Analogien der „Vergangenheitsbewältigung.“ Antiisraelische Projektionen in Leserkommentaren der Zeit und des Guardian 9783848749461, 9783845291581

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Analogien der „Vergangenheitsbewältigung.“ Antiisraelische Projektionen in Leserkommentaren der Zeit und des Guardian
 9783848749461, 9783845291581

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Interdisziplinäre Antisemitismusforschung Interdisciplinary Studies on Antisemitism herausgegeben von Prof. Dr. Samuel Salzborn Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Dr. Raphael Gross (Berlin) Prof. Dr. Richard S. Levy (Chicago) Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel (Berlin) Prof. Dr. Ekkehard W. Stegemann (Basel) Prof. Dr. Natan Sznaider (Tel Aviv) Prof. Dr. Andreas Zick (Bielefeld) Band 8

Matthias J. Becker

Analogien der „Vergangenheitsbewältigung“ Antiisraelische Projektionen in Leserkommentaren der Zeit und des Guardian

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Zugl.: Berlin, Technische Univ., Diss., 2017 ISBN 978-3-8487-4946-1 (Print) ISBN 978-3-8452-9158-1 (ePDF)

1. Auflage 2018 © Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018. Gedruckt in Deutschland. Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.

Vorwort

In diesem Buch geht es um die sprachliche Seite des israelbezogenen Antisemitismus. Selbst Personen, die mit diesem Thema gewöhnlich nur selten in Berührung kommen, wurden in den letzten Jahren u. a. durch die Medien vermehrt mit Antisemitismus im Kontext des Nahostkonflikts konfrontiert. Immer wieder wurde in Medienbeiträgen die Frage gestellt, wo die Grenze zwischen Antisemitismus und Kritik an Israel verläuft, ohne dass die Merkmale von israelbezogenem Antisemitismus erläutert wurden. Viele Menschen sind der Ansicht, dass jede Kritik an Israel verboten sei, es also ein Meinungsdiktat geben würde. Mit der vorliegenden Arbeit wird ein Beitrag dazu geleistet, dieser Fehlannahme entgegenzuwirken und einen Teil dieser Grauzone zu beleuchten und für weiterführende Analysen zu erschließen. Um mich diesem Ziel anzunähern, wende ich mich mittels linguistischer Instrumentarien dem Antisemitismus im Mainstream zweier europäischer Gesellschaften – der deutschen und der britischen – zu. Neben der Unterstellung eines Meinungsdiktats, gar einer sog. Antisemitismuskeule, ist in Deutschland – sobald es um das Thema Antisemitismus geht – schnell die Verbindung mit der deutschen Vergangenheit hergestellt. Die mediale, wissenschaftliche, politische und pädagogische Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Antisemitismus löst regelmäßig Assoziationen mit der NS-Geschichte aus. In diesem Zusammenhang drücken viele einen Wunsch nach „Normalität“, nach einem Recht auf Nationalstolz und Patriotismus aus. Diesem (teils uneingestandenen) Wunsch, der gemäß Umfragen der letzten Jahre in Deutschland noch zunahm, steht allerdings der Holocaust als größtes Hindernis für Identifikationsbedürfnisse mit der nationalen Wir-Gruppe Deutschlands entgegen. In manchen Milieus begegnet man dem sich daraus ergebenden Konflikt mit Leugnung und Relativierung der NS-Verbrechen – beide Umgangsformen stellen in Deutschland jedoch Straftatbestände dar. Eine besondere, gleichfalls relativierende Umgangsform, die – bedingt durch den kommunikativen Umweg – mit geltendem Recht nicht zu kollidieren scheint, ist der Vergleich zwischen Israel und NS-Deutschland. Nicht die Trivialisierung von Auschwitz, sondern die Dämonisierung Israels, die teils als Kritik ausgewiesen wird, steht scheinbar im Mittelpunkt der vergleichenden Äußerung. Im Zuge des Vergleichens wird den NS-Verbrechen jedoch 5

Vorwort

eine Verhältnismäßigkeit unterstellt, wodurch wiederum die o. g. Dimension eines Hindernisses für Identifikation mit der nationalen Wir-Gruppe indirekt infrage gestellt wird. Wie ich auf den folgenden Seiten zeigen werde, ist diese Verzahnung von Antisemitismus und Nationalstolz als zentrales Element des israelbezogenen Antisemitismus auch in gemäßigten Diskursen in Deutschland beobachtbar. Über die Analyse von mehr als 3.000 Leserkommentaren, die auf der Webseite der (links)liberalen Die Zeit veröffentlicht wurden, möchte ich dem Leser die sprachliche Beschaffenheit erläutern, mit der im entsprechenden Nahostdiskurs projektive Konstruktionen hervorgebracht werden. Die Entlastung der deutschen Wir-Gruppe erfolgt – wie ich in diesem Buch zeigen werde – sprachlich nicht explizit, sondern subtil und teils elaboriert. Dem gegenübergestellt werde ich den gleichen Umfang an Leserkommentaren einer britischen Zeitung – des linksliberalen The Guardian – vorstellen und diese ebenso sprachwissenschaftlich erläutern. Dies mag für viele Leser ein überraschender Schritt sein. Der Vergleich zwischen den Zeit-Leserkommentaren und ihrem Äquivalent in Großbritannien dient dem Vorhaben, die Erforschung des Verhältnisses von Antisemitismus und nationaler Identität international auszuweiten. Auf Israel übertragene antisemitische Stereotype lassen sich – wie auch in Deutschland – im Mainstream Großbritanniens ausmachen. Gerade in der britischen Linken ist israelbezogener Antisemitismus fester Bestandteil politischer Debatten. Mit der Benennung und Problematisierung antisemitischer Stereotype ist es hier aber nicht getan. Im Laufe meiner Analysen, die sich vorerst allein auf besagte Stereotype beschränkten, wurde schnell deutlich, dass im untersuchten Guardian-Diskurs Israel auch dämonisiert wird, indem über Vergleiche historische Verbrechen Großbritanniens auf den jüdischen Staat projiziert werden. Die gegenwärtige Ära, in der sich große Teile der britischen Gesellschaft im Zuge von Renationalisierungs- und Abkapselungstendenzen (hinsichtlich der EU) neu positionieren, wird begleitet von einer Zunahme positiver Bewertungen der kolonialen Vergangenheit des Landes. Viele scheinen mit einer Rückkehr zu internationaler Bedeutung die Notwendigkeit eines positiv konnotierten nationalen Erbes zu verbinden. Dieser Perspektive ist eine Relativierung kolonialer Verbrechen zu eigen – eine Haltung, die wiederum von der Linken des Landes schon allein aufgrund ihres Selbstverständnisses klar zurückgewiesen wird. Die in der Linken und anderen Milieus gleichzeitig vorliegende Israelfeindschaft, die sich immer wieder antisemitischer Bilder bedient, wird im Kontext dieser die nationale Geschichte des Landes verhandelnden Debatte deshalb mit neuen Formeln der Abwertung und Ausgrenzung aufgeladen, die 6

Vorwort

einerseits (durch den Bezug auf die Geschichte des eigenen Landes) wesentlich stärker emotionalisieren, andererseits dem Vorwurf, wie er sich im Falle der Reproduktion antisemitischer Stereotype abzeichnen könnte, zuvorkommen. Insofern beschäftige ich mich mit Antisemitismus, der sich speist aus Ablehnung gegenüber gegenwärtigen nationalhistorischen Narrativen bei gleichzeitiger (uneingestandener) Entlastung der nationalen Wir-Gruppe. Durch welche sprachlichen Manöver sich diese Entlastung formieren kann, werde ich in den folgenden Kapiteln erläutern. Neben der Notwendigkeit, sich mit dieser Form von Antisemitismus zu beschäftigen, ist vor allem die Auseinandersetzung mit indirekten, subtilen Ausprägungen von hoher Relevanz. Mit diesem Buch adressiere ich nicht ausschließlich ein Fachpublikum, sondern versuche, auch und gerade Personen aus der pädagogischen Arbeit einzubinden. Letztere gaben mir immer wieder zu verstehen, dass neben dem Erfordernis, Antisemitismus in all seinen Varianten zu erkennen, gerade seine impliziten Formen eine Herausforderung darstellen, derer sie sich in ihren Tätigkeitsfeldern nicht immer gewachsen sehen. Israelhass, der nicht nur inhaltlich durch Rekurs auf die eigene Nationalgeschichte, sondern auch sprachlich-strukturell durch seinen impliziten Status salonfähig daherkommt, muss jedoch aufgrund seines Erfolges quer durch die Gesellschaften ernst genommen werden. In dieser Arbeit steht folglich auch und gerade die sprachliche Seite im Vordergrund. Hassrede (und das mit ihr verbundene Denken) stellte schon immer die Grundlage für konkrete Gewalt dar. Es sind aber vorrangig der kommunikative Umweg, der indirekte Sprechakt, die Auslassungen, der selbstlegitimierend-rechtfertigende Ratschlag und der moralische Appell, die antisemitisches Denken (und andere Formen der Abwertung und Ausgrenzung) auch in gemäßigten, sprach- und geschichtssensiblen Kontexten sagbar machen. In dieser Arbeit werde ich die verschiedenen Grade der Implizitheit herausarbeiten. Das Wissen über besagte Grade und deren jeweilige Charakteristika gestattet es, subtile Hassrede zu erkennen und zu problematisieren. Dieses Buch dient insofern der Anregung, diese notwendige Reflexion einzuleiten und jenen Verbal-Antisemitismus im Mainstream westlicher Gesellschaften zu beleuchten, der einen Brückenschlag zwischen Israelhass und Aufwertung des eigenen Landes sagbar macht und durch gegenwärtige gesellschaftliche Identifikationsbedürfnisse immer greifbarer zu werden scheint. Um dieses Vorhaben realisieren zu können, war ich auf die Unterstützung vieler Menschen angewiesen, denen ich an dieser Stelle danken möchte. Allen voran gilt mein Dank meiner Doktormutter, Prof. Monika Schwarz-Friesel, die mich schon vor Jahren, als ich als wissenschaftlicher 7

Vorwort

Mitarbeiter an der Technischen Universität Berlin zu arbeiten begann, vielseitig gefördert hat. Ich möchte mich auch bei Prof. Lars Rensmann bedanken, der meiner Bitte, als Zweitgutachter zur Verfügung zu stehen, sofort nachkam und mir seither mit Rat und Tat zur Seite stand. Auch gilt mein Dank Prof. Samuel Salzborn, mit dem ich seit Jahren in Kontakt stehe und der mir das Angebot unterbreitete, die Arbeit in seiner angesehenen Nomos-Reihe veröffentlichen zu lassen. An dieser Stelle möchte ich auch dem Nomos-Verlag für die konstruktive, reibungslose und angenehme Zusammenarbeit danken. Des Weiteren möchte ich meinen engen Vertrauten meinen Dank aussprechen – insbesondere meiner Partnerin Friederike Möller sowie meiner Familie, die mir stets kritisches Feedback gaben und in Momenten der Unsicherheit und Antriebslosigkeit Rückhalt boten. Hagen Troschke möchte ich ebenso danken, der mir seit Anbeginn der Niederschrift geduldig zur Seite stand und mir in Diskussionen wie kaum ein anderer half, meine Analysen zu schärfen. Ohne die moralische Unterstützung, Verlässlichkeit und konstruktive Kritik dieser mir nahestehenden Menschen hätte ich die Arbeit in der Kürze der Zeit nicht vollenden können. Für unzählige inspirierende Gespräche danke ich auch meinen Freunden und Kollegen aus Großbritannien und den USA: allen voran Dr. Lesley Klaff sowie Dr. Gabriel Noah Brahm, Ben Cohen, Kenneth L. Marcus, Prof. Robert Fine, Dr. Dave Rich, Dr. David Hirsh, Dr. David Seymour, Richard Millett und Prof. Alan Johnson. Sie alle haben mir mehr als jede sozialwissenschaftliche Studie geholfen, historische sowie gegenwärtige Stimmungsbilder innerhalb der britischen Gesellschaft deuten und einordnen zu lernen. Auch meinen deutschen Kollegen gilt mein Dank. Sowohl Prof. Heidrun Kämper als auch Prof. Martin Reisigl, Prof. Ernest Hess-Lüttich, Prof. Johannes Angermüller, Dr. Reiner Küpper, Dr. Martin Kloke, Dr. Lars Breuer, Dr. Günther Jikeli, Michael Spaney, Jörg Rensmann, Dr. Matthias Küntzel und Dr. Marc Grimm haben mich bei fachlichen sowie nicht-fachlichen Fragen beraten und weitreichend unterstützt. Schließlich waren es meine Freunde sowie ehemalige Kollegen an der TU Berlin, denen mein Dank gebührt: Suel Agarunov, Daniel Strahilevitz, Amit Friedman, Sven Müller, Jola Vollmer, Helen von Heyden, Kai Schubert, Sabine Reichelt, Linda Giesel, Michael Männel, Jan-Henning Kromminga und Robert Beyer haben mir durch detailliertes Feedback zu meinen Texten und Input in zahlreichen Diskussionen geholfen, meine Herangehensweise an das Dissertationsthema zu hinterfragen und mögliche Schwächen zu antizipieren. Durch die Unterstützung all dieser Men8

Vorwort

schen habe ich diese arbeitsintensive, emotional herausfordernde Phase bestehen können. Berlin, im Juni 2018

9

Inhaltsübersicht

Vorwort I.

5

Einführung

17

I.1 I.2

Vorstellung des Untersuchungskorpus Methodik und Forschungsdesign

36 50

II.

Antisemitismus und nationale Identität

64

II.1 II.2

Deutschland Großbritannien

67 85

III. Antisemitismus und Sprache

107

III.1 Kognitionslinguistische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus III.3 Argumentationsmuster

107 115 140

IV. Geschichtsbezogene Analogien

163

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

177 242 308

V.

355

Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

377

Quellenverzeichnis (Online-Anhang)

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Anhang (Online-Anhang)

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11

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

5

I.

Einführung

17

I.1

Vorstellung des Untersuchungskorpus

36

I.2

Methodik und Forschungsdesign I.2.1 Die qualitative Inhaltsanalyse I.2.2 Das Codesystem I.2.3 Das Vorgehen bei der qualitativen Analyse I.2.4 Quantitative Erhebung

50 50 53 59 62

II.

Antisemitismus und nationale Identität

64

II.1 Deutschland II.1.1 Die NS-Zeit als dominanter Bezugspunkt in der deutschen Geschichte II.1.2 Post-Holocaust-Antisemitismus in Deutschland II.1.3 Israelbezogener Antisemitismus in Deutschland

67

II.2 Großbritannien II.2.1 Das Empire als dominanter Bezugspunkt in der britischen Geschichte II.2.2 Wahrnehmungen des Empire in Politik, Medien und Gesellschaft II.2.3 Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus in Großbritannien

85

67 71 78

85 89 95

III. Antisemitismus und Sprache

107

III.1 Kognitionslinguistische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus III.1.1 Forschungsstand zu Antisemitismus und Sprache III.1.2 Konzept, Konzeptualisierung und Referenzialisierung III.1.3 Perspektive, Perspektivierung und Evaluation III.1.4 Textverstehen

107 108 109 110 111 13

I.

Einführung

III.1.5 III.1.6

Inferenzen Emotionspotenzial und Emotionalisierung

112 113

III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus III.2.1 Implikaturen III.2.2 Präsuppositionen III.2.3 Direkte und indirekte Sprechakte III.2.3.1 Rhetorische Fragen III.2.3.2 Ironie III.2.4 Analogien 123 III.2.4.1 Vergleiche III.2.4.2 Anspielungen III.2.4.3 NS-Vokabular III.2.4.4 Metaphern und Personifikationen

115 115 117 118 120 121

III.3 Argumentationsmuster III.3.1 Selbstlegitimierung III.3.2 Rechtfertigung III.3.3 Leugnung und Relativierung III.3.4 Umdeutung von Antisemitismus III.3.5 Ab- und Ausgrenzung

140 142 145 150 153 157

IV. Geschichtsbezogene Analogien

163

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit IV.1.2 Explizite Vergleiche IV.1.3 Implizite Vergleiche IV.1.3.1 Implizite Vergleiche mit explizierten Täterund Opferkonzepten IV.1.3.2 Implizite Vergleiche über onomastische Anspielungen IV.1.3.3 Implizite Vergleiche über NS-Vokabular IV.1.3.4 Implizite Vergleiche über offene Anspielungen IV.1.4 Fazit

177 179 180

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian IV.2.1 Implizite Empire-Vergleiche IV.2.2 Vergleiche mit Kolonialismus im Allgemeinen IV.2.3 Vergleiche mit weiteren historischen Kolonialismusszenarien

242 250 272

14

125 129 134 137

182 201 215 226 237

286

Inhaltsverzeichnis

IV.2.4 Vergleiche mit dem Nordirlandkonflikt IV.2.5 Fazit IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian IV.3.1 Explizite Apartheid-Vergleiche IV.3.2 Implizite Apartheidvergleiche IV.3.2.1 Implizite Apartheidvergleiche über Junktorersatz IV.3.2.2 Implizite Apartheidvergleiche über Anspielungen IV.3.2.3 Auf den Umgang mit der Apartheid verweisende Vergleiche IV.3.3 Fazit V.

Fazit und Ausblick

291 301 308 313 319 319 327 334 349 355

Literaturverzeichnis

377

Online-Anhang (www.nomos-shop.de/37877) Quellenverzeichnis

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Anhang

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Codesystem

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Tabellen

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15

I.

Einführung

I.

Einführung

Mit dieser Arbeit werde ich eine Untersuchung zu antisemitischer Hassrede im Internet vorstellen. Ich habe Leserkommentare auf den Webseiten zweier Qualitätsmedien erfasst und mithilfe eines linguistischen Instrumentariums die Sprachgebrauchsmuster systematisch analysiert. Bei den Medien handelt es sich um die deutsche Die Zeit und den britischen The Guardian.1 Bei der Sprachgebrauchsanalyse fokussiere ich jene Kommentare, in denen Schreiber vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts Analogien zur Geschichte des jeweils eigenen Landes etablieren und diese Vermittlung teils mit der Reproduktion antisemitischer Stereotype kombinieren. Im Folgenden werde ich einführend erläutern, warum ich mich für thematische Ausrichtung, Datenmaterial und Methode entschieden habe. Vorab sei erwähnt, dass ich das Phänomen geschichtsbezogener Analogien im Nahostdiskurs als Ausprägung von Hassrede kategorisiere. Hassrede (vom englischen hate speech) ist Teil „der sprachlichen Abwertung, der Pejoration“ (Meibauer 2013: 4). Unter ihr „wird im Allgemeinen der sprachliche Ausdruck von Hass gegen Personen oder Gruppen verstanden, insbesondere durch die Verwendung von Ausdrücken, die der Herabsetzung und Verunglimpfung von Bevölkerungsgruppen dienen“ (Meibauer 2013: 1).

Sie kann in unterschiedlichen Kontexten, nach Personen/Gruppen, gegen die sie hervorgebracht wird, sowie nach verschiedenen sprachlichen Ebenen geordnet untersucht werden. Es handelt sich hierbei um ein sprachlich komplexes, sprachwissenschaftlich jedoch bisher wenig systematisch untersuchtes Phänomen (neben Meibauer 2013 s. auch Sternberg/Sternberg 2008). Die sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen sprachlichen Ebenen von Hassrede ist jedoch insbesondere bei den in dieser Arbeit interessierenden Analogien entscheidend. Wenn im Rahmen des Nahostdiskurses ein Schreiber2 Israel mit NS-Deutschland ver____________________ 1 2

Im Folgenden werde ich bei Verweis auf diese beiden Medien den Artikel weglassen. Ich habe mich aufgrund der unzähligen Bezüge zu Beiträgen von Web-Usern in dieser Arbeit dafür entschieden, der Übersichtlichkeit halber auf eine gendergerechte Schreibweise zugunsten des generischen Maskulinums zu verzichten. Zudem ist aufgrund der Anonymität des Internets häufig das Geschlecht von Einzel-

17

I.

Einführung

gleicht, wird dies womöglich auf den ersten Blick als harsche Kritik, ggf. auch als Ausdruck von Antisemitismus, aber nicht als Form beleidigender Hassrede eingestuft. Im Gegensatz zu expliziter Hassrede können bei einem solchen Vergleich auf der Wortebene Schimpfwörter, auf der Satzebene etwaige Beleidigungen, Befehle oder Drohungen fehlen (zu expliziten Formen von Verbal-Antisemitismus s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 58 ff. und 175, s. auch Hortzitz 2005). Sobald man sich allerdings von der sprachlichen Oberfläche der Äußerung entfernt und den Inhalt und die kommunikativen Funktionen des Vergleichs in den Blick nimmt, so wird deutlich, dass die mit diesem Vergleich beschriebene Gruppe ebenso verunglimpft und herabgesetzt wird wie im Falle expliziter Hassrede (zu besagten kommunikativen Funktionen s. Kap. IV, zu Implizitheit s. besonders III.2). Ein NS-Vergleich kann in verschiedenen Kommunikationsräumen, d. h. auch im Mainstream, frequent gezogen werden (s. Godwin 2004); er kann als moralischer Appell, vorsichtig-abwägend und verbunden mit Konzessionen daherkommen. Trotz seiner Präsenz in gemäßigten Diskursen sowie der unterschiedlichen Darbietungsformen bleibt die Konsequenz einer Dämonisierung und Delegitimierung des hierbei verglichenen Gegenstands jedoch bestehen. Ihr impliziter Status macht diese Ausprägung von Hassrede insofern nicht weniger problematisch – ihrer subtilen Gestalt wegen kann sie gesellschaftsübergreifend kommuniziert werden, wodurch sie zu einer größeren Herausforderung für die Zivilgesellschaft wird als die ohnehin sanktionierten Formen explizit hervorgebrachter Abwertungen. Hier scheint es also lohnenswert, bei der Analyse (nicht nur) von antisemitischer Hassrede eine Unterscheidung zwischen affektiv und rationalisiert hervorgebrachtem Hass vorzunehmen, da in den hier untersuchten Kommentaren diverse Camouflage-Techniken Verwendung finden (zu dieser Unterscheidung s. auch Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 271). Das Internet hat einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel nicht nur hinsichtlich der Informationsbeschaffung, sondern auch und gerade in Bezug auf das Kommunikationsverhalten ausgelöst. Aufgrund des enormen Datenvolumens ist es weder ein überschau- noch kontrollierbares Medium. Diese Spezifik wiederum stellt hinsichtlich gegenwärtiger Hassrede ein Risiko dar: Die Zugänglichkeit von Hassrede im Internet führt zu ____________________ personen nicht auszumachen. Ich möchte an dieser Stelle unterstreichen, dass unter „der/die Web-User/Schreiber/Leser“ etc. wie auch bei „Akademiker“, „Lehrer“ usw. alle Geschlechter subsumiert werden.

18

I.

Einführung

ihrer Weitergabe und Bestätigung. Dies wiederum kann zu einer Normalisierung von abwertenden Wahrnehmungs-, ggf. auch von entsprechenden Sprachgebrauchsmustern, also zu einer Radikalisierung des Kommunikationsverhaltens von mit diesen Mustern konfrontierten Web-Usern führen. Durch ihre Vervielfältigung drohen verbale Hassmanifestationen in allen Teilen der Gesellschaft um sich zu greifen.3 Sobald Web-User aktiv werden, d. h. ihre Meinung auf Webseiten posten, sind sie gleichzeitig durch eine mehr oder weniger gegebene Anonymität abgesichert. Der daraus resultierende Rückgang sozialer Kontrolle bestärkt die bereits erwähnte Formierung einer uneingeschränkten, einer enthemmten Sagbarkeit. Hassrede erfährt in diesem Medium aufgrund genannter Kommunikationsspezifika wie Anonymität, Zugänglichkeit und gegenseitiger Bestärkung eine Qualität, die sich in konventionellen Medien nicht entfalten konnte.4 Sanktionen gegen Hassrede erschöpfen sich meist darin, dass ein Beitrag gelöscht und/oder das Nutzerkonto des sich entsprechend artikulierenden WebUsers gesperrt wird. Erst in letzter Zeit werden Politik und Justiz auf das Gefahrenpotenzial aufmerksam und reagieren mit strafrechtlichen Schritten, um Hass im Internet wirksam und nachhaltig zu bekämpfen (s. Stern 2015, zum deutschen Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) ab 2018 und zur Kritik am selbigen s. Guggenberger 2017 und Koschyk 2018). Aufgrund des Umfangs der im Internet hervorgebrachten Leserkommentare ist es geboten, den Untersuchungsgegenstand sowohl thematisch, räumlich (bezüglich Sprachgemeinschaft und ggf. Milieu bzw. Medium) als auch zeitlich einzugrenzen. Diese Beschränkung gestattet es, einen Datenvorrat anzulegen, dessen Umfang die Wechselwirkungen zwischen außersprachlicher Wirklichkeit und sprachlicher Wiedergabe im Internet, ____________________ 3

4

Zum Anstieg von Hassrede im Internet aus journalistischer Perspektive s. u. a. das Zeit-Interview mit der Wiener Medienredakteurin Ingrid Brodnig (s. Schmidt/Gallery 2016), s. Zeit-Bericht zu Empfehlungen des Europarates von 2015 (s. Die Zeit/nsc 2015) sowie Spiegel-Artikel von Jan Fleischhauer (2016). In Bezug auf die Wirkungsweise des Internets auf unser Denken und Kommunikationsverhalten wird häufig von zwei Phänomenen gesprochen. Einerseits wird mit Echokammern auf die Tendenz Bezug genommen, „sich mit Gleichgesinnten zu umgeben und sich dabei gegenseitig in der eigenen Position zu verstärken“ (s. Berger 2015). Andererseits ist auf das Phänomen der sog. Filterblasen zu verweisen. Das Kommunikationsverhalten von Web-Usern führt demnach zu einer Selektion, einem Ausschluss jener Informationen/Quellen, die nicht deren Standpunkten entsprechen (s. Pariser 2011: 22, s. auch Habscheid 2005). Ein ausschließlich mit den eigenen Ansichten korrespondierender Gebrauch des Internets kann insofern eine Verengung der Weltsicht zur Folge haben.

19

I.

Einführung

zwischen Äußerungen im Artikel und Inhalten der Leserkommentare sowie zwischen den Inhalten der Leserkommentare selbst herausarbeiten lässt. Die Formierung und Verteilung von Hassrede – so unterschiedlich sie artikuliert wird – muss im Detail, d. h. auch unter Berücksichtigung des gesellschaftlich-milieuspezifischen Kon- sowie des medialen Kotextes besprochen werden. Um diesem Vorhaben gerecht werden zu können, skizziere ich im Folgenden eine weitere Abgrenzung meiner sich an zwei Ereignissen orientierenden Untersuchung. Wie erwähnt, betrachte ich in meiner Arbeit sprachliche Formen von Antisemitismus im Internet (zu den Eigenschaften virtueller antisemitischer Hassrede sowie zu den Letztere teils stärkenden Kommunikationsspezifika des Internets s. u. a. Hardinghaus 2012, Schwarz-Friesel 2013b, Giesel 2015, Iganski/Sweiry 2015, CST 2018).5 Eine systematische linguistische Analyse des gegenwärtigen antisemitischen Sprachgebrauchs quer durch die deutsche Gesellschaft haben erstmals Schwarz-Friesel und Reinharz (2013) vorgelegt. Als Datengrundlage dienten ihnen ca. 14.000 Zuschriften an den Zentralrat der Juden in Deutschland und die Israelische Botschaft in Berlin, die über zehn Jahre gesammelt und qualitativ analysiert wurden. Die beiden Forscher verstehen unter Verbal-Antisemitismus „alle sprachlichen Äußerungen, mittels derer Juden als Juden entwertet, stigmatisiert, diskriminiert und diffamiert werden, mit denen also judenfeindliche Stereotype kodiert und Ressentiments transportiert werden“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 48).

Geschichte und Wesen von Judenfeindschaft spiegeln sich auch heute noch in ihrer sprachlichen Gestalt wider. Eine detaillierte Sprachanalyse kann Auskunft darüber geben, welche Stereotype explizit, aber gerade auch implizit im untersuchten Diskurs vermittelt werden, d. h. welche Ausformung des Antisemitismus (Antijudaismus, völkisch-rassistischer, Post-Holocaust-Antisemitismus, teils aktualisierte Stereotype und andere Formen von Dämonisierung im israelbezogenen Antisemitismus) implizit vermittelt in den Beiträgen erkennbar wird (zu Ausformungen des Antisemitismus s. II). Wenn es um antisemitische Hassrede geht, wird dem Internet eine besondere Bedeutung zuteil. Im Rahmen der oben erwähnten, durch die Spe____________________ 5

20

Zu Verbal-Antisemitismen im deutschsprachigen Internet wurde unter Leitung von Monika Schwarz-Friesel seit Oktober 2014 das DFG-Projekt „Antisemitismus im Internet“ an der TU Berlin durchgeführt. In diesem Projekt war ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter über ca. 1,5 Jahre tätig.

I.

Einführung

zifika des Internets hervorgerufenen Radikalisierungs- und Normalisierungstendenzen kann von zwei Impulsen ausgegangen werden: Die für den deutschen Sprachraum spezifische Kommunikationslatenz (s. Bergmann/Erb 1986), also die Vermeidung offen gezeigter Ablehnung von Juden, kann mit der Zeit durch eine Rückkehr bzw. Verstärkung einschlägiger antisemitischer Hassbekundungen aufgehoben werden.6 Auch die Umwegkommunikation, bei der antisemitische Stereotype auf Israel übertragen werden – ein Transfer, der gerade im deutschen Kommunikationskontext häufig implizit verläuft –, kann von dieser Tendenz betroffen sein. Das Internet führt also zu einer Modifikation kommunikativer Standards in Form einer Zunahme expliziter antisemitischer Hassrede, ohne dass sich daran eine Sanktionierung der Schreiber und/oder eine Löschung entsprechender Beiträge anschließen muss. Israel ist „das wichtigste Symbol jüdischen Lebens und Überlebens“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 194). Israelbezogener Antisemitismus, der sich gegen jüdische Israelis und den jüdischen Staat als solchen richtet, kann als dominante Formvariante innerhalb antisemitischer Hassrede der Gegenwart gesehen werden und bietet sich aufgrund dieses Status und seiner Brisanz nicht zuletzt im Internet für eine detaillierte linguistische Untersuchung an.7 Da israelbezogener Antisemitismus ein internationales Problem darstellt und kontrastive länderübergreifende Analysen Einblicke in die Natur von Judenfeindschaft geben können8, habe ich mich für die Untersuchung eines Ausschnittes des deutschen und britischen Web-Diskurses entschieden. ____________________ 6 7

8

Den Begriff der Kommunikationslatenz werde ich – ebenso wie den der Umwegkommunikation – in II.1.2 genauer einführen und diskutieren. Zu teils antisemitischen Verzerrungen in der Nahost-Medienberichterstattung s. Beyer/Leuschner 2010, Schwarz-Friesel 2013a, Troschke 2015, Beyer 2016; zu antisemitischen Reaktionen auf die Nahost-Medienberichterstattung s. u. a. Interview mit dem Journalisten Richard C. Schneider in der Jüdischen Allgemeinen (s. Engel 2015); zu Antisemitismus im Internet s. auch Interviews mit SchwarzFriesel in der Jüdischen Allgemeinen (s. Schwarz-Friesel 2015c) und der Times of Israel (s. Neugroschel 2016). Analysen zum Verbal-Antisemitismus im Kontext verschiedener Länder stellen eine sinnvolle Annäherung an dieses Phänomen dar, denn über Gemeinsamkeiten und Unterschiede vor dem Hintergrund verschiedener nationaler und kollektiver Narrative können Rückschlüsse über Struktur und Funktion von Antisemitismus gezogen werden (s. Alter/Bärsch/Berghoff 1999, Embacher/Reiter 2010, Holz 2 2010, Wistrich 2010, Schoeps/Rensmann 2011, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 251 ff.).

21

I.

Einführung

Der Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien dient dem Vorhaben, nicht zuletzt hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Judenfeindschaft und nationaler Identität neue Einblicke zu erhalten. Beide Länder weisen in Bezug auf die Geschichte des Antisemitismus und den Umgang mit jüdischem Leben im 20. Jahrhundert (und zuvor) divergierende Rollen auf. Auch die Perspektive auf die jeweils eigene Nation unterscheidet sich maßgeblich (s. II). Mit Bezugnahme auf die Verschiedenartigkeit dieser historischen Rollen mitsamt ihrer pädagogisch und medial vermittelten Reflexion gehe ich davon aus, dass die Wahrnehmung der eigenen Nation sowie des jüdischen Staates die Spezifik des jeweiligen gegenwärtigen Diskurses zum Nahostkonflikt in beiden Ländern beeinflusst. Die historische Rolle Deutschlands als jenes Land, in dem Jahrhunderte einer kulturell tief verankerten Judenfeindschaft zum Vernichtungsantisemitismus der Nationalsozialisten geführt haben, beeinflusst die Positionierung zu jüdischem Leben im eigenen Land, die Wahrnehmung Israels, aber auch die der eigenen nationalen Identität. Es gehört zur Staatsräson und ist verbreiteter Kanon der Medien des Mainstreams, die Erinnerung an die Verbrechen unter dem Nationalsozialismus wachzuhalten, sich um Versöhnung zu bemühen sowie sich jeder Form von Relativierung dieser Verbrechen und gegenwärtiger Diskriminierung entgegenzustellen (s. II.1.1 und II.1.2). Die Partnerschaft mit und die Sicherheit von Israel gelten als Grundpositionen deutscher Außenpolitik. Dennoch ist eine Präsenz des israelbezogenen Antisemitismus gesellschaftsübergreifend festzustellen (s. u. a. Bergmann/Heitmeyer 2005, BMI 2012 und 2017, ADL 2015, Bertelsmann 2015, Zick et al. 2017). Der jüdische Staat wird in diesem Rahmen u. a. mit antisemitischen Stereotypen besetzt und sein Existenzrecht infrage gestellt (s. II.1.3). Großbritannien als ein Land mit einem sich maßgeblich unterscheidenden geschichtlichen Verlauf, als im westlichen Europa der 1930er und -40er Jahre wichtigster Antagonist von Nazi-Deutschland, weist in Bezug auf diese Epoche ein stark divergierendes Selbstbild auf. Großbritannien schrieb sich selbst die Rolle einer Schutzmacht und Exilstätte des europäischen Judentums zu. Zudem präsentierte es sich als antifaschistisch-/westlich-freiheitliche Siegermacht am Ende des Zweiten Weltkriegs, woraus eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte folgt, die sich durch andere Perspektiven und Schwerpunkte auszeichnet. Der auch in der britischen Wirklichkeit feststellbare israelbezogene Antisemitismus (s. u. a. CST 2007–2016, Hirsh 2007, Julius 2010, Wistrich 2010 und 2011, Klaff 2014, Cardaun 2015, Rich 2016, Fine/Spencer 2017) weist zwar durch diverse Charakteristika (wie den Transfer von Stereotypen sowie die Infragestel22

I.

Einführung

lung des Existenzrechtes von Israel) Ähnlichkeiten zu seinem Äquivalent in anderen Ländern auf, basiert jedoch auf anderen historischen Grundlagen (s. II.2.3). Der israelbezogene Antisemitismus innerhalb deutscher und britischer Diskurse zeichnet sich jedoch nicht allein durch die Reproduktion antisemitischer Stereotype sowie die Delegitimierung des jüdischen Staates aus. Schreiber projizieren gleichfalls jene Verbrechen auf Israel, die in der Geschichte des eigenen Landes von Angehörigen der eigenen nationalen Wir-Gruppe verübt wurden. Das Konzept der Projektion entstammt der Psychoanalyse. Damit ist die Übertragung eines inneren Konflikts sowie auch unbewusster Selbstzuschreibungen auf andere Personen, Menschengruppen oder Objekte der Außenwelt gemeint (s. Pohl 2009). Auf diese werden Emotionen und Wünsche usw. abgebildet, die einen Widerspruch zu eigenen und/oder gesellschaftlichen Normen darstellen. Bereits Horkheimer/Adorno (162006: 196 ff.) erkennen in der projektiven Wahrnehmungsverzerrung ein zentrales Charakteristikum bei der Konstruktion des antisemitischen Feindbildes. Dementsprechend kommt es im deutschen Kontext zu einer Projektion von NS-Verbrechen auf Israel. Dieser Vorgang wird begleitet von drei kommunikativen Funktionen, die ich in Kapitel IV näher erläutern werde. An dieser Stelle sollen sie knapp erwähnt werden: Der NS-Vergleich führt zu einer Dämonisierung Israels (Funktion 1), einer Relativierung der NS-Verbrechen (Funktion 2) sowie – resultierend aus Letzterer – im deutschen Kommunikationskontext zu einer Entlastung der deutschen Wir-Gruppe (Funktion 3; zu NS-Vergleichen s. auch Pérennec 2008, Schwarz-Friesel 2009, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013, Klaff 2014 und Giesel 2017).9 Diese Funktionen (bzw. Effekte) beziehen sich auf Schlussfolgerungen, die aus den Informationen (der zwei zueinander in Beziehung gesetzten Gegenstände und deren Anordnung) über das Verhältnis dieser beiden Gegenstände ableitbar sind. Beim Leser können sich abhängig vom subjektiven Nachvollzug entsprechende Schlussfolgerungen einstellen. Das tatsächliche Verstehen der Analogie kann subjektiv divergieren – die Schlussfolgerungen sind jedoch überindividuell möglich. Die Frage, ob der sprachlichen Handlung der Äquivalenzsetzung ein Verstehen auf Rezipientenseite folgt, berührt die Funktion der Analogie ebenso wenig wie die Frage, ob besagte sprachliche Hand____________________ 9

Unabhängig von der nationalen Zugehörigkeit der Sprachproduzenten, welche die NS-Analogie etablieren, wird Letztere als Ausformung eines israelbezogenen Antisemitismus definiert (s. EUMC 2004, IHRA 2016, s. auch II).

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lung vom Schreiber intentional ausgeführt wurde oder nicht. Mutmaßungen darüber, ob die Schreiber bspw. eine Relativierung von NS-Verbrechen beabsichtigten, spielen für diese Untersuchung insofern keine Rolle, als diese Funktion im Zuge eines NS-Vergleichs unweigerlich eintritt. In der Antisemitismusforschung wird diese Täter-Opfer-Umkehr10 auch als Schuldabwehr- sowie als Entlastungsantisemitismus bezeichnet (zu Letzterem s. Schapira/Hafner 22007). An entsprechende Äußerungen kann sich – neben den relativierend-entlastenden Effekten – auch jene die nationale Wir-Gruppe aufwertende Behauptung anschließen, man habe aus der deutschen Vergangenheit gelernt. Diese vorausgesetzten Lernprozesse würden die Schreiber befähigen, israelisches Dasein und Handeln zu problematisieren bzw. der deutschen Wir-Gruppe eine Vorbildfunktion zuzuweisen. Das Phänomen entlastender Projektionen historischer Verbrechen, die durch Äquivalenzsetzungen ausgelöst werden, tritt im deutschsprachigen Web-Diskurs medienübergreifend auf. Wie oben erwähnt, sind entsprechende Äquivalenzsetzungen jedoch auch – und trotz aller Verschiedenheit beider Länder – im britischen Diskurs auszumachen (s. u. a. Wistrich 2011, Klaff 2014, Pogrund 2015). Neben der Reproduktion von Stereotypen und dem Absprechen des Existenzrechts Israels stellt dies also eine weitere Gemeinsamkeit beider Diskurse dar. In diesen Äquivalenzsetzungen beziehen sich Schreiber auf den britischen Kolonialismus bzw. auf koloniale Verbrechen Großbritanniens, die von den Schreibern problematisiert werden. Eine negative Bewertung auf diese Ära ist im britischen Diskurs nicht flächendeckend auszumachen, da die Wahrnehmung des Kolonialismus in der britischen Gesellschaft ambivalent ausfällt (s. II.2.1). Ein hoher Anteil der Gesellschaft assoziiert das Empire mit einem Herrschaftsmodell, aus dem beiden Seiten – Kolonisten und Kolonisierten – Vorteile erwachsen seien. So wurde in den Augen vieler Briten Indien ____________________ 10 Gemäß dieser Umkehr werden die ehemaligen Opfer des Nationalsozialismus (in dem Falle Juden) als gegenwärtige Täter dargestellt. Dem wird vorausgesetzt, dass Juden und Israelis eine identische Gruppe repräsentieren. Bei Referenz auf die NS-Verbrechen im Nahostdiskurs liegt indes nicht immer eine Täter-OpferUmkehr vor, d. h., historische Opfer werden nicht immer gleichgesetzt mit als solche perspektivierten gegenwärtigen Tätern (s. Beispiele mit Gleichsetzung der Hamas mit der französischen Résistance). Das Fehlen einer Täter-Opfer-Umkehr bei bestimmten NS-Vergleichen ist eine feste Eigenschaft der in meiner Arbeit erläuterten geschichtsbezogenen Analogien im britischen Diskurs (s. IV.1.3, IV.2 und IV.3).

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durch das Empire geeint und seiner indigenen Bevölkerung durch die englische Sprache erst der Zugang zu internationalen Märkten und Prosperität verschafft (s. Dahlgreen 2016). Die Frage nach Relativierung und Entlastung – so der erste Eindruck – stellt sich hier gar nicht erst. Ein anderes Bild ergibt sich jedoch bei der Betrachtung von Guardian-Artikeln und -Leserkommentaren. Hier wird eine kritische bis ablehnende Perspektive zur Ära des britischen Kolonialismus und folglich ein vom Mainstream abweichender diskursiver Umgang mit selbiger erkennbar. Die Schreiber weisen auf den Status von Verbrechen in der Geschichte der britischen Nation hin und problematisieren diese. Sie weisen bspw. auf den dem späten Kolonialismus inhärenten Rassismus und Expansionismus hin, mit denen Verbrechen in den Kolonien gerechtfertigt wurden, und grenzen sich klar von den (dem britischen Kolonialismus zugrundeliegenden) Einstellungsmustern und Rechtfertigungsstrategien ab (s. I.1 und II.2.2). Wie oben erwähnt, problematisieren die Schreiber dieses Milieus nicht nur den britischen Kolonialismus, sondern sie setzen im Rahmen des Nahostdiskurses in einem anschließenden Schritt über Äquivalenzsetzungen Natur und Praxen Israels mit jenen des britischen Kolonialreiches gleich, wodurch auch hier o. g. Funktionen geschichtsbezogener Vergleiche ausgelöst werden:11 Entsprechende Bezüge zur historischen Rolle des eigenen Landes führen dazu, dass der jüdische Staat dämonisiert und delegitimiert wird.12 Des Weiteren kommt es zu einer Relativierung kolonialer Verbrechen Großbritanniens, auf die wiederum eine Entlastung der britischen Wir-Gruppe folgt (s. auch Embacher 2005: 35 f.). Bei Verweis auf die koloniale Ära Großbritanniens ist auch der Bezug zur südafrikanischen Apartheid zu erwähnen: In den von mir untersuchten Guardian-Leserkommentaren ziehen Schreiber Vergleiche zwischen Israel und dem Apartheidstaat. Inwieweit auch hier – bedingt durch die Verstrickung Großbritanniens bei Entstehung und Aufrechterhaltung der Apartheid – besagte kommunikative Funktionen aktiviert werden, erläutere ich in den Kapiteln II.2.1, IV und IV.3. Neben den erwähnten drei Funktionen werden bei geschichtsbezogenen Vergleichen im Guardian-Kommentarbereich Behauptungen erkennbar, ____________________ 11 Zu Unterschieden zwischen Israel und einem Kolonialstaat vgl. u. a. Gelber (2007), Friling (2016) und Sternberg (2016). 12 Natürlich stehen Nationalsozialismus und Kolonialismus keinesfalls für zwei gleichzusetzende Herrschaftssysteme. Dennoch wird das Israelbild auch im Zuge von Empire- und Kolonialismus-Vergleichen nicht nur verzerrt, sondern der Staat ebenso dämonisiert und ausgegrenzt (s. IV).

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man habe aus der britischen Vergangenheit gelernt und sei demnach dazu befähigt und berechtigt, eine sich aus Lernprozessen speisende Problematisierung Israels hervorzubringen. Hier lässt sich insofern eine weitere Spielart von Schuldabwehr und Entlastung in Verbindung mit einer Dämonisierung Israels ausmachen. Abgesehen von der für den deutschen Kontext charakteristischen Verbindung von historischer Opfer- und gegenwärtiger „Täter“-Gruppe (s. o. Täter-Opfer-Umkehr) entsprechen die Funktionen dieser Äußerungen im Guardian-Kommentarbereich insofern jenen des Entlastungsantisemitismus deutscher Façon. Mit Verweis auf eine Übereinstimmung der genannten kommunikativen Funktionen kann sich die Frage anschließen, ob es sich bei auf den Kolonialismus (insbesondere dem British Empire) sowie auf die Apartheid Bezug nehmenden Vergleichen im Nahostdiskurs um eine neue Ausprägung des salonfähigen Antisemitismus handelt. Gegen eine entsprechende Kategorisierung dieser Vergleiche unter israelbezogenem Antisemitismus spricht der (in Relation zu NS-Vergleichen) geringere Grad an Dämonisierung des israelischen Staates, sobald ihm Kolonialismus unterstellt wird. Außerdem mögen bestimmte Sachverhalte im Westjordanland mit dem Lexem kolonial ausgewiesen werden (vgl. Osterhammel 2009: 123, Sternberg 2016: 839).13 Dennoch lösen Vokabeln wie kolonial und Kolonialismus (oder gar Apartheid) verzerrende Assoziationen aus, die sich von Natur und Genese des Nahostkonflikts loslösen. Für eine entsprechende Kategorisierung von Kolonialismus-Vergleichen als antisemitisch spricht der Sachverhalt der Adaptabilität von Antisemitismus: Judenfeindschaft hat sich seit ihrem Bestehen permanent gewandelt und sich den gegenwärtigen Kommunikationsbedingungen und Weltanschauungen kontinuierlich angepasst (s. II). Antiisraelische Stereotypreproduktionen wie Israel kontrolliert die Welt können auch in weniger sprachsensiblen Kontexten zu einer Sanktionierung des Schreibers in Form eines Antisemitismusvorwurfs führen. Eine Ausgrenzung Israels, die im Einklang mit humanistisch-progressiven Wertevorstellungen steht, kann hingegen auch im politisch gemäßigten, sich von Antisemitismus distanzierenden Mainstream (oder dem jeweiligen Milieu) auf Akzeptanz stoßen und Habitualisierungstendenzen einleiten. Dies gilt für besagte Vergleiche, die frei kom____________________ 13 Osterhammel bemerkt hierzu: „[Die Herrschaft] Israels in den 1967 besetzten Gebieten mit palästinensischer Bevölkerungsmehrheit weis[t] Merkmale von Kolonialismus auf, ohne daß von vollentfalteten Systemen kolonialer Herrschaft gesprochen werden könnte“ (2009: 123).

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munizierbar sind und außerdem (durch den Rückgriff auf koloniale Schwarz-Weiß-Szenarien) ein hohes Persuasionspotenzial entfalten. Über die Ablehnung von Kolonialismus und Ausbeutung rechtfertigen die Schreiber nicht nur eine Ablehnung von (einem als Kolonialstaat ausgewiesenen) Israel, sondern können zudem andere Formen von Dämonisierung einleiten und rechtfertigen (wie ich in Kapitel IV vorstellen werde). Hier sei angefügt: Im Kontext des Brexit ist im britischen Mainstream gegenwärtig teils eine Relativierung des kolonialen Unrechts in der Vergangenheit des Landes auszumachen (s. u. a. Olusoga 2017). Dies wiederum kann zu Reaktionen gerade innerhalb der Linken führen, bei denen das dem Kolonialismus inhärente Unrecht unterstrichen wird. Die oben genannte Dämonisierung, die mit Kolonialismus-Vergleichen einhergeht, erfährt somit gegenwärtig noch eine zusätzliche Stärkung; Debatten zur kolonialen Vergangenheit sind emotional enorm aufgeladen (s. hierzu II.2). Ein weiteres Argument neben dem der Adaptabilität ist das der weiter oben bereits genannten Projektion. Wie erwähnt zeichnet sich Antisemitismus seit jeher durch projektive Zuschreibungen aus (vgl. u. a. Rensmann 2004 und 2015, Horkheimer/Adorno 2006: 196 f. sowie Holz 2010). Diese liegen auch im Falle von Kolonialismus-Analogien vor, sofern hierbei auf Verbrechen verwiesen wird, die einst von Angehörigen jener nationalen Wir-Gruppe verübt wurden, welcher sich der Schreiber zugehörig fühlt. Zugunsten besagter Kategorisierung ist schließlich darauf hinzuweisen, dass die internationale Antisemitismusforschung dem britischen Mainstream gegenwärtig einen israelbezogenen Antisemitismus mit gesamtgesellschaftlicher Anschlussfähigkeit bescheinigt (s. II.2.3, s. auch Sicher 2009, Wistrich 2011). Insofern definiere ich Empire-, Kolonialismus- und Apartheid-Analogien – sofern sie von britischen Schreibern etabliert werden – als Kategorie eines gegenwärtigen israelbezogenen Antisemitismus. Alle genannten kommunikativen Funktionen, die bei der NS-Analogie im deutschen Äußerungskontext vorliegen, werden erfüllt. Unterschiede liegen allein im Wegfall der Täter-Opfer-Umkehr sowie hinsichtlich des Grades der Dämonisierung vor. Hier ist nochmals zu unterstreichen, dass es sich bei Dämonisierung, Relativierung und Entlastung um kommunikative Funktionen, also Effekte, und nicht um die Intentionen des Schreibers handelt. Ein Kolonialismus-Vergleich kann bspw. von einem Schreiber realisiert werden, der tatsächlich der kolonialen Ära seines Landes ablehnend gegenübersteht – unabhängig von der Einstellung des Schreibers setzt die Funktion der Relativierung im Zuge realisierter Kolonialismus-Vergleiche im Nahostdiskurs dennoch ein. Hinsichtlich des für Antisemitismus zentralen Aspekts der Projektion muss allerdings wie 27

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erwähnt geklärt werden, ob der Schreiber zu jener nationalen Wir-Gruppe gehört, deren historische Verbrechen im Zuge der Vergleiche thematisiert und auf Israel projiziert werden (für eine präzise Darstellung der Inhalte der letzten Absätze sowie zur Frage der Identifizierung der GuardianKommentatoren als britische Schreiber s. IV.2). Mit dieser Arbeit möchte ich dem in der Forschung bisher zu wenig beachteten Zusammenhang zwischen einem international feststellbaren israelbezogenen Antisemitismus und kollektiven Exkulpationsbedürfnissen nachgehen, der ebenso bei divergierenden nationalen Narrativen vorliegen kann. Wie wird dieser Entlastungsantisemitismus sprachlich realisiert, d. h. mit welchen sprachlichen Mitteln werden zwischen Israel in der Gegenwart und dem eigenen Land in der Vergangenheit jene Analogien etabliert, die das nationale Selbstbild durch Relativierung und Entlastung stärken? Mit meinem Vorhaben, israelbezogenen Antisemitismus in den beiden Ländern zu untersuchen, beschränke ich mich wie erwähnt auf einen bestimmten Diskursausschnitt: Ich analysiere den Sprachgebrauch in Kommentarbereichen online veröffentlichter Mainstream-Medien. Allerdings weisen schon diese – wie bereits die Bezeichnung nahelegt – eine Breite auf, die sich kaum überblicken lässt. Antisemitismus wird häufig aus politischer sowie gesellschaftlicher Perspektive allein innerhalb extremistischer Spektren – bisher als spezifisch rechts-, mittlerweile aber auch vermehrt als linksextremer sowie islamistischer Hass – verortet (s. u. a. BMI 2012). Da es sich bei gegenwärtigem Antisemitismus indes auch um ein „Phänomen der Mitte“ (Schwarz-Friesel/Friesel/Reinharz 2010, s. auch Schwarz-Friesel 2015b) handelt, um ein Weltdeutungsmuster, das seit jeher vielgestaltig reproduziert wird, heute also auch salonfähig in „chiffrierten, modernisierten Formen“ (Rensmann 2015: 93) daherkommen kann, werde ich den Sprachgebrauch des linksliberalen Spektrums fokussieren – ein Spektrum, dem im Kontext einer Auseinandersetzung mit gegenwärtigem Antisemitismus oft kritische Distanz nachgesagt wird (s. Rensmann 2004, Salzborn 2010a, Ionescu/Salzborn 2014). Linksliberal meint eine politische Ausrichtung, die Liberalismus mit linken Anschauungen, individuelle Freiheit mit sozialem Zusammenhalt verbindet. Oben habe ich erwähnt, dass es mir in meiner Analyse um zwei linksliberale, im Kommunikationsraum des jeweiligen Landes prominente Medien geht: Zeit und Guardian.14 Die politische Verortung dieser beiden ____________________ 14 Es mag hier der Einwand kommen, dass ich eine Tages- und eine Wochenzeitung untersuche. Auf diesen werde ich in Kapitel I.1 Bezug nehmen.

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Medien ist für die Analyse von Leserkommentaren von Relevanz, da hinsichtlich der politischen Einstellungen mit einer gewissen Übereinstimmung zwischen dem Medium und seiner Leserschaft zu rechnen ist (vgl. Schmitt-Beck 1998 sowie Winterhoff-Spurk 2004). Im Zuge der selektiven Auswahl von Informationsquellen konsumieren Leser i. d. R. jene Medien, die mit ihren politischen Prädispositionen nicht oder wenig kollidieren. Dies ist beobachtbar bei der Nutzung sowohl konventioneller Medien als auch des Internets (zu Filterblasen im Internet s. Fußnote 4).15 Zudem werden im Großteil der von mir untersuchten Leserkommentare anhand der von den Schreibern problematisierten Sachverhalte und Argumentationsmuster liberale bis linke Einstellungen deutlich (s. IV). An dieser Stelle sei unterstrichen: Es geht mir in der Arbeit nicht um eine Beurteilung der israelbezogenen Berichterstattung der beiden Medien an sich. Im Fokus der Arbeit stehen primär antisemitische Sprachgebrauchsmuster ihrer Leserschaft – jener Kommentatoren also, die aus ihrer vorausgesetzten Nähe zur politischen Orientierung besagter Medien abzuleiten scheinen, dass ihre Beiträge per se nicht antisemitisch seien. Den Kommentaren ist ein Bekenntnis zu humanistischen und demokratischpluralistischen Werten zu entnehmen, welches indes mitunter dann zu versagen scheint, wenn es um Israel und/oder Juden geht. Wenn sich also Leser im Einklang mit dem von ihnen genutzten Medium positionieren, gleichzeitig aber antisemitische Äußerungen hervorbringen, so muss interessieren, wie Letztere sprachlich beschaffen sind, damit eine Kollision kommunizierter Inhalte mit bestehenden Wertevorstellungen vermieden werden kann. ____________________ 15 Hinsichtlich Hassrede gerade in den Social Media, aber auch im Kommentarbereich von online geschalteten Medien wird im Netzjargon auf das Phänomen der Trolle verwiesen. Damit sind Personen gemeint, die über emotionalisierende Äußerungen versuchen, andere Web-User zu provozieren und Gespräche im Internet zu stören (s. u. a. Brodnig 2016, Nagle 2017). Auch wenn diesem Phänomen gegenwärtig durch automatisiert hervorgebrachte Hassrede (bspw. durch Bots) eine enorme Bedeutung zukommt, spielen Trolle in den von mir fokussierten Messzeiträumen 2012 und 2014 noch eine untergeordnete Rolle. Der Großteil der Kommentare zeichnet sich durch sprachliche Individualität, teils durch Länge und argumentative Komplexität sowie – im Falle von kommunizierter Hassrede – durch einen impliziten Charakter aus. Darüber hinaus geht es mir um die Präsenz von Hassrede auf den von mir untersuchten Webseiten, um über deren Präsenz Rückschlüsse auf die Gefahr zu ziehen, wie sehr sich israelbezogener Antisemitismus auch in den untersuchten Milieus normalisieren kann.

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Zeitlich begrenze ich den Untersuchungsgegenstand auf das mediale Echo auf die zwei israelischen Militäroperationen Pillar of Defense vom 14. bis 21. November 2012 und Protective Edge vom 8. Juli bis 26. August 2014. Diese beiden Eskalationsphasen innerhalb des Nahostkonflikts liegen etwas mehr als anderthalb Jahre auseinander und bilden vergleichbare Auslöser für die Medienberichterstattung beider Länder. Durch das Intervall ist es möglich, auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Qualität und Frequenz antisemitischer Sprachgebrauchsmuster der Kommentatoren einzugehen. Damit wird überprüfbar, inwieweit sich der Diskurs verändert, in welcher Form Vermittlungen von Analogien und Stereotypen zustande kommen. Aus dieser Auswahl ergibt sich die Beschäftigung mit vier Subkorpora: den Reaktionen im Guardian zu den Operationen Pillar of Defense und zu Protective Edge sowie ihren beiden Entsprechungen in der Zeit. Mit dem Lexem Subkorpora beziehe ich mich auf Korpus. Um Aussagen über Sprachgebrauchs- sowie Denkmuster treffen zu können, werden in der Sprachwissenschaft u. a. Korpusanalysen durchgeführt. Ein Korpus stellt eine Sammlung von Textdaten dar, die in einem bestimmten zeitlichen Rahmen zu einem bestimmten Thema zusammengestellt, strukturiert und analysiert wird (s. Scherer 2006, Bubenhofer 2009, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013). Das Korpus wird als „Ausschnitt einer sprachlichen Gesamtheit“ (Scherer 2006: 5) verstanden (s. I.1). Da ich mich in der Untersuchung nur mit einem spezifischen Ausschnitt beschäftige, können die Ergebnisse meiner Analyse weder für den deutschen noch für den britischen Diskurs als repräsentativ bezeichnet werden. Das von mir analysierte Phänomen des Antisemitismus tritt in beiden Landesdiskursen jedoch prominent auf, wie andere Studien demonstrieren (neben anderen genannten Arbeiten s. auch Ginzel 1991, Kloke 21994 und 2015, Julius 2000 und 2010, Rensmann 2004, 2015 und 2016, CST 2007– 2018, Schapira/Hafner 22007 und 2015, Embacher/Reiter 2010, SchwarzFriesel/Friesel/Reinharz 2010, Wistrich 2010 und 2011, Whine 2011, Globisch 2013, Schwarz-Friesel 2013b und Schwarz-Friesel/Reinharz 2013). Zudem sei an dieser Stelle auf Umfragen hingewiesen, um anhand repräsentativer Untersuchungen die Präsenz von Antisemitismus vor Augen zu führen: Gemäß einer Studie der Anti-Defamation League (ADL) von 2015 haben 12 Prozent der britischen Bevölkerung antisemitische Einstellungen (s. ADL 2015, aber Quinn 2015, weitere Umfragen in Großbritannien s. II.2.3). Bezogen auf die deutsche Bevölkerung spricht der Bericht des unabhängigen Expertenkreises von 2012 gar von „bis zu 20 Prozent“ (s. BMI 30

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2012: 21, 54). Unter Rückgriff auf eine 2008 von der Universität Bielefeld durchgeführte Umfrage weist der Expertenkreis darauf hin, dass in Bezug auf die Aussage „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man Juden nicht mag“ in Großbritannien die Zustimmung bei 36, in Deutschland bei 35,6 Prozent liegt (s. BMI 2012: 63). Die Frage bezieht sich auf Israels Rolle im Nahostkonflikt. Diese dient den Befragten als Grund, gegenüber Juden weltweit negative Einstellungen zu haben. Damit werden Juden aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit und/oder Herkunft für das Handeln Israels verantwortlich gemacht. Dies entspricht einem rassistischen Wahrnehmungsmuster und belegt den Status des Israelhasses als Variante des Antisemitismus. Hinsichtlich des Entlastungsantisemitismus sollen folgende deutsche Studien knapp Erwähnung finden: Die Bertelsmann-Stiftung hält in Bezug auf eine sich an 1.004 deutsche Personen richtende Umfrage fest, dass die „Ergebnisse auf eine extreme Kritik, ja Verurteilung der aktuellen Politik Israels hin[deuten]: Fast die Hälfte der Befragten vergleicht den Umgang Israels mit den Palästinensern mit dem Verhalten der Nazis gegenüber den Juden“ (Bertelsmann 2015: 37).

2007 waren es hingegen nur 30 Prozent (s. Bertelsmann 2015: 40). Heyder/Iser/Schmidt (2005: 151) stellen unter Bezugnahme auf eine GMFUmfrage von 2004 heraus, dass 51,2 Prozent der 3.000 Befragten der Aussage, Israelis würden prinzipiell genauso mit Palästinensern umgehen wie einst Nazis mit Juden, partiell bis völlig zustimmen. Es wird zudem angegeben, 68,3 Prozent der Befragten seien der Meinung, Israel würde einen Vernichtungskrieg gegen Palästinenser führen (zur Aktivierung des NSSzenarios durch entsprechende Anspielungen in den von mir untersuchten Korpora s. III.2.4.2 und IV.1.3.2). Auch in der bereits erwähnten Korpusanalyse von Schwarz-Friesel/Reinharz (2013) wird auf die deutliche Präsenz von NS-Vergleichen verwiesen. Quantitative Analysen des Materials von 2008 bis 2011 ließen erkennen, dass bei ca. 30 Prozent der Zuschriften entsprechende Vergleiche vorlagen, wobei im Verhältnis zum Zeitraum von 2002 bis 2007 besonders „bei den Schreibern aus der Mitte eine deutliche Zunahme zu verzeichnen“ war (2013: 31, s. auch 205 ff.). Die genannten Untersuchungsergebnisse belegen, dass bei Referenz auf Israel im deutschen Kontext neben Stereotypen auch Äquivalenzsetzungen zu NS-Deutschland erkennbar werden. Wie ich soeben zeigen konnte, wird durch Umfragen in der britischen Gesellschaft deutlich, dass auch dort die Reproduktion von Stereotypen eine prominente Ausformung des israelbezogenen Antisemitismus darstellt. Allerdings wird bei Umfragen 31

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in Großbritannien der Zusammenhang zwischen einem ablehnenden Blick sowohl auf Israel als auch auf die Geschichte des eigenen Landes nicht abgefragt. Es wird also nicht untersucht, inwieweit ein Verhältnis zwischen problematisierenden Haltungen gegenüber der britischen Vergangenheit und Einstellungen zum gegenwärtigen Nahostkonflikt besteht. Dies hat mit dem bereits oben erwähnten ambivalenten, größtenteils positiven Blick der britischen Gesellschaft auf die koloniale Vergangenheit des Landes zu tun. Da das Bedürfnis nach Entlastung im Umgang mit historischen Verbrechen nicht antizipiert wird, entfällt bei quantitativen Studien die Berücksichtigung entlastender Analogien bei der Analyse des britischen Israelbildes. Erst wenn die sich unterscheidende Perspektive auf die britische Vergangenheit im Guardian-Diskurs – sowohl bei Journalisten als auch bei Lesern – berücksichtigt wird, lassen sich im zweiten Schritt Schlüsse ziehen, wie Schreiber dieses Milieus mit ihrer (die koloniale Vergangenheit ablehnenden) Wahrnehmung umgehen und auf welchen Sprachgebrauch sie ggf. zurückgreifen, um diese Verbrechen zu problematisieren oder gar zu relativieren. Die Detailschärfe bei der Betrachtung des Materials bedingt den Unterschied zwischen standardisierten quantitativen Erhebungen und einer qualitativen Analyse sprachlicher Konstruktionen. Mit der Untersuchung der jeweiligen Sprachgebrauchsmuster können solche die Geschichte des eigenen Landes problematisierenden Perspektiven detailliert herausgearbeitet werden. Erst dann ist es möglich, Schlussfolgerungen zu ziehen, wie sich Hassrede gegen andere Gruppen und ggf. Länder – im vorliegenden Falle Israel – vor dem Hintergrund dieser Perspektiven konstituiert. Nach qualitativer Erschließung dieser Muster können entsprechende Kategorien auch bei Umfragen Berücksichtigung finden. Die Untersuchung der Verzahnung von israelbezogenem Antisemitismus und Entlastung (in Bezug auf historische Verbrechen) in Kommentaren britischer und deutscher Schreiber stellt somit ein Ziel dieser Arbeit dar. Fragestellung In dieser Arbeit gehe ich der Frage nach, wie sich innerhalb der beiden, dem linksliberalen Diskurs zuzurechnenden Medien Zeit und Guardian israelbezogener Antisemitismus sprachlich darstellt. Das Hauptaugenmerk meiner Untersuchung liegt auf jenen Sprachgebrauchsmustern, die israelbezogenen Antisemitismus mit einer Stärkung des nationalen Selbstbildes verknüpfen. Hier weist die Analogie als konzeptuelles Phänomen eine 32

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Schlüsselstellung auf (zum Unterschied zwischen konzeptuellen Analogien und sprachlichen Vergleichen s. III.2.4). Mich interessiert einerseits, mittels welcher Sprachgebrauchsmuster Zeit-Kommentatoren die NS-Analogie etablieren. Kommt es im Falle der NS-Analogie zu expliziten Artvergleichen (Israel ist wie NS-Deutschland) und/oder Modalitätsvergleichen (Israel handelt wie NS-Deutschland)? Tauchen ebenso Komparativvergleiche auf (bspw. Israel ist schlimmer als NS-Deutschland)? Welche Rolle spielen implizite Vergleiche, die sich u. a. durch Auslassungen, Alternativen für den Junktor wie, onomastische Anspielungen etc. auszeichnen? Welche Sprechhandlungen und Argumentationsmuster sind im Kontext der sprachlichen Etablierungen dieser Analogie erkennbar? Und inwieweit schließen sich hier Kodierungen antisemitischer Stereotype an (zur Erläuterung der fokussierten Phänomene s. III und IV.1)? Andererseits interessiert mich, mittels welcher Sprachgebrauchsmuster Guardian-Leser Empire-, Kolonialismus- und Apartheid16-Analogien etablieren. Liegen hier explizite Vergleiche oder gar Komparativvergleiche vor? Auf welche impliziten Vergleichsmuster greifen die Schreiber zurück? Sind vergleichbare Sprachgebrauchsmuster, bspw. Auslassungen oder Anspielungen, erkennbar, wie sie bei NS-Vergleichen vorliegen? In welche Sprechhandlungen und Argumentationsmuster werden die sprachlichen Vermittlungen besagter Analogien eingebettet? Welche Stereotypkodierungen begleiten die Etablierung der Empire-, Kolonialismus- und Apartheid-Analogien? Welche Zuschreibungen und Bewertungen Israels resultieren aus der Etablierung entsprechender Analogien mit einerseits NS-Deutschland und andererseits Großbritannien (zu Zeiten des Kolonialismus und der Dekolonisation)? Welches Bild der eigenen Nation und ihrer Vergangenheit resultiert jeweils aus der entsprechenden Darstellung Israels? Liegt die negative Bewertung, die an dieses Bild des eigenen Landes gekoppelt ist, im gesamten Korpusmaterial vor? Wird die negative Bewertung durch die Äquivalenzsetzung durchbrochen? Falls dem so ist, wie wird dies sprachlich realisiert? ____________________ 16 Inwieweit Apartheid-Vergleiche auf die Geschichte Großbritanniens Bezug nehmen, also durch Hervorbringung Folgen für die Konstruktion und Bewertung der eigenen nationalen Wir-Gruppe durch britische Schreiber haben, werde ich in II.2.1, IV, insbesondere in IV.3 erläutern.

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Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede liegen einerseits in Bezug auf die soeben erfragten Phänomene pro Medium in beiden Messzeiträumen (Militäroperationen Pillar of Defense 2012 und Protective Edge 2014) vor? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zeigen sich andererseits hinsichtlich beider Medien? In welcher Häufigkeit tauchen geschichtsbezogene Vergleiche in den Zeit- und Guardian-Subkorpora auf? Hier ist also von Relevanz, neben der Form auch den Status bzw. die Akzeptanz von Hassrede zu klären. Kann von einer Normalisierung des israelbezogenen Antisemitismus in beiden Diskursen gesprochen werden? Inwieweit bemühen Schreiber noch sprachliche Vorsichtsmaßnahmen, bei denen bspw. über einen indirekten Sprechakt ein Vergleich mit NSDeutschland realisiert wird? Durch die Gegenüberstellung kann gezeigt werden, ob sprachliche Vorsichtsmaßnahmen hinsichtlich geschichtsbezogener Vergleiche im Laufe der beiden Messzeiträume schwinden. Dies wäre ein Indikator dafür, dass eine Unbefangenheit bei der Realisierung von israelbezogenem Antisemitismus in den untersuchten Diskursen Einzug hält, d. h., dass expliziter Antisemitismus auch im Mainstream beider Länder wieder sagbar wird. Gliederung der Arbeit Das Ziel dieser Arbeit ist es, Sprachgebrauchsmuster17 im Kontext des israelbezogenen Antisemitismus in zwei Web-Korpora (= vier Subkorpora) qualitativ zu untersuchen und auf diese Weise Ähnlichkeiten, Unterschiede sowie Tendenzen innerhalb von zwei landes- und milieuspezifischen Diskursen herauszuarbeiten. Um antisemitische Einstellungsmuster in Äußerungen identifizieren zu können, ist ein Grundwissen zu den zentralen Eigenschaften von Antisemitismus vorauszusetzen. Der in dieser Arbeit untersuchte Nahostdiskurs in der Zeit muss vor dem Hintergrund folgender Aspekte in den Blick genommen werden: kollektives Wissen über und Umgang mit den NS-Verbrechen, eine teils damit im Zusammenhang stehende nationale Identität, milieuspezifische Wertevorstellungen sowie die ____________________ 17 Sprachgebrauchsmuster meint hier insbesondere Äquivalenzsetzungen von Israel bzw. dessen Handeln und der historischen Rolle bzw. Verbrechen des eigenen Landes. Es werden jedoch auch Stereotypreproduktionen, Wortwahl, Sprechhandlungen und Argumentationsmuster in den betreffenden Leserkommentaren berücksichtigt.

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gegenwärtige Präsenz von Antisemitismus in weiten Teilen der Gesellschaft. Der Nahostdiskurs im Guardian muss vor allem im Zusammenhang mit einer problematisierenden Perspektive auf die nicht primär antisemitisch geprägte Geschichte Großbritanniens bei gleichzeitiger gesellschaftsübergreifender Präsenz eines israelbezogenen Antisemitismus betrachtet werden. Wie erwähnt, ist die Bewertung der eigenen Geschichte in weiten Teilen der britischen Gesellschaft als positiv zu bezeichnen. In Kapitel II werde ich auf die für das Verhältnis zwischen israelbezogenem Antisemitismus und nationalem Selbstbild relevanten Punkte eingehen. Nachdem ich einen Einblick in die Beschaffenheit der beiden landesspezifischen Diskurse zu Antisemitismus und zum nationalen Selbstbild gegeben habe, widme ich mich in Kapitel III den aus sprachwissenschaftlicher Perspektive relevanten Phänomenen, mit denen Antisemitismus vermittelt wird. Der hier vorgestellte Überblick dient dem Zweck, einerseits den kognitions- und pragmalinguistischen Zugang zu Antisemitismus zu erläutern, andererseits und damit einhergehend die verschiedenen Verbalisierungsvarianten – auch implizit vermittelte Hassrede – vorzustellen, die bei der Analyse der Zeit- und Guardian-Leserkommentare relevant sind. Nachdem ich den gesellschaftlichen bzw. milieuspezifischen Kontext sowie die sprachlich-strukturelle Beschaffenheit gegenwärtiger antisemitischer Diskurse in beiden Ländern erläutert habe, werde ich in Kapitel IV die Ergebnisse meiner qualitativen Untersuchung vorstellen. Wie erwähnt, fokussiert diese Untersuchung eine repräsentative Teilmenge israelbezogener antisemitischer Hassrede: die Etablierung von geschichtsbezogenen, Israel dämonisierenden Analogien. Zuerst stelle ich Struktur und Inhalte sprachlicher Etablierungen der NS-Analogie in Zeit-Leserkommentaren vor. Anschließend beschreibe ich Struktur und Inhalte, die sich in sprachlichen Vermittlungen jener Analogien wiederfinden, mit denen in Guardian-Leserkommentaren auf das britische Empire, auf den Kolonialismus sowie auf die (als Produkt des Kolonialismus zu bewertende) Apartheid Südafrikas referiert wird. Im Kapitel V werde ich die Ergebnisse meiner qualitativen Untersuchung zusammenfassen und einen Ausblick auf weitere notwendige Forschungsprojekte geben. Im Anhang findet sich neben einer Übersicht über das bei der Analyse verwendete Codesystem18 ein ____________________ 18 Die Kategorien, welche ich für die qualitative Analyse der Leserkommentare angelegt habe, nenne ich Codes, das Kategoriensystem dementsprechend Codesystem. Sobald es mir um die sprachlichen Vermittlungen von Stereotypen geht, verwende ich die Bezeichnungen Kodierung bzw. kodieren.

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Einführung

Überblick über die Frequenz der qualitativ untersuchten Phänomene (Häufigkeit und Verteilung sprachlicher Vermittlungen von Analogien). Dieser gibt die Präsenz der analysierten Sprachgebrauchsmuster in den untersuchten milieuspezifischen Diskursen wieder. Aus Platzgründen sind sowohl der Anhang als auch das Quellenverzeichnis nicht im Buch enthalten – stattdessen können diese online auf www.nomos-shop.de/37877 abgerufen werden. Auf den folgenden Seiten gebe ich einen Überblick über die Spezifika der untersuchten Korpora und erläutere das verwendete Untersuchungsdesign. I.1

Vorstellung des Untersuchungskorpus

In diesem Unterkapitel werde ich die beiden Medien Zeit und Guardian, ihre Rolle im Diskurs des Erscheinungslandes sowie ihre jeweilige Bedeutung für die Verbreitung israelfeindlicher bis antisemitischer Sprachgebrauchsmuster vorstellen. Darauf folgt eine Erläuterung, warum ich mich mit Leserkommentaren innerhalb dieser Medien beschäftige. Schließlich wende ich mich dem konkreten Untersuchungsgegenstand – der Textsorte Web-Kommentar – zu, lege die Gründe für die Festlegung des Datenumfangs dar und präzisiere dessen Beschaffenheit.

Auswahl der Medien Eingangs habe ich bereits die Gründe für die Auswahl der beiden Länder und des linksliberalen Milieus genannt. Neben anderen repräsentieren beide Medien – Zeit und Guardian – dieses Milieu in der Qualitätspresse des jeweiligen Landes. Die Zeit gilt als ein liberales bis linksliberales Medium, das sich primär an gebildete Leser bzw. Akademiker richtet. Das Medium tritt seit seiner Gründung im Jahre 1946 für individuelle Freiheit und sozialen Zusammenhalt ein, bemüht sich jedoch um einen grundsätzlichen „Ausgleich zwischen den politischen Lagern“ (s. Kohler 2012, EF 2016). Mit 494.646 verkauften Exemplaren im ersten Quartal des Jahres 2018 weist die Zeitung mit Abstand die größte Reichweite unter den überregionalen Wochenzeitungen auf (s. IVW 2018). Ihre Beiträge zeichnen sich durch eine im Vergleich zu Tageszeitungen größere Distanz zum Tagesgeschehen aus. Die zwischen den Beiträgen liegenden Intervalle gestatten umfassen36

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Vorstellung des Untersuchungskorpus

de Recherchen für die oft sehr ausführlichen Artikel, die seither den Charakter des Mediums maßgeblich prägen. Im Rahmen ihres Internetauftritts ergänzt die Zeitung dieses Format durch eine fortwährend aktualisierte Berichterstattung sowie durch Beiträge, die sich primär an eine jüngere Leserschaft richten.19 Ihr Erscheinungsbild sowie ihre inhaltlichen Schwerpunkte machen ihre Web-Präsenz zu einem prominenten Ort aktueller Debatten in Deutschland. In einer Expertenumfrage wurde das Medium zudem als das beste Portal im Bereich Literatur bewertet (s. Beste Bücher 2013). In Bezug auf die Berichterstattung zum Nahostkonflikt weist die Zeit im Verhältnis zu anderen deutschen Medien eine gewisse Multiperspektivität auf (s. Beyer 2016). Einerseits zeichnen sich die Artikel bspw. von Josef Joffe und Gisela Dachs durch einen differenzierten Blick auf den Nahostkonflikt sowie durch Sensibilität im Umgang mit der Gefahr antisemitischer Trends aus (s. hierzu auch Embacher/Reiter 2010: 190 ff.). Andererseits war es die Zeit, deren damalige Chefredakteurin und Mitherausgeberin Marion Gräfin Dönhoff im September 1948 (im Gründungsjahr Israels – zwei Jahre nach Gründung der Zeitung und drei Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft) in ihrem Artikel „Völkischer Ordensstaat Israel“ die NS-Analogie in Bezug auf Israel gleich mehrfach sprachlich etablierte.20 In der gegenwärtigen Nahostkonfliktberichterstattung der Zeit tauchen auch bei ihr für den deutschen Mediendiskurs typische Spezifika wie Auslassungen von relevanten Informationen bzw. eine Durchbrechung der chronologischen Abfolge von Konfliktereignissen auf. Beyer (2016: 567 f.) stellt fest, dass in der Zeit zudem deutliche Bewertungen in Bezug auf Israel vorgenommen werden und ein Ungleichgewicht bei der Wiedergabe israelischer und palästinensischer Perspektiven vorliegt. Explizierte Reproduktionen antisemitischer Stereotype, wie sie bspw. in den Karika____________________ 19 Spätestens an diesem Punkt wird ersichtlich, dass mit dem Internet die Trennlinie zwischen Tages-, Wochen- und Monatszeitungen – sofern diese über eine OnlineVersion verfügen – schwindet. Sobald man sich für eine ausschließliche Analyse von Offline-Medienberichten entscheidet, mag diese Trennlinie noch aussagekräftig sein. Angesichts der Verlagerung von Print- hin zu digitalen Medien muss jedoch die Schlüssigkeit einer kategorischen Trennung hinterfragt werden. 20 Beispielhaft soll hier ein Auszug aus dem Artikel wiedergegeben werden: „Man kann nur hoffen, dass der Schock, den der Tod des Grafen Bernadotte für die verantwortlichen Männer der Regierung Israels bedeutet, sie für einen Moment wenigstens innehalten und bestürzt erkennen lässt, wie weit sie auf jenem Wege bereits gelangt sind, der erst vor kurzem ein anderes Volk ins Verhängnis geführt hat“ (Gräfin Dönhoff 1948).

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Einführung

turen in der Süddeutschen Zeitung21 in den letzten Jahren zum Tragen kamen, sind mit Blick auf die aktuellen Forschungsergebnisse bei der Zeit jedoch nicht auszumachen.22 Die britische Tageszeitung Guardian richtet sich – ebenso wie die Zeit – an eine gebildete Leserschaft, an Akademiker und Studenten (s. Jungclaussen 2013). Sie stellt gleichfalls ein linksliberales Qualitätsmedium dar („centre-left“, s. Wells 2004), nimmt allerdings dadurch innerhalb der britischen Medienlandschaft eine Außenseiterrolle ein, da dem Großteil der britischen Tageszeitungen eine konservative Ausrichtung zu eigen ist. Hinsichtlich der Auflage stand der 1821 gegründete (damals und bis 1959 noch als Manchester Guardian bezeichnete) Guardian 2012 – nach dem Spectator und der Times – auf Platz drei unter den britischen Tageszeitungen (die Boulevardzeitungen wie Daily Mail, Daily Mirror oder The Sun nicht eingerechnet; s. Press Gazette 2012). Damals wurden 215.988 Exemplare pro Monat verkauft. Im Zuge der Digitalisierung ist diese Zahl im Januar 2018 auf 142.318 Exemplare gefallen, was indes durch die hohen Besucherzahlen des Mediums im Internet ausgeglichen wird (s. ABC 2018, Newsworks 2018). John F. Jungclaussen beschreibt den Guardian in einem Zeit-Artikel als „ein bedeutendes Meinungsorgan und eine globale Medienmarke. Nach der New York Times und der Londoner Daily Mail steht der Guardian an dritter Stelle auf der weltweiten Rangliste der englischsprachigen Nachrichtenseiten im Internet. Mehr noch: Gemeinsam mit der BBC repräsentiert er den britischen Qualitätsjournalismus.“ (Jungclaussen 2013)

Der Guardian wurde bei den British Press Awards 1999, 2006, 2011 und 2014 für sein international zur Kenntnis genommenes Engagement und seinen kritischen Journalismus zur „Zeitung des Jahres“ gewählt (s. Rawlinson 2014). Letztgenannte Ehrung fand im Kontext der SnowdenEnthüllungen statt. Die Redaktion des Guardian ist seinerzeit aufgrund ih____________________ 21 2013 und 2014 kam es zu zwei Skandalen, die von in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Karikaturen ausgingen. S. SZ-Artikel „Ist ein gehörntes Monster antisemitisch?“ vom 02.07.2013 (Spiegel-Artikel „Antisemitismus-Vorwurf wegen Karikatur. SZ bezeichnet Veröffentlichung als ‚Fehler‘“ vom 03.07.2013 (s. Augstein 2013, Spiegel Online 2013) und Spiegel-Artikel „Mark-ZuckerbergKarikatur. Antisemitismus-Vorwurf gegen Süddeutsche Zeitung“ vom 25.02.2014 (s. Spiegel Online 2014). 22 Hier muss konzediert werden, dass deutschsprachige Medienanalysen, die den Nahostkonflikt betreffen, die Zeit häufig nicht berücksichtigen. So wird das Medium bspw. bei Jäger/Jäger (2003) gar nicht erst genannt.

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Vorstellung des Untersuchungskorpus

rer Rolle bei diesen Enthüllungen von der britischen Regierung unter Druck gesetzt worden (s. FAZ 2013). Innerhalb öffentlicher Debatten kommt auch dem Guardian eine prominente Rolle zu, was maßgeblich mit seinem Internetauftritt zu tun hat (s. Halliday 2012). Der Web-Kommentarbereich Comment is free wird von seiner Leserschaft ausgiebig in Anspruch genommen.23 Im Rahmen der von mir durchgeführten Stichproben zeigte sich, dass zu manchen Artikeln über 3.000 Kommentare abgegeben wurden. Der Guardian zeichnet sich allerdings nicht nur dadurch aus, dass er der Leserschaft die mittlerweile medienübergreifend übliche Option der aktiven Partizipation bei Debatten einräumt. Die Zeitung versucht bereits seit 2011, im Rahmen eines Blogs die Leserschaft direkt in die Gestaltung von in Arbeit befindlichen Artikeln einzubinden (s. Roberts/English/Finch 2011) sowie seit 2016 über technische Hilfsmittel wie automatisierte Dialogsysteme den Austausch mit der Leserschaft zu erleichtern (s. Good/Wilk 2016). Es handelt sich insofern um ein Medium, das die Herausforderungen der Digitalisierung zu seinen Gunsten zu nutzen scheint. In Kapitel IV werde ich darauf zurückkommen, welche Konsequenzen die Intensivierung dieser Interaktionsmöglichkeiten zwischen Journalisten und Leserschaft für die Verbreitung antisemitischer Einstellungen hat. Im Gegensatz zur Zeit, auf deren Webseite sich einschlägig antisemitische Haltungen eher in den Leserkommentaren ausfindig machen lassen, können beim Guardian diese nämlich auch in den Artikeln selber festgestellt werden. Im Folgenden werde ich dieses Problem durch Beobachtungen der letzten Jahre demonstrieren: Die politische Ausrichtung des Guardian ist wie oben erwähnt als linksliberal zu bezeichnen. Er wird als Spiegel des allgemeinen Meinungsbildes der Linken in Großbritannien wahrgenommen, was ebenso für das von ihm etablierte Israelbild gilt (s. Whine 2011: 319). Hadar Sela beschreibt in ihrem 2010 veröffentlichten Artikel „Anti-Zionist and Antisemitic Discourse on the Guardian’s Comment is Free Website“ den israelfeindlichen Trend des Mediums. Dabei führt sie diesen Trend u. a. auf die Zugehörigkeit des Guardian zum linken Spektrum zurück: „Describing itself as ‚the world’s leading Liberal voice,‘ the Guardian takes a leftof-center stance. A poll by MORI in April to June 2000 showed that 80 percent of the Guardian’s readers were Labour voters. […] Since 2000, the paper has attract-

____________________ 23 Die Webseite ist unter www.theguardian.com/uk/commentisfree zu finden (Zugriff am 12.09.2016).

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Einführung ed increasing criticism of its anti-Israeli bias […] The Economist named the Guardian, together with the Independent, as one of the main examples as to why ‚[m]any British Jews are of the opinion that press reporting on Israeli policy is [so] spiced with a tone of animosity ‚as to smell of anti-semitism‘‘“ (Sela 2010)

Neben vielen anderen Medienbeobachtern (s. Gross 2011, Levick (UK Media Watch, vormals CiF Watch) 2016, s. auch Shindler 2004: 158 f., MacShane 2008: 86 ff., Kaposi 2014) problematisiert die Londoner Stiftung Community Security Trust (CST) die Rolle des Guardian hinsichtlich dessen ablehnender Haltung gegenüber Israel – eine Haltung, die letztlich Konsequenzen für Juden in Großbritannien haben kann, wenn man den Einfluss einer antisemitische Stereotype bedienenden bzw. für solche anschlussfähigen Medienberichterstattung auf die Einstellungsmuster innerhalb weiter Teile der Gesellschaft berücksichtigt (s. CST 2007–2016, s. auch Booth 2015 und Quinn 2015).24 Beispielhaft sollen hier nur zwei Ereignisse Erwähnung finden, die in den letzten Jahren Aufsehen erregt haben:25 2012, während der Militäroffensive Pillar of Defense, veröffentlichte der Guardian eine Karikatur von Steve Bell, in welcher Netanjahu als Puppenspieler, der damalige Außenminister William Hague und der ehemalige Premier Tony Blair als dessen Puppen dargestellt werden. Damit wird das Stereotyp der JÜDISCHEN MACHT26 reproduziert. Auch wenn der CST auf den antisemitischen Gehalt der Karikatur mehrmals hinwies, ist sie bis heute unter dem angegebenen Link abrufbar (s. Bell 2012, CST 2012). In einem Artikel von Donna Nevel and Marilyn Kleinberg Neimark vom 15. Mai 2014, in dem die Journalistinnen auf die Ergebnisse der 2014er ADL-Studie zu Antisemitismus weltweit eingehen, werden verschwörungsideologische Versatzstücke sichtbar und die Präsenz einer Antisemitismuskeule unterstellt. Der Titel des Artikels lautet „Anti-Semitism ____________________ 24 Im Gegensatz zu dieser von mehreren Akteuren geteilten Einschätzung des Guardian als mindestens israelkritisch ist das Buch „Disenchantment. The Guardian and Israel“ von Daphna Baram (22008) zu nennen. Der Autorin wurde mehrfach vorgeworfen, das Medium von Israelhass und israelbezogenem Antisemitismus freizusprechen. 25 Zu israelbezogenem Antisemitismus in Kombination mit Antiamerikanismus vonseiten eines Guardian-Kolumnisten s. auch Preston (2009) und Milne (2014). 26 Da es sich bei Stereotypen um Phänomene handelt, die auf der konzeptuellen, also mentalen Ebene vorliegen und mittels Sprache reproduziert werden können, werden Stereotype auf den folgenden Seiten gemäß den Konventionen der Kognitionslinguistik mit Kapitälchen angegeben (s. I.2.3, zur Definition von Stereotypen s. II).

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Vorstellung des Untersuchungskorpus

should not be waved around like a propaganda tool“ (s. Nevel/Kleinberg Neimark 2014) – eine Äußerung, in der eindeutig das Stereotyp der INSTRUMENTALISIERUNG VON ANTISEMITISMUS kodiert wird (zur Reproduktion weiterer Stereotype s. auch Whine 2011: 319, s. zudem Embacher/Reiter 2010: 206 f.). Auch und besonders vor dem Hintergrund der beiden israelischen Militäroperationen 2012 und 2014 (die mit meinen beiden Messzeiträumen zusammenfallen) veröffentlichte der Guardian zahlreiche Artikel, die Israel eine ALLEINSCHULD AM NAHOSTKONFLIKT27 unterstellen sowie für die Reproduktion weiterer antisemitischer Stereotype anschlussfähig sind (s. IV.2 und IV.3).28 Wie sich hier zeigt, bedeuten linksliberale Positionen in verschiedenen Ländern in Bezug auf das Israelbild nicht dasselbe. Die Zeit kann im deutschen Medienspektrum als multiperspektivisch eingestuft werden, auch wenn wie erwähnt Charakteristika deutscher Medien hinsichtlich eines Bias bei der Nahostberichterstattung in abgeschwächter Form auch bei ihr auszumachen sind. Der Guardian hingegen stellt im britischen Mainstream ein israelkritisches bis teils -feindliches Medium dar, in welche antisemitische Stereotype reproduziert werden. Gleichzeitig offeriert der Guardian – wenn auch vereinzelt – die Möglichkeit, eigene Standpunkte zu vermitteln. Hieraus lässt sich ableiten, dass aus Sicht der Redaktion besagten Reproduktionen nichts Brisantes anzuhaften scheint, sondern diese eher eine Variante freier Meinungsäußerung darstellen. In Bezug auf Präsenz und Ausformung antisemitischer Sprachgebrauchsmuster ist es ein lohnenswertes Unterfangen, ebenso einen Blick auf die Interaktionseffekte zwischen Artikeln und Leserkommentaren zu werfen, um zu erkennen, auf welchen Wegen israelfeindlicher Sprachgebrach in das jeweilige Medium Einzug hält. ____________________ 27 Dieses Stereotyp ist als Aktualisierung des klassischen antisemitischen Stereotyps der JÜDISCHEN SCHULD AM ANTISEMITISMUS gesehen werden. Im Kontext der aktualisierten Variante rechtfertigen Schreiber häufig die Anwendung von Gewalt gegen israelische Zivilisten oder unterstellen gar eine Mitverantwortung bspw. deutscher Juden an israelischen Regierungspraxen. Aus der Begründung von Ablehnung oder gar Gewalt gegen Juden bzw. Israelis wird die Wirkungsweise des klassischen Stereotyps greifbar. 28 Ausnahmen bilden bspw. der am 7. August 2014 veröffentlichte Beitrag „Obsessive Gaza coverage is fanning antisemitism“ des Gastautors Eylon Aslan-Levy (s. Aslan-Levy 2014) oder der Beitrag „Please don’t tell me what I should think about Israel“ der Guardian-Kolumnistin Hadley Freeman vom 8. August 2014 (s. Freeman 2014).

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Einführung

Leserkommentare als Untersuchungsgegenstand Ich werde nun erläutern, warum ich mich bei der Betrachtung von VerbalAntisemitismus für Leserkommentare im Allgemeinen und für Zeit- und Guardian-Leserkommentare im Besonderen entschieden habe. Folgender Umstand hat mich zur Wahl von Web-Kommentaren als Untersuchungsgegenstand bewogen: Die Textsorte Web-Kommentar ist im Rahmen der Antisemitismusforschung bisher kaum erforscht worden. Konsistente Analysen jener Sprachgebrauchsmuster, mit denen Web-User auf die Medienberichterstattung zum Nahostkonflikt reagieren und ggf. Antisemitismus zum Ausdruck bringen, sind bis heute trotz der Bedeutung des Internets als zentraler Kommunikationsraum für politische Debatten kaum auszumachen. Dies mag zum einen mit der relativ kurzen Zeitspanne zusammenhängen, in der Medien im Internet Reaktionen auf Artikel in Form von Leserkommentaren anbieten. Zum anderen kann dies mit dem vorschnellen Urteil zusammenhängen, dass Web-Kommentare durch die i. d. R. hohe Frequenz, mit der sie veröffentlicht werden, von anderen Web-Usern kaum zur Kenntnis genommen werden und demnach eine nur geringe Wirksamkeit entfalten können. Die Sinnhaftigkeit einer umfassenden Analyse bei der Betrachtung von Antisemitismus erscheine dann und gerade im Vergleich zu Analysen von (bspw. Mainstream-)Artikeln fragwürdig. Auch wenn eine potenziell eingeschränkte Wahrnehmung von Web-Kommentaren aufgrund der Kommunikationsspezifika im Internet zweifelsohne vorliegt, kann davon ausgegangen werden, dass Web-Debatten zwischen Lesern als Reaktion auf redaktionelle Beiträge weiterhin zunehmen. Das Web 2.0 verspricht die aktive Partizipation an Debatten – ein Versprechen, dem der Guardian mit den bereits genannten technischen Neuerungen sogar im Bereich der Konzeption von Beiträgen nachzukommen sucht (s. Roberts/English/Finch 2011). Es ist demnach wahrscheinlich, dass Web-Kommentaren auch in den nächsten Jahren eine höhere Priorität bei der Erschließung gesellschaftlicher Einstellungsmuster zukommen wird. Im Gegensatz zu den Social Media genießen Qualitätsmedien zudem den Ruf, ausgewogen und in Übereinstimmung mit positiv konnotierten Werten zu berichten. Das Bedürfnis, an einer aktuellen und anspruchsvoll-tiefgründigen Debatte teilzunehmen, scheinen Letztere insofern am ehesten befriedigen zu können. Des Weiteren muss einer Kritik an Analysen von Leserkommentaren entgegnet werden, dass in der Forschung nicht allein jene Äußerungen zu untersuchen sind, die in einem Diskurs prominent platziert und wahrscheinlich von einer hohen Zahl von Menschen zur Kenntnis genommen werden. In der Forschung ist nicht nur 42

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Vorstellung des Untersuchungskorpus

eine rezipienten- (= andere Leser), sondern auch eine produzentenorientierte (= Kommentatoren) Ausrichtung notwendig. Es gilt hier zu erkennen, was Menschen, die sich in Web-Debatten aktiv einbringen, sprachlich auf welche Weise realisieren, welche Themen wie besprochen werden, was in besonderer Weise die Aufmerksamkeit in einem bestimmten Milieu hervorlockt. Linguistische Analysen antisemitischer Web-Kommentare stellen insofern ein Desiderat dar, um Sprachgebrauchs- und folglich auch Einstellungsmuster in einer bisher nicht gewährleisteten Tiefe (und fernab von Faktoren sozialer Erwünschtheit) untersuchen zu können. Dies führt mich zum Grund für meine Wahl, Zeit- und Guardian-Leserkommentare zu meinem Untersuchungsgegenstand zu machen: Ich gehe – wie in Kapitel I erwähnt – übereinstimmend mit den Beobachtungen zu virtuellen Filterblasen (s. Habscheid 2005, Pariser 2011) sowie den Arbeiten von Schmitt-Beck (1998) und Winterhoff-Spurk (22004) zur selektiven Wahrnehmung politischer Debatten davon aus, dass Leser verstärkt diejenigen Medien frequentieren, bei denen sie Parallelen mit ihren politischen Anschauungen vermuten. Dieser These folgend, stimmen die politischen Einstellungen eines Großteils der Leserschaft mit der linksliberalen Ausrichtung der Medien Guardian und Zeit überein bzw. setzen die Leser eine entsprechende Übereinstimmung bei der Wahl des genutzten Mediums voraus. Die qualitative Analyse der Leserkommentare hat meine Vorannahme bestätigt, dass eine entsprechende Übereinstimmung hinsichtlich politischer Anschauungen vorliegt. Wenn sich also die (durch die Anonymität des Internets relativ geschützten) Kommentatoren als linksliberal positionieren, so interessiert, wie sie – trotz besagter Positionierung – verzerrenden bis antisemitischen Sprachgebrauch hervorbringen. Es erscheint sinnvoll, Antisemitismus gerade hier zu untersuchen: bei Personen, deren Selbstbild mit der Hervorbringung von Antisemitismus kollidiert. Welche Auswirkungen hat diese Positionierung auf die im Kommentarbereich der beiden Medien erkennbaren antisemitischen Äußerungen? Dies ist insofern das zweite Desiderat: Durch die Nähe der Kommentare zu linksliberalen Qualitätsmedien versprechen hier vorgelegte Detailanalysen Aufschluss zu geben über implizit vermittelten israelbezogenen Antisemitismus. Es zeigt sich aber auch, dass besagte Übereinstimmung nicht vollständig gegeben ist: Die verhältnismäßige Zurückhaltung der Zeit bei der Bewertung der Konfliktparteien im Nahostkonflikt sowie die rassismus- und antisemitismuskritische Haltung, die sich aus der politischen Positionierung des Mediums ergibt, wird zwar von einem Teil der Leserschaft gespiegelt. Dennoch liegen partielle Differenzen zwischen der Haltung der 43

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Einführung

Zeit-Journalisten und jener ihrer Leserschaft in der Bewertung der israelischen Politik vor. Ablehnende Haltungen Letzterer können den Ausdruck von israelbezogenem Antisemitismus annehmen. Es tauchen häufig – wenn auch i. d. R. abgeschwächt oder in aktualisierter Form – Reproduktionen antisemitischer Stereotype sowie Äußerungen auf, durch welche die NS-Analogie etabliert wird. Nicht zuletzt durch die Rahmung eines linksliberal zu verortenden Qualitätsmediums scheinen indes auch jene Leserkommentare, die sich durch besagten problematischen Inhalt auszeichnen, als Teil eines salonfähigen Diskurses verortet zu werden. Es liegt insofern die Gefahr verzerrender Wahrnehmungen und Bewertungen in Web-UserBeiträgen im Rahmen von gesellschaftlich etablierten Medien vor, was letztlich dadurch bestätigt wird, dass die Zeit-Moderation die meisten der von mir im Kapitel IV erläuterten Inhalte bis heute auf ihrer Webseite stehen lässt29 (sowohl bei der Zeit als auch beim Guardian folgt man dem Modell der „post-moderation“ – im Gegensatz bspw. zu BBC, wo Inhalte erst einmal geprüft werden, bevor sie veröffentlicht werden können (= „pre-moderation“, s. hierzu Hoffman 2008: 5)). Guardian-Artikel können – wie bereits erwähnt – israelkritische bis -feindliche Haltungen aufweisen. Vonseiten der Leserschaft erfährt dies Bestätigung: Der Guardian-Kommentarbereich wurde vom CST (2007 und 2008) sowie von Hoffman (2008) als einer der zentralen Katalysatoren für antisemitische Hassrede in Großbritannien genannt. Durch mit dem digitalen Zeitalter eingeläutete Interaktionsprozesse zwischen Medium und Leserschaft ist darin ein ernst zu nehmendes Problem im Sinne einer gegenseitigen Bestärkung zu sehen. Im Gegensatz zu den Verhältnissen bei der Zeit liegt beim Guardian insofern eine deutlich größere Nähe zwischen beiden Seiten – Medium und Leserschaft – hinsichtlich geteilter Perspektivierungen vor. Levick (2016) weist in einem UK-Media-WatchArtikel darauf hin, dass es laut Guardian zu einem hohen Maß an israelfeindlichen Leserkommentaren kommt, sobald das Thema Nahostkonflikt angeschnitten wird. Neben der Neuheit des Untersuchungsgegenstandes und der Spezifik linksliberaler Leserkommentare kommen folgende Aspekte hinzu: Über erwähnte „post-moderation“ werden Leserkommentare, die sich nicht an ____________________ 29 Dies kann indes auch damit zusammenhängen, dass implizit vermittelte Hassrede nach wie vor nicht problematisiert wird. Immer wieder tauchen in Zeit-Leserkommentaren bspw. rhetorische Fragen oder Anspielungen auf, die Israel dämonisieren, aber dennoch keinen Eingriff der Moderation nach sich ziehen.

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Vorstellung des Untersuchungskorpus

die Richtlinien der beiden Medien halten, gelöscht.30 Anstelle des ursprünglichen Kommentars wird eine Begründung eingefügt, warum die jeweilige Moderation die Löschung des Kommentars vorgenommen hat.31 Da mir zu jedem Artikel mehrere nach festen Intervallen abgespeicherte Offline-Versionen (mitsamt allen veröffentlichten Leserkommentaren) vorliegen, ist es mir möglich, einen Einblick in jene Kommentare zu erhalten, die der Netiquette (also den Regeln für das Kommunikationsverhalten der Leser) der beiden Medien nicht entsprachen und somit gelöscht wurden. Damit können Aussagen darüber getroffen werden, welche Äußerungen für die Moderation den Status der Sagbarkeit aufweisen und welche nicht. Gleichzeitig stellt dies eine Herausforderung bei der Analyse von Web-Kommentaren dar: Durch die Löschung getätigter Äußerungen verschiebt sich die Ausrichtung des Diskurses zwangsläufig dahingehend, dass implizite Vermittlungen von Hassrede in meiner Analyse stärker in den Vordergrund treten. Eine weitere Herausforderung ist die Länge eines Kommentars in beiden untersuchten Medien: Bei der Zeit liegt gegenwärtig eine Begrenzung von 1.500 Zeichen vor, beim Guardian ist keine Beschränkung angegeben. Oft weisen die Kommentare eine Länge von einer halben bis ganzen Seite auf. Insofern unterscheiden sich Leserkommentare bei Zeit und Guardian in ihrem Umfang bzw. in der Ausführlichkeit des Argumentierens maßgeblich von Postings auf Facebook und YouTube oder gar Tweets bei Twitter. In beiden hier untersuchten Medien zeichnen sich die Kommentare durch Header aus, die teils den ersten Teilsatz des Kommentarinhalts wiedergeben können (diese werden bei Vorstellung der Korpusbeispiele fett abgebildet). In den Kommentaren können Verlinkungen zu anderen Webseiten sowie Auszüge aus anderen Leserkommentaren vorliegen. Schreiber haben zudem die Möglichkeit, in ihren Kommentaren Lexeme und Wortverbindungen fett oder kursiv zu setzen und sie damit hervorzuheben sowie Emoticons einzufügen. Der Rückgriff auf solche Funktionen kann dem Text eine weitere Bedeutungsebene hinzufügen. Die letztge____________________ 30 Zu den Richtlinien der beiden Medien s. Webseiten http://www.zeit.de/admin istratives/2010-03/netiquette und https://www.theguardian.com/communitystandards (Zugriff am 12.11.2016). 31 Bei der Zeit lauten entsprechende Begründungen bspw.: „Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unangemessene Vergleiche und bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/ds“, beim Guardian bspw.: „This comment was removed by a moderator because it didn’t abide by our community standards.“

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Einführung

nannten Aspekte sind relevant für die Durchführung der qualitativen Inhaltsanalyse. Neben der Berücksichtigung der genannten Spezifika von Zeit- und Guardian-Leserkommentaren ist aber insbesondere die politische Ausrichtung des untersuchten Milieus und ihre Einwirkung auf antisemitische Äußerungen entscheidend. Bereits genannte Überlegungen zu einem in Großbritannien und Deutschland variierenden Verständnis von dem, was linksliberale Positionen in Bezug auf das Israelbild bedeuten, scheinen auch und besonders für den Kommentarbereich zu gelten. Eine verhältnismäßige Multiperspektivität in Bezug auf den Nahostkonflikt und eine klare Positionierung gegen Antisemitismus durch die Zeit werden von Teilen der Leserschaft nicht oder nur teils bestätigt. Ein linker Antisemitismus verbunden mit indirekten Sprechakten sowie elaborierten Argumentationsmustern wird im Sprachgebrauch der Leserkommentare erkennbar. Die Position der Israelkritik bis -feindschaft mit antisemitischen Versatzstücken des Guardian wird von seiner Leserschaft fortgeführt und maßgeblich verstärkt. Untersuchte Zeiträume Die Leserkommentare allein von zwei Medien qualitativ zu untersuchen ist ein umfangreiches Vorhaben. Im Folgenden werde ich die Gründe für die Einschränkung des Untersuchungsgegenstandes nennen. Die Themenanlässe meiner Untersuchung bilden wie erwähnt die israelischen Militäroperationen von 2012 und 2014: Pillar of Defense vom 14. bis 21. November 2012 sowie Protective Edge vom 8. Juli bis 26. August 2014. Es handelt sich also um zwei Eskalationsphasen innerhalb des Nahostkonflikts, die etwas mehr als anderthalb Jahre auseinanderliegen. Weitere Themenanlässe sind die damit einhergehenden, in dieselben Zeiträume fallenden Reaktionen aus Politik, Gesellschaft und Medien in Deutschland und Großbritannien. Es handelt sich bei beiden Eskalationsphasen insofern um „diskursive Peaks“, um internationale Medienereignisse, die es als Anlass gestatten, umfangreiches Material innerhalb kurzer Zeit sammeln zu können. Die Gegenüberstellung von zwei landes- und milieuspezifischen Korpora mit vergleichbarem Anlass – beiden Eskalationsphasen – gestattet es, über Form und Häufigkeitsverteilung antisemitischer Sprachgebrauchsmuster, also über Entwicklungstendenzen im Laufe der Zeitspanne von Herbst 2012 bis Sommer 2014 Aussagen zu treffen. Dabei wird zudem er46

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Vorstellung des Untersuchungskorpus

kennbar, inwieweit innerhalb des linksliberalen Milieus beider Länder den hier untersuchten Phänomenen von Hassrede der Status des Tabuisierten oder des Sagbaren zukommt. Durch die kontrastive Gegenüberstellung können Rückschlüsse über Gemeinsamkeiten und Unterschiede dominanter Einstellungen innerhalb der Leserschaft beider Medien gezogen werden. Zudem soll bei dieser Betrachtung u. a. interessieren, inwieweit die Schreiber entsprechende Referenzialisierungen explizit oder implizit vermitteln und ob es dahingehend Veränderungen im Rahmen beider Messzeiträume gibt. Beyer (2016: 95) kritisiert an bisherigen Medienanalysen (die sich auf journalistische Beiträge beschränkten), dass sich diese primär an Eskalationsphasen orientieren (zu bisheriger Forschung s. Bock/Filipschack 1997, Hub 1998, Behrens 2003, Jäger/Jäger 2003, Beyer/Leuschner 2010, Schwarz-Friesel 2013, Beyer 2015, Troschke 2015). Das Ergebnis, dass wir es mit einer eskalationsorientierten negativen Berichterstattung zu tun haben, ergebe sich zwangsläufig aus der ausschließlichen Fokussierung auf Eskalationsphasen, so Beyer (2016: 95). Insofern plädiert er für die Einbeziehung eskalationsfreier Phasen in die Analyse, um überprüfen zu können, ob sich Berichterstattungsmuster auch in Phasen der Entspannung wiederholen (Beyer 2016: 195). Dieser Einwand erscheint plausibel, wenn es darum geht, eine umfassende Analyse der nahostbezogenen Medienberichterstattung vorzulegen, die verschiedene Voraussetzungen berücksichtigt. Allerdings erfährt die Berichterstattung zu Israel als thematischer Nachrichtennachbar32 auch in eskalationsfreien Phasen eine Verengung. Israel wird in Medien und Öffentlichkeit primär mit dem Nahostkonflikt assoziiert (Maurer/Reinemann 2006: 147). Insofern kann davon ausgegangen werden, dass Israel selbst in jenen Phasen, die frei von Terroranschlägen oder militärischen Interventionen sind, vor dem Hintergrund des Konflikts betrachtet und bewertet wird. Beyer kommt im Fazit seiner Untersuchung der deutschen Medienberichterstattung zu ebendiesem Ergebnis: „Das bedeutet, dass die faktische Deeskalationsphase von den Journalisten nicht als entspannend wahrgenommen und wiedergegeben wird. Vielmehr wird die gewohnte Negativperspektive fortgesetzt. Die Berichterstattung erweist sich somit als weitgehend von der konkreten Entwicklung vor Ort entkoppelt, als wenig kon-

____________________ 32 Unter einem Nachrichtennachbar versteht man ein Land, über das besonders viel berichtet wird. Die Bezeichnung thematischer Nachrichtennachbar meint, dass sich „die Berichterstattung auf stets die gleichen Themen konzentriert“. In Bezug auf Israel sind dies zumeist Gewalt und/oder Terrorismus (s. Maurer/Reinemann 2006: 147, s. auch Troschke 2015: 256 f.).

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Einführung struktiv und als kaum variabel […]. Statt diplomatische Bemühungen zu honorieren, werden diese sogar z. T. ironisiert oder negiert“ (Beyer 2016: 575).

Übereinstimmend mit Beyer fokussiere ich in meinen Analysen ausschließlich das mediale Echo auf Eskalationsphasen (und nicht etwa eine Eskalations- sowie Deeskalationsphase), da von einer unveränderten Wahrnehmung von Israel durch die Medien sowie deren Leserschaft auszugehen ist. Identifikation der Kommentare Meiner Korpusanalyse liegen Leserkommentare zugrunde, die zu Artikeln der Online-Ausgaben von Zeit und Guardian (www.zeit.de und www.theguardian.com) in den o. g. Zeiträumen veröffentlicht wurden. Ich werde im Folgenden kurz erläutern, wie ich das Untersuchungskorpus zusammengestellt habe. Diese Artikel, die ausschließlich die beiden israelischen Militäroperationen und damit im Zusammenhang stehenden Ereignisse in Deutschland und Großbritannien besprechen, habe ich über Google-Alert-Aufträge und manuelle Google-Recherchen ausfindig gemacht, die sich (unter Berücksichtigung von Komposita und Flexionen) auf Suchbegriffe33 sowie die Namen der beiden Militäroperationen stützten. Hierbei wurden nicht nur Artikelüberschriften, sondern auch der Volltext der Artikel und Leserkommentare berücksichtigt. In Bezug auf die Zeit wurden im Untersuchungszeitraum 2012 54, im Untersuchungszeitraum 2014 111 Artikel (gesamt: 165), in Bezug auf den Guardian 2012 18 und 2014 69 Artikel (gesamt: 87) abgespeichert. Damit ergibt sich eine Gesamtzahl von 252 Artikeln, deren Leserkommentare ich ausgewertet habe.34 Es handelt sich dabei um alle Artikel, die in den beiden Zeiträumen von beiden Medien zum Thema Nahostkonflikt online veröffentlicht wurden. ____________________ 33 Bei den für Suchanfragen verwendeten Lexemen handelte es sich um „jud*, „jüd*“ / „jew*“, „holocaust“, „israel*“, „gaza*“, „hamas“, „nahost*“/„mideast“, „palästinens*“/„palestinian*“ und „antisemit*“/„anti-semit*“. 34 Bei pragmalinguistischen Untersuchungen, d. h. bei Analysen des Sprachgebrauchs, ist es notwendig, den Kontext bei der Analyse mit einfließen zu lassen. Insofern habe ich die Inhalte der Artikel bei der Analyse der Sprachgebrauchsmuster in den Leserkommentaren ebenso berücksichtigt.

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I.1

Vorstellung des Untersuchungskorpus

Bei der Annäherung an den Untersuchungsgegenstand Web-Kommentar stand ich vor folgenden Herausforderungen: Die genannten Artikel sind Auslöser für eine hohe Zahl an Leserkommentaren. Bei der Zeit liegen in den von mir untersuchten Subkorpora bis zu 670, beim Guardian gar bis zu 3.200 Leserkommentare pro Artikel vor. Insgesamt wurden die 252 Artikel mit 95.431 Leserkommentaren versehen (Zeit 2012: 7.106, 2014: 18.660; Guardian 2012: 12.209, 2014: 57.456).35 Um eine qualitative Inhaltsanalyse durchführen zu können, habe ich den Untersuchungsgegenstand auf rund 1.500 Kommentare pro Medium pro Messzeitraum beschränkt. Von dem Gesamtkorpus in Form von 95.431 Leserkommentaren habe ich 6.086 Kommentare ausgewählt. Dies entspricht 6,4 Prozent des Gesamtkorpus.

2012

2014

Artikel

Zeit

Guardian

54

19 (durchschnittlich 132 pro Artikel)

Kommentare

7.106

Analysiert

1.516

1.521

Artikel

111

69

Kommentare

18.660

Analysiert

1.522

(durchschnittlich 168 pro Artikel)

12.209

57.456

(durchschnittlich 643 pro Artikel)

(durchschnittlich 833 pro Artikel)

1.527

Im Quellenverzeichnis dieser Arbeit befindet sich eine präzise Aufstellung aller Medienartikel inklusive URL-Adresse und jeweiliger Leserkommentarzahl.

____________________ 35 Kommentare, die auf Israel, den Nahostkonflikt, die beiden Militäroperationen und/oder Antisemitismus Bezug nehmen, allerdings auf Zeit- bzw. GuardianArtikel reagieren, die diese Themen nicht initial besprechen, habe ich nicht berücksichtigt.

49

I.

Einführung

I.2

Methodik und Forschungsdesign

I.2.1

Die qualitative Inhaltsanalyse

Das Ziel meiner Untersuchung ist es, Sprachgebrauchsmuster, referierte bzw. angedeutete Inhalte sowie kommunikative Funktionen jener Analogien innerhalb der Leserkommentare auf den Webseiten der Qualitätsmedien Zeit und Guardian zu erläutern, durch welche antisemitische Einstellungen kommuniziert werden. Letztere stehen bei entsprechenden Analysen indirekt stets mit im Fokus, da „sprachliche Äußerungen Spuren der kognitiven und emotionalen Aktivität der Sprachbenutzer sind“ (SchwarzFriesel/Reinharz 2013: 7). In der Kognitiven Linguistik wird von der Annahme ausgegangen, dass Verbalisierungen Ausdruck mentaler Strukturen und Aktivitäten der Sprachproduzenten sind (Schwarz-Friesel 32008: 42). Um über die Analyse des Sprachgebrauchs in den von mir untersuchten Leserkommentaren Rückschlüsse auf die Einstellungen der Schreiber ziehen zu können, folge ich in meiner Arbeit den Annahmen der Kognitiven Linguistik. Die empirische Grundlage der vorliegenden Untersuchung bildet eine korpusbasierte qualitative Inhaltsanalyse. Die Gründe für die Wahl dieser Methode lauten wie folgt: Gegenwärtig stellen Korpusanalysen innerhalb der Sprach- und Kognitionswissenschaften die relevanteste Methode dar, um Sprachgebrauchsmuster zu erfassen. Ergänzend zur bereits in I erwähnten Definition können Korpora wie folgt beschrieben werden: Es handelt sich um „Mengen von Texten, die zu einem bestimmten Thema über eine spezifische Zeitspanne erfasst wurden, um (über Einzelbeispiele hinausgehend) geeignete Vergleichsdaten quantitativ sowie qualitativ analysieren zu können“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 7).

Im Mittelpunkt der qualitativen Korpusanalyse steht die Erfassung und Kategorisierung sprachlicher Erscheinungen sowie ihre Interpretation. Bezogen auf meinen Untersuchungsgegenstand ermöglicht diese Methode eine Beschreibung der inhaltlichen Grundlagen des gegenwärtigen Antisemitismus (d. h. spezifische Verbalisierungsformen antisemitischer Stereotype, Analogien und Argumentationsmuster). Auch implizit vermittelte Hassrede kann somit Berücksichtigung finden, da Sprach-, Kontext- und Weltwissen bei der Analyse der Leserkommentare mit einfließen (s. hier-

50

I.2

Methodik und Forschungsdesign

zu auch Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 9). Über Schlussfolgerungsprozesse kann der Sinn indirekter Sprechakte36 verstanden werden. Dieser Aspekt ist für die Auswahl dieser Methode ausschlaggebend, da es mir um die Analyse von indirekt bzw. elaboriert vermittelter Hassrede geht. Quantitativ ausgerichtete Untersuchungen hingegen erfassen die Frequenz spezifischer Phänomene, weisen also auf ihre Verwendungshäufigkeit im Laufe einer bestimmten Zeitspanne hin (s. Scherer 2006: 36 f., Gerhards 2010: 340 f., s. auch Bubenhofer 2009). Der Umfang der Korpora ist oft gewaltig, die Ergebnisse idealerweise repräsentativ und reliabel. Dennoch fehlt es den quantitativ ausgerichteten Untersuchungen bei der Auseinandersetzung mit Sprachgebrauchsmustern an hermeneutischer Tiefe. Im Gegensatz zu qualitativen Inhaltsanalysen können bisher in der Sprachgemeinschaft nicht konventionalisierte Formen von Paraphrasen, Anspielungen und Metaphern keine Berücksichtigung finden, da durch das Vorgehen, das sich an zählbaren, fest umrissenen lexematischen Einheiten orientiert, die Implikaturen nicht gezogen, d. h. die gemeinten, mitkommunizierten Bedeutungseinheiten nicht entschlüsselt werden können (s. III.2). Mittels quantitativer Analysen werden folglich implizite Bedeutungskomponenten nicht immer erfasst. Für die Ausrichtung meiner Untersuchung sind diese insofern ungeeignet. Dennoch werde ich in dieser Arbeit ergänzend eine quantitative Erhebung der von mir erfassten Sprachgebrauchsmuster durchführen. Sie wird Auskunft darüber geben, wie häufig bspw. Anspielungen auf das Empire im Guardian-Subkorpus von 2014 oder das Stereotyp der JÜDISCHEN SCHULD AM ANTISEMITISMUS im Zeit-Subkorpus von 2012 verbalisiert werden. Durch die Erfassung der zahlenmäßigen Präsenz der jeweiligen Sprachgebrauchsmuster erfährt meine qualitativ ausgerichtete Analyse eine zusätzliche Absicherung (s. I.2.4). In der Arbeit habe ich mehr als 6.000 Leserkommentare ausgewertet, d. h. 1.500 Kommentare pro Medium pro Jahr (s. I.1). Die systematische und tiefgehende Durchleuchtung der umfangreichen Korpora weist diverse Vorteile gegenüber der Betrachtung von aus dem Kontext gerissenen, im Umfang eingeschränkten Einzelbeispielen auf und führt zu einer Datenvalidität, da Kontext und Verhältnismäßigkeit in einem bestimmten Diskurszusammenhang Berücksichtigung finden (s. Bubenhofer 2009). ____________________ 36 Den Handlungsaspekt von Sprache, den die Sprechakttheorie beschreibt, werde in III.2.3 erläutern (s. zu besagter Theorie auch Searle 1969 und Austin 21975).

51

I.

Einführung

An dieser Stelle muss nochmals unterstrichen werden, dass die von mir untersuchten Phänomene genau für den von mir untersuchten Diskurs repräsentativ sind, d. h. sich auf die untersuchten Korpora von Zeit und Guardian und die darin befindlichen, signifikant auftretenden antisemitischen Sprachgebrauchsmuster beziehen. Diese Arbeit fördert keine Ergebnisse über den gesamtgesellschaftlichen Diskurs Deutschlands oder Großbritanniens zum Nahostkonflikt, zu Israel und zum Judentum zutage, sondern fokussiert auf den Kommunikationsraum, dem ich mich mit dieser Untersuchung zuwende. Neben der ausschnitthaften Erfassung eines milieuspezifischen Diskurses ist zudem folgende Problematik hinsichtlich der Ergebnisdarstellung gegeben: Die im Rahmen der qualitativen Analyse erläuterten Korpusbeispiele sind je nach sprachlicher Ausprägung kategorisiert. Bei der punktuellen (denn nur auf diese Weise präzisen) Vorstellung und Beschreibung der Korpusbeispiele auf den folgenden Seiten kann der Ko- und Kontext37 nicht vollständig abgebildet werden. Gerade der von mir untersuchte WebDiskurs zeichnet sich dadurch aus, dass diverse Verlinkungen sowie Verweise auf andere Kommentare im Thread vorgenommen werden und Gesprächssequenzen über mehrere Kommentare hinweg verlaufen. Es muss demnach im Ermessen des Bearbeiters liegen, wie umfassend er bspw. einen Dialog von zwei Web-Usern abbildet. Natürlich kann bei punktueller Darstellung eingewendet werden, dass die Belegbeispiele damit aus dem Zusammenhang gerissen werden und der Leser den Kotext nicht erfassen kann. Ich habe mich für diese Darstellungsform entschieden, da die Ergebnisse solcher Detailanalysen immer nur als Ausschnitt des Diskurses präsentiert werden können – ebenso wie die zugrundeliegenden Primärdaten der Korpora lediglich Ausschnitt des Sprachgebrauchs einer Sprachgemeinschaft sind. Ich lasse jedoch bei der Beschreibung eines jeden Korpusbeispiels alle für das Verständnis des Kommentars relevanten Informationen aus Ko- und Kontext mit einfließen.

____________________ 37 Unter Kotext wird der sprachliche Zusammenhang verstanden, in dem eine Äußerung steht, d. h. der Text, in dem die Äußerung eingebettet ist. Unter Kontext wird der außersprachliche Zusammenhang verstanden, in dem eine Äußerung steht – hierunter fällt auch das vom Schreiber und Leser geteilte konzeptuelle Wissen (s. hierzu Schwarz-Friesel/Consten 2014).

52

I.2

I.2.2

Methodik und Forschungsdesign

Das Codesystem

Die qualitative Inhaltsanalyse von umfassenden Web-Kommentaren muss über ein Codesystem erfolgen, das sowohl dem Umfang als auch der strukturellen sowie inhaltlichen Diversität des Untersuchungsgegenstandes gerecht wird. Für die Erfassung und Gegenüberstellung aller in der Fragestellung genannten sprachlichen Charakteristika habe ich auf das Analysetool MAXQDA zurückgegriffen – eine Software, welche die Erfassung und Kategorisierung aller relevanten Aspekte in ihrer Komplexität ermöglicht. Für die Analyse der Leserkommentare war es entscheidend, ein Codesystem zu erstellen, welches sowohl inhaltlich-konzeptuelle, funktionale, lexikalisch-semantische und pragmatische sowie medienspezifische38 Phänomene berücksichtigt. Folglich müssen auch Doppel- bis Mehrfachcodierungen vorgenommen werden. Dies stellt ein weiteres Argument dar, bei entsprechenden Untersuchungen ein Analysetool zu verwenden, welches die Erstellung eines Codesystems und damit das Vornehmen von Doppel-/Mehrfachcodierungen überhaupt erst ermöglicht. Beispiele, aus welchen Elementen diese Doppelcodierungen bestehen können, werde ich im Folgenden bei der Vorstellung des Codesystems geben. Der Stellenwert des Codesystems war im Rahmen meiner Untersuchung zentral. Beobachtungen konnten sogleich erfasst und das System kontinuierlich erweitert werden. Mit dem Analyseschritt des Codierens wurde eine präzise Durchleuchtung der Korpora ermöglicht, die für die Validität der Untersuchungsergebnisse elementar ist. Der deduktive Teil des Codesystems basiert zu einem Großteil auf den Klassifikationskriterien der Studie von Schwarz-Friesel/Reinharz (2013). Sowohl inhaltlich-konzeptuelle (antisemitische Stereotype) als auch sprachliche Phänomene (Wortwahl, Sprechakte etc.) sowie Argumentationsmuster werden dort vorgestellt und vor dem Hintergrund einer groß angelegten Korpusanalyse, also mit authentischen Sprachgebrauchsmustern en detail erläutert. Somit basieren die deduktiven Kategorien, auf die ____________________ 38 Mit medienspezifischen Phänomenen meine ich u. a. Formen der Dialogizität und Intertextualität (Verlinkungen) – Kategorien also, die Web-Kommentare bspw. von Briefen oder Printausgaben von Tageszeitungen unterscheiden. Bei der Codierung von Web-Daten muss diese Ebene berücksichtigt werden, da sie nicht nur das Bild der Web-Kommunikation prägt, sondern ihr zudem Funktionen zukommen (bspw. ein Web-Link als Rechtfertigung einer zuvor getätigten Meinungsäußerung).

53

I.

Einführung

ich in meiner Untersuchung zurückgreife, auf einer umfassenden Analyse gegenwärtigen antisemitischen Sprachgebrauchs. Es wurden zudem ergänzend die sprachwissenschaftlichen Arbeiten von Searle (1969), Grice (1975), Rodi (1975), Volmert (1989), Wills (1980 und 1989), Levinson (2000), Lennon (2001), Thurmair (2001), Wagner (2001), Pérennec (2008), Skirl (2009), Krämer/Koch (2010), Meibauer (2013) und Skirl/Schwarz-Friesel (22013) herangezogen. Bedingt durch die thematische Ausrichtung der Arbeit wurden die genannten Kategorien des Weiteren ergänzt durch Ergebnisse der sozial- und politikwissenschaftlich sowie wissenssoziologisch orientierten Antisemitismusforschung (s. Rensmann 2004, 2007 und 2015, s. auch Alter/Bärsch/Berghoff 1999, Holz 22010, Salzborn 2010a, b und 2014, Stögner 2012, Globisch 2013, Stögner/Wodak 2014, Weyand 2016a). Des Weiteren wurden induktive Kategorien angelegt, die sich auf bisher nicht beobachtete Sprachgebrauchsmuster, in besagten Studien kaum oder nicht genannte Stereotype sowie auf Phänomene beziehen, die spezifisch für die Web-Kommunikation sind. Darunter fallen textsortenspezifische Charakteristika wie Dialogizität, Affirmation und Ablehnung sowie Intertextualität durch Verlinkungen, aber auch Löschung durch die Moderation. Diese Kategorien habe ich mit Inhalten aus der Fachliteratur abgeglichen, die sich mit Internetkommunikation beschäftigen (s. Siever/Schlobinski/Runkehl 2005, Marx/Schwarz-Friesel 2013, Schwarz-Friesel 2013b, Marx/Weidacher 2014). Die in der vorliegenden Arbeit fokussierten geschichtsbezogenen Analogien, die bei Schwarz-Friesel/Reinharz (2013) bereits hinsichtlich der deutschen Ausprägungsvariante erwähnt werden (s. auch Giesel 2017), weichen im Kommentarbereich von Zeit und Guardian hinsichtlich ihrer sprachlichen Realisierungen teils maßgeblich von anderen Diskurszusammenhängen ab. Insofern verfügt mein Codesystem auch hier über induktive Kategorien, die sich im Verlauf der Analyse des Korpusmaterials formten. Das finale Codesystem besteht aus folgenden Kategorien/Codes und Subcodes:39

____________________ 39 Eine Gesamtübersicht meines Codesystems befindet sich im Anhang dieser Arbeit.

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I.2

Methodik und Forschungsdesign

1. Inhaltlich-konzeptuelle Ebene Hierunter fällt ein Großteil jener deduktiven und später induktiven Phänomene, die israelbezogenen Antisemitismus inhaltlich konstituieren. Der Code „Antisemitische Stereotype“ (Subcode 1a) setzt sich zusammen aus klassischen Stereotypen (u. a. KINDERMÖRDER, RACHSUCHT, BLUTKULT, HINTERLIST und WELTVERSCHWÖRUNG) sowie Stereotypen des Post-Holocaust-Antisemitismus (u. a. KRITIKTABU, INSTRUMENTALISIERUNG VON ANTISEMITISMUS und/oder DER SHOAH). Die von mir vorgenommene Auswahl und Platzierung der Codes resultiert aus den in Leserkommentaren beider Medien vorliegenden Reproduktionen von Stereotypen, welche die Schreiber in Bezug auf Israel vermitteln. Die Stereotype des Post-Holocaust-Antisemitismus werde ich zudem in Kapitel II näher erläutern, da diese Ausprägung von Judenfeindschaft mit Entlastungseffekten, denen ich mit dieser Arbeit nachgehe, eng verzahnt ist. Ein weiterer Code auf der inhaltlich-konzeptuellen Ebene lautet „Antiamerikanismus“ (Code 1b). Der Hass auf die USA lässt diverse Überschneidungen mit (u. a. israelbezogenem) Antisemitismus greifbar werden (s. Schwaabe 2003, Markovits 2004, Beyer 2014, Jaecker 2014, Knappertsbusch 2016). Auch wenn Antiamerikanismus nicht im Zentrum meiner Untersuchung steht, so tritt die Unterstellung einer US-amerikanischjüdischen Kooperation bis hin zur Verschwörung in den von mir analysierten Leserkommentaren frequent auf. Gerade wenn es um Kategorien unmoralischen Verhaltens geht (Hinterlist, Verlogenheit, Gier usw.), welche die Schreiber Israel unterstellen, weisen sie auf Parallelen zur USPolitik hin, was insofern an dieser Stelle die Notwendigkeit einer Codierung unterstreicht (zum Antiamerikanismus s. Diner 2003, Schwaabe 2003, Markovits 2004, Beyer 2014, Fried 2014, Jaecker 2014 und Knappertsbusch 2016). Da es mir in der Untersuchung nicht nur um israelbezogenen Antisemitismus, sondern auch um das Phänomen der erwünschten Stärkung nationaler Selbstbilder geht, liegt ein weiterer Code mit der intendiert offen gehaltenen Bezeichnung „Wir-Gruppe“ vor (Code 1c). Mich interessieren Aufwertungen der Wir-Gruppe durch Äquivalenzsetzungen. Jene Äußerungen, mit denen solcherlei Aufwertungen vorgenommen werden, sind zu vielgestaltig, als dass sich hier eine Auffächerung in diverse Subcodes lohnen würde. Eine Präzisierung erfolgt bei der Erörterung entsprechender Korpusbeispiele (s. V). Zudem sei darauf verwiesen, dass im Zuge von Doppelcodierungen bspw. NS-Vergleiche, die das nationale Selbstbild der Deutschen stärken, zusätzlich über die auf der sprachlichen Ebene lokali55

I.

