Albert Görlands systematische Philosophie
 9783110874327, 3110121557, 9783110121551

Table of contents :
Vorwort
Einleitende Betrachtungen zu Problemstellung und Methode
Erster Teil: Görlands wichtigste Thesen, erläutert mit Bezug auf Methode und Resultate seiner Philosophie
I Prologik
1 Philosophie als dialektische Prologik
2 Konstruktive Prologik der Korrelativität
3 Kritische Prologik
II Die philosophischen „Facher“: Anwendung der Methode
1 Ethik als Kritik der Weltgeschichte
2 Ästhetik
3 Religionsphilosophie
Zweiter Teil: Kritische Betrachtungen
I Immanente Kritik
II Filiation
III Konfrontation
Namenregister

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Pieter Hendrik van der Gulden Albert Görlands systematische Philosophie

W DE G

Kantstudien Ergänzungshefte im Auftrage der Kant-Gesellschaft in Verbindung mit Ingeborg Heidemann f herausgegeben von Gerhard Funke und Rudolf Malter

123

Walter de Gruyter · Berlin · New York

1990

Pieter Hendrik van der Gulden

Albert Görlands systematische Philosophie

Walter de Gruyter · Berlin · New York 1990

Diss. Utrecht, Assen 1943

C1P-Titelaufnähme der Deutschen Bibliothek

Gulden, Pieter Hendrik van der: Albert Görlands systematische Philosophie / Pieter Hendrik van der Gulden. [Übers, aus d. Niederländ.: Joachim Aul]. — Berlin ; New York : de Gruyter, 1990 (Kantstudien: Ergänzungshefte ; 123) Einheitssacht.: Albert Görlands systematische Philosophie Utrecht, Univ., Diss., 1943 ISBN 3-11-012155-7 NE: Kantstudien / Ergänzungshefte

© Copyright 1990 by Walter de Gruyter & Co., D-1000 Berlin 30. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Druck: Arthur Collignon GmbH, D-1000 Berlin 30 Buchbinderische Verarbeitung: Lüderitz & Bauer, D-1000 Berlin 61

Vorwort Gegenstand dieser Studie ist die systematische Philosophie des Hamburger Professors Albert Görland (1869 — 1952), eines zu Unrecht vergessenen Repräsentanten der Marburger Richtung des Neukantianismus. „Zu Unrecht" deswegen, weil es gewiß die Mühe lohnt, sich mit Görlands Arbeiten auseinanderzusetzen, da sie durchaus der heutigen philosophischen Diskussion Impulse zu geben vermögen. Eine Auseinandersetzung dieser Art sollte allerdings beide Teile von Görlands Philosophie zum Gegenstand der Betrachtung machen, da sie einander voraussetzen und ermöglichen: Erstens die Wissenschaftslehre, welche den Vergleich mit entsprechenden modernen Konzeptionen durchaus nicht zu scheuen braucht, und zweitens die konstruktive und kritische Anwendung dieser Lehre auf die Gebiete der Natur, der Gemeinschaft, des Stils und der Religion. Dabei stellt die Einheit aller Erfahrung die dem Denken Görlands Richtung verleihende Idee dar. Dieses Buch ist eine Übersetzung der Dissertation, mit welcher der Görland-Schüler Pieter Hendrik van der Gulden (1902-1986) im Jahre 1943 an der Rijksuniversiteit zu Utrecht den akademischen Grad eines Doktors der Philosophie erwarb. Der Verfasser präsentiert zunächst eine Darstellung der Philosophie Görlands und unterzieht diese sodann einer „immanenten Kritik". Die „Filiation" thematisiert die eventuell vorliegenden Beziehungen zwischen Görlands Philosophie und den Denkern der idealistischen Tradition, vor allem Kant und den Vertretern der Marburger Schule. Der letzte Abschnitt, die „Konfrontation" (d. h. die Untersuchung der Position Görlands im Ganzen der Philosophie), mußte wegen der zur Zeit der Abfassung dieser Dissertation drohenden Schließung der niederländischen Universitäten leider sehr kurz ausfallen. Die in Görlands Philosophie dem Anschein nach nicht behandelten, gleichwohl implizit in ihr enthaltenen anthropologischen Probleme werden vom Verfasser an geeigneter Stelle ins Licht gerückt. Dr. phil. Joachim Aul hat mit der Übersetzung dieser Dissertation seinem geschätzten Freund P. H. van der Gulden seinen Respekt erweisen wollen. Was mich betrifft, so danke ich ihm herzlich für all seine Mühe. Sodann gebührt mein Dank den Herausgebern der Kant-Studien, den Professoren Gerhard Funke und Rudolf Malter, für ihre Bereitschaft, das Buch meines

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Vorwort

Mannes zu veröffentlichen. Und schließlich schulde ich Herrn Prof. Dr. Ewald Richter sowie Herrn Dr. D. L. Couprie Dank für ihre Hilfestellung beim Anfertigen der Görland-Bibliographie. Dra. J. B. van der Gulden — Zwaardemaker

Inhaltsver2eichnis Vorwort Einleitende Betrachtungen zu Problemstellung und Methode

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Stellungnahme des Verfassers (1) Görlands Weltlinie des Denkens als Orientierung der Geschichte des philosophischen Denkens an der Idee der Einheit der Erfahrung (5) Görlands Werke (15) Probleme der Philosophie als Wissenschaftslehre; Fragen der immanenten Kritik (17) Konfrontation als zweite Form der Kritik: Görlands Philosophie eine Fortsetzung der Kantischen? Die Marburger und die Badener (24) Weitere Konfrontation: Formen des Antiszientismus; Ontologie und Anthropologie (30)

Erster Teil: Görlands wichtigste Thesen, erläutert mit Bezug auf Methode und Resultate seiner Philosophie

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I Prologik

41

1 Philosophie als dialektische Prologik

41

Kurzer historischer Überblick. Antike griechische Mathematik als Vorbild für Wissenschaftlichkeit. Platons Frage „Was ist Wissenschaft?" (42) und Kants Idealismus (45) Starres Apriori vs. spätere Apriorisierung (46) Erklärung des Namens „Prologik" (50) Polarität als Grundbegriff der Erfahrung: Philosophie als dialektische Prologik (57)

2 Konstruktive Prologik der Korrelativität

58

Transzendentale Untersuchung der Möglichkeit von Einheit der Erfahrung. Korrelation von wiederholbarer Gesetzlichkeit und ersetzbarer Gegenständlichkeit. „Allgewese": Das vor der Erfahrung liegende völlig Unterschiedslose (59) Kein Idealismus oder Realismus (61) Der Begriff des Gehens: Kern der transzendentalen Fragestellung (64) Die modalen Kategorien (60, 62, 70) Der Gesetzlichkeitspol: Indefinit reduzibel, deduzibel, induzibel (66) Anordnung der Wissenschaften in einer implikativen Systematik: Ihr indefiniter Prozeß als transfinite Antizipation (73)

3 Kritische Prologik Die Kraft von Autonomie und Auxiliarität manifest sowohl in der Gesetzlichkeit als auch in der Gegenständlichkeit; daher vier Forderungen: (a) Apriorisierung als Antwort u. a. auf die nicht-euklidischen Geometrien (80); (b) die Eigenart der Gegenständlichkeit: Kein absolut Existentes (83); (c) Technik und Methode. Wichtigkeit der Arten von Begriffen (91); (d) die Relation Stoff-Körper parallel mit dem Schema Technik-Methode (94) Zusammenfassung (96)

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VIII

Inhaltsverzeichnis

II Die philosophischen „Fächer": Anwendung der Methode 1 Ethik als Kritik der Weltgeschichte

99 103

Zwischen Tun und „Schöpfen" das Handeln. Korrelativ: Wille und Gemeinschaft (103) (A) Ethik als prologische Kritik der Gemeinschaftswissenschaften. Ökonomie, Rechts- und Staatslehre, Pädagogik. Grundprinzip: Die Arbeit (Fichte) (105) Zurückweisung von allem, was den vier Forderungen nicht genügt (107) Die Idee der Gerechtigkeit (116) Die Freiheit (119) (B) Der konstruktive Aufbau gemäß den vier Forderungen. Ökonomie (122), Rechts- und Staatslehre (124), Pädagogik (128)

2 Ästhetik

133

(A) Hier noch kein systematischer Zusammenhang. Korrelativ: Seele und Welt (133) Der Lebensstil (Schleiermacher) (135) Hindernisse für den Aufbau der Ästhetik: (a) Problemvermengung im Titel „Ethik" (Scheler) (137); (b) der Streit zwischen Sozial- und Individualpädagogik (140); (c) Identifikation von Weltanschauung und Philosophie (143); (d) mangelnde Einheit des Feldes der Ästhetik (147) Jedes Kunstwerk auch Ausdruck einer Idee (149) (B) Konstruktive Ästhetik noch nicht möglich. Der homo cognatus (152/ 153) Der Charakter (158) Die Welt. Das Verstehen (160) Tugend und Glückseligkeit (161) Höchste Form im Stilgebiet: Der dämonische Stil (163) Solger: Die Ironie (166)

3 Religionsphilosophie

171

Auch die religiöse Erfahrung immanent. Der systematische Transzendenzbegriff (173) Drei Arten von Heteronomie (174) Der Ausgangspunkt des Glaubens: Verzweiflung, Entzweifällung der polaren Einheit (177) Gott als Gegeneinzigkeit der Einzigkeit. Heiligung der Welt (182) Das Ahnen (184) Gott als Offenbarung und Geheimnis. Die Mystik (Eckhart) (185) Auswirkung der Heiligung der drei Perspektivierungen (188) Die prologische Kritik (195) Profane Formen der Religion (205)

Zweiter Teil: Kritische Betrachtungen

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I Immanente Kritik

215

(1) Philosophie als formale Angelegenheit. Verschiedenheit der Wissenschaften jedoch ein materiales Problem (215) (2) Denken als Selbstbesinnung (217) (3) Geltung eine Form von Sinngebung? (219) (4) Beantwortung der Fragen von S. 23 ff. (223) (5) Problem der Klassifikation der Wissenschaften (241); keine legitime Methode für die Einheit der Wissenschaften (245); Perfektibilismus (25l/ 252) (6) Vielheit der Wissenschaften als Problem (252) (7) Die Frage nach dem Wesen des Seins und des Menschen (225)

Inhaltsverzeichnis

II Filiation

IX

261

(1) Die Marburger Schule. Görland selbständiger Schüler Cohens (262) Aus der Erkenntniskritik Cohens Görlands Wissenschaftskritik (264) Cassirer (267) (2) Aristoteles (271) Infolge Verkennung der zeitgebundenen philosophischen Situation des Stagiriten Görlands Aristoteles-Arbeiten nicht überzeugend (274) Vermeidung der Auseinandersetzung mit Hegel (277) (3) Görlands subjektive Beurteilung von Leibniz (283) (4) Kant: Brennpunkt der Filiation (293) Kants Kritik der theoretischen Vernunft und Görlands Wissenschaftslehre (296) Die kopernikanische Wendung (298) Das Übersinnliche (299) Metaphysische Intentionen Kants (301) Heideggers Kant-Interpretation (303) Problemvertiefung von Ontologie zu Anthropologie bei Kant (305) Metaphysik vs. Theorie. Unzulänglichkeiten von Görlands Kant-Interpretation (307) (5) Die Badener Schule. Windelband: Kant als Philosoph des Kulturbewußtseins (312) Rickert: Kants Frage nach dem Weltganzen (315) Rikkerts drei Reiche: Ihre Einheit als Problem der Metaphysik (318) Prophysik vs. Prologik (323) Sinnfundierender Wert vs. Geltung des Urteils (324)

III Konfrontation (I)

(II) (III)

(IV) (V)

330

Zusammenfassung der Beurteilung Görlands. Universalität der philosophischen Fragestellung nicht rein szientistisch zu erfassen (333) Philosophie außerhalb Deutschlands. Wichtig: Kierkegaard, Bergson, Neothomismus (334) Phänomenologie und Existenzphilosophie (338) Heidegger, Jaspers, H. Barth (341) Sinn und Sein bei N. Hartmann (343) Ontologie, Ontologik, Ontik (344) Rickert, Heidegger, P. Hofmann (347) Seinsproblem und Selbstverständnis (350) Entwicklung der philosophischen Anthropologie. Weltbilder. Existenzerhellung? (351) Die Beziehungen zwischen Görlands Wissenschaftslehre, dem ihr inhärenten Perfektibilismus und einer existentiellen Hermeneutik. Görlands eminente Verdienste, Versäumnissen zum Trotz (357)

Namenregister

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Einleitende Betrachtungen zu Problemstellung und Methode I. 1. Wenn man es sich zur Aufgabe macht, das Lebenswerk eines Denkers, das sich in größeren und kleineren Veröffentlichungen über mehr als vierzig Jahre erstreckt, in einer Studie zusammenfassend zu behandeln, dann bieten sich drei Arten der Betrachtung an, von denen jede ihre Vorteile besitzt. Die einfachste Methode besteht darin, das jeweilige Werk ganz oder teilweise zu reproduzieren. Man erhält dann entweder eine Gesamtausgabe oder eine Zusammenstellung von Fragmenten, d. h. eine Auswahl. Beurteilung und Auswahl der verschiedenen Passagen sind selbstverständlich bereits Interpretation, deren leitender Gesichtspunkt explizit vermerkt sein kann oder auch nicht, dessen Rechtfertigung jedoch einer hermeneutischen Theorie bedarf. Man geht freilich einen Schritt weiter, wenn man die als wichtig angesehenen Fragmente oder auch den ganzen Gedankengang, der sich im Gesamtwerk manifestiert, paraphrasierend oder zusammenfassend in Worte kleidet. Der interpretative Faktor ist in diesem Falle von größerer Bedeutung, und in demselben Maße ist (auch) die „objektive" Kenntnis des thematisierten Gedankensystems gewachsen — nämlich dadurch, daß der „subjektive" Gesichtspunkt, der für die Interpretation als Richtschnur fungiert, einseitig ist und dies auch sein muß. Jede Perspektive ist schließlich eine bestimmte Perspektive, aber gleichwohl kann man nur mittels des Prozesses der Perspektivierung zu einem „objektiven" Analogen von Kenntnis im Hinblick auf den ursprünglich intendierten Sinn gelangen. Diese Methode ermöglicht demnach Schritte hin zu einem adäquaten Verstehen; einem Verstehen, welches subjektiv-bedingte Strukturierung und Synthetisierung im Hinblick auf das behandelte Thema voraussetzt. Bei der Auswahl der Zitate, welche man notwendigerweise heranziehen muß, will man sich mit den Gedanken eines anderen befassen, verbindet sich in merkwürdiger Weise der Wille zur wörtlichen Wiedergabe mit interpretativer Suggestion: Einerseits kann der die Zitate verbindende Text die Funktion haben, diese zu kommentieren; andererseits können die zitierten Passagen dazu dienen, die vom Kommentator selbständig entwickelten Gedanken mehr oder weniger zu bestätigen. Dabei bleibt natürlich problematisch, inwieweit interpretierender und interpretierter

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Einleitende Betrachtungen zu Problemstellung und Methode

Text miteinander kongruent sind. Dies alles sind heikle Probleme der Interpretation, auf welche hier nur verwiesen sei. Werke dieser Art kann man als „Doxographien" bezeichnen; zu dieser Gruppe gehören die Schriften des Diogenes Laertius, die „Placita Philosophorum" des Plutarch, Gassendis „Commentarius de vita, moribus et placitis Epicuri" und auch die immerzu mit eigenen Worten umschreibende „Geschichte der neueren Philosophie" von Kuno Fischer. Keine der hier angeführten Studien kann auf diese fundamentale Methode verzichten; daß aber eine solche Art der Betrachtung philosophischer Theorien unadäquat ist, wird sich im Folgenden zeigen. Richten wir den Blick jedoch erst auf die zweite Form der Betrachtung, welcher man ein derartiges Gesamt werk unterwerfen kann. Wir wollen diese Form mit dem Ausdruck „Persönlichkeitsschau" belegen. Auch hier werden Aussagen — sowohl was ihren Inhalt, als auch was ihre Form betrifft — interpretiert, aber dies ausschließlich mit Blick auf die Persönlichkeit des Autors dieser Aussagen und seines Stiles. Werke treten unter diesem Gesichtspunkt als Dokumente auf, welche stets aufs Neue als Prüfsteine für Hypothesen fungieren; für Hypothesen, welche zum Inhalt haben, daß dem jeweiligen Autor ein bestimmter Stil eigen ist. Auch dann, wenn solche „objekttheoretischen" Aussagen die „Weltanschauung" ihres Verfassers nicht eigens thematisieren, sind sie gleichwohl Widerspiegelungen seines „Charakters", der das Korrelat seiner „Welt" ist; die zweite Form der Betrachtung faßt demnach Aussagen der genannten Art als ästhetische Phänomene auf. Eher als der Philosoph scheint der Dichter sich als Gegenstand einer solchen Betrachtungsweise zu eignen; dies jedenfalls suggeriert F. Gundolf, der selbst diese Methode souverän beherrscht und anwendet, in der folgenden Passage: „Für diese Betrachtungsart gibt es nicht ein Vorher und ein Nachher zwischen Erlebnis und Werk. Sie fragt nicht doppelt: was hat der so und so beschaffene Mensch erstens erlebt und zweitens daraus gemacht? Man kann zweifellos die Dinge so ansehen, und muß es sogar, sobald man die Kunst als eine individuelle, willkürliche Beschäftigung betrachtet, als einen Gegenstand menschlicher Betätigung. Wem aber die Kunst nicht Gegenstand, Folge oder Zweck menschlichen Daseins bedeutet, sondern einen ursprünglichen Zustand des Menschentums, der wird auch in den Werken der großen Künstler nicht die Auslösungen, die Abbildungen, die Erläuterungen ihres Lebens sehen, sondern den Ausdruck, die Gestalt, die Form ihres Lebens selbst, d. h. also nicht etwas das diesem Leben folgt, sondern etwas das in und mit und über ihm ist, ja was das Leben selbst ist. Die Werke sind dann nicht die Zeichen, welche ein Leben bedeuten, sondern die Körper, welche es enthalten.

Einleitende Betrachtungen zu Problemstellung und Methode

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Der Künstler existiert nur insofern er sich im Kunstwerk ausdrückt"1. Gleichwohl hat man seit Dilthey diese sog. „geisteswissenschaftliche" Methode auch auf Philosophen angewendet, weil sich damit die Möglichkeit zu eröffnen schien, das scheinbare Chaos der Philosophiegeschichte einem typologischen Ordnungsschema zu unterwerfen. Am pointiertesten hat Rothacker diesen Gesichtspunkt unter Worte gebracht: „Wir stehen mit einem Mal inmitten der Problematik des geisteswissenschaftlichen Verstehens. Das Platonische und das Philosophische treten einander gegenüber und über diesem Gegensatz bilden sich sofort Parteien. An der Einstellung auf das eine oder das andere scheiden sich zwei Grundrichtungen des geisteswissenschaftlichen Erkennens. Die Einen sagen: wir erforschen als Philosophen und als Philosophiehistoriker den einen Problemkreis der einen werdenden Wahrheit. Wir verfolgen ,den' Gedanken durch die Zeit. Schrittweise eröffnet er der menschlichen Arbeit seinen zeitlosen Gehalt. Zu diesem hat auch Plato sein Teil beigesteuert. So wird ein Teil der Philosophiehistoriker sprechen. Der typische Geisteswissenschaftler aber wird diese Meinung nicht teilen. Nicht als sähe nicht auch er in dem platonischen Werk das philosophische Problem. Aber er wird nicht nur in der Philosophie sondern gerade auch in der platonischen Philosophie ein unsterbliches Problem erkennen. Dem platonischen Werk wird er versuchen, das Geheimnis Platons zu entlocken. Dies sind die Vertreter des Individuum est ineffabile"2. Als Kronzeugen für diese Position können wir auch Bergson heranziehen: „Un philosophe digne de ce nom n'a jamais dit qu'une seule chose: encore a-t-il plutot cherche a le dire qu'il ne l'a dite veritablement: encore fut-ce moins une vision qu'un contact; ce contact a fourni une impulsion, cette impulsion un mouvement, et si ce mouvement, qui est comme un certain tourbillonnement d'une certaine forme particuliere, ne se rend visible a nos yeux que par ce qu'il a ramasse sur sa route, il n'en est pas moins vrai que d'autres poussieres auraient aussi bien pu etre soulevees et que c'eüt etc encore le meme tourbillon (...) Le philosophe eüt pu venir plusieurs siecles plut tot; il aurait eu affaire a une autre philosophic et a une autre science; il se füt pose d'autres problemes; il se serait exprime par d'autres formules; pas un chapitre, peut-etre, des livres qu'il a ecrits n'eüt ete ce qu'il est; et pourtant il eüt dit la meme chose"3. Eine solche, am Stil (also einer 1 2

3

F. Gundolf, Goethe, Berlin (8. Aufl.) 1920, Einleitung. Logik und Systematik der Geisteswissenschaften, S. 120 (in: Handbuch der Philosophie, II C, München 1927). Conference faite au Congres de philosophic de Bologne, 1911 (in: La Pensee et la Mouvant, Paris (4. Aufl.) 1934, S. 141).

