Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft
 9783506781413, 9783657781416

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Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft

Marian Füssel, Tim Neu (Hg.)

Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft

Gefördert durch die Volkswagenstiftung im Rahmen des Förderprogramms „Heyne-Professur“. Umschlagabbildung: iStock.com/jamesbenet

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk sowie einzelne Teile desselben sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlags nicht zulässig. © 2021 Verlag Ferdinand Schöningh, ein Imprint der Brill-Gruppe (Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland) www.schoeningh.de Einbandgestaltung: Evelyn Ziegler, München Herstellung: Brill Deutschland GmbH, Paderborn ISBN 978-3-506-78141-3 (paperback) ISBN 978-3-657-78141-6 (e-book)

Inhalt Vorwort  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . vii 1.

Reassembling the Past?! Zur Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marian Füssel, Tim Neu

2.

ANT als geschichtswissenschaftlicher Ansatz, oder: Kurzreiseführer für eine flache Wirklichkeit voller Assoziationen, Handlungsträger und Textlabore  . . . . . . . . . . . . . . . . Tim Neu

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3.

Damenwahl. Neue Allianzen auf und mit dem Schachbrett des Mittelalters  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jan Keupp

4.

Leviathan und die Kuhrevolte. Einige Überlegungen zu einer ANT-inspirierten politischen Geschichte des Ancien Régime  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Nadir Weber

5.

Militärische Mimesis. Belagerungen als globalisiertes Setting im 18. Jahrhundert  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Sven Petersen

6.

Die Materialität des Verlusts. Verlorene Dinge in den Kleinanzeigen der Berlinischen Nachrichten (1764–1769)  . . . . . . . . 145 Stefan Droste

7.

Als Ameise durch die transnationale Geschichte gehen. Überlegungen zu jeux d’échelles und Akteur-Netzwerk-Theorie in einer Geschichte transnationalen Wissenstransfers  . . . . . . . . . . 169 Katharina Kreuder-Sonnen

8.

Die erste deutsche ANTarktisexpedition von 1901–1903. Eine transnationale Vernetzungsgeschichte  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Pascal Schillings

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Inhalt

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Struktur – Ereignis – Situation. Ethnomethodologie, die Akteur-Netzwerk-Theorie und das Problem des Kontexts in der Kulturgeschichte  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 Christian Vogel

10.

Astronauts in action? Wie man Testpiloten in den Weltraum und durch die Gesellschaft folgt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Patrick Kilian Autor*innen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297

Vorwort Der vorliegende Sammelband ist aus der Tagung „Reassembling the Past?! Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft“ hervorgegangen, die vom 3. bis 5. Juli 2014 in Göttingen stattfand. Die Tagung wurde von uns im Rahmen unserer gemeinsamen Tätigkeit am Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen organisiert und vom Zentrum für Mittelalter- und Frühneuzeitforschung der Georg-AugustUniversität Göttingen und dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms „PRO*Niedersachsen“ gefördert. Dass sich die Drucklegung über einen vergleichsweise langen Zeitraum hingezogen hat, ist ebenso offenkundig wie bedauerlich. Umso dankbarer sind wir, dass alle Autor*innen dem Projekt treu geblieben sind. Unser Dank gilt ebenfalls Dr. Diethard Sawicki, dem Lektor des Schöningh-Verlags für den Fachbereich Geschichte, der sich für unser Projekt begeistern ließ und ebenfalls eine nicht selbstverständliche Geduld aufbrachte. Aufgrund der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte scheint uns eine selbsthistorisierende Anmerkung nötig zu sein: Die Beiträge von Stefan Droste, Jan Keupp, Katharina Kreuder-Sonnen, Sven Petersen, Pascal Schillings, Christian Vogel und Nadir Weber wurden in der ersten Jahreshälfte 2015 eingereicht, der Beitrag von Patrick Kilian Ende 2016 nachträglich eingeworben. Alle Beiträge sind dann 2018/19 überarbeitet worden, die Einleitung und der Beitrag von Tim Neu wurden 2020 fertiggestellt. Erhard Schüttpelz hat unseres Erachtens zu Recht darauf hingewiesen, dass sich die Akteur-Netzwerktheorie – als eine „antireduktionistische Heuristik“ – stets „den Mühen der Ebene unterziehen und (historische, technische, organisatorische) Prozesse Schritt für Schritt gliedern und terminologisch diskutieren“ müsse.1 Geschichtswissenschaftliche Versuche, das zu leisten, sind bisher – und auch seit 2014 – nur gelegentlich unternommen worden, weshalb wir diesen Band auch weiterhin für wichtig halten. Marian Füssel (Göttingen) und Tim Neu (Wien)

März 2021

1 Erhard Schüttpelz, „Der Punkt des Archimedes. Einige Schwierigkeiten des Denkens in Operationsketten“, in: Georg Kneer, Markus Schroer, ders. (Hg.), Bruno Latours Kollektive, Frankfurt a. M. 2008, S. 234–258, hier S. 235.

1. Reassembling the Past?! Zur Einführung Marian Füssel, Tim Neu Die Rezeption neuer theoretisch-methodischer Ansätze in den Kulturwissenschaften durchläuft in der Regel bestimmte Phasen, wie man etwa am Beispiel von Michel Foucault oder Pierre Bourdieu gut beobachten konnte, wobei die Phasen jedoch nicht strikt konsekutiv zu denken sind, sondern sich vielfach überlagern können. Am Anfang steht häufig der auf den ‚Geheimtipp‘ einer neuen Theorie folgende Nachbau, eine Übertragung des Analysesettings auf einen anderen Kultur- oder Zeitraum, gefolgt von einer Phase der Kritik und der Skandalisierung. Erst mit weiterem Abstand kommt es dann zu einer emanzipierteren Form der produktiven Aneignung und des Weiterdenkens. Die Phase der Kritik wird oft von einer ersten Welle von Einführungswerken begleitet. Schon rein editionstechnisch folgen die Phasen einander nicht strikt, sondern laufen vielfach parallel, da manche Werke erst spät übersetzt oder überhaupt ediert werden. Die Rezeption der ANT durchläuft im Moment vornehmlich noch die zweite Phase, da der Ansatz weiterhin heftig polarisiert und eine Einführung zu Bruno Latour auf die nächste folgt,1 während Texte anderer Gründergestalten und aktuelle Weiterentwicklungen bislang noch deutlich weniger Aufnahme in den Kulturwissenschaften gefunden haben.2 Das Skandalon ist im Fall der ANT meist das „verallgemeinerte Symmetrieprinzip“3, konkret vor allem der generalisierte Akteursbegriff: Für die ANT ist „jedes Ding, das eine gegebene Situation verändert, indem es einen Unterschied macht, ein Akteur“,4 womit die Menschen ihren exklusiven Status 1 Vgl. in Auswahl Reiner Ruffing, Bruno Latour, Paderborn 2009; Henning Schmidgen, Bruno Latour zur Einführung, Hamburg 2010; Gerard de Vries, Bruno Latour, Cambridge 2016; Lars Gertenbach, Henning Laux, Zur Aktualität von Bruno Latour. Einführung in sein Werk, Wiesbaden 2019. 2 Vgl. aber Andréa Belliger, David J. Krieger (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, und jetzt Anders Blok, Ignacio Farías, Celia Roberts (Hg.), The Routledge companion to actor-network theory, London 2020. 3 Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt a. M. 2008 [zuerst als Nous n’avons jamais été modernes. Essai d’anthropologie symétrique, Paris 1991], S. 125. 4 Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die AkteurNetzwerk-Theorie, Berlin 2010 [zuerst als Reassembling the social. An introduction to actor-network-theory, Oxford 2005], S. 123; vgl. auch John Law, „Notizen zur Akteur-NetzwerkTheorie. Ordnung, Strategie und Heterogenität“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 2), S. 429–446, hier S. 433–435.

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als Träger von agency verlieren. Es ist daher wohl kein Zufall, dass die ersten Ansätze, das heuristische Potential der ANT für die Geschichtswissenschaft – und um diese geht es im Folgenden maßgeblich – auszuloten, an eben diesem Problem der Wirkungsmacht/Handlungsträgerschaft ansetzten:5 Auf dem Historikertag 2010 wurde darüber unter dem Titel „Geschichten von Menschen und Dingen“6 diskutiert, während eine Sektion des ‚Frühneuzeittages‘ 2013 fragte, ob „Dinge als Ko‐Akteure des Sozialen“7 anzusehen seien. Eine Rezeptionsphase dieser Art ist unbestreitbar wichtig und auch vor allem deshalb notwendig, weil so eine im doppelten Sinne ‚kritische Masse‘ an Aufmerksamkeit erzeugt wird, die zu einer selbsttragenden Diskussion des neuen Ansatzes im Fach führt.8 Gleichzeitig bleibt aber ein Großteil der Theorie während dieser Phase unthematisiert: Von der angeblichen Wirkungsmacht der Dinge hört man immer wieder, aber von Punktualisierungen, heterogenem Engineering, technischen Skripten, enrolment, immutable mobiles, blackboxing und vielen anderen Konzepten ist dagegen bisher kaum

5 Agency wird hier, Gustav Roßler folgend, als ‚Wirkungsmacht‘ oder ‚Handlungsträgerschaft‘ verstanden, vgl. etwa die Übersetzungspraxis in Andrew Pickering, „Die Mangel der Praxis“, in: ders., Kybernetik und Neue Ontologien, Berlin 2007, S.  17–61, und die expliziten Anmerkungen Roßlers zur Übersetzung des Begriffs in Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 79. 6 Catarina Caetano da Rosa, Tagungsbericht HT 2010: Geschichten von Menschen und Dingen – Potenziale und Grenzen der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) für die Geschichtswissenschaft.  28.09.2010-01.10.2010, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 22.01.2011, . 7 Konferenz „Praktiken der Frühen Neuzeit. 10. Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands“, 12.09.2013-14.09.2013, München, in: H-Soz-u-Kult, 21.06.2013, . Die Beiträge der Sektion sind unter dem Titel „Materielle Praktiken in der Frühen Neuzeit“ erschienen in Arndt Brendecke (Hg.), Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure, Handlungen, Artefakte, Köln 2015, S. 267–331. 8 Vgl. exemplarisch etwa die kritische Bezugnahme von Kim Siebenhüner, „Things That Matter. Zur Geschichte der materiellen Kultur in der Frühneuzeitforschung“, in: Zeitschrift für Historische Forschung 42 (2015), S. 373–409, für die „[n]icht nur theoretische Argumente, sondern auch der Common Sense“ (S. 383) gegen das Symmetrieprinzip sprechen, die der ANT aber aufgrund ihrer „grundsätzlichen Forderung, die materielle Welt in das Verständnis des Sozialen und Kulturellen einzubeziehen“ (S.  384), große Relevanz für die Geschichtswissenschaft zuspricht; strukturell ähnlich argumentiert Frank Trentmann, „Materiality in the future of history. Things, practices, and politics“, in: Journal of British Studies 48,2 (2009), S. 283–307, hier S. 290f.

