutschen Soziologentages, Tübingen 1965, S. 81–87. – Diese Argumentation und Belege werden von neuerlichen und m. E. insofern fehlgehenden Versuche, Weber als erkenntnistheoretischen Dezisionisten abzustempeln, nicht akzeptiert, aber auch nicht widerlegt. Vgl. insbesondere Lefevre, S. 16–29, bes. S. 20 f. u. 115 f. L., weist – wie viele andere vor ihm – auf Schwierigkeiten und Grenzen des Weberschen Ansatzes, z. T. zu Recht, hin. Was in dieser Untersuchung auffällt, ist das hohe Maß an gegen sich selbst unkritischer Si-

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cherheit, mit der Webers Schwierigkeiten als prinzipiell zusammen mit der bürgerlichen Gesellschaft überwindbare, suggeriert werden, ohne auch nur im mindesten zu zeigen, in welcher Weise dies wissenschaftstheoretisch und -praktisch zu leisten wäre. Einige Hinweise (S. 57, 60) auf die Lösbarkeit der wissenschaftstheoretischen Probleme durch Teilnahme am antikapitalistischen »Kampf der Produzentenmassen um die Verfügung über ihre von ihnen produzierte Objektivität« bleiben reine Affirmation und legen zudem den Verdacht nahe, dass L. die »Insuffizienzen« des Weberschen Ansatzes in einer Weise überkommen möchte, die hinter die – zweifellos nicht ausreichenden, aber sicher auch nicht einfach abzuwerfenden, durch dialektisch-materialistische Theorie auch keineswegs überholten – kritizistischen Leistungen zurückfällt. In solchem Zusammenhang gewinnt der gängige Formalismus- und Willkürvorwurf gegen Webers Wissenschaftslehre eine antikritische Immunisierungsfunktion, zum Schutz von politisch-theoretischen Grundentscheidungen die als solche nicht mehr kenntlich gemacht und schon gar nicht zur wissenschaftlichen Diskussion mit Revisionschance gestellt werden. – Auch Hufnagel (S. 139, Anm.  2, S.  211, 213, pass.) scheint an einer dezisionistischen Interpretation des Weberschen wissenschaftstheoretischen Ansatzes festhalten zu wollen. Dies ist um so erstaunlicher, als er Weber hinsichtlich seines Begriffs vom Verhältnis zwischen Erfahrungswissenschaft und Politik recht überzeugend (wenn auch im einzelnen zu weitgehend)  vom Vorwurf des Dezisionismus befreit. Ähnlich auch: Schluchter, W., Wertfreiheit und Verantwortungsethik. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik bei Max Weber, Tübingen 1971, der Weber an das pragmatische Modell Habermas’ heranrückt. Diese Autoren leisten tendenziell für Webers Begriff vom Verhältnis zwischen Erfahrungswissenschaften und Politik das, was dieser Aufsatz in bezug auf seinen Begriff vom Verhältnis zwischen Erkenntnisgegenstand und Erkenntnis versucht: eine Revision des gängigen Dezisionismusvorwurfs. – Vgl. dazu insgesamt auch: Kocka, Kontroversen, S. 283–292. 106 »In entscheidender Weise verstärkt wurde endlich die Kulturbedeutung der unfreien Arbeit durch die Einbeziehung großer Binnenlandsflachen …« (Weber, Die sozialen Gründe des Untergangs der antiken Kultur, in: J. Winckelmann (Hg.), Max Weber. Soziologie, Weltgeschichtliche Analysen, Politik Stuttgart 1956, S. 8). Hier meint »Kulturbedeutung« die prägende Kraft, die Jon einem so bestimmten Kulturinhalt für die gesamte Kultur ausgeht also ebenfalls einen objektiven Sachverhalt. 107 Von einem »Minimum an Geschichtsphilosophie« bei Weber spricht auch Janoska-Bendl und bestimmt in diesem Zusammenhang den Charakter der Weberschen Idealtypen überzeugend als »konzeptualistisch», d. h. weder als Abbilder der Wirklichkeit noch als völlig autonome Denkgebilde (S. 3JL, Dass ) – Die Versuche, eine »geschichtsphilosophische Grundkonzeption Webers zu identifizieren – so vor allem Mommsen, Universalgeschichtliches Denken –, implizieren letztlich die Annahme, dass Weber so etwas wie dem wissenschaftlichen Erkennen vorgegebene Strukturen der historisch-sozialen Wirklichkeit im stillen vorausgesetzt habe. Mommsen übersieht jedoch diese Konsequenz seines Ansatzes und skizziert das Verhältnis von Realität und wissenschaftlicher Erkenntnis in einer Weise (Weber, S. 106, 226) wie sie sinnvoll nur von jenen behauptet werden kann, die gleichzeitig alle Ansätze zu einer Theorie der materialen Theorie der Kultur bei Weber leugnen. Entsprechend überbetont er den nominalistischen, den irrealen und willkürlichen Charakter des Idealtypus bei Weber (ebd., S. 224–226). 108 Vgl. Tenbruck, 590 ff. Der Zusammenhang von Webers methodologischer Position und seiner Stellung im Werturteilsstreit mit seiner Kritik an der wilhelminischen Bürokratie kann hier nicht diskutiert werden, obwohl sich daraus ebenfalls historische Ursachen für seine so pointierten wissenschaftstheoretischen Aussagen finden ließen. Wichtige Hinweise darauf bei: Schmidt, Deutscher Historismus und der Übergang zur parlamentarischen Demokratie. Untersuchungen zu den politischen Gedanken von Meinecke, ­Troeltsch, Max Weber, Lübeck 1964, S. 226–306; vgl. die oben in Anm. 5 genannten Titel.

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109 Andere Stellen beweisen, dass Weber auch sonst »Analysis« zur Bezeichnung einer nicht erfahrungswissenschaftlichen Annäherung an den Gegenstand benutzt. Vgl. etwa WL, S. 262 f. 110 Insbesondere wäre einerseits an eine Anknüpfung einschlägiger Ansätze von Habermas zu denken. Vgl. als knappe Zwischenbilanz: Habermas, J., Einleitung zur Neuausgabe von: Theorie und Praxis. Sozialphilosophische Studien, Frankfurt/Main 1971, S. 9–47; zuletzt: ders., Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt/Main 1976, Kap. I u. III, aber auch weiterhin die oben Anm. 95 u. 100 angedeutete Kritik an Habermas. Andererseits vor allem H. Albert. Sein auf Popper fußender »kritischer Rationalismus« wurde zweifellos von einem großen Teil  der scharfen Positivismuskritik der 60er Jahre verfehlt, die Kluft zwischen »Kritischer Theorie« und »Kritischem Rationalismus« erschien deshalb vielleicht tiefer als sie ist. Der Unterschied zwischen Albert und jenem Positivismus, auf dessen Schwächen die Kritik der »Frankfurter Schule« vor allem abzielt, wird u. a. klar bei Albert (wie oben Anm. 4), S. 6 f., 54, 59 f. 61 f., 75 f. Die Frage nach der möglichen Vermittlung von Momenten seiner zwischen Dogmatismus und Dezisionismus hindurch­steuernden wissenschaftstheoretischen Argumentation mit einzelnen Positionen der »Kritischen Theorie« wäre weiter zu treiben. – Vgl. auch Kosellecks Denkfigur vom »Vetorecht« der Quellen gegenüber Begriffs- und Theoriebildung, die dem hier vorgeschlagenen Bild vom »Spielraum« insofern entspricht, als dieser ebenfalls in einer Hinsicht von dem in den Quellen erscheinenden Untersuchungsgegenstand begrenzt wird (Standortbindung und Zeitlichkeit, in: R. Koselleck u. a. (Hg.), Objektivität und Parteilichkeit in der Geschichtswissenschaft, München 1977, S. 17–46, hier S. 45 f.); Rüsen, J., Für eine erneuerte Historik. Studien zur Theorie der Geschichtswissenschaft, Stuttgart 1976, bes. S. 38 ff.