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Einleitende Betrachtungen zu Problemstellung und Methode

ästhetischen Kategorie) sich orientierende Betrachtungsweise ist legitim; ganz gewiß dann, wenn sie, wie es bei Rothacker der Fall ist, die philosophische neben sich ausdrücklich duldet und anerkennt. Demgegenüber erhebt Görland die Forderung nach einer philosophischen Problemstellung, und dies führt uns zugleich zur dritten Form der Betrachtung. „Aber uns handelt es sich um Philosophie und ihre Historic. Die gibt es. Sie gäbe es nicht, wenn wir gezwungen wären, aus diesem Interesse notwendig vor einen persönlichen Kern' zu gelangen, der als Strahlpunkt des zutiefst liegenden sachlichen Sinnes sich entpuppen soll, obwohl dieser individuallebendige persönliche Kern gerade der Grund von Schwierigkeiten eines letzten und allerletzten Verstehens ist, der das Werk hindert, restlos in Begriffe auflösbar und restlos erklärbar zu sein (Rothacker). Niemand lebt der Erwartung, daß irgendeine ,Stelle', z. B. irgend ein Werk sich restlos ausschöpfen lasse; aber wenn wir Historic der Philosophie treiben, so ist unser Maß, mit dem wir schöpfen, ein philosophisches; und nicht ein solches, das auf einen persönlichen Kern stoßen könnte; unser Schöpfen wird sich zwar nie erschöpfen; denn es wird als ein philosophisches Befragen immer möglich sein; und also bedarf die Historic der Philosophie dieses persönlichen Kernes als des ihr völlig sinnfremden ,Strahlpunktes' eines zutiefstliegenden ,Sinnes' nicht"4. Was ist nun dieses „philosophische Maß", mit dem philosophische Werke gemessen werden sollen? Als erster Gesichtspunkt drängt sich der der internen Konsistenz auf: Aussagen, die einander kontradiktorisch widersprechen, dürfen innerhalb des Werkes nicht auftreten. Unter dem Blickwinkel der ästhetischen Betrachtung können Widersprüche außerordentlich interessant sein im Hinblick auf die Physiognomie der Persönlichkeit des Autors; sie können auch Aufschluß geben über die Entwicklung (oder Entfaltung) einer solchen Persönlichkeit; für die Geschichte der Philosophie sind sie freilich ohne jede Bedeutung. Denn hier geht es nicht um gelegentlich zum Ausdruck gebrachte Meinungen, die im Lebenslauf einzelner Philosophen eine Rolle spielen oder gespielt haben, und die man zum Gegenstand psychologischer, soziologischer und anderer Untersuchungen dieser Art machen kann, sondern es geht hier um Probleme und Begriffe, die innerhalb der Entwicklung philosophischer Theoriebildung ihren — den Lebenshorizont der Denker selbst transzendierenden — angestammten Platz haben. Bereits in seiner ersten Abhandlung beschreibt Görland das „Philosophem", auf dessen kognitiven Gehalt sich

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A. Görland, Prologik, Berlin 1930, S. 161.

Einleitende Betrachtungen zu Problemstellung und Methode

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die philosophiegeschichtliche Fragestellung zu richten habe, als „die Gesamtheit der Gedanken eines Philosophen, die über die persönliche Färbung hinaus in die Geschichte ,des Philosophierens' gehoben werden muß"5. An anderer Stelle spricht er von der „philosophia perennis", oder auch von der Leitlinie des Denkens". Wir wollen im Folgenden ausführlich untersuchen, worin die Bedeutung dieser dritten Möglichkeit des Umganges mit philosophischen Texten liegt, und an welche Bedingungen ihre Realisierbarkeit geknüpft ist. Es ist jedoch hoffentlich deutlich geworden, daß die erste der drei Betrachtungsweisen, die man auch als die philologische bezeichnen könnte, natürlich ihre unbestreitbaren Verdienste besitzt und in gewissem Sinne auch unvermeidlich ist; zugleich aber, daß sie, angewendet auf einen modernen Denker, keine allzu großen Probleme mit sich bringt. Es ist unumgänglich, daß wir uns im Hinblick auf den referierenden Teil dieses Buches für eines der drei Glieder dieser Alternation zu entscheiden haben, und gewiß ist es möglich, das Resultat dieser Entscheidung der Kritik zu unterwerfen. Dies ist sogar erwünscht, denn nur dann, wenn man uns kritisiert, können wir hoffen, der Lösung unserer Probleme näher zu kommen. Die zweite Art der Betrachtung kann unseren Absichten natürlich nicht dienlich sein; wir wollen ja keine Charakteristik der Persönlichkeit Albert Görlands erstellen, etwa im Sinne der Studien Diltheys über den jungen Hegel oder über Schleiermacher. Wie profiliert Görlands Persönlichkeit auch sein mag, und in welch scharfen Konturen diese auch gezeichnet werden könnte — gerade im Hinblick auf Stil und Gedankengang, wie diese in seinen Schriften zum Ausdruck gelangen —: Wir nehmen uns vor, der philosophia perennis dienstbar zu sein; dies hat uns Görland schließlich selbst als Bezugspunkt philosophischer Besinnung angewiesen. Darum geziemt es sich für uns, sein Werk vornehmlich von diesem Gesichtspunkt aus zu betrachten. 2. Wilhelm Windelband hat einmal die große Schwierigkeit, mit der sich jeder Philosophiehistoriker konfrontiert sieht, auf der Grundlage eigener Erfahrung wie folgt unter Worte gebracht: „Aus dieser Verschiedenheit der Gegenstände der Philosophie ergibt sich nun eine nicht unerhebliche, prinzipiell bisher noch kaum behandelte Schwierigkeit für den Historiker, die Frage nämlich, in welcher Ausdehnung und in welchen Grenzen er die von einem Philosophen herrührenden Ansichten und Lehren, abgesehen von der biographischen Bedeutung, die sie zur Charakteristik seiner Persönlichkeit haben können, in die Geschichte der Philosophie aufnehmen soll. Nur zwei 5

Aristoteles und die Mathematik, Marburg 1899, S. 207; vgl. Aristoteles und Kant, Gießen 1909, S. 363.

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Einleitende Betrachtungen zu Problemstellung und Methode

völlig konsequente Wege scheinen hier offen zu stehen: entweder man folgt der Geschichte selbst in alle Wunderlichkeiten ihrer Namengebung und läßt die historische Darstellung ganz ebenso wie das philosophische' Interesse von dem einen Gegenstande zum anderen wandern, oder man legt eine bestimmte Definition der Philosophie zugrunde und vollzieht nach dieser die Auswahl und die Ausscheidung der einzelnen Lehren. Im ersten Falle erkauft man die ,historische Objektivität' durch eine verwirrende Verschiedenheit und Zusammenhanglosigkeit der Gegenstände; im anderen Falle beruht die Einheitlichkeit und Durchsichtigkeit, welche erreicht wird, auf der Einseitigkeit, mit der man eine persönlich bestimmte Voraussetzung als Schema in die geschichtliche Bewegung hinein verlegt"6. Es hat also den Anschein, als habe die Geschichtsschreibung der Philosophie nur die Wahl zwischen reiner Deskription und willkürlicher, eklektischer Konstruktion. Ein Blick in einschlägige Werke über Philosophiegeschichte lehrt, daß in der Tat beide Formen der Thematisierung auch bei sehr berühmten Vertretern dieses Genre zu finden sind7. Die noch von Hegel öfter zitierte „Historia critica philosophiae a mundi incunabulis ad nostram usque aetatem deducta" von J. Brucker (1742/44) erhebt die protestantisch-kirchliche Orthodoxie und das damit einigermaßen konsistente System von Leibniz zum „wahren" Maßstab. Die wahre Philosophie wurde — so Brucker — als ersten den jüdischen Patriarchen und Propheten offenbart und hat danach im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr von ihrer ursprünglichen Reinheit eingebüßt. Unter diesem Blickwinkel erscheint die Philosophiegeschichte als eine Abfolge von „infinita falsae philosophiae exempla". Als erklärende Faktoren werden selbst Machenschaften des Teufels nicht verschmäht; so könne man z. B. den Neoplatonismus nur verstehen als eine Art Verschwörung: „In id conjuravere pessimi homines, ut quam veritate vincere non possent, religionem Christianam, fraude impedirent"8. Als Beispiel für den Typ Philosophiegeschichte, der alles, was unter dem Namen der Philosophie auftritt, unkritisch akzeptiert und sich im Hinblick auf seinen Gegenstand rein beschreibend verhält, sei die „Histoire de la 6 7

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Präludien, Tübingen (9. Aufl.) 1924, Bd. I, S. 7/8. Interessantes Material im Hinblick auf diese Frage enthält das (soweit wir wissen) einzige Werk, welches dieses Problem in bewußter Anlehnung an Görland thematisiert: B. Gundlach, Das Problem der Geschichte der Philosophie bezogen auf das der Geschichte der Wissenschaften, Hamburg 1933. Zugleich ist dies das einzige Werk, welches Görlands Philosophieren auch in anderer Hinsicht zum Gegenstand der Reflexion macht. Als Weiterentwicklungen bestimmter Teilaspekte führen wir hier schon an: B. Peters, Der Gottesbegriff Meister Eckharts, Hamburg 1936; D. Thielen, Kritik der Werttheorien, Hamburg 1938. Zitiert nach Gundlach, a. a. O., S. 20.

Einleitende Betrachtungen zu Problemstellung und Methode

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philosophic" von E. Brehier (Paris 1928/32) genannt. „Ces tres breves indications excluent la possibilite de terminer cette introduction en formulant rien qui ressemble a une loi de developpement de la pensee philosophique; il ne s'agit pas de construire, mais seulement de decrire. Ce que ne peut faire c'est ecrire l'histoire en profete apres coup, comme si voulait donner l'impression que la pensee philosophique naissait peu apeu et se realisait progressivement. Nous ne pouvons plus admettre comme Aristote, le pere de l'histoire de la philosophic, que l'histoire est orientee vers une doctrine, qu'elle contient en puissance. L'histoire de la philosophic nous enseigne que la pensee philosophique n'est pas une de ces realites stables, qui, une fois trouvees, subsistent comme une invention technique; cette pensee est sans cesse remise en question, sans cesse en danger de se perdre en des formules qui, en la fixant, la trahissent; la vie spirituelle n'est que dans le travail et non dans la possession d'une pretendue verite acquise"9. Sind die methodischen Möglichkeiten der Geschichtsschreibung der Philosophie mit der von Windelband beschriebenen Alternative erschöpft? Bleibt dem Philosophiehistoriker wirklich nur die Wahl zwischen dogmatisch-willkürlicher und systemloser Betrachtungsweise? Gewiß nicht; zwischen den beiden Gliedern dieser Alternative findet sich ein äußerst fruchtbarer methodischer Ansatz, der mit einem Schlage Licht in das Dunkel bringt. In der „Geschichte der Philosophie" von W. G. Tennemann (1798), der sich eng an Kant anschließt, finden wir die folgenden terminologischen Festlegungen: „Geschichte der Philosophie ist Darstellung der sukzessiven Ausbildung der Philosophie oder Darstellung der Bestrebungen der Vernunft, die Idee der Wissenschaft von den letzten Gründen und Gesetzen der Natur und Freiheit zu realisieren. Das Philosophieren ist älter als alle Philosophien; und es steht zur Philosophie in dem selben Verhältnis als das Streben zum Ziele"10. „Die Wissenschaft der letzten Gründe und Gesetze der Natur und Freiheit und ihres Verhältnisses zueinander ist die Idee, welche von der Vernunft unzertrennlich ist, und daher jedem Denker vorschweben muß. Diese Idee umfaßt die Totalität der Erkenntnis in ihrem größten Umfange und ihrem höchsten Grade der Vollkommenheit; sie begründet und begrenzt den ganzen Kreis menschlicher Erkenntnisse und enthält die Prinzipien aller Wissenschaften, deren Stelle und Verhältnis in dem System des Ganzen bestimmt ist"11. Trotz der veralteten Kantischen Terminologie lassen sich aus diesen Passagen zwei 9 10 11

Bd. I., S. 36/37. Bd. I, Einl., S. XXIX. A.a.O., S. XXVII.

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Einleitende Betrachtungen zu Problemstellung und Methode

fundamental neue Einsichten destillieren: Erstens ist die Philosophie eindeutig bezogen auf das System der Gebiete der Wirklichkeit und der mit diesen verbundenen spezifischen Wissenschaften. Und zweitens wird es dadurch möglich, einen philosophiegeschichtlichen Ablauf unter der Perspektive zu thematisieren, wie Philosophie den aus dieser Aufgabe erwachsenden Anforderungen stets tiefgehender und vollkommener zu genügen wußte. Auf der Grundlage von Kants Entdeckung eines Gegenstandes philosophischer Reflexion, der eine für diese Disziplin spezifische Aufgabe definiert und doch nicht fachwissenschaftlicher Natur ist, ist es gelungen, die philosophische Spekulation an die „Weltlinie des Denkens" zu binden. Der wohlbekannte Umstand, daß anfangs Philosophie und Wissenschaft eine Einheit bildeten, und daß sich im Laufe der Zeit stets mehr Fachwissenschaften verselbständigten und sich aus der Vormundschaft durch die Philosophie befreiten — so daß sogar die Sorge entstand, die Philosophie könne eines Tages aus Mangel an Terrain überflüssig werden: Dieser Umstand erhält plötzlich im Lichte der Kantischen Bestimmung des Gegenstandes der Philosophie einen Sinn. Denn das Problem der (zunächst unterschiedslos-homogenen) Erfahrung wird umso dringender, je weiter der Prozeß der fachwissenschaftlichen Spezifikation fortschreitet. Also gänzlich umgekehrt: Diese Spezifizierung macht philosophische Reflexion nicht überflüssig, sondern begründet ihre Notwendigkeit. Es wird zu zeigen sein, daß gerade dieses Problem, wie sich nämlich Philosophie erfolgreich ihrer Aufgabe stellen kann, zu den wichtigsten Themen des Görlandschen Denkens zählt. Es wird sich auch erweisen, daß die Wissenschaften selbst diese Fragen stellen und akut werden lassen; nicht dagegen ist ein „geistiges Leben", das launenhaft herum vagabundiert, hier am Werke, ebensowenig wie geniale Intuitionen von Sehern und Propheten. Geniale Intuitionen werden veranlaßt durch Probleme, deren Lösung schlechterdings unumgänglich ist; sie sind Antworten auf Fragestellungen, aber es ist auf diesem Niveau der Besinnung vollkommen irrelevant, wer schließlich diese Antworten gibt. Auch wissenschaftliche Theorien und philosophische Systeme müssen zum Gegenstand soziologischer, psychologischer und charakterologischer Forschung gemacht werden, aber Sinn und Gültigkeit wissenschaftlicher bzw. philosophischer Aussagen und Aussagengefüge bleiben davon unberührt; sie finden ihren legitimen Platz in der sich stets weiter verdichtenden „Erfahrung". Die Möglichkeit der Einheit dieser Erfahrung ist das rechtmäßige Problem der Philosophie. Rechtmäßig deswegen, weil das Problem der Einheit der Erfahrung immer dringender wird und man ihm nicht entrinnen kann; wie auch immer man „Philosophie" sonst definieren mag — als eine Disziplin, die ein über, vor, unter oder hinter

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„normaler" Erfahrung gelegenes Objekt zum Gegenstand hat — und sie auf diese Weise, wenn auch manchmal mit besonderen Würden versehen, methodisch mit den spezifischen Wissenschaften auf eine Stufe stellt. Rechtmäßig auch deswegen, weil dieses — bei inadäquater Definition von „Philosophie" obdachlose — Problem seit jeher die Aufmerksamkeit der traditionellen Philosophie hervorgerufen hat; in vielerlei Formen zwar, aber immer deutlich erkennbar. Somit erhalten die philosophia „perennis" und ihre Geschichte sofort ihre Legitimation und wirkliche Aufgabe: Nämlich, die vielerlei Formen durchschauend, ins Bewußtsein zu erheben, wie dieses Problem mit wachsender wissenschaftlicher Spezialisierung immer schärfere Konturen annimmt12. Der Bezugspunkt der Philosophie zur Wissenschaft liegt also gerade darin, daß sie, soweit sie dies vermag, am Werke der Einheitsstiftung mitarbeiten will. Zwar ist jede Wissenschaft selbst eine Konstituierung von Einheit, aber wenn die Philosophie sich der Aufgabe gewachsen zeigt, in nicht fachspezifischer Weise zu dieser Konstituierung von Einheit ihren Beitrag zu leisten, dann wird sie sich neben den Wissenschaften behaupten können. Aber nicht nur sich behaupten, sondern sogar ihre Unentbehrlichkeit unter Beweis stellen; dies vor allem deswegen, weil ein Streben nach Einheit, ausschließlich basierend auf Fachgebieten, sehr gefährlich ist, wie die „monistischen" Tendenzen aller Zeiten deutlich vor Augen führen. Bereits hier wollen wir in diesem Zusammenhang auf den falschen Gedanken verweisen, den Husserl seiner Definition von „Philosophie" (in seiner bekannten Abhandlung „Philosophie als strenge Wissenschaft") zugrundelegt. Wir lesen dort: „Die Philosophie ist aber ihrem Wesen nach Wissenschaft von den wahren Anfängen, von den Ursprüngen, von den ... Es liegt aber gerade im Wesen der Philosophie, sofern sie auf die letzten Ursprünge zurückgeht, daß ihre wissenschaftliche Arbeit sich in Sphären direkter Intuition bewegt, und es ist der größte Schritt, den unsere Zeit zu machen hat, zu erkennen, daß mit der im rechten Sinne philosophischen Intuition, der phänomenologischen Wesenserfassung, ein endloses Arbeitsfeld sich auftut und eine Wissenschaft, die ohne alle indirekt symbolisie-

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Es ist uns natürlich bekannt, daß es neben dem spezifischen Sinn, welchen Görland mit diesem Term verbindet, noch eine traditionelle Bedeutung dieses Ausdrucks gibt. Es wird sich zeigen, daß die Grundfrage dieser peripatetisch-scholastischen Tradition genau den Teil der philosophischen Aufgabe darstellt, welcher von Görland vernachlässigt und teilweise zu unrecht bekämpft wird (vgl. J. Barion, Philosophia perennis als Problem und als Aufgabe, München 1936). Die Gleichheit der Terminologie beruht, was Görland betrifft, gewiß auf Gründen der Polemik.

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renden und mathematisierenden Methoden, ohne den Apparat der Schlüsse und Beweise, doch eine Fülle strengster und für alle weitere Philosophie entscheidender Erkenntnisse gewinnt"13. Ganz abgesehen von der Frage, ob eine Wissenschaft „qui se passe des symboles" (Bergson) je etwas anderes sein kann als ein nicht mitteilbares Wissen, sehen wir hier das alte Motiv der „ " durchschimmern (hierin liegt — malgre soi — die Tendenz zur Einheit), und gleichzeitig fällt uns auf, wie die besondere Methode der Intuition die in gleichem Maße betonte Vielheit dieser „Wesen" (hierin liegt die Tendenz zum eigenen, außergewöhnlich bedeutsamen Gegenstand) in typischer Weise spezifiziert. Wir leugnen mitnichten die Fruchtbarkeit der phänomenologischen Methode für die Erkenntnis ganz bestimmter Aspekte der Wirklichkeit, aber wir meinen, daß diese Wesensbestimmung von Philosophie vollkommen deren methodische Bedeutung außer acht läßt. Husserls Forschungen haben philosophische Reflexion im Sinne der „philosophia perennis" erneut dringend erforderlich werden lassen. Daß Husserl für den Titel seiner Abhandlung den Terminus „Philosophie" herangezogen hat, ist ein denkwürdiger Beweis dafür, daß eine essentielle Fragestellung sich niemals mehr gänzlich aus dem intellektuellen Gewissen verbannen läßt. Bevor wir diesen Paragraphen, dessen Bedeutung erst im Laufe unserer Untersuchung vollkommen deutlich werden kann, abschließen, wollen wir noch einen kurzen Blick auf eine bestimmte Periode der nachkantischen Geschichtsschreibung der Philosophie werfen; eine Periode, die einen solch großen Einfluß ausgeübt hat, daß man gelegentlich gemeint hat, sie stelle den Anfang der systematischen Geschichtsschreibung überhaupt dar. Es ist Hegel, den wir hier im Auge haben. In der Einleitung seiner „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie" finden wir zunächst die folgende Abrechnung mit aller Doxographie: „Die Philosophie ist objektive Wissenschaft der Wahrheit, Wissenschaft ihrer Nothwendigkeit, begreifendes Erkennen, — kein Meinen und kein Ausspinnen von Meinungen"14. Aus der Not der Mannigfaltigkeit philosophischer Systeme, die der Skepsis den willkommenen Anlaß liefert, sich mit sogenannten guten Gründen abzuwenden, wird eine Tugend gemacht. „Wir müssen dies begreiflich machen, daß diese Mannigfaltigkeit der vielen Philosophien nicht nur der Philosophie selbst — der Möglichkeit der Philosophie 13

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Philosophie als strenge Wissenschaft, in: Logos, I, 1910, S. 340/341. Wir können uns hier nicht auf die Frage einlassen, ob Husserl sein in dieser Passage formuliertes Programm verwirklicht hat, oder ob ihm dessen Undurchführbarkeit nach und nach deutlich geworden ist. Vgl. auch Th. Celms, Der phänomenologische Idealismus Husserls, Riga 1928. Ed. Glockner, Bd. XVII, S. 40.