Reassembling the Past ?! Zur Einführung

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die Rede gewesen.9 Die Frage aber, ob ‚Geschichte schreiben mit ANT‘10 auch jenseits der Wissenschafts- und Technikgeschichte möglich und analytisch fruchtbar ist oder es sogar einer eigenen „ANTi-History“11 bedarf, wird sich nur beantworten lassen, wenn die ANT erstens als theoretischer Ansatz eigener Art umfassend rezipiert und zweitens mit ihren Methoden und Konzepten in der empirischen Forschung tatsächlich ausprobiert wird. Geht man den ersten Schritt, hebt also die Fokussierung auf die Wirkungsmacht der Dinge einmal auf und fragt allgemeiner, was die ANT als sozialtheoretischen Zugang insgesamt auszeichnet, so wird ihr analytisches Potential schnell deutlich. Sozialtheorien definieren in der Regel ein abgeschlossenes Set von Elementen und Wechselwirkungsmechanismen, etwa selbstinteressierte, unter Einschränkungsbedingungen rational handelnde Menschen und Tauschverhältnisse im Fall des „ökonomischen Programms“12. Damit etablieren sie eine ‚Meta-Sprache‘, mit der jede noch so komplexe historische Situation beschrieben und erklärt werden kann, auch und gerade wenn die Zeitgenossen andere Vokabulare verwendeten.13 Nun ist Komplexitätsreduktion zwar für Wissenschaft insgesamt konstitutiv, aber Historiker*innen haben stets darauf hingewiesen, dass Sozialtheorien in ihrem Bemühen um Universalität häufig über das Ziel hinausschießen und historische Komplexität dann nicht mehr

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Vgl. jetzt aber die Beiträge in Lore Knapp (Hg.), Literarische Netzwerke im 18. Jahrhundert. Mit den Übersetzungen zweier Aufsätze von Latour und Sapiro, Bielefeld 2019, in denen neben den „Wirkungen nicht menschlicher Akteure“ auch „Prozesshaftigkeit und Performativität […] sowie einzelne Konzepte wie die Blackbox und das Vierphasenmodell der Übersetzung nach Callon“ und andere untersucht werden (dies., „Literarische Netzwerke im 18. Jahrhundert: theoretisch, empirisch, metaphorisch. Zur Einleitung“, in: ebd., S. 9–31, hier S. 14f.). In Anlehnung an Jürgen Martschukat (Hg.), Geschichte schreiben mit Foucault, Frankfurt a. M. 2002. Gabrielle Durepos, Albert  J.  Mills, ANTi-History. Theorizing the past, history, and historiography in management and organization Studies, Charlotte, NC 2012. Vgl. etwa Johannes Marx, „Kultur und Rationalität. Das ökonomische Forschungsprogramm als theoretische Grundlage einer kulturwissenschaftlich orientierten Sozialwissenschaft“, in: Andreas Frings, ders. (Hg.), Erzählen, Erklären, Verstehen. Beiträge zur Wissenschaftstheorie und Methodologie der Historischen Kulturwissenschaften, Berlin 2008, S. 165–189. Vgl. für dieses Verständnis von Sozialtheorie Anthony Giddens, Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung, Studienaus., 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1997, S. 30, und weiterführend Hans Joas, Wolfgang Knöbl, Sozialtheorie. Zwanzig einführende Vorlesungen, mit einem neuen Vorw. vers. Ausg., Berlin 2011, sowie Bryan S. Turner (Hg.), The new Blackwell companion to social theory, Oxford 2009.

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strukturieren und handhabbar machen, sondern schlicht ignorieren oder in ihre Kategorien pressen.14 Hier steht die ANT nun ganz auf Seiten der Geschichtswissenschaft, insofern sie dieselbe Kritik an den sozialtheoretischen Meta-Sprachen formuliert und zu ihrem Ausgangspunkt macht. Ihrem Selbstverständnis nach stellt die ANT gerade keine weitere Sozialtheorie dar, kein festes theoretisches System: „There is no credo“, sondern, so erklärte John Law schon 1999 in der Einleitung zu einem grundlegenden ANT-Sammelband, nur eine „range of different practices“15. Und gemeinsam ist diesen im Einzelnen sehr unterschiedlichen Forschungspraktiken laut Auskunft von Bruno Latour im selben Sammelband „a method, not a theory“; eine Methode, die in ironischer Absetzung von traditionellen Sozialtheorien zudem absichtlich als „very crude“16 beschrieben wird, denn die so verstandene ANT definiert gerade kein aufeinander abgestimmtes, a-historisches Set von Elementen und Mechanismen, sondern fragt ganz radikal danach, welche Elemente und Mechanismen in einer gegebenen historischen Situation wirksam waren.17 Auf eine starre Meta-Sprache zu verzichten heißt jedoch nicht, stattdessen unkritisch und positivistisch die Vokabulare der Zeitgenossen zu verwenden, auch wenn das ANT-Motto follow the actors oft so verstanden wurde und wird.18 Als 14

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Vgl. etwa Karl Acham, Geschichte und Sozialtheorie. Zur Komplementarität kulturwissenschaftlicher Erkenntnisorientierungen, Freiburg 1995, S. 344–362, der sich gleichermaßen gegen „Mikroreduktionismus“ (S. 346) wie „Makroreduktionismus“ (S. 350) wandte; vgl. auch Thomas Mergel, Thomas Welskopp, „Geschichtswissenschaft und Gesellschaftstheorie“, in: dies. (Hg.), Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte, München 1997, S.  9–35, S.  30; Matthias Pohlig, „Geschmack und Urteilskraft. Historiker und die Theorie“, in: Jens Hacke, ders. (Hg.), Theorie in der Geschichtswissenschaft. Einblicke in die Praxis des historischen Forschens, Frankfurt a. M. 2008, S. 25–39, spricht von einem „Residualpositivismus“ (S.  34): Die Geschichtswissenschaft könne „niemals den Einzelfall, das Einzelfaktum gegenüber generalisierenden, theoretischen Aussagen völlig aufgeben“ (S. 35). John Law, „After ANT. Complexity, naming and topology“, in: ders., John Hassard (Hg.), Actor network theory and after, Oxford 1999, S. 1–14, hier S. 10 (Hervorhebung im Original). Bruno Latour, „On recalling ANT“, in: Law, Hassard, Actor network theory and after (wie Anm. 15), S. 15–25, hier S. 20; vgl. auch Gustav Roßler, „Zur Akteur-Netzwerk-Theorie“, in: Knapp, Literarische Netzwerke (wie Anm. 9), S. 35–43, hier S. 39. Vgl. Latour, On recalling ANT (wie Anm. 16), S. 20, und Law, After ANT (wie Anm. 15), S. 8. Diese Positionen vertreten beide auch noch in ihren aktuellen ‚Einführungstexten‘, vgl. etwa Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 37, und John Law, „Akteur-NetzwerkTheorie und materiale Semiotik“, in: Tobias Conradi, Heike Derwanz, Florian Muhle (Hg.), Strukturentstehung durch Verflechtung. Akteur-Netzwerk-Theorie(n) und Automatismen, Paderborn 2011, S. 21–48, hier S. 22. Vgl. Gertenbach, Laux, Zur Aktualität von Bruno Latour (wie Anm.  1), S.  73–77 und S. 110–112.

Reassembling the Past ?! Zur Einführung

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methodischer Ansatz versucht die ANT vielmehr, eine „Infra-Sprache“19 zu entwickeln, die zum einen in der Lage ist, möglichst viel (auch: historische) Komplexität darzustellen, und die zum andern „die Fortbewegung von einem Bezugsrahmen zum nächsten erlaubt“20 und auf diese Weise Analyse und Vergleich ermöglicht. Da das theoretisch-methodische Grundanliegen der ANT damit weitgehend mit dem der Geschichtswissenschaft übereinstimmt, liegt die Vermutung nahe, dass das von der ANT angestrebte Nachzeichnen von Assoziationen, Bruno Latours Reassembling the Social, so der Originaltitel von Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft, sich auch historisch wenden lässt – Reassembling the Past. Es erscheint daher lohnend, auch den zweiten Schritt zu gehen und zu fragen, ob und wenn ja wie die ‚Infra-Sprache‘ der ANT für die Praxis historischen Forschens gewinnbringend genutzt werden kann. Hier setzt der vorliegende Sammelband an und versucht eine erste Bestandsaufnahme und Bündelung von Beiträgen aus verschiedenen epochalen und thematischen Teilbereichen der Geschichtswissenschaft, die zeigen, wie man mit einem akteur-netzwerktheoretischen Zugang empirisches Material so aufschließen und analysieren kann, dass ein analytischer Mehrwert entsteht, der mit anderen Herangehensweisen nicht herzustellen wäre. Gerahmt werden die Fallstudien durch diese Einführung und den anschließenden Text von Tim Neu. Da der disziplinäre Kanonisierungsprozess schon jetzt eine Reihe von leicht zugänglichen Darstellungen hervorgebracht hat,21 haben wir auf eine theoriegeschichtliche und systematische Vorstellung (einschließlich einer Abgrenzung zu anderen Arten der Netzwerkforschung) verzichtet.22 Stattdessen haben wir uns in der hier vorliegenden Einführung 19

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Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm.  4), S.  54; vgl. zum Konzept der ‚Infra-Sprache‘ auch Georg Kneer, „Akteur-Netzwerk-Theorie“, in: ders., Markus Schroer (Hg.), Handbuch soziologische Theorien, Wiesbaden 2009, S. 19–39, hier S. 22, Gertenbach, Laux, Zur Aktualität von Bruno Latour (wie Anm.  1), S.  112f., und Roßler, Zur Akteur-NetzwerkTheorie (wie Anm. 16), hier S. 36. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 54. Vgl. in aufsteigendem Umfang: Birgit Peuker, „Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT)“, in: Christian Stegbauer, Roger Häußling (Hg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, S.  325–335; Kneer, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm.  19); Andréa Belliger, David J. Krieger, „Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie“, in: dies., ANThology (wie Anm. 2), S. 13–50; Gertenbach, Laux, Zur Aktualität von Bruno Latour (wie Anm. 1); Blok, Farías, Roberts, Companion to actor-network theory (wie Anm. 2); vgl. zudem die einführenden Texte der Protagonisten: Law, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm.  17), und Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 4). Für andere Arten der Netzwerkforschung vgl. Stegbauer, Häußling, Handbuch Netzwerkforschung (wie Anm. 21), und Christian Stegbauer (Hg.), Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie. Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008.