2. Spielräume und ihre Grenzen. Angemessenheitskriterien historischer Argumente 1 Ursprünglich unter dem Titel »Angemessenheitskriterien historischer Argumente« in: R. Koselleck u. a. (Hg.), Objektivität und Parteilichkeit in der Geschichtswissenschaft, München 1977, S.  469–475. Die Frage nach der Möglichkeit und den Bedingungen der Wahrheit als Ziel geschichtswissenschaftlicher Arbeit wurde in den 1960er und 1970er Jahren oft mithilfe des Begriffspaars »Objektivität und Parteilichkeit« diskutiert, so auch auf der Tagung des in der Werner-Reimers-Stiftung Bad Homburg angesiedelten Arbeitskreises »Theorie der Geschichte« von 1976, auf der dieser Diskussionsbeitrag vorgetragen wurde. Seit konstruktivistische Strömungen in postmoderner Zuspitzung und die Kritik an ihnen die Debatte prägen (seit den 1880er Jahren), wird die Frage nach der Wahrheit der Historiker häufiger im Spannungsfeld der Begriffe »Rekonstruktion und Konstruktion«, »Faktizität und Fiktionalität« oder »empirische Befunde und narrative Strategien« diskutiert. Als einflussreich erwies sich der die kategoriale Differenz zwischen geschichtwissenschaftlicher Argumentation und fiktionaler Literatur verwischende Ansatz von White, H., Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19.  Jahrhundert in Europa, Frankfurt/Main 1991 (amerikanische Erstauflage 1973). Siehe auch Koselleck, R. u. H. White, Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Denkens, Stuttgart 1986.  – Gegen diese Verkürzung der geschichtswissenschaft­ lichen Darstellung auf einen sprachlichen Konstruktionsakt und Leugnung (oder Mimimierung) der spezifischen Rationalität wissenschaftlicher Forschung und Darstellung von Geschichte hat sich nicht nur die geschichtswissenschaftliche Praxis in der Regel als widerständig erwiesen, sondern auch prinzipielle Kritik zu Wort gemeldet. Vgl. u. a. Evans, R. J.,

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Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt/Main 1998 (zuerst englisch 1997); ­Hobsbawm, E., On History, New York 1998, S. 266–277; Iggers, G. G., Historiographie zwischen Forschung und Dichtung, in: GG, Bd. 27, 2001, S. 327–340; zuletzt Paravicini, W., Die Wahrheit der Historiker, München 2010. – Im Hinblick auf die Praxis historischer Arbeit umreißt dieser Beitrag Wahrheitskriterien historischer Beschreibungen und Interpretationen. Er benennt methodische Eckpunkte einer kritischen Geschichts­ wissenschaft, die gleich weit von postmoderner Willkür und naivem Objektivismus entfernt ist. Vgl. auch Kocka, J., Geschichte als Wissenschaft, in: G. Budde u. a. (Hg.), Geschichte. Studium – Wissenschaft – Beruf, Berlin 2008, S. 12–30.

3. Geschichte und Aufklärung 1 Zuerst in: Kocka, J., Geschichte und Aufklärung. Aufsätze, Göttingen 1989, S.  140–159, 193–197 (auf der Basis eines am 28.4.1988 im Nordrheinwestfälischen Landesinstituts für Schule und Weiterbildung in Soest gehaltenen Vortrags). Aus der neueren Literatur: ­Rüsen, J., Art. History. Overview, in: IESBS, Bd. 10, Amsterdam 2001, S. 6857–6864; Bödeker, H. E., Jenseits der Diskurse. Aufklärungspraxis und Institutionenwelt in europäisch kom­parativer Perspektive, Göttingen 2007; Hardtwig, W. (Hg.), Die Aufklärung und ihre Weltwirkung, Göttingen 2010; Kocka, J., Geschichte als Wissenschaft, in: G. Budde u. a. (Hg.), Geschichte. Studium-Wissenschaft-Beruf, Berlin 2008, S. 12–30. 2 Vgl. Kant, I., Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? in: ders., Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 1, hg. v. W. Weischedel, Frankfurt/ Main 1977 (Immanuel Kant Werkausgabe XI), S. 53; ebd., S. 59; Kant, Kritik der reinen Vernunft. Vorrede zur 1. Auflage, in: ders., Kritik der reinen Vernunft 1, hg. v. W. Weisch­edel, Frankfurt/Main 19773 (Immanuel Kant Werkausgabe III), S. 13 (Anmerkung). 3 Vgl. Möller, H., Vernunft und Kritik, S.  144–188 (hier die Zitate S.  153, 144 f., 157).  – Im übrigen (auch zum Folgenden): Reinhard, K. u. a., Art.  »Geschichte«, in: Geschichtliche Grund­begriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. v. O. Brunner u. a., Bd.  2, Stuttgart 1975, S.  593–717, bes. S.  647 ff.; Reill, P. H., The ­German ­Enlightenment and the Rise of Historicism, Berkeley 1975; Vierhaus, R., (Hg.), Wissenschaften im Zeitalter der Aufklärung, Göttingen 1985, hier bes. S. 7–17 (R. Vierhaus) und ­163–193 (P. H. Reill); Blanke, H. W. u. J. Rüsen (Hg.), Von der Aufklärung zum Historismus. Zum Strukturwandel des historischen Denkens, Paderborn 1984, bes. S. 15–58 (J. Rüsen) u. ­167–186 (H. W. Blanke). – Weiterhin Bödeker, H. E. u. a. (Hg.), Aufklärung und Geschichte. Studien zur deutschen Geschichtswissenschaft im 18. Jahrhundert, Göttingen 1986. 4 Vgl. Möser, J., Osnabrückische Geschichte, in: Sämtliche Werke. Hist.-kritische Ausg., hg. v. d. Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Bd. 13, Oldenburg 1971, S. 46. Das VoltaireZitat nach Möller, Vernunft und Kritik, S. 163. 5 Zum Historismus vgl. Iggers, G. G., Deutsche Geschichtswissenschaft. Eine Kritik der traditionellen Geschichtsauffassung von Herder bis zur Gegenwart (1968), München 1971. Mit anderen Wertungen: Oexle, O. G., Die Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus. Bemerkungen zum Standort der Geschichtsforschung, in: HZ, Bd. 238, 1984, S. 17–55. Zu den Ideen von 1914: Lübbe, H., Politische Philosophie in Deutschland, Basel 1963, S. 173– 238.; Schreiner, K., Führertum, Rasse, Reich. Wissenschaft von der Geschichte nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, in: P. Lundgreen (Hg.), Wissenschaft im Dritten Reich, Frankfurt/Main 1985, S. 163–252. 6 Vgl. Iggers, G. G., New Directions in European Historiography (1975), Middletown 1984 (1. Aufl. auch auf dt. u. d. T.: Neue Geschichtswissenschaft. Vom Historismus zur Historischen Sozialwissenschaft, München 1978). Zuletzt Mütter, B. u. S. Quandt (Hg.), Historie.