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— keinen Eintrag tut; sondern daß sie zur Existenz der Wissenschaft der Philosophie schlechterdings nothwendig ist und gewesen ist"15. „Wir können das, worauf es hier ankommt, in die einzige Bestimmung der ,Entwickelung' zusammenfassen. Wenn uns diese deutlich wird, so wird alles Uebrige sich von selbst ergeben und folgen. Die Thaten der Geschichte der Philosophie sind keine Abentheuer, — so wenig die Weltgeschichte nur romantisch ist, — nicht nur eine Sammlung von zufälligen Begebenheiten, Fahrten irrender Ritter, die sich für sich herumschlagen, absichtslos abmühen, und deren Wirksamkeit spurlos verschwunden ist. Eben so wenig hat sich hier Einer etwas ausgeklügelt, dort ein Anderer nach Willkür, sondern in der Bewegung des denkenden Geistes ist wesentlich Zusammenhang. Es geht vernünftig zu. Mit diesem Glauben an den Weltgeist müssen wir an die Geschichte, und ins Besondere an die Geschichte der Philosophie gehen"16. Zurecht nennt Gundlach Hegels Position „antizipatorisch"17, d. h. Hegel setzt von Anfang an den sich kontinuierlich entwickelnden Ablauf voraus, innerhalb dessen sich langsam aber sicher „die" Wahrheit systematisch entfaltet. „Die Geschichte der Philosophie zeigt an den verschiedenen erscheinenden Philosophien teils nur eine Philosophie auf verschiedenen Ausbildungsstufen auf, teils, daß die besonderen Prinzipien, deren eines einem System zugrunde lag, nur Zweige eines und desselben Ganzen sind"18. Diese Antizipation macht einen Unterschied zwischen den (unter dem Namen der Philosophie aufgetretenen) Perspektiven totaler Weltschau einerseits und den, dem commercium der Wissenschaften dienenden „kritischen" Reflexionen andererseits unmöglich. Eine Untersuchung dieser Art liegt allerdings auch nicht in Hegels Absicht, denn er integriert die Geschichte der Philosophie ebenso wie die der Wissenschaften und die Kulturgeschichte überhaupt in den Entfaltungsprozeß des metaphysisch konzipierten „Geistes". Merkwürdig ist nur, daß Hegel bei der Ausarbeitung seiner Vorlesungen dann doch vieles stark akzentuiert, weggelassen oder auf seine Weise interpretiert hat; augenscheinlich hat er sich durch eigene Intuition leiten lassen. Dies ist der Punkt, der die anti-hegelsche Reaktion dazu veranlaßt hat, von „Konstruktion" zu sprechen; leider aber auch dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Da man die Meinung nicht aufgeben wollte, daß allen „Systemen" in der Geschichte „der" Philosophie ein Platz zukommen müsse, gelangte man zu der folgenden Auffassung, die den Weg 15 16

17 18

A. a. O., S. 47. A. a. O., S. 48. A.a.O., S. 30f. System der Philosophie, Einl. § 13 (ed. Glockner, Bd. VIII, S. 59).

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freimachte für jede mögliche Form kulturhistorischer Willkür: „In Wahrheit ist das Bild der historischen Bewegung der Philosophie ein ganz anderes; es handelt sich dabei nicht lediglich um das Denken der ,Menschheit' oder gar ,des Weltgeistes', sondern ebenso auch um die Ueberlegungen, die Gemütsbedürfnisse, die Ahnungen und Einfalle der philosophierenden Individuen"19. Eduard Zeller hat als erster in dieser Hinsicht den Bruch mit der idealistischen Tradition von Kant bis Hegel wie folgt unter Worte gebracht: „Jede philosophische Ansicht ist zunächst der Gedanke dieses bestimmten Menschen, sie ist aus diesem Grunde zunächst aus seiner Denkweise und aus den Umständen, unter denen sich diese gebildet hat, zu begreifen"20. Man braucht sich nur vorzustellen, wie sich ein solcher Satz in einem Geschichtsbuch der Mathematik oder der Naturwissenschaft ausnehmen würde, um sich der Unhaltbarkeit dieser Auffassung bewußt zu werden; jedenfalls dann, wenn „die" Philosophie zurecht eigene Gültigkeit beanspruchen sollte, welche mehr ist als ein bloßes Phänomen unter anderen innerhalb eines Symbole-Kosmos, durch den eine Persönlichkeit bestimmt wird. Sollte dies letztere jedoch der Fall sein, dann kann man nicht mehr von „der" Philosophie und a fortiori nicht mehr von ihrer „Geschichte" sprechen. Denn solche Kosmen sind per definitionem miteinander inkompatibel und untereinander ohne Zusammenhang. Wir können also sagen, daß wir im Sinne Görlands nur dann einem philosophischen Lebenswerk in philosophischer Weise Recht haben widerfahren lassen, wenn wir gezeigt haben, welchen Beitrag es zur Erhellung des Problems der Einheit der Erfahrung geleistet hat. Der „wissenschaftliche" Kern der überkommenen „Philosophien" ist hierauf beschränkt, sofern nicht spezial-wissenschaftliche Resultate zum Gegenstand gemacht wurden, welche in spezifischer Weise fundiert sind. „Philosophische" Forschungen dieser Art tragen ihren Namen nur aus Gründen des Gefühls (die Glieder der Trichotomie „Sophia — Wissenschaft — Philosophie", auf die wir werden zurückkommen müssen, sind darin noch nicht unterschieden). Was weiter noch in den „philosophischen" Systemen zu finden ist, sind ausschließlich Elemente kosmischer Sichtweisen, die als solche keinerlei Erkenntniswert besitzen und erst im Rahmen stilwissenschaftlicher Betrachtungen zum Gegenstand gemacht werden können. 3. Was Alice Steriad in ihrer bekannten Dissertation über Cohens Marburger Schule sagt („M. Cohen est reste le meme dans ses idees fondamentales 19 20

W. Windelband, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, Tübingen (11. Aufl.) 1924, S. 9. Die Philosophie der Griechen, Bd. I, Leipzig (5. Aufl.) 1892, S. l, 12.

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apres quarante-quatre ans d'une productivite remarquable"), das können wir mit ebensoviel Recht über Görland sagen. Die Reihe seiner Schriften erstreckt sich von 1899 bis heute. Sein (vorläufig) letzter Aufsatz erschien im Dezember 1940. Obwohl sein Lebenswerk augenscheinlich noch nicht abgeschlossen ist, ist es doch von solch großer innerer Einheit, daß man den Versuch, schon jetzt die Bedeutung dieses Werkes darzustellen, verantworten kann. Denn so wenig, wie irgendeine Veröffentlichung Görlands bisher den Inhalt ihrer jeweiligen Vorgängerinnen wesentlich veränderte oder widerrief, so wenig ist zu erwarten, daß dieser vitale Geist während der kommenden Jahre etwas anderes tun wird, als die Fruchtbarkeit seiner philosophischen Methode durch neue Beispiele zu bestätigen. Man könnte vermuten, daß hier eine gewisse Verengung des Gesichtsfeldes und ein Mangel an geistiger Beweglichkeit vorliegen; vor allem dann, wenn man sich von der heutigen Mode intellektueller Vielseitigkeit hat bezaubern lassen. Streng methodisches Philosophieren ist trotz Husserl zur Rarität geworden, und in diesem Sinne ist Görlands Denken, jedenfalls wissenschaftssoziologisch betrachtet, gewiß der Schlußpunkt einer Periode. Wir sind davon überzeugt, daß auch dies nur eine vorübergehende Erscheinung ist, aber mit dieser Bemerkung greifen wir im Hinblick auf unsere folgenden Betrachtungen zu weit vor. Der Hinweis auf die inhaltliche Einheit von Görlands Schriften sollte natürlich nicht dahingehend mißverstanden werden, daß Görlands Denken keinerlei Entwicklung durchgemacht habe; man kann zeigen, daß die Grundprobleme im Laufe der Zeit deutlicher hervortreten, und auch, daß Görland sich allmählich von gewissen Bindungen an die Tradition freimacht. Wir übersehen auch nicht die Reihenfolge, in der Görland die verschiedenen Gebiete der Wirklichkeit (die sog. „Disziplinen" oder „Fächer" der Philosophie) ins Auge faßt — diese Reihenfolge ist nicht identisch mit der systematischen Rangordnung —, und wir sind uns zudem des Umstandes bewußt, daß erst im Jahre 1930 die methodische Grundfrage im Rahmen eines eigens ihr geweihten Werkes explizit thematisch wurde und zur Formulierung gelangte. Aber da es uns — dies sei hier nochmals hervorgehoben — um die philosophia perennis und nicht um den Denker Görland zu tun ist, meinen wir, all dies auf sich beruhen lassen zu können. Die Liste von Görlands Schriften, die wir sogleich vorlegen werden, berücksichtigt dann auch nicht die chronologische Reihenfolge; diese kann anhand der beigefügten Jahreszahlen ohne Mühe rekonstruiert werden. Bei der Gliederung dieser Liste haben wir uns durch thematische (oder wenn man so will: systematische) Gesichtspunkte leiten lassen. Wir beginnen mit den Veröffentlichungen, die Görlands Aufgabenstellung und Methode zum Gegenstand haben, und fahren

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fort mit den Schriften, in denen diese Methode auf die verschiedenen Wissenschaftsgebiete angewendet wird, und zwar in der Reihenfolge „Natur", „Gemeinschaft", „Stil"21 und „Religion". Hieraus wird gleich ersichtlich, daß es kein „Gebiet" gibt, mit dem Görland sich nicht beschäftigt hat; ein Umstand, der vielleicht ein wenig Licht auf die überraschende Tatsache wirft, daß man in Fachkreisen unseren Autor kaum zur Kenntnis nimmt. Das Spezialistentum hat sich mittlerweile ja auch in der Philosophie breitgemacht; dies hat zur Folge, daß Erkenntnistheoretiker, Ethiker, Ästhetiker und Religionsphilosophen einen Monopolanspruch auf Kompetenz innerhajb ihrer jeweiligen Fachgebiete erheben. Ein Denker, der auf Grund philosophischer Einsicht notwendigerweise mit allen diesen Gebieten zu tun hat, ja der die Aufgabe philosophischer Reflexion gerade durch diese Gebiete begründet sieht, wird von jenen PseudoSpezialisten gerne als ein Dilettant betrachtet, der seine Nase in alle möglichen Dinge steckt, die ihn nichts angehen. Wir hoffen, deutlich machen zu können, wie charakteristisch für den heutigen Zustand des Fachphilosophentums diese Fehleinschätzung ist. Ein Indiz für diesen Zustand ist z. B., daß in den jüngst erschienenen großen Werken über die Geschichte der Philosophie Görlands Theorie entweder überhaupt nicht (Brehier) oder nur im Rahmen verschiedener Spezialthemen erwähnt wird (Ueberweg zieht Görland zu den Kapiteln „Aristoteles" und „Leibniz" heran und nennt einige, willkürlich herausgegriffene Titel unter der Rubrik „Weiter gehören zur engeren Marburger Schule"22). Sogar der Neu-Kantianer Vorländer hält Görland nur einer kurzen Erwähnung unter „weitere Kantianer" für würdig. Man muß freilich fairerweise zugeben, daß Görlands Hauptwerke nach 1919 (dem Erscheinungsjahr der 5. Auflage von Vorländers „Geschichte der Philosophie") veröffentlicht wurden. Aber die „Ethik", ein Buch von großer Originalität, hätte doch wohl mehr verdient gehabt als nur zwei Zeilen! Görlands Schriften werden in dieser Abhandlung den Nummern gemäß zitiert, die ihnen in der folgenden Liste zugeordnet sind. 21

22

Der Begriff „Stil" ist für Görland — dies sei hier schon erwähnt — die zentrale Kategorie der Ästhetik. In der 12. Auflage von Teil IV (bearbeitet von Österreich, Berlin 1923) finden wir (S. 65l/ 652) folgende hübsche Passage, die nicht allein falsch, sondern auch in Stil und Ausdrucksweise unter allem Niveau ist: „Der Übergang der Marburger Deduktionsweise in Hegeische Bahnen zeigt sich in so unverständlichen Sätzen wie diesem", und dann folgt ein vollkommen aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat, das bei dieser schwierigen Materie natürlich unverständlich bleiben muß.

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A. Die philosophische Methode und ihr Gegenstand \. Prologik. Dialektik des kritischen Idealismus, Berlin (Cassirer) 1930. 2. Kants „Revolution der Denkungsart" als eine problemgeschichtliche Betrachtungsweise, in: Geisteskultur. Monatshefte der Comeniusgesellschaft für Geisteskultur und Volksbildung, 35/7, 1926, S. 257-271. 3. Ueber zwei durch die neuere Wissenschaftsgeschichte notwendig gewordene Wandlungen in der philosophischen Problematik, in: Festschrift für Paul Natorps 70. Geburtstag, Berlin (de Gruyter) 1924. 4. Die Urhypothese des kritischen Idealismus, in: Tijdschrift voor Wijsbegeerte, XV/2, 1921. 5. Objektivität der Wissenschaften?, in: Annalen der critische philosophie, 6, 1936, S. 33-51. 6. „Reine Logik"?, in: Annalen van het Genootschap voor wetenschappelijke philosophie, 11, 1941, S. 17-44 (vgl. auch Nr. 31 u. 33).

B. Kritische Betrachtungen über das Gebiet der Naturwissenschaften 7. Die Hypothese. Ihre Aufgabe und ihre Stelle in der Arbeit der Naturwissenschaften, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1911 (vgl. auch Nr. 2 u. 3). 8. Naturwissenschaften und wissenschaftlicher Idealismus, in: Hamburger Nachrichten, 20. März 1910.

C. Kritische Betrachtungen über das Gebiet der Gemeinschaftswissenschaften 9. Ethik als Kritik der Weltgeschichte, Leipzig (Teubner) 1914. 10. Neubegründung der Ethik aus ihrem Verhältnis zu den besonderen Gemeinschaftswissenschaften, Berlin (Reuther & Reichard) 1918. 11. Der Begriff der Lüge im System der Ethiker von Spinoza bis zur Gegenwart, in: O. Lipmann & P. Plaut (Hrsg.), Die Lüge, Leipzig (Barth) 1927. 12. Über den Begriff des Luxus, in: Kant-Studien, 31/1, 1926, S. 27-45. 13. Die Arbeit als Grundproblem eines neuen Staatsrechtes, in: Monatsblätter des deutschen Monistenbundes (Ortsgruppe Hamburg), 111/10, 1919. 14. Die „ewigen Menschenrechte" als revolutionärer Motor im Wandel der Rechtssysteme, in: Annalen der critische philosophie, 4, 1934, S. 33 — 51.

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15. Politische Ideenbildung, in: Geisteskultur. Monatshefte der Comeniusgesellschaft für Geisteskultur und Volksbildung, 39/9, 1930. 16. Der Mensch der neuen Zeit und seine Schule, Hamburg (Freideutscher Jugend verlag) 1920. 17. Die Idee des Deutschtums, in: Zeitschrift für deutsche Bildung, Beiheft 1925.

D. Kritische Betrachtungen über das Gebiet der Stilwissenschaften 18. Ästhetik. Kritische Philosophie des Stils, Hamburg (Priesz) 1937. 19. Die Modi der Zeit als stilbildende Faktoren, in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, 25 (Beilagenheft), 1931. 20. Welchen Sinn hat das Leben?, in: Geisteskultur. Monatshefte der Comeniusgesellschaft für Geisteskultur und Volksbildung, 41/7 — 9, 1932. 21. Das Prinzip des politischen Stils in der nationalsozialistischen Revolution, in: Geisteskultur. Monatshefte der Comeniusgesellschaft für Geisteskultur und Volksbildung, 43/10-12, 1934. 22. Plastik, Tanz und Tugend, in: Der Leib, l/l, 1919. 23. Die Idee des Schicksals in der Geschichte der Tragödie, Tübingen (Mohr) 1913. 24. Die Idee des Zufalls in der Geschichte der Komödie, in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, 11/3, 1916. 25. Die dramatische Einheit des „Kaufmanns von Venedig" als einer Komödie, in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, 12/2, 1917. 26. Die dramatischen Stilgegensätze bei Grillparzer und Hebbel, in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, 13/3, 1919. 27. Das Wesen des volkstümlichen Liedes, in: Deutsche Schule, 1905.

E. Kritische Betrachtungen über das Gebiet der Religionswissenschaften 28. Religionsphilosophie, Berlin (Vereinigung Wissenschaftlicher Verleger, Walter de Gruyter & Co.) 1922. 29. Mein Weg zur Religion, Leipzig (Klinkhardt) 1910. 30. Godsdienst en philosophic, in: Annalen der critische philosophic, l, 1931, S. 31-58.

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F. Historische Befrachtungen 31. Aristoteles und Kant bezüglich der Idee der theoretischen Erkenntnis untersucht, Gießen (Töpelmann) 1909. 32. Aristoteles und die Mathematik, Marburg (Elwert) 1899. 33. Hermann Cohens systematische Arbeit im Dienste des kritischen Idealismus, in: Kant-Studien, 17/3, 1912. 34. Kant als Friedensfreund, Leipzig (Oldenburg) 1924. 35. Über eine jüngst bei Kant entdeckte kapitale Dialektik in Vernunftgeboten, in: Archiv für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie, 19/4, 1926. 36. Rousseau als Klassiker der Sozialpädagogik, Gotha (Thienemann) 1906. 37. Pestalozzis Begründung der Theorie der Erziehung, in: Geisteskultur. Monatshefte der Comeniusgesellschaft für Geisteskultur und Volksbildung, 36/5-6, 1927. 38. Paul Natorp als Pädagoge, Leipzig (Klinkhardt) 1904. 39. Lessings Begriff der Wahrheit, in: Hamburger Lehrerzeitung, 8/3, 1929. 40. Fichte — Unser Führer im Deutschtum?, in: Frankfurter Zeitung, 7. Oktober 1917. 41. Der Gottesbegriff bei Leibniz, Gießen (Töpelmann) 190723.

II.

1. Diese Einleitung wäre unvollständig, wenn aus ihr nur erhellen würde, unter welchen methodischen Gesichtspunkten wir Görlands Werke zum Gegenstand der Betrachtung zu machen gedenken. Der Unterteilung dieses Buches in zwei Hauptabschnitte entsprechend soll diese Einleitung das Problem, mit dem sich Görlands Denken (im Sinne von „cogitatum"; nicht, wie hoffentlich deutlich geworden ist, im Sinne von „cogitatio") beschäftigt, aus zwei Perspektiven dem Leser präsentieren. Mit einem gutgläubigen, die Gedanken eines Autors getreulich wiedergebenden Referat erweist man schließlich weder den eigentlichen Intentionen des jeweiligen Denkers noch der philosophia perennis, der sich auch diese Studie verpflichtet weiß, einen 23

Nicht aufgeführt sind die folgenden von Görland herausgegebenen Werke: — Index zu Hermann Cohens Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1906. - Kritik der reinen Vernunft von 1. Kant, Berlin 1913 (2. Aufl.) 1922 (= Bd. Ill der Ausgabe von Cassirer, Buchenau u. a.). — J. Bahnsen, Mosaiken und Silhouetten. Charakterographische Situations- und Entwicklungsbilder, Leipzig 1931.

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Dienst. Neben den referierenden Teil, der wegen des geringen Bekanntheitsgrades von Görlands Werk unvermeidlich ist, tritt ein Abschnitt, der eine Beurteilung dieses Werkes zum Inhalt hat. Der Maßstab, den wir dabei anlegen, und die Vorgehensweise, der diese Beurteilung zu folgen hat bzw. hier jedenfalls folgen wird, sollen gleich zu Anfang besprochen und gerechtfertigt werden. Beurteilung involviert Kritik, und Kritik kann sowohl von innen als auch von außen her geübt werden. In beiden Fällen geht es um „Wahrheit", allerdings in sehr verschiedenen Bedeutungen. Wir wollen unter „immanenter Kritik" hier nicht das bloße Aufspüren formaler Inkonsistenzen verstehen — Widersprüche, die gewiß vorhanden sind24, können schließlich nur für jemanden von Interesse sein, der sein Augenmerk auf Görland selbst und seine intellektuelle Entwicklung richtet —; „immanente Kritik" orientiert sich vielmehr an der Frage, inwieweit die Probleme, die Görland sich in seinem Werk selbst vorlegt, gelöst werden. Hiermit stehen wir auf sehr festem Boden, da allen seinen Werken, die den verschiedensten Perioden entstammen und die unterschiedlichsten Gegenstände behandeln, doch nur ein und dieselbe Problemstellung, als die spezifisch philosophische, expressis verbis zugrunde liegt. Denn folgenden Seiten vorgreifend wollen wir hier diese Problemstellung im Sinne Görlands skizzieren; für die Antwort auf die Frage, ob seine Problemlösung befriedigen kann, reservieren wir den ersten Teil des zweiten Hauptabschnittes. Ja, wir werden uns dort sogar die Frage vorlegen, ob eine „befriedigende Lösung" überhaupt möglich ist. Knapp formuliert lautet die Wesensbestimmung der Philosophie wie folgt: „Philosophie ist Wissenschaftskritik im Dienste der Einheit der Erfahrung". Wir wählen einige prägnante Zitate aus Görlands Werk aus, um diese Feststellung zu untermauern. „Wir möchten sagen, daß diese Frage es ist, um deretwillen alle folgenden Erörterungen angestellt werden. Weil aber diese Frage (,Wie ist „Einheit der Erfahrung" möglich, trotz oder kraft der Vielheit besonderer Erfahrungsbereiche?') die Besonderung der Erfahrungsbereiche und der sie sichernden besonderen Wissenschaften unter Kritik stellt, so bedarf es einer Besinnungsform universalen Anspruches; als solche gilt nun einmal die Philosophie"25. Von Anfang an hat sich die Philosophie dieser Aufgabe gewidmet. „Das, was man ,Logik' oder ,Ethik' oder .Ästhetik' oder 24

25

Man vergleiche die Analyse des „Tragischen" in 23, 6 — 13, mit der in 18, 294/295, oder die ursprüngliche mit der späteren Beurteilung der Bedeutung Cohens (33 passim und / passim): Beides ist schon hier von Wichtigkeit für unsere Unterscheidung zwischen den beiden Formen der Kritik. /, 4.

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,Religionsphilosophie' nennt, sind die Versuche der Philosophie, die Vielfachheit der besonderen Erfahrungsbereiche letztmöglich einzuschränken, die bloße Gruppenbildung zu ersetzen durch eine sachlich begründete Einheit und die in ihr entscheidend wirksamen Grundbegriffe ans Licht zu stellen"26. „Nur diese enge Zahl der vier Disziplinen ist übriggeblieben, die obendrein doch nur Arten unter der Gattungseinheit ,der Philosophie' sind. Gerade so weit mußten wir unsere Betrachtung führen, um die ganze Schwere unserer Grundfrage erfassen zu können! Unser Problem hat nur darum ein anderes Ansehen bekommen, weil wir von seinen Teilgewichten weg endlich an den Gesamtschwerpunkt des Problems gelangt sind. Und gäbe es nur zwei ,Disziplinen', das heißt: nur zwei Besonderheiten, aus denen die ,Philosophie' sich zusammensetzen müßte, so gäbe es keine ,Philosophie', die befähigt wäre, unserer Grundfrage zu dienen. Vor und über aller Teilung in ,Disziplinen' muß es eine Rechtfertigung darüber geben, ob es so etwas wie ,Philosophie überhaupt' gibt"27. „Die Philosophie aber soll, wie wir entwickelten, kein besonderes Problem mehr haben, sondern das denkbar allgemeinste. Ihr ist aufgegeben, totale, nicht spezifische Einheit eines totalen Mannigfaltigen (nicht spezifischen Mannigfaltigen) zu schaffen. Und während den spezifischen Wissenschaften ein gleichsam jungfräulicher Boden für ihre Arbeit vorliegt, der von unerschöpfter Dankbarkeit willig mit seiner Frucht die Arbeit lohnt, ist der Stoff der Philosophie, das Mannigfaltige der Prinzipien der spezifischen Wissenschaften, ein Stoff von festen Gestaltungen, der sich jedem Arbeitsansatze spröde zeigen muß"28. „Für diese kritische, für diese richterliche Aufgabe nehmen wir die Philosophie in Anspruch. Sie wird damit selbst zu einer Wissenschaft von unbestreitbarer Bedeutung. Als Kritik ist sie der Sachwalter darüber, daß Gesetze erfüllt, ja, überhaupt erst erfüllbar werden; Gesetze, die sie zwar nicht für sich selbst und aus sich selbst gibt, die aber diejenigen Gebiete beherrschen müssen, die nur spezifische Interessen vertreten, obwohl sie allein in wirksamer Interessengemeinschaft, in der Hilfsfähigkeit aller für alle einen Sinn haben"29. „Was ist es denn, was kritische Philosophie will? Wir sagten: Sie setze voraus, daß die unendliche Mannigfaltigkeit der Lebensgegebenheiten zu gliedern versucht wird von all den besonderen Wissenschaften, deren Zahl unabgeschlossen ist, deren Gliederung am Gegebenen 26

/, 5.

