An Der Grenze Von Scholastik Und Naturwissenschaft [3]

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An Der Grenze Von Scholastik Und Naturwissenschaft [3]

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STORIA E LETTERATURA RACCOLTA DI STUD! E TEST!

ANNELIESE MAIER

AN DER GRENZE VON SCHOLASTIK UND NATURWISSENSCHAFT DIE STRUKTUR DER MATERIELLEN SUBSTANZ DAS PROBLEM DER GRAVITATION DIE MATHEMATIK DER FORMLATITUDEN 2. AUFLAGE

ROMA 1952

EDIZIONI DI STORIA E LETTERATURA VIA LANCELLOTTI, 18

AN DER GRENZE VON SCHOLASTIK UND NATURWISSENSCHAFT

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NELLA STESSA COLLANA:

ANNELIESE MAIER

STUDIEN ZUR NATURPHILOSOPIE DER SP A.TSCHOLASTII< Bd. I.

Die Vorlaufer Galileis im 14. Jahrhundert, 1949 (vol. 22)

Bd. II. Zwei Grundprobleme der scholastischen Naturphilosophie 1951 (vol. 37) Bd. III. An der Grenze von · Scholastik und Naturwissenschaft, (vol. 41) Bd. IV. in Vorbereitung

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STORIA E RACCOLTA

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AN DER GRENZE VON SCHOLASTIK ,, UND NATURWISSENSCHAFT DIE STRUKTUR DER MATERIELLEN SUBSTANZ DAS PROBLEM DER GRAVITATION DIE MATHEMATIK DER FORMLATITUDEN

2.

AUFLAGE

RO MA 1952 EDIZIONI DI STORIA E LETTERATURA VIA LANCELLOTTI 18

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EDIZIONI DI STORIA E LElTERATURA Roma • Via Lanccllotti, 18 RISTAMPA ANASTATICA • FOTO-LITO DINI. MODENA· 1977

VORWORT

Der vorliegende Band, der erstmalig 1943, in den « VerOffentlichungen des Kaiser-Wilhelm-Instituts fiir Kulturwissenschaft im Palazzo Zuccari Rom », erschienen ist, hat in dieser neuen Auflage eine griindliche Uberarbeitung erfahren und ist vielfach nach dem heutigen Stand der Forschung berichtigt und erganzt worden. Er bildet nun in dieser Reihe den dritten Band unserer Studien zur Naturphilosoplzie der Spiiucholastik, und wir hoffen, dass ihm noch weitere folgen werden. Auch die Untersuchungen dieses Bandes sind wie die der beiden vorhergehenden in der Hauptsache unter Benutzung der Handschriften und Drucke der Vatikanischen Bibliothek durchgefiihrt worden, und wieder mochten wir Monsgr. Pelzer unsern aufrichtigen Dank sagen fiir all die freundliche Unterstiitzung, die wir im Lauf unserer Arbeit von ihm erfahren haben. Es sei auch hier ausdriicklich gesagt, class wir grundsatzlich nur die Handschriften und Drucke zitieren, die wir ~elbst entweder im Original oder in Fotokopien benutzt haben. In den wiedergegebenen Text-Stellen haben wir Zusatze, die von uns stammen, in eckige Klammern [] gesetzt, Worter oder Buchstaben, die wir streichen mochten, in spitze < >. Offensichtliche Schreib- oder Fli.ichtigkeitsfehler der Kopisten, die in eindeutiger Weise zu korrigieren sind, verbessern wir stillschweigend, ohne e ..; jedesmal ausdriicklich zu vermerken. Rom, den 1. Dezember 1951. ANNELIESE MAIER

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INHALT Seitc VII

Vorwort I. DIE STRUKTUR DER MATERIELLEN SUBSTANZ

1. Die Voraussetzungen a) Die Leh re von den Elementen und das Problem: utrum maneant in mixto? . b) Die klassischen LOsungen des Problems 2. Die averroistische Richtung . 3. Die « moderne » Richtung .

3 22 36 89

II. DAS PROBLEM DER GRAVITATION

1. Die Ursache der Fallbewegung 2. Die Fallbeschleunigung 3. Der freie Fall im Vakuum .

143 183 219

III. DIE MA TIIEMATIK DER FORMLATITUDEN

I. Die Calculationes des 14. Jahrhunderts und die Wissen~ schaft von den Formlatituden 2. Oresmes Methode der graphischen Darstellung a) Der Traktat De configurationibus intensionum b) Die Quaestionen zu Euklids Elementa .