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darauf konzentriert, erstens kurz die bisherige Rezeptionsgeschichte der ANT in den historischen Kulturwissenschaften zu skizzieren – Was bisher geschah –, um dann zweitens das übergreifende Anliegen des Bandes, die Weiterführung der Rezeption in Gestalt empirischer Forschung, zu erläutern – Fortsetzung folgt –, bevor die Beiträge kurz angerissen werden. Der unmittelbar anschließende Text von Tim Neu zielt dann darauf ab, auf Grundlage eigener Forschungen und unter Rückgriff auf die Fallstudien synthetisierend darzustellen, welche Möglichkeiten ein akteur-netzwerktheoretischer Ansatz für Historiker*innen eröffnet und wie man diese konkret nutzen kann.23 I.

Was bisher geschah: Die Rezeption der ANT (vornehmlich) in den historischen Kulturwissenschaften

Es gehört zu den Grundparadoxien der noch vergleichsweise jungen Rezeptionsgeschichte der ANT, dass gerade eine Theorie, die den Netzwerkbegriff zentral stellt, oftmals auf einen einzigen Akteur, nämlich Bruno Latour, verkürzt wird.24 Damit entgehen der historischen Forschung nicht nur zentrale Texte und Anregungen, sondern es folgt auch ein intellektueller Starkult, der einzelnen, zum Teil bewusst provokanten Interventionen zu viel Raum gibt und im gleichen Moment inter- oder transdisziplinäre Dialoge eher verhindert. Zu erinnern ist unter anderem an Arbeiten von Michel Callon und Madeleine Akrich oder die um 2000 einsetzende Post-ANT-Diskussion um John Law und Annemarie Mol.25 Mit The body multiple hat beispielsweise Mol ein innovatives Werk der Medizin- und Körperanthropologie vorgelegt, das zeigt, wie die Realitäten von Krankheit von unterschiedlichen Akteuren des Gesundheitssystems

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Vgl. Tim Neu, „ANT als geschichtswissenschaftlicher Ansatz, oder: Kurzreiseführer für eine flache Wirklichkeit voller Assoziationen, Handlungsträger und Textlabore“, in diesem Band, S. 27–72. Als knappe Einführungen, welche die ANT als kollektives Projekt diskutieren, vgl. Belliger, Krieger, Einführung (wie Anm. 21); Peuker, Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) (wie Anm. 21). Vgl. etwa Michel Callon, „Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung. Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc-Bucht“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 2), S. 135–174, laut The Actor Network Resource: Thematic List, Version 2.2 „[o]ne of the most discussed papers in actor-network theory“ (http:// wp.lancs.ac.uk/sciencestudies/the-actor-network-resource-thematic-list); Madeleine Akrich, „Die De-Skription technischer Objekte“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 2), S. 407–428; Law, Hassard, Actor network theory and after (wie Anm. 15).

Reassembling the Past ?! Zur Einführung

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konstruiert werden.26 John Law hat mit einem Sammelband zum Barock in der Gegenwart sogar explizit historische Bezüge aufgemacht.27 Während Callon die ANT im Kontext von Ökonomie und Wirtschaftssoziologie weitergedacht hat,28 hat die Post-ANT eher an einer Weiterentwicklung der Wissenschaftsund Medizinsoziologie gearbeitet und diese performanztheoretisch erweitert und praxeologisch radikalisiert. Das Interesse verlagerte sich dabei auf die Herstellung, die Wandlung und die ‚Fluidität‘ von Netzwerken.29 Die Aufnahme der ANT im Allgemeinen und Bruno Latours im Besonderen in der historischen Forschung ist bisher nicht zu vergleichen mit der etwa von Michel Foucault, Pierre Bourdieu oder Niklas Luhmann. Es gibt zumindest im deutschsprachigen Bereich noch kein ‚Geschichte schreiben mit Latour‘ oder ‚ANT für Historiker‘. Einer der Gründe für die polarisierende Wirkung dürfte neben dem teilweise schwer zugänglichen Stil in der Fortentwicklung der ANT und in erster Linie Latours von der Wissenschaftsgeschichte zu einer Art Gesellschaftstheorie liegen.30 Die Vertreter der ANT wehren sich allerdings wie erwähnt vehement gegen den Status einer Theorie oder gar einer Gesellschaftstheorie.31 Dessen ungeachtet wird die ANT im lockeren Sprachgebrauch der historischen Kulturwissenschaft aber ohne Zweifel als ‚Theorie‘ gehandelt und hat das mit ihrer Selbstetikettierung auch selbst zu verantworten. Entscheidend ist an dieser Stelle der Geltungsanspruch des Analyseansatzes. Solange es ‚nur‘ um Wissenschafts- und Technikgeschichte ging, ließ sich die Provokation der ANT in der Geschichtswissenschaft leicht übersehen. Als der Erklärungsanspruch, oft verkürzt auf die These von der Wirkmacht der 26

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Annemarie Mol, The body multiple. Ontology in medical practice, Durham 2002; auf Deutsch ist das erste Kapitel daraus zugänglich: dies., „Krankheit tun“, in: Susanne Bauer, Torsten Heinemann, Thomas Lemke (Hg.), Science and Technology Studies. Klassische Positionen und aktuelle Perspektiven, Berlin 2017, S. 429–467. John Law, Evelyn Ruppert (Hg.), Modes of knowing. Resources from the Baroque, Manchester 2016. Michel Callon, „Akteur-Netzwerk-Theorie: Der Markttest“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 2), S. 545–559. Vgl. etwa Annemarie Mol, John Law, „Regions, networks and fluids. Anaemia and social topology“, in: Social Studies of Science 24 (1994), S. 641–671; Marianne de Laet, dies., „The Zimbabwe bush pump. Mechanics of a fluid technology“, in: Social Studies of Science 30,2 (2000), S. 225–263; John Law, Annemarie Mol, „Situating technoscience. An inquiry into spatialities“, in: Enviroment and Planning D: Society and Space 19 (2001), S. 609–621, und John Law, Aircraft stories. Decentering the object in technoscience, Durham 2002. Vgl. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 4), und ders., Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen, Berlin 2014. Vgl. oben und Tobias Philipp, Netzwerkforschung zwischen Physik und Soziologie. Perspektiven der Netzwerkforschung mit Bruno Latour und Harrison White, Wiesbaden 2017, S. 34.

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Dinge, jedoch auch allgemeinhistorische Diskussionen erreichte, wurden die Abwehrreflexe heftiger.32 Latour hat selbst immer wieder mit historischen Beispielen gearbeitet – vor allem in Wir sind nie modern gewesen und Drawing things together – aber im Grunde selten oder nie wie ein klassischer Historiker.33 Zu stark ist die Tradition der Soziologie und Ethnologie als „Disziplinen, die im Feld die zu interpretierenden Daten selbst erheben, statt wie Philologen und Historiker den Zufälligkeiten der Überlieferung ausgesetzt zu sein“.34 Trotz dieser offensichtlichen methodischen Differenzen liegt hier einer der möglichen Dialogpunkte zwischen ANT und historischer Kulturwissenschaft. So haben sich Historische Anthropologie und neue Kulturgeschichte von Anfang an maßgeblich auf den ‚ethnologischen Blick‘ als methodisches Ideal bezogen, und Latour etwa begreift sich selbst vom Forschungszugang her in erster Linie als Anthropologe und Ethnologe, insgesamt vom Selbstverständnis her allerdings als Philosoph.35 Viele der ANT zuzurechnenden Werke arbeiten im Modus der ‚dichten Beschreibung‘.36 Die erkenntnistheoretischen Annahmen Latours sind schon früh Gegenstand der Kritik seitens der Historiker geworden, allerdings eher aus einer radikal sprach- und diskurstheoretischen Warte heraus, nicht von den dingskeptischen Traditionalisten, obwohl der Quell der Provokation seltsamerweise derselbe ist.37 32 33

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Vgl. Désirée Schauz, „HSK-Querschnittsbericht: Wissenschaftsgeschichte“, in: Gabriele Metzler, Michael Wildt (Hg.), Über Grenzen. 48. Deutscher Historikertag in Berlin 2010, Berichtsband, Göttingen 2012, S. 305–315, hier S. 306–308. Vgl. das umfangreiche Kapitel aus Wir sind nie modern gewesen, das sich mit der Studie von Shapin und Schaffer zu Boyle und Hobbes beschäftigt: Latour, Wir sind nie modern gewesen (wie Anm. 3), S. 22–66; Steven Shapin, Simon Schaffer, Leviathan and the airpump. Hobbes, Boyle and the experimental life, Princeton 1985. Marcus Hahn, „‚Marvelous Examples‘. Zum Status des historischen Wissens in der AkteurNetzwerk-Theorie Bruno Latours“, in: Georg Kneer, Markus Schroer, Erhard Schüttpelz (Hg.), Bruno Latours Kollektive, Frankfurt a. M. 2008, S. 457–474, hier S. 461. Vgl. als für die deutschsprachige Diskussion maßgeblichen Text Hans Medick, „‚Missionare im Ruderboot‘? Ethnologische Erkenntnisweisen als Herausforderung an die Sozialgeschichte“, in: Geschichte und Gesellschaft 10 (1984), S. 295–319; zur Selbstpositionierung Latours vgl. Gertenbach, Laux, Zur Aktualität von Bruno Latour (wie Anm. 1), S. 1; zur Verortung in der Anthropologie vgl. Roger Sansi, „The Latour event. History, symmetry and diplomacy“, in: Social Anthropology/Anthropologie Sociale 21,4 (2013), S. 448–461. Clifford Geertz, Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt a. M. 1983, S.  7–43; als Diskussionsansatz aus historischer Perspektive vgl. Thomas Sokoll, „Kulturanthropologie und Historische Sozialwissenschaft“, in: Mergel, Welskopp, Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft (wie Anm. 14), S. 233–272, hier S. 243–249. Vgl. Philipp Sarasin, „Infizierte Körper, kontaminierte Sprache. Metaphern als Gegenstand der Wissenschaftsgeschichte“, in: ders., Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt a. M. 2003, S. 191–230, hier S. 199–203.