Einführung

sierten Subcodes „Relativierung von historischem Antisemitismus à Entlastungsantisemitismus durch NS-Äquivalenzsetzung“ sowie u. U. über den Code „Schlussstrich“ markiert werden können.40 Dadurch wird im Zuge der Codierung der Bezug der Äußerung präziser erfasst. Der Referenz auf die Wir-Gruppe sollte indes aufgrund ihrer ausschlaggebenden Stellung innerhalb meiner Untersuchung ein separater Code zugewiesen werden. Ich habe zudem den Subcode „positiver Bezug zur Wir-Gruppe“ geschaltet. Dieser wurde u. a. dann berücksichtigt, wenn Schreiber historische Verbrechen der eigenen Nation nicht als solche perspektivieren, sondern diese lediglich nennen, um zu unterstreichen, dass das eigene Kollektiv aus der Vergangenheit gelernt habe, es folglich zu einer Läuterung gekommen sei. Das zentrale Motiv der Äußerung wäre dann nicht die Referenz auf Verbrechen, sondern die positive Wende, die auf diese gefolgt sei. Die Aufwertung der Wir-Gruppe wird vor diesem Hintergrund noch gestärkt. Neben den genannten Codes, die sich inhaltlich auf Hassrede und/oder Stärkung nationaler Selbstbilder beziehen, habe ich jene Stellen berücksichtigt, an denen Schreiber Kritik an Israel äußern oder sich solidarisch mit dem Staat geben (Code 1d). Ersteres ist dann der Fall, wenn in einem Kommentar zwar eine problematisierende bis deutlich negative Haltung gegenüber Israel erkennbar wird, jedoch weder antisemitische Stereotype reproduziert noch Äußerungen zugunsten einer Dämonisierung, Delegitimierung und/oder eines Doppelstandards hervorgebracht werden (zur Unterscheidung zwischen Kritik an Israel und israelbezogenem Antisemitismus s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 194 ff.). Eine nuancierte Kategorisierung von kritischen und solidarischen Leserkommentaren habe ich nicht vorgenommen, denn dahingehend liegt keine in dieser Arbeit zu untersuchende Problemlage vor. Dennoch erschien es mir wichtig, das quantitative Verhältnis dieser drei Phänomene (israelfeindlich, neutral, solidarisch) in der Zeit und im Guardian durch separate Codierungen spezifizieren zu können.

____________________ 40 Die Codes „Vergleich“, „Anspielung“ usw., also jene Sprachgebrauchsmuster, mit denen u. a. die NS-Analogie etabliert wird, habe ich an dieser Stelle der Übersichtlichkeit halber ungenannt gelassen.

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I.2

Methodik und Forschungsdesign

2. Funktionale Ebene Der Obercode „Funktionale Ebene“ (Code 2) beinhaltet u. a. jene Kategorien, die Sharansky (2004) in seinem „3D-Test“ behandelt: „Dämonisierung“ (Code 2a),41 „Delegitimierung“ (Code 2b) und „Doppelstandard“ (Code 2c). Es handelt sich hierbei um eine hilfreiche, wenn auch zu allgemein gefasste Kategorisierung von sraelbezogenem Antisemitismus, die zudem Sprachgebrauchsmuster in diesem Kontext unberücksichtigt lässt. Ich habe die „funktionale Ebene“ um den Code der „Dehumanisierung“ (Code 2d) erweitert und die erstgenannte Kategorie der „Dämonisierung“ induktiv aufgefächert, da gerade dieses für die Ausrichtung meiner Arbeit relevant ist: Antisemitische Analogien verorte ich innerhalb israelbezogener Dämonisierungen. Die Formen israelbezogener „Dämonisierung mittels Analogien“ (Subcode 2a) können in den von mir untersuchten Diskursen folgende Gestalt annehmen: Israel als Unterdrückerstaat, als imperialistischer Staat, Kolonialstaat, Apartheidstaat, terroristischer Staat (vergleichbar mit IS, HamasRegime etc.) und als NS-Staat. In diese Kategorie fallen insofern jene Analogien, die für meine Arbeit von zentraler Bedeutung sind (Kolonialstaat, Apartheidstaat und NS-Staat). Wie oben in puncto Doppelcodierung erwähnt, werden bspw. bei einem expliziten NS-Vergleich „Dämonisierung à NS-Staat“ (inhaltlich-konzeptuelle Ebene) zusammen mit „Vergleich à explizit“ (sprachliche Ebene, s. u.) codiert. 3. Argumentationsmuster Zu diesem Obercode zählen Abwehr (Code 3a, inkl. Leugnung und Relativierung), Umdeutung (Code 3b), Selbstlegitimierung (Code 3c), Rechtfertigung von Antisemitismus (Code 3d), Schlussstrich (Code 3e), Absowie Ausgrenzung (Code 3f). Eine Einführung in alle genannten Phänomene werde ich in III.3 vornehmen.

____________________ 41 Streng genommen gehören israelbezogene antisemitische Stereotype ebenso zum Phänomen der Dämonisierung Israels. Der Übersichtlichkeit halber habe ich mich jedoch dafür entschieden, beide Bereiche zumindest im Rahmen des Codesystems zu trennen.

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I.

Einführung

4. Lexikalisch-semantische Ebene Hierzu zähle ich alle deduktiven und später induktiven Sprachgebrauchsmuster, welche die von Ebene 1 bis 3 angeführten Phänomene vermitteln. Dazu zählen u. a. Vergleiche, Anspielungen, Präsuppositionen, Paraphrasen, Metaphern, Personifikationen, Neologismen, Hyperbeln und NSVokabular. Auch wenn es sich nicht um lexikalische Phänomene handelt, berücksichtige ich hierunter auch semiotische Aspekte wie Majuskel-Schreibweise und Emphasesignale (bspw. durch mehrmalige Eingabe von Ausrufezeichen), die als emotionsausdrückende Indikatoren gesehen werden können, sowie Anführungszeichen, die Zweifel zum Ausdruck bringen sollen (bspw.: Die „einzige Demokratie“ im Nahen Osten). Beispielhaft, da nicht im Fokus der vorliegenden Untersuchung liegend, wurden zudem emotionsbezogene Phänomene (das dem Text inhärente Emotionspotenzial, emotionsbezeichnende und -ausdrückende Lexeme (s. hierzu III.1.6), erkennbare Obsessivität, Sarkasmus, Zynismus und Empathieverweigerung) berücksichtigt, insofern es sich um relevante Elemente zur Erschließung der hier interessierenden antisemitischen Sprachgebrauchsmuster handelt. 5. Pragmatische Ebene Sprechakte gehören in den Bereich der Pragmatik (s. III.2.3). Spezifische Sprechhandlungen wie u. a. rhetorische Fragen, Ratschläge, Aufforderungen, Drohungen, ironische Sprechakte, mit denen Schreiber auf Israel Bezug nehmen, sind hierunter aufgeführt. Die einzelnen Codes auf Ebene 4 und 5 stehen natürlich nicht an sich für Antisemitismus – erst in der Doppelcodierung mit inhaltlich-konzeptuellen und/oder funktionalen Kategorien können Äußerungen antisemitischer Hassrede erfasst werden. So konstituiert bspw. die Sprechhandlung des Beschimpfens oder Drohens erst kombiniert mit der Codierung antisemitischer Stereotype sowie weiterer Ausformungen der Dämonisierung und Delegitimierung israelbezogenen Verbal-Antisemitismus.

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I.2

Methodik und Forschungsdesign

6. Medienspezifische Ebene Hierunter fallen alle Elemente, die sich auf die Spezifika der Web-Kommunikation und die Textsorte Web-Kommentar beziehen. Damit meine ich zum einen den Aspekt der Dialogizität (Code 6a). Web-User bringen nicht einfach ihre Meinung ein, sondern kommunizieren mit anderen. Die Reaktion auf einen anderen Leserkommentar kann positiv oder negativ ausfallen, was für die Beobachtung der Dynamik im Kommentarbereich des Mediums relevant ist. Die Reaktion kann Passagen aus dem vorherigen Kommentar übernehmen oder allgemein auf diesen Bezug nehmen. Ebenso kann ein Schreiber auf andere Quellen verweisen. Dies fasse ich unter „Intertextualität“ (Code 6b). Die Bezugnahme kann mittels WebLink, mittels Zitat oder durch die vage Wiedergabe des auf einer anderen Webseite Gelesenen erfolgen. Des Weiteren kann ein Schreiber einen Web-Link in seinen Kommentar einfügen und darüber seine Meinung explizit bestätigen bzw. rechtfertigen. Er kann jedoch auch lediglich einen Web-Link einfügen, ohne seinen Standpunkt zu präzisieren. Als dritter Code taucht an dieser Stelle „Löschung durch Provider“ auf (Code 6c). Sowohl die Zeit als auch der Guardian löschen – wie in I.1 beschrieben – Kommentare, die sich nicht an die Richtlinien des jeweiligen Mediums halten. Informationen über Löschungshäufungen gestatten es mir, eine Vorstellung von der Präsenz expliziter Hassrede, d. h. volksverhetzender Äußerungen zu bekommen. Die ebenso in I.1 angesprochene Präsenz mehrerer Versionen von Dokumenten erlaubt es mir zudem, in mehreren Fällen zu prüfen, welche Leserkommentare von der jeweiligen Moderation als problematisch eingestuft und infolgedessen gelöscht wurden. Das Codesystem weist eine Komplexität auf, die u. a. den Sprachgebrauchsmustern in der Textsorte Web-Kommentar Rechnung trägt. Im Folgenden werde ich erläutern, auf welche Weise ich das Codesystem entworfen und die deduktiven mit induktiven Kategorien ergänzt habe. I.2.3

Das Vorgehen bei der qualitativen Analyse

Wie erwähnt, lag mir zu Beginn der Untersuchungsphase ein auf dem aktuellen Forschungsstand basierendes deduktives Kategoriensystem vor. Dieses wurde als Codesystem im Analysetool MAXQDA angelegt. Mit diesem Tool können große Mengen an Korpusdaten eingelesen, kategorisiert, codiert sowie kontrastiv gegenübergestellt werden. 59

I.

Einführung

Es wurden alle in den in beiden Messzeiträumen veröffentlichten Zeitund Guardian-Artikel mitsamt allen Leserkommentaren abgespeichert. Dabei handelte es sich um ein Gesamtkorpus von insgesamt 252 WordDokumenten (für eine genaue Aufschlüsselung nach Medium und Jahr s. Quellenverzeichnis). Anschließend wurde dieses Gesamtkorpus in MAXQDA importiert und nach Medium und Jahr in vier Subkorpora unterteilt. Entsprechend tragen diese vier Dokumentgruppen die Bezeichnungen „Zeit 2012“, „Zeit 2014“, „Guardian 2012“ und „Guardian 2014“. Für jede Dokumentengruppe liegt eine einzelne MAXQDA-Datei vor. In Bezug auf alle vier Dokumentengruppen gab es insgesamt drei Codierdurchgänge. Im ersten Schritt der Analyse wurden in jedem Dokument die ersten zehn Leserkommentare gelesen und Textstellen den deduktiven Codes zugewiesen. Parallel dazu wurden die induktiven Kategorien gebildet, die im Rahmen diskurs- und themenspezifischer Beobachtungen entwickelt wurden. Ich folgte hierbei dem Modell für induktive Kategorienbildung der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (112010: 70). Insofern wurde in diesem Analyseschritt das Codesystem um induktive Kategorien erweitert. Letztere wurden primär in Bezug auf das sprachliche Phänomen der Äquivalenzsetzung entwickelt, d. h., die in beiden Diskursen dominant auftretenden Vergleichsmuster (explizite Vergleiche, implizite Vergleiche (durch Auslassungen, Anspielungen, Parallelismen usw.), Komparativvergleiche) bestimmten die Strukturierung der betreffenden Stellen im MAXQDA-Codesystem. Im zweiten Schritt wurden die bisher gelesenen Texte überprüft, Kategorien neu geordnet bzw. auf den Untersuchungsgegenstand angepasst und Textstellen um weitere Codierungen ergänzt. So habe ich bspw. beim Subcode „Argumentationsmuster à Ab-/Ausgrenzung“ die Referenzgruppen bei „Wir-Gruppe“ und „Gruppe der anderen“ gemäß dem prominent auftretenden Sprachgebrauch neu ordnen und ergänzen müssen. Die Schreiber der von mir untersuchten Leserkommentare verbalisieren unerwartet häufig Wir-Gruppen-Konstellationen, mit denen ich zu Anfang meiner Analyse nicht gerechnet habe. Entsprechend mussten bestimmte Textstellen, bei denen dieser Subcode relevant wurde, neu codiert werden. Im dritten Schritt habe ich schließlich pro Medium pro Untersuchungszeitraum eine Menge von ca. 1.500 Kommentaren codiert. Da der Umfang der vier Dokumentengruppen divergiert, habe ich mich bei der Quantität der von mir analysierten Leserkommentare dem Gesamtumfang der Dokumente pro Dokumentengruppe angepasst: Bei dem 2012er GuardianSubkorpus (19 Artikel) habe ich demgemäß ca. 80 Leserkommentare pro Dokument, bei dem 2014er Guardian-Subkorpus (69 Artikel) hingegen 60

I.2

Methodik und Forschungsdesign

ca. 22 Leserkommentare pro Dokument für die Analyse berücksichtigt.42 Bei der Auswahl der Kommentare (sowie deren Codierung) bin ich sowohl im Thread als auch in der Dokumentenfolge streng chronologisch vorgegangen, um den Diskurs so neutral wie möglich nachvollziehen und Phänomene im Kontext darstellen sowie Entwicklungen innerhalb der Leserdebatten (insbesondere im Falle von dialogischen Abschnitten die Reaktion anderer Schreiber) nachvollziehen zu können. Zur Anwendung der Codierung ist zudem zu sagen, dass ich konservativ codiert habe. Wenn sich folglich ein Schreiber stark ablehnend über Israel äußerte, dies aber lediglich über die Verwendung von Schimpfwörtern realisierte, ohne bspw. Stereotype oder die hier interessierenden Analogien zu vermitteln, habe ich dies als „Kritik“ codiert. Das heißt, bei unklarer Positionierung des Schreibers durch ambivalente Äußerungsformen oder durch eine zu knappe Darstellung seiner Meinung im Kommentar wurde die jeweils geringere Variablenausprägung zugeordnet. Nachdem der Codierprozess abgeschlossen war, d. h., nachdem ich zu den vier Subkorpora insgesamt etwa 6.000 Leserkommentare codiert hatte, begann ich mit der Zusammenführung der für meine Untersuchung relevanten Textstellen und führte die Erläuterung der sprachlichen Spezifika aus. Die Spezifika (sowie die Frequenz) lagen über die durch das Codesystem abrufbaren Codes in nachvollziehbarer Weise vor. Somit ließ sich die Verzahnung von inhaltlichen Phänomenen und Sprachgebrauchsmustern – trotz des großen Umfangs der Datengrundlage – darstellbar machen. Die erwähnte Zusammenführung der relevanten Korpusbeispiele markierte nicht das Ende der Analyse, sondern bildete einen wichtigen Teil derselben. Durch diesen Schritt war es mir möglich, weitere Nuancen im Sprachgebrauch zu erfassen und in meinen Erläuterungen herauszustellen.

____________________ 42 Dass zwischen den Guardian-Subkorpora von 2012 und 2014 eine starke Diskrepanz im Umfang der Artikel besteht, ist kein schwerwiegendes Problem, da hinsichtlich der Zeit-Subkorpora ein ähnliches Verhältnis auszumachen ist. Die Operation Protective Edge im Sommer 2014 stellt offenkundig ein bedeutenderes Medienereignis dar. Bei beiden Zeitungen lässt sich ein ungleich größerer Output an Artikeln im zweiten Untersuchungszeitraum feststellen (s. I.1 und besonders Quellenverzeichnis).

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I.

Einführung

Notationskonventionen Gemäß den Konventionen der Kognitionswissenschaft und Linguistik habe ich Korpusbeispiele vom Fließtext, der das Resultat eben genannter Zusammenführung und Erläuterung ist, abgehoben und durchnummeriert. Den Header eines Kommentars – falls mitzitiert – habe ich fett hervorgehoben. Angaben von Mediennamen habe ich (wie auch bisher) kursiv gesetzt. Beim Zitieren der Originaldokumente habe ich orthografische sowie grammatische Fehler nicht verändert. Sprachliche Besonderheiten habe ich im Fließtext mittels Anführungszeichen hervorgehoben. Mit eckigen Klammern habe ich Auslassungen sowie Kontextinformationen markiert, die ich für das Verständnis des jeweiligen Korpusbeispiels für relevant hielt. Phänomene auf konzeptueller, also mentaler Ebene habe ich in Kapitälchen gesetzt. Hierzu zählen Stereotype, allerdings auch die Täter- und Opferkonzepte der geschichtsbezogenen Analogien, die sich ebenso auf konzeptueller Ebene befinden (s. III.2.4). I.2.4

Quantitative Erhebung

Mit Abschluss der qualitativen Analyse der ca. 6.000 Leserkommentare betrachte ich im Zuge einer quantitativen Erhebung die Häufigkeit der qualitativ untersuchten Phänomene. Hier wird ergänzend die Präsenz der Analyseergebnisse innerhalb der beiden Diskurse dargestellt. Dabei fanden die Phänomene sowohl auf inhaltlich-konzeptueller als auch auf sprachlicher Ebene Berücksichtigung. Durch diese Erhebung ist es möglich, die Häufigkeit von Sprachgebrauchsmustern (wie explizite oder implizite geschichtsbezogene Vergleiche, Evaluationen nationaler Selbstbilder, Argumentationsmuster, Metaphern, indirekte Sprechakte usw.) zu veranschaulichen, die der Etablierung von Analogien und der Reproduktion von Stereotypen im Kontext bestimmter Themenschwerpunkte dienen. Letztere können bspw. Zeit- oder Guardian-Artikel zu Militäroperationen Israels, zu Antisemitismus in Deutschland bzw. Großbritannien sowie zu den Reaktionen der deutschen bzw. britischen Regierung auf besagte Ereignisse sein. Erst durch eine Verzahnung qualitativer und quantitativer Methoden können qualitativ erfasste Ergebnisse hinsichtlich ihrer Präsenz im Mainstream-Diskurs angemessen beschrieben werden. Dies ist von hoher Relevanz, da bei allein qualitativen Analysen von Debatten im Internet problematisiert wird, dass in den Neuen Medien potenziell Sprachge62

I.2

Methodik und Forschungsdesign

brauchsmuster jeder Art ausfindig gemacht werden können. Das Erfassen von besonders brisanten Verbal-Antisemitismen sagt insofern wenig über den Stellenwert solcher Äußerungen im untersuchten Diskurs aus. Dennoch müssen qualitative Analysen vorangestellt werden, damit für die Betrachtung der Frequenz alle Verbalisierungsmuster, die nur qualitativ erfasst werden können, Berücksichtigung finden. Bspw. kann das Stereotyp der JÜDISCHEN MACHT sprachlich in unterschiedlicher Form reproduziert werden. Diese Form kann sich permanent aktualisieren, d. h., Sprachproduzenten kreieren neue Chiffren zugunsten einer (ggf. salonfähigen oder auch milieugerechten) Reproduktion des Stereotyps. Erst mit einer Erstellung umfassender Korpora, deren qualitativer Durchleuchtung und einer abschließenden zahlenmäßigen Erfassung der Präsenz untersuchter Phänomene im gesamten Diskursauschnitt können insofern Aussagen darüber getroffen werden, welche Phänomene im Diskurs dominant auftreten und welche sprachliche Natur selbigen zu eigen ist. Die Ergebnisse der quantitativen Erhebung werden im Anhang im Rahmen von Tabellen und Diagrammen dargestellt. Ich werde mich im folgenden Kapitel II mit den landesspezifischen Diskursen in Bezug auf die Vergangenheit sowie auf israelbezogenen Antisemitismus beschäftigen. Der Kontextualisierung der in meiner Arbeit analysierten Äußerungen folgt ein Überblick über die sprachlichen Charakteristika von Antisemitismus (s. III). Anschließend werde ich das Korpusmaterial hinsichtlich der Vermittlungsweise von Analogien (s. IV) in den vier Diskursen (Zeit und Guardian, 2012 und 2014) erläutern und einander gegenüberstellen.

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

Bevor ich in diesem Kapitel auf die jeweilige Wahrnehmung der Geschichte Deutschlands und Großbritanniens sowie die Spezifika des gegenwärtigen Antisemitismus u. a. im Kontext nationaler Selbstbilder beider Länder eingehe, werde ich das Phänomen des Antisemitismus sowie dessen konzeptuell-emotionale Basis – Stereotyp und Ressentiment – definieren.43 Als Grundlage für die Beschreibung von Antisemitismus greife ich in dieser Arbeit auf die von der European Union Agency for Fundamental Rights (EUMC) vorgelegte Arbeitsdefinition von Antisemitismus zurück: „Antisemitism is a certain perception of Jews, which may be expressed as hatred toward Jews. Rhetorical and physical manifestations of antisemitism are directed toward Jewish or non-Jewish individuals and/or their property, toward Jewish community institutions and religious facilities.“ (s. EUMC 2004, s. auch IHRA 2016)

Die EUMC-Arbeitsdefinition trägt zur Bestimmung auch von israelbezogenem Antisemitismus bei und enthält jene Kategorien, die ich in Bezug auf den „3D-Test“ von Sharansky (2004) weiter unten vorstellen werde (s. hierzu II.1.3 und II.2.3). Allerdings vernachlässigt sie die Ausprägung des Post-Holocaust-Antisemitismus, der sich nach 1945 in Deutschland formte und die Grundlage des israelbezogenen Antisemitismus darstellt (s. II.1.2). Es gilt folglich, diese spezifisch deutsche Ausprägung gegenwärtiger Judenfeindschaft, die mit der NS-Vergangenheit eng verbunden ist, bei der Annäherung an den vorliegenden Untersuchungsgegenstand zu berücksichtigen, also besagte Definition bei der Analyse deutscher Sprachdaten zu erweitern. Außerdem werde ich zeigen, dass sich das Dämonisierungsrepertoire des israelbezogenen Antisemitismus im gegenwärtigen britischen Diskurs nicht allein aus Stereotypkodierungen, NS-Vergleichen sowie einer Delegitimierung des jüdischen Staates zusammensetzt, sondern Abwertungen Israels ebenso über Bezüge auf historisches Unrecht, wel____________________ 43 Zur emotionalen Dimension von Judenfeindschaft und ihrer irrationalen Komponente – Eigenschaften, denen ich mich in meiner Auseinandersetzung mit Antisemitismus nicht primär zuwende – sei hier auf Schwarz-Friesel (22013: 230 ff.) und Schwarz-Friesel/Reinharz (2013: 264 ff.) verwiesen.

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

ches von Großbritannien ausging, vollzogen werden können (s. II.2.3, IV.2 und IV.3). Um die sprachliche Realisierung des gegenwärtigen Antisemitismus definitorisch vollständig abdecken zu können, greife ich auf folgende Definition von Verbal-Antisemitismus zurück: „Als Verbal-Antisemitismus gelten alle sprachlichen Äußerungen, mittels derer Juden als Juden entwertet, stigmatisiert, diskriminiert und diffamiert werden, mit denen also judenfeindliche Stereotype kodiert und Ressentiments transportiert werden. Verbal-Antisemitismen sind demnach alle Formulierungen, in denen explizit und implizit Stereotype über Juden ausgedrückt, anti-jüdische Konzeptualisierungen und Gefühle vermittelt und tradierte judeophobe Weltbilder transportiert werden. Konzeptuelle Repräsentationen, die sich aus stereotypen Kategorienkonstrukten zusammensetzen, sind somit immer die Basis für verbal-antisemitische Äußerungen.“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 48)

Schwarz-Friesel und Reinharz verstehen unter einem Stereotyp Folgendes: „Kognitiv betrachtet ist ein Stereotyp eine mentale Repräsentation im Langzeitgedächtnis (LZG), die als charakteristisch erachtete Merkmale (Eigenschaften) eines Menschen bzw. einer Gruppe von Menschen abbildet und dabei durch grobe Generalisierung bzw. Simplifizierung eine reduzierte, verzerrte und/oder falsche Repräsentation des Repräsentierten darstellt.“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 107 f.)

Antisemitische Stereotype wurden über Jahrhunderte über die Sprache weitergegeben und formten – wie Volkov (22000: 74 f.) in Bezug auf den Antisemitismus im deutschen Kaiserreich schreibt – einen „kulturellen und kommunikativen Code“ (s. u. a. Wistrich 1992 und 2010, Schoeps/ Schlör 21996, Benz 2009, Julius 2010, Bergmann 52016, zu Verbal-Antisemitismus in Vergangenheit und Gegenwart s. auch Hortzitz 21996 und 2005 und insbesondere Schwarz-Friesel/Reinharz 2013). Antisemitismus basiert auf einem Netz von Stereotypen, welches im enzyklopädischen Wissen abgespeichert vorliegt (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 73). Verbunden sind diese Stereotype mit Ressentiments, deren Definition in Bezug auf den Fokus meiner Arbeit, der Stärkung des nationalen Selbstbildes im Zuge antisemitischer Äußerungen, entscheidend ist: „Das Gefühl der Feindseligkeit und Abwehr basiert auf einer globalen Projektion des Schlechten auf die Gegengruppe. Für ressentimentdeterminierte Menschen ergibt sich die eigene Normalität und Integrität nur aus der Projektion der Bösartigkeit auf den Anderen […]“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 114).

Die Verzahnung von Stereotypen und Ressentiments stellt ein Spezifikum des Antisemitismus dar. Was Antisemitismus außerdem charakterisiert, ist seine Eigenschaft als Weltdeutungssystem, in welchem im Zuge einer Dichotomisierung zwischen Gut und Böse Juden unterstellt wird, stets Letzteres zu repräsentieren (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 114). Durch die 65

II.

Antisemitismus und nationale Identität

Eigenschaft antisemitischer Deutungsmuster, sich den gegenwärtigen Verhältnissen immer wieder neu anzupassen, erfährt das Dämonisierungsrepertoire eine Aktualisierung, weshalb als negativ evaluierte Phänomene auf die Gruppe der Juden projiziert werden können (s. auch Horkheimer/Adorno 162006: 196 ff., Frindte/Wammetsberger 2008). Damit gewinnt der Sprecher bzw. die Wir-Gruppe eine ggf. beschädigte Integrität zurück (zu Projektion s. II.1.2). Im Folgenden werde ich zuerst auf die Spezifika des deutschen Diskurses eingehen, wobei ich den Umgang mit der NS-Vergangenheit, daraus resultierende nationale Selbstbilder sowie gegenwärtige Formen von Antisemitismus thematisieren werde. Letztere Aspekte sind mit dem Wissen um die NS-Verbrechen und den sich daraus ergebenden Konsequenzen für das Kollektiv der Deutschen eng verbunden (s. Schmidt-Denter 2011). Eine Stärkung dieses Selbstbildes geht – neben selbstlegitimierenden gesellschaftspolitischen Positionierungen – häufig mit einer Relativierung dieser Verbrechen einher (s. Ahlheim/Heger 2008, Frindte/Wammetsberger 2008, Imhoff 2010, Decker/Kiess/Brähler 2012). Dies ist ein Aspekt des Post-Holocaust- sowie des ihm inhärenten israelbezogenen Antisemitismus – der in Deutschland vorherrschenden Ausprägung der Judenfeindschaft (s. Wetzel 2014: 25). Deren sprachliche Vermittlung lässt sich auch in meinen Zeit-Korpora häufig ausmachen.44 An eine Relativierung schließt sich die Funktion der Entlastung des Kollektivs und/oder des Schreibers an (s. IV und IV.1). Dementsprechend ist in der Forschung die Rede vom Entlastungsantisemitismus (s. I, s. auch Schapira/Hafner 22007, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 160 f.). Im deutschen Kontext wird dieser i. d. R. mittels Etablierung der NS-Analogie (und diese wiederum hauptsächlich45 durch Täter-Opfer-Umkehrungen) realisiert. Mit dem Referenzobjekt Israel konnte diese Ausprägung des Antisemitismus in allen Milieus der deutschen Gesellschaft gestärkt werden – darunter auch innerhalb der Linken (s. Globisch 2013: 43, s. auch Haury 1993, 2002, 2004a und b, 2005, Kloke 21994 und 2015). ____________________ 44 Der prominente Status dieser beiden Ausprägungen von Antisemitismus im gegenwärtigen deutschen Diskurs veranlasste mich, auf eine Erläuterung der Herausbildung von Antisemitismus vor 1945 zu verzichten. Die Darstellung von Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus in Großbritannien hingegen wird – nicht zuletzt aufgrund offenkundig verzerrender Wahrnehmungen von Antisemitismus in der britischen Geschichte – bis ins Mittelalter zurückreichen (s. II.2.3). 45 Zu Ausnahmen, d. h. NS-Vergleichen, bei denen das historische Opfer- nicht mit dem gegenwärtigen Täterkonzept übereinstimmt, s. IV.1.

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

Nach der Erläuterung deutscher Verhältnisse wende ich mich Großbritannien zu: Zum einen werde ich das Empire als die im kollektiven Gedächtnis Großbritanniens präsente historische Ära, als Bezugspunkt und Fundament für Identifikation mit der nationalen Wir-Gruppe und für Nationalstolz vorstellen; zum anderen werde ich den Umgang mit dieser Ära erläutern, der gesellschaftsübergreifend als affirmativ beschrieben werden kann. Der Diskurs des linksliberalen bis linken Milieus fällt indes heraus, da hier eine Problematisierung historischer Verbrechen zu erkennen ist. Diese ist im britischen Diskurs nicht per se mit antisemitischen Einstellungsmustern verzahnt. Sobald diese Verbrechen indes mit Bezug auf Israel thematisiert werden, entfalten sie ein antisemitisches Potenzial, bei dem im Zuge einer Dämonisierung Israels als anachronistisches, rückständiges Kolonialprojekt mit unterstellter voll entfalteter rassistischer Agenda der jüdische Staat abgewertet und ausgegrenzt wird. Zudem aktivieren diese Projektionen (historische Verbrechen) relativierende und (die britische Wir-Gruppe) entlastende Funktionen. Insofern sind bei der Analyse von israelbezogenem Antisemitismus entsprechende geschichtsbezogene Analogien als Ergänzung des gegenwärtigen Dämonisierungsrepertoires zu berücksichtigen. Sich auf diese Weise äußernde Schreiber werten sich bzw. die nationale Wir-Gruppe auf, indem sie sich sowohl von historischen Verbrechen als auch scheinbar von Kodierungen antisemitischer Stereotype distanzieren. Infolgedessen können sie israelfeindliche Beiträge in jenen Mainstream-Diskurs einführen, in welchem Akteure das bisherige, gegen Israel hervorgebrachte Dämonisierungsrepertoire zurückgewiesen haben. II.1 II.1.1

Deutschland Die NS-Zeit als dominanter Bezugspunkt in der deutschen Geschichte

In der deutschen Nachkriegszeit kommt den NS-Verbrechen eine wesentliche Bedeutung für die Konstituierung einer nationalen Identität zu, weshalb in der Forschung hinsichtlich der Auseinandersetzung mit selbigen nach 1945 als Grundlage für das Selbstverständnis beider deutschen Staaten von einer „zweiten Geschichte“ des Nationalsozialismus gesprochen wird (s. Reichel 2001: 9 f.). Der erste Schritt bei dieser Auseinandersetzung war deren juristische Aufarbeitung, die in den vier Besatzungszonen unterschiedlich umgesetzte Politik der Entnazifizierung (neben Reichel 2001 s. u. a. Reichel/Schmid/ 67

II.

Antisemitismus und nationale Identität

Steinbach 2009, Taylor 2012), die Rehabilitation und Entschädigung der Opfer (hier hat sich das problematische Kompositum Wiedergutmachung etabliert, s. Hockerts 2013) sowie die geschichtswissenschaftliche Erforschung. Letztere zeichnete sich teils durch apologetische Züge in Form einer Schuldrelativierung aus (s. bspw. Arbeiten von Friedrich Meinecke, Gerhard Ritter und später jene von Ernst Nolte im Kontext des Historikerstreits 1986, zu Kritik an Letzterem s. Habermas 1986). Die beiden deutschen Staaten konnten allein durch die Distanzierung von den NS-Verbrechen mit einer Überwindung ihrer Ausgrenzung bzw. einer von ihnen angestrebten Wiedereingliederung in die Staatengemeinschaft und damit Normalisierung der Verhältnisse rechnen. Der Umgang mit der NS-Vergangenheit unterschied sich in der BRD und der DDR allerdings maßgeblich: Während die BRD „die Erbschaft des Nationalsozialismus“ (Reichel 2001: 17) widerstrebend annahm (s. auch Frei 1999 und 2005), verstand sich die DDR „als Sieger der Geschichte“ (Reichel 2001: 13), da sie – im Gegensatz zur BRD – den Nationalsozialismus klar überwunden habe. Antisemitismus wurde von vornherein externalisiert. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit ihm und der deutschen Schuldfrage kam nicht zustande. Stattdessen war der Umgang mit der Vergangenheit nicht zuletzt im öffentlichen Diskurs geprägt vom Antifaschismus als selbstlegitimierende Staatsideologie (s. Mertens 1995, Haury 2002, Wolfrum 2008, Wiegmann 2013). Nicht nur der politisch, sondern auch gesellschaftlich realisierten Abgrenzung vom Nationalsozialismus und insbesondere vom Holocaust kam und kommt eine grundsätzliche Bedeutung für eine gegenwärtige Identitätsbildung durch Neuorientierung zu (s. Buß 2009: 33 und 46). Allerdings erfolgte die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit (ebenso juristische Maßnahmen in Form der Auschwitzprozesse) in der BRD verspätet, nämlich zum Ende der 1960er Jahre (s. u. a. Frei 2005). Die Aufarbeitung der Verbrechen vonseiten deutscher Trägerinstitutionen wurde zudem nicht tiefgreifend durchgeführt (s. Kämper 2005 und 2007). Für beide deutsche Staaten gilt, dass die NS-Vergangenheit im öffentlichen Diskurs – abgesehen von Opfergruppen – meist totgeschwiegen wurde (s. Wolfrum 2008). Heute ist für viele nicht das historische Ereignis des Holocaust, sondern der gesellschaftliche Umgang mit selbigem entscheidend. Im Zuge der Analyse von Gruppeninterviews sprechen Gerhards/Breuer/Delius (2017: 188 ff.) hinsichtlich der mit dem Thema einhergehenden Deutungsmuster von einem Lern- und Belastungsparadigma. Gemäß dem Lernparadigma wird eine Erinnerung an den Holocaust als notwendig erachtet. Im Belas68

II.1

Deutschland

tungsparadigma hingegen wird allein die aus der Erinnerung resultierende Last für die nationale Wir-Gruppe fokussiert (Gerhards/Breuer/Delius 2017: 189).46 Im Zusammenhang mit einer entsprechenden Problematisierung des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Holocaust kann folgendes Zitat eingeordnet werden: „Auschwitz scheint nur noch als antideutsche Anklage Bedeutung zu haben, nicht mehr als reale Barbarei“ (Brumlik/Funke/Rensmann 2000: 36, zu antideutschen Perspektiven auf die deutsche Geschichte s. Haury 2004b). In der Forschung wird die aus dem Holocaust erwachsene Belastung als Grund für ein schwaches Selbstwertgefühl unter Deutschen dargestellt. Dies wiederum führt zu Identifikationsproblemen mit der nationalen WirGruppe (s. Schmidt-Denter 2011, Braun 2012). Die Rolle des Holocaust muss insofern in Verbindung mit kollektiven Schuldgefühlen gesehen werden (s. Embacher 2005: 33). Es kommt infolgedessen zu einer Abwehrhaltung, zu Relativierungen der deutschen Schuld (s. Welzer/Moller/Tschuggnall 2002, Adorno [1955] 22003, Longerich 2006, Lohl 2010), zu Empathieverweigerung gegenüber Verfolgten sowie zu Überdruss und dem Bedürfnis nach einem Schlussstrich (s. u. a. Seidel 2004, Rothe 2009). Die genannten Beobachtungen stellen Aspekte des Post-HolocaustAntisemitismus dar, auf die ich im folgenden Abschnitt zu sprechen kommen werde. Brumlik, Funke und Rensmann verwenden in ihrer Studie, die sich u. a. auf die Debatte um Martin Walsers Paulskirchen-Rede und den Streit um das Berliner Holocaust-Mahnmal bezieht, den Terminus Abwehraggression und meinen damit „die nach aussen gekehrte Wut auf diejenigen, die an die unerwünschten Seiten der eigenen bzw. kollektiven Vergangenheit erinnern oder diese repräsentieren“ (2000: 6). Studien der letzten Jahre zeigen, dass 60 Prozent der Deutschen Nationalstolz empfinden (s. Sadigh 2009, beruhend auf Buß 2009). In den Studien von Buß (2009) und Schmidt-Denter (2011) brachten die Befragten ihre Vorstellung von einem weltoffenen, geschichtssensiblen Deutschland zum Ausdruck. Sobald indes bei der Betrachtung der NS-Vergangenheit das o. g. Belastungsparadigma vorherrschend ist, also in Zeiten eines auf____________________ 46 In diesem Kontext ist das Kompositum Vergangenheitsbewältigung (welches ich im Titel dieser Arbeit distanzierend mit Anführungszeichen verwende) zu nennen. Der Gebrauch dieses Lexems wurde und wird in der Wissenschaft äußerst ambivalent bewertet (s. Eitz/Stötzel 2007 und 2009 sowie Reichel 2001 und Reichel/Schmid/Steinbach 2009). Über Arendt (1986) bis hin zu den Mitscherlichs (2007) wurde in diesem Zusammenhang das Bedürfnis nach einer Verdrängung problematisiert.

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

kommenden Nationalstolzes der Holocaust als wesentliches Hindernis für eine Identifikation mit der nationalen Wir-Gruppe wahrgenommen wird, kann Normalität und Entlastung allein über Relativierung bis Leugnung der NS-Verbrechen oder über ihre Projektion auf andere erfolgen (s. auch Schmidt-Denter 2011). Die Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2015 stellt fest, dass 55 Prozent (2007: 58 Prozent) der befragten Deutschen der NS-Vergangenheit den Rücken zukehren wollen (s. Bertelsmann 2015: 24 f., Witsch 2015). Besonders junge Menschen (67 Prozent der unter 40-Jährigen) fordern einen Schlussstrich; 79 Prozent der 18- bis 29-jährigen Befragten würden sich ärgern, dass sie „für die Verbrechen Deutschlands an den Juden verantwortlich gemacht w[ü]rden“ (Bertelsmann 2015: 25 f.). Laut Studie sehnen sich junge Deutsche danach, dass die Zugehörigkeit zum deutschen Kollektiv als etwas „Normales“ gelte – der Holocaust solle „zwar als dunkles Kapitel in der eigenen Geschichte, aber nicht als wesentlicher Teil der nationalen Identität“ (Witsch 2015) gesehen werden. Entsprechend stellt die 2014 an der Berliner Humboldt Universität durchgeführte Studie „Deutschland postmigrantisch I. Gesellschaft, Religion, Identität“ heraus, dass 85 Prozent der Befragten antworten, sie würden Deutschland lieben (Faroutan/Canan/Beigang 2014: 6). Auf die Frage, welches historische Ereignis Deutschland am stärksten beschreiben würde, nannten die meisten die „Wiedervereinigung“, das Wirtschaftswunder sowie die Fußballweltmeisterschaft von 2006 (zu Letzterem s. auch Sadigh 2009) – anders verhalte es sich mit der Bedeutung des Holocaust im kollektiven Gedächtnis: „Die in der Öffentlichkeit vorherrschende Wahrnehmung, nach der Deutschland bis heute lediglich eine negative Identität und kontinuierliche Schuldgefühle aufgrund des Holocaust habe, kann empirisch nicht mehr aufrechterhalten werden. Dies ist besonders auffällig vor dem Hintergrund, dass an den Holocaust selber nur 0,5 Prozent denken, wenn sie die obige Frage beantworten.“ (Faroutan/Canan/ Beigang 2014: 21)

Die Bezugnahme auf die NS-Zeit – so wird indes mit Blick auf die zweite, 2015 folgende Studie deutlich – liegt bei den 16- bis 25-Jährigen bei 25,5 Prozent, bei den über 25-Jährigen bei 15,5 Prozent und folgt damit gleich auf das Ereignis der „Wiedervereinigung“ (Faroutan/Canan/Beigang 2015: 42). Gleichzeitig wird erkennbar, dass der Holocaust als Ereignis erneut von lediglich 0,4 bis 0,5 Prozent der Befragten genannt wurde. Insofern unterscheiden die Befragten zwischen NS-Zeit und Holocaust, wobei dessen Bedeutung für die Konstituierung einer nationalen Identität der Deut-

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II.1

Deutschland

schen von kaum einem Befragten der Studie angegeben wird (s. Faroutan/ Canan/Beigang 2015: 44). Der Bezug zum Holocaust wird – wie andere Studien zeigen (s. u. a. Bertelsmann 2015: 37 ff.) – vorrangig bei der Thematisierung des Nahostkonflikts oder auch von gegenwärtigem Antisemitismus in Deutschland hergestellt. Die NS-Vergangenheit und der Holocaust determinieren insofern maßgeblich die Wahrnehmung von jüdischem Leben und Antisemitismus in Deutschland sowie von Israel. Insbesondere diese Wechselwirkung führt zu Ausprägungsvarianten des Antisemitismus, die ich in den folgenden Abschnitten vorstellen werde. II.1.2

Post-Holocaust-Antisemitismus in Deutschland

Bevor ich die Spezifika des Antisemitismus nach 1945 erläutere, möchte ich folgende Aspekte hervorheben: Zum einen konstituierte sich Antisemitismus über nahezu zwei Jahrtausende und wird somit als „ältester Hass“ (Wistrich 1992) bezeichnet. Dabei passte er sich den jeweiligen historischen Rahmenbedingungen kontinuierlich an (s. Bergmann 52016: 10 ff., s. auch Benz 2009 und Julius 2010). Seine Anpassungsfähigkeit wird u. a. in Bezug auf den deutschen Kommunikationsraum im 20. Jahrhundert erkennbar, als expliziter Judenhass zum ersten Mal in der deutschen Geschichte mit einem Tabu belegt wurde. Zum anderen ist allen Ausprägungen von Judenfeindschaft der Aspekt der Differenzkonstruktion zu eigen: Das antisemitische Stereotyp JUDEN ALS DIE FREMDEN/DIE ANDEREN ist ein „Kategorisierungs- und Entwertungskonzept, das über zwei Jahrtausende in diversen Abwandlungen erhalten geblieben ist“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 105). Entsprechend wurden Juden ab der Antike und insbesondere ab dem Mittelalter im Rahmen des Antijudaismus als Christusmörder beschuldigt und als die Anderen, Fremden und Schlechten, als der ultimative Feind, angesehen (vgl. Benz 2009, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013, Bergmann 52016). Die Ausgrenzung von Juden wurde zur damaligen Zeit religiös begründet. Im Zeitalter des Nationalismus, währenddessen die Idee eines völkisch-nationalen Homogenitätsideals aufkam, wurde eine Differenzierung zwischen einer nationalen Wir- und einer jüdischen Fremdgruppe vorgenommen. Juden wurden als Kollektiv klassifiziert, welches homogen sei und außerhalb der nationalen Ordnung stehe. Auch hierbei kamen Projektionsbedürfnisse zum Tragen, da dem Anderen der eigene Mangel nachgesagt wurde (s. Grunberger/Dessuant 1997: 262 ff., Salzborn 2015). Der um einige Jahrzehnte später einsetzende ras71

II.

Antisemitismus und nationale Identität

sistische Antisemitismus verflocht sich mit dem Nationalismus zu einem völkisch-rassistischen Antisemitismus. Die antijudaistische Judenfeindschaft wurde damit je nach gesellschaftlichem Milieu und Weltsicht der Träger durch eine säkulare Dimension erweitert, teils überlagert oder auch von dieser abgelöst. Der Rassenantisemitismus machte Juden zu einer Rasse, der in der Folge eine prinzipielle Andersartigkeit unterstellt wurde (s. Bergmann 2001: 38, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 65 ff.). Insbesondere bei der Wahrnehmung der nationalen als völkische Ordnung, bei der nicht politische Überzeugungen, sondern eine durch Sprache, Kultur, Religion und Geschichte oder Abstammung konstruierte Gemeinschaft unterstellt wird, kann eine antisemitische Homogenität behauptet werden (s. Salzborn 2010b). Diese Beobachtung ist umso bedeutender, wenn berücksichtigt wird, dass der Nationalismus als „eines der mächtigsten, wenn nicht das mächtigste soziale Glaubenssystem des 19. und 20. Jahrhunderts“ (Elias 21994: 194, s. auch Koselleck 1992, Anderson 1983, Wehler 2001) beschrieben werden kann. Dass hinsichtlich des Antisemitismus in Großbritannien der Aspekt erdachter nationaler Konstruktionen ebenso – und nicht nur in Deutschland – bedeutsam ist, erkennt man an der ausgrenzenden Perspektivierung von Juden als Deutsche und insofern NichtBriten im Großbritannien des 19. und 20. Jahrhunderts (s. hierzu II.2.3). Nach dem Holocaust haben sich die Bedingungen für die Kommunikation von Judenfeindschaft indes verändert. Er führte im Nachkriegsdeutschland zu einer Neubestimmung des Umgangs mit Juden.47 Dennoch ist Judenfeindschaft nach den Jahrhunderten des christlichen Antijudaismus und des völkisch-rassistischen Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert nach 1945 bis in die Gegenwart präsent – wenn auch häufig in aktualisiert-chiffrierter Form (s. u. a. Wistrich 1992 und 2010, Rensmann 2004, Kämper 2005 und 2007, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013, Bergmann 5 2016). Auch mit Blick auf die Nachkriegsdiskurse wird die Funktion der Abgrenzung zwischen den Deutschen und den Juden, also eine Korrelation zwischen Nationalstolz bzw. Nationalismus und Antisemitismus, deutlich (s. Rensmann 2004, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 98 f.): „Je ausgeprägter das völkische Denken, der Nationalismus, ist, desto ausgepräg____________________ 47 In der Bundesrepublik Deutschland diente dies dem Beweis für eine Distanzierung vom Vernichtungsantisemitismus unter dem Nationalsozialismus sowie für eine einsetzende Demokratisierung (s. Bergmann/Erb 1991). Dies wiederum versprach internationale Anerkennung, folglich politische Souveränität sowie eine Normalisierung im Umgang mit der eigenen nationalen Wir-Gruppe (s. auch Globisch 2013).

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II.1

Deutschland

ter sind auch die modernisierten und sekundären antisemitischen Einstellungen“ (Frindte/Wammetsberger 2008: 38, s. auch Bergmann 1999: 149 ff.). Diese Wechselwirkung zwischen Nationalstolz und Antisemitismus wird des Weiteren in den Ergebnissen der in II.1.1 vorgestellten Umfragen erkennbar. Entsprechend heißt es bei Rensmann (2004: 27), dass Antisemitismus in Deutschland „aufs innigste mit Fragen der Generierung und Rekonstruktion ‚nationaler Identität‘ verbunden“ ist. Weiter heißt es dort: „Die Tendenz, nationale Identitätskonstruktionen zu re-mobilisieren […] hat […] im letzten Jahrzehnt international zugenommen“ (Rensmann 2004: 32). Hier werden Nationalismus und Antisemitismus unter den „ ‚klassische[n]‘, moderne[n] Ideologien in der postmodernen Periode“ als „beharrliche, teils wiederauflebende Phänomene“ beschrieben (Rensmann 2004: 33). Exemplarisch führt Rensmann u. a. die vielfach kritisierte Diskussionsveranstaltung mit Gerhard Schröder und Martin Walser unter dem Titel „Nation. Patriotismus. Demokratische Kultur: Wir in Deutschland“ an, in der – ausgelöst von Walsers Schlussstrichforderungen – eine Diskussion um die Möglichkeit einer Neubestimmung Deutschlands im Umgang mit der NS-Vergangenheit allein schon durch die kontextuelle Rahmung legitimiert wurde (Rensmann 2004: 14, s. auch Winkler 2002). Ereignisse dieser Art, denen ein Ringen um Neupositionierung im Umgang mit den NS-Verbrechen anzusehen ist – eine Neupositionierung, die sich aus dem Status des Geläuterten durch einen abgeschlossenen Lernprozess ergeben würde –, veranschaulichen den engen Zusammenhang zwischen nationaler Identität und Antisemitismus in einer postnazistischen Gesellschaft (s. auch Bergmann 1999: 150). Im Kontext antisemitischer Wahrnehmungsmuster würde eine Normalisierung deutscher Verhältnisse dann eintreten, wenn durch den behaupteten Abschluss des Lernprozesses die Notwendigkeit des Sicherinnerns durch das deutsche Kollektiv verschwindet (also ein Schlussstrich gezogen wird), wenn die Shoah als das Hindernis für eine positive nationale Identität (bspw. durch Kontextualisierung der NS-Verbrechen innerhalb anderer Verbrechen anderer Nationen) relativiert oder gar geleugnet wird. Daraus wiederum können sich neue bzw. aktualisierte traditionelle Vorwürfe gegenüber Juden formieren. Zu den Stereotypen des Post-Holocaust-Antisemitismus48 gehören Unterstellungen gegenüber Juden, sie seien an den NS-Verbrechen selbst ____________________ 48 Die Bezeichnung sekundärer Antisemitismus, wie die deutschsprachige Antisemitismusforschung häufig eine Form des Antisemitismus nach 1945 benennt (s.

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

schuld, würden aus diesen Vorteile ziehen oder hätten diese gar erfunden. Gegenwärtiger Antisemitismus erwachse aus jüdischer Unversöhnlichkeit, Rachsucht und einem als ungerecht empfundenen Erinnerungskult. Der Nachkriegsantisemitismus beinhaltet zudem den Zweifel an der Richtigkeit und Gerechtigkeit des gängigen Geschichtsbildes. Dieses und die Schmach, die daraus für die Deutschen erwachse, müsse für jemanden eine Funktion erfüllen – eine Frage nach dem Verantwortlichen oder auch Nutznießer, deren Beantwortung häufig mit der Kodierung antisemitischer Klischees einhergeht (s. Haury 2002: 124, Rensmann 2001, Salzborn 2010a und b, Lohl 2017). Dieser Konstruktion folgend, würden Juden einen maßgeblichen Einfluss auf die deutsche Politik und die Medien ausüben; außerdem würde von Letzteren ein affirmativer, selbstbeschränkter Umgang mit Juden bzw. Israel ausgehen. Dies werde bestärkt durch einen Juden unterstellten Habitus, sich permanent als Opfer zu gerieren und im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen als Mahner aufzutreten. Zudem würden Juden ein Kritiktabu einfordern, welches ihnen im Allgemeinen oder Israel im Speziellen komplette Handlungsfreiheit zusichere. Die Natur dieser Stereotype lässt die Adaptabilität von Antisemitismus erkennbar werden (s. hierzu auch Salzborn 2010a: 221 ff., zu Philosemitismus s. Diekmann/Kotowski 2009): Der Vorwurf, Juden würden Kapital aus der Shoah schlagen, stellt eine Aktualisierung der klassischen Stereotype der GELD- und MACHTGIER dar; der Vorwurf, unverhältnismäßig oft zu ermahnen, entspricht einer Parallele zum Stereotyp des JÜDISCHEN STÖRENFRIEDES. Deutsche seien erneut Opfer jüdischen Betruges – nach 1945 in Form von Zahlungsforderungen und Geschichtsfälschungen in Bezug auf die Shoah. Auch der sich in der Nachkriegszeit formierende Philosemitismus, bei dem antisemitische Zuschreibungen eine Umkehrung erfuhren (die ihrerseits wiederum in antisemitisches Denken umschlagen kann), legt von dieser Kontinuität Zeugnis ab (s. Rensmann 2004: 86 ff., s. auch Stern 1991a und b, Diekmann/Kotowski 2009). Dies zeigt einmal mehr, dass Antisemitismus „mehr als ein antijüdisches Programm, mehr als eine judenfeindliche Bewegung“ (Rürup 1975: ____________________ Benz 2004, Bergmann 52016), wird hier in Übereinstimmung mit Schwarz-Friesel/Reinharz (2013) vermieden. Termini wie primär (für klassischen Antisemitismus) und sekundär können suggerieren, es handele sich bei dieser Form des Antisemitismus um etwas Zweitrangiges, ggf. beschreibbar als ein weniger gefährlicher Antisemitismus. Sekundär bezieht sich hingegen auf die Verlagerung der Begründung für Antisemitismus und die veränderte psychische Funktion (die Befreiung von Schuldgefühlen).

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II.1

Deutschland

91, s. auch Rensmann 2004: 73 ff.) ist, wie sie in der NS-Zeit kulminierte. Er ist keinesfalls allein auf bestimmte historische Phasen beschränkt, sondern stellt durch seine Jahrhunderte währende Tradierung vielmehr ein Glaubenssystem, eine sich permanent anpassende Weltanschauung dar (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 36). Bezogen auf den Umgang mit Antisemitismus nach 1945 schreiben Schwarz-Friesel/Reinharz (2013: 91): „Es kam nach 1945, als das Ausmaß der Verbrechen an den Juden weithin bekannt und deutlich wurde, keineswegs zu dem tiefgreifenden Wandel im kollektiven Bewusstsein, den dieser Zivilisationsbruch hätte einleiten müssen.“

Dem Wissen um das Ausmaß der NS-Verbrechen schloss sich keine tiefgehende, kritische Auseinandersetzung mit der Dimension des Antisemitismus, mit den Motiven der Judenfeindschaft an – vielmehr wurde die eigene Schuld minimiert, also abgewehrt und diese allein auf die nationalsozialistische Gewaltpolitik projiziert (s. Stern 1991a und b, Wolgast 2001, Rensmann 2004 und 2015, Kämper 2005 und 2007, Longerich 2006, Dörner 2007). Auch in den deutschen Trägerinstitutionen konnten diese Tendenzen nachvollzogen werden: Neben besagter Abwehr von Schuld kam es zu einem Transfer derselben auf die Nationalsozialisten. Eine Rückkehr zu den überlieferten Werten des sog. „Abendlandes“ wurde als erstrebenswert ausgewiesen, ohne den hier inhärenten Antisemitismus zu problematisieren49 (s. Kämper 2005: 496 f., Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 91 f.). Folglich blieb ein umfassender Wechsel im gesellschaftlichen Bewusstsein unerreicht (s. Volkov 1990, 1996 und 2006). Die Scham- und Schuldabwehr als eine zentrale Erscheinungsform des Post-Holocaust-Antisemitismus kann zur Relativierung bis hin zur Leugnung von NS-Verbrechen sowie des Antisemitismus als fest verankertes Glaubenssystem führen. Gerade die Relativierung von NS-Verbrechen spielt bei einem der Schwerpunkte meiner Untersuchung, der NS-Analogie im Nahostdiskurs, eine zentrale Rolle (s. IV.1). Des Weiteren zeichnet sich dieser Antisemitismus durch Desinteresse und Empathieverweigerung den NS-Opfern gegenüber aus. Das offizielle Bild einer historischen Verantwortung wird als aufgezwungen wahrgenommen. Selbstmitleid und die ____________________ 49 Zum [damaligen] Scheitern der gesellschaftlichen Konfrontation mit dem Nationalsozialismus schreibt Adorno: „Daß der Faschismus nachlebt; daß die vielzitierte Aufarbeitung der Vergangenheit bis heute nicht gelang und zu ihrem Zerrbild, dem leeren und kalten Vergessen, ausartete, rührt daher, daß die objektiven gesellschaftlichen Voraussetzungen fortbestehen, die den Faschismus zeitigten. Er kann nicht wesentlich aus subjektiven Dispositionen abgeleitet werden“ (Adorno 1997: 566).

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

bereits genannte Forderung nach einem Schlussstrich unter der NS-Vergangenheit sind weitere gängige Erscheinungsformen. Dieser Kontext erklärt die viel zitierte Äußerung des jüdischen Psychoanalytikers Zvi Rex: „Auschwitz werden uns die Deutschen nie verzeihen!“ (zit. n. Heinsohn 1988: 115). Bei Thematisierung des Krieges kommt es häufig zu Äquivalenzsetzungen von Opfern und Tätern im Nationalsozialismus, die ähnliche Effekte wie die in dieser Arbeit fokussierte NS-Analogie in Bezug auf Israel aufweisen. Bei Ersteren wird ebenso die Schuld der Täter relativiert – allerdings geschieht dies nicht durch Projektion ihrer Verbrechen auf eine andere Gruppe, sondern durch Betonung des vermeintlichen Opferstatus der Deutschen, die von den Nationalsozialisten abgegrenzt werden. Die Verbrechen an den NS-Opfern werden auf diese Weise trivialisiert. Sobald (das Fortbestehen von) Antisemitismus in der Gegenwart problematisiert wird, bringen die Schreiber Äußerungen hervor, die diesen Tatbestand bestreiten, indem Antisemitismus als Nischenphänomen oder als gänzlich verschwunden beurteilt wird (s. Rensmann 2015: 98 f., Schwarz-Friesel 2015b: 293 f.). Extreme Formen wie die der Holocaustleugnung, aber auch die explizite Reproduktion klassischer Stereotypen sind in Deutschland mit einem Tabu belegt. Dieser Umstand sowie das Wissen und die Erinnerungskultur in Bezug auf die Shoah führen dazu, dass ein offenes Bekenntnis zum Antisemitismus ohne die Konsequenz sozialer und juristischer Ächtung kaum möglich ist (s. hierzu auch IV.1). Ein zentraler Terminus zur Beschreibung von Antisemitismus nach 1945 ist jener der Kommunikationslatenz50. Diese beschreibt die Verlagerung von Antisemitismus, wie er sich bisher kundtat, vom öffentlichen in den privaten Diskurs (s. Bergmann/Erb 1986; s. auch Bergmann 52016: 117 f.). Öffentlich hervorgebrachte antisemitische Äußerungen waren fortan diskreditiert und tabuisiert (s. PfahlTraughber 2017: 87). Die Folge dieser Tabuisierung war indes nicht, dass Antisemitismus – wie so oft vorausgesetzt – verschwand. Die oben erwähnten Stereotype blieben im Privaten präsent, im Öffentlichen verschwand ihre explizite Vermittlung weitgehend. Ihre Reproduktion erfolgte i. d. R. in Form von neuen Sprachgebrauchsmustern. Damit ist gemeint, ____________________ 50 Latenz meint hier nicht den Bezug zum psychischen Unbewussten, zu unbewussten Konzepten, wie der Terminus im Kontext der Kognitionswissenschaften oder der Psychoanalyse zu verstehen wäre. In der Kognitionslinguistik wird der Terminus als unscharf und mehrdeutig kritisiert.

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II.1

Deutschland

dass antisemitische Einstellungsmuster über eine Umwegkommunikation, u. a. in Form von indirekten Sprechakten, im öffentlichen Raum kommuniziert werden (s. III.2, s. auch Bergmann/Erb 1986: 230). Trotz Verlagerung und impliziter Vermittlung weisen Umfragen darauf hin, dass antisemitische Einstellungen nach wie vor in weiten Teilen der Bevölkerung vorhanden sind (s. Zick/Klein 2014: 66 ff., BMI 2017: 57 ff.). Hinzu kommen Beobachtungen, dass es mit der „Wiedervereinigung“ sowie der Jahrtausendwende zu einer Erosion erwähnter Kommunikationslatenz, einer Infragestellung besagten Tabus hinsichtlich expliziter Verbal-Antisemitismen im öffentlichen Kommunikationsraum gekommen sei (s. BMI 2012, Rensmann 2004, 2015 und 2016, Schwarz-Friesel 2015b, zu israelbezogenem Antisemitismus mit Blick auf die AugsteinDebatte s. Betzler/Glittenberg 2015, zu Antisemitismus in deutschen Parteien s. Ionescu/Salzborn 2014). In Bezug auf die „Wiedervereinigung“, also die Überwindung der nationalen Ost-West-Spaltung, wird erneut die erwähnte Verzahnung des Antisemitismus mit der „Rekonstruktion ‚nationaler Identität‘“ (Rensmann 2004: 27) deutlich. Entsprechend ist eine Ausweitung des Sagbarkeitsfeldes, eine Zunahme der Deutlichkeit, mit der Antisemitismus öffentlich kundgetan werden kann, zu beobachten (s. auch Bergmann/Heitmeyer 2005).51 Diese Entwicklung wird begleitet von einer steigenden Akzeptanz gegenüber antisemitischen Äußerungen bei gleichzeitigem Rückgang eines gesellschaftlichen Konsenses, dieser Erosion entgegenzutreten (zu Antisemitismus in verschiedenen politischen Lagern s. u. a. Haury 2002, 2004a und b, 2005, Salzborn/Voigt 2011, Ionescu/Salzborn 2014, Voigt 2014, Betzler/Glittenberg 2015, Kloke 2015, Rensmann 2015 und 2016). Bereits 2004 schrieb Rensmann, dass „antijüdische Stereotype in der demokratischen, etablierten Öffentlichkeit heute quer durch die politischen Lager und durch unterschiedliche Akteure verbreiteter [sind] als noch vor Jahren.“ (Rensmann 2004: 487; s. auch Rensmann 2015: 102)

____________________ 51 Bei besagter Erosion kommt dem Internet eine Schlüsselrolle zu. Durch die größtenteils gewährleistete Anonymität und Zugänglichkeit können einschlägige antisemitische Äußerungen kommuniziert und einer großen Zahl von Rezipienten zugeführt werden. Die gegenseitige Bestärkung kann dazu führen, dass sich antisemitische Rede normalisiert (s. I.1 und Schwarz-Friesel 2013b). Da die von mir untersuchten Zeit-Korpora (ebenso wie die Guardian-Korpora) von 2012 sowie von 2014 (mit ähnlich beschaffenen Auslösern: zwei Eskalationsphasen im Nahostkonflikt) stammen, werde ich in Bezug auf diesen milieuspezifischen Diskurs besagte Tendenzen im Sprachgebrauch ebenso untersuchen.

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

Aus der Akzeptanz kann die Motivation entstehen, Stereotype selbst wieder zu versprachlichen. Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess kommt Personen öffentlichen Lebens bzw. aus dem Elitenmilieu zu, die eine Vorbildfunktion innehaben und der Gesellschaft bei erfolgreicher Hervorbringung antisemitischer Äußerungen demonstrieren, diese seien sagbar und würden keinerlei Sanktionierung nach sich ziehen. Hierbei sind in den letzten 20 Jahren insbesondere antisemitische sowie israelfeindliche Äußerungen von Martin Walser, Norbert Blüm, Jürgen Möllemann, Günter Grass und Jakob Augstein zu nennen (s. Brumlik/Funke/Rensmann 2000, Rensmann 2004 und 2015, Pallade 2007, Betzler/Glittenberg 2015). Den Äußerungen fast aller genannten Personen begegnete man öffentlich sowohl mit Zuspruch als auch mit Kritik und Ablehnung – die Vorwürfe gegen Augstein hingegen wurden größtenteils zurückgewiesen (s. hierzu II.2.3). Zu nennen ist hier ebenso die Beschneidungsdebatte im Jahre 2012. Diese bot einen weiteren Anlass, antisemitische Äußerungen über den Umweg humanistischer Überzeugungen zu kommunizieren (s. hierzu BMI 2017: 245 ff., s. auch Wetzel 2012, Rau 2014, Ionescu 2018). Über eine distanzierende Bezugnahme auf die NS-Verbrechen können Aktualisierungen antisemitischer Stereotype erfolgen. Bedingt durch das Tabu liegt ebenso eine Neuausrichtung bei der sprachlichen Reproduktion Letzterer vor. In den Jahren nach der „Wiedervereinigung“ wird eine Ausweitung des Sagbarkeitsfeldes hinsichtlich antisemitischer Rede erkennbar. Ein Spezifikum dieser Rede stellt die vermeintlich sachliche Kritik am jüdischen Staat dar: Über Stereotypkodierungen und andere Formen der Dämonisierung sowie die Delegitimierung des Staates wird hier eine Ausprägung des Post-Holocaust-Antisemitismus erkennbar, welche von weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert wurde und wird.

II.1.3

Israelbezogener Antisemitismus in Deutschland

Israelbezogener Antisemitismus stellt heute die dominante Manifestationsform des Antisemitismus (nicht nur) in Deutschland dar (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 194).52 Israel ist „als Hassobjekt im Mittelpunkt des ____________________ 52 Israelbezogener Antisemitismus ist nicht mit Kritik an Israel gleichzusetzen. Konstruktive, aber auch scharfe Kritik an der Politik des Staates, an Militäroperationen oder auch an der Siedlungspolitik im Westjordanland, die nicht auf Dämonisierung oder Delegitimierung zurückgreift, stellt einen legitimen und wichtigen

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II.1

Deutschland

aktuellen Antisemitismus“, der Nahostkonflikt „als Katalysator der Judenfeindschaft“ zu verstehen (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 102). Der Post-Holocaust-Antisemitismus, dessen inhaltliche Motive und Charakteristika ich im letzten Abschnitt vorgestellt habe, zeichnet sich dadurch aus, dass antisemitische Einstellungen häufig implizit, in Form von indirekten Sprechakten kommuniziert werden (s. o. Umwegkommunikation). Israelbezogener Antisemitismus kann auch explizit vermittelt werden (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 98). Seine Sagbarkeit kommt dadurch zustande, dass i. d. R. das Lexem Juden durch Israelis oder Zionisten ausgetauscht wird. Dadurch kann sich der Schreiber vom Vorwurf des Antisemitismus distanzieren, da er sich nicht auf die jüdische Religionsgemeinschaft, sondern auf den israelischen Staat und seine Bevölkerung und/oder die dem Staat zugrundeliegende Nationalbewegung beziehe (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 37, Rensmann 2015: 96). Wie sehr bei israelfeindlichen Äußerungen allerdings Bezüge zur NS-Zeit hergestellt, insofern Juden und Israelis gleichgesetzt und antisemitische Stereotype reproduziert werden, exemplifizieren nicht zuletzt Sprechchöre bei Demonstrationen auf den Straßen Deutschlands im Sommer 2014, bei denen Hetzparolen wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ oder „Kindermörder Israel“ zu hören waren (s. Iskandar/Riebsamen 2014, Trepp 2014). Als jüdischer Staat und damit als „das wichtigste Symbol jüdischen Lebens und Überlebens“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 194) bildet Israel die primäre Projektionsfläche für antisemitische Zuschreibungen. Teils unter dem Vorwand der Kritik an israelischer Politik werden antisemitische Äußerungen hervorgebracht und im öffentlichen Diskurs etabliert. In der Forschung wird dieser häufig als neuer Antisemitismus bezeichnet (s. Taguieff 2004, vgl. auch Rabinovici/Speck/Sznaider 2004, Wetzel 2006, Pallade 2009, Rosenfeld 2015, Chaouat 2016). Dem wird in dieser Arbeit nicht entsprochen, da sich sein Gegenstand teils auf die Reproduktion uralter antisemitischer Stereotype bezieht. Ich spreche hingegen bei israelbezogenem von einem modernisierten bzw. aktualisierten Antisemitismus (s. auch Rensmann 2004). Schon die Formulierung Léon Poliakovs „Der ____________________ Teil politischer Debattenkultur dar. Aus Platzgründen kann diese Arbeit die Unterscheidung von Kritik an Israel und Antiisraelismus indes nicht vertiefen. Für eine Klärung dieses Punktes verweise ich auf Schwarz-Friesel/Reinharz (2013: 194 ff.) sowie auf Salzborn (2013). Da es bei der antisemitischen Agitation gegen Israel nicht um eine Ideologie, sondern um den Staat an sich geht, ist in dieser Arbeit nicht vom Antizionismus, sondern vom israelbezogenen Antisemitismus die Rede (s. Benz 2009: 203, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 194 ff.).

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

Jude unter den Staaten“ (zit. n. Rensmann 2015) deutet an, welche Funktion israelfeindliche Äußerungen im Kontext des Antisemitismus aufweisen. Rensmann/Schoeps (2011: 32) schreiben hierzu: „We also prefer the term ‚modernized antisemitism‘ because it illuminates the connection rather than the distinctions between manifest and latent forms […]“.

Rensmann bestreitet, wenn es um israelbezogenen, aber auch um Post-Holocaust-Antisemitismus geht, die Präsenz eines grundlegenden Wandels: „Mithin ist die These vom Wandel freilich überzogen, zumal dann, wenn sie geschichtsvergessen historische Motivkontinuitäten a priori in Abrede stellt. Der Post-Holocaust-Antizionismus, vermengt mit ‚sekundären‘ Motiven der kollektiven Schuldentlastung und für viele vermeintlich eine Reaktion auf Israels Staatsgründung, kann z. B. auf historische, bis heute in Medien und Forschung weithin verleugnete Ursprünge antisemitischer Motivik in nationalsozialistischer Propaganda zurückgreifen. Die israelfeindliche ‚Chiffre Zion‘ als Medium für Antisemitismus etwa, die heute unter Intellektuellen bis hinein in die Antisemitismusforschung gegenüber dem ‚Verdacht‘ des Antisemitismus immunisiert werden soll, lässt sich zurückführen auf die Ursprünge des modernen Antisemitismus im 19. Jahrhundert.“ (Rensmann 2015: 93)

Demnach sind beide Formvarianten – Post-Holocaust- und (als Teil von diesem) israelbezogener Antisemitismus – nicht zu einem neuen, sondern einem modernisierten Antisemitismus gehörig. Damit verdeutlicht die Umwegkommunikation, wie es bei Antisemitismus zu einer Anpassung an die jeweils gegenwärtigen Verhältnisse kommt. Israelbezogener Antisemitismus im linksliberalen Diskurs weist eine spannungsreiche Geschichte auf. In der BRD (sowie auch in Großbritannien) stellte der Sechstagekrieg 1967 eine Wende innerhalb der Linken dar, bei der die anfangs israelsolidarische Haltung, die dem Antizionismus der DDR entgegenstand, durch offene Ablehnung eingetauscht wurde (s. Rensmann 2004: 16). Durch eine legitimierende Positionsbestimmung der Linken und ihren Anspruch, per se frei von Antisemitismus zu sein, konnten antisemitische Bilder über Umwegkommunikation wieder in den Mainstream-Diskurs Eingang finden. Die Rechtfertigung israelfeindlicher Äußerungen über den Verweis auf ihren vermeintlichen Status einer Kritik sowie die damit einhergehende Ausweitung des Sagbarkeitsfeldes im europäischen Kontext beschreibt ebenso der von Bergmann (2008) zitierte Markovits: „Markovitz [sic] (2003) claimed that European anti-Semitism has changed to the extent that expressions of prejudice and hate against the ‚powerless‘ European Jews are still regarded as illegitimate, but that such expressions against the ‚powerful Jews‘ in Israel and the United States are permitted.“ (Bergmann 2008: 350)

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II.1

Deutschland

Die Rückkehr des Antisemitismus im Kommunikationsraum der sog. gesellschaftlichen Mitte kann somit über den Bezug auf Israel realisiert werden. Schwarz-Friesel/Reinharz (2013: 103) stellen in ebendiesem Diskurs eine neue Qualität der sprachlichen Gewalt fest. Woraus setzt sich diese Formvariante des Antisemitismus zusammen? Gemäß Sharansky (2004) konstituiert sich israelbezogener Antisemitismus durch Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards in Bezug auf Israel (s. auch EUMC 2004, IHRA 2016).53 Dämonisierung meint den Transfer negativer Eigenschaften auf den Referenzbereich, der aus der eigenen Gruppe bzw. Wertegemeinschaft ausgeschlossen wird. Befu (1999: 25 f.) beschreibt die Dämonisierung einer Person/Gruppe mit einer Zuschreibung negativer Eigenschaften, der Infragestellung moralischer Standards bis hin zur Aberkennung ihres menschlichen Status. Dies kann einhergehen mit auf diese Person/Gruppe projizierten Bildern, die einen Widerspruch zu den Normen des Sprachproduzenten und/oder seiner WirGruppe darstellen. Dämonisierung kann u. a. über die Reproduktion antisemitischer Stereotype erfolgen. Stereotype des Antijudaismus sowie des rassistischen Antisemitismus können über eine Umwegkommunikation auf Israel übertragen werden. Im Zuge dieses Transfers unterstellen Sprachproduzenten Israel Rachsucht, Kindermord und/oder eine von Israel ausgehende Weltverschwörung (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 194 ff.). Eine in meinen Zeit-Korpora frequent auftretende Stereotypkodierung betrifft das Stereotyp der SCHULD AM ANTISEMITISMUS – besonders im Messzeitraum 2014 werfen Schreiber Israel vor, für seine Lage und die internationale Ablehnung, die sich sowohl gegen Israelis als auch Juden weltweit richtet, eigens verantwortlich zu sein. Wie in Bezug auf den Post-Holocaust-Antisemitismus ist für die Rückkehr des Sagbaren auch und gerade bei israelbezogenem Antisemitismus die bereits angesprochene Rolle von Eliten bedeutsam. Rensmann verwendet den Terminus Gelegenheitsstrukturen, womit er auf das „Mögliche, Sagbare und Legitime im politischen Diskurs“ (2004: 23, s. auch Rensmann 2015) verweist. Die Bedingungen für die Artikulation von An____________________ 53 Der 3D-Test von Natan Sharansky bildet ein hilfreiches Werkzeug, um Kritik an Israel von israelbezogenem Antisemitismus zu unterscheiden. Dennoch bilden die drei von ihm eingeführten Kategorien ein zu grobes Muster, als dass damit (teils komplexe und/oder implizite) Sprachgebrauchsmuster zufriedenstellend überprüft werden können. Insofern betrachte ich den 3D-Test als Gerüst, welches im Zuge von empirischen Untersuchungen ergänzt werden muss.

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

tisemitismus können sich insbesondere dann ändern, wenn die Hervorbringung von entsprechenden Einstellungsmustern in Elitendiskursen wahrnehmbar ist. Hierbei können Verschiebungen des Sagbaren erfolgen, die nicht nur eine punktuelle und temporäre, sondern eine dauerhafte Dimension aufweisen. Zwei Beispiele aus den letzten Jahren, die ich in II.1.2 bereits angerissen habe, möchte ich zur Exemplifizierung anführen: Günter Grass hat 2012 in seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ die Konzeptualisierung Israels als ÜBEL DER WELT prominent in den Diskurs getragen, indem er Israel unterstellte, den Weltfrieden zu gefährden (s. Grass 2012, s. auch Pokatzky 2012, Krell/Müller 2012, Sydow 2012 und Rensmann 2015). Grass’ Gedicht stieß allerdings größtenteils auf öffentliche Kritik (wenn ihm auch selten der Vorwurf des Antisemitismus gemacht wurde). Kritik wurde ebenso gegenüber Jürgen Möllemann, Jamal Karsli, Norbert Blüm, Udo Steinbach und weiteren öffentlichen Personen laut, die antisemitische Klischees in ihren israelbezogenen Äußerungen bedienten – wenn auch in divergierender Ausprägung (s. u. a. Brumlik/Funke/Rensmann 2000, Gebauer 2002, Kaufmann/Orlowski 2002, Rensmann 2004, Pallade 2007). Beim Journalisten und Verleger Jakob Augstein verlief die öffentliche Debatte hingegen anders. Dieser reproduzierte in Spiegel-Kolumnen Stereotype der RACHSUCHT und POLITISCHEN MACHT Israels gegenüber Deutschland (s. Augstein 2012). Augstein wurde gegen die vom SimonWiesenthal-Center erhobenen Antisemitismusvorwürfe von einem Großteil deutscher Journalisten verteidigt. Das in den medial ausgefochtenen Debatten hervorgebrachte Argument, Augstein sei ein Vertreter des kritischen Journalismus und müsse daher in Schutz genommen werden, zeugt von einer „Enttabuisierung, Rationalisierung und Legitimierung judenfeindlicher Stereotypie“ (Rensmann 2016: 277, s. auch Betzler/Glittenberg 2015, Kuhn 2013, Küntzel 2015, Rensmann 2015). Das Beispiel Augstein demonstriert die Salonfähigkeit antisemitischer Äußerungen. Es führt vor Augen, dass sich die Bedingungen für deren Hervorbringung änderten, was teils auch mit der Einordnung der Person Augstein ins linke Spektrum und infolgedessen der präsupponierten Distanz zu antisemitischen Einstellungsmustern zu tun haben mag. Die Dämonisierung Israels kann neben Stereotypreproduktionen jedoch auch durch die Etablierung Israel verzerrender und geschichtsbezogener Analogien zustande kommen, durch welche Israel bspw. den Status eines NS- oder Terrorstaates zugewiesen bekommt (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 194 ff.).

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II.1

Deutschland

Im Rahmen des Post-Holocaust-Antisemitismus ist wie erwähnt die Schuldabwehr ein zentrales Phänomen, da das Bewusstsein über die deutschen Verbrechen zu Hindernissen für eine Identifikation mit der nationalen Wir-Gruppe führt (s. II.1.2). NS-Verbrechen und historischer sowie gegenwärtiger Antisemitismus werden marginalisiert, Juden als unversöhnliche Ausbeuter der deutschen Vergangenheit diffamiert. Im Rahmen des israelbezogenen Antisemitismus konstituiert sich ebenso eine Schuldabwehr in Form von Projektionen (s. I.1, s. auch Horkheimer/Adorno 162006: 196 ff.). Denn über den Vorwurf hinaus, Israel ziehe aus den NS-Verbrechen finanzielle und politische Vorteile, wird dem jüdischen Staat unterstellt, dieselben Verbrechen zu begehen wie einst NSDeutschland.54 Ich bezeichne diese Ausformung in Anlehnung an Schapira/Hafner (22007) als israelbezogenen Entlastungsantisemitismus, da sich diese Schuldabwehr- und Entlastungsargumentation nicht mehr wie im Post-Holocaust-Antisemitismus primär gegen deutsche Juden, sondern gegen Israel richtet. Nicht die vermeintliche historische Opferrolle der Deutschen wird unterstrichen, sondern eine gegenwärtige Täterschaft Israels (vergleichbar mit den NS-Verbrechen der Deutschen) unterstellt. Wie verbreitet entsprechende Perspektivierungen Israels in der deutschen Bevölkerung sind, zeigt u. a. erneut die von der BertelsmannStiftung 2015 veröffentlichte Studie (s. auch I): „Die […] Ergebnisse deuten auf eine extreme Kritik, ja Verurteilung der aktuellen Praxen Israels hin: Fast die Hälfte der Befragten vergleicht den Umgang Israels mit den Palästinensern mit dem Verhalten der Nazis gegenüber den Juden.“ (Bertelsmann 2015: 37)

2007 waren es hingegen nur 30 Prozent gewesen (s. Bertelsmann 2015: 40).55 Diese Zunahme der Äquivalenzsetzung von israelischem Handeln und Praxen NS-Deutschlands wird wie folgt bewertet: „Das weist in eine Richtung, die von der ohnehin komplexen Konstellation des Konflikts abweicht und auf tiefere Beweggründe schließen lässt“ (Bertelsmann 2015: ____________________ 54 Zu entsprechenden Äußerungen von Karsli und Möllemann s. Gebauer 2002 und Rensmann 2004: 446; zur in Augsteins Kolumnen feststellbaren Anspielung auf die NS-Zeit mittels Lager s. Kuhn 2013 und Engel 2014, zu weiteren sprachlichen Vermittlungen der NS-Analogie s. IV.1. 55 Hier muss konzediert werden, dass bei diesem Item starke Schwankungen üblich sind (vgl. GMF-Studie von 2004: 51,2 Prozent (s. Zick et al. 2017: 29, s. auch Heyder/Iser/Schmidt 2005), Zick/Klein (FES) 2014: 27,1 Prozent, Zick/Küpper/Krause (FES) 2016: 24,6 Prozent).

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

63). Die Ablehnung resultiere aus der deutschen Vergangenheit, weniger aus der Perspektive auf den Nahostkonflikt. Dämonisierende Zuschreibungen gegenüber Israel wirken zwangsläufig delegitimierend. Delegitimierung bezeichnet die Infragestellung oder das Absprechen des Existenzrechts Israels. Sie kann sich auf Formen der Dämonisierung stützen. Die Darstellungsweise in Grass’ Gedicht bspw. aktiviert die Konzeptualisierung ISRAEL/JUDEN ALS WELTÜBEL. Daraus leitet sich die Frage ab, ob der jüdische Staat bei der Gefahr, die gemäß Grass von ihm ausgehe, überhaupt bestehen dürfe. Delegitimierende Äußerungen kommen aber auch ohne Formen der Dämonisierung aus, wenn Israels Existenzrecht bspw. ohne sprachlich realisierte Abwertungen infrage gestellt wird. International werden Delegitimierungen Israels häufig im Rahmen der Boykottbewegungen zum Ausdruck gebracht – so auch und besonders in Form des sog. Campus-Antisemitismus in Großbritannien und den USA (s. II.2.3). In Deutschland hingegen sind Boykottaufrufe wie jene der BDS-Bewegung56 seltener anzutreffen als in anderen westlichen Ländern und werden politisch und medial teils problematisiert (s. BMI 2017: 126, 155, s. auch Pallade 2009, Embacher/Reiter 2010, Embacher 2015). Schließlich wird israelbezogener Antisemitismus gemäß Sharansky (2004) auch durch die Verwendung doppelter Standards konstituiert (s. auch Gerstenfeld 2013). Doppelstandard bezieht sich auf Äußerungen, in denen Israel nach anderen Maßstäben bewertet wird als ein anderer Staat unter ähnlichen Bedingungen. Das ist bspw. der Fall, wenn Israels Recht auf Selbstverteidigung bei terroristischen Angriffen infrage gestellt wird – ein Recht, welches bspw. Deutschland oder Frankreich im Falle von Terroreinwirkung nicht abgesprochen wird. Neben den 3Ds, die ebenso Stereotypkodierungen und SchuldabwehrProjektionen berücksichtigen, werden Israelis von Sprachproduzenten außerdem dehumanisiert und mittels einschlägig pejorativer antisemitischer Lexik entwertet. Bspw. können Schreiber Israelis als Schweine, Monster und Mörder perspektivieren (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 224 ff.). ____________________ 56 BDS ist die Abkürzung für die 2005 gegründete, international operierende Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (dt. Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen), die es sich zum Ziel gemacht hat, Israel sowohl politisch als auch auf wirtschaftlicher und kultureller Ebene zu sanktionieren bzw. teils dessen Auflösung zu fordern (s. Levy 2003, Gerstenfeld 2007, Hirsh 2007, Embacher/Reiter 2010, Reut Institute 2010, Salzborn 2013, Kloke 2015, Klaff 2018).

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II.2

Großbritannien

Entsprechende Sprachgebrauchsmuster sind indes für den in dieser Arbeit erläuterten Diskursausschnitt eher sekundär. Im Rahmen dieser Arbeit werde ich den Grad des Sagbaren im linksliberalen Milieu ausloten. Hier wird gerade der israelbezogene Entlastungsantisemitismus fokussiert, der für den deutschen Post-HolocaustAntisemitismus symptomatisch ist und im Rahmen projektiver Zuschreibungen einen Konnex zwischen Dämonisierung des jüdischen Staates sowie Entlastung der Wir-Gruppe und sich daraus ergebender Stärkung des nationalen Selbstbildes darstellt. II.2 II.2.1

Großbritannien Das Empire als dominanter Bezugspunkt in der britischen Geschichte

Das British Empire ist – wie im Folgenden noch gezeigt wird – ein historisches Kapitel, welches im kollektiven Gedächtnis der britischen Gesellschaft äußerst präsent ist, gleichzeitig innerhalb der britischen Gesellschaft ambivalent bewertet wird. Prominenz und positive Evaluation hängen damit zusammen, dass das Empire in seiner maximalen Ausdehnung die Blüte globaler Herrschaft Großbritanniens darstellte. Zwischen den Weltkriegen umfasste es mehr als „13 million square miles, approximately 23 percent of the world’s land surface“ (Ferguson 2004: 15, s. auch Howe 2002, Stuchtey 2002 und 2010, Wende 2008). Es handelte sich um ein hochkomplexes Gebilde mit einem Kernland, Dominions, dem Kolonialreich, welches alternativ als „Imperium der Nichtweißen“ (Jackson 2015: 40) bezeichnet wurde und sich aus dem Indischen und übrigen Teilen des Kolonialreiches zusammensetzte, sowie den Mandaten und Kondominien. Das Zusammenspiel von Handel, industriellem Wachstum und Wissenschaft führte zu einer bis dahin ungekannten Kompetenzsteigerung Großbritanniens. Die englische Sprache wurde zur weltweit verwendeten Lingua franca. All diese Faktoren, die sich in anderen europäischen Ländern so nicht konzentrieren konnten, bescherten insbesondere London gegenüber konkurrierenden Mächten einen gewaltigen Vorsprung bei der Erschließung der Welt und folglich der eigenen Machtentfaltung. Zum anderen zeichnete sich die britische Großmachtpolitik durch ein partiell als Paternalismus charakterisierbares Sendungsbewusstsein aus (s. Burton 2011). Kolonisation wurde seinerzeit als „Pflicht zivilisierter Mächte erhoben“ (Jackson 2015: 84). Trotz einer propagierten Zusammenführung von Kulturen wurde im Rahmen des Kolonialismus eine an85

II.

Antisemitismus und nationale Identität

haltende Andersartig- und Rückständigkeit fremder Kulturen bei gleichzeitiger Betonung der Überlegenheit der eigenen Kultur unterstrichen (s. Osterhammel 62009: 113, Jackson 2015: 66 f.). Die Deutungshoheit und Bewertung des Fremden lag bei der britischen Kolonialmacht (s. Jackson 2015: 57). Innerhalb der britischen Bevölkerung interessierte sich zudem der Großteil nicht für das Empire: „Der ausschlaggebende Punkt ist, dass gerade wegen, und nicht trotz, dieses allgemeinen Mangels an Interesse oder Engagement das Empire existieren und expandieren konnte. Es bedurfte lediglich einer allgemeinen Akzeptanz – das war etwas viel Entscheidenderes als eine genaue Kenntnis des Empire oder ein Interesse daran. Es war eine imperiale Weltsicht, eine Weltsicht, die Kolonisation und den Besitz eines Imperiums stillschweigend hinnahm und nichts Bemerkenswertes daran fand […]“ (Jackson 2015: 63)

Das Empire war seit seinem Bestehen dennoch diversen Widerständen ausgesetzt, sowohl im Inneren als auch von außen. Jedoch war es letztlich das 20. Jahrhundert, welches durch das Aufkommen diverser nationalistischer Bewegungen sowie die sich abzeichnende Schwäche der britischen Kolonialmacht das Ende des Empire endgültig besiegelte (vgl. Jackson 2015: 79 f.): „Die Expansion wie das Schrumpfen des Britischen Empire spiegelten Britanniens Machtposition gegenüber den indigenen Gemeinwesen und die Machtposition anderer ‚Großmachtstaaten‘ “ (Jackson 2015: 81 f.).

Der erwähnte paternalistische Umgang mit anderen Kulturen, der auch bündig mit dem Begriff Kolonialrassismus beschrieben werden kann, wurde in der Forschung der letzten Jahre auch als ideologische Grundlage für den britischen Herrschaftsstil und die daraus resultierenden humanitären Katastrophen angesehen (s. Anderson 2002, Elkins 2005). Die Art und Weise, wie Großbritannien dem Ende der Empire-Ära politisch begegnete, unterstreicht diese ideologisch bedingte Distanz Großbritanniens gegenüber den Kolonien. Im Folgenden werde ich von zahlreichen Szenarien vier anführen, die problematische Aspekte britischer Großmachtpolitik demonstrieren (s. auch Davis 2002, Osborne 2016): 1. Hungersnöte in British India: Schätzungen besagen, dass zwischen 12 und 29 Millionen Inder verhungerten, während der Subkontinent Teil des British Empire war. Noch 1943 waren es bis zu vier Millionen Bangladescher, die durch Engpässe, u. a. bedingt durch Nahrungsmittellieferungen an britische Soldaten, den Tod fanden. Der britischen Kolonialmacht war die Hungersnot bekannt, allerdings ging es Churchill primär

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um die Verpflegung der britisch-indischen Armee sowie des Mutterlandes (s. Davis 2002, Mukerjee 2011, Singh 2015, Tharoor 2017a und b).57 2. Die Teilung von British India: Nach zwei Jahrhunderten britischen Kolonialismus’ in Indien – einer Kolonie, deren wirtschaftliche Bedeutung für Großbritannien treffend mit dem Zitat „the crown jewel of the British Empire of 50 colonies worldwide“ (Ishiyama/Breuning 2010: 562) beschrieben werden kann – hat sich die britische Kolonialmacht 1945 zu einer schnell zu vollziehenden Unabhängigkeit Indiens entschlossen (s. James 1998). Die Konflikte zwischen Hindus und Muslimen nahmen in den Jahren zuvor kontinuierlich zu. Der o. g. Aspekt der Deutungshoheit der Briten führte dazu, dass alle Gruppen, die nicht Muslime, Sikhs, Juden, Christen oder Buddhisten waren, unter die Bezeichnung Hindus gefasst wurden. Eine Zwei-Nationen-Theorie, die besagte, dass es sich bei Muslimen und Hindus um zwei historisch und kulturell gänzlich verschiedene Gruppen handelte, setzte sich im Diskurs immer stärker durch (s. Mann 2005). Die daraus resultierende Verhärtung der Fronten veranlasste den letzten indischen Vizekönig, Lord Louis Mountbatten, dazu, der Gründung eines unabhängigen Pakistan zuzustimmen. Zum 14. August 1947 wurde die Teilung der beiden Staaten rechtskräftig. In den folgenden Wochen kam es jedoch zu Gewaltwellen und Massenvertreibungen, die schließlich fünf Millionen Hindus, Muslime und Sikhs zur Flucht zwangen und mehr als eine Million Tote forderten. In Summe geht man, zusammen mit jenen Bevölkerungsgruppen, die in den folgenden Jahren ihre Heimat verließen, von insgesamt 20 Millionen Vertriebenen aus. Bis heute ist dieser Konflikt, der sich vorrangig auf die Region Kaschmir konzentriert, nicht befriedet (s. auch Butalia 1998, Pandey 2004, Mann 2005, Metcalf/Metcalf 2006, Dharampal-Frick/Ludwig 2009, Singh 2015, Tharoor 2017a und b). 3. Die Etablierung der Apartheid: Unter Apartheid ist ein System der Rassentrennung zu verstehen, welches 1948 von der regierenden Partei Südafrikas, der National Party, eingeführt wurde und bis 1994 Bestand hatte. Mit der Etablierung dieses Systems folgte eine Reihe von Gesetzen, die eine Trennung zwischen der weißen Bevölkerungsminderheit und der indigenen -mehrheit festigten und damit eine Zweiklassengesellschaft formten. Ursprünglich eine niederländische Kronkolonie, geriet diese Region Afrikas nach den Burenkriegen (1899–1902) unter britische Kontrol____________________ 57 Winston Churchill äußerte sich später zur Hungersnot: „I hate Indians. They are a beastly people with a beastly religion. The famine was their own fault for breeding like rabbits.“ (zit. n. Hari 2010, s. auch The Guardian 2016)

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le. Schon während der Herrschaft der Buren bildete sich ein offen gelebter und institutionalisierter Rassismus heraus, denen die Briten anfangs noch feindlich gegenüberstanden. Aber erst als Teil des Empire bildeten sich die Voraussetzungen für umfassende Apartheidstrukturen heraus (s. u. a. Dowden 1994). Die 1910 gegründete Südafrikanische Union stand von vornherein unter der Kontrolle von Weißen, die eine sich kontinuierlich entfaltende Segregationspolitik in die Praxis umsetzten. Es wurden Gesetze wie Mines and Works Act, Natives Land Act und Mixed Marriages Act verabschiedet, denen allesamt eine rassistische Grundauffassung zu eigen war (s. hierzu auch Dowden 1994, Pogrund 2014 und 2015, Thompson 4 2014). Gestützt wurde dies von dem 1909 verabschiedeten South Africa Act, der zuerst dem Britischen Parlament vorgelegt und von diesem gebilligt werden musste. 1948 gewann die National Party die Parlamentswahlen und baute das Apartheidsystem systematisch und ungebremst aus, bis 1994 durch die Lockerung von Verboten afrikanischer Parteien umfassende Wahlen stattfinden konnten und Nelson Mandela vom African National Congress gewählt wurde. London unterstützte nicht nur die strukturelle Herausbildung des Apartheidstaates, sondern hatte zudem einen immensen Einfluss auf die Wirtschaft des Landes bis in die 90er Jahre hinein (s. Temko 2006, Borger 2013, Smith 2013). 4. Das Mandatsgebiet British Palestine: Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges brach das Osmanische Reich zusammen. Das Völkerbundsmandat wurde 1922 an Großbritannien übertragen. Jedoch bereits 1917 erklärte sich Großbritannien im Rahmen der Balfour-Deklaration einverstanden, dass im Nahen Osten eine nationale Heimstätte des jüdischen Volkes errichtet wird (s. Brenner 2002: 88, s. auch Schneer 2012). Dieses Entgegenkommen mag einerseits mit einer von Großbritannien erhofften Unterstützung durch zionistische Organisationen während des Ersten Weltkrieges zusammenhängen (s. Schneer 2012); andererseits versprach ein gesicherter Naher Osten einen ebenso gesicherten Suez-Kanal und damit ungestörte Handelsbedingungen mit dem Mittleren Osten und British India (s. Renton 2008). Allerdings wurden Versprechungen (wie die soeben erwähnte des Lord Balfour gegenüber zionistischen Verbänden) ebenso vom High Commissioner in Ägypten gegenüber dem Scharif von Mekka gemacht, indem in Aussicht gestellt wurde, dass Großbritannien der Gründung eines großarabischen Reiches nicht im Wege stehe (s. Brenner 2002: 101). Ein Jahr zuvor kam es außerdem zwischen Frankreich und Großbritannien zu einem Geheimabkommen, dem Sykes-Picot-Abkommen, bei dem festgehalten wurde, dass die Region dauerhaft unter internationale Aufsicht gestellt wird. Auf die arabischen Ausschreitungen 88

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gegen Juden seit Anfang der 1920er Jahre hin legte die britische Regierung das Weißbuch von 1939 vor, wodurch jüdische Einwanderung von arabischer Zustimmung abhängig gemacht wurde. Dies wiederum führte zu zionistischen Widerstandsbewegungen gegen die britische Kolonialmacht. Der britische Abzug am 14. Mai 1948 fiel zeitlich zusammen mit (sich bereits vorher kontinuierlich zuspitzenden) offenen Konflikten zwischen Juden und Arabern – auf die am selben Tag des Abzugs verabschiedete israelische Unabhängigkeitserklärung reagierten Ägypten, SaudiArabien, Transjordanien, der Libanon, der Irak und Syrien, indem sie dem frisch gegründeten jüdischen Staat den Krieg erklärten (s. u. a. Morris 2001, Morris 2008: 180 ff., Jansen/Osterhammel 2013).58 Zwar konnte sich Israel in diesem und allen folgenden Kriegen behaupten – dies war jedoch der Beginn des bis heute anhaltenden Nahostkonflikts. Wie eingangs erwähnt, kann die gegenwärtige Wahrnehmung des Empire in der britischen Gesellschaft am besten mit dem Wort kontrovers beschrieben werden. Dies mag angesichts der genannten Aspekte, welche die Geschichtswissenschaft zu diesem historischen Kapitel u. a. anführt, erstaunen. Im folgenden Abschnitt werde ich die Debatten in Großbritannien zum Umgang mit der kolonialen Vergangenheit genauer nachzeichnen.

II.2.2

Wahrnehmungen des Empire in Politik, Medien und Gesellschaft

Die eigene Kolonialgeschichte stellt in Großbritannien ein Thema dar, welches wie erwähnt äußerst kontrovers diskutiert wird (s. Jackson 2015: 12). Bisher war es in weiten Teilen der Gesellschaft Konsens, dass der britische Kolonialismus zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse nicht nur im Mutterland, sondern auch in den Kolonien beitrug. Allerdings kam es in den letzten beiden Dekaden zu einer Reihe journalistischer sowie wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die sich mit der Frage beschäftigten, welche Vor- und Nachteile aus dem Empire erwuchsen – sowohl für die Seite der Kolonisten als auch für die der Kolonisierten. Ich möchte im Folgenden einige Schlaglichter auf diese Debatten werfen: Im August 2009 erschien im Newsweek der Artikel „Did Britain wreck the world?“. Der Frage im Titel – deren Beantwortung in den Folgejahren ____________________ 58 Bemerkenswerterweise wird in den von mir untersuchten Guardian-Korpora selten ein Bezug zu British Palestine als Ort kolonialer Herrschaft hergestellt (s. IV.2).

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des Öfteren gesamtgesellschaftlich diskutiert worden ist – schließt sich folgende problematisierende Erläuterung an: „it certainly seems that way. Most of today’s festering conflicts can be traced to colonial-era meddling, either through partition-slicing and dicing the planet as they saw fit-or, worse, indiscriminately corralling unrelated ethnic groups into a single, quarrelsome country“ (Newsweek 2009).

Die Daily Mail setzt dieser Sichtweise im August 2010 den Artikel „Stop saying sorry for our history. For too long our leaders have been crippled by a post-imperial cringe“ (Sandbrook 2010) entgegen, in dem der ehemalige Premier David Cameron u. a. als reumütig perspektiviert wird: „The King expected his chief ministers to stand up for their country, not to apologise for it. Yet when David Cameron travelled from Istanbul to India this week, he came perilously close to resembling the Uriah Heep of international diplomacy, forever telling his hosts how very humble he was. […] He did, after all, once call himself the ‚heir to Blair‘ – a prime minister who never seemed happier than when grovelling in apology for Britain’s magnificent history.“

Mit der Abwertung Camerons wird in diesem Artikel ein uneingeschränkt positives Bild von der „großartigen Geschichte“ Großbritanniens gezeichnet. Dem entgegengesetzt charakterisiert der Journalist Pankaj Mishra in einem bei der Financial Times veröffentlichten Artikel vom Oktober 2011 die Rolle Großbritanniens als „despostic“ und „self-interested“ (Mishra 2011). Der Autor geht auf diverse jüngst in Umlauf gebrachte Empire-kritische Studien und entsprechende mediale Beiträge ein, um die „economic raison d’être of imperialism“ zu beleuchten. Problematisierend führt er den Historiker Niall Ferguson an und schreibt: „According to the historian Niall Ferguson, the British empire brought the benefits of democracy and free trade to Asia and Africa – it was the maker of the modern world, no less“ (Mishra 2011).

Dieser Perspektive setzt Mishra die Studien von Richard Gott (2011) und Kwasi Kwarteng (2013) entgegen (für entsprechende Haltungen innerhalb der Kolonialismus-Debatte s. auch Gilroy 2004 und 2006). Kwarteng weist Fergusons Vorstellung, gemäß der das Empire demokratisch-humanistischem Denken verpflichtet gewesen sei, u. a. mit folgenden Zeilen zurück: „ ‚Such a judgment‘, he writes, ‚pays too little attention to what the empire was really like, or to the ideas that motivated the people who actually administered it‘, whose ‚heads were filled with the ideas of class, loosely defined, of intellectual superiority and of paternalism.‘ The British [E]mpire, Kwarteng argues, ‚openly repudiated ideas of human equality and put power and responsibility into the hands of a chosen elite‘ “ (Kwarteng, zit. n. Mishra 2011)

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Die kontroverse Haltung gegenüber der kolonialen Vergangenheit des eigenen Landes wurde allerdings besonders transparent, als der ehemalige Premierminister Großbritanniens, David Cameron, am 05.04.2011 in Pakistan eine Rede hielt, in der es hieß: „As with so many of the problems of the world, we are responsible for their creation in the first place“ (zit. n. Kirkup/Hope 2011). Hierauf folgte ein besonderes Medienereignis, bei dem die britischen Mainstream-Medien Camerons Äußerung mehr oder weniger deutlich zurückwiesen. Die Titel der Beiträge changierten zwischen Kritik suggerierenden rhetorischen Fragen („Is Britain really responsible for the world’s problems?!“, Mirror 2011), Vorhaltungen („Sorry, but it’s not right to apologise“, Oborne 2011) und Imperativen („Do stop apologising, Dave. How the PM feels compelled to knock Britain abroad“, Hastings 2011). Bestimmte Medien ließen sich zwar auf Erörterungen von Pro- und Kontra-Argumenten ein – so veröffentlichte die BBC Artikel wie „Is Britain to blame for many of the world’s problems?“ (BBC 2011), der Independent „A world of troubles – all made in Britain?“ (McSmith 2011) und der Guardian „How much is Britain to blame for problems in its former colonies?“ (White 2011). Die diesen Titeln folgenden Erörterungen sind jedoch häufig weit entfernt von einer transparenten Auseinandersetzung mit dieser Phase britischer Geschichte. Der Großteil der britischen Mainstream-Medien steht Camerons Umgang mit den ehemaligen Kolonien eindeutig ablehnend gegenüber. Entsprechend äußern sich Daisy Cooper (Direktorin des Commonwealth Policy Studies Unit) und Tristram Hunt (Labour-Abgeordneter) in einem Telegraph-Artikel kritisch über Camerons Rede. Hunt beschreibt Cameron als unterwürfig im Umgang mit anderen Ländern, darunter auch mit Israel: „David Cameron has a tendency to go to countries around the world and tell them what they want to hear, whether it is in Israel, Turkey, India and Pakistan“ (zit. n. Kirkup/Hope 2011). Die Autoren gehen im besagten Artikel zudem auf Tony Blairs Entschuldigung von 1997 für die Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert sowie auf Gordon Browns Rede von 2009 ein, in der sich Letzterer für die Entsendung Zehntausender britischer Kinder nach Australien und andere Commonwealth-Staaten in den 1920er und 1930er Jahren entschuldigte. Damit wird nahegelegt, dass vonseiten gegenwärtiger britischer Regierungen ein kontinuierlicher kritischer Umgang mit der Kolonial- bzw. Großmachtpolitik Großbritanniens vorliege. Dem entgegengesetzt erinnert der Artikel an Äußerungen Camerons vom selben Jahr, in denen er seinen Stolz auf die Geschichte des Vereinigten Königreichs Ausdruck verleiht: „We must never forget that Britain is a great country with a history we can be truly proud of. Our cul91

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ture, language and inventiveness has shaped the modern world.“ (zit. n. Kirkup/Hope 2011) 2015 beantwortete Cameron die jamaikanischen Forderungen nach Reparationszahlungen für den Sklavenhandel, indem er sagte: „[Jamaica should] move on from this painful legacy and continue to build for the future.“ (Mason 2015, Manjapra 2018) Die Gegensätzlichkeit Camerons in der Bewertung der Kolonialgeschichte, die zwischen Problematisierung und Relativierung zu schwanken scheint, beschäftigt auch Jon Stone in seinem beim Independent veröffentlichten Artikel vom 19. Januar 2016: „In 2006 Tony Blair apologised for the empire’s early role in the slave trade, describing the practice as a ‚crime against humanity‘. Mr Cameron has struck a different tone, however – refusing the apologise for the Amritsar massacre of 1919 in which nearly 400 innocent Indians were killed by imperial troops. He has also refused to return the Koh-i-Noor diamond of British crown jewels to the country. ‚I think there is an enormous amount to be proud of in what the British Empire did and was responsible for,‘ Mr Cameron said in 2013 on a visit to India. ‚But of course there were bad events as well as good events. The bad events we should learn from and the good events we should celebrate.“ (Stone 2016)

Ein die britische Geschichte relativierender Blick bezog sich auch auf die Curricula im Geschichtsunterricht. Der ehemalige Bildungsminister Michael Gove setzte sich 2013 dafür ein, dass an Schulen gelehrte Inhalte sich stärker dafür eignen sollten, nationales Selbstbewusstsein zu befördern (s. Evans 2013, Weale 2013). Die mit Camerons Pakistan-Rede ausgelöste Debatte als Medienereignis veranschaulicht in konzentrierter Form, wie sensibel dieses Thema und wie umkämpft die Bewertung des Empire ist. Anlässe wie diese tragen die Notwendigkeit einer Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit stärker in das kollektive Bewusstsein (zur Verzahnung von kollektiver Wahrnehmung des Kolonialismus und Britishness bzw. nationaler Identität in Großbritannien s. auch MacPhee/Poddar 2007). In den Debatten bringen sich indes nicht nur Journalisten und Politiker, sondern auch und gerade Wissenschaftler maßgeblich ein. Studien von Mike Davis (mit dem problematischen, aber im britischen Kontext nicht unüblichen Titel „Late Victorian Holocausts: El Niño Famines and the Making of the Third World“, 2002), David Anderson („Histories of the Hanged: The Dirty War in Kenya and the End of Empire“, 2005), Caroline Elkins („Imperial Reckoning: The Untold Story of Brit-

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ain’s Gulag in Kenya“, 2005)59, Benjamin Grob-Fitzgibbon („Imperial Endgame. Britain’s Dirty Wars and the End of Empire“, 2011), Madhusree Mukerjee („Churchill’s Secret War. The British Empire and the Ravaging of India during World War II“, 2011), Shashi Tharoor („Inglorious Empire. What the British Did to India“, 2017), die bereits weiter oben angeführten Werke von Richard Gott (2011) und Kwasi Kwarteng (2013) sowie die zahlreichen kritischen Abhandlungen von Ashley Jackson – um nur einige Werke zu nennen – werfen ein neues Licht auf das Empire, indem sie sich mit britischen Menschenrechtsverletzungen im Kontext des Kolonialismus befassen. Damit wird potenziell die Legitimität von Gefühlen wie sich auf diese Ära gründender Nationalstolz hinterfragt. Extrem Empire-kritische Impulse zu diesem Thema kommen zudem im populärwissenschaftlichen und in den Medien viel besprochenen Buch „The Evil Empire – 101 Ways that England ruined the World“ (2007) von Steven E. Grasse zum Ausdruck. Stuart Laycock äußerte sich hingegen affirmativ in seiner Publikation „All the Countries We’ve Ever Invaded“ (2012), welches von Richard Seymour im Guardian als „empire nostalgia and apologia“ bezeichnet wurde (s. Seymour 2012). Wie auch immer die Positionierung der Forscher zu beschreiben ist bzw. wie differenziert ihre Kritik an der Kolonialpolitik Großbritanniens ausfällt – es ist bemerkenswert, dass alle namhaften, medial diskutierten Studien zu diesem Thema im Laufe der letzten Jahre veröffentlicht wurden. Bei der Frage, wie man mit Artefakten der Erinnerung an das Empire umgehen solle, ergab sich ein ebenso kontroverses Bild: Die 2011 in Wales aufgestellte Statue des Entdeckers Henry Morton Stanley löste eine weitere, teils international geführte Debatte aus (s. Lefort 2010).60 2016 erkundete eine Umfrage, ob die Statue des Unternehmers und Entdeckers Cecil Rhodes an der Oxford University beseitigt werden sollte. Rhodes war einer der Hauptverantwortlichen für den „Wettlauf um Afrika“, eine Hochphase des europäischen Expansionismus. Letztlich wurde der Streit ____________________ 59 S. auch Elkins’ Guardian-Artikel „Britain has said sorry to the Mau Mau. The rest of the empire is still waiting“ (2013) und Monbiot 2012. 60 Henry Morton Stanley war ein britisch-amerikanischer Afrikaforscher, der Afrika offen ablehnend gegenüberstand. Zu seinen Werken über den Kontinent gehören „Through the Dark Continent“, in denen Stanley schrieb, dass „the savage only respects force, power, boldness, and decision“ (Stanley 1988: 216). Neben seiner offen gezeigten rassistischen Grundhaltung wurde ihm ebenso ein brutaler Umgang mit der afrikanischen Bevölkerung nachgesagt (s. Lefort 2010, s. auch Jones 2010).

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beigelegt; die Statue blieb der Stadt aufgrund des „overwhelming support“ durch 59 Prozent der Studierenden erhalten (s. Dahlgreen 2016, Rawlinson 2016, Tunzelmann 2016). Ein ambiges Bild hinsichtlich der Bewertung des Empire zeichnet sich ebenso ab, wenn es zu statistischen Erhebungen kommt: Gemäß einer Umfrage des britischen Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov vom Frühjahr 2014 empfindet ein Großteil der britischen Gesellschaft patriotische Gefühle für das eigene Land und seine Historie (32 Prozent sehr patriotisch, 35 Prozent relativ patriotisch), was im Verhältnis zu Deutschland – wie der Autor des Artikels erwähnt – klar heraussticht: „But in comparison to Germany, where history has weakened the appeal of national pride and patriotism has become associated with the far-right […], Britain seems positively patriotic. In Germany, only 9% say they are very patriotic.“ (Dahlgreen 2015)

Ergänzend hierzu sei der Zusammenhang zwischen Nationalstolz und kolonialer Vergangenheit hervorgehoben: In einer 2014er Umfrage stellte YouGov fest, dass 59 Prozent der Befragten Stolz für das Empire empfinden und 34 Prozent sich das Empire zurückwünschen würden (s. Dahlgreen 2014). 49 Prozent der Befragten waren der Ansicht, den ehemals kolonisierten Ländern würde es aufgrund des Empire heute besser gehen – der gegenteiligen Ansicht waren 15 Prozent (s. Dahlgreen 2014). Eine YouGov-Umfrage von 2016 belegt, dass 44 Prozent der Befragten auf die koloniale Geschichte Großbritanniens stolz seien – 43 Prozent meinten, das Empire sei etwas Gutes gewesen (s. Ahmed 2016, Stone 2016).61 In Bezug auf die Ergebnisse der YouGov-Umfragen wurde besonders unter Guardian-Journalisten Kritik laut.62 Der Historiker und GuardianJournalist David Olusoga beantwortete die von ihm gestellte rhetorische

____________________ 61 Zum ambivalenten, größtenteils affirmierenden, nostalgischen Umgang der britischen Gesellschaft mit dem kolonialen Erbe s. Gilroy 2006: 98 ff. sowie Gilroy 2004, zu Schuldgefühlen der britischen Linken im Umgang mit der kolonialen Vergangenheit s. Embacher 2005: 35 ff. Yeandle (2014) thematisiert die gegenwärtigen Unsicherheiten im Umgang mit der imperialen Vergangenheit im Rahmen britischer Curricula. 62 Zu den Artikeln gehören „Empire state of mind – why do so many people think colonialism was a good thing?“ (The Guardian 2016), „Colonial nostalgia is back in fashion, blinding us to the horrors of empire“ (Andrews 2016) und „But what about the railways …?“ The myth of Britain’s gifts to India (Tharoor 2017a, s. auch Broomfield 2017 im Independent).

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Frage im Titel „Wake up, Britain. Should the empire really be a source of pride?“ wie folgt: „The British empire, like every empire in history, was created to enrich the imperial mother country, not to realise some vague civilising mission. It would have been 63 the greatest aberration in world history had it been otherwise.“ (Olusoga 2016)

Sowohl in den Medien, in der Politik Großbritanniens als auch in weiten Teilen der Gesellschaft wird der Kolonialismus ambivalent bis positiv bewertet. Die Versäumnisse hinsichtlich einer differenzierten Darstellung (nicht zuletzt an Schulen), zu der ebenso die Problematisierung der Menschenrechtsverletzungen gehört, führt dazu, dass die Affirmation anschlussfähig ist für Renationalisierungstendenzen, wie sie im Zug der Brexit-Debatten zum Ausdruck kamen (s. Olusoga 2017, Wismayer 2017). Sowohl Mangel an Wissen über die tatsächlichen Dimensionen und Schattenseiten des Kolonialismus als auch Schuldgefühle im linken Milieu Großbritanniens (s. Embacher 2005) können dazu führen, dass anderen Ländern – insbesondere Israel – kolonialistisch motivierte Praxen unterstellt und diese damit dämonisiert werden. Projektionen dieser Art werde ich u. a. im folgenden Abschnitt näher erläutern. II.2.3

Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus in Großbritannien

Im Folgenden werde ich einen Abriss zum historischen und gegenwärtigen Antisemitismus in Großbritannien geben. Ziel ist es, in gebotener Kürze Judenfeindschaft in Großbritannien in seiner Ambivalenz nachzuzeichnen.64 Nur durch diese Kontextualisierung lässt sich Verbal-Antisemitis____________________ 63 Wie aktuell die Debatten zu kolonialer Vergangenheit und nationaler Identität in Großbritannien sind, zeigen u. a. folgende Guardian-Artikel: „Empire 2.0 is dangerous nostalgia for something that never existed“ von Olusoga (2017, in dem er auch die Beziehung zwischen verzerrender Empire-Nostalgie und Wünschen nach einem Brexit anspricht, s. auch Wismayer 2017); „Britain’s colonial crimes deserve a lasting memorial. Here’s why“ von Hirsch (2017); „When will Britain face up to its crimes against humanity?“ von Manjapra (2018). 64 In der Forschung wurde die Bedeutung des Antisemitismus in der britischen Geschichte häufig relativiert (s. Roth 1964, Whine 2011, zu Kritik s. u. a. Wistrich 2011: 3, Kushner 2013: 442, Cardaun 2015: 37). Zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Großbritannien hinsichtlich des israelbezogenen Antisemitismus s. auch Embacher/Reiter (2010).

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mus (nicht nur) im linksliberalen Milieu Großbritanniens in all seinen Ausprägungen einschätzen und der in den Kapiteln III und IV erläuterte Diskurs einordnen. Abhandlungen zu Antisemitismus in Großbritannien unterstreichen häufig, dass sich dieser aufgrund seiner abweichenden Entwicklungslinien von jenem in Deutschland und Europa unterscheide: „Historically Britain has not been an arena for violent antisemitism, other than in early medieval times“ (Whine 2011: 307). Im Gegensatz zum europäischen Festland habe sich lange Zeit kein organisierter Antisemitismus in Form einer politischen Bewegung herausgebildet. Die im Zitat vorgenommene Einschränkung in Bezug auf das Mittelalter ist für das Verständnis des historischen Antisemitismus in Großbritannien von Relevanz: Es kam bereits 1189 bis 1190 in London, York und anderen Städten zu antisemitischen Pogromen, die 100 Jahre später zu einer vollständigen Vertreibung von Juden führten (s. Wistrich 2011, Bogdanor 2013, Cardaun 2015). In Großbritannien wurde die Legende des jüdischen Ritualmordes geprägt, die fortan von der Kirche kontinuierlich verbreitet wurde (s. Katz 1980, Julius 2010, Whine 2011, Cardaun 2015). Diese frühen, jedoch entscheidenden Entwicklungen hatten zur Folge, dass Juden die Einwanderung bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts verwehrt blieb (s. Cardaun 2015). Während dieser Abwesenheit jüdischen Lebens bis ins 19. Jahrhundert hinein blieb die englische Literatur ein Reservoir für antisemitische Stereotype. Bilder des hässlichen und gierigen Juden finden sich in den Werken von Marlowe, Shakespeare und später von Dickens, Eliot und Wells (s. Whine 2011: 307, s. auch Felsenstein 1995, Julius 1996, 2000 und 2010, Wistrich 2011). Trotz der sich offensichtlich in der Gesellschaft festsetzenden und sprachlich kommunizierten antisemitischen Einstellungen wurde die jüdische Minderheit in den darauffolgenden Jahrhunderten zumindest nicht politisch diskriminiert und konnte sich gesellschaftlich wesentlich besser integrieren als auf dem europäischen Festland (s. Whine 2011: 307 f.). Eine Wende brachte die durch Pogrome und Verfolgungen in Osteuropa ausgelöste Einwanderungswelle osteuropäischer Juden Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, welche auch die Frage nach der Zugehörigkeit von Juden zur britischen Nation stellte (s. Kushner 2013: 441). Bis zum Ersten Weltkrieg verfünffachte sich nahezu der jüdische Anteil an der britischen Bevölkerung. Bemerkenswerterweise war es seinerzeit ein Spezifikum des Antisemitismus liberaler und linker Kreise, die Stereotypisie-

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rung von JUDEN ALS FREMDE65 mit germanophoben Wahrnehmungsmustern zu verknüpfen. Dies stand nicht zuletzt in einem Zusammenhang mit dem deutsch-britischen Antagonismus seit der deutschen Reichsgründung im Jahre 1871. Juden wurde unterstellt, eine pro-deutsche Einstellung zu haben und Agenten des Deutschen Reiches zu sein (dieser Verdacht kam insbesondere zu Zeiten des Zweiten Burenkrieges von 1899 bis 1902 auf). Infolgedessen wurden Juden aus der britischen Wir-Gruppe ausgeschlossen (s. Terwey 2006: 28 ff., Wistrich 2011: 4, s. auch Embacher 2005: 32). Hieran erkennt man, dass auch in Großbritannien Formen des nationalen Antisemitismus vorlagen, die in II.1.2 in Bezug auf die deutsche Geschichte vorgestellt wurden. Der antisemitischen Natur entsprechender Ausschluss- und Hassmanifestationen zum Trotz wurde betont, dass es sich hierbei um keine Gegnerschaft zu Juden als Vertreter einer anderen Glaubensgemeinschaft handele (s. Terwey 2006: 239, s. auch Holmes 1979). Hinzu kam, dass behauptet wurde, antisemitisches Denken sei eine typisch deutsche Eigenschaft, weshalb die Reproduktion antisemitischer Stereotype „unbritisch“ sei, da es eine Nähe zur seinerzeit verhassten deutschen Kultur nahelege (s. Hobson, Hyndman und Maddison, zit. n. Terwey 2006: 242). Nach dem Sieg Großbritanniens über das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg fiel die virulente Ausformung der Germanophobie vorerst weg. Unabhängig davon bildete sich in der Zwischenkriegszeit zum ersten Mal in der Geschichte Großbritanniens ein organisierter Antisemitismus heraus, der auf einem Schulterschluss mit seinem kontinentalen Pendant beruhte (s. Wistrich 2011: 5, Kushner 2013: 444). Diese Bewegung wurde getragen von Gruppierungen wie The Britons oder The British Union of Fascists (BUF). Erstere sorgte für eine massenhafte Verbreitung des antisemitischen Pamphlets Die Protokolle der Weisen von Zion und orientierte sich immer offensichtlicher am deutsch-völkischen Diskurs (s. Terwey 2006: 237).66 Abgesehen von diesen Aktivitäten extremistischer Gruppierungen verweist die Geschichtswissenschaft auf die Ursachen für die strikten Einwanderungsbestimmungen der britischen Regierung in den 1930er ____________________ 65 Der Aliens Act, der eine weitere Einwanderung von Juden verhindern sollte, wurde 1905 verabschiedet (s. Terwey 2006: 30 f.). 66 Die Vorstellung, dass Juden Bolschewiken und für die Vorbereitung einer kommunistischen Weltrevolution hauptverantwortlich seien, prägte ab November 1917 immer stärker das Bewusstsein von Teilen der britischen Öffentlichkeit und sorgte für anhaltenden Aufruhr. Dies erklärt mitunter auch die Erfolgsgeschichte der „Protokolle“ in Großbritannien (s. Wistrich 2011: 4).

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Antisemitismus und nationale Identität

Jahren. Der Historiker Paul R. Bartrop äußert sich über die Haltung innerhalb des politischen Establishments Großbritanniens wie folgt: „Talk around the world about doing something for refugees was always welcome, so long as it did not require one’s own country to take any […]“ (Bartrop 1995: vii)

Zum anderen war die Haltung von Medien und Gesellschaft gegenüber jüdisch-deutschen Geflüchteten teils geprägt von antideutschen Einstellungen, wodurch wiederum ebenso deutsche Juden zu Feindbildern erklärt wurden. Dies hing u. a. mit der medialen Fokussierung auf die NS-Täterseite bei gleichzeitiger Ausblendung der Opferseite zusammen (s. Whine 2011: 322, Schoder 2014: 31 ff.). Bei den damaligen Bedenken der britischen Regierung spielte auch der Gedanke eine Rolle, dass eine Integration von Juden in die Mehrheitsgesellschaft aufgrund des ihnen unterstellten Fremdseins nicht möglich sei (Bartrop 1995: 129). Die Reproduktion dieses Stereotyps trotz der in Großbritannien verhältnismäßig erfolgreichen jüdischen Emanzipation beweist erneut die Langlebigkeit antisemitischer Denkmuster (s. Whine 2011: 307 ff.). In der Nachkriegsära setzte vor allem mit dem Bekanntwerden der Folgen des Holocaust, im Zusammenhang mit der Gründung des Staates Israel (sowie einem selbstbewussten Auftreten der jüdischen Gemeinde in Großbritannien) ein Rückgang des offen artikulierten Antisemitismus ein (s. Whine 2011: 308). Dennoch spielte der Holocaust in der britischen Erinnerung lange eine untergeordnete Rolle und wurde erst in den 1990er Jahren über den Umweg der transnationalen Holocausterinnerung zum Thema (s. Schoder 2014: 302 ff., s. auch Gerhards/Breuer/Delius 2017). Die Beschäftigung mit dem Holocaust wurde – wenn auch verzögert – ein fester Bestandteil im Schulunterricht.67 Des Weiteren wurden in den 1960er Jahren Gesetze für Gleichberechtigung und Chancengleichheit (wie bspw. der Race Relations Act von 1965) erlassen.68 Dennoch blieb ____________________ 67 Gegenwärtig werden allerdings Entwicklungen erkennbar, das Thema Holocaust aus dem Lehrplan britischer Schulen zu nehmen. Eine Studie von 2007 zeigt, dass Lehrkräfte eine entsprechende Thematisierung vermeiden, d. h. den Holocaust aus dem Lehrplan streichen, um Konflikte mit muslimischen Schülern zu vermeiden (s. Spiegel Online 2007). 68 Es ist ein britisches Spezifikum, dass – auch und gerade in der Wissenschaft – die Meinung vertreten wird, bei Antisemitismus handele es sich um eine Form des Rassismus (s. u. a. Kushner 2013), wodurch es zur Vernachlässigung zentraler

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II.2

Großbritannien

Antisemitismus innerhalb der politischen Elite des Landes verankert: Ernest Bevin, Labour-Außenminister von 1945 bis 1951, sah noch vor der Gründung Israels in der Bewegung des Zionismus den Versuch, eine jüdische Weltherrschaft zu erringen und Großbritannien in seine Schranken zu weisen (Crossman 1960: 69 ff.).69 Antisemitische Äußerungen wurden mit der Gründung Israels, insbesondere mit der medialen Vermittlung des Sechstagekrieges wesentlicher Teil vor allem des linken Diskurses in Großbritannien (s. Hirsh 2007, 2016 und 2017, Ullrich 2008, Julius 2010, Wistrich 2010 und 2011, Feldman 2013, Klaff 2013, 2014, 2016a und b, Johnson 2015, Dysch 2016 und 2017, HCHAC 2016, Rich 2016, Fine/Spencer 2017, Staetsky 2017): „Anti-semitic anti-Zionism first emerged in the late 1960s and early 1970s in consequence of the Six Day War, but became hegemonic in the 1990s and 2000s“ (Julius 2010: 441)70

Es formte sich ein Antisemitismus, der – wie auch im Hinblick auf das europäische Festland – als modernisierte Form einer zuvor teils marginalisierten Judenfeindschaft zu bezeichnen ist: ein latenter, auf Verschwörungsideologien und Israelhass fußender Antisemitismus, der ab den 1990er Jahren bis heute Zulauf besonders aus akademischen Kreisen erhält (s. Rensmann 2004, Kaplan/Small 2006, Hirsh 2007, Embacher/Reiter 2010, Wistrich 2011, Bogdanor 2013). Gerade in den letzten Jahren folgten zudem Kooperationen zwischen rechtsextremen (bspw. British National Party und Combat 18), islamistischen (bspw. Muslim Association of Britain) und linken Gruppierungen (s. auch Feldman 2013), wobei Letztere für die Gestaltung und Legitimierung des Antisemitismus im britischen Mainstream ausschlaggebend waren und noch sind: ____________________ Charakteristika des Antisemitismus als Weltdeutungssystem kommt (s. auch Gidley 2011). 69 Diese Argumentation kann als Konnex zwischen (seinerzeit akuten) Verlustängsten in Bezug auf das Empire und Antisemitismus gesehen werden. Die Erforschung dieser Verzahnung stellt in der Geschichtswissenschaft ein wichtiges Desiderat dar. 70 Anhand der Wortwahl von Julius lässt sich hier bereits erkennen, dass britische Antisemitismusforscher zwischen Antisemitismus und Antizionismus eine Unterscheidung vornehmen (hierzu s. insbesondere Feldman 2013). Der Perspektive weiter Teile der deutschen Antisemitismusforschung, dass Antizionismus eine Teilmenge des israelbezogenen Antisemitismus darstellt, wird insofern nicht entsprochen (s. Kloke 21994, Rensmann 2004: 87, MacShane 2008: 109 ff., SchwarzFriesel/Reinharz 2013: 100 ff., 198).

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II.

Antisemitismus und nationale Identität „During the last decade Britain, led by its liberal-left elites, has been sleepwalking into a morass of anti-Israel and anti-Jewish bigotry, while vehemently denying that anything is amiss.“ (Wistrich 2011: 22)

Die Spezifika des israelbezogenen Antisemitismus britischer Prägung unterscheiden sich nur teilweise von jenen in Deutschland. Freilich greifen die Kriterien von Sharanskys 3D-Test (2004) sowie der EUMC-Definition (2004) hier ebenso.71 Außerdem werden weitere inhaltliche Charakteristika erkennbar, wenn Israel als rassistischer, kolonialistischer und expansionistischer Staat dämonisiert wird (s. u. a. Gelber 2007, Embacher/Reiter 2010: 206, Sicher 2011). Damit bringen Sprachproduzenten eine klare Distanzierung gegenüber der kolonialen Vergangenheit ihres Landes zum Ausdruck, verwenden jedoch zugleich ein Deutungsmuster in Bezug auf den Nahostkonflikt, welches besonders im linksliberalen bis linken Milieu eindeutig negativ bewertet und emotional aufgeladen ist (s. hierzu auch IV.2, zu Schuldgefühlen der britischen Linken bezüglich der kolonialen Vergangenheit s. Embacher 2005: 35 ff., Gilroy 2006: 98 ff.). Zum einen nehmen sie damit eine Trivialisierung von Unrecht im Empire vor, zum anderen ignorieren sie maßgebliche Unterschiede hinsichtlich Natur und Genese zwischen dem Nahostkonflikt und einem kolonialen Herrschaftsgefüge (zu besagten Unterschieden s. u. a. Gelber 2007, Friling 2016, Sternberg 2016). Diese Beobachtung stellt zugleich den Unterschied zum deutschen Dämonisierungsrepertoire dar. Zwar werden auch im britischen Diskurs – ähnlich wie in seinem deutschen Äquivalent – frequent Gleichsetzungen von Zionismus und Nationalsozialismus (und folglich zwischen Israel und NS-Deutschland) realisiert.72 Der Schulterschluss zwischen der extremen Linken und dem islamistischen Extremismus (der insbesondere im Zuge von Kundgebungen gegen den Irakkrieg an Form gewann) mündete in einer Übernahme von Feindbildern aus dem islamistischen Spektrum (s. bspw. Pamphlete der von George Galloway gegründeten Respect ____________________ 71 Bei kontrastiven Untersuchungen wurde zudem festgestellt, dass Israel im britischen Kontext formal bzw. auf sprachlicher Ebene häufig wesentlich expliziter dämonisiert wird als in Deutschland (s. Embacher/Reiter 2010: 200 f.). 72 Entsprechend äußerte sich der ehemalige Abgeordnete und Aktivist George Galloway bei einer Kundgebung 2009: „Today the people in Gaza are the new Warsaw Ghetto, and those who are murdering them are the equivalent of those who murdered the Jews in Warsaw.“ (zit. n. Paul 2010). Ein Blick in die 1980er Jahre der linken Medien News Line und Labour Herald beweist, dass in der britischen Linken NS-Vergleiche noch weiter zurückliegen (s. bspw. Letzterer vom 25. Juni 1982; zu NS-Vergleichen in Großbritannien s. auch Klaff 2014, zur Frequenz von NS-Vergleichen in den Guardian-Korpora s. Anhang).