27

ebenda 9, 18.

28

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9, 36.

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durch unausgesetztes Entstehen neuer Wissenschaften unausgesetzt feiner sich gestaltet und in deren Bestimmungen Grundmotive zur Auszeichnung gelangen, die in den Unmittelbarkeiten der Erfahrung, des Erlebens wirksam sind. (...) Darüber ist nun die Philosophie das kritische Gewissen der besonderen Wissenschaften, durch das deren Problem- und Methoden-Besonderungen unausgesetzt auf den Weg der systematischen Einheit aller in allen geführt werde; und dieses, damit die Ungeschiedenheit des unmittelbar Gegebenen erhöht zurückgewonnen werde in einer systematischen Einheit alles dessen, was wesenhaft und eigentlich ist"30. „Damit ist die neue Aufgabe gewiesen für die Philosophie als Wissenschaft, die, von der platonischen Aufgabenbestimmung der Philosophie als ,Dialektik' her, bis heute in kontinuierlichem Wandel ihres Problems und in striktem Bezug auf den kontinuierlichen Wandel der Wissenschaftsgeschichte die alte Frage , ;' weiter treibt und in solcher Kontinuität sich als philosophia perennis beweist. Sie ist überspezifische Kritik der spezifischen Wissenschaften auf Einheit der Wissenschaft und somit auf Einheit der Erfahrung hin"31. Durch diese Zitate, denen man noch weitere beifügen könnte, sollte deutlich geworden sein, daß der philosophischen Reflexion ein sehr spezifisches Problem zugeordnet ist, und zwar ein Problem, das in zwei Richtungen weist. Erstens müssen die Wissenschaften (d. h. die in Urteilsgefügen zu bewußter Erfahrung gebrachten Unmittelbarkeitsbeziehungen), veranlaßt durch ihre eigenen Bedürfnisse, zum Gegenstand der Kritik gemacht werden, damit sie nicht durch eine der vielen Entgleisungen, die die Wissenschaften auf Grund ihres Mangels an Selbsterkenntnis bedrohen, dazu gebracht werden, ihre Aufgabe innerhalb des Ganzen der Besinnung zu vernachlässigen. Und zweitens dürfen die scheinbar gänzlich heterogenen Wirklichkeitsgebiete wie z. B. Natur, Gemeinschaft, Stil usw. nicht danach trachten, einander zu dominieren; auch dürfen sie einander nicht aus den Augen verlieren. Die spezifischen Eigentümlichkeiten all dieser Elemente müssen garantiert werden; gleichzeitig sind sie jedoch auf das Ganze der Erfahrung zu beziehen und in dessen Dienst zu nehmen. Diese beiden Aufgaben sind schon implizit in der einen, allesumfassenden Aufgabe enthalten, nämlich herauszufinden, was Wissenschaft eigentlich ist. Diese Fragestellung richtet sich demnach nicht auf eine einzelne wissenschaftliche Disziplin, etwa mit dem Ziel, ihre Prinzipien und Methoden zu analysieren, oder, in Kants Worten, zu untersuchen, wie sie „möglich" ist, sondern sie richtet sich auf Wissenschaft überhaupt, 30 31

28, 14. 5, 51.

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ihre Voraussetzungen und ihr Wesen; „ " steht hier also zur Diskussion. Und dies nicht aus rein kontemplativem Interesse wie etwa bei Aristoteles' Betrachtung des „ ", sondern bewußt im Dienste des Fortschritts der wissenschaftlichen Erfahrung selbst. Dadurch, daß sich die Wissenschaft immer klarer ihres eigenen Wesens bewußt und stets auf ihre Fehler hingewiesen wird, die sie begeht, wenn sie ihre spezifische Natur aus dem Auge verliert, muß die Wissenschaft, d. h. das aus einem Prinzip gespeiste commercium der spezifischen Objektivierungsrichtungen, hinreichend Selbstbewußtsein entwickeln, damit ihre Vertreter nicht länger Phasen von Schwäche und Mutlosigkeit durchzumachen haben, welche durch Mangel an rechter Einsicht in das Wesen der Wissenschaft bedingt sind. So nimmt diese philosophische Besinnung den Faden auf, welchen Kant gesponnen hat. „Kant beginnt seine Philosophie mit solcher ,Logik', denn seine Kritik der reinen Vernunft ist ein erster Teil der Philosophie, der von der Einheit der naturwissenschaftlichen Erfahrung handelt. So daß Fichte mit seiner ,Wissenschaftslehre' eine Arbeit unternimmt, die da aufhören soll, wo Kants Werk beginnt. Uns geht hier nicht das geschichtliche Bild der Fichteschen Wissenschaftslehre an, sondern der Sinn ihrer Problemstellung: Daß vor der Inangriffnahme einer Disziplin mit ihrem besonderen Arbeitsgebiet die Frage zu richten sei auf die mögliche Ganzheit und Ungesondertheit der Philosophie überhaupt"32. Diese Wissenschaftslehre trägt bei Görland den nunmehr für sich selbst sprechenden und glücklich gefundenen Namen „Prologik"33. „Diese ,Disciplinen' der Philosophie sind, weil immer noch eine Vielheit, zwar ein angenäherter, aber nicht endgültiger Ausdruck für die Forderung der Philosophie. Dieser endgültige Ausdruck verlangt die aus dem Vollzug der allgemeinen Forderungen mögliche (,implikativec) Einheit der Erfahrung in der Vielheit der Erfahrungen. Somit ist der Ort für diese Forderungen noch vor jener ,Logik' als der ersten Disciplin der Philosophie. Diesen Ort und seinen Ausbau nannte ich ,Prologik' ct34 . Zweifellos besaß die bekannte Kritik Schelers an der transzendentalen Methode um 1900 noch einen Schein von Plausibilität: „Immer wird die transszendentale Methode dazu verdammt sein, die Eule der Minerva der progressiven positiven Wissenschaft zu sein. Soweit sie auf geschichtlich tatsächliche Ergebnisse der Wissenschaft ihre Folgerungen aufbaut, soweit 32

33 34

/, 6. Zur Wahl des Ausdruckes „Prologik" vgl. S. 50 ff. 6, 44; vgl. /, 7 ff.

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ist sie eben auch durch diese Ergebnisse bedingt"35. Die neue Fragestellung Görlands wird jedoch durch diese Kritik nicht tangiert. Es geht schließlich nicht mehr darum, ein Kartenhaus von Schlußfolgerungen aus wissenschaftlichen Einsichten zu errichten, die zu irgendeinem Zeitpunkt der Wissenschaftsgeschichte zufällig vorliegen; es ist nunmehr darum zu tun, Rechenschaft abzulegen im Hinblick auf die Bedingungen, denen Wissenschaft zu allen Zeiten genügen muß, will sie ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht werden. Philosophie in diesem Sinne orientiert sich sehr wohl an Wissenschaft, aber sie betrachtet deren jeweilige zeitbedingte Form nicht als Fundament, sondern als stets erneut auftretende Aporie; dies mit dem Ziel, der Wissenschaft die Überwindung dieser Aporie durch eine kontinuierlich wiederholte „Revolution der Denkungsart"36 zu ermöglichen. Diese Untersuchung mit dem Namen „Prologik" kann nun eher prinzipiell oder mehr konkret ausgerichtet sein. Im ersten Falle versucht sie, die Kategorien der Philosophie, die Grundformen von Wissenschaft überhaupt, festzulegen. In dieser Hinsicht bezieht sich Görland auf bestimmte Vorgänger, nämlich Kant (vor allem dessen Kapitel „Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft" [Kritik der reinen Vernunft, B 670 ff.])37, Natorp (wo dieser (in seinem letzten — nachgelassenen — Werk) den spezifischen und fundamentalen Charakter der Modalitätskategorien ins rechte Licht gesetzt hat [„Praktische Philosophie", Erlangen 1925, Kap. I u. II])38, und schließlich Cohen, was dessen „Grundgesetz der Wahrheit" [Ethik, 2. Aufl., S. 89; Logik, 3. Aufl., S. 40] betrifft39. Im zweiten Falle - dem der eher konkreten Ausrichtung der Grundfrage — wird die Prologik sich direkt mit verschiedenen Gebieten der Wirklichkeit auseinandersetzen; sie wird dort im Lichte der Prinzipien, welche die im engeren Sinne prologischen Forschungen als Resultate ergeben haben, den empirischen Wissenschaftsprozeß auf Sinnhaftigkeit untersuchen. Vom Inneren dieser Gebiete ausgehend muß dann zugleich immer wieder deutlich gemacht werden, daß die Scheidungen, die die Gebiete scheinbar voneinander trennen, in Wirklichkeit verbindende Grenzen sind; diese Einsicht ist erforderlich, um im (idealen) Gesamtkomplex aller — als vollkommen gedachten — Gebiete ein „Analogon" des ursprünglich „Dichten" (des noch nicht differenzierten „Allgewese") auffinden zu können. Es ist die Idee der Systematik, die hier forschungsleitend ist, und die, 35 36 37 38

39

M. Scheler, Die transzendentale und die psychologische Methode, Leipzig 1900, S. 57. Vgl. 2, passim. 7, 91; 9, 76. /, 12. 9, 238 ff.; 33, 239 ff.; 10, 41; vgl. auch /, 173 ff.

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im Hinblick auf den Fortschritt der spezifischen Wissenschaftsrichtungen, statt überflüssig zu werden immer notwendiger wird, sozusagen als zentripetale Kraft im Spannungsfeld der stets größere zentrifugale Kräfte entwikkelnden Fachgebiete. Ganz bewußt sagt Görland an einer Stelle — und er hat dies in allen seinen großen Werken unter Beweis gestellt —: „Ich suche aus bestimmten Gesetz- und Gegenstandsgruppen, wie Mathematik oder Rechtswissenschaft, oder aus religiösen Schriftdokumenten die jeder einzelnen eigene Methode, durch die sich jede Gruppe als besonderes und homogenes Gebiet bestimmt, zu entdecken"40. Gleichzeitig ist jedoch zu zeigen, daß den principia im Interesse nicht nur eines bestimmten Gebietes, sondern der gesamten Erfahrung, die Aufgabe gestellt ist, unbeschränkt sich einander anzunähern und einander zu dienen. „Über beiden Interessen (Homogeneität und Spezifikation, P. H. v. d. G.) aber steht die Forderung der wechselweisen kontinuierlichen Annäherung. Jede Wissenschaft des Seins hat dafür zu sorgen, daß ihre Arbeitsweise unbegrenzt dazu fähiger sich gestalte, das Seinsproblem spezifisch anderer Wissenschaften weiterzuführen oder das eigene an eine spezifisch andere Wissenschaft zu übergeben (...), damit jedes Prinzip den spezifischen Erfordernissen jedes anderen unbegrenzt weiter entspreche"41. Unsere „immanente" Kritik wird sich demnach folgende Fragen vorzulegen haben: l. Ist es dieser Philosophie, die Wissenschaftstheorie sein will, gelungen, das Wesen der Wissenschaft und ihrer Entwicklung so zu bestimmen, daß die Probleme, mit denen jene sich zu allen Zeiten und heute in besonders hohem Maße konfrontiert sieht, befriedigend gelöst sind? Wir denken dabei vor allem an folgende Probleme: (a) Die sog. Grundlagenkrise in der Mathematik; (b) das Verhältnis zwischen Logik und Mathematik; (c) der Übergang von kausaler Gesetzlichkeit zu statistischer Wahrscheinlichkeit; (d) der Konflikt zwischen Anschauungsraum und „logischem" Raum; (e) die Möglichkeit normativer Wissenschaften; (f) der Methodenstreit zwischen den sog. Natur- und Geisteswissenschaften42; 40

4, 122.

41

9, 77. Die Psychologie lassen wir hier außer Betracht, da Görland psychologische Fragen stets bewußt deswegen ausklammert, weil ihm diese Disziplin als zu wenig konsolidiert erscheint.

42

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(g) der methodische Monismus der sog. „Wiener Schule"; (h) der Wahrheitswert der Wissenschaft. 2. Ist es dieser Philosophie im Sinne einer „scientia scientiarum" gelungen, ein befriedigendes, d. h. notwendiges Prinzip aufzuzeigen, gemäß welchem sich die Wissenschaften in eine Ordnung von definitivem Charakter einfügen? „Philosophy as scientia scientiarum may have more functions than one, but it has at least one. It has to show how science is related to science, where one science is in contact with another, in what way each fits into each, so that all may compose the symmetrical and glorious edifice of human knowledge, which has been built up by the labours of all past generations, and which all future generations must contribute to perfect and adorn"43. Dabei darf man die Frage nicht außer acht lassen, in welchem Verhältnis Görlands Theorie zu anderen (und früheren) Systemen steht, die ebenfalls Ordnungsschemata für die Wissenschaften zum Inhalt haben (einschlägig sind hier vor allem die Entwürfe von Platon, Aristoteles, Bacon, Hegel, Comte, Pearson, Goblot und Carnap). 3. Was ist die Methode dieser Wissenschaftslehre selbst? Sind ihre Resultate verifizierbar, und ist sie damit selbst eine Wissenschaft? Wenn ja: Wie kann dann Zirkularität vermieden werden? Und wenn nicht: Was ist dann das Wesen ihrer „Besinnung", und wie steht es mit der Gültigkeit ihrer Aussagen? 4. In welchem Verhältnis steht die hier thematisierte logisch-methodologische Betrachtung des Phänomens Wissenschaft zu anderen möglichen Arten der Betrachtung? Gemeint sind damit vor allem: (a) Die ontologiscbe Betrachtung des Phänomens; (b) die anthropologische Betrachtung des Phänomens. Es wird sich als notwendig erweisen zu untersuchen, ob Görlands Gedankengänge nicht unausgesprochene ontologische und anthropologische Voraussetzungen implizieren. Damit wird gleichzeitig die Frage aktuell, ob man Urteile über Wissenschaft anders als in wissenschaftlicher Form aussprechen kann, während umgekehrt jedes Urteil, das mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit auftritt, nicht-wissenschaftliche Voraussetzungen hat. Diese Aporien werfen die Frage nach dem Verhältnis Görlands zu Kant auf und leiten damit über zu unserer zweiten Form der Kritik. 2. Die zweite Form der Kritik könnten wir die der Konfrontation nennen, und zwar „Konfrontation" in zweierlei Hinsicht. Da dieses Denken nicht den 43

R. Flint, Philosophy as scientia scientiarum, Edinburgh 1904, S. 4.

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Anspruch erhebt, eine Äußerung persönlicher, ganz besonders tiefsinniger Genialität zu sein, betrachtet es sich sehr bewußt und von Anfang an als Teil einer philosophischen Tradition. Görland hat nie verleugnet, ein Schüler Hermann Cohens, des Gründers der Marburger Schule, zu sein44. Von großer Selbständigkeit zeugen allerdings die folgenden Worte: „Ich weiß nicht, ob die Kritik sich belehren läßt, daß unsere Arbeitsgemeinschaft (...) von Anbeginn an weder gewollt noch gesollt war als eine ministeriale Arbeit im exegetischen oder propagandistischen Dienste einer monarchisch wirkenden Dogmatik; daß sie also niemals in der Geschichte der Philosophie zur Sackgasse werden konnte; daß uns nicht ein Begriffsgebäude band, sondern daß uns ein Problemkomplex verband, ein Problemkomplex, zu dem die Geschichte der Kultur und die der Philosophie gereift war, ein Problemkomplex, der in der Wucht seiner Anforderungen eine Gefährtschaft der Arbeit, eine gedankliche Gemein Wirtschaft verlangte"45. Es ist daher auch ganz und gar nicht verwunderlich, daß eine von Cohens Hauptthesen aus der „Logik der reinen Erkenntnis" in der „Prologik" angezweifelt, und daß in der „Ästhetik" der Name Cohens nirgends genannt wird. Auch zu den beiden anderen großen „Marburgern", Paul Natorp und Ernst Cassirer, gibt es ganz sicher Beziehungen, obwohl diese, wenn sie explizit werden, meist polemischer Art sind46. Dies alles stellt uns vor die Aufgabe, die fundamentalen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen drei Denkern zum Gegenstand der Betrachtung zu machen und damit einen Beitrag zur Geschichte der Marburger Schule zu leisten, um dann mit Blick auf Görlands Werk nachzuweisen, daß die eigentlichen Intentionen dieser Schule nicht auf eine „Hegel-Renaissance" gerichtet sind, wie eine communis opinio scheint suggerieren zu wollen47. Die Tradition, zu der Görland sich bekennt, reicht jedoch weiter und damit auch die notwendige Konfrontation der ersten Art. Schon in seinem ersten systematischen Werk legte Cohen dar: „Nirgends ist es mir so sehr Bedürfnis gewesen und nirgend auch so unmittelbar nützlich erschienen, zugleich mit der Durchführung eines systematisch entscheidenden Gedankens seine geschichtliche Entwicklung zu verfolgen"48. Damit vollkommen über44

Vor allem 3i, und weiterhin passim. W, 4. 46 Zu Natorp vgl. /, 12/13; 6, 38 ff.; /*, 323 ff.; 10, 30 ff. u. 45 ff. Zu Cassirer siehe 6, 33 ff. 4 " F. Heinemann, Neue Wege der Philosophie, Leipzig 1929, S. 103; G. Lehmann, Geschichte der Nachkantischen Philosophie, Berlin 1931, S. 206; H. Levy, Die Hegelrenaissance in der deutschen Philosophie, Charlottenburg 1927, S. 30 ff. 48 H. Cohen, Das Prinzip der Inifinitesimalmethode und seine Geschichte, Berlin 1883, S. III. 45

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einstimmend heißt es bei Görland: „Es muß erkannt werden, daß dieses unabgeschlossene Durchdringen des geschichtlichen Materials mit dem systematischen Interesse der wahren historischen Objektivität nur dient, wofern ihr die Aufgabe obliegt, Geschichte, d. h. Kontinuität der Zeiten auf Grund ihrer Problemarbeit darzustellen, das historische Material als einen Schatz ewiger Probleme lebendig zu erhalten. Und ebenso muß erkannt werden, daß die unabgebrochen mögliche Kontrolle und Rechtfertigung vor der Geschichte dem Vorwärtsschreiten des Systematikers diejenige Freiheit der Wandlung und Zuversicht des Problementwurfs gewährt, die das Temperament des wissenschaftlichen Versuches ist im Widerspruch zum blinden Eigensinn einer auf sich beschränkten Spekulation"49. So ist Görland sich dessen bewußt, daß er sich an einem ganz bestimmten Punkt der „Weltlinie des Denkens" befindet, und dies in zweifacher Hinsicht: Erstens besitzen die spezifischen Probleme der einzelnen Wissenschaftsgebiete ihre „Weltlinie", auf welche die philosophische Reflexion gerichtet ist, und zweitens hat diese Reflexion selbst ihre große „Linie", deren Höhepunkte stets (in der einen oder anderen Form) eine Orientierung am Stande der „Wissenschaften" erkennen lassen. In einer Hinsicht sind also die Entwicklungen der einzelnen Wissenschaften relevant; mit diesen freilich brauchen wir Görlands Werk nicht zu konfrontieren; umso weniger, als diese philosophische Betrachtung der Wissenschaft (d. h. die Reflexion über die Einheit eines spezifischen Problems im Hinblick auf seine an die prologischen Gesetze gebundene Entwicklung) erst durch die verschiedenen Phasen der philosophischen „Weltlinie" ins Bewußtsein gehoben wird. Die üblichen „Wissenschaftsgeschichten" wählen dagegen gewöhnlich einen anderen Weg, ohne sich freilich (auf Grund ihrer nicht unverständlichen Abneigung gegen Hegels Konstruktivismus) die Frage vorzulegen, worin die, von niemandem geleugnete Einheit des jeweiligen Gebietes gelegen sein könnte. Diese Werke, welche die tiefere Wesensentwicklung auf das Niveau eines bunten Spieles von „Standpunkten" und persönlichen „Sichtweisen" herabwürdigen50 oder auch, um für den Leser amüsant zu sein, sogar Anekdoten nicht verschmähen51, können höchstens 49 50

51

33, 223. „Die Naturforschung stellt eine menschliche Angelegenheit, die Geschichte der Wissenschaft stellt eine Geschichte der menschlichen Schicksale dar; die Wahrheiten, die Entdeckungen, die wissenschaftlichen Irrtümer entwickeln sich nicht auseinander, abgelöst von den Sorgen und Freuden des täglichen Lebens, sondern sind an konkrete Subjekte gebunden, deren individuelle Färbung die tragen" (E. Radi, Geschichte der biologischen Theorien in der Neuzeit, Berlin (2. Aufl.) 1913, S. I, VI). „The effort has also been made to introduce enough of the anecdote to relieve the monotony of mere historical statement and to reveal the mathematician as a human being like others of his race" (D. E. Smith, History of Mathematics, Boston 1923, S. I, V).