Reassembling the Past ?! Zur Einführung

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Die Einfallstore der Rezeption in der Geschichtswissenschaft sind wie bei den genannten Meisterdenkern in der Regel die Themenfelder, in denen diese sich selbst bewegen. Was für Foucault die Medizin- und Kriminalitätsgeschichte war, bilden für die ANT die Wissenschafts-, Medizin- und Globalgeschichte. Am leichtesten fiel der Dialog wohl in der Wissenschafts- und Technikgeschichte.38 Mit den Laborstudien sind hier eigene Arbeitsfelder entstanden, die eine Ethnographie der Wissensproduktion einleiteten.39 Mit Laboratory life haben Bruno Latour und Steve Woolgar 1979 ein ganzes Genre begründet.40 1987 folgte mit Science in action eine weitere einflussreiche Studie, in der Latour unter anderem den Begriff der black box neu prägte und deren programmatischer Titel „in action“ zum vielzitierten Stichwortgeber einer praxeologischen Wissenschaftsgeschichte geworden ist.41 Die Publikation wurde von Anfang an kontrovers diskutiert, etablierte sich aber über die Jahre als Klassiker.42 Wissenshistorische Arbeiten nahmen die ANT ebenso auf wie solche, die an der Schnittstelle von Medizin- und Technikgeschichte angesiedelt sind.43 Für die Science Studies und die Science and Technology Studies bildet die ANT neben feministischer und postkolonialer Wissenschaftstheorie einen der wesentlichen Eckpfeiler.44 Science Studies ist der weitere Begriff, der in Deutschland gern mit Wissenschaftsforschung übersetzt wird, während Science and Technology Studies (STS) ein spezielleres Feld markieren, deren Protagonist(inn)en große Überschneidungen mit der ANT

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Vgl. Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, Frankfurt a. M. 2001, S. 161 und S. 370–371. Vgl. als Überblick Catherine M. Jackson, „Laboratorium“, in: Marianne Sommer, Staffan Müller-Wille, Carsten Reinhardt (Hg.), Handbuch Wissenschaftsgeschichte, Stuttgart 2017, S. 244–255. Bruno Latour, Steve Woolgar, Laboratory life. The social construction of scientific facts, Beverley Hills 1979. Bruno Latour, Science in action. How to follow scientists and engineers through society, Milton Keynes 1987; ders., Les microbes, guerre et paix, Paris 1984. Vgl. als exemplarischen Verriss Olga Amsterdamska, „Surely you are joking, Monsieur Latour!“, in: Science, Technology, & Human Values 15,4 (1990), S. 495–504. Catarina Caetano da Rosa, Operationsroboter in Aktion. Kontroverse Innovationen in der Medizintechnik, Bielefeld 2013; Katharina Kreuder-Sonnen, Wie man Mikroben auf Reisen schickt. Zirkulierendes bakteriologisches Wissen und die polnische Medizin 1885–1939, Tübingen 2018; Mareike Vennen, Das Aquarium. Praktiken, Techniken und Medien der Wissensproduktion (1840–1910), Göttingen 2018. Susanne Bauer, „Science Studies“, in: Sommer, Müller-Wille, Reinhardt, Handbuch Wissenschaftsgeschichte (wie Anm. 39), S. 55–67.

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aufweisen.45 Erweitert wird das Feld etwa durch Donna Haraway, Karen Barad oder Helen Verran. Während sich Latour wiederholt historischer Beispiele bediente, haben Historiker*innen sich ihrerseits gern in seinem Beispielfundus der Gegenwart bedient, sei es bei den Botanikern und Bodenkundlern am Amazonas, den Straßenschwellen zur Geschwindigkeitsbegrenzung oder den Diskussionen der amerikanischen Waffenlobby, die unter anderem Ansatzpunkte für die Erforschung frühneuzeitlicher Raumkonzepte, Prozessionen oder eine „andere Ideengeschichte“ bieten konnten.46 Für die Globalgeschichte wurden etwa Arbeiten des britischen Soziologen John Law relevant, wie etwa die Studie zur portugiesischen Karavelle.47 Law diskutiert darin die Frage nach dem „lusitanischen Bündel aus Schiffsbau, Kartographie, Kanonen und Drill“ als „heterogenes Engineering“, d.h. sehr stark vereinfacht, er führt den ‚Erfolg‘ der Expansion auf ein Netzwerk sehr verschiedener Faktoren zurück.48 Im Anschluss an die in Latours Aufsatz Drawing things together entwickelte Theorie der immutible mobiles ist die „medientechnische Überlegenheit des Westens“ mit Blick auf postkoloniale Theorie diskutiert und auf den Prüfstand gestellt worden.49 Hierunter werden vor allem Prozesse der Standardisierung 45 46

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Vgl. als guten Einstieg und Überblick Einstieg Bauer, Heinemann, Lemke, Science and Technology Studies (wie Anm. 26). Achim Landwehr, „Raumgestalter. Die Konstitution politischer Räume in Venedig um 1600“, in: Jürgen Martschukat, Steffen Patzold (Hg.), Geschichtswissenschaft und ‚performative turn‘. Ritual, Inszenierung und Performanz vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Köln 2003, S. 161–183, hier S. 161–163; Martin Mulsow, Prekäres Wissen. Eine andere Ideengeschichte der Frühen Neuzeit, Frankfurt a. M. 2012, S.  20 u. 26; Marian Füssel, „Adventus, Umritt und Cortège. Prozessionen im gelehrten Milieu der Frühen Neuzeit“, in: Ruth Conrad, Volker Henning Drecoll, Sigrid Hirbodian (Hg.), Säkulare Prozessionen. Zur religiösen Grundierung von Umzügen, Einzügen und Aufmärschen, Tübingen 2019, S. 193–214. John Law, „Technik und heterogenes Engineering: Der Fall der portugiesischen Expansion“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm.  2), S.  213–236; vgl. auch Debora Gerstenberger, Joël Glasman (Hg.), Techniken der Globalisierung. Globalgeschichte meets AkteurNetzwerk-Theorie, Bielefeld 2016; Pascal Schillings, Der letzte weiße Flecken. Europäische Antarktisreisen um 1900, Göttingen 2016; Elizabeth Kuebler-Wolf, „‚Born in America, in Europe bred, in Africa travell’d and in Asia wed‘. Elihu Yale, material culture, and actor networks from the seventeenth century to the twenty-first“, in: Journal of Global History 11 (2016), S. 320–343. Erhard Schüttpelz, „Die medientechnische Überlegenheit des Westens. Zur Geschichte und Geographie der immutable mobiles Bruno Latours“, in: Jörg Döring, Tristan Thielmann (Hg.), Mediengeograpie. Theorie – Analyse – Diskussion, Bielefeld 2009, S. 67–110, hier S. 68. Ebd.; vgl. Bruno Latour, „Drawing things together. Die Macht der unveränderlich mobilen Elemente“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 2), S. 259–307; vgl. auch Tim Neu,

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diskutiert, die mit medientechnischen Innovationen wie dem Buchdruck, der Durchsetzung der Zentralperspektive und der diagrammatischen Repräsentation von statistischen Daten zusammenhängen, ohne dabei einem technologischen Determinismus das Wort zu reden. Auch die Science and Technology Studies (STS) haben sich inzwischen postkolonialen Debatten geöffnet, so dass hier noch diverse Anknüpfungspunkte für die Globalgeschichte liegen.50 In anderen Feldern wie etwa der Militärgeschichte verhallten die Rufe nach einer ANT-Perspektive bislang eher.51 Nicht zuletzt mit seinen Artikeln zu Bilderkriegen oder den Mensch-Waffe-Relationen im Kontext der Diskussion um amerikanische Waffengesetzgebung bietet gerade Latour jedoch vielfältige Anschlussmöglichkeiten für eine Militärgeschichte als Kulturgeschichte organisierter Gewalt.52 Mit dem am Beginn des neuen Jahrtausends wiedererwachten Interesse an materieller Kultur ist der ANT die bislang vielleicht breiteste Aufmerksamkeit jenseits der engeren Wissenschafts- und Technikgeschichte zu Teil geworden.53 Ganz gleich ob Museen und Sammlungen, materiale Textkulturen oder die Geschichte von häuslichen Wohnkulturen: Die ANT ist in der Forschung zu materiellen Kultur omnipräsent.54 Zeitlich parallel und inhaltlich mit vielen Überschneidungen zur Erforschung materieller Kultur hat sich in der

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„Accounting things together. Die Globalisierung von Kaufkraft im British Empire um 1700“, in: Gerstenberger, Glasman, Techniken der Globalisierung (wie Anm. 47), S. 41–66. Vgl. das Forum „Provincializing STS“ in East Asian Science, Technology and Society 11,2 (2017), S. 209–269, sowie Katharina Schramm, „Postkoloniale STS. Einführung“, in: Bauer, Heinemann, Lemke, Science and Technology Studies (wie Anm. 26), S. 471–494, und Neu, Accounting things together (wie Anm. 49), S. 64f. Vgl. Stefan Kaufmann, „Technisiertes Militär. Methodische Überlegungen zu einem symbiotischen Verhältnis“, in: Thomas Kühne, Benjamin Ziemann (Hg.), Was ist Militärgeschichte?, Paderborn 2000, S. 195–209, hier S. 206. Vgl. jetzt aber die Arbeit von Sven Petersen, Die belagerte Stadt. Alltag und Gewalt im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740– 1748), Frankfurt a. M. 2019. Bruno Latour, Iconoclash. Gibt es eine Welt jenseits des Bilderkrieges?, Berlin 2002; ders., „Ein Kollektiv von Menschen und nichtmenschlichen Wesen. Auf dem Weg durch Dädalus’ Labyrinth“, in: ders., Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft, Frankfurt a. M. 2002 [zuerst als Pandora’s Hope. An Essay on the Reality of Science Studies, Cambridge, MA 1999], S. 211–263. Zur kulturwissenschaftlichen Erweiterung der Militärgeschichte vgl. die Hinweise bei Bernhard  R.  Kroener, Kriegswesen, Herrschaft und Gesellschaft 1300–1800, München 2013. Marian Füssel, „Die Materialität der Frühen Neuzeit. Neuere Forschungen zur Geschichte der materiellen Kultur“, in: Zeitschrift für Historische Forschung 42,3 (2015), S. 433–463. Mario Schulze, Wie die Dinge sprechen lernten. Eine Geschichte des Museumsobjektes 1968–2000, Bielefeld 2017, S. 319–324; Thomas Meier, Michael R. Ott, Rebecca Sauer (Hg.), Materiale Textkulturen. Konzepte – Materialien – Praktiken, Berlin 2015; Elizabeth Harding,