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Didaktik, Kommunikation. Wissenschaftsgeschichte und aktuelle Grundlagen, Marburg 1988, bes. S. 27–80 (Aufsätze von Iggers, Rüsen u. Kocka). 7 Vgl. Stürmer, M., Dissonanzen des Fortschritts. Essays über Geschichte und Politik in Deutschland, München 1986, S. 209, 15; weiterhin ders., Weder Verdrängen noch Bewältigen. Geschichte und Gegenwartsbewußtsein der Deutschen, in: Schweizer Monatshefte Jg. 66, 1986, S. 689–694. Lübbe, H., Die Gegenwart der Vergangenheit. Kulturelle und politische Funktionen des historischen Bewußtseins, Oldenburg 1985, S.  22; ders., Über den Grund unseres Interesses an historischen Gegenständen. Kulturelle und politische Funktionen der historischen Geisteswissenschaften, in: H.  Flashar u. a. (Hg.), Geisteswissenschaften als Aufgabe. Kulturpolitische Perspektiven und Aspekte, Berlin 1978, S. 179–193, hier S. 190, 192; weiterhin ders., Wer kann sich historische Aufklärung leisten? Der Streit um die politische Funktion der Geisteswissenschaften, in: G. Patzig u. a. (Hg.), Logik. Ethik. Theorie der Geisteswissenschaften (XI. Deutscher Kongreß für Philosophie. Göttingen 5.– 9. Oktober 1975), Hamburg 1977, S.  35–45; ausführlich ders., Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse. Analytik und Pragmatik der Historie, Basel 1977, bes. S. 145 ff. Zuletzt der Bericht über Lübbes Münchner Vortrag »Zeit-Verhältnisse«, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 71, 25.3.1988, S. 38 (»Die enteignete Gegenwart«), zu Marquard, O. u. a. seine Schrift: Apologie des Zufälligen, Stuttgart 1986 – sowie die Kritik von Kuhlmann, A., in: Merkur 41, 1987, S. 907–913 (»Der Geisteswissenschaftler als Geschichtenerzähler«). 8 Ich meine den mit Ernst Noltes Artikel »Vergangenheit, die nicht vergehen will« (FAZ, 6.6.1986) und Jürgen Habermas’ Antwort (»Eine Art Schadensabwicklung«, in: Die Zeit, 11.7.1986) beginnenden Streit, dessen Hauptbeiträge dokumentiert sind in: »Historikerstreit«. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987. Kämpferisch, zugleich eine umfassende Darstellung der gesamten Debatte, im wesentlichen überzeugend: Wehler, H.-U., Entsorgung der deutschen Vergangenheit? Ein polemischer Essay zum »Historikerstreit«, München 1988. Meine Sicht in: The Weight of the Past in Germany’s Future, in: German Politics and Society, hg. v. The Center for European Studies, Harvard University, Nr. 13, Feb. 1988, S. 22–29; sowie: Deutsche Identität und historischer Vergleich. Nach dem »Historikerstreit«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 40–41/88, 30. Sept. 1988, S. 15–28. 9 Vgl. Puhle, H.-J., Theorien in der Praxis des vergleichenden Historikers, in: Kocka, J. u. T. Nipperdey (Hg.), Theorie und Erzählung in der Geschichte, München 1979, S. 119–136. 10 Vgl. Totalitarismus und Faschismus. Eine wissenschaftliche und politische Begriffskon­ troverse. Kolloquium im Institut für Zeitgeschichte am 24. November 1978, München 1980. Während mit Hilfe des Totalitarismus-Begriffs unbestreitbare Ähnlichkeiten zwischen Hitlers Deutschland und etwa Stalins Sowjetunion in den Blick geraten, beleuchtet der faschismus-historische Ansatz stärker die Ähnlichkeiten zwischen faschistischen Bewegungen und Systemen, etwa in Deutschland und Italien. Wie man sich gegen die übliche Verunglimpfung des Faschismus-Begriffs wehren muss, so falsch wäre es, einen totalitarismushistorischen Vergleich zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus zu tabuisieren. Jeder Vergleich abstrahiert, insoweit er notwendigerweise unter bestimmten Gesichtspunkten erfolgt. Im übrigen in diesem Band Abschnitt 7. 11 Vgl. dazu die Bemerkungen bei Jaeckel, E. u. J. Kocka, in: »Historikerstreit«. Die Dokumentation …, S. 118 f., 134 f. Weder Ernst Nolte noch Joachim Fest, die die Ähnlichkeiten zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus betonen, machen sich die Mühe eines systematischen Vergleichs. Ein solcher fehlt bemerkenswerterweise auch in: Nolte, E., Der Europäische Bürgerkrieg 1917–1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus, Berlin 1987. Dass sowohl die Revolution und der Bürgerkrieg 1917–1920 wie auch die Verfolgungen der sog. Kulaken in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren etwas ganz anderes waren als die nationalsozialistische Judenvernichtung ergibt sich aus: Merl, S., »Ausrottung«