257 289 343

3. Die Nachwirkung der Oresme'schen Lehre

354

Handschriftenverzeichnis Autorenverzeichnis

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I

DIE STRUKTUR DER MATERIELLEN SUBSTANZ

1 DIE VORAUSSETZUNGEN

a) Die Lehre von den Elementen und das Problem: utrum maneant in mixto? Die Frage nach der Struktur der Materie ist von jeher und fiir alle Zeiten eines der wichtigsten Probl.:me jeder Naturphilosophie und jeder Naturwissenschaft gewesen. Seine LOsung, d. h. die Auffassung vom W esen der materiellen Substanz, hat immer, fi.ir jede Epoche und fi.ir jede Richtung, das Fundament gebildet, auf dem sich die Vorstellungen von der anorganischen Natur und ihrem Geschehen aufbauen. Man kann geradezu sagen, an, class nicht nur die Elemente sondern auch andere - nicht alle - substantialen Formen intensio und remissio erfahren konnen: Videtur ergo mihi dicendum: et formae substantiales elementorum et aliquae aliae recipiunt magis et minus, immo, ut IO

Sent. II dist. 14 art. II qu. 2 (Ed. Brescia 1591).



I:

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DIE STRUKTUR DER MATERIELLEN SUBSTANZ

proprius loquar, contingit materiam formas elementares et aliquas alias formas substantiales participari secundum magis et minus, per hoc quod contingit materiam plus vel minus babere de essentia illius formae. Damit iibertragt Mediavilla einfach seine Intensionstheorie 11 von den akzidentalen auf die substantialen Formen, ohne auf die Frage einzugehen, ob und in welchem Sinn eine derartige Obertragung moglich und berechtigt ist. Auch der bekannte A verroist J o h a n n e s v o n J a n d u n schliesst sich - darin abweichend von den alteren Pariser Averroisten - der Meinung des Kommentators an. Sein Kommentar zu De generatione et corruptione ist nicht oder nur in Bruchstiicken erhalten 12• Dach konnen wir der Erorterung des Pro-blems, ob die substantialen Formen intensio und remissio erfahren, die sich in seinem Metaphysikkommentar findet 13 , · entnehmen, wie er sich das Verhalten der Elemente in der V erbindung denkt. Seine Auffassung folgt ganz der averroistischen. Die thomistische These lehnt er - ohne class ein Name genannt wird - ab: wenn etwas bleiben soll - und d as s die Eleme.nte im mixtum bleiben, folgt aus Aristoteles, es handelt sich nur um den modus, secundum quem remanent -, so geniigt nicht, class sein Akzidens bleibt. Bei der Enstehung des mixtum erfahren darum die Elementarformen selbst eine remissio. Der springende Punkt ist fiir Johannes von Jandun die notwendige Parallele zwischen der remissio der Qualitaten und der substantialen Formen, die Averroes gegen Avicenna behauptet hatte. So £asst er abschliessend seine Kritik und die eigene positive Antwort in dem Satz zusammen: Quantum ignis amittit vel acquirit de caliditate, tan11 . Vgl. Zwe-i Grundprob/eme, S. 44 f.; doch legt Medi.avilla bei den substant1alen Formen mehr den Akzent auf das intcndi und remitti secundum esse (oder secundum participationem) als bei den Akzidentien. 12 . Gr.1bmJnn nennt (Mittelalterliches Geistesleben II S. 244 f.) cine Quaest10 Janduns: utrum elementa sub propriis formis maneant in mixto in einer Flo~~nti?er Hs. (Bibi. Naz. Cod. I. III. 6 fol. J4Qr.J46r), die uns le,ider nicht zuganghch war. Moglicherweise handclt es sich hicr um eine Quaestio aus dem De gener.-Kommentar. 18 . Metap~. VIII qu. 5 (Ed. Ven. 1554). In Phys. V qu. 2 (an generatio sit m~s) wird das Problem auch kurz erortert und ;n averroi.stisehcm Sinn ents~hieden, unter Verweisung auf cine ausfiirlichere Darstellung die Jandun noc: ~u geben hofft und mit der wohl der Kommcntar zu gcner. gc· mcmt 1st.