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soziologischen und historischen Forschung eine Präzision praxeologischer Ansätze vollzogen, die mittlerweile Latour und die ANT als feste Mitglieder ihrer Theoriefamilie begreifen. Dinge und Objekte werden dabei als konstitutive Bestandteile von Praktiken begriffen.55 Paradoxerweise hat sich gerade in dem Moment, als Praktiken konzeptionell präzisiert und damit zu mehr als einem Synonym für Handlungen wurden, auch die Verwendung des Begriffs der Praktiken so ubiquitär ausgeweitet, dass ein gemeinsames Verständnis immer unwahrscheinlicher wird.56 In der historischen Forschung der letzten zehn Jahre lässt sich eine Aufnahme der ANT vor allem in ‚Bindestrichgeschichten‘ beobachten, die von einem erweiterten Akteurverständnis profitieren können.57 So hat die Weiterentwicklung des Akteurbegriffs etwa in der Geschichte der Mensch-TierBeziehungen, den sogenannten Human-Animal-Studies (HAS), fruchtbare, wenn auch teils kontroverse Aufnahme gefunden.58 Zu einem der meist diskutierten Probleme der Gegenwart, dem Klimawandel, hat Latour in jüngerer Zeit verstärkt Position bezogen und sich damit in die Diskussion um das sogenannte Anthropozän eingeschaltet, die auch in der Umweltgeschichte immer höhere Wellen schlägt.59 Das Anthropozän bezeichnet eine neue geochronologische Epoche, in der der Mensch zum entscheidenden Einflussfaktor

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„Einführung: Materialität und Wohnkultur“, in: Joachim Eibach, Inken Schmidt-Voges (Hg.), Das Haus in der Geschichte Europas. Ein Handbuch, Berlin 2015, S. 169–174. Andreas Reckwitz, „Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken“, in: ders., Unscharfe Grenzen. Perspektiven der Kultursoziologie, Bielefeld 2008, S.  97–130, hier S.  100, 102f., 113; Lucas Haasis, Constantin Rieske, „Historische Praxeologie. Zur Einführung“, in: dies. (Hg.), Historische Praxeologie. Dimensionen vergangenen Handelns, Paderborn 2015, S. 7–53, hier S. 27–32; Tim Neu, „Geld gebrauchen. Frühneuzeitliche Finanz-, Kredit- und Geldgeschichte in praxeologischer Perspektive“, in: Historische Anthropologie, 27,1 (2019), S. 75–103. Vgl. die heterogenen Ansätze in Brendecke, Praktiken der Frühen Neuzeit (wie Anm. 7), und die Präzisierungsvorschläge von Marian Füssel, „Die Praxis der Theorie. Soziologie und Geschichtswissenschaft im Dialog“, in: ebd., S. 22–33, hier S. 26, und Tim Neu, Matthias Pohlig, „Zur Einführung“, in: ebd., S. 578–584, hier S. 578f. Henning Laux, „Latours Akteure. Ein Beitrag zur Neuvermessung der Handlungstheorie“, in: Nico Lüdtke, Hironori Matsuzaki (Hg.), Akteur – Individuum – Subjekt. Fragen zu ‚Personalität‘ und ‚Sozialität‘, Wiesbaden 2011, S. 275–300. Brage Bei der Wieden, Mensch und Schwan. Kulturhistorische Perspektiven zur Wahrnehmung von Tieren, Bielefeld 2014, S.  11; eher skeptisch dagegen Rainer Pöppinghege, „Einleitung. Mensch und Tier in der Geschichte“, in: Westfälische Forschungen 62 (2012), S. 1–8. Bruno Latour, Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime, Berlin 2017; ders., Das terrestrische Manifest, Berlin 2018; vgl. dazu Ludolf Kuchenbuch, „Bruno Latours Anthropozän und die Historie. Feststellungen, Anknüpfungen, Fragen“, in: Historische Anthropologie, 26,3 (2018), S. 379–401.

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für die gesamte naturale Umwelt des Planeten Erde geworden ist. Der Begriff wurde im Jahr 2000 vom Atmosphärenchemiker Paul Crutzen aufgebracht, seine historiographische Konsequenzen sind prominent unter anderen von Dipesh Chakrabarty ausgeleuchtet worden.60 Für die Umweltgeschichte war Latour ähnlich wie für die Mensch-Tier Geschichte aufgrund seines weiten Akteurverständnisses schon länger ein wichtiger Stichwortgeber.61 Besonderen Einfluss hatte die ANT auch auf die Urbanistik, die Stadtsoziologie und die Erforschung des Tourismus.62 Zu den jüngeren empirischen Begegnungsfeldern der ANT zählt neben der Literaturwissenschaft etwa auch die Soziologie der Kriminalität, was, denkt man nur an das handlungssteuernde Potential von Gefängnisarchitektur und Fußfesseln, unmittelbar evident erscheint.63 Mit der Rechtsfabrik, einer Ethnographie des Conseil d’État, hat Latour 2002 eine Tür zur Rechtssoziologie und Rechtsgeschichte geöffnet.64 Zu den übergreifenden geschichtswissenschaftlichen Diskussionen, die von einer Berücksichtigung der ANT profitieren können, zählen der Gegensatz von Mikro- und Makrogeschichte und die Frage der Modernisierung bzw. Existenzweise der Moderne.65 Die Vertreter der ANT versuchen die Dichotomie von 60

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Dipesh Chakrabarty, „Das Klima der Geschichte. Vier Thesen“, in: Harald Welzer, HansGeorg Soeffner, Dana Giesecke (Hg.), KlimaKulturen. Soziale Wirklichkeiten im Wandel, Frankfurt a. M. 2010, S.  270–301; ders., „Verändert der Klimawandel die Geschichtsschreibung?“, in: Transit. Europäische Revue 41 (2011), S. 143–163. Vgl. Kristin Asdal, „The problematic nature of nature. The post-constructivist challenge to environmental history“, in: History and Theory 42 (2003), S. 60–74; Dorothee Brantz, „Der natürliche Raum der Moderne. Eine transatlantische Sicht auf die (städtische) Umweltgeschichte“, in: Norbert Finzsch (Hg.), Clios Natur. Vergleichende Aspekte der Umweltgeschichte, Münster 2008, S. 71–97; zur Umweltsoziologie vgl. Martin Voss, Birgit Peuker (Hg.), Verschwindet die Natur? Die Akteur-Netzwerk-Theorie in der umweltsoziologischen Diskussion, Bielefeld 2006. Vgl. Ignacio Farías, Thomas Bender (Hg.), Urban assemblages. How actor-network theory changes urban studies, London 2010; René van der Duim, Carina Ren, Gunnar Thór Jóhannesson (Hg.), Actor network theory and tourism. Ordering, materiality and multiplicity, London 2012; Monika Kurath, Reto Bürgin (Hg.), Planung ist unsichtbar. Stadtplanung zwischen relationaler Designtheorie und Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2019. Vgl. Knapp, Literarische Netzwerke (wie Anm.  9), Martina Wernli, Alexander Kling (Hg.), Das Verhältnis von ‚res‘ und ‚verba‘. Zu den Narrativen der Dinge, Freiburg i. Br. 2018, und Dominique Robert, Martin Dufresne (Hg.), Actor-network theory and crime studies. Explorations in science and technology, London 2016. Bruno Latour, Die Rechtsfabrik. Eine Ethnographie des Conseil d’État, Konstanz 2016; zur Aufnahme in der Rechtsforschung vgl. Marcus Twellmann (Hg.), Wissen, wie Recht ist. Bruno Latours empirische Philosophie einer Existenzweise, Paderborn 2016. Vgl. etwa die Beiträge in Gerstenberger, Glasman, Techniken der Globalisierung (wie Anm. 47); vgl. weiter auch Jürgen Schlumbohm (Hg.), Mikrogeschichte – Makrogeschichte. Komplementär oder inkommensurabel?, Göttingen 1998.

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Mikro und Makro konsequent empirisch zu unterlaufen.66 Beides wird nicht mehr in Kategorien der Größe gedacht, sondern ‚flach‘ auf gleicher Ebene, so dass nurmehr quantitative Unterschiede eine Rolle spielen. Mit Wir sind nie modern gewesen hat Latour eine provokante Formel geprägt, die an der Trennung von Natur und Kultur ansetzt, aber auch zu weiteren Hinterfragungen von Modernisierungsnarrativen Anlass bieten kann. In einer Besprechung von Latours Weiterentwicklung der Diskussion in Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen hat Daniel Timothy Goering allerdings darauf hingewiesen, dass es sich als schwer erweisen wird, diese „ohne größere Reformation in die Geschichtswissenschaft einzuführen“, da sie an deren durch und durch ‚modernen‘ Fundamenten so rütteln würde, dass kein „Stein auf dem andern bleiben würde“.67 Die Alternative kann zweifellos nicht sein, „Sinnbilder und Schlagworte“ der ANT aus ihrem Kontext zu trennen und Latour zu einem „schlagwortspendenden Modesoziologen“ herabzustufen, oder seine Soziologie in die Form einer „historischen Hilfswissenschaft“ zu gießen. Wir können uns vielmehr der von Goering zum Ausdruck gebrachten Hoffnung nur anschließen, dass die ANT mit diplomatischem Geschick in der Geschichtswissenschaft „plausibel und fruchtbar gemacht“ wird, ohne zu „verwässern“.68 Da historische Forschung immer von einem pragmatischen Eklektizismus im Umgang mit sozialwissenschaftlichen oder anthropologischen Ansätzen geleitet wird, ist dem Verwässern jedoch vielleicht weniger konsequent vorzubeugen als einer rein modegeleiteten Begriffskosmetik. Wichtige Schritte im reflexiven Umgang mit Theorie sind sowohl deren stetige Historisierung als auch der Fokus auf die damit besser historiographischempirisch zu bearbeitenden Probleme bzw. die verfolgten Fragestellungen.

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Michel Callon, Bruno Latour, „Die Demontage des großen Leviathans. Wie Akteure die Makrostruktur der Realität bestimmen und Soziologen ihnen dabei helfen“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm.  2), S.  75–101, und mit direktem Bezug darauf Neu, Accounting things together (wie Anm. 49), S. 21, und Neu, Geld gebrauchen (wie Anm. 55), S. 88. Daniel Timothy Goering: Rezension zu: Latour, Bruno: Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Berlin 2014, in: H-Soz-Kult, 29.04.2015, . [abgerufen am 03.01.2019]; Latour, Existenzweisen (wie Anm. 30), vgl. dazu den Diskussionsband Henning Laux (Hg.), Bruno Latours Soziologie der ‚Existenzweisen‘. Einführung und Diskussion, Bielefeld 2016. Goering, Rezension (wie Anm. 67)

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II.