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der Bourgeoisie und der Kulaken in Sowjetrußland? Anmerkungen zu einem fragwürdigen Vergleich mit Hitlers Judenvernichtung, in: GG, Jg. 13, 1987, S. 368–381. Dies gilt, obwohl die Zahl der Opfer des Stalinismus (Kriegsopfer nicht mitberechnet) mit 5 bis 15 Millionen (die Schätzungen variieren sehr stark) eher größer gewesen zu sein scheint als die Zahl der Opfer des Nationalsozialismus (ohne Kriegsopfer). 12 Die Wahl des Vergleichspartners oder -landes entscheidet über die Ergebnisse des Ver­ gleiches mit. An welchen Kriterien sind sie auszuwählen? Vgl. Kocka, J., Hitler sollte nicht durch Stalin und Pol-Pot verdrängt werden, in: »Historikerstreit«. Die Dokumentation …, S. 132–142, 135. 13 Vgl. Nolte, E., Vergangenheit, die nicht vergehen will, in: Historikerstreit. Die Dokumen­ tation …, S. 39–47, bes. 45; und ausführlich ders., Der Europäische Bürgerkrieg. Der Untertitel der in Anm. 8 genannten Dokumentation unterstellt, dass es im »Historikerstreit« wesent­lich um die Frage der Einzigartigkeit ging; er führt insofern in die Irre. 14 Vgl. Hillgruber, A., Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums, Berlin 1986, S. 24 f. 15 Vgl. die Dokumentation der Debatten und das Konzept in: Stölzl, C. (Hg.), Deutsches Historisches Museum. Ideen, Kontroversen, Perspektiven, Frankfurt/Main 1988, bes. S. 609–636. – Ob die erneute Infragestellung des Projekts durch den neuen rot-grünen Senat von Berlin (West) im März 1989 langfristige Folgen haben wird, bleibt abzuwarten. 16 Vgl. Nietzsche, F., Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (= Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück) [1873/74] in: ders., Werke in Sechs Bänden, hg. v. Schlechta, K., Bd. 1, München 1980 (nach 5. Aufl. 1966), S. 209–86, 282. 17 Vgl. in diesem Band Abschnitt 16. Kocka, J., Nation und Gesellschaft, Historische Überlegungen zur »Deutschen Frage«, in: Politik und Kultur 8, 1981, S. 3–25. 18 Vgl. Schulze, W., Einführung in die Neuere Geschichte, Stuttgart 1987, S. 220 ff. 19 Vgl. Habermas, J., Können komplexe Gesellschaften eine vernünftige Identität ausbilden?, in: ders., Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt/Main 19823, S. 144–199; Bergmann, K., Art. »Identität«, in: ders. u. a. (Hg.), Handbuch der Geschichts­ didaktik, Düsseldorf 1985, S. 29–36. 20 Vgl. Merkur, Jg. 41, 1987, S. 731 f. 21 »Alltagsgeschichte« umfasst sehr Verschiedenes, Spreu und Weizen, spannende Neuheiten und produktive Herausforderungen, aber auch manchen neo-historistischen Rückfall und manches Beispiel von Anti-Intellektualität. Aus der umfangreichen Literatur darüber: vgl. die Beiträge von Peukert, D. J. K. u. R. Sieder (nebst Kommentaren), in: H. Nagl-Docekal u. F. Wimmer (Hg.), Neue Ansätze in der Geschichtswissenschaft, Wien 1984, S. 7–47; Tenfelde, K., Schwierigkeiten mit dem Alltag, in: GG, Jg. 10, 1984, S. 376–394; Borscheid, P., Alltagsgeschichte – Modetorheit oder neues Tor zur Vergangenheit?, in: W. Schieder u. V. Sellin (Hg.), Sozialgeschichte in Deutschland, Bd. III, Göttingen 1987, S. 78–100; Kocka, J., Sozialgeschichte, Göttingen 1986, S. 162–174. 22 Vgl. White, H., Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur ­Tropologie des historischen Diskurses, Stuttgart 1986. White ignoriert die Bedeutung der methodischen Forschung für die Entstehung und Überprüfung wissenschaftlicher Aussagen. Dasselbe gilt für Barthes, R., Die Historie und ihr Diskurs, in: Alternative, Jg. 11, 1968, S. ­171–180. Zur Kritik schon Rüsen in Blanke u. Rüsen, Von der Aufklärung (wie oben Anm. 3), S. 51 f. 23 Siehe etwa Rutschky, K., Geschichte und Langeweile, in: Merkur, Jg. 41, 1987, S. 897–902. 24 Hier wäre weiter zu denken und nach Kriterien zu suchen, die zwischen aufklärungsförderlicher, aufklärungskompatibler und aufklärungsfeindlicher Ästhetik, Unterhaltung und Inszenierungstechnik unterscheiden können. Vgl. zu dem Problem die Aufsätze von Glotz, P., Jauß u. a., in: dies. u. a. (Hg.), Die Zukunft der Aufklärung, Frankfurt/Main 1988, S. 215– 239, S. 105–114. Anregungen in: Ästhetik und Kommunikation, Jg. 18, 1987, H. 67/68: Kulturgesellschaft. Ein Vergleich zwischen Felix Dahns mythisierendem historischen Roman

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»Ein Kampf um Rom« und Umberto Ecos »Der Name der Rose« könnte hilfreich sein. Ecos Buch ist keine Geschichtswissenschaft, sondern voll von Vexierbildern, Verpuppungen und Fiktionen, aber zweifellos aufklärungsförderlich in einem anderen Sinn. Vgl. Horst, F., Einleitung in: M. Kerner (Hg.), »… eine finstere und fast unglaubliche Geschichte«? Mediävistische Notizen zu Umberto Ecos Mönchsroman »Der Name der Rose«, Darmstadt 1987, S. 1–20. 25 Vgl. Groh, D., Postinstrumentale Geschichtswissenschaft, in: J. Rüsen u. a. (Hg.), Die Zukunft der Aufklärung, S. 115–121. 26 Zu diesen Zusammenhängen grundsätzlich: Rüsen, J., Historische Vernunft, Göttingen 1983; ders., Rekonstruktion der Vergangenheit, Göttingen 1986; ders., Fortschritt. Geschichts­ didaktische Überlegungen zur Fragwürdigkeit einer historischen Kategorie, in: Geschichte Lernen 1, 1987, S. 8–12. 27 Für neue Formen historischer Erzählung und Aufklärung zugleich: Meier, C., Klio als Klatschbase, in: Kursbuch 91, 1988, S. 47–56.

4. Theorien in der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte 1 Ursprünglich als erster Teil von: Theorien in der Sozial- und Gesellschaftsgeschichte. Vorschläge zur historischen Schichtungsanalyse, in: GG, Jg. 1, 1975, S. 9–42. Einschlägige Beiträge finden sich über die Jahrzehnte in: History and Theory. Studies in the Philosophy of History, 1960 ff.; Kocka, J. (Hg.), Theorien in der Praxis des Historikers, Geschichte und Gesellschaft Sonderheft 3, Göttingen 1977; Kocka, J. u. T. Nipperdey (Hg.), Theorie und Erzählung in der Geschichte, München 1979; Tilly, C., As Sociology Meets History: Studies in Social Discontinuity, New York 1982; Meran, J., Theorien in der Geschichtswissenschaft. Die Diskussion über die Wissenschaftlichkeit der Geschichte, Göttingen 1985; Sewell Jr, W. J., Logics of History. Social Theory and Social Transformation, Chicago 2005; Welskopp, T., Theorien in der Geschichtswissenschaft, in: G. Budde u. a. (Hg.), Geschichte. Studium-Wissenschaft-Beruf, Berlin 2008, S. 138–157. 2 Vgl. Schulze, W., Soziologie und Geschichtswissenschaft, München 1974; Wehler, H.-U. (Hg.), Geschichte und Soziologie, Köln 1972; ders. (Hg.), Geschichte und Ökonomie, Köln 1973; Ludz, P. C. (Hg.), Soziologie und Sozialgeschichte (= KZSS Sonderh. 16), Opladen 1973. 3 Vgl. Engelberg, E. (Hg.), Probleme der marxistischen Geschichtswissenschaft, Köln 1972; Bollhagen, P., Soziologie und Geschichte, Berlin (Ost) 1966; Eckermann, W. u. H.  Mohr (Hg.), Einführung in das Studium der Geschichte, Berlin (Ost) 1969, S. 29–100. 4 Vgl. Gilbert, F., European and American Historiography, in: J. Higham (Hg.), History, Englewood Cliffs, N. J. 1965, S. 316–387. 5 Dies gilt insbesondere für die Arbeiten Fritz Fischers und vieler seiner Schüler. Zur Rolle dieser Arbeiten in der historiographischen Entwicklung der 60er Jahre vgl. Sywottek, A., Die Fischer-Kontroverse, in: I. Geiss u. B. J. Wendt (Hg.), Deutschland in der Weltpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts, Düsseldorf 1973, S. 19–74. 6 Vgl. z. B. Zinn, H., The Politics of History, Boston 1970; Bernstein, B. J., Towards a New Past. Dissenting Essays in American History, New York 1968. 7 Vgl. Kehr, E., Der Primat der Innenpolitik, hg. v. H.-U. Wehler, Berlin (West) 1965 (19702), bes. Wehlers Vorwort, S.  21–29; Koselleck, R., Wozu noch Geschichte?, in: HZ, Bd.  212, 1971, S. 1–18; Mommsen, W., Die Geschichtswissenschaft jenseits des Historismus, Düsseldorf 1971; Vierhaus, R., Gedanken zum Studium der Geschichtswissenschaft, in: W. Conze (Hg.), Theorie der Geschichtswissenschaft und Praxis des Geschichtsunterrichts, Stuttgart 1972, S. 29–37; ders., Geschichtswissenschaft und Soziologie, in: G. Schulz (Hg.), Geschichte heute, Göttingen 1973, S. 69–83; Kocka, J., Zu einigen sozialen Funktionen der Geschichts-