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II.2

Großbritannien

Party)73. Allerdings weist der NS-Vergleich als Ausprägung bei der Dämonisierung Israels andere Funktionen auf als im deutschen Diskurs (s. IV.2). Des Weiteren verbalisieren Sprachproduzenten insbesondere im linken Milieu simplifizierende Welterklärungsmuster, die auch für den von mir untersuchten Sprachgebrauch eine wesentliche ideologische Grundlage darstellen: „The problems now facing the [Jewish] community are those which previously did not exist. […] the recent resurrection of the far left, and its reactions to globalization.“ (Whine 2011: 311)

Im Zuge ideologiegeleiteter Personifikationen (s. III.2.4.4) globaler Zustände und Prozesse kommt es häufig zu einer Gleichsetzung von Israel und den USA sowie der Unterstellung, beide Staaten allein seien für das Unrecht in der Welt verantwortlich (Markovits 2004 und 2007, Beyer/ Liebe 2010, Embacher/Reiter 2010: 187 f., Wistrich 2010: 383 ff., Beyer 2014, Jaecker 2014, Knappertsbusch 2016, zur Ausgrenzung Israels sowie der USA mittels Kolonialismus-Vergleichen s. IV.2.3). Eine weitere Form der Dämonisierung Israels ist die gerade im britischen Diskurs frequent etablierte Apartheid-Analogie (s. hierzu IV.3). Durch die gesellschaftsübergreifend eindeutig negative Bewertung dieser historischen Phase südafrikanischer Geschichte, ihre zeitliche Nähe und folglich durch ihr enormes emotionalisierendes Potenzial handelt es sich bei entsprechender Sprachverwendung um ein besonders effektives Mittel der Abwertung und Ausgrenzung des jüdischen Staates (zur Unterscheidung zwischen Israel und dem Apartheidstaat s. u. a. SchwarzFriesel/Reinharz 2013: 42, s. auch Fine 2014 und besonders Pogrund 2014 und 2015). Gleichzeitig wird die Apartheid als Unrechtsszenario relativiert und von der partiellen Verantwortung Großbritanniens für deren Entstehung und dauerhaften Präsenz abgelenkt (s. Dowden 1994, Temko 2006, Borger 2013, Smith 2013, Thompson 42014). Mit dem Wissen über die Spezifika des israelbezogenen Antisemitismus lassen sich aktuelle Trends in Großbritannien einordnen. Die Linke Großbritanniens wird zu einem großen Teil durch die Labour-Partei vertreten, in der es in den letzten Jahren zu antisemitischen Vorfällen kam.74 ____________________ 73 Zur Rolle Galloways bei Boykott- und Unterstellungskampagnen, bei denen Israel Handel mit palästinensischen Organen nachgesagt wurde („playing miniMengele“), s. u. a. Wistrich 2011: 13. 74 Freilich kam es mit New Labour zu einer Distanzierung einer großen (wenn auch gesamtgesellschaftlich unbedeutenden) Zahl von Linken, die sich durch Labour

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

So geben die Äußerungen des Labour-Abgeordneten Thomas Dalyell, der 2003 Tony Blair als von „cabal of Jewish advisers“ (Brown/Hastings 2003) beeinflusst beschrieb, Einblick in vorhandene Stereotype bis hinein in führende politische Positionen der Partei. Der ehemalige Londoner Bürgermeister und Labour-Politiker Ken Livingstone fiel 2005 durch antisemitische Ausfälle gegenüber dem jüdischen Journalisten Oliver Finegold auf, den er mit einem KZ-Wächter verglich (s. Whine 2011: 313, s. auch Muir 2005). 2016 sorgte Livingstone für einen weiteren Skandal, indem er die Meinung vertrat, Hitler habe den Zionismus unterstützt (s. Haaretz 2016a).75 Nach langem Zögern (s. Mason/Elgot 2017) verließ er schließlich 2018 die Labour-Partei (s. Crerar 2018). Labour-Chef Jeremy Corbyn führte 2016 den israelfeindlichen Diskurs fort, indem er Israel mit islamistischen Staaten verglich und hinsichtlich Hamas und Hisbollah Terrorrelativierung betrieb (s. Syal 2016, zu Corbyn s. insbesondere Rich 2016, Fine/Spencer 2017): „Our Jewish friends are no more responsible for the actions of Israel or the Netanyahu government than our Muslims friends are for those various self-styled Islamic State.“ (Haaretz 2016b)

Im März 2018 kam es zu einem weiteren, Jeremy Corbyn involvierenden Skandal, als bekannt wurde, dass der Labour-Politiker Mitglied in diversen Facebook-Gruppen war, in denen offen antisemitische Stereotype in Text- und Bildform reproduziert wurden (s. Forrester 2018, Mikhailova/Swinford 2018). Auf regierungspolitischer Ebene wird im Umgang mit antisemitischen Äußerungen und Vorfällen indes selten eine klare Position bezogen (s. APPIA 2006, HCHAC 2016).76 ____________________ nicht mehr repräsentiert sehen und sich für Parteien wie bspw. die trotzkistische SWP (Socialist Workers Party) oder das Parteibündnis Respect entschieden. 75 Der britische Antisemitismusforscher und Soziologie David Hirsh prägte den Terminus Livingstone Formulation, mit dem er auf die Zurückweisung jener Forschung verweist, die Antisemitismus thematisiert. Gemäß dieser Perspektive diene die Betrachtung von Antisemitismus der Etablierung eines Tabus. Politische Debatten würden demnach zum Schweigen gebracht (s. Rensmann 2015, Hirsh 2007 und 2016, Fine/Spencer 2017, zur Verwendungsweise in meinen Korpora s. auch III.2.4.4 (playing the antisemitism card) sowie in IV.2 und IV.3). 76 Eine Ausnahme und somit einen scheinbar neuen, konfrontativen Umgang mit Antisemitismus vonseiten der britischen Politik stellte der Report der LabourPolitikerin Shami Chakrabarti zu Antisemitismus innerhalb der Labour-Partei dar. Dort konkludiert sie, dass die „Labour Party is not overrun by anti-Semitism, Islamophobia or other forms of racism. […] However, as with wider society, there is too much clear evidence (going back some years) of minority hateful or igno-

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II.2

Großbritannien

Von Medienbeobachtern und der Forschung wird eine einseitig israelkritische bis -feindliche Medienberichterstattung festgestellt und problematisiert (s. Iganski et. al 2005, CST 2007–2016, Sela 2010, Whine 2011, Wistrich 2011, Kaposi 2014). Es sind Journalisten britischer Medien, die antisemitische Stereotype in Text- und/oder Bildform reproduzieren (s. hierzu I.1, s. auch Shindler 2004, MacShane 2008, Gross 2011, Levick 2016). Damit steigt freilich die Gefahr einer Habitualisierung entsprechender Wahrnehmungsmuster in der britischen Gesellschaft. Gerade der linksliberale Guardian,77 aber auch andere Medien wie der Independent, der New Statesman, Observer Sunday, Evening Standard sowie die BBC zeichnen hinsichtlich des Nahostkonflikts – im Gegensatz zu Times, Telegraph und Sun – ein Israel (und teils auch Juden) dämonisierendes Bild. So zeigt der New Statesman 2002 auf der Frontseite einen Davidstern, der einen Union Jack aufspießt – mit dem Untertitel „A kosher conspiracy?“ (s. Hodgson 2002). Dave Brown vom Independent veröffentlichte 2003 eine Cartoonserie, die u. a. den damaligen israelischen Premierminister Ariel Sharon als Kinder verschlingendes Ungeheuer darstellt und folglich das Stereotyp des RITUALMORDES reproduziert (s. Byrne 2003). Die BBC zeichnet seit Jahren ein einseitiges Bild vom Nahostkonflikt und gibt Israel die Alleinschuld sowohl für den Nahostkonflikt als auch für erkennbare antisemitische Trends weltweit (s. Wistrich 2011: 9, s. auch Fleischer 2003: 8). Kritik vonseiten der Leserschaft und eine von Israel angedrohte Aufkündigung der Zusammenarbeit führten zur Berufung einer unabhängigen Kommission (zum Balen-Report, der von der BBC unter Verschluss

____________________ rant attitudes and behaviours festering within a sometimes bitter incivility of discourse. This has no place in a modern democratic socialist party that puts equality, inclusion and human rights at its heart. […] Moreover, I have heard too many Jewish voices express concern that anti-Semitism has not been taken seriously enough in the Labour Party and broader Left for some years. An occasionally toxic atmosphere is in danger of shutting down free speech within the Party […]“ (SCI 2016: 1). Zu Stellungnahmen britischer Antisemitismusforscher vor Veröffentlichung des Chakrabarti-Reports s. Engage 2016, zu Reaktionen auf den Report s. Klaff 2016a. Innerhalb der britischen Antisemitismusforschung wurde der Chakrabarti-Report als enttäuschender Relativierungsversuch eines in der LabourPartei virulenten Problems aufgefasst. 77 Zur Darstellung Israels im Guardian berichte ich ausgiebig in den Kapiteln I.1, IV.2 und IV.3. Insofern werde ich an dieser Stelle von einer sich wiederholenden Wiedergabe meiner Beobachtungen hinsichtlich dieses Mediums absehen.

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

gehalten wurde, s. Revoir 2007 und Tryhorn 2007).78 2013 kommt es zu einem weiteren Skandal, als die Sunday Times am Holocaust-Gedenktag eine Karikatur veröffentlicht, auf der Netanyahu über eine Mauer blickt, deren Fugen mit Blut von sich windenden Palästinensern gefüllt sind (s. The Commentator 2013). Mittels dieser Karikatur wird erneut das Stereotyp des RITUALMORDES kodiert. Folglich bedienen nicht nur linksgerichtete, sondern auch konservative Medien antisemitische Topoi über Äußerungen und/oder Bildwerke. Freilich liegt eine Wechselwirkung zwischen Medien und Gesellschaft vor. Wistrich betont, dass sich Israelfeindschaft nicht allein auf linke, linksextreme und islamistische Milieus beschränkt, sondern historisch im rechten Spektrum artikuliert wurde und gegenwärtig im Mainstream der britischen Gesellschaft ankommt („among the academic, political, and media elites“, Wistrich 2011: 3, s. auch Sicher 2009). Entsprechend geht Wistrich so weit, Großbritannien gegenwärtig als „Pionier“ (2011: 16) eines israelbezogenen Antisemitismus mit gesamtgesellschaftlicher Anschlussfähigkeit zu bezeichnen. In diesem mehrheitsfähigen Israelhass Großbritanniens gewinnen auch gegen Israel gerichtete Boykottaufrufe an Rückhalt (s. Embacher 2005: 29, Gerstenfeld 2007: 214 f., Embacher/Reiter 2010: 202 ff., Julius 2010: 443, Bogdanor 2013: 66 f., Feldman 2013: 3 ff.). Gerade der Antisemitismus im akademischen Feld erhält seit den 1990er Jahren besonderen Zulauf und äußert sich zugunsten solcher Boykottaufrufe, die in Umfang und Qualität Boykottbewegungen in anderen Teilen Europas weit hinter sich lassen (s. Kaplan/Small 2006, Gerstenfeld 2007, Hirsh 2007, 2016 und 2017, Embacher/Reiter 2010, Wistrich 2011, Bogdanor 2013, Klaff 2013). Dazu gehören auch die „campaign against apartheid“ sowie die „anti-colonial protest and mobilisation“ (Feldman 2013: 3 f., s. hierzu auch Embacher/Reiter 2010: 203 f.). Als besonders präsente Akteure sind hier neben den BDS-Verantwortlichen akademische Verbände wie AUT (Association of Union Teachers), NATFHE (British National Association of Teachers in Further and Higher Education) und UCU (University and College Union) zu nennen (s. Hirsh 2007: 71 ff., Embacher/Reiter 2010: 203, Wistrich 2011: 13, s. auch Gidley 2011). Boykottaufrufe gehen allerdings nicht allein von akademischen Verbänden aus – auch die größte Gewerkschaft Unite sowie die Church of England haben kontinuierlich eine Debatte über Einschränkungen von Handel mit ____________________ 78 Die Berichterstattung der BBC wird zudem von der Webseite BBC Watch verfolgt (s. BBC Watch 2017).

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II.2

Großbritannien

und Investitionen in Israel geführt (s. Whine 2011: 311 f., Embacher 2015: 129 f.). Trotz einer festen demokratischen Grundhaltung innerhalb der Gesellschaft bezeugen Umfragewerte den Erhalt von antisemitischen Stereotypen (s. hierzu eine Studie der Agentur Independent Communications and Marketing (ICM) von 2005, veröffentlicht im Jewish Chronicle im Januar 2004, s. BBC 2005).79 Aus dieser geht hervor, dass ein Fünftel der Befragten der Vorstellung eines Premierministers, der jüdisch ist, ablehnend gegenüberstehe. Robert Booth stellt 2015 in einem Guardian-Artikel fest, dass basierend auf Zahlen des Community Security Trust (CST) die Zahl antisemitischer Straftaten in Großbritannien so hoch wie noch nie ist: „The number of antisemitic incidents in the UK has reached the highest level ever recorded, with reports of violence, property damage, abuse and threats against members of Britain’s Jewish population more than doubling last year.“ (Booth 2015)

Im selben Jahr zeigt eine YouGov-Umfrage, dass nahezu die Hälfte der ca. 3.400 Befragten antisemitische Einstellungen aufweisen. Gemäß den Antworten würden Juden über wirtschaftliche Macht verfügen sowie großen Einfluss auf die Medien ausüben (s. Quinn 2015). Diesen Befunden stehen Umfragen gegenüber, welche wiederum die (im Vergleich zu anderen europäischen Ländern) niedrigen antisemitischen Einstellungswerte in der britischen Bevölkerung unterstreichen (s. Zick/Küpper/Hövermann 2011: 65 ff., Dencik/Marosi 2016: 33, Staetsky 2017: 63 ff.). Auch wenn Antisemitismus in Großbritannien niedriger ausfällt als in anderen europäischen Ländern, so muss darauf hingewiesen werden, dass viele dieser Umfragen kein präzises Bild von den Verhältnissen in Großbritannien abgeben. Zum einen wird die oben erwähnte Umwegkommunikation, die bei israelbezogenem Antisemitismus vorliegt, kaum oder gar nicht berücksichtigt. Entsprechende Erhebungen blenden aufgrund ihres Untersuchungsdesigns folglich die dominante Manifestationsform von gegenwärtigem Antisemitismus sowie den Zusammenhang zwischen Wahrnehmungen des Nahostkonflikts und dem Anstieg antisemitischer Haltungen und ____________________ 79 Erwähnenswert ist zudem, dass (teils latent) antisemitische Positionierungen vor allem bei der Arbeiterschicht angehörenden Befragten erkennbar wurden, die zum Zeitpunkt der Umfrage 65 Jahre und älter waren – Personen also, die den Krieg und/oder die unmittelbare Nachkriegszeit erlebten. Haltungen wie diese zeigen sich auch in o. g. Ausführungen zum Umgang der britischen Regierung mit dem Thema Holocaust sowie jüdischen Mitbürgern und Geflüchteten während der 1930er Jahre und später.

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II.

Antisemitismus und nationale Identität

Straftaten in Großbritannien aus (s. aber Staetsky 2017). Ebenso bleibt der Zusammenhang zwischen Antisemitismus und nationaler Identität unberücksichtigt, wie er bei Empire-, Kolonialismus- und Apartheid-Analogien einzuräumen ist (s. auch Terwey 2006: 246, Embacher 2005, Embacher/Reiter 2010). Im Folgenden werde ich die sprachlichen Kodierungsvarianten antisemitischer Einstellungsmuster vorstellen und erläutern. Basierend auf einer kontextuellen Einordnung von nationaler Identität und Antisemitismus im Zusammenspiel mit einem sprachwissenschaftlichen Instrumentarium, welches besonders implizit vermittelte Hassrede berücksichtigt, werde ich mich den Spezifika der von mir untersuchten Zeit- und Guardian-Korpora 2012 und 2014 zuwenden.

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III.

Antisemitismus und Sprache

In diesem Kapitel werde ich jene sprachwissenschaftlich relevanten Phänomene vorstellen, die für das Verständnis von Verbal-Antisemitismus in den von mir untersuchten Korpora unerlässlich sind. Dabei werde ich ebenso auf die Verbindung von Sprache und Denken, von antisemitischer Hassrede und den ihr zugrundeliegenden Konzeptualisierungen eingehen. III.1 Kognitionslinguistische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus Antisemitismus manifestiert sich nicht nur in Form von konkreter Gewalt, sondern auch über sprachliche Äußerungen, durch welche Juden dämonisiert und aus der Gemeinschaft ausgegrenzt werden (s. Sieg 2003: 342, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 1). Ganz grundsätzlich erfüllt Sprache die Aufgabe der Weitergabe, der Aufrechterhaltung von Einstellungen: „Die Sprache ist das bei allen individuellen Unterschieden und subjektiven Ausrichtungen menschlicher Existenzen in einer Gemeinschaft von allen geteilte und benutzte, überindividuell verstandene Kenntnis- und Kodierungssystem.“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 33)

Vermittelt durch Sprache werden Gedanken konkretisiert und objektiviert. Im Zuge der Genese des Antisemitismus wurde und wird mittels Sprache auf Juden nicht nur der Status des Andersseins übertragen, sondern es werden auch Feindbilder konstruiert, vermittelt und im kollektiven Gedächtnis aufrechterhalten (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 57). Bilder, die über die Sprache weitergegeben werden, haben die Etablierung von Einstellungen zur Folge, aus denen wiederum geschlossene Weltbilder entstehen können. Die Sprache kann insofern metaphorisch als Reservoir beschrieben werden, in dem antisemitische Einstellungen konserviert vorliegen. Auf Einstellungen folgen Äußerungen, die sich wiederum zu einem „Teil des gesellschaftlichen Prozesses und der sozialen Interaktion“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 33) formieren und die außersprachliche Welt determinieren. In diesem Kapitel wird es u. a. genau um diesen letztgenannten Aspekt gehen: Sprache bildet Realität keinesfalls nur ab, sondern perspektiviert und bewertet diese, gestaltet also Wirklichkeit. Um dieses Charakteristi-

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III.

Antisemitismus und Sprache

kum von Sprache zu veranschaulichen, werde ich zentrale Kategorien zur Erforschung des Gestaltungspotenzials von Sprache vorstellen. III.1.1

Forschungsstand zu Antisemitismus und Sprache

Die sprachliche Seite der gegenwärtigen Judenfeindschaft wurde von Wissenschaftlern über einen langen Zeitraum nicht zur Kenntnis genommen. Liegen unzählige Analysen innerhalb der Geschichts-, Sozial- und Politikwissenschaften vor, so ist der Zugang über die qualitativ ausgerichtete Sprachgebrauchsanalyse von der Antisemitismusforschung nicht hinreichend wahrgenommen worden (s. BMI 2012: 72 f., Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 2). Historischer Verbal-Antisemitismus indes – besonders jener der NSZeit – wird mit seinen Spezifika und kommunikativen Funktionen bereits im Rahmen philologischer und linguistischer Studien betrachtet (s. bspw. Klemperer [1947] 242010 sowie Ehlich 1989, Bering 1991 und 31991, Kinne/Schwitalla 1994, Schmitz-Berning 1998, Hortzitz 21996 und 2005, Hutton 1999, Braun 2007, Schlosser 2013). Kämper (2005 und 2007) hat diskursanalytische Untersuchungen zum deutschen Schulddiskurs nach 1945 vorgelegt. Wodak (1990, Wodak et al. 1990) betrachtet in ihren diskursanalytischen Studien die sprachliche Seite des Nachkriegsantisemitismus in Österreich. Des Weiteren haben Bock/Filipschack (1997), Hub (1998), Behrens (2003), Jäger/Jäger (2003), Beyer/Leuschner (2010), Schwarz-Friesel (2013a), Troschke (2015) und jüngst Beyer (2016) zu Antisemitismus in der gegenwärtigen deutschen Medienberichterstattung – insbesondere zu den Themen Israel und Nahostkonflikt – Studien vorgelegt (s. hierzu I.1). Die umfangreiche Studie von Schwarz-Friesel und Reinharz (2013) beschäftigt sich im Rahmen detaillierter Korpusanalysen von Zuschriften an die Israelische Botschaft in Berlin und den Zentralrat der Juden in Deutschland mit der Sprache der Judenfeindschaft auf allen Ebenen der Sprachverwendung. Auch jene Ausprägungen des Verbal-Antisemitismus, die allein über Schlussfolgerungsprozesse dekodiert werden können, erfahren dabei umfassende Betrachtung (s. Kapitel III.2, s. auch SchwarzFriesel 2010). Ein zentrales Ergebnis dieser Studie ist, dass Träger antisemitischer Einstellungen bzw. Produzenten antisemitischer Verbalisierungen im untersuchten Korpus zu einem Großteil der Mitte der Gesellschaft angehören (s. zu dieser Beobachtung auch Schwarz-Friesel/Friesel/Reinharz 2010, Schwarz-Friesel 2015a). Über 65 Prozent der in der Studie un108

III.1 Kognitionslinguistische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

tersuchten, als antisemitisch zu wertenden Texte stammen aus dem politischen Mainstream der Gesellschaft. Damit wurde empirisch nachgewiesen, dass liberale politische Einstellungen nicht vor Antisemitismus schützen, sondern sich mit diesem durchaus verbinden können – eine Beobachtung, welche die vorliegende Studie mit Blick auf den Web-Diskurs (links)liberaler Medien u. a. spezifizieren und nochmals bekräftigen soll.80 Neben den im deutschsprachigen Internet vorzufindenden sprachlichen Ausprägungen von Antisemitismus geht Schwarz-Friesel (2013b) auf die kommunikationsspezifischen Bedingungen des Mediums (wie Anonymität, Zugänglichkeit, gegenseitige Bestärkung) ein, durch welche die öffentliche Artikulation von antisemitischen Einstellungen maßgeblich erleichtert wird. Zudem leitet Schwarz-Friesel seit Oktober 2014 das DFG-Projekt „Antisemitismus im Internet“ an der TU Berlin. Die sprachwissenschaftlichen Kategorien meiner Arbeit basieren zu einem Großteil auf der Studie von Schwarz-Friesel/Reinharz (2013), werden allerdings durch den Fokus auf die sprachlichen Ausprägungen des Entlastungsantisemitismus induktiv weiterentwickelt (s. I.2). Im Folgenden werde ich alle für die Analyse relevanten sprachwissenschaftlichen Kategorien vorstellen.

III.1.2

Konzept, Konzeptualisierung und Referenzialisierung

Um über den Sprachgebrauch Einstellungsmuster rekonstruieren zu können, bedarf es genauerer Kenntnis über die grundlegende Verfasstheit unseres Denkens. Das Wissen zu Sachverhalten der außersprachlichen Welt liegt im Langzeitgedächtnis in Form von Konzepten und Konzeptverknüpfungen permanent gespeichert vor. Konzepte sind als „mentale Organisationseinheiten [zu] definieren, die die Funktion haben, Wissen über die Welt zu speichern. Als Bausteine unseres Kognitionssystems ermöglichen sie die ökonomische Speicherung und Verarbeitung subjektiver Erfahrungseinheiten durch die Einteilung der Informationen in Klassen nach bestimmten Merkmalen.“ (Schwarz 32008: 108)

____________________ 80 Die Ergebnisse der Studie von Schwarz-Friesel/Reinharz bestätigen zudem, dass die in dieser Arbeit vorgestellten sprachlichen Reproduktionen antisemitischer Stereotype und Analogien zumindest in Deutschland nicht nur bedingt durch die Kommunikationsspezifika des Web 2.0 auftreten. Es handelt sich dabei um Phänomene, die ebenso in anderen (Offline-)Medien erfasst werden können und demnach ein Spezifikum nicht allein privater Diskurse darstellen.

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III.

Antisemitismus und Sprache

Konzepte treten im Langzeitgedächtnis in sog. Schemata auf, worunter man „komplexe, konzeptuelle Wissensstrukturen“ versteht (Schwarz-Friesel 22013: 38). Die Zahl der Konzepte ist nicht begrenzt, sondern es können sich im Laufe des Lebens eines Menschen fortwährend Konzepte herausbilden. Dieser Prozess wird Konzeptualisierung genannt und meint konkret die „Bildung von geistigen, intern gespeicherten Repräsentationen“ (Schwarz-Friesel 22007: 37). Gleichzeitig bezieht sich der Terminus Konzeptualisierung auf das Ergebnis dieses Prozesses: „Konzeptualisierungen stellen kognitive Repräsentationen im Sinne von mentalen Vorstellungsmustern dar, die zu einem bestimmten Welt-Bereich, z. B. einer Person(engruppe), gebildet und gespeichert werden.“ (Schwarz-Friesel et al. 2010: 30)

Ich verwende in dieser Studie Konzeptualisierung, indem ich auf besagtes Ergebnis (und nicht auf erstgenannten Prozess) verweise. Um kognitive Repräsentationen, also Konzeptualisierungen zu referenzialisieren bzw. zu versprachlichen, nimmt der Schreiber bestimmte lexikalische Mittel in Anspruch.81 Wie in III.1 erwähnt, ist Sprache nicht nur Mittel zur Darstellung der außersprachlichen Wirklichkeit, sondern auch Mittel zur Gestaltung derselben. III.1.3

Perspektive, Perspektivierung und Evaluation

Sprache bildet Realität nie objektiv ab. Infolge einer Referenzialisierung wird durch den Schreiber stets auch eine bestimmte Perspektivierung vorgenommen. Er greift dabei auf die vielfältigen Möglichkeiten des Sprachgebrauchs zurück: „Lexikon und Grammatik liefern ein Reservoir an unterschiedlichen Wörtern für Benennungen sowie die Möglichkeit, syntaktische Strukturen flexibel auszuwählen, um Inhalte semantisch und strukturell verschiedenartig darzustellen.“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 34)

Die Perspektive des Schreibers zeigt sich in der von ihm getätigten Äußerung. Eine vom Betrachter unabhängige Darstellung ist unmöglich: „Eine perspektivierte Verbalisierung fokussiert bestimmte Aspekte eines referenziellen Sachverhalts (mittels lexikalischer und informationsstruktureller Mittel), d. h. Objekte und/oder Sachverhalte werden aus einem spezifischen Blickwinkel kodiert […].“ (Schwarz 32008: 234)

____________________ 81 Ein referenzieller Sachverhalt meint Zustände sowie Ereignisse, die in einem Text referiert werden (s. III.1.4 und Schwarz-Friesel/Consten 2014).

110

III.1 Kognitionslinguistische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

Durch sprachliche Äußerungen werden Konzepte und Einstellungen des Schreibers erkennbar. So lassen sich bei den folgenden Beispielsätzen divergierende Konzeptualisierungen der Schreiber ausmachen, deren Versprachlichung wiederum den Nahostkonflikt verschieden perspektiviert: a) Israel befindet sich in einem Krieg mit den Palästinensern. b) Die Israelis führen einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser. Im Beispielsatz a) lässt die Formulierung befindet sich in einem Krieg den Schluss zu, dass Israel sowie Palästinenser Kriegsparteien darstellen. Beide Parteien stehen sich in einem Verhältnis gegenüber. Israel bezieht sich auf den Staat bzw. die Regierung Israels. Im Beispielsatz b) hingegen bezieht sich der Schreiber generisch-verallgemeinernd auf die Israelis. Allein ihnen schreibt er die aktive Rolle zu: Sie führen einen Vernichtungskrieg. Palästinensern, Akkusativobjekt im Satz, kommt eine passive Rolle zu. Außerdem wird durch das Kompositum Vernichtungskrieg der Konflikt auf eine spezifische Weise perspektiviert. Der Rezipient kann, sofern er über ausreichend enzyklopädisches Wissen verfügt, schlussfolgern, dass der Schreiber auf den Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten anspielt (s. III.2.4.2). Eng verbunden mit dem Phänomen der Perspektivierung ist die Evaluation des dargestellten Sachverhalts: „Eine perspektivierte Referenzialisierung lässt eine Evaluierung erkennen: Eine bestimmte Bewertung wird (implizit oder explizit) sprachlich angezeigt. Bewertungen manifestieren sich oft über explizite Attribuierungen, d. h. es werden den Referenten bestimmte Eigenschaften zugesprochen.“ (Schwarz-Friesel 22013: 214)

Es entstehen je nach Referenzialisierung des Nahostkonflikts spezifische Perspektivierungen desselben. Der eben erwähnte Beispielsatz b) perspektiviert diesen über die Verwendung des Kompositums Vernichtungskrieg als eine kriegerische Handlung, die auf die komplette Vernichtung der Gegnerseite, der Palästinenser, durch die Israelis hinausläuft. Da Vernichtungskrieg außerdem auf die NS-Verbrechen anspielt, ergibt sich hier eine extrem negative Evaluation Israels. Auf die mit entsprechenden Perspektivierungen und Evaluationen potenziell ausgelöste Emotionalisierung des Lesers werde ich in III.1.6 eingehen.

III.1.4

Textverstehen

Der eben bereits angesprochene Abruf enzyklopädischen Wissens, das Auffüllen konzeptueller Lücken ist eine Besonderheit beim Textverstehen. Die im Text nicht genannten Aspekte werden vom Leser mithilfe seines 111

III.

Antisemitismus und Sprache

Weltwissens automatisch und meist unbewusst aufgefüllt. Die sprachliche und konzeptuelle Kompetenz des Lesers ermöglicht es, Kohärenz herzustellen (s. Schwarz-Friesel 22013: 36). Diese Prozesse, die eben nicht nur auf der Textsemantik fußen, sind als Aktivierungs- und Schlussfolgerungsprozesse zu beschreiben (s. Schwarz-Friesel 22013: 94, s. III.2). Dem Leser kommt also eine aktive Rolle zu (Schwarz-Friesel 22013: 33 ff.). Beim Lesen elaboriert er aus dem semantischen Potenzial eines Textes (bottom up) und seinem konzeptuellen Wissen (top down) ein spezifisches Textweltmodell (TWM), „ein passendes mentales Sachverhaltsmodell“ (s. Schwarz 32008: 197 sowie 190). Dementsprechend kann das TWM im Verhältnis zur Textsemantik wesentlich umfangreicher und komplexer sein. Dennoch ist die Textstruktur zentral für die Erstellung von Kohärenz. Inferenzprozesse, die beim Leser ausgelöst werden, hängen immer von den explizit vermittelten Informationen ab, die die Bildung eines spezifischen TWM anstoßen. Leser übernehmen bei der Etablierung des TWM jene Sachverhalte, die mit ihren Einstellungen übereinstimmen. Die sich in der Folge herausbildenden bzw. sich teils anpassenden Konzeptualisierungen können wiederum die Grundlage für Perspektivierungen innerhalb neuer Web-Kommentare bilden, deren Inhalte Parallelen zu Perspektivierungen älterer Kommentare aufweisen. Hier zeigt sich das Spezifikum gegenseitiger Bestätigung innerhalb der Internet-Kommunikation. Bei meiner Studie werde ich zeigen, inwieweit Stereotypreproduktionen und Negativevaluationen innerhalb der von mir untersuchten Korpora infolge gegenseitiger Bestätigung sowie Normalisierung hinsichtlich eines israelfeindlichen Klimas zuoder abnehmen. III.1.5

Inferenzen

Informationen können explizit gesagt oder implizit vermittelt, d. h. angedeutet werden. Explizit vermittelte Bedeutungen nennt man das Referenzpotenzial, da diese zwar konkret von Schreibern verbalisiert werden, von Lesern aber nicht immer zwingend verstanden werden müssen. Informationen, die Schreiber implizit vermitteln, müssen von Lesern elaboriert, d. h. erschlossen bzw. inferiert werden: „Eine Inferenz ist ein kognitiver Prozess, der auf unserem Weltwissen basiert, Diskontinuitäten im Text überbrückt und vom Leser bei lückenhaften Informationen, aber auch bei Problemfällen und scheinbaren Unsinnigkeiten eingesetzt wird.“ (Schwarz-Friesel 22013: 33)

112

III.1 Kognitionslinguistische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

Inferenzen meinen in der Textverstehensforschung also Schlussfolgerungen. Da zu einem Sachverhalt nie alles verbalisiert werden kann, sondern wir uns stets für eine bestimmte Auswahl an relevanten Informationen entscheiden, verfügt jeder Text über ein Inferenzpotenzial. Mittels Weltwissensaktivierung und kognitiver Prozesse wird dieses Inferenzpotenzial vom Leser realisiert (s. Schwarz 32008: 89, Schwarz-Friesel 22013: 33). Diese Eigenschaft des Textverstehens ist für die vorliegende Untersuchung von besonderer Bedeutung, da die Schreiber die interessierenden Konzeptualisierungen nicht explizit kommunizieren. In II.1 gehe ich in Bezug auf den Post-Holocaust-Antisemitismus in Deutschland bereits auf den Terminus der Kommunikationslatenz (s. Bergmann/Erb 1986) ein, der eine Verschiebung von öffentlicher zu privater Artikulation sowie von expliziter zu impliziter Vermittlung von Antisemitismus nach 1945 meint. Auch in Bezug auf die Perspektivierung des Nahostkonflikts – gerade im Hinblick auf jene die NS-Analogie etablierenden und Stereotype reproduzierenden Sprachgebrauchsmuster in Zeit-Leserkommentaren – finden sich entsprechende Formen implizit vermittelter Hassrede. Sobald ein Schreiber eine brisante Äußerung vorzunehmen gedenkt (wobei ihm die Brisanz nicht immer klar sein muss), kann er diese implizit kommunizieren, wodurch die Gefahr einer Sanktionierung sinkt. Dem Schreiber können jene Lesarten, die Ergebnis von Schlussfolgerungsprozessen sind, nicht als beabsichtigt nachgewiesen werden (Beispiele hierzu folgen in III.2). Dass Rezipienten nicht immer in der Lage sind, Inferenzen zu ziehen, ist auch für diese Studie ein zu berücksichtigender Aspekt. Sobald ein Mangel auf der Ebene enzyklopädischen oder intertextuellen Wissens vorliegt, können spezifische Anspielungen von Lesern ggf. nicht verstanden werden. Das Inferenzpotenzial eines Textes wird dann nicht (vollständig) erschlossen. Im Rahmen meiner Korpusanalysen wird indes erkennbar, dass ein Großteil der sich aktiv an den Debatten beteiligenden Leser dazu in der Lage ist, die über den Rekurs auf Lexeme und Redewendungen etablierte NS-Analogie zu inferieren. III.1.6

Emotionspotenzial und Emotionalisierung

Emotionale Einstellungen der Schreiber können sowohl explizit als auch implizit vermittelt werden. Ein Text verfügt insofern über ein Referenzpotenzial, ein kognitives Inferenzpotenzial sowie ein Emotionspotenzial. Das

113

III.

Antisemitismus und Sprache

Emotionspotenzial eines Textes ist verankert in seiner Informationsstruktur, also eine inhärente Eigenschaft des Textes, und „betrifft nicht nur die kodierten Gefühle und Emotionen der fiktiven (oder realen) Personen der Textwelt, sondern auch die antizipierten Gefühle des Rezipienten […]. Dabei muss es nicht notwendigerweise um Emotionen und Gefühle in der Textwelt gehen: Sachverhaltsdarstellungen können (je nach sprachlicher Gestaltung) eine Perspektivierung, die mit Emotionalisierung einhergeht, evozieren.“ (Schwarz-Friesel 22013: 224)

Die Emotionalisierung hingegen ist ein Prozess und meint „die gezielte Aktivierung von bestimmten Gefühlswerten beim Leser. In der referenziellen Darstellung werden emotionale Aspekte in den Vordergrund gestellt. Spezifische Gefühle wie Wut, Trauer, Freude, Hass, Neid sollen aktiviert werden.“ (Schwarz-Friesel 22013: 214)

Es sind das Referenz- und Inferenzpotenzial eines Textes, welche sein Emotionspotenzial determinieren (s. Schwarz-Friesel 22013: 212). Es konstituiert sich aus Phänomenen auf Wort-, Satz- und Textebene. Der folgende Guardian-Leserkommentar veranschaulicht dabei das Zusammenspiel verschiedener sprachlicher Systeme: „But the balance is scary, 1400 to 50......... We know who’s intentions are killing.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

Referenz-, Inferenz- und Emotionspotenzial dieser Äußerung lassen sich durch den Kontext erschließen. Der Schreiber bezieht sich auf die Operation Protective Edge und auf die bisherigen Schätzungen, wie viele Personen in dieser Eskalationsphase des Nahostkonflikts auf beiden Seiten umgekommen sind. Über das enzyklopädische und Kontextwissen kann der Leser inferieren, dass es sich bei den „1400“ Toten um Palästinenser, bei den „50“ um Israelis handelt. Durch die ein nicht spezifiziertes Wir integrierende Formulierung im zweiten Satz deutet der Schreiber an, Israels Intention sei es zu töten. Diese Andeutungen sowie das emotionsbezeichnende Lexem scary verleihen dem Text ein intensivierendes Emotionspotenzial, aus dem wiederum eine korrespondierende Negativevaluation der Israel unterstellten Praxen folgt. Aus der Aktivierung von Gefühlen, also der Emotionalisierung der Leser, kommt es schließlich zu Bewertungen, wie sie im Web-Diskurs infolge von stark emotionalisierenden WebKommentaren (oder auch Artikeln) erkennbar werden. Die Absicht des Schreibers sowie textuelle Kompetenz stellen somit nicht die einzigen Faktoren für die Emotionalisierung des Lesers dar. Sie ist ebenso von der Situation der getätigten Äußerung und der Kompetenz und den Interessen des Lesers abhängig. Die im Text zum Tragen kom114

III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

menden Emotionen sind keinesfalls als zwingend deckungsgleich mit dem emotionalen Erleben des Lesers zu sehen. III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus Die in III.1 vorgestellten kognitionslinguistischen Zugänge zum Verhältnis von Denken und Sprache sowie zum Verstehen der sich aus den Texten ergebenden Potenziale werden in diesem Unterkapitel mit Phänomenen des Sprachgebrauchs zusammengeführt, die sich bei gegenwärtiger Artikulation von Antisemitismus zeigen. Diese Arbeit beschäftigt sich dabei primär mit Verbal-Antisemitismus, der implizit ausgedrückt und über Schlussfolgerungen und Kontextwissen erkennbar wird. Diese Fokussierung hängt mit der Auswahl meines Untersuchungsgegenstandes – Leserkommentare der linksliberalen Qualitätspresse – zusammen. Das Selbstbild innerhalb dieses Milieus gestattet es nicht, sich explizit antisemitisch zu äußern (s. Kap. I.1).82 III.2.1

Implikaturen

In III.1.5 habe ich bereits einen für das Gelingen des Textverstehens entscheidenden Faktor vorgestellt: das Ziehen von Inferenzen. Das nicht explizit Kommunizierte kann – und muss – der Leser durch Schlussfolgerungsprozesse ergänzen. Wenn ein Schreiber X schreibt, aber damit eigentlich Y meint, muss der Leser Y adäquat entschlüsseln. Die Brücke zur Erschließung dieser Bedeutung stellt die konversationelle Implikatur (im Folgenden nur als Implikatur bezeichnet) dar, das Gemeinte, welches neben dem explizit referierten, auf der semantischen Ebene vorliegenden Inhalt einer Äußerung dekodiert werden muss. Grice (1975) geht davon aus, dass man in der Kommunikation dem Prinzip der Kooperativität folgt: „Make your conversational contribution such as is required, at the stage at which it occurs, by the accepted purpose or direction of the talk exchange in which you are engaged.“ (Grice 1975: 45)

____________________ 82 Zum expliziten sprachlichen Antisemitismus s. u. a. Schwarz-Friesel/Reinharz (2013), zum historischen Antisemitismus insbesondere Schwarz-Friesel/Reinharz (2013: 58 ff. und 175) und Hortzitz (2005).

115

III.

Antisemitismus und Sprache

Diesem Kooperationsprinzip sind vier Konversationsmaximen zugeordnet (s. auch Levinson 1983: 97 ff. und 2000, Meibauer 22008: 24 ff.): die Maxime der Qualität, der Quantität, der Relation und der Modalität. Verletzt ein Schreiber nun absichtlich eine oder mehrere dieser Maximen – indem er bspw. wider besseres Wissen eine auf der Textoberfläche falsche Aussage macht –, bleibt das Prinzip der Kooperativität dennoch bestehen. Es muss ein Grund für die Verletzung der Maximen vorliegen. In solchen Fällen müssen auf Leserseite die vom Schreiber implikatierten Sinngehalte entschlüsselt werden, um die eigentliche Bedeutung des Kommunizierten (vollständig) erfassen zu können. Implikaturen sind nach Grice (1975: 45 ff.) also Schlussfolgerungen, die notwendig sind, um Äußerungen, die einer oder mehreren Konversationsmaxime(n) widersprechen, dem Kooperationsprinzip entsprechend zu interpretieren und mit einer weiteren Bedeutung zu versehen. Durch das Implikatieren einer Bedeutung wird dem Gesagten ein zweiter bzw. eigentlicher Sinn hinzugefügt. SchwarzFriesel/Reinharz (2013) fassen Implikaturen wie folgt: „Implikaturen sind nicht explizit formulierte, aber über den Inhalt der Äußerung im Kontext erschließbare Bedeutungen. Da es sich hierbei um rein mentale Schlussfolgerungen handelt, können sie vom Sprachproduzenten annulliert bzw. zurückgezogen werden, wenn eine brisante Situation entsteht. Der Produzent verweist dann auf das wörtlich Gesagte (und leugnet das kognitiv zu Rekonstruierende).“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 38)

Mit dem Aspekt der Annullierung machen die Autoren auf einen im Kontext gegenwärtigen Verbal-Antisemitismus wichtigen, in III.1.5 bereits angesprochenen Aspekt aufmerksam. Ich möchte folgendes Korpusbeispiel anbringen, um die Aspekte der Verletzung von Maximen sowie der Annullierung zu erläutern. Ein Zeit-Kommentator reagiert auf einen Artikel über Antisemitismus in Deutschland, der während der Militäroffensive Protective Edge veröffentlicht wurde, und adressiert den ehemaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann: „Außerdem sollte er zuerst mal vor seiner eigenen Haustür kehren. Was die Israelis in den letzten Jahren veranstalten […]“ (Leserkommentar, Die Zeit, 08.08.2014)

Die Redewendung vor der eigenen Haustür kehren meint, jemand solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Im Folgesatz spezifiziert der Schreiber, welche Angelegenheiten er Graumann, einem Deutschen jüdischen Glaubens, als seine eigenen zuweist: Israels Handeln. In dieser Gegenüberstellung kann der Leser einen Widerspruch ausmachen. In seinen Augen scheint der Schreiber die Maxime der Qualität verletzt zu haben, die lautet: Sage nichts, von dessen Wahrheit du nicht überzeugt 116

III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

bist. Gleichzeitig unterstellt der Leser ihm, sich gemäß Kooperationsprinzip informativ zu verhalten. Er kann inferieren, dass der Schreiber Graumann als Israeli bzw. als zur deutschen Wir-Gruppe nicht zugehörig konzeptualisiert und dieser sich bei deutschen Angelegenheiten zurückhalten solle, da die seinem Land unterstellten Praxen für ihn prioritär sein sollten. Nur im Rahmen dieser Lesart wird dem Kommentar Sinnhaftigkeit zuteil. Der sprachlich vorgenommene Ausschluss Graumanns aus der deutschen Wir-Gruppe entspricht dem antisemitischen Stereotyp JUDEN SIND KEINE DEUTSCHEN BZW. SIND FREMDE. Es handelt sich folglich um die indirekte, über eine Redewendung realisierte Vermittlung selbigen Stereotyps. Der Schreiber kann sich indes darauf zurückziehen, dass diese Lesart seinem Kommentar nicht gerecht werde. Insofern kann er diese Implikatur annullieren. Dass die Konzeptualisierung von Juden als Fremde im deutschen Diskurs fest verankert ist, wird von der Antisemitismusforschung unterstrichen (s. Pfahl-Traughber 2002, Küntzel 2013, SchwarzFriesel 2013b: 230 f., Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 146, Woldin 2014, s. hierzu auch IV.1). III.2.2

Präsuppositionen

Die Präsupposition stellt ebenso einen Teil pragmatischer Inferenzen dar. Im Gegensatz zur Implikatur, die über das Explizierte einer Äußerung hinausgeht und kontextuell erschlossen werden muss, bezeichnet die Präsupposition indes einen (für das Verständnis einer Äußerung notwendigen) Sachverhalt, der in dieser Äußerung bereits als gegeben und allgemein anerkannt vorausgesetzt wird (s. Levinson 1983: 167, Meibauer 22008: 44 ff.): „Präsuppositionen sind Voraussetzungen, die beim Äußern eines Satzes gemacht werden“ (Schwarz/Chur 62014: 136). Entsprechendes Hintergrundwissen zum bezeichneten Sachverhalt muss beim Schreiber und Leser vorliegen. Präsuppositionen sind folglich nachweisbar – die Brisanz des Kommunizierten verringert sich indes, da der vermittelte Sachverhalt der Präsupposition als allgemein bekannt und somit geteilt ausgegeben werden kann (s. Drescher 2001: 158): „The world sees through and is sick to the back-teeth with the state of Israel - an apartheid state that won’t last“ (Leserkommentar, The Guardian, 29.11.2012)

Der Schreiber präsupponiert in dieser Äußerung, dass Israel ein Apartheidstaat ist. Perspektivierungen können so relativ unbemerkt, wenn auch expliziert, in den Diskurs Eingang finden. 117

III.

Antisemitismus und Sprache

Bemerkenswert ist zudem, dass bei der Präsupposition eine Konstanz unter Negation vorliegt (Schwarz/Chur 62014: 136). Wenn der Schreiber des o. g. Kommentars aufgefordert wird, die globale Zurückweisung Israels durch die „Welt“ zu korrigieren oder zurückzunehmen, und seine Äußerung negiert (d. h. The world sees through and is not sick […] with the state of Israel), so würde die Präsupposition, dass Israel ein Apartheidstaat sei, erhalten bleiben. Über Präsuppositionen hergestellte Bedeutungen (so bspw. antisemitische Perspektivierungen) erfahren aufgrund der Beiläufigkeit, mit der sie kommuniziert werden, im Rezeptionsprozess mit größerer Wahrscheinlichkeit Akzeptanz, als es bei vordergründig kommunizierten expliziten Bedeutungen der Fall wäre. Wie in der Erläuterung von Implikaturen (s. III.2.1) möchte ich nochmals auf Kommentare eingehen, die auf Äußerungen von Dieter Graumann Bezug nehmen. Als sich selbiger besorgt über die Präsenz von Antisemitismus äußert, reagiert ein Schreiber wie folgt: „Natürlich ist Antisemitismus zu verurteilen sollte jedoch nicht mit Antizionismus verwechselt werden. Es ist zudem nicht sehr glaubwürdig sich über eine Zunahme rassistischer Gewalt und Hetze zu beschweren, während das eigene Land selbst rassistische Gewalt mit tausenden Todesopfern ausübt. Wer darf und wer nicht?“ (Leserkommentar, Die Zeit, 08.08.2014)

In diesem Kommentar wird u. a. das Zusammenspiel von Präsuppositionen und Implikaturen erkennbar. Zum einen präsupponiert der Schreiber, in Graumanns „eigene[m] Land“ liege „rassistische Gewalt“ vor; zum anderen implikatiert er durch Gegenüberstellung deutscher Verhältnisse zu erstgenanntem Land („während das eigene Land selbst […]“), dass hier nicht Deutschland, sondern Israel gemeint sei. Dies wird erschließbar durch den Kontext der Äußerung (verbalisiert zum Zeitpunkt der Operation Protective Edge) sowie durch Nennung von „Antizionismus“ zu Anfang des Kommentars. Dadurch behauptet der Schreiber implizit, dass Graumann kein Deutscher, sondern Israeli sei (s. Schwarz-Friesel 2013b: 230 f., Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 146). III.2.3

Direkte und indirekte Sprechakte

Wie ich bereits erläutert habe, ist Sprache nicht nur als ein Mittel, mit dem wir die Wirklichkeit abbilden, sondern auch als Handlungsinstrument zu verstehen (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 38). In Bezug auf antisemitische Hassrede bedeutet dies, dass sie nicht nur zur Gewaltanwendung motivieren kann, sondern bereits eine Form der Gewaltausübung darstellt. 118

III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

Dieser Sachverhalt lässt sich besonders gut mithilfe der Sprechakttheorie beschreiben, die davon ausgeht, dass jede sprachliche Äußerung eine Handlung ist. Sie beschreibt und unterscheidet Äußerungen, also Sprechakte, hinsichtlich ihrer Illokution (ihrer Funktion) (s. Schwarz-Friesel/ Reinharz 2013: 299 ff.; s. auch Searle 1969, Austin 21975, Wagner 2001, Meibauer 22008). Dabei können Äußerungen immer mehrere Illokutionen haben: Mit dem Satz Israel ist ein Apartheidstaat stellt ein Schreiber einerseits assertiv eine Behauptung auf, andererseits drückt er aber auch seine Ablehnung gegenüber der Politik des Landes aus und diffamiert es außerdem. Mit dem Verweis auf die Gleichzeitigkeit mehrerer in einer Äußerung feststellbaren Handlungen möchte ich auf das Phänomen der indirekten Sprechakte eingehen. Wie bereits in III.2.1 in Bezug auf Implikaturen erwähnt, können Schreiber X sagen, aber Y meinen. Jemand kann eine Frage stellen, jedoch von der Wahrheit seiner Äußerung schon vor und bei der Artikulation überzeugt sein, d. h. die Frage als Feststellung meinen. Entsprechend kann sich ein Ratschlag bspw. als Diffamierung entpuppen. Hier gilt es zu beachten, dass der primäre illokutionäre Sprechakt das vom Schreiber Implizierte, zu Erschließende bezeichnet – mit dem sekundären illokutionären Sprechakt ist das Explizierte der Äußerung gemeint (s. Searle 1969). Gerade bei der Reproduktion antisemitischer Stereotype haben Schreiber im Falle eines Rückgriffs auf indirekte Sprechakte den Vorteil, sich auf das Explizierte ihrer Äußerung zurückziehen zu können und dadurch der Eventualität von Sanktionen zu entgehen. Insofern ist ihr Einsatz als Vorsichtsmaßnahme, als Form intendierter sprachlicher Verschleierung zu begreifen (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 142). Schreiber können das implizit Geäußerte informationell streichen. Hier kommt das Ziehen von Implikaturen zum Einsatz, bei dem der Leser sein Welt- und Kontextwissen für die Erschließung des vollständigen Sinngehalts der Äußerung heranzieht (s. III.2.1). In den von mir untersuchten Korpora treten bei der Artikulation von israelbezogenem Antisemitismus die indirekten Sprechakte rhetorische Fragen sowie ironische Äußerungen besonders prominent auf. Die Art und Weise, wie diese Bedeutungen generieren, möchte ich in den nächsten Abschnitten mithilfe von Korpusbeispielen erläutern.

119

III.

Antisemitismus und Sprache

III.2.3.1 Rhetorische Fragen Ein Schreiber kann israelische Praxen im Vorfeld und Verlauf der Operation Protective Edge als weltweit einmalige Unverhältnismäßigkeit im Umgang mit dem Terror beschreiben und dies explizit in Form eines Assertivs kommunizieren. Er kann denselben Sinngehalt jedoch auch implizit vermitteln: „natürlich ist die kriegssituation […] eine sehr schwierige situation, aber wenn jetzt in barcelona drei spanische kinder verschwinden, könnte dann die spanische regierung öffentlich von einem katalanischen terrorakt sprechen und 240 katalanen gefangen nehmen??? oder tauschen sie das ganze mit ukrainern und seperatisten aus... oder mit chinesen und nepalesen... oder mit iren und nordiren... oder oder oder...“ (Leserkommentar, Die Zeit, 24.06.2014)

Die Illokution dieser Äußerung, ihr Zweck, ist die Hervorbringung o. g. Kritik an einer unterstellten Unverhältnismäßigkeit Israels. Diese Kritik wird indirekt über eine rhetorische Frage vermittelt. Der Schreiber erfragt (= sekundärer Sprechakt), ob in anderen Kontexten bei der Bekämpfung von Terror vergleichbar gehandelt wurde. Durch die Frage sowie Anführung anderer Szenarien können Leser elaborieren, dass gemäß dem Schreiber in den genannten Kontexten andere Praxen vorlagen. Es handelt sich also um den primären Sprechakt einer Behauptung (zu indirekten Behauptungen s. auch Meibauer 1986: 163). Über die Verwendung rhetorischer Fragen kann der Schreiber eine Festlegung auf den Äußerungsinhalt vermeiden. Gerade in Bezug auf die Operation Protective Edge deuten GuardianLeser über rhetorische Fragen an, Israel nehme den Tod von Zivilisten bewusst in Kauf: „you think Israelis can blow Hamas rockets out of the sky with their iron dome but can’t set the co-ordinates right on their own missiles?“ (Leserkommentar, The Guardian, 10.08.2014)

Über Vergleiche mit frei erdachten, also fiktiven Szenarien legen die Kommentatoren einerseits nahe, Hamas-Terror richte sich nicht gegen palästinensische Zivilisten – andererseits deuten sie an, israelische Verfahrensweisen im Kampf gegen diesen Terror entbehren Sachverstand und Menschlichkeit, da sie zivile Opfer mit einkalkulieren: „This business of Hamas using civilians as human shields is nonsense. If a man with a gun robbing a bank pushes one of the customers in front of him, should the police fire at the hostage to get at the robber? Why would Israel then kill all the hostages to get at a few militants?“ (Leserkommentar, The Guardian, 12.07.2014)

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III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

Die Kommentatoren deuten über diese Sprachgebrauchsmuster an, das Wort Terrorist würde sich zur Beschreibung Israels wesentlich besser anbieten als zur Perspektivierung der Hamas: „To me the word terrorist defines a state or organisation that indiscriminately kills civilians, including a disproportionate number of women and children. Now, in the conflict between Israel and Hamas, who would that be?“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.08.2014)

Sowohl in Bezug auf Israel als auch auf israelsolidarische Schreiber unterstellen Kommentatoren unter Einsatz von rhetorischen Fragen, dass Kritik mit Antisemitismus gleichgesetzt werde: „Sigh, have you actually experienced anti-semitism, or have people criticised Israel and you’ve assumed automatically they hate Jews?“ (Leserkommentar, The Guardian, 08.08.2014) „If one looks upon Israel as ‚The Jewish state‘ as is apparenetly demanded by Benjamin Netanyahu’s Likud, does that not mean then that any criticism of Israel becomes inherently synonymous with anti-semitism?“ (Leserkommentar, The Guardian, 02.07.2014)

Anhand dieser Beispiele lässt sich demonstrieren, wie häufig israelfeindliche Verzerrungen bis hin zur Reproduktion antisemitischer Stereotype über rhetorische Fragen artikuliert werden können, ohne dass der sekundäre illokutionäre Sprechakt einer Behauptung vorliegt. Schreiber können entsprechende Einstellungen vermitteln, ohne mit einer Festlegung auf den Äußerungsgehalt sowie damit einhergehenden Sanktionen rechnen zu müssen. III.2.3.2 Ironie Bei der Verwendung eines ironischen Sprechaktes meint ein Schreiber das Gegenteil von dem, was er schreibt. Damit einher geht eine Kritik bzw. negative Bewertung, die der Leser inferieren kann (s. Schwarz-Friesel 2009c: 223). Diese Kritik wird über den indirekten Sprechakt im Falle, dass der Leser die Ironie versteht, noch verstärkt (ebenso wird beim Einsatz von rhetorischen Fragen die Feststellung/die implikatierte Kritik unterstrichen).83 ____________________ 83 Des Weiteren handelt es sich beim ironischen Sprechakt um einen indirekten expressiven Sprechakt (im Gegensatz wiederum zur rhetorischen Frage, bei der es sich i. d. R. um einen indirekten assertiven Sprechakt handelt). Neben einer impli-

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III.

Antisemitismus und Sprache

Die Erschließung des primären illokutionären Sprechaktes wird motiviert durch die Verletzung der Maxime der Qualität. Der Schreiber schreibt X, was in einem fundamentalen Gegensatz zur beschriebenen Realität bzw. Situation steht (s. Searle 1975, Levinson 1983, Hartung 1998, Schwarz-Friesel 2009c). Er ist sich darüber im Klaren, dass seine Äußerung unzutreffend ist, will indes auch, dass der Leser dies erkennt (im Gegensatz zur Lüge; s. hierzu auch Lapp 1992: 145 f.). Über ironische Sprechakte wird Israel der Status einer Demokratie und eines Rechtsstaates abgesprochen: „In der einzigen Demokratie und Rechtstaat im nahen Osten [w]ird man erst begnadigt dann wieder eingesperrt, später wieder freigelassen und abermals eingesperrt.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 30.06.2014)

Es liegt hier ein Widerspruch zwischen den einzelnen Propositionen des Satzes vor, sodass der Leser inferieren kann, dass der Schreiber die Verortung Israels als demokratischen Rechtsstaat eigentlich für unzutreffend erachtet (s. auch Skirl/Schwarz-Friesel 22013: 17). Ebenso werden ironische Sprechakte verwendet, um israelisches Denken und Handeln als unmenschlich, rassistisch und selbstbezogen zu evaluieren: „Es ist doch eine bodenlose Frechheit der Palästinenser, dass sie dort wohnen, wo Israel nun bomben will. Hinzu kommt ihre Dreistigkeit in der Nachbarschaft der Hamas zu residieren. Sie hassen sich selbst offenbar mehr als die Israelis. Nicht zu letzt ihre Unfähigkeit dankesschreiben an das israelische Militär für das höfliche anklopfen zu schreiben, bevor ihr Haus zerbombt wird. Sie bleiben einfach wilde, die es nicht anders verdient haben und selbst schuld sind.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 11.07.2014)

Durch den Widerspruch, der sich aus präsupponiertem Unrecht vonseiten der Israels und der von Palästinensern eingeforderten Demut ergibt, kann der Leser inferieren, dass der Schreiber von Palästinensern genau das Gegenteil erwarte. Auf ähnliche Weise perspektiviert der Schreiber tote Zivilisten über ironische Sprechakte als „Friedensgespräche auf Israelisch“. Basierend auf dem enzyklopädischen Wissen, dass Friedensgespräche genau dem Gegenteil, nämlich der Vermeidung von Krieg und Tod dienen sollen, kann der Leser schlussfolgern, dass im israelischen Kontext das Lexem eine gegensätzliche Bedeutung zukomme: ____________________ zit vermittelten Kritik deutet der Schreiber auch seinen Gefühlszustand gegenüber einem (nicht immer) als problematisch bewerteten Sachverhalt an (s. SchwarzFriesel 2009c: 229).

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III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus „Welches Mittel sehen Sie den als gerechtfertigt für den dem Feuertod übergebennen Palästinenser Jungen? Nachweislich von Israelis ermordeten Jungen! Das war wohl kein Mord oder? Das waren Friedensgespräche auf Israelisch.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 16.07.2014)

In den Guardian-Leserkommentaren werden ironische Sprechakte ebenso verwendet, um rechtmäßiges Handeln Israels anzuzweifeln bzw. diese Idee indirekt zu verwerfen. Als ein Schreiber Israel zu deeskalierenden Schritten beglückwünscht und dabei auf das griechische Wort Kudos (für Ruhm, Ehre, Lob) zurückgreift, nehmen andere Schreiber dies als Anlass, um dessen Äußerung zu ironisieren: User A: „Must congratulate Israel on its withdrawal of troops from Palestine. Someone has to take the first step in the direction of peace. Hopefully Hamas will abide by this ceasefire and not just use the opportunity to stock up on weaponry before starting another war. Kudos Israel.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014) User B: „1800 dead - kudos Israel .... 10000 wounded - kudos Israel .... 60000 homeless - kudos Israel .... the genocide continues - kudos Israel“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014) User C: „The mental health of an entire population with PTSD - kudos Israel .... diseases caused by the destruction of infrastructure - kudos Israel .... ongoing death and illness from lack of medical supplies - kudos Israel .... birth defects and cancers from the use of white phosphorus - kudos Israel“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

An dieser Korrespondenz zwischen Kommentatoren wird deutlich, dass das Erschließen des Sinngehalts bei ironischen Sprechakten nicht immer ein umfassendes Weltwissen voraussetzt. Der fundamentale Gegensatz hinsichtlich der Bewertung des Wortes Kudos im Kommentar A zu Kommentar B und C wird einem Großteil der Leserschaft sofort ersichtlich sein. Dennoch handelt es sich bei diesen Sprachgebrauchsmustern um eine implizite Form von Hassrede, da keine direkten Assertiva, Expressiva oder andere Sprechakte Verwendung finden. III.2.4

Analogien

Um israelbezogenen Antisemitismus sprachwissenschaftlich zu untersuchen, fokussiere ich in dieser Arbeit die sprachliche Etablierung von Analogien. Mit Analogie meine ich das Äquivalenzverhältnis von zwei auf der mentalen Ebene befindlichen Konzepten. Schwarz-Friesel (22013: 197) spricht von einer „kognitiv basierten Analogierelation“. Es handelt sich bei der Analogie also um ein nicht-sprachliches Phänomen. Sie wird dann 123

III.

Antisemitismus und Sprache

etabliert bzw. aktiviert, wenn ein Schreiber einen Vergleich auf der sprachlichen Ebene realisiert, bspw. Israel ist/handelt wie NS-Deutschland. In diesem Beispiel werden beide Täterkonzepte expliziert: das historische Täterkonzept NS-Deutschland sowie das gegenwärtige Täterkonzept Israel.84 Wie in den folgenden Beispielsätzen erkennbar, kann eine Analogie allerdings auch implizit vermittelt werden: a) Russland würde wohl auch seine Feinde mit Atombomben bewerfen, allein um sie endgültig in die Knie zu zwingen. • Anspielung auf die USA und den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki; auch ist hier der Vergleichsauslöser, aus dem die Analogie zwischen Russland und den USA folgt. b) Trumps Russland-Affäre kann zu seinem eigenen Watergate werden. • Anspielung auf die Regierungskrise des US-Präsidenten Richard Nixon; Watergate ist vorliegend als Metapher zu verstehen. Folgend Etablierung einer Analogie zwischen den beiden Präsidenten in Bezug auf ihre jeweilige problematische Nutzung von Geheimdienstdaten zum eigenen Machterhalt. c) Israel spielt die Rolle des rowdyhaften Cowboys im Nahen Osten gut aus. • Personifizierende Metapher, über die Eigenschaften vom Konzept Cowboy auf das Konzept Israel übertragen werden. Mit dem Lexem Cowboy wird klischeehaft auf die USA verwiesen. Folgend Etablierung einer Analogie zwischen Israel und den USA. Über die Relation der Ähnlichkeit werden bei der Analogie zwei Objekte, Personen oder Sachverhalte in Verbindung gesetzt. Im Einklang mit dieser ____________________ 84 Der Terminus Täterkonzept soll im o. g. Beispiel freilich nicht nahelegen, dass es sich bei NS-Deutschland und Israel um vergleichbare Entitäten handele, die Zuschreibung einer Täterschaft insofern gerechtfertigt sei. Es geht vielmehr um eine Operationalisierung entsprechender Rollen, wie sie in den von Kommentatoren hervorgebrachten Äußerungen verbalisiert (bzw. angedeutet) werden. Auf ebendiese Weise ist die Verwendung des Terminus Opferkonzept (JUDEN und PALÄSTINENSER) zu verstehen. Zur elliptischen Bezugnahme auf besagte Konzepte s. IV.1.1, Fußnote 109. Zu den jeweiligen Täter- und Opferkonzepten im Guardian s. IV.2 und IV.3. Eine schematische Übersicht zu den Kategorien, auf die ich bei der Analyse von expliziten und impliziten Vergleichen zurückgreife, befindet sich zu Anfang des Kapitels IV auf S. 176.

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III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

Konzeptualisierung weise X Eigenschaften wie Y auf. Über das Tertium Comparationis als konzeptueller Anker (s. III.2.4.1) wird eine Relation der Ähnlichkeit etabliert. Im Beispielsatz a) handelt es sich dabei um den Einsatz von A-Waffen als mögliche Praxis, die Russland mit den USA gemein habe. Das Tertium Comparationis im Beispielsatz b) ist die Möglichkeit einer politischen Affäre (ggf. sogar eines Rücktritts von Trump) bedingt durch die illegale Nutzung von (im Falle Trumps russischen) Geheimdienstdaten – Vorgänge also, die gemäß Beispiel eine Vergleichbarkeit mit der Watergate-Affäre zu Nixon aufweisen. Im Beispielsatz c) werden die mitgedachten Eigenschaften des Ursprungsbereiches Cowboy auf den Zielbereich Israel übertragen. Eine dieser Eigenschaften ist im Beispielsatz das Adjektiv rowdyhaft; andere Eigenschaften wie grob, draufgängerisch, männlicher Lebensstil usw. können ebenso aktiviert und auf den Zielbereich übertragen werden. Im Kontext amerikakritischer bis -feindlicher Diskurse werden die USA mit dieser Metapher in Verbindung gebracht. Im Beispielsatz wird folglich eine Analogie zwischen Israel und den USA in Bezug auf diese Eigenschaften etabliert. Bei der vorliegenden Untersuchung von Entlastungsanalogien stehen (implizite) Vergleiche und Anspielungen, teils auch Metaphern und Personifikationen im Mittelpunkt. Deren in den Korpora dominant auftretende Manifestationsformen werde ich in den folgenden Unterkapiteln anhand von Kommentaren aus der Zeit und dem Guardian vorstellen. III.2.4.1 Vergleiche Der Vergleich stellt den klassischen sprachlichen Ausdruck einer Analogie dar. Formal weist ein Vergleich folgende Struktur auf: A ist wie B. Die Partikel wie (auch Vergleichsjunktor genannt) markiert die Relation der Ähnlichkeit. Auf konzeptueller Ebene wird eine entsprechende Äußerung wie folgt verstanden: A IST WIE B IN BEZUG AUF DIE MERKMALE Z. Diese Merkmale werden als Tertium Comparationis bezeichnet. Die Relation der Ähnlichkeit wird von diesem „konzeptuellen Bezugspunkt“ (SchwarzFriesel 22013: 197) getragen, wobei die Merkmale i. d. R. nicht expliziert werden.85 ____________________ 85 Bei Anspielungen verläuft die Erschließung des Gemeinten genau in entgegengesetzter Richtung: Bei diesen wird bspw. ein für B (NS-Deutschland) repräsentatives Merkmal Z (Vernichtungskrieg) genannt und auf A (Israel) übertragen (s.

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Antisemitismus und Sprache

Thurmair (2001) stellt für das Deutsche mehrere Vergleichsstrukturen vor, die sie anhand operativer Mittel (bspw. Komparativmorphem, Vergleichsjunktor), Vergleichsaspekt (hinsichtlich dessen der Vergleich vorgenommen wird) und Vergleichsglieder (Komparandum und Komparationsbasis) kategorisiert. Unter Komparandum wird diejenige Entität verstanden, die verglichen wird; Komparationsbasis hingegen meint jene Entität, hinsichtlich der verglichen wird. Im folgenden Korpusbeispiel wird das Komparandum Israel mit der Komparationsbasis Apartheid Südafrikas verglichen: „Israel is like Apartheid South Africa“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.07.2014)

Die für diese Arbeit wichtigen Vergleichsstrukturen sind der Art- und der Modalitätsvergleich, die Thurmair als Äquative (Vergleiche der Gleichheit) definiert: „Artvergleiche […] sind Vergleiche, bei denen die Art bzw. Beschaffenheit einer Entität, meist einer Person oder eines Gegenstandes, mit einer anderen Entität verglichen wird […]. Modalitätsvergleiche […] sind Vergleiche, bei denen Komparandum und Komparationsbasis hinsichtlich einer nicht näher bezeichneten Modalität miteinander verglichen werden […].“ (Thurmair 2001: 3)

Für diese Arbeit ebenso relevant sind Komparativvergleiche, bei denen bspw. kommuniziert wird: Israel ist schlimmer, als europäische Diktaturen jemals waren. Hier wird eine „Ungleichheit hinsichtlich des Ausprägungsgrades einer Eigenschaft angezeigt“ (Thurmair 2001: 3), wobei stets ein Adjektiv im Komparativ vorliegen muss. Da diese Konzeptualisierung in explizierter Form in den von mir untersuchten Korpora kaum vorliegt, bespreche ich Komparativvergleiche nur am Rande (zu Apartheidvergleichen im Nahostdiskurs, die des Öfteren als Komparativvergleiche zu beschreiben sind, s. IV.3). Vergleiche der Gleichheit oder Äquative werden von Thurmair auch als offene Vergleiche beschrieben, weil der Vergleichsaspekt (also das Tertium Comparationis) nicht expliziert wird. Bereits weiter oben habe ich erwähnt, dass allein durch Kontext- und Weltwissen von Schreibern bzw. Lesern der Vergleichsaspekt konstituiert bzw. erschlossen werden kann. Insofern kann der genaue Vergleichsaspekt auf beiden Seiten divergieren ____________________ III.2.4.2). Bei der Erschließung kann der Leser den implizierten Sinngehalt inferieren, nämlich: A IST WIE B.

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III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

(Thurmair 2001: 166). Angehörige der deutschen Sprachgemeinschaft können i. d. R. den implizierten Vergleichsaspekt und damit Gehalt von Äquativen zur NS-Vergangenheit dekodieren. Die Negativbewertung der NS-Geschichte kann in der deutschen Gesellschaft vorausgesetzt werden. Hinsichtlich Äquativen, die sich in britischen Diskursen auf das Empire beziehen, liegen maßgebliche Unterschiede zwischen Schreibern und Lesern hinsichtlich der Interpretation vor, da die Wertung des Empire in der britischen Gesellschaft höchst ambivalent ausfällt (s. II.2.2). Eine nicht angestrebte Lesart vermeiden Schreiber, indem sie die von ihnen mitgedachten Eigenschaften im Kotext explizieren, bspw. Israel acts like the Brits within their Empire: selfish and racist. In der Linguistik wird auf die Nähe von Vergleichen und Metaphern verwiesen. Teils werden Vergleiche hier gar als Unterform von Metaphern subsumiert (s. Kirchhoff 2010: 128). Auch wenn Vergleiche und Metaphern im Alltag regelmäßig kombiniert werden, zeigt sich aus sprachwissenschaftlicher Perspektive ein klarer Unterschied zwischen beiden (s. Skirl/Schwarz-Friesel 22013: 11 f.). Dieser besteht im Aspekt des Überlappens: Bei der Etablierung einer Ist-Relation zwischen Konzept1 und Konzept2 durch die Metapher kommt es zu einer Überlappung der beiden Referenzbereiche (s. III.2.4.4). Bei einem Vergleich hingegen wird lediglich ein Ähnlichkeitsverhältnis etabliert, i. d. R. vermittelt in der klassischen Form X ist wie Y. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der den Vergleich in eine gewisse Nähe zur Metapher rückt, ist, schwer verständliche Sachverhalte zu veranschaulichen und auch Gruppenidentitäten sowie Bewertungen derselben zu konstruieren. Die mentale Prozedur, Dinge in eine Analogiebeziehung zu setzen, zählt zu den zentralen Prozessen der Kognition. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der jeweiligen Äußerung können Vergleiche die Perspektive auf die eigene sowie auf andere Gruppen maßgeblich prägen – in Bezug auf den Metapherngebrauch wurde dieser Aspekt mehrfach sprachwissenschaftlich im politischen und medialen Diskurs untersucht (s. Kirchhoff 2010, Schwarz-Friesel/Kromminga 2014). Kirchhoff sieht in der Verwendung von Vergleichen die Etablierung einer Deutungsgemeinschaft mit dem Leser. Vergleiche „dienen der Konstruktion von [kollektiven] Identitäten“ (Kirchhoff 2010: 129), mittels derer Szenarien in Vergangenheit und Gegenwart „verstanden“ werden können. Dieses Verstehen als konstituierende Funktion von Vergleichen kann in bestimmten Fällen mit Verzerrungen des Wahrheitsgehalts einhergehen. An dieser Stelle möchte ich zugunsten einer Exemplifizierung von Vergleichskonstellationen detaillierter auf die Spezifika des Korpusmaterials eingehen. 127

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Antisemitismus und Sprache

In den Guardian-Korpora können explizite Vergleiche zwischen Israel und dem Kolonialismus erfasst werden (s. IV.2.2). Mit explizitem Vergleich meine ich, dass im Korpusbeispiel beide Täterkonzepte (KOLONIALMACHT und ISRAEL bzw. mit diesen verbundene, sie repräsentierende Personen) sowie der Junktor (wie) expliziert werden: „Like all other such [colonial] projects it [= Israel, M.B.] too will die“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.12.2012)

Zwar werden im Rahmen dieses Vergleiches zwischen Israel und einem Kolonialstaat beide Täterkonzepte nicht direkt im Vergleichssatz expliziert, allerdings nennt der Schreiber beide Konzepte im Kotext, d. h. noch im Kommentar. Im Beispiel werden beide Konzepte hinsichtlich ihres Aussterbens (= Tertium Comparationis) verglichen. Ein expliziter NS-Vergleich wurde in den Zeit-Korpora beider Jahre indes nur einmal erfasst (s. IV.1.2). Gemäß besagten Eigenschaften würde ein expliziter Modalitätsvergleich beispielhaft lauten: Israel (Komparandum) handelt wie die Nazis (Komparationsbasis). Auch wenn beide Opferkonzepte (JUDEN und PALÄSTINENSER) sowie der Junktor expliziert würden (bspw. Palästinenser leben wie die deutschen Juden in den dreißiger Jahren), handelt es sich nicht um einen expliziten, sondern um einen impliziten NS-Vergleich, da der Leser die beiden Täterkonzepte (NSDEUTSCHLAND und ISRAEL), die ausschlaggebend für Dämonisierung, Relativierung und Entlastung sind, erschließen muss (für eine präzise Darlegung hierzu verweise ich auf IV.1.3). Im folgenden Beispiel liegt ein impliziter NS-Vergleich vor. Allerdings wird der implizite Status durch andere, noch zu benennende Charakteristika hervorgerufen. Bezugnehmend auf die Reaktionen der Palästinenser auf die israelische Militäroperation 2012 schreibt ein Zeit-Kommentator: „ich glaube gehört zu haben, dass es ähnliche Vorfälle auch im deutschen Machtbereich der 40er des letzten Jahrhundert gegeben hat -vielleicht kann man sogar Parallel zum Ghetto-Aufstand 1943 ziehen?“ (Leserkommentar, Die Zeit, 01.11.2012)

Offene Vergleiche (ebenso wie Komparativvergleiche) können ohne einen explizierten Junktor realisiert werden. Insofern kommt ein Vergleich zustande, auch wenn – wie im Falle des Artvergleichs – die klassische Form [NP]86 wie [NP] nicht vorliegt. Im soeben erwähnten Kommentar wird ____________________ 86 Bei einer Nominalphrase (NP) handelt es sich um eine „syntaktische Einheit, Satzglied, dessen Kopf ein Nomen ist (z.B. ein Substantiv mit dazugehörigem Artikel, Adjektiven, Relativsatz …)“ (Schwarz-Friesel/Consten 2014).

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III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

entsprechend der Junktor nicht expliziert, sondern durch alternative Formulierungen ersetzt („ähnliche Vorfälle auch“; „Parallel[en] zum“ = Junktorersatz). Ebenso bleiben das gegenwärtige Täter- (ISRAEL) und Opferkonzept (PALÄSTINENSER) ungenannt. Es handelt sich also um einen impliziten Vergleich mit (partiell) explizierten Täter- und Opferkonzepten (s. IV.1.3.1). Auf das ehemalige Täterkonzept (NS-DEUTSCHLAND) spielt der Schreiber lediglich onomastisch (s. auch III.2.4.2 und IV.1.3.2) und über Jahresangaben an. Insofern kann ein Äquivalenzverhältnis von Israel und NS-Deutschland vom Leser nur verstanden werden, wenn er besagte Konzepte und den Junktor zu inferieren, also die konzeptuellen Lücken zu schließen in der Lage ist (s. III.1.4). Erschwerend kommt hinzu, dass der Schreiber den NS-Vergleich abschwächt („ich glaube gehört zu haben“; s. auch Partikel und Optativ in der rhetorischen Frage „vielleicht kann man […] ziehen?“, s. III.2.3.1). Durch o. g. Präsenz der NS-Verbrechen im kollektiven Gedächtnis ist indes davon auszugehen, dass Leser die Äquivalenzsetzung problemlos erschließen können. Neben den zu bedenkenden, von der klassischen Form des Vergleichs abweichenden Realisierungsvarianten müssen zudem auch jene Ausprägungen Berücksichtigung finden, bei denen keine explizierten Verweise auf Täter- oder Opferkonzepte vorliegen. Analogien können auch über Anspielungen und andere sprachlichen Erscheinungen etabliert werden, die ich im nächsten Abschnitt vorstellen werde. III.2.4.2 Anspielungen Im Lexikon der Sprachwissenschaft wird die Anspielung als ein „verfremdender Bezug auf einen als bekannt vorausgesetzten Text, besonders auf Titel, Werbeslogan, Redensarten [definiert]. Die Entschlüsselung […] schafft kommunikative Nähe aufgrund des ‚geheimen‘ gemeinsamen Wissens“ (s. Bußmann 2008: 45). Bereits diese Kurzdefinition macht deutlich, dass die Anspielung als ein „Vehikel der indirekten Kommunikation mittels Implikatur“ (s. Lennon 2001: 5) zu sehen ist: Der mit ihr vermittelte Sinngehalt muss vom Leser erschlossen werden. In der Literaturwissenschaft wird Anspielung häufig in einem Atemzug mit dem Fachterminus Intertextualität genannt, dabei allerdings wie folgt definiert: Ein Zitat weist einen doppelten Sinn auf. Der primäre Sinn geht aus dem manifesten Text hervor, der sekundäre Sinn wird vom Ko- und Kontext des erinnerten Quellentextes elaboriert. Julia Kristeva sieht Intertextualität als unvermeidliches Prinzip zumindest jedes literarischen Tex129

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Antisemitismus und Sprache

tes (s. Kristeva 1972: 255, Broich 1985: 31). Die Anspielung hingegen kommt durch die Absicht des Sprachproduzenten zustande – er möchte zwar ein verstecktes, aber vom Rezipienten entschlüsselbares „Echo“ eines anderen Textes verwenden. Dadurch entsteht – wie im oben genannten Zitat aus Bußmann bereits erwähnt – ein phatischer Bezug zwischen Schreiber und Leser, da das Verständnis entsprechender Stellen ein gemeinsames Welt- und Kulturwissen voraussetzt (s. Sampson/Smith 1997: 12). Anspielungen in Zeitungen sind seit Längerem Gegenstand von Analysen (s. Wilss 1980 und 1989, Pucheu 1981, Andersson 1985, Alexander 1986, Black 1989, Lennon 2001). Im Vordergrund stehen seither insbesondere onomastische Anspielungen. Über diese werden Bezüge auf Namen hergestellt, die sowohl auf Fiktionales sowie auf Nicht-Fiktionales referieren. Im deutschen sowie internationalen Kontext wird das Lexem Auschwitz als metonymische Einheit87 verwendet, um auf den Massenmord der Nationalsozialisten am europäischen Judentum anzuspielen. Unter Rückgriff auf diese Anspielung äußert sich Adorno in seinem Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“ wie folgt: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch […]“ (Adorno [1951] 1977: 30). Anspielungen dieser Art sind „Formen der elliptischen Verständigung über kulturelle Sachverhalte“ (s. Rodi 1975: 123, Lennon 2001: 11). Thurmair nennt sie Eigennamen, die eine „identifizierende Referenz auf eine Entität“ aufweisen (Thurmair 2001: 167). Die Erschließung von Anspielungen setzt ein geteiltes Welt- und Hintergrundwissen sowie eine gemeinsame Bewertung derselben voraus. Im Guardian verwenden Schreiber den Namen Gandhi als metonymische Einheit, um auf die Ära des British India zu Zeiten der Dekolonisation, genauer: auf den gewaltfreien Widerstand gegen die britische Herrschaft in Indien anzuspielen. Im Zuge der Realisierung wird eine Analogie zwischen Israel und dem britischen Empire etabliert: „The only way out of the quagmire is for the Palestinians to renounce violence, conduct a massive campaign of Gandhian-style ahimsa, or non-violence“ (Leserkommentar, The Guardian, 19.11.2012)

____________________ 87 Metonymie meint den „Ersatz einer Benennung […] durch eine verwandte Bezeichnung, die mit dem Gemeinten im Unterschied zur Metapher durch einen sachlichen (z. B. räumlichen, zeitlichen, kausalen) Zusammenhang bzw. durch semantische Kontiguität verknüpft ist“ (s. Bußmann 2008: 436 f., s. auch Skirl/Schwarz-Friesel 22013: 14 ff.).

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III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

Explizit benannt werden in dem Beispiel nur Palästinenser. Auf die Seite der kolonisierten, sich im Widerstandskampf befindlichen Inder wird nicht explizit referiert, sondern die onomastische Anspielung Gandhi gestattet es dem Leser, die vom Schreiber gemeinte Referenzgruppe zu erschließen. Darüber hinaus wird kein vollständiges Äquivalenzverhältnis von Palästinensern und Indern hergestellt, sondern durch den Vollzug eines indirekten Sprechaktes eine Ähnlichkeit impliziert (s. III.2.3): Im vorliegenden Fall ist die sekundäre Illokution eine Feststellung, die primäre hingegen ein Ratschlag. Der Schreiber rät Palästinensern, einen gewaltfreien Widerstand gegen Israel durchzuführen. Der Leser kann inferieren, dass Palästinenser mit Ausgangsbedingungen in Form von kolonialistisch begründeter Unterdrückung und Ausbeutung konfrontiert sind, wie sie für Inder zu Zeiten Gandhis vorlagen. Infolge dieser Schritte kann der Leser folglich ein Äquivalenzverhältnis beider Konzepte etablieren. Auch kommt es zu onomastischen Anspielungen auf die südafrikanische Apartheid: „The Palestinians do not have a Nelson Mandela, but they do not need one because they have GAZA.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Durch die Verwendung des Eigennamens Nelson Mandela wird der dieser Person zugeschriebene Merkmalsgehalt auf den palästinensischen Widerstand übertragen. Im kollektiven Gedächtnis repräsentiert Nelson Mandela den Widerstand gegen Unterdrückung und Rassismus in seiner vehementen Ausprägung der südafrikanischen Apartheid. Wie im vorherigen Beispiel wird hier folglich mittels Namensnennung eine Analogie zwischen Israel und dem rassistischen Apartheidstaat Südafrikas etabliert, ohne dass der Schreiber dies expressis verbis vermittelt (zur Apartheid-Analogie s. Wistrich 2010: 35 f., Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 42; s. auch Fine 2014, Pogrund 2014). Die referierten Szenarien weisen aufgrund ihrer Bedeutung innerhalb der modernen Geschichte eine gesellschaftsübergreifende Bekanntheit auf. In den Zeit-Korpora werden regelmäßig Eigennamen verwendet, um auf die NS-Zeit anzuspielen. Neben Namen wie Hitler und Goebbels, die verwendet werden, um israelische Politiker wie Netanjahu oder Lieberman zu perspektivieren, gebrauchen Schreiber Lexeme, die auf NS-Deutschland verweisen, jedoch nicht im Thurmair’schen Sinn als Eigennamen zu bezeichnen sind. Die Lexeme stehen für politische Systeme, Orte von weniger stark ausgeprägter, aber dennoch präsenter Symbolik oder Handlungen. Über diese sachverhaltsspezifischen Schlüsselbegriffe können Per-

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Antisemitismus und Sprache

spektivierungen vorgenommen werden, ohne dass die zugrundeliegenden Konzeptualisierungen der Schreiber explizit erwähnt werden müssen. Dies kann bspw. das Lexem Ghetto sein.88 Diese Ausprägung werde ich im Folgenden ebenso onomastische Anspielung nennen. Insofern dehne ich den üblichen Bezugsrahmen dieser Kategorie aus, da – wie im Fall klassischer onomastischer Anspielungen – eine szenarienaktivierende Funktion deutlich wird: „[…] so halt man sich weiter sein kleines eigenes Ghetto wo man bei Bedarf auch mal Zivilisten weggbombt und den Menschen das Leben zur Hölle macht.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 29.11.2012)

Allein durch den Rückgriff auf das Lexem Ghetto wird die Anspielung auf die NS-Zeit realisiert. Auch wenn sich dieses Lexem ebenso auf andere Phasen deutscher Geschichte beziehen kann, bildet die NS-Zeit den dominanten Bezugspunkt bei entsprechenden unterspezifizierten Referenzialisierungen (s. hierzu IV.1.3.2). Eine weitere Form ist die offene Anspielung. Die NS-Analogie wird nicht über explizite Benennungen von Personen, Handlungen usw. aktiviert, sondern durch unpräzise Verweise auf die Geschichte Deutschlands: 89

„Das ist mehr als ein Krieg..... Eine eingekesseltes Gebiet (welches praktisch die Menschen rechtlos macht), wo die Menschen nirgendwo hin können, mit massenhaft Bomben zu bewerfen, ist kein Krieg mehr. Es ähnelt einem Vorgang aus unserer Geschichte wieder.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 02.08.2014)

Durch den finalen Satz „Es ähnelt einem Vorgang aus unserer Geschichte wieder“ wird die NS-Analogie implizit vermittelt. Durch die Bedeutung der NS-Zeit als dominanter Orientierungspunkt (mit extremen Formen kriegerischen Handelns) im kollektiven Gedächtnis kann auf dieses Kapitel deutscher Geschichte verwiesen werden, ohne dies über einen explizierten Vergleich oder über Anspielungen in Form von genannten Namen oder Orten ausführen zu müssen (s. auch Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 182). Im deutschsprachigen Diskurs reicht die Wortfolge aus unserer Geschichte, um einen NS-Bezug herzustellen. Im vorliegenden Beispiel wird es dem Leser durch die Nennung diverser unterstellter Szenarien ermöglicht, jene Implikatur zu ziehen, die für die Konzeptualisierung der NS____________________ 88 In den Guardian-Kommentaren ist es insbesondere das Lexem colonialism, das auf die Ära des britischen Empire und seine Charakteristika anspielt (zur dieses Forschungsprojekt begleitetenden Rezeptionsstudie s. Fußnote 150). 89 Die Header der Leserkommentare werden, insofern sie aufgrund ihrer Relevanz für die Analyse mit angeführt werden, im Folgenden fett gedruckt.

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III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

Analogie notwendig ist (mehr als ein Krieg, ist kein Krieg mehr, eingekesseltes Gebiet, rechtlos, massenhaft Bomben etc.). In der Forschung werden neben onomastischen auch Anspielungen auf Zitate, Sprichwörter, text- oder gattungsspezifische Formulierungen sowie auf feste Redensarten unterschieden (s. Lennon 2001: 13). Der Schreiber spielt im Folgenden auf den bekannten Werbeslogan eines Waschmittels an, um damit scherzhaft und rezipientenwirksam das Stereotyp der MEDIENKONTROLLE zu implizieren: „Neu? Nein, mit Hasbara gewaschen!“ (Leserkommentar, Die Zeit, 11.07.2014)

Mittels dieser Anspielung unterstellt der Schreiber, Israel würde eine ihm genehme Perspektivierung verbreiten. Durch unterstellte, hier nicht weiter spezifizierte Praxen der Hasbara90 werde israelisches Handeln reingewaschen.91 In Verbindung mit dieser Anspielung wird unterstellt, es handele sich bei der Hasbara um eine für die Verbreitung von Unwahrheiten gegründete Institution (s. hierzu IV.5).92 Auch auf verhältnismäßig aktuelle politische Diskurse nehmen Schreiber Bezug, um einseitige Vorstellungen des Nahostkonflikts rezipientenwirksam zu kommunizieren: „[…] completely missing from the article is why Hamas even exists. Here’s a clue: it’s the occupation, stupid.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

Beim letzten Satz handelt es sich um eine auch in anderen Kontexten partiell veränderte Anspielung auf James Carvilles Äußerung „The economy, stupid“, mit welcher der Wahlkampfstratege Bill Clinton ins Präsidentenamt verhalf (s. Kelly 1992). Mit diesem sowie dem nächsten Kommentar wird persuasiv das SCHULD-Stereotyp bedient – beim vorherigen Beispiel ____________________ 90 Hasbara (hebr. für Erklärung) beschreibt einen Teil der Öffentlichkeitsarbeit der israelischen Regierung, die darauf abzielt, international Einsichten zu Israels politischen Anliegen und Entscheidungen zu vermitteln. 91 In Bezug auf die Äußerung ist zudem die Lesart möglich, der Schreiber beziehe sich auf einen Persilschein. Das Kompositum Persilschein ist der Bezeichnung des Waschmittels Persil entlehnt und meint den Prozess des Reinwaschens. Zudem – und das ist für diese Arbeit nicht unwichtig – wurde dieses Kompositum ursprünglich im deutschen Sprachraum verwendet, sobald Entnazifizierungsbehörden eine Person für unschuldig hielten (s. Duden 2017). Neben Bezügen zu Werbesprache und NS-Vergangenheit ist die Äußerung im Kommentar zudem anschlussfähig für die Lesart, dass bei israelischem Handeln von einer (u. a. durch die lexikalisierte Kompositummetapher Gehirnwäsche vermittelten) Manipulation zu sprechen ist. 92 Zum Rückgriff auf Anspielungen zur Reproduktion antisemitischer Stereotype s. auch Schwarz-Friesel (2009a und b).

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Antisemitismus und Sprache

Israels Alleinschuld am Konflikt, im nächsten Israels Schuld am aufkommenden Antisemitismus in Großbritannien: „Its not the coverage thats the problem, its the apartheid and slaughter that’s fueling it. Don’t shoot the messenger.“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014)

Um die Verantwortung der Medien für die Zunahme antisemitischer Gewalt zu relativieren, greift der Schreiber auf eine altbekannte Redewendung zurück, welche die Schuldprojektion auf den Überbringer schlechter Nachrichten problematisiert. Im folgenden Beispiel wird durch die Verwendung eines Sprichwortes auf die Bibelstelle Hosea 8,7 („Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten“) angespielt, als bekannt wurde, dass die drei israelischen Jugendlichen ermordet wurden: „Wer wind sät wird Sturm ernten, man kann Gewalt nicht mit Waffen lösen sondern mit Politik.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 18.06.2014)

Durch diese Anspielung wird unterstellt, dass Israel selbst schuld am Mord der drei israelischen Jugendlichen im Sommer 2014 sei (s. IV.1). Dieser Abschnitt verdeutlicht die Vielgestalt von Anspielungen im Kontext antisemitischer Hassrede. In den Unterkapiteln IV.1.3.2, IV.2.1, IV.2.2 und IV.3.2.2 werde ich ausführlich die dominanten Formen von Anspielungen vorstellen, mit denen NS-, Empire-, Kolonialismus- und Apartheid-Analogien etabliert werden. Im nächsten Abschnitt werde ich eine Unterform der auf die NS-Zeit Bezug nehmenden onomastischen Anspielungen vorstellen: den Rückgriff auf NS-Vokabular. Schreiber verwenden Ideologievokabular, welches in der NS-Zeit geprägt bzw. konzentriert kommuniziert wurde. Ihre Verwendung bei der Thematisierung israelischer Praxen stellt eine weitere Spielart für die implizite Vermittlung der NS-Analogie dar. III.2.4.3 NS-Vokabular Mit NS-Vokabular werden jene Lexeme und rhetorischen Strategien bezeichnet, die in der Zeit des Nationalsozialismus besonders gebräuchlich waren und damit eine entsprechende Prägung erfuhren bzw. durch die nationalsozialistische Ideologie erst hervorgebracht wurden, bei heutigem Gebrauch also auf diese Phase deutscher Geschichte verweisen. Dazu gehören zum einen nationalistische Schlagwörter (wie Vaterland, Lebensraum, Volk ohne Raum) sowie rassistische Lexeme (wie entartet, Überfremdung, Halbjude) und Metaphern (wie Schädling, zersetzen). Linguistische Studien haben sich, wie in III.1.1 erwähnt, intensiv mit der 134

III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

Sprache in der NS-Zeit beschäftigt (s. Schmitz-Berning 1998, von Polenz 1999: 541 ff., Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 174 ff., s. auch Maas 1984, Volmert 1989, Hoffmann 2001 und 2007, Braun 2007, Eitz/Stötzel 2007 und 2009, Klemperer [1947] 242010, Schlosser 2013). Zu unterstreichen ist hierbei, dass es sich nicht um eine eigene Sprache, sondern um einen, wie Braun (2007) sagt, „nationalsozialistischen Sprachstil“ handelt. Das sog. NS-Vokabular wurde von den Nationalsozialisten größtenteils aus anderen Kontexten übernommen und konzentriert, also nicht erst von ihnen entwickelt. Entsprechend ist bei Maas (1984) nicht von der Sprache des, sondern im Nationalsozialismus die Rede. Das Lexem entartet wurde bspw. nicht von den Nationalsozialisten geprägt, sondern geht auf die völkische bzw. romantische Bewegung zurück. Unzählige antisemitische Lexeme können in einschlägigen reformatorischen Schriften belegt werden (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 65 f.). Dies dokumentiert den jahrhundertealten antisemitischen Jargon, aus dem die Nationalsozialisten schöpfen konnten. Auch das Kompositum Konzentrationslager ist keine Erfindung aus Zeiten des Nationalsozialismus, sondern geht auf das englische concentration camp zurück, welches um 1900 im südafrikanischen Burenkrieg Verwendung fand (s. Kapitel II.2.1). In der Sprache der sog. Konservativen Revolution lassen sich bis zur Ununterscheidbarkeit ähnliche Ausprägungen nachweisen. Auch hier liegen zahlreiche Kriegs- und Kampfmetaphern sowie (rassistische) Lexeme vor, die letztlich sozialdarwinistisch ausgerichtet sind. Ein spezifisches NSVokabular lässt sich insofern nicht problemlos isolieren. Seine klare Abgrenzung von den anderen rechtsgerichteten Sprachvarietäten der damaligen Zeit dürfte, wie Maas herausgearbeitet hat, nicht leistbar sein. Den gegenwärtigen Rekurs auf den entsprechenden Sprachgebrauch sehe ich dennoch als teils intendierte Bezugnahme auf den NS- und nicht etwa bspw. auf den Sprachgebrauch völkischer Bewegungen im 19. Jahrhundert, da die NS-Zeit innerhalb der deutschen Geschichte und im kollektiven Gedächtnis eine hervorgehobene Stellung innehat. Eitz/Stötzel (2007 und 2009) haben die gegenwärtige öffentliche Verwendung von NS-Vokabular erforscht. Dabei haben sie festgestellt, dass die NS-Analogie in den letzten 15 Jahren besonders häufig über den NSEuphemismus Endlösung sowie durch Lexeme wie Auschwitz und Holocaust etabliert wurde (s. Eitz/Stötzel 2007: 175, s. auch Bauer 2001 und 2011, Longerich 2001, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 44, 85 ff.). Im Kontext israelfeindlicher Äußerungen in den von mir untersuchten Zeit-Leserkommentaren greifen Schreiber auf dieses Vokabular zurück, um Israel einen an den Nationalsozialismus erinnernden bzw. mit ihm 135

III.

Antisemitismus und Sprache

gleichzusetzenden Charakter zu unterstellen. Äußerungen wie Israel will seinen Lebensraum erweitern oder Israel wünscht die totale Vernichtung palästinensischen Lebens lassen dies deutlich werden (Beispiele aus dem Korpus s. IV.1.3.3). Auch in Guardian-Leserkommentaren zeichnet sich – wenn auch selten – der Rekurs auf NS-Vokabular ab: „For many Israelis the Palestinian civilians are just meat in the sandwich, untermensch.“ (Leserkommentar, The Guardian, 25.07.2014)

Bei entsprechenden Sprachgebrauchsmustern verweisen die Schreiber nicht auf ihre eigenen Wertevorstellungen bzw. politischen Überzeugungen. Sie legen nahe, Israel verfüge über ein an den Nationalsozialismus erinnerndes Weltbild, wobei die Abwertungskategorien, die sich einst gegen Juden richteten, heute gegen Palästinenser in Anschlag gebracht würden. Die Etablierung der NS-Analogie erfolgt nicht auf explizitem Wege, sondern durch Lexeme und Redewendungen, die auf die NS-Zeit verweisen. Im Kontext der Sprachgebrauchsmuster, welche die NS-Analogie etablieren, sind sie als Anspielungen zu bewerten. Insofern werden Korpusbeispiele, in denen ein Rekurs auf NS-Vokabular zu erkennen ist, entsprechend im Anschluss an die Behandlung klassischer Anspielungen im Kapitel IV.1.3.3 behandelt. Im britischen Kontext wird diese Distanzlosigkeit bei der Verwendung von NS-Vokabular ebenso erkennbar. So ließ sich der britische Politiker George Galloway dazu hinreißen, Bradford als „Israel-free zone“ zu bezeichnen (s. Pidd 2014). Manche Guardian-Leser leugnen den antisemitischen Charakter dieser Äußerung und übernehmen damit Formulierungen, die – wenn auch in aktualisierter Form – eine Prägung in der NS-Zeit erfahren haben (vgl. den NS-Euphemismus judenfrei; s. auch Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 43): „Declaring Bradford an ‚Israel-free zone‘ is not antisemitic.“ (Leserkommentar, The Guardian, 09.08.2014)

Die o. g. kommunikative Funktion, die bei einem Rekurs auf dieses Ideologievokabular leicht erkennbar wird, führt zur letztlich voreiligen Annahme, dass dieser Rekurs in linksliberalen Diskursen eher selten vorkommt. Die Frequenz sowie Ausprägung entsprechender Äußerungen in den Zeit-Korpora widerlegen diese Annahme (s. IV.1.3.3).

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III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

III.2.4.4 Metaphern und Personifikationen Die Metapher stellt einen spezifischen Fall nicht-wörtlicher Sprachverwendung dar. Der Schreiber verwendet den gemeinten Ausdruck nicht in seiner vom Sprachsystem vorgegebenen Bedeutung (s. Skirl/SchwarzFriesel 22013: 3, s. auch Pielenz 1993, Kurz 52004, Skirl 2009, Kirchhoff 2010, Schwarz-Friesel/Kromminga 2014, Giesel 2017). Durch sie wird eine Beziehung etabliert zwischen dem Gegenstand, der lexikalisch gekennzeichnet wird, und dem Gegenstand, auf den sich dieser Ausdruck mittels der Metapher bezieht. Die Folge ist eine Verknüpfung von Konzepten zu einer Einheit. Über diese Kopplung lassen sich über die Metapher „grundlegende Konzeptualisierungsmuster der Kognition“ (Schwarz 32008: 67) veranschaulichen. Diese führen zur Herausbildung neuer sprachlicher Ausdrucksmittel. Bei der Verwendung einer Metapher folgt eine Etablierung einer IstRelation zwischen zwei Referenten: X ist (wie) ein Y. Der Transfer von Eigenschaften des Ursprungsbereiches (oder Spenderkonzeptes) auf den Zielbereich (oder Empfängerkonzept) verläuft beim Leser vorerst nicht reibungslos, da die Übertragung der Merkmale zu einem „konzeptuellen Widerspruch“ (Schwarz 32008: 68) führen kann. Auf folgendes Beispiel aus dem Zeit-Korpus möchte ich zur Exemplifizierung eingehen: „Israels Statement zum Militäreinsatz ist eine Nebelkerze für die Wahrheitsfindung“ (Leserkommentar, Die Zeit, 10.08.2014)

Hier kann die Übertragung von Merkmalen vom Konzept NEBELKERZE auf das Konzept ISRAELS STATEMENT vom Leser nicht problemlos verstanden werden. Trotz scheinbar unvereinbarer Konzepte kommt es im Rahmen des Verstehensprozesses (und gestützt auf das Kooperationsprinzip von Grice) zur Annahme, dass es sich hierbei um eine sinnvolle, nämlich eine nicht wörtlich zu verstehende Bedeutung handelt (s. III.2.1, s. auch Grice 1989: 28 f.). Der Leser muss sowohl Ko- als auch Kontext berücksichtigen sowie sich nicht aus den Einzelkonzepten ergebende, emergente Merkmale ableiten (s. hierzu Schwarz 32008: 70, s. auch Skirl 2009). Erst dann kann er Merkmale wie DIE WAHRHEIT VERDECKEND elaborieren und auf Israel übertragen. Der jüdische Staat wird folglich als Konfliktpartei perspektiviert, die sich einer Klärung des Konflikts und damit dem Wunsch nach Konfliktbeilegung widersetzt. Schon in Kapitel III.2.4.2 (Fußnote 91) bin ich auf die Kompositummetapher Gehirnwäsche eingegangen, die bei Verweis auf israelische Verlautbarungen immer wieder Eingang in den Diskurs findet. Auf diese werden im Zuge des Verstehensprozesses die emergenten Merkmale VERSCHLEIERUNG und KOGNI137

III.

Antisemitismus und Sprache

BEEINFLUSSUNG übertragen. Äußerungen wie diese sind anschlussfähig für die Reproduktion der Stereotype der Medienkontrolle sowie der ALLEINSCHULD AM NAHOSTKONFLIKT. Im folgenden Beispiel aus dem Guardian-Korpus unterstellt der Schreiber über eine metaphorische Redewendung eine Vermischung von im Nahost- und AntisemitismusDiskurs zentralen Kategorien: TIVE

„the muddying of the waters between Israel, a Jewish state, Zionism and Judaism, with antisemitism thrown in.“ (Leserkommentar, The Guardian, 21.08.2014)

Im Kontext des israelbezogenen Antisemitismus verbalisieren viele Schreiber den Verdacht einer Instrumentalisierung des Lexems Antisemitismus, um Israel Handlungsfreiheit einzuräumen. Mit Sprachgebrauchsmustern wie jenem im letztgenannten Beispiel wird dieser Verdacht implizit vermittelt – gleichzeitig wirkt der über die Metapher vermittelte bildhafte Ausdruck persuasiv. Dies ist ein zentraler Aspekt hinsichtlich der Wirkungsweise von Metaphern, den ich bereits in III.2.4.1 in Bezug auf Vergleiche angesprochen habe: Durch die Übertragung von Merkmalen kann die Metapher das schwer Greifbare sowie komplexe und abstrakte Sachverhalte konzeptuell fassbar machen und sog. „lexikalische Lücken“ (Skirl/Schwarz-Friesel 22013: 34) schließen. Sie ist folglich dazu in der Lage, eine unbekannte Größe – wie ein fremdes Land, eine fremde Kultur, eine außenstehende Gruppe – mittels ihrer Bildhaftigkeit für den Leser unbemerkt zu perspektivieren und zu evaluieren. Der weiter oben bereits erwähnte Verdacht einer Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs wird bspw. durch die Kompositummetapher Antisemitismuskeule auf persuasive Weise vermittelt (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 101 f., 152). Eine Keule kann Schaden anrichten, verletzen und töten; der Niedergeschlagene kann sich von dieser Gewaltanwendung u. U. nicht mehr erholen. Der Leser kann inferieren, dass bspw. eine Person des öffentlichen Lebens, die Antisemitismus reproduziert, niedergeschlagen wird. Dies bedeutet, sie kann u. U. ihre öffentliche Stellung, ggf. gar ihre Karriere verlieren. Das Inferenzpotenzial dieser Metapher verweist auf eine öffentliche Ächtung. Man vergleiche dies mit dem englischen Äquivalent Playing the antisemitism card (wird in den Guardian-Korpora häufig abgewandelt formuliert: Playing the antisemitic card), dessen Inferenzpotenzial sich maßgeblich unterscheidet.93 ____________________ 93 An dieser Stelle gilt es zu bedenken, dass die Redewendung Playing the […] card eine lexikalisierte Metapher darstellt. Viele Angehörige der englischen Sprachgemeinschaft werden diese nicht als „metaphorisch motivierte Bezeichnungen“

138

III.2 Pragmatische Zugänge zum Verbal-Antisemitismus

In den Guardian-Korpora werden sowohl Großbritannien als auch Israel auf ähnliche Weise konzeptualisiert und abgewertet. Ersteres wird häufig als „official lapdog to the USA“ (Leserkommentar, The Guardian, 21.08.2014),

also als „Schoßhund der USA“ konzeptualisiert. Entsprechend wird im folgenden Kommentar Großbritannien als Kriegsinstrument der USA perspektiviert: „[…] US Gunboat UK“ (Leserkommentar, The Guardian, 29.11.2012).

Der Leser kann inferieren, dass Großbritannien – dargestellt als ein Instrument, welches von jemandem verwendet wird – jede Form von Souveränität einbüßt. Israel wird ebenso über Tiermetaphern dargestellt: „[…] the imperialists and their pitbull are indirectly and unwittingly facilitating and inexorably pushing the Middle East in the direction of people’s war“ (Leserkommentar, The Guardian, 16.11.2012) „[…] it was before and is unlikely to go against Anglo-American led Western imperialism and its attack-dog Israel.“ (Leserkommentar, The Guardian, 16.11.2012)

Über einen entsprechenden Metapherngebrauch werden Merkmale wie AGGRESSIV und BISSIG auf Israel übertragen. Schreiber lassen sich in den Guardian-Korpora auch dazu hinreißen, Krankheitsmetaphorik in Bezug auf Israel zu verbalisieren, die an das Dehumanisierungsarsenal judenfeindlicher Rede im Mittelalter erinnert (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 58 ff.): „This means stopping the Israeli cancer of globbling up the palestinian land.“ (Leserkommentar, The Guardian, 21.11.2012)

Über die Metapher kann eine leblose Entität ebenso personifiziert werden. Ein in den Guardian-Korpora häufig feststellbarer Metapherngebrauch zeigt sich im Zuge abwertender Perspektivierungen der USA: „[…] to […] justify the weasel actions of Uncle Scam“ (Leserkommentar, The Guardian, 29.11.2012).

Diese Äußerung stellt eine Anspielung auf das US-Nationalsymbol Uncle Sam dar – eine das Land personifizierende Metapher. Der Schreiber verändert indes den Namen in scam, was Betrug, Schwindel bedeutet (korrespondierend mit der zuvor verbalisierten Tiermetapher weasel, deren Be____________________ wahrnehmen (s. Skirl/Schwarz-Friesel 22013: 29). Sie taucht in verschiedenen Kontexten auf, s. bspw. Using or playing the sympathy, gender, woman, race, sure card etc. (s. Merriam-Webster 2017).

139

III.

Antisemitismus und Sprache

deutung auch Betrüger, Verräter ist. Es handelt sich also um ein Wortspiel für den in der britischen Linken häufig auszumachenden Hass auf Amerika. In Bezug auf Israel liegen freilich ebenso Personifikationen vor, welche vorrangig über Verbmetaphern ausgedrückt werden (s. Skirl/SchwarzFriesel 22013: 26). Israel werden dabei menschliche Eigenschaften zugesprochen: „And it is for all you have said that Israel is acting as it is now, with Gaza and Iran. Israel knows that if it does not act now, its time as top dog is in the Middle East is limited.“ (Leserkommentar, The Guardian, 16.11.2012)

Der Gebrauch einer personifizierenden Metapher wird in diesem Beispiel ergänzt durch top dog, Platzhirsch – ein weiteres Beispiel für eine lexikalisierte Metapher, die mit o. g. Perspektivierungen Israels als attack-dog und pitbull korrespondiert. Anhand der genannten Beispiele sieht man deutlich das Zusammenspiel verschiedener sprachlicher Strategien, um Hassrede bildhaft und damit wirkungsvoll zu kommunizieren. III.3 Argumentationsmuster In diesem Kapitel gebe ich eine Übersicht über jene Argumentationsmuster, die in den von mir untersuchten Korpora dominant auftreten. Dies ist ein notwendiger Zwischenschritt, da die Zeit- und Guardian-Leserschaft über teils aufwendige Argumentation antisemitische Äußerungen zu begründen bzw. selbige als angemessen zu vermitteln versucht. Dabei thematisieren Kommentatoren auch stets ihre eigene Position, legitimieren sich selbst oder rechtfertigen einen ohne argumentative Einbettung womöglich nicht tragbaren Standpunkt. Die Funktion des Argumentierens besteht darin, mittels sprachlicher Äußerungen fragliche in geltende Inhalte zu transformieren (s. Kienpointner 1983: 70, s. auch Perelman/Olbrechts-Tyteca 2004). Schlussfolgerungen sollen begründet und gerechtfertigt, der Leser überzeugt werden – und zwar nicht allein hinsichtlich Fakten, sondern in Bezug auf Gefühle, Werte und Normen sowie Traditionen. Ein Schreiber kann seinen Beiträgen den Status des Rationalen und Dringlichen zuweisen. Ggf. taucht an einem der beiden Messzeitpunkte eine Regression oder Neuausrichtung von bestimmten Argumentationsmustern auf. So kann unter bestimmten Vorzeichen eine Relativierung des israelbezogenen Antisemitismus durch eine Umdeutung desselben ersetzt werden, indem ein Schreiber auf unterstellte Verbrechen Israels referiert 140

III.3 Argumentationsmuster

und israelbezogenen Antisemitismus als politische Kritik reklassifiziert (s. III.3.4). Selbstverständlich können entsprechende Perspektivierungen unintentional erfolgen, was indes die Brisanz der damit realisierten Hassrede kaum schmälert. Ich greife bei der Unterteilung der Argumentationsmuster größtenteils auf die Einteilung von Schwarz-Friesel/Reinharz (2013: 346 ff.) zurück, da hinsichtlich dieser Muster diverse Parallelen zwischen den Untersuchungsergebnissen besagter Studie sowie den Resultaten meiner Korpusanalysen festgestellt werden können. Für das Verständnis von Argumentationsmustern innerhalb der von mir untersuchten Korpora ist es vor allem entscheidend, die linguistischen Termini Strategie und Funktion zu unterscheiden: Unter verbalen Strategien sind kommunikative Handlungsmuster zu verstehen, die zugunsten einer bestimmten kommunikativen Funktion eingesetzt werden. Der Schreiber greift bspw. auf die Strategie der Täter-Opfer-Umkehr zurück (mittels derer Juden nicht als Opfer, sondern als Täter dargestellt werden), um eine spezifische Funktion zu realisieren. Die Strategie konstituiert sich aus einer bestimmten Wortwahl, dem Vollzug direkter oder indirekter Sprechakte sowie aus bestimmten – hier im Vordergrund stehenden – Argumenten.94 Strategien sind aber nicht mit den verwendeten sprachlichen Mitteln gleichzusetzen. Sie sind „als kommunikative Handlungsmuster mit spezifischen Funktionen [definiert], die auf bestimmten Argumenten beruhen und je nach Produzent und/oder Kontext sprachlich unterschiedlich realisiert sein können“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 350). Mit kommunikativer Funktion ist der Handlungswert (die Illokution) einer sprachlichen Äußerung gemeint. Durch eine Äußerung will ein Schreiber eine spezifische Funktion (z. B. Kritik, Abwertung etc.) realisieren (s. Schwarz/Chur 62014: 32 ff.). Bei eben erwähnter Strategie der TäterOpfer-Umkehr dämonisiert der Schreiber Israel, relativiert NS-Verbrechen und verhöhnt deren Opfer und Nachkommen. ____________________ 94 Hieran wird deutlich, dass die Analyse von Argumentationsmustern auch immer andere, in dieser Arbeit vorgenommene Analysebereiche berührt. Ein auf die Wahrung eines bestimmten Selbstbildes bedachter Schreiber würde mit dem Ziel, Juden zu beleidigen, nicht den direkten Sprechakt des Beschimpfens und Drohens vollziehen, sondern eine Beleidigung indirekt vornehmen. Auch sind die Argumentationsmuster nicht immer klar voneinander zu trennen, da die Zuordnung von sprachlicher Manifestation und kommunikativer Funktion stark kontextabhängig ist (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 350).

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III.

Antisemitismus und Sprache

Im Zusammenhang mit antisemitischen Äußerungen ist auffällig, wie sehr Schreiber aus dem linksliberalen Milieu auf teils komplexe Argumentationsmuster zurückgreifen, um ihre Beiträge salonfähig zu kommunizieren. Neben der Selbstlegitimierung der Schreiber sind in meinen Korpora die Muster der Leugnung und Relativierung, aber auch der Umdeutung und Rechtfertigung von Antisemitismus häufig anzutreffen. Für die Konstituierung einer urteilsfähigen Schreiberposition ist zudem der Rückgriff auf die Ab- und Ausgrenzungsargumentation von Relevanz. Anhand der Bezeichnungen der Argumentationsmuster wird ersichtlich, dass sie nach ihrer kommunikativen Funktion gewählt wurden. Was unter den einzelnen Argumentationsmustern zu verstehen ist, werde ich in den folgenden Abschnitten nicht zuletzt anhand von Korpusbeispielen erläutern. III.3.1

Selbstlegitimierung

Die Argumentation der Selbstlegitimierung zeichnet sich durch die Verwendung von Argumenten aus, die ein positives Selbstbild des Schreibers kreieren bzw. selbiges bestärken sollen. Darunter können Verweise auf moralische Integrität, politische Korrektheit, das Eintreten für Humanismus, Demokratie, Pluralismus, Gleichberechtigung fallen (Aspekte des Seins). Außerdem zählen dazu jene Kompetenzen des Schreibers, die sein Erfahrungs- und Fachwissen sowie seine objektive Perspektive auf das Debattenthema herausstellen sollen (Aspekte des Könnens). All diese Merkmale sollen ihn als seriösen Diskursteilnehmer ausweisen (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 351 ff.).95 ____________________ 95 Die von Schwarz-Friesel/Reinharz aufgeführte Vermeidungsargumentation („Ich bin kein Antisemit!“, 2013: 357 ff.) subsumiere ich unter die Argumentation der Selbstlegitimierung aus dem folgenden Grund: Die Funktion der Vermeidung ist es, dem Schreiber „allgemein [die] Aufrechterhaltung des positiven Selbstbildes und/oder speziell der direkten und indirekten Antisemitismus-Abwehr und der Abwehr gesellschaftlicher Sanktionen“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 357) zu gestatten. Diesen Zweck sehe ich allerdings auch durch die Legitimierungsargumentation abgedeckt. Sie kommt indes nicht in der o. g. Darbietung zum Ausdruck („Ich bin kein Antisemit!“), sondern bspw. über Ich bin Humanist oder Ich bin frei von Vorurteilen. Hierbei wird implikatiert, dem Schreiber könne kein antisemitisches Denken eigen sein. Da sich die Bezeichnungen der einzelnen Argumentationsmuster auf ihre Funktion (und nicht etwa auf ihre sprachlichen Mittel) beziehen, erscheint mir eine Subsumierung an dieser Stelle sinnvoll, zumal der maßgebliche Unterschied bei der Vermeidungsargumentation in der Verwendung

142

III.3 Argumentationsmuster

In der Korpusstudie von Schwarz-Friesel/Reinharz (2013) verweisen Verfasser selbstlegitimierend auf ihr Alter, ihren Wohnort, aber auch auf ihren Beruf sowie ihren Bildungsgrad, um sich vom Antisemitismusvorwurf freizusprechen bzw. diesem zuvorzukommen. Auch werden zu diesem Zwecke Begegnungen oder Bekanntschaften mit Juden sowie philosemitische Phrasen angeführt (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 352 f.). In den von mir untersuchten Leserkommentaren werden biografische Daten kaum kommuniziert. Eine Ausnahme stellt – neben beiläufigen Informationen zum Wohnort in Deutschland bzw. Großbritannien – der Rekurs auf biografische Auskünfte in Form von Altersangaben dar: „Ich(Jhrg ‘52) habe keine Schuldgefühle gegenüber Israel. Ich habe aber Schuldgefühle gegenüber den Palästinensern, wenn ich stumm bleibe, zu dem Unrecht, das ihnen seit über 60 Jahren angetan wird !“ (Leserkommentar, Die Zeit, 20.11.2012)

Was in den Kommentaren beider Länder hingegen häufig auftritt, ist der positive Selbstbezug über Normenkongruenz. Der eigene Standpunkt wird als übereinstimmend mit gesellschaftlich etablierten Normen charakterisiert (bspw. durch die Äußerung Ich bin Humanist). Allerdings geschieht dies in den beiden Korpora nie so plakativ wie im ebengenannten Beispielsatz. Vielmehr beschreiben sich Schreiber als moralisch integer und vorurteilsfrei. Sobald sich das Artikelthema um Antisemitismus dreht, problematisieren Schreiber „Hass und Ausgrenzung generell“. Dadurch richten sie sich gegen Appelle, besonders Judenfeindschaft zu ächten, und deuten (wie im zweiten Beispiel) an, dass in dieser Sache für Deutsche keine besondere Verantwortung vorliege: „Ich verabscheue Hass und Ausgrenzung generell, dabei spielt es für mich keine Rolle, welcher Gruppe der ausgegrenzte angehört!“ (Leserkommentar, Die Zeit, 09.11.2012) „Ich bin Mensch und ich wehre mich gegen Hass in jedweder Form und ich halte es für eine Verpflichtung jedes (!) Menschen auf dieser Welt, gegen Ungerechtigkeit, Menschenverachtung, Unterdrückung und Ausbeutung aufzustehen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 09.11.2012)

Auch mittels der Argumentation der Vermeidung (s. Fußnote 95) drücken Schreiber ihre Vorurteilsfreiheit aus: ____________________ von Negationspartikeln (nicht) oder Indefinitpronomen (kein) in Kombination mit der Bedeutungseinheit, von der man sich zu distanzieren wünscht, liegt. Insofern bedeutet Vermeidung Legitimierung über eine negative Definition. Die Funktion, sich als nicht antisemitisch zu präsentieren, ist jedoch identisch.

143

III.

Antisemitismus und Sprache „[…] nein, ich bin kein Antisemit, schon allein, weil mir Herkunft und Religion eines Menschen völlig gleichgültig sind.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 25.11.2012)

Im folgenden Beispiel dient der Umgang mit dem Holocaust dazu, die deutsche Wir-Gruppe durch Unterstreichung einer Wertegemeinschaft, die sich durch Lernwillen auszeichne und für Menschlichkeit einsetze, aufzuwerten und von jener der Israelis abzugrenzen: „Die Lehren die wir aus dem Holocaust ziehen müssen sind folgende: 1.Es darf nie wieder dazu kommen, dass Menschen wegen ihrer Religion, Gesinnung, Neigung, etc. verfolgt werden. 2. Wir müssen darauf pochen, dass die Grundregeln der Demokratie eingehalten werden. 3. Es darf kein Recht des Stärkeren geben, sondern wir alle sind denselben Rechtsprinzipien unterworfen. 4. Kein Gruppe in einem Land darf eine andere Gruppe um ihre Lebensgrundlage bringen. 5. Wir Deutschen müssen Unrecht verurteilen egal von wem es begangen wurde. Es darf keine doppelten Standrads geben. 6. Wir sind der Menschlichkeit und der Stärke des Rechts verpflichtet. Das ist die Verpflichtung, die uns erwachsen ist aus dem Holocaust. Deshalb hätten wir mit ‚Ja‘ stimmen müssen. Die Enthaltung war feige und typisch Merkel.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 30.11.2012)

Das Verantwortungsbewusstsein, durch welches sich laut dem Schreiber Deutsche auszeichnen würden, dient hier als Vorwand, Israel zu belehren. Des Weiteren ist die Lesart möglich, dass der Schreiber Israel an den Nationalsozialismus erinnernde Verbrechen unterstellt, da er gleich nach Anführung des Holocaust eine Handlungsmaxime durch „Es darf nie wieder dazu kommen“ verbalisiert und der gesamte Beitrag auf Israel und den Nahostkonflikt Bezug nimmt. Im Guardian-Korpus wird das Eintreten für die Seite der Palästinenser als Beweis für anständige Gesinnung und progressives humanistisches Denken gesehen: „Decent people across the West are saying ‚no more‘: we are not prepared to stand by while Israel progressively destroys what remains of Palestine – whether by colonisation/dispossession or by military assault.“ (Leserkommentar, The Guardian, 16.11.2012) „All of progressive humanity stands for and with the Palestinian people.“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

Die eigene Aufwertung mittels Nennung von positiv evaluierten Normen wird auch im Zuge angewandter Ab- und Ausgrenzungsargumentationen verwirklicht. Schreiber perspektivieren ihre eigene Position als der Israels 144

III.3 Argumentationsmuster

diametral entgegengesetzt. Hieran wird nicht zuletzt die Verzahnung verschiedener Argumentationsmuster in alltagssprachlichen Kontexten erkennbar.96 Besonders in den Guardian-Korpora wird von Schreibern eine WirGruppe konstituiert, deren Prominenz in den Darlegungen gleichzeitig der Funktion der Ab- und Ausgrenzung dient (aufgeklärte Menschen gegen Israel und pro-israelische Regierungen und Medien): „To the Palestinans, there are millions of British who wish you well and support your right to freedom and to live in peace, millions of us, and millions of Americans and people of other nations too, whilst you may not hear us because all our Governments and our media kiss Israels’s backside, we are here and we have you in our hearts and minds. God bless the Palestinians and give them strength.“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.11.2012)

Die Wir-Gruppe wird charakterisiert durch ihre moralische Integrität, ihre Empathie und Solidarität mit unterdrückten Bevölkerungsteilen sowie dadurch, dass sie unterstelltes Unrecht durchschaut. Als Mitglied dieser Wir-Gruppe legitimiert sich der Schreiber selbst, grenzt sich und seine Gruppe von Israel ab und kann Stereotype wie das der JÜDISCHEN MACHT gegen Israel kommunizieren. III.3.2

Rechtfertigung

Das Argumentationsmuster der Rechtfertigung dient der Stärkung der in den Äußerungen erkennbaren Haltungen des Schreibers. Im Sinne einer u. a. durch Verweis auf Kompetenz und Objektivität realisierten Absicherung der Schreiberposition stehen Bezüge zu Quellen und sog. Autoritäten im Vordergrund. Dadurch versucht der Schreiber, seinen Standpunkt als wohlbegründet sowie gesellschaftlich akzeptiert auszuweisen (s. SchwarzFriesel/Reinharz 2013: 369 ff.; für Bezüge auf Autoritäten als persuasive Strategie s. auch Klein 1994: 6 f.). Abgesehen von der Selbstlegitimierung, mit der Schreiber ihr kommunikatives Handeln u. a. auf moralische Grundsätze zurückführen, ist die Rechtfertigungsargumentation am häu____________________ 96 Die positive Selbstdarstellung wird ebenso erreicht durch den Verweis auf die eigene Rationalität und Objektivität. Korpusbeispiele werde ich in den Kapiteln zu Rechtfertigungs- und Umdeutungsargumentationen präsentieren, bei denen Schreiber scheinbar objektive Kriterien und Stimmen zur Absicherung ihrer Position vorlegen.

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III.

Antisemitismus und Sprache

figsten vertreten, um verzerrende bis antisemitische Äußerungen akzeptabel erscheinen zu lassen. In den untersuchten Korpora ist das Herausstellen von Faktizität die zentrale Strategie dieser Argumentation. Im folgenden Zeit-Kommentar werden zahlreiche vermeintliche, unvollständige bzw. verzerrende Fakten genannt, die den Schreiber als wohl informiert erscheinen lassen sollen. Zudem versieht er diese rechtfertigend mit Quellenangaben. All die genannten Argumente führen zu der vom Schreiber gewünschten Konklusion, dass Israel – nicht zuletzt aufgrund einer unterstellten „Hardliner“-Politik – für den gegen das Land gerichteten Terror selbst verantwortlich sei: „Seit 1948 existiert dieser Konflikt. Er wurde im während des ‚kalten‘ Krieges ‚heiss‘ gehalten als Stellvertreterkrieg der Großmächte. Mittlerweile hat sich dies verselbstständigt und Israel sieht bei Resüme dieses Konfliktes, was die Rechtmässigkeit, Einhaltung von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit ziemlich schlecht aus. -Verhaftung und Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren-gezielte Tötung von Palästinensern -Aufbau eines ‚Apartheid‘-System in Israel. (Kerry ha dies Israel vorgeworfen) -Tötung von mehr als 100 Palästinensern durch israelische Siedler die dafür nicht belangt wurden (allein 2013 laut ZDF gestern) -Wahlloses Töten von Zivilisten währen Demonstrationen -Polizeiübergriffe sogar auf Kinder ohne rechtliche Folgen (ZDF gestern) -Enteignung und Vertreibung von Palästinensern von ihrem Land (ZDF gestern) -Siedlungsbau auf fremden Staatsgebiet (ZDF gestern) -Bombardierung von Flüchtlingslagern und Töten von Flüchtlingen (z.B. im Libanon) All dies trägt nur dazu bei, dass sich die Palästinenser mehr und mehr radikal islamistischen Gruppen zuwenden werden und Bestandteil der Terrornetze ISIS und Al Khaida werden. […] Nach 20 Jahren haben die Hardliner und Kriegsbefürworter das Sagen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 10.07.2014)

Der Verweis auf Quellen wie das ZDF oder die Berufung auf Autoritäten wie den US-Außenminister John Kerry97 bestärken beim Leser den Eindruck, dass sich die Argumentation durch Faktenwissen und Objektivität ____________________ 97 Kerry hat seine verzerrende Apartheid-Analogie später wieder zurückgenommen (s. Die Zeit/dpa/suk 2014). Dennoch zeigt die Web-Kommunikation, dass die diffamierenden Äußerungen einer öffentlichen Person weiterhin rechtfertigend zitiert werden, auch wenn sich die Person davon explizit distanziert hat.

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III.3 Argumentationsmuster

auszeichnet und man ihr somit Glauben schenken kann. Der Schreiber scheint seine Perspektive insofern nicht weiter begründen zu müssen. Die Anführung von Quellen stellt die zweite dominant verwendete Substrategie der Rechtfertigung dar. Die angeführten Quellen sind vielgestaltig in ihrer Auswahl und Qualität. Die herangezogenen Medien können entweder lediglich genannt oder Artikel der Medien zitiert bzw. verlinkt werden: „When even the Daily Mail questions what Israel are doing in Gaza you realize that the PR war is being lost.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014) „Der britische Telegraph schaut sich dankenswerterweise Einzelschicksale von Kindern in Gaza an, die sich hinter der Zahl der ‚Verletzten‘ verbergen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 15.11.2012) „The world condemns Israel because it has just killed 375 named children and babies- http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/israel-gaza-conflictnames-of-373-children-killed-by-bombing-released-in-charity-plea-forpermanent-9651400.html“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014) „When it comes to Israel stopping their carpet-bombing, land-theft, internment and ethnic-cleansing: http://en.wikipedia.org/wiki/Likud#Charter will give you the skinny on that.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

Die Bezugnahme auf öffentliche Personen als Tabubrecher ist eine seit Langem beliebte Strategie (s. auch Rensmann 2004 hinsichtlich der öffentlich geführten vergangenheitspolitischen und israelbezogenen Debatten in der „Berliner Republik“). Über die Bezugnahme wird allein expliziert, dass es sich bei der verbalisierten Einstellung um die einer anderen Person oder Gruppe handelt, der ein gewisser gesellschaftlicher Status zu eigen ist. Der Schreiber kann in der Folge verzerrende oder gar antisemitische Äußerungen vortragen und sich bei Bedarf von diesen distanzieren. Insofern hängt diese Strategie der Rechtfertigungs- eng mit der Vermeidungsargumentation zusammen (s. III.3.1 und Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 372). Unter Zeit-Lesern ist der Verweis auf die ehemalige Publizistin und Chefredakteurin der Zeit, Marion Gräfin Dönhoff, eine beliebte Strategie, um nicht nur auf eine intellektuelle und moralische Autorität verweisen zu können, sondern darüber hinaus die eigene perspektivische Nähe zum linksliberalen Milieu zu unterstreichen. Die im Beispiel vorgenommene Verzerrung Israels wird folglich nicht vom Schreiber selbst vorgenommen, sondern lediglich reproduziert: „die ultra rechte regierung... […] lässt langsam auch die letze hülle fallen. mir fällt dazu ein beitrag von Marion Gräfin Dönhoff aus ‚ der Zeit ‘ vom 23.9.1948 ein – ‚ völkischer ordenstaat israel ‘: Zitat: Auf diese Weise wird nun vermutlich

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III.

Antisemitismus und Sprache der Geist der Irgun auch in die politischen Parteien hineingetragen und die Bürger dieses Staates, die ohnehin krankhafter Nationalismus erfüllt, werden wahrscheinlich zu immer abwegigeren Handlungen veranlaßt werden...“ (Leserkommentar, Die Zeit, 14.11.2012)

Zur Stärkung israelfeindlicher Perspektivierungen werden auch Journalisten der Gegenwart, wie im Folgenden Jakob Augstein, angeführt: „Augstein hat ein nüchternes Bild der Realität in Israel abgeliefert.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 19.11.2012) „Auf diesem Boden gedeiht der Hass der Hamas. (Augstein heute im Spiegel)“ (Leserkommentar, Die Zeit, 19.11.2012)

Sowohl das 2012er als auch das 2014er Zeit-Korpus weist vermehrt zitierte Stellungnahmen des Politikers Recep Tayyip Erdoğan auf. Viele Schreiber betonen dabei wohlwollend, dass sich der türkische Ministerpräsident maßgeblich von Politikern anderer Länder aufgrund seiner direkten Wortwahl und seines Mutes unterscheide. Durch den Verweis auf ihn wird suggeriert, dass es sich bei Erdoğan um einen anerkannten Experten handele, dem nicht nur Kompetenz und Erfahrung im Umgang mit dem Nahostkonflikt zu eigen ist, sondern der sich auch noch durch moralische Integrität auszeichnet: „Erdogan hat doch Recht damit das Palästina das grösste open Air Gefängnis der Welt ist. Das ist wahr!“ (Leserkommentar, Die Zeit, 19.11.2012) „Erdogan ist der Einzige der ein Mund aufmacht. Kein Land der westl. Welt und der musl. welt hat muße die israelische Politik (nicht Israel ) zu kritisieren.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 20.07.2014)

Der Bezug auf jüdische Autoritäten stellt eine weitere Strategie zugunsten der Rechtfertigungsargumentation dar. Im Folgenden wird unterstellt, dass bei der Verurteilung Israels durch bestimmte jüdische Personen des öffentlichen Lebens ebenso die Mehrheit „aller Juden in der Welt“ diese Meinung teilt. Mit diesem Argument rechtfertigt der Schreiber nicht nur seine Meinung durch Verweis auf eine oder mehrere jüdische Personen, sondern grenzt zudem jüdische Israelis von anderen Juden ab. Erstere können somit in der Folge dämonisiert werden, ohne mit dem Vorwurf rechnen zu müssen, man äußere sich gegen Juden als solche: „Wir müssen endlich verstehen, dass es zwischen mit Menschen mit jüdischen Wurzeln oder gläubigen Juden und Israelis einen Unterschied gibt. Zwar sind ein Großteil der Israelis Juden, aber das sagt im Grunde nicht viel aus. Ausagekräftig ist eher die Mehrheitsposition aller Juden in der Welt und die betrachten Israel mit zunehmender Skepsis. Die Prominentesten sind Stephane Hessel, Noam Chomsky, Norman Finkelstein, Felicia Langer, usw.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 30.11.2012)

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III.3 Argumentationsmuster

Der Bezug auf historische Autoritäten wird ebenso von Schreibern genutzt, um die eigene Sichtweise zu stärken (s. auch III.2.4.2): „The rest of us, including Ghandi and Mandela, accept that every occupation bears some violent resistance to which the occupation is the root cause.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Bei diesem Beitrag ist zudem auffällig, dass der Schreiber eine nicht spezifizierte Wir-Gruppe konstituiert, zu der er ebenso Gandhi und Mandela zählt. Durch diese Bezugnahme wird das eigene Anliegen aufgewertet, handelt es sich bei beiden Persönlichkeiten um anerkannte Freiheitskämpfer und Gegner von Rassismus und Unterdrückung (s. hierzu auch III.3.1 und III.3.5). Die Strategie, auf eine nicht spezifizierte, ggf. als zahlreich ausgegebene Wir-Gruppe zu verweisen, ist im Guardian häufig in Gebrauch. Ähnlich wie der Verweis auf ausgewählte, vom Schreiber ernannte Autoritäten ist die Autorisierung einer Meinung durch herausgestellte Quantität im engen Zusammenhang mit Argumentationen der Selbstlegitimierung zu sehen. Eine nicht weiter spezifizierte Wir-Gruppe wie in den folgenden Korpusbeispielen („many“, „[w]e know“, „[p]eople“) suggeriert, dass die kommunizierte Haltung mehrheitsfähig und damit gerechtfertigt sei: „[…] Israel demands to be recognised as a ‚Jewish State‘ - a racist state, similar to other racist states I’m sure many will compare it too on these boards.“ (Leserkommentar, The Guardian, 25.07.2014) „But the balance is scary, 1400 to 50......... We know who’s intentions are killing.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014) „People hate Israeli policies towards the Palestinians, they hate they sophistry of Israeli govt spokespeople, they hate the apartheid system that Israel has built etc etc.........“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Auch werden fiktive Zitate als unterstellte direkte Rede verwendet, um durch eine persuasive Darstellungsweise vermeintlicher Realitäten den eigenen Standpunkt zu stärken: „Well Hamas managed to control their ‚trigger fingers‘ for a whole 2 years, since the last ceasefire in 2012.....it is the Israelis that are trigger happy....‚some Palestinians slapped an Israeli‘ ‚let’s throw a couple of bombs‘ ‚someone killed three children‘ ‚must be Hamas (no evidence), let’s throw some bombs‘ ....if anything Hamas keeps their truce whilst Israel constantly violates them, just as Israel violates international law!“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

Anhand der Vielzahl der Strategien, mit denen Schreiber ihre Rechtfertigungsargumentation vornehmen, wird deutlich, wie prominent dieses Argumentationsmuster im Web-Diskurs auftritt. Schreiber können den eigenen Standpunkt absichern, indem sie sich allein auf den Nahostdiskurs 149

III.