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DIE AVERROISTISCHE RICHTUNG

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tum acquirit vel amittit de forma substantiali et sic susc1p1t magis et minus. Schliesslich wird noch ausdriicklich unterstrichen, dass diese Besonderheit nur den Elementen zukommt und nicht den hoheren Substanzen. Denn diese haben eine bestimmte ·consistentia et proportio in der Materie, die Elemente, quae consistunt dispositive in qualitatibus tangibilibus, jedoch nicht, und sic konnen darum ein intendi und remitti erfahren. Deshalb babe Averroes sie auch als ein Mittleres zwischen Substanz und Akzidens bezeichnet. Dieser Gedanke ist insofern bemerkenswert, als hier stillschweigend auf den genuinen aristotelischen Begriff des Elements, das nichts anderes ist als der Komplex zweier Qualitaten, zuriickgegriffen und von der substantialen Form, durch die ja das ganze Problem entstanden ist, abgesehen wird. Wir werden ahnlichen Vorstellungen noch bei andern Averroisten des 14. Jahrhunderts begegnen. Verhreitet war mit dem fortschreitenden 14. Jahrhundert die averroistische Auffassung dann vor allem bei den Oxforder « Mertonenses » 14, die mit Thomas Bradwardine als Schulhaupt ein zweites wichtiges Zentrum - neben Paris - fiir das neu erwachende naturphilosophische und naturwissenschaftliche lnteresse darstellen 1 ~. In unserm Problem folgen sie fast durchweg der rein averroistischen Lehre, ohne sie einer Kritik zu unterziehen oder sie umbilden zu wollen 16 • Die These des Kommentators wird im allgemeinen gar nicht naher erortert, sondern stillschweigend akzeptiert. In diesem Zusammenhang ist vor allem Toh an n es Du m b I et o n zu nennen, der bekannte Logiker md Naturphilosoph, dessen Hauptwirksamkeit in die dreissiger md vierziger Jahre fallt. Auch er folgt ohne weiteres der averroistischen Auffassung, stellt aber einige Betrachtungen iiber sie H Zu denen, die die averroistische Lehre unkritisch und ohne nahere Erlauteru·ng iibernommen habcn, gehort iibrigens auch P e tr u s d e A n g I i a , d~r cine Zc:itlang Franziskanc:rgeneral in Koln war. Er vertritt sie in eincr quaestto quodlibctalis aus dem Jahre 1303-04: utrum corpus hominum constituitur immediate ex dementis (quodl. I qu. 21, Vat. lat. 932 fol. 187r a-187v b). 15 Vgl. unten S. 265. 16 So z. B., um eines der prominentesten Mitgliedcr aus diesem Kreis zu nennen, R i c h a r d S u i s s e t (Swineshead) in seinem Liber calculationum (tract. Ill: De intensione elementi habentis duas qualitates non aeque intensas; Ed. Venedig 1520).

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DIE STRUKTUR DER MATERIELLEN SUBST.\NZ

an, namentlich iiber die intensio und remissio der substantialen Formen, die von einem gewissen lnteresse sind. Das suscipere magis et minus 17 kann allgemein in dreifacher Weise verstanden werden: einmal als Vergleich innerhalb derselben Spezies nach mehr oder weniger vollkommen; das ist ein magis und minus per accidens, das sowohl den Qualitaten wie den Substanzen zukommt: eine Warme ist vollkommener als eine andere, weil sie starker wirkt, ein Mensch vollkommener als ein anderer, weil er gelehrter ist usw. Die zweite Art des magis und minus ist die iibliche, die fur die Vergleichung der species untereinander angenommen wird. Die dritte Moglichkeit schliesslich ist das magis und minus im engeren eigentlichen Sinn: tertio modo propriissime magis et minus suscipere dicitur quod natum est recipere gradum intensiorem post remissiorem et e contrario et sic intensio et remissio solum competit qualitatibus in tertia specie et earum subiectis propter ipsas. Die eigentliche intensio und remissio also kommt nur den Qualitaten der dritten Art zu. Fiir Substanzen, d. h. substantiale Formen, gibt es nur einen uneigentlichen Vergleich nach mehr und minder, 1md das in doppelter Weise: einmal kann er sich auf die species als sokhe innerhalb des genus beziehen, und zweitens auf verschiedene Substanzindividuen innerhalb derselben species. Aber in diesem letzten Sinn ist es ein mehr und minder, das nicht die substantiale Form als solche trifft, sondern nur gewisse Qualitaten, die ihr zukommen, sodass der Vergleich sich auf ein magis und minus per accidens beschrankt. . T_rotz dieser anfiinglichen Feststellung, die die eigentliche mtens10 und remissio fiir Substanzen ausschliesst, wird noch einmal in einem besonderen Kapitel die Frage erortert: numquid forma substantialis aliqua intenditur vel remittitur 18 • Die Entscheidung lautet, unter ausdriicklicher Beziehung auf Averroes: ~1 S~mr:na l?gic~c ct philosophiac naturalis, pars II cap. 14-23. Wir benutzcn