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als Fundgruben für Material fungieren. Darum also — es sei nochmals hervorgehoben — erübrigt sich eine Konfrontation, da Görlands Werk nur erste Skizzen einer solchen Wissenschaftsgeschichte enthält. Das Prinzip der „Revolution der Denkungsart" 52 ist hier richtungweisend und von prologischer Allgemeinheit; daher soll es zur Sprache gebracht werden, wenn wir dieses Thema behandeln. Der Unterschied zu Hegel wird dann automatisch von Bedeutung sein; schließlich wendet sich die gesamte Prologik sowohl implizit als auch explizit gegen Hegel53. Viele von Görlands historischen Untersuchungen thematisieren nichts anderes als dergleichen kritische ( !) Punkte, bei denen die Reflexion über ein Gebiet eine solche prologische Wendung nimmt, daß durch eine Umkehrung der Betrachtungsweise der Erfahrung auf diesem Terrain zu wesentlichem Fortschritt verhelfen wird 54 . Wichtig dagegen ist für die Kritik die „Weltlinie des Denkens" im philosophischen Sinne, die hier im Gesichtsfeld erscheint, da in diesem Zusammenhang die Wesensbestimmung der Philosophie selbst und der Rechtsanspruch der Marburger Schule zur Diskussion stehen. Übereinstimmend mit Cohen bezieht sich Görland hier direkt auf Kant und, über diesen hinaus, auf Leibniz und Platon. Diese „idealistische" Linie in der Geschichte des — philosophischen — Denkens ist für Görland die einzige, die in Betracht kommt, und dies so ausschließlich, daß alles andere, was traditionell als Teil der „Philosophie" betrachtet zu werden pflegt, schlicht und einfach als irrelevant beiseite gesetzt wird. Höchstens, daß der eine oder andere Denker gelegentlich ein spezielles Problem durchdacht und einer Lösung näher gebracht hat — damit wird er freilich der Wissenschaftsgeschichte im ersteren Sinne zugeordnet55. Dieser „Standpunkt" Görlands, der formell gewiß durch die Definition der philosophischen Aufgabenstellung gedeckt ist, kann nichtsdestoweniger der Kritik unterworfen werden, und dies ganz sicher in Zusammenhängen, wo er durch Rückgriff auf Kant begründet wird56. Es ist eben die Frage, ob nicht die Marburger Schule durch ihre gesamte Grundeinstellung und speziell Görland durch seine besondere Sichtweise Kants Position einseitig entstellen. Keineswegs geht es uns (ebensowenig wie Görland) um 52 53

2, passim. Vgl. bes. /, 8ff., 189-201.

54

Bes. 2, 3, 7, 14, 21, 30, 37.

55

So z. B. Fichte (14, 43), Schleiermacher (18, 50 ff.). Herder (18, 267 ff.) Eckhart (28, 206 ff.), Solger (18, 565ff.) u.a. Dies geschieht vor allem in dem großen Werk über Aristoteles und Kant (31), welches neben der Prologik (?) für die Grundlagen von Görlands Philosophie von fundamentaler Bedeutung ist.

36

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den äußerst vielseitigen Denker Kant, aber im Hinblick auf die merkwürdig einseitige Perspektive, unter der die Philosophiegeschichte hier betrachtet wird, müssen wir uns doch die Frage vorlegen, ob „die" Philosophie — die definite Deskription kann doch nicht gänzlich auf Zufall beruhen!? — nicht mindestens eine weitere „Weltlinie" enthält, die ebenfalls bei Kant aufs Neue einen Höhepunkt erreicht. Um uns nicht in der unendlichen Vielheit möglicher Fragen zu verirren, wollen wir uns hier nur die eine Frage vorlegen, ob Kants Weise, die Philosophie mit der Wissenschaft zu verknüpfen, identisch ist mit der Art, die Görland im Auge hat. Diese Konfrontation mit Kant ist deswegen so fesselnd, weil sie uns die Gelegenheit bietet, nicht nur erneut auf die „Entwicklung" der Marburger Schule zurückzukommen, sondern zugleich einen Blick auf die Entwicklung des Neu-Kantianismus im weiteren Sinne zu werfen. Schließlich beruft sich auf die Badener Richtung direkt auf Kant, und sie sieht ebenfalls im Verhältnis zwischen Philosophie und Wissenschaft ein Hauptanliegen philosophischer Reflexion57. Dies erhellt jedenfalls aus den folgenden Ausführungen des Initiators dieser Strömung: „Anfänglich also die gesamte, ungeschiedene Wissenschaft überhaupt, wird die Philosophie in dem differenzierten Zustande der besonderen Wissenschaften teils dasjenige Organ, welches die Leistungen aller übrigen zu einer Gesamterkenntnis verbindet, teils ein in den Dienst sittlicher oder religiöser Lebensführung tretendes Glied, teils endlich das nervöse Zentralorgan, in welchem der Lebensprozeß der übrigen Organe zum Bewußtsein kommen soll (...). Immer ist die Auffassung von dem, was Philosophie genannt wird, charakteristisch für die Stellung, welche in der Schätzung der Kulturgüter jeder Zeit die wissenschaftliche Erkenntnis einnimmt"58. Diese letzte Phase, wo die Philosophie das „nervöse Zentralorgan" der Wissenschaften genannt wird, kann jedoch sehr verschiedene Aspekte aufweisen, denn Gegenstand und Zielsetzung einer „Theorie der Wissenschaften" sind keineswegs von vornherein eindeutig festgelegt. In der Tat finden wir dann auch, daß die wissenschaftstheoretische Reflexion der Periode vor Kant sich methodisch von der der Periode nach Kant erheblich unterscheidet. Vor Kant versuchte man, die Wissenschaften von ihrem Entstehungsprozeß her zu verstehen, insofern dieser auf Grund psychischer und geistiger Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten der denkenden Individuen bzw. Völker rekonstruierbar erschien. „Indessen findet sich leicht, daß diese in dem Verfahren der übrigen Wissenschaften begründete Behandlung den Zweck, 57 58

Dies im Gegensatz zu vielen anderen, hier gänzlich außer Betracht bleibenden „Kantianern". W. Windelband, Präludien, Tübingen (9. Aufl.) 1924, Bd. I, S. 21.

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um dessen willen jene Theorie der Wissenschaft gesucht wurde, durchaus nicht erfüllt. Denn die Aufgabe einer solchen Theorie sollte ja gerade die sein, aus der ganzen Masse der Vorstellungen und Vorstellungsverknüpfungen nicht nur diejenigen auszuscheiden und zu beschreiben, welche als wissenschaftliche bezeichnet zu werden pflegen, sondern zu zeigen, weshalb gerade diesen der Wahrheitswert in der Weise zukommt, daß sie ganz allgemein nicht etwa nur tatsächlich anerkannt werden, sondern anerkannt zu werden verdienen"^. Kant nun hat diese Entdeckung gemacht und damit als erster der wissenschaftstheoretischen Problematik die genannte Wendung gegeben. In dieser nicht erklärenden, sondern kritisch beurteilenden Richtung muß die Philosophie systematisch fortschreiten. „In dieser Verallgemeinerung erscheint nun die ,kritische' Philosophie als die Wissenschaft von den notwendigen und allgemeingiltigen Wertbestimmungen"60. Sie fragt weder nach dem Entstehungszusammenhang noch nach den Gesetzmäßigkeiten der Genese ihres Gegenstandes (d. h. des ganzen Umfanges der Wissenschaften), sondern sie untersucht nur, worauf der Wahrheitswert wissenschaftlicher „Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen" beruht 61 . „Von dieser Auffassung bin ich überzeugt, daß sie nichts weiter ist, als die allseitige Ausführung des Kantischen Grundgedankens"62. Wir finden also bei Windelband sowohl eine (sogar historisch aufweisbare) Korrelativierung von Wissenschaft und Philosophie als auch einen konsequenten Ausbau der Einsichten Kants. Gleichwohl ist, vor allem bei seinen Nachfolgern Rickert und Bauch, das systematische Resultat ein gänzlich anderes als bei den großen Marburgern. Man vergleiche nur Görlands oben skizzierte Position mit der Aussage Rickerts, daß die wissenschaftliche Philosophie „Gedanken darstellen will, die geeignet sind, die ,Welt' in ihrer Ganzheit theoretisch zu erfassen" mit dem Endziel der „Abrundung eines Gedankenganzen, welches dem Weltganzen irgendwie ,entspricht' "63, oder auch mit der Auffassung Bauchs: „Weil die Idee System ist, und weil darum die von ihr bedingte Welt ebenfalls System ist, und weil beide nicht voneinander abtrennbar sind, sondern selber ein System, systematisches Ganzes; seiner Erkenntnis und damit der Erkenntnis der Idee zu dienen, ist Sache und Aufgabe aller systematischen philosophischen Arbeit"64. Man muß der Frage nachgehen, inwieweit hier Übereinstimmung bzw. Un59 60 61 62

63 64

A. a. O., S. 23. A. a. O., S. 26. A. a. ()., S. 27. A. a. O., S. 29. In: Deutsche Systematische Philosophie, Berlin 1934, Bd. II, S. 237. A. a. O., Bd. I, S. 279.

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einigkeit vorliegt, und mit welchem Recht sich beide „Richtungen" auf Kant berufen. Während wir einerseits — dies sei jetzt schon angedeutet — davon ausgehen, daß innerhalb der Marburger Schule Görland die einzig adäquate und konsequente Ausarbeitung des Grundgedankens vorgelegt hat, meinen wir andererseits, daß die sog. Wertphilosophie einen eigenständigen „Kritizismus" bildet, der sich mit mehr Recht auf Kant berufen kann65. Dies ist keine Präjudikation im Hinblick auf den Wert von Görlands Philosophie. Im Gegenteil; wir sind davon überzeugt, daß Görlands Methode eine eigene und zudem unumgängliche Aufgabe präsentiert hat, und daß sie den Namen „Philosophie" verdient, d. h. nicht willkürlich trägt. Aber wir sind ebenfalls sicher, daß die „Philosophie" auch andere Fragestellungen involviert, die zwar prologischen Bedingungen genügen müssen, insoweit sie als Korrelat von Urteilsgefügen auftreten, welche Anspruch auf Geltung erheben, die aber darüber hinaus ein Seinsgebiet bestimmen, das ihnen das Recht gibt, sich gleichfalls „philosophisch" zu nennen. Die eigenartige Problemverwicklung, die hier sichtbar wird, werden wir zum Gegenstand der Untersuchung zu machen haben, und dies führt uns zur ^weiten Form der Kritik, welche wir die der Konfrontation nannten. Rickerts Betrachtungen werden die Verbindung herstellen, während auch Natorps merkwürdige Position einige Fingerzeige zu geben vermag. 3. Im dritten Teil unserer kritischen Betrachtungen werden wir nämlich Görlands konsequente Theorie mit den Grundformen des Philosophierens vergleichen, das man zusammenfassend mit dem Term „Antiszientismus" bezeichnen könnte. Selbstverständlich kann es nicht in unserer Absicht liegen, die Strömungen in der modernen Philosophie, die im Hinblick auf diesen Term hier einschlägig sind, in voller Tiefe und Breite zu behandeln. Wir wollen nur mit Blick auf Görlands Ausgangspunkt die Zielsetzungen, die von diesen Strömungen der philosophischen Reflexion vorgegeben werden, daraufhin untersuchen, ob sie sinnvoll sind oder nicht, und ob sie mit Recht „philosophisch" genannt werden. Von vornherein sind natürlich die Formen des Antiszientismus zurückzuweisen, die meinen, gegen den Symbolcharakter der Wissenschaft zu Felde ziehen zu müssen, und die dies tun in langwierigen Abhandlungen von notwendigerweise symbolisch-begrifflicher Art. So behauptet etwa Bergson: „S'il existe un moyen de posseder une realite absolument au Heu de la connaitre relativement, de se placer en eile au Heu d'adopter des points de vue sur eile, 65

Dabei wird sich, obwohl zu skizzenhaft, Rickerts Buch „Kant als Philosoph der modernen Kultur" (Tübingen 1924) als sehr wichtig erweisen.

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d'en avoir l'intuition au Heu d'en faire l'analyse, enfin de le saisir en dehors de toute expression, traduction ou representation symbolique, la metaphysique est cela meme. La metaphysique est done la science qui pretend se passer de symboles"66. Diese Behauptung können wir ebensowenig ernst nehmen wie Klages' Programm: „Alles, was wir bereits bekämpften und weiterhin noch bekämpfen werden, erweist sich zuletzt als bedingt durch den einen und selben Zwang, aufgrund der Verwechslung des Erlebens mit dem Erkennen die Wirklichkeit umzulügen in eine Geistestat. Nachdem nun diese Tendenz Jahrtausende lang am Werk war, nicht bloß die Richtung des Forschens, sondern auch die Wissensüberlieferung bestimmend, so muß, wer heute das Erleben überhaupt nur in Sicht bringen will, schlechterdings damit anfangen, die Schemen fortzuräumen, hinter denen die Anmaßungen eines hybriden Verstandes es unserm Bewußtsein längst entzogen haben"67. „Auf jenem Wege (begrifflich, P. H. v. d. G.) werden aufgelesen und eingesammelt die Tatsachen und ihre Beziehungen; dieser (intuitiv schauend, P. H. v. d. G.) mündet von Fall zu Fall in die Entdeckung ihres Wesens. Wer auf die erste Art vorgeht, der baut am geradlinig aufsteigenden Eifelturm der Wissenschaft, der niemals fertig zu werden die Bestimmung hat; wer auf die zweite Art, der hat ein Labyrinth betreten mit unzähligen Gängen unzähliger Richtung, die aber sämtlich zusammenlaufen im einen und selben Mittelpunkt: dem nur %u erlebenden Wesen der Wirklichkeit^. Wir wollen nicht behaupten, daß Theoretiker wie Bergson und Klages nicht einige vernachlässigte Aspekte der Wirklichkeit in origineller Weise beleuchtet hätten, aber methodisch gesehen und vor allem im Hinblick auf ihren Feldzug gegen die wissenschaftliche Begrifflichkeit sind sie mit unheilbarer Blindheit geschlagen. Wie Bense zurecht bemerkt 69 , müßten solche „Geister" konsequenterweise Musiker, Tänzer, Dichter oder Maler werden; Schöpfer einer „tieferen" Art von Wissenschaft sind sie jedenfalls nicht. Da ihr Antiszientismus also auf reinem Mißverständnis und Mangel an Selbstkenntnis beruht, werden wir uns mit allen diesen „Richtungen" nicht weiter beschäftigen. Umso mehr können wir sie in diesem Zusammenhang außer Betracht lassen, da sie einen Antiszientismus verkünden, der einem Antirationalismus gleicht, welcher sich seiner eigenen internen Widersprüchlichkeit nicht bewußt ist. Mit Rickert kann man Tendenzen dieser Art nur für eine Modeerscheinung halten, die zwar psy-

66 67 68

69

La pensee et le mouvant, Paris (4. Aufl.) 1934, S. 206. Der Geist als Widersacher der Seele, Leipzig 1929, Bd. I, S. 106. A. a. O., S. 130. M. Bense, Anti-Klages oder Von der Würde des Menschen, München 1938, S. 22/23.

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chologisch und kulturhistorisch verstehbar ist, die aber den wissenschaftlichen Ansprüchen philosophischer Besinnung den Krieg erklärt. Der Antiszientismus dagegen, den wir hier im Auge haben, richtet sich nun gerade gegen den entscheidenden Punkt von Görlands Philosophie. Diese Position richtet sich nicht deswegen gegen die Wissenschaft, weil sie deren Wert falsch einschätzt oder im Hinblick auf sich selbst Wissenschaftlichkeit verwirft, sondern weil sie die enge Bindung an die Fachwissenschaften und ihre Methoden als eine willkürliche Einengung der philosophischen Aufgabe zurückweist. Je ausschließlicher also der Marburger Kantianismus sich auf die Wissenschaftslehre im Dienste der Erfahrung konzentriert, desto schärfer wird die Konfrontation mit dieser Form des Antiszientismus. Während man bei Cohen und Natorp noch ein gewisses Bewußtsein davon erahnen kann, daß gemäß Kants eigentlicher Intention der Wissenschaftskritik eine dienende Funktion zukommt, so scheint bei Görland hiervon keine Rede mehr zu sein. Inwieweit dieser Eindruck korrekt ist oder nur auf Schein beruht, ist eine Frage, die wir nicht unbehandelt lassen können, da ihre Beantwortung die unausgesprochenen Voraussetzungen von Görlands Denken zu enthüllen vermag. Zwei Formen (unserer Auffassung nach die wichtigsten) dieses Antiszientismus werden wir thematisieren: Die Ontologie und die Anthropologie. Die Ontologie nun ist in drei Hauptformen aufgetreten; ihr Name ist freilich erst seit Goclenius oder Clauberg gebräuchlich. Von Aristoteles bis Wolff betrachtete man diese Disziplin als die Lehre von den allgemeinsten, allen Entitäten zukommenden Eigenschaften, oder mit der erhellenden Definition von Clauberg: „Est quaedam scientia quae contemplatur ens quatenus ens est, hoc est, in quantum communem quamdam intelligitur habere naturam (...) quae omnibus et singulis entibus suo modo inest. Ea vulgo metaphysica, sed aptius ontologia vel scientia catholica et philosophia universalis nominatur"70. Diese „Natur", die aus der Perspektive der (von den Scholastikern nicht zu Unrecht so genannten) „transcendentia" auseinanderzufallen schien, wurde von Kant für inhaltsleer erklärt; Kant verwendete den Ausdruck „Ontologie" ausschließlich zur Bezeichnung für die Theorie der transzendentalen Prinzipien der Erfahrung: „Ontologie ist Wissenschaft von den Dingen überhaupt, d. i. von der Möglichkeit unserer Erkenntnis der Dinge a priori,

Metaphysica (1656), Bd. I, S. 1/2. Vgl. auch Opera (1691), S. 281: „Sicuti autem vel dicitur, quae circum Deum occupata est scientia: ita haec, quae non circa hoc vel illud ens speciali nomine insignitum vel proprietate quadam ab aliis distinctum, sed circa ens in genere versatur, non incommode ontosophia vel ontoiogia dici posse videtur".

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d. i. unabhängig von der Erfahrung. Sie kann uns nun nichts von Dingen an sich selbst lehren, sondern nur von den Bedingungen a priori, unter denen wir Dinge in der Erfahrung überhaupt erkennen können, d. i. Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung"71. In dieser Bedeutung hat sich der Term „Ontologie" nicht durchsetzen können, und erst in jüngster Zeit hat Nicolai Hartmann den Ausdruck „kritische Ontologie" in Gebrauch genommen. Unter Hartmanns (und vielleicht auch Husserls) Einfluß hat Rickert diesen Term als „die Lehre von den Weltprädikaten" erneut eingeführt 72 . Beide Philosophen, im weiteren Sinne Neu-Kantianer, verstehen darunter jedoch sehr verschiedene Dinge. Hartmann wählt ebenso wie Kant („Das Ding an sich ist das eigentlich kritische Motiv in der kritischen Philosophie"73) als Ausgangspunkt die erkenntnistheoretische Beziehung zwischen Subjekt und Objekt. Allein hebt er hervor, daß diese Beziehung ontologischer Natur und nicht auf eine gnoseologische Relation reduzierbar sei. „Der ratio cognoscendi tritt die ratio essendi als die zugrundeliegende gegenüber"74. Am prägnantesten kommt das Programm der Ontologie, welches in Hartmanns Werken schon entwickelt ist, in der folgenden Passage zum Ausdruck: „Ihre These ist die: es gibt ein reales Seiendes außerhalb des Bewußtseins, außerhalb der logischen Sphäre und der Grenzen der ratio, die Objekterkenntnis hat Beziehung zu diesem Seienden und gibt ein Stück von ihm wieder, wie sehr immer die Möglichkeit dieser Wiedergabe unbegreifbar sein sollte; aber das Erkenntnisbild deckt sich mit dem Seienden nicht, es ist weder vollständig (adäquat) noch dem Seienden ähnlich. Der natürliche Realismus hat recht mit der nackten Realitätsthese, denn das Reale liegt in der Objektrichtung der natürlichen Erkenntnis; aber er hat unrecht mit der Adäquatheitsthese. Die spekulativen Standpunkte haben recht mit der Aufhebung der letzteren, aber unrecht mit der Streichung des Realen aus der Objektrichtung. Die Ontologie verbindet das, worin beide recht haben. Sie behält die Realitätsthese des natürlichen Weltbildes bei, hebt aber die Adäquatheitsthese auf. Sie tut damit etwas Ähnliches, 71

72

73 74

Reflexionen zur Metaphysik 5936 (Akad.-Ausg. XVIII, 394); vgl. auch Kr. d. r. Vern., B. 303: „Seine (des Verstandes, P. H. v. d. G.) Grundsätze sind bloß Prinzipien der Exposition der Erscheinungen, und der stolze Name einer Ontologie, welche sich anmaßt, von Dingen überhaupt synthetische Erkenntnisse a priori in einer systematischen Doktrin zu geben (...) muß dem bescheidenen, einer bloßen Analytik des reinen Verstandes, Platz machen". Siehe auch B 873. H. Rickert, Die Logik des Prädikats und das Problem der Ontologie, Heidelberg 1930, S. 156. Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, Berlin (2. Aufl.) 1925, S. 178. A. a. O., S. 179.

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wie die wissenschaftliche Weltansicht von jeher getan hat. Sie findet in der Wissenschaft eine ontologische Einstellung vor, welche die Kinderschuhe des naiven Bewußtseins bereits abgestreift hat, und kann sie in gewissen Grenzen zum Ausgangspunkt nehmen. (...) Sie verschreibt sich nicht der positiven Wissenschaft, tritt nicht in ihren Bann, ist von jeder Art Szientismus und Positivismus gleich weit entfernt wie von Antiszientismus und Negativismus. Das ,Seiende', von dem sie spricht, hat einen viel allgemeineren Charakter. Es geht im Gegenstand der Naturwissenschaft so wenig auf wie in dem der natürlichen Weltansicht. Es umschließt dieses wie jenes und behält noch unbegrenzten Raum für weitere Sphären des Realen75. Es geht hier darum, drei gänzlich verschieden strukturierte Welten, nämlich „des Gedankens, des idealen Seins und des realen Seins", welche die Ontologie vor Kant miteinander identifizierte, zu unterscheiden und zu bestimmen76, ohne freilich eine dieser Sphären durch Reduktion auf die anderen preiszugeben. Wenn es gelingt, eine solche Unterscheidung vorzunehmen, dann dürfte eine Entdekkung gemacht sein, die von größerer Tragweite ist als man auf Grund des bloß erkenntnistheoretischen Ausgangspunktes hätte vermuten können. So zeigt sich, daß z. B. in der Ethik ein metaphysisches Verhältnis vorliegt zwischen den sittlichen Werten als idealen Entitäten und dem menschlichen Verhalten, welches Teil der realen Wirklichkeit ist. „Das Grundproblem ist überall ein ontologisches. Diese prinzipielle Problemweite ist der Ontologie wesentlich. Sie zeigt, wie es sich in ihrem Problem in der Tat um eine allgemeine Grunddisziplin handelt, eine echte philosophia prima, Prin^ipienlehre universaler Art"71'. Diese philosophia prima ist demnach als „Kategorienlehre" eine Wissenschaft von „Prinzipien aller und jeder Art" und besitzt als solche eine größere Extension als eine Ontologie, d. h. als eine Theorie der Seinsprinzipien; dies schon deswegen, weil sie die axiologischen Prinzipien nicht außer Betracht lassen kann und die theoretischen Grundlagen für eine Thematisierung des Verhältnisses zwischen Seins- und Wertkategorien erst an die Hand gibt. Im Hinblick auf diese Ontologie bzw. Prinzipientheorie werden wir uns die Frage stellen müssen, welche Methode hier angewendet wird — unserer Meinung nach schwankt sie zwischen dem phänomenologischen Schauen (in aller Kürze verweisen wir hier auf Husserl) und einer, die spezifischen

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A. a. O., S. 182. Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich?, in: Festschrift für Paul Natorp, Berlin 1924, S. 130. A. a. O., S. 133.