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Fortsetzung folgt: Zum Anliegen des Bandes

Es ist jedoch fraglich, ob es in Zukunft vermehrt zu ANT-inspirierten Forschungen kommen wird, denn der Ansatz hat ein Problem, das sich am besten mit einem Aphorismus auf den Punkt bringen lässt, den Georg Christoph Lichtenberg irgendwann zwischen 1772 und 1775 in eines seiner berühmten ‚Sudelbücher‘ schrieb: „Unsere besten Ausdrücke werden veralten, schon manches Wort ist jetzo niedrig, was ehmals eine kühne Metapher war.“69 Die ANT hat ein Metaphernproblem. Das gilt klarerweise für den grundlegenden Begriff des ‚Netzwerks‘: Von den Gründern der ANT schon vor dem Aufstieg des Internet verwendet, hat der Begriff seither „jegliche Schärfe verloren“70, wie Bruno Latour schon 1999 festhielt. Inzwischen hat er sich jedoch von seinem damit verbundenen „Rückruf der ANT“ distanziert und sich überzeugen lassen, dass die heute gängige Kurzbezeichnung selbst als kühne Metapher verwendet werden kann: „Eine Ameise (ant), die für andere Ameisen schreibt, das paßt sehr gut zu meinem Projekt.“71 Aber auch wenn diese neue Leitmetapher theorieimmanent durchaus stimmig und passend ist, so haben wir gleichwohl die Erfahrung gemacht, dass sie zumindest im geschichtswissenschaftlichen Feld oft mehr Probleme produziert als löst.72 Und es ist auch völlig nachvollziehbar, dass Historiker*innen, die bislang keine Erfahrungen mit der ANT gemacht haben, von dieser Metapher abgeschreckt werden, auch und gerade wenn sie ansonsten offen für neue Perspektiven sind. Denn die Ameisen-Metapher zwingt die historisch Forschenden scheinbar wieder in eine Rolle, aus der sie doch erst mühsam ausgebrochen waren: Instinktiv wollen gerade Historiker*innen wohl kaum zu den „blinden, kurzsichtigen, arbeitssüchtigen, die Spur erschnüffelnden, kollektiven Reisenden“73 gehören, von denen Latour spricht, weil sie wohl fürchten, im Banne des Historismus viel zu lange genau solche Ameisen gewesen zu sein.74 69 70 71 72 73 74

Georg Christoph Lichtenberg, Die Aphorismen-Bücher, nach den Handschriften herausgegeben von Albert Leitzmann, Frankfurt a. M. 2005, S. 440, Aphorismus D 359. Bruno Latour, „Über den Rückruf der ANT“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 2), S. 561–572, hier S. 561. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 24. Vgl. aber die positive Aufnahme durch Jan Keupp, „Mediävistik auf dem Ameisenpfad, oder: Mit der ANT das Königreich der Himmel stürzen“, in: Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte, 04.09.2014, http://mittelalter.hypotheses.org/4237. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 24. Wobei bei solchen Reaktionen in der Regel nicht der Historismus als historisches Phänomen oder geschichtstheoretisches Grundpostulat im Hintergrund steht, sondern das Zerrbild des um 1900 entstehenden „Historismus-Begriffs“, der Historismus gleichsetzt

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Was ist in einer solchen Situation zu tun? Auch hier weiß Lichtenberg Rat: „Wenn man ein altes Wort gebraucht, so geht es offt in dem Canal nach dem Verstand den das ABC Buch gegraben hat, eine Metapher macht sich einen neuen, und schlägt offt grad durch.“75 Wenn also das Wort ‚Netzwerk‘ gerade angesichts einer an völlig anderen Fragen interessierten Netzwerkforschung schon allgemein in die Irre führt, und die neue Ameisen-Metapher gerade bei Historiker*innen tief eingegrabene Abwehrreflexe auslöst, dann braucht es andere, bessere Metaphern, um in den Sammelband einzuleiten und zu den Diskussionen über den Zusammenhang von ANT und Geschichtswissenschaft hinzuführen.76 Ein solcher Zugang, der sowohl das Grundanliegen der ANT metaphorisch bündelt als auch für historisch Forschende attraktiv ist, lässt sich gewinnen, wenn man sich den Arbeiten und Überlegungen eines anderen ANT-Forschers zuwendet, denen von John Law. Dieser verwendet nämlich seit einigen Jahren ‚Barock‘ als Metapher für ANT-orientiertes Forschen. Der „crucial move“ der ‚barocken Imagination‘, die für Law das Kernanliegen der ANT kennzeichnet, ist dabei folgender: „We are looking down at (what is sometimes called) ‚detail‘, rather than up to search for ‚the broader picture‘. […] It is an imagination that discovers complexity in detail or (better) specificity.“77 Als Kronzeuge einer solchen Herangehensweise wird Leibniz angeführt: „Jede Materiepartikel kann als ein Garten voller Pflanzen und ein Teich voller Fische aufgefasst werden. Aber jeder Zweig der Pflanze, jedes Glied des Tieres, jeder Tropfen seiner Körpersäfte ist noch ein solcher Garten oder ein solcher Teich.“78 Was aber soll

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„mit einem Betrieb der Historie um ihrer selbst willen und insoweit mit einer Lebens- und Praxisferne des Historikers, mit uneingeschränktem Relativismus, mit einer Historie, die an die Möglichkeit objektiver Wiedergabe der Wirklichkeit glaubt, andererseits mit der skeptischen Behauptung der Ungewißheit historischer Erkenntnis, mit Positivismus, aber auch mit Antipositivismus“ (Ulrich Muhlack, Geschichtswissenschaft im Humanismus und in der Aufklärung. Die Vorgeschichte des Historismus, München 1991, S. 17); vgl. auch Daniel Fulda, Wissenschaft aus Kunst. Die Entstehung der modernen Geschichtsschreibung 1760– 1860, Berlin 1996, und Otto Gerhard Oexle (Hg.), Krise des Historismus – Krise der Wirklichkeit. Wissenschaft, Kunst und Literatur 1880–1932, Göttingen 2007. Lichtenberg, Die Aphorismen-Bücher (wie Anm. 69), S. 440, Aphorismus F 115. Zur Netzwerkforschung vgl. oben Anm. 22. John Law, „And if the global were small and noncoherent? Method, complexity, and the baroque“, in: Enviroment and Planning D: Society and Space 22 (2004), S. 13–26, hier S. 19; vgl. auch Law, Ruppert, Modes of knowing (wie Anm. 27). Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie. Französisch/Deutsch, hg. von Hartmut Hecht, durchges. und bibliogr. erg. Ausg., Stuttgart 2012, S.  48f. (§67); vgl. die Bezugnahme bei Law, And if the global were small and noncoherent? (wie Anm.  77), S.  19, und – thematisch einschlägig, wenngleich ohne Erwähnung der ANT – Sybille Krämer, „Leibniz

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dieses Nach-Unten-Schauen, die Entdeckung von immer neuen Gärten in den Gärten? Erstens: Der barocke Blick „looks down to discover the concrete, and then it discovers complexity within the concrete. It also discovers heterogeneity – including material heterogeneity.“79 Erst auf diese Weise werden die Phänomene der sozialen Welt, Handlungen, Strukturen, Akteure, Objekte, Institutionen usw. überhaupt erst als Effekte von Akteur-Netzwerken bzw. heterogenen Settings beschreibbar. Zweitens gilt der barocke Blick ‚nach unten‘ selbstverständlich nicht dem Detail als Detail, sondern er untergräbt vielmehr die Unterscheidung von detail und broader picture, von Mikro- und Makroebene, und lässt sie zusammenbrechen, denn es zeigt sich, dass „the global is situated, specific, and materially constructed in the practices which make each specificity.“80 Wählt man einen solchen, auf der Metapher des ‚barocken‘ Nach-UntenSchauens basierenden Zugang zum Grundanliegen der ANT, dann lassen sich auf einmal ganz einfach Verbindungen zur Geschichtswissenschaft aufzeigen. Schon aufgrund der Betonung von Detailfreudigkeit und Komplexität lassen sich beide Bereiche zwanglos enger aufeinander beziehen, ist doch die Handhabung von Komplexität als historische Kernkompetenz anzusehen. Mehr noch: Wichtige Strömungen der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft wie etwa Mikrogeschichte, Historische Anthropologie und die neue Kulturgeschichte haben im Kern stets dasselbe Anliegen verfolgt, nämlich durch den Blick auf das Detail die künstliche Trennung von Mikro- und Makroebene auszuhebeln.81 Die strukturellen Homologien gehen sogar soweit, dass auch in der historischen Forschung explizite Bezugnahmen auf den Barockbegriff vorkommen. Achim Landwehr etwa begann 2007 Die Erschaffung Venedigs mit folgendem Satz: „Die Autoren des Barock hatten es besser.“82 Sie durften ihren

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ein Vordenker der Idee des Netzes und des Netzwerkes?“, in: Martin Grötschel u.a. (Hg.), Vision als Aufgabe. Das Leibniz-Universum im 21. Jahrhundert, Berlin 2016, S. 47–59. Law, And if the global were small and noncoherent? (wie Anm. 77), S. 21. Ebd., S. 24. Vgl. etwa Giovanni Levi, „The origins of the modern state and the microhistorical perspective“, in: Schlumbohm, Mikrogeschichte – Makrogeschichte (wie Anm.  65), S.  53–82, hier S.  56; Hans Medick, „Quo vadis Historische Anthropologie? Geschichtsforschung zwischen Historischer Kulturwissenschaft und Mikro-Historie“, in: Historische Anthropologie 9 (2001), S. 78–92, hier S. 88f.; Roger Chartier, „Kulturgeschichte zwischen Repräsentation und Praktiken“, in: ders., Die unvollendete Vergangenheit. Geschichte und die Macht der Weltauslegung, Frankfurt a. M. 1992, S. 7–23, hier S. 21. Achim Landwehr, Die Erschaffung Venedigs. Raum, Bevölkerung, Mythos 1570–1750, Paderborn 2007, S. 11.