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wissenschaft, in: P. Böhning (Hg.), Geschichte und Sozialwissenschaften, Göttingen 1972, S.  12–27; Groh, D., Strukturgeschichte als »totale« Geschichte, in: VSWG, Bd.  58, 1971, S. 289–322; ders., Kritische Geschichtswissenschaft in emanzipatorischer Absicht, Stuttgart 1973; Wehler, H.-U., Geschichte als Historische Sozialwissenschaft, Frankfurt/Main 1973; Mommsen, H., Die Herausforderung der modernen Sozialwissenschaften, in: B. Faulenbach (Hg.), Geschichtswissenschaft in Deutschland, München 1973, S. 138–146. 8 Vgl. Kocka, J., Theorieprobleme der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, in: Wehler, Geschichte und Soziologie, S.  305–330, bes. S.  321–322; ders., Zur jüngeren marxistischen So­zialgeschichte, in: Ludz, Soziologie, S.  473–90; Förtsch, E., Geschichtswissenschaft, in: H. Lades u. C. Burrichter (Hg.), Produktivkraft Wissenschaft. Sozialistische Sozialwissenschaften in der DDR, Hamburg 1970, S. 93–136. 9 Für die Bundesrepublik wäre vor allem auf den schnellen Aufstieg von Soziologie und Poli­ tikwissenschaft, auf die partielle Infragestellung der Geschichtswissenschaft in Bildungspolitik und Öffentlichkeit und auf vielfache Einflüsse aus dem westlichen Ausland zu verweisen. 10 Es soll auf einige Entwicklungen in den Geschichtswissenschaften in der Bundesrepublik und in der DDR eingegangen werden, vor allem weil unter dem hier gewählten Blickwinkel Ähnlichkeiten zwischen beiden (etwa im Vergleich zu Frankreich und den USA) deutlich werden, die offenbar z. T. auf gemeinsame Traditionen zurückzuführen sind und die angesichts der sehr deutlichen ideologischen und wissenschaftstheoretischen Unterschiede leicht übersehen werden. 11 Zur Definition vgl. Kocka, Theorieprobleme, S. 305–310. 12 Wenn dieser – äußerst wünschenswerte – Bezug hergestellt werden soll, kann dies kontrolliert und reflektiert nur mithilfe umfassender historischer theoretischer Ansätze geschehen, wie sie unten in Abschnitt III diskutiert werden. 13 Einige Beispiele: Puhle, H.-J., Agrarische Interessenpolitik und preußischer Konservatismus im Wilhelminischen Reich (1893–1914), Hannover 1966; Kaelble, H., Berliner Unternehmer während der frühen Industrialisierung, Berlin 1972; die meisten Arbeiten in: W. Fischer, Wirtschaft und Gesellschaft im Zeitalter der Industrialisierung, Göttingen 1972; Büsch, O. (Hg.), Untersuchungen zur Geschichte der frühen Industrialisierung vornehmlich im Wirtschaftsraum Berlin/Brandenburg, Berlin (West) 1971; besonders auch: Braun, R., Industrialisierung und Volksleben, Erlenbach-Zürich 1960; ders., Sozialer und kultureller Wandel in einem ländlichen Industriegebiet (Züricher Oberland) unter Einwirkung des Maschinenund Fabrikwesens im 19. und 20. Jahrhundert, Erlenbach-Zürich 1965. 14 Vgl. Landes, D. S. u. C. Tilly (Hg.), History as Social Science, Englewood Cliffs, N. J. 1971, S. 71 ff. 15 Vgl. als Übersichten über solche Arbeiten in England und USA: Research in Economic and Social History, London 1971, S. 19–69, bes. 27 ff.; Swierenga, R. P., Computers and Comparative History, in: JIH, Bd. 5, 1974, S. 267–286. 16 Vgl. die Kritik bei Tilly, R. H., Soll und Haben, in: JEH, Bd. 29, 1969, S. 298–319. Ausnahmen größtenteils von gleichzeitig systematisch arbeitenden Ökonomen: Hoffmann, W. G. u. Mitarb., Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Berlin (West) 1965; Hoffmann (Hg.), Untersuchungen zum Wachstum der deutschen Wirtschaft, Tübingen 1971; Jeck, A., Wachstum und Verteilung des Volkseinkommens. Untersuchungen und Materialien zur Entwicklung der Volkseinkommensverteilung in Deutschland 1870–1913, Tübingen 1970; Müller, H. u. S. Geisenberger, Die Einkommensstruktur in verschiedenen deutschen Ländern 1874–1913, Berlin (West) 1972. – Daneben vor allem Arbeiten von Tilly und seinen Schülern: Tilly, R. H., Zeitreihen zum Geldumlauf in Deutschland, 1870–1913; in: JNS, Bd. 187, 1973, S. 330–363; ders., Zur Entwicklung des Kapitalmarktes und Industrialisierung im 19. Jahrhundert, in: VSWG, Bd. 60, 1973, S. 145–165; Holtfrerich, C., Quantitative Wirtschaftsgeschichte des Ruhrkohlenbergbaus, Dortmund 1973; Fremd-