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Wissenschaften analysierenden Betrachtung unsicher hin und her —, und wie die wissenschaftlichen Resultate der Anwendung dieser Methode prologisch zu beurteilen sind. Uns scheint, daß hier einer dubiosen Mischung aus erkenntnistheoretischen (d. h. anthropologischen) und allgemeinsten wirklichkeitswissenschaftlichen Grundfragen der Titel einer „ " beigelegt wird, unter welchem schon Aristoteles heterogene Dinge miteinander kombinierte. Rickert bezieht dann auch in seinen (im engeren Sinne antiszientistischen) Betrachtungen deutlich Position gegen diesen, an der Erkenntnistheorie und somit an „metaphysischen" Fragen orientierten Ausgangspunkt Hartmanns. Für ihn ist Ontologie von Anfang an als philosophische Grundwissenschaft viel umfassender als alles das, was sich als „metaphysisch" legitimieren kann. Wir erinnern vor allem an den Zusammenhang, wo er sich direkt gegen Hartmann wendet78. Nach Rickerts Auffassung ist es keineswegs eine von vornherein ausgemachte Sache, daß die Ontologie, zumindest wenn man sie als die umfassendste und fundamentalste Wissenschaft betrachtet, das „Ansichseiende" zum Gegenstand haben muß. Ihm geht es, seit er den Term „Ontologie" akzeptiert hat, darum, „vorurteilslos zu fragen, welche verschiedenen Arten des Seins der Welt es als Erkenntnisprädikate gibt, genauer: welche Arten, einen Inhalt als in der Welt ,seiend' (nicht nur gedacht) zu prädizieren, wir in wahren Sinngebilden, die etwas von der Welt erkennen, auf Grund einer umfassenden ,Erfahrung', vorfinden. Wenn dies festgestellt ist, dann erst können wir schließlich fragen: lassen sich die verschiedenen ,erfahrenen' Seinsarten der Welt eventuell ,einheitlich' begreifen, und wie ist das möglich?"79. In diesen Zusammenhang gehören dann auch die für Rickert typischen Begriffe „pluralistische Struktur der Wirklichkeit", „Heterothesis" und „offenes System". Zweifellos bleibt Rickert bei all diesen Betrachtungen ein orthodoxer Neu-Kantianer, und es ist die Frage, inwieweit seine Ontologie als Grundlehre nicht nur die eigentlichen Intentionen von Kants Denken weiterführt, sondern auch welches Verhältnis zwischen dieser „Philosophie" und der Prologik im Sinne Görlands gegeben ist. Eines fällt allerdings auf — und damit kommen wir zum zweiten Punkt, der Anthropologie —: Trotz aller Gegensätze verbindet eine Fragestellung Hartmann, Rickert und auch Natorp, nämlich das Problem des Subjekts. Auch Natorp hat sich in seiner „Allgemeinen Psychologie" [Tübingen 1912] be78

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H. Rickert, Die Logik des Prädikates und das Problem der Ontologie, Heidelberg 1930, S. 173 ff. A.a. O., S. 178.

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müht, das Subjekt als den Gegenpol aller Objektivation zu rekonstruieren, und Rickert hat, abgesehen von in die gleiche Richtung weisenden Untersuchungen (das „prophysische" Subjekt!), erkannt, daß der Mensch in seinem Verhältnis zum pluralistischen Universum ein philosophisches Problem aufwirft. Auch hier kann man von Antiszientismus in dem Sinne sprechen, als das „Subjekt" nicht ausschließlich als gnoseologische Instanz aufgefaßt wird; ja die erkenntnistheoretische Beziehung wird auf eine relativ untergeordnete Position verwiesen. Deutlich wird behauptet, „daß der Mensch, wenn er universal wissenschaftlich betrachtet wird, nur als ein (relativ kleiner) Teil der Welt angesehen werden darf, und daß daher die Anthropologie erst dann erst zu einer philosophischen Disziplin wird, wenn sie bei der Untersuchung des Menschen nicht ausschließlich an ihn, sondern zugleich an das Weltganze denkt, in dem er allein .leben' oder ,existieren' kann. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Darstellung der anthropologischen Grundprobleme mit der Reflexion auf das Verhältnis zu beginnen, das der Mensch zur Welt, oder genauer zu den verschiedenen Arten des Seins besitzt, die wir im Weltganzen feststellen konnten. Erst auf dem Boden der Ontologie wird es möglich, der Anthropologie die philosophische Aufgabe %u stellen, den Sinn, den das gesamte menschliche Leben in der Welt besitzt, universal %u deuten*0. Hier ist unter Worte gebracht, was unserer Auffassung nach innerhalb der wissenschaftstheoretischen Richtung, als deren vorläufig letzten Vertreter wir Görland betrachten, zu Unrecht vernachlässigt worden ist. Die Wissenschaft hat seit Kant derartig gewaltige Fortschritte gemacht und spielt eine dermaßen wichtige Rolle für den Menschen, daß die Tatsache, daß sich alles Interesse auf sie konzentriert, sehr wohl verständlich ist. Man beginnt allerdings, auf die Einseitigkeit dieses — an sich selbst unentbehrlichen und legitimen — Szientismus aufmerksam zu werden. Und es zeigt sich, daß im Rahmen dieser Entwicklung das Problem des Menschen allzu kurz gekommen ist. Die Wissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen, also an erster Stelle Psychologie, Biologie und Medizin (sowohl somatische als auch psychiatrische), können sich nur mit größter Mühe von Methoden freimachen, die dem Gegenstande dieser Disziplinen nicht angemessen sind. Die Wissenschaft vom Menschen war ins Niemandsland zwischen Natur- und „Geistes"-wissenschaften verschlagen worden. Man braucht sich demgemäß auch nicht zu wundern, daß keine dieser Disziplinen in Görlands Systematik zu ihrem Recht kommt, ja auch nur genannt wird 81 . Dies kann man zwar nicht als einen Systemfehler 80 81

H. Rickert, Grundprobleme der Philosophie, Tübingen 1934, S. 146. Hier sei nur kurz darauf hingewiesen, daß auf Grund dieses Mangels an anthropologischer Besinnung auch die Geschichte nicht zu ihrem Recht kommt.

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bezeichnen — der Prologik als solcher könnten diese Gebiete durchaus als bestätigende Instanzen dienen — , aber eine gewisse Verengung des Blickfeldes verrät diese Tatsache doch. Es ist nun einmal so, daß wir als objektivierende und reflektierende Menschen in gewissem Sinne der Schnittpunkt aller Weltlinien sind, und dies in gänzlich anderer Bedeutung als der, welche noch Cohen in seinem einseitigen Objektivismus vor Augen hatte82. Der Mensch ist mehr als nur der Schnittpunkt; er ist darüberhinaus auch der Bezugspunkt aller Objektivationen. Es ist die Aufgabe der philosophischen Anthropologie, den Sinn dieses Bezuges zu thematisieren. Die Philosophie besitzt demnach jedenfalls zwei essentielle Forschungsgebiete, und auch hier können wir uns eine Formulierung Rickerts eigen machen: „Wir bleiben bei dem Doppelproblem, wieweit sich der Mensch als Ganzes einerseits von der erkannten Welt aus, und wie weit sich die Welt als Ganzes andererseits vom ganzen Menschen aus begreifen läßt"83. Die Betrachtungen, die dieser Abschnitt enthält, lassen sich wie folgt thesenartig zusammenfassen: Wir schenken der Form des Antiszientismus keinerlei Beachtung, welche glaubt, ohne die geringste methodologische Reflexion auf neuen Wegen der Erkenntnis bislang unbekannte Wirklichkeiten aufdecken zu können; die Ontotogie freilich, welche versucht, vorkantische Wege zu beschreiten, müssen wir als (im prologischen Sinne) spezifische Wissenschaft entlarven und als zum Teil sich selbst nicht kennende Anthropologie qualifizieren. „Kritische" Ontologie ist allein im Sinne Rickerts möglich, und die Anthropologie, das große Problem der heutigen wie der unmittelbar künftigen Zeit, müssen wir mit Blick auf ihre methodische Bedeutung ins rechte Licht setzen — nicht allein im Interesse der vernachlässigten und erst jetzt zu Selbstbewußtsein gelangenden anthropos-Wissenschaften, sondern auch des Kernproblems der Philosophie selbst wegen. Dieses Kernproblem ist die Frage nach dem Sinn, und diese läßt sich niemals in eine prologische Frage auflösen. Ja, die Totalität der prologischen Fragen setzt eine unkritische Vormeinung über die Antwort auf diese Sinnfrage voraus. Inwieweit der Begriff „Wissenschaft" einer Erweiterung bedarf, ist in dieser Weise zu einem dringenden Problem geworden, und die eigenartige Stellung, die das „Ganze der Erfahrung" in Görlands Religionsphilosophie einnimmt, wird sich in diesem Zusammenhang als relevant erweisen. Statt uns also ins Schlachtgetümmel der heutigen Anthropologie zu stürzen, bewegen wir uns streng innerhalb der Grenzen unseres Themas: Wir 82 83

H. Cohen, Logik der reinen Erkenntnis, Berlin (3. Aufl.) 1922, S. 610. H. Ricken, Grundprobleme der Philosophie, Tübingen 1934, S. 19/20.

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Einleitende Betrachtungen zu Problemstellung und Methode

untersuchen das von Görland zur Diskussion gestellte Problem der Wissenschaftslehre im Hinblick auf seine Voraussetzungen und seine Konsequenzen; dabei weist die Fragestellung selbst über die von Görland gezogenen Grenzen hinaus. Im Rahmen dieser systematischen Philosophie wird gewiß vielerlei über den Menschen ausgesagt — wie könnte es anders sein? —; das wissenschaftliche Problem der Anthropologie wird gleichwohl vernachlässigt. Der Gesamtkomplex philosophischer Fragestellung ist dadurch einseitig entstellt. Auf dieser Einseitigkeit beruht allerdings der Wert dieser Philosophie: Sie liefert die Voraussetzung für die eminent kritische Tätigkeit, deren Ziel die Aufhellung von Problemsituationen ist84.

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Obwohl man in der heutigen Literatur viele verstreute Gedanken finden kann, die in dieselbe Richtung weisen, machen wir besonders auf H. Noacks „Symbol und Existenz der Wissenschaft" (Halle 1936) aufmerksam, weil dieser, wie frühere Schriften belegen (vgl. Vom Wesen des Stils, in: Die Akademie, Erlangen 1925, Il/IV; Geschichte und System der Philosophie, Hamburg 1928), sich intensiv mit Görlands Philosophie auseinandergesetzt hat.

Erster Teil Görlands wichtigste Thesen, erläutert mit Bezug auf Methode und Resultate seiner Philosophie1

Wir werden in diesem Kapitel den Namen Görlands nicht nennen, sondern auf unsere Art dasjenige reproduzieren, was wir als die grundlegenden Aussagen dieses Denkers betrachten; stets werden wir auf die jeweils wichtigsten Passagen seiner Schriften, teils wörtlich zitierend, verweisen. Andere Literatur ziehen wir als Beleg heran, wenn sie unserer Auffassung nach der Erhellung der Probleme dienen kann.

Προθυμήθητι δε παντΐ τρόπω των τε άλλων πέρ» και επιστήμης λαβείν λόγον, τί ποτέ τυγχάνει όν. Platon, Theaet., 148 D Vor allem darum ist Systematik die h chste Angelegenheit der Philosophie, um die Gegens tzlichkeit der Probleme als unter h herer Einheit auf sich notwendig inhaltlich bezogene Glieder einer Einheit zu befassen. A. G rland, Aristoteles und Kant, S. 4

L Prologik /. Philosophie als dialektische Prologik

Es ist eine den Vertretern der Fachwissenschaften merkw rdig erscheinende Tatsache, da sich die Philosophie unaufh rlich die Frage vorlegt, was sie selbst ist. Dies scheint auf einem unheilbaren inneren Gebrechen zu beruhen und verleitet in positivistisch gepr gten Perioden und Kreisen dazu, der Philosophie den R cken zu kehren. Gleichwohl macht sich (und dies vor allem in letzter Zeit) gerade innerhalb der Fachwissenschaften ein Bed rfnis nach „philosophischer" Vertiefung bemerkbar, und aus Mangel an Vertrauen zur traditionellen Philosophie oder (besser) zu den philosophischen Traditionen konzipieren Vertreter dieser Fachdisziplinen ad hoc neue Philosophien und ma en sich an, die „Scheinprobleme" der Tradition in Acht und Bann zu tun. Dieses seltsame Geschehen hat einen tiefen Grund. „Philosophie" ist ein eristischer Term von pythagor isch-platonischer Abkunft, Symptom eines Krisenbewu tseins2. F r diese Periode — wir meinen die zweite H lfte des 5. Jahrhunderts, als die „sogenannten Pythagor er" die ersten exakten mathematischen Entdeckungen machten; nicht dagegen steht uns Pythagoras selbst vor Augen, der damals zu einer mythischen Gestalt wurde 3 — ist, jedenfalls im Bereich des westlichen Denkens, ein problemloses 2 3

18, 25 ff. K. Frank, Plato und die sogenannten Pythagoreer, Halle 1923, S. 64 ff; vgl. E. J. Dijksterhuis, De Elementen van Euclides, Groningen 1929, Bd. I, S. 74 ff. Auch wenn Frank die

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I. Prologik

Nebeneinander von naivem technischem Erfahrungswissen und kontemplativer Weisheit charakteristisch, einer Weisheit, die in Prinzipien von allgemeiner G ltigkeit f r Welt und Leben zum Ausdruck kam. Zwischen diesen „σοφίσι" und jenen „τέχναι" gab es weder bereinstimmung noch Konflikt. Ungef hr hundert Jahre vor Euklid mu nun, u. a. beeinflu t durch die Entdeckung des Irrationalen und die Kritik des Begriffes der Kontinuit t, eine systematisierende Tendenz auf dem Gebiet des Wissens aufgetreten sein, welches zur Zeit des Archytas als Wissen schlechthin (μαθήματα) ausgezeichnet war 4 , n mlich der Mathematik. Diese Tendenz bestand darin, da man versuchte, die verstreuten Wissensinhalte in einem deduktiven Aussagengef ge dergestalt zu vereinigen, da das Fundament dieses Systems von einer m glichst kleinen Anzahl grundlegender Propositionen gebildet wurde. Hartes begriffliches Handwerk trat damit in Konkurrenz zu den genialen Intuitionen der Weisen; ein Handwerk, das zudem den Vorteil bot, streng beweisbares Wissen zu liefern. Platon, auf den diese wissenschaftliche Entwicklung gro en Eindruck gemacht hat, wies der Philosophie eine neue Aufgabenstellung zu. Statt dogmatisch Weisheitslehren zu formulieren, sollte sie nunmehr jedes Wissensgebiet auf seine Voraussetzungen hin untersuchen und sich zugleich darauf besinnen, was Wissenschaft eigentlich ist (τί εστίν επιστήμη;). Schon Sokrates hatte, als Gegenpol zur Dogmatik der Weisen, die demokratische Methode des Dialogs entwickelt, und er hatte zudem die mathematischen Fragestellungen auf andere Gebiete des Lebens transferiert (τί εστίν αρετή;). Hiermit war der philosophischen Reflexion ein pr zis definiertes Problem zugewiesen, ein stets aktuelles Problem im Dienste der sich erweiternden Erfahrung; ein Problem auch, das von keiner Fachwissenschaft jemals in Angriff genommen und bew ltigt werden kann. Worin besteht nun dieses Problem, welches implizit in der platonischen Frage „τί εστίν επιστήμη;" enthalten ist? Man mu sich zun chst klarmachen,

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pythagor ische Mathematik zu sehr dem 4. Jahrhundert zuordent und damit das 5. Jahrhundert inad quat beurteilt (Hippokrates von Chios!), so scheinen mir doch seine Auffassungen ber die Entwicklung der griechischen Mathematik nicht g nzlich von denen Dijksterhuis' verschieden zu sein; ganz sicher besteht in diesem Punkt kein absoluter Unterschied zwischen diesen beiden einerseits und G rland andererseits. D. ist sich dar ber im Klaren, da mit Theaitetos und Eudoxos „die strenge Aus bung der Mathematik beginnt, die ihre Vollendung im Werke des Euclides findet. Ihr Werk wurde wahrscheinlich von den Pythagor ern vorbereitet (...)" (S. 82). Auffallend ist, da der Term „Philosoph" traditionell auch auf Pythagoras zur ckgef hrt wird (Diog. Laert., Prooem. 12), w hrend andererseits gerade durch ihn die im Wesentlichen dogmatische Denkweise verk rpert wird („αυτός εφα"): Auch hier haben wir augenscheinlich eine R ckspiegelung des „pythagor ischen Bewu tseins" auf sein fr heres Stadium. T. L. Heath, A Manual of Greek Mathematics, Oxford 1931, S. 5.

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was überhaupt ein Problem ist5. Ein Problem ist ein Hindernis, mit dem uns unser Geist konfrontiert; er gerät in Verwunderung über das gleichzeitige Auftreten disparater, d. h. bislang nur als Teile anderer Zusammenhänge definierter Elemente. Sobald eine neue Einheit vorläufig zustandegebracht ist, kann das Problem als insoweit gelöst betrachtet werden. „Problem besagt Zwiespältigkeit, Vielspältigkeit, Mannigfaltigkeit; Lösung heißt Einheit. Diese Mannigfaltigkeit wie diese Einheit ist aber nur als relative zu verstehen, d. h. als Vielspältigkeit und Einheit von Bestimmtheiten anderer Bereiche von Einheiten"6. „Was ist Wissenschaft?" — diese Frage muß sich also dann dem Bewußtsein als Problem aufdrängen, wenn man verwundert zur Kenntnis nimmt, daß es viele Urteilssysteme, d. h. Wissenschaft» gibt. Sie gelten gleichzeitig und sind doch wesentlich verschieden, da ihre theoretischen Fundamente vollkommen verschieden sind. Wie ist Einheit dieser Systeme im Sinne geltender Erfahrung möglich? Dies ist die Fragestellung der Wissenschaftslehre und das Arbeitsfeld der Disziplin, welcher Platon den Namen „Philosophie" verlieh. Nun sprachen wir oben jedoch von „implizit enthalten". Platon selbst war ja nicht in der Lage, diese Frage so, wie wir es heute können, zu formulieren. Denn ihm lag schließlich nur eine wirkliche Wissenschaft vor, nämlich die Geometrie, und von der Existenz einer Vielheit von Gültigkeitsgebieten konnte man (Sokrates?) damals nicht mehr als eine verschwommene Ahnung haben. Was ihm höchstens auffallen konnte, war die Vielheit der Prinzipien, die dieses Wunder „Geometrie" dem Betrachter präsentierte, dieser Vorrat an Axiomen, von dem alles mathematische Wissen abhängig war. Hierfür Einheit zu suchen; dies war Platons Problem. Und er fand die Lösung in der Einheit des intuitiven Geistes. Hier war zwar nicht mehr die Rede von den Weisheitsergüssen begnadeter Denker, aber immerhin barg das Konzept der Intuition des menschlichen Geistes im Allgemeinen, das auf diese Weise und in dieser wissenschaftsgeschichtlichen Situation Auftreten des sog. „a priori", erhebliche Gefahren in sich. Immerhin können wir, die Details der platonischen Spekulation ( -Theorie u. dergl.) beiseite lassend, zweierlei festhalten. Zum ersten sind die Gegenstände, in Bezug worauf mathematische Propositionen Gültigkeit besitzen, keine Elemente der sinnlich wahrnehmbaren Welt. Somit scheint hier ein Wissen aus „reiner Vernunft" vorzuliegen, und dies hat die junge Wissenschaftslehre auf den Weg des einseitig das „Denken" betonenden „Rationalismus" gebracht. Und zweitens scheint der „Philosophie" die Aufgabe zugewiesen zu sein, den s 6

9, 6 ff. 9, 13.