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Büchern nämlich, so Landwehr, lange, eben ‚barocke‘ Titel geben, was ihnen die Möglichkeit eröffnete, den Inhalt des Buches schon auf dem Titelblatt möglichst präzise darzulegen. Und so hätte Landwehr seinem Buch viel lieber nicht den oben zitierten, sondern folgenden Titel gegeben: Die immerwährende und niemals endende Erschaffung Venedigs, wie sie seit Anbeginn dieser Stadt zu beobachten ist und noch bis zum heutigen Tage fortdauert, darin enthalten die Darlegung der Tatsache, dass Staaten permanent damit beschäftigt sind, sich selbst hervorzubringen […], was in dieser Abhandlung als ‚Kulturgeschichte des Staates‘ behandelt und unter Zuhilfenahme des Begriffs des Diskurses erläutert werden soll, und zwar vornehmlich in Bezug auf die drei Bereiche des Raumes, der Bevölkerung und des Mythos, […] beginnend in etwa mit dem Jahr 1570 und endend um die Mitte des 18. Jahrhunderts.83

Hier finden sich beide Elemente des ‚barocken‘ Nach-Unten-Schauens: Indem frei nach Leibniz in jedem Teil des Titels ein weiterer Titel entdeckt wird, zeigen sich zunächst ‚nur‘ mehr Details bezüglich der Gliederung und des Inhalts dieses speziellen Werkes. Aber gleichzeitig und erst dadurch wird auch ein Phänomen des broader picture deutlich, dass nämlich nicht nur Venedig, sondern jeder Staat gezwungen ist, sich permanent neu zu erschaffen. Diese ‚Ausfaltung‘ des Titels ist ein schlagendes Beispiel für ‚barocke Sensibilität‘ im Sinne Laws, und eines, das umstandslos für eine ANT-Perspektive reklamiert werden kann. Die Übungen in „korrektiver Gymnastik“84, die Latour für nötig hält, um sich die unfruchtbaren und doch so tief verwurzelten Unterscheidungen von Mikro- und Makro, von Struktur und Handlung, von Kontext und Interaktion abzugewöhnen, lassen sich also nicht nur am empirischen Material durchführen, sondern schon bei der reflexiven Betrachtung der eigenen Arbeitsweise, hier der Titelgebung. Welche Spezifizität erscheint also, wenn man sich hier ein Beispiel nimmt und den Titel dieses Bandes – Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft – auf ‚barocke‘ Weise entfaltet? Vielleicht diese: Reassembling the Past?!, das ist: Sammelband zum Thema ‚Akteur-NetzwerkTheorie und Geschichtswissenschaft‘, oder der Versuch, die ANT als methodisches Werkzeug zu nutzen, um historische Probleme zu lösen und/oder historische Deutungen produktiv zu problematisieren, ohne zu sehr auf Handlungsmacht der Dinge zu fokussieren, dabei den Problemen von Macht und historischem Wandel nicht ausweichend, und dies alles durch Zusammenstellung von Beiträgen aus 83 84

Ebd. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 297f.

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unterschiedlichen Epochen und thematischen Kontexten zu erreichen, in Form eines Experiments. Diese Formulierung ist auf den ersten Blick vielleicht etwas abschreckend, weil sie die erscheinende Komplexität immer noch synoptisch darzustellen versucht, und löst sicherlich den Drang aus, wieder zu vereinfachen. Aber mit Law und Latour sollten man lieber die synoptische Zusammenziehung aufgeben, den barocken Blick auf die einzelnen Bestandteile richten und die Komplexität noch weiter steigern. Reassembling the Past?!, das ist: Sammelband zum Thema ‚Akteur-NetzwerkTheorie und Geschichtswissenschaft‘, oder der Versuch, die ANT als methodisches Werkzeug zu nutzen. Hier ist zunächst noch einmal daran zu erinnern, dass ANT vornehmlich als eine Methode zu verstehen ist, als eine Methode, die Phänomene jeglicher Art als Akteur-Netzwerke beschreibt.85 Phänomene werden damit verstanden als Assoziierungsleistungen zwischen heterogenen Elementen, als Effekte von Akteur-Netzwerken und der damit verbundenen Praktiken. Das bedeutet auch, dass es unerheblich ist, ob es ‚da draußen‘ wirklich Akteur-Netzwerke gibt; ‚da draußen‘ (und damit auch ‚in der Geschichte‘) gibt es schlicht Phänomene unterschiedlichster Art und man kann versuchen, mit dieser Methode herauszufinden, welche Phänomene davon relevant sind und auf Grundlage welcher Mechanismen sie miteinander interagieren. Mit den Worten Latours: „Netzwerk ist ein Konzept, kein Ding da draußen. Es ist ein Werkzeug, mit dessen Hilfe etwas beschrieben werden kann, nicht das Beschriebene.“86 Daraus folgt dann unter anderem, dass Phänomene, die in der sozialen Welt netzwerkartigen Charakter haben, wie etwa Handels- oder Patronagenetzwerke, keine bevorzugten Gegenstände der ANT sind. Noch mal Latour: „Mit Akteur-Netzwerk beschreibt man etwas, das überhaupt nicht wie ein Netzwerk aussieht – einen momentanen Geisteszustand, ein Stück Maschine, einen fiktionalen Charakter“.87 Die vorliegenden Beiträge beziehen sich auf diese Beschreibungsmethode, um historische Probleme zu lösen und/oder historische Deutungen produktiv zu problematisieren. Es geht also nicht um Theorieexegese, sondern um die ganz konkrete Frage, wann und wie ein methodisches Beschreibungswerkzeug wie die ANT in der historischen Forschung eingesetzt werden kann. Hier sind es ganz generell zwei Situationen, in denen ein solcher Einsatz lohnenswert erscheint, und sie unterscheiden sich darin, von welchem Bereich die Initiative 85 86 87

Vgl. oben S. 3. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 228. Ebd., S. 246.

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ausgeht. Im ersten Fall resultiert sie aus der empirischen Forschung selbst: Es gibt ein konkretes Problem; ein Fall, eine Situation, ein Phänomen ist mit den bisher angewandten Analysemethoden nicht in den Griff zu bekommen und daher probiert man neue methodische Ansätze aus.88 Im zweiten Fall, der genauso legitim ist, verhält es sich umgekehrt: Aus methodisch-theoretischen Überlegungen heraus wendet man sich Fällen und Phänomenen zu, über deren Deutung in der Geschichtswissenschaft eigentlich Konsens besteht und problematisiert diese Selbstverständlichkeiten aus Sicht des neuen Ansatzes. Dies geschieht zweifellos in der Hoffnung, dass sich diese Problematisierung als produktiv erweist und letztlich zu einem tieferen Verständnis des Phänomens führt.89 Das heißt auch, dass die methodisch kontrollierte Neubeschreibung eines Phänomens, seine ‚Übersetzung‘ in die Sprache der ANT als solche noch nicht hinreichend ist. Entscheidend ist, ob sich dadurch ein Mehrwert erzielen lässt, ob akute Probleme gelöst oder neue, produktive Probleme produziert werden können.90 Man darf aber diesen Effekt nicht dadurch vortäuschen, dass der ANT selber kausale Kraft zugesprochen wird. Vielmehr dient sie ‚nur‘ dazu, die Sensibilität für möglicherweise wirksame Faktoren zu erhöhen. Es ist daher nicht sinnvoll zu sagen, dass A der Fall war, weil ein Akteur-Netzwerk etabliert wurde, sondern allenfalls, dass A der Fall war, weil X, Y und Z miteinander wechselwirkten, und diese Wechselwirkung nur erkannt werden konnte, weil die Forschende, noch mal mit Latour gesprochen, „Akteure als Netzwerke von Vermittlungen zu entfalten“91 gelernt hat.

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Eine solche Situation gab (auch und gerade aus Sicht der ANT) Anlass zur Entstehung der ANT, als nämlich die Praxis der Naturwissenschaftler*innen mit den gegebenen Ansätzen von Wissenschaftstheorie bzw. -soziologie nicht verstehend erklärt werden konnte; vgl. Ingo Schulz-Schaeffer, „Akteur-Netzwerk-Theorie. Einführung“, in: Bauer, Heinemann, Lemke, Science and Technology Studies (wie Anm. 26), S. 271–291, hier S. 271–273. Zeitlich ist dieser zweite Fall nachgängig und kommt erst dann zustande, wenn „der neue Forschungsfokus von der Gegenstandsebene neuartiger Untersuchungsfelder auf die Ebene von Analysekategorien und Konzepten ‚umschlägt‘, wenn er also nicht mehr nur neue Erkenntnisobjekte ausweist, sondern selbst zum Erkenntnismittel und -medium wird“ (Doris Bachmann-Medick, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, 6. Aufl., Reinbeck bei Hamburg 2018, S. 26). Das ist zumindest für Latours Werk eindeutig gegeben, vgl. Schulz-Schaeffer, Einführung (wie Anm. 88), S. 273. Das berühmte „The proof of the pudding is the eating“-Argument, vgl. etwa Jürgen Kocka, „Gegenstandsbezogene Theorien in der Geschichtswissenschaft. Schwierigkeiten und Ergebnisse der Diskussion“, in: ders. (Hg.), Theorien in der Praxis des Historikers. Forschungsbeispiele und ihre Diskussion, Göttingen 1977, S. 178–188, hier S. 187, und Pohlig, Geschmack und Urteilskraft (wie Anm. 14), S. 39. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 236 (Hervorhebung im Original).

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Der Versuch einer solchen Entfaltung wird hier unternommen, ohne zu sehr auf die Handlungsmacht der Dinge zu fokussieren. Diese Qualifizierung scheint uns aus zwei Gründen wichtig. Zum einen kreiste die Rezeption der ANT seitens der Geschichtswissenschaft bisher vor allem um die Frage nichtmenschlicher agency, was dazu geführt hat, dass die Vielfalt des methodischen Repertoires zu kurz kam. Wichtiger aber ist zum anderen, dass hier besonders die Gefahr besteht, den Charakter der ANT als, so Latour, „negatives Argument“92 zu verkennen. Die ANT stellt nicht positiv die Behauptung auf, dass Dingen stets Handlungsmacht zukommt; sie verneint nur, dass wir a priori, und das meint hier: vor der empirischen Forschung, wissen können, wer oder was in einer konkreten Situation als Akteur wirkt. Gleichwohl bleibt natürlich richtig, dass die empirischen Forschungen dann nachfolgend gezeigt haben, dass insbesondere die Wirkmächtigkeit von Dingen und Objekten von den Kulturwissenschaften systematisch unterschätzt und ausgeblendet wurde. Daneben muss noch betont werden, dass der Band und die Beiträge den Problemen von Macht und historischem Wandel nicht ausweichen wollen. Neben dem Vorwurf, die Wirkungsmacht der Dinge zu überschätzen, wird von Kritiker*innen des Ansatzes nämlich komplementär vorgebracht, die ANT würde andere wesentliche Aspekte der Wirklichkeit erheblich unterschätzen – weder könne sie Machtasymmetrien thematisieren noch historischen Wandel erklären.93 Sollte das zutreffen, dann wäre ANT im Grunde nicht für historisches Forschen geeignet. Es handelt sich jedoch unseres Erachtens um Missverständnisse. Das Missverständnis der Machtblindheit liegt nahe, wenn man die ANT für eine positive Sozialtheorie hält. Latours flache Ontologie und Laws barocke Sensibilität beinhalten aber gerade keine starken Behauptungen über die soziale Realität. Sie behaupten nicht, dass alle Akteure dieselbe Größe und dieselbe Macht haben, sondern entwickeln eine Methode, die soziale Realität so zu beschreiben, als ob alle Akteure zunächst dieselbe Größe und dieselben 92 93