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ling, R., Eisenbahnen und deutsches Wirtschaftswachstum 1840–1879, Diss. Münster 1973; Kirchhain, G., Das Wachstum der deutschen Baumwollindustrie im 19. Jahrhundert, Diss. Münster 1971.; Fischer, W., Die Weimarer Republik unter den weltwirtschaftlichen Be­ dingungen der Zwischenkriegszeit, in: H.  Mommsen u. a. (Hg.), Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik, Düsseldorf 1974, S. 26–50; darin auch Dietmar Petzinas u. Werner Abelshausers Beitrag (S. 57–75). 17 Ausnahmen bilden vor allem Wolfgang Köllmann und seine Schüler. Vgl. z. B. Köllmann, W., Bevölkerung in der industriellen Revolution, Göttingen 1974; Marschalk, P., Deutsche Überseewanderung im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1973; Neil, A. von, Die Entwicklung der generativen Strukturen bürgerlicher und bäuerlicher Familien von 1750 bis zur Gegenwart, Diss. Bochum 1973. – Siehe auch Hohorst, G., Entwicklung und Entwicklungstendenzen des demographischen und ökonomischen Systems im Kreise Hagen 1814–1913, Diss. Münster 1974. – Eine Studie über Protoindustrialisierung und Bevölkerungsgeschichte wird im ­Göttinger Max-Planck-Institut f. Geschichte in Angriff genommen (Kriedte, Medick, Schlumbohm). 18 Vgl. z. B. Zapf, W., Wandlungen der deutschen Elite, 1919–1961, München 1965 (die Arbeit eines Soziologen); Kaelble, H., Sozialer Aufstieg in Deutschland 1850 bis 1914, in: VSWG, Bd. 60, 1973, S. 41–71. 19 Vgl. Tilly, R., Popular Disorders in Nineteenth Century Germany, in: JSH, Bd. 4, 1970/71, S.  1–40; Lundgreen, P., Bildung als Faktor im Industrialisierungsprozeß, Habilitationsschrift Berlin 1972; Borchardt, K., Zum Problem der Erziehungs- und Ausbildungsinvesti­ tionen im 19. Jahrhundert, in: Festschrift H. Ammann, Wiesbaden 1965, S. 380–392. 20 Vgl. Gantzel, K. J. u. a. (Hg.), Konflikt – Eskalation – Krise. Sozialwissenschaftliche Studien zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, Düsseldorf 1972, bes. S. 157 ff., 245 ff., 357 ff. als Beispiele von Historiker-Kritiken an allzu »positivistischen« sozialwissenschaftlichen Ana­ lysen der Situation bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs. 21 Ähnlich wirkte sich auf weite Strecken die Orientierung am Historischen Materialismus in der DDR aus. 22 Vgl. etwa Wehlers Kritik an der damaligen »New Economic History« in: ders. (Hg.), Geschichte und Ökonomie, S. 20–23; jetzt auch die Warnung vor den »academic technicians« und den Kosten der »social-scientific history« bei: Hobsbawm, E. J., Labor History and Ideology, in: JSH, Bd. 7, 1974, S. 377 ff.; vgl. auch Kocka, Theorieprobleme, S. 318–320. 23 Die deutlichste Definition in: Weber, M., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1968, S. 191; mit weiteren Belegen zu den variierenden Bedeutungen von »Ideal­ typus« bei Weber jetzt: Mommsen, W., »Verstehen« und »Idealtypus«. Zur Methodologie einer historischen Sozialwissenschaft, in: ders., Max Weber. Gesellschaft, Politik und Geschichte, Frankfurt/Main 1974, S.  208–232; daneben vor allem Janoska-Bendl, J., Methodologische Aspekte des Idealtypus. Max Weber und die Soziologie der Geschichte, Berlin 1965. – Anwendungen: Kocka, J., Klassengesellschaft im Krieg. Deutsche Sozialgeschichte 1914–1918, Göttingen 1973 (mit Diskussion des Verfahrens S. 1–6, 138–74); ders., Unternehmensverwaltung und Angestelltenschaft am Beispiel Siemens 1847–1914, Stuttgart 1969; Kruedener, J. von, Die Rolle des Hofes im Absolutismus, Stuttgart 1973. Partiell und implizit findet sich das idealtypische Verfahren wohl in vielen historischen Studien mit Orientierung an einzelnen sozialwissenschaftlichen Theorien. 24 Dies ist auch von Weber so gemeint worden. – Es erscheint deshalb nicht richtig, den Ideal­ typ, wie es oft geschieht, als eindeutig »nominalistisch« einzustufen. Man sollte ihn deshalb auch Hintzes »Realtypen« nicht strikt entgegensetzen, wie dies zuletzt wieder Schulze, S. 233–235 tut. Vgl. auch Schieder, T., Unterschiede zwischen historischer und sozialwissenschaftlicher Methode, in: Wehler, Geschichte und Soziologie, S. 283–304, bes. 292 f. Wollte man die Begriffe »nominalistisch« und »realistisch« zur Einordnung des Weberschen Idealtypus benutzen, dann wäre dieser zwischen diesen beiden Ebenen zu lokalisieren.

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25 In der Tat wird die Frage nach Ursachen gerade dann einsetzen, wenn die Wirklichkeit und das Modell nicht übereinstimmen, wenn also die vom Modell abgeleiteten Erwartungen nicht zutreffen bzw. das insofern Unerwartete, also Erklärungsbedürftige eintritt. Dies allerdings scheint eine Eigenart vieler historischer (und alltäglicher) Erklärungen zu sein, was auf den engen Zusammenhang zwischen dem teils wissenschaftlich geschulten, teils vorwissenschaftlich bedingten Erwartungshorizont des Forschers und seines Publikums einerseits und historischer Erklärungen und ihrer Akzeptierung andererseits hinweist. Vgl. auch Ludz, P. C. u. D. Rönsch, Theoretische Probleme empirischer Geschichtsforschung, in: Ludz, Soziologie, S. 166 f. 26 Dieser Eklektizismus wird neuerdings von Positionen her kritisiert, die glauben, ihn nicht nötig zu haben, dies aber bisher nicht bewiesen haben. Vgl. Groll, Kritische Geschichts­ wissenschaft, S. 16 f.; Rittner, V., Zur Krise der westdeutschen Historiographie, in: I. Geiss u. a., Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft, München 1974, Bd.  1, S.  70–73; Kittsteiner, H. D., Theorie und Geschichte, in: Kritik der bürgerlichen Geschichtswissenschaft (=  Das Argument 75), Berlin (West) 1972, S.  18–32; Schleier, H., Der traditionelle Historismus und die Strukturgeschichte, in: ebd., S. 56–76, bes. S. 66 ff. – Vgl. dagegen das Plädoyer für »offene theoretische Systeme«, die den »Einschluß neuer Variablen und den Ausschluß oder die Modifikation alter« sowie »Eklektizismus« gestatten, bei dem historisch arbeitenden Soziologen Lenski, G., (Macht und Privileg. Eine Theorie der sozialen Schichtung, Frankfurt/Main 1973, S. 572, 578). 27 Vgl. Ludz u. Rönsch, S. 160 f. 28 Hinzuzufügen wäre, dass das Modell Kriterien der inneren Konsistenz und Logik entsprechen muss. 29 Zu einigen Prämissen dieses Ansatzes: Kocka, J., Karl Marx und Max Weber im Vergleich. Sozialwissenschaften zwischen Dogmatismus und Dezisionismus, in: Wehler, Geschichte und Ökonomie, S. 54–84. 30 Mit »Gesellschaftsgeschichte« ist hier ungefähr gemeint, was Peter Laslett mit »social structural history« (History and the Social Sciences, in: IESS, Bd. 6, 1968, S. 434–440, bes. S. 439) und E. J. Hobsbawm als »history of society« bezeichnet (From Social History to the History of Society, in: Historical Studies Today (= Daedalus, Winter 1971), S.  20–45; deutsch in: Wehler, Geschichte und Soziologie, S. 331–353). 31 Neuerdings wird häufiger auf »Temporalstrukturen« als »theoretische Klammer« und geschichtswissenschaftlichen Zugriff aber auch als spezifischen Erkenntnisgegenstand abgehoben. Vgl. Koselleck, Wozu noch Geschichte?; ders., Uber die Theoriebedürftigkeit der Geschichtswissenschaft, in: Conze, Theorie, S. 10 ff.; vgl. auch Wehler, Geschichte als Historische Sozialwissenschaft, S. 18 ff.; und die Übersichten bei Schulze, S. 197–209 sowie bei Faber, K. G., Theorie der Geschichtswissenschaft, München 19743, S. 227 ff. – Aber vgl. die m. E. überzeugende Kritik bei Lepsius, M. R., Bemerkungen zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Soziologie, in: Conze, Theorie, S. 60 an dem Temporalstrukturen-Ansatz von Koselleck. 32 Vgl. Thrupp, S. L., Diachronic methods in comparative politics, in: R. Holt u. J. Turner (Hg.), The methodology of comparative research, New York 1970, S. 343–358. 33 Es bleibt abzuwarten, ob sich außerdem Kosellecks Zeitstrukturen-Ansatz zu einem vierten theoretischen Zugriff dieser Art weiter entwickeln lässt. Bisher ist er, was seine Anwendung auf die empirische Sozialgeschichte angeht, weitgehend auf das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert beschränkt. Vgl. Koselleck, Preußen zwischen Reform und Revolution, Stuttgart 1967; sowie seine Einleitung zu: Brunner, O. u. R. Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grund­ begriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. XIII–XIX. 34 Vgl. Küttler, W. u. G. Lozek, Die historische Gesetzmäßigkeit der Gesellschaftsformationen als Dialektik von Ereignis, Struktur und Entwicklung, in: ZfG, Bd. 18, 1970, S. 1117–1145 als