Antisemitismus und Sprache

einlassen und ihre Argumentation durch israelkritische oder auch dem Land gegenüber feindliche Positionen abdecken. Im folgenden Abschnitt löse ich mich von der Bezogenheit der Schreiber auf ihre Position, wie sie bei der Selbstlegitimierung und Rechtfertigung vorliegt, und erläutere Argumentationsmuster, mit denen Schreiber Antisemitismus leugnen, relativieren und umdeuten. III.3.3

Leugnung und Relativierung

Leugnungs- und Relativierungsargumentationen im Kontext des Antisemitismus- sowie Nahostdiskurses stellen ein weiteres zentrales Phänomen innerhalb der Argumentationsmuster dar. Sie treten – zusammen mit der Rechtfertigungsargumentation – in beiden Medien sowohl 2012 und 2014 mit Abstand am häufigsten auf (s. Anhang). Schreiber leugnen oder relativieren gegenwärtigen Antisemitismus (auf den relativierenden Umgang mit Antisemitismus in der Vergangenheit, besonders in Bezug auf die NSZeit, werde ich anschließend eingehen) und lehnen eine Verantwortung ab, sich diesem Phänomen zu stellen (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 165 f.). Sobald im Guardian auf einen Anstieg von Judenfeindschaft durch einseitige Medienberichterstattung bzw. auf israelbezogenen Antisemitismus verwiesen wird (s. Aslan-Levy 2014), leugnen Schreiber selbigen: „It is obviously a story , a narrative that has a large PR push behind it.This so called increase in anti-semitism is non existent. The increase in opposition to the right wing racist Israeli government is undoubtedly on the increase, and will continue to grow as long as the Israeli state remains blind to the needs and aspirations of the Palestinian people.“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014)

Die Problematisierung von Antisemitismus wird hier als „story“ oder „narrative“, gelenkt von PR-Strategien, perspektiviert. Damit deutet der Schreiber das im Artikel vorgestellte Thema gleichzeitig um, indem er es als Kritiktabu in Bezug auf die israelische Regierung umdefiniert (s. III.3.4). Zudem ist „large PR push“ anschlussfähig für das Stereotyp der MEDIENKONTROLLE. Eine vergleichbare Haltung findet sich in diversen Zeit-Leserkommentaren, nachdem ein Artikel auf die hohe Präsenz von Antisemitismus verweist (s. Die Zeit et al. 2012a): „Bitte seien Sie so gut und beschreiben mir, wie sich der starke Antisemitismus derzeit in Deutschland äußert. Entweder bin ich blind und taub, oder ich habe tatsächlich etwas verpasst.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 25.11.2012)

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III.3 Argumentationsmuster

Eine Leugnung von Antisemitismus wird auf beiden Webseiten i. d. R. dann vorgenommen, sobald Antisemitismus in der Gegenwart und/oder im gesellschaftlichen Mainstream sowie in der Linken festgestellt wird. Im Korpus finden sich indes kaum Belege dafür, dass Antisemitismus der Vergangenheit als solcher geleugnet wird. Hinsichtlich einer Relativierungsargumentation lässt sich in Bezug auf gegenwärtigen Antisemitismus ebenso ein kontinuierlicher Gebrauch feststellen. Leser der Zeit als auch des Guardian verharmlosen Judenfeindschaft im Verhältnis zu antimuslimischem Rassismus: „Antisemitisch? Unsere Gesellschaft ist doch wohl eher rassistisch und islamophob, was aber auch nicht besser ist.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 25.11.2012) „and then we get to the fact that compared to islamophobia in the west antisemitism barely exists.“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014)

Leugnungs- und Relativierungsargumentationen tauchen besonders dann auf, wenn Schreiber den Nahostkonflikt und die von Nachbarstaaten oder der Hamas ausgehende Gefahr für Israel bewerten. Die antisemitische Ideologie, der diese Konfliktparteien folgen, wird ausgeklammert oder als Folge eines Konflikts hingenommen, für den letztlich Israel verantwortlich sei. Hier wird die Hamas als „effectively powerless victim“ perspektiviert, welches lediglich über „fireworks“ verfüge. Andere vermitteln über rhetorische Fragen, dass von „Hamas and their pathetic rockets“ keine wirkliche Gefahr ausgehe: „But why then accuse Hamas and their pathetic rockets of putting Israeli people in danger? How many Israeli citizens have the thousands of rockets killed?“ (Leserkommentar, The Guardian, 11.08.2014)

Der Antisemitismus, welcher der Hamas-Charta zu entnehmen ist, wird entweder geleugnet oder relativiert, indem auf die Spezifizität der Sprache der „Unterdrückten“ verwiesen wird (s. auch IV.2 und IV.3): „First of all that is simply a lie. Nowhere in the charter doe it say ‚killing of all Jews‘. That is pure fiction and you should retract it immediately. It does say destruction of Israel, which is an entirely different thing. It has nothing to do with destroying people.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014) „There is a big difference with regards to language and terminology when used by the oppressed rather than the oppressor.“ (Leserkommentar, The Guardian, 05.08.2014)

Schreiber gehen in ihrer Leugnung gar so weit, dass sie das erklärte Ziel der Hamas, Israel zu vernichten, abstreiten: „Hamas has made its - most reasonable - political objectives quite clear. The extermination of Israel is not one of them.“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014)

151

III.

Antisemitismus und Sprache

In Zeit-Leserkommentaren wird der antisemitische Tenor sowie der Wunsch der Hamas, Israel auszulöschen, indes nicht geleugnet. Gewaltanwendungen von der Hamas und anderen Gruppierungen werden jedoch – wie oben besprochen – relativiert. Einen großen Stellenwert im deutschsprachigen Korpus haben Argumentationsmuster, mit denen Antisemitismus in der Vergangenheit sowie die historisch bedingte Verantwortung der Deutschen, gegen Antisemitismus einzutreten, relativiert werden (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 383 ff.). Ersteres geschieht nicht über eine Infragestellung einer antisemitischen Vergangenheit Deutschlands, sondern durch die Relativierung der NS-Verbrechen. Die Täter-OpferUmkehr ist eine frequente Strategie, um neben der Dämonisierung Israels diese Relativierung vorzunehmen. Durch die mit ihr realisierte Äquivalenzsetzung von Nahostkonflikt und NS-Verbrechen wird Letzteren die Singularität genommen (vgl. Kapitel III.2.4). Im Kapitel IV werde ich mich ausführlich mit dieser Strategie beschäftigen. Zudem wird Juden (sowie Israel) die Ausbeutung des Holocaust vorgeworfen – wie im folgenden Beispiel, bei dem es um die Beschneidungsdebatte geht. Der Schreiber bagatellisiert das auch in dieser Debatte aufkommende Phänomen des Antisemitismus, indem er es als strategisches Pfand zugunsten gegenwärtiger Ziele perspektiviert: „Genauso widerwärtig wie das ewige Missbrauchen von 6 Millionen abgeschlachteter Menschen zur Durchsetzung der eigenen Interessen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 25.11.2012)

In III.3.1 stellte ich Beispiele vor, in denen die Schreiber sich selbst legitimieren, indem sie bspw. betonen, aufgrund der deutschen Geschichte über einen Wertekanon zu verfügen, der sie befähige, Unrecht in der Gegenwart als solches zu erkennen. Dem entgegengesetzt tendieren Schreiber der folgenden Kommentare dazu, die historische Verantwortung der Deutschen, sich gegen Antisemitismus zu engagieren, zu relativieren oder ganz zu leugnen. Auslöser für diese Art von Meinungsäußerung sind i. d. R. Gedenkveranstaltungen oder die mediale Problematisierung von Antisemitismus in Deutschland (s. Böhme 2012): „Pflicht? Sorry, aber ich entscheide das gern selbst, wogegen ich bin. Rassismus ist ein allgemeines Problem -ich habe als Deutscher keine Pflicht, da zu differenzieren.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 09.11.2012) „Nein, ich habe keine Nazi Vergangenheit, ein Teil meiner Vorfahren war auch verfolgt und fragen Sie mal heutige Jugendliche, was sie davon halten, für die Sünden ihrer Urgroßeltern haftbar gemacht zu werden. Diese Predigten erreichen eher das Gegenteil. Ich finde diese Selbstkasteiung geradezu unsinnig. Es gibt NIEMANDEN, der eine besondere Pflicht hat, gegen Rassismus vorzugehen. Das

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III.3 Argumentationsmuster hieße nämlich auch, dass andere das Recht hätten, weniger zu machen. Wer andere, weil sie anders sind, verletzt, gehrt bestraft. Das ist alles, was man dazu sagen muss. Und mit anders meine ich ebenso den Brillenträger, den Juden, den arabischen Gemüseverkäufer oder auch den deutschstämmigen Schüler, der in einer Klasse in Neukölln zur Schule geht.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 09.11.2012)

Anhand der Beispielsammlungen in diesem Unterkapitel lässt sich erkennen, wie anschlussfähig Leugnungs- und Relativierungsargumentationen sein können. Ob Antisemitismus oder Nahostkonflikt, ob in Gegenwart oder (vor allem bei deutschen Schreibern) Vergangenheit mit dem daraus resultierenden Wertekanon der Wir-Gruppe – die Verwendung dieser Argumentationsmuster bietet sich in diversen themenbezogenen Kontexten an. III.3.4

Umdeutung von Antisemitismus

Unter den Argumentationsmustern, die Antisemitismus (und nicht etwa die Legitimität der Schreiberposition) thematisieren, ist die Umdeutung neben der Leugnung und Relativierung hervorzuheben. Dieses Argumentationsmuster zeichnet sich dadurch aus, dass der semantische Gehalt eines Lexems oder einer Äußerung verschoben oder gänzlich umdefiniert wird. So werden bspw. antisemitische Darstellungen Israels als Meinungsfreiheit und Ausdruck kritischen oder humanistischen Denkens reklassifiziert (s. hierzu auch Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 45, 165 f.): „Wenn ich Missfallen am israelischen Morden äußer dann ist das Ausdruck von Humanismus und Rationalismus.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 06.11.2012)

Die „Kritik“ wird darüber definiert, was sie nicht sein kann: Antisemitismus. Jede Äußerungsform, die sich gegen Israels Politik wendet, wird als Meinungsfreiheit deklariert, die von sich heraus frei von Antisemitismus sei: „Proteste und Kritik an der unverhältnismäßigen Reaktion der israelitischen Politik gegen die Bevölkerung im Gaza-Streifen bedürfen keiner Rechtfertigung. Der Tadel an israelitischer Politik und/oder deren Führung ist kein Antisemitismus im Sinne allgemeinverbindlicher Definition ‚Abneigung oder Feindschaft gegenüber den Juden‘ “ (Leserkommentar, Die Zeit, 23.08.2014)

Einerseits wird bei Israel von einer „Gefahr“ gesprochen und das Land damit dämonisiert, andererseits diese Art der Diffamierung als legitime Kritik an einem Staat umgedeutet: „aus hiesiger sicht ist israel eine ungleich grössere gefahr als alle arabischen/islamischen staaten zusammen. (zur klarstellung: ich rede vom STAAT israel, nicht

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III.

Antisemitismus und Sprache von juden, die mir genau so lieb und wert sind wie angehörige anderer glaubensrichtungen.)“ (Leserkommentar, Die Zeit, 05.11.2012)

Verzerrende bis antisemitische Äußerungen konnte die Forschung in der Nahostberichterstattung wiederholt nachweisen (s. Faber/Schoeps/Stawski 2 2007, Schwarz-Friesel 2013a, Betzler/Glittenberg 2015, Beyer 2015 und 2016, Troschke 2015). In einem Zeit-Interview wird auf diese Perspektivierungen in den Medien hingewiesen (s. Woldin 2014). In darauf Bezug nehmenden Leserkommentaren werden diese jedoch erneut in „Israelkritik oder Kritik am Zionismus“ umdefiniert: „Antisemitismus ist etwas anderes als Israelkritik oder Kritik am Zionismus. Israel verstößt derzeit gegen mehr als 65 UN-Resolutionen, tötet tausende Palästinenser und verwundet nochmal 8.000, zerstört Wohngebiete, bombardiert Siedlungen...und wenn man dies anspricht, ist es ANTISEMITISMUS???“ (Leserkommentar, Die Zeit, 04.08.2014) „Es sind in den letzten Tagen 1700 Palästinenser getötet worden, 8000 wurden verletzt. Kritik an Israel ist kein Antisemitismus!“ (Leserkommentar, Die Zeit, 04.08.2014)

Über eine rhetorische Frage weist der Schreiber – unter Hinzufügung von Angaben, die Auskunft über palästinensische Opferzahlen geben und somit seine Ablehnung stärken – den verzerrenden bis antisemitischen Gehalt in Medienberichten grundsätzlich zurück. Die erneute Umdeutung in eine Kritik geht Hand in Hand mit einer implizierten Leugnung von Antisemitismus in massenmedialen Kontexten (s. III.3.3). Korrespondierend werden verzerrende Äußerungen gegenüber Israel, wie sie vom deutschen Publizisten Jürgen Todenhöfer vorgenommen wurden, als Ausdruck der Wahrheit reklassifiziert: User A: „Todenhöfer vertritt wie kein anderer deutscher Antisemit die ‚neue deutsche Welle‘ des salonfähigen intellektuellen Antisemitismus. Wir sollten in Ausbürgern, dann kann er in sein geliebtes Palästina immigrieren.“ User B: „Mit Ausbürgerung kann man keine Wahrheit verschwinden lassen.“ (Leserkommentare, Die Zeit, 21.07.2014)

Todenhöfer fungiert dabei ähnlich wie der Schriftsteller Günter Grass und der Publizist Jakob Augstein (s. II.1.3) als Bezugsperson des öffentlichen Lebens, deren Äußerungen Schreiber zugunsten einer Rechtfertigung des eigenen Standpunktes anführen (s. auch III.3.2). Auch im englischen Korpus gibt es Umdeutungen von israelfeindlichen Äußerungen in Kritik am israelischen Staat. Als Steve Bell seine Karikatur von Netanjahu als Puppenspieler veröffentlicht (s. Bell 2012), kommt es zu folgendem Dialog zwischen zwei Guardian-Lesern:

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III.3 Argumentationsmuster User A: „I am sure I have seen this cartoon of Jewish puppet-masters before somewhere..... Think it might have been when I was doing A-level history and we were looking at some Nazi propaganda against the Jews....“ User B: „please stop conflating zionist and Jew. Netanyahu is portrayed in his role as leader in chief of the former. He is not some President of Jewry but Prime Minister of Israel, the population of which is 22% non-Jewish.“ (Leserkommentare, The Guardian, 15.11.2012)

Was in der Forschung als israelbezogener Antisemitismus erfasst wird, erhält im Kommentarbereich beider Medien folglich den Status von Kritik, die in ihrer Natur nichts mit Antisemitismus gemein haben könne. Im Verlauf der folgenden Debatte zwischen drei Schreibern kommt es zur Umdeutung von Antisemitismus in eine vermeintlich wertfreie Erklärung: User A: „Was kann man tun. In Essen z.B. stehen Polizisten mit Maschinenpistolen vor der Alten Synagoge. Ich weiß nicht, was der Staat noch tun könnte, um jüdische Einrichtungen zu schützen.“ User B: „Tja, was könnte der Staat tun? Die israelische Politik in der Erkenntnis unterstützen, dass sie Frieden machen sollte? Nur mal so z.B.“ User A: „Als Kritiker der israelischen Politik sage ich,... dass der Brandanschlag auf eine Synagoge in Deutschland nicht mit dem Nahostkonflikt zu rechtfertigen ist...“ User B: „Nicht zu rechtfertigen ... aber zu erklären. Genau das aber will Frau Knobloch nicht sehen. Ich behaupte: Ohne den gegenwärtigen Gaza Krieg wäre es letzte Nacht nicht zu einem Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal gekommen […]. User C: „nicht alles verwechseln. […] Beiträge [u. a. von User B] kann man nur, wenn man sie nicht verstehen will, dahingehend interpretiern, dass er die Übergriffe auf jüdische Mitbürger als ‚logische oder legitime Reaktion‘ auf die Politik Israels darstellt. Schon mal was vom Unterschied zwischen deskritpiven Aussagen (d.h. Erklärung von möglichen Ursache-Wirkungszusammenhängen) und präskriptiven bzw. normativen (d,h. beurteilenden und vorschreibenden) Aussagen gehört. Wer den Versuch, Erklärungszusammenhänge herzustellen, verunglimpft als Rechtfertigung, der verschließt sich der Erkenntnis. Und das Erkennen von Zusammenhängen die notwendige Voraussetzung für Veränderung. Konkret an einem anderen Beispiel: Wenn ich nach den Ursachen für Armutskriminalität frage und ZUsammenhänge sichtbar mache, bin ich noch lang nicht jemand, der Klauen legitim findet, wenn die Knete für Kaufen nicht reicht.“ (Leserkommentare, Die Zeit, 29.07.2014)

User B reproduziert das mehrfach besprochene Stereotyp der JÜDISCHEN SCHULD AM ANTISEMITISMUS (1. Kommentar) und deutet Antisemitismus als Reaktion auf Israels Handeln um (2. Kommentar). User C definiert daraufhin jene Äußerungen, die einen Begründungszusammenhang zwischen Nahostkonflikt und Antisemitismus in Deutschland herstellen und dem155

III.

Antisemitismus und Sprache

nach die Schuld für Judenhass in Deutschland Israel zuweisen, als wertfreie „Erklärungszusammenhänge“ um. Die als Argumentationsstütze fungierende Unterscheidung zwischen deskriptiven und präskriptiven Aussagen muss angesichts der Spezifika der Web-Kommunikation fragwürdig erscheinen, werden Beiträge auch im gebildeten Mainstream-Diskurs nicht getätigt, um allein Sachverhalte und Tendenzen wertfrei zu beschreiben, sondern gerade, um diese zu evaluieren. Dadurch ist dieser Dialog nicht nur ein Beispiel für die Umdeutung von Antisemitismus als (ggf. nachvollziehbare) Reaktion auf die Politik des Staates Israel (User B), sondern auch für die Umdeutung einer antisemitischen in eine lediglich beschreibende Äußerung (User C). Sowohl für das deutsche als auch das britische Korpus tritt das Argument signifikant oft auf, dass es sich bei Antisemitismus um Hass gegen Sprecher semitischer Sprachen handele: „Das Judentum ist eine Religionsgemeinschaft, kein Volk und keine Ethnie! Semiten sind eine Sprachgemeinschaft, kein Volk und keine Ethnie! Dementsprechend ist nicht jeder Jude ein Semit, denn zu einer Sprachgemeinschaft gehört man mit der Muttersprache und nicht jeder Jude hat Hebräisch als Muttersprache. Das heißt, dass man mit dem ‚Anti-Semitisch‘ etwas aufpassen sollte, denn viele arabische Staaten gehören zu den Semiten (Ausnahmen sind u.a. Türkei und Iran, die gehören zu den Indo-Germanischen Sprachen).“ (Leserkommentar, Die Zeit, 25.11.2012)

Entsprechend wird auch Israels Militäraktionen ein inhärenter Antisemitismus unterstellt, der sich gegen Palästinenser als Sprecher einer semitischen Sprache richte: „Weshalb kann Israel seinen Antisemitismus nicht ablegen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 30.11.2012)

Diese Argumentation – im Folgenden verbunden mit dem Rückgriff auf die Argumentation der Selbstlegitimierung – ist auch in den GuardianKorpora in hoher Zahl erfassbar: „I am anti-israel , not, anti-semite. After all the poor people of Palestine are Semites unlike most Jewish Israelis.“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

Anhand der Korpusbeispiele zeigt sich, dass die Umdeutungsargumentation in Verbindung mit den Argumentationen der Leugnung und Relativierung auftreten kann. Indem Schreiber verzerrende bis antisemitische Äußerungen in den Medien, von Journalisten oder Politikern in legitime Kritik umdeuten, implikatieren sie, Antisemitismus existiere im besprochenen Kontext nicht. Auch die Erklärung, Antisemitismus richte sich gegen Sprecher semitischer Sprachen, führt zu einer Umdeutung, die in der Konsequenz Antisemitismus relativiert, da Spezifik und Geschichte von Ju156

III.3 Argumentationsmuster

denfeindschaft ausgeblendet werden. Hinsichtlich der Erinnerungskultur Deutschlands wird der Kampf gegen Judenhass als aufgesetzte Verordnung ohne stichhaltige Notwendigkeit reklassifiziert; Antisemitismus selbst sei eine Wahnerscheinung, ein Druckmittel gegen die deutsche Bevölkerung. Tatsächlich werde Antisemitismus nicht durch Medien, sondern durch das Verhalten Israels angefacht, was das Stereotyp der JÜDISCHEN SCHULD AM ANTISEMITISMUS reproduziert und zu einer Ausgrenzung Israels führen kann. Im nächsten Abschnitt werde ich mich mit diesem letzten der fünf von mir erläuterten Argumentationsmuster, der Abund Ausgrenzungsargumentation, beschäftigen. III.3.5

Ab- und Ausgrenzung

Die Argumentation der Abgrenzung sowie der Ausgrenzung stellt einen weiteren Bestandteil der Argumentationsmuster im Kontext antisemitischer Rede dar (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 391 ff.). Diese Argumentation kann sich wie folgt darbieten: Deutsche bzw. Briten können sich von Juden abgrenzen – häufig geht dies einher mit der unzulässigen Gleichsetzung von Juden und Israelis. Schreiber können Israel (aus der Staatengemeinschaft) ausgrenzen und ihm den Status eines Parias zuweisen (s. auch Israel als „Jude unter den Staaten“, Grigat 2009). Auf der Seite der Wir-Gruppe ist auffällig, dass sich nur ein Teil der Schreiber als national bestimmbares Kollektiv (der Deutschen bzw. Briten) versteht. Gerade Guardian-Leser zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Wir-Gruppe über Werte wie Humanismus, Anti-Imperialismus und Anti-Kolonialismus definieren (s. III.3.1). Dabei konstituieren sie eine Koalition, die sich aus aufgeklärten Bürgern, muslimischen und linken Verbänden in Europa, Akteuren der Occupy-Wallstreet-Bewegung in den USA und Unterdrückten weltweit zusammensetzen kann. Über die Konstituierung einer Identifikationsgrundlage, die sich über ihren Antagonismus gegenüber Unterdrückung, Ausbeutung und Rassismus definiert, wird Israel aus ebendieser Wertegemeinschaft ausgeschlossen und – zusammen mit Regierungen und Medien des „Westens“ – als Feindbild konstruiert. Die Argumentation der Ausgrenzung hängt eng mit jenen Differenzkonstruktionen zusammen, die ich im Rahmen von dämonisierenden Analogien behandle. Wenn auf Israel historische Verbrechen projiziert wer-

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III.

Antisemitismus und Sprache

den, so wird das Land als anachronistischer Unrechtsstaat diskreditiert und damit ausgegrenzt.98 Deutsche Schreiber etablieren eine Oppositionssetzung, also eine Abgrenzung zwischen Juden und dem deutschen Kollektiv, indem sie bspw. Judenfeindschaft in Fremdenfeindlichkeit umdeuten (s. III.3.4) und damit nahelegen, Juden können keine Deutschen sein: „Sie denken ernsthaft, Judenfeindlichkeit sei in Deutschland keine Art von Fremdenfeindlichkeit, nur weil bis vor hundert Jahren deutlich mehr Juden als Muslime in Deutschland gelebt haben? Dann bin ich da tatsächlich völlig anderer Meinung. Wer heutzutage in Deutschland lebt, der kann sich an diese Zeiten nun mal nicht mehr erinnern; für den sind Muslime in der Praxis sogar deutlich vertrauter, und somit weniger ‚fremd‘, als Juden.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 29.07.2014)

Zeit-Kommentatoren grenzen Juden nicht vulgärsprachlich aus, sie dehumanisieren sie nicht, wie es bspw. rechtsradikale Schreiber zu tun pflegen (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 393). Das Beispiel zeichnet sich vielmehr durch einen subtilen Sprachgebrauch aus: Mittels rhetorischer Fragen und der Verwendung von Anführungszeichen in Bezug auf das Lexem fremd wird die Referenzialisierung von Juden als Fremde abgeschwächt. Durch das Argument, Antisemitismus sei eine Form der Fremdenfeindlichkeit, soll der Abgrenzung Objektivität verliehen werden. Als der ehemalige Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, im November 2012 mit seinem Appell zur Unterstützung Israels zitiert wird, reagiert ein Zeit-Leser wie folgt:99 „Eine nationalistische Gesinnung bringt man dadurch zum Ausdruck, dass man NUR die Angehörigen der eigenen Nation vor Gewalt schützt.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 16.11.2012)

Hier kann der Leser inferieren, dass der Schreiber dem Zentralrat eine nationalistische Gesinnung unterstellt. Er rechtfertigt dieses Urteil, indem er darauf verweist, der Zentralrat würde nur die eigene Nation schützen bzw. zu ihrer Unterstützung aufrufen. Dies wäre dann plausibel, hätte sich Graumann als deutscher Jude und Repräsentant einer deutsch-jüdischen Institution auf Deutschland bezogen. Da er indes auf Israel verweist, wird hier die implizite Abgrenzung von Juden und Deutschen sowie die Gleich____________________ 98 Zudem werden bei der Etablierung von in dieser Arbeit fokussierten Analogien historische Verbrechen relativiert sowie die Wir-Gruppe aufgewertet (s. auch Selbstlegitimierung). Insofern sind auch hier Überschneidungen mit anderen in der Arbeit vorgestellten Argumentationsmustern auszumachen. 99 Zeit-Kommentatoren referieren an dieser Stelle auf den Welt-Artikel „Graumann wirbt um Verständnis für Reaktion Israels auf Angriff“ (s. Die Welt/dapd 2012).

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III.3 Argumentationsmuster

setzung Ersterer mit Israelis erkennbar. Auch 2014 wird u. a. über Redewendungen und Anspielungen deutschen Juden das Deutschsein abgesprochen, indem sie mit Israelis gleichgesetzt werden: „Außerdem sollte er [der Zentralrat der Juden, M. B.] zuerst mal vor seiner eigenen Haustür kehren. Was die Israelis in den letzten Jahren veranstalten, erinnert zumindest mich mehr an die Nazi Zeit, als alles das bei uns passiert.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 08.08.2014)

Dieses und andere entsprechende Belegbeispiele werde ich in Kapitel IV.1 näher erläutern. Ich möchte hier allerdings betonen, dass bei der von den deutschen Schreibern etablierten NS-Analogie durch Täter-Opfer-Umkehr immer auch eine Gleichsetzung zwischen Israelis und Juden und damit eine Abgrenzung zustande kommt (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 395). Die Argumentation der Abgrenzung kann auch über die Oppositionsstellung zwischen Deutschen und Israelis erfolgen, wobei Erstere aufgewertet, Letztere implizit abgewertet werden. Im folgenden Dialog geht es um den israelischen Siedlungsbau im Westjordanland: User A: „Was ist also so schlimm daran? Auch wir Deutsche bauen fleissig Haeuser.“ User B: „Aber nicht auf Gebieten, die ihnen nicht gehören. Und sie verdrängen damit kein fremdes Volk. Hören Sie auf, die Deutschen mit diesem Vergleich zu beleidigen!“ (Leserkommentare, Die Zeit, 30.11.2012)

Ein anderer Schreiber bezieht sich auf diesen Dialog, fokussiert indes Israel und wandelt die Argumentation der Ab- in eine der Ausgrenzung um, indem er den Ausschluss des Landes aus der Wertegemeinschaft implizit vermittelt: „Man stelle sich vor ein Fremder baut eine Siedlung auf dem Land, das seit 20 Generationen einem gehört. Niemand könnte diesem Verbrechen lautlos standhalten. Aber genau das erwarten und fordern die Israelis. Wie abartig ist das denn?“ (Leserkommentar, Die Zeit, 30.11.2012)

Die vorangestellte Verzerrung der Verhältnisse in Nahost rechtfertigt die Artikulation einer floskelhaften, dennoch abwertenden und den Leser emotionalisierenden rhetorischen Frage: „Wie abartig ist das denn?“ Das Lexem abartig kann auch mit anormal und normwidrig paraphrasiert werden – Zuweisungen, die wiederum den unterstellten SONDERSTATUS Israels nahelegen (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 151). Die moralische Diskreditierung Israels, die letztlich darauf hinausläuft, dass israelbezogener Antisemitismus eine Rechtfertigung erfährt, erhält dadurch eine globale Dimension. Dies kann implizit erfolgen, indem ein unterstelltes Unrechtsszenario, welches an die NS-Verbrechen erinnert (s. IV.1), einer „modernen aufgeklärten Welt“ gegenübergestellt wird: 159

III.

Antisemitismus und Sprache „Ich fordere gleiches Recht für beide, sie sind anscheinend mit dem Status quo zufrieden und halten es für gut, das man die Palästinenser wie Untermenschen behandelt. Kollektive Bestrafung ist einer modernen aufgeklärten Welt nicht würdig.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 20.11.2012)

Ausgrenzungen treten ebenso verzahnt mit Umdeutungen auf, bei denen israelfeindliche Verzerrungen als Mahnungen reklassifiziert werden (s. III.3.4): „Aber es ist kein Hass auf Israel, wenn man Israel davon abzuhalten versucht, permanent Morde/Kriegsverbrechen an Palästinensern zu begehen. Im Gegenteil, wenn man Israel zugrunde gehen sehen will, stört man Israel beim Morden nicht und schaut einfach nur zu, wie sich Israel mit seinem Rassismus selber zerstört und von zivilisierten Staaten zum Pariastaat distanziert.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 13.07.2014)

Auch im Guardian-Korpus erfährt Israel einen globalen SONDERSTATUS – im folgenden Beispiel unter rechtfertigender Bezugnahme auf die UNO: „Israel that was created by the UN has now broken more UN resolutions than any other country on earth…..“ (Leserkommentar, The Guardian, 29.11.2012)

Die Ausgrenzung Israels aus der Welt- und Wertegemeinschaft geht wie erwähnt mit der Konstituierung einer Wir-Gruppe einher. Die Schreiber schließen sich mit den als „unterdrückt“ perspektivierten Palästinensern zusammen, aber auch Journalisten nehmen Solidaritätsbekundungen vor, wie der folgende Titel eines Guardian-Artikels deutlich werden lässt: „Out of the carnage of Gaza a new spirit: we are all Palestinians“ (s. Nabulsi 2014). Diese Identitätsübertragung zwischen einer nicht spezifizierten Wir-Gruppe und den Palästinensern wird von Kommentatoren übernommen: „[…] yes, people of goodwill of all faiths, and none, are standing with you. It is my privilege to have Palestinians among my friends; to have stood with them for hours at Qalandia checkpoint and to have been tear-gassed with them in Occupied East Jerusalem, even if the Border Police Police were aiming at ten year-olds not me. The heroism and simple humanity of Palestinians never ceases to astonish and humble me.“ (Leserkommentar, The Guardian, 12.08.2014)

Der Schreiber definiert die Wir-Gruppe als „people of goodwill of all faiths“ und die Sache der Palästinenser als „heroism“ und „simple humanity“. Basierend auf einer Oppositionssetzung kommt es folglich zu einer impliziten Vermittlung verzerrender und damit ausschließender Zuweisungen gegenüber Israel. Ein Guardian-Artikel, der die Erfahrungen in Gaza arbeitender britischer Ärzte thematisiert (s. Sherwood 2014), gestattet es einem Schreiber, eine Aufwertung der „people of Britain“ durch ihre Verbundenheit mit 160

III.3 Argumentationsmuster

den Palästinensern sowie eine Abwertung der britischen Regierung vorzunehmen. Der Leser kann qua Implikatur verstehen, dass der Schreiber dieser eine Koalition mit Israel unterstellt: „The doctors represent the people of Britain; our government doesn’t.“ (Leserkommentar, The Guardian, 13.08.2014)

Auch in den folgenden Beiträgen wird eine Oppositionsstellung zwischen der „Welt“ und ihren „Verpflichtungen“ sowie den „Politikern“ bestimmter Staaten konstituiert. Erneut wird ersichtlich, dass die Ab- und/oder Ausgrenzungsargumentation nicht allein auf der Konstituierung national und/oder sprachlich definierter Kollektive basiert, sondern dass für diese ein Wertekanon herangezogen wird, zu dem die Schreiber Israel und besagte Staaten bzw. Regierungen nicht zählen. Die Opposition verläuft nicht zwischen Ländern, sondern durchzieht diese: „The world has spoken. Politicians in the UK, USA and Israel, LISTEN.“ (Leserkommentar, The Guardian, 29.11.2012) „People are electing their governments and they have to listen to their people who supports palestinian cause.“ (Leserkommentar, The Guardian, 21.11.2012)

Die Wir-Gruppe wird von den Guardian-Lesern in Abgrenzung zu Israel, seinen „Handlangern“ und dem „westlichen Imperialismus“ über Zuweisungen wie „sane world“ und „progressive humanity“ konstituiert und aufgewertet: „It seems that despite condemnation by the rest of our sane world, illegallynuclear-armed Israel intends to stay on track with it’s illegal enterprise.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.12.2012) „All of progressive humanity stands united against Western imperialism and its vicious regional proxies: the absolutist monarchies of Saudi Arabia, Jordan, Qatar and the rest; the Islamist gangsters of the criminal Libyan NTC and ‚Free Syrian Army‘; and the terrorist genocidal apartheid state of Israel. All of progressive humanity stands for and with the Palestinian people. FREEDOM FOR PALESTINE.“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

Die Guardian-Leser sehen sich selbst nicht nur als Anwälte der „global public opinion“, sondern auch als Vertreter einer historischen Gerechtigkeit, wodurch sie ihrem Anliegen eine nicht mehr von gegenwärtigen rechtlichen Institutionen abhängige, sondern universelle Moral zuweisen: „If an international court does not judge Israel’s execrable crimes, the perpetrators can rest assured both global public opinion and History will.“ (Leserkommentar, The Guardian, 19.11.2012)

Auch 2014 tauchen im Guardian-Korpus unzählige Differenzkonstruktionen auf. Zum einen ist die Rede von „ordinary people“, „the people of the 161

III.

Antisemitismus und Sprache

world“, „the civilised world“ oder „most right-thinking people“, zum anderen von den „leaders“ sowie Israel und seinen „extremist allies“: „Ordinary people are no longer so stupid. People who don’t study the Middle East know about Israel’s tactics. Only their mouthpieces bother to keep hauling up like vomit their same old excuses.“ (Leserkommentar, The Guardian, 08.08.2014) „When will Zionists and their supporters realise the world has moved on from Israel. The leaders may be corrupt...and they might arm Israel, but the people of the world and their conscience has finally awoken to the apartheid system.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014) „There will be no peace, nor should there be, until the settlements are dismantled, the wall is taken down, the pre-war 1967 borders are restored […] The Palestinians are ready for that but Likud and its even more extremist allies are not, so the civilized world must impose it. Any other position is indefensible and has been for a long, long time“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.07.2014) „What is no longer acceptable to most right-thinking people around the world is the endless occupation and blockade of Gaza and a continual settlement of West Bank land in flagrant disregard of international law and convention.“ (Leserkommentar, The Guardian, 21.08.2014)

Der Zweck der Argumentation der Ab- und Ausgrenzung vollzieht sich in zwei Richtungen: Einerseits grenzt sich der Schreiber mitsamt seinem Kollektiv von Juden und/oder Israel ab. Die damit einhergehende Konstituierung der Wir-Gruppe verläuft gerade bei Guardian-Kommentatoren nicht in den Grenzen der eigenen Sprachgemeinschaft oder Nationalität. Vielmehr geht es um einen universellen Wertekanon, der sich in der globalen Ablehnung von Imperialismus, Kolonialismus und Rassismus widerspiegele. Letztgenannte Ideologien werden gemäß Schreibern von Israel sowie etablierten (regierungspolitischen, medialen oder juristischen) Institutionen westlicher Staaten repräsentiert. Durch die Qualität negativer Zuweisungen wird deutlich, dass in den Augen der Schreiber Israel in diesem Kontext einen extremen SONDERSTATUS aufweist, der eine grundsätzliche Ausgrenzung des Staates rechtfertigt. Mit diesem Überblick über Sprachgebrauchs- und Argumentationsmuster werde ich im folgenden Abschnitt die Ergebnisse meiner empirischen Analyse vorstellen. Die Etablierung Israel dämonisierender Analogien ist in ihrer sprachlichen Verfasstheit zu bestimmen. Neben der Wortwahl und den verwandten Vergleichsmustern interessieren insbesondere die Argumentationsmuster in ihrem Potenzial, israelbezogenen Antisemitismus in gesellschafts- bzw. milieuspezifisch akzeptierter Form einzubetten und somit dem Status des Artikulierbaren zuzuführen.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

In diesem Kapitel wende ich mich jenen Äußerungen zu, in denen Leser der Zeit und des Guardian geschichtsbezogene Analogien zwischen Israel (als gegenwärtigem Täterkonzept) und Deutschland bzw. Großbritannien (als historischen Täterkonzepten) etablieren. Wie in II.1.3 und III.2.4 erläutert, sehe ich in der sprachlichen Realisierung entsprechender Äquivalenzsetzungen aufgrund damit einhergehender projektiver Zuschreibungen eine gegenwärtige Ausformung des israelbezogenen Antisemitismus mit Entlastungsfunktion. Nachdem ich in Kapitel II den Zusammenhang von Antisemitismus und nationaler Identität in beiden Ländern erläutert und in Kapitel III.2 die in meinen Korpora feststellbaren sprachlichen Realisierungsvarianten vorgestellt habe, werde ich in diesem Kapitel die sprachlichen Vermittlungen geschichtsbezogener Analogien en detail analysieren und durch den Abgleich mit authentischen Sprachgebrauchsmustern die in III.2 vorgestellten Varianten erweitern. In IV.1 und den folgenden Unterkapiteln erläutere ich Sprachgebrauchsmuster, mittels derer von Zeit-Kommentatoren die NS-Analogie etabliert wird. In IV.2 und IV.3 beschäftige ich mich mit sprachlichen Realisierungen, mit denen Guardian-Kommentatoren einerseits Empire- und Kolonialismus-, andererseits Apartheid100-Analogien vermitteln. Bevor ich jedoch die Verwendungsweise in beiden Medien beschreibe, werde ich die Funktionen entsprechender Sprachgebrauchsmuster im Diskurs des jeweiligen Landes kurz skizzieren. Wenn ich von der Funktion besagter Analogien spreche, bezeichne ich damit die Schlussfolgerungen, die aus den Informationen (der zwei zueinander in Beziehung gesetzten Sachverhalte und deren Anordnung) über das Verhältnis dieser beiden Sachverhalte ableitbar sind. Abhängig vom subjektiven Nachvollzug können sich beim Leser diese Schlussfolgerungen bezüglich eines vorliegenden analogen Verhältnisses zwischen den ____________________ 100

Die Involviertheit Großbritanniens bei der Etablierung der südafrikanischen Apartheid (s. II.2.1 und IV.3) stellt ein bekanntes Kapitel der britischen Geschichte im Mainstream, jedoch insbesondere im linksliberalen bis linken Milieu dar (s. Temko 2006, Borger 2013, Smith 2013). Die Funktionen, die bei Etablierung der Apartheid-Analogie erkennbar werden, ähneln insofern jenen bei Vermittlung der Empire-Analogie.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

zueinander in Bezug gesetzten Sachverhalten einstellen. Dies bedeutet, das tatsächliche Verstehen der Analogie kann subjektiv divergieren – die Schlussfolgerungen sind jedoch überindividuell möglich. Die Frage, ob die sprachliche Handlung der Äquivalenzsetzung vom Schreiber intentional oder nicht intentional ausgeführt wurde, berührt die Funktion der Analogie ebenso wenig wie deren Verstehen auf Rezipientenseite.101 Entscheidend ist, ob eine bestimmte Äquivalenzsetzung kommuniziert vorliegt. Dies ist der Fall, wenn dafür ein linguistischer Nachweis erbracht werden kann. Funktionen der Analogien Die drei hier interessierenden Analogien weisen drei grundlegende Funktionen auf. Im Folgenden werde ich diese allgemein und anschließend in Bezug auf ihre Stellung und Funktion im jeweiligen landesspezifischen Diskurs vorstellen. Die drei Funktionen lauten Dämonisierung, Relativierung und (eng an letztgenannte gekoppelt) Entlastung: 1. Funktion: Bei einem Transfer von Eigenschaften historischer Verbrechen Deutschlands bzw. Großbritanniens in die Gegenwart des Nahostkonflikts wird Israel dämonisiert und aus der Wertegemeinschaft demokratischer Staaten ausgeschlossen.102 Deshalb ordne ich besagte geschichtsbezogene Analogien als Teil jenes Dämonisierungsrepertoires ein, welches wiederum israelbezogenen Antisemitismus konstituiert (s. II.1.3 und II.2.3, s. auch EUMC 2004, Sharansky 2004, IHRA 2016). Über die NS-Analogie werden die Nachkommen der NS-Opfer als Täter der Gegenwart perspektiviert, deren Umgang mit Palästinensern Ähnlichkeiten mit den Verbrechen der NS-Täter aufweise. Den Zuweisungen der Zeit-Kommentatoren in IV.1 folgend, führe Israel einen Expansionsund Vernichtungskrieg, verfüge über Ghettos sowie Konzentrationslager und plane eine Endlösung der Palästinenserfrage. Bei den NS-Verbrechen ____________________ 101

Zur Intentionalität bei der Verwendung von NS-Vergleichen s. Schwarz-Friesel ²2013: 199. 102 Zur Funktion der Dämonisierung bei der NS-Analogie s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 184, s. auch Pérennec 2008 und Giesel 2017, bei KolonialismusAnalogien s. Gelber 2007, Friling 2016 und Sternberg 2016, bei der ApartheidAnalogie s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 216 ff., s. auch Fine 2014, Pogrund 2014 und 2015.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

handelte es sich um staatlich organisierte und von weiten Teilen der Gesellschaft getragene Formen extremer Gewalt. Der Massenmord am europäischen Judentum ist hier besonders hervorzuheben. Selbiger entlud sich bekanntermaßen nicht in spontanen Ausbrüchen, sondern wurde langfristig geplant und bürokratisch organisiert (s. Goldhagen 1996, Longerich 1998 und 2001, Gerhard 2002, Aly 2005, Welzer 2005). Es handelte sich um ein zerstörerisches Projekt einer ganzen Gesellschaft (neben Goldhagen 1996 s. besonders Longerich 2006). Genozide gab es viele in der Menschheitsgeschichte – die Shoah stellt indes ein in ihrer Dimension in keinerlei Kontext vergleichbares Verbrechen dar. Bei Etablierung der Empire-Analogie, wie sie in Guardian-Leserkommentaren in IV.2 vorliegen, wird Israel ein mit dem britischen Weltreich vergleichbares Macht- und Expansionsstreben unterstellt. Der Grad der Verzerrung entsprechender Äquivalenzsetzungen wird deutlich, wenn allein die räumlichen Dimensionen des Empire Israel gegenübergestellt werden. Der Verweis auf diesen quantitativen Aspekt reicht indes nicht aus, um den Grad der Verzerrung solcher Äquivalenzsetzungen zu problematisieren. Es zeigen sich auch deutliche Unterschiede hinsichtlich der qualitativen Vergleichbarkeit: in Bezug auf politische Praxen und Motive beider Staaten (s. II.2.1, s. auch Gelber 2007, Friling 2016 und Sternberg 2016). Im Zuge einer Gleichsetzung Israels mit dem Empire – aber auch mit einem anderen Kolonialstaat – werden Ersterem neben dem Vorwurf der Rückständigkeit und des Expansionismus u. a. auch Ausbeutung und rassistisch motivierte Praxen vorgeworfen, wie sie im Zeitalter des Kolonialismus das britische sowie europäische Großmachtstreben begleiteten (zum britischen Umgang mit den Kolonien s. II.2.1 und II.2.2, s. auch Davis 2002, Anderson 2005, Elkins 2005a, b und 2013, Grasse 2007, Wende 2008, Osterhammel 62009 und 22013, Burton 2011, Darwin 2011, Gott 2011, Grob-Fitzgibbon 2011, Kwarteng 2013, Jackson 2015, Mason 2015, Tharoor 2017a und b sowie Manjapra 2018). Bei Verwendung der Apartheid-Analogie im Nahostdiskurs wird Israel vorgeworfen, eine institutionalisierte Segregation zwischen Israelis und Palästinensern oder zwischen Juden und Muslimen vorgenommen zu haben bzw. selbige anzustreben (s. Guardian-Leserkommentare in IV.3). Es wird das Bild eines Staates gezeichnet, dessen Agenda eine Zweiklassengesellschaft vorsehe (s. hierzu Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 216 ff., s. auch Dowden 1994, Fine 2014, Pogrund 2014 und 2015, Thompson 4 2014). Im Verhältnis zur Komparationsbasis – NS-Deutschland, Großbritannien zu Zeiten des Empire oder Südafrika während der Apartheid – kann 165

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

hinsichtlich des Komparandums Israel sogar von einer Intensivierung dieser negativen Evaluierung gesprochen werden, da die von Schreibern unterstellten Verbrechen noch heute, im 21. Jahrhundert in Israel stattfinden würden, während sich Deutschland bzw. Großbritannien von den jeweiligen Unrechtsszenarien (teils) distanziert hätten. Dementsprechend können britische Schreiber das Handeln ihres Staates in der Vergangenheit zu kontextualisieren suchen, indem sie britischen Kolonialismus ebenso wie die Apartheid (als Folge des niederländisch-britischen Kolonialismus) als Produkt des Imperialismus und Rassismus darstellen, wodurch Ersterer zwar nicht positiv evaluiert, jedoch zumindest als mit dem damaligen Zeitgeist übereinstimmend perspektiviert wird. Ebenso können deutsche Schreiber den Nationalsozialismus als pervertierte, aber dennoch aus der Historie zu verstehende Ausprägung des Nationalismus und Rassismus perspektivieren. Insofern würden die beiden historischen Täterkonzepte das Ergebnis des damaligen Zeitgeistes darstellen. Israel hingegen agiere entsprechend besagten Gleichsetzungen in einer Zeit, in der sich die westliche Welt von Nationalismus und Imperialismus des 19. und 20. Jahrhunderts klar distanziert habe. 2. Funktion: Historisches Unrecht wird relativiert. Auch wenn Schreiber im Zuge der Äquivalenzsetzungen auf die Verbrechen in der Geschichte ihres Landes eingehen (und sie teils sogar explizit problematisieren), so wird im Akt des Vergleichens die Singularität des Holocaust ebenso wie die Spezifik kolonialer bzw. rassistischer Verbrechen des Empire und der Apartheid implizit infrage gestellt. Durch die Äquivalenzsetzung von besagten historischen Szenarien und dem Nahostkonflikt nivellieren Schreiber Erstere zu Gliedern unter vielen in der Menschheitsgeschichte, die wiederum einer permanenten Wiederholung unterworfen zu sein scheint. 3. Funktion: Indem Schreiber entsprechende Analogien sprachlich vermitteln, relativieren sie den Status besagter Verbrechen. Dies gilt für Schreiber unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit; d. h., auch ein USamerikanischer Pressesprecher wie Sean Spicer relativiert NS-Verbrechen, wenn er Syrien mit NS-Deutschland, Baschar al-Assad mit Adolf Hitler in ein Äquivalenzverhältnis setzt (s. Smith/Jacobs/McCarthy 2017). Wenn indes ein deutscher Schreiber die NS-Analogie bzw. ein britischer Schreiber die Empire-Analogie etabliert, kommen für sie aufgrund ihres Status als Mitglieder der jeweiligen nationalen Wir-Gruppe, als Bürger jener Nation, in deren Geschichte sich diese Verbrechen zutrugen, entlastende Effekte zur Geltung. Die Entlastungsfunktion steht und fällt insofern mit der

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Geschichtsbezogene Analogien

Zugehörigkeit des Schreibers zu einer spezifischen Wir-Gruppe, auf deren historisches Handeln und/oder Dasein er sich bezieht. Aufgrund der Relativierung der Verbrechen und der Entlastung der Wir-Gruppe treten etwaige kollektive Schuldgefühle in Bezug auf diese Verbrechen sowie die Verantwortung, sich der Erinnerung an selbige zu stellen und sie im kollektiven Gedächtnis zu bewahren, in den Hintergrund. Dadurch wiederum werden Möglichkeiten der Identifikation mit der (ggf. nationalen) Wir-Gruppe erleichtert, da Negativbewertungen in den Hintergrund treten. Darüber hinaus können sich Schreiber aufwerten, sich als moralisch integer ausweisen, indem sie durch die problematisierende Nennung dieser Verbrechen ihre eigene Einsicht und Sensibilität sowie Distanz zu diesen zu erkennen geben (s. auch III.3.1). In diesem Zusammenhang betonen deutsche Schreiber, sie hätten aus der NS-Vergangenheit gelernt – und nun bringen sie dieses Wissen in Anschlag, um auf Missstände innerhalb des (ihrer Meinung nach mit dem NS-Szenario vergleichbaren) Nahost-Szenarios hinzuweisen. Britische Schreiber unterstreichen ihre Sensibilität in Bezug auf ihre Kritik an und Distanzierung von Kolonialismus sowie dem ihm inhärenten Rassismus. Besagte Schattenseiten würden heute im Kontext des Nahostkonflikts auszumachen sein. An diesen Bezugsformen kann insofern eine Parallelität hinsichtlich der Selbstwahrnehmung innerhalb deutscher und britischer Diskurse festgestellt werden. Zudem kann besagte Selbstwahrnehmung (und die damit einhergehende Aufwertung) auf die jeweils eigene nationale Wir-Gruppe ausgedehnt werden (s. u. a. IV.2.4). In Bezug auf britische Diskurse muss indes noch Folgendes erwähnt werden: Da die Unterstellung Israels, einer kolonialistischen Agenda zu folgen, in einigen Fällen im Zusammenspiel mit der Reproduktion antisemitischer Stereotype einhergeht, sehen sich diese Schreiber teils mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert. Diese bzw. deren potenzielle Hervorbringung wird zurückgewiesen, indem auf ebengenannte Sensibilität im Umgang mit Kolonialismus und Rassismus hingewiesen wird. Im britischen, besonders im akademischen Kontext wird Antisemitismus als Unterform von Rassismus reklassifiziert (s. II.2.3). Zudem können Schreiber darauf hinweisen, dass in der britischen Geschichte kein institutionalisierter Antisemitismus vorlag, weshalb die Präsenz antisemitischer Einstel-

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Geschichtsbezogene Analogien

lungsmuster in der britischen Gesellschaft im Gegensatz zu deren Vorliegen auf dem europäischen Festland als unwahrscheinlich abgetan wird.103 Die erwähnte linksliberale Ausrichtung der Medien Zeit und Guardian ist an dieser Stelle ebenso von Relevanz, als dass mit ihr ein auf Humanismus fußendes Bewusstsein einhergeht (unter welches auch Rassismuskritik fällt), welches den Blick auf die Vergangenheit des eigenen Landes prägt (zur Bedeutung von linksliberal s. I.1). Die daraus resultierende Kritik bis Ablehnung gegenüber besagten historischen Szenarien wiederum, deren Präsenz sowohl beim Medium als auch grundsätzlich bei der Leserschaft erkennbar wird, kann eine Voraussetzung für das Bedürfnis nach Entlastung historischer Verbrechen darstellen. Neben jenen o. g. Funktionen der Analogien gilt es auch zu beachten, dass ihre sprachlichen Vermittlungen freilich international auszumachen sind.104 In meinen Korpora sind sprachliche Vermittlungen der Apartheidund Kolonialismus-Analogien (wenn auch selten) in Zeit-Kommentaren anzutreffen, ebenso wie es in Guardian-Kommentaren diverse Beispiele für die Etablierung der NS-Analogie bzw. „Holocaust Inversion“ (Klaff 2014) im Umgang mit Israel gibt. Der Grund für ihre teilweise Verwendungshäufigkeit hängt u. a. mit dem Grad der (ggf. erwünschten) Habitualisierung entsprechender Dämonisierungen Israels zusammen. Dennoch liegen in den jeweiligen landesspezifischen Diskursen auffällige Konzentrationen jener Äquivalenzsetzungen vor, welche auf die Geschichte jener Nation Bezug nehmen, der die Schreiber angehören (s. Anhang). Dies mag mit der besseren Kenntnis der eigenen Historie als Bezugspunkt zusammenhängen, erklärt aber nicht, warum es überhaupt zu einer dermaßen häufigen Vermittlung besagter Analogien kommt, um den in Natur und Genese differierenden Nahostkonflikt zu perspektivieren. Der Grund für meine Entscheidung, jene Äquivalenzsetzungen in den linguistischen Fokus zu rücken, welche einen Bezug zur Geschichte des Landes herstellen, ____________________ 103 104

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In der Konsequenz wird bei vielen Schreibern eine Direktheit bei der Vermittlung antisemitischer Einstellungen erkennbar, die ich in den Kapiteln IV.2 und IV.3 anhand von Korpusbeispielen erläutern werde. Die Ubiquität der NS-Analogie in verschiedenen Kontexten weltweit wird in der Forschung zur Kenntnis genommen (s. u. a. Rothberg 2011: 524 f., Klaff 2014, s. auch Seitz 2002). Auch zu Apartheid-Analogien liegen diverse Beobachtungen eines internationalen Gebrauchs vor: „The big lie that Israel is an apartheid state has become firmly entrenched in recent years in many Western countries“ (Wistrich 2010: 35 f., s. auch Schwarz-Friesel 2009, Fine 2014, Pogrund 2014 und 2015).

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Geschichtsbezogene Analogien

dem der Schreiber angehört, wird bereits im Titel dieser Arbeit ersichtlich: Es geht mir bei den drei vorgestellten Funktionen um die Entlastungsfunktion von Analogien, welche die Möglichkeit einer „Vergangenheitsbewältigung“ in Aussicht zu stellen scheint. Erst hier wird die Verbindung zwischen nationaler Identität und israelbezogenem Antisemitismus transparent. Die sprachlichen Realisierungsvarianten, welche die Grundlage für eine scheinbare kollektive Entlastung darstellen, werden im Folgenden beschrieben. Herstellungs- und Ermöglichungsbedingungen der Analogien Mit Blick auf die sprachliche Vermittlung der soeben vorgestellten geschichtsbezogenen Analogien muss das jeweilige Spannungsfeld berücksichtigt werden, welches sich zwischen landes- bzw. milieuspezifischen Konventionen auf der einen und individuellen Bedürfnislagen des Schreibers auf der anderen Seite formiert. So lassen sich im deutschen Kontext hinsichtlich des Entlastungsantisemitismus drei Faktoren ausmachen: 1. Das Wissen um die NS-Vergangenheit und den Holocaust (s. II.1.1) 2. Das aus diesem Wissen resultierende (kollektive) Bedürfnis nach Entlastung (s. II.1.1 und II.1.2) 3. Die Präsenz von Post-Holocaust-Antisemitismus (einschließlich des israelbezogenen Antisemitismus) in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft (s. II.1.2 und II.1.3) Die Spezifik der NS-Verbrechen und ihre Präsenz im kollektiven Gedächtnis haben zur Folge, dass sich bestimmte kommunikative Standards im öffentlichen Diskurs herausgebildet haben (zur Wahrnehmung der NS-Verbrechen s. II.1.1, zur Kommunikationslatenz s. II.1.2). In diesem Zusammenhang steht die Etablierung der NS-Analogie für einen Sprachgebrauch besonders brisanten Gehalts. Neben der Dimension der Komparationsbasis – NS-Deutschland und die von ihm verübten Verbrechen – leitet sich die Brisanz aus dem juristischen Umgang mit Leugnung und Relativierung des Massenmordes am europäischen Judentum ab: Holocaustleugnung erfüllt in Deutschland den Straftatbestand der Volksverhetzung (§ 130 StGB). Eine explizit auf den Holocaust Bezug nehmende Relativierung desselben ist ebenso strafbar. Sprachliche Vermittlungen der NS-Analogie, die den Fokus meiner Arbeit ausmachen, können aus o. g. Gründen auch eine implizite Form der Holocaustrelativierung darstellen. Je nach

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Explizitheit werden Äußerungen dieser Art insofern von der Gesetzgebung erfasst. Des Weiteren deckt sich eine Relativierung der NS-Verbrechen insgesamt nicht mit dem offiziellen deutschen Selbstverständnis, in welchem der kollektive Lernprozess und die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Erinnerns an die NS-Verbrechen wie oben erwähnt einen besonderen Stellenwert (sowie teils Grundlage für Nationalstolz durch eine Neuausrichtung nach 1945) aufweisen (s. I.1 und besonders II.1.1, s. auch Rensmann 2004, Buß 2009, Sadigh 2009, Schmidt-Denter 2011, Braun 2012). Nach diesem Verständnis würde ein in die Debatte eingeführter NS-Vergleich sanktioniert, mindestens problematisiert. In Anbetracht dieses gesellschaftlichen Kontextes weiß die Zeit-Leserschaft um die Möglichkeit einer Löschung des eigenen Kommentars durch die Moderation sowie der Kritik bzw. Ablehnung anderer Kommentatoren, die eine Stigmatisierung bis hin zu einem Ausschluss aus der Debatte zur Folge haben kann, falls eine Zuschreibung von NS-Tätermerkmalen an die Nachkommen der Opfer vorgenommen wird. Abgesehen von diesen gesellschaftsund medienbezogenen Kommunikationsstandards liegt beim individuellen Schreiber bedingt durch Einwirkungen von Schulunterricht und aufklärenden Medienangeboten eine Tabuisierung hinsichtlich einer Relativierung von NS-Verbrechen vor. Die Einhaltung dieser Standards wird folglich nicht nur durch die Zeit-Moderation und andere Kommentatoren, sondern auch durch eigenes Wissen um das Ausmaß der NS-Verbrechen eingefordert. Neben der Qualität der NS-Verbrechen kommen insofern juristische, gesellschaftliche und individuelle Aspekte hinzu, aus welchen die Brisanz entsprechender Äquivalenzsetzungen hervorgeht. Die Etablierung der NSAnalogie vollzieht sich folglich im Spannungsfeld zwischen dem sich aus den soeben angeführten Aspekten zusammensetzenden Faktor 1, dem Bedürfnis nach Entlastung (der nationalen Wir-Gruppe sowie des Schreibers selbst, Faktor 2) und antisemitischen Prädispositionen, die wiederum zu einem (ggf. uneingestandenen) Bedürfnis nach Dämonisierung des Staates Israel führen können (Faktor 3). Hinsichtlich der erwähnten Kommunikationslatenz gilt zu beachten, dass in den letzten Jahren von deutschen Schreibern vorgenommene Vergleiche zwischen Israel und NS-Deutschland trotz des Tabus einer Relativierung des Holocaust und anderer NS-Verbrechen auch in gemäßigten Diskursen realisiert werden (s. auch II.1.2 und II.1.3). Mit der Erosion der Kommunikationslatenz setzt eine Ausweitung des Sagbarkeitsfeldes ein. Die vorliegende Untersuchung stellt diese Zunahme im Zeit-Kommentar170

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Geschichtsbezogene Analogien

bereich im Laufe von ca. 1,5 Jahren fest (zu besagter Zunahme in den letzten Jahren s. auch Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 16 f., 31 f.). Wodurch sich diese im Spannungsfeld zwischen Konventionen und Bedürfnislagen geformten Sprachgebrauchsmuster auszeichnen, werde ich in IV.1 vorstellen. Im britischen Kontext unterscheiden sich die Faktoren wie folgt: 1. Das Wissen um die Verbrechen des British Empire in dem von mir untersuchten linksliberalen Milieu (s. II.2.1 und II.2.2) 2. Die sich aus diesem Wissen ableitende Kollision mit den Wertevorstellungen besagten Milieus und ein sich anschließendes Bedürfnis nach Entlastung (s. II.2.2 und II.2.3)105 3. Die besonders mit der Jahrtausendwende erkennbare Präsenz eines israelbezogenen Antisemitismus gesellschaftsübergreifend sowie besonders in der Linken (s. II.2.3) Zu Faktor 1 muss erwähnt werden, dass der durch die NS-Analogie realisierte Grad der Dämonisierung freilich als wesentlich höher einzustufen ist als jener, der mittels Empire- und/oder Kolonialismus-Analogien realisiert wird. Die NS-Verbrechen unterscheiden sich von den Menschenrechtsverletzungen des Empire (und anderer Kolonialstaaten) hinsichtlich ihrer Motivation und Durchführung gravierend (s. II.1.1 und II.2.1). Zudem lag bei den Verbrechen des Empire keine antisemitische Grundlage vor. Gleichzeitig muss hinsichtlich der sich auf die britische Kolonialgeschichte beziehenden Äquivalenzsetzungen konzediert werden, dass in Nahost Praxen vorliegen, die durchaus mittels des Lexems kolonial beschrieben werden können. Hier sei auf die Landnahme während des Nahostkonflikts, die Besiedlung des Westjordanlandes sowie auf den Landkauf verwiesen, der ebenso in verschiedenen Phasen der von Europa ausgehenden Kolonisation vorlag (s. Osterhammel 62009: 123, Sternberg 2016: 839). Auch wenn partiell vergleichbare Vorgänge beobachtbar zu ____________________ 105

Der Guardian als britisches Medium wird nicht nur von einer britischen Leserschaft, sondern international wahrgenommen. Bei den hier interessierenden, auf den britischen Kolonialismus und die Apartheid Bezug nehmenden Analogien ist indes zu unterstreichen, dass sie mit wenigen Ausnahmen von britischen Lesern etabliert wurden. Eine entsprechende Zugehörigkeit zur britischen WirGruppe wird entweder im Kommentartext und/oder in anderen Äußerungen innerhalb der comment history des jeweiligen Schreibers ersichtlich. Insofern liegt bei Rückgriff auf geschichtsbezogene Vergleiche dieser Art die Funktion der Entlastung ebenso vor (s. hierzu IV.2).

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Geschichtsbezogene Analogien

sein scheinen, ist der Weg von diesen hin zu einer Ideologie des Kolonialismus mit den bereits erwähnten Motivlagen sowie zum Status einer Kolonialmacht ein weiter (s. II.2.1 und II.2.3, zu Unterschieden s. neben Sternberg 2016 auch Gelber 2007 und Friling 2016). Die Genese des Nahostkonflikts führt vor Augen, dass Israel keiner expansionistischen Politik folgt. Der Grund für Israels Gründung war die Jahrhunderte währende Verfolgung und Ermordung von Juden und nicht etwa deren Streben nach Expansion und Ausbeutung anderer Erdteile. Des Weiteren gehören Perspektivierungen mittels colonial* im Guardian- und allgemein linken Diskurs aufgrund milieuspezifischer Evaluationen der kolonialen Vergangenheit Großbritanniens zum festen Dämonisierungsrepertoire. Auch in anderen Diskurszusammenhängen wird deutlich, dass sie der Diffamierung und nicht der Deutung und Einordnung politischer Praxen dienen (zu Antiamerikanismus s. Markovits 2004, Beyer 2014, Jaecker 2014, Knappertsbusch 2016). Hinsichtlich der Apartheid-Analogie liegen mit Empire- und Kolonialismus-Analogien vergleichbare Faktoren vor. Hierbei müssen folgende Punkte Berücksichtigung finden: Wie auch bei Kolonialismus-Vorwürfen führen Schreiber im Zuge von Unterstellungen, in Israel würden Strukturen der Apartheid vorliegen, diverse Einzelphänomene an, um ihre Behauptungen zu erhärten. Hierbei werden wie erwähnt die strengen Sicherheitsvorgaben im Westjordanland, Anti-Terror-Maßnahmen sowie Umfragen innerhalb der israelischen Gesellschaft als Beweis für besagte Strukturen (sowie ihnen zugrundeliegende Motive) angeführt. Ohne die Genese des Nahostkonflikts zu berücksichtigen, können diese (teils verzerrten) Beobachtungen für uninformierte Kommentatoren als Ausdruck einer staatlich geförderten Segregation bewertet werden. Besagte Maßnahmen sowie auch Haltungen innerhalb der israelischen Gesellschaft, die sich aus Jahrzehnten der Konfrontation mit Terrorismus herausgebildet haben und sich gegen Araber richten können, müssen jedoch im Kontext des Konflikts gesehen werden. Durch Dekontextualisierung wird indes das Bild einer Gesellschaft gezeichnet, in welcher in wesenhafter Form und unabhängig von der tatsächlichen Bedrohungslage der Wunsch nach einer Zweiklassengesellschaft ausgeprägt sei – ein Bild, wie es in Bezug auf das damalige Apartheidregime in Südafrika zweifelsohne gerechtfertigt gewesen ist. Durch den Transfer hin zum Nahostkonflikt treten die offenkundigen Unterschiede zwischen beiden Staaten – Israel und Südafrika – in den Hintergrund (s. hierzu SchwarzFriesel/Reinharz 2013: 216 ff., zu Unterschieden zwischen beiden Täterkonzepten s. auch Fine 2014, Pogrund 2014 und 2015). 172

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Des Weiteren muss bei der Apartheid-Analogie im britischen Kontext bedacht werden, dass sich das historische Täterkonzept freilich nicht auf Großbritannien (wie im Falle der Empire-Analogie) bezieht – die Rassentrennung Südafrikas war nicht direkt mit dem Kolonialreich Großbritanniens verbunden (s. Nasson 2011, Thompson 42014). Das Apartheidregime, das den im Kontext des europäischen Kolonialismus höchsten Grad an Institutionalisierung des Rassismus erreicht hat, erwuchs indes partiell aus den Verhältnissen einer britischen Kronkolonie, ist also als postkoloniale Konsequenz des Empire einzustufen (s. II.2.1). Dieses Kapitel britischer Kolonialpolitik sowie die Involviertheit Großbritanniens bei der Etablierung und Aufrechterhaltung der südafrikanischen Apartheid ist ein im Mainstream und gerade im linksliberalen bis linken Spektrum bekannter und problematisierter Teil der britischen Geschichte (Faktor 1). Daran anschließend können sich Bedürfnislagen der Entlastung formieren (Faktor 2). Durch die Etablierung der Apartheid-Analogie wird ein Szenario aktiviert, welches aufgrund seiner Deutlichkeit in Bezug auf rassistisches Unrecht, seiner zeitlichen Nähe sowie medialen Weitergabe als potenziell stark emotionalisierend beschrieben werden kann. Sie stellt insofern (nicht nur) innerhalb des britischen Diskurses eine äußerst persuasive Form der Dämonisierung Israels dar (Faktor 3). Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass entsprechende Äquivalenzsetzungen aufgrund der Verschiedenheit der Täterkonzepte (GROSSBRITANNIEN und APARTHEID- REGIME) eine Distanzierung von historischen Verbrechen zum Ausdruck bringen, ohne die britische Involviertheit explizieren zu müssen. Es kommt folglich zu projektiven Zuschreibungen gegenüber Israel, ohne dass die Thematisierung von Verbrechen in der Geschichte der nationalen Wir-Gruppe (als Komparationsbasis) Gefühle von Verantwortung oder gar Scham hervorruft. Des Weiteren eignet sich der Verweis auf Großbritanniens Südafrika-Politik partiell für eine Aufwertung Großbritanniens, da sich zu Zeiten der Burenkriege (1899–1902) die britische Kolonialmacht den Buren und deren offen gezeigtem Rassismus entgegenstellte – ein Aspekt, der von Guardian-Kommentatoren teils betont wird. Dennoch sind Bewertungen britischer Einflussnahme in diesem Kontext als ambivalent einzustufen, sind doch die umfassenden Verbrechen gegen die Buren, die Installation von Internierungslagern sowie die besagte langfristige Involviertheit Großbritanniens bei der sukzessiven Etablierung der Apartheid bekannt (s. II.2.1). Da letztgenannte Aspekte von GuardianKommentatoren bei ihrer Referenz auf Südafrika häufig artikuliert werden, ist schließlich festzuhalten, dass die Faktoren, die eine Etablierung 173

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Geschichtsbezogene Analogien

der Apartheid-Analogie begünstigen, jenen ähneln, die der Vermittlung von Empire- und Kolonialismus-Analogien zugrunde liegen. Weiter oben habe ich vom den deutschen Vergangenheitsdiskurs determinierenden Spannungsfeld zwischen landesspezifischen Konventionen und individuellen Bedürfnislagen gesprochen und auf die Brisanz hingewiesen, die bei Etablierung der NS-Analogie vorliegt. Bei britischen Schreibern, die Empire- und/oder Kolonialismus- und/oder ApartheidAnalogien etablieren, wird der Status eines brisanten Sprachgebrauchs hingegen weniger deutlich bzw. teils durch andere Faktoren konstituiert. Zum einen stellt die Vermittlung von Vergleichen dieser Art juristisch keinen Straftatbestand dar. Ebenso wenig kann von einem gesellschaftlichen Tabu gesprochen werden. Das Wissen darum, dass entsprechende Äquivalenzsetzungen keine Sanktionen nach sich ziehen, mag die in meinen Korpora erkennbare geringe Befangenheit erklären, mit der diese sprachlichen Operationen durchgeführt werden. Diese Einschätzung wird ebenso durch die Beobachtung gestärkt, dass Äquivalenzsetzungen von Israel und einem Kolonial- und/oder Apartheidstaat teils von GuardianJournalisten selbst vorgenommen werden. Der Mangel an Einsicht, dass es sich bei der Etablierung besagter Analogien um Sprachgebrauch brisanten Gehalts handelt, mag auch mit der Wahrnehmung der Komparationsbasis zusammenhängen: Die Bewertung der Empire-Ära innerhalb der britischen Gesellschaft ist als ambivalent, in weiten Teilen der Gesellschaft gar als positiv zu bezeichnen (s. II.2.2). Die im Guardian-Kommentarbereich feststellbare Positionierung gegenüber der kolonialen Vergangenheit Großbritanniens steht in einem deutlichen Gegensatz zu den positiven Bewertungen, die sich – wie besagte Umfragen veranschaulichen – in weiten Teilen der britischen Gesellschaft finden lassen. Es liegt größtenteils eine negative Evaluation dieser Ära im von mir untersuchten linksliberalen Milieu vor. Insofern kann von einer milieuspezifischen Sanktionierung im Falle einer Relativierung kolonialer Verbrechen ausgegangen werden. Bei Präsenz entsprechender Äquivalenzsetzungen wird genau dies von Guardian-Kommentaren teils problematisiert. Auch das individuelle Wissen um Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung und Ausbeutung im British Empire kann als Ursache für den brisanten Status entsprechender Äußerungen gesehen werden. Letztgenannte Aspekte werden dadurch gestärkt, dass sich die Forschung in den letzten Jahren ausgiebig mit Menschenrechtsverletzungen

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

und Fehlentscheidungen der britischen Kolonialmacht beschäftigt und diese problematisiert (s. II.2.2). Die in der Forschung neu gewonnenen und gerade durch den Guardian106 wiedergegebenen Erkenntnisse über das Ausmaß der britischen Kolonialpolitik und die damit verbundener Verbrechen, die Kenntnisnahme der Narrative ehemals kolonisierter Kulturen, aber auch die zeitliche Distanz zur Ära des Kolonialismus können zur Entstehung von Exkulpationsbedürfnissen innerhalb dieses Milieus führen. Sprachlich vermittelte Äquivalenzsetzungen von Israel und einem (ggf. dem britischen) Kolonialstaat sowie dem Apartheidregime, wie ich sie in IV.2 und IV.3 anhand meines Guardian-Korpusmaterials vorstellen und erläutern werde, befinden sich insofern in einem Spannungsfeld, welches sich durch Schuldgefühle hinsichtlich der kolonialen Vergangenheit, das Wissen um den eigenen Gegensatz zu nationalen Selbstbildern in weiten Teilen der britischen Öffentlichkeit sowie durch das Bedürfnis nach Dämonisierung Israels auszeichnet. Ein zentraler, sich aus den soeben gemachten Ausführungen ergebender Unterschied zwischen den vorgestellten Analogien betrifft die Strategie der Täter-Opfer-Umkehr. Diese ist als wesentlicher Bestandteil des deutschen Nachkriegs- bzw. Entlastungsantisemitismus einzustufen (s. I.1, II.1.2 und II.1.3, s. auch Rensmann 2004, Schapira/Hafner 22007, Pérennec 2008, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013, Giesel 2017). Diese Strategie liegt im britischen Kontext freilich nicht vor, denn die geschichtsbezogenen Analogien in den Guardian-Kommentaren weisen von der NSAnalogie divergierende Opferkonzepte auf. Bei letztgenannter Analogie stellen JUDEN das historische Opferkonzept, ISRAELIS (über Umwegkommunikation adressierte JUDEN) das gegenwärtige Täterkonzept dar. Im Falle der Empire- und Kolonialismus-Analogien sind es KOLONISIERTE EINWOHNER, im Falle der Apartheid-Analogie die INDIGENE BEVÖLKERUNG SÜDAFRIKAS. Im Gegensatz zur spezifisch deutschen Umkehrstrategie unterscheidet sich folglich das historische Opferkonzept vom gegenwärtigen Täterkonzept.

____________________ 106

Durch die linksliberale Ausrichtung des Guardian fällt das Medium aus dem Gros britischer Mainstream-Medien, die eine eher konservative Position aufweisen, heraus. Verbrechen britischer Großmachtpolitik wurden in den letzten Jahren in unzähligen Guardian-Artikeln problematisiert bzw. deren Inhalte der britischen Öffentlichkeit überhaupt erst zugeführt (s. II.2.2).

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IV.

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In den folgenden Abschnitten werde ich die Äquivalenzsetzungen vor dem Hintergrund der soeben vorgestellten landes- oder milieuspezifischen Faktoren am Untersuchungsmaterial vorstellen und im Detail erläutern.

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IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit Im Folgenden werde ich jene Sprachgebrauchsmuster vorstellen, mittels derer Schreiber im Zeit-Kommentarbereich107 beider Messzeiträume in Bezug auf Israel die NS-Analogie etablieren (zur NS-Analogie s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 42 ff. und 160 ff., s. auch Pérennec 2008, Klaff 2014, Giesel 2017).108 Es interessieren einerseits die sprachlichen Spezifika, die letztlich die Äquivalenzsetzung hervorbringen (s. III.2.4), andererseits die jeweiligen Argumentationsmuster zur Stärkung der Schreiberposition bzw. zur Absicherung des kommunizierten Inhalts (s. III.3). Insofern sie vorliegen und für das Verständnis des Leserkommentars relevant sind, werde ich zudem jene Sprachgebrauchsmuster zur Reproduktion antisemitischer Stereotype erläutern. In den jeweiligen Zwischenfazits sowie in IV.1.4 fasse ich die Besonderheiten in der Sprachverwendung innerhalb beider Messzeiträume 2012 und 2014 zusammen und stelle selbige einander gegenüber. Vorab möchte ich wiederholen, wie ich im Kontext meiner Arbeit einen expliziten NS-Vergleich definiere (s. hierzu auch III.2.4.1): Die explizite Vermittlung der NS-Analogie erfolgt allein über die Benennung des historischen sowie des gegenwärtigen Täterkonzeptes (und/oder der sie repräsentierenden Politiker): NS-DEUTSCHLAND (= Komparationsbasis) und ISRAEL (= Komparandum)109 im Zusammenspiel mit dem diese Konzepte ____________________ 107

Wie einleitend erwähnt, wird die NS-Analogie ebenso in anderen Sprachräumen kommuniziert. Auch unter den Guardian-Kommentaren kam es zu Äquivalenzsetzungen von Israel und NS-Deutschland. Allerdings werden sie dort im wesentlich beschränkteren Ausmaß als in der Zeit realisiert (s. Anhang). 108 Im Zeit-Subkorpus von 2012 wird die NS-Analogie 95 Mal etabliert. Kommentare mit entsprechenden Äquivalenzsetzungen machen innerhalb der 1.516 qualitativ untersuchten Leserkommentare 6,2 Prozent aus. Ihre Verwendungshäufigkeit nimmt im Sommer 2014 indes zu: Die Zahl jener Äußerungen, die sprachlich explizit oder implizit die NS-Analogie etablieren, steigt 2014 auf 209 (13,7 Prozent von 1.522 qualitativ analysierten Web-Kommentaren). Innerhalb von 1,5 Jahren hat sich insofern die Zahl jener Kommentare, in denen die NS-Analogie im Kontext des Nahostkonflikts etabliert wird, mehr als verdoppelt (s. Anhang). 109 In Bezug auf die von Schreibern sprachlich vermittelten historischen Täter- und Opferkonzepte werde ich, wie in III.2.4 angegeben, wie folgt elliptisch verweisen: Wenn es um das historische Täterkonzept NS-DEUTSCHLAND geht, werde ich auf Deutsche referieren, auch wenn damit nicht-jüdische Deutsche gemeint sind. In Bezug auf das historische Opferkonzept werde ich von Juden sprechen, auch wenn ich mit Opfern der NS-Verbrechen deutsche sowie europäische Juden

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

verbindenden Junktor wie. Alle weiteren, d. h. impliziten Vermittlungen, bei denen mittels Kontext- und Weltwissen die beiden Täterkonzepte erschlossen werden müssen, stellen Abwandlungen dar, in deren Rahmen die Aktivierung der NS-Analogie von mehreren Faktoren abhängt, die ich auf den folgenden Seiten erläutern werde. Ich werde die bei der Etablierung der NS-Analogie erkennbaren Sprachgebrauchsmuster anhand von Korpusbeispielen beider Messzeiträume gebündelt vorstellen. Die Anordnung der Unterkapitel folgt dem Grad der Implizitheit der NS-Vergleiche – angefangen bei Vergleichen mit Nennung der beiden Täterkonzepte bis hin zu offenen Anspielungen. In den Zeit-Korpora konnte ich fünf Hauptkategorien ausmachen, denen auf den nächsten Seiten jeweils ein Unterkapitel gewidmet ist: 1. Explizite Vergleiche durch Äquivalenzsetzungen der explizierten Täterkonzepte Israel und NS-Deutschland hinsichtlich ihres Daseins und/oder Handelns (s. IV.1.2).110 2. Implizite Vergleiche mit Nennung der Opferkonzepte (unter partieller Nennung der Täterkonzepte) hinsichtlich ihres Daseins und/oder Handelns (s. IV.1.3.1). 3. Implizite Vergleiche über onomastische Anspielungen, bei denen der NS-Zeit zuordenbare Namen, Orte, Handlungen usw. im Nahostdiskurs Erwähnung finden (s. IV.1.3.2). 4. Implizite Vergleiche über Rückgriff auf NS-Vokabular im Nahostdiskurs, wodurch Kommentatoren unterstellen, Israel handele im Einklang mit der Ideologie des Nationalsozialismus (s. IV.1.3.3). 5. Implizite Vergleiche über offene Anspielungen auf die NS-Zeit, bei denen statt einschlägiger Lexeme floskelhafte, z. T. in der Sprachgemeinschaft standardisierte Formulierungen hervorgebracht werden. Bedingt durch die Präsenz der NS-Verbrechen im kollektiven Gedächtnis können Leser die NS-Zeit inferieren (s. IV.1.3.4).

____________________

110

178

meine. Ich habe mich zugunsten einer Operationalisierung für entsprechende elliptische Bezugnahmen entschieden, auch wenn sie eine Verkürzung der Sachverhalte der NS-Zeit darstellen. Eine schematische Übersicht zu den Kategorien, auf die ich bei der Analyse von historischen Vergleichen zurückgegriffen habe, befindet sich zu Anfang des Kapitels IV auf S. 176). In den Zeit-Korpora beider Messzeiträume ist lediglich ein (nicht gelöschter) Kommentar als expliziter NS-Vergleich zu werten.

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

IV.1.2

Explizite Vergleiche

Der explizite NS-Vergleich111 zwischen beiden Täterkonzepten konnte in den Zeit-Korpora beider Jahre einmalig, im Untersuchungszeitraum 2014, erfasst werden. Der Schreiber dieses Kommentars thematisiert den Auslöser der Operation Protective Edge und realisiert einen Modalitätsvergleich, durch welchen Netanjahu und die Nazis hinsichtlich ihres Handelns gleichgesetzt werden: (1) „Tatsache ist, dass Netanjahu den Tod dieser drei israelischen Siedler ähnlich instrumentalisiert hat, wie einst die Nazis die Ermordung des Diplomaten v. Rath durch Hershel Grünspan in Paris.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 112 03.08.2014)

Der Schreiber referiert auf Herschel Grynszpan, einen polnischen Juden, der am 7. November 1938 in Paris den NS-Diplomaten Ernst vom Rath erschoss. Das Attentat wurde vom NS-Regime als Vorwand zur reichsweiten Organisation von Pogromen gegen Juden instrumentalisiert (s. Pehle 7 1988). Auch wenn die Referenz auf Grynszpan und vom Rath des historischen Wissens über die Vorgänge im November 1938 bedarf, handelt es sich um einen expliziten Vergleich: Der Schreiber expliziert sowohl das historische als auch das gegenwärtige Täterkonzept – die „Nazis“ sowie den Israel repräsentierenden Premier Netanjahu. Hinsichtlich des Tertium Comparationis, der beiden Täterkonzepten zugeschriebenen Instrumentalisierung von Toten für politische Zwecke, wird ein Junktor eingesetzt (auch wenn dieser durch ähnlich abgeschwächt wird, bleibt die Äquivalenzsetzung durch den explizierten Junktor in der zweiten Zeile des Beispiels erhalten). Laut dem Schreiber instrumentalisiere Netanjahu die Entführung und Ermordung der drei israelischen Jugendlichen zu seinem eigenen Vorteil. Über den negativ besetzten Begriff „Siedler“ erfolgt eine Fokussierung auf eine zu ihren Lebzeiten mögliche Identität, mittels derer zugleich ihr Schicksal ein Stück weit aus dem Fokus gerät bzw. implizit mit einer Erklärung aufgeladen wird: Nicht als Jugendliche, sondern als Siedler – also aufgrund einer ablehnenswerten Lebensentscheidung – ha____________________ 111 112

Zu Vergleichen allgemein s. III.2.4.1, s. auch Thurmair 2001. In Übereinstimmung mit den Konventionen der Kognitiven Linguistik werden Belegbeispiele vom Text abgesetzt und nummeriert. Sobald sprachliche Ausdrücke im Fließtext erwähnt werden, gebe ich diese durch Kursivierung an – es sei denn, es handelt sich um direkte Zitate aus dem Korpusbeispiel, die wiederum über Anführungszeichen gekennzeichnet werden. Konzeptuelle, mentale Phänomene werden mittels Kapitälchen ausgewiesen (s. I.2.3).

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Geschichtsbezogene Analogien

ben sie dieses Schicksal erlitten. Zusätzlich kann der Leser durch Aktivierung seines Weltwissens inferieren, dass die Operation Protective Edge, welche auf die Ermordung der Jugendlichen folgte, mit den Novemberpogromen gleichgesetzt wird. IV.1.3

Implizite Vergleiche

Im vorliegenden Unterkapitel werden jene Äquivalenzsetzungen thematisiert, bei welchen Schreiber die NS-Analogie mit unterschiedlichen Formen verbaler Abschwächung etablieren. Wie in III.2.4 erwähnt, muss die NS-Analogie sprachlich nicht mittels der explizierten (und daher offensichtlich brisanten) Vergleichskonstruktion X ist wie Y vermittelt werden. Stattdessen wählen Schreiber vielmehr unvollständige bzw. implizite Vergleiche. Leser müssen im Folgeschritt die Täterkonzepte anhand der durch den impliziten Vergleich gegebenen Informationen sowie mittels Kontextund Weltwissen inferieren. Aus der Erschließung der vom Schreiber implikatierten Bedeutungseinheiten resultiert ein Paralogismus, also ein Fehlschluss (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 285, s. auch Pérennec 2008),113 nämlich dass beide Szenarien und infolgedessen beide Täterkonzepte zueinander in ein Äquivalenzverhältnis gestellt werden können. Die Grundkategorien in IV.1 erweiternd, kommen diese impliziten Vergleiche in den Zeit-Korpora gemäß folgenden Kriterien zustande: •

Erstens durch die ausschließliche Nennung des historischen und gegenwärtigen Opferkonzepts (JUDEN/OPFER NS-DEUTSCHLANDS und PALÄSTINENSER) sowie eines diese Konzepte verbindenden Junktors

____________________ 113

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Fehlschlüsse werden von Schreibern „mutmaßlich nicht-intentional“, also unbeabsichtigt herbeigeführt – damit stehen sie im Gegensatz zu Trugschlüssen, die „mit der Absicht gemacht [werden], andere zu täuschen“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 284 f., s. auch Löhner 1996 und van Eemeren 2001). In Übereinstimmung mit Schwarz-Friesel/Reinharz (in Bezug auf deren Korpora) gehe ich davon aus, dass in den von mir untersuchten Korpustexten größtenteils Fehlschlüsse vorliegen, d. h., die Schreiber gehen von der Richtigkeit ihrer Aussagen und Urteile aus. Allerdings gilt auch hier, dass bei linguistischen Korpusanalysen (im Gegensatz bspw. zu Interviewstudien) die Frage nicht vollends beantwortet werden kann, ob „die Schreiber sich der Falschheit der verwendeten Thesen bewusst sind oder nicht“ (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 285). Ich subsumiere im Folgenden alle entsprechenden Figuren – ob vom Schreiber beabsichtigt oder nicht – unter dem Terminus Paralogismus.

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

(s. IV.1.3.1). Der Leser kann das jeweilige Täterkonzept (NSDEUTSCHLAND und ISRAEL) durch Orts- und Zeitangaben sowie Kontext- und Weltwissen inferieren: o Die Palästinenser heute leben wie die Juden im Deutschland der dreißiger Jahre. •

Zweitens durch den Junktor abschwächende und/oder ersetzende Formulierungen zwischen den jeweiligen Täter- und/oder Opferkonzepten und/oder dem Tertium Comparationis, wobei auf der Seite der Komparationsbasis und des Komparandums jeweils stets ein Täter- bzw. Opferkonzept vorliegen muss (s. IV.1.3.1): o Israel erinnert an NS-Deutschland. Hier gilt es zu beachten, dass der Junktorersatz auch in Form von indirekten Sprechakten (wie rhetorischen Fragen) sowie von Wortwiederholungen vorliegen kann.



Drittens durch die Anführung mindestens zweier, parallel angeordneter Argumente, durch die eine Vergleichbarkeit hinsichtlich des Daseins und/oder Handelns der Täter- und/oder Opferkonzepte (Tertium Comparationis sind i. d. R. spezifizierte NS-Verbrechen und israelische Gaza- sowie Siedlungspolitik) behauptet wird. Durch diese Argumente wird eine ganzheitliche Vergleichbarkeit Israels und NSDeutschlands angedeutet und infolgedessen die NS-Analogie etabliert. Einzelne Glieder dieser Anordnung können fehlen, wobei auf der Seite der Komparationsbasis und des Komparandums jeweils ein Täterbzw. Opferkonzept vorliegen muss. Ein Junktor (bzw. eine ersetzende Formulierung für denselben) kann zwischen den Einzelargumenten verwendet werden. Im folgenden Beispiel beziehen sich die Einzelargumente auf den Zustand des Gefangenseins der Opferkonzepte. Der letzte Satz expliziert den Paralogismus, der sich aus diesen Argumenten ergibt: o Die Nazis haben Juden eingesperrt. Israel pfercht die Menschen in Gaza Stadt ein. [Israel ist grundsätzlich mit NS-Deutschland zu vergleichen.]



Viertens durch den expliziten Vergleich onomastischer Anspielungen, die auf historische und gegenwärtige Täter- und/oder Opferkonzepte Bezug nehmen (s. IV.1.3.1): o Gaza ist wie ein KZ.

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IV.



Geschichtsbezogene Analogien

Fünftens durch mindestens eine im Nahostdiskurs verwendete onomastische Anspielung, die auf das historische Täter- und/oder Opferkonzept oder auf ein mit selbigen verbundenes Tertium Comparationis Bezug nimmt (s. IV.1.3.2 und IV.1.3.3). Im Folgenden liegen zwei onomastische Anspielungen vor: o Israel hält sich seine Untermenschen in einem Ghetto.



Sechstens durch eine Äquivalenzsetzung der Folgen/des Umgangs der Verbrechen (bspw. mittels sich wiederholender Wortwahl, s. Beispiel), durch deren behauptete Vergleichbarkeit ebenso eine Vergleichbarkeit zwischen den Verbrechen (Tertium Comparationis) und folglich der Täterkonzepte an sich nahegelegt wird (s. IV.1.3.4): o Ich spüre die Verantwortung für die in unserer Geschichte begangenen Verbrechen. Warum hört man von unseren Freunden im Nahen Osten nichts von einer Verantwortung, Waffengängen vorzubeugen?



Siebtens durch mindestens eine im Nahostdiskurs verwendete offene Anspielung, die auf das historische Täter- und/oder Opferkonzept oder auf ein mit selbigen verbundenes Tertium Comparationis Bezug nimmt (s. IV.1.3.4). Wie erwähnt, führt die besondere Stellung der NS-Zeit im kollektiven Gedächtnis der Deutschen (sowie bei bestimmten sprachlichen Realisierungen die Abwesenheit einer mit konkreter Gewalt verbundenen Konfliktphase nach 1945) dazu, dass der Leser bei solch offenen Formulierungen die NS-Zeit inferieren kann: o Was zurzeit in Nahost passiert, erinnert mich stark an unsere Geschichte.

IV.1.3.1 Implizite Vergleiche mit explizierten Täter- und Opferkonzepten Die Kommentatoren der folgenden Beiträge realisieren NS-Vergleiche mit einem Minimum verbaler Abschwächung (Kriterien 1 bis 4). Es mögen ebenso Kriterien bedient werden, die Thema der folgenden Unterkapitel sind – sobald indes eines der ersten vier Kriterien Verwendung findet, gilt dies als Grundlage für die Kategorisierung des besagten Beispiels in dieses Unterkapitel. Im ersten hier vorgestellten Beispiel aus dem 2012er Subkorpus behauptet der Schreiber, es würden Parallelen zwischen den Lebensbedingungen in Gaza sowie der Westbank und jenen im Warschauer Ghetto erkennbar: 182

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit (2) „Die Einseitigkeit der Wahrnehmung ist erschreckend, bei der die Israelis als zivilisierte Menschen und schützenswerte Opfer gelten, während ihre palästinensischen Nachbarn, die durch die Blockade, durch Stacheldraht und Mauern meist dahinvegetieren, wie die Juden des Warschauer Ghettos, als Schädlinge betrachtet werden, als menschlicher Abschaum, der seine Vernichtung durch israelische Raketen letztlich verdient habe. Diese Einseitigkeit liefert seit Jahren und Jahrzehnten die Basis für den permanenten Kriegszustand: die Palästinenser haben es noch nicht gelernt, ihr Schicksal hinzunehmen, nach dem sie bei lebendigem Leib in Gaza oder der Westbank zu verfaulen haben, dass ihnen fast alle existenziellen Ressourcen -Land, Wasser, Finanzmittel usw. -von den Israelis vorenthalten oder zugeteilt werden […].“ (Leserkommentar, Die Zeit, 22.11.2012)

Zuvorderst kritisiert der Schreiber eine Voreingenommenheit bei Medien und anderen Kommentatoren in der Betrachtung des Nahostkonflikts – seiner Meinung nach seien es allein die Israelis, die von diesen als Menschen wahrgenommen würden. Diesen moralischen Vorwurf verstärkt er durch die sich anschließende Perspektivierung des gegenwärtigen Opferkonzeptes als mit den „Juden des Warschauer Ghettos“ vergleichbar. Neben der wortwörtlichen Bezugnahme auf das historische wird das gegenwärtige Opferkonzept im Kommentar zweimal erwähnt. Der Schreiber expliziert den Junktor wie. Zwischen beiden Konzepten erfolgt ein Modalitätsvergleich („palästinensischen Nachbarn […] dahinvegetieren, wie die Juden des Warschauer Ghettos“, Kriterium 1). Außerdem greift der Schreiber zur Perspektivierung der palästinensischen Seite auf NS-Vokabular zurück, mit dem Juden in der Vergangenheit offiziell abgewertet wurden („als Schädlinge betrachtet werden, als menschlicher Abschaum“, „Vernichtung […] letztlich verdient“), und unterstellt damit Israelis indirekt ein durch die NS-Ideologie geprägtes bzw. dieser verwandtes Denken (s. IV.1.3.3, Kriterium 5). Final verwendet der Schreiber aufgrund des Kotextes potenziell auf NS-Verbrechen verweisende, stark emotionalisierende Referenzialisierungen („bei lebendigem Leib […] zu verfaulen haben“). Insofern realisiert der Schreiber in diesem Beispiel einen impliziten, das Tertium Comparationis der Opferkonzepte betreffenden und durch zusätzliche Anspielungen gestärkten NS-Vergleich. Das gegenwärtige Täterkonzept wird dreimal, das historische Täterkonzept nicht expliziert. Ersteres würde gemäß Schreiber existenzielle Ressourcen „vorenthalten“ bzw. diese „zuteilen“. Mit Blick auf den Kotext wird nahegelegt, Israelis seien durch NS-Praxen charakterisierbar. Bedingt durch die Passivkonstruktion wird diese Äquivalenzsetzung im Beispiel nur indirekt vermittelt, allerdings kann der Leser durch die explizierte Äquivalenzsetzung

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Geschichtsbezogene Analogien

hinsichtlich der Behandlung der Opferkonzepte sowie durch Aktivierung seines Weltwissens die NS-Analogie aktivieren. Im folgenden Kommentar wird das historische Täterkonzept expliziert und dem (anhand des Kotextes erschließbaren) gegenwärtigen Täterkonzept hinsichtlich der verwendeten Rhetorik gegenübergestellt. Dennoch handelt es sich nicht um einen expliziten Modalitätsvergleich (wie in IV.1.2), da der Schreiber auf einen Junktorersatz zurückgreift (Kriterium 2): (3) „Grausame Rhetorik.114 ‚Security means erasing Gaza‘ (aus dem YoutubeVideo) zu Deutsch ‚Sicherheit bedeutet Gaza ausradieren‘ Dazu fällt mir ein: ‚Wir werden ihre Städte ausradieren‘ Gesagt von Hitler 1940, als Reaktion auf die englischen Angriffe auf D.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 19.11.2012)

Der Schreiber führt hier eine Äußerung des rechtsextremen israelischen Politikers Michael Ben-Ari an, um eine Vergleichbarkeit zwischen BenAri und Hitler zu implikatieren. Zur Referenz auf das historische Täterkonzept verwendet der Schreiber den Namen Hitler, ein Hitler-Zitat vom 4. September 1940 sowie die Jahreszahl 1940. Zusätzlich ordnet er das Zitat geschichtlich ein. Zwischen dem Ben-Ari-Zitat (zur Stärkung der Schreiberposition wird dieses mit einem Web-Link versehen, s. III.3.2) und dem von Hitler wird auf die einen Junktor ersetzende Formulierung („Dazu fällt mir ein“) zurückgegriffen. Insofern handelt es sich um einen impliziten Modalitätsvergleich hinsichtlich des Tertium Comparationis (= Rhetorik). Indem der Leser aufgrund der Gegenüberstellung der Zitate (mit sich wiederholender Wortwahl à „erasing“, „ausradieren“) einen NS-Vergleich zwischen Ben-Aris Zielen und jenen Hitlers inferiert, kann er zudem schlussfolgern, dass die Ansichten Ben-Aris ähnlich repräsentativ für die israelischen Verhältnisse seien, wie es Hitlers erklärte Einstellungen für die NS-deutschen Verhältnisse waren. Hitler war Diktator NSDeutschlands und vereinte in sich ein Höchstmaß an Macht – Ben-Ari hingegen stellt eine Randfigur im politischen Diskurs Israels dar. Aufgrund der geringen Bedeutung von Ben-Aris (mittlerweile nicht mehr existenter) rechtextremer Partei Otzma LeJisra’el in Israel liegt in diesem Beitrag eine weitere, über den NS-Bezug hinausweisende Verzerrung Israels vor.115 ____________________ 114 115

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Die Header der Leserkommentare werden, insofern sie aufgrund ihrer Relevanz für die Analyse mit angeführt werden, im Folgenden fett gedruckt. Kommentare wie diese fokussieren einen Bruchteil des politischen Diskurses in Israel und geben kaum einen reliablen Eindruck von den politischen Verhältnissen im Land. Hitler bzw. NS-Deutschland taten alles, um die Drohung einer flä-

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

Im folgenden, dem zweiten Messzeitraum entnommenen Beispiel wird erneut mittels Junktorersatz eine Äquivalenzsetzung von Täterkonzepten hinsichtlich eines Tertium Comparationis realisiert (Kriterium 2): (4) „Netanjahu versucht ein einzelnes Verbrechen dafür zu nutzen die Regierung der Palästinenser zu schwächen. Menschen in Sippenhaft zu nehmen ist eine Taktik die man eigentlich von den Nazis kennt. So haben sie damals Gegner Hitlers und politsche Gegner entsorgt. Vorwürfe für ein Verbrechen ohne einen einzigen Beweis und dann foltern und wegsperren bis einer ein falsches Geständnis ablegt.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 17.06.2014)

Das gegenwärtige Täterkonzept (Netanjahu als Israel repräsentierender Ministerpräsident) wird in dem Beispiel ebenso erwähnt wie das gegenwärtige Opferkonzept. Auch wird das historische Täterkonzept mehrmals – durch „Nazis“, durch eine entsprechende Attribuierung von „Gegner“ sowie durch die Benennung insbesondere auf die NS-Zeit anspielender Praxen („Sippenhaft“, „foltern“, „wegsperren“, „Gegner entsorg[en]“) – eindeutig ausgewiesen. Der Schreiber behauptet, der israelische Ministerpräsident nehme „ohne einen einzigen Beweis“ „Menschen in Sippenhaft“, und unterstellt damit eine Parallelität beider Täterkonzepte hinsichtlich des Umgangs mit politischen Feinden (= Tertium Comparationis). Der auf Letzteres Bezug nehmende Junktorersatz zeigt sich in den Formulierungen „eine Taktik[,] die man eigentlich von den Nazis kennt“ und „So haben sie damals Gegner Hitlers und polit[i]sche Gegner entsorgt“. Es wird insofern ein impliziter Modalitätsvergleich realisiert. Der nächste Beitrag ist ein Beispiel dafür, wie im Zeit-Kommentarbereich bei der Thematisierung von Antisemitismus in Deutschland die NS-Analogie in Bezug auf Israel etabliert wird.116 Der Schreiber reagiert ____________________

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chendeckenden und größtmöglichen Zerstörung britischer Städte in die Praxis zu überführen. Bei der Partei Otzma LeJisra’el handelt es sich um die Nachfolgerin der rechtsextremen Kach-Partei, die in Israel verboten ist. Politiker, die diesem Flügel teils ideologisch nahestehen, als repräsentativ für die Haltung der israelischen Regierung zu perspektivieren, bezeugt Qualität und Ausmaß der gewünschten Verzerrungen mittels vermeintlicher Faktizität (s. III.3.2). Es verdeutlicht die Bereitschaft von Schreibern, rechte und rassistische Einstellungen bestimmter Israelis als fundierte Prämisse für die Konklusion zu verwenden, Israels Regierung verfüge über eine mit dem Nationalsozialismus vergleichbare Kriegspolitik. Sobald Antisemitismus im eigenen Land thematisiert wird, verweisen deutsche Schreiber vermehrt auf Israel und die israelische Politik. Das Bedürfnis, sich zu äußern, wird auch quantitativ greifbar: Die Zahl der Kommentare nimmt bei Themen wie Antisemitismus, Juden/tum und Israel drastisch zu. Gerade bei den

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Geschichtsbezogene Analogien

auf eine Äußerung Dieter Graumanns, des ehemaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, der anlässlich der im Sommer 2014 stattgefunden habenden israelfeindlichen Demonstrationen in Berlin und anderen Städten sagte: „Das sind die schlimmsten Zeiten seit der NaziÄra“ (Die Zeit/dpa/kmi 2014, s. auch Henley 2014). Im Beitrag wird – im Anschluss an diverse Argumentationsmuster – mittels Junktorersatz ein impliziter Modalitätsvergleich in Bezug auf die Täterkonzepte realisiert (Kriterium 2): (5) „Der Zentralrat der Juden hat schon lange jegliche Kritik unterbunden und sehr oft in ihrer Reaktion maßlos übertrieben, deswegen hört ihnen ‚jetzt‘ wo es teilweise notwendig ist, auch kaum einer mehr zu. Im übrigen ist diese Kritik auch wieder überzogen. In Deutschland blüht nicht gleich die Nazi Zeit auf, nur weil ein paar Vollidioten verbal überzogen haben. Das es Anschläge gab ist sehr bedauerlich, aber die gab es auch außerhalb Deutschlands und sollte deswegen kein Alleinstellungsmerkmal für uns sein. Außerdem sollte er zuerst mal vor seiner eigenen Haustür kehren. Was die Israelis in den letzten Jahren veranstalten, erinnert zumindest mich mehr an die Nazi Zeit, als alles das bei uns passiert.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 08.08.2014)

Neben den die NS-Analogie etablierenden Sprachgebrauchsmustern werde ich besagte Argumentationsmuster sowie die Stereotypkodierungen im Kommentar erläutern: Zum einen relativiert der Schreiber gegenwärtigen Antisemitismus (s. III.3.3), wie er sich im Sommer 2014 auf deutschen Straßen kundtat, indem er Graumann und den Zentralrat als unverhältnismäßige Mahner perspektiviert („maßlos übertrieben“, „überzogen“), die „schon lange“ ein KRITIKTABU etablieren sowie ANTISEMITISMUS INSTRUMENTALISIEREN würden. Er konzediert, die Gewalt sei „bedauerlich“, allein um anschließend auf die Präsenz von Antisemitismus auch außerhalb Deutschlands hinzuweisen. Damit kommt es erneut zu einer Relativierung des gegenwärtigen Antisemitismus in Deutschland. Entlastende Argumente werden aber nicht nur auf räumlicher, sondern auch auf zeitlicher Ebene erkennbar: Das, was „die Israelis […] veranstalten“ würden, erinnere den Schreiber „mehr an die Nazi Zeit, als alles das bei uns passiert“. Die Äquivalenzsetzung wird über den Junktorersatz „erinnert“ in Bezug auf das nicht näher spezifizierte Tertium Comparationis realisiert. Der Schreiber expliziert weder, welche Vorgänge in Israel er unter____________________ Zeit-Artikeln „Knobloch rät deutschen Juden, nicht erkennbar zu sein“ (s. Die Zeit et al., 2014), „‚Die Medien kritisieren kaum ein Land so oft wie Israel‘“ (s. Woldin 2014) und „Der deutsche Nahost-Konflikt“ (s. Woldin/Caspari/Ambrosi 2014) hat die Zahl der Leserkommentare die 500er Marke überschritten.

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IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

stellt, noch wie er die Komparationsbasis (= die Taten der Nationalsozialisten) konzeptualisiert. Zudem schwächt er die Äquivalenzsetzung ab, indem er dies als seine subjektive Wahrnehmung unterstreicht („zumindest mich“). Dennoch werden beide Täterkonzepte im Beispiel klar ausgewiesen. Bevor der Schreiber diese Konzepte gleichsetzt, reproduziert er das Stereotyp JUDEN SIND KEINE DEUTSCHEN/FREMDE, indem er Graumann auffordert, „zuerst mal vor seiner eigenen Haustür [zu] kehren“. Im Folgesatz wird deutlich, dass er Graumanns Heimat in Israel – und nicht etwa in Deutschland – sieht.117 Über entsprechende Äußerungen wird jüdischen Deutschen das Deutschsein abgesprochen (s. auch III.2.1 und III.2.2, zu Ausgrenzung s. III.3.5, s. hierzu auch Schwarz-Friesel 2013b: 230 f., Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 146). Im folgenden Kommentar werden Praxen der beiden nur teilweise explizierten Täterkonzepte durch mehrere Varianten eines Junktorersatzes miteinander verglichen (Kriterium 2). Vorerst jedoch werden, vermittelt über rhetorische Fragen, Israel diverse Verbrechen unterstellt sowie ihm der Status einer „nach westlichen Maßstäben“ geführten Demokratie abgesprochen: (6) „Töten ohne Gerichtsbarkeit? Ist ein Land, welches Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren anordnet wirklich eine Demokratie, nach westlichen Maßstäben? ...und wenn sich dieses Land in einem Krieg befindet, darf es trotzdem mehr oder weniger gezielt Menschen in anderen Ländern töten? […] mh, ich glaube gehört zu haben, dass es ähnliche Vorfälle auch im deutschen Machtbereich der 40er des letzten Jahrhundert gegeben hat -vielleicht kann man sogar Parallel zum Ghetto-Aufstand 1943 ziehen?“ (Leserkommentar, Die Zeit, 01.11.2012)

Nach besagten Unterstellungen wird die NS-Analogie wie folgt etabliert: Es ist die Rede vom „deutschen Machtbereich der 40er“. Zudem liegt mit „Ghetto-Aufstand 1943“ eine (durch die Jahresangabe zusätzlich gestützte) onomastische Anspielung auf das Warschauer Ghetto und damit auf die NS-Zeit vor. Das nicht benannte gegenwärtige Täterkonzept kann durch Ko- und Kontext erschlossen werden. Die Äquivalenzsetzung erfolgt durch einen Junktorersatz (die floskelhafte Formulierung „ich glaube gehört zu haben“), der mittels einer Unsicherheit ausdrückenden Partikel („mh“) abgeschwächt wird. Der Schreiber signalisiert damit, hier werde ____________________ 117

Eine ähnlich verbalisierte Reproduktion des besagten Stereotyps liegt vor, wenn bspw. Michel Friedman bei einer Talkshow des Ersten Deutschen Fernsehens wie „Hart aber fair“ vorgeworfen wird, er sei ein „israelischer Propagandist“ (s. WDR 2009). Der Vorwurf kam vom Journalisten Ulrich Kienzle.

187

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

(in Form eines Understatements) zaghaft eine Ähnlichkeit vermutet. Weitere Formen eines Junktorersatzes sind „ähnliche Vorfälle auch“ und „kann man sogar Parallel[en] zum […] ziehen“. Durch die Häufung dieser Wendungen sowie die Eindeutigkeit der Anspielungen auf die NS-Verbrechen wird die NS-Analogie für den Leser erschließbar. Der Schreiber des folgenden Beispiels greift auf einen Junktorersatz zurück, um die Opferkonzepte hinsichtlich deren Lebensbedingungen gleichzusetzen (Kriterium 2): (7) „Viele Israelis können sich bestimmt an die erschreckende Nazizeit und deren Leben in Ghettos erinnern, hoffentlich wird es niemand vergessen. Aber irgendwie sehe ich doch gewissen Parallelen, wie die Palästineser leben und deren Existenz nach und nach durch Landraub und Siedlungsbau gefährdet wird...“ (Leserkommentar, Die Zeit, 20.11.2012)

Vorerst bezieht sich der Schreiber auf die Stellung der NS-Verbrechen im kollektiven Gedächtnis der Israelis. Der Schreiber expliziert u. a. die gegenwärtigen Täter- und Opferkonzepte, das historische Täterkonzept (abgeschwächt als Bestimmungswort im Kompositum „Nazizeit“) sowie das Tertium Comparationis („Leben in Ghettos“ und „wie die Palästine[n]ser leben“). Auf das historische Opferkonzept spielt der Schreiber lediglich an. Der Leser kann selbiges durch zeitliche und örtliche Verweise inferieren („Nazizeit“, „Leben in Ghettos“). Die NS-Analogie wird hier etabliert, indem der Schreiber einen impliziten Modalitätsvergleich realisiert. Letzterer bezieht sich auf die Lebensbedingungen der Opferkonzepte, die durch den Junktorersatz „gewisse[…] Parallelen“ „sehe[n]“ – wenn auch abgeschwächt durch das attribuierte Adjektiv gewisse – miteinander in ein Verhältnis gesetzt werden. Auch liegen Kommentare vor, bei denen über einen Junktorersatz eine Äquivalenzsetzung der Hamas und der französischen Résistance realisiert wird (Kriterium 2): (8) „Sie sollten nicht vergessen, dass die Menschen in Gaza ein Recht auf Selbstverteidigung auf eigenem Gebiet genießen. […] Wenn die Hamas […] Waffenlager oder ähnliches auf palästinensischem Gebiet mit Sprengstoff sichert ist das ihr gutes Recht und ein Mittel was auch Widerstandskämpfer z.B. in Frankreich gegen die Besatzung Hitlers eingesetzt haben.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 30.08.2014)

In diesem Kommentar wird eine Vergleichbarkeit des gegenwärtigen Opferkonzepts nicht in Bezug auf Juden als NS-Opfer, sondern auf die Résistance vermittelt. Dies stellt einen Gegensatz zu bisherigen Äquiva-

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IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

lenzsetzungen dar, in deren Rahmen sich das historische Opferkonzept auf Juden in der NS-Zeit bezieht.118 Im Kommentar werden sowohl die Widerstandskämpfer in Frankreich als auch die Menschen in Gaza bzw. die Hamas genannt. In Bezug auf das historische Täterkonzept nennt der Schreiber Hitler bzw. die „Besatzung Hitlers“. Der Vergleich bezieht sich auf die im Widerstandskampf gegen die Besatzung eingesetzten Mittel (Tertium Comparationis; der Schreiber nennt zwar ebenso das Recht auf Selbstverteidigung, vergleicht diesen Aspekt aber nicht mit den Verhältnissen des französischen Widerstandes). Das Adverb auch bildet den Junktorersatz. Der Kommentar steht insofern für einen impliziten Modalitätsvergleich, der im Gegensatz zu bisherigen Vergleichen hinsichtlich des NS-Szenarios einen anderen Schwerpunkt setzt.119 Fast mit identischen sprachlichen Mitteln wird im folgenden Beitrag ein Äquivalenzverhältnis von Palästinensern und dem französischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus vermittelt: (9) „Ich streite zB. seit Jahren mit meiner Mutter. Ihr Vater wurde von der Résistance bei einem Bombenanschlag getötet. Ich sage, Pech gehabt, die Franzosen durften sich wehren mit allem was sie hatten gegen die Besatzer. Das gesehe ich den Palästinensern auch zu […]“ (Leserkommentar, Die Zeit, 17.06.2014)

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Auch wenn es sich bei der Résistance streng genommen um eine Widerstandsbewegung und nicht um Opfer NS-Deutschlands handelt, verstehe ich sie als weitere Ausformung eines historischen Opferkonzepts. Bei der hier vorliegenden Realisierung des Äquivalenzverhältnisses von NS-Deutschland und Israel ist die Projektion der Rolle des Aggressors auf Israel entscheidend. Selbstverständlich liegt in diesem Falle keine klassische Täter-Opfer-Umkehr vor, wie sie bei Unterstellung eines gegenwärtig von Israelis verübten und gegen Palästinenser gerichteten Genozids gegeben ist. Dennoch wird durch Dämonisierung Israels als expandierenden NS-Staat und durch Relativierung der NS-Verbrechen in den besetzten Gebieten Frankreichs die NS-Analogie etabliert, was wiederum zur Entlastung des deutschen Kollektivs führen kann. Insofern weisen entsprechende NS-Vergleiche mit Bezug auf die Résistance oder den Widerstand in Osteuropa Ähnlichkeiten mit den in IV.2 und IV.3 vorgestellten Kolonialismus- und Apartheid-Vergleichen auf. 119 Die Entscheidung, bei Bezugnahme auf die Hamas die Résistance als Erstere perspektivierendes Komparandum zu verwenden, kann u. U. damit zusammenhängen, dass ein Vergleich zwischen dem Handlungsspielraum von Juden in der NS-Zeit sowie dem Handeln der Terrororganisation selbst jenen Schreibern abwegig erscheinen muss, die eine Wiederkehr von NS-Verhältnissen im Nahen Osten unterstellen.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Besagtes Äquivalenzverhältnis wird vom Schreiber unter Rekurs auf eine private Auseinandersetzung kommuniziert. Deutsche sowie Israelis bleiben im Kommentar unerwähnt. Durch Kontext- und Weltwissen kann der Leser indes vermuten, dass der Großvater des Schreibers Deutscher war und insofern im Kommentar für das historische Täterkonzept steht. Darüber hinaus kann er über die Anspielung Résistance den NS-Bezug des Kommentars inferieren, der zudem durch die Lexeme Franzosen und Besatzer gestärkt wird. Durch die Nennung des gegenwärtigen Opferkonzepts wird auf den Nahostkonflikt verwiesen. Es geht in dem Kommentar um den Widerstand der Résistance, um Anschläge gegen Deutsche sowie um den durch einen Anschlag verursachten Tod des Großvaters. Das Adverb auch stellt den Junktorersatz dar, durch den eine Äquivalenzsetzung hinsichtlich des Tertium Comparationis (sich zur Wehr setzen/Anschläge durchführen) von französischem Widerstand und der Hamas realisiert wird. Dadurch wird gegen Israel gerichteter Terror implizit gerechtfertigt. Die unbekümmerte, auf den Tod von Vertretern der beiden Täterkonzepte referierende Formulierung „Pech gehabt“ spiegelt jene emotionale Haltung wider, mit der ein Teil der Zeit-Kommentatoren Gewalt gegen Israelis begegnet (zu Empathieverweigerung s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 91 ff.). In den bisherigen Beispielen wurde deutlich, dass der Junktorersatz aus alternativen, wie ersetzenden Formulierungen bestehen kann. Ein Junktorersatz wird jedoch ebenso durch sich wiederholende Wortwahl konstituiert. Im Folgenden werde ich zeigen, wie Schreiber auf diese Weise einen impliziten Modalitätsvergleich realisieren (Kriterium 2): (10) „Es gibt hier wohl doch noch ein paar mehr Menschen als anderswo, die aus unserer Geschichte die richtigen Lehren ziehen und nicht die Verbrechen des Naziregimes dadurch ‚sühnen‘ wollen dass sie neue rassistische Verbrechen unterstützen. Millionen Menschen haben hier einst die Nazi-Hasspropaganda gegen die Juden geglaubt. Dass jetzt wenigstens einige nicht mehr auf die Hasspropaganda gegen die Palis-die-an-allem-selber-schuld-sind hereinfallen, ist doch ein ermutigendes Zeichen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 10.07.2014)

Zu Anfang wird deutlich, dass der Schreiber ein besonderes Verantwortungsbewusstsein jener Deutschen unterstreicht, „die aus unserer Geschichte die richtigen Lehren“ gezogen haben (zu Selbstlegitimierung s. III.3.1). Über die Betonung einer deutschen Verantwortung wird die Etablierung der NS-Analogie eingeleitet: Das (in Anführungszeichen gesetz-

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IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

te)120 „Sühnen“ von „Verbrechen des Naziregimes“ komme nicht dadurch zustande, dass man „neue rassistische Verbrechen unterstütz[e]“. Neben der Wiederholung von „Verbrechen“ wird mittels „Hasspropaganda“ (gestärkt durch Ort- und Zeitdeiktika: „hier einst“ und „jetzt“) eine Parallelität der Verhältnisse in deutscher Vergangenheit und israelischer Gegenwart implikatiert. Eindeutige Bezüge zum historischen Täterkonzept werden zweimalig, im Rahmen der Komposita „Naziregimes“ und „NaziHasspropaganda“ hergestellt; auch beide Opferkonzepte werden genannt. Dieser Kommentar weist somit zwei implizite Modalitätsvergleiche auf, welche die NS-Analogie etablieren. Im nächsten Kommentar wird der Junktor durch einen indirekten Sprechakt – durch eine den Kommentar abschließende rhetorische Frage – ersetzt (s. III.2.3.1, Kriterium 2). Der Schreiber behauptet indirekt ein Äquivalenzverhältnis von israelischen Militäraktionen in Gaza und dem Holocaust: (11) „Gaza ist umringt -ohne jegliche rechtliche Möglichkeit. Israel bestimmt den Umfang der Gelder, der Produktlieferungen, der Wasserversorgung und Co.. Sie sind die Macht dort […] Sind wohl Bombenhagel der Menschen in Gaza weniger schlimm (+ Todeszahlen), wie die Gräultaten in Konzentrationslagern?“ (Leserkommentar, Die Zeit, 02.08.2014)

Die gegenwärtigen Täter- und Opferkonzepte werden im Kommentar expliziert; auf die NS-Opfer wird lediglich angespielt; die NS-Täter bleiben ungenannt. Bemerkenswert ist, dass der Schreiber in besagter rhetorischer Frage das Kompositum Bombenhagel verwendet. Dieses findet sowohl in Bezug auf die Bombardierung deutscher Städte wie Dresden durch die Alliierten als auch Londons durch die Nazis Verwendung (zu onomastischen Anspielungen s. IV.1.3.2). In der erwähnten rhetorischen Frage wird ein Komparativvergleich („weniger schlimm“, s. III.2.4.1) hinsichtlich des Tertium Comparationis (= des Leidens) vermittelt. Würde dieser indirekte ____________________ 120

Die Verwendung von Anführungszeichen drückt Distanziertheit des Schreibers zum kommunizierten Bedeutungsgehalt aus. Im israelkritischen bis -feindlichen Diskurs wird häufig von der „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ gesprochen, wodurch Sprecher/Schreiber mittels Satzzeichen Israel diesen Status in Abrede stellen. So wie der Schreiber des o. g. Kommentars Sühne mit diesen Satzzeichen versieht, wird in anderen Kontexten ebenso das Lexem Schuld bedacht, wodurch besagte indirekte Infragestellung der wortwörtlichen Bedeutung realisiert wird. Häufig in Verbindung mit einem entsprechend distanzierenden Sprachgebrauch wird die Notwendigkeit einer Erinnerungskultur sowie die Verantwortung für selbige zurückgewiesen, ohne dies sprachlich explizieren zu müssen.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Sprechakt in einen direkten überführt, so würde er lauten: Der „Bombenhagel [auf die] Menschen in Gaza“ sei genauso schlimm „wie die Gräu[e]ltaten in Konzentrationslagern“ (optional kann auch ein Komparativvergleich folgen, der den „Bombenhagel“ im Verhältnis zur Komparationsbasis als schlimmer perspektiviert). Folglich etabliert der Schreiber die NS-Analogie, indem er einen impliziten Äquativ, sprachlich realisiert über eine rhetorische Frage, vermittelt. Im folgenden Zitat wird eine Äquivalenzsetzung der Opferkonzepte hinsichtlich eines Tertium Comparationis realisiert. Der Junktorersatz kommt durch einen Bedingungssatz zustande (Kriterium 2): (12) „[man] muss […] den palästinensern zugestehen zu argumentieren: wir bombadieren israel, damit uns arabern nicht das passiert, was den juden im dritten reich passierte. wir sorgen ‚nur‘ vor!“ (Leserkommentar, Die Zeit, 18.06.2014)

Es werden beide Opfer- und das gegenwärtige Täterkonzept genannt. Auf das NS-Szenario verweist der Schreiber mittels „im [D]ritten [R]eich“. Bei diesem Beispiel handelt es sich um einen impliziten NS-Vergleich, bei dem im Zuge eines Bedingungssatzes (A macht X, damit Y nicht passiert) ein Äquivalenzverhältnis der beiden Opferkonzepte in Bezug auf das Tertium Comparationis (= Massenmord) realisiert wird. Gemäß Schreiber würde Arabern Massenmord drohen, wenn sie nicht Gewalt anwendeten. Zu dieser Aussage wahrt der Schreiber Distanz, indem er mittels fiktiver Rede stellvertretend das gegenwärtige Opferkonzept zu Wort kommen lässt (zu Rechtfertigung s. III.3.2). Im Zuge dieser Rede wertet das gegenwärtige Opfer- den Terror gegen das gegenwärtige Täterkonzept als präventive Maßnahme gegen die Aussicht eines Massenmordes. Die mittels fiktiver Rede realisierte Distanz des Schreibers wird beschränkt, indem er konzediert, man müsse dem Opferkonzept diese Reklassifikation „zugestehen“. Aus der Rechtfertigung dieses Blickwinkels folgt in der Konsequenz die Rechtfertigung jener Gewalt, die sich gegen ein mit NSDeutschland implizit verglichenes Israel richte. Auch über irreale Bedingungssätze kann ein Junktorersatz konstituiert werden (Kriterium 2). Der Schreiber des folgenden Kommentars verweist auf den Eroberungs- und Vernichtungskrieg NS-Deutschlands und setzt diesen in Beziehung mit dem referierten Sachverhalt in Nahost: (13) „Es ist völlig unverständlich, warum Israel als einziger Staat der Erde keine festen Grenzen hat. […] Wenn ich hier Kommentare lese, die widerrechtlich besetztes Land als Beute deklarieren, stellt sich mir die Frage, ob diese Kommentatoren auch meinen würden, wenn Hitler den Krieg nicht verloren

192

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit hätte, wäre es legitim die eroberten Gebiete als rechtmäßiges Territorium Deutschlands anzusehen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 11.11.2012)

Der Schreiber übt Kritik an der Außen- und Siedlungspolitik Israels und adressiert in seiner Kritik ebenso andere Zeit-Kommentatoren, die in seinen Augen die Existenz besetzter Gebiete rechtfertigen würden. Im Rahmen einer indirekten Frage („[…] stellt sich mir die Frage, ob diese Kommentatoren […]“) legt der Schreiber im Zuge eines irrealen Bedingungssatzes („[…] wenn Hitler den Krieg […], wäre es legitim […]“) eine Vergleichbarkeit beider Szenarien – des NS-deutschen Eroberungskrieges und der israelischen Siedlungspolitik nach 1967 – nahe. Er expliziert hierbei das historische Täterkonzept durch Nennung von Hitler und Deutschland. Es ist insofern eine Kritik an einer anderen Kommentatoren unterstellten Rechtfertigung israelischer Politik, über die der Schreiber andeutet, Israel erinnere an eine Expansionsmacht, deren besetzte Gebiete diese als Raubgut ansehe. Im folgenden Kommentar wird erneut ein irrealer Bedingungssatz als Junktorersatz verwendet (Kriterium 2) – dieses Mal allerdings, um eine Äquivalenzsetzung zwischen der Hamas und der französischen Résistance zu realisieren: (14) „Sie irren hingegen, wenn Sie die (vermeintliche) Hamas-Charta anführen, um Widerstand zu diskreditieren. Dieser kann allenfalls durch tatsächliches terroristisches Handeln delegitimiert werden, bspw. durch gezielte Gewalt gegen Zivilisten. Was in einer programmatischen Charta steht, hat darauf zunächst einmal keinen Einfluss. Wenn bspw. die französische Resistance seinerzeit die Vernichtung Deutschlands als programmatisches Ziel formuliert hätte, wäre deswegen noch lange nicht der Widerstand gegen deutsche Truppen in Frankreich delegitimiert worden.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 14.11.2012)

Durch die – als beispielhaft ausgewiesene – Nennung der Wortverbindung französische Résistance wird auf den Widerstand gegen NS-Deutschland angespielt. Zudem wird das historische Täterkonzept zweimal expliziert. Zwischen der Résistance und der (ebenso explizierten) Hamas wird durch den Bedingungssatz („[w]enn bspw. die französische Resistance […] formuliert hätte, wäre […]“) eine Vergleichbarkeit behauptet. Zu Anfang des Kommentars lehnt der Schreiber mit Blick auf die Hamas-Charta die Diskreditierung des von der Hamas ausgehenden „Widerstand[es]“ ab – im Kontext des soeben genannten Bedingungssatzes greift er die Möglichkeit der Delegitimierung von Widerstand (hier allerdings desjenigen der Résistance) wieder auf und bestreitet diese auch hier (Widerstand wird also wiederholt, um auf das Handeln der Résistance zu verweisen; zweiter Junktorersatz im Beispiel). Infolge der Äquivalenzsetzung der Praxen bei193

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

der Opferkonzepte wird über die indirekte Rechtfertigung des Widerstandes der Résistance (s. hierzu auch Fußnoten 118 und 119) Hamas-Terror gerechtfertigt und aufgewertet. Diese rechtfertigende Aufwertung wird eingangs noch gestärkt durch die implizite Zurückweisung des Sachverhalts, dass sich die Hamas terroristisch betätigt. Der Schreiber argumentiert, dass nur durch „tatsächliches terroristisches Handeln“ Widerstand diskreditiert werden könne. Der Leser kann folglich die Implikatur ziehen, dass der Schreiber die Existenz genau dieses Sachverhalts in Bezug auf die Hamas bestreitet. Zudem sei hier angemerkt, dass in dem Kommentar nicht nur der antisemitische Inhalt der Hamas-Charta (s. Pfahl-Traughber 2011), sondern auch deren Einfluss auf das konkrete Handeln der Terrororganisation relativiert wird. Damit negiert der Schreiber das Potenzial von Sprache (hier in Form eines politischen Programms), die außersprachliche Wirklichkeit zu gestalten (s. hierzu III.1). Nun werde ich Beiträge erläutern, in denen Schreiber eine Reihe (teils konstruierter)121 ihre Perspektivierung stärkender Argumente anführen, um eine grundsätzliche Vergleichbarkeit zwischen Israel und NS-Deutschland zu unterstellen (Kriterium 3): (15) „Israel liefert Nahrungsmittel nach Gaza. […] Hitler seine Gefolgsleute brachten auch Nahrung in die KZs. Einzäunen tat man damals, sowie Israel heute, geschmuggeld wurde damals wie heute. Auch damals ging es um rassistische Motive, darum geht es auch heute.... Wo ist der einzige Unterschied? Die Ermordung von Leuten wird heutzutage den Opfern in die Schuhe geschoben und nicht dem Täter. Dies ist ein grosser Unterschied, welcher die Sache nicht besser macht.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 25.07.2014)

Innerhalb dieser im Kommentar erkennbaren Argumentationskette werden Modalitätsvergleiche in Bezug auf verschiedene Einzelaspekte realisiert („liefert Nahrungsmittel“; „[e]inzäunen“; „geschmuggel[t]“), wobei die wiederholt verwendete Zeitdeixis „damals“ auf die (mittels der Lexeme „Hitler“ und „KZs“ eindeutig referierte) NS-Zeit verweist. Das Lexem ____________________ 121

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Die von den Kommentatoren benannten Vorgänge und/oder Zustände können in Bezug auf den Nahostkonflikt/Israel tatsächlich vorliegen. Dies bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass diese als Argumente verwendeten Benennungen eine Gleichsetzung Israels mit NS-Deutschland rechtfertigen. Die in (15) genannten Praxen Einzäunen oder Liefern von Nahrungsmitteln sind weder für das historische noch für das gegenwärtige Szenario Alleinstellungsmerkmale, werden jedoch als Argumente für eine (angedeutete) grundsätzliche Vergleichbarkeit angeführt.