v?n en re~ vattkanischcn Hss. Vat. lat. 954, Vat. lat 6750 und Pal lat 1056 d 1c 1ctzte die uns d b T · · · ' · ' Ka itel n~ . en .esten ext z_u b~~ten schemt, folgen aber, da hier die P. icht numenert smd, der Kaip1tclzahlung in Vat la·t 6750 D" ·· t Kap1tcl find en sich Pal. lat. I 056 fol. 26r a-31 r a . . . ie z1t1er en 18 Pars II cap. 32-33; fol. 35v b. ·

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DIE AVEltROISTISCHE RICHTUNG

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fiir die formae elementares und nur fiir sic gibt es ein intendi und remitti, fiir die formae secundae, d. h. die hoheren substantialen Formen dagegen nicht. Diese Sonderstellung der Elemente wird unter anderem mit folgender tiberlegung erklart: Aristoteles hat einen doppelten Substanzbegriff gehabt; die Substanzen, denen er die Moglichkeit der intensio und remissio abspricht, sind nicht dieselben, wie die, von denen er in der Kategorienschrift handelt 19 • Hier wird unter Substanz nur das Substrat der anderen pracdicamenta verstanden, aber nicht cine forma, und in diesem Sinn kann man auch die Qualitaten als Substanzen auffassen und kann umgekehrt den Schluss ziehen, dass jene cinfachsten substantialen Formen, quae sunt in subiectis ut qualitates, wie Dumbleton in etwas clunkier Formulierung sagt, magis und minus erfahren konnen. Die Ausnahmestellung der Eie.:. mentarformen, die durch ihre lntensibilitat bedingt ist, wird also dadurch begriindet, class sic an die Qualitaten angenahert werden. Jcdenfalls erkennt er intensio und remissio der Elementarformen an, so wie Averroes sic gelehrt hatte. Damit ist im Grunde auch schon die Frage nach dem Verhalten der Elemente in der Mischung entschieden. Tatsachlich wird sie im vierten Teil der Summa, die von den Elementen handelt, auch nicht mehr ausdriicklich erortert, sondern nur in einer beilaufigen Bemerkung gestreift. Dumbleton erortert hier das Problem: qualiter elementa ad invicem miscentur? 20, und zwar bezieht es sich auf das Mischungsverhaltnis der einzelnen Bestandteile eines mixtum und spitzt sich zu zu der Frage, ob ein aequaliter componi ex contrariis sub gradu remissiore media anzunehmen sci. In die Beweise fiir und wider ist ein kurzer Exkurs eingeschoben, der keinen ersichtlichen Zusammenhang mit den iibrigen Argumenten hat, aber andererseits die Voraussetzungen der ganzen Fragestellung betrifft: quidam dicunt, quod elementa non sunt in mixto nisi in potentia. Ware diese Auffassung richtig, so hatte es natiirlich keinen Sinn, 19 Es ist wicdcr die auf Avicenna zuriickgchende Unterschcidung, die wir schon bci Albortus Magnus gctroffen haben, und die uns auch sonst noch be· gcgnen wird. 20 Pars IV cap. 5; fol. 7or a.

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DIE STRUKTUR DER MATERIELLEN SUBSTANZ

nach ihrem Mischungsverhaltnis zu fragen. Bei dieser Gelegenheit wird die thomistische Auffassung ausfiihrlich widerlegt, und unter den Argumenten, die uns sonst im einzelnen nicht interessieren, heisst es: item Commentator 3° De caelo comm. 67