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flexible Interpretation des Historischen Materialismus für die historische Forschung. – Topolski, J., Développement des études historiques en Pologne 1945–1968; in: La Pologne au XHIe Congrès International des Sciences Historiques à Moscou, Bd. 1, hg. v. A. Wyczanski, Varsovie 1970, S. 7–75. – Deutschland im Ersten Weltkrieg, 3 Bde., Berlin (Ost) ­1968–1969 u. ö.; vgl. zur Wirtschaftsgeschichte der Industriellen Revolution die Arbeiten von Hans Mottek und seinen Schülern mit gewisser Revision an älteren Thesen ostdeutscher Historiker (Angaben bei Kocka, Marxistische Sozialgeschichte, in: Ludz, Soziologie, S.  498, 509). – Vgl. auch Zwahr, H., Die Konstituierung des Proletariats als Klasse, in: H. Bartel u. E. Engelberg (Hg.), Die großpreußisch-militaristische Reichsgründung 1871, Bd.  1, Berlin (Ost) 1971, S. 501–551. 35 Vgl. Ludz, P. C., Soziologie und empirische Sozialforschung in der DDR, in: ders. (Hg.), Studien und Materialien zur Soziologie der DDR, Köln 1964, S. 327–418; Ahlberg, R., Ent­ wicklungsprobleme der empirischen Sozialforschung in der UdSSR, Berlin 1968. – Kocka, Preußischer Staat und Modernisierung im Vormärz: Marxistisch-leninistische Interpreta­ tionen und ihre Probleme, in: H.-U. Wehler (Hg.), Sozialgeschichte Heute. Fs. f. H. Rosenberg, Göttingen 1974, S. 211–227; Dorpalen, A., Die Revolution von 1848 in der Geschichtsschreibung der DDR, in: HZ, Bd. 210, 1970, S. 324–368. 36 Dass dies bestimmte liberal-demokratische Sicherungen in Gesellschaft und Staat voraussetzt und dass in dieser Hinsicht prinzipielle Differenzen zwischen den Bedingungen und Prämissen der westdeutschen und der ostdeutschen Geschichtswissenschaften bestehen, braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden. 37 Vgl. MEW, Bd. 13, S. 8 ff.; Bd. 27, S. 452; Bd. 13, S. 12;. Lenin, W. I., Werke, Bd. 1, Berlin 19685, S. 131, 137; Eckermann u. Mohr, S. 29–55. 38 Nicht ohne Einschränkungen hat Otto Brunner diese Position vertreten (Land und Herrschaft, Wien 19655, S. 119, 163). Vgl. auch ders., Neue Wege der Verfassungs- und Sozialgeschichte, Göttingen 19682, S. 64–79, 103 ff.; Wie Brunner selbst andeutet, ist eine solche methodologische Option in der Gefahr, Ergebnisse hervorzubringen, die innerhalb des Diskussionsstandes, der Fragestellungen und Erkenntnisziele der Gegenwart, für die ja schließlich geforscht und geschrieben wird, nicht bedeutsam, im Extremfall nicht verständlich sind. Sie verzichtet auch allzu leicht auf die Erkenntnischancen, die in der Anwendung neuer, quellenferner Begriffe und Theorien liegen können, indem sie Zugänge zu einer Zeit eröffnen, die diese selbst nicht kannte und vielleicht nicht kennen konnte. Vgl. Nicholas, D. V., New Paths of Social History and Old Paths of Historical Romanticism, in: JSH, Bd. 3, 1969/70, S. 277 ff. 39 Vgl. Wohlfeil, R. (Hg.), Reformation oder frühbürgerliche Revolution?, Köln 1972; Nipper­ dey, T., Die Reformation als Problem der marxistischen Geschichtswissenschaft, in: D. Geyer (Hg.), Wissenschaft in kommunistischen Ländern, Tübingen 1967, S. 228–258. 40 Vgl. die Ergebnisse bei Gluckmann, M., Custom and Conflict in Africa, Glencoe, III. 1955, S. 34 f. – Eine ähnliche Kritik ließe sich erst recht an dem Versuch üben, Begriffe und Theo­ reme der neoklassischen Wirtschaftstheorie für einen Aufriß der Entwicklung der »westlichen Welt« seit dem hohen Mittelalter zu benutzen. So North, D. C. u. Thomas, R. P., The Rise of the Western World. A New Economic History, London 1973. 41 Das gilt ebenso für den Idealtypus. 42 Vgl. Rosenberg, H., Große Depression und Bismarckzeit, Berlin (West) 1967 u. ö.; vgl. auch den »Vorbericht« von H. Rosenberg zur Neuauflage seiner Studie: Die Weltwirtschaftskrise 1857–1859, Göttingen 1974, S. V–XXV zur Genesis dieses Ansatzes und bes. S. XIII–XIV zur Benennung der Periode (besser »Große Deflation« statt »Große Depression«). 43 Vgl. Wehler, H.-U., Bismarck und der Imperialismus, Köln 1972; ders., Theorieprobleme der modernen deutschen Wirtschaftsgeschichte, in: Festschrift f. H. Rosenberg, hg. v. G. A. Ritter, Berlin 1970, S. 66–107; Kocka, J., Unternehmensverwaltung; Winkler, H. A., Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus. Die politische Entwicklung von Handwerk