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

„heute“ bezieht sich auf das Nahostszenario, welches beim Leser im Kotext über die Lexeme „Israel“ und „Gaza“ aktiviert wird. Besagte Einzelaspekte werden miteinander durch die wiederholte Verwendung von Junktor und Junktorersatz („wie“, „so[ ]wie“ und „auch“) verglichen. Durch das Arrangement einzelner Argumente, die wiederum mehrere Analogieschlüsse auslösen, wird ein grundsätzliches Äquivalenzverhältnis der Verbrechen NS-Deutschlands und unterstellter Praxen Israels behauptet und resultierend daraus beide Staaten auf eine Stufe gestellt. Final legt der Schreiber durch die rhetorische Frage „Wo ist der einzige Unterschied?“ und die vorausgehenden Auslassungszeichen nahe, man könne die im ersten Teil aufgezählten Argumente endlos weiterführen und – bereits auf Basis der genannten Argumente – die besagte grundlegende Entsprechung von Israel und NS-Deutschland ausmachen. Der Schreiber schränkt diese Gleichsetzung ein, indem er auf persuasive Weise den seiner Meinung nach „gro[ß]e[n] Unterschied“ zu NS-Deutschland herausstellt: Die hier als „Täter“ perspektivierten Israelis würden nicht für die „Ermordung von Leuten“ verantwortlich gemacht, sondern die „Opfer“, d. h. die Palästinenser, würden zur Rechenschaft gezogen. Dieser Lesart folgend, würden die als Täter perspektivierten Israelis über einen SONDERSTATUS verfügen, aufgrund dessen man ihnen selbst rassistisch motivierten Mord durchgehen lasse und sie im Unterschied zu den für die NS-Verbrechen Verantwortlichen von jeder Schuld freispreche (zu SONDERSTATUS s. SchwarzFriesel/Reinharz 2013: 151, 206). Im Zuge dieser Unterstellung erfährt die Dämonisierung von Israelis eine Steigerung, die über die Täter-OpferUmkehr hinausreicht. Im folgenden Kommentar werden zahlreiche Argumente zugunsten einer Vergleichbarkeit der Lebensbedingungen der Opfer- sowie der Täterkonzepte gelistet (Kriterium 3): (16) „Gaza Ghetto […] viele Einzelheiten erinnern mich an das Warschauer Ghetto : Z.B. das Eingeschlossensein, die Überbevölkerung, die entsetzlich beengten Wohnverhältnisse, die Hoffnungs- und Zukunftslosigkeit, das Tunnelsystem, durch das auch im Warschauer Ghetto Waffen und Lebensmittel geschmuggelt wurden, ab und zu auch der Ausbruch weniger Menschen zu verzweifelten ‚Vergeltungsangriffen‘ gegen die Besatzer, die immer zum Scheitern führten. Dann das plötzliche und unvorhersehbare Auftauchen der bewaffneten Deutschen Militärmacht , die alles kurz und klein schlug, bombte, tötete und alle Leute verhaftete , die die Nazis für gefährlich hielten. Es gibt tatsächlich viele Parallelen. Am Ende kämpften die Insassen des Warschauer Ghettos einen verzweifelten und verlorenen Kampf gegen die bis an die Zähne bewaffneten Deutschen. Und zwar kämpften sie mit Waffen, die sie sich ebenfalls durch die Tunnelgänge von außen besorgt hatten. Einer der wenigen Unterschiede zwischen damals und heute ist, dass die Weltgemein-

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien schaft die Palästinenser nicht ganz fallen lässt und mit Medikamenten, Lebensmitteln und notwendigen Gütern über Wasser hält. Das hatten die Leute im Warschauer Ghetto nicht. Aber die düstere Seelenlage ist bestimmt die gleiche.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 19.07.2014)

In dem Beispiel lässt der Schreiber das gegenwärtige Täterkonzept ungenannt. Dafür expliziert er mehrmals das historische Täterkonzept („Nazis“, „Deutsche“, „Deutsche Militärmacht“, „Besatzer“) sowie das gegenwärtige Opferkonzept („Palästinenser“). Auf Juden als historisches Opferkonzept wird mehrfach über onomastische Anspielungen verwiesen (viermalige Nennung des Warschauer Ghettos; „Insassen“). Der Schreiber perspektiviert zudem im Header Gaza als Ghetto. Dies ist als impliziter Artvergleich der Opferkonzepte durch ortsbezogene Anspielungen zu interpretieren. Gestützt wird diese Lesart zudem durch den folgenden Satz, in dem über einen Junktorersatz („erinnert mich an“) das gegenwärtige mit dem historischen Szenario (spezifiziert durch „Warschauer Ghetto“) verglichen wird. Daraufhin werden diese Unterstellung tragende Argumente gelistet. Der Schreiber nennt historische Fakten zum Warschauer Ghetto sowie zu dort stattgefundenen NS-Verbrechen. Durch Anführung dieses historischen Detailwissens rechtfertigt er seinen Standpunkt (s. III.3.2). Die detaillierte Darstellung der Lebensverhältnisse im Warschauer Ghetto kann zu einer Emotionalisierung des Lesers führen (s. III.1.6), bei ihm Gefühle der Ablehnung oder gar des Hasses auslösen. Aufgrund der eingangs vorgenommenen Äquivalenzsetzung hinsichtlich des Tertium Comparationis (verschiedene Lebensbedingungen) wird die Gültigkeit aller Argumente auch für das Nahostszenario implizit behauptet. Die soeben erwähnten Gefühle können folglich auf das gegenwärtige Täterkonzept übertragen werden. Von der Darstellung des historischen Opferkonzepts wechselt der Schreiber dann zum historischen Täterkonzept und beschreibt dessen brutales Vorgehen. Die Äquivalenzsetzung hinsichtlich verschiedener Tertia Comparationis wird im Anschluss noch zusätzlich durch den Junktorersatz „Es gibt tatsächlich viele Parallelen“ gestärkt, um daraufhin erneut auf das Opferkonzept zu sprechen zu kommen. Schließlich behauptet der Schreiber, dass es „wenige[…] Unterschiede“ zwischen dem historischen und gegenwärtigen Szenario gebe. Hier kann der Leser inferieren, dass die zuvor erwähnten Argumente, die einer Äquivalenzsetzung dienen, unbegrenzt fortgeführt werden könnten. Die Anführung mehrerer Argumente zugunsten einer angedeuteten grundsätzlichen Vergleichbarkeit Israels mit NS-Deutschland lässt sich ebenso im folgenden Beitrag ausmachen (Kriterium 3). Dieser folgt auf

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IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

einen Kommentar, in dem auf die israelische Belieferung Gazas mit Lebensmitteln und anderen Gütern hingewiesen wird: (17) „Ich denke in den KZs in Deutschland kamen auch immer wieder Lastwagen an mit Nahrungsmitten und sonstigem (damit meine ich nicht Juden). Ich denke die meisten Nahrungsmittel haben damals auch die Feinde der Juden in die KZs gebracht, niemand anderes. Und jetzt bringt halt Israel Nahrungsmittel in das KZ Gaza.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 25.07.2014)

Der Schreiber expliziert das gegenwärtige Täter- ebenso wie das historische Opferkonzept und benennt damit jene Gruppen konkret, anhand derer die (den deutschen Entlastungsantisemitismus auszeichnende) TäterOpfer-Umkehr gebildet wird (s. II.1.3). Gemäß Schreiber haben „die Feinde der Juden“ (= offene Anspielung auf das historische Täterkonzept) die KZs mit Nahrung beliefert – heute verhalte sich Israel genauso. Dies kann der Leser schon allein anhand der sich wiederholenden Wortwahl beider Sätze erschließen („Nahrungsmittel haben […] die Feinde der Juden in die KZs gebracht, […] jetzt bringt […] Israel Nahrungsmittel in das KZ“). Die Äquivalenzsetzung bezieht sich in diesem Korpusbeispiel folglich auf das Tertium Comparationis und wird durch den zweimaligen Gebrauch des Adverbs auch zwischen beiden Argumenten sowie durch Zeitdeiktika („damals“ und „jetzt“) gestärkt. Die Gleichsetzung zwischen Gaza und einem KZ kommt außerdem zustande, indem Letzteres als Attribut von Ersterem ausgewiesen wird („KZ Gaza“). Dies ist erneut als ein Beispiel für einen impliziten Artvergleich der Opferkonzepte durch ortsbezogene Anspielungen zu werten (zu diesem Vergleichstypus s. auch IV.3). Im Kommentar (10) war bereits die Rede von einer deutschen Verantwortung, sich infolge von Lernprozessen gegen gegenwärtiges Unrecht zu wenden. Im folgenden Beitrag wird diese Verantwortung auf die Nachkommen der NS-Opfer ausgedehnt. Die NS-Analogie wird durch eine Reihung von Argumenten etabliert (Kriterium 3): (18) „Schuldig in Vergangenheit und Gegenwart. Ich frage mich, ob die mangelnde, aus meiner Sicht einseitige Berichterstattung mit der Altschuld der Deutschen zusammenhängt. Ein ‚Argument‘ der sog. Israelfreunde ist ja immer, gerade wir dürften Israel wegen unserer Schuld am Holocaust niemals kritisieren. Wer aber die Nachkommen der damaligen Opfer bei ihren heutigen Verbrechen unterstützt, sühnt keine Schuld sondern macht sich nur noch mehr schuldig. Damals haben sich die Deutschen von der Propaganda einreden lassen, Juden seien ‚Untermenschen‘. Heute unterstützen sie ein Regime, dessen Anhänger Araber für ‚sowas wie Tiere‘ halten […] und beweisen so, dass sie aus ihrer Verantwortung für die Verbrechen der Nazis NICHTS gelernt haben.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 20.07.2014)

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Eingangs bezichtigt der Schreiber deutsche Medien sowie die „sog. Israelfreunde“ der Einseitigkeit und reproduziert das Stereotyp des KRITIKTABUS („wir dürften Israel […] niemals kritisieren“). Außerdem wirft er diesen einen Mangel hinsichtlich eines deutschen Verantwortungsbewusstseins vor und mahnt, dass eine Unterstützung der Nachkommen die Schuld der Deutschen vergrößere. Für den Schreiber leitet sich aus der Schuld der Deutschen am Holocaust ab, Israel zu kritisieren, um dieser Schuld entgegenzuwirken. Die Kritikwürdigkeit Israels leite sich aus zwei Argumenten ab: Zum einen würden gegenwärtig „Verbrechen“ in Nahost vorliegen, die mit dem Holocaust vergleichbar seien. Das Lexem Holocaust wird im Kotext expliziert und mit „heutigen Verbrechen“ in ein Verhältnis gesetzt. Diese Gleichsetzung von Verbrechen wird gestärkt durch die finale Verwendung von Verbrechen im explizierten NS-Szenario. Neben diesem Argument erstreckt sich der in diesem Beitrag erkennbare implizite Modalitätsvergleich (bezogen auf das Handeln der Täterkonzepte) auf ein weiteres Tertium Comparationis: die „Propaganda“. Kritik an Israel, welches der Schreiber als „Regime“ perspektiviert, sei gerechtfertigt, da Israel Araber dehumanisiere. Dies wiederum sei gleichzusetzen mit NS-Propaganda, die Juden als „Untermenschen“ bezeichnete (zu NS-Vokabular s. IV.1.3.3). Die unterstellte Parallelität wird zudem durch Zeitdeiktika gestärkt („Damals haben die Deutschen […]. Heute unterstützen sie ein Regime […]“). Das nächste Beispiel zeichnet sich dadurch aus, dass die Vergleichsglieder X und Y in der Vergleichskonstruktion X ist wie Y weder für Täterund/oder Opferkonzepte noch für ein Tertium Comparationis stehen. Stattdessen werden im Kommentar über die Vergleichskonstruktion (räumliche) Anspielungen miteinander verglichen, die sich wiederum jeweils auf die Konzepte und/oder ein Tertium Comparationis beziehen können. Hinsichtlich ebendieser Anspielungen konstituiert der Junktor ein Äquivalenzverhältnis (Kriterium 4, zu Anspielungen s. IV.1.3.2): (19) „Gaza kann man mit einem Konzentrationslager vergleichen. Nur die Methoden des Tötens waren völlig andere -mehr nicht.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 02.08.2014)

Laut dem Schreiber sei Gaza mit einem Konzentrationslager vergleichbar – einem Ort, an dem der Holocaust stattfand. Neben der ausbleibenden Nennung der Täter- und Opferkonzepte wird die Äquivalenzsetzung abgeschwächt, indem der Schreiber einerseits den Vergleich als Möglichkeit perspektiviert („kann man […] vergleichen“), andererseits die Verschiedenheit der „Methoden des Tötens“ (also des Tertium Comparationis) unterstreicht. Das oben erwähnte Mittel der Abschwächung hinsichtlich der 198

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

„Methoden des Tötens“ leitet zudem den Paralogismus ein, dass bis auf jene Methoden („Nur [diese] waren völlig andere -mehr nicht“) eine umfassende Parallelität zwischen an beiden Orten vorgenommenen Praxen vorliege (insofern auch Kriterium 3). Zum Schluss dieses Unterkapitels wird ein Kommentar vorgestellt, in dem die NS-Analogie über mehrere Sprachgebrauchsmuster etabliert wird (Kriterien 1, 3 und 7): (20) „das sich Geschichte immer wiederholen muss. einst haben die Nazis Juden in ganze Stadtvierteln eingeschlossen, und nun sehe ich ein ‚Volk‘ im Gazastreifen unter kompletter Abschottung. Nein, so kann es kein Miteinander geben. Ich vermute es wird nicht lange dauern und den Palästinensern wird ein eigener Staat zugestanden, wie den Juden damals.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 25.07.2014)

Der Schreiber nennt in seinem Kommentar beide Opferkonzepte sowie das historische Täterkonzept. Israelis als Akteure bleiben hingegen unerwähnt. Zum einen erfolgt am Ende des Beitrags ein expliziter Vergleich in Bezug auf das Zugeständnis staatlicher Unabhängigkeit (= Tertium Comparationis) hinsichtlich beider Opferkonzepte („den Palästinensern […] wie den Juden“, Kriterium 1), gestärkt durch Adverbien der Zeitangabe („damals“, „nicht lange“). Zusätzlich wird eine Vergleichbarkeit der Opferkonzepte durch die parallele Anordnung in Bezug auf das Tertium Comparationis „Abschottung“ gestützt, was gleichfalls durch Adverbien der Zeitangabe gestärkt wird („einst“, „nun“; Kriterium 3). Darüber hinaus setzt der Schreiber durch die im Header befindliche offene Anspielung („das[s] sich Geschichte immer wiederholen muss“, Kriterium 7, s. IV.1.3.4) einen zirkulären Geschichtsverlauf voraus und deutet damit an, dass sich die NS-Vergangenheit heute in Israel wiederholt. Des Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass der Schreiber das historisch im Rahmen rassistischer Weltdeutungen besetzte Lexem Volk verwendet. Er nutzt hierfür Anführungszeichen, was einerseits als Indikator angesehen werden kann, dass er sich über den problematischen Gebrauch dieses Lexems allgemein im rassistischen sowie spezifisch im NS-Kontext bewusst ist. Andererseits kann diese Darstellung auch als indirekte Unterstellung gedeutet werden, Israel sei eine entsprechende, rassistisch geprägte Perspektive auf Palästinenser zu eigen (s. auch IV.1.3.3). Angesichts der o. g., vom Schreiber herausgestellten Parallelität erscheint die zweite Lesart plausibel.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Zwischenfazit Dieses Unterkapitel führt Formen impliziter Vergleiche mit minimaler Abschwächung vor Augen, die auf der Nennung von Täter- und Opferkonzepten basieren. Die erläuterten Sprachgebrauchsmuster entsprechen den Kriterien 1 bis 4. In beiden Messzeiträumen finden bei Vergleichen die Täterkonzepte selten Erwähnung. Vielmehr stehen die Opferkonzepte im Vordergrund, deren Vergleichbarkeit (über einen Junktor oder Junktorersatz) vorrangig in Bezug auf ein Tertium Comparationis behauptet wird (= implizite NSModalitätsvergleiche). Dies gilt insbesondere für den Messzeitraum 2012. Im Messzeitraum 2014 hingegen sind das Arsenal der Verbalisierungen sowie die inhaltlichen Bezüge umfangreicher. Zwar bleibt im zweiten Messzeitraum ein expliziter Vergleich zwischen den klar benannten Opferkonzepten aus (Kriterium 1). Es konnte jedoch ein maßgeblicher Anstieg von Vergleichen mit Junktorersatz verzeichnet werden (Kriterium 2). Das auch im Messzeitraum 2014 im Vordergrund stehende Tertium Comparationis kann sich auf unterstellte Verbrechen, Sippenhaft, Propaganda, Lebensbedingungen, Widerstandskampf und andere Aspekte beziehen. Gerade zur Rechtfertigung von Praxen der Hamas werden vermehrt Äquivalenzsetzungen von dieser und der französischen Résistance erkennbar, wodurch Erstere als legitime Widerstandsbewegung perspektiviert und aufgewertet wird. Schließlich kann der Leser inferieren, dass sich die Terrororganisation lediglich gegen eine behauptete Besatzung durch ein mit NS-Deutschland vergleichbares Israel zur Wehr setze. Zudem kommt es im zweiten Messzeitraum zu einer frequenten Verwendung von Argumentreihen, aus deren Schlussfolgerungen wiederum ein umfassender Vergleich zwischen Israel und NS-Deutschland inferiert werden kann (Kriterium 3). Diesen Vergleichstypus ebenso wie Vergleiche, die allein über einen zwischen Anspielungen eingesetzten Junktor realisiert werden (Kriterium 4), konnte ich erst ab dem 2014er Messzeitraum – und ab dann regelmäßig – im Zeit-Kommentarbereich beobachten. Die hier vorgestellten NS-Vergleiche stellen zumindest im 2012er Messzeitraum zahlenmäßig einen nur kleinen Teil jener Sprachgebrauchsmuster dar, welche die NS-Analogie etablieren (was mit der oben erwähnten Explizitheit und Brisanz partiell abgeschwächter NS-Vergleiche zusammenhängen mag). 2014 steigt jedoch die Verwendungshäufig-

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IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

keit dieser impliziten Vergleichsmuster an.122 Die insgesamt verhältnismäßig geringe Frequenz dieser Vergleichsformen steht im Gegensatz zur Verteilung der in den folgenden Unterkapiteln behandelten Sprachgebrauchsmuster innerhalb des Zeit-Diskurses. IV.1.3.2 Implizite Vergleiche über onomastische Anspielungen In diesem Unterkapitel stelle ich jene impliziten Vergleiche vor, die über Anspielungen realisiert werden (Kriterium 5). Anspielungen stellen Formen „elliptische[r] Verständigung“ dar (Lennon 2001: 11, s. III.2.4.2) und dienen der Identifikation von Entitäten bzw. Sachverhalten. Bspw. können Schreiber über die bloße Nennung von Namen wie Goebbels das NSSzenario aktivieren. Durch diese Aktivierung innerhalb des Nahostdiskurses wird das Nahostszenario dementsprechend perspektiviert, ohne dass der Schreiber konkret auf diese historische Phase oder bestimmte Täteroder Opferkonzepte verweisen, geschweige denn die Vergleichskonstruktion X ist wie Y bemühen muss. Wenn Schreiber im Nahostdiskurs bspw. das Lexem Ghetto verwenden, so mag dies beim Leser vorerst einen Widerspruch auslösen. Basierend auf dem Kooperationsprinzip kann dieser jedoch von der durch den Schreiber (intentional) verletzten Maxime der Qualität ausgehen (Sage nichts, von dessen Wahrheit du nicht überzeugt bist, zu Maximen s. III.2.1) und infolgedessen inferieren, dass die Annahme der Existenz eines Ghettos in Nahost angebracht sei. Auf diesem Wege wird die NS-Analogie ohne sprachlich realisierte Vergleiche aktiviert. Namen wie Goebbels sind Beispiele für klassische onomastische Anspielungen. Anhand des soeben genannten Beispiels mit Ghetto wird bereits deutlich, dass der übliche Bezugsrahmen onomastischer Anspielungen ausgedehnt wird. Im Zusammenhang mit der hohen Zahl variierender Bezugnahmen auf NS-Deutschland und den Holocaust, der im Zeit-Kommentarbereich vorliegt, habe ich mich dafür entschieden, eine Erweiterung um mögliche Referenzen auf Orte, Handlungen, juristische Kategorien, Ideologien und durch Ideologien geprägte Sprache vorzunehmen, da deren symbolhafte, Szenarien aktivierende Verwendung gemäß dem Prinzip der klassischen onomastischen Anspielung funktioniert (s. Lennon 2001). Anspielungen liegen schließlich auch dann vor, wenn über eine feste, in der ____________________ 122

Zeit-Kommentatoren realisieren implizite NS-Vergleiche nach Kriterien 1 bis 4 im 2012er Messzeitraum 17 Mal, im 2014er Messzeitraum 49 Mal (s. Anhang).

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Sprachgemeinschaft bekannte Redewendung das NS-Szenario aktiviert wird. Bspw. spielt ein Schreiber bei Referenz auf Israels Militäroperationen in Gaza durch die Formulierung Jedem das Seine auf den Holocaust an (Rückgriff auf NS-Vokabular123, s. IV.1.3.3). Israel wird infolgedessen als NS-Staat dämonisiert, der über gezielte Militäroperationen einen Massenmord an Palästinensern verübe. Hinsichtlich des o. g. Lexems Ghetto könnte erwidert werden, dass dieses Lexem auf verschiedene historische Szenarien verweist und die Existenz von Ghettos nicht allein auf die NS-Zeit beschränkt ist. Die Geschichte der europäischen Juden ist zwar eng verzahnt mit ihrer Ausgrenzung in abgetrennten Wohnvierteln. Gleichzeitig lebten aber in der europäischen Geschichte auch andere Gruppen in Ghettos. In den meisten Fällen wird durch den Kotext (bspw. durch weitere, eindeutige Anspielungen) erkennbar, dass auf die NS-Zeit Bezug genommen wird. Des Weiteren kann davon ausgegangen werden, dass aufgrund des singulären Status der NS-Zeit und ihrer Verbrechen innerhalb der deutschen Geschichte sowie der Präsenz derselben im kollektiven Gedächtnis der Rückgriff auf das Lexem Ghetto bei deutschen Lesern (und Schreibern) zur Aktivierung des NS-Szenarios führt (s. II.1.1). Ebenso verhält es sich u. a. bei Komposita wie Vernichtungskrieg sowie Euphemismen wie Endlösung, Sonderbehandlung oder Eugenik (s. NS-Vokabular). Die Aktivierung hat nicht zuletzt auch mit der Nähe der Geschichte des eigenen Landes zum schreibenden bzw. lesenden Subjekt zu tun.124 Häufige onomastische Anspielungen im Zeit-Untersuchungskorpus sind Lexeme und Wortverbindungen wie bspw. Ghetto, Verbrechen gegen die Menschheit bzw. Menschlichkeit und kollektive Bestrafung. Sie treten im Zeit-Kommentarbereich in beiden Messzeiträumen frequent auf.125 Unter Zeit-Lesern ist bei Referenz auf Gaza gerade der Gebrauch des Lexems Ghetto in beiden Messzeiträumen sehr häufig auszumachen (s. auch Anhang): ____________________ 123

Da dem Rückgriff auf NS-Vokabular eine andere Spezifik zu eigen ist als durch Ghetto oder Warschau realisierte Anspielungen, behandle ich dieses Thema separat im Abschnitt IV.1.3.3. 124 S. auch meine Darlegungen zur Wirkungsweise von Anspielungen auf das British Empire und den Kolonialismus unter britischen Lesern in IV.2. 125 Im 2012er Subkorpus greifen Zeit-Kommentatoren 67 Mal auf onomastische Anspielungen zurück. Damit stellt sie das frequenteste sprachliche Mittel dar, mit dem die NS-Analogie im ersten Messzeitraum etabliert wird. 2014 verdreifacht sich die Verwendungshäufigkeit mit 172 Kommentaren (s. Anhang).

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IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit (21) „[…] das Verhalten Israels [ist] mit dem des geschlagenen Kindes vergleichbar […]. Die Juden haben Jahrhunderte gelitten und jetzt teilen sie in ihrem selbstkreierten Ghetto ordentlich Leid aus. Die Palästinenser sind eben für sie Menschen zweiter Klasse. […] Die aktuelle REgierung ist zu ideologisch um irgendwas zu verändern, so halt man sich weiter sein kleines eigenes Ghetto wo man bei Bedarf auch mal Zivilisten weggbombt und den Menschen das Leben zur Hölle macht.” (Leserkommentar, Die Zeit, 29.11.2012)

Zu Anfang personifiziert der Kommentator Israel durch einen Vergleich zwischen dessen Verhalten und dem eines „geschlagenen Kindes“, welches sich zur Wehr setzt (s. III.2.4.4). Im Zuge dessen wird das Stereotyp der RÜCKSTÄNDIGKEIT reproduziert und Israel indirekt aus einer sich durch Vernunft und Reife auszeichnenden Staatengemeinschaft ausgeschlossen (s. III.3.5). Mit Bezug auf die (im Folgenden angesprochene) Geschichte und Gegenwart der Juden stellt diese Perspektivierung zudem eine Relativierung von Antisemitismus dar (s. III.3.3). Daraufhin unterstellt der Schreiber Juden eine Genese von Opfern zu Tätern. Es fällt die sich wiederholende Wortwahl auf („Die Juden haben Jahrhunderte gelitten“ und „jetzt teilen sie […] ordentlich Leid aus“). Die Wortwiederholung ist als Junktorersatz zu verstehen, der allerdings nicht zwangsläufig eine Äquivalenzsetzung des Nahost- und NS-Szenarios einleiten muss. Schließlich expliziert der Schreiber durch die Zeitangabe, dass er auf die lange Geschichte der Judenverfolgung (und nicht etwa auf deren Klimax in der NS-Zeit) Bezug nimmt. Besagter Rückgriff auf das Lexem Ghetto (welches im Kommentar zweimal auftaucht) stellt eine Anspielung auf verschiedene historische Szenarien dar. Diese Vagheit wird durch die Wortfolge Menschen zweiter Klasse durchbrochen, mit welcher der Schreiber die Perspektive des gegenwärtigen Täter- auf das Opferkonzept charakterisiert und gleichfalls auf das historische Szenario der NS-Zeit anspielt. Somit greifen in diesem Beispiel zwei Anspielungen ineinander. Israel halte sich gemäß dem Schreiber nicht nur ein Ghetto, sondern durch den hergestellten NS-Bezug, der sich aus der Verzahnung der Anspielungen ergibt, wird das gegenwärtige Täterkonzept als neuer NS-Staat dargestellt. Israelische Praxen würden mit dem Nationalsozialismus vergleichbare Züge der Unterdrückung und Vernichtung aufweisen. Auch im folgenden Beitrag wird unterstellt, Palästinenser würden in Verhältnissen leben, die mit jenen von Juden in der NS-Zeit vergleichbar seien. Die Präsenz eines Ghettos wird jedoch abgeschwächt, mittels des indirekten Sprechaktes einer rhetorischen Frage (s. III.2.3.1), kommuniziert: (22) „Wer lebt eingezäunt in einer Art Ghetto ? […] sie [ein anderer Kommentator, M. B.] sind anscheinend mit dem Status quo zufrieden und halten es für

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien gut, das man die Palästinenser wie Untermenschen behandelt. Kollektive Bestrafung ist einer modernen aufgeklärten Welt nicht würdig.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 20.11.2012)

Die eingangs gestellte rhetorische Frage nach den Bewohnern des Ghettos wird im Folgenden vom Schreiber selbst beiläufig beantwortet, indem er die Palästinenser benennt. Neben deren Perspektivierung als GhettoBewohner wird die NS-Analogie durch die Anspielungen „Untermenschen“ und „kollektive Bestrafung“ etabliert. Gerade das Lexem Untermensch, welches im Verhältnis zu Ghetto einen deutlicheren NS-Bezug herstellt, findet sich in unzähligen Beiträgen (s. auch IV.1.3.3). Wie auch im vorherigen Beispiel tritt der NS-Bezug von Ghetto durch das Zusammenspiel mit Lexemen in den Vordergrund, die sich gleichfalls auf die NS-Zeit beziehen. Erneut werden Ausgrenzungsstrategien erkennbar, da der Schreiber die „moderne aufgeklärte Welt“ anführt, der die genannten Israel unterstellten Praxen „nicht würdig“ seien (s. III.3.5, zur Selbstlegitimierung des Schreibers, auch in Bezug auf das Selbstbild der Deutschen, s. III.3.1). Basierend auf der über Anspielungen realisierten Etablierung der NS-Analogie wird Israel aus der Welt- und Wertegemeinschaft ausgeschlossen und als rückständig perspektiviert. Im folgenden Beispiel greift der Schreiber ebenso auf die Formulierung „Gazaer Ghetto“ zurück. Es handelt sich hierbei um ein Zitat des Schweizer Politikers und Soziologen Jean Ziegler: (23) „‚Gazaer Ghetto‘ nennt es Jean Ziegler. Es kann nicht sein, dass Menschen über Generationen in Flüchtlingslagern eingepfercht sind und friedlich bleiben. Die Aktion ‚Gegossenes Blei‘, allein der Name Zynismus pur, war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Hat dieses Volk seine eigene Vergangenheit vergessen muss ich mich manchmal fragen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 19.11.2012)

Um einen NS-Vergleich nicht selbst vornehmen zu müssen, führen Schreiber Zitate von Autoritäten an. Zum einen vermeidet es der Schreiber auf diese Weise, die NS-Analogie mit eigenen Worten zu etablieren; zum anderen stärkt er die eigene Position durch Anführung der Meinung einer öffentlichen Person (Rechtfertigung s. III.3.2). Wie sehr der Schreiber mit der zitierten Perspektivierung und Bewertung Israels übereinstimmt, wird anhand der sich anschließenden Darstellung des Nahostszenarios deutlich. Auch wenn die Anspielung auf die NS-Zeit mittels „Gazaer Ghetto“ aus o. g. Gründen nicht eindeutig ist, so wird der Referenzrahmen, das NSSzenario, durch folgende Ausführungen geschärft. Zum einen referiert der Schreiber auf das Londoner Statut von 1945. Dort wurde der Tatbestand Verbrechen gegen die Menschheit (in Anlehnung an H. Arendt vermeide 204

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

ich die Verwendung des Lexems Menschlichkeit, s. Arendt 52006: 399) völkervertraglich festgelegt. Auch wenn dieser Fakt nicht jedem Leser bewusst ist, handelt es sich doch um eine Formulierung, die in medialen, politischen, juristischen sowie pädagogischen Kontexten eng mit der NSZeit verknüpft ist.126 Dieser Tatbestand wird nun im Kommentar auf Israels Militäroperation von 2008/9 übertragen. Durch das Lexem „allein“ deutet der Schreiber an, dass den folgenden Operationen ein ähnlicher Charakter zukomme. Durch die rhetorische Frage am Ende des Kommentars implikatiert er zudem, dass „dieses Volk“ – das israelische – das ihm unterstellte gegenwärtige Handeln an jenes Leid erinnern müsse, das den Juden in der Vergangenheit zugefügt wurde. Auf das NS-Szenario wird an dieser Stelle insofern mittels offener Anspielung verwiesen (s. IV.1.3.4). Die sich daraus ergebende Äquivalenzsetzung hinsichtlich Leiderfahrungen stützt insofern erneut die Lesart, dass Ghetto als Anspielung auf das NS-Szenario zu verstehen ist. In diesem Beispiel sind es folglich onomastische Anspielungen sowie eine offene Anspielung, mittels welcher die NS-Analogie etabliert wird. Im folgenden Korpusbeispiel aus dem 2014er Messzeitraum wird das Lexem Ghetto gleich dreimal verwendet und dessen Ambiguität durch Verzahnung mit weiteren Anspielungen präzisiert: (24) „[Die Israelis, M. B.] halten sich ihre Menschen zweiter Klasse in ihren Ghettos dort, regieren mit Gewalt und Schrecken (etwas das die Regierung der anderen Seite ständig vorwirft). […] Die Palästinenser sind in weiten Teilen immer moderaten obwohl sie in Ghettos mit Aufsehern leben die ihr Land unrechtmäßig besetzt halten. Wie lange will Israel noch den Aufseher spielen und in die Geschichte eingehen als einziges modernes Land das keine Diktatur ist, sich aber trotzdem Menschen ‚zweiter Klasse‘ in Ghettos hält?“ (Leserkommentar, Die Zeit, 17.06.2014)

Neben dem mehrmaligen Gebrauch von Ghetto wird der NS-Bezug durch die zweimalige Verwendung von Aufseher (eine Anspielung auf die Aufseher in den NS-Konzentrationslagern) hergestellt. Des Weiteren deutet der Schreiber mittels der Redewendung Menschen zweiter Klasse (ebenso zweimal im Kommentar) an, Israels politische Praxis weise Züge des dem ____________________ 126

Bezüge auf das Londoner Statut und den Tatbestand Crimes against Humanity finden sich inzwischen freilich universell. Sie werden trotz des historischen Kontextes häufig völlig ohne NS-Bezug verwendet (bspw. hinsichtlich des seit 2011 anhaltenden Bürgerkriegs in Syrien). Im Zusammenspiel mit dem o. g. Ziegler-Zitat sowie folgender Anspielung ist der Bezug auf die NS-Zeit indes eindeutig.

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Geschichtsbezogene Analogien

Nationalsozialismus inhärenten Rassismus auf. Er macht Israelis für „Gewalt und Schrecken“ sowie für Besatzung und Ghettoisierung verantwortlich. Die Palästinenser beschreibt er als größtenteils „moderat“. Die dichotome Bewertung beider Konfliktparteien gewinnt durch besagte Anspielungen an Schärfe. Dem vom Schreiber personifizierten Israel („Aufseher“) wird zwar Modernität zugewiesen, doch durch die Äußerung „als einziges modernes Land[,] das keine Diktatur ist“, zusammen mit der unterstellten Präsenz von „Menschen ‚zweiter Klasse‘ in Ghettos“ muss diese Zuweisung widersprüchlich erscheinen. Entsprechend ist der Schluss zu ziehen, dass die Bedingungen, Mitglied in der Wertegemeinschaft „moderne[r]“ Staaten zu sein, von Israel aufgrund seines an den Nationalsozialismus erinnernden Verhaltens nicht erfüllt werden. Im folgenden Kommentar wird die NS-Analogie über weitere Formen onomastischer Anspielungen etabliert. Die weiter oben bereits besprochene Andeutung einer Täter-Opfer-Umkehr wird auch hier erkennbar: (25) „Was für ein Elend. Es ist traurig und beschämend, dass Deutschland ein Land was doch so auf den Ausgleich seiner in der Vergangenheit begangenen Verbrechen bedacht ist, dem wohl faschistischsten Land dieser Erde permanent den Bauch streichelt. Paradoxerweise hatten die Menschen die der Verfolgung entkommen waren, nichts besseres zu tun, als ein anderes Volk (die Palästinenser) ihres Lands zu berauben, hinter eine Mauer zu sperren, ihnen ihre Pässe abzunehmen und der täglichen Gefahr auszusetzen von einem israelischen Soldaten erschossen zu werden.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 25.11.2012)

Der Schreiber etabliert die NS-Analogie in diesem Beitrag wie folgt: Er bezieht sich vorerst auf Deutschland, dem er eine „beschämend[e]“ Unterwürfigkeit gegenüber Israel vorwirft. Über den Satzteil „in der Vergangenheit begangenen Verbrechen“ spielt er auf das NS-Szenario an (s. offene Anspielungen in IV.1.3.4). Auch wenn ihm gemäß Deutschland in Bezug auf diese Verbrechen „doch so auf den Ausgleich […] bedacht“ sei, unterstütze es nun Israel. Der Leser kann inferieren, dass für den Schreiber hinsichtlich des besagten Verhaltens von Deutschland ein Widerspruch vorliege. Expliziert würde die Argumentation lauten: Ein Land, von dem historische Verbrechen ausgingen, unterstütze nun ein anderes Land, welches vergleichbare Verbrechen verübe. Um wiederum Israel diese Verbrechen zu unterstellen, nutzt der Schreiber im Rahmen einer SuperlativKonstruktion eine onomastische Anspielung („dem wohl faschistischsten Land dieser Erde“). Faschismus steht für eine politische Ideologie, bei deren Nennung im deutschen Kontext besonders das NS-Szenario aktiviert wird. Insofern perspektiviert der Schreiber mittels dieser Anspielung Israel nicht nur als vom Faschismus gezeichnet, sondern setzt das Land implizit 206

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

mit NS-Deutschland gleich (impliziter Artvergleich).127 Die Verwendung dieses Lexems (und nicht von Nationalsozialismus) kann zudem als Abschwächung eines NS-Vergleichs gesehen werden. Zudem wird dem jüdischen Staat, auf den der Schreiber auch über das Mittel des Pars pro toto Bezug nimmt („israelischen Soldaten“ stellvertretend für das israelische Militär bzw. Israel), im letzten Satz eine Reihe von Verbrechen unterstellt, die an Praxen des Nationalsozialismus erinnern (Rechtfertigung durch Faktizität, s. III.3.2). Hierdurch erfährt die Analogie eine zusätzliche Stärkung (impliziter Modalitätsvergleich). Auf das historische Opferkonzept kommt der Schreiber mittels offener Anspielung zu sprechen („die Menschen[,] die der Verfolgung entkommen waren“, s. IV.1.3.4). Auch ohne Hinzufügung weiterer Informationen kann über Weltwissensaktivierung auf das Szenario der nationalsozialistischen Judenverfolgung geschlossen werden. Die Nachkommen des historischen Opferkonzepts seien es heute, die ähnliche Verbrechen am gegenwärtigen Opferkonzept verüben würden. Die Äquivalenzsetzung hinsichtlich der Verbrechen wird zudem durch die Verwendung des Adverbs paradoxerweise zur Perspektivierung des israelischen Verhaltens angedeutet (zusätzlich gestützt durch die Formulierung „nichts [B]esseres zu tun“). Dieser Wortwahl liegt die Annahme zugrunde, dass gemäß dem Leser erneut ein Widerspruch in Bezug auf die Ausübung vergleichbarer Verbrechen aufgrund einstmaliger Opfererfahrung vorliege – diesmal bezogen auf das gegenwärtige Täterkonzept, und nicht – wie eingangs – bezogen auf die Nachkommen des historischen Täterkonzepts. In diesem Zusammenhang expliziert der Schreiber das gegenwärtige Opferkonzept. Im Gegensatz zu den Verfolgten der NS-Zeit bzw. den Israelis schreibt er dieser Gruppe keine aktive Rolle zu. Er charakterisiert ihr Dasein als von Entrechtung und täglicher tödlicher Bedrohung geprägt. In diesem Beitrag wird eine Äquivalenzsetzung beider Täterkonzepte realisiert. Diese fußt einerseits (neben der Nennung eines israelischen Soldaten) auf onomastischen sowie offenen Anspielungen. Über Erstere formt sich ein impliziter Art-, über Letztere ein impliziter Modalitätsvergleich zwischen Israel und NS-Deutschland. ____________________ 127

Bedingt durch den Superlativ kann hier argumentiert werden, dass der Schreiber gar einen Komparativvergleich andeutet, durch den die damaligen NSVerbrechen als zweitrangig im Verhältnis zu jenen perspektiviert werden, die der Schreiber heute Israel unterstellt. Diese Lesart verbleibt allerdings im Bereich der Spekulation.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Der Schreiber des nächsten Beitrags etabliert die NS-Analogie ebenso mittels Anspielungen sowie durch das Referenzpotenzial des Lexems Zynismus, mit dem er das Verhalten Israels vor dem Hintergrund der Geschichte charakterisiert: (26) „Auch wenn ihre vermeintliche Demokratie nicht die Kriterien eines faschistischen Staates per Definition […] erfüllt so erinnert ihre Außenpolitik schwer daran. Ein normales Leben wird den Menschen in Palästina unmöglich gemacht, Israel hat das größte Getto der Geschichte errichtet was für ein wahnsinniger Zynismus. […] Jedem steht das recht auf ein menschenwürdiges Leben zu, kann das jemand mit gesundem Verstand den seit 64 Jahren unterdrückten Palästinensern verwehren wollen?“ (Leserkommentar, Die Zeit, 25.11.2012)

Gleich vorab spricht der Schreiber durch die Verwendung des Wortes „vermeintlich“ Israel den Status einer Demokratie ab. Anschließend vergleicht er das Land mit einem „faschistischen Staat[…]“ über eine den Junktor ersetzende Formulierung („erinnert […] schwer daran“). Basierend auf dem o. g. Inferenzpotenzial von Faschismus wird hier nahegelegt, Israel sei dem Nationalsozialismus verwandt. Die NS-Analogie wird in dem Beispiel indes durch mehrere Faktoren etabliert. Der Eigenschaft der jeweiligen Anspielungen, nicht ausschließlich auf die NS-Zeit Bezug zu nehmen, widersetzt sich erneut ihre Zusammenführung im Rahmen dieses Kommentars: Neben den bereits erwähnten Zuschreibungen unterstellt der Schreiber Israel, „das größte G[h]etto der Geschichte errichtet“ zu haben. Über Ghetto wird einerseits eine bereits in den vorherigen Kommentaranalysen besprochene Anspielung auf die NS-Zeit vorgenommen; andererseits wird diese Unterstellung mittels eines sich auf die gesamte Geschichte beziehenden Superlativs ausgedrückt, wodurch der Schreiber die NSVerbrechen gegenüber den Verhältnissen in Nahost als nachrangig perspektiviert (Komparativvergleich, zu Relativierung s. III.3.3).128 Zudem bezeichnet der Schreiber die unterstellte Präsenz dieses Ghettos als „wahnsinnige[n] Zynismus“ und deutet damit zusätzlich eine Äquivalenzsetzung von Israel und NS-Deutschland an. Zynisch meint eine „Haltung zum Ausdruck bringend, die besonders in bestimmten Angelegenheiten, Situationen als konträr, paradox und als jemandes Gefühle missachtend und verletzend empfunden wird“ (s. Duden 2017, zum Lexem paradox ____________________ 128

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Eine alternative Lesart wäre hier, dass es sich um einen Bezug auf die Größe des Gazastreifens im Verhältnis zu den Ghettos in besetzten Städten während des Nationalsozialismus handelt, was allerdings im Hinblick auf die anderen Israel dämonisierenden Zuschreibungen im Kommentar unwahrscheinlich ist.

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

s. o.). Im Korpusbeispiel tritt die Dimension des vermeintlich Paradoxen, des Widersprüchlichen im Israel unterstellten Handeln in den Vordergrund. Die unterstellte Errichtung des „größte[n] G[h]etto[s]“ müsse gemäß dem Schreiber im Kontext der Geschichte des Antisemitismus widersprüchlich erscheinen. Hier wird folglich eine Täter-Opfer-Umkehr nahegelegt. Zudem seien laut dem Schreiber die Palästinenser erst mit der Staatsgründung Israels „unterdrückt[…]“ („seit 64 Jahren“) – die Herrschaftsphasen des British Empire sowie des Osmanischen Reiches werden dementsprechend indirekt als Phasen palästinensischer Freiheit perspektiviert (zu Doppelstandard s. II.1.3).129 Die final gestellte rhetorische Frage liest sich erneut als Rechtfertigung des palästinensischen Terrors. Dieser Kommentar ist zudem interessant, weil er auf den Zeit-Artikel „Merkel beklagt Antisemitismus in Deutschland“ (s. Die Zeit et al. 2012a) reagiert. Er steht insofern für die Tendenz, bei der Thematisierung von Antisemitismus in Deutschland auf unterstelltes Unrecht von Israel zu verweisen. Ich habe bereits auf die kommunikative Strategie hingewiesen, andere Zeit-Kommentatoren anzugreifen, um über diesen Zwischenschritt Israel zu dämonisieren. Im Folgenden wird diesen – und darüber Israel – völkisches Gedankengut unterstellt: (27) „Hier wurde nichts befreit sondern besetzt. Die Besiedelung ist nach der Genfer Konvention illegal. Sollte es einen religiösen Anspruch auf ein Gebiet geben, so folgt es einer quasivölkischen Argumentation. Deutsche Nationalisten haben ähnlich argumentiert wie sie [ein anderer Zeit-Kommentator, M. B.].“ (Leserkommentar, Die Zeit, 30.11.2012)

Unter völkischen Bewegungen sind antisemitisch-rassistische Gruppierungen zu verstehen, die Ende des 19. Jahrhunderts im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn großen Zulauf erhielten. Diese Gruppierungen waren als politische und ideologische Vorläufer für die Formierung der NSDAP richtungsweisend (s. Schmitz/Vollnhals 2005, Breuer 2008). Der Schreiber des Kommentars behauptet, israelische Ansprüche würden einer „quasivölkischen Argumentation“ folgen, wodurch er eine Vergleichbarkeit zwischen NS-Deutschland und Israel andeutet (das Adverb quasi ist

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Hier kann allerdings konzediert werden, dass die Unfreiheit von Palästinensern in anderen historischen Phasen eine andere Qualität besaß. Die vom Schreiber explizierten 64 Jahre umfassen jedoch auch den Zeitraum vor dem Sechstagekrieg, währenddessen sich die in den Kommentaren häufig problematisierte Siedlungspolitik im Westjordanland noch gar nicht stellte.

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Geschichtsbezogene Analogien

als Junktorersatz zu verstehen).130 Hinsichtlich der vorliegenden Verwendungsweise unterstellt der Schreiber eine Nähe zwischen völkischer Ideologie und religiösen Ansprüchen. Anschließend behauptet er, der andere Kommentator würde einer „[d]eutsche[n] Nationalisten“ entsprechenden Argumentation folgen (impliziter Modalitätsvergleich, ähnlich als Junktorersatz). Durch den zweimaligen Rückgriff auf die Argumentation bei beiden Unterstellungen wird deutlich, dass der Schreiber den anderen Kommentator sowie Israel hinsichtlich dieses Handelns auf eine Stufe stellt, letztgenannte Äquivalenzsetzung also auf den jüdischen Staat ausdehnt. Damit wird über einen Umweg die o. g. Unterstellung einer Vergleichbarkeit beider Täterkonzepte noch erhärtet. Von Zeit-Kommentatoren wird auch das Kompositum Vernichtungspolitik als Anspielung auf die NS-Zeit verwendet: (28) „Israel zu kritisieren, ist hierzulande schon eine heikle Angelegenheit. Wer dies trotzdem tut, wird als ‚Antisemit‘ oder ‚Nazi‘ beleidigt. Nebenbei spricht man von ‚historischer Schuld‘. Ich als 17jährige Schülerin trage aber gewiss keine Schuld an den NS -Verbrechen meiner Vorfahren. Mit dem Ausdruck ‚historische Verantwortung‘ kann ich mich allerdings halbwegs anfreunden. Doch ‚Verantwortung‘ bedeutet auch, dass ich den Israelis das BESTE wünsche (insbesondere weil dort auch Freunde von mir leben). Wenn ich Israel kritisiere, kritisiere ich die Vernichtungspolitik -nicht die Menschen, die dort leben und mit denen ich sehr herzlichen Kontakt pflege.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 04.08.2014)

Gleich vorab reproduziert die Schreiberin in Bezug auf Israel das Stereotyp des KRITIKTABUS, indem sie behauptet, Kritik an Israel würde zwangsläufig zu einem Antisemitismusvorwurf führen. Sie verweigert anschließend Kategorien einer „historischen Schuld“, schwächt besagte Verweigerung jedoch ab, indem sie eine „historische Verantwortung“ affirmiert. Bemerkenswert ist, dass die Schreiberin von Verbrechen „ihrer Vorfahren“ schreibt (diese also nicht auf Nazis bzw. den Staat einengt und damit – im Gegensatz zu anderen Zeit-Kommentatoren – eine kollektive Verantwortung der deutschen Wir-Gruppe andeutet). An dieser Stelle wird die bereits mehrmals vorkommende Figur des Lernens aus der Geschichte ____________________ 130

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Zwar ging das völkische Spektrum über den Nationalsozialismus hinaus, allerdings wird bei der gegenwärtigen Verwendung des Lexems völkisch in deutschen Äußerungskontexten primär das ideologische Fundament des Nationalsozialismus assoziiert (s. hierzu auch Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 182). In der o. g., von Schmitz und Vollnhals (2005) herausgegebenen Studie wird die Verflechtung von völkischen Bewegungen mit dem Nationalsozialismus herausgearbeitet.

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

(mit einer sich daraus ableitenden Verantwortung) erkennbar, die wiederum der Aufwertung nationaler Selbstbilder, der Selbstlegitimierung dient (s. III.3.1, im Beispiel ist auch rechtfertigend von israelischen Freunden die Rede, s. III.3.2). Aus besagter Verantwortung resultiere gemäß Schreiberin jedoch gerade auch eine kritische Haltung gegenüber Israel unterstellten Praxen. Es ist von einer „Vernichtungspolitik“ Israels die Rede, wodurch die Schreiberin über eine onomastische Anspielung einen NSBezug herstellt und Israel implizit einen mit den NS-Verbrechen vergleichbaren Völkermord unterstellt.131 Im folgenden Dialog wird die NS-Analogie zweimal und unter Verwendung verschiedener sprachlicher Mittel etabliert – sowohl über onomastische Anspielungen mittels Nennung von Namen und Orten als auch über offene Anspielungen (s. IV.1.3.4). Interessant ist hierbei, dass User B User A eine proisraelische Haltung unterstellt, auch wenn Letzterer selbst einen impliziten Vergleich zwischen NS-Deutschland und Israel realisiert: (29) User A: „Pazifismus begünstigt Verbrechen. Verbrechen zu akzeptieren schafft keinen Frieden, sondern den Boden für immer neue Verbrechen. Heiner Geißlers Aussage, wonach der Pazifismus Auschwitz erst möglich gemacht habe, gilt auch heute noch und nicht nur in Palästina.“ User B: „nciht nur Heiner Geißler. auch Adolf Hitler,, Josef Stalin,Dschingis Khan,,Ariel Sharon oder Benjamin Netanjahu haben oder halten von Pazifismus gar nichts..Wo sich Recht haben haben Sie recht.“ (Leserkommentare, Die Zeit, 20.07.2014)

In seinem Kommentar referiert User A auf die Gefahr, den von ihm unterstellten „Verbrechen“ in „Palästina“ tatenlos zuzusehen, und rechtfertigt diesen Standpunkt über den Verweis auf eine (die deutsche Schuld an der Shoah relativierende) Äußerung des Politikers Heiner Geißler (zur Anführung von Autoritäten s. III.3.2). Geißler kritisierte in einer 1983 vor dem Bundestag gehaltenen „Skandalrede“ die französische und britische Appeasement-Politik im Umgang mit NS-Deutschland (s. WDR 2008). Der Schreiber verleiht damit der Forderung nach internationaler Intervention, wie sie in den 1930er Jahren vorerst ausgeblieben ist, Nachdruck – dieses Mal allerdings gegen Israel gerichtet. Der Schreiber expliziert „Auschwitz“ – eine metonymische Einheit, mit der auf den Massenmord ____________________ 131

Wie standardisiert im deutschen Sprachraum der Verweis des Kompositums Vernichtungspolitik auf die NS-Zeit ist, wird durch einen Blick in den Duden deutlich. Dort heißt es: „auf die Vernichtung der Angehörigen bestimmter Gruppen abzielende Politik; Beispiel: die Vernichtungspolitik der Nazis“ (s. Duden 2017).

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

der Nationalsozialisten am europäischen Judentum angespielt wird (s. III.2.4.2). Durch die folgende Referenz auf „Palästina“ wird das Nahostszenario aktiviert. Das Tertium Comparationis bezieht sich hier indes nicht auf den Massenmord, sondern auf den internationalen Umgang mit der Anbahnung desselben. Mittels der den Junktor ersetzenden, auf Geißlers Rede Bezug nehmenden Formulierung „gilt auch heute noch“ wird eine Vergleichbarkeit des (ausbleibenden) Umgangs behauptet (selbige wird jedoch durch „nicht nur in Palästina“ eingeschränkt). Der Leser kann inferieren, dass ebendiese Vergleichbarkeit auch hinsichtlich der Praxen (in „Palästina“ sowie in „Auschwitz“, als Auslöser des Umgangs von außen) und damit der Täterkonzepte vorliege (zu entsprechenden Herleitungen s. auch IV.1.3.4). An dieser Stelle ist der Vollständigkeit halber auch auf eine zweite Lesart hinzuweisen, die aus der Lektüre des Kommentars von User A resultieren kann: Auf den ersten Blick könnte der Schreiber auch andeuten, dass sich Israel militärisch präventiv schützen sollte, um einem zweiten Holocaust zu entgehen. Die Ambiguität, die diesem Kommentar zu eigen ist, wird allerdings durchbrochen durch den Kotext, d. h. durch weitere Äußerungen desselben Schreibers, in denen er Israel dämonisiert und ausgrenzt. Zudem ist hier nochmals auf das Lexem Palästina zu verweisen, durch dessen Verwendung diese zweite Lesart unwahrscheinlich erscheint.132 User B führt als Reaktion neben Geißler vorerst Namen von für Verbrechen in der Menschheitsgeschichte verantwortlichen Personen, u. a. Hitler und Stalin, an. Schließlich nennt er die Namen Ariel Scharon und Benjamin Netanjahu. Er bringt über die Namensreihung implizit zum Ausdruck, dass israelische Regierungschefs mit Hitler vergleichbar seien. Auch Geißler erhält einen Platz in dieser Auflistung, wodurch erkennbar wird, dass er die Gewaltbefürwortung Geißlers ablehnt. Im letzten Satz wird deutlich, dass sich der Schreiber auf eine gedankenlose Befürwortung von Gewalt bezieht, die letztlich immer zu schlimmen Konsequenzen führe. Neben dem impliziten NS-Vergleich zeigt dieser Dialog, dass User B den Beitrag von User A als einen Versuch missdeutet, eine als bellizistisch sowie u. a. mit dem Nationalsozialismus vergleichbar perspektivierte Politik Israels in Nahost zu rechtfertigen. Insofern stellt er User A als Be____________________ 132

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Sobald Schreiber auf Palästina – und nicht etwa auf die palästinensischen Gebiete – verweisen, geschieht dies häufig in einem Kontext, in dem Israel indirekt delegitimiert wird. Palästina war die übliche Bezeichnung für das Territorium vor der Staatsgründung Israels. Damit wird angedeutet, dass es sich bei Israel um einen nicht akzeptierten Staat handelt.

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

fürworter jener politischen Anschauungen und Praxen dar, die u. a. in NSDeutschland vorlagen und seiner Meinung nach nun auch in Israel vorliegen würden. Im Zuge der Namensreihung kommt es folglich zu einer onomastischen Anspielung auch auf den Nationalsozialismus bei gleichzeitiger Bezugnahme auf Israel. Dieser Dialog veranschaulicht das Ausmaß an Missverständnissen, die teils durch Spezifika der Internetkommunikation (u. a. die Schnelligkeit des argumentativen Austauschs und die Unübersichtlichkeit der Threads sowie in Bezug auf die Anschauungen anderer User) verursacht werden. Auch im folgenden Beitrag kommt es zu einer onomastischen Anspielung durch Namensnennung einer NS-Führungsperson. Als ein Zeit-Kommentator ein Zitat von Sam Harris in die Debatte einführt, in welchem der amerikanische Philosoph den Wunsch unter Palästinensern nach Beseitigung nicht nur des israelischen Militärs, sondern auch von Zivilpersonen (insofern es sich um Juden handelt) problematisiert, entstellt der Schreiber des folgenden Kommentars dieses Zitat und setzt es mit NS-Propaganda gleich: (30) „widerlich. Ihr toller ‚treffsicherer Kommentar‘ –‚the palestinians are trying to kill everyone‘ ist ein was? ein Kommentar? Das ist primitivste Propaganda auf dem Niveau eines Heinrich Himmler. Eine Generalkriminalisierung eins Volkes und ist ein prachtvolles, menschenbverachtendes Beispiel für israelisches Selbstverständnis.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 29.07.2014)

Der Schreiber wirft dem anderen Kommentator „primitivste Propaganda“ im Sinne des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler, vor. Allein über den Namen Himmlers kommt es zu einer onomastischen Anspielung auf die NS-Zeit. Das Tertium Comparationis, welches gemäß Schreiber der andere Kommentator mit besagter NS-Führungsperson gemein habe („auf dem Niveau eines […] Himmler“), liegt in der (Israel unterstellten) Propaganda. Bemerkenswert ist die finale Ausdehnung dieser Unterstellung auf alle Israelis – einer Gruppe, deren „Selbstverständnis“ der Schreiber u. a. als „menschen[…]verachtend[…]“ ausweist. Insofern wird in Bezug auf das Zitat eines anderen Kommentators eine Anspielung auf das historische Täterkonzept realisiert und im folgenden Schritt die NS-Analogie hinsichtlich aller Israelis etabliert. Die in anderen Kommentaren bereits festgestellte Behauptung einer Übereinstimmung in den Ansichten von Kommentatoren und Israel wird in diesem Beitrag expliziert. Über den Umweg der Diffamierung anderer Kommentatoren durch NS-Referenzen können Schreiber die NS-Analogie auch in Bezug auf Israel etablieren.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Zwischenfazit In diesem Unterkapitel wird der Umfang onomastischer Anspielungen erkennbar, mit denen Schreiber Äquivalenzsetzungen des NS- und Nahostszenarios vermitteln. Insbesondere durch das ortsbezogene Lexem Ghetto spielen Schreiber in beiden Messzeiträumen auf die NS-Zeit an (oft verbunden mit dem Lexem Aufseher zur Perspektivierung der israelischen Seite) und präsupponieren folglich dessen Existenz im Nahen Osten. Hinzu kommen Ideologien beschreibende Lexeme wie faschistisch, völkisch, nationalistisch. Der Ambiguität einer einzelnen Anspielung wirkt deren Verzahnung mit weiteren Anspielungen entgegen, die deutlich auf das NS-Szenario verweisen. 2014 erhöht sich die Verwendungsfrequenz impliziter Vergleiche über onomastische Anspielungen (wie auch hinsichtlich des Rückgriffs der in IV.1.3.1 vorgestellten impliziten Vergleiche, s. auch Anhang). Es mehren sich Anspielungen über Namen von NS-Führungspersonen sowie über ideologisch geprägte Praxen (Eugenik, Rassenhygiene, Vernichtungspolitik oder -krieg, Rassismus durch die Redewendung „Menschen zweiter Klasse“). Insofern werden 2014 vermehrt Anspielungen verwendet, die wesentlich deutlicher auf das NS-Szenario Bezug nehmen. Zudem wird im zweiten Messzeitraum vermehrt der Vorwurf gegenüber anderen Kommentatoren laut, der Ideologie des Nationalsozialismus zu folgen. Dies ist als kommunikativer Umweg hin zur Dämonisierung Israels zu verstehen, da besagte Nähe vorerst einem anonymen Gesprächspartner unterstellt wird. Durch dessen präsupponierte Nähe zu Israel kann diese Unterstellung schließlich auf alle Israelis ausgedehnt werden. An den präsentierten Korpusbeispielen wird deutlich, dass selbige teilweise ein detailliertes historisches Kontextwissen voraussetzen. Dies ist ein mehrfach auftretender Befund und gerade in Hinblick auf meine Untersuchung, die sich mit einem milieuspezifischen Diskurs beschäftigt, erwähnenswert. Schreiber suchen danach, ihren Standpunkt sowohl durch hohe Detailschärfe, Argumentationsdichte als auch durch ein hohes Emotionspotenzial zu stärken (s. auch I.1, III.1.6 sowie III.3.1). Die Verwendung von NS-Vokabular als Teilmenge von onomastischen Anspielungen habe ich auf den letzten Seiten bereits angesprochen. Im folgenden Unterkapitel werden durch diesen Rückgriff zu charakterisierende implizite NS-Vergleiche detailliert erläutert sowie der Unterschied zu den bisher vorgestellten Sprachgebrauchsmustern herausgestellt.

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IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

IV.1.3.3 Implizite Vergleiche über NS-Vokabular Im Kommentarbereich der linksliberalen Zeit liegt im Nahostdiskurs ein regelmäßiger Rückgriff auf NS-Vokabular vor (zur Einführung in NSVokabular s. III.2.4.3). Schreiber referieren auf NS-Deutschland, ohne das NS-Szenario in der Äußerung zu nennen. Sie explizieren weder einen Vergleich zwischen Täter- und/oder Opferkonzepten noch zwischen den NS-Verbrechen und den Vorgängen im Nahen Osten (Tertium Comparationis). Stattdessen verwenden sie dem Nationalsozialismus entlehnte euphemistische Komposita wie Endlösung, Okkasionalismen wie Palästinenserfrage133 oder auch Schlagwörter134 wie Volk und Vaterland oder Volk ohne Raum.135 Durch die Verwendung entsprechender Sprachgebrauchsmuster implikatiert der Schreiber eine Vergleichbarkeit hinsichtlich des Tertium Comparationis (Ideologie, politische Praxen etc.) und infolgedessen der Täterkonzepte. Insofern sehe ich den Rückgriff auf dieses Vokabular als Unterform der im letzten Unterkapitel vorgestellten onomastischen Anspielungen (s. Kriterium 5 in IV.1.3). Auch hier wird eine Äquivalenzsetzung von Israel und NS-Deutschland implizit vermittelt, da NS-Praxen bzw. eine dem Nationalsozialismus entsprechende Ideologie im Kontext des Nahostkonflikts präsupponiert werden. Der Unterschied zu den in IV.1.3.2 vorgestellten Anspielungen hingegen ist, dass Schreiber bei der Verwendung von NS-Vokabular unterstellen, Israelis würden einer ____________________ 133

Es handelt sich hierbei um die aktualisierte Variante des Kompositums Judenfrage – eine Bezeichnung, die aus dem 18. Jahrhundert stammt und jene Herausforderungen bezeichnete, die sich in verschiedenen Ländern aus der jüdischen Emanzipation ergaben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verschob sich diese Bedeutung durch die Verwendung des Kompositums im judenfeindlichen Diskurs. Diese Verwendungsweise wurde schließlich von den Nationalsozialisten übernommen, welche die Endlösung der Judenfrage einforderten und dieses Vorhaben mit dem Massenmord an den europäischen Juden umsetzten (s. u. a. Rürup 1975, Bauer 1992, Longerich 2001, Friedländer 2006, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013). 134 Unter Schlagwort wird ein „Ausdruck [verstanden], der zu einer bestimmten Zeit besondere Aktualität gewinnt und mit dem ein Programm oder eine Zielvorstellung öffentlich propagiert wird. [Schlagwörter] sollen sowohl das Denken wie auch die Gefühle und das Verhalten von Menschen steuern“ (Niehr 2007: 496, s. auch Niehr 2014: 70 ff.). 135 Zur weiteren Einführung in das Thema NS-Vokabular s. Maas 1984, Volmert 1989, Kinne/Schwitalla 1994, Schmitz-Berning 1998, von Polenz 1999, Hoffmann 2001 und 2007, Braun 2007, Eitz/Stötzel 2007 und 2009, Klemperer [1947] 242010, Schlosser 2013, Schwarz-Friesel/Reinharz 2013.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

dem Nationalsozialismus vergleichbaren Weltanschauung folgen. Im Folgenden ist kein Rückgriff auf anerkannte geschichtswissenschaftliche Terminologie zur Beschreibung des Holocaust oder des Zweiten Weltkrieges feststellbar. Der Rückgriff auf NS-Vokabular, durch welches nationalsozialistisch begründeter Rassenwahn und Vernichtungswunsch häufig euphemistisch, in jedem Falle aber affirmativ perspektiviert werden, kann – wie eingangs erwähnt – für eine gegenüber diesen Praxen neutrale bis affirmative Haltung des Schreibers stehen.136 Bei Zeit-Kommentatoren ist jedoch davon auszugehen, dass Schreiber gegenüber NS-Verbrechen keine affirmative, sondern eine mindestens problematisierende Haltung einnehmen. Sie verwenden NS-Vokabular nicht etwa, um entsprechende Verbrechen zu bejahen, sondern um auf persuasive Weise die damit zum Ausdruck gebrachten Einstellungen Israel zu unterstellen. In der Verwendung dieses Vokabulars liegt insofern eine Distanzierung der Schreiber von selbigem. Der potenziell hohe Grad an Emotionalisierung, die sich besonders in deutschen Äußerungskontexten der Verwendung von NSVokabular anschließen kann, mag mit dem Wissen über dessen Verwendungsweise zusammenhängen. Dies wiederum kann als Grund angesehen werden, dass die Frequenz entsprechender Sprachgebrauchsmuster in beiden Messzeiträumen niedriger ausfällt als die Verwendung der in IV.1.3.2 vorgestellten onomastischen Anspielungen.137 Der erste hier vorgestellte Kommentar ist einer Debatte zwischen mehreren Zeit-Kommentatoren entnommen, die über die Möglichkeit einer Befriedung des Nahostkonflikts diskutieren. Nach mehreren rhetorischen Fragen unterstellt der Schreiber des hier interessierenden Kommentars dem anderen Kommentator (und darüber Israel) in Form eines ironischen Sprechaktes eine an den Nationalsozialismus erinnernde Vorgehensweise: (31) „Meinen Sie eine komplette Besetzung des Gazastreifens durch die IDF? Und dann? […] Wie wollen sie die Hamas-Terroristen aus der Zivilbevölkerung herausfischen? Und denken Sie ernsthaft, es wachsen keine neuen Köpfe nach? Eine Möglichkeit wären natürlich Einsatzgruppen mit dem Ziel der Endlösung der Palästinenserfrage. So was hatten wir auch schon mal.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 14.11.2012)

____________________ 136

Dieser Vorstellung folgend ist es erwartbar, bei der Auseinandersetzung mit Antisemitismus im Internet NS-Vokabular allein auf rechtsextremen Webseiten vorzufinden. Der Rückgriff im Kommentarbereich der Zeit ist insofern ein überraschender Befund. 137 Auf NS-Vokabular greifen Zeit-Kommentatoren im 2012er Messzeitraum 24 Mal, im 2014er Messzeitraum 57 Mal zurück (s. Anhang).

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IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

Der Schreiber unterstellt seinem Gegenüber mittels rhetorischer Fragen den Wunsch nach einer „komplette[n] Besetzung des Gazastreifens“ und attestiert ihm Unwissenheit hinsichtlich der Genese von Terrorismus. In den letzten beiden Sätzen beantwortet er schließlich die von ihm gestellten Fragen im Zuge eines ironischen Sprechaktes, wobei er implikatiert, es handele sich dabei um mögliche, sich aus den Ansichten des anderen Kommentators ergebende Konsequenzen. Letzterem unterstellt der Schreiber über Verwendung von NS-Vokabular die Befürwortung an NSDeutschland erinnernder Strategien: Einerseits ist die Rede von „Einsatzgruppen“ – jenen Sondereinheiten, die ab 1939 planmäßige Massenerschießungen in Osteuropa durchführten. Andererseits ist von einer „Endlösung der Palästinenserfrage“ die Rede. Palästinenserfrage ist ein Okkasionalismus und stellt eine Aktualisierung des Kompositums Judenfrage dar. Insofern wird hier auf den Holocaust angespielt, den die Nationalsozialisten u. a. mit dem Euphemismus Endlösung der Judenfrage sprachlich verharmlosten (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 44, 85 ff.; s. auch Bauer 2001 und 2011, Longerich 2001). Aus dem Kotext wird ersichtlich, dass der Schreiber den Adressaten seines Beitrags als israelsolidarisch einstuft. Besagte Referenz auf das NS-Szenario wird folglich nicht nur als Perspektivierung hinsichtlich der unterstellten Haltungen des anderen Kommentators, sondern auch in Bezug auf Israel herangezogen. In IV.1.3.2 wurden bereits Beispiele dieses kommunikativen Umwegs zur Realisierung einer implizit vermittelten Äquivalenzsetzung der Täterkonzepte angeführt. Diese Äquivalenzsetzung wird zusätzlich durch die finale, offene Anspielung „So was hatten wir auch schon mal“ (s. IV.1.3.4) gestärkt. Auf das NS-Szenario anspielende Komposita mit End- sind insbesondere im zweiten Messzeitraum sehr beliebt. Teils werden Anspielungen mit Anführungszeichen noch hervorgehoben, was darauf hinweist, dass sich Schreiber sowohl über den intertextuellen Charakter der Anspielungen als auch über deren (sich aus der Komparationsbasis ergebende) Brisanz im Klaren sind: (32) „Der jetzige Gewaltexcess in Gaza ist nicht der erste und wird auch nicht der letzte sein. Beide Seiten beharren auf ihrer Strategie vom ‚Endsieg‘ und setzen auf Zeit.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 29.07.2014)

Einschränkend muss hier erwähnt werden, dass in diesem Beispiel beide Konfliktparteien über die Verwendung von „Endsieg“ perspektiviert werden. Dies ändert indes nichts an der Erkenntnis, dass Israel indirekt als NS-Staat dargestellt wird. Zudem kommt es zu einer Äquivalenzsetzung Israels mit dessen Gegenseite, der Hamas. Im folgenden Beitrag wird die NS-Analogie erneut über das Kompositum Endlösung etabliert: 217

IV.

Geschichtsbezogene Analogien (33) „[…] es sieht zu meinem grossen Erschrecken danach aus, dass eine Endlösung gesucht wird. Die Menschen haben nichts, rein gar nichts gelernt. Blutrünstig wie eh und je, grässlich...“ (Leserkommentar, Die Zeit, 10.07.2014)

Neben dem Lexem Endlösung wird die NS-Analogie durch die offene Anspielung „Die Menschen haben nichts, rein gar nichts gelernt“ etabliert (s. IV.1.3.4). Zwar greift der Schreiber auf eine universalistische Rhetorik zurück, indem er die Notwendigkeit des Lernens für alle Menschen ausweist, doch durch den Äußerungskontext (militärische Interventionen Israels in Gaza) wird deutlich, dass mit dieser unterspezifizierten Referenz Israelis adressiert werden. Ihnen wird vorgeworfen, die NS-Vergangenheit vergessen zu haben. Der Leser kann inferieren, dass Israelis folglich dieselben Fehler machen, also – bedingt durch das NS-Vokabular – einen Massenmord an den Palästinensern begehen würden. Final wird mittels „blutrünstig“ das gleichnamige Stereotyp reproduziert. Die Einschränkung, die sich aus der erwähnten universalistischen Rhetorik ergibt, scheint aufgrund des Äußerungskontextes vernachlässigbar. Auch Kommentatoren, die den demokratischen Charakter der israelischen Gesellschaft unterstreichen, greifen auf NS-Vokabular zurück. Im folgenden Beitrag wird erneut der aktualisierte Euphemismus Endlösung der Palästinenserfrage verwendet, um den israelischen Umgang mit Palästinensern zu perspektivieren: (34) „Was Israel an der Endlösung der Palästinenserfrage hindert, sind nicht ein paar hirnlose Bärte von der Hamas, sonder die Skrupel, die es in Israel im Unterschied zu Gaza gibt. Es gibt eine Opposition in Israel und in der Weltöffentlichkeit und die wird sich nur durchsetzen, wenn der Widerstand der Palästinenser gewaltlos wird.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 31.07.2014)

Trotz Kritik an der palästinensischen Seite kann der Leser auf eine Relativierung von gegen Israel gerichteten Terror schließen („ein paar hirnlose Bärte von der Hamas“). Des Weiteren liegt hier eine Dämonisierung Israels durch Rekurs auf NS-Vokabular vor. Es sei die „Opposition in Israel und in der Weltöffentlichkeit“, die gemäß dem Schreiber Israel daran hindere, „eine Endlösung der Palästinenserfrage“ vorzunehmen. Somit wird Israels Regierung (sowie dem Anteil der israelischen Gesellschaft, der Erstere unterstützt) ein genuin eliminatorischer antiarabischer Rassismus unterstellt, der über den besagten Rekurs in eine Kontinuität mit den NSVerbrechen gestellt wird. Die Unterstellung einer Endlösung wirft auch die Frage nach weiteren Entlehnungen der NS-Ideologie – wie sie u. a. hinsichtlich der Eugenik vorlag. Im Folgenden wird Israel – erneut über den Umweg von gegen andere Kommentatoren hervorgebrachten Unterstellungen – eine Verstri218

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

ckung in eine rassistische Ideologie bescheinigt, die eine Massentötung „unwerten Lebens“ erziele: (35) „Selbsternannte Pro-Israel-Aktivisten wenden sich zwar gegen den Antisemitismus, oder das, was sie darunter verstehen. Der Eugenik/ Rassenhygiene sind sie aber durchaus zugeneigt. Sie begreifen nicht, in was fuer einer Art von Ideologie sie gefangen sind.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 20.07.2014)

Die Attribuierung anderer Kommentatoren als „Pro-Israel-Aktivisten“ dient in den Beiträgen vieler Schreiber als Strategie des Angriffs auf deren Glaubwürdigkeit. Sie werden als voreingenommene Diskussionsteilnehmer perspektiviert, die sich mit ihrem Engagement nicht neutral und universell, sondern selektiv einbringen. Im vorliegenden Kommentar kritisiert der Schreiber, dass besagte Kommentatoren eine eigene Definition von Antisemitismus verwenden würden (implizite Reproduktion des Stereotyps INSTRUMENTALISIERUNG VON ANTISEMITISMUS). Zudem würden sie Standpunkte der „Eugenik/ Rassenhygiene“ vertreten. Die im 19. Jahrhundert entwickelte Eugenik führte zu (auf der Vorstellung einer nordischen Herrenrasse beruhenden) Rassenhygiene. Diese wiederum diente als ideologische Grundlage für die massenhafte Tötung von als „lebensunwert“ bezeichneten Menschen (s. Proctor 1988, Friedlander 1995, Schwartz 2008, Klee 2010, Aly 2014).138 Wer gemäß dem Schreiber im Kontext anderer Kommentare die Opfer dieses rassistischen Standpunktes seien, bleibt im Kommentar unerwähnt. Jedoch ist durch den Kontext sowie durch die Perspektivierung der Kommentatoren als pro-israelisch der Bezug auf Täter- und Opferkonzepte erschließbar. Der Leser kann folglich inferieren, dass Israel (für dessen vermeintliche Ideologie besagte Kommentatoren einstehen würden) sog. Rassenhygiene betreibe, wie sie im Nationalsozialismus vorlag. Als Reaktion auf einen Kommentar, in dem der ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, mit den Worten „Wir unterstützen daher ausdrücklich Israels Recht und Pflicht, ____________________ 138

Der Rekurs auf NS-Vokabular stellt in den meisten Fällen einen eindeutigen Bezug zum historischen Täterkonzept dar. Ausnahmen bilden ideologische Standpunkte (wie jener der Eugenik), die von den Nationalsozialisten aufgegriffen und weiterentwickelt wurden. Bestimmte Schreiber mögen bei Formulierungen wie Untermensch (mit Bezug auf die Eugenik, s. Geulen 2011) oder Judenfrage (mit Bezug auf die jüdische Emanzipation, s. Rürup 1975) nicht auf die NS-Zeit, sondern bspw. auf das 19. Jahrhundert anspielen – indes muss auch hier unterstrichen werden, dass solche Sprachgebrauchsmuster aufgrund der Präsenz der NS-Zeit im kollektiven Gedächtnis primär das NS-Szenario aktivieren.

219

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

die eigenen Menschen vor den böswilligen, fortgesetzten Angriffen der Terroristen zu schützen“ (s. Die Welt/dapd 2012) zitiert wird, werden von einem Zeit-Leser Schlagwörter aus dem NS-Kontext verwendet: (36) „Eine nationalistische Gesinnung bringt man dadurch zum Ausdruck, dass man NUR die Angehörigen der eigenen Nation vor Gewalt schützt. Der Schutz von Volk und Vaterland vor Terroristen -das kommt mir bekannt vor. Dazu passt die Selbsterhöhung des eigenen Volkes als die Auserwählten und Guten, die sich gegen die Anderen, die Bösen, im Kampf um Lebensraum zur Wehr setzen müssen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 16.11.2012)

Zu Anfang vermittelt der Schreiber auf implizite Weise das Stereotyp JUDEN SIND KEINE DEUTSCHEN, indem er behauptet, es gehe Graumann lediglich um die „Angehörigen der eigenen Nation“. Graumann nahm allerdings darauf Bezug, dass Israel dessen Bürger schützt. Der Leser kann inferieren, dass Graumann als Israeli und nicht als Deutscher wahrgenommen wird. Der Schreiber schließt bei der Betrachtung von Graumanns Äußerung des Weiteren auf eine „nationalistische Gesinnung“. Er greift auf dem NS-Kontext entlehnte Schlagwörter zurück (Volk und Vaterland, Kampf um Lebensraum) und realisiert ergänzend eine offene Anspielung auf die NS-Zeit („das kommt mir bekannt vor“).139 Im folgenden Beispiel wird über Schlagwörter sowie weitere Formen onomastischer Anspielungen Israels politische Praxis mit den Expansionsplänen NS-Deutschlands gleichgesetzt: (37) „Alles, nur keine eindeutige Stellung beziehen! Die deutsche Außenpolitik hat durch ihre ja bereits obligatorische Enthaltung wiedereinmal ihre Handlungsunfägigkeit bewiesen!Die Bundesregierung müßte sich ernsthaft überlegen, wen sie nun unterstützen wolle. Die sicher mehrheitlich friedliebenden Israelis, oder die israelische Regierung, die mit ihrer faschistoiden Siedlungspolitik ‚ Lebensraum im Osten ‘ sucht!“ (Leserkommentar, Die Zeit, 30.11.2012)

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Im Gegensatz zu diesen Vorwürfen bleiben entsprechende Reaktionen bei anderen Schauplätzen terroristischer Gewalt im Zeit-Kommentarbereich aus. So werden von Lesern keine NS-Bezüge hergestellt, als das Medium von der Rede des französischen Präsidenten François Hollande anlässlich der Terroranschläge in Paris am 14. November 2015 berichtete. Hollande äußerte sich mit den Worten: „Die Terroristen wollen uns in Angst und Schrecken versetzen. Man kann Angst haben, man kann Schrecken verspüren. […] Aber dem Entsetzen steht eine Nation gegenüber, die weiß, wie sie sich verteidigt. Die weiß, wie sie ihre Kräfte sammelt. Und die einmal mehr wissen wird, wie sie die Terroristen besiegen wird“ (s. Spiegel Online 2015).

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

Zu Anfang des Kommentars reproduziert der Schreiber das Stereotyp eines AFFIRMATIVEN UMGANGS DER POLITIK gegenüber Israel. Im zweiten Teil verstärkt er besagten Vorwurf durch Perspektivierung der israelischen Siedlungspolitik als korrespondierend mit den Expansionsplänen NSDeutschlands. Zum einen attribuiert er selbige Politik mittels Adjektiv faschistoid, wodurch eine Anspielung auf das NS-Szenario vorliegt (zum Inferenzpotenzial von Faschismus s. IV.1.3.2). Zum anderen stärkt er diese an sich mehrdeutige Anspielung durch das NS-Schlagwort Lebensraum im Osten. Zwar wird die Perspektivierung Israels als NS-Staat abgeschwächt, indem es zu einer Differenzierung zwischen Israelis und der israelischen Regierung kommt. In Anbetracht der Tatsache, dass die Regierung Israels von der Bevölkerung gewählt wurde und diese demnach bis zu einem gewissen Grad repräsentiert, also Letztere über politische Standpunkte Ersterer wusste, ist diese Abschwächung indes nur bedingt überzeugend. Der Leser kann folglich inferieren, dass der NS-Bezug nicht allein für die israelische Regierung gelte. Im folgenden Dialog rechtfertigt User B seinen eigenen Standpunkt mittels des Herausstellens von Faktizität (s. III.3.2). Sich von dieser im Zeit-Diskurs beliebten Strategie geschützt wähnend, greift er auf NSVokabular zurück: (38) User A: „Fakt ist: Terroristen haben Jeruschalajim angegriffen! DAS ist die wahre rote Linie gewesen, welche die Terroristen überschritten haben“ User B: „Fakt ist, dass weder Sie noch ich wissen, wer diese Terroristen tatsächlich sind und in wessen Auftrag sie handeln. Fakt ist, dass diese Rakete über 70 km nicht abgeschossen wurde und irgendwo runter ging ohne großen Schaden anzurichten. Fakt ist, dass Menschen im Gazastreifen unter erbärmlichen Umständen leben müssen. Fakt ist, dass Sie und ich nicht wissen, wie angeblich iranische Raketen nach Gaza gekommen sein sollen. Fakt ist, dass eine nationalistische Regierung im ‚Kampf um Lebensraum‘ das ‚Recht des Stärkeren‘ gebraucht...“ (Leserkommentare, Die Zeit, 16.11.2012)

Bedingt durch den wiederholten Teilsatz „Fakt ist“ (die der Schreiber vom vorherigen Kommentar übernimmt) debattiert User B dem Anschein nach faktenorientiert, d. h. objektiv, wodurch er seine Argumentation rechtfertigt. Auf der inhaltlichen Ebene kommt es u. a. zu einer Infragestellung einer Täterschaft der Hamas, der Relativierung einer Terrorgefahr für Israel (s. III.3.3) und der Problematisierung der als „erbärmlich“ evaluierten Lebensverhältnisse in Gaza. Die Informationsstrukturierung legt nahe, dass der Schreiber den Terror gegen Israel im Vergleich zu den Verhältnissen in Gaza als unwesentlich bewertet. Den Mangel an Wissen, welchen er wiederholt sich und seinem Gegenüber bescheinigt („dass weder Sie noch 221

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

ich wissen“), bezieht er ausschließlich auf jene Informationen, denen er ohnehin kritisch gegenübersteht (die Verantwortlichkeit der Hamas als auch des Iran für den gegen Israel gerichteten Terror). Die Eventualität einer ungesicherten Faktenlage entfällt indes, sobald es um Israel negativ evaluierende Darstellungen geht. Die NS-Analogie wird im letzten Satz etabliert, indem der Schreiber drei Anspielungen mit NS-Bezug realisiert: Zum einen perspektiviert er die israelische Regierung als „nationalistisch“, was u. a. auch auf NS-Deutschland verweist (s. IV.1.3.2). Zum anderen und wesentlich eindeutiger ist der Rückgriff auf das Schlagwort Kampf um Lebensraum. Auch das zweite, dem Sozialdarwinismus entlehnte Schlagwort vom Recht des Stärkeren legt die Unterstellung nahe, Israel betreibe eine Politik, die mit dem Rassenkrieg in NS-Deutschland (s. Aly 2005) gleichzusetzen sei. Die verwendeten Anführungszeichen im Beitrag zeigen an, dass die Redewendungen einem anderen Kontext entnommen wurden bzw. sich der Schreiber von entsprechenden Inhalten distanziert. Je nach Lesart können sie ebenso als Indiz für sein Bewusstsein über den brisanten intertextuellen Charakter der von ihm verwendeten Formulierungen gelten (dafür sprechen auch die final verwendeten Auslassungszeichen). An diesem Beispiel wird noch einmal deutlich erkennbar, wie sehr aneinandergereihte vermeintliche Fakten auf implizite Weise Perspektivierungen etablieren können. Im folgenden Beispiel, in dem es um die Siedlungspolitik in der Westbank geht, wird das vom völkischen Schriftsteller Hans Grimm geprägte Schlagwort Volk ohne Raum verwendet, welches im Rahmen der NS-Ideologie als Rechtfertigung für den Eroberungskrieg im Osten herangezogen wurde (s. hierzu auch Tooze 2007): (39) User A: „Wegen mir könnten es auch...30.000 Wohnungen sein, schließlich gab es große Demonstrationen gegen die Wohnungsnot in Israel, und zeit online hat ausführlich berichtet.“ User B: „Oder kurz gesagt; ‚Ein Volk ohne Raum‘. Mit diesem Argument begeben Sie sich nur selbst auf die unterste Stufe...“ (Leserkommentare, Die Zeit, 30.11.2012)

Erneut wird einem anderen Kommentator (in dem Falle User A) durch Anspielungen auf das NS-Szenario unterstellt, einem der NS-Ideologie verpflichteten Denken zu folgen. Der Leser des Dialogs kann inferieren, dass besagte Perspektivierung von User A, der im Kotext für Israel Partei ergreift, ebenso für Israel gilt. Dementsprechend verfolge Israel wirtschaftlich motiviert an den Nationalsozialismus erinnernde Expansionspläne.

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IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

Häufig wird von der Zeit-Moderation der Rekurs auf NS-Vokabular nicht gelöscht. Eine Ausnahme bildet folgender Beitrag aus dem zweiten Messzeitraum. Die Dichte an der NS-Propaganda entlehnten Redewendungen und Schlagwörtern (totale Vernichtung, Lebensraum im Osten) unterstrich offenbar den expliziten Grad des NS-Vergleiches, dass der Beitrag mittlerweile von der Webseite entfernt wurde: (40) „Das wissen die Juden ja auch. Darum streben sie auch die totale Vernichtung des palästinensischen Terrors an. Dann haben sie bestimmt auch mehr Lebensraum im Osten ... äh ... Nordwesten.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 09.08.2014)

Der NS-Euphemismus Lebensraum, der sich vorrangig auf den Generalplan Ost bezieht,140 ist bereits 2012 ein gängiger Auslöser für die Etablierung der NS-Analogie.141 Die verschriftlichte, also intentional in voller Länge explizierte Unterbrechung und Korrektur des Schlagwortes Lebensraum im Osten – markiert durch Auslassungspunkte und eine Unsicherheit ausdrückende Partikel – veranschaulicht eine vom Schreiber nachvollziehbar gestaltete, prozesshafte Äquivalenzsetzung der Täterkonzepte. Dadurch wird die Aufmerksamkeit des Lesers noch stärker auf den als angebracht perspektivierten Transfer von Eigenschaften der NS-Expansionspolitik auf die gegenwärtige politische Praxis Israels gelenkt. Zudem erwähnt der Schreiber zu Anfang statt Israelis „Juden“. Dies stellt zum einen eine unzulässige Gleichsetzung beider Gruppen dar; zum anderen wird durch die im Kommentar in einem Atemzug mit NS-Propaganda genannte Gruppe der Juden nicht nur die NS-Analogie gestärkt, sondern die Strategie der Täter-Opfer-Umkehr erkennbar: Der Leser kann inferieren, dass das historische Opfer- vom gegenwärtigen Täterkonzept abgelöst worden sei. Ggf. ist es diese Zusammenführung von historischem Opferkonzept und NS-Vokabular im Zuge einer Perspektivierung israelischer Praxen, die eine Löschung des Beitrags forciert hat. In anderen Kommentaren wird das im NS-Jargon gebräuchliche Kompositum Herrenrasse aufgegriffen, um auf Israel zu referieren:

____________________ 140

Lebensraum ist überdies ein in das Kaiserreich zurückreichender Terminus aus dem Kontext des deutschen Kolonialismus (s. u. a. Zimmerer 22003). 141 Der Generalplan Ost bezeichnet jene Pläne, welche im Rahmen der NS-Rassendoktrin und „Ostpolitik“ die Grundlage für eine Kolonisierung und „Germanisierung“ von Teilen Ostmittel- und Osteuropas bildeten (s. Rössler/Schleiermacher 1993).

223

IV.

Geschichtsbezogene Analogien (41) „wenn sie sich doch nur ihrer Herrenrasse unterworfen hätten […] Ihnen ist schon klar, dass die Palästinenser sich erst durch die 40jährige Besatzung derartig radikalisiert haben?“ (Leserkommentar, Die Zeit, 29.07.2014)

Die Zuweisung einer nationalsozialistischen Werteordnung, die vom Schreiber über den Rückgriff auf entsprechendes Vokabular realisiert wird, vollzieht sich hier im Rahmen eines irrealen Wunschsatzes. Über diesen werden im Zuge eines ironischen Sprechaktes die Adressaten (= die Palästinenser) aufgefordert, sich ihrer „Herrenrasse“ (= den Israelis) zu unterwerfen. Neben der Etablierung der NS-Analogie reproduziert der Schreiber im Zuge der final gestellten rhetorische Frage zudem das aktualisierte Stereotyp von ISRAELS ALLEINSCHULD AM NAHOSTKONFLIKT, indem er Terror als Folge israelischer „Besatzung“ perspektiviert. Eng verbunden mit der Israel unterstellten Herrenmentalität ist die Verwendung des Kompositums Untermenschen, um das gegenwärtige Opferkonzept – gemäß dem Schreiber des folgenden Kommentars „rassistisch verfolgt“ – zu perspektivieren: (42) „So ein Massaker wie im Gazastreifen kann man nur durchführen wenn die zu ermordenden Menschen nicht als solche behandelt werden. Die Palästinenser werden zu Untermenschen erklärt und rassistisch verfolgt.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 27.07.2014)

Mit dem Kompositum Untermensch wurden im NS-Kontext primär Juden abgewertet. Durch den entsprechenden Rekurs (sowie die Anspielung „rassistisch verfolgt“) setzt der Schreiber die Opferkonzepte implizit in ein Äquivalenzverhältnis. Im folgenden Kommentar wird erneut ein anderer Kommentator adressiert. Dabei wird über den Rückgriff auf onomastische Anspielungen und NS-Vokabular das gegenwärtige Opferkonzept perspektiviert: (43) „Eine Unterwerfungslösung wie Sie sie sich vorstellen, wird den überlebenden ‚Palis‘ wohl aufgezwungen werden und dann dazu führen dass sie in einem langsam von illegalen Siedlungen bedrängten und ständig schrumpfenden Ghetto als Untermenschen 5. Klasse eingesperrt werden, ohne jede Möglichkeit sich gegen ihr Schicksal zu wehren.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 29.07.2014)

Als würde das Kompositum Untermensch aufgrund seines eindeutigen NS-Bezuges nicht bereits diejenigen dämonisieren, denen unterstellt wird, andere Menschen derart wahrzunehmen und zu behandeln, intensiviert der Verfasser mit der hyperbolischen Konstruktion Untermenschen 5. Klasse das Szenario. Dies kann als implizite Relativierung des Ausmaßes der NSVerbrechen gelesen werden, implikatiert das Attribut 5. Klasse doch, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten übertroffen würden. 224

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

Der letzte in diesem Unterkapitel vorgestellte Kommentar fällt dadurch auf, dass der Schreiber Akteuren aus dem antideutschen Lager (und im Kotext auch jene Kommentatoren, bei denen der Verfasser eine Nähe zu dieser politischen Gruppe vermutet) eine Befürwortung des Personenkultes während der NS-Zeit unterstellt: (44) „irgendwie kommt es einem gelegentlich vor, als sei für die Psyche dieser Leute (= Antideutschen) der ‚heldenhafte jüdische Israeli‘, der ohne Rücksicht auf Verluste ‚Untermenschen‘ bekämpft und beseitigt, sozusagen der wiedergeborene, diesmal auf der richtigen Seite stehende (weil jüdisch halt) deutsche Heldensoldat. Nicht umsonst wuchsen gerade die Sympathien eher rechtsnational angesiedelter Herrschaften für Israel seit dem 6 Tage-Krieg. So eine schöne militärische Überlegenheit und Schlauheit, das kann auch der härteste Antisemit bewundern.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 03.08.2014)

Der Mythos des deutschen Heldensoldaten, die damit verbundene Verherrlichung des kriegerischen Heldentums, war fester Bestandteil der NS-Propaganda. Der Schreiber behauptet, dass mit Blick auf den Nahostkonflikt Akteure aus dem Spektrum der Antideutschen sowie israelsolidarische Schreiber in ihrem Bedürfnis nach Heldentum befriedigt würden, da der nun „auf der richtigen Seite stehende (weil jüdisch halt) deutsche Heldensoldat“ im Mittelpunkt stehe (zu antideutschen Positionen s. bes. Haury 2004b und 2005). Damit bescheinigt der Schreiber implizit auch Israel eine mit dem Nationalsozialismus vergleichbare Weltanschauung. Erneut sind es die verwendeten Anführungszeichen bei „der ‚heldenhafte jüdische Israeli‘“ sowie bei „Untermenschen“, die demonstrieren, dass sich der Schreiber über den intertextuellen Bezug im Klaren ist. Des Weiteren wird in diesem Beitrag Philosemitismus problematisiert, seine Ausrichtung indes durch den Bezug zu den Antideutschen verzerrt (zu Philosemitismus s. Rensmann 2004: 86 ff., s. auch Stern 1991a und b sowie Diekmann/Kotowski 2009). Über die Nennung von „Sympathien eher rechtsnational angesiedelter Herrschaften“ vor dem Hintergrund des Kotextes deutet der Schreiber an, die o. g. Gruppen (und infolgedessen auch Israel) würden über eine ideologische Nähe verfügen, welche die Etablierung der NSAnalogie legitim erscheinen lasse. Zwischenfazit In diesem Abschnitt wurde deutlich, wie Schreiber im 2012er als auch im 2014er Messzeitraum auf NS-Vokabular wie Schlagwörter wie Volk ohne Raum und Lebensraum im Osten sowie Zitate von Reden aus dem NSKontext rekurrieren. Die Verwendungshäufigkeit von NS-Vokabular di225

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

vergiert in den beiden Messzeiträumen je nach Lexem bzw. Wortverbindung stark (s. Anhang). Steht 2012 das Schlagwort Kampf um Lebensraum im Vordergrund, so greifen Schreiber 2014 vermehrt auf den aktualisierten Euphemismus Endlösung der Palästinenserfrage zurück und konstruieren einen Dualismus zwischen israelischer Herrenrasse und palästinensischen Untermenschen. Im Gegensatz zu den in diesem Abschnitt vorgestellten Formen von NS-Vokabular, bei denen das historische Szenario in den meisten Fällen eindeutig zu erschließen ist (zu Ausnahmen s. Fußnote 138), zeichnen sich die noch in IV.1.3.2 behandelten onomastischen Anspielungen häufig durch Ambiguität aus – im folgenden Unterkapitel werde ich mich mit offenen Anspielungen beschäftigen, denen ein noch höherer Grad an Implizitheit zu eigen ist. IV.1.3.4 Implizite Vergleiche über offene Anspielungen Eine typische Form der implizit vermittelten NS-Analogie ist – wie in den vorherigen Abschnitten erkennbar wurde – die Anspielung. Anspielungen auf die NS-Zeit können über Lexeme oder Redewendungen realisiert werden, die auf diesen historischen Zeitraum beschreibend Bezug nehmen bzw. nationalsozialistisches Gedankengut reproduzieren (s. IV.1.3.2 und IV.1.3.3). Zur Realisierung eines impliziten Vergleichs können Schreiber jedoch auch eine (teils explizierte) Äquivalenzsetzung der Konsequenzen, bspw. der emotionalen Folgen (unterstellter) Verbrechen, verbalisieren. Sie nennen bspw. Schuldgefühle, die aus den NS-Verbrechen resultieren. Gefühle, die mit diesen vergleichbar sind, fordern sie indes auch von israelischer Seite ein. Der Leser kann inferieren, dass die Ursachen dieser Gefühle, die Israel unterstellten Verbrechen, ebenso vergleichbar seien (s. Kriterium 6 in IV.1.3). Des Weiteren kann ein impliziter Vergleich auch über floskelhafte, z. T. standardisierte Formulierungen in Bezug auf die NS-Zeit realisiert werden, ohne den Bezug auf diese historische Phase über einschlägige Lexeme oder Wendungen zu explizieren (s. Kriterium 7 in IV.1.3). Durch den Status dieses historischen Zeitraums innerhalb der Geschichte sowie ihre Präsenz in der Erinnerungskultur kann der Leser inferieren, dass die Äußerung als Anspielung auf NS-Deutschland bzw. die NS-Zeit zu verstehen ist. Das bedeutet, dass diese implizite Vermittlung der NS-Analogie vollzogen wird, ohne dass konkrete Lexeme auf die NS-Zeit verweisen (wie sie noch bei einer onomastischen Anspielung der Fall ist). Auch diese Form der Anspielung führt zu einer Normalisierung brisanter Konzepte, 226

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

die durch Kontext- und Weltwissen der am Diskurs Beteiligten entschlüsselt werden können.142 Der Schreiber des ersten hier vorgestellten Beispiels vertritt die Auffassung, man müsse gerade als Deutscher bzw. aufgrund der deutschen Vergangenheit gegen das israelische Vorgehen Kritik hervorbringen. Der Akt des Kritikübens leitet letztlich eine behauptete Vergleichbarkeit der Praxen beider Täterkonzepte ein und berührt folglich den Umgang mit selbigen (Kriterium 6): (45) „Gerade weil die Nazis Juden (aber auch Homosexuelle, Linke etc.) verfolgten, müssen wir Deutsche heute Flagge zeigen und sagen: Israel, so geht es nicht. Hört auf Land zu rauben, hört auf Kinder zu ermorden, hört auf Siedlungen zu errichten auf palästinensischem Gebiet. Gerade wegen Vorgeschichte muss Deutschland heute Israel sagen, dass es sich so nicht verhalten darf. Leider ist die israelische Regierung nämlich nicht in der Lage aus der eigenen Verfolgung die richtigen Schlüsse zu ziehen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 20.11.2012)

Gleich im ersten Satz expliziert der Schreiber nicht nur das historische Täter- und Opferkonzept, sondern auch das Handeln des Täterkonzeptes: die Judenverfolgung. Er behauptet, infolge dieser NS-Verbrechen liege für Deutschland eine Verpflichtung vor, die in Bezug auf Israel Kritik einfordere. Erneut wird also die Figur des Lernens und der deutschen Verantwortung betont. In den sich anschließenden Imperativen wird sowohl das gegenwärtige Täter- sowie Opferkonzept expliziert sowie die Praxen des Täter- gegenüber dem Opferkonzept als Verbrechen perspektiviert. Es kommt allerdings zu keiner Gleichsetzung auf der Ebene des (unterstellten) Handelns. Die Zusammenführung zwischen Verbrechen NS-Deutschlands und Israel unterstellten Praxen erfolgt erst, wie oben erwähnt, durch den Umgang, der sich im Akt der Kritik niederschlägt: Indem „[g]erade“ Deutschland Kritik an Israel üben müsse, wird implizit ein vergleichbarer Status der Praxen unterstellt. Diese Perspektivierung wiederholt sich daraufhin in den Worten „[g]erade wegen [der] Vorgeschichte“, durch welche der Schreiber Deutschland eine Orientierungsfunktion für Israel zuweist. Deutschland sowie Israel werden in dem Beitrag personifiziert. Neben einer Aufzählung des unterstellten Unrechts (hier auch die Kodierung des Stereotyps des KINDERMORDES) spricht der Schreiber Israel zudem ____________________ 142

Offene Anspielungen zugunsten einer Etablierung der NS-Analogie wurden im 2012er Subkorpus 13 Mal erfasst. Die Zahl entsprechender Kodierungen 2014 beträgt 39 Kommentare (s. Anhang).

227

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

die Fähigkeit ab („nicht in der Lage“), die „richtigen Schlüsse“ aus der Vergangenheit zu ziehen, was als Reproduktion des Stereotyps der RÜCKSTÄNDIGKEIT zu verstehen ist. Im folgenden Beispiel werden ebenso beide Täterkonzepte expliziert. Die Opferkonzepte bleiben indes ungenannt. Der Schreiber thematisiert empfundene Gefühle wie Scham und Trauer im Umgang mit der NS-Vergangenheit. Entsprechende Gefühle empfinde er allerdings auch in Bezug auf Israel, wodurch wiederum die NS-Analogie etabliert wird (Kriterium 6): (46) „Und Israel,...mein Vater war ein Nazi erster Güte. Ich schäme mich noch heute für ihn. Immer noch. Nach so vielen Jahren. Momentweise zutiefst und bodenlos. Mein Vater ist Teil meines Lebens. Insofern kann ich nicht anders. Ich traue mich aber auch,...heute,...endlich..., mich zu schämen für deine menschenverachtende Siedlungspolitik und die Schikanen, die du betreibst seit so vielen Jahren. Warum schämst du dich für all das nicht selbst? Ist dir die Scham verlorengegangen? Ist das nach so vielen Jahren noch immer ein Reflex?“ (Leserkommentar, Die Zeit, 16.11.2012)

Im Kommentar wird Israel direkt adressiert und personifiziert (s. III.2.4.4). Der Schreiber weist seinen Vater als Nazi aus, expliziert also über einen Repräsentanten („Nazi erster Güte“) das historische Täterkonzept. In Bezug auf seinen Vater drückt er Schamgefühle aus, lässt aber ungenannt, worauf sich diese Gefühle im Konkreten beziehen. Der Leser kann inferieren, dass er sich auf die Mitschuld seines Vaters an den NSVerbrechen bezieht. Die (durch Involviertheit eigener Verwandter in NSVerbrechen hervorgerufene) verbalisierte Scham einiger Schreiber wird häufig verbunden mit einer vorausgesetzten Verarbeitung der NS-Verbrechen. Dies wiederum kann ein Selbstbild der moralischen Überlegenheit generieren, welches für das deutsche Selbstverständnis zentral und in ZeitLeserkommentaren frequent anzutreffen ist (s. auch II.1.1). Infolgedessen kann es dazu kommen, dass dieser Maßstab von anderen eingefordert werden kann – dementsprechend richtet der Schreiber seinen Blick auf Israel, indem seine Scham „auch“ in Bezug auf unterstellte israelische Praxen zum Ausdruck kommt. Dabei macht er über eine rhetorische Frage Israel den Vorwurf, dass sich das Land im Angesicht seiner Siedlungspolitik „nicht selbst schäm[e]“. Darin enthalten liegt die implizite Forderung, dass es sich schämen solle. Im Zuge der rhetorischen Frage, ob Israel „die Scham verlorengegangen“ sei, implikatiert der Schreiber, Israel lasse sich wiederholt Taten zuschulden kommen, die schließlich zu einer Gewöhnung und daraus folgend einer Abstumpfung im Umgang mit den unterstellten Verbrechen geführt hätten. Das der Scham bezüglich der Taten des Nazi-Vaters vergleichbare Schämen für Israel einerseits und das Einfor228

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

dern von Scham vonseiten Israels andererseits – verbunden mit der Frage, ob dieses dazu noch in der Lage sei – legen nahe, dass gemäß dem Schreiber die Israel unterstellten Taten zu den NS-Verbrechen als Tertium Comparationis anzusehen seien. Über diesen implizit vermittelten Modalitätsvergleich kann der Leser inferieren, auch die Täterkonzepte seien vergleichbar. Die Etablierung der NS-Analogie, die zudem über ein dämonisierendes Attribut gestärkt wird („deine menschenverachtende Siedlungspolitik“), wird eingeleitet durch die Unterstreichung der parallel gefassten emotionalen Konsequenz der Scham, die auf als vergleichbar perspektivierte Unrechtszenarien folgt. Der Schreiber verwendet das Mittel der verschriftlichten Mündlichkeit durch Wiederholung von Auslassungspunkten („Ich traue mich aber auch,...heute,...endlich...“, s. Marx/Weidacher 2014: 107), um ein Zögern zu versinnbildlichen, bevor er seine Scham für Israel expliziert. Der Leser kann folglich schlussfolgern, es gebe ein Tabu, Israel mit Schuldvorwürfen zu konfrontieren. Was der Schreiber hiermit einleitet, ist als Schamabwehr zu werten: Das Gefühl, welches er selbst „zutiefst und bodenlos“ empfinde, soll auf Israel projiziert werden (s. SchwarzFriesel/Reinharz 2013: 219) – ein Schritt, der Entlastung verspricht. Die Form des Beitrags und die Vorhaltungen sind ein Beispiel für eine paternalistisch vorgetragene, distanzlose Kritik, wie sie unter gebildeten Schreibern gängig ist (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 323 f.). Im 2014er Messzeitraum sind offene Anspielungen besonders dann zu finden, sobald in Zeit-Artikeln antisemitische Gewalt in Deutschland thematisiert wird. Die folgenden Kommentare reagieren auf Charlotte Knoblochs Äußerungen, bei denen die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden von „hemmungslose[r] Judenhetze“ spricht und die Situation im Sommer 2014 als die „kummervollste und bedrohlichste Zeit seit 1945“ (s. Die Zeit et al. 2014) empfindet. Knobloch gibt hier zu erkennen, dass sie bzw. andere Juden nach ihrer Einschätzung nach dem Ende des Nationalsozialismus nie so sehr unter Antisemitismus gelitten haben wie zu dieser Zeit. Sie eröffnet per Implikatur eine Reminiszenz an den Nationalsozialismus (Zeit vor 1945), setzt jedoch mit den superlativischen Attributen, mittels derer sie ihre Sorge ausdrückt, die Situation in Relation zu den Verhältnissen in der „Zeit seit 1945“ und nimmt so gerade keinen Vergleich zum Nationalsozialismus vor. Der Schreiber des ersten Kommentars reagiert auf Knoblochs Sorge mit einem Themenwechsel hin zum Nahostkonflikt: (47) „komischerweise aber kommen Frau Knobloch derlei Erinnerungen so gar nicht hoch, wenn israelische Raketen die Palästinenser ausbrennen, verwüsten, abdrehen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 29.07.2014)

229

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Der Schreiber stellt Knoblochs Einschätzung der Situation von Juden in Deutschland ein Szenario aus dem Nahostkonflikt gegenüber, nach dem Israel (benannt durch „israelische Raketen“) Palästinenser „ausbrenne[…]“ bzw. „verwüste[…]“. Im Rahmen eines indirekten Sprechaktes fordert er, dass der Nahostkonflikt bei Knobloch ebenso wie die von ihr angesprochene Bedrohungslage für Juden „Erinnerungen“ an die NS-Zeit wecken solle (Kriterium 6). Während Knoblauch sich auf die gesamte Zeit seit 1945 und davor bezieht, kann hinsichtlich des Kommentars inferiert werden, dass der Schreiber „Erinnerungen“ auf die NS-Zeit verengt, da er nachfolgend drastische Gewalt thematisiert, die in der Zeit nach 1945 im Umgang mit Juden in Deutschland keine Entsprechung findet. Dadurch grenzt sich der Bezug des Schreibers von Knoblochs Äußerung deutlich ab bzw. missdeutet diese als NS-Vergleich. Ein vergleichbares Naheliegen des Sicherinnerns verweist auf eine scheinbar vergleichbare Situation. In diesem Fall ist das zu erschließende Tertium Comparationis der perspektivierte Umgang Israels mit den Palästinensern, der dem der Nazis mit den Juden gleiche. Auch der Schreiber des nächsten Kommentars scheint zu inferieren, dass sich Knobloch auf die NS-Zeit an sich beziehe. Auch er schwenkt auf das Thema Nahostkonflikt um: (48) „in Anbetracht solcher Traumate [von Frau Knobloch, M. B.] ist es mir unverständllich, so wenig Empathie gegenüber der aktuell im palästinensischen Volk durch israel erzeugten Traumata zu zeigen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 29.07.2014)

Erneut wird auf die NS-Zeit lediglich mittels offener Anspielung verwiesen („solcher Traumat[a]“), wobei sich der Schreiber nicht auf Aspekte in diesem historischen Zeitabschnitt, sondern auf die emotionalen Folgen bezieht (Kriterium 6). Das gegenwärtige Täter- sowie Opferkonzept werden im Kommentar benannt. Hierbei unterstellt der Schreiber, dass Israel „Traumata“ erzeuge. Aufgrund sich wiederholender Wortwahl kann der Leser erneut inferieren, dass die den Traumata zugrundeliegenden Ereignisse vergleichbar seien. Die Äquivalenzsetzung von Israel und NSDeutschland wird folglich implizit vermittelt. In den bisherigen Beiträgen wurde eine Äquivalenzsetzung basierend auf dem Tertium Comparationis etabliert: dem Umgang mit Juden in der NS-Zeit und dem Umgang mit Palästinensern in der Gegenwart. Wie erwähnt, ist diese unterstellte Vergleichbarkeit der Praxen erst über eine nahegelegte Vergleichbarkeit der auf selbige folgenden Erinnerungen und Gefühle zu erschließen. Im folgenden Beitrag realisiert der Schreiber ei-

230

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

nen impliziten Vergleich zwischen einer Demonstration in Berlin und einer „Holocaust-Gedenkfeier“ (Kriterium 6): (49) „Wer seine Israel-Flagge aber just genau dort schwenken muss, wo 1000de gegen einen Krieg protestieren, und viele dieser Demonstranten unschuldige Verwandte, Freunde und Bekannte durch israelischen Raketen-Terror verloren haben, die unter den bereits jetzt weit über 1000 Toten waren, der will einfach nur provozieren und sadistisch den Finger in die Wunde legen. Das ist ungefähr so passend, als würde Jemand in Israel bei einer öffentlichen Holocaust-Gedenkfeier mit der deutschen Flagge über die Bühne marschieren.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 29.07.2014)

Die NS-Analogie wird hier erneut über eine zu erschließende Äquivalenzsetzung der Handlungen etabliert. Diese Äquivalenzsetzung kann basierend auf einer behaupteten Vergleichbarkeit der emotionalen Folgen dieser Handlungen inferiert werden: Das Schwenken einer Israelfahne sei im Kontext von antiisraelischen Demonstrationen gemäß dem Schreiber ähnlich unangebracht wie das Vorzeigen einer deutschen Fahne (also der Fahne jenes Staates, der das Erbe des NS-Regimes antrat) bei einer Holocaust-Gedenkveranstaltung in Israel. Wie im vorherigen Beispiel kann über die suggerierte Vergleichbarkeit der emotionalen Konsequenzen inferiert werden, dass die Auslöser dieser Gefühle – Holocaust und Operation Protective Edge – vergleichbar seien. Neben der implizit vermittelten Äquivalenzsetzung rechtfertigt der Schreiber zudem antisemitische Ausfälle im Sommer 2014 in Wort und Tat, indem sie als nachvollziehbares Echo auf Israel unterstellte Praxen perspektiviert werden. Israelische Militäraktionen werden mit Terrorismus verglichen („israelische[r] RaketenTerror“), israelsolidarische Gegenkundgebungen als „provozieren[d] und sadistisch“ perspektiviert. Der Verweis auf Handlungsmaximen in Form von festen Redewendungen wie nie mehr Holocaust ist ebenso als Bezugnahme auf den Umgang mit bzw. die Folgen der NS-Verbrechen zu interpretieren (Kriterium 6): (50) „Das Töten der Kinder als falsch abzutun unter dem Gesichtspunkt, die Hamas würde dadurch gestärkt, finde ich unglaublich. Eine Wertegemeinschaft im Sinne ‚nie mehr Holocaust‘, scheint nicht mehr zu existieren. Auch auf Israelischer Seite gibt es das rechte Gesindel und das braune Gedankengut der Nazis. Das friedliche Miteinander von Völkern wird zukünftig davon abhängig sein, welche Werte gelten. Leider spielen die religiösen Gesichtspunkte eine immer unüberwindlichere Rolle.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 08.08.2014)

Durch die ablehnende Thematisierung israelischer Militäroperationen mittels Gebrauch der Maxime [N]ie wieder Holocaust legt der Schreiber nahe, die Kriterien für die gebotene Anwendung einer solchen Maxime wür231

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

den auch im Kontext des Nahostkonflikts erfüllt. Der Leser kann folglich inferieren, Vorgänge in Nahost seien mit dem Holocaust vergleichbar. Eine vom Schreiber geforderte Entrüstung der Gemeinschaft, die sich an dieser Maxime orientiere, bleibe laut dem Schreiber im Umgang mit dem Nahostkonflikt aus – auch wenn sie hier geboten sei. Auch wenn mit Einschränkungen143 hervorgebracht, stellt die Äußerung, dass es „[a]uch auf [i]sraelischer Seite […] das rechte Gesindel und das braune Gedankengut der Nazis“ gebe, eine Stärkung der NS-Analogie dar. Ähnlich wird im folgenden Kommentar besagte Maxime angewandt, um Israel implizit eine Nähe zum Nationalsozialismus zu unterstellen (Kriterium 6). Der Schreiber rechtfertigt seine Ablehnung Israels mit „Millionen Israelis und Juden“ und „mehrere[n] hundert Holocaustüberlebende“ (s. III.3.2), die gemäß dem Schreiber die Politik Netanjahus als „barbarisch“ und „unmenschlich“ evaluieren sowie selbige mit jener der Hamas gleichsetzen würden: (51) „Es gibt Millionen Israelis und Juden weltweit die das Vorgehen von Netanjahu barbarisch finden. Nicht einen Deut besser als die Hamas. Erst letzte Woche haben mehrere hundert Holocaustüberlebende in der NY Times das Vorgehen Israels als unmenschlich verurteilt. Menschen bei denen die ‚Nie Wieder Doktrin‘ eigentlich voll einschlagen sollte.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 30.08.2014)

Der Schreiber liest den hier thematisierten Protest der Überlebenden nicht als Indikator, dass Juden öffentlich mit der Politik Israels kritisch umgehen – er betont vielmehr das Nie wieder als handlungsweisendes Prinzip. Dieses Prinzip sei (aufgrund der Leidenserfahrungen der NS-Überlebenden) besonders für diese Gruppe als zentraler Imperativ zu verstehen. Durch die Anspielung auf dieses Prinzip und darüber hinaus auf den Holocaust bei Thematisierung der Vorgänge in Nahost wird Letzteren ebenso wie in (50) implizit ein vergleichbarer Status mit den NS-Verbrechen zugewiesen. In den folgenden Beiträgen stehen offene Anspielungen im Vordergrund. Das heißt, Schreiber legen zur Etablierung der NS-Analogie nicht einmal mehr eine Vergleichbarkeit des (emotionalen) Umgangs mit teils unterstellten Praxen nahe. Wie oben erwähnt, verwenden Schreiber unterspezifizierte Formulierungen, ohne über einschlägige Lexeme oder Wen____________________ 143

232

Die Verwendung des Adverbs auch in diesem Kontext schwächt die Etablierung der NS-Analogie ab, da sie nahelegt, es handele sich nicht um ein allein israelisches Spezifikum.

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

dungen die NS-Zeit zu benennen (s. Kriterium 7). Durch Kontext- und Weltwissen wird indes der Bezug zu dieser historischen Phase deutlich: (52) „Das ist mehr als ein Krieg..... Eine eingekesseltes Gebiet (welches praktisch die Menschen rechtlos macht), wo die Menschen nirgendwo hin können, mit massenhaft Bomben zu bewerfen, ist kein Krieg mehr. Es ähnelt einem Vorgang aus unserer Geschichte wieder.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 23.11.2012)

Die Rolle Israels als gegenwärtiges Täterkonzept kann durch Ko- und Kontext erschlossen werden. Die ihm unterstellten Praxen, d. h. der Umgang mit Palästinensern, werden im Folgenden expliziert. Für diese reiche gemäß dem Schreiber die Kategorie „Krieg“ nicht aus (s. Header und dritte Zeile). Er perspektiviert die israelische Militäroperation Pillar of Defense als Verbrechen an den (als „rechtlos“ ausgewiesenen) Palästinensern. Diese Verbrechen dienen als Tertium Comparationis eines impliziten Modalitätsvergleiches, denn über einen Junktorersatz („Es ähnelt einem Vorgang“) werden sie als mit den NS-Verbrechen vergleichbar perspektiviert. Diese Äquivalenzsetzung kann vom Leser durch Aktivierung seines Weltwissens verstanden werden. Der Schreiber kann nur auf die NS-Zeit anspielen, da er Gewaltanwendungen unter Einsatz zerstörerischer Waffen thematisiert („mit massenhaft Bomben zu bewerfen“). Diese finden nach 1945 in Deutschland jedoch kein Äquivalent. Wenn es insofern um Gewalt handelt, die „unserer Geschichte“ „ähnelt“, so muss die NS-Zeit gemeint sein. Im Folgenden führt das Wissen um die Zäsur, die mit der NS-Zeit einhergeht, dazu, dass der Leser die Äquivalenzsetzung zwischen den Täterkonzepten erschließen kann: (53) „Progrome und staatliche Strafaktionen gegen andere Volksgruppen, die für Verbrechen verantwortlich gemacht werden, sind in Europa ja zum Glück aus der Mode gekommen. In Israel vielleicht auch bald?“ (Leserkommentar, Die Zeit, 30.06.2014) (54) „Keinem Staat darf erlaubt sein, Leben so geringzuschätzen. Vertreibungen […], Nahme der Lebensgrundlage. Staatsräson [Deutschlands gegenüber Israel, M. B.] hin oder her, hier scheint niemand was aus den dunklen Zeiten lernen zu wollen.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 21.07.2014)

In (53) spielt der Schreiber auf die NS-Zeit an („Progrome und staatliche Strafaktionen gegen andere Volksgruppen“).144 Das gegenwärtige Täter____________________ 144

Besonders das Lexem Pogrome stellt eine onomastische Anspielung auf die Judenverfolgung in der NS-Zeit dar, auch wenn es ebenso wie andere Anspielun-

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

konzept wird indes expliziert. Israel wird Europa gegenübergestellt und darüber als anachronistisch perspektiviert („sind in Europa ja zum Glück aus der Mode gekommen. In Israel vielleicht auch bald?“). Über die finale rhetorische Frage wird implikatiert, dass in Israel nach wie vor besagte Verbrechen stattfinden. Auch in (54) wird auf die NS-Zeit lediglich angespielt („Leben so geringzuschätzen. Vertreibungen […], Nahme der Lebensgrundlage“; „dunklen Zeiten“). Dass sich der Schreiber auf Israel bezieht, kann durch den Äußerungskontext erschlossen werden. Diesem bescheinigt er, dass es „aus den dunklen Zeiten [nichts] lernen […] wolle“. Insofern wird Israel auch hier der Vorwurf gemacht, aus der Geschichte nicht lernen zu wollen. Des Weiteren wird hier erneut die Figur des Lernens aus der Vergangenheit deutlich, die in den von mir analysierten Leserkommentaren frequent auftritt. Sie beschreibt den Kern des deutschen Selbstverständnisses, das sich zwar abstrakt auf den Nationalsozialismus bezieht, jedoch die Benennung konkreter historischer Ereignisse meidet. Allein der allgemeine Verweis auf diese Zeit und die für sich in Anspruch genommene Lernleistung dient argumentativ als Grundlage, Israel(is) Lernfähigkeit abzusprechen und mit dem Nationalsozialismus vergleichbare Praxen im Nahen Osten zu unterstellen. Offene Anspielungen auf die deutsche Geschichte dienen Schreibern neben der Realisierung eines Äquivalenzverhältnisses auch als Vorlage, um anderen Kommentatoren einen Mangel an Geschichtsbewusstsein nachzuweisen: (55) „‚Israel baut 10 km weiter eine blühende, technisch und kulturell hochproduktive Zivilisation auf.‘ Auf gestohlenem und illegal besiedelten Land. Und wenn Sie die Hass-Ideologie der Siedlerterroristen für ‚kulturell hochproduktiv‘ halten, haben Sie nicht nur aus der deutschen Vergangenheit nichts gelernt.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 20.07.2014)

Die Formulierung „aus der deutschen Vergangenheit“ weist die Funktion einer offenen Anspielung auf die NS-Zeit auf (Kriterium 7).145 Expliziert würde der Vorwurf lauten, dass bei vorliegender Geschichtskenntnis die

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gen auf verschiedene historische Szenarien verweist und Pogrome nicht allein auf die NS-Zeit beschränkt waren. Gründe für eine den NS-Bezug herstellende Lesart habe ich in IV.1.3.2 sowie zu Anfang von IV.1.3.4 genannt. Der Vorwurf dem anderen Kommentator gegenüber, nichts aus der Vergangenheit gelernt zu haben, stellt zudem eine implizit vermittelte Selbstlegitimierung des Schreibers dar (s. III.3.1).

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

Parallelen zwischen NS-Zeit und der präsupponierten „Hass-Ideologie“146 der vom Schreiber als „Siedlerterroristen“ perspektivierten Israelis erkennbar seien (erneut distanzierende Verwendung des Lexems Siedler, s. IV.1.2). Insofern dient besagter Vorwurf dem anderen Kommentator gegenüber als Grundlage für die Etablierung der NS-Analogie. Im folgenden Beispiel legitimiert der Schreiber die Wir-Gruppe der Deutschen, indem er auf einen „Neuanfang“ nach dem Ende des Nationalsozialismus verweist und diesen dem Verhalten der Israelis abgrenzend gegenüberstellt (Kriterium 7, s. III.3.1): (56) „Wir kennen solche unmenschliche Raserei aus eigener Erfahrung als ganze Bevölkerungsgruppen zu Untermenschen degradiert wurden was auch Grosseltern derjenigen betrifft die jetzt in ihrem wüten keine Unterschiede zwischen Kämpfern und Frauen und Kinder machen und auch UN Zufluchtsorte unter Beschuss nehmen. Glücklicherweise hat der verlorene Krieg für uns einen , wie ich meine gut genutzten Neuanfang zur Folge gehabt aber für das rücksichtsloe Wüten der Regierung Israels ist kein Ende in sicht; es macht ihnen einfach nichts aus ein so erbärmliches Bild vor der Weltöffentlichkeit zu produzieren.“ (Leserkommentar, Die Zeit, 03.08.2014)

Bereits der erste Satz spielt auf die Wir-Gruppe an, die „solche unmenschliche Raserei aus eigener Erfahrung“ kenne. Dabei handelt es sich – ebenso wie bei der Referenz „der verlorene Krieg für uns“ – um offene Anspielungen auf die NS-Zeit bzw. das historische Täterkonzept. Auf die NSOpfer wird zum einen über den (mit einer Anspielung auf das historische Opferkonzept versehenen) Teilsatz „als ganze Bevölkerungsgruppen zu Untermenschen degradiert wurden“, zum anderen über folgende (eine Täter-Opfer-Umkehr komplettierende) Anspielung referiert: „was auch Grosseltern derjenigen betrifft[,] die jetzt in ihrem [W]üten keine Unterschiede zwischen Kämpfern und Frauen und Kinder machen“. Es werden hiermit die jüdischen NS-Opfer sowie ihre israelischen Nachfahren adressiert. Die Wir-Gruppe der Deutschen ist laut dem Schreiber dazu in der Lage, Verbrechen wiederzuerkennen. „Wir kennen solche […]“ ist als Junktorersatz zu werten, da eine Vergleichbarkeit implizit vermittelt wird. Die NS-Analogie wird folglich etabliert durch Anspielungen, die sich sowohl auf das historische Täter- und Opferkonzept sowie auf das Tertium Comparationis („Wüten“, „degradiert“, d. h. die Anspielung auf NS-Verbrechen) beziehen. Die israelische Regierung wird im Beispiel als gegen____________________ 146

Das Kompositum Hassideologie stärkt zusätzlich die Etablierung der NS-Analogie.

235

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

wärtiges Täterkonzept expliziert. Dass der Schreiber der israelischen Seite zudem unterstellt, „keine Unterschiede zwischen Kämpfern und Frauen und Kinder [zu] machen“, kann als Anspielung auf eine rassistische Ideologie verstanden werden, die über die Verwendung von NS-Vokabular (Untermenschen) unterstützt wird. Besagtes Israel unterstelltes Unrecht wird über o. g. Junktorersatz als mit den NS-Verbrechen vergleichbar perspektiviert. Der Kontrast zwischen der Wir-Gruppe der Deutschen und der Gruppe der anderen, d. h. der Israelis, wird unterstrichen, indem von einem „gut genutzten Neuanfang“ die Rede ist. Der Regierung Israels wird hingegen bescheinigt, dass für deren Wüten „kein Ende in [S]icht“ sei. Diese kontrastive Darstellung perspektiviert Israel – neben der Unterstellung, dem Nationalsozialismus entsprechende Verbrechen durchzuführen – als ein Land, bei dem keine Läuterung von unterstellten Verbrechen ausgemacht werden könne (s. III.3.5). Zwischenfazit In beiden Messzeiträumen lassen sich auffällige Gemeinsamkeiten bei der Realisierung offener Anspielungen bzw. der mit ihnen vermittelten Äquivalenzsetzungen von NS-Deutschland und Israel ausmachen. Ein Unterschied ist in der höheren Frequenz entsprechender Äußerungen 2014 erkennbar (s. Fußnote 142). Zeit-Kommentatoren tendieren einerseits dazu, Täter- und/oder Opferkonzepte partiell oder vollständig zu explizieren sowie das ihnen zugewiesene Handeln (Tertium Comparationis) zu nennen. Die Vergleichbarkeit dieser Praxen wird indes nicht verbalisiert (wie es bei einem expliziten Vergleich oder bei in den vorherigen Abschnitten erläuterten Realisierungsformen impliziter Modalitätsvergleiche der Fall sein würde). Vielmehr verweisen Schreiber auf eine Vergleichbarkeit des Umgangs (bspw. über Handlungsmaximen) bzw. der emotionalen Folgen, die aus diesen Praxen im Falle NS-Deutschlands resultierten und nun analog im Falle Israels resultieren würden bzw. sollten. Deren vergleichbarer Status wiederum lässt den Leser inferieren, auch die Praxen – und damit die Handelnden bzw. die Täterkonzepte – würden einander ähneln (Kriterium 6). Gerade im zweiten Messzeitraum kommen solche Äquivalenzsetzungen anlässlich der Thematisierung von antisemitischen Vorfällen in Deutschland zustande. Darüber hinaus wird in beiden Messzeiträumen eine (über einen Junktorersatz realisierte) Vergleichbarkeit des Tertium Comparationis behauptet. Israel unterstellte Verbrechen werden verglichen mit NS-Verbrechen, 236

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

auf die lediglich über offene Anspielungen verwiesen wird. Gerade das historische Täter- sowie das Opferkonzept müssen erschlossen werden (Kriterium 7). Die Wahl der auf die NS-Zeit offen anspielenden Lexeme als auch deren Kombination divergieren stark. Punktuell werden offene durch onomastische Anspielungen im Kotext ergänzt. Wie eingangs erwähnt, kommt der NS-Zeit eine hervorgehobene Präsenz im kollektiven Gedächtnis zu. Bei Formulierungen, die sich auf die deutsche Wir-Gruppe und ihre Geschichte beziehen (besonders in Kombination mit moralischen Handlungsmaximen, Gefühlen wie Scham und Abwehr angesichts sprachlich unpräzise gefasster Verbrechen), können Assoziationen mit der NSZeit sowie mit dem Holocaust problemlos aktiviert werden. In beiden Messzeiträumen sind bei der Verwendung offener Anspielungen positive Selbstzuschreibungen der Kommentatoren auszumachen. Gemäß der von ihnen vorgenommenen Perspektivierung der Wir-Gruppe zeichne sich diese durch ihre geschichtsbezogene Sensibilität bzw. ihren Lernwillen sowie ihre moralische Integrität aus. Damit bringen sie implizit zum Ausdruck, dass Israelis hinsichtlich Sensibilität, Lernwillen und Integrität einen Mangel aufweisen würden. IV.1.4 Fazit In Abschnitt IV.1 wurden Sprachgebrauchsmuster vorgestellt und erläutert, mit denen im Zeit-Kommentarbereich beider Messzeiträume Äquivalenzsetzungen von Israel und NS-Deutschland realisiert werden. Die detaillierte Auseinandersetzung mit diesen Sprachgebrauchsmustern zeigt Folgendes: Bevor ich auf die verschiedenen sprachlichen Realisierungsformen eingehe, möchte ich darauf hinweisen, dass bei jedem der in den Unterkapiteln IV.1.2 bis IV.1.3.4 vorgestellten Vergleichskonstruktionen vom ersten zum zweiten Messzeitraum eine Zunahme der Verwendungshäufigkeit durch Zeit-Kommentatoren beobachtbar ist (s. Anhang). Eine Zunahme konnte ich jedoch nicht allein in Bezug auf die Quantität der Äquivalenzsetzungen, sondern ebenso im Hinblick auf die Qualität der sprachlichen Konstruktionen feststellen. Besonders im zweiten Messzeitraum ist ein Anstieg hinsichtlich der Vielfalt selbiger festzustellen, die ich weiter unten näher erläutern werde. Im Vorfeld dieser Untersuchung erwartete ich, keinen expliziten Vergleich (zwischen dem Dasein und/oder dem Handeln der explizierten Täterkonzepte) in den Korpora der Zeit vorzufinden (s. IV.1.2). Tatsächlich 237

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

habe ich diesen Vergleich nur einmal erfassen können. Dieser bezieht sich auf die dem gegenwärtigen Täterkonzept unterstellte Instrumentalisierung von terroristischen Aktivitäten für politische Ziele. Die Brisanz, die mit diesem manifesten Vergleichsmuster einhergeht, mag als Erklärung für ihre geringe Präsenz im Zeit-Diskurs herangezogen werden.147 Besonders komplexe Vergleichsmuster, bei denen minimale Abschwächungen beobachtbar sind, habe ich in IV.1.3.1 vorgestellt. Darunter fallen partielle Erwähnungen von Täter- und/oder Opferkonzepten, der Gebrauch eines Junktorersatzes (i. d. R. bezogen auf das Tertium Comparationis), die Reihung von Argumenten, die schließlich zum Trugschluss einer ganzheitlichen Vergleichbarkeit der Täterkonzepte führen können, sowie der Vergleich von Anspielungen, die auf das NS- und Nahostszenario verweisen (s. Kriterien 1 bis 4 in IV.1.3). 2012 vergleichen Schreiber vorrangig die explizierten Opferkonzepte. 2014 kommt ebenso eine Bezugnahme auf die Täterkonzepte zustande – allerdings wird dieser Rückgriff von verschiedenen Formen eines Junktorersatzes begleitet. Als Junktorersatz (Vermeidung von wie) können u. a. alternative Formulierungen, eine sich wiederholende Wortwahl, aber auch Bedingungssätze und indirekte Sprechakte (wie rhetorische Fragen) gelten. Auch die Unterstellung einer Vergleichbarkeit von Hamas und französischer Résistance (und die damit verbundene Aufwertung Ersterer) wird über einen Junktorersatz realisiert. Des Weiteren nehmen 2014 implizite Vergleiche zu, bei denen einzelne Sachverhalte und/oder Prozesse (bspw. in Gaza und dem Warschauer Ghetto) in Beziehung gesetzt und in Form einer Argumentationskette arrangiert werden. Der finale Schluss, dass eine grundlegende wesenhafte Entsprechung zwischen Opfer- und somit auch Täterkonzepten vorliege, ____________________ 147

238

Die Frage, ob es sich hierbei lediglich um eine Ausnahme handelt oder davon auszugehen ist, dass es eine Zunahme explizit vermittelter Dämonisierungen vorwegnimmt, die sich bei den weiter unten zu besprechenden Verbalisierungsmustern bereits zeigt, könnte lediglich über fortgeführte Analysen des ZeitKommentarbereiches in Gegenwart und Zukunft beantwortet werden. Neben der Brisanz kann als weiterer Grund angeführt werden, dass Schreiber nicht-plakative Sprachverwendung bevorzugen können. Auch Sprachökonomie sowie die Fokussierung bestimmter Aspekte, aus denen Vergleiche ableitbar sind, können als Faktoren dafür gelten, dass Schreiber eher implizite NS-Vergleiche realisieren. Die Brisanz, die bei NS-Vergleichen vorliegt, muss dennoch als primärer Faktor angesehen werden, da Schreiber bei Vergleichen Israels mit anderen Ländern (wie bspw. die USA) einen wesentlich expliziteren Sprachgebrauch verwenden.