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Anspruch der Axiome auf G ltigkeit einzul sen. Da sie diesen Axiomen die Intuition des Geistes zugrundelegt, entsteht einerseits ein matriarchales Verh ltnis zwischen der Philosophie und den Wissenschaften, und drohen andererseits die Prinzipien (άρχαί) der G ltigkeitssysteme zu erstarren, „absolut" zu werden7. Damit n herte die Philosophie, welche aus einer Protesthaltung der Sophia gegen ber entsprungen war, sich bedenklich gerade dieser Sophia wieder an. Sie sollte absolute, nicht weiter begr ndungsbed rftige fundamentale Einsichten und auch den Zusammenhang, der diese miteinander verbindet, pr sentieren bzw. dort solchen Einsichten das Echtheitssiegel der Absolutheit aufdr cken, wo diese innerhalb bestehender Wissenschaften schon vorlagen. So wurde die Wissenschaftslehre dogmatisch und spekulativ, d. h. sie entzog sich im Hinblick auf die Prinzipien ihrer Begr ndungspflicht und konnte damit rational nicht kontrolliert werden. Sehr schnell kam es dann bei Aristoteles zu einer „πρώτη φιλοσοφία" und anderen „φιλοσοφίαι", von denen jede auf ihre Weise die „έπιστήμαι εν μέρει λεγόμεναι" zu systematisch geordneten Gruppen zusammenfassen sollte, w hrend die „πρώτη φιλοσοφία" die Prinzipien selbst auf ihre Rechnung zu nehmen hatte8. Dies war die Geburtsstunde der „Metaphysik", des Turnierplatzes, auf dem der „maestro di color ehe sanno" seinen J ngern sp terer Jahrhunderte das gute Beispiel gab. Hier liegt auch der Ursprung des „ordine geometrico demonstrare", d. h. des deduktiven Ableitens aus dogmatischer Weisheit, und auch des Vorurteils, da die Fachwissenschaften ein Recht darauf h tten, sich der Grundeinsichten kontemplativer Philosophie als fundamentaler Pr missen zu bedienen. Ein Denker wie Natorp, sich seiner platonischen Grundeinstellung deutlich bewu t, glaubte bis zuletzt, da „das Philosophische" das eigentlich Fundamentale innerhalb der Wissenschaften sei, w hrend diese sich nur um das Besondere und Abgeleitete zu k mmern brauchten9. 7 8

9

Vgl. vor allem 5, 33 ff. Z. B. Aristoteles, Met. 1026 a 18 ff. Geade an diesem ersten „Metaphysiker" nach-platonischer Provenienz kann man sehen, wie fatal das Eindringen von Weisheitselementen in die Wissenschaftslehre ist. Die fr heren „σοφίαι" und die Erfahrungserkenntnis hatten einander keinen Schaden zugef gt; von nun an wird jedoch die Wissenschaft auf die Visionen des Metaphysikers festgenagelt, d. h. das substantielle Ding-Denken des Durchschnittsgriechen: Die Entwicklung der modernen Wissenschaft ist nichts anderes als ein Proze des SichFreimachens von diesem Aristotelismus, eine Entwicklung von der Ding-Substanz zur Relationsfunktion. Dies ist auch der Grund daf r, da G rland ausgerechnet Aristoteles als deutlichstes Beispiel f r eine destruktive, weil die Entwicklung behindernde Wissenschaftslehre zum Gegenstand zweier Studien gemacht hat, vgl. 31, l —169 u. 32. P. Natorp, Philosophie, ihr Problem und ihre Probleme, G ttingen (3. Aufl.) 1921, S. 3:

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Andererseits jedoch verfügen die Wissenschaften hinreichend über die Kraft gesunden Wachstums, um sich früher oder später der Vormundschaft durch die Philosophie zu entledigen und diese, gestärkt durch eigene Erfolge, sehr schnell als überflüssig zu betrachten. Gleichzeitig bedingt die Vermehrung ihrer Anzahl eine Zersplitterung der Erfahrung, deren Einheit daher als immer dringender werdendes Problem in den Vordergrund tritt. Die Verläßlichkeit ihrer Fundamente lassen sich diese nunmehr emanzipierten Wissenschaften von der einen oder anderen unkritisch rezipierten Theorie garantieren, die sich unter den herumvagabundierenden Philosophemen anbietet. Die Philosophie selbst, verachtet und ihrem Schicksal überlassen, wird mehr und mehr zum Terrain für intellektuelle Freibeuterei111, welche in „geisteswissenschaftlichen" Kreisen dann höchstens der Typologie wegen auf Interesse stößt. So stellt sich die heutige Philosophie dem Betrachter dar, und der Eindruck, den sie vermittelt, ist jämmerlich. Es ist also keineswegs erstaunlich, sondern eher eine Verfallserscheinung, daß in dieser chaotischen Situation jede Philosophie zuerst den Blick auf ihr eigenes Wesen richtet, um sich danach von einem der vielen möglichen Interessenten in Dienst nehmen zu lassen. Gegen diesen Verfall will nun die Prologik ein Heilmittel sein. Kein neues Patentmittel, ad hoc fabriziert, um die Not zu lindern, sondern eine Besinnung in der alten Bedeutung von Platons Fragestellung; zudem orientiert an den Höhepunkten einer Tradition, die sich stets ihrer „Wissenschaftlichkeit" bewußt war, d. h. verbunden war mit der wissenschaftlichen Situation der jeweiligen Periode. Die Denklinie, die durch alle diese Höhepunkte läuft, ist die des Idealismus. Nicht zufällig waren die Vertreter dieses Idealismus, der über Descartes und Leibniz zu Kant führt, stets intensiv mit mathematischphysikalischen Problemen befaßt. Das Gefecht gegen den „F^mpirismus", welcher das Wesen der Wissenschaft verkennt, führte, zwar in psychologischanthropologischer Terminologie, aber im Wesen doch unzweideutig, zur „transzendentalen" (= prologischen) Betrachtungsweise Kants, welche der eine erlösende Satz „was wir als die veränderte Methode der Denkungsart „Beide (Philosophie und Wissenschaft) dürfen überhaupt nicht außer einander stehen bleiben, sondern sie müßten, ideal genommen, sich etwa so verhalten, wie die einander entgegengesetzten Richtungen eines und desselben Weges. So in der Tat entsprechen sich beide: als der Weg gleichsam zum Zentrum: der Einheit der Erkenntnis, und zum Umkreis: der unbegrenzbaren Mannigfaltigkeit der besonderen und einzelnen Erkenntnisse". Vgl. 6, 39 ff. und die dort zitierten Passagen aus Natorps Werk, vor allem aus: Über Philosophie und philosophisches Studium, in: Philosophie und Pädagogik, Marburg 1909, S. 209 — 296. In der Form von „Weltanschauungen" werden sich diese Spekulationen als Stilphänomene, in der Form von Theorien dagegen als illegitime Verallgemeinerungen erweisen.

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annehmen, daß wir nämlich von den Dingen nur das a priori erkennen, was wir selbst in sie legen"11, zum Ausdruck bringt. Kant mußte die Gültigkeit der newtonschen Naturwissenschaft gegen Humes Skeptizismus verteidigen und gleichzeitig die pseudowissenschaftlichen Ansprüche der Schul-Metaphysik zurückweisen, während ein stark entwickeltes sittliches Bewußtsein ihn veranlaßte, den Menschen die Einsicht zu vermitteln, daß sie als Bürger zweier Welten Naturwesen und doch zugleich „frei" seien. Diese dreifache Tendenz macht das Denken Kants verständlich. Im Prinzip ist dem Programm Platons Genüge getan, daß nämlich die Philosophie als „Dialektik" eine Reflexion über das Wissen (in späterer Form dann über die Wissenschaften und ihr commercium) zu sein und nicht direkt das „Sein" (in welcher Bedeutung auch immer) zu thematisieren hat. Kant hat schließlich die Metaphysik in ihrer überkommenen Form als Scheinwissenschaft entlarvt und zum alten Eisen geworfen — nicht ohne schon weitsichtig den autonomen Sinn dieser metaphysischen Antinomien als weltanschauliche Stilkosmen vorauszuahnen12. Und auf dem Terrain der Ethik war er, auch ohne daß ihm de facto spezialisierte Gemeinschaftswissenschaften zur Verfügung standen13, in der Lage, das Erfahrungsgebiet der Sozialität von dem der Natur streng zu scheiden und im Begriff des „Willens" zu verankern. Die wichtigste wissenschaftliche Tatsache seiner Zeit nun, das mathematische Weltbild Newtons, schirmte Kant gegen die empiristische Skepsis dadurch ab, daß er den „menschlichen" „Verstand" zum Gesetzgeber der Natur machte. Es ging ihm genau darum, die Principia Mathematica unerschütterlich in einem Apriori zu fundieren; einem Apriori, das gegen jede psychologistische Relativierung resistent war. Die Axiome der Theorie Newtons mußten demnach in der Struktur „unseres" „Geistes" angelegt sein, oder, weniger mißverständlich (obgleich voll spekulativer Gefahren!) formuliert: Des „Bewußtseins überhaupt". Auf Grund dieses unveränderlichen Apriori galt: „Omnimoda determinatio est existentia; und so auch umgekehrt, als ein Verhältnis gleichgeltender Begriffe"14, und hierdurch wird die für jede Form des Idealismus typische Bestimmtheit und Einseitigkeit bedingt: Vom „Denken" aus richtet sich der Anspruch der bestimmenden Gültigkeit auf das „Objekt", und dieses „existiert" nur dank jenem. Das „Erzeugen", welches bei Natorp und Cohen eine solch große Rolle spielt, wiederholt genau diese, 11 12 13

14

I. Kant, Kr. d. r. Vern., B XVIII. Vgl. I. Kant, Kr. d. r. Vern., B 490 ff.; vgl. 18, 43/44. Die Rechtslehre seiner Zeit verleitete ihn nur dazu, das „bloß Legale" gewaltig zu unterschätzen. I. Kant, Opus postumum, Akad.-Ausg. Bd. XXI, S. 603.

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auf diesem Niveau der Reflexion unvermeidliche Einseitigkeit15. Bei Kant manifestiert sich dieser ganze Gedankenkomplex außerdem noch darin, daß er die „Metaphysik" als die Theorie des Systems der Prinzipien a priori bestimmte16; dadurch blieb der alte Gültigkeitsanspruch einer „ersten Philosophie", obwohl transzendental geläutert, bis in die Terminologie hinein erhalten. Nun wurde, nachdem schon Maimon seine skeptische Attacke genau gegen diesen Punkt gerichtet hatte 17 , dieses dogmatische Element in der Transzendentalphilosophie durch nichts so sehr in Mißkredit gebracht wie durch die zwei bedeutendsten Faktoren der jüngsten Wissenschaftsgeschichte: Die Entwicklung der nicht-euklidischen Geometrien sowie der nicht-newtonschen Physik 18 . Die Forschungen von Lobatschewsky, Bolyai und vor allem Riemann führten zu der Einsicht, daß sich durch Veränderung der Postulate Euklids Satzklassen formulieren lassen, die konsistent sind und — dies ist der springende Punkt — die euklidische Geometrie als Spezialfall enthalten. „Wenn wir das fünfte Postulat bei Seite setzen, dann resultiert daraus eine allgemeinere Geometrie, die von einer willkürlichen Konstante, dem Krümmungsgrad des Raumes, abhängig ist, und hieraus entsteht die euklidische Geometrie dadurch, daß man dieser Konstante den speziellen Wert Null zuordnet"19. In der Physik der Relativitätstheorie finden wir einen im Hinblick auf die newtonsche Mechanik vollkommen analogen Vorgang: „De la pensee non-newtonienne a la pensee newtonienne, il n'y a pas non plus contradiction qui nous permet de trouver le phenomene restreint a l'interieur du noumene qui l'enveloppe, le cas particulier dans le cas general, sans que jamais le particulier puisse evoquer le general"20. Welche Probleme diese Entwicklung

15 16 17

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/, XV. I. Kant, Nachlaß, Akad.-Ausg. Bd. XVIII, Nr. 5667, 5672, 5674. S. Maimon, Versuch einer neuen Logik, Berlin 1794 S. 192: „Ich läugne (oder wenigstens bezweifele) sowohl den transzendentalen als den empyrischen Gebrauch der Kathegorien. Jenen, weil Dinge an sich in keinem zu diesem Gebrauche erforderlichen erkennbaren Verhältnisz der Bestimmbarkeit stehen. Diesen, weil das an empyrischen Objekten wahrgenommene Zeitverhältnisz nicht dieses Verhältnisz der Bestimmbarkeit ist. Dahingegen gestehe ich den Gebrauch der Kathegorien von zwar sinnlichen, aber dennoch nicht empyrischen Objekten der reinen Mathematik zu, weil ich hier dieses, ihren Gebrauch bestimmende Verhältnisz wirklich finde" (vgl. S. 131 ff.). Wie wichtig diese Tatsache für Görlands Denken ist, erhellt daraus, daß man ihr in allen Hauptwerken begegnet: /, 246 ff.; 9, 46 ff.; 18, 27; 28, 45 ff.; 31, 298 ff. H. J. Beth, Inleiding in de niet-euclidische meetkunde op historischen grondslag, Groningen 1929, S. 134. G. Bachelard, Le nouvel esprit scientifique, Paris 1941, S. 58.

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auch immer aufwerfen mag21; gewiß ist, daß die Philosophie der Aufgabe enthoben ist, die Axiome der Wissenschaften zu legitimieren, da sich die Wissenschaften, durch die Phänomene dazu gezwungen, selbst dieser Aufgabe stellen. Die Autonomie der Wissenschaften ist erst dadurch vollkommen evident geworden, daß sie sich fortwährend nicht nur in Richtung auf Konkretisierung und Spezialisierung, sondern auch auf Fundierung vertiefend ausbreiten. Dies erst hat der Philosophie den Freiraum für ihre eigentliche Aufgabe geschaffen; einer Aufgabe, die deswegen so eminent wichtig ist, weil die Anzahl der Fachwissenschaften seit Kant gewaltig gewachsen ist. Entdeckung und Sicherstellung der Prinzipien des Wissens fallen also nicht mehr in die Kompetenz der Philosophie, ebensowenig wie spekulative Entwürfe von „Einheits"-Konzepten im Hinblick auf diese Prinzipien (dies war das Problem des nach-kantischen Idealismus, welcher in Hegel seinen Hö21

Es ist deutlich, daß die vielen Probleme, die hier berührt werden, und die einen Strom von Literatur hervorgerufen haben, im Sinne Kants rein historische, im Sinne der Fragestellungen selbst jedoch spezifisch wissenschaftliche, sei es mathematische oder physikalische, sei es psychologische oder anthropologische (erkenntnistheoretische) Bedeutung haben: Von philosophischer Bedeutung sind sie auf Grund der veränderten wissenschaftlichen Situation nicht mehr. Die Frage z. B., ob man bei Kant (unter Berufung auf eine Formulierung im Schematismus-Kapitel der „Kritik der reinen Vernunft") die anschauliche Apriorität des (euklidischen) Raumes auch so interpretieren kann, daß auch nicht-euklidische Geometrien möglich werden (vgl. R.W. Beth, Rede en aanschouwing in de wiskunde, Groningen 1935), ist ein rein retrospektiver Rettungsversuch der Position Kants. Die intuitionistische Reduktion des Apriori auf die ursprüngliche Intuition der Zeit (Brouwer) und die Abweisung jeglicher anschaulicher Evidenz durch den Formalismus (Hubert) sind dagegen methodologische und anthropologische, jedoch keine systematischen Probleme mehr, was sie bei Kant, der in verschiedener Weise von ihnen angefochten wird, sehr wohl gewesen waren. Im Hinblick auf die absoluten Raum- und Zeitbegriffe und ihre Relativierung durch Einstein verhält sich die Sache hinsichtlich Kants ebenso: Cassirer versuchte, Kant mittels (erweiternder) Interpretation zu retten (Zur Einsteinschen Relativitätstheorie, Berlin 1920, S. 75 ff.), während die Probleme selbst nichts anderes sind als immanente Vertiefung der physikalischen Grundlagen. Sehr präzise bemerkt Reichenbach: „Es scheint der Fehler Kants zu sein, daß er, der mit der kritischen Frage den tiefsten Sinn aller Erkenntnistheorie aufgezeigt hatte, in ihrer Beantwortung zwei Absichten miteinander verwechselte. Wenn er die Bedingungen der Erkenntnis suchte, so mußte er die Erkenntnis analysieren; aber was er analysierte, war die Vernunft" (Relativitätstheorie und Erkenntnisapriori, Berlin 1920, S. 69). Dies war jedoch nicht der „Fehler" Kants, sondern resultierte aus der Lage, in welche die Wissenschaft seiner Zeit ihn gebracht hatte. Es geht nicht darum, Kants Auffassungen zu widerlegen oder zu retten, sondern darum, seine Theorie als eine notwendige Stufe „prologischer" Besinnung zu betrachten. Daß ihm die Möglichkeit vorschwebte, daß Naturwissenschaft dann »»möglich wäre, wenn die Naturordnung nicht dem „zufälligen" System a priori unseres Intellekts entsprechen würde (vgl. Kr. d. U., Akad.-Ausg. Bd. V, S. 185), beweist, daß ihn nur die newtonschen Physik daran hinderte, die „stetige Erweiterung der Prinzipien" als das methodische Mittel zu würdigen, dessen Anwendung immerwährende Möglichkeit von Erfahrung gewährleistet (vgl. 3, 78-109 zu Helmholtz' Rolle in dieser Entwicklung). Vgl. 7, 233 ff.

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hepunkt fand). Diese Prinzipien sind weder vollkommen voneinander unabhängig, noch sind sie unmittelbar miteinander verbunden. Es kommt nun an auf das „Totalkommerzium der spezifischen Wissenschaftsganzheiten: ein Kommerzium, das die Wissenschaften zwar selbst zu bewerkstelligen haben, wenn sie sich selbst erfüllen wollen. Aber die Bedingungen dieses Kommerziums liegen nicht in der Willkür dieser Einzelwissenschaften, sondern sind, als die Bedingungen für ein Kommerzium aller zur Einheit der Erfahrung, jeder einzelnen vorgeordnet als Gesetz ihres Für- und Ineinander"22. Wenn wir die Entwicklung, die der geläuterte platonische Idealismus genommen hat, überblicken, so sehen wir also, daß die philosophische Frage (Problemstellung) eine immer konkreter werdende Form im Dienste der Einheit der Erfahrung annimmt23. Nachdem in Gestalt des Sokrates der kritische Geist ganz allgemein der Einsicht zum Durchbruch verhelfen hatte, daß man exakte Fragen stellen muß, wenn man das Wissen gegen Weisheit und Skepsis („ " und „ ") absichern will, konnte Platon auf Grund des inzwischen schon erlangten mathematischen Wissens die konkretere, zugleich aber auch umfassendere Frage „ ;" stellen. Platon thematisierte damit Wissenschaft im Allgemeinen, die Möglichkeit von Wissenschaft in genere, und diese seine Frage war es u. a., die der Wissenschaft seiner Zeit ein größeres Maß an Selbstsicherheit verlieh. Eine in gleichem Maße prägnante Situation finden wir erst Jahrhunderte später wieder, bei Kant. Seine Problemstellung ist um einen Grad konkreter als die Platons, da er bereits Wissenschaften vorfand, deren Anspruch auf Gültigkeit über jeden Zweifel erhaben war. Darum fragt Kant nach den „Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung"; die Möglichkeit selbst erschien schließlich nicht mehr als Problem. Würde nun Görlands Prologik (als viertes Stadium) dieselbe Frage stellen, dann hätte sie auf das gegenwärtig allenthalben wahrnehmbare Faktum zu verweisen, daß die Möglichkeitsbedingungen der Erfahrung in der unbegrenzt vertiefbaren Fundierung der Axiome, in der „Prinzipiierung" also, liegen. In diesem Lichte wäre die Philosophie allerdings überflüssig, da die Wissenschaften für diese „Apriorisierung" selbst Sorge tragen. Darum wird die philosophische Fragestellung bei Görland noch einmal erweitert und erlangt somit definitive Konkretheit: „Was sind die Bedingungen der Einheit der spezifischen Erfahrungsmodi?". Genau dies ist das Problem, welches aus der Art der Wissenschaftsautonomie resultiert, 22 23

18, 32. Vgl. B. Gundlach, Das Problem der Geschichte der Philosophie etc., Hamburg 1933, S. 188 ff.

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wobei gilt, da dieser Autonomie gerade dann Schaden zugef gt w rde, wenn die Wissenschaften darangingen, dieses Problem mit eigenen Mitteln zu l sen. In diesem Abschnitt sind noch zwei Punkte zu behandeln. Zun chst ist eine kurze Erl uterung zu dem von G rland eingef hrten Ausdruck „Prologik" am Platze. Dieser Term wird zum ersten Male in dem gleichnamigen Werk von 1930 verwendet, und aus dem Wort selbst erhellt, da es hier um eine Untersuchung geht, die noch vor der Logik liegt. Dieses „vor" kann nat rlich nur im Sinne von Dignit t, von „fundamental" verstanden werden; ein chronologisches „vor" ist sowohl sachlich als auch schon von der Wortbedeutung her ausgeschlossen. Nun enth lt freilich der Ausdruck „Logik" eine gef hrliche Mehrdeutigkeit. Seit Kant ist es gebr uchlich geworden, die von Aristoteles stammenden traditionellen Denkvorschriften als „formale Logik" zu bezeichnen; als Pendant dazu entwickelt Kant seine „transzendentale Logik", und bei den Neueren entsteht dasjenige, was man „regionale Logik" nennen k nnte24. Was freilich Aristoteles betrifft, so ist f r seine „logischen" Schriften bereits eine deutliche Zwitterhaftigkeit charakteristisch. Trendelenburg und Prantl25 haben daraufhingewiesen, da Aristoteles einerseits eine Theorie der Prinzipien des reinen Seins (in real-metaphysischem Sinne) im Auge hat, andererseits jedoch Regeln zur Verh tung eristischen Sprachmi brauchs an die Hand geben will. Dies letztere stand gewi mit seiner ontologisch fundierten Wissenschaftslehre („Analytica") in Zusammenhang, aber war letztendlich doch nur ein Problem minderen Ranges. Wie konnte er sonst „λογικώς" und „αναλυτικώς", „λογικώς" und „εκ των κειμένων" einander gegen berstellen26, ja „λογικώς" und „κενώς" als Syn24

25 26

I. Kant, Kr. d. r. Vern., B. 84: „Die allgemeine Logik l st nun das ganze formale Gesch ft des Verstandes und der Vernunft in seine Elemente auf, und stellt sie als Prinzipien aller logischen Beurteilung unserer Erkenntnis dar. Dieser Teil der Logik kann daher Analytik hei en, und ist eben darum der wenigstens negative Probierstein der Wahrheit" u. B 87: „Der Teil der transzendentalen Logik, der die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis vortr gt, und die Prinzipien, ohne welche berall kein Gegenstand gedacht werden kann, ist die transzendentale Analytik, und zugleich eine Logik der Wahrheit". Siehe auch H. Heyse, Der Begriff der Ganzheit und die kantische Philosophie, M nchen 1927, S. 185: „Aber wenn die Philosophie die Aufgabe zu l sen vermag, die idealen Strukturen der nat rlich-geistig-metaphysischen Wirklichkeit, in die der Mensch gestellt ist, zu zeichnen (...): so ist in der Tat die Philosophie die schlechthin notwendige Voraussetzung alles sinnvollen Lebens. Diesen Anspruch erhebt die in der Antike urspr nglich gestaltete, durch die Transzendentalphilosophie rezipierte Idee der regionalen Logik und Kategorienlehre". Vgl. H. Scholz, Geschichte der Logik, Berlin 1931, S. 16. Vgl. die zitierten Stellen in: 6, 18 ff. Aristoteles, An. Post. 88a 18/30; 84a 7—b2; vgl. De gen. et corr. 316 a 10: „όσον διαφέρουσιν l φυσικώς και λογικώς σκοττοΰντες"; An. Post. 93 a 14/15: „λογικός συλλογισμός" vs. „άττόδειξις".