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und Kleinhandel in der Weimarer Republik, Köln 1972, S.  44 ff.; Matis, H., Österreichs Wirtschaft 1868–1913. Konjunkturelle Dynamik und gesellschaftlicher Wandel im Zeit­ alter Franz Josephs I, Berlin (West) 1972; Rürup, R., Kontinuität und Diskontinuität der »Juden­f rage« im 19. Jahrhundert, in: Wehler, Sozialgeschichte Heute, S. 388–415. 44 Vgl. Winkler, H. A. (Hg.), Organisierter Kapitalismus, Voraussetzungen und Anfänge, Göttingen 1974, S.  19–35 zur Umschreibung des Begriffes mit Literaturangaben; hier auch einige Anwendungsbeispiele. Vgl. auch Kaelble, H. u. H. Volkmann, Konjunktur und Streik während des Übergangs zum Organisierten Kapitalismus, in Zs. f. Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Bd. 42, 1972, S. 513–544. Zur Diskussion um den Begriff vor allem die Kritik von Feldman und Sellin in: Winkler, Organisierter Kapitalismus, S. 150–153, 84 f.; dazu dann Kocka, S. 29 f. (Anm. 4) und 32–34 (Anm. 21); weiter die Diskussion in Mommsen, Industrielles System, S. 958 f., 962 f., 964, 979 f., 981 ff. 45 Vgl. z. B. Saul, S. B., The Myth of the Great Depression 1873–1896, London 1969. 46 Darstellung und Kritik der Theorieansätze jetzt bei Wehler, H.-U., Modernisierungstheorie und Geschichte, Göttingen 1975. 47 Vgl. Weber, M., Gesammelte Politische Schriften, Tübingen 19582, S. 1–25; Vehlen, T., Imperial Germany and the Industrial Revolution (1815), Ann Arbor 1966; Dahrendorf, R., Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 19712; Ritter, G. A., Einleitung, zu ders. (Hg.), Historisches Lesebuch 2. 1871–1914, Frankfurt/Main 1967; Wehler, H.-U., Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918, Göttingen 1973; Ritter, G. A. u. Kocka, J., Deutsche Sozial­ geschichte. Dokumente und Skizzen, Bd. 2: 1870–1914, München 1974, S. 62–70. 48 Auf der anderen Seite kann und soll eine solche sozialgeschichtliche Faschismus Interpretation die Ergebnisse des Totalitarismus-Ansatzes ebenso aufnehmen wie sie den Zusammenhang zwischen der Krise des kapitalistisch-bürgerlichen Systems und dem aufsteigenden Faschismus einbeziehen und einordnen wird. – Vgl. Sauer, W., Das Problem des deutschen Nationalstaats, in: PVS, Bd. 3, 1962, S. 159–186, wd. in: H.-U. Wehler (Hg.), Moderne deutsche Sozialgeschichte, Köln 19734, S. 407–436; ders., National Socialism: Totalitarianism or Fascism?, in: AHR, Bd.  73, 1967/68, S.  404–424; Winkler, H. A., Extremismus der Mitte?, in: VfZ, Bd. 20, 1972, S. 175–191; ders., Mittelstand; Puhle, H.-J., Von der Agrarkrise zum Präfaschismus, Wiesbaden 1972; Kocka, J., Zur Problematik der Angestellten 1914–33; in: Mommsen, Industrielles System, S. 792–810; Turner, H. A., Faschismus und Kapitalismus in Deutschland, Göttingen 1972. 49 Vgl. Gerschenkron, A., Economic Backwardness in Historical Perspective, New York 19652, S. 5–30; ders., Wirtschaftliche Rückständigkeit in historischer Perspektive, in: R. Braun u. a. (Hg.), Industrielle Revolution, Köln 1972, S. 59–78; Moore, B., Social Origins of Dictatorship and Democracy, Boston 1966 (dt. 1969). 50 Dazu und zu weiteren reparablen Schwächen der Modernisierungs-Theoreme sowie zu ihrem gravierendsten Nachteil, Ursachen des Wandels i. d. R. nur schwer identifizieren zu können, vgl. Wehler, Modernisierungstheorie; und Tipps, D. C., Modernization ­Theory and the Study of National Societies: A Critical Perspective, in: CSSH, Bd.  15, 1973, S. ­1199–1226. 51 So kürzlich Borst, A., Und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen. Gedanken zum sogenannten historischen Ereignis, in: FAZ, No. 272 v. 23.11.1974. 52 Das demonstriert Wehler, Das Deutsche Kaiserreich. 53 Flexibilität und Vereinbarkeit mit anderen Theorieansätzen fehlen allerdings weitgehend im Fall des Historischen Materialismus, wie er in der DDR angewandt wird. Durch seine feste Verwurzelung in einer umfassenden und mit gewissem Absolutheitsanspruch auf­t retenden Erkenntnis- und Gesellschaftstheorie sowie durch seine direkte Verknüpfung mit Bedürfnissen gesellschaftlicher Praxis, der er als ein wichtiges Legitimationsmittel dient, ist seine Modifikationsfähigkeit deutlich begrenzt. Idealtypisches Vorgehen verträgt sich überdies nicht mit marxistisch-leninistischer Erkenntnistheorie. Losgelöst von solchen poli­t isch-

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institutionellen Bedingungen und erkenntnistheoretischen Voraussetzungen könnte aber auch der Historische Materialismus idealtypisch verwandt werden. Max Weber hat ihn so verstanden und geschätzt. 54 Das zeigt sich auch deutlich an der Arbeit von H.-U. Wehler, der hierzulande die theoretisch orientierte Gesellschaftsgeschichte im hier diskutierten Sinne wohl am konsequentesten betrieben hat. Man wird nicht allzu sehr überpointieren, wenn man seine Synthese »Das Deutsche Kaiserreich 1870–1918« als eine umfassende sozio-ökonomische Interpretation der damaligen Politik im weitesten Sinn bezeichnet, die die relativ intensive Analyse der Wirtschaftsentwicklung einschließt, aber durch eine gewisse Unterbelichtung der sozialen Strukturen und Prozesse im engeren Sinn gekennzeichnet ist. Diese tauchen nur knapp und dann bezeichnenderweise primär unter dem Gesichtspunkt ihres Beitrags zur Sicherung des Herrschaftssystems auf (Kap. 3); entsprechend werden die Zähmung, Manipulation und partielle Entschärfung von sozialen Konflikten sowie die dazu verwendeten Mittel schärfer analysiert als die Entstehung und die Mechanismen der sozialen Konflikte selbst. 55 Vgl. English Social History, Hammandsworth 1967, S. 9. 56 Vgl. Falke, J., Die deutsche Kulturgeschichte, in: Zs. f. dt. Kulturgeschichte, Bd. 1, Nürnberg 1856, S. 5–30; Jodl, F., Die Culturgeschichtsschreibung, Halle 1878. 57 Ein Vorschlag von Fragen und Begriffen, die eine solche Verbreiterung bzw. Intensivierung des Untersuchungsbereichs ermöglichen sollen, in dem wichtigen Artikel von Nipperdey, T., Die anthropologische Dimension in der Geschichtswissenschaft, in: G. Schulz (Hg.), Geschichte heute, Göttingen 1973, S. 225–255.

5. Historische Sozialwissenschaft zu Anfang de