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

wird i. d. R. nicht expliziert, sondern über indirekte Sprechakte implikatiert. Wie erwähnt, stellen implizite Vergleiche über onomastische Anspielungen (s. IV.1.3.2) die Hauptform bei der Realisierung von Äquivalenzsetzungen von Israel und NS-Deutschland dar. Hierbei verwenden Schreiber Lexeme und/oder Wortverbindungen im Nahostdiskurs, die auf das NS-Szenario Bezug nehmen. Infolgedessen werden entsprechend vergleichbare Zustände und/oder Vorgänge im Nahen Osten vorausgesetzt, ohne dass eine Äquivalenzsetzung über Vergleichskonstruktion expliziert werden muss (Kriterium 5). Besonders häufig wird in beiden Messzeiträumen die Anspielung auf die NS-Zeit durch das Lexem Ghetto zur Perspektivierung Gazas realisiert. Des Weiteren verwenden Schreiber Ideologien ausweisende Lexeme, ab 2014 auch Namen von NS-Führungspersonen sowie ideologisch geprägte Praxen. Die für Anspielungen charakteristische Ambiguität wird durchbrochen, indem mehrere Anspielungen ineinander verzahnt auftreten, deren Zusammenhang wiederum die Rekonstruktion des NS-Szenarios gestattet. 2014 erhöht sich nicht nur die Deutlichkeit der verwendeten onomastischen Anspielungen, sondern ebenso ihre Verwendungsfrequenz. Eine spezifische Ausprägung onomastischer Anspielungen ist der Rekurs auf eine Teilmenge derselben, das NS-Vokabular, aus dessen Verwendung sich ebenso ein impliziter Vergleich zwischen Israel und NSDeutschland ableitet (s. IV.1.3.3, ebenso Kriterium 5). Im Unterschied zu den in IV.1.3.2 behandelten deskriptiven onomastischen Anspielungen handelt es sich bei NS-Vokabular um nationalsozialistisch geprägte bzw. in der NS-Zeit aufgegriffene Schlagwörter und Euphemismen, die im rechtsextremen Milieu affirmativ verwendet werden. In Zeit-Kommentaren wird im Zuge dieses Rekurses implizit Israel ein entsprechendes Denken und Handeln unterstellt. Schreiber perspektivieren sowohl im 2012er als auch im 2014er Messzeitraum über den Gebrauch von Schlagwörtern wie Volk ohne Raum oder Lebensraum im Osten sowie NS-Zitate nicht nur politische Leitlinien der israelischen Regierung, sondern auch das Denken israelischer Bürger. Ab 2014 greifen Schreiber vermehrt auf Komposita wie auf den aktualisierten Euphemismus Endlösung der Palästinenserfrage, auf das Schlagwort Kampf um Lebensraum sowie um einen für Nahost unterstellten Dualismus zwischen Herrenrasse und Untermenschen zurück. Eine weitere Besonderheit sowohl bei onomastischen Anspielungen in IV.1.3.2 als auch bei Rückgriff auf NS-Vokabular ist der (besonders im zweiten Messzeitraum beobachtbare) frequente Vorwurf gegenüber ande239

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

ren Kommentatoren, dem Nationalsozialismus nahezustehen. Über diesen kommunikativen Umweg kann diese unterstellte Nähe – zusammen mit der Behauptung, besagte Kommentatoren würden Israel verteidigen – schließlich auch auf Israel ausgedehnt werden. Im letzten Unterkapitel habe ich mich mit impliziten Vergleichen beschäftigt, die sich durch Verwendung offener Anspielungen auszeichnen (s. IV.1.3.4): Hierunter fallen zum einen standardisierte Formulierungen, die auf die NS-Zeit verweisen, ohne diese historische Phase durch konkrete Wortwahl auszuweisen (Kriterium 7). Formulierungen wie Das erinnert mich an unsere Geschichte verwenden Schreiber in beiden Messzeiträumen. Die Erschließung entsprechender Formulierungen als implizit vermittelte Äquivalenzsetzungen von Israel und NS-Deutschland liegt einerseits an der starken Präsenz der NS-Zeit im kollektiven Gedächtnis sowie an der Tatsache, dass seit 1945 keine kriegerischen Auseinandersetzungen in und um Deutschland vorgelegen haben. Im Kontext von Kommentaren, in denen von Konflikten in Nahost die Rede ist, erscheint folglich ein NSBezug in Zusammenhang mit solchen Wendungen als sehr wahrscheinlich. Zudem ist bei Formulierungen, welche die deutsche Wir-Gruppe, ihr Selbstverständnis sowie Nationalstolz (im Kontext von Handlungsmaximen und Gefühlen) thematisieren, davon auszugehen, dass Leser die NSZeit sowie den Holocaust problemlos inferieren können, da das nationale Selbstbild in Deutschland mit der NS-Geschichte sowie dem Umgang mit dieser Phase deutscher Geschichte eng verbunden sind. Im Verhältnis zu anderen impliziten Vergleichsmustern ist es bemerkenswert, dass trotz besagter Brisanz von NS-Bezügen offene Anspielungen in beiden Zeit-Korpora verhältnismäßig selten erfasst werden konnten. Dies mag mit der ihnen inhärenten semantischen Ambiguität zusammenhängen. Das Referenzpotenzial onomastischer Anspielungen ist wesentlich klarer konturiert, wodurch onomastische Anspielungen die NS-Analogie entsprechend deutlicher zum Ausdruck bringen. Damit einher geht, dass die an die NS-Analogie geknüpften Funktionen (Dämonisierung, Relativierung und Entlastung) stärker zum Tragen kommen. Ein weiterer Grund für ihre verhältnismäßig geringe Frequenz mag sein, dass unterspezifizierte Formulierungen wie die einleitend erwähnte umständlich sind und Schreiber aus sprachökonomischer Perspektive Anspielungen wie Ghetto oder Untermensch vorziehen, sobald sie Israel als Wiederkehr des Nationalsozialismus zu perspektivieren wünschen. Eine weitere Spielart offener Anspielungen, die ich in beiden Messzeiträumen erfasst habe, sind jene, in denen nicht einmal eine Vergleichbarkeit des Tertium Comparationis behauptet wird. Vielmehr unterstellen 240

IV.1 Die NS-Analogie in der Zeit

Schreiber eine Vergleichbarkeit des Umgangs und emotionaler Folgen (bspw. Scham), die aus beiden Täterkonzepten zugewiesenen Praxen resultieren würden (Kriterium 6). Der vergleichbare Status des Umgangs/der Folgen gestattet es dem Leser zu inferieren, dass ein impliziter Modalitätsvergleich vorliegt, da eine solche Vergleichbarkeit eine Vergleichbarkeit der ihnen zugrundeliegenden Praxen bedingt. Hinsichtlich der optionalen Löschung von Leserkommentaren durch die Zeit-Moderation ist Folgendes festzuhalten: Bis auf den in IV.1.3.3 als gelöscht ausgewiesenen Leserkommentar, in welchem die Nennung sowohl des historischen sowie gegenwärtigen Opferkonzeptes zusammen mit NSVokabular zur Perspektivierung israelischer Praxen erfolgt, blieben alle hier vorgestellten Leserkommentare während meiner gesamten Auswertungsphase online. Dies mag mit dem Grad der Implizitheit zusammenhängen, die bei alleiniger Verwendung von Anspielungen und/oder partieller Nennung von Täter- und Opferkonzepten vorliegt. Ggf. stellt dies auch einen Grund dar, weshalb ein expliziter NS-Vergleich in beiden Messzeiträumen nur ein einziges Mal vorkommt. Es mag sein, dass vormals von Schreibern hervorgebrachte Kommentare mit expliziten Vergleichen von der Moderation bereits gelöscht wurden, bevor ich auf den Kommentarbereich zugreifen konnte. Dennoch muss es problematisch erscheinen, dass in beiden Messzeiträumen eine dermaßen hohe Zahl leicht erschließbarer Äquivalenzsetzungen von Israel und NS-Deutschland, nicht zuletzt durch einschlägiges NS-Vokabular, erfasst werden konnte. Neben der Detailliertheit und Argumentationsdichte, durch welche sich viele der analysierten Leserkommentare auszeichnen, ist zudem der in beiden Messzeiträumen erkennbare Zusammenhang zwischen Äquivalenzsetzungen von Israel und NS-Deutschland und positiven Selbstzuschreibungen bemerkenswert (zur Frequenz dieser Verknüpfungen s. Anhang). In ihrer Perspektivierung zeichnen Kommentatoren das Bild einer geschichtssensiblen, moralisch integren Wir-Gruppe, die aus ihren Fehlern gelernt habe. Nun sei es an den Israelis, aus der Geschichte zu lernen und nicht dieselben Fehler zu machen, die einst von den Deutschen ausgingen. Letztgenanntes Zugeständnis stellt wohlbemerkt nur einen kleinen Teil der in den Kommentaren erfassten Meinungen dar. Der Großteil dämonisiert Israel als einen NS-Staat, der sich nicht durch Lernwillen, sondern durch Rassismus und das Bedürfnis nach Unterdrückung und Massenmord auszeichne und bei dem mit keiner Neuausrichtung, wie sie im Deutschland nach 1945 beobachtet werden könne, zu rechnen sei (s. Anhang). In den folgenden Kapiteln wende ich mich den sprachlichen Vermittlungen geschichtsbezogener Analogien im Guardian-Kommentarbereich 241

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

zu. Hier wird mich u. a. interessieren, in welcher sprachlichen Darbietungsform und Frequenz Äquivalenzsetzungen von Großbritannien zu Zeiten des Empire und Israel heute bzw. von britischem Kolonialismus und der Regierungspraxis Israels realisiert werden. Auch wenn die referierten historischen Szenarien an sich nicht vergleichbar sind, kann vorausgesetzt werden, dass sie vergleichbare kommunikative Funktionen für die jeweilige Leserschaft erfüllen. Äquivalenzsetzungen dieser Art bewegen sich ebenso im Spannungsfeld zwischen Distanzierung von historischem Unrecht sowie Wunsch nach Entlastung im Zusammenspiel mit einer Dämonisierung des jüdischen Staates durch Projektionen (zur nationalen Zugehörigkeit der Guardian-Kommentatoren s. u.). Ich werde bei expliziten Äquivalenzsetzungen beginnen und dem Grad der Implizitheit folgend Korpusbeispiele vorstellen sowie die Sprachgebrauchsmuster den Charakteristika der Zeit-Kommentare gegenüberstellen. IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian Im Folgenden erläutere ich jene Sprachgebrauchsmuster, mittels derer Guardian-Kommentatoren als Reaktion auf die Medienberichterstattung zu den israelischen Militäroperationen Pillar of Defense 2012 und Protective Edge 2014 Analogien zwischen Israel und einerseits dem British Empire, andererseits anderen Kolonialreichen bzw. Kolonialismus im Allgemeinen etablieren. Übereinstimmend mit den Beobachtungen hinsichtlich jener Sprachgebrauchsmuster, mittels welcher im Zeit-Kommentarbereich die NS-Analogie etabliert wird (s. IV.1), liegen Empire- und Kolonialismus-Vergleiche im Guardian-Kommentarbereich in divergierenden Graden der Deutlichkeit vor. Neben den damit zusammenhängenden sprachlichen Charakteristika und der zahlenmäßigen Präsenz148 entsprechender Äquivalenzsetzungen im Guardian-Diskurs werde ich die Argumentationsmuster (s. III.3) sowie (im Falle einer Relevanz für das Verständnis der Leserkommentare) jene antisemitischen Stereotype erläutern, welche im Rahmen der verglei____________________ 148

242

Im Untersuchungszeitraum 2012 tauchen entsprechende Äquivalenzsetzungen von Israel und dem Empire sowie Kolonialismus in 201 Kommentaren auf – bei insgesamt 1.521 qualitativ analysierten Kommentaren bilden diese somit 13,2 Prozent. 2014 liegt die Zahl der Kommentare, die diese Analogien etablieren, bei 234, was bei 1.527 qualitativ analysierten Beiträgen 15,3 Prozent darstellt.

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

chenden Kommentare reproduziert werden. In den Zwischenfazits sowie in IV.2.5 fasse ich die Besonderheiten in der Sprachverwendung innerhalb beider Messzeiträume zusammen und stelle selbige einander gegenüber. Bei den in diesem Kapitel gleichfalls behandelten Kolonialismus-Vergleichen149 wird ISRAEL mit einem nicht spezifizierten KOLONIALREICH in seinem Dasein und/oder Handeln verglichen. Aus folgendem Grund spielen diese Äquivalenzsetzungen für meine Arbeit, die sich mit entlastenden Zuschreibungen beschäftigt, eine besondere Rolle: Britische Leser werden aufgrund der Präsenz der kolonialen Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis der britischen Gesellschaft bei diesen nicht explizit auf das britische Kolonialreich Bezug nehmenden Äquivalenzsetzungen vorrangig das Szenario des British Empire aufrufen (s. Gilroy 2006, MacPhee/Poddar 2007, Dahlgreen 2014, Andrews 2016, Stone 2016). Freilich ist dies nicht die einzige mögliche Lesart, jedoch stellen mittels Kolonialismus-Vergleichen gleichfalls referierte Szenarien aus der Geschichte des eigenen Landes die naheliegende Assoziationsmöglichkeit dar (s. hierzu insbesondere IV.2.2).150 An dieser Stelle sei unterstrichen, dass mit wenigen Ausnahmen alle erfassten Empire- und Kolonialismus-Vergleiche von britischen Schreibern realisiert wurden. Dies konnte ich über die Bezüge im jeweiligen Kommentar und/oder in der comment history des jeweiligen Kommentators auf der Guardian-Webseite rekonstruieren (s. hierzu Aufstellung im Anhang). Angesichts der internationalen Leserschaft des Guardian ist dieser Aspekt von Relevanz. Das Wissen um die Zugehörigkeit der Schreiber zur briti____________________ 149

Da der Kolonialismus europäischer Prägung von verschiedenen Ländern ausging, ist im Folgenden die Rede von Kolonialismus-Analogien (im Gegensatz etwa zur NS-Analogie, Empire-Analogie und Apartheid-Analogie, die auf ein landesspezifisches Szenario verweisen). 150 Hier sei auch auf das Inferenzpotenzial von Lexemen wie Faschismus und Nationalismus in deutschen Äußerungskontexten verwiesen, in denen Schreiber im Rahmen ihrer Reaktionen auf das NS-Szenario Bezug nehmen (s. IV.1.3.2 und IV.1.3.3). Hinsichtlich des Inferenzpotenzials von Lexemen wie Kolonialismus, Expansionismus etc. konnte ich im Rahmen von neben diesem Forschungsprojekt geführten Interviews mit 20 englischen Muttersprachlern sowie einer Umfrage mit 48 Teilnehmern feststellen, dass entsprechende Anspielungen das Szenario des British Empire aktivieren. Ebenso kam es bei Leserkommentaren mit derartigen Anspielungen regelmäßig zu Reaktionen anderer Kommentatoren, in welchen Letztere den Bezug zum britischen Kolonialismus selbstständig herstellten (s. entsprechend auch Kommentar (1) auf S. 176).

243

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

schen Wir-Gruppe erlaubt einerseits die Einschätzung, es werden im Falle von Anspielungen wie Kolonialismus etc. primär Assoziationen mit dem Empire ausgelöst; andererseits kann sich erst durch besagte Zugehörigkeit jene Entlastungsfunktion konstituieren, welche sich bei Vergleichen dieser Art hinsichtlich kolonialer Verbrechen des eigenen Landes abzeichnet (s. IV). Zum Aufbau des Kapitels: Vorab sei erwähnt, dass IV.2 nicht parallel zu IV.1 aufgebaut ist. Dies hängt mit den Besonderheiten im GuardianDiskurs zusammen. Bezüge zum (britischen sowie europäischen) Kolonialismus weisen ihre eigenen sprachlichen Strukturen und Frequenzen auf. So werden auf das British Empire Bezug nehmende onomastische Anspielungen ebenso unter IV.2.1 behandelt, da sie einerseits ein klar konturiertes Inferenzpotenzial (mit Referenz auf das britische Herrschaftsgebiet) aufweisen, andererseits seltener auftreten als bspw. onomastische Anspielungen mit Bezug auf den europäischen Kolonialismus als solchen (s. IV.2.2). Die sprachlichen Abweichungen werden in u. g. Übersicht zu den Kriterien transparent. In IV.2.1 werde ich jene impliziten Empire-Vergleiche vorstellen, bei denen Täter- und Opferkonzepte partiell genannt werden und/oder der Vergleich über einen Junktorersatz erfolgt. Zudem werde ich wie erwähnt onomastische Anspielungen vorstellen, bei denen der Ära des Empire eindeutig zuordenbare Namen, Orte, Praxen, Ideologien etc. vorliegen. Durch deren Referenzialisierung im Nahostdiskurs implikatiert der Schreiber eine diesbezügliche Vergleichbarkeit zwischen dem damaligen Großbritannien und dem gegenwärtigen Israel. In IV.2.2 stehen Kolonialismus-Vergleiche im Mittelpunkt, bei denen u. a. über Attribuierungen explizite Äquivalenzsetzungen, über onomastische Anspielungen implizite Äquivalenzsetzungen realisiert werden. Bei Letzteren werden im Zuge besagter onomastischer Anspielungen Lexeme verwendet, die sich erneut auf Ideologien, Überzeugungen und Praxen – allerdings nicht nur des britischen, sondern des Kolonialismus im Allgemeinen – beziehen. Es handelt sich hierbei um Spezifika, mit denen neben dem British Empire auch andere Kolonialreiche ihre Herrschaft begründeten und sicherten. In IV.2.3 werde ich Vergleiche erläutern, durch welche der Nahostkonflikt in eine Kontinuität mit weiteren Kolonialismusszenarien gestellt wird, die partiell von Großbritannien verursacht wurden. Auch wenn das historische Täterkonzept nicht expliziert wird, können auch hier Leser die Involviertheit Großbritanniens entschlüsseln. Bezüge zum British Empire sowie zum Kolonialismus im Allgemeinen werden im milieuspezifischen GuardianDiskurs fast durchgängig mit einer negativen Evaluierung kommuniziert – 244

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

in IV.2.4 bespreche ich hingegen von dieser Bewertung abweichende Äquivalenzsetzungen, durch welche die einstige britische Außenpolitik als beispielgebend und zukunftsweisend perspektiviert wird. Hier zeigt sich ein Gegensatz zum Großteil der vorliegend erläuterten Äquivalenzsetzungen zum Empire bzw. zur britischen und europäischen Großmachtpolitik, da Großbritanniens Rolle in einem bestimmten Kontext positiv evaluiert und jener Israels im Nahostkonflikt gegenübergestellt wird. Anhand des Kapitelaufbaus wird ersichtlich, dass ich – bedingt durch die Besonderheiten des Guardian-Diskurses – die Betrachtung geschichtsbezogener Analogien auf inhaltlicher Ebene in IV.2.2 und IV.2.3 einerseits ausweiten, in IV.2.4 andererseits fokussieren werde. Zum einen berücksichtige ich Äquivalenzsetzungen mit anderen Kolonialismusszenarien; zum anderen erläutere ich jene Äquivalenzsetzungen, in denen die Rolle Großbritanniens nicht problematisiert, sondern als beispielgebend bewertet wird. Darüber hinaus deutet der Kapitelaufbau bereits an, dass die sprachliche Bandbreite geschichtsbezogener Vergleiche im GuardianKommentarbereich schmaler ausfällt, als es bei NS-Vergleichen der Fall ist: In den Guardian-Korpora wurde kaum spezifisch in der Ära des Kolonialismus gebräuchliches Vokabular herangezogen, das sich damals selbstverständlich bzw. positiv auf die Charakteristika des Kolonialismus bezog, um heute über dessen Verwendung eine Affirmation kolonialer Konzepte durch Israel zu suggerieren (zu entsprechenden Spezifika im Zeit-Diskurs s. IV.1.3.3, zur Propaganda im British Empire s. auch MacDonald 1994, August 1985, Rice 2016). Zudem liegen kaum Kommentare vor, in denen ein Bezug zum Empire bzw. zum Kolonialismus allein über offene Anspielungen hergestellt wird (zu entsprechenden Spezifika im Zeit-Diskurs s. IV.1.3.4). Ich werde zeigen, dass die selten auftretenden offenen Anspielungen stets in Verbindung mit onomastischen Anspielungen daherkommen (s. hierzu IV.2.2). Bei den letztgenannten Beobachtungen handelt es insofern um den ersten Gegensatz zu den die Etablierung der NS-Analogie einleitenden Sprachgebrauchsmustern, die ich in IV.1 vorstelle. Wie einleitend erwähnt, wählen Schreiber zur Etablierung der EmpireAnalogie keine expliziten Vergleiche. Ein expliziter Empire-Vergleich151 ____________________ 151

Zu Vergleichen allgemein s. III.2.4.1, s. auch Thurmair 2001. Eine schematische Übersicht zu den Kategorien, auf die ich bei der Analyse von expliziten und impliziten Vergleichen zurückgreife, befindet sich am Anfang des Kapitels IV auf S. 176.

245

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

wäre dann gegeben, wenn beide Täterkonzepte (GROSSBRITANNIEN (zu Zeiten des Empire) und ISRAEL) benannt und durch den Junktor wie hinsichtlich ihres Daseins und/oder Handelns verglichen würden. Statt expliziter Vergleiche vermitteln Guardian-Kommentaren Äquivalenzsetzungen zwischen dem EMPIRE und ISRAEL in beiden Messzeiträumen in ausschließlich impliziter Form. Diese wird realisiert mittels partieller und/oder abgeschwächter Verwendung historischer (= Komparationsbasis) und/oder gegenwärtiger Täter- und Opferkonzepte (= Komparandum), mittels Argumentreihung von Einzelaspekten sowie durch Verwendung onomastischer Anspielungen. Basierend auf den gegebenen Informationen sowie mittels Kontext- und Weltwissen können Leser anschließend die Täterkonzepte inferieren. Indem die vom Schreiber implikatierten Bedeutungseinheiten erschlossen werden, kann es erneut zum Paralogismus (= Fehlschluss, s. IV.1.3) kommen, nämlich dass Szenarien des britischen Kolonialismus sowie im Nahen Osten und infolgedessen beide Täterkonzepte zueinander in ein Äquivalenzverhältnis gestellt werden können. Die Kriterien für einen expliziten Kolonialismus-Vergleich sind mit denen des Empire-Vergleiches identisch. Allerdings kommt hinzu, dass Schreiber hier ebenso Attribuierungen vornehmen, mit denen das gegenwärtige Täterkonzept eindeutig als Kolonialreich perspektiviert wird (zu diesem Vergleichsmuster s. auch IV.3). Darüber hinaus werden Kolonialismus-Analogien – wie auch die Empire-Analogie – über implizite Vergleiche etabliert. Hinsichtlich der zur Etablierung von Empire- und Kolonialismus-Analogien herangezogenen Sprachgebrauchsmuster in den Guardian-Korpora beider Jahre kategorisiere ich Vergleiche gemäß folgenden Kriterien (bezüglich Charakteristika von NS-Vergleichen im Zeit-Kommentarbereich s. IV.1.3.1): •

Erstens durch explizite Vergleiche zwischen den Täterkonzepten (KOLONIALREICH und ISRAEL) oder durch Attribuierungen des gegenwärtigen Täter- und/oder Opferkonzepts (ISRAEL und/oder PALÄSTINENSER) mittels die historischen Täter- und/oder Opferkonzepte (KOLONIALREICH und KOLONISIERTE) ausweisender Lexeme. Beispiele hierfür können folgende Äußerungen sein: o Israel is (like) a colonial power. o The colonial state Israel continues to subjugate the indigenous population.

246

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

Wie bereits anhand o. g. Spezifizierungen erkennbar wird, liegt diese explizite Ausformung allein bei Kolonialismus-Vergleichen vor (s. IV.2.2). •

Zweitens die ausschließliche Nennung des historischen und gegenwärtigen Opferkonzepts (KOLONISIERTE und PALÄSTINENSER) sowie eines diese Konzepte verbindenden Junktors (s. IV.2.1). Der Leser kann das jeweilige Täterkonzept (BRITISH EMPIRE/KOLONIALREICH und ISRAEL) durch Orts- und Zeitangaben sowie Kontext- und Weltwissen inferieren: o The Palestinians live like the subjugated Indians in the 19th century.



Drittens durch die partielle Nennung von historischen und/oder gegenwärtigen Täter- und Opferkonzepten sowie die Verwendung eines Junktors (s. IV.2.1): o The Palestinians live like the inhabitants of Delhi in the 19th century. In diesem Beispiel wird das gegenwärtige Opferkonzept expliziert; auf das historische Opferkonzept wird angespielt; das historische sowie gegenwärtige Täterkonzept bleiben ungenannt.



Viertens durch den Junktor abschwächende und/oder ersetzende Formulierungen zwischen den jeweiligen Täter- und/oder Opferkonzepten und/oder dem Tertium Comparationis, wobei auf der Seite der Komparationsbasis und des Komparandums jeweils stets ein Täter- bzw. Opferkonzept vorliegen muss (s. IV.2.1): o Israel’s actions remind me of the colonial atrocities committed by our country. Hier gilt zu beachten, dass – wie auch bei NS-Vergleichen in IV.1.3.1 – der Junktorersatz auch in Form von indirekten Sprechakten (wie rhetorischen Fragen) sowie von Wortwiederholungen vorliegen kann (s. hierzu IV.2.1).



Fünftens durch eine Äquivalenzsetzung von Täter- und Opferkonzepten in Bezug auf ihr Dasein oder Handeln (= Tertium Comparationis) mittels mindestens einer onomastischen Anspielung (s. IV.2.1, IV.2.2 und IV.2.3): o Israel is a colonialist entity with an expansionist agenda, subjugating the indigenous population under the pretext of „improving“ their living conditions. 247

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Bevor ich im folgenden Abschnitt die im Korpusmaterial erfassten Vergleiche erläutere und diesen Kriterien zuordne, möchte ich vorab auf zwei Spezifika hinsichtlich des milieuspezifischen Guardian-Diskurses aufmerksam machen. Hierzu präsentiere ich einen Leserkommentar, in dem der Schreiber die Etablierung der Empire-Analogie vonseiten britischer Schreiber in Bezug auf Israel problematisiert: (1) „It is laughable that the brits should criticize Israel as an colonizer. Less than 100 years ago, the brits had the largest colonial empire in history, and they boasted that the sun never set in the british empire. And now that they lost their empire, they are so self-righteous that they bash Israel, a country the size of Wales.“ (Leserkommentar, The Guardian, 14.08.2014)

Dieser Beitrag legt bereits nahe, dass es sich bei der angesprochenen Äquivalenzsetzung im Guardian-Kommentarbereich nicht um ein Randphänomen handelt. Des Weiteren ist von Relevanz, dass der Schreiber auf den Beitrag eines anderen Kommentators reagiert, der wiederum den israelkritischen Guardian-Journalisten Dan Glazebrook wie folgt zitiert: (2) „‚All colonial settler states are based on the violent dispossession of the native peoples – and as a result, their fundamental and overriding aim has always been to keep those native peoples as weak as possible. Israel’s aim for the Palestinians is no different.‘“ (Leserkommentar, The Guardian, 14.08.2014)

Journalistische Beiträge wie dieser kommen im Guardian-Korpus beider Jahre vor. Glazebrook charakterisiert die Natur von Kolonialstaaten („violent dispossession of the native peoples“, „keep those native peoples as weak as possible“) und vergleicht diese infolgedessen mit Israel („Israel’s aim for the Palestinians is no different“). Der Leser wird insofern Zeuge einer Relativierung kolonialer Verbrechen sowie einer explizierten Dämonisierung Israels. Die Brisanz dieses Beitrags liegt hier allerdings vielmehr in der Sprecherposition: Von wem wird diese Äquivalenzsetzung vorgenommen? Es handelt sich nicht um einen anonymen Guardian-Kommentator, der die Genese und gegenwärtigen Verhältnisse des Nahostkonflikts womöglich verkennt oder einen besonders überspitzt-polemischen Vergleich hervorbringt, um eine prominente, da provokative Rolle in der Debatte einzunehmen. Der Schreiber ist ein professioneller Journalist, der die offizielle Position des Guardian mitgestaltet (zur Positionierung des Mediums sowie zur Annäherung Journalisten und Leserschaft s. I.1).152 ____________________ 152

248

Journalisten sind Autoritäten, an deren Äußerungen sich unzählige Rezipienten orientieren. Demzufolge sollte Journalisten zum einen genaues Wissen über den

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

Die Wechselwirkung zwischen Guardian-Journalisten und -Leserschaft hinsichtlich der Etablierung von Empire- und Kolonialismus-Analogien ist 2014 mehrfach beobachtbar. Leserkommentare mit entsprechenden Äquivalenzsetzungen beziehen sich im zweiten Messzeitraum u. a. mehrfach auf den Artikel „Gaza is a crime made in Washington as well as Jerusalem“ des Guardian-Kolumnisten Seumas Milne. Dieser nimmt eine vergleichbare Perspektivierung Israels vor und sorgt somit – ebenso wie Dan Glazebrook – für eine Habitualisierung derselben in Bezug auf Israel: „So began ist full-scale colonisation by mainly European settlers – something that could have happened only under colonial rule – which three decades later would lead to the establishment of Israel and the dispossession or expulsion of the majority of the Palestinian people […] Since the Oslo agreement of the early 1990s failed to produce the Palestinian state in the West Bank and Gaza it was supposed to, Israel has colonised, bombed and reinvaded the Palestinian territories it illegally occupies (along with Syria and Lebanon) time and again: in 2002, 2006, 2008 and 2012. […] If the Palestinians are going to break out of their current subjection, that will have to go further. For the rest of the world it’s the outrageous bigpower backing for Israel’s 47-year illegal occupation, colonisation and denial of Palestinian rights – while orchestrating an endless phoney peace process that simply allows the land grab to continue – that has to be challenged and dismantled.“ (Milne 2014)

Wortverbindungen wie „colonisation by mainly European settlers“, „colonial rule“, „Israel has colonised“ und „illegal occupation, colonisation and denial“ zeigen erneut, dass Analogien zwischen dem europäischen bzw. britischen Kolonialismus und Israels gegenwärtiger Politik auch von Guardian-Journalisten etabliert werden. Unter den 100 ersten Leserkommentaren problematisiert lediglich ein Schreiber Milnes geschichtsrelativierende Perspektivierungen, die insofern in den Guardian-Artikeln („above“) und nicht allein in Leserkommentaren („below the line“) beobachtbar sind: (3) „The persecuted Jews heading for Palestine were hardly out to claim the place for king/qheen/kaiser and country, were they? Seeing this hateful juvenile nonsense below the line on CiF [Comment is free, M. B.] is one thing but above?!“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Dem entgegengesetzt greifen zahlreiche Kommentatoren in ihren Beiträgen diese von Milne verbalisierten und vom Guardian publizierten Zuwei____________________ Gegenstand ihres Artikels vorliegen; zum anderen sollten sie über eine Sensibilität im Umgang mit sprachlichen Mitteln verfügen, da sie um die Wechselwirkung von Sprache und Realität und folglich um die Folgen kontinuierlich verzerrenden Sprachgebrauchs wissen.

249

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

sungen auf und verbreiten sie weiter. Die beiden folgenden Leserkommentare unter demselben Artikel veranschaulichen, wie Kolonialismus-Analogien teils mit exakt demselben lexikalischen Arsenal etabliert werden: (4) „No matter how much or to what degree successive Palestinian leaderships have compromised and waived away their basic rights over the decades, it is not enough for those in control of the colonialist, settler state of Israel.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014) (5) „They’ve tried talking, all talking does is gives Israel time to stall and put more colonial outposts up in the West Bank. Talking has not reversed settler landgrabs, it has not reversed the division wall landgrabs, it has not got them any closer to a share of Jerusalem, it has not relieved the blockade of Gaza or earnt them sovereignty.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Die Verbreitung von Empire- und Kolonialismus-Vergleichen im britischen Mediendiskurs kann insofern als Top-down-Prozess (durch journalistische Beiträge, welche die Wahrnehmung eines Sachverhaltes innerhalb einer Leserschaft determinieren) beschrieben werden (zu Antisemitismus im Guardian s. Hoffman 2008, Sela 2010, Gross 2011, Becker 2015, Levick 2016). Im vorliegenden Fall ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich größer, dass entsprechende Perspektivierungen von der breiten Leserschaft übernommen werden. Beobachtungen wie diese stehen im Gegensatz zu den Verhältnissen im Zeit-Diskurs, wo die NS-Analogie allein von Teilen der Leserschaft etabliert wird (s. IV.1). Insofern kann für den Guardian-Diskurs festgehalten werden, dass – bedingt durch besagte Äquivalenzsetzungen innerhalb der redaktionellen Beiträge – bei der Leserschaft der Eindruck einer Brisanz, die mit in dieser Arbeit fokussierten Sprachgebrauchsmustern einhergeht, gar nicht erst entsteht. Die Perspektivierung Israels über geschichtsbezogene Vergleiche als expansionistische, unterdrückende, anachronistische Kolonialmacht – und somit illegitim – kann infolgedessen bei der Leserschaft des britischen Mediums als Teil des Sagbarkeitsfeldes angesehen werden. Infolgedessen können sich entsprechende, in Bezug auf Israel hervorgebrachte Unterstellungen leichter durchsetzen. IV.2.1

Implizite Empire-Vergleiche

Implizite Empire-Vergleiche, bei denen Täter- und/oder Opferkonzepte partiell und/oder abgeschwächt verbalisiert werden, können in beiden Sub-

250

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

korpora festgestellt werden.153 Ich werde entsprechend strukturierte Leserkommentare gemäß den Kriterien in IV.2.1 anordnen und erläutern. Im ersten hier vorgestellten Kommentar vergleicht der Schreiber über einen Junktor die beiden explizierten Opferkonzepte (Kriterium 2): (6) „The oppressed Palestians are detained in Gaza like the Boers in the old times.. After the wars the Brits controlled all of South Africa - for decades.... you see, violence always pays off!“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.11.2012)

Neben der behaupteten Vergleichbarkeit der Opferkonzepte (PALÄSTINENSER und in dem Falle BUREN) nennt der Schreiber das historische Täterkonzept. Das damalige britische Verhältnis zu den Buren muss der Leser durch Kotext und Weltwissen erschließen: Neben den genannten historischen Täter- und Opferkonzepten verwendet der Schreiber das Verb detained sowie das Substantiv violence. Das historische Täterkonzept zeichne sich gemäß dem Schreiber insofern durch Gewaltanwendung aus und halte das Opferkonzept gefangen. Durch Nennung der Buren als Opferkonzept sowie durch Weltwissensaktivierung kann der Leser inferieren, dass der Schreiber mit detained auf den Zweiten Burenkrieg von 1899 bis 1902 anspielt (zu onomastischen Anspielungen s. IV.2.2; „in the old times“ ist zudem als offene Anspielung auf die Kolonialzeit Großbritanniens zu verstehen). Während dieses Konflikts zwischen Großbritannien und den Burenrepubliken, der mit deren Eingliederung in das British Empire endete, wurden mehr als 100.000 Menschen in Internierungslager eingesperrt. Etwa 30.000 Internierte fanden hierbei den Tod (s. Guardian Research Department 2011, Nasson 2011, van Heyningen 2013). Die Internierung unter unmenschlichen Bedingungen stellt insofern das Tertium Comparationis in diesem impliziten Vergleich dar. Auch wenn das gegenwärtige Täterkonzept nicht expliziert wird, kann der Leser selbiges durch Nennung des Opferkonzeptes, durch Verwendung des ortsbezogenen Lexems Gaza sowie durch Ko- und Kontext inferieren. Israel kontrolliere somit Gaza, welches indirekt als Gefängnis einer Kolonialmacht perspektiviert wird. Der in diesem Beitrag erkennbare Sarkasmus ist symptomatisch für ablehnende Äußerungen, mit denen Guardian-Kommentatoren auf die ____________________ 153

Implizite Empire-Vergleiche mittels Nennung von Täter- und Opferkonzepten wurden 2012 55 Mal und 2014 71 Mal erfasst. Implizite Vergleiche über onomastische Anspielungen auf das Empire treten 2012 32 Mal und 2014 39 Mal auf (s. Anhang).

251

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Verbrechen des Empire hinweisen und diese in das Nahostszenario überführen. Im folgenden Beitrag aus dem zweiten Messzeitraum bezieht sich der Schreiber auf British Kenya und vergleicht beide hier erneut explizierten Opferkonzepte (Kriterium 2): (7) „The Palestinians are oppressed like the poor Mau Mau. It took us ages to accept the crimes we committed against them.“ (Leserkommentar, The Guardian, 12.07.2014)

Mit Mau Mau bezieht sich der Schreiber auf die Land and Freedom Army (= historisches Opferkonzept), eine antikoloniale Unabhängigkeitsbewegung gegen die Herrschaft der Briten in Kenia. Der Mau-Mau-Krieg fand in den 1950er Jahren statt und stellt die längste und brutalste Auseinandersetzung dar, welche die britische Krone zu Zeiten der Dekolonisation geführt hat (s. Anderson 2005, Elkins 2005a, b, 2013, Shipway 2008, Jansen/Osterhammel 2013). Durch das attributiv verwendete Adjektiv poor bringt der Schreiber zudem seine Empathie für die Bewegung der unterdrückten Kikuyu zum Ausdruck (dem entgegengesetzt verwendet er unkritisch die der Ära des Kolonialismus entlehnte Fremdbezeichnung MauMau). Das historische Täterkonzept kann der Leser sowohl durch sein Weltwissen (Kenia war während dieses Krieges britische Kolonie) sowie durch den Bezug des Schreibers auf seine Wir-Gruppe („us“, „we“) erschließen. Das gegenwärtige Täterkonzept bleibt erneut ungenannt. Die Bewegung der Kikuyu wird im Beitrag mit dem gegenwärtigen Opferkonzept hinsichtlich ihres Unterdrücktseins verglichen. Bemerkenswert am Beitrag ist der Verweis auf „[t]he Palestinians“ – durch die Gegenüberstellung mit den „Mau Mau“ kann der geschichtssensible Leser erschließen, dass der Schreiber nicht alle Mitglieder der beiden referierten Gruppen, sondern aktive Widerstandsbewegungen meint. Schließlich wurden mit Mau Mau allein die Widerstandskämpfer unter der kenianischen Bevölkerung bezeichnet. Im Einklang mit dieser Bestimmung würde insofern die Hamas als das mit Mau Mau verglichene Opferkonzept gemeint sein. Darüber wird die Hamas indirekt als antikoloniale Freiheitsbewegung (und infolgedessen Israel als Kolonialstaat) perspektiviert – dies muss nicht vom Schreiber intendiert worden sein, stellt aber das Inferenzpotenzial der Wortwahl innerhalb dieses impliziten Vergleiches dar. Final behauptet der Schreiber, dass die britische Wir-Gruppe die Verbrechen an der kenianischen Bevölkerung als solche anerkannt habe. Dies kann als eine weitere verzerrende Perspektivierung in diesem Kommentar eingestuft werden, da bis heute die britische Auseinandersetzung mit diesem Teil ihrer kolonialen Geschichte vereinzelt und erst in den letzten Jahren einsetzte (s. II.2.2, 252

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

s. auch Elkins 2013). Durch die im Beitrag deutlich werdende Gegenüberstellung wird zudem implikatiert, dass Israel diese (behauptete) Phase kollektiver Läuterung in Bezug auf die unterstellten kolonialen Verbrechen erst noch vor sich habe. Im nächsten Kommentar vergleicht der Schreiber beide Täterkonzepte – die Identität des historischen Täterkonzeptes kann der Leser jedoch über das historische Opferkonzept entschlüsseln (Kriterium 3): (8) „In the years after the Amritsar massacre many of us were killed in anticolonial riots. We had to understand that this was just the beginning..... IMHO these attacks at that time are just like the anger Israel faces today. they label it ‚terrorism‘, just like we did.. colonial arrogance will never ever create any peace. Take a breath and learn from history!“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.07.2014)

Hier wird ein Vergleich einerseits zwischen Unruhen in British India und Hamas-Terror, andererseits in Bezug auf die Kennzeichnung des Widerstandes durch beide Täterkonzepte gezogen. Der Schreiber verweist auf das historische Täterkonzept durch Nennung der Wir-Gruppe („our ancestors“, „we“), durch das attributive Adjektiv in „colonial arrogance“ sowie durch die onomastische Anspielung Amritsar massacre. Mit Letzterem referiert der Schreiber auf das 1919 von der britischen Kolonialmacht verübte Massaker an mehr als 380 Indern, die für die Unabhängigkeit Indiens protestiert haben (s. Mann 2005, Collett 2006, Dharampal-Frick/Ludwig 2009). Die Unruhen, die daraufhin in ganz British India ausbrachen, vergleicht der Schreiber über einen Junktor mit „the anger Israel faces today“. Das Tertium Comparationis des ersten Vergleiches stellen insofern die Unruhen im Kontext kolonialer Unterdrückung, also das Handeln der Opferkonzepte dar. Im Gegensatz zum historischen wird das gegenwärtige Täterkonzept expliziert. Der Leser kann im Zuge der Äquivalenzsetzung inferieren, dass der Schreiber Israels Praxen ebenso als Ausdruck von „colonial arrogance“ betrachte, die als ursächlich für besagte Unruhen zu verstehen seien. Der Modalitätsvergleich in Bezug auf das Handeln beider Opferkonzepte erlaubt es dem Leser insofern, das Wesen des gegenwärtigen Täterkonzeptes zu erschließen. Der zweite Modalitätsvergleich bezieht sich auf die Klassifikation besagter Unruhen durch das Täterkonzept (= zweites Tertium Comparationis). Der Schreiber legt u. a. durch Verwendung von Anführungszeichen nahe, dass der gesetzte Terminus Terrorismus zur Beschreibung von Praxen der Hamas ebenso problematisch sei wie entsprechende Bezeichnungen, mit denen zu Zeiten des Empire die indische Unabhängigkeitsbewegung delegitimiert wurde (zu Anführungszeichen im Zeit-Kommentarbereich s. IV.1.3.1, Fußnote 120). Im Zuge der 253

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Äquivalenzsetzung hinsichtlich der Klassifikation liegt in diesem Beispiel insofern eine implizit vermittelte Infragestellung des palästinensischen Terrorismus vor. Daraus resultierend wird die (hier nicht explizierte) Hamas – wie auch im vorherigen Beispiel – als antikoloniale Widerstandsbewegung perspektiviert und ihr Terror gerechtfertigt. In diesem Beispiel ist ebenso bemerkenswert, dass über die Aufforderung „Take a breath and learn from history!“ für die britische Wir-Gruppe indirekt ein Lernprozess und -erfolg behauptet wird. Die Figur des Lernens hinsichtlich vergangener Verbrechen von Mitgliedern der nationalen Wir-Gruppe bei gleichzeitiger Infragestellung der Lernfähigkeit bzw. Einforderung des Lernens gegenüber Israel(is) ist – wie auch im Zeit-Kommentarbereich bei Bezugnahme auf die NS-Vergangenheit (s. IV.1.3.2 bis IV.1.3.4) – im Guardian-Kommentarbereich als frequent zu bezeichnen. Auch im folgenden Beispiel vergleicht der Schreiber beide Täterkonzepte – das historische Täterkonzept wird allerdings allein inferierbar durch Referenzen auf Orte kolonialer Herrschaft und auf antikoloniale Befreiungsbewegungen (als das historische Opferkonzept) (Kriterium 3): (9) „Israel has repeatedly shown that it is not interested in a fair settlement, only in peace for periods on its terms where it can expand its land-grabbing and ‚settlement‘ (i.e. occupationary colonialism). That being the case, armed resistance can be justified by similar arguments to anti-colonial revolutionary movements in Africa in the mid 20th century – generally thought by modern historians to be a good thing.“ (Leserkommentar, The Guardian, 18.11.2012)

Der Schreiber perspektiviert in diesem Beitrag die Seiten im Nahostkonflikt wie folgt: Das (hier personifizierte) Israel sei laut dem Schreiber nicht an einer „fairen Abwicklung“, sondern lediglich an Friedensphasen interessiert, in denen es seinem Bedürfnis nach Expansion, Besatzung und Kolonisation nachgehen könne. Diese Unterstellungen werden vom Schreiber nicht nur expliziert, sondern anschließend in Klammern als Charakteristika für (und demnach als Anspielungen auf) den Kolonialismus ausgewiesen. Die palästinensische Seite hingegen wird als „bewaffneter Widerstand“ perspektiviert. Der Schreiber spielt hierfür auf die „anti-kolonialen revolutionären Bewegungen in Afrika im 20. Jahrhundert“ an. Diese Bewegungen richteten sich insbesondere gegen die neben Frankreich besonders präsente britische Kolonialmacht in Afrika (s. u. a. James 1995, Anderson 2005). Der Hamas-Terror wird in dem Beitrag insofern mit gegen expansionistischen Kolonialismus gerichteten Widerstandsbewegungen verglichen und gerechtfertigt („[…] can be justified by similar arguments“, s. hierzu auch IV.2.1 und IV.3.2, zu Umdeutung s. III.3.4). Diese Perspektivierung wird vom Schreiber durch Anführung von Autoritäten 254

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

(„modern historians“) gerechtfertigt (s. III.3.2), die laut dem Schreiber besagte Unabhängigkeitskämpfe generell als „eine gute Sache“ bewerten würden. Dieses Beispiel demonstriert des Weiteren die Kompatibilität zwischen Kolonialismusbezügen und antisemitischen Stereotypen: Im Einklang mit der Zuweisung besagter (kolonialer) Charakteristika wird dem Staat VERLOGENHEIT und HINTERLIST unterstellt sowie daraus resultierend ein weiteres Mal die ALLEINSCHULD für die Verhärtung der Konfliktfronten gegeben. Im nächsten Kommentar vergleicht der Schreiber erneut Täterkonzepte. Beide sind expliziert bzw. durch den unmittelbaren Kotext auszumachen. Allerdings werden die den beiden Täterkonzepten zugeschriebenen Praxen („military action“) mittels eines abgeschwächten Junktors verglichen (Kriterium 4): (10) „The current military action [of Israel, M. B.] sounds like something the British Empire would shamelessly do in 19th century.“ (Leserkommentar, The Guardian, 18.11.2012)

Das Großbritannien des 19. Jahrhunderts sowie das heutige Israel weisen laut dem Schreiber hinsichtlich ihres Handelns eine Vergleichbarkeit auf (= Modalitätsvergleich). Dieses Handeln wird mit „[t]he current military action“ ausgewiesen. Der Schreiber bezieht sich hier auf die israelische Militäroperation Pillar of Defense 2012. Der Vergleich zwischen dieser Operation und dem Handeln des historischen Täterkonzepts wird über einen abgeschwächten Junktor („sounds like“) konstituiert. Des Weiteren bewertet der Schreiber britische Praxen der Vergangenheit mit dem Adverb „schamlos“. Durch die Äquivalenzsetzung wird diese Evaluation auf Israel ausgedehnt. Am Ende des Kommentars implikatiert der Schreiber mittels „19th century“, dass Israel nicht nur als skrupellos, sondern auch als rückständig zu beschreiben sei, da es auf eine politische Praxis zurückgreife, die in Großbritannien im 19. Jahrhundert üblich gewesen sei. Im Zuge einer implizit vermittelten Ausgrenzung Israels (s. III.3.5) werden Vergehen im Rahmen britischer Großmachtpolitik durch die Zeitangabe als nachrangig perspektiviert und damit relativiert. Auch im folgenden Beitrag wird ein Vergleich zwischen den Täterkonzepten über einen abgeschwächten Junktor realisiert (Kriterium 4). Dieses Mal nimmt der Schreiber jedoch einen Artvergleich zwischen Israel und einerseits einem „alten Kolonialreich“ sowie andererseits der britischen Kolonialmacht in British Kenya vor: (11) „To me, Israel seems just like an old colonial power, running out of ideas. Just like the British in Kenya […]“ (Leserkommentar, The Guardian, 19.11.2012)

255

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Das gegenwärtige Täterkonzept wird in diesem Beitrag expliziert. Der Schreiber bescheinigt dem Land über den Satzteil „just like an old colonial power“ einen kolonialen und folglich anachronistischen Charakter (zu unterstellter Rückständigkeit s. Beispiel zuvor). Die Redewendung running out of ideas legt nahe, dass Israel als entsprechend perspektivierte Kolonialmacht seine Herrschaftsausübung nicht mehr rechtfertigen könne, dass also die Fortexistenz dieses Staates als unwahrscheinlich einzustufen sei. Es waren vor allem die 1940er und 50er Jahre, in denen sich das British Empire als weltumspannendes Reich nicht mehr halten konnte (wobei dies primär nicht mit ideologischen, sondern vielmehr mit wirtschaftlichen Gesichtspunkten zusammenhing, s. Brown 2001). Auf ebendiese Phase bezieht sich der Folgesatz: eine Bezugnahme auf die kenianische Dekolonisation, die erst nach der Unabhängigkeit Indiens und anderer ehemals britischer Kolonien, im Laufe der 1950er Jahre einsetzte und eine weitere entscheidende Wegmarke für das Ende des British Empire darstellte (zu British Kenya s. Anderson 2005, Elkins 2005a, b und 2013). Wird im ersten Kommentarteil ein Kolonialismus-Vergleich realisiert, so folgt im zweiten Teil durch die Benennung des historischen Täterkonzepts sowie des Ortes kolonialer Machtausübung („British in Kenya“) die Etablierung der Empire-Analogie. Die Vergleichbarkeit der Täterkonzepte wird im Beispiel beschnitten durch eine Einengung der Perspektive auf den Schreiber („To me“) sowie durch einen abgeschwächten Junktor („seems just like“). Im folgenden Kommentar benennt der Schreiber alle Täter- sowie Opferkonzepte. Hier fällt auf, dass der Transfer kolonialer Herrschaft vom historischen zum gegenwärtigen Täterkonzept nicht expliziert, sondern über einen als Junktorersatz fungierenden Einschub implikatiert wird (Kriterium 4): (12) „The Israelis used bombs against British occupaton and they were called freedom fighters - so that is exactly what Pallesinians are - freedom fighters fighing Israel’s illegal occupation and takeover of their country“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

Über eine den Junktor ersetzende Formulierung („so that is exactly what Pal[]es[t]inians are“) werden beide Opferkonzepte bzw. die Wahrnehmung derselben als „freedom fighters“ gleichgesetzt. Daran schließt sich die zweite Äquivalenzsetzung in Bezug auf deren Praxen an (= Kampf gegen „occupation“). Wie oben erwähnt, liegt in diesem Beispiel eine räumliche Entsprechung des historischen und gegenwärtigen Szenarios vor. In der Vergangenheit war hier das historische Täterkonzept in der Rolle einer Kolonialmacht vertreten, die gemäß dem Schreiber heute von Israel ausge256

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

füllt wird. Entlarvend bei dieser Äquivalenzsetzung ist der Gebrauch des Lexems Israelis bei Bezugnahme auf das historische Szenario. „Israelis“ würden demnach das historische, sich gegen die britische Kolonialmacht wehrende Opferkonzept darstellen, auch wenn der Staat Israel zu Zeiten des British Palestine noch nicht existierte. Insofern setzt der Schreiber Juden und Israelis gleich. Darüber hinaus wird in dem Beitrag ein weiteres Mal eine Neubestimmung palästinensischen Terrors als antikolonialer Widerstand laut (s. hierzu insbesondere IV.3.2). Ein sehr plastisches Beispiel für einen Junktorersatz ist der nächste Kommentar, in welchem der Schreiber seinen Boykott israelischer Produkte aufgrund einer Israel unterstellten Nähe zum Umgang des Empire mit kolonisierten Kulturen rechtfertigt (Kriterium 4): (13) „I have boycotted Israeli produce for 35 years because of the privations visited on the Palestinians [.] It is reminiscent of the British Empires treatment of Indian or Irish people [.] What Israel has done further inflames most of the muslim world and to be honest any open minded person anywhere“ (Leserkommentar, The Guardian, 08.08.2014)

Erneut liegen in diesem Beitrag sowohl beide Täter- als auch beide Opferkonzepte expliziert vor. Der Modalitätsvergleich, der in diesem Beispiel über den Junktorersatz „[i]t is reminiscent of“ eingeleitet wird, bezieht sich auf die Behandlung („privations“, „treatment“), die vom Schreiber beiden Täterkonzepten im Umgang mit kolonisierten Menschen unterstellt wird.154 Er signalisiert mit seinem Beitrag folglich einerseits ein kritisches Verhältnis zur britischen Kolonialpolitik, andererseits begründet er über die vorgenommene Äquivalenzsetzung in Bezug auf das Tertium Comparationis seine Ablehnung Israels. Diese Perspektivierung des Nahostkonflikts stärkt der Schreiber final über zwei Argumentationsmuster: Zum einen würde israelisches Handeln nicht nur die Gemüter innerhalb der „muslim world“ erhitzen, sondern auch von „any open minded person“ (zu Rechtfertigung s. III.3.2). Zum anderen macht der Schreiber durch den eingangs erwähnten Boykott israelischer Produkte durch Ablehnung unterstellten kolonialen Unrechts in Nahost deutlich, dass er sich letztge-

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Dieses ist eines der wenigen Beispiele im Guardian-Korpus, in denen die Unterdrückung von Indern (und anderen kolonisierten Kulturen) mit jener von Iren implizit gleichgesetzt wird. Wie ich in IV.2.4 zeigen werde, dient der Nordirlandkonflikt Guardian-Lesern i. d. R. dazu, die britische Großmachtpolitik mit einer abweichenden Bewertung zu versehen.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

nannter Gruppe zugehörig fühlt, sich mit seiner Haltung gegenüber Israel im Recht fühle (zu Selbstlegitimierung, s. III.3.1). Alternativ zu reminiscent verwendet der Schreiber des nächsten Kommentars das Verb remind als Junktorersatz, um Israel explizit mit einem unterdrückenden „Schurkenstaat“, implizit mit dem Empire zu vergleichen (Kriterium 4): (14) „When Israel was founded, hundreds of thousands were forced to leave their homes. The oppressor caused innumerous casulties. It reminds me on how India and Pakistan were divided: a rogue state adjudicated when and how thousands would meet their own deaths.“ (Leserkommentar, The Guardian, 04.08.2014)

Der Schreiber expliziert das gegenwärtige Täterkonzept (im zweiten Satz referiert er dieses lediglich über „[t]he oppressor“). Auf Palästinenser spielt er mittels „hundreds of thousands“ an. Er bezieht sich auf die Vertreibung von Palästinensern im Zuge des arabisch-jüdischen Bürgerkrieges 1947 (s. Morris 2001 und 2008). Im zweiten Teil des Kommentars thematisiert der Schreiber die Gründung Indiens und Pakistans im August 1947, die den Endpunkt kolonialer Herrschaft Großbritanniens auf dem indischen Subkontinent markierte (s. Pandey 2004, Mann 2005). Auf das historische Täterkonzept wird lediglich mittels „rogue state“ angespielt – allein durch die Nennung der beiden Ländernamen sowie des Vorgangs („divided“) kann der Leser selbiges sowie den historischen Kontext erschließen. Damals hat Großbritannien erst einen Tag nach der Gründung Indiens und Pakistans den Grenzverlauf definiert, was zu einer humanitären Katastrophe führte. Auf den Bevölkerungsaustausch folgte ein Bürgerkrieg mit ca. einer Million Todesopfern (s. Butalia 1998, Metcalf/Metcalf 2006). Die Selbstzuschreibung ist in diesem Beispiel auffallend scharf. Eingeleitet durch den oben erwähnten Junktorersatz („[i]t reminds me on“), stellt der Tod einer großen Anzahl von Menschen als Folge gewaltsamer Vertreibungen das Tertium Comparationis dieses impliziten Vergleiches dar. Israel wird gleichgesetzt mit einem Kolonialstaat, dessen Interessen dazu führen würden, Entscheidungen über das Leben bzw. den Tod von Tausenden zu treffen. Die Möglichkeit, dass zahlreiche Menschen „den Tod f[a]nden“, sei zugunsten dieser Interessen hingenommen worden. Besonders an diesem Vergleich ist die (sich aus dem historischen Szenario ergebende) Perspektivierung Israels als Kolonialmacht, die von außen operiere und letztlich die Katastrophen vor Ort aus Desinteresse oder mutwillig herbeiführe. Damit treten die Präsenz Israels im Nahen Osten (verbunden mit dessen konkret gegebener Abhängigkeit hinsichtlich einer friedlichen Koexistenz mit den Anrainerstaaten) sowie die Ursachen 258

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

für die Vertreibung von Palästinensern im Kontext des arabisch-jüdischen Bürgerkrieges in den Hintergrund. Ein anderer Schreiber referiert zur Perspektivierung politisch-militärischer Praxen Israels auf den Falklandkrieg 1982. Mittels Junktorersatz vergleicht er den Umgang Großbritanniens hinsichtlich des argentinischen Anspruchs auf die Falklandinseln mit dem gegenwärtigen Handeln Israels (Kriterium 4): (15) „They [the Israelis, M. B.] are an elected government, we all know how hard it is to influence what our politicians actually do when they get power and it is usually not in our best interests. When Argentina tried to take back that sheep rock in the middle of the Atlantic we didn’t offer them tea and cakes either.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

Wie erwähnt, bezieht sich der Schreiber auf den zwischen Großbritannien und Argentinien geführten Falklandkrieg. Großbritanniens damalige Motivation bestand u. a. darin, die globale Bedeutung als Kolonialmacht nicht gänzlich einzubüßen (s. Altmann 2005). Beide Täterkonzepte werden im Beitrag nicht expliziert. Auf das historische Täterkonzept verweist der Schreiber allein mittels „we“; auf das historische Szenario spielt er (neben der Erwähnung des Antagonisten Argentinien) mittels der abwertenden Paraphrase that sheep rock in the middle of the Atlantic an. Die floskelhafte, als Understatement zu verstehende Formulierung „we didn’t offer them tea and cakes“ stellt das Tertium Comparationis dar – darüber deutet der Schreiber an, die britische Großmachtpolitik in den 1980er Jahren zeichnete sich durch Stringenz aus. Durch den Gebrauch des Adverbs either wird eine behauptete Vergleichbarkeit dieser Politik und Israels gegenwärtigen Praxen eingeleitet. Es handelt sich insofern um einen impliziten Modalitätsvergleich zwischen Israel und Großbritannien hinsichtlich unterstellter Kriegshandlungen mittels Junktorersatz. Dies geschieht freilich mit einer im ersten Satz erkennbaren Einschränkung, nämlich dass die israelische Regierung nur bedingt den Interessen der israelischen Bevölkerung folge. Insofern legt der Schreiber eine Trennung zwischen diesen beiden Gruppen nahe. Dennoch wird Israel als Staat perspektiviert, der aus strategischen und machtpolitischen Erwägungen Waffengänge nicht scheut. Infolge dieser Perspektivierung Israels weist diese Äquivalenzsetzung mit vorherigen Äußerungen Parallelen auf, auch wenn das Komparandum ein Kriegsszenario zwischen zwei unabhängigen Staaten (und nicht etwa die Unterdrückung kolonisierter Völker durch das historische Täterkonzept) darstellt. Eine besondere Form eines Junktorersatzes wird im nächsten Kommentar erkennbar. Mittels des Adjektivs „successive“ behauptet der Schreiber 259

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

eine Kontinuität eines kolonialen Umgangs mit dem Opferkonzept (Kriterium 4). Interessant ist, dass durch die Unterstellung der besagten Kontinuität im Nahen Osten das historische und gegenwärtige Opferkonzept zusammenfallen: (16) „The people of Palestine suffered subjugation and brutalisation the most under successive colonial rulers.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Das gegenwärtige Täterkonzept ist nicht expliziert, wird jedoch im Kotext des Kommentars erwähnt und kann durch Nennung des gegenwärtigen Opferkonzeptes inferiert werden. Der Schreiber behauptet indirekt, Israel führe die Herrschaft des Osmanischen Reiches sowie des Britischen Kolonialreiches in Nahost fort und gliedere sich damit in eine Reihe kolonialer „Unterwerfung“ und „Verrohung“ ein. Beide historischen Täterkonzepte werden gleichfalls nicht expliziert – die Äquivalenzsetzung kann auch hier allein über den Verweis auf das historisch-gegenwärtige Opferkonzept sowie die behauptete Kontinuität des Umgangs mit selbigem inferiert werden. Insofern handelt es sich um einen impliziten Modalitätsvergleich mit Junktorersatz und partiell genannten Konzepten. Im folgenden Kommentar thematisiert der Schreiber die Befreiungskämpfe verschiedener afrikanischer Kolonien, die zu Zeiten des Empire partiell oder gänzlich unter dem Einfluss von London standen, und stellt diese in einen Kontext mit dem Nahostkonflikt. Die Vergleichbarkeit der Szenarien wird über einen Junktorersatz in Form von indirekten Sprechakten eingeleitet (Kriterium 4):155 (17) „But you wish to deny that right to the owners of the land on which your country is built? Are you like other countries in the world? Do you believe if other countries were as oppressive as you are and operated such an Apartheid system they could live normally? You must not know about liberation wars in Namibia, Kenya, Zimbabwe, Mozambique and South Africa.“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.11.2012)

Der Schreiber adressiert eine Bewohnerin der südisraelischen Stadt Sderot, deren Angst vor dem Hamas-Terror in einem vorherigen Kommentar dargestellt wird. Über rhetorische Fragen wird die Legitimität der Adressatenperspektive – und anschließend Israels – angezweifelt. Auffällig ist hier die vom Schreiber vorgenommene Gleichsetzung zwischen is____________________ 155

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Die Entkolonisierung Afrikas führte im Falle Südafrikas über Umwege zur Einführung der Apartheid und einer entsprechenden massiven Einflussnahme auf Namibia, das von 1920 bis 1990 den Status eines südafrikanischen Mandats innehatte (s. Turok 1990).

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

raelischer Person und dem Staat Israel – Letzteres wird vom Schreiber personifiziert (s. III.2.4.4). Die Adressaten werden – vorrangig über rhetorische Fragen – als unmoralisch („you wish to deny that right to the owners“) und unwissend („You must not know about […]“), als Landräuber, Unterdrücker sowie über den Vorwurf der Apartheid156 perspektiviert. In der zweiten Frage („Are you like other countries in the world?“) wird Israel aus der Staatengemeinschaft ausgeschlossen (s. III.3.5). Mittels der auf Palästinenser Bezug nehmenden Formulierung „the owners of the land“ wird der Anspruch beider Adressaten auf Gebiete im Nahen Osten implizit infrage gestellt. Final wird diese Infragestellung im Zuge einer Anführung der afrikanischen Befreiungskriege gestärkt. Die vom Schreiber genannten afrikanischen Staaten waren bis zum Zeitpunkt der Entkolonisierung mehr oder weniger umfassend von Großbritannien abhängig; die Kriege hatten zum Ziel, diese Abhängigkeit gänzlich zu beenden (s. u. a. James 1995, Anderson 2005). Es stellt sich die Frage nach der Relevanz dieser Anführung, nachdem im vorhergehenden Kotext israelische Terrorerfahrungen thematisiert wurden. Die teils über indirekte Sprechakte verbalisierten Behauptungen des Schreibers würden expliziert wie folgt lauten: Die Adressaten meinen, das unterstellte Unrecht (Unterdrückung, Apartheid, Landraub) ziehe keine Konsequenzen nach sich. Und: Die Adressaten sind in Bezug auf die afrikanischen Befreiungskriege unwissend. Hätten sie Letztere zur Kenntnis genommen, wüssten sie, dass ihr (vom Schreiber indirekt behauptetes koloniales) Recht auf ein „normales Leben“ nicht gegeben und ihre koloniale Fortexistenz im Nahen Osten eine Frage der Zeit sei. Insofern kann der Leser inferieren, dass Israel einer Kolonialmacht gleiche und es sich beim Terror der Hamas um einen antikolonialen „Befreiungskrieg“ handele. Neben besagter Äquivalenzsetzung wird zudem erneut die Hamas als Widerstandsbewegung aufgewertet (s. auch IV.3.2) und der ihr inhärente Antisemitismus relativiert (s. III.3.3). In den folgenden Beiträgen wird eine Äquivalenzsetzung durch Wortwiederholungen realisiert, durch welche die Täter- und/oder Opferkonzepte hinsichtlich des Daseins und/oder Handelns implizit verglichen werden (Kriterium 4). Im folgenden Beitrag geschieht dies über die wiederholte Verwendung des Lexems schamlos: (18) „Land was shamelessly stolen by Israel from the Palestinians I dont understand the complexity in that...it sounds more like a ‚War Crime‘ to me

____________________ 156

Äquivalenzsetzungen von Israel und Südafrika zu Zeiten der Apartheid werde ich detailliert in IV.3 erläutern.

261

IV.

Geschichtsbezogene Analogien […] The SHAMELESS UK government has been stripped of all honour and fairness in the eyes of the world... I think this argument that we always use to liberate the people of the so called ‚undemocratic world‘ and lecture them about justice for all should be put away indefinitely. Israel that was created by the UN has now broken more UN resolutions than any other country on earth….. That says it all, they are just putting two fingers up to the institution that created them, and do you really think they care about the Palestini157 ans…..? Like I said theres nothing complicated about it. SHAMELESS“ (Leserkommentar, The Guardian, 29.11.2012)

In diesem Beitrag werden Täter- sowie Opferkonzepte expliziert. Israel wird vorgeworfen, Landraub zu betreiben sowie Kriegsverbrechen zu begehen; die dem israelischen Staat unterstellten Praxen werden eindeutig mittels des Adverbs „shamelessly“ evaluiert. Der Schreiber simplifiziert den Nahostkonflikt, indem er ausschließlich Schuldzuweisungen gegenüber Israel vorträgt und zweimalig eine differenzierte Betrachtung des Konflikts zurückweist („I don[’]t understand the complexity in that“, final auch „Like I said theres nothing complicated about it“). Daraufhin kommt er unvermittelt auf das British Empire zu sprechen. Er nimmt auf das historische Täterkonzept Bezug, nicht nur durch die Nennung der eigenen Nation („UK“), sondern auch durch den Verweis auf seine Wir-Gruppe („we“) sowie durch eine Anspielung auf den rassistischen Anspruch auf Überlegenheit, mit dem Großbritannien sein Kolonialreich legitimierte („this argument that we always use to liberate the people of the so called ‚undemocratic world‘ and lecture them about justice“, s. hierzu auch Lindqvist 1999, Monbiot 2012).158 In dieser Anspielung wird ebenso das historische Opferkonzept angeführt – wenn auch ohne weitere Spezifikationen. Die britische Regierung, deren historische Praxen der Schreiber nicht genauer beschreibt (s. Zeilen 3–5), wird wie Israel ebenso mittels des Adjek____________________ 157

Header der Leserkommentare werden – wie auch in Kapitel IV.1 – fett gedruckt. Ebenso besteht die Möglichkeit, im Guardian-Kommentarbereich einzelne Passagen des eigenen Kommentars durch Fettdruck hervorzuheben. Da auf diese Weise den entsprechenden Passagen Nachdruck verliehen wird, habe ich diese Markierungen übernommen. 158 Der Verweis auf den Export der Demokratie wird zwar vorrangig ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwendet, um militärische Interventionen zu rechtfertigen. Zu Zeiten des Empire wurden zugunsten einer Rechtfertigung einer expansiven Politik vonseiten der Kolonialstaaten vielmehr als zivilisiert ausgewiesene Werte argumentativ in Anschlag gebracht. Abgesehen von „undemocratic world“ belegt das Korpusbeispiel jedoch, dass besagte Strategien auch Israel vorgeworfen werden.

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IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

tivs schamlos (verstärkt mittels Majuskeln) negativ evaluiert.159 Der Schreiber bringt seine Distanz gegenüber dem in seinen Augen paternalistischen Anspruch Großbritanniens während der Empire-Ära zum Ausdruck. Schließlich kehrt er zum Nahostkonflikt zurück und bewertet die Israel unterstellten Praxen erneut mittels ebendieser Wortwahl (dies wird ein weiteres Mal durch Majuskeln und Fettdruck verstärkt). In diesem Beispiel wird insofern dieselbe bewertende Wortwahl in Bezug auf beide Täterkonzepte verwendet, auch wenn sich die Perspektivierung Großbritanniens erst einmal auf dessen gegenwärtiges Verhalten bezieht (Schreiber können auch hier eine koloniale Attitüde unterstellen, was sich bei Problematisierung der britischen Teilnahme am Afghanistan- und Irakkrieg im Kommentarbereich leicht finden lässt). Die Israel unterstellten Praxen werden auf diese Weise mit jenen des historischen Täterkonzepts implizit verglichen. Dies wiederum kann den Trugschluss zur Folge haben, es handele sich bei Israel und dem Empire um zwei grundsätzlich vergleichbare (eben koloniale) Entitäten. Vor diesem Hintergrund bezieht sich der Schreiber im zweiten Kommentarteil auf die Gründung Israels durch die UNO. Er problematisiert in diesem Kontext zwei Behauptungen: die Missachtung mehrerer UN-Resolutionen durch Israel sowie die ihm unterstellte, mittels der umgangssprachlichen Formulierung „putting two fingers up“160 ausgedrückte Verachtung für die UNO.161 Im Zusammenhang mit dem eingangs erwähnten Vorwurf, Israel sei ein Landräuber (wobei unklar bleibt, ob der Schreiber Siedlungen im Westjordanland oder die Existenz Israels an sich meint) und eine rückständige Kolonialmacht, wird der Staat als überheblich perspektiviert und ausgegrenzt (s. III.3.5). Eine weitere Äquivalenzsetzung von Israel und dem British Empire kommt im folgenden Dialog dadurch zustande, dass User B über die iden____________________ 159

Es sei hier auf die Verwendung des Lexems shameless zur Bewertung britischer Praxen in (10) verwiesen. Die häufige Verwendung dieses Lexems in diesem Kontext demonstriert, dass es sich hierbei um eine dominant auftretende Konzeptualisierung und Evaluation britischer Verbrechen durch Guardian-Kommentatoren handelt. 160 Damit ist eine abfällige Geste in Großbritannien gemeint, die man am ehesten mit „fuck you“ umschreiben kann. 161 Hier müssen die Umstände berücksichtigt werden: Israel hat deshalb so zahlreiche Resolutionen missachtet, da selbst für ein Szenario wie den Nahostkonflikt überproportional viele Resolutionen gegen Israel verabschiedet wurden – häufig für Begebenheiten, für die bei anderen Staaten keine Resolutionen verabschiedet wurden. Ein antiisraelischer Bias ist hier insofern bereits in der Prämisse als Selbstverständlichkeit angelegt.

263

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

tische Wortwahl und einen Konjunktivsatz auf die Parallelität antikolonialer Haltungen unter den Opferkonzepten hinweist und darüber eine grundsätzliche Vergleichbarkeit beider Szenarien unterstellt (Kriterium 4): (19) User A: „you should look at the statistics of hospitals in Jerusalem treating Palestinians from the West Bank because they can’t get treatment in their own hospitals under Palestinian Authority control....you would be surprised at how many seek such treatments and then ask them their attitudes....“ User B: „[…] I fail to see the relevance. I would not have expected a colonial subject from Kenya or India who was treated in a British hospital because his own country lacked facilities to change his anti-colonial views.“ (Leserkommentare, The Guardian, 23.11.2012)

User A weist auf die medizinische Versorgung von Palästinensern an israelischen Krankenhäusern hin und problematisiert, dass trotz dieser Versorgung antiisraelische Einstellungen unter palästinensischen Patienten vorliegen. User B weicht in seiner Erwiderung auf ein Szenario aus dem British Empire aus: Das historische Opferkonzept ist expliziert („a colonial subject from Kenya or India“), das historische Täterkonzept wird in Form eines adjektivischen Attributes benannt („British hospital“). Gemäß Schreiber standen Kolonisierte der britischen Kolonialmacht feindlich gegenüber, auch wenn sie in den von Letzterer bereitgestellten Krankenhäusern behandelt wurden. Durch die Anführung eines historischen Szenarios unter Rekurs derselben Wortwahl aus dem ersten Beitrag („hospital“, „treatment“) sowie der Verwendung eines durch „I would not have expected“ eingeleiteten Konjunktivsatzes kann der Leser inferieren, dass User B eine Vergleichbarkeit hinsichtlich der Haltungen beider Opferkonzepte und demnach beider Szenarien unterstellt. „Antikoloniale Ansichten“ gegen Israel seien gemäß User B folglich erwartbar, wodurch Israel – so der Paralogismus – wiederum implizit als Kolonialstaat perspektiviert wird. Im Folgenden nennt der Schreiber diverse Szenarien des Widerstandes gegen Kolonialmächte, u. a. auch den indischen Widerstand gegen die britische Krone. Über eine sich wiederholende Wortwahl legt der Schreiber eine Vergleichbarkeit zwischen antikolonialem Widerstand und HamasTerror nahe (Kriterium 4): (20) „If you look at other parts of the world where people lived under brutal military occupation the people occupied always resisted. Native Americans resisted white European settlers taking their land. The colonists believed they had a god given right to take the land but in reality it was the greed, land is a valuable commodity.In India people resisted British rule. Gaza is the modern day representation of anti-colonial resistance“ (Leserkommentar, The Guardian, 20.08.2014)

264

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

Der Schreiber thematisiert verschiedene Schauplätze des europäischen Kolonialismus (s. hierzu auch IV.2.3), den er als „brutal military occupation“ ausweist. Er nennt die Besiedlung Nordamerikas und die Unterdrückung seiner indigenen Bevölkerung, den Anspruch der Kolonisten, „a god given right“ auf Expansion zu haben, dessen wahres Motiv im Kommentar als „greed“ beschrieben wird. Durch den ganzen Kommentar greift er auf das Lexem resist zurück, um den Widerstand der Kolonisierten zu beschreiben. Schließlich kommt er auf den indischen Widerstandskampf gegen die britische Herrschaft zu sprechen. Ohne einen Junktor zu verwenden, perspektiviert er im Zuge derselben Wortwahl („resistance“) Gaza und folglich Hamas-Terror ebenso als Widerstand gegen Kolonialismus. Der Leser kann durch das identische Arsenal an Lexemen inferieren, dass der Schreiber (ohne explizierte Äquivalenzsetzung) die Hamas in eine Reihe antikolonialer Widerstands- und Freiheitsbewegungen einordnet. Israel wird der Status einer sich selbst legitimierenden, seiner „Gier“ nach Land folgenden Kolonialmacht unterstellt. Dieses Unterkapitel wird mit zwei Beiträgen abgeschlossen, in denen sich die Schreiber auf das Selbstverständnis einer Höherwertigkeit beziehen, mit dem Großbritannien in der Geschichte Expansion und Unterwerfung gerechtfertigt hat (s. Lindqvist 1999, Monbiot 2012). Im ersten Kommentar deutet der Schreiber diesen Umstand britischer Geschichte über einen indirekten Sprechakt als Grund für einen behaupteten affirmativen Umgang britischer Politik mit Israel (Kriterium 4). Im Gegensatz zu bisher vorgestellten impliziten Vergleichen mit einem Junktorersatz werden also nicht (Israel unterstellte) koloniale Praxen mit jenen Großbritanniens in ein Verhältnis gesetzt – stattdessen wird eine behauptete Unterstützung Israels durch Großbritannien als rechtfertigendes Argument für eine Äquivalenzsetzung hinsichtlich unterstellter kolonialer Praxen verwendet: (21) „We have an enormous amount of experience stealing land from natives and are highly skilled at destroying the culture, language and spirit of the same. Some people here have told me that we invented the detention camp. […] Maybe that’s why my government supports Israel.“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.08.2014)

Der Schreiber verweist einerseits auf die Wir-Gruppe der Briten (Gebrauch der ersten Person Plural), andererseits auf die koloniale Ära in der britischen Geschichte. Hier wird teils auf die Praxen des Empire angespielt („stealing land from natives“, „destroying the culture, language and spirit“). Während diese Äußerungen als onomastische Anspielungen auf den Kolonialismus im Allgemeinen eingestuft werden können, belegt die Äußerung „we invented the detention camp“, dass es hier um das Empire 265

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

geht. Es handelt sich um eine auf den Burenkrieg referierende Anspielung (Internierungslager wurden zum ersten Mal in der Geschichte von Großbritannien während des Zweiten Burenkrieges entwickelt, s. van Heyningen 2013 und II.2.1; s. auch Guardian Research Department 2011, Nasson 2011). Im Zusammenhang mit den genannten Praxen vermutet der Schreiber: „Maybe that’s why my government supports Israel“. Auch wenn er eine Abschwächung (mittels maybe) vornimmt, lautet diese Vermutung expliziert, dass ebendiese Praxen und die ihnen zugrundeliegenden ideologischen Anschauungen Großbritannien zu einer Unterstützung Israels veranlassen würden. Hierdurch wird unterstellt, dass von Israel ebendiese Praxen ausgehen würden. Das Land – so der aus dem (implizit vermittelten) Modalitätsvergleich resultierende Paralogismus – weise insofern einen vergleichbaren Status mit Großbritannien auf. Im folgenden Beispiel legt der Schreiber über eine rhetorische Frage nahe, dass mit Blick auf die rassistische Weltanschauung, mit der die britische Gesellschaft den Menschen aus ihren Kolonien begegnete, ebenso der Israel unterstellte Mangel an „Mitgefühl“ für die Bewohner Gazas erklärbar werde (Kriterium 4). Auch dieser Schreiber setzt insofern voraus, dass es hinsichtlich ideologischer Anschauungen (nicht allein in der Politik, sondern innerhalb der Gesellschaft) Parallelen zwischen Großbritannien und Israel gebe: (22) „When I went to a minor fee paying school in Ipswich Suffolk. During the sixties. The message was clear. Our headmaster once instructed us during morning assembly. Young men, you are the master race, and you’ll go out and rebuild the empire.... You will educate the local tribes and bring British values to the ignorant masses. That’s the message they tried to instil in us during those changing years. i remember Tory loving kids scrawling ‚Nig*er Lover‘ on my locker because I was the only member of my class to show friendship to an African student sent to this school on a scholarship.... […] So why would these very white middle-aged thinking henchmen in Israel show any compassion to the people of war ravaged Gaza?“ (Leserkommentar, The Guardian, 05.08.2014)

Der Schreiber geht in Form einer Anekdote auf rassistische Haltungen in Großbritannien ein. Durch direkte Rede wird ein Bezug zum British Empire („rebuild the empire“) sowie zum Kolonialrassismus hergestellt („master race“, „educate the local tribes“, „bring British values to the ignorant masses“). Auf das gegenwärtige Täterkonzept referiert der Schreiber mittels „these very white middle aged thinking henchmen in Israel“.

266

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

Final wird eine rhetorische Frage gestellt, die expliziert lauten würde: Israelis haben aufgrund ihres Status als weiße Männer162 keinerlei Mitleid mit den „people of war ravaged Gaza“. Diese unterstellte Haltung wird durch die Frage in einen kausalen Zusammenhang mit ebengenannten rassistischen Haltungen in Großbritannien gestellt („[s]o why […]“), also eine Entsprechung in Israel angedeutet. Israelis würden mit Briten jene (in der Anekdote veranschaulichte) Haltung rassistischer Selbsterhöhung und Verachtung teilen, die sich im Nahostszenario gegen Palästinenser richten würde. Das Tertium Comparationis dieses impliziten Vergleiches ist insofern der Umgang des Täter- mit dem Opferkonzept. Der dem historischen Täterkonzept inhärente und für die Gestaltung des Empire elementare Rassismus (s. Lindqvist 1999, Monbiot 2012) wird in der rhetorischen Frage als für israelisches Denken entscheidende Prädisposition perspektiviert, also eine Kontinuität entsprechender Rassismen im heutigen Israel implikatiert. Bei Anspielungen werden Eigenbezeichnungen, Ideologien, Orte und Personen genannt, die eindeutig auf das British Empire Bezug nehmen. Der Leser kann mittels Weltwissen das damit in Verbindung stehende historische Szenario inferieren. Im nächsten Kommentar greift der Schreiber die Wortverbindung „Israeli empire“ zurück. Das Lexem Empire wird in den von mir untersuchten Korpora in keinem anderen Kontext als bezogen auf das British Empire verwendet. Durch diese Wortwahl kann es insofern zu einer Aktivierung des britischen Kolonialismusszenarios kommen (Kriterium 5): (23) „I think the recognition of statehood should only be a means to an end. The PA after all only has effective sovereignty over a tiny fraction of the pre1967 Palestinian territories. What Palestinians must demand is not national sovereignty but civil rights - civil rights for all living within the Israeli empire. This would of course mean the extinction of Israel as a ‚Jewish state‘ and the creation of a democracy. And it can’t come soon enough.“ (Leserkommentar, The Guardian, 29.11.2012)

Der Schreiber fordert die Beseitigung Israels als jüdischen Staat (distanzierend mit Anführungszeichen versehen) und die „Gründung einer Demokratie“. Qua Implikatur kann der Leser verstehen, dass der Schreiber Israel den letztgenannten Status abspricht. Darüber hinaus plädiert der ____________________ 162

Auffällig in diesem Beispiel ist die Referenz auf die Hautfarbe. In beiden Messzeiträumen wird regelmäßig von Israelis als „white Europeans“ gesprochen, denen rassistisches Denken zu eigen sei. Im Zuge dessen werden sie den „natives“ oder „indigenous Arabs“ gegenübergestellt.

267

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Schreiber für eine Koexistenz von Juden und Arabern im „israelischen Empire“, was die Motivation der Gründung Israels, eine Schutz gewährende Heimstatt für Juden zu sein, zurückweist. Zudem wird darüber die gegenwärtige Präsenz besagter Koexistenz in Israel indirekt infrage gestellt. Zur Perspektivierung des gegenwärtigen Opferkonzepts liegen im Guardian-Kommentarbereich regelmäßig Verweise auf prominente Akteure in Widerstandsbewegungen gegen Kolonialismus, Unterdrückung und Rassismus vor (zum Verweis auf Autoritäten s. III.3.2). Ein immer wieder angeführter Name, der geradezu symbolisch für den Freiheitskampf in den einstigen britischen Kolonien steht und demnach das Kriterium einer onomastischen Anspielung im klassischen Sinne erfüllt, ist Mahatma Gandhi. Im Folgenden wird dieser zusammen mit Nelson Mandela argumentativ in Anschlag gebracht, um antiisraelische „resistance“ zu rechtfertigen (Kriterium 5): (24) „Only the governments of those countries use that logic and only for corrupt reasons. […] The rest of us, including Ghandi and Mandela, accept that every occupation bears some violent resistance to which the occupation is the root cause. […] ok, I correct myself: the vast majority of Palestinean civil society was absolutely nonviolent and got wantonly killed, imprisoned and expropriated nontheless. Are you miffed that not everyone gets himself ethnically cleansed and genocided without a fight?“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Durch onomastische Anspielungen auf Personen aus dem Kolonialismusund Entkolonisierungskontext werden Anspielungen auf u. a. koloniale Praxen („wantonly killed, imprisoned and expropriated“, „ethnically cleansed and genocided“) in einen konkreten historischen Kontext eingebettet. Durch Nennung der Namen Gandhi und Mandela legt der Schreiber eine Vergleichbarkeit zwischen dem Nahen Osten und British India bzw. dem Südafrika zu Zeiten der Apartheid nahe (zu Letzterem s. IV.3). Das Opferkonzept zeichne sich zum Großteil durch Gewaltlosigkeit aus. Erst die Israel unterstellte Praxis der „Besatzung“ führe zu „gewaltsamem Widerstand“, den genannte Autoritäten ebenso gutheißen würden. Der Schreiber konstituiert des Weiteren eine Wir-Gruppe („The rest of us“), zu der auch die genannten Widerstandskämpfer gehören würden und die sich „korrupten“ Regierungen (nicht genannter Länder) sowie dem hier dämonisierten Israel entgegenstelle (s. III.3.5). Durch die Bezugnahme auf moralische Autoritäten stärkt der Schreiber nicht nur seine Position, sondern nimmt zudem eine Aufwertung seiner selbst vor, indem er sich mit ehemals unterdrückten Individuen und Kulturen solidarisiert und sich demnach durch humanistisches Denken auszeichne (s. III.3.1). Die rhetorische 268

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

Frage am Ende des Beitrags legt nahe, dass andere Kommentatoren, denen der Schreiber Sympathien für Israel unterstellt, besagte Verbrechen nicht nur verteidigen, sondern diese gar für alle Palästinenser einfordern würden (zur Gleichsetzung in Bezug auf unterstellte Einstellungen zwischen Kommentatoren und Israel in Zeit-Kommentaren s. IV.1.3). Hier sei auch erwähnt, dass Schreiber den Namen Gandhi auch dann nennen, wenn sie Palästinensern eine gewaltfreie Form des Widerstands empfehlen. Dabei problematisieren sie durchaus die Gewaltanwendung der Hamas, teils auch ohne dabei eine Dämonisierung Israels vorzunehmen: (25) „I support the people of Gaza against undoubted Israeli tyranny and opression. However, I do not understand the point of firing these rockets which mainly kill women and children and in reality achieve nothing except a fierce response paid for in blood by the woman and children of Gaza. Surely there is nothing to lose and everything to gain by adopting Gandhi-esque complete passive resistance?“ (Leserkommentar, The Guardian, 18.11.2012) (26) „Can someone explain (without swear words or abusing me) why Hamas won’t try non violent resistance to achieve their aims? It worked for Ghandi. […] Why does it have to be rockets rockets rockets at civilians all the time ?“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.11.2012)

Diese Beispiele bezeugen, dass es im Guardian-Kommentarbereich einzelne Stimmen gibt, die sich vom Terror der Hamas distanzieren und damit aus o. g. Simplifizierung der Verhältnisse im Nahen Osten ausbrechen. Sie bringen dadurch zum Ausdruck, dass die Art des palästinensischen Widerstands nicht gerechtfertigt sei, wie es noch jener unter Gandhi eingeleitete Widerstand gegen die britische Kolonialmacht war. Dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass trotz des Aufbrechens dieser dichotomen Darstellungsmuster allein die Nennung des Namens Gandhi eine onomastische Anspielung auf das Empire darstellt (Kriterium 5). Insofern beim Leser Wissen über diese historische Phase britischer Kolonialzeit vorliegt, aktiviert diese Anspielung stets ein Szenario, in welchem sich der indische Freiheitskampf gegen die übermächtige britische Kolonialmacht richtete. Israel wird über diese Anspielung implizit in ein Äquivalenzverhältnis mit dem Empire während der Phase der Entkolonisierung gesetzt. Insbesondere in (26) bezeugt der Rückgriff auf diese Anspielung, dass selbst bei einer dezidiert kritischen Haltung gegenüber der Hamas Perspektivierungen Israels als mit dem Empire vergleichbar vorliegen können. Dies veranschaulicht, wie habitualisiert der Gebrauch dieser auf den britischen Kolonialismus Bezug nehmenden Äquivalenzsetzungen im britischen Diskurs ist.

269

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Zwischenfazit Dieses Unterkapitel führt Formen impliziter Vergleiche vor Augen, die sich teils durch minimale Abschwächung auszeichnen (partielle Nennung von Täter- und Opferkonzepten), teils über die Verwendung von onomastischen Anspielungen realisiert werden. Die erläuterten Sprachgebrauchsmuster entsprechen den Kriterien 2 bis 5. Bei der Erläuterung der Beiträge hat sich gezeigt, mit welchem Arsenal sprachlicher Realisierungen Guardian-Kommentatoren in beiden Messzeiträumen auf die Ära des Empire verweisen und diese mit dem Nahostkonflikt vergleichen. Die inhaltlichen Bezüge zum Empire divergieren stark: Beiden Messzeiträumen ist gemein, dass bei Empire-Vergleichen häufig das Ende dieser Ära im Vordergrund steht. Außerdem unterstellen Schreiber Parallelen hinsichtlich kolonialer Verhältnisse in British India, den britischen Kolonien Afrikas sowie in Irland. Es wird von Gemeinsamkeiten zu einstigen Großmachtinteressen Großbritanniens (und deren Folgen) weltweit – insbesondere im Rahmen der Burenkriege, des Nordirland- und Falklandkrieges – gesprochen. Schreiber verweisen auf Widerstandsszenarien in afrikanischen Kolonien (allen voran in British Kenya), aber auch in British India. Des Weiteren behaupten sie eine prinzipielle Vergleichbarkeit Israels und des Empire hinsichtlich ihrer politischen Praxen und ideologischen Grundsätze, welche die Schreiber negativ evaluieren. Als Rechtfertigung für diese in den Kommentaren zum Ausdruck gebrachte Ablehnung Israels verweisen Schreiber auf die Situation von kolonisierten Menschen und die in ihren Augen gerechtfertigte feindliche Haltung, mit denen Letztere der Kolonialmacht begegneten. Im Zuge dessen wird der Hamas der Status einer antikolonialen Befreiungsbewegung zugewiesen, dadurch die Terrororganisation aufgewertet sowie der ihr inhärente Antisemitismus implizit relativiert bis geleugnet. Die Ambiguität, die bei der Verwendung von auf das Opferkonzept referierenden Anspielungen vorliegt, wird teils aufgehoben durch eindeutige Orts- und Zeitangaben (bspw. Kolonien in Afrika im 19. Jahrhundert) sowie Namen (bspw. Gandhi), die beim Leser das Szenario des British Empire aktivieren. Interessant ist hierbei, dass die Nennung von Gandhi, durch welche das Szenario des indischen Widerstandskampfes gegen die britische Kolonialmacht und der Dekolonisation aktiviert wird, nicht zwangsläufig mit einer Problematisierung der unterstellten Praxen Israels einhergeht. Schreiber greifen auch auf diese Anspielung zurück, um Palästinensern eine Abkehr vom Terrorismus zu empfehlen. Diese Problematisierung wird durch die sprachliche Aufrechterhaltung eines dichotomen, als koloniales Herr270

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

schaftsszenario perspektivierten Nahostkonflikts jedoch konterkariert. An solchen Äußerungen erkennt man den Grad der Habitualisierung von (implizit vermittelten) Gleichsetzungen zwischen Israel und dem British Empire: Selbst im Falle eines Engagements gegen Hamas-Terror bleibt die Wahrnehmung Israels als Kolonialmacht erhalten. Alle erwähnten inhaltlichen Muster gelten für beide Jahre. Was 2014 hinzukommt, ist die Fokussierung auf den Umgang Großbritanniens mit British India. Im Zuge der Äquivalenzsetzungen behaupten Schreiber vergleichbare Haltungen und/oder Praxen bei beiden Täterkonzepten. Des Weiteren beziehen sich Schreiber im zweiten Messzeitraum vermehrt auf den dem British Empire als Rechtfertigung dienenden Kolonialrassismus. Sie unterstellen hier zum einen eine Fortexistenz der zuvor der britischen Gesellschaft zugewiesenen rassistischen Haltungen in Israel. Zum anderen wird dieser Rassismus als Grund für eine behauptete Unterstützung Israels durch Großbritannien ausgewiesen. Israel wird folglich als Erbe des britischen Unrechts im Denken und Handeln perspektiviert. Sprachlich zeichnen sich die Vergleiche dadurch aus, dass die (teils explizierten) Opferkonzepte mittels eines Junktors verglichen werden; auf die Täterkonzepte wird häufig nur angespielt, wobei diese durch Ko- und Kontext und vor allem durch Nennung der Opferkonzepte zu erschließen sind. 2014 nimmt die explizierte Bezugnahme auf das gegenwärtige Täterkonzept indes ab – Schreiber referieren auf selbiges häufiger über Bezugnahme auf die eigene Wir-Gruppe. Der größte Teil der in diesem Unterkapitel interessierenden impliziten Vergleiche, die sich regelmäßig auf Dasein und Handeln der Täterkonzepte beziehen, wird indes mittels Junktorersatz eingeleitet. Entweder liegt dieser vor in Form von alternativen Lexemen (u. a. either, reminiscent, to remind sb. of sth.), von indirekten Sprechakten (wie rhetorischen Fragen), deren Bedeutungsgehalt der Leser explizieren muss, oder von Wortwiederholungen (bspw. resistance hinsichtlich kolonialer Zusammenhänge sowie in Bezug auf die Hamas), welche beim Leser die Vermutung stärken, die zugrundeliegenden Szenarien würden einander ähneln. Im Gegensatz zu entsprechenden Vergleichskonstruktionen in Bezug auf das NS-Szenario fällt auf, dass in den Guardian-Kommentaren keine Argumentreihen Verwendung finden (s. Kriterium 4 in IV.1.3). Dem entgegengesetzt liegen zwischen beiden Diskursen auf sprachlicher Ebene diverse Parallelen hinsichtlich der Fokussierung auf die Opferkonzepte (Kriterium 2) sowie der Diversität bei der Realisierung von den Junktor ersetzenden Formulierungen (Kriterium 4) vor. Eine weitere Gemeinsamkeit liegt darin vor, dass britische Schreiber aus historischen Fehlern ge271

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

wonnene kollektive Lernerfahrungen argumentativ in Anschlag bringen, um eine Progression der nationalen Wir-Gruppe zu behaupten, die indes Israel(is) verwehrt bleibe.

IV.2.2

Vergleiche mit Kolonialismus im Allgemeinen

In diesem Unterkapitel werde ich jene Vergleiche vorstellen, in denen Israel mit einem nicht näher spezifizierten Kolonialstaat bzw. -reich verglichen wird. Vergleiche dieser Art können expliziter Natur sein (Kriterium 1), partielle (Täter- und/oder Opfer-)Konzeptnennungen aufweisen (Kriterium 3) oder über Anspielungen erfolgen (Kriterium 5 in IV.2). 163 Alle entsprechenden Äquivalenzsetzungen zeichnen sich dadurch aus, dass Schreiber im Nahostdiskurs über Lexeme und Wortverbindungen wie Kolonialismus und Kolonialmacht, Landenteignung von indigenen Völkern und Ausbeutung von Ressourcen sich auf das historische Szenario des Kolonialismus beziehen. Für die Kategorisierung der Kommentare ist entscheidend, wie entsprechende Lexeme mit Israel in Relation gesetzt werden, ob Israel bspw. mit colonial power attribuiert wird (Kriterium 1) oder ob über Unterstellungen kolonialer Praxen auf diesen behaupteten Status angespielt wird (Kriterium 5, zum Verstehensprozess von Anspielungen beim Leser s. III.2.4.2 und IV.1.3.2). Mit Blick auf die für Anspielungen charakteristische Ambiguität sei hier Folgendes nochmals unterstrichen: Entsprechende Ideologien und Praxen verweisen selbstverständlich nicht allein auf das British Empire, sondern auf Kolonialismus im Allgemeinen. Es ist dennoch wahrscheinlich, dass britische Leser – aufgrund der Präsenz der kolonialen Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis der britischen Gesellschaft – bei entsprechenden Sprachgebrauchsmustern primär das Szenario des British

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272

Im 2012er Subkorpus wird die Kolonialismus-Analogie (durch Vergleiche zwischen Israel und einerseits einem Kolonialstaat im Allgemeinen, andererseits einem nicht direkt bzw. ausschließlich Großbritannien zuzuweisenden Kolonialismusszenario) in 130, im 2014er Subkorpus in 145 Leserkommentaren etabliert. Pro Kommentar können mehrere Vergleichsmuster auftreten, sodass im ersten Messzeitraum 121 implizite Vergleich mit Kolonialismus im Allgemeinen mittels onomastischer Anspielungen erfasst werden konnten. 2014 liegt die Zahl entsprechender Vergleichsmuster bei 143 (s. Anhang).

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

Empire inferieren.164 Dem British Empire kommt bis heute eine identitätsstiftende Bedeutung für die britische Gesellschaft zu (s. Howe 2002, Ferguson 2004 und 2012, Gilroy 2004 und 2006, MacPhee/Poddar 2007, Hyam 2010, Darwin 2012, Dahlgreen 2014, Jackson 2015, Andrews 2016, Stone 2016, Olusoga 2017, Wismayer 2017). Im Falle allgemeiner Referenzen auf Kolonialismus können diesen durch britische Sprachproduzenten (aufgrund deren kultureller Prägung) klarere Konturen zugewiesen werden, auch wenn entsprechende Herrschaftspraxen in der Geschichte mehrerer (und nicht nur europäischer) Staaten anzutreffen sind. Falls koloniale Verhältnisse in der Geschichte des eigenen Landes vorlagen, können – sobald Sprachproduzenten Abstrakta wie colonialism anführen – diese von Lesern mittels Assoziationen konkretisiert werden, die sich zuvorderst auf die Geschichte des eigenen Landes beziehen. Außerdem verfügte das britische Kolonialreich ehemals über den größten Einflussbereich und repräsentierte demnach den europäischen Kolonialismus in weiten Teilen der Erde – eine Tatsache, welcher in der britischen Gesellschaft hohe Bekanntheit zukommt, zumal sich daraus in weiten Teilen der Gesellschaft soeben erwähnter Nationalstolz ableiten lässt (s. u. a. Dahlgreen 2014). Reaktionen auf entsprechende Kommentare zeigen des Weiteren, dass zuerst Phasen britischer Geschichte reflektiert werden, bevor Schreiber auf andere Kolonialmächte eingehen (Letzteres geschieht überdies ausgesprochen selten). Die im Folgenden präsentierten Beispiele werde ich nicht wie bisher entsprechend dem Grad der Explizitheit erläutern, sondern selbige nach noch zu nennenden Inhalten gruppieren. Ich werde zuerst auf Beiträge eingehen, in denen das gegenwärtige Täterkonzept in seinem Dasein und Handeln perspektiviert wird, gefolgt von Erläuterungen, die sich auf entsprechende Darstellungsweisen hinsichtlich des Opferkonzeptes beziehen. Im ersten hier vorgestellten Beitrag wird Israel ein kolonialer Status zugewiesen und der Staat im Zuge einer Gegenüberstellung zwischen „Fremden“ und „indigener (nicht ‚fremder‘) arabischer Bevölkerung“ delegitimiert: (27) „The European Jewish colonists are the foreigners here. And they do not have the right to self-detemination at the expense of the indigenous (not ‚foriegn‘) Arab population.“ (Leserkommentar, The Guardian, 18.11.2012)

____________________ 164

Zu durch u. a. das Lexem colonialism ausgelösten Assoziationen mit dem Empire bei britischen Lesern s. IV.2, insbesondere Fußnote 150.

273

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Der Schreiber nennt die Bevölkerung Israels „European Jewish colonists“ und „foreigners“ (Kriterium 1). Aus der ihnen unterstellten Fremdheit leitet der Schreiber ab, diese Gruppe habe kein „Selbstbestimmungsrecht“ – im Gegensatz zur arabischen Bevölkerung. Die Attribuierung von Arabern als „einheimisch“ legt nahe, dass diese Eigenschaft nicht für Juden zutreffe. Der Schreiber leugnet damit implizit die über Jahrhunderte währende Präsenz von Juden in Nahost. Aus der Attribuierung von Juden als Kolonisten wird dieser Status per Implikatur auch auf den Staat Israel übertragen und dieser infolgedessen delegitimiert.165 Im nächsten Beitrag kommen neben der Unterstellung eines kolonialen Charakters Perspektivierungen hinzu, die Israel als anachronistischen und Unrecht begehenden Staat präsentieren: (28) „Zionism was the flipside of 19th century European nationalism and embarked on a colonialist programme for Eastern Europeans in Palestine. It’s the last surviving European colonial project in the Third World founded on the expropriation of the land of the indigenous inhabitants. Like all other such projects it too will die. The sooner, the better.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.12.2012)

In diesem Beitrag wird Zionismus als eine politische Bewegung166 von „Eastern Europeans“ perspektiviert, deren „koloniales Programm“ in einer tendenziell postkolonialen oder zumindest dahingehend orientierten Welt überholt sei (zur unterstellten kolonial bedingten Rückständigkeit s. auch IV.2.1). Der Leser kann durch Weltwissen inferieren, dass mit „last surviving European colonial project“ Israel gemeint ist – schließlich führte der Zionismus zur Gründung des Letzteren. Hierbei handelt es sich um einen Artvergleich zwischen dem nicht explizierten Israel und einem Kolonialreich (Kriterium 3). Die Israel unterstellte Rückständigkeit kann mittels Attribuierung („last surviving“) sowie durch die im ersten Satz vorliegende Zeitangabe „19th century“ inferiert werden – demnach verfüge Israel ____________________ 165

Aus der unzulässigen Gleichsetzung der beiden Referentengruppen Juden und Israelis kann sich zudem bei Thematisierung israelischer Praxen der Vorwurf einer Mitschuld bspw. gegenüber (britischen und anderen) Juden anschließen (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 56, 112, 163, 386). 166 Es ist an diesem Kommentar auffällig, dass der Schreiber Zionismus als „Kehrseite des […] europäischen Nationalismus“ perspektiviert, also als Antwort auf die exklusiven und antisemitischen Nationalismen beschreibt. Hierüber ist die Lesart möglich, dass es sich bei Zionismus um eine Anstrengung handelt, einen eigenen nationalen Ausweg zu finden. Anschließend stellt der Schreiber Zionismus jedoch als spezifische Ausprägung des Kolonialismus (und folglich als etwas Abzulehnendes) dar.

274

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

über eine politische Praxis, die repräsentativ für das Europa des 19. Jahrhunderts sei (s. III.3.5). Im Einklang mit seiner Perspektivierung als kolonial und rückständig wird Israel einer „indigenen Bevölkerung“ gegenüber- und als illegitim dargestellt, da es das Land dieser Bevölkerung enteigne. Final wird der erwähnte Vergleich durch einen Artvergleich mit (nicht näher spezifizierten historischen) Kolonialreichen gestärkt „Like all other such [colonial] projects it [= Israel, M. B.] too will die“ (Kriterium 3). Neben der hier erkennbaren Personifikation Israels (s. III.2.4.4) ist auffällig, dass der Schreiber den Wunsch hinzufügt, dass ein Ende Israels bald absehbar werde. Dieser Wunschsatz ist als Verwünschung zu verstehen, da es sich bei Israel nicht um ein Mutterland handelt, welches unabhängig von seinen (Übersee)Kolonien existiert. Ein Verschwinden des jüdischen Staates würde der jüdischen Existenz in Nahost ein jähes Ende setzen (umso mehr, wenn der Antisemitismus in den arabischen Nachbarländern und den palästinensischen Gebieten berücksichtigt wird). Auch im Folgenden werden über Unterstellungen einer kolonialen Natur Verwünschungen laut, die Existenz des Staates würde bald enden: (29) „Israel’s a full blown 20th century white European ruled colonial state. Consider what happened to to the plethora of these dinosaurs and it’s only a matter of time before Israel goes the same way.“ (Leserkommentar, The Guardian, 29.11.2012)

Der Schreiber beschreibt Israel als „komplett entfaltete, von weißen Europäern beherrschte Kolonialmacht des 20. Jahrhunderts“ und realisiert damit durch Attribuierung einen expliziten Vergleich (Kriterium 1). Hier werden Israelis erneut als weiße Kolonisten, als fremde Eindringlinge perspektiviert und Israel implizit delegitimiert (zu Hautfarbe als Variable bei delegitimierenden Dichotomisierungen s. auch IV.2.1). Die oben erwähnte Verwünschung kommt allerdings durch die Perspektivierung einstiger Kolonialreiche mittels der Metapher „[t]hese dinosaurs“ zustande (s. III.2.4.4). Im Zuge eines Merkmaltransfers werden die Merkmale GRÖSSE und ENTITÄT DER VERGANGENHEIT (auch expliziert durch „plethora“) auf die Kolonialstaaten transferiert. Über den letzten Teilsatz des Kommentars wird auf Israel mittels Junktorersatz das Merkmal VERGANGEN (= Tertium Comparationis) als Kennzeichen dessen baldiger Zukunft übertragen. Das Schema solcher verzerrenden Kommentare liegt insofern darin, Israel über Kolonialismusbezüge zu entwerten und auszugrenzen sowie anschließend dessen Entsorgung einzufordern. Im nächsten Kommentar wird ein expliziter Modalitätsvergleich zwischen beiden Täterkonzepten realisiert (Kriterium 1). Das Tertium Comparationis stellt die ebenso Israel unterstellte „divide and rule strategy“ 275

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

dar, die gemäß dem Schreiber letztlich zu einer Verhärtung der Fronten im Nahostkonflikt geführt habe: (30) „The status quo of Hamas and the PA has not only failed, but has been a huge part of Israel’s divide and rule strategy as practiced by colonialists for hundreds of years.“ (Leserkommentar, The Guardian, 19.11.2012)

Sowohl beide Täterkonzepte als auch das gegenwärtige Opferkonzept werden expliziert. Auch wenn nur von „colonialists“ die Rede ist, kann der Leser über die ausgewiesene Herrschaftsstrategie Divide et impera ebenso das historische Täterkonzept GROSSBRITANNIEN inferieren. Auf besagte Strategie wurde gerade in British India zurückgegriffen, um das britische Monopol dort zu entfalten und zu festigen (s. DharampalFrick/Ludwig 2009). Durch Aktivierung des Weltwissens kann somit eine Perspektivierung Israels als Kolonialstaat entschlüsselt werden, der Herrschaftspraxen des Empire fortführe. Im nächsten Beitrag wird diese Fortführung eines kolonialen Erbes angedeutet, indem Israelis erneut als „European colonial settlers“, also als Fremde in Nahost, perspektiviert werden (durch Attribuierung von als „Siedler“ ausgewiesenen, also nicht explizierten Israelis mittels „kolonial“ Kriterium 3, durch den ganz „Palästina“ zugewiesenen Status einer „Besatzung“ Kriterium 5), die den Rassismus Europas fortsetzen würden (zu Rassismus als Kategorie des Kolonialismus s. S. 201 f.): (31) „Inside Palestine, European colonial settlers had started to arm and equip themselves and were threatening to destroy Palestine. Unfortunately with the assistance of the racist European states, the Jewish settlers declared a state on Palestinian territory. Palestine, of course, remains under occupation but the nation remains in existence.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.12.2012)

Die o. g. Unterstellung eines israelischen Rassismus wird nicht expliziert. Durch die erneute Verwendung des Lexems European in den Wortverbindungen European colonial settlers (für Israelis) und racist European states wird indes eine ideologische Nähe zwischen beiden Referenzgruppen nahegelegt. Des Weiteren wirft der Schreiber Israel vor, „Palästina zu zerstören“, und drückt Bedauern darüber aus, dass auf „palästinensischem Land“ ein Staat von „jüdischen Siedlern“ gegründet wurde. Zudem wird durch die kontinuierliche Verwendung des Lexems Palästina angedeutet, dass selbiges für das gesamte Gebiet steht (das Lexem Israel taucht im Kommentar nicht auf, wird also ersetzt; stattdessen ist allein die Rede von „Jewish settlers“). Durch diese Ausdehnung wird Israel implizit delegiti-

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IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

miert. Final behauptet der Schreiber eine Fortexistenz Palästinas trotz „Besatzung“, wodurch der delegitimierende Gehalt des Kommentars noch gestärkt wird.167 Neben Unterstellungen wie Kolonialismus, Anachronismus und daraus resultierender Illegitimität wird in den Guardian-Kommentaren der soeben erwähnte Rassismus als Disposition innerhalb politischer Praxen, aber auch im gesellschaftlichen Denken Israels behauptet. Der Rassismus diente dem späten Kolonialismus als Legitimation von Herrschaftspraxen wie Landnahme und Ausbeutung (s. u. a. Osterhammel 62009: 8 ff.).168 Im folgenden Dialog präsupponiert User B (persuasiv mittels ironischer Sprechakte), dass Israel einer culture of racism und dem Denken einer racial supremacy folge: (32) User A: „The truth that is so obvious to an Israel within Israel and arguments based on that truth are apt to be misunderstood by those who see Israel through the PR its enemies manufacture.“ User B: „yes, alll that PR manufactured by its enemies, those enemies that manufactured the hundreds of dead babies, manufactured the illegal occupation of the west bank, manufactured the culture of racism and racial supremacy that seems to drive the state of israel, […] a endless list of PR manufactured by the enemies of israel who do not hate that state because it is based upon the discredited 19th century supremacist settler ideals but because they themselves are racist.“ (Leserkommentare, The Guardian, 06.08.2014)

Die von User B behauptete „Kultur des Rassismus“ wird nicht nur kontextfrei als Charakteristikum Israels ausgegeben, sondern in eine Kontinuität mit einer rassistischen Weltanschauung des 19. Jahrhunderts gestellt. Dadurch wiederum kommt es zu einer impliziten Gleichsetzung von Israel und europäischen Kolonialstaaten durch besagte Anspielungen (Kriteri____________________ 167

168

Die Fixierung auf das Zerrbild einer unterdrückten „Nation“ hält sich dermaßen kontinuierlich in beiden Messzeiträumen, dass Kommentatoren, die darauf hinweisen, dass es vor der Gründung Israels keinen palästinensischen Staat gab, marginalisiert werden. Allerdings kann hier konzediert werden, dass die Existenz eines Staates keine Bedingung dafür ist, dass sich eine Gemeinschaft als solche konstituieren und damit verbunden Ansprüche stellen kann. Des Weiteren kann eine als Nation konstruierte Gemeinschaft existieren, ohne dass dadurch zwangsläufig Israel delegitimiert würde. Auch in jenen Staaten, die sich nicht am Kolonialismus beteiligten, war freilich Rassismus auszumachen. Dennoch sind es gerade Kolonialstaaten, die den Rassismus als rechtfertigendes Argument für Aufbau und Aufrechterhaltung ihrer Kolonialreiche in Anspruch genommen haben.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

um 5). Damit einher geht (wie bisher) die Reproduktion des Stereotyps der RÜCKSTÄNDIGKEIT, jedoch ebenso das des KINDERMORDES („hundreds of dead babies“). Zwar führt User B aus, es handele sich hierbei um Konstruktionen israelfeindlicher PR – der Leser kann jedoch inferieren, dass sich der Schreiber nur scheinbar von diesen Konstruktionen distanziert. Über die fünfmalige Nennung von „manufactured“ im Kontext von verzerrenden Beschreibungen des Nahostszenarios wird deutlich, dass es sich um ironische Sprechakte handelt. Insofern stärkt der Schreiber indirekt die (vermeintliche) Angemessenheit der genannten PR-Darstellungen mit einem hohen Persuasionspotenzial (s. III.2.3.2). Schreiber bescheinigen zudem nicht allein der israelischen Regierung, sondern allen Israelis ein kolonialistisch-rassistisches Denken: (33) „All based on the racist and frankly hateful discourse that Palestinians, or Arabs or Muslims or brown people don’t value life as much as white people. Also underlines the colonial nature of Israeli thinking.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Durch das Attribut in „israelisches Denken“ wird die Unterstellung kolonialistisch-rassistischer Einstellungsmuster auf alle Israelis ausgedehnt (Kriterium 1). Hier wird u. a. erneut die Hautfarbe als Unterscheidungsmerkmal in einem dichotom und kolonial perspektivierten Nahostszenario angeführt. Im Einklang mit dieser Wahrnehmung wird im folgenden Kommentar der Vorwurf laut, „jeder Israeli“ habe in der IDF (Israel Defense Forces) gedient und sei demnach ein „direkt Mitwirkender bei der anhaltenden illegalen Besetzung“ durch eine „rassistische Siedlerbewegung“: (34) „[…] ‚every‘ israeli adult has served in the idf and is therefore a direct participant in a ongoing illegal occupation, add to that the fact that israel is based upon a supremacist settler movement and the actions in gaza have overwhelming support in israel, and much of the jewish diaspora.“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014)

Neben der behaupteten Mitwirkung unterstellt der Schreiber, die Militäraktionen in Gaza würden einen „überwältigenden Support in Israel“ sowie in der „jüdischen Diaspora“ erhalten. Quellen für diese Behauptung liefert der Schreiber hingegen nicht. Allein durch diese Behauptung vermittelt er dennoch den Anschein, wohlinformiert zu sein (s. III.3.2), und stärkt damit eine generelle Ablehnung aller Israelis und Juden. Im Zuge dieser Generalisierung formiert sich beim Leser das Bild, dass kolonialrassistische Haltungen von der gesamten israelischen Gesellschaft getragen würden (Kriterium 5). Neben bisherigen Perspektivierungen Israels als Kolonialmacht, welchem u. a. ein rassistisches Weltbild zugrunde liege, präsupponieren 278

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

Schreiber einen kontinuierlichen Landraub im Nahen Osten.169 Die im Guardian-Diskurs prominente Darstellung Israels als expansionistisch orientierter Kolonialstaat, die mittels Anspielungen auf entsprechende Praxen erfolgt, ist aus folgendem Grund für diese Arbeit von Relevanz: Neben dem offenkundigen Gegensatz zwischen dieser Zuschreibung und Israels räumlicher Ausdehnung sowie politischer Praxen ist auffällig, dass diese Perspektivierung geradezu inflationär von britischen GuardianKommentatoren kommt, deren Land Anfang des 20. Jahrhunderts über ein Viertel der Landfläche der Erde herrschte (s. II.2.1 und Fußnote 170, s. auch Wende 2008, Jackson 2015). Das Streben nach Land- und Ressourcenbesitz war ein wesentliches Charakteristikum aller Kolonialreiche – das British Empire war jedoch das Kolonialreich unter den europäischen Staaten, auf welches das Charakteristikum des Expansionismus am ehesten zutraf.170 Insofern wird mittels dieser Zuschreibung auf eine der zentralen Triebfedern des britischen Kolonialismus angespielt und diese – wie im Folgenden – auf Israel projiziert:171 (35) „It was colonisation, invasion and a conquering of a people, and continues today, gradually, acre by acre, field by filed, hill by hill in the West Bank, while Israel’s open prison Gaza is tormented and slashed on a daily basis and periodically devastated, with Western political class and business media support and silence.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

____________________ 169

Zur Frage, inwieweit von der Besiedlung des Nahen Ostens im Zuge des Zionismus von kolonialistisch und expansionistisch geprägten Praxen zu sprechen ist, s. u. a. Gelber (2007), Osterhammel (62009), Friling (2016) und Sternberg (2016). 170 An dieser Stelle ist auch der zu Zeiten des Empire beliebte, den britischen Nationalstolz fördernde Ausspruch „The empire on which the sun never sets“ zu nennen (s. Ferguson 2012). Hier sei für den uninformierten Leser darauf hingewiesen, dass Israel in etwa die Größe von Wales bzw. Hessen aufweist. 171 Neben der historischen Faktenlage ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass bei der in Fußnote 150 erwähnten Umfrage auch thematisiert wurde, welche Praxen und ideologischen Aspekte für die Befragten primär den britischen Kolonialismus auszeichneten. Während ein Teil der Befragten positive Zuschreibungen (wie Transfer von Zivilisation, Menschenrechten und Demokratie) angab, nannten andere insbesondere Expansionismus und Kolonialrassismus, Unterdrückung und Ausbeutung. Im Anschluss an diese Umfrage (sowie die Interviews, s. besagte Fußnote) wurden sprachliche Varianten der letztgenannten Zuschreibungen im Korpusmaterial im Detail untersucht, da es bedingt durch die Umfrageergebnisse sehr wahrscheinlich war, dass Guardian-Leser bei entsprechenden Zuschreibungen ebenso Szenarien innerhalb des Britischen Kolonialreiches aktivieren.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Zur Darstellung Israels als u. a. expansionistischer Kolonialstaat mittels expliziter Ausweisung dieser Herrschaftspraxis sowie mittels Anspielungen auf kolonial begründbare Handlungsmuster (Kriterien 1 und 5) wird angefügt, der Staat könne sich eines affirmativen Umgangs westlicher Regierungen und Medien gewiss sein, um diese ihm unterstellten Praxen fortzuführen. Basierend auf dem behaupteten Unrecht wird hier insofern eine Konspiration zugunsten Israels imaginiert (zum Israelbild u. a. in britischen Medien s. II.2.3). Ist im vorherigen Beitrag noch von der Westbank die Rede, behauptet der Schreiber des nächsten Beitrags explizit, Israel praktiziere kontinuierlichen Landraub, der sich weit über die Westbank ausdehnt („[t]hey want all the land from the Red Sea to the coast, and indeed, more than this“). Erneut wird allein auf eine kolonialistischexpansionistische Herrschaftspraxis angespielt (Kriterium 5): (36) „The Israelis don’t really want peace. They want all the land from the Red Sea to the coast, and indeed, more than this. You have to remember, the borders of Israel were set by various factors, Arab hostility, Palestinian resistance etc. They would have took more land if they could. The settlement of The West Bank is piecemeal appropriation of land that they couldn’t grab in 1967.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

Prominent in diesem Beitrag ist die dreimal verbalisierte Unterstellung, Israel verfolge das Ziel des Landraubs und habe kein wirkliches Interesse am Frieden. Neben dem impliziten Kolonialismus-Vergleich wird insofern nahegelegt, Israel führe den Konflikt im eigenen Interesse fort und trage folglich die ALLEINSCHULD an selbigem. Es seien allein arabische Kräfte, die dieser Entwicklung Einhalt geboten, sprich eine weitere Ausdehnung Israels verhindert hätten. Dieser Kommentar ist nicht allein hinsichtlich der Komplexität des Konflikts als simplifizierend einzustufen. Er relativiert zudem den in arabischen Gemeinschaften anzutreffenden Antisemitismus, der bereits vor der Gründung Israels erkennbar wurde (s. Küntzel 2002, Herf 2009). Kommentatoren führen Verzerrungen eines expansionistisch agierenden Israels auch mittels ironischer Sprechhandlungen in den Diskurs ein (Kriterium 5, zu Ironie s. III.2.3.2): (37) „Must congratulate Israel on its withdrawal of troops from Palestine. Right, only 95% of Palestine occupied now!“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Angesichts der vom Schreiber behaupteten prozentualen Angaben in Verbindung mit dem performativen Akt des Gratulierens (s. III.2.3) kann der Leser die Inferenz ziehen, dass der Schreiber besagten Akt nicht ernst meint. Neben Ironie sind Empathieverweigerung gegenüber Israelis ge280

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

paart mit Toleranz gegenüber destruktiven Strömungen auf palästinensischer Seite frequente Phänomene im Guardian-Kommentarbereich. So wird im folgenden Dialog – ähnlich wie im Beispiel zur Versorgung von Palästinensern in israelischen Krankenhäusern (s. IV.2.1, Beispiel (19) – der gegen Israel gerichtete Hass unter Palästinensern durch den unterstellten Status eines „colonial settler state“ gerechtfertigt (Kriterium 1): (38) User A: „There is really not a lot of point in seeking whose fault the present situation is. One side has sought the destruction of Israel“ User B: „People who are occupied wouldn’t want to see something bad happen to their occupiers? It is a fact that Israel is a colonial settler state. Colonised peoples often hate their colonial masters, it’s perfectly normal.“ (Leserkommentare, The Guardian, 18.11.2012)

Über die einander gegenübergestellten Anspielungen „[c]olonised peoples“ und „colonial masters“ bzw. „colonial settler state“ behauptet der Schreiber, es gebe für israelbezogenen Hass und Terror eine aus der Geschichte des Kolonialismus zu erschließende Rechtfertigung. Diese Bewertung wird eingangs mittels einer rhetorischen, den Nahostkonflikt simplifizierenden Frage sowie der finalen Behauptung („it’s perfectly normal“) zusätzlich gestärkt. Auch im folgenden Kommentar kommt es zu besagter Rechtfertigung jeder Form von antiisraelischer Gewalt, indem die vom Schreiber generalisierend adressierten Israelis auf paternalistische Weise abgewertet und dehumanisiert werden („third lowest form of life“). Das gegenwärtige Täterkonzept wird nicht zusammen mit dem Lexem „[c]olonialists“ expliziert, findet aber im Folgesatz Erwähnung (Kriterium 1): (39) „I’m sorry, you steal other people’s land, by force. You deserve everything you get. Colonialists are the third lowest form of life in my estimation. I would have some sympathy for Israel, but behaviour like this is inexcusable. You need to have a good long hard look in the mirror and see what you have become.“ (Leserkommentar, The Guardian, 19.11.2012)

Explizierte Verweise auf Kolonialismus, wie sie sich in diesem Beispiel finden, werden in vielen weiteren Beiträgen noch durch eine lexikalische Dichte übertroffen, mit der Schreiber entsprechende Zuschreibungen hervorbringen. Ein Schreiber bescheinigt Israel einen (40) „status as an illegal, colonialist, territorially ambitious and aggressive occupier.“ (Leserkommentar, The Guardian, 18.11.2012).

Weitere Beispiele für derlei Häufungen von Anspielungen sind: (41) „[…] what other countries are illegally occupying, colonizing, blockading and laying siege to another, as Israel does to Palestine?“ (Leserkommentar, The Guardian, 10.08.2014)

281

IV.

Geschichtsbezogene Analogien (42) „Israel offered the status-quo to be retained indefinitely, i.e. a Palestine under occupation by Israel with settlements encroaching and approrpriating the land of the Palestinian people, the Palestinians having no rights within Israel and the eventual dismantlement through colonisation of the land of Palestine, for peace.“ (Leserkommentar, The Guardian, 21.08.2014)

In allen drei Beiträgen, in denen der Leser eine enge Folge von präsupponiertem Unrecht erkennen kann, wird sowohl Israel als auch der ihm unterstellte Status einer Kolonialmacht expliziert (Kriterium 1). Die Dichte an dämonisierenden Zuweisungen ist ein kontinuierlich auftretendes Spezifikum entsprechender Guardian-Beiträge, was dazu führt, dass die Äußerungen in vielen Fällen ein hohes Emotionspotenzial aufweisen. Insofern können Leser emotionalisiert werden (s. III.1.6) und hinsichtlich Israel einen besonders schwerwiegenden Grad an Unrecht konzeptualisieren (s. III.1.2). Es folgt ein Beispiel (unter vielen), in welchem auf besonders deutliche, wenn auch nur über Anspielungen realisierte Weise dem gegenwärtigen Täterkonzept expansionistische Praxen und Rassismus unterstellt sowie antisemitische Stereotype kodiert werden (Kriterium 5): (43) „If a bunch of foreigners come into a country with the intention of becoming a majority and taking over at the expense of the indigenous population, that indigenous population is perfectly entitled to resist - violently if necessary. […] I just wish Israelis and Jews would have the honesty to say ‚OK - we wanted as much of Palestine as we could get our hands on (preferably all of it) with as few Arabs as possible (preferably none), everything we have done and are doing has been towards this end, and we didn’t give a rat’s arse about the indigenous Arabs‘. That would be enough for me - I would disappear from CIF because I wouldn’t feel the need to debunk the self righteous bullshit and historical claptrap of the ‚Israel can do no wrong‘ crowd that gets up my nose.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Erneut werden hier allein Palästinenser als Einheimische der Region bezeichnet (das Lexem indigenous taucht zur Perspektivierung des gegenwärtigen Opferkonzepts viermal auf). Infolge dieses dichotomen Schemas wird Israel („foreigners come into a country“, „taking over at the expense of the indigenous population“) delegitimiert. Was in dem Beispiel hinzukommt, ist eine mittels Anführung fiktiver Zitate besonders deutliche Perspektivierung des Täterkonzepts als expansionistisch und rassistisch („we wanted as much of Palestine as we could get our hands on (preferably all of it)“, „we didn’t give a rat’s arse about the indigenous Arabs“, s. auch III.3.2). Die damit einhergehende Dämonisierung Israels wird durch die (im Zuge der fiktiven Rede implizit vermittelten) Stereotype (GIER, VERLOGENHEIT, INSTRUMENTALISIERUNG DER SHOAH) noch gestärkt. Durch

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IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

diese Darstellungsweise wird antiisraelischer Terror vom Schreiber gerechtfertigt („perfectly entitled to resist - violently if necessary“). Um Israel als Landräuber zu perspektivieren, greifen Schreiber auch auf Krankheitsmetaphern zurück (s. III.2.4.4), die zur Dämonisierung von Juden bereits im 19. Jahrhundert herangezogen wurden (s. auch SchwarzFriesel/Reinharz 2013: 178, s. u. a. auch Schoeps/Schlör 21996). Im Folgenden wird Israel als Krebs dargestellt und in diesem Zusammenhang das Stereotyp der ZERSETZUNG reproduziert:172 (44) „This means stopping the Israeli cancer of globbling up the palestinian land. Until palestinians get their state based on justice, close to going back 1967 borders there would be NEVER peace in that part of the world.“ (Leserkommentar, The Guardian, 21.11.2012)

Die Perspektivierung Israels als „Krebs“, welcher „palästinensisches Land verschlingt“, gelte gemäß dem Schreiber zwar erst seit dem Sechstagekrieg von 1967, was wiederum bedeutet, dass der Schreiber Israels Existenz (seit 1948) nicht delegitimiert. Dennoch stellt der Gebrauch der Substantiv- und Verbmetaphern zugunsten einer Unterstellung von Landraub und Zersetzung eine Dämonisierung Israels dar, da das entsprechende Stereotyp zum festen Repertoire des antisemitischen Diskurses der Vergangenheit gehörte (s. Schoeps/Schlör 21996, zu Metaphern s. Skirl 2009, Skirl/Schwarz-Friesel 22013). Anhand dieses Beispiels lässt sich folglich veranschaulichen, wie eine Anspielung (auf Kolonialismus) implizit vermittelt werden kann: Über die besagte Krankheitsmetapher kann (im Zuge eines Transfers des Merkmals ZERSETZUNG) der (Israel unterstellte) Vorgang des Landraubs inferiert werden. Dies wiederum versetzt den Leser in die Lage, durch diese implizit vermittelte Anspielung den behaupteten kolonialen Status Israels zu entschlüsseln (Kriterium 5). Im Folgenden kommen Schreiber auf das gegenwärtige Opferkonzept zu sprechen und aktivieren über Anspielungen Szenarien kolonisierter Völker. Die bereits in IV.2.1 erläuterte Vorstellung, dass es sich bei der Hamas um eine legitime, da Kolonialismus, Landraub und Rassismus bekämpfende Widerstandsbewegung handelt, wird häufig ohne Präzisierun____________________ 172

Wie in Kapitel II.1.3 und II.2.3 erwähnt, werden bei israelbezogenem Antisemitismus teils klassische Stereotype aktualisiert. In diesem Falle wird das Stereotyp der ZERSETZUNG nicht auf die Kategorien Gesellschaft oder Ökonomie, sondern auf die Ressource Boden angewandt. Besonders häufig kommt es zur Reproduktion dieses Stereotyps, sobald Siedlungen im Westjordanland thematisiert werden.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

gen hinsichtlich des implikatierten historischen kolonialen Szenarios (wie im Falle von Orts- oder Zeitangaben) zum Ausdruck gebracht: (45) „Because Hamas are not terrorists. They are a resistance movement fighting a guerilla173 war against a vastly superior military power that has stolen most of the the land of the Palestinians […]“ (Leserkommentar, The Guardian, 10.08.2014) (46) „Hamas fires rockets at random at Israel hoping to hit civilians And 95% of the time hits a soldier. They do so purposefully from civilian areas.... Because they are Gurellas fighting a gurella war with improvised weaponry. What do you expect them to do? Open a massive army base to be bombed?“ (Leserkommentar, The Guardian, 10.08.2014) (47) „[…] completely missing from the article is why Hamas even exists. Here’s a clue: it’s the occupation, stupid.“ (Leserkommentar, The Guardian, 174 01.08.2014) (48) „It be[g]ings and ends with the Israeli Gov’s colonisation and occupation as because of this, they created Hamas.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

Von den Schreibern wird mehrfach der Status der Hamas als Terrororganisation bezweifelt bzw. aberkannt, stattdessen diese als Widerstandsbewegung bzw. Guerillakämpfer reklassifiziert, denen keine andere Strategie des Widerstands verbleibt als eben Terror (s. insbesondere (46), s. auch IV.3.2). Im Zuge dessen wird der Antisemitismus der Organisation geleugnet bzw. relativiert (s. III.3.3). Israel wird in diesem Kontext auf vielfältige Weise (durch behauptete koloniale Praxen und Stereotypkodierungen) dämonisiert und delegitimiert (s. III.3.5) sowie die ALLEINSCHULD AM KONFLIKT (sowie am Terror der Gegenseite) zugewiesen (s. (47) und (48)). Es wird leicht erkennbar, dass auch bei Fokussierung auf das Opferkonzept eine Simplifizierung des Nahostkonflikts vorgenommen wird.

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Zwar kann das Lexem Guerilla zur Aktivierung von Szenarien wie dem Vietnam- oder Afghanistankrieg führen. Im Zuge meiner Analysen wurde hingegen deutlich, dass Guerilla regelmäßig mit Kolonialismusszenarien in Beziehung gesetzt wurde. Auf dieses Beispiel bin ich in III.2.4.2 bereits eingegangen, um zu veranschaulichen, wie im Rahmen israelfeindlicher Äußerungen Anspielungen aus anderen Domänen (im Falle der Domäne des US-amerikanischen Wahlkampfes) verwendet werden.