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onyme verwenden27? Sehr treffend bringt Calogero den Charakter der aristotelischen „Logik" wie folgt unter Worte: „Essa ha valore, infatti, dal punto di vista, per cui questa stessa teorizzazione, considerata nella sua forma fundamentale e nelle dottrine da essa presupposte, e stata riconosciuta non valutabile come un mero artificio verbalistico, ma bensi come una ricerca oculata, e quasi sempre giustificabile, di una serie di schematizzazioni tipiche di certe date determinazioni del contenuto del pensiero. Non a valore, d'altronde, non soltanto in base all'esclusione delle sua concepibilita (di tautologia nota ab antique) come sistema di norme e di esempi per la buona direzione del raziocinio, ma bensi, assai piu gravemente, per l'implicita negazione della sua valutabilita come espressione piu o meno adeguata, di leggi intrinseche all' atto stesso del pensiero considerate nel suo aspetto di astratta oggettivita"28. Während sich unter dem Einfluß der späteren Kommentatoren der Ausdruck „Logik" als Name für den gesamten Komplex der heterogenen Lehren des Aristoteles einbürgerte29, wendeten die Stoiker — die an dieser Namengebung nicht unbeteiligt waren — das Interesse von der Dialektik und der Apodeiktik ab und richteten es gänzlich auf das „ *, "30, also auf ein Sprachproblem. Damit ging eine Akzentverschiebung von der Begriffs- und Klassenlogik zur Urteilslogik (der „Aussagenlogik" mit ihrem Studium der „Wahrheitsfunktionen") Hand in Hand. Seit Lukasiewicz31 ist man daher in logistischen Kreisen von dieser stoischen Logik sehr angetan. In Wirklichkeit hat man jedoch damit das Terrain philosophischer Betätigung verlassen, welche Probleme von Gültigkeit und Erfahrung, nicht jedoch Fragen der Korrektheit thematisiert32. 27 28

29 30 31

32

Aristoteles, Eth. Eud. 1217 b 21. G. Calogero, I fondamenti della logica aristotelica, Firenze 1927, S. 270. Wenn man sich die Verschiebung der aristotelischen Problemstellung von der akademischen Dialektik und Eristik zur peripatetischen Wissenschaftslehre vergegenwärtigt, wie sie von F. Solmsen (Die Entwicklung der aristotelischen Logik und Rhetorik, Berlin 1929) im Anschluß an W. Jaeger dargestellt wurde, dann kann man noch deutlicher begreifen, wie unangemessen es war, dem Stagiriten eine rein formale Theorie zuzuschreiben und ihn zum Teil deswegen zu preisen. „For though he does, to a greater extent than Plato, distinguish between purely logical and metaphysical knowledge, he does not attain to any absolutely clear and definite distinction between them, as may be seen from the fact, that the results of his logical researches are, to his own mind, of direct metaphysical-ontological significance" (J. Joergensen, A Treatise of Formal Logic, Kopenhagen/London 1931, Bd. I, S. 41). F. Ueberweg, System der Logik, Bonn (4. Aufl.) 1874, S. 26. C. Prantl, Geschichte der Logik im Abendlande, Leipzig 1885, Bd. I, S. 413. J. Lukasiewicz, Philosophische Bemerkungen zu mehrwertigen Systemen des Aussagenkalküls, in: Comptes Rendus d. 1. Soc. d. Sciences de Varsovie, HI/1930, S. 52 — 77; vgl. H. Scholz, Geschichte der Logik, Berlin 1931, S. 31. Daß man sich im Kreise der extremen Logistiker dessen bewußt ist, beweist L. Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus, London 1922, an allen Stellen (6.1 ff.).

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Wir können also die sog. formale Logik (Logistik) gänzlich außer Betracht lassen. Wenn wir berücksichtigen, wie während der Renaissance der kantischen Fragestellung im vorigen Jahrhundert die (transzendentale) Logik als Wissenschafts- („Erkenntnis"-) Theorie der Physik (Seinslehre) definiert wurde, dann wird uns einsichtig, warum in der Tradition der Marburger Schule ein Forschungsprogramm, das Wissenschaft als solche und nicht irgendeine Fachwissenschaft, das die Einheit der spezifischen Erfahrungsbereiche zum Gegenstand der Betrachtung macht, „vor der Logik" seinen Platz finden mußte; die Seinslehre repräsentiert ja nichts anderes als die erste, abstrakteste Form der Erfahrung. Wir wollen jedoch noch einen Blick auf ein anderes interessantes Phänomen werfen. Seit den bahnbrechenden Forschungen von Frege und Dedekind kann man eine Annäherung zwischen den Problemen der Logik und denen der Mathematik (insbesondere der mathematischen Grundwissenschaft, der Arithmetik) beobachten. Dabei haben wir nicht die auf Eindeutigkeit der Symbolisierung gerichteten Versuche im Auge, die klassische Begriffslogik zu algebraisieren (Boole), da Untersuchungen dieser Art eher in das Gebiet der Probleme symbolischer Darstellung und Sprache, also in das der Logistik, fallen, von der wir uns soeben distanziert haben. Unser Interesse richtet sich vielmehr auf die Forschungen, die die Frage nach dem Wesen der Zahl ernst nehmen. Die Reflexion hierüber führte von selbst zu einer Revolutionierung des Verständnisses dessen, was die Natur des Begriffs im Allgemeinen ist, und zu einer unzerbrechlichen Synthese der sog. Logik und der Mathesis, wobei es in gewissem Sinne wenig ausmacht, ob die mathematischen Begriffe auf logische (Hubert) oder umgekehrt die logischen auf mathematische zurückgeführt werden (Brouwer). Schließlich zeigte die Untersuchung der empiristischen Zahlentheorie (Mill), welche sich gänzlich im Rahmen der aristotelischen abstraktiven Begriffslehre bewegte, die Unzulänglichkeit dieser letzteren deutlich auf33. Es ist nicht nur so, daß die Möglichkeit abstrahierender Begriffsbildung von einem vorausgesetzten relationsstiftenden, Reihen bildenden Prinzip abhängig ist; auch das „Etwas", welches in beiden Begriffstheorien, der abstrahierenden und der relationsstiftenden, als theoretische Grundform auftritt, ist von gänzlich verschiedener Art. Das „Etwas", welches beim abstrahierenden Aufstieg übrigbleibt, ist in der Tat vollkommen „leer"; alle Wirklichkeit hat sich im Laufe dieses Prozesses verflüchtigt. Es ist die leere „Denkform" als solche, welche nicht nur wissenschaftlich völlig unfruchtbar ist, da sie zur Erfassung des Konkreten keinerlei Kriterium an die 33

Vgl. E. Cassirer, Substanzbegriff und Funktionsbegriff, Berlin 1910, Kap. I u. II.

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Hand geben kann, sondern auch sinnleer, da sie keine bestimmte Gültigkeit mehr besitzt34. Für die andere, sich an den Grundlagen der Mathematik orientierende Betrachtungsart ist das „Etwas", das als Element einer Menge die Arithmetik ermöglicht, nicht eine aus jeder Beziehung gelöste leere Denkhülse, sondern die erste Besonderung, die erste Korrelationsstiftung innerhalb des die Erfahrung konstituierenden Prozesses. „Es kennzeichnet die Grundabsicht der Mathematiker von Frege an bis zu Russell, daß sie das mißachtete Gegenglied im Urverhältnis aller Erkenntnis, das ,Materiale' gegenüber dem ,Formalen' zum vollwertigen Gegenglied rechtfertigen wollen, damit die sinnzerstörende Übersteigerung der .formalen Logik' vermieden und der zulängliche Grund gelegt werde zur ,Logik' als der Wissenschaft von der ersten Besonderung des Grundverhältnisses von Gesetzlichkeit und Gegenständlichkeit"35. Dieses Streben wird dokumentiert durch die Tatsache, daß bei diesen Logikern der Begriff der Relation im Mittelpunkt steht, und daß nicht dem Begriff, sondern dem Urteil Priorität verliehen wird. Deutlich ist, daß die Prologik als reflexive Besinnung auf die Nöte der wissenschaftlichen Spezialisierung im Hinblick auf diese Logik, die als fundamentale Theorie der Beziehungen die erste spezifische Wissenschaft ist, und die obendrein in einem unauflöslichen Zusammenhang mit der Mathesis steht, so daß man nur eine willkürliche Trennungslinie zwischen beiden ziehen kann 36 , zurecht ihren Namen trägt37. 34

35

36

37

Vgl. 6, § 6. Daß bei Aristoteles die Substanz-Metaphysik nicht nur diesen Mangel an Geltung beseitigte, sondern auch das Deduktionskriterium (jedenfalls theoretisch) an die Hand gab, sei zugegeben. Daß dies allerdings der Begriffstheorie als solcher nichts nützt, ist deutlich. 6, 30. Vgl. B. Russell, Introduction to Mathematical Philosophy, London 1919, S. 194/195: „If there are still those who do not admit the identity of logic and mathematics, we may challenge them to indicate at what point, in the successive definitions and deductions of Principia Mathematica, they consider that logic ends and mathematics begins. It will then be obvious, that any answer must be quite arbitrary". Auf zwei wichtige Tatsachen wollen wir hier noch zu sprechen kommen. Zunächst, daß die klassische Klassifizierungslogik als Spezialfall aus der Logik der Relationen folgt; somit liefert auch die Logik ein typisches Beispiel für wirkliche Wissenschaftsentwicklung durch tiefere Fundierung der Prinzipien. Siehe L. S. Stebbing, A Modern Introduction to Logic, London (2. Aufl.) 1933, S. 165: „The recent development of logic has shown that the subsumptive syllogism is a special case of the formal property of transitivity, which belongs to the relation of inclusion, or subsumption". Als zweiten Punkt führen wir an, daß die gesamte Mathematik zusammen mit der Logik dann notwendigerweise zu einer „reinen Denkform" werden muß, wenn man die entscheidende Einsicht in die unaufhebbare Korrelativität der Erfahrung aus dem Auge verliert. Dies ist bei Cassirer und Husserl deutlich erkennbar. In diesem Kontext ist vor allem relevant, daß, wie man die Sache auch dreht und wendet, Logik und Mathematik unverbrüchlich zusammengehören (vgl. E. Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen, Berlin 1929, Bd. III, S. 445/446, u. E. Husserl, Formale und transzendentale Logik, Halle 1929, S. 124/125).

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Schlie lich m ssen wir uns noch Gedanken dar ber machen, was es bedeuten soll, da die Prologik im Untertitel von G rlands Werk auch als „Dialektik des kritischen Idealismus" bezeichnet wird. Ungl cklicherweise ist der Ausdruck „Dialektik" philosophiegeschichtlich sehr schwer beladen und kann daher zu Mi verst ndnissen Anla geben. Schon bei Platon, der, auch wenn die Tradition Zenon zum ersten Dialektiker stempelt38, doch der erste Philosoph war, welcher ganz bewu t eine philosophische Methode in dialektischem Sinne begr ndet hat, findet man zumindest zwei Betrachtungsweisen, die als dialektisch bezeichnet werden: Einerseits die auf- und absteigende, hypothetisch-kritische Untersuchung von Wirklichkeitssph ren, die mit Ausdr cken der noch unreflektierten Sprache umschrieben werden39; andererseits die Behandlung des Problems des Zusammenhanges zwischen den verschiedenen Grundbegriffen oder Ideen40. Da die hypothetische (spezifisch-wissenschaftliche) Methode niemals absolute Sicherheit garantieren kann, ein unwiderstehlicher Drang jedoch den Geist dazu treibt, Sicherheit anzustreben, versucht Platon, in den einander wechselseitig determinierenden Relationen zwischen den Grundbegriffen einen neuen Weg zu finden, der zu Sicherheit f hrt. „So kann man es verstehen, da Platon sich in seinen reifsten Schriften nicht mit der von ihm entdeckten hypothetischen Methode begn gte, obgleich er diese bereits bis auf den abstrakten Begriff des Unbedingten hinausgef hrt hatte, sondern zu einer anderen Methode griff, zur Dialektik. Was der einzelnen Hypothesis versagt ist, leistet ihr Zusammenhang mit anderen, ihre Gemeinschaft (κοινωνία). Es wird zur Aufgabe einer besonderen Untersuchung gemacht, diese Gemeinschaft im einzelnen herauszuarbeiten, die Beziehungen herzustellen. Das ergibt ein Verfahren rein in Begriffen"41. Dieses reine Begriffsdenken nun siedelt sich auf einem Terrain an, welches in 38 39

40

41

Diog. Laert. VIII, 57; IX, 25. Platon, Philebos, 16 D: „Δεΐν άεϊ μίαν Ιδέαν περ'ι παντός εκάστοτε θεμένους ζητεΐν;"; Resp. 534 Β: „'Ή και διαλεκτικόν καλείς τον λόγον εκάστου λαμβάνοντα της ουσίας"; Resp. 511 Β: „το τοίνυν έτερον μάνθανε τμήμα του νοητοο λέγοντα με τοϋτο, ου αυτός ό λόγος άπτεται τη του διαλέγεσθαι δυνάμει, τάς υποθέσεις ποιούμενος ουκ αρχάς, αλλά τω δντι υποθέσεις, οίον Ιπιβάσεις τε καΐ ορμάς, ίνα μέχρι του άνυποθέτου έττΐ την του τταντός αρχήν ίων, άψάμενος αυτής, πάλιν αΰ έχόμενος των εκείνης έχομένων, ούτως επί τελευτήν καταβαίνη, αίσθητώ παντάπασιν ούδενΐ προσχρώμενος, αλλ' εΐδεσιν αύτοϊς 5Γ αυτών εις αυτά, και τελευτα εις είδη". Platon, Sophistes, 253 Β: „Επειδή και τα γένη προς άλληλα κατά ταύτα μείξεως εχειν ώμολογήκαμεν, άρ' ου μετ' επιστήμης τινός άναγκαΐον δια των λόγων πορεύεσθαι τον ορθώς μέλλοντα δείξειν ποία πο(οις συμφωνεί των γενών και ποία άλληλα ου δέχεται;"; D: „το κατά γένη διαιρεΐσθαι και μήτε τούτον είδος έτερον ήγήσασθαι μήτε έτερον δν τούτον μών ου της διαλεκτικής φήσομεν επιστήμης είναι;". Nie. Hartmann, Systematische Methode, in: Logos HI/1912, S. 143.

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charakteristischer Weise dem fachspezifischen Denken vorgeordnet ist, und zwar mit der Absicht, diesem seine Sicherheit zu verschaffen; jenes Denken begibt sich g nzlich in den Dienst der letztendlichen Einheit, in der alle Unterschiede und Widerspr che aufgehoben sind. Bei Platon ist dies nur Programm geblieben; eine vage angedeutete M glichkeit und — Notwendigkeit. F r Aristoteles existierte dieses Problem nicht, da dieser, dessen Interesse auf eine „αποδεικτική" (die von absolut sicheren Pr missen auszugehen hat) gerichtet war, selbst die erste hypothetische Methode von Platons Dialektik nicht zu w rdigen wu te, da diese nur Wahrscheinlichkeiten zu liefern vermochte42. „Aristoteles fragt nach den Begriffen, in denen die Wissenschaft arbeitet, mit denen sie von statten geht; das ist die Frage nach der Technik der Wissenschaft. Es geht sein Interesse also auf die begrifflichen Instrumente, mit denen Richtigkeit erlangt wird (...). So tritt an die Stelle der (platonischen) Dialektik als Kritik, die Logik des Aristoteles als Organen"43. So verlor man das Problem der Dialektik aus dem Auge, bis die Erneuerung der kritischen Fragestellung durch Kant auch die zweite Variante der Dialektik ins Bewu tsein zur ckrief. Unverz glich nahm sich der nachkantische Idealismus dieses Problems an. Die Einseitigkeit von Kants kritischer Unterscheidung der Prinzipien, vor allem seine scharfe Trennungslinie zwischen Natur und Freiheit, veranla ten Fichte, die Konzeption seiner „Wissenschaftslehre" zu entwickeln, in welcher erneut im reinen Denken das absolut sichere Fundament gefunden werden mu te, aus dem sich alles andere ableiten lie : „Die Wissenschaftslehre setzt, um nur erst einen Eingang in sich selbst und eine bestimmte Aufgabe zu gewinnen, voraus, da in dem Mannigfaltigen jener Grundbestimmungen, dem angegebenen Umfange nach, ein systematischer Zusammenhang sein m ge, zufolge dessen, wenn Eins ist, alles brige sein, und gerade so sein mu , wie es ist"44. Man mu , freilich ganz von der Richtung, die Fichte bei der Verwirklichung seines Programmes einschlug, 42

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Aristoteles, Topica 100 a 29: „διαλεκτικός δε συλλογισμός ό εξ ενδόξων συλλογιζόμενος; 105 b 31: „προς μεν ουν φιλοσοφίαν κατ' άλήθειαν περί αυτών πραγματευτέον, διαλεκτικώς δε προς δόξαν"; Anal. Priora 24 a 22: „διαφέρει δε ή αποδεικτική πρότασις της διαλεκτικής, ότι ή μεν αποδεικτική λήψις θατέρου μορίου της αντιφάσεως εστίν (ου γαρ έρωτα αλλά λαμβάνει ό άποδεικνύων), ή δε διαλεκτική έρώτησις αντιφάσεως εστίν". 31, 61; vgl. 32, 10. J. G. Fichte, Sonnenklarer Bericht etc. (in: Werke, hrsg. v. Medicus, Bd. III, S. 577); vgl. ber den Begriff der Wissenschaftslehre (in: Werke, Bd. I, S. 176): „Die Wissenschaftslehre h tte in dieser R cksicht zweierlei zu tun. Zuv rderst die M glichkeit der Grunds tze berhaupt zu begr nden; zu zeigen, wie, inwiefern, unter welchen Bedingungen, und vielleicht in welchen Graden etwas gewi sein k nne, und berhaupt was das hei e — gewi sein; dann h tte sie insbesondere die Grunds tze aller m glichen Wissenschaften zu erweisen, die in ihnen selbst nicht erwiesen werden k nnen".

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absehend, anerkennen, daß die prologische Fragestellung hier sehr präzis umrissen ist. In diesem Punkt stimmte Hegel mit Fichte überein: Auch er versuchte, Kants gezwungene Synthese durch ursprüngliche Einheit zu ersetzen, auf Grund welcher alle Spezifikation legitimiert werden kann. In dieser Fragestellung liegt die historische Tat des spekulativen Idealismus begründet; sein Fehler ist allerdings darin zu suchen, daß er die den besonderen Gebieten zustehenden Rechte vernachlässigt hat. Diese Vernachlässigung zeigt sich darin, daß Hegel die Grundbegriffe (Kategorien) gemäß einem „einfachen Rhythmus" (dem „dialektischen" von These, Antithese und Synthese) ableiten wollte, wozu ihn Kants Entdeckung der „Natürlichkeit und Unvermeidbarkeit der Illusionen", die die Dialektik der reinen Vernunft hervorruft, ermutigte. „Indem Kant die Dialektik dadurch zu beseitigen versucht, daß er unsere Vernunft im Mißbrauche ihrer Begriffe für sie verantwortlich macht, wird er selbst genötigt, das Unendliche — im Gegensatz zu unserer Endlichkeit — zu denken; mit ihrem Richterspruch wagt sich die Vernunft also gerade in jenes Gebiet vor, das sie sich durch denselben verschließt: sie gerät durch die Abweisung der alten in eine neue, von Kant nicht zum Bewußtsein gebrachte Dialektik hinein"45. Voraussetzung für eine solche Entwicklung der reinen Begriffe46 ist die idealistische These von der Identität von Denken und Sein, welche die Aufhebung nicht allein der rein äußerlichen Beziehung zwischen Denken und Anschauung bei Kant involviert, sondern auch jeglicher Korrelativität von „Gesetzlichkeit" und „Gegenständlichkeit". Wenn man diese Voraussetzung zugrundelegt, dann kann man die Dialektik Hegels als eine der Prologik analoge Fragestellung betrachten, aber „daß in der Identitätsphilosophie das unaufhebbare Recht der spezifischen Sinngebiete mißachtet wird, ist der Mangel, der das Geschick dieser Philosophie bestimmt hat. So leicht ist das Problem, um das es sich uns handelt, nicht: die Kraft der spezifischen Sinngebiete für nichts %u halten und statt ihrer aus einem einfachen 45

R. Kroner, Von Kant bis Hegel, Tübingen 1921, Bd. I, S. 132. """G.W. F. Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie (in: Werke, hrsg. v. Glockner, Bd. XVIII, S. 222/223): „Der Begriff der wahrhaften Dialektik ist, daß sie die notwendige Bewegung der reinen Begriffe aufzeigt, nicht alsob sie dieselben dadurch in Nichts auflöste, sondern eben das Resultat ist, daß sie diese Bewegung sind und (das Resultat einfach ausgedrückt) das Allgemeine eben die Einheit solcher entgegengesetzten Begriffe". Vgl. Logik (Werke, Bd. IV, S. 51): „Indem das Resultierende, die Negation, bestimmte Negation ist, hat sie einen Inhalt. Sie ist ein neuer Begriff, aber der höhere, reichere Begriff als der vorhergehende; denn sie ist um dessen Negation oder Entgegengesetztes reicher geworden, enthält ihn also, aber auch mehr als ihn, und ist die Einheit seiner und seines Entgegengesetzten. — In diesem Wege hat sich das System der Begriffe überhaupt zu bilden, — und in unaufhaltsamem, reinem, von Außen nichts hereinnehmendem Gange zu vollenden".

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Rhythmus' eine Scheinwelt hinzustellen, deren Gehalt nur das Leihgui aus den besonderen Wissenschaften sein kann"*1. Man könnte nun die Frage aufwerfen, ob die Verwendung eines Namens, der „durch Hegels Tat ein ganz scharfliniges Gesicht bekommen hat", für eine ganz andere Problemstellung nicht zu Mißverständnissen führen kann. Aber auch hier sucht die Prologik im Angesicht scheinbarer methodischer Gegensätze Kontinuität. Gerade weil „Dialektik das Plakatwort (ist) für alle Unternehmungen, die jeder Mannigfaltigkeit gegenüber, diesem Problem der ursprünglichen totalen Ganzheit dienen", will sie diesen Ausdruck nicht fallen lassen, obschon sie ihren Dienst an der Einheit der mannigfaltigen Richtungen der Spezifikation auf ihre Weise versieht. Damit kommt es zu folgender Definition: „Dialektik ist das Verfahren, das die Grundpolarität der Erfahrung einfach und total definiert, in ihren Motiven entwickelt und damit für die besonderen Formen dieses Grundverhältnisses (die Besonderen Erfahrungsbereiche') Grund und Rechtfertigung ist'