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

Zwischenfazit In diesem umfassenden Abschnitt wird erkennbar, dass Israel mittels vielfältiger Vergleichsmuster als Kolonialstaat perspektiviert wird. Es ist auffällig, dass zum einen Israel explizit als Kolonialmacht ausgewiesen wird (bspw. durch Attribuierungen, Kriterium 1), zum anderen dem Staat Ideologien und Praxen unterstellt werden, die als Anspielungen auf Kolonialismus zu verstehen sind (Kriterium 5). In beiden Messzeiträumen zeigt sich eine hohe Frequenz insbesondere von Anspielungen (s. Anhang). Schreiber behaupten, Israel setze das Erbe des europäischen Kolonialismus fort. Teils werden über Anspielungen Parallelen zwischen u. a. der britisch-kolonialen Herrschaftspraxis und jener Israels behauptet. Es wird insbesondere auf die Phänomene des Kolonialrassismus und des Expansionismus referiert. Diese würden nicht nur für die israelische Regierung gelten, sondern gleichzeitig Haltungen innerhalb der gesamten israelischen Gesellschaft repräsentieren (teils gar von Juden weltweit). Dies stellt insofern eine Gemeinsamkeit mit jenen Anspielungen dar, durch welche die Empire-Analogie etabliert wird (s. IV.2.1). Die verwandten Lexeme sind mit dem europäischen und britischen Kolonialismus eng verzahnt und prägen durch ihre Verwendung die Wahrnehmung des Nahostkonflikts als eines kolonialen Verbrechens, begangen von Eindringlingen an der indigenen Bevölkerung. Entsprechend handele es sich gemäß den Schreibern beim gegenwärtigen Täterkonzept um einen anachronistischen Aggressorstaat, dessen Bewohner (häufig mit „Juden“ gleichgesetzt) als Fremde zu bezeichnen seien und demnach keinen Anspruch auf Gebiete im Nahen Osten haben würden. Gerade der Diskurs 2014 sticht hier hervor, da nicht nur die Zahl der Kommentare mit entsprechenden Unterstellungen ansteigt, sondern auch innerhalb bestimmter Kommentare die Dichte, mit der die Unterstellungen vorgetragen werden, zunimmt (s. Anhang). Dies geht oft einher mit einer Reproduktion von Stereotypen u. a. der RÜCKSTÄNDIGKEIT, GIER, VERLOGENHEIT und ALLEINSCHULD AM KONFLIKT. Israel wird im Zuge von Kolonialismus-Vergleichen und Stereotypkodierungen dämonisiert, delegitimiert und aus der Staatengemeinschaft ausgeschlossen. Im Einklang mit dieser dichotomen Wahrnehmung des Konflikts perspektivieren Schreiber Palästinenser als die Opfer rassistisch-kolonialistischer Einstellungen, die von einem überkommenen, aus Europa verbannten Herrschaftssystem ausgehen würden. Sobald das gegenwärtige Opferkonzept als aktive Kraft dargestellt wird, so wird einer potenziellen Abweichung von besagtem Schwarz-Weiß-Szenario entgegengewirkt, indem 285

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

der von der Hamas ausgehende Terror als nachvollziehbar bzw. als Entsprechung des historischen Verlaufs der Dekolonisation perspektiviert wird (s. hierzu auch IV.2.1). Diese Bezugnahme lässt sich in beiden Messzeiträumen regelmäßig feststellen. Der von der Hamas ausgehende Terror wird als Befreiungskampf aufgewertet. Letzterer verfüge also über eine Rechtfertigung, die sich aus den historischen Prozessen erkläre, welche die Dekolonisation einleiteten und begleiteten. Übereinstimmend mit dieser Perspektivierung legen die Schreiber nahe, dass das als gegenwärtiger Täter konzeptualisierte Israel aufgrund der behaupteten Illegitimität verschwinden würde – die als Opfer konzeptualisierten Palästinenser hingegen würden zu ihrem Recht kommen. Im Zuge der hier vorgestellten Äquivalenzsetzungen wird Israel, perspektiviert als letzte Kolonialmacht, ein nahes Ende prophezeit. IV.2.3

Vergleiche mit weiteren historischen Kolonialismusszenarien

In diesem Abschnitt werde ich jene Vergleiche besprechen, durch welche Guardian-Kommentatoren den Nahostkonflikt mit konkreten Kolonialismusszenarien in Beziehung setzen, die lediglich partiell mit der Großmachtpolitik Großbritanniens zusammenhängen. Abgesehen von jenen eindeutig dem britischen Kolonialismus zuzuschlagenden Referenzen stellt das im Nahostdiskurs der Guardian-Leserschaft mit Abstand am häufigsten adressierte Kapitel des europäischen Kolonialismus die Besiedlung Nordamerikas und der Umgang mit der indigenen Bevölkerung dar.175 Leser können die britische Verantwortung erschließen, weil der erhebliche Anteil der britischen Kolonialmacht an dieser Besiedlung in Großbritannien medial sowie pädagogisch vermittelt wird. Bei der Koloni____________________ 175

286

Eine mögliche Lesart entsprechender Referenzialisierungen ist, sie als elaborierte Verknüpfung von israelbezogenem Antisemitismus und Antiamerikanismus zu sehen. Gemäß den Schreibern würden beide Staaten – USA und Israel – hinsichtlich ihrer Entstehungsgeschichte auf vergleichbarem Unrecht fußen, was wiederum eine miteinander verbundene Problematisierung in vorliegender Schärfe und Umfang rechtfertige. Eine kontinuierliche Fokussierung auf historisches Unrecht in Nordamerika innerhalb des Nahostdiskurses kann eine Ausgrenzung beider Länder aus der Staatengemeinschaft zur Folge haben und Unrecht in anderen (historischen sowie gegenwärtigen) Kontexten in den Hintergrund treten lassen (zum Antiamerikanismus s. II.2.3 sowie Diner 2003, Schwaabe 2003, Markovits 2004, Preston 2009, Beyer 2014, Fried 2014, Jaecker 2014, Milne 2014, Knappertsbusch 2016).

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

sierung der Neuen Welt stach Großbritannien als Hauptrivale des spanischen Kolonialreichs heraus und sorgte für tiefgreifende Umbrüche in den indigenen Gesellschaften (s. Edelmayer/Hausberger/Weinzierl 1996, Canny 1998 und Ferguson 2004). Wie auch bei Kolonialismus-Vergleichen in IV.2.2 kann auch bei diesen Vergleichsmustern GROSSBRITANNIEN als historisches Täterkonzept inferiert werden. Folglich stellen diese Vergleiche einen partiellen Fokus meiner Arbeit dar, da mit besagter Involviertheit eben auch die kommunikativen Funktionen der hier interessierenden geschichtsbezogenen Analogien aktiviert werden können. Der Schreiber des ersten hier vorgestellten Kommentars perspektiviert das Szenario der Besiedlung Nordamerikas als „Modell“ für eine „Kolonisierung des Nahen Ostens“ durch „weiße Europäer“: (49) „If the expansionist Israelis aren’t stopped Jordan and Lebanon will be the next countries annexed as the indigenous Arabs are ethnically cleansed from their homeland. We are watching the ongoing colonisation of the ME by white skinned Europeans. It follows the model used three hundred years ago by white skinned Europeans when they wiped out 95% of the indigenous North American Indians and stole their land.“ (Leserkommentar, The Guardian, 19.11.2012)

Die Etablierung dieser spezifischen Kolonialismus-Analogie kommt in diesem Beitrag wie folgt zustande: Zum einen wird das gegenwärtige Täterkonzept expliziert. Gemäß dem Schreiber seien Israelis „expansionistische“ „weiße Europäer“ (zur Fokussierung der Schreiber auf die Hautfarbe und damit Kennzeichnung als Fremde s. auch IV.2.1 und IV.2.2). Er unterstellt dieser Gruppe Praxen wie eine „anhaltende Kolonisierung“ bzw. Annexionen sowie ethnische Säuberungen. Israelis würden das Ziel verfolgen, auch weitere Länder der Region zu annektieren, wenn sie „nicht aufgehalten“ würden. Das gegenwärtige Opferkonzept wird ebenso expliziert („indigenous Arabs“). Der Bezug zum historischen Szenario der Kolonisierung Nordamerikas wird durch eine unpräzise Zeitangabe („three hundred years ago“), durch die Nennung des historischen Täter- („white skinned Europeans“) und des Opferkonzepts („indigenous North American Indians“) realisiert. Über den bereits erwähnten Satzteil „Es folgt dem Modell“ (= Junktorersatz) sowie die sich wiederholende Wortverbindung zur Charakterisierung des historischen und gegenwärtigen Täterkonzepts wird eine Äquivalenzsetzung hinsichtlich des Tertium Comparationis vorgenommen (Kriterium 4). Der Schreiber perspektiviert die Israel unterstellten Praxen („annexed“, „ethnically cleansed“) als Wiederholung der Taten von Kolonisten Nordamerikas („they wiped out 95% of […] Indians

287

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

and stole their land“). Somit ist dies ein Beispiel für einen impliziten Modalitätsvergleich, bei dem alle Täter- und Opferrollen genannt werden. Der Schreiber des folgenden Kommentars nimmt den Untertitel „Netanyahu says Israel ‚willing partner‘ in peace“ eines Guardian-Artikels (s. Weaver/Siddique/McCarthy 2012) als Anlass, um Israel einen flächendeckenden Landraub zu unterstellen: (50) „Of course Israel wants peace after stealing almost all of Palestine off of its rightful owners. You only have to look at a map of Palestine from 1948 to the present to see the extent of the theft. What the Israelis are doing to the Palestinians is the same as what white European Settlers did to the native Americans a couple of hundred years ago. Remember the Cowboy and Indian films ALWAYS portraying the indigenous Indians as savages and the Cowboys the good guys? It is exactly the same again with the US backed Israeli Cowboys dehumanising the native Palestinians so they can steal their land.“ (Leserkommentar, The Guardian, 19.11.2012)

Hierbei handelt es sich um einen expliziten Modalitätsvergleich in Bezug auf das Handeln der beiden Täterkonzepte (Kriterium 1). Die Explizitheit des Vergleiches hängt allerdings nicht (wie in IV.2.2) mit einer Attribuierung durch colonialism oder einem standardisierten Artvergleich (X ist wie Y) zwischen Israel und einem Kolonialreich zusammen, sondern die Komparationsbasis, das historische Täterkonzept wird mittels „white European Settlers“ konkretisiert. Der Schreiber nennt das gegenwärtige Täterkonzept gleich mehrmals und perspektiviert das gegenwärtige Opferkonzept als „rechtmäßige“ Bewohner des Nahen Ostens. Daraus resultiert ein weiteres Mal eine implizit vermittelte Delegitimierung der seit Jahrhunderten bestehenden jüdischen Siedlungen in der Region. Im Beitrag bringt der Schreiber dreimal seine Darstellung israelischen Handelns im Umgang mit Letzteren zum Ausdruck („stealing“, „theft“, „steal their land“ = Tertium Comparationis). Zur Rechtfertigung seines Vorwurfs gegenüber Israel verweist er auf Kartenmaterial, ohne auf die Gründe der geografischen Verhältnisse als Folge von Kriegen seit 1948 einzugehen (s. III.3.2). Vielmehr nimmt der Schreiber eine simplifizierende Gleichsetzung der Gründung Israels, der Gebietsgewinne in den Verteidigungskriegen sowie des gegenwärtigen Siedlungsbaus im Westjordanland vor. Den unterstellten Landraub setzt der Schreiber infolgedessen mittels eines Junktors („the same as“) mit dem Handeln „white European Settlers“ gegenüber „Native Americans“ gleich. In diesem Beitrag liegt jedoch noch ein weiterer, über eine rhetorische Frage eingeleiteter Modalitätsvergleich vor (Kriterium 4), der sodann expliziert wird (mittels Junktor „exactly the same again“ à Kriterium 1): Der Schreiber thematisiert die Darstellungsweise der Kolonisierung Nordamerikas in Westernfilmen, in denen ein rassistisch gepräg288

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

tes Bild von sog. Cowboys („good guys“) und der indigenen Bevölkerung („savages“) Darstellung findet. In diesem Zusammenhang problematisiert er divergierende Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster hinsichtlich der besagten historischen Szenarios in der Gegenwart. Über das Genre Western wurde über lange Zeit das die Wahrnehmung beherrschende Narrativ zu dieser Ära nordamerikanischer Geschichte wiedergegeben. Über die etablierte Kolonialismus-Analogie wird den „US backed Israeli Cowboys“ (hier erneut Unterstellung einer Kontinuität amerikanischen Unrechts in Nahost) nicht allein Landraub, sondern ebenso Rassismus gegenüber Palästinensern bescheinigt, der sich über eine explizierte Dehumanisierung Letzterer rechtfertige („dehumanising the native Palestinians“). Der emotionalisierende Exkurs hin zu einem medial vermittelten Narrativ bringt zudem den Tatbestand einer potenziell changierenden Wahrnehmung und Bewertung historischer sowie gegenwärtiger Konflikte zum Ausdruck. Über diesen Rekurs auf medial vermittelte Verzerrungen legt der Schreiber nahe, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Israel unterstellten Praxen ebenso als rassistisch begründete Verbrechen evaluiert werden, wie es hinsichtlich der Wahrnehmung der nordamerikanischen Geschichte und der medialen Wiedergabe derselben bereits der Fall ist. Guardian-Kommentatoren verbreiten in ihren Beiträgen oft die Ansicht, dass die koloniale Haltung westlicher Staaten bis heute – auch bei gegenwärtigen Kriegshandlungen – wahrnehmbar ist. So sei der Irakkrieg ein kolonialistisch motiviertes Unterfangen gewesen. Im folgenden Dialog wird nicht nur ein Bezug zu diesem Krieg hergestellt, sondern darüber hinaus werden historische Szenarien kolonialer Herrschaft (nicht nur in Nordamerika) aktiviert, wodurch Israels Praxen in eine Kontinuität kolonialer Herrschaftsausübung gestellt wird: (51) User A: „Had Iraq sent missiles toward London and York we would have seen the British army already invading...“ User B: „Sorry bud, last i checked the UK weren’t keeping populations in open prisons.“ User C: „You have, apparently, never read a history book about the United Kingdom. Nor the United States. Perhaps an Intro to Western history could help you contextualize your rage at Israel’s ‚open prisons.‘ Millions of dead Mayans, Native Americans, African-Americans, Chinese, and Indians might like a word with you before you proclaim Israel to be unique among nations.“ (Leserkommentare, The Guardian, 17.11.2012)

User A räumt angesichts des anhaltenden Raketenbeschusses auf Israel 2012 Verständnis für die Militäroperation Pillar of Defense ein, indem er zum Ausdruck bringt, dass Großbritannien auf Terrorismus genauso rea289

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

gieren würde. User B weist diesen Vergleich zurück, indem er Gaza implizit als „Gefängnis“ für ganze Bevölkerungsgruppen perspektiviert und die Präsenz ebendieser Gefängnisse in der britischen Vergangenheit leugnet. User C wiederum widerspricht User B, indem er auf die in der Geschichte westlicher Staaten ausgehende Gewalt verweist. Durch seine Bezugnahme auf koloniale Szenarien realisiert er indes implizit ein Äquivalenzverhältnis von genannten Kolonialmächten und Israel. Insofern argumentiert er einerseits gegen eine Ausgrenzung Israels, andererseits dämonisiert er den Staat durch die Kontextualisierung innerhalb der europäischen Expansion und Ausbeutung der letzten Jahrhunderte. Israel betreibe ein solches, von User B angeführtes Gefängnis und führe somit das Erbe des europäischen Kolonialismus fort (zu scheinbar neutralen bzw. nicht antiisraelischen Beiträgen, die gleichzeitig Kolonialismusbezüge zum Nahostkonflikt stärken, s. IV.2.1 Bezüge zu Gandhi). Zwischenfazit Die hier knapp vorgestellten Leserkommentare zeigen Folgendes: Schreiber nennen als konkretes historisches Szenario des europäischen Kolonialismus (neben den zahlreichen Bezügen zum British Empire) fast ausschließlich die Besiedlung Nordamerikas. Durch die starke Präsenz der britischen Kolonialmacht zu Zeiten dieser historischen Vorgänge kann sie bei diesen Vergleichen erschlossen werden, auch wenn Großbritannien explizit keine Erwähnung findet. Insofern kann es durch das Inferenzpotenzial dieser Vergleiche dazu kommen, dass jene kommunikativen Funktionen aktiviert werden, die auch in Bezug auf Empire- und nicht spezifische Kolonialismus-Vergleiche vorliegen. Innerhalb der Beiträge kommt es u. a. zu expliziten Modalitätsvergleichen hinsichtlich der unterstellten Praxen der Täterkonzepte. 2014 nehmen die Artvergleiche zwischen den Opferkonzepten (NATIVE AMERICANS und PALÄSTINENSER) zu. Durch die Ausweitung meines Fokus auf andere (und nicht allein britische) Kolonialismusszenarien wird deutlich, dass Schreiber insbesondere jene Prozesse problematisieren und teils verzerren, welche die Staatsgründung der USA und Israels begleiteten. Perspektivierungen wie diese sind anschlussfähig für Äußerungen, die als antiamerikanisch sowie antiisraelisch anzusehen sind (s. auch II.2.3). Prozesse, welche die Staatsgründung der USA und Israels begleitet haben, werden als besonders gravierendes Unrecht innerhalb der Ära kolonialer Herrschaftsausübung europäischer Staaten perspektiviert (s. Fußnote 175). In anderen Kommentaren, die ich aus Platz290

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

gründen nicht besprechen kann, beziehen sich Schreiber jedoch auch auf gegenwärtige Konflikte und bezeichnen diese als koloniale Interventionen des Westens, deren Erbe Israel fortführe. Ein bestimmtes Szenario werde ich allerdings im nächsten Abschnitt erläutern, da selbiges kontinuierlich aktiviert wird und die kommunikativen Funktionen der Empire-Analogie stärker in den Vordergrund rücken. IV.2.4

Vergleiche mit dem Nordirlandkonflikt

Das Empire wird in weiten Teilen der britischen Gesellschaft positiv bewertet (s. II.2.2). Eine solche positive Bewertung habe ich in den beiden Guardian-Korpora jedoch kaum erfassen können (s. IV.2.1 bis IV.2.3). Diese Besonderheit mag mit milieuspezifischen Haltungen in Bezug auf Kolonialismus und Imperialismus zusammenhängen, zumal innerhalb des britischen Mainstream gerade dem Guardian durch die Ausrichtung seiner Berichterstattung eine hinsichtlich der Verbrechen des Kolonialismus sensibilisierende Funktion zukommt (s. auch II.2.2). Entsprechend problematisieren Kommentatoren die koloniale Vergangenheit ihres Landes und projizieren diese teils auf Israel. In einigen Guardian-Kommentaren liegen jedoch Äußerungen vor, welche die Außenpolitik Großbritanniens im Umgang von Krisen als beispielgebend perspektivieren und von Israel unterstellten Praxen abgrenzen.176 Entsprechende Äußerungen stellen insofern bei den hier vorgestellten Äquivalenzsetzungen eine Abweichung dar. Die soeben erwähnte Funktion der unmittelbaren Aufwertung kommt wie folgt zustande: Ein historisches Kolonialismusszenario (mit GROSSBRITANNIEN als Täterkonzept) wird in einer Weise referiert, die eine positive Bewertung der mit diesem Szenario zusammenhängenden politischen Praxen Großbritanniens zulässt. Dieses von Schreibern behauptete bzw. angedeutete, positiv zu bewertende Verhalten Großbritanniens sei laut den Schreibern hingegen bei Israel nicht auszumachen. Im Gegensatz zur Ausrichtung sonstiger Empire- und Kolonialismus-Analogien im GuardianDiskurs behaupten Schreiber insofern nicht primär eine Vergleichbarkeit ____________________ 176

Im 2012er Messzeitraum vermitteln Guardian-Kommentatoren 20 Mal abgrenzende Analogien (davon 19 Mal mit dem Nordirlandkonflikt als Komparationsbasis); im 2014er Messzeitraum liegt die Verwendungshäufigkeit entsprechender Äquivalenzsetzungen bei 31 Kommentaren (davon 20 mit dem Nordirlandkonflikt als Komparationsbasis, s. Anhang).

291

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

zwischen Großbritannien und Israel in ihrem Dasein und/oder Handeln – vielmehr bezieht sich der Vergleich auf das Szenario, d. h. auf die historisch-politische Situation, mit der sich beide Akteure konfrontiert sehen, und auf ihren Umgang damit, der gemäß den Schreibern verschieden ausfällt. Die „Bewältigung“ von vergangenem Unrecht gelingt leichter, da Großbritannien zugesprochen wird, den Nordirlandkonflikt beendet zu haben. Durch die bisher in dieser Arbeit thematisierten Äquivalenzsetzungen beider Täterkonzepte kommt es freilich ebenso zu einer Entlastung und Aufwertung der britischen Wir-Gruppe, da koloniale Praxen Großbritanniens im Verhältnis zu jenen Israels als nachrangig perspektiviert werden und die britische bzw. milieuspezifische Wir-Gruppe dank (aus Lernprozessen gewonnener) Sensibilisierung ebendiesen Praxen ablehnend gegenübersteht (s. IV.2.1 bis IV.2.3). Bei den in diesem Abschnitt besprochenen Äquivalenzsetzungen hingegen ergibt sich Entlastung und Aufwertung nicht erst durch eine auf die Gleichsetzung folgende Relativierung historischer Verbrechen, sondern konstituiert sich von vornherein aufgrund einer explizierten abgrenzenden Gegenüberstellung von Großbritannien und Israel. Sobald es im Nahostdiskurs um die Perspektivierung britischer Machtpolitik als beispielgebend geht, verweisen Schreiber fast ausschließlich auf den Nordirlandkonflikt.177 Die Gegenüberstellung des Nordirland- und Nahostkonflikts dient besagter Abgrenzung britischer von israelischen Praxen und damit der beiden Täterkonzepte (GROSSBRITANNIEN und ISRAEL). Großbritannien habe den Nordirlandkonflikt auf konstruktive Weise bewältigt – diese Perspektivierung dient der Aufwertung der britischen Wir-Gruppe. Israel handele indes eskalierend und uneinsichtig – damit wird der Staat nicht nur als expansionistische Kolonialmacht, sondern zudem als unfähig perspektiviert, den daraus resultierenden Konflikten adäquat zu begegnen. Die Fokussierung auf den Nordirlandkonflikt bei Vergleichen der unmittelbaren Aufwertung mag damit zusammenhängen, dass im Kontext des Guardian positive Evaluationen bspw. hinsichtlich British India allzu ____________________ 177

292

Auch mittels Etablierung der Apartheid-Analogie (s. IV.3) im Nahostdiskurs kommunzieren Schreiber teils eine beispielgebende Haltung der britischen WirGruppe, da diese dem offen gelebten und institutionalisierten Rassismus der Buren in Südafrika vorerst feindlich gegenüberstand. Damit unterschlagen sie allerdings die Rolle, die Großbritannien nach den Burenkriegen fortan für die Etablierung der Apartheid in Südafrika spielte (s. II.2.1, IV und IV.3).

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

widersprüchlich erscheinen müssen. Selbst im Falle einer unkritischen Perspektive auf das britische Kolonialreich sind die Unterdrückung des indischen Freiheitsstrebens, die Hungersnöte und der katastrophale Ausgang dieser Ära des britischen Kolonialismus weitreichend bekannt. Dasselbe gilt für andere, insbesondere afrikanische Kolonien.178 Insofern erscheint eine hohe Frequenz besagter, unmittelbar aufwertender Vergleiche gerade mit dem Nordirlandkonflikt als Komparationsbasis plausibel. Bei Bezugnahme auf den Nordirlandkonflikt (auch „Troubles“ genannt) im Nahostdiskurs legen Schreiber mittels rhetorischer Fragen, Aufforderungen u. a. Sprechhandlungen nahe, die damalige, im Kontext des Nordirlandkonflikts erkennbare britische Terrorismusbekämpfung habe sich durch Verhältnismäßigkeit, Dialogfähigkeit und Konzessionsbereitschaft ausgezeichnet und unterscheide sich infolgedessen von ihrem israelischen Äquivalent (zum Konflikt s. u. a. Bew/Gillespie 1993, Otto 2005). Da im Folgenden besagte Sprechhandlungen interessieren, werde ich die Beispiele (wie auch in IV.2.2) nicht nach dem Grad der Explizitheit, sondern nach Inhalten anordnen. Der Schreiber des ersten Beitrags nennt das historische Opferkonzept (IRA) und referiert auf das Täterkonzept mittels „we“. Das Tertium Comparationis der Äquivalenzsetzung sind Terroranschläge und ihre Folgen, deren Vergleichbarkeit im ersten Satz suggestiv über eine rhetorische Frage implikatiert wird (Junktorersatz à Kriterium 4). Basierend auf selbigem unterstellt der Schreiber – erneut mittels rhetorischer Frage – einen Unterschied zwischen den Täterkonzepten hinsichtlich ihres jeweiligen Umgangs mit Terroranschlägen: (52) „We did have bombs going off in London, remember? The IRA caused many deaths and much fear but we didnt retaliate by terrorising and killing thousands of Northern Ireland civilians did we?“ (Leserkommentar, The Guardian, 19.11.2012)

Auch im folgenden Beitrag behauptet der Schreiber, dass selbst auf dem Höhepunkt des historischen Szenarios („the troubles“) der Kampf gegen Terror durch das historische Täterkonzept (Verweis durch „we“) nicht mit jenem Israels vergleichbar sei. Der Vergleich bezieht sich hier auf den ____________________ 178

Zur Rolle des Guardian bezüglich der Thematisierung kolonialer Verbrechen s. I.1. S. hierzu auch Elkins 2005a, b und 2013, Mason 2015, Olusoga 2016, 2017 und 2018, Parry 2016, Hirsch 2017, Tharoor 2017a und b, Manjapra 2018; zum Umgang Großbritanniens mit British India s. u. a. Voigt 1978, Butalia 1998, Mann 2005, Metcalf/Metcalf 2006, Dharampal-Frick/Ludwig 2009.

293

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Umgang mit einem „refugee camp“ (= Tertium Comparationis), wobei der Leser inferieren kann, dass der Schreiber auf Gaza anspielt (Kriterium 5): (53) „I’d say any other army, including ours, wouldn’t shell a refugee camp. Even during the worst of the troubles, internment and everything, we didn’t send Phantom jets over to bomb the Falls Rd, or ring Belfast with artillery.“ (Leserkommentar, The Guardian, 18.11.2012)

Hier ist zudem auffällig, dass gleich zu Anfang des Beitrags der Schreiber unterstellt, „jede andere Armee“ würde sich nicht zu jenen Israel zugewiesenen Praxen bewegen lassen. Somit liegt in diesem Beispiel nicht nur eine Abgrenzung Großbritanniens von Israel, sondern eine Ausgrenzung Israels von der Staatengemeinschaft vor (s. III.3.5). Der nächste Beitrag etabliert erneut eine Äquivalenzsetzung hinsichtlich Terrorerfahrungen (= Tertium Comparationis) vonseiten der Täterkonzepte. Diese wird über einen Junktorersatz in Form einer Feststellung eingeleitet (Kriterium 4). Die eingangs erwähnte Dialogbereitschaft der Wir-Gruppe wird des Weiten expliziert und der israelischen Fremdgruppe gegenübergestellt: (54) „Many in Israel shout ‚How would you like it if you had rockets raining on you?‘. But of course they are ignorant about the history of terrorism. We had terrorist attacks for years. We didn’t send in tanks and level half of Belfast. Strangely, we seem to have made more progress by actually engaging in dialogue, over and over again.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

Der Unterschied im Umgang mit dem Tertium Comparationis (= Terroranschläge) liege gemäß dem Schreiber darin, dass unverhältnismäßige militärische Reaktionen (die wiederum implizit dem gegenwärtigen Täterkonzept unterstellt werden) vonseiten des historischen Täterkonzepts ausgeblieben seien. Die paternalistische Haltung des Verfassers gegenüber Israelis drückt sich in Formulierungen wie „But of course they [= „Many in Israel“] are ignorant about the history of terrorism“ aus. Der Sprecher erhöht seine eigene diskursive Position als Mitglied der britischen WirGruppe, indem er auf die deeskalierende, gesprächsbereite und progressive Politik seines Landes eingeht („more progress by actually engaging in dialogue, over and over again“, s. III.3.1), die er gleichzeitig implizit Israel abspricht. Der Schreiber des folgenden Kommentars implikatiert mittels rhetorischer Fragen, die an einen anderen Kommentator (sowie Israel) gerichtet sind, eine Äquivalenzsetzung der beiden Konflikte (Bezugnahme auf Einwirkung von Terror sowie Umgang mit selbigem, Kriterium 4). Daraus folgt erneut eine Gegenüberstellung beider Täterkonzepte, die gestärkt wird durch Unterstellungen, dass beide Adressaten dieses Kommentars ei-

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IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

ne unverhältnismäßige Terrorbekämpfung begrüßen würden, die den Einsatz von Atomwaffen nicht ausschließe: (55) „Out of interest, how many thousands of civilians is an unacceptable number to be killed to remove a terrorist threat? When the Real IRA were bombing shopping centres in Britain, would you have condoned the napalming of entire Republican neighbourhoods? A tactical nuclear strike on Dublin? Killing hundreds of children and sapping schools and hospitals? Would that have brough peace to Northern Ireland faster than the Good Friday agreement? Pulverising, incinerating, maiming, murdering, starving, the republicans until they shrugged and said ‚fine, we’ll be British‘ and then everyone lived happily ever after?“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

Über besagte rhetorische Fragen präsupponiert der Schreiber von Israel verübte Verbrechen in Gaza („thousands of civilians […] to be killed“, „[p]ulverising, incinerating, maiming, murdering, starving“, „[k]illing hundreds of children and sapping schools and hospitals“). Im Zuge dieser Unterstellungen werden u. a. die Stereotype der AMORALITÄT und des KINDERMORDES reproduziert. Die suggestiven Fragen deuten an, dass der Schreiber beiden Adressaten damit einhergehende Einstellungen zuschreibt (zur Gleichsetzung von anderen Kommentatoren und Israel s. IV.1 und IV.2.1). Mittels „tactical nuclear strike“ spielt der Schreiber auf den Konflikt zwischen Iran und Israel an.179 Damit wird Israel als verantwortungslos handelnder Staat perspektiviert. Außerdem implikatiert der Schreiber, dass u. a. das Karfreitagsabkommen vom 10. April 1998 (s. Otto 2005) für eine britische Politik stehe, die in ihrem konfliktbewältigenden Potenzial jener Israels überlegen sei. Auch werden von Kommentatoren nicht allein die Täterkonzepte und deren Umgang mit dem Tertium Comparationis referiert, sondern auch die Opferkonzepte in ein Äquivalenzverhältnis gesetzt: (56) User A: „Get rid of Hamas with their rockets and human shields and you would win your political aims within a year. The IRA (as have countless other groups ETS etc) realised this and are making steady progress towards their goals.“ User B: „The IRA made progress because the West decided to deal with them. Then they gave up their weapons and methods. NOT the other way around. Cut out the disgusting Hasbara rubbish. Israel kills 500x more civil-

____________________ 179

Der Konflikt zwischen Iran und Israel wird auch in Zeit-Kommentaren regelmäßig angesprochen bzw. als Beweis angeführt, dass Israel auf die Lage (nicht nur) in Nahost eskalierend einwirkt (zur Bezugnahme auf Autoritäten im deutschen Kontext s. II.1.2 und II.1.3, s. auch Grass 2012).

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien ians than the reverse - then blames the victims themselves. Disgusting.“ (Leserkommentare, The Guardian, 12.08.2014)

Dieser Dialog veranschaulicht, wie die IRA mit der Hamas verglichen wird. User A problematisiert im Zuge dieses Vergleiches allerdings nicht die israelische Seite, sondern die Hamas und empfiehlt die Beseitigung der terroristischen Vereinigung (zu israelsolidarischen Beiträgen, die gleichzeitig die Unterstellung des Kolonialismus beim gegenwärtigen Täterkonzept aufrechterhalten, s. IV.2.1 und IV.2.2). Erneut wird über einen Junktorersatz („[t]he IRA […] realised this“, Kriterium 4) diese Äquivalenzsetzung eingeleitet. User B reagiert auf diesen Vergleich, indem er zu einer Gegenüberstellung der Täterkonzepte ausholt, bei welcher der Schreiber den Westen indirekt auffordert, er möge mit der Hamas den Dialog aufnehmen – dies allein habe den Nordirlandkonflikt befrieden können. Der Leser kann inferieren, dass User B hier indirekt auf das Einlenken der britischen Regierung eingeht, er somit implizit beide Täterkonzepte einander gegenüberstellt. Dieses Einlenken sei – so kann der Leser inferieren – bei der israelischen Regierung nicht erkennbar. Des Weiteren reproduziert User B diverse Stereotype: Zum einen perspektiviert er die von User A herausgestellte Notwendigkeit, den Konflikt durch die Beseitigung der Hamas zu befrieden, als „Hasbara rubbish“ (s. III.2.4.2) und wertet dies folglich als von Israel hervorgebrachte Lüge ab. Zum anderen wirft er Israel vor, zahlreiche palästinensische Zivilisten zu ermorden sowie final einen Opferstatus in Anschlag zu bringen, um ebendiese Opfer zu rechtfertigen. Im nächsten Beitrag unterstellt der Schreiber über einen irrealen Bedingungssatz, das historische Täterkonzept hätte sich durch einen von Israel abweichenden Umgang ausgezeichnet (Junktorersatz à Kriterium 4). Der Schreiber unterstreicht die Abgrenzung, indem er die Gegenüberstellung nicht nur in Bezug auf den Umgang mit Terror, sondern auch auf das Dasein beider Täterkonzepte (zivilisiert vs. unzivilisiert) ausdehnt und folglich die eingangs erwähnte Aufwertung der Wir-Gruppe über die Inanspruchnahme zivilen Verhaltens für diese vornimmt: (57) „If the rockets had been fired from Dublin we still would not have bombed Dublin. This would have been unthinkable, we are a civilised nation, unlike the terrorist state of Israel which ignores the conventions of civilised behaviour.“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

Die beiden nächsten Beiträge demonstrieren, wie explizit Guardian-Kommentatoren Israel dazu auffordern, von Großbritannien zu lernen, und Letzterem damit eine Vorbildfunktion zuweisen. Der Vorgang des Lernens ist in einem solchen Kontext dann notwendig, wenn der als Vorbild 296

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

dienende Akteur mit einem vergleichbaren Szenario konfrontiert wurde und im Umgang eine beispielgebende Lösung herbeiführte. Insofern werden hier indirekt die Ausgangsbedingungen beider Konflikte verglichen (Kriterium 4): (58) „Israel could learn a lot from Northern Ireland.“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.11.2012) (59) „In the current context the actions of the government of Israel are reckless and make any sign of peace in the region remote. Terrorism is not the cause of the problem but, as always, a symptom of a deeper political problem. They need to learn some of the lessons of Northern Ireland, which while not perfect provided a much improved situation. Only a resolution which courageously addresses the real (and historical) asymmetry of power will work.“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

In (59) ist auffällig, dass das gegenwärtige Täterkonzept lediglich zu Anfang expliziert wird. Sobald es um die Aufforderung geht, von Großbritannien zu lernen, adressiert der Schreiber ein anonymes „[t]hey“. Allerdings wird durch Verwendung des Modalverbs need der Nachdruck verstärkt, mit dem der Schreiber Israel auffordert, sich an Großbritannien zu orientieren (im Gegensatz noch zu (58), wo das Lernen über „could“ mit dem Konjunktiv eingefordert wird). Neben dieser paternalistischen Aufforderung wird Israel die ALLEINSCHULD AM KONFLIKT zugewiesen und der Terror der Hamas als Folge israelischen Unrechts perspektiviert. Eine Unterspezifikation hinsichtlich des historischen Täterkonzepts bzw. der Wir-Gruppe des Schreibers wird auch im folgenden Beitrag erkennbar. Der Konzessionsbereitschaft der britischen Wir-Gruppe („we“), die zu einer Lösung des Nordirlandkonflikts geführt habe, stellt der Schreiber einen Mangel an Einsicht gegenüber, den er allerdings beiden Parteien im Nahostkonflikt zuweist. Aufgrund des eingangs verbalisierten (den Schreiber rechtfertigenden) Verweises auf „arabische und israelische Freunde“ (s. III.3.2) kann der Leser inferieren, dass beide Seiten adressiert werden. Über einen Wunschsatz werden erneut die Ausgangsbedingungen beider Konflikte indirekt miteinander gleichgesetzt (Kriterium 4): (60) „That said as one with both Arab and Israeli friends, I wish to hell they would all just stop shooting and start talking. That was the only way we resolved the Northern Ireland/IRA issue, and yes, both sides had to swallow a lot of past injustices and unpalatable concessions, but surely the peace dividend is worth a little nationalistic pride?“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.11.2012)

All diese Kommentare etablieren mit unterschiedlichen sprachlichen Mitteln vorerst Äquivalenzsetzungen von Nordirland- und Nahostkonflikt. Die Äquivalenzsetzungen, die sich auf vergleichbare Ausgangsbedingun297

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

gen beziehen (Tertia Comparationis = Konflikt, Terrorgefahr und -anschläge), dienen allerdings der Gegenüberstellung und damit der Betonung einer Verschiedenheit beider Täterkonzepte. Die Behauptung einer Verschiedenheit wird gestärkt durch die explizit oder implizit hervorgebrachte Betonung, dass die Wir-Gruppe (im vermeintlichen Gegensatz zu Israel) über Eigenschaften wie Dialogbereitschaft und Zivilisiertheit verfüge. Gerade im letztgenannten Beitrag wird expliziert, wie durch entsprechende Perspektivierungen Gefühle wie „Nationalstolz“ hinsichtlich der Geschichte Großbritanniens rechtfertigen würden. Zudem ist bemerkenswert, dass – sobald die britische Geschichte positiv bewertet wird – Schreiber häufiger dazu tendieren, von einem identifikationsstiftenden „Wir“ zu sprechen (in vier der soeben vorgestellten Beiträge verweisen Schreiber mittels Personalpronomen auf die britische Wir-Gruppe). Der nächste Kommentar ist ein Beispiel dafür, wie das nationale Selbstbild Großbritanniens durch besagte Gegenüberstellung aufgewertet wird, ohne dass der Schreiber einen Bezug zum Nordirlandkonflikt herstellt. Beim thematisierten historischen Szenario handelt sich um die Ära des Völkerbundsmandats für Palästina. Wie erwähnt, werden entsprechende Szenarien britischer Herrschaft unter Guardian-Lesern i. d. R. negativ evaluiert. Im hier vorgestellten Dialog nimmt User B indes eine Relativierung der politischen Praxen Großbritanniens in British Palestine vor. Der Frage von seinem Gegenüber, ob er Hamas-Aktivisten darin ermutigen würde, für den Frieden einzutreten, weicht User B aus, indem er auf den Anschlag der Organisation Irgun auf das King-David-Hotel im Juli 1946 referiert und behauptet, das historische Täterkonzept habe keinen Anlass für besagten Terror geboten: (61) User A: „But will you encourage the Hamas leadership to make their journey to peacemakers albeit from a far more extreme terror starting point for them.“ User B: „‚## a far more extreme terror starting point for them ##‘ The terrorists who murdered the British in the King David Hotel were pretty extreme . What the hell did the Brits do compared to the IDF who have killed a thousand Palestinians this century alone.“ (Leserkommentare, The Guardian, 18.11.2012)

Durch Bezugnahme auf den Anschlag im King-David-Hotel wird eine Äquivalenzsetzung von Israel und dem Empire nahegelegt. Diese kommt zustande, indem User B zwischen das von User A zur Beschreibung der Hamas verwendete Adjektiv extreme zur Beschreibung der Irgun aufgreift und selbiges auf das nicht spezifizierte historische Opferkonzept transferiert (Wortwiederholung als Junktorersatz à Kriterium 4). Der Leser 298

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

kann inferieren, dass aus einer Vergleichbarkeit der Opfer- ebenso vergleichbare Täterkonzepte vorliegen müssen. Im Folgesatz bricht User B mittels rhetorischer Frage diese Äquivalenzsetzung auf, indem er eine verhältnismäßige Unschuld der Briten im Vergleich zu den Taten der IDF und damit Israels nahelegt. Insofern wird in diesem Beitrag erneut das mittels Gegenüberstellung (zwischen Israel und Großbritannien) verbalisierte Bedürfnis nach positiver Evaluierung des British Empire erkennbar. Aus der Aufwertung des historischen Täter- resultiert eine Dämonisierung des historischen Opferkonzeptes (IRGUN), da gemäß dem Schreiber das historische Täterkonzept im Gegensatz zu seinem Äquivalent in der Gegenwart zur Bekämpfung durch Terror keinen Anlass bot. Über besagten Vergleich zwischen den Opferkonzepten relativiert der Schreiber zudem antisemitischen Hamas-Terror. Die Irgun richtete ihre Anschläge gezielt gegen Repräsentanten der britischen Mandatsmacht. Über den Vergleich mit dieser perspektiviert der Schreiber die Hamas als Organisation, die sich allein gegen die IDF (und nicht ausnahmslos gegen alle Juden) richte. Auch andere Szenarien britischer Kolonial- und Krisenpolitik werden von Guardian-Kommentatoren angeführt, um diese von Israel unterstellten Praxen abzugrenzen: (62) „I think youll find that Britain isnt bombing schools, hospitals and killing children in the Falklands. There is no difference in the behaviour of extremist muslims or jews. Both are murderous criminals.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

Im Beispiel wird auf den Falklandkrieg angespielt (neben Ortsangabe ebenso Nennung des historischen Täterkonzepts). Über dieses Szenario grenzt der Schreiber den britischen von jenem Umgang ab, der Israel im Kotext unterstellt wird. Es werden insofern Lexeme aus dem Nahostdiskurs in besagtes historisches Szenario übertragen und unterstrichen, dass sich der Umgang des historischen vom gegenwärtigen Täterkonzept grundsätzlich unterscheidet. Die Gegenüberstellung der beiden Täterkonzepte wird zusätzlich gestärkt, indem Letzteres durch die Reproduktion der Stereotype AMORALITÄT und KINDERMORD dämonisiert wird. Darüber hinaus wird Israel als Terrorstaat dämonisiert, indem es final mit der Hamas auf eine Stufe gestellt wird. Der folgende Beitrag bezieht sich auf die Existenz einer israelischen Fabrik in England, welche in einem Guardian-Artikel kritisiert wird (s. London Palestine Action, 2014). Das Argument eines anderen Kommentators, dass diese Fabrik neue Arbeitsplätze schaffe, weist der Schreiber zurück, indem er behauptet, die Schaffung von Arbeitsplätzen könne Unrecht nicht aufwiegen: 299

IV.

Geschichtsbezogene Analogien (63) „Oh, if it creates jobs, it must be alright then. The abolition of slavery put many people, white and black, out of jobs too I hear.“ (Leserkommentar, The Guardian, 21.08.2014)

Die Vorteile für den Arbeitsmarkt seien gemäß dem Schreiber kein tragfähiges Argument dafür, ökonomische Kooperationen zwischen Großbritannien und Israel zu rechtfertigen. Wie sehr er eine entsprechende Haltung für unzulässig hält, bringt der Schreiber durch den (seine Argumentation stärkenden) Verweis auf die Sklaverei zum Ausdruck (s. III.3.2). Die Schließung der Fabrik ebenso wie die Beseitigung der Sklaverei würden in der Arbeitslosigkeit eine Folge aufweisen, die der Schreiber explizit vergleicht („The abolition of slavery put many people, white and black, out of jobs too“ = Tertium Comparationis, Anspielung auf koloniale Praxen des historischen Täterkonzepts à Kriterium 5). Durch deren Nennung in diesem Kontext suggeriert er, die Präsenz einer israelischen Fabrik (im eigenen Land) als wirtschaftlicher Ableger Israels weise vergleichbar verwerfliche Züge wie das historische Verbrechen der Sklaverei auf, da durch die Tolerierung dieser Fabrik eine Unterstützung Israels erfolge und somit ein Beitrag geleistet werde, dessen unterstellte (indirekt mit der Sklaverei verglichenen) Verbrechen zu unterstützen. Guardian-Kommentatoren stellen in ihren Beiträgen immer wieder Bezüge zur Sklaverei her, betonen allerdings auch, dass Großbritannien – anfänglich einer der wichtigsten Akteure beim Sklavenhandel – einen großen Anteil an deren Abschaffung gehabt habe (s. u. a. Falola/Warnock 2007). Erneut habe das historische Täterkonzept dem Unrecht ein Ende gesetzt. Das mit diesem historischen Unrecht in Beziehung gesetzte wirtschaftliche Treiben Israels hingegen sei nach wie vor präsent. Neben dieser implizit realisierten Dämonisierung Israels kann der Leser inferieren, dass gemäß dem Schreiber – ebenso wie die massenhafte Versklavung von Menschen – das von ihm als vergleichbar perspektivierte Unrecht in Nahost ein Ende nehmen müsse. Zwischenfazit In diesem Abschnitt habe ich Äquivalenzsetzungen von Nahost- und vorrangig Nordirlandkonflikt vorgestellt. Diese beziehen sich zumeist auf das Tertium Comparationis, die vom jeweiligen Opferkonzept ausgehende Terroreinwirkung bzw. den Umgang des Täterkonzepts mit selbiger, und dienen einer abgrenzenden Gegenüberstellung beider Täterkonzepte. Fast allen Beiträgen ist gemeinsam, dass ein verändertes Handeln (teils im Zuge von durch die britische Wir-Gruppe ermöglichten Lernprozessen) allein 300

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

vom gegenwärtigen Täterkonzept, so gut wie nie vom gegenwärtigen Opferkonzept eingefordert wird. Aufgrund einer positiven Evaluierung der Praxen des historischen Täterkonzeptes erfolgt eine Aufwertung des nationalen Selbstbildes. 2012 referieren Schreiber vorrangig auf den Nordirlandkonflikt, dessen Hergang (im Verhältnis zu anderen Kolonialismusszenarien) eine Fokussierung auf positive Aspekte britischer Praxen offenbar zulässt. Der Vergleich wird vorrangig implizit, über Formen eines Junktorersatzes eingeleitet (Kriterium 4). 2014 nimmt indes der Bezug nicht nur zum Nordirlandkonflikt, sondern auch zu anderen Szenarien wie bspw. dem Falklandkrieg zu. Das heißt, Aufwertungen des nationalen Selbstbildes werden von Guardian-Kommentatoren im zweiten Messzeitraum vermehrt auch in anderen Kontexten britischer Kolonialpolitik vorgenommen – die negative Bewertung des britischen Kolonialismus scheint also auch in diesem Milieu (zumindest im Kontext des Nahostdiskurses) partiell in den Hintergrund zu treten. Die Abgrenzung zu Israel wird im zweiten Messzeitraum zudem durch Kodierung von Stereotypen sowie durch Gleichsetzung seiner Praxen mit jenen der Hamas gestärkt. IV.2.5

Fazit

In IV.2 habe ich Sprachgebrauchsmuster erläutert, mit denen GuardianKommentatoren in beiden Messzeiträumen Äquivalenzsetzungen von Israel und dem British Empire einerseits sowie anderen bzw. nicht spezifizierten Kolonialreichen andererseits realisieren. Selbige problematisieren in ihren Äußerungen i. d. R. den Kolonialismus des eigenen Landes. Im Zuge von Vergleichen kommt es anschließend zu Projektionen desselben sowie der damit zusammenhängenden Praxen auf Israel. Durch die dämonisierende Behauptung, Israel betreibe eine solche Form der Herrschaftsausübung im 21. Jahrhundert, werden Kolonialverbrechen in der britischen Vergangenheit relativiert und die britische Wir-Gruppe entlastet (zur Identifizierung der Kommentatoren als Briten s. IV.2). Die Effekte in Bezug auf die Perspektive der Wir-Gruppe auf historische Verbrechen ähneln somit jenen, die im Zeit-Diskurs bei Etablierung der NS-Analogie einsetzen. Ein bedeutender Unterschied zum Zeit-Diskurs ist indes, dass geschichtsrelativierende Kolonialismus-Analogien teils auch von Guardian-Journalisten selbst etabliert werden. Es handelt sich folglich um einen brisanten Sprachgebrauch, der nicht allein von der Leserschaft ausgeht. Folglich kann in dem von mir untersuchten britischen Diskurs von Topdown-Prozessen gesprochen werden: Journalisten perspektivieren Israel 301

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

als rückständige, illegitime Kolonialmacht, was einen nachhaltigen Einfluss auf die Einstellungsmuster der Leserschaft entfalten kann. In den unter entsprechenden Artikeln veröffentlichten Leserkommentaren konnte teils eine Wiederkehr der von Journalisten verwendeten Wortwahl festgestellt werden. Wie auch bei der Etablierung der NS-Analogie im ZeitKommentarbereich lässt sich bei jedem der in den Abschnitten IV.2.1 bis IV.2.4 vorgestellten Phänomene vom ersten zum zweiten Messzeitraum eine Zunahme hinsichtlich der Verwendungshäufigkeit erkennen (s. Anhang). Es konnte in beiden Messzeiträumen kein expliziter Vergleich zwischen den verbalisierten Täterkonzepten GROSSBRITANNIEN und ISRAEL mittels Verwendung eines Junktors erfasst werden. Guardian-Kommentatoren realisieren stattdessen implizite Vergleiche (s. IV.2.1).180 Sprachlich zeichnen sich diese impliziten Vergleiche durch Auslassungen (Fokussierung der Opferkonzepte) sowie Diversität hinsichtlich den Junktor ersetzender Formulierungen aus – allerdings ließen sich keine Argumentreihen feststellen (im Gegensatz zu NS-Vergleichen, s. IV.1.3.1). Im zweiten Messzeitraum wird zudem das historische Täterkonzept seltener expliziert – Schreiber beziehen sich hier vermehrt auf eine nicht näher spezifizierte Wir-Gruppe (s. Anhang). Im Zuge der Etablierung der Empire-Analogie verweisen Schreiber u. a. auf den britischen Umgang mit den Kolonien, auf Widerstandsbewegungen in British India und British Kenya, auf die Phase der Dekolonisation in Indien, Pakistan sowie in ehemals afrikanischen Kolonien, auf den Falklandkrieg sowie auf den Nordirlandkonflikt. Sie rechtfertigen zudem israelbezogene Ablehnung, Terror und Antisemitismus unter Palästinensern, indem sie auf eine generell ablehnende Haltung kolonisierter Bevölkerungsteile gegenüber der Kolonialmacht verweisen. In diesem Kontext wird der Hamas der Status einer antikolonialen Befreiungsbewegung zugewiesen. Diese Bezugnahmen liegen in beiden Messzeiträumen vor. 2014 zeigt sich indes eine Fokussierung auf den britischen Umgang mit British India, d. h. auf jene den Täterkonzepten zugewiesene Praxen. Damit tritt im Verhältnis zu 2012 die Rolle des Opferkonzeptes in den Hintergrund. Schreiber thematisieren insbesondere den ____________________ 180

302

Wie auch in IV.1.4 erwähnt, kann die Brisanz der Analogie als Grund für die Präsenz impliziter Vergleiche gelten. Weitere Faktoren mögen die Bevorzugung von nicht-plakativem Sprechen, Sprachökonomie sowie Fokussierung bestimmter Aspekte sein, aus denen wiederum die jeweiligen Äquivalenzsetzungen ableitbar sind.

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

Kolonialrassismus, der den Praxen des historischen Täterkonzeptes zugrunde lag. Im Zuge der Äquivalenzsetzung dient dies zum einen der Perspektivierung Israels als Erbe britischer Haltungen und Praxen – eine rassistische Wahrnehmung der „indigenen Bevölkerung“ sei gemäß den Schreibern der israelischen Gesellschaft zu eigen. Zum anderen sei die Fortexistenz eines kolonialen Rassismus in Israel der Grund für die von Schreibern behauptete Unterstützung Israels durch Großbritannien in der Gegenwart. Neben Auslassungen und Junktorersatz ist der Rückgriff auf onomastische Anspielungen zu nennen. Neben dem Verweis auf Orte britischer Herrschaft referieren Schreiber bspw. auf Personennamen (bes. Gandhi) und verweisen dabei eindeutig auf das britische Kolonialreich, ohne dass historische Täter- und/oder Opferkonzepte expliziert werden. Hier ist bemerkenswert, dass Schreiber den Namen Gandhi (Aktivierung des Szenarios des indischen Widerstandskampfes gegen die britische Kolonialmacht und der Dekolonisation) auch dann anführen, wenn sie keine Problematisierung der von Israel unterstellten Praxen vornehmen. Stattdessen empfehlen Schreiber mittels Anführung dieses Namens häufig Palästinensern eine Abkehr von Gewalt und Terror. Entsprechende Äußerungen spiegeln den Grad der Habitualisierung von (implizit vermittelten) Äquivalenzsetzungen von Israel und dem British Empire wider – auch im Falle eines Engagements gegen den Terror der Hamas halten Schreiber an der Perspektivierung Israels als Kolonialmacht fest. Darüber hinaus liegt im Guardian-Kommentarbereich eine hohe Zahl an Kolonialismus-Vergleichen vor, bei denen Schreiber Israel mit einem nicht näher spezifizierten Kolonialstaat bzw. -reich in ein Äquivalenzverhältnis setzen (s. IV.2.2). Durch die Stellung des British Empire innerhalb des europäischen Kolonialismus ist es wahrscheinlich, dass auf Produzentenseite Vergleiche dieser Art das britische Kolonialreich mit einschließen (s. hierzu auch II.2.2). Bezüglich der Rezipientenseite ist zu betonen, dass bedingt durch die Präsenz der Ära des British Empire im kollektiven Gedächtnis entsprechende Vergleiche Szenarien des britischen Kolonialismus aktivieren können (neben IV.2.2 s. besonders Fußnote 150). Vergleiche mit dieser Komparationsbasis können ebenso expliziter Natur sein – bspw. attribuieren Schreiber Israel mit colonialist oder colonial power. Implizite Vergleiche zeichnen sich durch Auslassungen hinsichtlich der (Täter- und/oder Opfer-)Konzepte sowie durch Verwendung von Anspielungen aus. Letztere beziehen sich insbesondere auf Phänomene des Expansionismus und des Kolonialrassismus (zur Assoziation mit den damaligen britischen Praxen s. Fußnote 171). Solcherlei Zuschreibungen werden nicht nur in Bezug auf die israelische Regierung, sondern auch hin303

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

sichtlich der gesamten israelischen Gesellschaft in Anschlag gebracht. Im Zuge der durch Kolonialismus-Vergleiche eingeleiteten dichotomen Wahrnehmung des Konflikts werden Israelis als fremde Europäer, als weiße Eindringlinge perspektiviert, die koloniale Verbrechen an der indigenen Bevölkerung verüben würden. Neben einer Delegitimierung Israels sind Unterstellungen, dass Israel die letzte koloniale Entität Europas darstellt, anschlussfähig für das Stereotyp der RÜCKSTÄNDIGKEIT, aber auch von GIER, VERLOGENHEIT und ALLEINSCHULD AM KONFLIKT. Gerade der zweite Messzeitraum weist eine hohe Dichte an entsprechenden Stereotypkodierungen, aber auch auf den Kolonialismus verweisenden Unterstellungen auf (s. Anhang). Im Zusammenspiel von KolonialismusVergleichen und Stereotypkodierungen werden Prozesse der Dämonisierung, Delegitimierung und des Ausschlusses aus der Staatengemeinschaft maßgeblich gestärkt. Im Einklang mit besagter dichotomer Darstellungsweise nehmen Schreiber Palästinenser als passive Opfer kolonialer Herrschaft wahr. Entsprechende Einwirkungen werden insbesondere durch Lexeme wie oppression, expansionism, racism referenzialisiert. Sobald dem gegenwärtigen Opferkonzept in den Kommentaren (beider Messzeiträume) eine aktive Rolle zugesprochen wird, wird sein Handeln, worunter besonders terroristische Verbrechen der Hamas fallen, als nachvollziehbar bzw. als dem historischen Verlauf der Dekolonisation entsprechend perspektiviert. Folglich wird der von der Hamas ausgehende Terror als antikolonialer Befreiungskampf aufgewertet und dem Opferkonzept prophezeit, trotz behaupteter Unterdrückung durch eine illegitime, anachronistische Kolonialmacht zu ihrem Recht zu kommen. Eine weitere Spielart von Kolonialismus-Vergleichen sind Referenzen auf andere Kolonialismusszenarien, in denen sich Großbritannien nur partiell einbrachte (s. IV.2.3). Ein von Guardian-Kommentatoren frequent angeführtes, sprachlich expliziertes, gleichfalls nicht allein den britischen Machtbereich betreffendes Szenario ist die Besiedlung Nordamerikas. 2012 fokussieren Schreiber in diesem Kontext Äquivalenzsetzungen in Bezug auf den Umgang der Täter- mit den Opferkonzepten. 2014 liegen indes vermehrt Artvergleiche zwischen den Opferkonzepten (NATIVE AMERICANS und PALÄSTINENSER) vor. Auf das historische Täterkonzept wird hingegen lediglich angespielt. Entsprechende Äußerungen bringen nicht nur eine israelfeindliche Perspektivierung zum Ausdruck, sondern können Haltungen im Spektrum des Antiamerikanismus einleiten: Angedeutet durch die frequente Nennung bewerten Schreiber Prozesse bei der Staatsgründung der USA und Israels als besonders gravierendes Unrecht innerhalb der Ära kolonialer Herrschaftsausübung, wodurch wiederum in304

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

feriert werden kann, beide Staaten würden einen besonders verwerflichen Charakter aufweisen, der ihnen seit ihrer Gründung zu eigen sei. Im Guardian-Kommentarbereich liegt vorrangig eine negative Bewertung des (britischen) Kolonialismus vor. Diese wird über die Problematisierung von Praxen und/oder Haltungen im British Empire realisiert und anschließend auf Israel projiziert. Die Perspektive von Guardian-Lesern auf die britische Kolonial- und Großmachtpolitik scheint indes nicht ausschließlich ablehnend zu sein: In IV.2.4 habe ich jene Äquivalenzsetzungen von Nahostkonflikt und Kolonialismusszenarien vorgestellt, aus denen eine abgrenzende Gegenüberstellung beider Täterkonzepte (und eben keine Gleichsetzung derselben) erfolgt. Aus dieser Gegenüberstellung resultiert eine positive Evaluierung der Praxen des historischen Täterkonzeptes sowie eine Aufwertung des nationalen Selbstbildes. Um diese Perspektivierung vorzutragen, referieren Guardian-Kommentatoren im Nahostdiskurs vorrangig auf den Nordirlandkonflikt. Die Anführung desselben mag mit seinem Hergang zusammenhängen, der es scheinbar gestattet, im Gegensatz zu anderen Kolonialismusszenarien positive Aspekte britischer Praxen zu unterstreichen. Vom Tertium Comparationis (i. d. R. Terroreinwirkung) ausgehend, behaupten Schreiber einen differierenden Umgang mit selbiger vonseiten Großbritanniens und Israels. Im Zuge dieser Gegenüberstellung beanspruchen Schreiber für Großbritannien eine deeskalierende und daher beispielhafte Konfliktbewältigung in der Vergangenheit und grenzen es von Israel ab. Dies kann noch verstärkt werden durch die Perspektivierung Israels mittels Stereotypkodierungen sowie der Gleichsetzung der israelischen Regierung mit der Hamas. 2014 wird der Bezug nicht nur auf den Nordirlandkonflikt, sondern auch auf andere Szenarien (wie bspw. den Falklandkrieg) hergestellt. Dies ist insofern von Relevanz, als Aufwertungen des nationalen Selbstbildes von GuardianKommentatoren im zweiten Messzeitraum insofern ebenso in anderen Kontexten britischer Großmachtpolitik vorgenommen werden.181 An dieser Stelle soll eine zentrale Gemeinsamkeit der Zeit- und Guardian-Leserkommentare nochmals unterstrichen werden: die Behauptung einer kollektiven Lernerfahrung. Die Korpusbeispiele in IV.1 veranschau____________________ 181

Über zukünftige Korpusanalysen kann herausgearbeitet werden, ob in aktuellen linksliberalen bis linken Diskursen Großbritanniens Verweise auf andere Szenarien kolonialer Herrschaft (zugunsten einer Abgrenzung der nationalen WirGruppe von Israel) zunehmen. Im Zuge dessen kann die negative Bewertung des britischen Kolonialismus in entsprechenden Milieus über besagte Ausdehnung stärker in den Hintergrund treten.

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Geschichtsbezogene Analogien

lichen, dass viele Zeit-Leser für sich in Anspruch nehmen, aus der NSVergangenheit gelernt zu haben, dementsprechend sensibilisiert und folglich berechtigt zu sein, andere Länder und Gruppen (besonders jene der ehemaligen Opfer der NS-Verbrechen) zu ermahnen. Diese paternalistische Überhöhung sticht gerade bei Vergleichen im Guardian-Kommentarbereich ins Auge, in denen der Nahost- mit dem Nordirlandkonflikt verglichen wird. Grundsätzlich liegt diese Selbstwahrnehmung allerdings allen besprochenen Kolonialismus-Vergleichen zugrunde, da Schreiber als Angehörige der britischen Wir-Gruppe vergangenes Unrecht aus einer gegenwärtigen Perspektive problematisieren und im Zuge der (projektiv wirkenden) Vergleiche ihre eigene Sensibilität geltend machen. Wie einleitend in IV.2 erwähnt, liegt im Guardian-Kommentarbereich kein Sprachgebrauch bzw. keine Wortwahl vor, durch die Israel eine affirmative Haltung gegenüber Kolonialismus, Expansionismus und/oder Rassismus unterstellt wird (wie es in den Zeit-Kommentaren im Hinblick auf die NS-Verbrechen durch Rückgriff auf NS-Vokabular erkennbar wird). Dass ein entsprechender, bspw. auf Kolonialpropaganda des British Empire verweisender Rekurs nicht gegeben ist, mag damit zusammenhängen, dass in Großbritannien die Beschäftigung mit dem der kolonialen Herrschaft inhärenten Unrecht nicht flächendeckend (medial sowie pädagogisch) aufgearbeitet wurde. Die Beschäftigung mit der rassistischen Propaganda des Empire war und ist im öffentlichen Kommunikationsraum nicht prominent vertreten (s. hierzu auch MacDonald 1994, August 1985, Rice 2016). Durch den geringen Grad an Bekanntheit würde der kommunikative Sinn entsprechender impliziter Vergleiche nicht entschlüsselt werden. Auch konnte ich keine offenen Anspielungen auf die Ära des Kolonialismus ausmachen (zu entsprechenden Anspielungen im Kontext der NS-Analogie s. IV.1.3.4). Diese scheinen lediglich in Verbindung mit (auf das Empire oder den Kolonialismus Bezug nehmenden) onomastischen Anspielungen aufzutreten, was damit zusammenhängen kann, dass bei offenen Anspielungen die Vielfalt der möglichen Bezüge größer ist. Die Ambiguität hinsichtlich der referierten Szenarien kann ggf. den Intentionen des Schreibers zuwiderlaufen, ein klares Bekenntnis gegen den ausgewiesenen britischen Kolonialismus hervorzubringen. Ein weiterer Unterschied zur sprachlichen Verfasstheit geschichtsbezogener Vergleiche im Zeit-Kommentarbereich ist, dass sich die Empire- und KolonialismusAnalogien etablierenden Guardian-Kommentare durch ihre Direktheit in Form und Inhalt auszeichnen. Auch wenn Schreiber bei Vermittlung der Empire-Analogie keinen expliziten Vergleich realisieren, so werden an Israel adressierte Vorwürfe selten über implizite Muster abgeschwächt oder 306

IV.2 Empire- und Kolonialismus-Analogien im Guardian

über Argumentationsmuster gerechtfertigt. In den onomastische Anspielungen aufweisenden Kommentaren wird die Auslassung des historischen Täterkonzepts gerade im zweiten Messzeitraum durch eine Fülle an Lexemen aufgewogen, die allesamt auf Kolonialismus verweisen und das gegenwärtige Täterkonzept umfassend negativ evaluieren. Wie eingangs erwähnt, mögen diese Beobachtungen u. U. damit zusammenhängen, dass ein Bewusstsein über die Brisanz entsprechender Äquivalenzsetzungen im untersuchten milieuspezifischen Diskurs kaum oder gar nicht vorliegt. Zwar ist Wissen über das von Großbritannien begangene Unrecht in Asien, Afrika und anderen Teilen der Welt feststellbar (selbiges mag als Ursache für das in den Kapiteln I und IV.2 besprochene Bedürfnis nach Problematisierung kolonialer Verbrechen dienen) – diese Problematisierung vergangener Verbrechen des eigenen Landes schließt jedoch offensichtlich seine Vergleichbarkeit nicht aus. Kommentatoren beziehen sich auf koloniales Unrecht der Vergangenheit und projizieren es umstandslos auf den jüdischen Staat. Als zusätzlicher Auslöser sind die von Guardian-Journalisten vorgenommenen Perspektivierungen Israels als Kolonialstaat zu nennen. Wie auch die Zeit folgt der Guardian dem Modell der „post-moderation“ (s. I.1). Nach nochmaliger Prüfung des Kommentarbereiches stellte sich heraus, dass die meisten der hier vorgestellten, Analogien etablierenden Leserkommentare während meiner gesamten Auswertungsphase online blieben, was die soeben erwähnte Beobachtung stärkt, dass ein Bewusstsein über die Brisanz besagter Äußerungen auch beim Medium selbst nicht vorliegt. Ein Verständnis in Bezug auf Hassrede und Antisemitismus, das vom deutschen Mainstream-Diskurs divergiert, aber auch andere Vorstellungen über einen als akzeptabel ausgewiesenen Umgang mit der kolonialen Vergangenheit mögen hierfür ausschlaggebend sein (s. hierzu I und besonders I.1). Angesichts der Tatsache, dass die Guardian-Kommentare zwar weniger implizit und elaboriert daherkommen, jedoch implizite Vergleiche in ihren sprachlichen Abschwächungen ähnlich gestaltet sind wie in Zeit-Kommentaren (die während meiner Auswertungsphase bis auf wenige Ausnahmen ebenso nicht gelöscht wurden), ist diese Erkenntnis überraschend: Vor der Untersuchung ging ich davon aus, dass hinsichtlich NSBezügen im deutschen, gerade im linksliberalen Diskurs eine höhere Sensibilität vorliege als bei seinem britischen Äquivalent hinsichtlich Kolonialismusbezügen. Dass die Resonanz auf implizit vermittelte geschichtsrelativierende Äquivalenzsetzungen vonseiten der Zeit-Moderation letztlich vergleichbar ist, stellt ein unerwartetes Ergebnis dieser kontrastiven Untersuchung dar. 307

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Geschichtsbezogene Analogien

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian Neben der sprachlichen Etablierung von Analogien zum Britischen Empire, zu anderen kolonialistischen Schauplätzen sowie zu Kolonialismus im Allgemeinen stellen Äquivalenzsetzungen von Israel und dem Südafrika zu Zeiten der Apartheid ein in beiden Guardian-Subkorpora frequentes Phänomen dar. Apartheid182 bezieht sich auf ein staatlich verordnetes und getragenes System der Rassentrennung, welches von 1948 bis 1994 in Südafrika Bestand hatte und über eine Reihe von Gesetzen die Vorherrschaft der weißen Bevölkerungsminderheit über die indigene -mehrheit festigte (s. II.2.1). Die sich über Äquivalenzsetzungen mit der Apartheid abzeichnende Form der Dämonisierung Israels ist international feststellbar (s. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013, Fine 2014, Pogrund 2014 und 2015, zur Apartheid-Analogie spezifisch im britischen Diskurs s. u. a. Wistrich 2011, Embacher 2015 und Klaff 2018). Ich habe mich aus folgenden Gründen für die Beschäftigung mit entsprechenden Äquivalenzsetzungen entschieden: Zum einen realisieren Guardian-Kommentatoren diese auffallend häufig183, zum anderen weisen Äußerungen dieser Art ein hohes Persuasions- und Emotionspotenzial auf (s. III.1.6), da Schreiber auf eine Phase des institutionalisierten Rassismus Bezug nehmen, die nicht weit zurückliegt und deren Spezifika und Konsequenzen insbesondere für die indigene Bevölkerung weithin bekannt sind. Über die Aktivierung und Problematisierung dieses Szenarios verweisen Schreiber zudem (explizit oder implizit) auf ihre eigenen antirassistischen Einstellungsmuster (zu Selbstlegitimierung s. III.3.1). Es liegt jedoch ein weiterer Grund vor, der die Einordnung von Apartheidvergleichen nicht allein innerhalb antiisraelischer Sprachgebrauchsmuster, sondern auch und gerade im Kontext dieser Arbeit rechtfertigt: Die Apartheid war ein Produkt des europäischen Kolonialismus und des ihn rechtfertigenden Rassismus. Besonders Großbritannien übte – auch wenn zu Anfang des 20. Jahrhunderts die britische Regierung den Buren feindlich gegenüberstand – maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung und Aufrechterhaltung der Apartheid aus (s. II.2.1 und IV). Sie erwuchs partiell aus den Verhältnissen einer britischen Kronkolonie, ist also als postkoloniale Konsequenz des Empire einzustufen (s. ____________________ 182 183

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Apartheid meint Getrenntheit und wird aus dem niederländischen Adjektiv apart für getrennt, einzeln, besonders, anders gebildet (s. Kluge 2002: 52). Im ersten Messzeitraum liegen 123, im zweiten Messzeitraum 165 GuardianKommentare vor, in denen die Apartheid-Analogie etabliert wird (s. Anhang).

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

Dowden 1994, Temko 2006, Thompson 42014). Dieses Kapitel britischer Großmachtpolitik und Mitverantwortung wurde und wird gerade im linken Milieu Großbritanniens in den letzten Jahren breit diskutiert, stellt also einen Teil jener Debatten dar, welche die Geschichte des eigenen Landes problematisieren (s. ebd., Borger 2013, Smith 2013). Insofern sind bei der im gegenwärtigen britischen Diskurs frequent etablierten ApartheidAnalogie jene Funktionen auszumachen, die auch bei der Vermittlung der in IV.2 vorgestellten Empire- und Kolonialismus-Analogien vorliegen: Über den Vorwurf der Apartheid dämonisieren Schreiber Israel, relativieren Verbrechen in Südafrika, schwächen darüber letztlich auch die Folgen besagter Involviertheit Großbritanniens ab und entlasten schließlich die britische Wir-Gruppe. Die Funktion der Entlastung wird allein dann erfüllt, wenn es sich um britische Schreiber handelt184 und entsprechendes Wissen über die Rolle Großbritanniens in Bezug auf die Apartheid vorliegt – dies gilt allerdings auch für onomastische Anspielungen auf britische Kolonien in Asien. Mittelbar sind Apartheidvergleiche hinsichtlich der Erfüllung besagter Funktionen deshalb, weil im Rahmen der Vergleiche auf die südafrikanische Regierung bzw. den Staat als historisches Täterkonzept (und nicht etwa auf die britische Rolle) referiert wird. Die Rolle Großbritanniens ist jedoch – wie oben ausgeführt – stets präsent. Ebenso wie Kolonialismus-Analogien (s. IV.2) wird auch die Apartheid-Analogie in redaktionellen Beiträgen des Guardian etabliert – wie in der folgenden Äußerung, die einem Artikel vom Gastautor und palästinensischen Politiker Mustafa Barghouti entnommen wurde: „It is one that has transformed life for Palestinians into an oppressive system of apartheid.“ (Barghouti 2014)

Im Untertitel eines Guardian-Beitrags des palästinensisch-kanadischen Dichters Rafeef Ziadah wird ebenso die Apartheid-Analogie implizit vermittelt185 und „Methoden“ wie zur Bekämpfung der südafrikanischen Apartheid gefordert (s. Lösungsvorschläge in IV.3.2.3): „If governments refuse to act on Gaza, we must emulate the methods that isolated South Africa during apartheid“ (Ziadah 2014)

Auch wenn diese Perspektivierung in beiden Messzeiträumen nicht von Guardian-Journalisten ausgeht, so steht die Veröffentlichung, bedingt ____________________ 184 185

Zur Identifizierung des Großteils der Guardian-Kommentatoren, deren Beiträge hier interessieren, als Briten s. IV.2 und Anhang. Auf die Apartheid-Vergleiche auszeichnenden Kriterien werde ich weiter unten zu sprechen kommen.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

durch die Rahmung, bereits für eine gewisse Legitimation.186 Dies wiederum birgt die Gefahr in sich, dass in der breiten Leserschaft entsprechende Sprachgebrauchsmuster auf Akzeptanz stoßen. Die zuvor erwähnte Nähe zwischen Apartheid- und KolonialismusAnalogien hinsichtlich der ihnen zugrundeliegenden Konzepte wird auch daran erkennbar, wie häufig in Guardian-Kommentaren Kolonialismus und Apartheid miteinander verbunden werden. Dies wird in der folgenden, beispielhaft angeführten Auswahl aus dem 2014er Subkorpus deutlich, in der über Aufzählungen Orte kolonialer Herrschaft, koloniale Einstellungen und Praxen mit der Apartheid gekoppelt und auf Israel projiziert werden: (1) „Israel, like so many other states, like the Belgian Congo, like the Raj, like Apartheid South Africa, has to go and be replaced“ (Leserkommentar, The Guardian, 28.08.2014) (2) „Zionism just like other ideologies that advocate for settler colonialism ethnic cleansing and apartheid should be criticised in no uncertain terms.“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014) (3) „If you’re old enough you can remember when little Israel was the international darling. That was in the 1960s, prior to the settlements policy and the decades of cruelty and oppression that made it into an apartheid colonial settler state. (And we now know that the Zionist massacres and ethnic cleansing began early, in 1948.)“ (Leserkommentar, The Guardian, 21.08.2014)

Mit Äußerungen wie diesen werden das Unrecht des europäischen Kolonialismus und die aus ihm erwachsenen Konsequenzen mit unterstelltem Unrecht in Nahost in ein Äquivalenzverhältnis gestellt.187 In (1) behauptet der Schreiber über explizite Vergleiche, der Staat Israel entspreche europäischen Kolonien in Afrika und Asien sowie dem südafrikanischen Apartheidstaat in der Hinsicht, dass er abgeschafft gehöre (Abschaffung = Tertium Comparationis, zu sog. Lösungsvorschlägen für den Nahostkonflikt s. IV.3.2.3). In (2) vergleicht der Schreiber Zionismus explizit mit ____________________ 186

187

310

Eine Bestätigung durch das Medium kann, muss aber nicht erfolgen. Sog. OpEds dienen oft der Gegenüberstellung. Dennoch werden diese Beiträge, auch wenn sie (wie im Falle von Apartheid-Vergleichen) verzerrend wirken, durch einen Abdruck in einem Mainstream-Medium legitimiert. Insofern ist auch hier die Frage nach der Trennlinie zwischen Meinungsfreiheit und Hassrede zu stellen (s. IV.2). Eine schematische Übersicht zu den Kategorien, auf die ich bei der Analyse von expliziten und impliziten Vergleichen zurückgreife, befindet sich zu Anfang des Kapitels IV auf S. 176.

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

Ideologien, die Kolonialismus und den Rassismus der Apartheid rechtfertigen (zur Unterstellung, Zionismus entspreche Kolonialrassismus, s. auch IV.2.2). In (3) wird behauptet, Israel habe sich zu einem Apartheid- und Kolonialstaat entwickelt. Das Lexem Apartheid wird hier zu einer attribuierten Zuschreibung, welche aus dem historischen Kontext herausgelöst wird (s. hierzu IV.3.1). Erneut wird Zionismus als Ideologie zur Begründung von Unrecht (hier von „Massakern und ethnischen Säuberungen“) perspektiviert. Die vorgestellten Korpusbeispiele exemplifizieren, wie umfassend entsprechende Zuschreibungen im Guardian-Diskurs verknüpft vorliegen. Diesem frequenten Phänomen werde ich mich wie folgt annähern: In IV.3.1 werde ich jene sprachlichen Mittel zur Etablierung der ApartheidAnalogie vorstellen, bei denen über explizite Vergleiche die Täterkonzepte SÜDAFRIKA und ISRAEL hinsichtlich ihres Daseins und/oder Handelns in ein Verhältnis gesetzt werden oder über Komparativvergleiche behauptet wird, das gegenwärtige würde das historische Täterkonzept hinsichtlich der unterstellten Verbrechen noch übertreffen (zu Komparativvergleichen s. III.2.4.1).188 In IV.3.2 stehen implizite Vergleiche zwischen Täter- und Opferkonzepten im Vordergrund. An dieser Stelle sei erwähnt, dass es sich bei den Opferkonzepten je nach Kommentar um PALÄSTINENSER und INDIGENE BEVÖLKERUNG SÜDAFRIKAS oder um die HAMAS und den AFRICAN NATIONAL CONGRESS (ANC) handeln kann.189 Im Falle letzterer Ausrichtung wird das in Guardian-Kommentaren feststellbare Whitewashing190 israelfeindlichen Terrors nochmals erkennbar – eine Perspektivierung, die dann gegeben ist, wenn besagter Terror als Widerstand gegen Rassentrennung und Unterdrückung perspektiviert wird, wie er vom ANC ____________________ 188

189 190

Komparativvergleiche dieser Art funktionieren auf ähnliche Weise wie die in IV.2.4 vorgestellten Vergleiche des Nahost- mit dem Nordirlandkonflikt, auch wenn die Täterkonzepte nicht übereinstimmen. Über einen Komparativvergleich werden Verbrechen des südafrikanischen Apartheidregimes von vornherein relativiert, was zur Folge hat, dass es zu einer impliziten Gegenüberstellung beider Täterkonzepte kommt. Aufgrund der o. g. Gründe (Mitverantwortung an der Apartheid) hat dies wiederum Auswirkungen auf die Wahrnehmung Großbritanniens. Der ANC war die ausschlaggebende Konfliktpartei, die sich der südafrikanischen Apartheid entgegenstellte (s. Dubow 2000, Booysen 2011). Das Lexem Whitewashing (engl. für schönfärben, reinwaschen, auch Ehrenrettung, Rehabilitation) ist umgangssprachlich, in den Medien sowie in der Politik als Metapher gebräuchlich, um Strategien der Beschönigung oder gar Vertuschung von Verbrechen oder Skandalen zu benennen.

311

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

ausging (zur Darstellung der Hamas als antikoloniale Widerstandsbewegung s. IV.2). Implizite Vergleiche können sich zum einen über die Verwendung eines Junktorersatzes konstituieren (s. IV.3.2.1). Auch greifen Schreiber auf onomastische Anspielungen zurück, die sich aus mit der Ära der Apartheid in Verbindung stehenden Namen, Orten und Praxen zusammensetzen, um implizite Vergleiche zu realisieren (s. IV.3.2.2). In IV.3.2.3 werde ich jene impliziten Vergleiche behandeln, die sich auf den bisherigen oder erwünschten Umgang (auch in Form von Lösungsvorschlägen für den Konflikt) mit Israel beziehen. Die Art und Weise des vorgeschlagenen Umgangs wird mit dem Wissen hinsichtlich des Umgangs mit bzw. der Entwicklung von Südafrika in den 1990er Jahren in Beziehung gesetzt und damit beide Täterkonzepte implizit verglichen. In Bezug auf die zur Etablierung der Apartheid-Analogie verwendeten Sprachgebrauchsmuster in den Guardian-Korpora beider Jahre ergeben sich folgende Kriterien (bezüglich Kriterien von NS-Vergleichen im ZeitKommentarbereich s. IV.1.3.1, von Empire- und Kolonialismus-Vergleichen im Guardian-Kommentarbereich s. IV.2): •

Erstens durch explizite Vergleiche (Äquative) zwischen den Täterkonzepten (und/oder dem Tertium Comparationis) oder durch Attribuierungen des gegenwärtigen Täterkonzepts (und/oder seiner Praxen) mittels Apartheid. Beispiele hierfür sind folgende Äußerungen (s. IV.3.1): o Israel is like South African apartheid. o The apartheid state Israel oppresses the indigenous Palestinians.



Zweitens durch Komparativvergleiche der Täterkonzepte hinsichtlich ihres Daseins und/oder Handelns (s. IV.3.1): o Israel is worse than South African apartheid.



Drittens durch den Junktor abschwächende und/oder ersetzende Formulierungen zwischen den jeweiligen Täter- und/oder Opferkonzepten und/oder dem Tertium Comparationis, wobei auf der Seite der Komparationsbasis und des Komparandums jeweils stets ein Täter- bzw. Opferkonzept vorliegen muss (s. IV.3.2.1): o Israel is reminiscent of apartheid South Africa. Hier gilt zu beachten, dass – wie auch bei NS-, Empire- und Kolonialismus-Vergleichen (s. IV.1.3.1 und IV.2.1) – der Junktorersatz auch in Form von indirekten Sprechakten (wie rhetorischen Fragen) sowie von Wortwiederholungen vorliegen kann.

312

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian



Viertens durch eine Äquivalenzsetzung von Täter- und Opferkonzepten in Bezug auf ihr Dasein oder Handeln (= Tertium Comparationis) mittels mindestens einer onomastischen Anspielung (s. IV.3.2.2): o Gaza is Israel’s Bantustan.



Fünftens durch eine Äquivalenzsetzung des (gewünschten) Umgangs mit dem historischen Täterkonzept und den (von Schreibern eingeforderten) Umgang mit Israel, durch deren behauptete Vergleichbarkeit ebenso eine Vergleichbarkeit der Verbrechen (Tertium Comparationis) und folglich der Täterkonzepte an sich nahegelegt wird (s. IV.3.2.3): o The West gives Israel a free pass, just like South Africa in the past. o The West should boycott Israel, just like boycotted South Africa in the past.

Auffällig bei dieser Übersicht ist, dass Vergleiche, die sich entweder allein auf die Opferkonzepte oder auf partiell genannte Täter- und/oder Opferkonzepte beziehen, nicht vorkommen (s. Kriterien 2 und 3 in IV.2). Des Weiteren entspricht das fünfte Kriterium dem Kriterium 6 in Bezug auf die NS-Vergleiche, welches bei Empire- und Kolonialismus-Vergleichen keine Entsprechung aufweist (s. IV.1.3.1). IV.3.1

Explizite Apartheid-Vergleiche

In den Guardian-Kommentaren sind explizite Vergleiche zwischen beiden Täterkonzepten frequent vertreten.191 Im ersten Leserkommentar wird ein expliziter Vergleich zwischen den beiden Täterkonzepten hinsichtlich ihres Status („international pariah“ = Tertium Comparationis) realisiert. Beide Täterkonzepte werden expliziert; der Vergleich wird mittels Junktor („as“) eingeleitet (Kriterium 1): (4) „Lastly, as Apartheid South Africa was, Israel is gradually becoming an international pariah.“ (Leserkommentar, The Guardian, 18.11.2012)

Explizite Vergleiche der Täterkonzepte können allerdings auch durch andere Mittel – nicht nur durch Verwendung der klassischen Junktoren like und as – realisiert werden: ____________________ 191

Im 2012er Messzeitraum liegen 19 explizite und 8 Komparativvergleiche vor. 2014 steigt die Häufigkeit auf 42 und 17 an (s. Anhang).

313

IV.

Geschichtsbezogene Analogien (5) „Says it all: Israeli Government = Apartheid 2.0“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014) (6) „A factual history of the apartheid like regime going on in that country and sanctioned by us in the west. True, its probably not an easy problem to solve (which we in the west created), but our continued one-sided support for the oppressors is simply disgusting.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

In (5) wird Israel im Rahmen eines expliziten Artvergleiches als die Wiederkehr der südafrikanischen Apartheid perspektiviert. Das Gleichheitszeichen steht symbolisch für den Junktor (Kriterium 1). Die Formel „Apartheid 2.0“ legt nahe, dass es sich bei Israel um die aktualisierte Variante des historischen Täterkonzeptes handele (die Anspielung auf das Web 2.0 könnte auch so verstanden werden, dass es sich um einen implizit vermittelten Komparativvergleich handelt, wenn die Israel unterstellte Apartheid nicht nur als aktualisierte, sondern als fortentwickelte Variante historischen Unrechts perspektiviert werden würde). In (6) kommt es erneut zu einem expliziten Artvergleich („apartheid like regime“, Kriterium 1), wobei auch hier die für explizite Vergleiche charakteristische Vergleichskonstruktion X ist wie Y moduliert wird. Zudem wird das gegenwärtige Täterkonzept nur mittels „regime“ erwähnt, jedoch im Kotext des Kommentars expliziert. Des Weiteren unterstellt der Schreiber eine „einseitige Unterstützung“ Israels durch den „Westen“. Diese Unterstützung evaluiert er mittels des emotionsbezeichnenden Lexems ekelhaft negativ (s. III.1.6) und solidarisiert sich indirekt mit dem gegenwärtigen Opferkonzept (die andere Seite wird im Beitrag als „oppressors“ perspektiviert). (5) und (6) fallen u. a. dadurch auf, dass das historische Szenario – ebenso wie weiter oben in (3) – nicht angeführt wird. Durch Wegfall des geschichtlichen Kontextes kann es zu einer (implizit vermittelten) Reklassifikation des Lexems Apartheid als Beschreibungskategorie kommen, im Zuge derer nicht mehr primär das südafrikanische Apartheidszenario aktiviert wird.192 Durch diesen ausgeweiteten und somit vagen Referenzbereich des Lexems können im Nahostdiskurs andere Bedeutungskomponenten inkludiert werden, die bspw. statt einer rassistischen eine religiös begründete Ausgrenzung unterstellen (s. u.). ____________________ 192

314

Auch international ist diese Verwendungsweise feststellbar, im Zuge derer Apartheid für jede „institutionalisierte Form einer Politik der Rassentrennung zur Unterdrückung einer Rasse durch eine andere“ (Triffterer 1995) herangezogen werden kann.

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

Besagte Reklassifikation kommt insbesondere dann zustande, wenn Israel mit dem auf das historische Täterkonzept und Szenario verweisende Lexem Apartheid attribuiert wird (Kriterium 1). Im Zuge dessen wird erneut der Sachverhalt aus seinem historischen Kontext gerissen. Die auf einer Umdeutung des Lexems fußende Verwendung (durch welche es eine Kategorie zur Beschreibung umfassender Segregationspolitik bildet) scheint im Guardian-Diskurs dermaßen habitualisiert zu sein, dass für die Etablierung der entsprechenden Analogie konkrete Bezüge zu Südafrika nicht berücksichtigt werden müssen: (7) „Stationing the USS Iwo Jima off the coast of Gaza is choosing the side of apartheid Israel against the oppressed people of Palestine.“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012) (8) „The world sees through and is sick to the back-teeth with the state of Israel - an apartheid state - and the faux-victimhood its projects while committing atrocities.“ (Leserkommentar, The Guardian, 29.11.2012) (9) „The world has had enough!! Israel is a criminal apartheid state and everyone knows this now!!“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014) (10) „The bottom line in the UK is there is no possibility that either the Tories or the Labour party will do anything about the odious Apartheid regime in Israel as there are far too many of our MP’s who frankly are blindly pro Israel for a variety of reasons.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.12.2012) (11) „This tit for tat has been going on for years and years. I’m terribly sympathetic to the Palestinians’ plight. I regard the embargo of Gaza and the apartheid practiced in the West Bank by Israel to be detestable.“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.11.2012)

In (7) wird die Präsupposition, Israel sei ein Apartheidstaat, durch eine entsprechende Attribuierung vermittelt. In (8), (9) und (10) versehen die Schreiber die auf Israel Bezug nehmenden Lexeme Staat und Regime mit ebendiesem Attribut. In (11) präsupponiert der Schreiber über das alleinstehende Substantiv Apartheid eine praktizierte Rassentrennung in der Westbank. Die Beiträge zeigen des Weiteren, dass die Etablierung der Apartheid-Analogie ebenso zu einer (die Dämonisierung Israels fördernden) Reproduktion antisemitischer Stereotype hinführen kann. So ist in (8) von einem „falschen Opferstatus“ die Rede – eine Behauptung, die anschlussfähig für das Stereotyp der INSTRUMENTALISIERUNG VON ANTISEMITISMUS ist. Durch die Unterstellung einer weltweiten Abneigung des israelischen Staates rechtfertigt der Schreiber die von ihm vorgenommene Perspektivierung (s. III.3.2) – die hierbei personifizierte Welt durchschaue Israel („[t]he world sees through“, s. III.2.4.4). In Kombination mit der „faux-victimhood“ kann der Leser inferieren, dass Israel nicht die Wahr315

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

heit sage, was eine für das Stereotyp der VERLOGENHEIT anschlussfähige Perspektivierung darstellt. Auch (9) demonstriert, wie habitualisiert ein rechtfertigender Bezug zur „Welt“ hergestellt wird, um Israel Unrecht und Lüge zu unterstellen. Durch den finalen Satzteil „everyone knows this now!!“ implikatiert der Schreiber, der von ihm unterstellte Sachverhalt wurde bisher geheim gehalten. In (10) behauptet der Schreiber eine parteiübergreifende, „blinde“ Pro-Israel-Haltung „viel zu vieler MPs“ und reproduziert folglich das Stereotyp des AFFIRMATIVEN UMGANGS DER (BRITISCHEN) POLITIK. In (11) schließlich wird die Redewendung tit for tat (z. Dt.: Auge um Auge, Zahn um Zahn) realisiert, mit der das Stereotyp der RACHSUCHT kodiert wird. Im Kontext der Israel unterstellten Unrechtspraxen – Apartheid in der Westbank und Gaza-Blockade – wird die Haltung des Schreibers mittels emotionsbezeichnender Lexeme herausgestellt (s. Kontrast zwischen „sympathetic to the Palestinians’ plight“ und „detestable“, s. III.1.6). Die oben erwähnten Folgen einer Reklassifikation von Apartheid im Kontext des Nahostkonflikts werden im folgenden Beitrag greifbar: (12) „Israel is the prime mover in increasing antisemitism- it is they who run an apartheid state based on religion“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014)

Durch die Attribuierung von „state“ mittels Apartheid liegt hier erneut ein expliziter Vergleich vor (Kriterium 1). Apartheid basiere laut dem Schreiber im Nahostszenario allerdings nicht mehr auf einer rassistischen Weltanschauung, sondern auf einer Trennung von religiösen Gruppen. Wie oben erwähnt, können dem Konzept APARTHEID durch gegenwärtige Verwendungsweisen neue Bedeutungseinheiten zugewiesen werden, die – bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Dämonisierung Israels – eine Anpassung hinsichtlich der Verhältnisse im Nahen Osten (und erfolgreiche Verwendung dieser Zuweisung) ermöglichen (à hier als religiös ausgewiesener Konflikt zwischen Juden und Muslimen mit anschließender Unterdrückung Letzterer durch Erstere basierend auf religiösen Grundsätzen). Die hier unterstellte religiös motivierte Segregationspolitik Israels wird vom Schreiber metaphorisch als „Antriebsmotor“ bzw. „treibende Kraft“ für einen zunehmenden Hass auf Juden perspektiviert, wodurch das Stereotyp von ISRAELS SCHULD AM ANTISEMITISMUS reproduziert wird. Die Attribuierung von auf den Nahostkonflikt Bezug nehmenden Lexemen mittels Apartheid geschieht im folgenden Beispiel hinsichtlich des Zionismus:

316

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian (13) „Israel is a wrong nation. Zionism is doomed to failure because it is an apartheid based system, founded in racism to others.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

Zionismus basiere gemäß dem Schreiber auf Rassismus und wird hier explizit mit Apartheid verglichen (Kriterium 1). Der Beitrag demonstriert, wie im Guardian-Kommentarbereich neben Apartheid auch das Lexem Zionismus umgedeutet und mit Letzterem gleichgesetzt wird (zu Zionismus als Schimpfwort s. auch Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 305). Diese Reklassifikation des Lexems wird von anderen Kommentatoren kaum oder gar nicht hinterfragt, wodurch sie sich als dominante Lesart von Zionismus im virtuellen Kommunikationsraum durchsetzen kann. Zudem wird im Beispiel durch Perspektivierungen Israels als „wrong nation“ und des Zionismus als „failure“ der jüdische Staat delegitimiert. Neben expliziten Äquativen wird die Apartheid-Analogie in beiden Messzeiträumen auch über Komparativvergleiche etabliert (s. III.2.4.1). Dies stellt einen bedeutenden Unterschied zu anderen in dieser Arbeit vorgestellten Analogien dar, die fast ausschließlich über Äquative etabliert werden. Demgemäß sei das Komparandum (Israel) schlimmer als die Komparationsbasis (Südafrika während der Apartheid) (Kriterium 2): (14) „They are worse than the old apartheid regime in South Africa“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

Das historische Täterkonzept wird expliziert. Der Schreiber macht deutlich, dass er sich auf die historische Apartheid bezieht (zudem attribuiert durch „old“) und somit den Begriff nicht umdeutet. Das gegenwärtige Täterkonzept wird nur im Kotext, nicht im Beispiel benannt (im Kommentar Referenz allein mittels des Personalpronomens „[t]hey“). Im nächsten Kommentar realisiert der Schreiber einen Komparativvergleich hinsichtlich unterstellter „apartheid laws“ im Rahmen einer rhetorischen Frage (Kriterium 2): (15) „Nice to see the old racist tropes paying a return visit- the Arab mentality. Ah yes. That wouldn’t be the outlook of people who love their country, their families and homes, and who are subjected to a merciless settler-colonial regime which steals their land, their water, their rights, pens them into enclaves and open-air prisons, jails them without charges, shoots down protesters, tortures captives and creates a body of apartheid laws more severe than that of white-ruled South Africa?“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014)

In diesem Beitrag, mit dem der Schreiber auf einen antimuslimischen Beitrag reagiert, wird Israel als „merciless settler-colonial regime“ dämonisiert. Dieser Staat zeichne sich durch Landraub, Unterdrückung bis hin zu 317

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Folter und Mord aus (zu dämonisierend-emotionalisierenden Worthäufungen s. auch IV.2.2). Hier wird durch gemeinsame Nennung erneut die konzeptuelle Nähe von Apartheid und Kolonialismus deutlich. Die Perspektivierungen werden im Rahmen einer aus Aufzählungen bestehenden rhetorischen Frage kommuniziert, an deren Ende der Komparativvergleich gezogen wird. Dieser besagt, dass das Israel unterstellte, mit Apartheid attribuierte Gesetzeskorpus (= Tertium Comparationis) als noch schwerwiegender zu bezeichnen sei als das des „white-ruled South Africa“. Der Komparativvergleich bezieht sich folglich auf das gesetzliche Fundament staatlich verordneter Segregation, welches auch in Israel präsupponiert wird. Die Einbettung in eine rhetorische Frage kann als Abschwächung des Vergleichs gewertet werden, die allerdings durch den Komparativvergleich und die Dichte besagter Zuweisungen konterkariert wird. An diesem Beitrag ist zudem auffällig, dass es zu einem Whitewashing palästinensischer Positionen kommt („outlook of people who love their country, their families and homes“). „[H]omes“ in Verbindung mit der das Täterkonzept perspektivierenden Formulierung „settler-colonial regime“ aktiviert das Szenario kolonisierter Völker, also jenes Schwarz-Weiß-Schemas, welches ich bereits in IV.2 vorstellte. Hier kommt ein quasi-rassistisches Denken zum Ausdruck: Palästinenser, die in den Web-Debatten die Rolle der Unterdrückten einnehmen, werden monoperspektivisch als Opfer beurteilt. Dem stellt der Schreiber einen Antipoden gegenüber, der über eine Akkumulation von unterstellten Unrechtspraxen dämonisiert wird. Schließlich können sich an entsprechenden Perspektivierungen erneut Terrorrelativierung und -leugnung anschließen (s. auch IV.3.3). Zwischenfazit In diesem Abschnitt konnte ich zeigen, dass in Guardian-Kommentaren Äquivalenzsetzungen von Israel und dem südafrikanischen Apartheidstaat wesentlich expliziter vermittelt werden als jene in Bezug auf Empire und Kolonialismus (s. IV.2). Es liegen in beiden Messzeiträumen explizite Vergleiche zwischen den Täterkonzepten sowohl hinsichtlich ihres Daseins als auch ihrer Praxen vor. Des Weiteren werden Israels Dasein und/oder Praxen mittels des auf das historische Szenario verweisenden Lexems Apartheid attribuiert. Im Zuge dessen wird das Lexem aus seinem historischen Kontext herausgelöst und als Kategorie zur Beschreibung für eine umfassende Segregationspolitik reklassifiziert. Eine der Folgen dieser Bedeutungsverschiebung ist, dass Schreiber sich mit Apartheid ebenso auf 318

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

eine unterstellte religiös begründete Segregation beziehen können und demnach den historischen Kontext verlassen. Durch die hohe Frequenz dieses Vergleichsmusters kann davon ausgegangen werden, dass – im Verhältnis zu Kolonialismus-Analogien (wo dieses Vergleichsmuster ebenso beobachtbar ist) – eine stärkere Habitualisierung vorliegt. In diesem Zusammenhang wird Zionismus explizit oder implizit als mit der Ideologie der Apartheid vergleichbar perspektiviert. Neben den bisher beschriebenen Äquativen realisieren Schreiber Komparativvergleiche zwischen den Täterkonzepten. Dies kann über die Vergleichskonstruktion X ist schlimmer als Y geschehen, jedoch durch partielle Nennung der Täterkonzepte und/oder den Junktor ersetzende Formulierungen auch abgeschwächt daherkommen. Dennoch bleibt die Konzeptualisierung eines gegenwärtigen Staates präsent, von dem Praxen ausgehen würden, die das Ausmaß der Apartheid übertreffen und infolgedessen diese relativieren. IV.3.2

Implizite Apartheidvergleiche

IV.3.2.1 Implizite Apartheidvergleiche über Junktorersatz Im Folgenden werde ich Vergleichsmuster vorstellen, deren impliziter Status in der Verwendung eines Junktorersatzes begründet liegt (Kriterium 3). Auch bei der Etablierung der Apartheid-Analogie stellt dies eine frequente Realisierungsform impliziter Vergleiche dar193: (16) „Good you mention apartheid South Africa, seemingly the model for modern day Israel.“ (Leserkommentar, The Guardian, 18.11.2012) (17) „Israel commits acts that may be characterised as apartheid“ (Leserkommentar, The Guardian, 19.11.2012) (18) User A: „We will be very soon seeing the birth of an apartheid“ User B: „It already exists , not as a straight copy of South African Apartheid but in the practices of the Jewish state towards it’s Palestinian Arab citizens through land law , marriage law and a host of discriminatory practices . Israel fits the definition of Apartheid“ (Leserkommentare, The Guardian, 17.11.2012)

Die Schreiber verwenden einen Junktorersatz („seemingly the model for“; „may be characterised as“; „fits the definition of“), um implizit eine Ver____________________ 193

Im 2012er liegen 102, im 2014er Messzeitraum 134 Vergleichsmuster dieser Art vor (s. Anhang).

319

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

gleichbarkeit beider Täterkonzepte zu vermitteln. In (16) wird der Bezug zur südafrikanischen Apartheid expliziert, in (17) sowie im Kommentar von User A in (18) hingegen das Lexem Apartheid ohne jene Bezugnahme zum afrikanischen Staat verwendet. Auf diesem Wege wird erneut das Lexem aus seinem historischen Kontext gelöst und als eine offene, den institutionellen Rassismus beschreibende Kategorie reklassifiziert (s. SchwarzFriesel/Reinharz 2013: 217). Die Geschichte Südafrikas tritt bei entsprechenden Verwendungsweisen in den Hintergrund.194 Auch wenn in (18) die Antwort von User B den historischen Bezug vorerst wieder herstellt, ist auffällig, dass er die Vergleichbarkeit des gegenwärtigen mit dem historischen Täterkonzept leicht abschwächt („not as a straight copy of“), um anschließend den Begriff Apartheid erneut zu dekontextualisieren bzw. als Kategorie zur Beschreibung jener von ihm unterstellten Praxen in Nahost zu verwenden. Im Folgenden zieht der Schreiber zwischen Israel und dem Apartheidstaat einen Artvergleich. Dieser scheint zwar aufgrund der Attribuierung Israels mittels Apartheid expliziter Natur zu sein – diese Äquivalenzsetzung wird allerdings abschwächend im Rahmen einer rhetorischen Frage kommuniziert und durch einen Junktorersatz eingeleitet („is going to go the way of white-ruled South Africa“) (Kriterium 3): (19) „Concerned your apartheid state is going to go the way of white-ruled South Africa? Take action and BLAME THE VICTIMS. Yes, the locals who you stole land from are fighting to get it back. But nobody needs to know this. Just keep repeating that they are irrational, dehumanized ‚terrorists‘ who are attacking you FOR NO REASON and you simply are defending yourself, albeit by killing large numbers of their children.“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014)

Expliziert würde die eingangs gestellte rhetorische Frage lauten, der Adressat der Äußerung sei besorgt über eine sich abzeichnende Ausgrenzung Israels, wie sie im Falle Südafrikas vorlag. Diese indirekt hervorgebrachte Behauptung des Schreibers würde wiederum nahelegen, dass beide Täterkonzepte gleichzusetzen seien. Der Schreiber verwendet zudem hinsichtlich des gegenwärtigen Opferkonzepts Beschreibungskategorien, die ich in IV.2 bereits erläutert habe („the locals who you stole land from are ____________________ 194

320

Der Grund für besagte Loslösung mag in den offenkundigen Unterschieden zwischen beiden Szenarien liegen (s. hierzu vor allem Pogrund 2014). Durch Verwendung des Lexems Apartheid kann dennoch das historische Szenario aktiviert werden und eine Emotionalisierung des Lesers einsetzen, ohne dass die offenkundigen Unterschiede beider Szenarien zu thematisieren wären.

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

fighting to get it back“). Dadurch wird ein koloniales Szenario aktiviert und Israel implizit delegitimiert. Der Beitrag zeichnet sich zudem durch Verwendung von den semantischen Gehalt verstärkenden Majuskeln sowie ironischer Sprechhandlungen aus (s. III.2.3.2), über welche Stereotype der Amoralität („BLAME THE VICTIMS“), ALLEINSCHULD AM KONFLIKT, VERLOGENHEIT („who are attacking you FOR NO REASON and you simply are defending yourself“) sowie KINDERMORD („killing large numbers of their children“) reproduziert werden. Schließlich äußert der Schreiber einen durch Ironie hergestellten Rassismusvorwurf („[j]ust keep repeating that they are irrational, dehumanized ‚terrorists‘ “). Im nächsten Beitrag wird durch „reminds me“ ebenso ein Junktorersatz hervorgebracht (Kriterium 3). Hier ist aber zu betonen, dass der Schreiber darüber nicht explizit eine Vergleichbarkeit hinsichtlich des Daseins und/oder der Praxen Israels behauptet, sondern die Äußerung eines als israelsolidarisch perspektivierten Schreibers mit Äußerungen aus dem Apartheidkontext vergleicht: (20) „Years ago, during the fight against Apartheid, I was listening to a radio interview with an Afrikaner guy who was defending Apartheid. The radio interviewer pointed out to him that the whole world condemned Apartheid To which the Afrikaner replied ‚Ah mon., the whole world is communist mon‘ You and your dismissal of the standing of the entire human rights community and international legal opinion reminds me of him. The Gaza strip is defined as occupied by every single legal opinion in the world with the sole exception of Israel.. Stamp your feet and deny it, dismiss it, rubbish it, claim its invalid all you want but it remains the truth and that is a fact“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Der Schreiber führt zur Realisierung der Äquivalenzsetzung eine Anekdote an, in der eine als Verteidiger der Apartheid perspektivierte, nicht weiter spezifizierte Person zu Wort kommt (s. III.3.2). Im Rahmen eines Interviews reagiert diese Person auf die Bemerkung, dass weltweit eine Verurteilung der Apartheid auszumachen sei, indem er behauptet, die ganze Welt sei „kommunistisch“. Über die vom Schreiber unterstellte Entsprechung („reminds me“) zwischen diesem Zitat und der Äußerung eines anderen im Kotext befindlichen Kommentators stellt der Schreiber einen impliziten Vergleich zwischen beiden Äußerungen und folglich den die Äußerungen hervorbringenden Personen her. Die Äquivalenzsetzung der Täterkonzepte kommt wiederum dadurch zustande, dass sowohl dem in der Anekdote zitierten Journalisten als auch dem adressierten Kommentator eine solidarische Haltung gegenüber dem jeweiligen Land und politischen System des Landes unterstellt wird. Wenn einem als israelsolidarisch perspektivierten Schreiber Rassismus – sowie „dismissal of the standing of 321

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

the entire human rights community“ – vorgeworfen wird, kann der Leser inferieren, diese Beschreibung spiegele laut Produzent dieses Kommentars auch die Zustände im von ihm verteidigten Land wider. Insofern etabliert der Schreiber die Analogie, indem er eine Vergleichbarkeit behauptet, die zwischen Israel und dem Apartheidstaat hinsichtlich ihrer jeweiligen Wahrnehmung des Umgangs vonseiten der Welt liege. Um seine Perspektivierung Israels zu bekräftigen, führt der Schreiber rechtfertigend „every single legal opinion in the world“ an und unterstreicht die Faktizität seiner Behauptungen („but it remains the truth and that is a fact“, zu Rechtfertigung durch Bezugnahme auf die „Welt“ s. auch IV.3.1, s. auch III.3.2). Zudem grenzt er Israel aus der Staatengemeinschaft aus, indem er die „internationale Rechtsauffassung“ dem Land Israel „als einzige Ausnahme“ gegenüberstellt (s. III.3.5). Im folgenden Dialog behauptet ein Schreiber erneut, dass Haltungen anderer, als proisraelisch wahrgenommener Kommentatoren mit jenen des Apartheidregimes vergleichbar seien, wenn er auf den Einwand von User B antwortet, dass der AVB im Kontext der Apartheid vergleichbare Positionen vertreten habe. Wie auch bei der Etablierung von NS-, Empire- und Kolonialismus-Analogien wird bei Vermittlung der Apartheid-Analogie Letzteren unterstellt, die Israel unterstellten Praxen (in dem Falle die damit gleichgesetzte Apartheid) gutzuheißen: (21) User A: „Only the dismantling of Israel in its present form“ User B: „And what do we do with the people living there?“ User A: „That is the sort of line the AVB came out with in South Africa before the end of apartheid. No one is suggesting anyone is forced into the sea but for a long term solution a new society needs to come about that isn’t governed by religious dogma.“ (Leserkommentare, The Guardian, 20.11.2012)

User A fordert die Beseitigung des israelischen Staates in seiner gegenwärtigen Form, präzisiert allerdings diese Forderung nicht. Als Reaktion stellt User B die Frage, welche Konsequenzen ein solches Szenario für die Zukunft von Israelis habe. Sein Gegenüber weicht der Frage aus, indem er auf die südafrikanische Apartheid zu sprechen kommt, und behauptet, die Frage seines Gesprächspartners entspreche der Rhetorik der AVB („That is the sort of line the AVB came out with“ = Junktorersatz, Kriterium 3). Gemeint ist hier die AWB (Afrikaner Weerstandsbeweging), bei der es sich um eine rechtsextremistische Organisation in Südafrika handelt, die einen Volkstaat mit einer weißen Herrschaftsklasse aufbauen wollte (s. Carroll 2004). Über die Äquivalenzsetzung wird die Frage von User B als rassistisch motivierte Propaganda perspektiviert (= Tertium Comparatio322

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

nis). Da User B für Israels Bürger Partei ergreift, kann der Leser inferieren, dass gemäß User A Israel ein vergleichbarer Status wie dem historischen Täterkonzept zukomme. Insofern handelt es sich um einen impliziten Artvergleich. Indem User A „No one is suggesting anyone is forced into the sea“ hinzufügt, leugnet er implizit die Bedrohungslage und den Antisemitismus, mit denen sich Israel konfrontiert sieht (s. III.3.3), und verkennt, dass in diesem Kontext im Unterschied zu Südafrika der Kampf gegen Israel nicht allein durch das Erlangen von Rechten motiviert ist. Am Ende wird das Lexem Apartheid erneut umgedeutet, indem die Verhältnisse in Nahost nicht – wie in Südafrika – als ein auf rassistischer Segregation beruhendes, sondern auf „religious dogma“ fußendes System umgedeutet werden (s. auch (12)). Dadurch wird das Land indirekt als Theokratie perspektiviert und der Tatbestand der vorliegenden Freiheitsrechte der israelischen, verschiedenen Konfessionen zugehörigen Bürger zurückgewiesen. Der Junktorersatz kann ebenso über Wortwiederholungen realisiert werden (Kriterium 3). Beim nächsten Beitrag werden im Rahmen einer rhetorischen Frage beide Täterkonzepte miteinander verglichen, nachdem zuvor ein anderer Kommentator auf die Komplexität des Nahostkonflikts hin- und beiden Seiten eine Verantwortung für selbigen zuweist: (22) „Whilst the Israelis are busy bombing children they’ve forced to live in an open air prison - Somehow concluding that both sides are to blame. So the black South Africans were just as much to blame for apartheid?“ (Leserkommentar, The Guardian, 25.07.2014)

Das Verb to blame, welches der Schreiber im Mittelteil hinsichtlich des Nahostkonflikts verwendet, wird final innerhalb der rhetorischen Frage auf das historische Szenario verwendet. Expliziert würde die Frage lauten, dass die Schuld für die Apartheid nicht bei der schwarzen Bevölkerung Südafrikas zu suchen sei – ebenso wenig wie bei Palästinensern heute. Hier wird auch ein zweiter Junktorersatz („just as much“) erkennbar. Der Schreiber sagt dadurch aus, dass zum einen Israel die Alleinschuld am Konflikt trage und dass zum anderen beide Szenarien und demnach auch die Täterkonzepte vergleichbar seien. Schließlich ist dies ein Beispiel für die Reproduktion des Stereotyps KINDERMORD. Eine Vergleichbarkeit über Wortwiederholungen liegt auch im nächsten Beitrag vor – allerdings bezieht sich der Schreiber nicht allein auf das Apartheidszenario: Um einen Lösungsvorschlag für den Nahostkonflikt zu präsentieren, führt er die Verhandlungen zwischen der südafrikanischen Regierung und dem ANC sowie zwischen der britischen Regierung und der IRA an (zu Letzteren s. IV.2.4): 323

IV.

Geschichtsbezogene Analogien (23) „Peace only came in South Africa when the apartheid government started talking to the ANC – branded ‚terrorist‘ by the US and UK, just like Hamas. Peace only came in Northern Ireland when the UK government talked to the terrorist IRA. The refusal of Israel-US to talk to Hamas shows that they are not truly interested in peace. Their refusal to recognise Hamas election victories shows they are not truly interested in democracy. They are interested, apparently, only in power. ‚If you want to make peace with your enemy, you have to work with your enemy. Then he becomes your partner.‘ – Nelson Mandela.“ (Leserkommentar, The Guardian, 12.08.2014)

Das Verb to talk wird hinsichtlich aller drei Szenarien, der Satzteil „Peace only came“ hinsichtlich der beiden historischen Szenarien verwendet (Kriterium 3). Infolgedessen wird eine Vergleichbarkeit der Umstände, der Konflikte und somit auch der an diesen beteiligten Akteure nahegelegt. Insofern handelt es sich um einen impliziten Vergleich israelischer Praxen nicht nur mit der Segregation Südafrikas, sondern auch mit dem britischen Kolonialismus. Die Folge ist eine Entlastung der britischen Politik im Umgang mit Nordirland sowie des südafrikanischen Apartheidregimes im Umgang mit dem ANC. Beide Regierungen haben laut dem Schreiber den Dialog gesucht und somit dem Konflikt bzw. Terror Einhalt gebieten können (zu entsprechenden Vergleichen der unmittelbaren Aufwertung s. IV.2.4). Ebendiese Besonnenheit wird Israel abgesprochen – der Schreiber behauptet vielmehr eine Abwesenheit dieser Dialogbereitschaft beim gegenwärtigen Täterkonzept. Vielmehr wird durch das Wortspiel „Israel-US“ das Stereotyp der JÜDISCHEN MACHT anschlussfähig, was im Zuge der Behauptung „They are interested, apparently, only in power“ bestätigt wird. Die Israel unterstellte „Ablehnung“ von Friedensgesprächen lasse sich laut dem Schreiber durch das ihm unterstellte Desinteresse an Frieden und Demokratie erklären. Die bereits erwähnte Perspektivierung der Hamas als Widerstandsbewegung wird durch die auf den ANC Bezug nehmende Äußerung „branded ‚terrorist‘ by the US and UK, just like Hamas“ nahegelegt. Zugunsten einer Rechtfertigung des eigenen Standpunktes führt der Schreiber final ein Zitat von Mandela an, in dem dieser sich für den Dialog mit dem „Feind“ einsetzt (s. hierzu insbesondere IV.3.2.2 und III.3.2). Neben dieser Anführung wird hier einerseits mittels einer onomastischen Anspielung die Apartheid-Analogie gestärkt; andererseits stellt dies eine bereits zuvor explizierte, hier implizit vermittelte Leugnung der Friedensbemühungen Israels dar. Der weiter oben bereits erwähnte Rückgriff auf Anekdoten und/oder fiktive Rede zugunsten einer persuasiven Argumentation ist auch im folgenden Dialog erkennbar. User A führt Deeskalationsbemühungen Israels an; User B reagiert, indem er anekdotisch auf die Äußerungen eines nicht 324

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

spezifizierten Journalisten hinweist (s. III.3.2), um darüber eine Vergleichbarkeit hinsichtlich des israelischen und ehemals südafrikanischen Umgangs mit entsprechenden Würdigungen zu behaupten: (24) User A: „Isreal has actually gone in and torn up Israeli settlements in Gaza as this was given as a prerequisite for a solution-but to no avail at all; Hamas taking it all back to square one, hence the disaster of Gaza now-Israel has little option in its efforts to defend itself-Hamas have proved incapable of tolerance and reason in negotiating peace.“ User B: „When Afrikaners started to dismantle Apartheid many […] lamented that we were not being given more credit internationally. An Afrikaans journalist remarked that this was like beating your wife for forty years and then complaining when no-one praises you for stopping.“ (Leserkommentare, The Guardian, 08.08.2014)

Im Beitrag von User B wird die Apartheid-Analogie über die Behauptung etabliert, es liege ein vergleichbarer Umgang bei beiden Täterkonzepten vor (der artikulierte Wunsch nach Anerkennung von Friedensbemühungen = Tertium Comparationis). Der implizite Vergleich wird folglich aus einer Parallelität der unterstellten Sachverhalte konstituiert (Kriterium 3). Der Leser kann inferieren, dass die Szenarien nicht nur in Bezug auf die von User B vorgenommenen Andeutungen, sondern die beiden Täterkonzepte an sich vergleichbar seien. Wie auch bei Empire- und Kolonialismus-Vergleichen werden implizite Apartheidvergleiche mit Junktorersatz auch über verschiedene Sprechhandlungen realisiert. Im folgenden Beitrag wird anderen Kommentatoren eine Nähe zum Apartheidstaat nachgesagt. Wie erwähnt, ist in den von mir untersuchten Online-Debatten eine Diskreditierung durch Bezeichnungen wie „Pro-Israelis“ oder „Hasbara functionaries“ üblich. In diesem Beitrag adressiert der Schreiber diese direkt und empfiehlt ihnen, zugunsten einer besseren Umsetzung der ihnen unterstellten Argumentationsziele auf die „old apartheid era South African propaganda“ zurückzugreifen: (25) „Pro-Israelis, you need to start digging up the old apartheid era South African propaganda. You’ll need new argument to replace ‚plucky socialist Israel‘ crap that you’ve been spewing for decades.“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

Die Äquivalenzsetzung kommt hier wie folgt zustande: Ebenso wie bei Kolonialismus-Vergleichen in IV.2.4, in denen Israel aufgefordert wurde, von der britischen Wir-Gruppe hinsichtlich der Bewältigung von Konflikten zu lernen, kann bei einer Aufforderung, sich in Bezug auf einen Sachverhalt zu informieren, inferiert werden, dass ebendieser Sachverhalt mit der eigenen Situation vergleichbar ist, also eine aufklärende Wirkung ent325

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

falten kann (Sprechakt der Aufforderung als Junktorersatz à Kriterium 3). Wenn Personen, die als israelsolidarisch perspektiviert werden, die Propaganda des Apartheidstaates zur Kenntnis nehmen sollen, um daraus Argumentationshilfen zur Unterstützung Israels abzuleiten, ist es wahrscheinlich, dass der Schreiber eine wesenhafte Nähe zwischen beiden Staaten unterstellt. Zudem wird in dem Beitrag hinsichtlich der israelsolidarischen Schreiber sowie Israel selbst das Stereotyp der VERLOGENHEIT reproduziert. Über Wortwahl und distanzierend-ironische Anführungszeichen (s. III.2.3.2) wird angedeutet, dass Personen, die sich bisher für Israel einsetzten, dies taten, indem sie Lügen verbreiteten („to replace ‚plucky socialist Israel‘ crap“).

Zwischenfazit Der Großteil der Äquivalenzsetzungen von Israel und Südafrika kommt über implizite Art- und Modalitätsvergleiche zustande. Diese wiederum werden eingeleitet über einen Junktorersatz, der aus changierenden Formulierungen, Wortwiederholungen sowie bestimmten Sprechhandlungen (insbesondere rhetorischen Fragen und Aufforderungen) konstituiert wird. Bemerkenswert ist, dass Schreiber Israel an die Apartheid erinnernde Praxen unterstellen und zugleich behaupten, der Staat würde dafür Palästinensern die Schuld geben. Diese Perspektivierung ist ebenso anschlussfähig für antisemitische Topoi, indem Israel VERLOGENHEIT, INSTRUMENTALISIERUNG, ALLEINSCHULD usw. vorgeworfen werden kann. Es kommt ebenfalls vor, dass neben Apartheidbezügen auch Bezüge zur Geschichte Großbritanniens hergestellt werden. Durch die Relation mit unterstellten Verhältnissen im Nahen Osten kommt es zu einer Aufwertung des nationalen Selbstbildes (Großbritanniens), wie ich sie in IV.2.4 hinsichtlich des Nordirlandkonflikts vorgestellt habe: Im Zuge von Vergleichen der unmittelbaren Aufwertung wird behauptet, Großbritannien habe sich bei der Bewältigung von Konflikten bzw. Terror vorbildlich verhalten und könne Israel als Orientierung dienen. Gegenüberstellungen dieser Art werden ebenso hinsichtlich des Umgangs des Apartheidstaates mit dem ANC vorgenommen. Des Weiteren behaupten Schreiber, dass – ähnlich wie die britische Regierung im Umgang mit Konflikten im eigenen Herrschaftsgebiet – sich die Regierung Südafrikas durch Gesprächsbereitschaft ausgezeichnet und damit die staatlich verordnete Segregation beseitigt habe. Die Folge solcher Gegenüberstellungen ist, dass beide Szenarien nicht nur als vergleichbar perspektiviert werden, sondern dass dazu auch die Vorstel326

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

lung kommt, die israelische – im Gegensatz zur südafrikanischen – Regierung wisse nicht, wann sie gegenüber den Forderungen ihrer Konfliktgegner einzulenken habe, anstatt sich weiterhin anachronistisch zu verhalten. Auffällig ist zudem, dass die Beiträge anderer Kommentatoren, die als israelsolidarisch wahrgenommen werden, mit Äußerungen von Personen aus dem Apartheidkontext verglichen werden. Diese Vergleichsmuster werden in vielen Fällen mit einem hohen Persuasionspotenzial aufgeladen, da Schreiber auf Anekdoten bzw. fiktive Rede zurückgreifen. Infolgedessen wird den anderen Kommentatoren implizit rassistisches bzw. die Apartheid gutheißendes Denken unterstellt. Im Zusammenhang mit der Perspektivierung der Adressaten als israelsolidarisch wird dieser Vorwurf ebenso auf den israelischen Staat ausgeweitet. Beide Messzeiträume weisen implizite Vergleiche mit einem Junktorersatz in hoher Vielfalt auf. Im zweiten Messzeitraum nehmen Beiträge zu, in welchen eine Vergleichbarkeit zwischen den Täterkonzepten insbesondere über Wortwiederholungen vermittelt wird, wodurch die Zuschreibungen der beiden Täterkonzepte deutlicher zum Vorschein kommen. IV.3.2.2 Implizite Apartheidvergleiche über Anspielungen Auch onomastische Anspielungen stellen Auslöser für die Realisierung impliziter Vergleiche dar (Kriterium 4, zum Verstehensprozess von Anspielungen beim Leser s. III.2.4.2, IV.1.3.2 und IV.2.2). Allerdings kommt dieses Vergleichsmuster wesentlich seltener und in geringerer Varianz vor als bei Empire- und Kolonialismus-Vergleichen.195 Im folgenden Beitrag verweist der Schreiber auf Buren, von denen die rassistische Politik an der indigenen Bevölkerung Südafrikas ausging (s. u. a. Nasson 2011, Thompson 42014): (26) „I discriminate against colonists who behave like colonists, whether they be Zionists or Boers. They have no right to oppress the native population, whether black or Arab. No right to confiscate someone else’s country. No right to violate democracy or engage in ethnic cleaning.“ (Leserkommentar, The Guardian, 18.11.2012)

Der Schreiber setzt in seinem Beitrag „Buren“ und „Zionisten“ mit jenen Kolonisten gleich, die „sich wie Kolonisten verhalten“ würden (= explizi____________________ 195

Im 2012er Messzeitraum konnte ich 11, im 2014er Messzeitraum 61 implizite Vergleiche über Anspielungen auf die Apartheid erfassen.

327

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

ter Kolonialismus-Vergleich).196 Dieser Kommentar ist insofern ein weiteres Beispiel für die eingangs erwähnte enge Verknüpfung von Kolonialismus und Apartheid bei der Dämonisierung Israels (s. IV.3). Durch die erwähnte Aufzählung (wahlweise Perspektivierung von Buren und Zionisten als Kolonisten) wird dem expliziten Kolonialismus- wiederum ein impliziter Vergleich zwischen Israel und dem Apartheidstaat angefügt. Dabei fällt auf, dass der Schreiber eine Nationalbewegung, den Zionismus, mit einer ethnischen Gruppe (Buren = Afrikaans sprechende, aus Europa stammende Personen in Südafrika und Namibia) als vergleichbar darstellt, insofern Zionismus implizit ethnisch essenzialisiert. Der Schreiber weist beiden Täterkonzepten dämonisierende Züge zu („oppress the native population“, „confiscate someone else’s country“, „ethnic cleansing“, „violate democracy“), die ebenso als Anspielungen auf Praxen des europäischen Kolonialismus verstanden werden können (s. IV.2.2). Neben Buren verwenden Schreiber Lexeme wie Bantustan197, um Anspielungen auf das historische Szenario zu realisieren: ____________________ 196

Durch den Austausch mit Muttersprachlern wurde ich auf eine Lesart hinsichtlich besagter Ausführung zum Verhalten von Kolonisten aufmerksam gemacht: Zwei Interviewte verstanden diesen Kommentarteil so, dass der Schreiber indirekt behauptet, es gebe gute und schlechte Kolonisten. Folglich sei eine Lesart des Beitrags, dass die britische Kolonialpolitik implizit aufgewertet wird. Großbritannien richtete sich im Südafrikanischen Krieg gegen die Buren. Letztere stellten wie erwähnt das historische Täterkonzept im Zusammenhang mit der Segregation in Südafrika dar, wobei es hier fortan eine Mitverantwortung Großbritanniens gab, die ab 1902, mit der Eingliederung Südafrikas in das British Empire, massiv zunahm (s. II.2.1). Gemäß den interviewten Muttersprachlern entspricht dieser Kommentar insofern einer implizit vermittelten Aufwertung der britischen Wir-Gruppe, da zum einen Israel durch Etablierung der ApartheidAnalogie dämonisiert wird, Großbritannien ein positiver Kolonialismus bescheinigt wird und seine Verantwortung an der Jahrzehnte anhaltenden Segregationspolitik in Südafrika gar nicht erst zur Sprache kommt. 197 Mit dem Lexem Bantustan (Bantu und dem Fârsi-Suffix -stan) werden die Homelands während der Apartheid bezeichnet, d. h. jene Gebiete, in denen sich die indigene Bevölkerung Südafrikas aufhalten durfte. Im Zuge der Etablierung solcher Gebiete wurde die Segregation administrativ gefestigt. Da es sich bei Bantustan um eine abwertende Bezeichnung innerhalb der Apartheid-Ideologie handelt, entspricht ihre Verwendung in Guardian-Kommentaren am ehesten dem NS-Vokabular in Zeit-Kommentaren (s. IV.1.3.3). Auch hierbei handelt es sich um Unterstellungen, Israelis würden im Einklang mit rassistischem Denken auf Palästinenser herabblicken und diesem Denken mittels abwertender Lexeme Ausdruck verleihen.

328

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian (27) „they have built a wall around the Gazan bantustan and are steadily annexing whatever land they can get away with. Israel are not and have never been any way honest in the way they have treated the Palestinians. Then they have the nerve to complain when the Palestinians dare fight back.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.08.2014) (28) God know I am constantly being told by Zionists what I can and cannot think of their project. At least the Boers had the dignity not to hide behind some bogus ‚anti-afrikaneer‘ shibboleth to defend their racism.“ (Leserkommentar, The Guardian, 08.08.2014)

Das mittels Anspielung aktivierte Apartheidszenario wird in (27) durch Attribuierung mit dem Nahostszenario in Relation gesetzt („Gazan bantustan“). Neben der damit einhergehenden Unterstellung, Israel etabliere eine Infrastruktur zur Aufrechterhaltung von Rassentrennung, perspektiviert der Schreiber das Land mittels Stereotypkodierungen als GIERIG („steadily annexing whatever land they can get away with“) und VERLOGEN („have never been any way honest“) und unterstellt ihm implizit die Instrumentalisierung eines Opferstatus („they have the nerve to complain when the Palestinians dare fight back“). Auch in (28) wird diese INSTRUMENTALISIERUNG behauptet: Im Gegensatz zum Israel unterstellten Rassismus hätten laut dem Schreiber die Buren in Südafrika genügend „Würde“ besessen, ihren Rassismus nicht über die Unterstellung eines gegen sie gerichteten Hasses zu rechtfertigen. Das Lexem shibboleth steht für Parole, Losung, Schlagwort und ist in diesem Kontext als Synonym für die häufig auftretende Formulierung Playing the antisemitism card zu verstehen (s. III.2.4.4). Durch die Lexeme „Boers“ und „anti-afrikaneer“ wird auf das Apartheidszenario angespielt. Auch im folgenden Beitrag realisiert der Schreiber mittels Wortverbindung südafrikanische Buren eine Anspielung auf besagtes Szenario und stärkt dies über Wortwiederholungen (neben Kriterium 4 auch Kriterium 3): (29) For some reason Israel is given a pass to do what the South African Boers could only dream of being allowed to keep doing.“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014)

Über die Gegenüberstellung beider Täterkonzepte implikatiert der Schreiber vergleichbare Vorstellungen bzw. Wünsche hinsichtlich des Umgangs mit dem jeweiligen Opferkonzept („given a pass to do“, „being allowed to keep doing“). Durch diesen Israel unterstellten Freibrief, dessen Grundlage der Schreiber offenlässt („[f]or some reason“), könne indes allein das gegenwärtige Täterkonzept seine Vorstellungen in Taten überführen. (30) „I don’t support Hamas at all and their charter is horrible (where it’s not ignorant gibberish) but I think a certain dislike of Jews among Palestinians, who have been systematically dispossessed, imprisoned and killed for dec-

329

IV.

Geschichtsbezogene Analogien ades by people claiming to represent world Jewry, is probably unsurprising. The ANC used to have numerous songs and chants about killing the Boers. (Which incidentally, they haven’t done in practice).“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.08.2014)

In diesem Beispiel distanziert sich der Schreiber von der Hamas und ihrer Charta, relativiert aber gleich darauf Letztere, indem er deren Inhalte als größtenteils „ignorant gibberish“ ausweist. Daraufhin rechtfertigt der Schreiber den Antisemitismus in der palästinensischen Gesellschaft, indem er ihn als Folge unterstellter Unrechtsszenarien („systematically dispossessed, imprisoned and killed for decades“) kontextualisiert und ihn damit als nachvollziehbare Konsequenz perspektiviert („a certain dislike of Jews among Palestinians […] is probably unsurprising“). Diese Argumentation erinnert an die Rechtfertigungsversuche von Hass auf bzw. Gewalt gegen Vertreter einer Kolonialmacht im Zuge von Empire- und Kolonialismus-Vergleichen in IV.2, wodurch angedeutet wird, Israelis seien an den Vernichtungsfantasien von palästinensischer Seite selbst schuld. Durch Nennung von ANC und Buren spielt der Schreiber sodann auf die südafrikanische Apartheid an. Der Leser kann durch den parallel gesetzten Sachverhalt (Hass auf Buren sowie auf Israelis = Tertium Comparationis) außerdem inferieren, dass diese Szenarien einander ähneln würden (Kriterium 3). Einstellungen beider Opferkonzepte werden gleichgesetzt, was zur Unterstellung führt, die Ursache für den Hass in Südafrika, rassistisch begründete Unterdrückung, liege auch im Nahen Osten vor. Durch die Äquivalenzsetzung wird schließlich Antisemitismus, wie er sich u. a. in der Hamas-Charta findet (s. Pfahl-Traughber 2011), mit Rassismus gleichgesetzt, was den singulären Status von Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart ignoriert (s. III.3.4, zu den Charakteristika von Antisemitismus s. u. a. II.1.2, II.1.3 und II.2.3). Eine besonders frequente Anspielung, mittels derer die Hamas als antirassistische Widerstandsbewegung perspektiviert und aufgewertet sowie der von ihr ausgehende Terror relativiert bis geleugnet wird, stellt der Verweis auf den Widerstandskämpfer und ersten Präsidenten Südafrikas nach der Apartheid, Nelson Mandela, dar. Mandela steht symbolisch für den Widerstand der indigenen Bevölkerung Südafrikas während der Ära der Apartheid. Über dessen Nennung wird eine Äquivalenzsetzung von Palästinensern und der von der Apartheid unterdrückten indigenen Bevölkerung Südafrikas realisiert. Im folgenden Beitrag gibt sich der Schreiber zwar kritisch gegenüber der Hamas – dennoch aktiviert er durch die Nennung von Mandela das Szenario südafrikanischer Verhältnisse während der Apartheid und überträgt diese auf die Situation des gegenwärtigen Op330

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

ferkonzeptes (s. hierzu auch Verwendungsweise von Gandhi im EmpireKontext in IV.2.1). Die Äquivalenzsetzung wird erneut durch Wortwiederholung („South Africa had […], the Palestinians have got […]“) zusätzlich gestärkt (auch Kriterium 3): (31) „What Palestinians need more than anything is inspirational leadership, leadership that inspires people around the world. South Africa had Mandela, the Palestinians have got the travesty, at least in Gaza, that is Hamas.“ (Leserkommentar, The Guardian, 16.11.2012)

„South Africa“ bezieht sich in diesem Beispiel nicht auf das historische Täterkonzept, sondern auf den Ort als Symbol für die indigene Bevölkerung Südafrikas. Diese Verwendungsweise von Ortsbezeichnungen liegt auch bei Referenz auf das gegenwärtige Opferkonzept durch „Gaza“ vor. Die Distanzierung vom Hamas-Terror kommt durch Rückgriff auf das Lexem „Zerrbild“ oder „Farce“ zustande. Auch wenn sich gemäß dem Schreiber die Opferkonzepte in ihrer Art, Widerstand zu üben, unterscheiden, so werden die Umstände beider Szenarien aufgrund der Nennung des historischen Szenarios und Mandelas sowie durch Wortwiederholungen als vergleichbar perspektiviert. Im nächsten Beitrag behauptet der Schreiber wiederum, dass dem gegenwärtigen Opferkonzept aus dem Fehlen eines Nelson Mandela in Nahost kein Nachteil erwachse, da es „über Gaza verfüge“. Das Symbol für den als Freiheitskampf perspektivierten Hamas-Terror sei indes keine Person – vielmehr diene den „Freiheitskämpfern“ der Ort als Symbol ihrer Ideologie, die sich aus der ihnen unterstellten Unterdrückung sowie den daraus resultierenden Praxen ergibt. Das Apartheidszenario wird durch die Nennung des historischen Täterkonzepts gleich zu Anfang des Kommentars sowie von Mandela, aber auch durch Verweis auf Pieter Willem Botha aktiviert. Botha war während der Apartheid Staatspräsident (Kriterium 4). Der Schreiber fokussiert anschließend die nach der Apartheid einsetzende Wahrnehmung von ANC-Aktivisten als „Freiheitskämpfer“. Durch die realisierte Gegenüberstellung von Hamas und ANC durch Wortwiederholung („[f]reedom [f]ighters“ und Aufruf „[f]ree Palestine“) kann der Leser inferieren, dass beide Opferkonzepte denselben Status aufweisen würden (Kriterium 3), wodurch es zum o. g. Whitewashing von Terror kommt. Um letztgenannte Perspektivierung zu stützen, geht der Schreiber eingangs auf die bereits erwähnte Verschiebung hinsichtlich der Wahrnehmung des historischen Opferkonzepts (von „terrorists“ zu [f]reedom [f]ighters“) ein: (32) „In post Apartheid South Africa the terrorists admonished by the late P.W. Botha are now acknowledged as Freedom Fighters. And, from the struggle

331

IV.

Geschichtsbezogene Analogien surfaced a global icon for freedom and peace in the world, in the name of Nelson Mandela. The Palestinians do not have a Nelson Mandela, but they do not need one because they have GAZA. Free Palestine“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

In den beiden folgenden Beiträgen kommt es durch Anführung des Namens Mandela zu einer implizit vermittelten Äquivalenzsetzung der Opferkonzepte, ohne dass der Schreiber weitere Angaben zum historischen Szenario macht (Kriterium 4): (33) „Nelson Mandela said, ‚We know only too well that our freedom is incomplete without the freedom of the Palestinians‘. […] Freedom for Palestine!“ (Leserkommentar, The Guardian, 16.11.2012) (34) „‚terrorist‘ is just a word to delegitimize armed resistance to an occupation. Mandela was a terrorist. It worked.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Neben der Anführung von Mandela gibt der Schreiber in (33) ein Zitat des Politikers wieder. Darin bringt dieser zum Ausdruck, der Kampf gegen rassistische Unterdrückung werde erst dann abgeschlossen sein, wenn auch die von ihm entsprechend perspektivierten Palästinenser befreit wären. Damit rechtfertigt der Schreiber seine final hervorgebrachte Solidarisierung mit Palästinensern (s. III.3.2). Im Beitrag wird das gegenwärtige mit dem historischen Opferkonzept hinsichtlich des Freiseins (= Tertium Comparationis) implizit verglichen. Der Leser kann zudem inferieren, dass aufgrund der Perspektivierung der Freiheit (einer nicht spezifizierten Wir-Gruppe) als „unvollständig“ das gegenwärtige Opferkonzept das letzte Glied in einer Kette von rassistischer Unterdrückung darstelle. Damit wird Israel erneut (im Einklang mit vorgestellten Perspektivierungen in IV.2 und IV.3.1) als letztes auf einer rassistischen Weltanschauung gegründetes Unrechtsregime dargestellt. In (34) wird neben dem Rückgriff auf die (das Apartheidszenario aktivierende) onomastische Anspielung Mandela erneut die Perspektivierung der Hamas als Terrororganisation zurückgewiesen. Dies geschieht in Form eines impliziten Vergleichs, indem das eingangs erwähnte, im Kotext der Hamas zugewiesene Lexem „terrorist“ (distanzierend mit Anführungszeichen ausgewiesen) in Bezug auf Mandela wiederholt und damit indirekt zurückgewiesen wird (Kriterium 3). „It worked“ stellt eine unterspezifizierte Behauptung von Diffamierungskampagnen gegen Widerstandsbewegungen zu Zeiten der Apartheid dar, deren Präsenz im Zuge des besagten impliziten Vergleiches indirekt auch in Nahost unterstellt wird. Schreiber führen neben Mandela auch andere moralische Autoritäten wie Mahatma Gandhi an, um die Perspektivierung der Hamas als Wider332

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

standsbewegung gegen Rassismus und Unterdrückung abzusichern (s. III.3.2; erneute Verzahnung von Kolonialismus- und Apartheidvorwürfen werden hier deutlich, s. IV.3): (35) „Mahatma Gandhi was once declared a terrorist by the British Parliament. Nelson Mandela was once denounced as a communist terrorist by his critics. […] Draw your own conclusions“ (Leserkommentar, The Guardian, 10.08.2014)

Die Äquivalenzsetzung der einzelnen Szenarien liegt in der gleichgesetzten Wahrnehmung der jeweiligen Personen, die wiederum durch Wortwiederholungen („terrorist“) deutlich wird. Dadurch zeichnet der Schreiber eine Vergleichbarkeit bezüglich der Versuche, den indischen Freiheitskampf gegen das British Empire und den Widerstand gegen die Apartheid über besagte Wortwahl zu delegitimieren. Auf diese Weise deutet der Schreiber per Implikatur an, es sei heute ein (nicht expliziertes) Streben feststellbar, die Hamas als Terrororganisation darzustellen, obwohl sie – nach der Parallelität der Vergleiche – eine Freiheitsbewegung sei. Der Schreiber fordert den Leser dazu auf, seine eigenen Schlüsse zu ziehen („[d]raw your own conclusions“, Sprechakt des Aufforderns, Kriterium 3), und suggeriert damit im Widerspruch zum Vorhandensein der einzig möglichen, in der Implikatur angelegten Bedeutung, der Leser könne sich frei entscheiden, welche Schlüsse er daraus zieht – ein rhetorischer Kniff, mit dem er dem Leser die eigene Perspektivierung als selbstständigen bzw. unbeeinflussten Schluss ausgibt. Zwischenfazit In diesem Abschnitt wurden implizite Apartheidvergleiche besprochen, die über Anspielungen konstituiert werden. Vergleichsmuster dieser Art treten in den Korpora deutlich seltener auf als andere Äquivalenzsetzungen, auch wenn Anspielungen auf das Apartheidszenario im zweiten Messzeitraum zunehmen (s. Anhang). Im Verhältnis dazu ist der Rückgriff auf Anspielungen in Bezug auf Empire und Kolonialismus wesentlich präsenter. Im ersten Messzeitraum wird auf das historische Täterkonzept allein über das Lexem Buren angespielt. 2014 spielen Schreiber auf den Apartheidstaat neben Buren vermehrt mittels Bantustan sowie durch Nennung südafrikanischer Politiker während der Apartheid an. In einigen Beiträgen werden Buren und Zionisten gleichgesetzt (Letztere teils als noch negativer bewertet) und als extreme Ausformung des Kolonialismus perspektiviert. Wie zu Anfang von IV.3 erwähnt, werden in beiden Messzeit333

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

räumen (im Gegensatz zu den Täterkonzepten) keine expliziten Vergleiche der Opferkonzepte erkennbar. Schreiber realisieren entsprechende Vergleiche durch onomastische Anspielungen auf das historische Opferkonzept, wobei hier vorrangig die Verwendung des Namens Nelson Mandela heraussticht. Dieser Rekurs ist im Apartheidkontext als frequentes Phänomen unter den onomastischen Anspielungen zu bezeichnen, welches besonders im zweiten Messzeitraum zunimmt (s. Anhang). Auch liegen gehäuft Bezüge zum ANC vor. Während im ersten Messzeitraum Äquivalenzsetzungen von Hamas (bzw. Palästinensern) und dem ANC (bzw. der indigenen Bevölkerung Südafrikas) primär über einen Umweg, nämlich über Äquivalenzsetzungen der Täterkonzepte zustande kommen, nehmen im zweiten Messzeitraum Vergleiche hinsichtlich des Umgangs mit den beiden Opferkonzepten über Anspielungen zu. Es ist ein Spezifikum von Guardian-Kommentaren, dass der Verweis auf entsprechende Namen und die Aktivierung damit zusammenhängender Szenarien (wie antikolonialer Widerstand im Falle einer Verwendung von Gandhi, s. IV.2.1) nicht immer mit einer Problematisierung israelischer, sondern auch palästinensischer Praxen zusammenfällt. Dennoch wird bei Nennung bspw. von Mandela im Nahostdiskurs das Szenario vom Kampf gegen die institutionelle Rassentrennung Südafrikas aktiviert und dieser als Antrieb der Praxen der Hamas perspektiviert. Aber auch wenn manche Schreiber Kritik am Hamas-Terror üben – der Großteil der Schreiber äußert jedoch Verständnis für Terror und deutet terroristische Aktivitäten in einen antirassistisch begründeten Freiheitskampf um. Im Zuge dessen wird behauptet, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Hamas international als legitime Widerstandsbewegung wahrgenommen werde und man ihre Praxen in eine Reihe antirassistischer, teils auch antikolonialer Bemühungen einreihen könne. Unabhängig davon, ob sie zur Repräsentantin einer legitimen, da antirassistischen Bewegung gemacht wird oder ihr Handeln problematisiert wird – die Hervorbringung von Apartheidvergleichen stellt eine Perspektivierung dar, die das antisemitische Fundament des Hamas-Terrorismus relativiert bis leugnet. IV.3.2.3 Auf den Umgang mit der Apartheid verweisende Vergleiche Wenn Schreiber politische Praxen Israels als Spiegelbild südafrikanischer Apartheidpolitik perspektivieren, so kann diese Äquivalenzsetzung auch über die Behauptung realisiert werden, es liege eine Parallelität hinsichtlich des Umgangs mit den Akteuren von außen vor (Kriterium 5). In 334

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

IV.1.3.4 habe ich bereits implizite Vergleiche vorgestellt, die sich auf den Umgang mit dem Nationalsozialismus beziehen (dort unter Kriterium 6 kategorisiert). Im Zuge dessen bringen Zeit-Kommentatoren die Ansicht zum Ausdruck, durch den moralischen Imperativ, sich mit der NS-Zeit kritisch zu beschäftigen, sei auch ein kritischer Umgang mit Israel und dem Nahostkonflikt notwendig. Durch eine behauptete Parallelität dieser Maximen wird indirekt auch eine Parallelität der Praxen (und damit der Täterkonzepte) unterstellt. Zur Etablierung der Apartheid realisieren Guardian-Kommentatoren implizite Vergleiche, die sich einerseits auf die Wahrnehmung bzw. den in ihren Augen feststellbaren Umgang einer (nicht immer spezifizierten) (Wir-)Gruppe mit den beiden Szenarien beziehen. Andererseits fordern sie einen Umgang bzw. äußern Lösungsvorschläge zur Bewältigung des Nahostkonflikts, deren Spezifika jenen Mitteln gleichen, die sich einst gegen die südafrikanische Apartheid richteten (zu den Vorschlägen von Schreibern, sich an der Bewältigung des Nordirlandkonflikts und somit am historischen Täterkonzept zu orientieren, s. auch IV.2.4). Alle hier vorgestellten Vergleiche, für die das Kriterium 5 gilt, speisen sich grundsätzlich aus jenen Vergleichsmustern, welche durch die Kriterien 1 bis 4 abgedeckt werden. Was die Vergleiche in diesem Unterkapitel von den vorherigen unterscheidet, ist die Fokussierung nicht auf die Täterund Opferkonzepte bzw. das diese verbindende Tertium Comparationis, sondern wie erwähnt die Thematisierung des Umgangs von außen: u. a. durch die Welt, den Westen, die Wir-Gruppe. Diese kommunikativ geleistete Ausweitung des ursprünglichen Referenzbereiches (Nahost- und Apartheidszenario) wird von Kommentatoren des Guardian in beiden Messzeiträumen frequent realisiert. Die Beschäftigung mit diesem Vergleichsmuster gestattet es zudem, die Konzeptualisierungen beider Szenarien durch die Schreiber tiefgehender zu beleuchten. Im ersten Beispiel realisiert der Schreiber einen expliziten Vergleich („just like“) hinsichtlich des Umgangs der USA und Großbritanniens mit den beiden Akteuren (Kriterium 1). Dieser Umgang wird als „Unterstützung“ perspektiviert. Die Regierungen besagter Länder hätten das „Apartheidregime“ gefördert und würden dies nun auch in Bezug auf Israel tun. Die Etablierung der Apartheid-Analogie wird eingangs noch gestärkt durch den gegen Israel gerichteten Rassismusvorwurf: (36) „thats racism and yet Cameron and Obama support Netanyahu and Israel, just like Britain and the US supported the apartheid regime in South Africa for decades.“ (Leserkommentar, The Guardian, 11.08.2014)

335

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Übereinstimmend mit dieser Perspektivierung Israels als eines vom Westen unterstützten Staates geht im Folgenden der Schreiber auf den Unterschied ein, dass Israel im Umgang mit einem sich abzeichnenden Boykott wegen seiner Stellung („far more substantial support in the western world“) einen SONDERSTATUS genieße: (37) „There was a time when supporting Apartheid was very mainstream in the western world just like support for Israel is now. However just like things changed for the Apartheid regime in South Africa, support for Israel will slowly fade too. Israel has far more substantial support in the western world now than the Apartheid regime ever had, but all that means is more work, effort and action is required by supporters of the Palestinian cause to turn this around. The Palestinian struggle is just and fair. The murder of children has to stop one day.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

In diesem Beispiel wird die Apartheid-Analogie in den ersten beiden Sätzen über zwei explizite Vergleiche etabliert: zum einen hinsichtlich einer von der „westlichen Welt“ ausgehenden „Unterstützung“ (Kriterium 1, gestärkt durch Wortwiederholung à Kriterium 3 sowie durch Zeitangaben „[t]here was a time“ und „now“), andererseits hinsichtlich des Rückgangs ebendieser „Unterstützung“, die sich seinerzeit in Bezug auf Südafrika abzeichnete und nun gemäß dem Schreiber auch Israel erwarte (Kriterium 1). Der erste explizite Vergleich wird im dritten Satz durch einen impliziten Komparativvergleich ergänzt, da der Schreiber eine Sonderstellung Israels behauptet („far more substantial support in the western world now than the Apartheid regime ever had“), wodurch die Israel unterstellten Verbrechen als noch schwerwiegender als die Südafrikas perspektiviert werden. Zudem wird hierdurch das antisemitische Stereotyp des AFFIRMATIVEN UMGANGS DER POLITIK reproduziert. Im zweiten Teil des Kommentars wird die Problematisierung der unterstellten Verhältnisse in Nahost ersetzt durch eine Forderung nach nicht spezifizierter Veränderung „to turn this around“ (s. hierzu insbesondere den zweiten Teil dieses Unterkapitels). Der Schreiber rechtfertigt den palästinensischen „Kampf“, den er als „just and fair“ positiv evaluiert, durch die Verwendung des Lexems „struggle“ (bei gleichzeitiger Vermeidung von „terror“), was erneut auf eine implizite Aufwertung der Hamas als Widerstandsbewegung sowie eine Relativierung von antisemitischem Terror schließen lässt (s. III.3.3). Final reproduziert der Schreiber das Stereotyp des KINDERMORDES, wodurch seine Forderung nach einem Boykott noch gestützt wird. Auch im nächsten Korpusbeispiel werden Problematisierung und Lösungsvorschlag gemeinsam kommuniziert. Vorerst behauptet der Schreiber, Europa würde Israel als „normales Land“ behandeln und es damit darin bestärken, das zu tun, was es wolle. Vielmehr sollte es Israel jedoch als 336

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

„Schurkenstaat“ behandeln (s. III.3.5), welcher mit der südafrikanischen Apartheid vergleichbar sei („as South Africa under Apartheid“, Kriterium 1). Daraufhin wird ein gegen Israel verhängtes „Wirtschaftsembargo“ vorgeschlagen: (38) „Europe too is encouraging Israel to do what they want by treating Israel as a normal state, not a rogue state as South Africa under apartheid. Israel is not a normal country and Europe should impose an economic embargo on it.“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

Das folgende Beispiel demonstriert, dass im Guardian-Kommentarbereich über besagte Problematisierung nicht immer nur wirtschaftliche Sanktionen, sondern auch kriegerische Handlungen gegen Israel als Lösungsoption perspektiviert werden (erneut werden Problematisierung und Lösungsvorschlag miteinander verbunden): (39) „Its the same catastrophe as Apartheid South Africa, when the west (USA & UK) fully supported the regime. Freedom came when the west withdrew their support & threatened full sanctions against the Apartheid regime. An alternative scenario is that democracy comes to Arabia/Egypt/Jordan and allout war with Israel.“ (Leserkommentar, The Guardian, 06.08.2014)

Vorerst spricht der Schreiber von einer „vollen Unterstützung“ Israels durch die USA und Großbritannien. Diesbezüglich realisiert er einen expliziten Vergleich Israels mit dem historischen Täterkonzept (Kriterium 1). Daraufhin verweist er auf „volle Sanktionen“, wie sie seinerzeit Südafrika angedroht wurden. „Alternativ“ nennt er die Option198 einer „Demokratisierung“ der arabischen Anrainerstaaten und eines (von diesen ausgehenden) umfassenden Krieges gegen Israel. Der Leser kann inferieren, dass fehlende demokratische Strukturen besagte Staaten davon abhalten würden, Israel anzugreifen – eine Vorstellung, die wiederum anschlussfähig ist für die Behauptung, die Diktaturen der Region würden Israel wohlgesinnt gegenüberstehen. Durch die prognostizierte Möglichkeit ____________________ 198

Der Schreiber fasst „Demokratisierung“ und „Krieg“ zwar nicht explizit als Lösungsvorschlag, sondern als Möglichkeit – allerdings wird dem Leser durch den Kotext klar, dass ebendiese Möglichkeit vom Schreiber gutgeheißen wird: Einerseits perspektiviert er das mit dem „Apartheidregime“ Südafrikas verglichene Israel eingangs mittels „Katastrophe“, andererseits werde besagter Krieg von der Etablierung demokratischer Strukturen eingeleitet. Letztere werden im Zusammenhang mit „Sanktionen“ genannt, die wiederum in Bezug auf Südafrika „Freiheit“ gebracht haben. Insofern weisen positiv sowie negativ konnotierte Lexeme in diesem Korpusbeispiel auf eine indirekte Befürwortung dieser Möglichkeiten vonseiten des Schreibers hin.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

eines Krieges, der an entsprechende Phasen israelischer Geschichte erinnert, wird offenbar, dass der Schreiber die Angriffskriege, die seit der Staatsgründung Israels 1948 immer wieder die Existenz des jüdischen Staates und seiner Bevölkerung gefährdeten, ignoriert. Einen „umfassenden Krieg“ als Konfliktlösung und Aussicht auf Frieden zu perspektivieren demonstriert, dass sich (weiter unten separat aufgeführte) Lösungsvorschläge für den Nahostkonflikt nicht in einem Waren- oder kulturellen Boykott Israels erschöpfen. Darüber hinaus deutet dies auf eine Haltung des Schreibers hin, die über simple Abneigung israelischer Politik weit hinausgeht. Im Folgenden wird über Wortwiederholungen ein impliziter Vergleich hinsichtlich des bisherigen Umgangs einer nicht spezifizierten WirGruppe vermittelt (Junktorersatz à Kriterium 3): (40) „We can speak of African genocide and African apartheid, but we can never use ghetto, genocide or apartheid in reference to Israel with respect to Gaza?“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

Neben der Wiederholung der Lexeme „apartheid“ und „genocide“ sowohl hinsichtlich Südafrika als auch Israel werden israelische Praxen in Gaza mittels Apartheid attribuiert (auch Kriterium 1). Der Schreiber fordert zudem indirekt (im Rahmen einer rhetorischen Frage), man solle Israel über ebendiese Zuschreibungen perspektivieren (erneut Junktorersatz à Kriterium 3). Durch den Rückgriff auf diese Sprechhandlung unterstellt er indirekt ein KRITIKTABU gegenüber Israel. Die in dem Beispiel erkennbare enge Verzahnung von Attribuierung und Wortwiederholung wird auch im Folgebeitrag erkennbar: (41) „I told the world what I felt about South African apartheid and I will tell the world what I feel about Israeli apartheid.“ (Leserkommentar, The Guardian, 08.08.2014)

Die Wortfolge „I told the world what I felt about […] apartheid“ wird nahezu exakt mit „I will tell the world what I feel about […] apartheid“ wiederholt. Die hierüber indirekt als konsistent ausgewiesene Haltung des Schreibers lässt den Leser die Implikatur ziehen, es liege vergleichbares Unrecht vor. Im Folgenden werde ich eine Auswahl an Kommentaren vorstellen, bei denen ebenso implizite Apartheidvergleiche bezogen auf den Umgang mit den Täterkonzepten realisiert werden. Der Unterschied liegt indes darin, dass es nicht um die o. g. Problematisierung geht, sondern Lösungsvorschläge im Sinne eines Umgehens mit einem Problem oder gar Verbrechen in den Mittelpunkt der Äußerungen rücken. Diese Lösungsvorschlä338

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

ge beziehen sich zumeist auf „ökonomische Sanktionen“ – wie im folgenden Beispiel: (42) „The civilised world should consider economic sanctions against the apartheid, colonising regime of Israel until it agrees to comply with the UN resolutions and withdraw to 1967 borders. US and its poodle, the UK should also join in the boycott“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.12.2012)

Ein wirtschaftlicher Boykott sei gemäß dem Schreiber der richtige Umgang bzw. die Lösung gegen jenes Unrecht, welches von einem präsupponierten „kolonialistischen Apartheidregime“ ausgehe. Ein expliziter Vergleich kommt über eine Attribuierung Israels mittels „apartheid“ zustande (Kriterium 1). Des Weiteren ist hier auffällig, dass Apartheid erneut zusammen mit Kolonialismus kommuniziert wird, was wieder Zeugnis davon ablegt, wie sehr diese beiden Konzepte bei Schreibern besagter Kommentare ineinander verzahnt vorzuliegen scheinen (s. IV.3, s. auch IV.2.2). Bemerkenswert ist des Weiteren einerseits die beiläufige Adressierung der „zivilisierten Welt“, aus der Israel implizit ausgeschlossen wird (s. III.3.5). Andererseits fördert die Perspektivierung der britischen Wir-Gruppe mittels der Metapher Pudel (kontextbedingt mit Schoßhund zu übersetzen) die Lesart, der Schreiber konzeptualisiere die britische Rolle gegenüber jener der USA als unterwürfig (s. III.2.4.4). Auch wird von Schreibern ein kultureller Boykott eingefordert. Der Apartheidvergleich kommt im Folgenden durch Attribuierung sowie einen explizierten Junktor zustande (Kriterium 1). Auffällig ist außerdem, dass beide Täterkonzepte personifiziert werden, indem das historische Täterkonzept mittels „great friend“ perspektiviert wird (s. III.2.4.4): (43) „Apartheid Israel deserves full sanction including cultural ones as was imposed upon it’s great friend Apartheid South Africa.“ (Leserkommentar, The Guardian, 08.08.2014)

Die in den Beiträgen explizierten Boykottaufrufe werden allerdings nicht immer hinsichtlich des Bereiches präzisiert, in dem sich der Boykott vollziehen soll. Waren bisher Vorschläge auszumachen, fordert der Schreiber des nächsten Beitrags einen Boykott geradezu ein. Gerechtfertigt wird dieser durch einen expliziten Vergleich (Junktor „the same way“, Kriterium 1): (44) „Boycott Israel. Treat it the same way that South Africa was over apartheid Meet these conditions then we can get on with the important work of repairing the psychological damage that has been caused and breaking down fundamentalist thinking as a pathway toward genuine global co-existence“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.12.2012)

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Neben dem expliziten Apartheidvergleich rechtfertigt der Schreiber seine Forderung mittels Verweis, die aus dem gegenwärtigen Konflikt entstandenen „psychologischen Schäden“ „reparieren“, „fundamentalistisches Denken“ beseitigen und einer „echten globalen Koexistenz“ den Weg bereiten zu wollen. Neben der auf diesem Wege implizit vermittelten Selbstlegitimierung (durch Distanzierung von negativ evaluierten Sachverhalten, s. III.3.1) werden über diese Äußerungen Israel indirekt die genannten negativen Aspekte zugeschrieben, was ebenso einer Leugnung von Terror und Antisemitismus auf palästinensischer Seite gleichkommt (s. III.3.3). Auch wird bei Boykottaufrufen eine Differenzierung zwischen westlichen Staaten (allen voran die USA) und „[t]he people“ vorgenommen. Im Folgenden trägt der Schreiber vorerst eine indirekte Forderung gegenüber der Europäischen Union vor. Sodann adressiert er eine nicht spezifizierte Gruppe, sich an einem „weitreichenden Boykott“ zu beteiligen, der „in gleicher Weise“ gegenüber dem historischen Täterkonzept realisiert wurde (Kriterium 1): (45) „If the US is too gutless and too in thrall to the Zionist lobby to censor, chastise or even seriously counsel Israel then the EU simply must pick up the slack. The people should do likewise with a widely taken-up boycott, in the same vein as that against apartheid-era South Africa.“ (Leserkommentar, The Guardian, 08.08.2014)

Neben der die Apartheid-Analogie etablierenden unterstellten Parallelität im Umgang mit Südafrika ist an diesem Beitrag auffällig, dass die Staaten personifiziert werden („too gutless and too in thrall“; „must pick up the slack“), zudem wird das Stereotyp einer JÜDISCHEN WELTVERSCHWÖRUNG reproduziert, indem der Schreiber die USA in der Rolle eines „Leibeigenen“ der „Zionistenlobby“ perspektiviert. Eine imaginierte Kontrolle der USA führe erst zur Notwendigkeit, dass andere Gruppen hinsichtlich eines antiisraelischen Boykotts adressiert werden. Der geforderte ökonomische Boykott, der nicht per se Israels Existenz infrage stellen würde, ist allerdings als nur eine Variante zu bezeichnen, wie sich Guardian-Kommentatoren eine „Lösung“ des Nahostkonflikts bzw. die Beseitigung der von ihnen unterstellten Apartheidstrukturen vorstellen. In vielen Beiträgen explizieren Schreiber ihren Wunsch nach Israels Ende, seiner Zerstörung, die aus seiner Charakterisierung als Apartheidstaat notwendig werde (im Folgenden Vergleich durch Attribuierung à Kriterium 1): (46) User A: „If we accept Israel has a right to exist“ User B: „What if we don’t? Israel is by its very nature a militarised apartheid state, and the sooner the state machine is destroyed the better, so that it can

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IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian be replaced by a unitary secular and democratic state, open to Jews, Muslims, Christians, and anyone else who wishes to live there“ (Leserkommentare, The Guardian, 17.11.2012)

Dem Versuch von User A, die Existenzfrage aus der Diskussion auszuschließen, wird von User B klar widersprochen, indem dieser die illegitime „Natur eines militarisierten Apartheid-Staates“ und damit die Notwendigkeit unterstreicht, die „state machine“ zu beseitigen. Der Leser kann die Implikatur ziehen, dass genannte Eigenschaften fester Bestandteil des israelischen Staates seien. Das Israel unterstellte Handeln könne nicht korrigiert werden – allein eine vollständige Auflösung des jüdischen Staates beende die unterstellten Verbrechen in der Region. Kommentare wie dieser sind anschlussfähig für die in IV.3.2.2 erläuterte Perspektivierung der Hamas als progressive Freiheitsbewegung, welche die Gründung eines alle Religionen und Ethnien umfassenden Staates anstreben würde.199 Der Wunsch nach Beseitigung Israels wird von manchen Schreibern durchaus problematisiert, indem sie darauf hinweisen, dass – im Gegensatz zum internationalen Widerstand gegen die südafrikanische Apartheid (bei dem lediglich die Beseitigung der Rassentrennung und nicht die des Staates Südafrika gefordert wurde) – Israel heute gänzlich delegitimiert wird. In (47) weisen beide Schreiber ebendiese Kritik zurück, ohne auf sie näher einzugehen (geschweige denn die Konsequenzen der Auflösung Israels für die jüdische Bevölkerung des Landes zu berücksichtigen). User B unterstreicht vielmehr seinen Wunsch nach diesem Szenario, indem er einen Artvergleich zwischen den Täterkonzepten expliziert und über die Verwendung des Lexems Bantustans zudem eine onomastische Anspielung auf die südafrikanische Apartheid realisiert (s. IV.3.2.2, Kriterien 1 und 4). Zwar bringt er eine Einschränkung hervor, was von Südafrika verschwand („[t]he end […] as an apartheid state“) und von Israel verschwinden sollte – allerdings würde dies aus o. g. Gründen angesichts der Bedro____________________ 199

Schreiber werben häufig für eine Beseitigung allein der unterstellten Apartheidstrukturen, nicht eine Zerstörung des israelischen Staates. Sie sprechen sich für einen multiethnischen Staat aus, in dem verschiedene Religionen Platz haben würden und in dem der von ihnen behauptete institutionelle Rassismus beseitigt werden würde. Aufgrund der demografischen Verhältnisse und Entwicklungen in der Region sowie der Präsenz von Antisemitismus in muslimischen Gemeinschaften würde dies allerdings dazu führen, dass jüdische Israelis nicht nur zu einer Minderheit im Staate, sondern auch zu Verfolgten werden würden – einer Konstellation, der Juden über Jahrhunderte ausgesetzt waren und der sie durch die Gründung des jüdischen Staates zu entkommen suchten.

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

hungslage Israels ähnliche Folgen für jüdisches Leben in der Region haben (s. Fußnote 199): (47) User A: „Did opponents to [South African, M. B.] regime wish to see the end of South Africa as a state? NO. Big difference.“ User B: „The end of South Africa as an apartheid state, with accompanying patchwork of Bantustans, yes. Just like Israel, really.“ (Leserkommentare, The Guardian, 17.11.2012)

Die Forderung nach einer Beseitigung des israelischen Staates stellt einen wesentlichen Unterschied zu Boykottaufrufen dar, der letztlich erneut belegt, dass es nicht um einen Boykott bzw. durch diesen herbeigeführte Reformen, sondern um den jüdischen Staat an sich geht (s. hierzu auch die in (39) skizzierte Möglichkeit eines Angriffskrieges vonseiten arabischer Nationen). Die Beseitigung Israels kann aber auch auf eher neutrale Weise gewünscht werden. Entsprechend schlägt der Schreiber des nächsten Beitrags die Gründung eines Staates namens Palästina vor, in welchem Israel sowie Gaza und das Westjordanland integriert werden würden: (48) „Israel has already destroyed Palestine by creating the Bantustans of Gaza and the West Bank. The indigenous Palestinians never agreed to the carving up of Palestine by Apartheid Israel. As with South Africa, post Apartheid Israel, the Bantustans should be reintegrated into Palestine proper, which would include Israel, Gaza and the West Bank. It really is quite simple.“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

Der Schreiber behauptet, durch die unterstellte Gründung von „Bantustans“ (zweimalig verwendete onomastische Anspielung à Kriterium 4) habe Israel „Palästina“ „zerstört“. Folglich präsupponiert er, es habe vor 1948 einen palästinensischen Staat gegeben. Dies wird auch deutlich, indem er das Präfix re- in „reintegrated into Palestine proper“ gebraucht. Außerdem greift der Schreiber einerseits auf die Lexeme Südafrika und Apartheid zurück (Letzteres zweimal als Attribut für Israel) und expliziert einen Junktor zwischen beiden Täterkonzepten („as“) (Kriterium 1). Über die Wortverbindung „The indigenous Palestinians“ wird in Verbindung mit „the carving up of Palestine“ zudem implizit der Anspruch jüdischer Israelis auf einen Staat in dieser Region delegitimiert (zur Gegenüberstellung indigen und fremd s. IV.2.2). Auch im folgenden, sprachlich neutral gehaltenen Beitrag wird die Zerstörung Israels vorgeschlagen. Der Schreiber spricht zwar vorerst nicht von einer Israel beseitigenden Gründung Palästinas, jedoch tritt er für einen multiethnischen Staat ein, ohne die bereits erwähnten, in einem solchen Fall eintretenden existenziellen Gefahren für jüdische Israelis zu berücksichtigen: 342

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian (49) „I want the development of Israel, from being an apartheid state with sectioned off Bantustans (Gaza and the West Bank) with limited ‚home rule‘, just like apartheid South Africa, into a reintegrated Israel/Palestine predicated on universal franchise irrespective of ethnicity, just like post-apartheid South Africa. Eradication of Apartheid is a noble aim.“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

Die Äquivalenzsetzung kommt erneut über die Anspielung Bantustans (Kriterium 4), über Attribuierung („apartheid state“) sowie zweimalig über explizite Artvergleiche zwischen den Täterkonzepten („just like apartheid South Africa“; „just like post-apartheid South Africa“, Kriterium 1) zustande. Final legitimiert der Schreiber seinen Wunsch nach „Vernichtung der Apartheid“, indem er selbigen als ein „edles Ziel“ perspektiviert (s. III.3.1). Vergleiche, die sich auf Lösungsvorschläge beziehen, müssen jedoch nicht immer mittels Junktor eingeleitet werden. Im nächsten Beitrag wird der Vergleich von Israel und dem Apartheidstaat allein über einen Junktorersatz in Form von Wortwiederholungen eingeleitet (Kriterium 3): (50) „[…] the objective of seeing the State of Israel being ‚removed from history‘, much the same way that apartheid South Africa has been ‚removed from history‘.“ (Leserkommentar, The Guardian, 17.11.2012)

In dem Beispiel wird die Apartheid-Analogie durch die Wiederholung exakt derselben Wortwahl etabliert. Der Schreiber fordert, Israel, wie es nach Unterstellung gegenwärtig verfasst sei, solle wie das südafrikanische Apartheidregime „aus der Geschichte entfernt“ werden. Der implizite Vergleich über Wortwiederholungen wird zudem gestärkt durch eine weitere, den Junktor ersetzende Formulierung („much the same way“). Schreiber adressieren mit ihren Forderungen nach einem Boykott nicht allein Regierungen oder eine nicht näher spezifizierte Gruppe von Menschen – auch andere Leser werden angesprochen, indem ihnen klare Handlungsanweisungen gegeben werden, die ebenso gegen die südafrikanische Apartheid in Anschlag gebracht wurden: (51) „To those like me outraged at what the apartheid state of Israel is doing to the Palestinians and want to help the easiest thing to do is to stop buying Israeli goods. It worked against South Africa and it will work against Israel. Don’t sponsor their crimes by buying their goods!“ (Leserkommentar, The Guardian, 15.11.2012) (52) „However that does not stop us as individuals refusing to buy products from Israel. I aways check where fruit and vegetables come from in particular. I was happy to note a box of containers of fresh figs from Israel in Sainsburys the other week all up to their sell by date and none sold. Our Supermarkets wont import foodstuffs from Israel if we dont buy them. Watch for things

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien like packs of three peppers though as sometimes one of those has come from Israel and maybe two from Holland. South Africa’s apartheid regime was defeated by ordinary people.“ (Leserkommentar, The Guardian, 01.12.2012)

In beiden Beiträgen kommt eine Äquivalenzsetzung des Umgangs (und damit der Szenarien sowie der Täterkonzepte) durch parallel angeführte Handlungsmuster zustande. In (51) operiert der Schreiber mit exakt derselben Wortwahl („It worked against South Africa and it will work against Israel“, Kriterium 3). Zusätzlich attribuiert er Israel mit „apartheid“ (Kriterium 1). In (52) hingegen wird detailliert das Konsumverhalten von Menschen thematisiert bzw. vorgeschlagen, wie sich hierbei ein Boykott israelischer Waren gestalten kann. Final deutet der Schreiber mittels „South Africa’s apartheid regime was defeated by ordinary people“, dass auch das Konsumverhalten „einfacher Leute“ eine Wirkung entfalten könne. Der Leser kann inferieren, dass sich das Handeln von „ordinary people“ auf beide Szenarien bezieht, insofern beide Szenarien in ihrer Dimension vergleichbar seien (Junktorersatz àKriterium 3). Im nächsten, über ein hohes Persuasionspotenzial verfügenden Beitrag kommt es erneut zu einer Verzahnung der Kriterien 1 und 3. Einerseits wird das (zu Anfang des Kommentars zweimal explizierte) Täterkonzept mittels Apartheid attribuiert, andererseits verwendet der Schreiber Wortwiederholungen, um eine Vergleichbarkeit hinsichtlich der Wahrnehmung beider Szenarien durch die „Welt“ zu implikatieren: (53) „Im tired of headlines reading ‚Israel retaliates to rockets‘ when palastinians are constantly forced to defend themselves against Israeli aggression, it is like reading an article that says ‚2 year old retaliates by throwing its lollipop at several grown men that repeatedly kid him in the head‘ and expecting us to feel bad for the man who got hit with the lollipop, after the south african apartheid the world said never again so why are we in this position again where half the world seems to support apartheid and genocide […]“ (Leserkommentar, The Guardian, 16.11.2012)

Im ersten Kommentarteil vergleicht der Schreiber explizit einen realen (zum Nahostkonflikt) mit einem fiktiven Medienbericht hinsichtlich unterstellter verzerrender Darstellungsweisen. Aus dieser Vergleichbarkeit wiederum resultiert ein impliziter Vergleich zwischen den beschriebenen Sachverhalten, d. h. zwischen Palästinensern bzw. der sich „zur Wehr setzenden“ Hamas und einem „2 Jahre alten“ Kind. Dieser Exkurs kann nicht nur eine hohe Emotionalisierung der Leserschaft zur Folge haben – der Schreiber perspektiviert Erstere zudem relativierend als eine ohnmächtige und damit unschuldige Gruppe, die sich kaum zur Wehr setzen könne (zu Verklärungen dieser Art s. Kohl 1998). Diese Terrorrelativierung gegenüber der Hamas kann als quasi-rassistische Äußerung gedeutet werden, 344

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

gemäß derer Palästinenser entschuldend mit Kindern gleichgesetzt werden, die der Gewaltanwendung von Erwachsenen schutzlos ausgeliefert seien. Israels Aktionen hingegen müssen vor diesem Hintergrund nicht nur unverhältnismäßig, sondern auch unmoralisch erscheinen. Mit der Formulierung „I[’]m tired of headlines“ legt der Schreiber des Weiteren nahe, dass die sich anschließende Tatsache („Israel retaliates to rockets“) eine permanent beobachtbare Verzerrung des Nahostkonflikts darstelle, die symptomatisch für einen AFFIRMATIVEN UMGANG DER MEDIEN GEGENÜBER ISRAEL stehe. Zudem wird ein Opferstatus der Israelis angedeutet („expecting us to feel bad for the man who got hit with the lollipop“). Am Ende des Kommentars referiert der Schreiber schließlich auf die südafrikanische Apartheid und die Haltung der „Welt“, die erneut rechtfertigend herangezogen wird (s. III.3.2). Diese habe über den Ausspruch „niemals wieder“ in der Vergangenheit signalisiert, sich jeder Form einer vergleichbaren institutionellen Segregation entgegenzustellen. Heute aber werde von der „Hälfte der Welt“ Apartheid und „Völkermord unterstützt“, wobei der Schreiber hier implizit auf den im Kommentar adressierten Nahostkonflikt referiert. Die Äquivalenzsetzung der Täterkonzepte, die am Ende des Kommentars Erwähnung finden, verläuft hier insofern erneut über die behauptete Parallelität eines Umgangs mit den jeweiligen Staaten von außen. Als auf die Gefahr hingewiesen wird, von einer Kritik an Israel in einen antisemitischen Diskurs abzugleiten, reagiert ein Schreiber – teils vermittelt über rhetorische Fragen – mit Verweis auf die Notwendigkeit der Kritik. Die Vergleichbarkeit beider Täterkonzepte kommt über Wortwiederholungen hinsichtlich des Umgangs mit selbigen zustande („criticis[e] the South African government“, „criticism of Israel“, Kriterium 3): (54) „Did anyone ever say we shouldn’t criticism the South African government during apartheid in case it made people hate south Africans ? while racism of any kind is to be condemned certainly criticism of Israel should not be silenced, to ask for silence on this is absurd. What is driving antisemitism is anger at Israels actions. Very strong international criticism of Israel might change isreals actions long term.“ (Leserkommentar, The Guardian, 07.08.2014)

Die Apartheid-Analogie wird durch die unterstellte Parallelität des Umgangs mit beiden Staaten („criticism“ = Tertium Comparationis) etabliert. Diese Kritik sei auch in Bezug auf die Segregationspolitik Südafrikas notwendig und legitim gewesen. Der Schreiber reproduziert zudem das Stereotyp von ISRAELS SCHULD AM ANTISEMITISMUS („What is driving antisemitism […]“), welches ihm im Zuge seiner Perspektivierung Israels 345

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

als Apartheidstaat plausibel erscheinen muss. Der Beitrag demonstriert des Weiteren die Gleichgültigkeit, mit der Schreiber dem Aufkommen antisemitischen Hasses begegnen, solange es als Folge von „Kritik“ an Israel verstanden werden kann. Hasserfüllte Reaktionen durch die internationale Gemeinschaft auf die unterstellte Unrechtspolitik des jüdischen Staates werden sogar gerechtfertigt, weil gemäß den Schreibern nur diese Israel zum Einlenken bewegen werden. Der letzte hier vorgestellte Beitrag weist einen impliziten Vergleich auf, dessen Junktorersatz sich aus der Sprechhandlung einer Aufforderung konstituiert (Kriterium 3): (55) „Now is the time to learn the lessons of Apartheid South Africa and exclude Israel from cultural and sporting events and boycott its produce“ (Leserkommentar, The Guardian, 08.08.2014)

Der Schreiber präzisiert nicht, von wem er Lernprozesse und einen „Ausschluss“ Israels verlangt. Der Boykott solle sich auf kultureller, sportlicher und wirtschaftlicher Ebene vollziehen. Der Leser kann mittels Weltwissen inferieren, dass historische „Lektionen“ dann relevant sein würden, wenn sich in der Gegenwart etwas Vergleichbares abspielt. Durch den Teilsatz „learn the lessons of Apartheid South Africa“ wird insofern ein impliziter Artvergleich hinsichtlich der beiden Szenario und infolgedessen der beiden Akteure Apartheidstaat und Israel realisiert. Zwischenfazit In diesem Abschnitt habe ich Äußerungen erläutert, bei denen Äquivalenzsetzungen zwischen Südafrika und Israel über einen Umweg realisiert werden: Schreiber unterstellen eine Parallelität hinsichtlich des Umgangs mit den Akteuren Südafrika und Israel von außen (Kriterium 5). Zum einen werden Vergleiche hinsichtlich der Wahrnehmung bzw. des in ihren Augen feststellbaren Umgangs einer (Wir-)Gruppe mit den beiden Akteuren realisiert; zum anderen werden Forderungen in Bezug auf einen als legitim perspektivierten Umgang bzw. Lösungsvorschläge zur Bewältigung des Nahostkonflikts laut – Letztere gleichen jenem Umgang, der einst hinsichtlich der südafrikanischen Apartheid gewählt wurde. In beiden Fällen kann der Leser inferieren, dass bei einer Vergleichbarkeit im Umgang eine Übereinstimmung im Wesen der beiden Staaten vorliegen müsse. Die mit diesen Umweg-Vergleichen einhergehende Ausweitung der Referenzbereiche Nahost- und Apartheidszenario lässt sich in beiden Messzeiträumen beobachten (s. Anhang). 346

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

Bei Vergleichen hinsichtlich eines als negativ evaluierten Umgangs von außen, die insbesondere im zweiten Messzeitraum erfasst werden konnten, sind Äquative, teils auch Komparativvergleiche feststellbar – bei Ersteren würden der Westen bzw. westliche Länder erneut Israel unterstützen, so wie sie einst Südafrika unterstützt haben; bei Letzteren sind Schreiber der Auffassung, dass Israel umfassendere Unterstützung als einst Südafrika erhalte. Der hierbei von Schreibern u. a. vorgetragene Verweis auf Großbritannien im Apartheidszenario lässt erkennen, dass sie sich über die in IV.3 erwähnte Mitverantwortung Großbritanniens hinsichtlich der Apartheid im Klaren sind. Vergleiche hinsichtlich des Umgangs von außen können auch implizit, i. d. R. über einen Junktorersatz, vermittelt werden. Häufig verzahnen sich verschiedene Vergleichsmuster ineinander. In vielen Beispielen wird eine unterstellte, mit der Ära der Apartheid verglichene Unterstützung Israels durch den Westen mit Lösungsvorschlägen verbunden, die sich i. d. R. um wirtschaftliche Sanktionen, aber auch um gegen Israel gerichtete kriegerische Handlungen drehen. Vergleiche hinsichtlich eines von Schreibern positiv evaluierten internationalen Umgangs mit dem Apartheidstaat beziehen sich i. d. R. auf den Boykott, der u. a. zu einem Einlenken der damaligen südafrikanischen Regierung führte. Dementsprechend werden über diese Vergleiche Lösungsvorschläge kundgetan, die Schreiber insbesondere mittels der Sprechhandlungen Aufforderung und Ratschlag kommunizieren. 2014 räumen Schreiber neben der Möglichkeit eines wirtschaftlichen auch vermehrt die eines kulturellen und akademischen Boykotts ein. Sanktionen sollen sich infolgedessen ebenso auf andere Bereiche beziehen, wodurch wiederum Israel vollständig isoliert werden solle, denn dies sei für die Beseitigung der Apartheid zentral gewesen. Wenn im Kontext von Boykottbestrebungen israelbezogener Antisemitismus ausgemacht werden könne, so sei dieser gemäß den Schreibern auf Israels Apartheid zurückzuführen. In Übereinstimmung mit diesen Konzeptualisierungen nimmt 2014 die Zahl der Stereotypreproduktionen zu. Besonders stark sticht neben dem Stereotyp von ISRAELS SCHULD AM ANTISEMITISMUS jenes vom AFFIRMATIVEN UMGANG DER POLITIK MIT ISRAEL heraus. Es werden auch Wünsche nach der vollständigen Beseitigung Israels als jüdischen Staates laut. Zum einen werden kriegerische Interventionen gefordert; zum anderen geschieht dies neutral, indem Schreiber als Lösung für den Nahostkonflikt die Auflösung unterstellter Apartheidstrukturen, die Gründung eines multiethnischen Staates sowie die Etablierung von Demokratie und Freiheit vorschlagen. Eine genaue Skizzierung entsprechender Szenarien und deren Konsequenzen wird indes nicht vorgenom347

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

men. Die schwerwiegenden Folgen eines Fehlens israelischer Sicherheitsstrukturen für die jüdische Bevölkerung werden (trotz teilweiser Problematisierung durch andere Kommentatoren) vielmehr zurückgewiesen. In beiden Messzeiträumen veranschaulichen die simplifizierenden Lösungsvorschläge der Guardian-Kommentatoren – neben der verzerrenden Etablierung der Apartheid-Analogie –, wie sehr sie den Konflikt und die Realitäten vor Ort verkennen. Die Dämonisierung der israelischen wird begleitet vom Whitewashing der palästinensischen Seite. Terroristische Handlungen Letzterer werden teils positiv evaluiert, in vielen Fällen gerechtfertigt. Die teils feststellbare Terrorrelativierung gegenüber der Hamas nimmt quasi-rassistische Züge an, wenn Palästinenser als unmündig und/oder ohnmächtig, teils gar als Kinder dargestellt werden, die versuchen, sich der Gewalt zu erwehren. 2014 bezweifeln Schreiber immer häufiger die tatsächliche Präsenz von Terror, indem sie die Praxen der Hamas durch Bezug auf antirassistischen Widerstand umdeuten. Falls sie die Präsenz von Terror doch anerkennen, versuchen sie, den Hass auf Israel zu rechtfertigen. Sie tendieren teils dazu, die Ziele der Hamas zu verklären, indem sie behaupten, nach Auflösung Israels solle ein konfessionsübergreifender Staat gegründet werden. Das fundamentalistische sowie antisemitische Fundament des HamasTerrorismus wird infolgedessen relativiert bis geleugnet. Bei Appellen adressieren Schreiber nicht nur den Westen, westliche oder arabische Staaten, sondern differenzieren auch zwischen Staaten (allen voran die USA) und „[t]he people“. Entsprechend werden anderen Kommentatoren unter Verweis auf Lernerfahrungen im Umgang mit der Apartheid klare Handlungsanweisungen u. a. hinsichtlich ihres Konsumverhaltens gegeben. In beiden Messzeiträumen zeigt sich, dass die Apartheid-Analogie als Rechtfertigung für den Wunsch nach Boykott oder gar einer Zerstörung des jüdischen Staates herangezogen wird. Keine andere Israel dämonisierende Analogie wird in den Guardian-Subkorpora beider Jahre dermaßen frequent etabliert, um entsprechende Wünsche bzw. Verwünschungen einzubetten. Dies kann mit der Nähe dieses nicht weit zurückliegenden Szenarios und seinem hohen Emotionspotenzial sowie dem milieuspezifischen Bekenntnis zusammenhängen, bei eindeutigen Formen von Rassismus zu intervenieren.

348

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

IV.3.3

Fazit

Neben Empire- und Kolonialismus-Analogien wird im Guardian-Kommentarbereich in beiden Messzeiträumen besonders die Apartheid-Analogie etabliert. Das Wissen um die Mitverantwortung Großbritanniens im Zusammenhang mit der Entstehung und Aufrechterhaltung der institutionellen Rassentrennung Südafrikas im kollektiven Gedächtnis der britischen Gesellschaft stellt den Grund dar, weshalb ich in dieser Arbeit zu Analogien der „Vergangenheitsbewältigung“ den damit verbundenen Sprachgebrauchsmustern nachgehe. Bedingt durch die Bekanntheit dieses Kapitels britischer Großmachtpolitik besonders im linken Milieu Großbritanniens, dessen Prominenz innerhalb Empire- und kolonialismuskritischer Debatten, lassen sich jene Funktionen ausmachen, die auch in Bezug auf die in IV.2 vorgestellten Empire- und Kolonialismus-Analogien feststellbar sind. Bei der Etablierung der Apartheid-Analogie repräsentiert Großbritannien (trotz des Wissens über besagte Mitverantwortung in Bezug auf die Apartheid) nicht explizit das Täterkonzept. Seine in V.3 erwähnte Rolle ist freilich weniger transparent als bei der in IV.2 untersuchten Thematisierung des britischen Weltreiches. Insofern relativieren entsprechende Äquivalenzsetzungen historisches Unrecht, ohne dass eine Verantwortung expliziert werden muss. Die hohe Frequenz, mit der entsprechende Äquivalenzsetzungen realisiert werden (s. Anhang), legt einen hohen Grad an Habitualisierung nahe. Dies mag u. a. auch damit zusammenhängen, dass Schreiber dies im vorliegenden Falle über ein verhältnismäßig aktuelles und infolgedessen emotionalisierendes Unrechtszenario tun, welches wahrscheinlich in einen Teil der Lebensspanne vieler Schreiber hineinfällt. Das rassistische Fundament des Apartheidstaates kann aufgrund der zeitlichen Nähe und medialen Wiedergabe als bekannt vorausgesetzt werden. Anders als bspw. die Wahrnehmung des British Empire wird die Apartheid gesellschaftsübergreifend negativ evaluiert. Dies trifft umso mehr für das linke Milieu zu. Des Weiteren mag es an der medialen Darstellung der israelischen Siedlungs- und Sicherheitspolitik gerade im Westjordanland liegen, dass die Schreiber die Apartheid-Analogie dermaßen oft etablieren. Sie behaupten, es liege eine Vergleichbarkeit beider Staaten hinsichtlich der Behandlung von Minderheiten vor. Konkrete Faktoren, die den Nahostkonflikt, dessen Genese und Status quo determinieren (wie die zahlreichen Angriffskriege vonseiten der Nachbarstaaten, die Bedrohungslage durch den Iran, der weit verbreitete Antisemitismus in der Region), werden bei entsprechenden Äquivalenzsetzungen ignoriert. Somit wird der israelischen Seite im349

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

plizit unterstellt, deren politische Praxen würden nicht auf einem Sicherheitsbedürfnis, sondern auf einem rassistischen Weltbild basieren, welches der Apartheid zugrunde lag. Die Äquivalenzsetzungen zur Etablierung der Apartheid-Analogie werden häufig explizit realisiert (im Gegensatz zur sprachlichen Vermittlung von Empire- und Kolonialismus-Analogien). Hinsichtlich der Täterkonzepte sind in beiden Messzeiträumen sowohl explizite Äquative (bspw. durch Attribuierungen) als auch die Apartheid relativierende Komparativvergleiche (Israel ist schlimmer als Südafrika) feststellbar (s. IV.3.1). In diesem Zusammenhang wird von Schreibern Zionismus explizit als Ideologie perspektiviert, die eine auf Religion basierende Segregation anstrebe. Durch Verwendung des Lexems Apartheid in diesem Kontext wird es aus dem historischen Kontext herausgelöst und reklassifiziert. Ohne dass Schreiber hier einen Komparativvergleich realisieren, kommt es folglich durch diesen Sprachgebrauch zu einer Relativierung rassistischer Verbrechen in Südafrika. Explizite Vergleiche in Bezug auf die Opferkonzepte (i. d. R. HAMAS und ANC) sind in beiden Messzeiträumen nicht anzutreffen. Die Mehrzahl der Vergleiche zwischen den Täterkonzepten sind hingegen primär impliziter Natur, mittels Auslassungen von Konzepten und/oder Junktorersatz (bspw. in Form von Wortwiederholungen, s. IV.3.2.1). In beiden Messzeiträumen werden zudem anderen als israelsolidarisch perspektivierten Kommentatoren Sympathien für die Apartheid und demnach Rassismus unterstellt – durch die behauptete Solidarisierung mit Israel richtet sich dieser Vorwurf indirekt auch gegen den jüdischen Staat (s. vergleichbare Argumentation in IV.1 und IV.2). 2014 liegen ebenso Äußerungen vor, in denen Schreiber beide Täterkonzepte vorerst gleichsetzen, um sie infolgedessen einander gegenüberzustellen. Die südafrikanische Regierung habe zur rechten Zeit erkannt, wann sie der Apartheid abzuschwören und sich durch Dialogbereitschaft auszuzeichnen habe – die israelische Regierung halte demgegenüber an ihrer Unrechtspolitik fest, was von Schreibern teils über Stereotypkodierungen begründet wird. Diese Gegenüberstellung der Täterkonzepte stellt eine Alternative zu den erwähnten Komparativvergleichen dar. Wie erwähnt werden im Zuge einer Dämonisierung auch Stereotype reproduziert. Neben dem bei besagten Gegenüberstellungen frequenten Stereotyp der RÜCKSTÄNDIGKEIT unterstellen Schreiber Israel Eigenschaften, die wiederum anschlussfähig für antisemitische Stereotype wie VERLOGENHEIT, INSTRUMENTALISIERUNG und ALLEINSCHULD sind. Es kommt zudem vor, dass Schreiber, wenn ebenso Großbritannien erwähnt wird, implizit eine Differenzierung kolonialer Herrschaftspraxen vornehmen. Solcherlei An350

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

deutungen sind anschlussfähig für die Lesart, dass von Großbritannien ein Kolonialismus ausgegangen sei, bei dem rassistische Einstellungsmuster weniger stark hervortraten. Demnach unterscheide sich dieser von offen rassistischen Herrschaftspraxen der niederländischen Kolonisten bzw. der Buren, mit denen wiederum Israel verglichen wird. Verweise auf die Apartheid können somit – im Zuge von Gegenüberstellungen zwischen Großbritannien und dem historischen sowie gegenwärtigen Täterkonzept – insofern unmittelbar positive Effekte für das nationale Selbstbild aufweisen (s. erneut Verweise auf den Nordirlandkonflikt in IV.2.4). Beide Gruppen – Buren sowie Israelis – werden gemäß dieser Lesart als Vertreter eines unmoralischen Kolonialismus perspektiviert. Im ersten Falle wurde ihnen diese Rolle entwunden; im zweiten Falle stehe dies gemäß den Schreibern noch bevor. Implizite Apartheidvergleiche über Anspielungen tauchen im Guardian-Kommentarbereich deutlich seltener auf als andere Äquivalenzsetzungen (s. IV.3.2.2). Im zweiten Messzeitraum nehmen diese quantitativ zu, beschränken sich allerdings i. d. R. auf die Lexeme Buren und Bantustan(s). Hinsichtlich des letztgenannten Lexems ist zu unterstreichen, dass es sich hierbei um eine abwertende Bezeichnung für die südafrikanischen Homelands handelt. Deren Verwendung kann je nach Hintergrundwissen des Schreibers als Beispiel für den Rückgriff auf jenes Vokabular gewertet werden, durch welches Israel ein affirmativer Umgang mit der Rassentrennung unterstellt wird (zum entsprechend auf die NS-Verbrechen Bezug nehmenden Vokabular s. IV.1.3.3). Sobald nicht die Täterkonzepte oder Orte der Rassentrennung, sondern die Opferkonzepte in den Vordergrund treten, verwenden Schreiber frequent den Namen Nelson Mandela. Teils liegen auch Bezüge zum ANC vor. Wie bereits erwähnt tauchen in beiden Messzeiträumen keine Vergleiche zwischen den Opferkonzepten auf. 2012 realisieren Schreiber implizite Vergleiche mittels Äquivalenzsetzungen der Täterkonzepte und deren unterstellter Praxen in Bezug auf die Opferkonzepte. 2014 unterstellen Schreiber hingegen eine Parallelität der Opferkonzepte über Anspielungen, durch eine behauptete Vergleichbarkeit des Umgangs mit selbigen (bspw. Perspektivierung als Terroristen) und/oder ihrer Haltungen in Bezug auf die Täterkonzepte (bspw. Hass und Ablehnung, Widerstand mit Waffengewalt). Warum keine direkten Vergleiche zwischen den Opferkonzepten realisiert werden, mag mit der geringeren Bekanntheit des ANC zusammenhängen – Nennungen des historischen Täterkonzepts sowie Anspielungen auf das historische Opferkonzept über Mandela steigern die

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IV.

Geschichtsbezogene Analogien

Wahrscheinlichkeit, dass die Äquivalenzsetzung beider Szenarien von Lesern entschlüsselt werden kann. Auffällig ist hier, dass – ähnlich wie bei der Nennung von Gandhi im Kontext der Empire-Analogie (s. IV.2.1) – Mandela nicht immer im Rahmen israelkritischer und/oder -feindlicher Äußerungen auftritt. Schreiber wenden sich bei Verwendung dieser Anspielung u. a. gegen den Terror der Hamas und empfehlen selbiger eine Distanzierung von Gewalt gegen israelische Zivilisten. Dennoch wird hierüber auf die institutionelle Rassentrennung Südafrikas im Nahostdiskurs angespielt und – intentional oder nicht – deren Abschaffung als Antrieb für den Hamas-Terror perspektiviert. Des Weiteren wird vom Großteil der Schreiber in beiden Messzeiträumen keine Kritik an der Hamas laut, sondern diese als antirassistische, teils antikoloniale Widerstandsbewegung perspektiviert, was sie wiederum aufwertet und ihren Antisemitismus relativiert bis leugnet. Diese Darstellungsweise führt so weit, dass trotz der im Guardian-Kommentarbereich feststellbaren Problematisierung der Vernichtungsabsichten und des Judenhasses der Terrororganisation Schreiber teils behaupten, die Hamas strebe einen konfessionsübergreifenden und Ethnien zusammenführenden Staat an. 2012 werden Hamas-Aktivisten zudem als unmündige, ohnmächtige Opfer dargestellt. Der nahezu vollständige Wegfall einer solchen Darstellungsweise im zweiten Messzeitraum mag aus der stärkeren medialen Vermittlung des von der Hamas ausgehenden Terrors vor und während der Operation Protective Edge resultieren. Im Einklang damit nehmen 2014 Äußerungen zu, in denen Hamas-Terror erwähnt, allerdings durch Dämonisierung des Täterkonzeptes als Apartheidstaat gerechtfertigt wird. Eine besondere Ausformung der impliziten Vergleiche ist der kommunikative Umweg, bei dem Schreiber auf den internationalen Umgang mit Südafrika und Israel verweisen (s. IV.3.2.3). Einerseits wird der einstige diplomatische Umgang westlicher Staaten, darunter Großbritanniens, mit der Apartheid problematisiert (in Bezug auf Großbritannien sei hier nochmals auf das Bewusstsein hinsichtlich einer Mitverantwortung des eigenen Landes unter Guardian-Kommentatoren verwiesen); andererseits wird ein von Schreibern positiv evaluierter Umgang in Form von Lösungsvorschlägen zur Bewältigung des Nahostkonflikts angesprochen, der auf einem Vergleich mit den Sanktionen gegen Südafrika fußt. In jedem Falle können Leser inferieren, dass bei einer Vergleichbarkeit im Umgang mit beiden Staaten ihr Wesen ebenso vergleichbar sein müsse. Der Vergleich hinsichtlich eines (von Schreibern) problematisierten Umgangs mit den beiden Täterkonzepten kommt häufig explizit daher; teils liegen Komparativvergleiche vor, die anschlussfähig sind für Kon352

IV.3 Die Apartheid-Analogie im Guardian

zeptualisierungen, Israel habe einen SONDERSTATUS und werde demnach noch stärker von außen unterstützt. Die behauptete UNTERWÜRFIGKEIT WESTLICHER STAATEN veranlasst Schreiber dazu, sich in ihren Forderungen nach Beseitigung Israels durch kriegerische Maßnahmen an arabische Staaten zu richten. Sog. Lösungsvorschläge für den Nahostkonflikt beziehen sich allerdings vermehrt auf einen wirtschaftlichen Boykott, wobei hier nicht nur Staaten, sondern auch Konsumenten und ganz dezidiert andere Guardian-Kommentatoren adressiert werden. 2014 wird die Notwendigkeit eines Boykotts auch auf kultureller und akademischer Ebene frequent verbalisiert, also neben politischen und wirtschaftlichen Sanktionen eine vollständige Isolation Israels gefordert. Wie oben erwähnt, wird (in beiden Messzeiträumen) der artikulierte Wunsch nach einer Beseitigung Israels laut. Im Zuge der Äquivalenzsetzungen der Opferkonzepte, bei denen die Hamas als antirassistische Freiheitsbewegung perspektiviert wird, plädieren Schreiber für die Gründung eines multiethnischen, interreligiösen Staates, der gemäß den Schreibern auch auf palästinensischer Seite angestrebt werde. In den Beiträgen, die entweder als neutral formulierter Rat oder als aggressive Forderung daherkommen, bleiben die Schreiber eine detaillierte Darlegung solcher von ihnen gewünschten Übergangsszenarien schuldig. In keinem jener Beiträge, in denen entsprechende Lösungsvorschläge offeriert werden, berücksichtigen die Schreiber die katastrophalen Folgen für die jüdische Bevölkerung Israels, sobald der staatlich garantierte Schutz für sie wegfällt. Es handelt sich hierbei um eine weitere Simplifizierung, mit der sich Guardian-Kommentatoren dem Nahostkonflikt annähern und dabei ein auf Verzerrungen fußendes Schwarz-Weiß-Szenario entwerfen, ohne die Spezifika vor Ort und die Genese des Konflikts zu berücksichtigen. Unter Rückgriff auf Apartheidvergleiche werden insofern nicht nur Forderungen nach Isolation von und Sanktionen gegen Israel sagbar – auch der Wunsch nach Auflösung des jüdischen Staates kann auf diese Weise salonfähig werden. Zwar betonen manche Schreiber, es gehe ihnen allein um die von ihnen unterstellten Apartheidstrukturen, allerdings wird durch den Kotext und/oder das Inferenzpotenzial ihrer Äußerungen deutlich, dass sie mit der Forderung nach einem multiethnischen Staat die Präsenz von Antisemitismus im Nahen Osten relativieren bis leugnen. Wenn dessen Präsenz anerkannt wird, so sei es Israels Status als Apartheidstaat, der Antisemitismus möglich mache. Insofern begeben sich Schreiber in eine zirkuläre Argumentation, die dem o. g. Schwarz-Weiß-Szenario treu bleibt, also Israel die alleinige Verantwortung zuweist. Alle hier interessierenden, in Apartheidvergleichen eingebetteten Lösungsvorschläge – kommen sie sprach353

IV.

Geschichtsbezogene Analogien

lich plump oder elaboriert daher – haben als Konsequenz, dass Israel als jüdischer Staat aufhören solle zu existieren.

354

V.

Fazit und Ausblick

In dieser Arbeit habe ich mich mit Hassrede, genauer: mit sprachlichen Formen des israelbezogenen Antisemitismus im deutschen und britischen Web-Diskurs beschäftigt. Für einen detaillierten Einblick in diesen komplexen Untersuchungsgegenstand habe ich den Datenumfang auf ca. 6.000 Leserkommentare festgelegt, die ich den Webseiten der linksliberalen Medien Guardian und Zeit entnommen habe. Als Messzeiträume dienten zwei Eskalationsphasen innerhalb des Nahostkonflikts, die zeitlich mit den israelischen Militäroperationen Pillar of Defense vom 14. bis 21. November 2012 und Protective Edge vom 8. Juli bis 26. August 2014 zusammenfielen. Diese Fokussierung ermöglichte es mir, die in den Kommentarbereichen beider Medien feststellbaren Sprachgebrauchsmuster mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse sprachwissenschaftlich zu erforschen. Diese Untersuchungsmethode war für das Ziel meiner Arbeit wesentlich, da in dem von mir untersuchten Milieu Hassrede häufig implizit vermittelt wird. Für deren Analyse wiederum ist besagter Zugang unerlässlich. Neben einer detaillierten Betrachtung der Sprachgebrauchsmuster wurden selbige in beiden Messzeiträumen einander gegenübergestellt sowie die kommunikativen Funktionen, die sich aus selbigen für die nationale Wir-Gruppe der Schreiber ergeben, herausgearbeitet. Ich ließ mich bei der Untersuchung von der grundsätzlichen Fragestellung leiten, wie Verfasser von Leserkommentaren – trotz ihrer politischen Positionierung, deren weitgehende Entsprechung mit der linksliberalen Verortung beider Medien ich voraussetze – antisemitische sowie das jeweilige nationale Selbstbild aufwertende Sprachgebrauchsmuster anwenden können, ohne innerhalb dieses milieuspezifischen Diskurses sanktioniert zu werden. Welche Charakteristika weist dieser Sprachgebrauch auf, damit er als sagbar und salonfähig, als mit demokratischen und humanistischen Wertevorstellungen innerhalb eines linken bis liberalen Weltbildes vereinbar vermittelt werden kann? Diese Frage war von Interesse, da ich vor der hier vorgestellten Untersuchung im Zuge kursorischer Stichproben immer wieder auf antisemitische Stereotypkodierungen, Relativierungen von Unrecht in der Geschichte des eigenen Landes sowie Aufwertungen der nationalen Wir-Gruppe traf, deren frequentes Vorkommen ich (zumindest zum damaligen Zeitpunkt) eher innerhalb konservativer bis rechter Milieus erwartete. Ich wollte insofern ausloten, wie Schreiber im Span355

V.

Fazit und Ausblick

nungsfeld zwischen als linksliberal charakterisierbarer Selbstwahrnehmung, dem in ihren Äußerungen erkennbaren Bedürfnis nach Identifikation mit der nationalen Wir-Gruppe sowie der Präsenz antisemitischer Einstellungsmuster sprachlich operieren. Diese Ausrichtung demonstriert, dass der Fokus meiner Untersuchung fortan nicht mehr bei den Reproduktionsvarianten antisemitischer Stereotype, sondern bei geschichtsbezogenen Analogien lag, die gleichfalls der Dämonisierung Israels dienen (s. u.). Diese Neuorientierung formte sich im Zuge der Erschließung des Korpusmaterials, dem ein frequenter Bezug zu historischen Szenarien zu eigen ist. Um den Untersuchungsgegenstand kontextuell einzubetten, habe ich in Kapitel II die Spezifika der jeweiligen gesellschaftlichen Diskurse in Deutschland und Großbritannien vorgestellt: einerseits mit der Präsenz des historischen sowie gegenwärtigen Antisemitismus, andererseits mit der Wahrnehmung und Bewertung von Unrecht in der Geschichte des jeweils eigenen Landes. Beide Themenfelder – Antisemitismus sowie der Blick auf die Vergangenheit mit den daraus resultierenden Selbstbildern – können in Bezug auf Deutschland und Großbritannien unterschiedlicher nicht sein. Wie in II.2.3 erläutert, konnte sich in Großbritannien ein mehrheitsfähiger Antisemitismus lange Zeit nicht herausbilden. Während zwischen den beiden Weltkriegen erstmals als eindeutig antisemitisch zu charakterisierende politische Gruppierungen erkennbar werden, kann ab dem 21. Jahrhundert davon gesprochen werden, dass antisemitische Einstellungsmuster (mit Israel als Feindbild) in Teilen des britischen Mainstream anzutreffen sind. Ein mehrheitsfähiger Antisemitismus weist in Deutschland eine lange Geschichte auf und kulminierte schließlich im eliminatorischen Antisemitismus der NS-Zeit. In Bezug auf Natur und Versprachlichung des Antisemitismus unterscheidet sich die deutsche postnazistische Gesellschaft mit ihren Bedürfnislagen (wie einer erwünschten positiven nationalen Identität u. a. durch eine behauptete Distanz zu Antisemitismus) zwangsläufig von einer Gesellschaft wie der britischen, in deren Moderne kaum antisemitisch motivierte Verbrechen stattfanden (s. II.1.2 und II.1.3). Die Bewertung der eigenen Geschichte lässt sich in weiten Teilen der britischen Gesellschaft als durchaus positiv beschreiben. Auch heute noch bezeugen diverse Umfragen einen ausgeprägten Nationalstolz (nicht zuletzt durch Verweis auf die einstige Bedeutung zu Zeiten des Kolonialismus, s. II.2.2). Beim Blick in die deutsche Geschichte hingegen stechen die NS-Vergangenheit und deren Problematisierung hervor. Positive Selbstbilder lassen sich im Mainstream der deutschen Gesellschaft allein durch Abgrenzung sowie Unterstreichung einer umfassenden Neuausrich356

V.

Fazit und Ausblick

tung Deutschlands in Gegenwart und Zukunft konstituieren. Gleichzeitig führen Umfragen nicht nur eine Distanzierung zu den NS-Verbrechen vor Augen, sondern weisen auch auf ablehnende Haltungen gegenüber der Notwendigkeit hin, die Erinnerung an selbige wachzuhalten, was mit dem Bedürfnis nach einem Schlussstrich umschrieben werden kann (s. II.1.1). Trotz dieser Unterschiede konnte ich in beiden milieuspezifischen Diskursen diverse Parallelen hinsichtlich der Dämonisierung Israels im Zuge einer Vermittlung geschichtsbezogener und -relativierender Analogien feststellen. Teils hängt dies mit dem Aspekt zusammen, dass die Leserschaft des Guardian (im Einklang mit entsprechenden Milieus) der kolonialen Vergangenheit Großbritanniens kritisch bis ablehnend gegenübersteht (s. II.2.2). Neben den Dynamiken selektiver Wahrnehmung von Informationen (nicht nur) im Internet werden besagte Übereinstimmungen in der Haltung anhand der inhaltlichen Ausrichtung der Leserkommentare – insbesondere der eindeutigen Perspektivierungen des Kolonialismus sowie des häufigen Bekenntnisses zu linksliberalen Werten – erkennbar (s. IV.2 und IV.3). Nach einer Problematisierung kolonialen Unrechts können sich hier Bedürfnislagen hinsichtlich einer Abgrenzung sowie Entlastung von diesem Unrecht anschließen. Hinsichtlich des Umgangs mit historischen Verbrechen liegen insofern Parallelen zu den Leserkommentaren des deutschen (Zeit-)Diskurses in Bezug auf die NS-Verbrechen vor. In beiden Fällen können kollektive Schuldgefühle auf Wünsche nach kollektiver Entlastung bei gleichzeitiger Abwertung und Ausgrenzung Israels als jüdischen Staat mittels projektiver Zuschreibungen treffen (zum Spannungsfeld zwischen individuellen Bedürfnislagen und landes- bzw. milieuspezifischen Konventionen in beiden Ländern s. auch Einleitung zu IV). Antisemitische Äußerungen werden im Mainstream-Diskurs beider Länder häufig implizit vermittelt. Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhr expliziter Antisemitismus aufgrund der Shoah nicht allein in den Nachkriegsgesellschaften Deutschlands und Österreichs Ablehnung. Die damit zusammenhängende Herausbildung einer impliziten antisemitischen Hassrede, deren subtile Beschaffenheit sich in den von mir untersuchten Diskursen zeigt, macht eine qualitativ ausgerichtete und linguistische Analyse der Äußerungen erforderlich, bei welcher der kommunikative Sinn und nicht allein das explizit Gesagte im Vordergrund steht. In Kapitel III habe ich einen Überblick zu sprachwissenschaftlichen Herangehensweisen und jenen sprachlichen Spezifika von Antisemitismus gegeben, die für meine Arbeit von Relevanz sind. Anhand der Erläuterung einschlägiger Beiträge konnte ich zeigen, welche Prominenz der impliziten Sprachverwendung (bspw. in Form von indirekten Sprechakten wie rheto357

V.

Fazit und Ausblick

rischen Fragen, Ironie und Ratschlägen) sowie Argumentationsmustern (bspw. Selbstlegitimierung bei gleichzeitiger Ausgrenzung Israels) in den von mir untersuchten Diskursen zukommt und wie hoch die Bedeutung darauf ausgerichteter Analysen zur Erfassung des gegenwärtigen Antisemitismus ist. Auf diskursanalytischer Ebene befasst sich meine Untersuchung insofern mit Bezügen zur nationalen Wir-Gruppe unter Rückgriff auf antisemitische Topoi; auf sprachwissenschaftlicher Ebene erfolgt die Auseinandersetzung mit der impliziten Darbietungsform dieser Bezüge. Präziser formuliert bedeutet dies, dass ich Äußerungen, in denen (vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts) Analogien zur Geschichte des jeweils eigenen Landes etabliert werden, erfasst und ihre sprachliche Darbietung dekodiert habe. Dieser Aufgabe widmete ich mich in Kapitel IV. Bei den dort vorgestellten Äußerungen handelt es sich um Beiträge, in denen Schreiber im Rahmen des Nahostdiskurses auf durch das jeweils eigene Land ausgeübtes Unrecht Bezug nehmen und selbiges über Äquivalenzsetzungen auf Israel projizieren. Sie perspektivieren folglich Israels gegenwärtige Rolle im Nahostkonflikt mittels Anführung historischer Szenarien, denen die jeweils eigene Wir-Gruppe (im Falle Deutschlands i. d. R. gesellschaftsübergreifend, im Falle Großbritanniens milieubezogen) problematisierend gegenübersteht. Im Zeit-Leserdiskurs handelt es sich dabei um die NSZeit, im Guardian-Leserdiskurs um die Ära des British Empire. Mit der Analyse besagter Analogien formte sich im Verlauf der Untersuchung die These, dass gerade in den untersuchten Milieus neue Ausprägungsvarianten von Antisemitismus feststellbar sind, deren Versprachlichung offenbar mit der politisch-moralischen Positionierung der Schreiber nicht zu kollidieren scheint. Dieser These folgend, würde das konventionelle Dämonisierungsrepertoire innerhalb israelfeindlicher Äußerungen ergänzt. Diese Ergänzung ist in Bezug auf von deutschen Schreibern hervorgebrachte NS-Vergleiche allerdings kein neues Phänomen (s. II.1.2). Allerdings ist deren hohe Präsenz im hier untersuchten Zeit-Leserdiskurs (angesichts der vorausgesetzten weitgehenden Übereinstimmung zwischen Medium und Leserschaft) überraschend. Natur und Präsenz von Kolonialismus-Vergleichen im britischen Nahostdiskurs der letzten Jahr(zehnt)e wurden in der Antisemitismusforschung m. E. bisher nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn umfassend untersucht. Lediglich in den letzten Jahren wurden die in II.2.3, IV.2 und IV.3 erwähnten punktuellen Untersuchungen vorgelegt, was damit zusammenhängen mag, dass die Präsenz besagter Vergleiche in öffentlichen Diskursen spürbar zunahm. Besagte Ergänzung des israelfeindlichen Dämonisierungsrepertoires kann 358

V.

Fazit und Ausblick

durch folgende Faktoren bedingt sein: Auch in weniger sprachsensiblen Kontexten bzw. in Kommunikationsräumen, in denen Hassrede, antisemitische oder andere Formen, womöglich als Meinungsfreiheit reklassifiziert wird200, können Stereotype reproduzierende Schreiber mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert und ihre Äußerungen zurückgewiesen werden. Geschichtsbezogene Analogien hingegen können – dargeboten als Ausdruck eines geschichtssensiblen, moralisch integren und humanistischen Denkens – den Status des Sagbaren erlangen. Wenn deutsche Schreiber im Nahostdiskurs auf die NS-Zeit referieren, wird oft herausgestellt, man habe aus der Vergangenheit gelernt und könne die daraus resultierende Sensibilität in einen kritischen Umgang mit (vermeintlich ähnlichen) Formen gegenwärtigen Unrechts überführen. Auch bei (eher) linksorientierten britischen Schreibern wird das historische Unrecht im Kontext des British Empire problematisiert und folglich über die eigene Distanzierung von selbigem sowie von (teils durch Nationalstolz bis Nationalismus bedingten) Verklärungen der kolonialen Ära Sensibilität, Humanismus und progressives Denken zum Ausdruck gebracht. Die von Teilen der Geschichtswissenschaft ausgehende kritische Betrachtung des rassistischen und expansionistischen Herrschaftsstils Großbritanniens zu Zeiten des Empire findet zudem erst in den letzten Jahren medial Gehör. Realisiert über Projektionen tritt hier eine (teils schon weiter zurückreichende) aktualisierte Form von Judenfeindschaft zutage, die sich einerseits durch Salonfähigkeit auszeichnet und andererseits historische Szenarien aktiviert, die nicht weit zurückliegen und potenziell stark emotionalisierend wirken. Die sprachliche Vermittlung der NS-Analogie (nicht nur) im deutschen Diskurs hat Kontinuität – mit Blick auf den britischen Diskurs hingegen kann (je nach Grad der Habitualisierung) von einer wesentlichen Ergänzung des besagten Dämonisierungsrepertoires in Form von sich auf den ____________________ 200

Wie erwähnt erfolgt die Reproduktion antisemitischer Stereotype in den ZeitLeserkommentaren häufig implizit. In den Guardian-Leserkommentaren hingegen zeichnen sich entsprechende Kodierungen auch durch ihren expliziten Status aus (s. III und IV). Die Frequenz sprachlicher Vermittlungen eines israelbezogenen Antisemitismus ist unerwartet hoch (s. Anhang) gerade im Hinblick darauf, dass beide Medien als linksliberal verortet werden können und beide Kommentarbereiche moderiert werden. Insofern scheint hier ein Verständnis von Meinungsfreiheit vorzuliegen, welches – im Gegensatz zu physischer Gewalt – sprachlichen Antisemitismus selbst in sprachlich eindeutiger Form nicht sanktioniert.

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V.

Fazit und Ausblick

Kolonialismus und die Dekolonisation beziehenden Analogien gesprochen werden. Neben der Analyse der Sprachgebrauchsmuster zur Etablierung der NSAnalogie im linksliberalen Milieu Deutschlands sowie der Empire- und Kolonialismus-Analogien im entsprechenden Milieu Großbritanniens waren für mich die im Guardian-Kommentarbereich frequent auftretenden Bezugnahmen auf Südafrika während der Apartheid von Belang, da Herausbildung und Aufrechterhaltung der institutionalisierten Segregation in Südafrika – einer ehemaligen Kronkolonie innerhalb des Empire – mit der Einflussnahme Großbritanniens (seit den Burenkriegen zu Anfang des 20. Jahrhunderts) zusammenhing. Wie sich bei der Analyse der Leserkommentare zeigte, kann auch hier bei der Leserschaft ein Bewusstsein (sowie daraus erwachsende Bedürfnislagen) über die (gerade vom Guardian medial vermittelten sowie problematisierten) historischen Verstrickungen Großbritanniens in die Apartheid vorausgesetzt werden. Inwieweit lassen sich bei den für diese Arbeit relevanten geschichtsbezogenen Analogien jedoch Antisemitismus und Projektion im Umgang mit der Geschichte des eigenen Landes ausmachen? Inwieweit ist im Kontext der Projektion eine Form der „Vergangenheitsbewältigung“, wie ich die Analogien im Titel der Arbeit charakterisiere, feststellbar? Wenn Schreiber Analogien dieser Art etablieren, lassen sich im Zuge der Versprachlichung drei kommunikative Funktionen201 ausmachen: Dämonisierung202 Israels, Relativierung der historischen Verbrechen des eigenen Landes

____________________ 201

Mit Verwendung des Begriffs der kommunikativen Funktion soll verdeutlicht werden, dass die Schreiber, von denen diese Vergleiche ausgehen, besagte Funktionen nicht zwangsläufig intentional aktivieren. Vielmehr sind die drei Funktionen als solche bezeichnet, da sie Effekte, Konsequenzen kommunikativer Handlungen darstellen. Die dritte Funktion, die Entlastung der Wir-Gruppe, hängt mit der Zugehörigkeit des Schreibers zu jener nationalen Wir-Gruppe zusammen, in deren Geschichte die thematisierten Verbrechen stattfanden. 202 Durch die in der Arbeit vorgenommene Gegenüberstellung von (nationale Selbstbilder aufwertenden) Äquivalenzsetzungen soll nicht der Eindruck entstehen, dass die Komparationsbasen der Vergleiche (d. h. NS-Deutschland, British Empire und andere Kolonialmächte sowie Südafrika während der Apartheid) gleichgesetzt werden. Wie bereits erwähnt, geht es mir allein um den sprachlich zum Ausdruck gebrachten Umgang mit der Vergangenheit des jeweils eigenen Landes, mit jenen historischen Szenarien, die im Rahmen des Nahostdiskurses immer wieder referiert und mit Israel in ein mehr oder weniger expliziertes Äquivalenzverhältnis gestellt werden.

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Fazit und Ausblick

sowie Entlastung der Wir-Gruppe203 in Bezug auf kollektive Verantwortung im Umgang mit diesen historischen Verbrechen. Der entlastende Transfer, der hier abgelesen werden kann, stellt eine diskursive Überwindung jener Szenarien dar, die eine Identifikation mit der nationalen WirGruppe maßgeblich behindern. Insofern lassen sich hieran projektive Zuschreibungen festmachen. Im Zusammenhang mit der Entlastungsfunktion ist es wichtig zu wissen, inwieweit die von mir analysierten Leserkommentare auf der Guardian-Webseite (ein Medium mit einer nicht nur britischen, sondern internationalen Leserschaft) tatsächlich von britischen Schreibern stammen. Schließlich hängt die dritte Funktion mit ebendieser Zugehörigkeit zusammen. Bei den hier vorgestellten, auf den Kolonialismus und die Apartheid Bezug nehmenden Analogien habe ich überprüfen können, dass sie mit wenigen Ausnahmen von britischen Kommentatoren etabliert wurden. Die Zugehörigkeit eines Schreibers zur britischen Wir-Gruppe konnte ich entweder im Kotext des untersuchten Kommentars oder in anderen Kommentaren desselben Schreibers rekonstruieren, die auf der Webseite des Guardian in der comment history bereitgestellt werden.204 Insofern ist im Zuge eines Rückgriffs auf geschichtsbezogene Vergleiche dieser Art bei nahezu allen hier vorgestellten Kommentaren die Funktion der Entlastung ebenso gegeben (s. hierzu auch Anhang). Die Verzahnung der o. g. kommunikativen Funktionen bei allen erwähnten Vergleichstypen bedingt deren Status als Ausprägung eines israelbezogenen Entlastungsantisemitismus. Bei Unrecht in der britischen Geschichte relativierenden, zugleich Israel dämonisierenden Analogien han____________________ 203

204

Da es mir in der Untersuchung gerade um entlastende Perspektivierungen der Geschichte des eigenen Landes geht, habe ich nicht untersucht, wie bspw. Guardian-Kommentatoren die NS-Analogie bzw. wie Zeit-Kommentatoren die Empire-Analogie im Nahostdiskurs etablieren. Für meine Arbeit waren dämonisierende Analogien entscheidend, die eine Rückbindung an die eigene nationale Wir-Gruppe in Form von Referenzen auf historische Szenarien des eigenen Landes (und nicht anderer Gruppen bzw. Länder) erkennbar werden lassen. Die auffallend geringe Frequenz entsprechender Äquivalenzsetzungen habe ich dennoch im Anhang dieser Arbeit einander gegenübergestellt. Schreiber beider Länder führen im Zuge einer Dämonisierung Israels primär Verbrechen aus der Geschichte des eigenen Landes an. Schreiber verweisen in Kommentaren bspw. auf ihren Wohnort, Alltagsroutinen, die von ihnen gewählte Partei; sie verwenden Schreibweisen des British English oder verwenden die Personalpronomen we, us oder our mit Bezug auf die britische Gesellschaft oder Vorgänge innerhalb der britischen Geschichte.

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Fazit und Ausblick

delt es sich keinesfalls um eine Täter-Opfer-Umkehr, wie sie bei großen Teilen der die NS-Analogie etablierenden Äquivalenzsetzungen der Fall ist.205 Den im Nahostdiskurs des Guardian realisierten Empire-, Kolonialismus- sowie Apartheid-Analogien ist keine Gleichsetzung von historischem Opfer- (KOLONISIERTE EINWOHNER und INDIGENE BEVÖLKERUNG SÜDAFRIKAS) sowie gegenwärtigem Täterkonzept zu eigen. Basierend auf dem Grad der (den Vergleichen im Guardian-Kommentarbereich gleichfalls innewohnenden) Abwertung und Ausgrenzung des jüdischen Staates sowie ihrem oben beschriebenen projektiven Charakter plädiere ich dennoch für eine Zuordnung der Empire-, Kolonialismus- sowie ApartheidAnalogien (sofern sie von britischen Schreibern etabliert werden) zum israelbezogenen Antisemitismus. Wie oben erwähnt, sind diese m. E. als aktualisierte, das Repertoire israelfeindlicher Dämonisierungen erweiternde Varianten einzustufen. Die spezifisch deutsche Umkehrstrategie kann eine Ausformung desselben darstellen. Die im Kompositum Entlastungsantisemitismus erkennbaren Elemente weisen jedoch auf einen weiteren Bezugsrahmen hin, der sich nicht allein in der Täter-Opfer-Umkehr erschöpft. Sie werden auch durch die sprachlichen Operationen in den von mir untersuchten Guardian-Kommentaren deutlich. Durch die auf Basis dieser Analogien realisierten Perspektivierungen wird der Versuch der Bewältigung vergangenen Unrechts im Zuge antiisraelischer Einstellungsbekundungen unternommen. Insofern kann bei den milieuspezifischen Diskursen beider Länder von hinsichtlich ihrer Funktionen parallel verlaufenden Konstruktionen des Schuldabwehr-Antisemitismus gesprochen werden. Die Frequenz, mit der die vier Analogietypen (NS-, Empire-, Kolonialismus- und Apartheid-Analogien) vermittelt werden, nimmt im zweiten Messzeitraum durchgängig zu (s. Anhang). Hier ist auffällig, dass die Zahl jener Äußerungen, mit denen im Zeit-Kommentarbereich die NS-Analogie etabliert wird, sich im zweiten Messzeitraum verdoppelt. Auch die im Guardian-Diskurs erfassten Vermittlungen von geschichtsbezogenen Analogien nehmen zu. Ggf. kann hier von habitualisierten Tendenzen in der Sprachverwendung und folglich in der mit selbiger vorgenommenen Perspektivierung Israels als NS-, Kolonial- und Apartheidstaat gesprochen ____________________ 205

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Hier sind nur ein Großteil und nicht alle NS-Vergleiche gemeint, da bspw. bei NS-Vergleichen zwischen der Hamas und der Résistance keine Übereinstimmung zwischen historischem Opfer- und gegenwärtigem Täterkonzept vorliegt (s. IV.1).

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werden. Allerdings können Fragen zu entsprechenden Habitualisierungstendenzen allein über in der Zukunft realisierte Analysen beantwortet werden. Es zeigt sich, dass zumindest in den Zeit- und Guardian-Diskursen 2012 und 2014 entsprechende Äquivalenzsetzungen ein frequentes Mittel der Dämonisierung Israels darstellen, das bei Analysen von israelbezogenem Antisemitismus (auch und gerade in Form impliziter Vermittlungen) berücksichtigt werden muss. Analogien lassen sich sprachlich auf verschiedene Weise etablieren (s. III.2.4). Sie werden vorrangig über Vergleiche (explizit sowie implizit) vermittelt. Im Folgenden stelle ich knapp die Ergebnisse meiner Inhaltsanalyse hinsichtlich der Frage vor, wie die Kommentatoren der Zeit und des Guardian Äquivalenzsetzungen von Israel (als gegenwärtiges Täterkonzept) und Deutschland bzw. Großbritannien (als historische Täterkonzepte) vermitteln. Die NS-Analogie wird nicht nur vom ersten zum zweiten Messzeitraum mit zunehmender Frequenz etabliert – auch qualitativ lässt sich bei die NS-Analogie etablierenden Konstruktionen ein Anstieg hinsichtlich Vielfalt und Komplexität feststellen (s. IV.1). Allerdings werden bereits im ersten Messzeitraum Vielfalt und Komplexität entsprechender Vergleiche deutlich. Dies kann an der Brisanz liegen, die mit jeder (insbesondere explizierten) Äquivalenzsetzung von NS-Deutschland und Israel einhergeht. Insofern kann Implizitheit als Charakteristikum des untersuchten deutschen Diskurses beschrieben werden. Die Tatsache, dass nur einmal – in einem 2014 veröffentlichten Leserkommentar – ein expliziter Vergleich zwischen den Täterkonzepten ISRAEL und NS-DEUTSCHLAND gezogen wird, verdeutlicht die Dominanz impliziter Sprachgebrauchsmuster (s. IV.1.2, zu Löschungen durch die Moderation s. u.). Da es sich hierbei um eine Äußerung innerhalb des zweiten Messzeitraums handelt, leitete sich folgende Forschungsfrage daraus ab: Handelt es sich lediglich um eine Ausnahme oder nimmt dies jene Zunahme explizierter Äquivalenzsetzungen vorweg, die sich bereits in Bezug auf andere, hier noch zu nennende Vergleichskonstruktionen zur Etablierung der NS-Analogie im zweiten Messzeitraum abzeichnen? Diese Frage kann nur über eine Fortsetzung von Analysen des Zeit-Kommentarbereiches und anderer Kommunikationsräume in Gegenwart und Zukunft beantwortet werden. Hierüber ließe sich auch klären, ob eine Zunahme expliziter NS-Vergleiche jene „Normalisierung“ begleitet, die sich gegenwärtig vor dem Hintergrund von Renationalisierungstendenzen im Kontext des Rechtspopulismus im sprachlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit abzeichnet.

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Die implizite Vermittlung der NS-Analogie tritt in beiden Messzeiträumen dominant auf. Deren Zunahme spricht für eine Normalisierung auch in Bezug auf dieses Vergleichsmuster. Selbiges zeichnet sich in den von mir untersuchten Zeit-Korpora durch folgende Spezifika aus (s. IV.1.3): Zum einen erfolgen implizite Vergleiche über Auslassungen hinsichtlich der Täter- und/oder Opferkonzepte und/oder des Tertium Comparationis (s. IV.1.3.1). Zum anderen realisieren die Schreiber Vergleiche zwischen Konzepten nicht immer über den Junktor wie, sondern über alternative Formulierungen, die den Vergleich zwischen Israel und NS-Deutschland abschwächen (erinnert an, ähnelt usw.). 2012 werden vorrangig die Opferkonzepte bzw. das auf sie Bezug nehmende Tertium Comparationis (über einen Junktorersatz) verglichen. Die Schreiber explizieren hingegen selten die Täterkonzepte. Diese Vergleichsmuster sind auch 2014 feststellbar, allerdings werden die Opferkonzepte seltener expliziert, sondern auf selbige über onomastische Anspielungen (s. u.) verwiesen. Durch Wortwiederholungen als Junktorersatz legen die Schreiber im zweiten Messzeitraum eine Äquivalenzsetzung von Vorgängen und/oder Zuständen beider Szenarien nahe. Sie beziehen sich in ihren Beiträgen meist auf mehrere Tertia Comparationis und legen auf diese Weise eine Wiederkehr von NS-spezifischen Praxen und Haltungen in Nahost nahe. Im Falle von Auslassungen sowie von verschiedenen Formen eines Junktorersatzes kann der Leser den Sinngehalt über das Schließen konzeptueller Lücken, über die Aktivierung von Sprach-, Kontext- und Weltwissen inferieren. Dasselbe gilt für implizite NS-Vergleiche über onomastische Anspielungen, die in den von mir untersuchten Korpora am häufigsten realisiert werden (s. IV.1.3.2 und Anhang). Die Schreiber setzen in diesem Falle Praxen und/oder Zustände in Nahost voraus, die als spezifisch für den Nationalsozialismus bezeichnet werden können, und implikatieren folglich bzw. deuten an, diese würden im gegenwärtigen Nahostkonflikt ebenso vorliegen, ohne dass sie dies über eine verbalisierte Äquivalenzsetzung mittels Junktor(ersatz) kommunizieren. Besonders häufig kommt es in beiden Messzeiträumen zu einer Anspielung mittels Ghetto zur Perspektivierung Gazas. Auch konnte ich regelmäßig Äquivalenzsetzungen von Opferkonzepten feststellen, bei denen bspw. die Hamas mit der französischen Résistance verglichen wird. Im zweiten Messzeitraum verändern sich die Spezifika des Diskurses insofern, als die Schreiber vermehrt auf Anspielungen über Namen von NS-Führungspersonen, über Ideologien bzw. ideologisch geprägte NS-Praxen (bspw. völkisch, Vernichtungskrieg) zurückgreifen.

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Fazit und Ausblick

Eine Spielart onomastischer Anspielungen ist der Rückgriff auf NSVokabular (s. IV.1.3.3). Im Unterschied zu den soeben vorgestellten onomastischen Anspielungen handelt es sich bei NS-Vokabular um nationalsozialistisch geprägte bzw. in der NS-Zeit prominent verwendete Schlagwörter und Euphemismen. Durch den Rekurs auf dieses Vokabular unterstellen die Schreiber Israel implizit ein entsprechendes Denken und Handeln. In beiden Messzeiträumen perspektivieren sie über Schlagwörter sowie NS-Zitate sowohl die Regierung als auch die Gesellschaft Israels. Ab 2014 nehmen dabei Komposita wie der Euphemismus Endlösung in aktualisierter Form zusammen mit Palästinenserfrage, das Schlagwort Kampf um Lebensraum sowie die Unterstellungen einer israelischen Herrenrasse und palästinensischer Untermenschen zu. Implizite Vergleiche können jedoch auch über offene Anspielungen realisiert werden (s. IV.1.3.4): Schreiber deuten Bezüge zur NS-Zeit über floskelhafte, z. T. standardisierte Formulierungen an, ohne auf selbige über einschlägige Lexeme oder Wendungen zu verweisen. Die Leser können u. a. aufgrund der Präsenz der NS-Zeit im kollektiven Gedächtnis einen NS-Bezug entschlüsseln. Eine weitere Form des impliziten Vergleiches liegt dann vor, wenn Schreiber eine Äquivalenzsetzung hinsichtlich des Umgangs mit dem Tertium Comparationis (bspw. Verbrechen, Widerstand etc.) unterstellen. Die Leser können inferieren, dass ebenso eine Äquivalenzsetzung hinsichtlich der diesem Umgang zugrundeliegenden Praxen und/oder Haltungen (und folglich der Täterkonzepte) geboten sei. Bei der Etablierung der NS-Analogie ist auffällig, dass sich die Äußerungen teils durch ein detailliertes historisches Kontextwissen auszeichnen. Dies kann u. U. mit dem von mir untersuchten Milieu sowie dem Status der Zeit als Medium zusammenhängen, welches sich an Akademiker richtet. Neben der in vielen Kommentaren anzutreffenden Detailschärfe und Argumentationsdichte zeichnen sich einzelne Beiträge ebenso durch ein hohes Emotionspotenzial aus. In beiden Messzeiträumen war ein Zusammenhang zwischen Äquivalenzsetzungen von Israel und NS-Deutschland sowie positiven Selbstzuschreibungen zu erkennen. Letztere basieren auf der bereits erwähnten Perspektivierung der deutschen Wir-Gruppe (und/oder der eigenen Person als Repräsentant dieser Gruppe) als geschichtssensibel und moralisch integer – eines Kollektivs, das aus historischen Fehlern gelernt habe. Von dieser Selbstbestimmung ausgehend, fordern Schreiber einerseits, Israelis sollen ebenso einen Lernwillen entwickeln bzw. sich an den Deutschen orientieren, um nicht dieselben Fehler zu machen – oder sie sprechen Israel die Fähigkeit zur Neuausrichtung ab, wie sie jedoch Nachkriegsdeutschland zugesprochen wird (zur Frequenz 365

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Fazit und Ausblick

positiver Selbstzuschreibungen im Kontext von NS-Vergleichen s. Anhang). Die von Guardian-Kommentatoren etablierten Empire- und Kolonialismus-Analogien werden ebenso über sprachlich vielfältige und komplexe Konstruktionen vermittelt (s. IV.2). Eine weitere Ähnlichkeit ist, dass in beiden Messzeiträumen kein expliziter Vergleich zwischen den Täterkonzepten BRITISH EMPIRE und ISRAEL vorliegt. Guardian-Kommentatoren realisieren zumindest bezogen auf dieses Täterkonzept vorrangig implizite Vergleiche, die sich erneut durch Auslassungen hinsichtlich der Opferund/oder Täterkonzepte sowie durch Wortwiederholungen auszeichnen (s. IV.2.1 und IV.2.4). Als Komparationsbasis sind insbesondere British India oder afrikanische Kolonien, also Orte kolonialer Herrschaft, identifizierbar. Schreiber beziehen sich auf jene Ablehnung, mit der Kolonisierte der britischen Kolonialmacht begegneten, und weisen der Hamas den Status einer antikolonialen Befreiungsbewegung zu. Es kommt dabei zu einer Rechtfertigung des gegen das gegenwärtige Täterkonzept ISRAEL gerichteten Terrors der Hamas. 2014 fokussieren Schreiber zudem den britischen Umgang mit British India, insbesondere den dem späten Kolonialismus inhärenten Rassismus, dessen Präsenz im Zuge der Äquivalenzsetzungen sowohl der israelischen Regierung als auch der gesamten Gesellschaft Israels unterstellt wird. Für implizite Vergleiche zwischen dem Empire und Israel verwenden Schreiber ebenso – wenn auch seltener als Zeit-Kommentatoren bei der Realisierung von NS-Vergleichen – onomastische Anspielungen (s. IV.2.1). Sie nennen Personennamen oder Orte kolonialer Praxen, ohne dass sie historische Täter- und/oder Opferkonzepte explizieren. Auffällig oft aktivieren Schreiber durch Nennung von Gandhi das Szenario des indischen Widerstandskampfes gegen die britische Kolonialmacht. Dies geschieht auch dann, wenn sie nicht Israel kritisieren, sondern Palästinensern eine Abkehr von Gewalt empfehlen. Entsprechende Äußerungen spiegeln den Grad der Habitualisierung von (implizit vermittelten) Äquivalenzsetzungen von Israel und dem British Empire wider: Selbst wenn Schreiber sich gegen den Terror der Hamas engagieren, halten sie an der Perspektivierung Israels als Kolonialmacht fest. Des Weiteren realisieren Schreiber in beiden Messzeiträumen Kolonialismus-Vergleiche. Sowohl über explizite Vergleiche zwischen dem historischen (KOLONIALMACHT) und dem gegenwärtigen Täterkonzept (ISRAEL) als auch über implizite Vergleiche mittels minimaler Abschwächung und/oder Anspielungen (u. a. wie Landraub, „weißer“ Rassismus, Ausbeutung der indigenen Bevölkerung) werden entsprechende Szenarien akti366

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Fazit und Ausblick

viert (s. IV.2.2). Besonders 2014 ist eine deutliche Zunahme jener Lexeme auszumachen, durch welche Kolonialismus-Analogien aktiviert werden. Auch wenn sowohl explizite als auch implizite Vergleiche dieser Art nicht allein auf das British Empire verweisen, so besteht dennoch eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass aufgrund der Präsenz der kolonialen Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis der britischen Gesellschaft britische Leser bei Kolonialismus-Vergleichen primär koloniale Szenarien in der Vergangenheit ihres Landes inferieren. Entsprechende Assoziationen konnte ich durch den Austausch mit Briten (im Rahmen von Interviews und einer stichprobenartigen Umfrage, s. Fußnote 150) bestätigen – eine Begleitstudie, durch die teils auch jene Lexeme identifiziert werden konnten, die von britischen Befragten primär zur Beschreibung der vom British Empire ausgegangenen Praxen herangezogen werden (s. Fußnote 171). Sobald Bezüge auf andere, nicht allein den britischen Machtbereich betreffende Kolonialismusszenarien von Guardian-Kommentatoren konkretisiert werden, referieren Schreiber insbesondere auf die Besiedlung Nordamerikas – ein von mehreren Kolonialstaaten ausgehendes Unterfangen, an dem jedoch gerade Großbritannien maßgeblich beteiligt war (s. IV.2.3). 2012 stehen dabei u. a. explizite Vergleiche hinsichtlich des Umgangs der Täter- mit den Opferkonzepten im Vordergrund. 2014 spielen Schreiber hingegen auf das historische Täterkonzept lediglich an und realisieren stattdessen primär Artvergleiche206 zwischen den Opferkonzepten (NATIVE AMERICANS und PALÄSTINENSERN). Entsprechende Äquivalenzsetzungen dämonisieren nicht nur Israel und relativieren über Umwege u. a. von Großbritannien ausgehende koloniale Praxen, sondern können zudem als anschlussfähig für Antiamerikanismus bezeichnet werden: Prozesse, die zur Staatsgründung der USA und Israels geführt haben (bzw. selbige begleiteten), werden als selbst im Kontext des Kolonialismus herausstechendes Unrecht an indigenen Kulturen perspektiviert. Die Evaluierung des britischen Kolonialismus ist im Guardian-Kommentarbereich größtenteils eindeutig negativ – eine Ausnahme bilden jene Äquivalenzsetzungen hinsichtlich des Tertium Comparationis (i. d. R. Terroreinwirkung), bei denen Schreiber dem historischen Täterkonzept einen weitsichtigen bis beispielgebenden Umgang mit einem Konflikt bescheinigen. Bevorzugtes Szenario ist in beiden Messzeiträumen der Nordir____________________ 206

Artvergleich meint hier einen Vergleich hinsichtlich des Daseins. Im Gegensatz dazu beziehen sich Modalitätsvergleiche auf das Handeln der verglichenen Entitäten (s. III.2.4.1).

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landkonflikt, der sich aufgrund seiner Beschaffenheit offenbar für besagte Aufwertung sowie eine Abgrenzung vom gegenwärtigen Täterkonzept anbietet. 2014 wird nicht mehr nur auf den Nordirlandkonflikt, sondern ebenso auf andere Szenarien britischer Großmachtpolitik (wie bspw. den Falklandkrieg) verwiesen. Die Äquivalenzsetzung der Umstände leitet insofern eine Gegenüberstellung der Täterkonzepte mit unmittelbarer Aufwertung der nationalen Wir-Gruppe ein (s. IV.2.4). Die negative Evaluierung des britischen Kolonialismus tritt damit auch in diesem Milieu (zumindest im Rahmen des Nahostdiskurses) partiell in den Hintergrund. In Kapitel IV.3 beschäftigte ich mich mit der in den Guardian-Korpora beider Messzeiträume besonders häufig etablierten Apartheid-Analogie. Wie oben erwähnt stellt die unterstützende Rolle Großbritanniens im Zusammenhang mit der Entstehung und Aufrechterhaltung der Apartheid in Südafrika den Grund dar, weshalb ich in dieser Arbeit die auf selbige Bezug nehmenden Sprachgebrauchsmuster erläutert habe. Die hohe Frequenz (s. Anhang) mag damit zusammenhängen, dass es sich bei der Komparationsbasis um ein verhältnismäßig aktuelles und infolgedessen potenziell stark emotionalisierendes Unrechtszenario handelt. Anders als bspw. die Wahrnehmung des British Empire ist die Evaluierung der Apartheid in Großbritannien heutzutage gesellschaftsübergreifend negativ – dies trifft umso mehr für das linke Milieu zu. Außerdem nimmt bei Etablierung der Apartheid-Analogie Großbritannien konzeptuell nicht das primäre Täterkonzept ein. Die Rolle des eigenen Landes ist folglich weniger transparent als im Falle einer Thematisierung des britischen Weltreiches. Mit entsprechenden Äquivalenzsetzungen wird insofern historisches Unrecht relativiert, ohne dass eine britische Verantwortung expliziert werden muss. Wenn Großbritanniens Rolle doch Erwähnung findet, so wird der britische Kolonialismus jenem des historischen (BUREN/REGIERUNG SÜDAFRIKAS) sowie des gegenwärtigen Täterkonzepts gegenübergestellt. Im Zuge der Aktivierung von Weltwissen können Leser inferieren, dass der britische Kolonialismus implizit aufgewertet wird, da sich Großbritannien einst den Buren entgegengestellte. Verweise auf die Apartheid können somit – im Zuge von Gegenüberstellungen zwischen Großbritannien und dem historischen sowie gegenwärtigen Täterkonzept – unmittelbare positive Effekte für das nationale Selbstbild aufweisen (s. Verweise auf den Nordirlandkonflikt in IV.2.4). Äquivalenzsetzungen von Israel und dem Apartheidstaat werden wesentlich deutlicher realisiert als jene, die auf das koloniale Großbritannien und/oder andere Kolonialstaaten verweisen. In beiden Messzeiträumen sind sowohl explizite Äquative als auch die Apartheid relativierende Kom368

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parativvergleiche zwischen den Täterkonzepten feststellbar (s. IV.3.1). Die Attribuierung Israels (und/oder seiner Praxen) mit dem Lexem Apartheid ist als zentrale, habitualisierte Ausformung eines expliziten Apartheidvergleiches zu beschreiben. Mit dieser Verwendungsweise tritt die historische Bedeutung des Lexems in den Hintergrund: Apartheid meint nun staatlich verordneten Rassismus, der sich in diversen Kontexten in divergierender Qualität niederschlagen könne. Durch die damit einhergehende Bedeutungsverschiebung wird der beschriebene Gegenstand implizit relativiert. Explizierte Äquivalenzsetzungen der Opferkonzepte (i. d. R. HAMAS und ANC) konnte ich hingegen weder 2012 noch 2014 erfassen (s. IV.3.2). Implizite Vergleiche zwischen den Täterkonzepten werden in beiden Jahren mittels Junktorersatz oder paralleler Anordnungen realisiert. 2014 kommt hinzu, dass hierbei besonders auf den internationalen Umgang mit dem historischen Täterkonzept verwiesen wird: Leser können inferieren, dass bei einer Äquivalenzsetzung im Umgang mit beiden Staaten bspw. in Form eines wirtschaftlichen Boykotts die Ursache des Umgangs, d. h. die Natur der Staaten ebenso äquivalent sein müsse. Die soeben erwähnten, das nationale Selbstbild unmittelbar aufwertenden Gegenüberstellungen zwischen Großbritannien auf der einen sowie Israel und Südafrika auf der anderen Seite werden 2014 teils über Gegenüberstellungen zwischen der damaligen südafrikanischen und der gegenwärtigen israelischen Regierung erweitert: Erstere hätte erkannt, wann sie der Apartheid abzuschwören und Dialogbereitschaft zu zeigen habe – im Gegensatz dazu halte die israelische Regierung an ihrer Unrechtspolitik fest (s. hierzu auch Vergleiche mit dem Nordirlandkonflikt als Komparationsbasis in IV.2.4). Werden 2012 Opferkonzepte noch implizit über Äquivalenzsetzungen der Täterkonzepte und deren unterstellte Praxen verglichen, behaupten Schreiber 2014 eine Parallelität der Opferkonzepte u. a. durch die in ihren Augen illegitime Perspektivierung derselben als Terroristen sowie ihren jeweiligen Widerstandskampf gegen die Täterkonzepte. Wie auch im Kontext der Empire- und Kolonialismus-Analogien wird die Hamas in beiden Messzeiträumen als antirassistische, teils antikoloniale Widerstandsbewegung perspektiviert sowie aufgewertet und ihre Verbrechen sowie der ihrer Bewegung inhärente Antisemitismus relativiert bis geleugnet. 2012 werden Hamas-Aktivisten teils auch (quasi-rassistisch) als unmündige, ohnmächtige Opfer dargestellt. 2014 nehmen Äußerungen zu, in denen Terror gerechtfertigt wird. Trotz der im Guardian-Kommentarbereich erkennbaren Problematisierung der Vernichtungsabsichten und des Judenhasses der Terrororganisation behaupten Schreiber, die Hamas strebe einen konfessionsübergreifenden und Ethnien zusammenführenden Staat an. 369

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Fazit und Ausblick

Onomastische Anspielungen auf den Apartheidstaat und dessen Praxen konnte ich hingegen verhältnismäßig selten erfassen (s. IV.3.2.2). Frequent verwendete Lexeme sind (für das Täterkonzept) Boers sowie (für das Opferkonzept) der Name Mandela. Bemerkenswert ist, dass Mandela (ähnlich wie Gandhi bei Empire-Vergleichen, s. IV.2.1) nicht immer im Rahmen israelkritischer und/oder -feindlicher Äußerungen, sondern bei der Empfehlung, sich von Gewalt gegen israelische Zivilisten zu distanzieren, verwendet wird. Auch hier wird freilich das historische Unrechtszenario (diesmal das der staatlichen Segregation) aktiviert. Was im Kontext der Apartheid-Analogie ins Auge sticht, ist die Präsenz von Lösungsvorschlägen (s. IV.3.2.3). Wie beim internationalen Widerstand gegen die südafrikanische Segregation fordern Schreiber im Zuge ihrer Äquivalenzsetzungen von anderen Kommentatoren sowie von westlichen Regierungen einen Boykott Israels. 2014 rechtfertigen Schreiber vermehrt nicht nur einen ökonomischen, sondern ebenso einen akademischen und kulturellen Boykott. Diesem Wunsch fügen sie in beiden Messzeiträumen die Forderung nach einer Beseitigung Israels hinzu. Sie plädieren für seine Verdrängung durch einen multiethnischen, interreligiösen Staat (was angesichts der Tatsache, dass diese Attribute Israel bereits auszeichnen, das Ausmaß der verzerrten Wahrnehmungsmuster im untersuchten Diskurs veranschaulicht). Der betont unterspezifizierte Charakter der Schilderungen, wie die unterstellten Apartheidstrukturen beseitigt werden sollen, wird in einem Teil der Kommentare durchbrochen, indem Schreiber für einen gegen Israel gerichteten Krieg arabischer Staaten plädieren, der wiederum eine entsprechende Transformation erwirken solle. In keinem dieser Beiträge bedenken die Schreiber die Folgen für die jüdische Bevölkerung Israels, die eintreten würden, sobald der Schutz eines eigens für sie etablierten Staates wegfallen würde. Es handelt sich hierbei um eine weitere Simplifizierung, mit der sich Guardian-Kommentatoren dem Nahostkonflikt annähern und dabei ein auf Verzerrungen fußendes Schwarz-Weiß-Szenario entwerfen, ohne die Spezifika vor Ort und die Genese des Konflikts zu berücksichtigen. Nachdem ich die sprachlichen Realisierungsformen der Analogietypen erläutert habe, möchte ich im Folgenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Spezifika im Zeit- und Guardian-Diskurs knapp herausstellen: Die soeben erwähnte Beobachtung, dass Guardian-Kommentatoren Lösungsvorschläge (bspw. Verwünschungen oder Boykottaufrufe) für den Nahostkonflikt hervorbringen, konnte ich in Bezug auf Zeit-Kommentare in dieser Klarheit kaum ausmachen. Stattdessen empfehlen Schreiber Isra370

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Fazit und Ausblick

el eine Orientierung an Deutschland und dessen behaupteter Fähigkeit, die eigene historische Rolle durch Aufarbeitung und moralische Integrität zu überwinden. Sobald das in Kommentaren mit NS-Deutschland verglichene Israel diese Fähigkeit ebenso entfalte, würde auch der Konflikt zum Erliegen kommen. Allerdings handelt es sich bei jenen Kommentaren, in denen Israel die Fähigkeit des Lernens bescheinigt wird, nur um eine kleine Teilmenge von Äußerungen, die der Aufwertung der deutschen WirGruppe durch Abgrenzung von Israel dienen. Im Großteil der entsprechenden Äußerungen wird Israel Lernfähigkeit abgesprochen, wodurch letztlich implikatiert wird, der Konflikt könne nicht oder nur durch eine Beseitigung Israels überwunden werden. Insgesamt zeichnen sich die Analogien etablierenden Guardian-Kommentare im Verhältnis zu entsprechenden Zeit-Kommentaren durch ein höheres Maß an Direktheit in Form und Inhalt aus. Explizite Vergleiche zwischen Israel und einem nicht näher spezifizierten Kolonialstaat sowie der Apartheid sind wie erwähnt in beiden Jahren auszumachen. Auch wenn zumindest bei Vermittlung der Empire-Analogie kein expliziter Vergleich zwischen den Täterkonzepten realisiert wird, so kommen hier implizite Vergleiche selten elaboriert daher (bspw. in Form einer Einbettung in komplexe Argumentationsmuster). Die dennoch feststellbare hohe Frequenz impliziter Vergleiche kann damit zusammenhängen, dass Schreiber, die dem linksliberalen Milieu beider Länder angehören, antisemitische und die nationale Wir-Gruppe aufwertende Inhalte größtenteils in kaschierter Form kommunizieren. Der für sie geltende Anspruch der Distanz gegenüber Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus kann hier als Antrieb gelten. Darüber hinaus können allerdings auch – wie auch hinsichtlich der Zeit-Kommentare – der alltägliche Gebrauch nicht-plakativer Sprachverwendung, sprachökonomische Gesichtspunkte sowie die Fokussierung bestimmter Aspekte, aus denen Vergleiche ableitbar sind, Gründe für die Präsenz impliziter Vergleiche darstellen. Kommentare mit onomastischen Anspielungen auf die NS-Zeit sind dadurch charakterisierbar, dass einschlägige Lexeme diese Phase deutscher Geschichte beim Leser problemlos aktivieren können. Anspielungen auf Empire, Kolonialismus sowie Apartheid werden (besonders im zweiten Messzeitraum) durch eine Fülle an (hinsichtlich ihrer historischen Bezugnahme teils ambigen) Lexemen realisiert, die das gegenwärtige Täterkonzept umfassend negativ evaluieren. Die Ambiguität, wie sie bei onomastischen Anspielungen potenziell vorliegt, wird durch die hohe lexikalische Dichte dämonisierender Lexeme aufgehoben, die in ihrem Zusam-

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menspiel den Verweis auf den britischen Kolonialismus deutlich werden lassen. Im Falle von mehrdeutigen, also sich potenziell nicht allein auf NSDeutschland, das Empire oder die Apartheid beziehenden Anspielungen (wie sie im Zeit-Kommentarbereich bspw. bei Verwendung des Lexems Ghetto in Bezug auf die NS-Zeit vorliegen) ist darauf hinzuweisen, dass die Erschließung besagter historischer Szenarien vonseiten der Leserschaft aufgrund der Präsenz der Szenarien im jeweiligen kollektiven Gedächtnis gewährleistet wird. Gerade bei im deutschen Diskurs feststellbaren offenen Anspielungen (die bei Etablierung von Empire-, Kolonialismus- und Apartheid-Analogien im Guardian-Kommentarbereich nicht vorkommen) ist besagter Status der NS-Verbrechen für die Bewertung der entsprechenden Äußerungen entscheidend. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass die Schreiber bei der Etablierung von Empire- und Kolonialismus-Analogien durchgängig darauf verzichten, durch einen spezifischen Sprachgebrauch Israel eine affirmative Haltung hinsichtlich Kolonialismus, Expansionismus und Rassismus zu unterstellen (wie es im Zeit-Kommentarbereich bei Rückgriff auf NSVokabular getan wird). Dies mag mit der unerwünschten Referenz auf die rassistisch geprägte Kolonialpropaganda im British Empire oder dem Mangel an Kenntnis über diesen Aspekt britischer Herrschaftsausübung zu tun haben. Hinsichtlich der Etablierung der Apartheid-Analogie liegt eine einzige Ausnahme in Form des auf die südafrikanischen Homelands verweisenden, selbige abwertenden Lexems Bantustan(s) vor, welches von Guardian-Kommentatoren wiederum zur Beschreibung Gazas und des Westjordanlandes herangezogen wird (s. IV.3.2.2). Damit wird Israel implizit eine abwertende Perspektive auf die palästinensischen Gebiete unterstellt. Eine Gemeinsamkeit beider Diskurse betrifft eine bestimmte Ausformung elaborierter Äquivalenzsetzungen der Täterkonzepte: Schreiber unterstellen einen wohlwollenden Umgang mit den Täterkonzepten vonseiten jener Kommentatoren, welche mit den israelkritischen bis -feindlichen Äußerungen nicht übereinstimmen. In beiden Diskursen werden diese wahlweise als israelsolidarisch, als pro-israelisch oder gar als „HasbaraFunktionäre“ perspektiviert und diffamiert, indem ihnen Sympathien für NS-Deutschland, für den Faschismus und Nationalsozialismus, für den Rassismus des späten Kolonialismus oder die Apartheid nahegelegt werden. Diese Attribuierung kann als Strategie des Angriffs auf die Glaubwürdigkeit dieser Personen gelten, da selbige als parteiisch und bei Unrecht nicht (universell) intervenierend dargestellt werden. Durch die be372

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hauptete bedingungslose Nähe zu und Solidarität mit Israel richtet sich dieser Vorwurf indirekt auch gegen Israel – der Leser kann inferieren, dass vergleichbare Ansichten sowohl bei den besagten Kommentatoren als auch beim jüdischen Staat vorliegen würden. Der allgemein feststellbare Mangel an Elaboriertheit, durch welchen sich Äquivalenzsetzungen in den Guardian-Kommentaren auszeichnen, hängt zweifelsohne auch mit dem Umstand zusammen, dass NS-Vergleichen (durch die Dimension der referierten Verbrechen) eine höhere Brisanz zukommt. Besagter Mangel lässt jedoch auch den Schluss zu, dass das Bewusstsein über die dennoch vorliegende Brisanz geschichtsbezogener Vergleiche im Guardian-Kommentarbereich nicht besonders ausgeprägt ist (s. hierzu ausführlich IV). Dies scheint allerdings nicht allein für die Guardian-Leserschaft zu gelten. Ein auffälliger Unterschied zwischen Zeit- und Guardian-Diskurs ist, dass geschichtsrelativierende Kolonialismus- und Apartheid-Analogien teils auch von Guardian-Journalisten selbst etabliert werden. In dem von mir untersuchten britischen Diskurs ist folglich (im Gegensatz zum Zeit-Diskurs) von Top-down-Prozessen zu sprechen: Manche Journalisten perspektivieren Israel über Äquivalenzsetzungen als anachronistische, illegitime Kolonialmacht sowie als Apartheidstaat, was einen nachhaltigen Einfluss auf die Einstellungsmuster der Leserschaft ausüben kann. Im Zuge einer Annäherung zwischen Medien und Leserschaft, wie sie beim Guardian (u. a. technologisch) bereits eingeläutet wurde (s. I.1), kann sich zudem potenziell eine Habitualisierung geschichtsrelativierender Sprachgebrauchs- und somit Einstellungsmuster nicht nur im Rahmen von Top-down-, sondern auch von Bottom-up-Prozessen abzeichnen. Unabhängig davon, welche Bedeutung den Leserkommentaren der Zeit und anderen Medien in Zukunft zukommen wird, sind sie bereits gegenwärtig Ausdruck der Verbreitung problematischer Inhalte, die u. U. zu Konzessionen vonseiten des Mediums hinsichtlich Ausrichtung und Inhalt der veröffentlichten Beiträge führen können. In jedem Falle können Inhalte von Leserkommentaren langfristig starke Auswirkungen auf die virtuelle Debattenkultur haben. Eine Gemeinsamkeit sowohl bei der Zeit als auch beim Guardian ist, dass beide Medien dem Modell der „post-moderation“ folgen, d. h. Kommentare nach deren Veröffentlichung auf Hassrede hin überprüfen. Trotz erkennbarer Aktivitäten der Moderationen beider Medien blieben die meisten der hier vorgestellten, Analogien etablierenden Leserkommentare während meiner gesamten Auswertungsphase online. Erneut wird deutlich, dass ein Bewusstsein über die Brisanz besagter, vor allem impliziter 373

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Fazit und Ausblick

Äußerungen offenbar auch bei den Medien selbst nicht vorliegt. In Großbritannien mag hierfür ein (u. a. von Deutschland) divergierendes Verständnis über das Verhältnis von (gerade antisemitischer) Hassrede und Meinungsfreiheit (s. II.2.3) ausschlaggebend sein. Zudem wird die koloniale Vergangenheit in weiten Teilen der britischen Gesellschaft ambivalent bis positiv bewertet (s. II.2.2). Negative Bewertungen dieser historischen Phase mögen in diesen Teilen ggf. für Unverständis bzw. Irritationen sorgen – eine Problematisierung Empirebezogener Vergleiche aufgrund deren Brisanz scheint jedoch im öffentlichen Kommunikationsraum Großbritanniens unwahrscheinlich (s. besonders IV). Die Beobachtung, dass Abschwächungen bei impliziten Vergleichen in den Guardian- und Zeit-Kommentaren diverse Ähnlichkeiten aufweisen, ist bemerkenswert: Vor der Untersuchung ging ich davon aus, dass hinsichtlich NS-Bezügen im deutschen, gerade im linksliberalen Diskurs eine höhere Sensibilität vorliegen würde als bei seinem britischen Äquivalent hinsichtlich Kolonialismusbezügen. Dass die Resonanz gegenüber implizit vermittelten geschichtsrelativierenden Äquivalenzsetzungen hier letztlich vergleichbar ist, stellt einen unerwarteten Sachverhalt dar und sollte Gegenstand weiterer Untersuchungen sein. Allein bezogen auf meine Untersuchung bedeutet dies, dass das innerhalb der Zeit-Moderation offenbar vorherrschende Bild von NS-Vergleichen (als zu sanktionierende Ausprägungsvariante von antisemitischer Hassrede und Geschichtsrelativierung) nicht der sprachlichen Vielfalt gerecht wird, mit der diese Vergleiche im Zeit-Kommentarbereich realisiert werden. Hinsichtlich Gefahrenpotenzialen (und daraus resultierenden Notwendigkeiten einer Erforschung) sehe ich gerade in der fortwährenden und medienübergreifenden Analyse von Kolonialismus- sowie Apartheid-Analogien, wie sie im Guardian-Kommentarbereich in den beiden Messzeiträumen erkennbar werden, ein Desiderat. Präsenz und Akzeptanz dieser Analogien innerhalb des (nicht nur) linksliberalen Mainstream-Diskurses zeigen, dass deren sprachliche Vermittlungen aufgrund eines wohlfeilen Eintretens für Menschenrechte sowie gegen Rassismus und Ausbeutung (als aktuelles und damit im gesellschaftlichen Bewusstsein präsentes Unrecht) ein wesentliches Charakteristikum eines milieuübergreifenden israelfeindlichen Diskurses darstellen. Im Zuge ihrer frequenten Etablierung durch die Schreiber können zugunsten einer Sagbarkeit alte (mittels Stereotypkodierungen) durch verhältnismäßig neue Formen der Dämonisierung Israels (mittels Vergleichen) ersetzt werden. Äquivalenzsetzungen dieser Art können insofern aufgrund ihrer Anschlussfähigkeit und gesellschaftli-

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Fazit und Ausblick

chen Akzeptanz zu einer größeren Herausforderung werden als jene, welche die NS-Analogie etablieren. Beim Nationalsozialismus handelt es sich um ein Kapitel deutscher Geschichte, von dem sich die postnazistische Gesellschaft klar distanziert hat. Eine positive Bewertung der Verbrechen stellt ein Tabu dar; der Rekurs auf selbige mittels Vergleichen wird häufig zurückgewiesen. Dem entgegengesetzt scheint gegenwärtig in den Zeit-Korpora der Status der Brisanz von NS-Bezügen im Nahostdiskurs rückläufig zu sein (s. II.1.3). Im Falle von NS-Vergleichen innerhalb anderer Kontexte liegt ohnehin eine erkennbare vielfältige Verwendung vor, was teils mit einer beobachtbaren Schlussstrichmentalität im Umgang mit der NS-Vergangenheit (als wesentlicher Bezugspunkt der nationalen Identität) im Zuge von Renationalisierungstendenzen zusammenhängen mag (s. II.1.1 und II.1.2). Das Verhältnis im hier untersuchten britischen Diskurs zeichnet sich ebenso durch Distanz gegenüber kolonialen Verbrechen aus, allerdings resultiert aus dieser Haltung keineswegs die Vermeidung eines Rückgriffs auf entsprechende Vergleiche. Zudem muss unterstrichen werden, dass Schreiber bei der Vermittlung von Kolonialismus- und Apartheid-Analogien Szenarien von Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung und Rassismus aktivieren, die weltweit bis in die Gegenwart hineinreichen und im Diskurs miteinander verflochten werden können (hier sei knapp auf die Folgen des Kolonialismus u. a. in Afrika (hier auch Apartheid), Asien und Südamerika verwiesen). Diese Faktoren können zu einer hegemonialen, da universell anschlussfähigen Stellung der Kolonialismus- und ApartheidAnalogien im Rahmen salonfähiger israelfeindlicher Rede führen. Gerade im Kontext von Brexit, also von Renationalisierungstendenzen in Großbritannien (die allzu häufig mit einer Aufwertung der kolonialen Ära des Landes einhergehen), sehen sich linke Milieus gezwungen, auf koloniale Verbrechen hinzuweisen bzw. diese zu problematisieren. Äußerungen, die vor diesem Hintergrund Israel koloniale Verbrechen unterstellen, können in diesem Klima wiederum ein hohes Persuasions- und Emotionspotenzial entfalten. Für die Betrachtung von Verbal-Antisemitismen, wie sie im 21. Jahrhundert zum Ausdruck kommen, sind somit weiterführende Untersuchungen notwendig. Zum einen kann die Antisemitismusforschung nicht mehr ohne die Internetforschung auskommen. Wie erwähnt stellt das Internet gegenwärtig den dominanten Austragungsort politischer Debatten dar. Gesellschaftlich prominente Haltungen der Zukunft werden hier kommuniziert, verhandelt und eingeübt. Zum anderen müssen jene im Nahostdiskurs (nicht nur) des Mainstreams erkennbaren Analogien und andere For375

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Fazit und Ausblick

men der Dämonisierung untersucht werden, die mit humanistischen und demokratischen Wertevorstellungen der jeweiligen Wir-Gruppe nicht zu kollidieren scheinen. Angesichts einer durch das Internet hervorgerufenen Internationalisierung landes- bzw. milieuspezifischer Feindbilder sind Verschiebungen bzw. Ergänzungen besagten israelfeindlichen Dämonisierungsrepertoires mittels kontrastiver Untersuchungen des Web-Diskurses in verschiedenen Ländern und Milieus zu analysieren. Hierbei ist lohnenswert, die Anschlussfähigkeit des entsprechenden Sprachgebrauchs vor dem Hintergrund divergierender ideologischer Standorte, nationaler Narrative sowie Tabuisierungen im Umgang mit der jeweils eigenen Geschichte auszuloten. Beschaffenheit und Bewertung nationaler Selbstbilder müssen also Berücksichtigung finden, da der Zusammenhang von Antisemitismus und nationaler Identität für die Erforschung möglicher Motive, mit denen geschichtsbezogene Analogien etabliert werden, wesentlich ist. Gerade im Kontext der erwähnten, sich gesellschaftsübergreifend abzeichnenden Renationalisierungstendenzen ist absehbar, dass sich Fremdbzw. Feindbilder erneut konstituieren bzw. eine Stärkung erfahren werden. Die gesellschaftliche „Mitte“ ist von diesen Entwicklungen ebenfalls betroffen, und Fragen der nationalen Identität sowie sich anschließende Projektionsbedürfnisse werden bei besagter Konstituierung als maßgebliche Triebfeder dienen. Bedürfnislagen hinsichtlich einer uneingeschränkt positiven nationalen Identität werden den jüdischen Staat noch stärker ins Abseits drängen, als es gegenwärtig (auch im hier untersuchten Diskurs) bereits der Fall ist. Allein mittels anhaltender Detailanalysen des Sprachgebrauchs im Internet als dem prominenten Ort politischer Debatten in Gegenwart und Zukunft können Ausformungen von Antisemitismus und Nationalismus innerhalb von Mainstream-Diskursen antizipiert und rechtzeitig problematisiert werden.

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