Ebd., S. 245. Vgl. aus dem Kontext der Geschichtswissenschaft für den Vorwurf der Machtblindheit etwa Rudolf Schlögl, Anwesende und Abwesende. Grundriss für eine Gesellschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit, Konstanz 2014, S. 479: „Mit den Akteuren und Netzwerken Latours lässt sich Macht kaum dingfest machen.“ Den Vorwurf, die ANT könne, schlimmer noch: wolle historischen Wandel nicht erklären, erhebt etwa Angelika Epple, „Lokalität und die Dimensionen des Globalen. Eine Frage der Relationen“, in: Historische Anthropologie 21,1 (2013), S. 4–25, hier S. 12f.: „Wir erfahren, welche Beziehungen es gibt, welche Netzwerke entstehen, wie sich Beziehungen „versammeln“, wie also neue Einheiten, darunter auch Lokalitäten, entstehen. Warum sie dies tun, wie Machtverhältnisse auf die „Assoziationen“ einwirken, sie beschleunigen, sie verhindern oder erzwingen, auf diese Frage kann und will Latour keine Antwort geben.“

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Machtmittel hätten, um dann zu fragen, wie und durch welche Techniken die in der historischen Realität unbestreitbar vorhandenen Asymmetrien erzeugt werden.94 Es ist daher ganz im Gegenteil so, dass die ANT zumindest theoretisch ganz besonders zur Analyse von Machtverhältnissen geeignet ist.95 Anders verhält es sich vielleicht, wenn es um den zweiten kritischen Punkt geht, den historischen Wandel. Zwar gibt es auch hier kein grundsätzliches Problem: Mit der Infra-Sprache der ANT können auch großflächige und epochale Veränderungen beschrieben werden, auch und gerade für Makrophänomene kann die barocke Sensibilität genutzt werden, um nach unten zu schauen und mit Latour zu fragen: „In welchem Gebäude? In welchem Büro? Durch welchen Korridor erreichbar? Welchen Kollegen vorgelesen? Wie zusammengetragen?“96 Aber es fragt sich doch, welche Mechanismen für Transformationen der Akteur-Netzwerke namhaft gemacht werden können; es fragt sich, was passiert, wenn mehrere Assoziierungsvorgänge gleichzeitig ablaufen, wie sich die darauf entstehenden Akteur-Netzwerke gegenseitig beeinflussen.97 Aus Sicht der Geschichtswissenschaft müsste also insgesamt erst noch genauer geklärt werden, wie sich Akteur-Netzwerke in der Zeitdimension verhalten, wie sie interagieren und wie ihre Effekte aggregiert werden.98 Neben diesen inhaltlichen Qualifizierungen macht der barocke Titel aber auch noch ganz praktische Details sichtbar, die jedoch keineswegs unwichtig 94

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Vgl. in aller Klarheit Callon, Latour, Die Demontage des großen Leviathans (wie Anm. 66), S.  77: „Es gibt natürlich Makro- und Mikro-Akteure; die Unterschiede zwischen ihnen werden jedoch durch Machtverhältnisse und die Konstruktionen von Netzwerken hergestellt, die sich der Analyse entziehen, wenn wir a priori annehmen, dass Makro-Akteure größer oder überlegener seien als Mikro-Akteure.“ Vgl. auch Law, And if the global were small and noncohrent? (wie Anm. 77), und Chris Collinge, „Flat ontology and the deconstruction of scale. A response to Marston, Jones and Woodward“, in: Transactions of the Institute of British Geographers, New Series, 31,2 (2006), S. 244–251. Vgl. auch die unter der Überschrift „Macht in Akteur-Netzwerken“ versammelten Beiträge in Conradi, Derwanz, Muhle, Strukturentstehung durch Verflechtung (wie Anm. 17). Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 4)., S. 315f. Vgl. etwa erste Beiträge in Gerstenberger, Glasman, Techniken der Globalisierung (wie Anm.  47) und Conradi, Derwanz, Muhle, Strukturentstehung durch Verflechtung (wie Anm. 17), besonders Dominique Rudin, „Sozialität und Konflikt mit der Akteur-NetzwerTheorie denken. Skizze einer Heuristik aus historischer Perspektive“, in: ebd., S. 279–296. Latour, Wir sind nie modern gewesen (wie Anm. 3), S. 90–110, hat sich im Rahmen seiner Analyse der Moderne intensiv mit Zeit- und Geschichtlichkeit beschäftigt, wobei diese Anregungen bisher in der Geschichtswissenschaft kaum aufgenommen wurden, vgl. jetzt aber Fernando Esposito, „‚Posthistoire‘ oder: Die Schließung der Zukunft und die Öffnung der Zeit“, in: Lucian Hölscher (Hg.), Die Zukunft des 20. Jahrhunderts. Dimensionen einer historischen Zukunftsforschung, Frankfurt a. M. 2017, S. 279–301, hier S. 282–284.

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sind. Wenn der hier vorgelegte Sammelband das Potential von ‚Geschichte schreiben mit ANT‘ auslotet, dann wird dieses Ziel durch Zusammenstellung von Beiträgen aus unterschiedlichen Epochen und thematischen Kontexten zu erreichen versucht, in Form eines Experiments. Der Experimentcharakter gilt natürlich zunächst für das epochen- und subdisziplinübergreifende Format, aber auch für die mit diesem verfolgten Erkenntnisziele, denn ANT ist derzeit keine eingeführte und allgemeine Methode der Geschichtswissenschaft. Ein Experiment ist schließlich auch die soeben vorgenommene Entfaltung des Titels im Sinne der barocken Sensibilität von Law. Man kann den Titel auch anders verstehen und ihn anders kommentieren. Und nicht alle Beiträger*innen werden mit allem, was hier ausgeführt wurde, übereinstimmen. Aber das ist gewollt, zeigt es doch ein letztes Element der barocken Imagination: Sie unterstellt keine notwendigen Eindeutigkeiten und systemischen Zusammenhänge, sondern betont die Nicht-Kohärenz und Heterogenität der Wirklichkeit. Und genau deshalb bedarf es eben einiger Anstrengungen, das Soziale zu versammeln, das gegenwärtige wie das vergangene. III.

Experimente: Zu den Beiträgen des Bandes

Als erster Einstieg eignet sich der Beitrag von Tim Neu, der als „Kurzreiseführer“ angelegt ist. Er skizziert ‚zum Einstieg‘ zunächst, wie sich die Welt aus Sicht der ANT darstellt, nämlich als eine flache Wirklichkeit voller Assoziationen und Handlungsträger. Darauf folgen ‚Kurztrips‘ zu seinen eigenen Textlaboren, um den Leser*innen die Möglichkeit zu geben, die Beschreibungswerkzeuge der ANT in action zu erleben. Zur weiteren Erkundung dieser Wirklichkeit bieten sich die längeren ‚Reisebeschreibungen‘ der anderen Beiträge dieses Bandes an, auf die hier kurz hingewiesen sein soll. Wobei es sich wirklich nur um Hinweise und nicht um Zusammenfassungen handelt, deren Lektüre nicht den ‚Besuch‘ dieser sehens-, oder besser: lesenswerten Beschreibungsexperimente ersetzt. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und in keiner besonderen Reihenfolge: Assoziationen. Vom Kleinen ins Große: Stefan Droste lenkt den Blick auf die engen Vernetzungen, die frühneuzeitliche Zeitgenossen mit ihren Dingen eingingen, um sich als autonome und mondäne Akteure inszenieren zu können.99 Sven Petersen öffnet die Black Box frühneuzeitlicher Belagerungen, um die 99

Stefan Droste, „Die Materialität des Verlusts. Verlorene Dinge in den Kleinanzeigen der Berlinischen Nachrichten (1764–1769)“, in diesem Band, S. 145–168.

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verschiedenen heterogenen Praktiken (Schießen, Graben, Ausfallen) sichtbar zu machen, die für eine erfolgreiche Durchführung notwendig waren.100 Katharina Kreuder-Sonnen verfolgt den „Trampelpfad“, durch den die „transnationale Ausbreitung des Pasteurschen Tollwutnetzwerks“ gelang. Dieser war „maßgeblich abhängig von einem Kaninchen, das eine Reise nach Warschau überstehen“ musste, und ermöglicht durch „Bujwids Frau Kazimiera, durch Statistiken, die in der Gazeta Lekarska (Medizinische Zeitung) publiziert wurden, durch Warschauer Stadträte, kooperierende Ärzte und Patienten“.101 Bei Patrick Kilian geht es um schließlich um nichts weniger als ‚die NASA‘, die ein „weit verzweigtes Netzwerk aus beschwerlichen Auswahlverfahren, strapaziösen Trainingsprogrammen, psychiatrischen Gutachten, medizinischen Tests und sogar Kongressanhörungen mobilisieren“ musste, um Menschen, genauer: weiße Männer, ins All zu bringen.102 Handlungsträgerschaft. Jan Keupp weist darauf hin, dass das Schachspiel das Setting der europäischen Höfe des Mittelalters nachhaltig veränderte.103 Stefan Droste beschreibt, dass Suchanzeigen in frühneuzeitlichen Zeitungen unter anderem deshalb aufgegeben wurden, weil man sich von diesen eine verändernde Wirksamkeit dahingehend erhoffte, dass Gegenstände den Weg zurück zu ihren Besitzern fanden. Handlungsträgerschaft konnte aber auch verweigert werden, nicht nur Dingen und technischen Artefakten, sondern auch Frauen und Schwarzen, wie Patrick Kilian für das Raumfahrtprogramm der NASA erläutert. Die Antarktisexpeditionen um 1900 stützen sich, wie Pascal Schillings zeigt, ganz wesentlich auf die agency von Polarhunden,104 und Nadir Weber macht auf die verändernde Wirksamkeit von Kühen in einem Herrschaftskonflikt aufmerksam.105 Christian Vogel wendet sich einem technischen Artefakt zu: „Die Röntgenkugel war nicht nur Teil eines heterogenen Netzwerkes und brachte Hausärzte, Universitätsradiologen, Ideologien 100 101 102 103 104 105

Sven Petersen, „Militärische Mimesis. Belagerungen als globalisiertes Setting im 18. Jahrhundert“, in diesem Band, S. 125–144. Katharina Kreuder-Sonnen, „Als Ameise durch die transnationale Geschichte gehen. Überlegungen zu jeux d’échelles und Akteur-Netzwerk-Theorie in einer Geschichte transnationalen Wissenstransfers“, in diesem Band, S. 169–194, hier S. 190. Patrick Kilian, „Astronauts in action? Wie man Testpiloten in den Weltraum und durch die Gesellschaft folgt“, in diesem Band, S. 251–295, hier S. 252. Jan Keupp, „Damenwahl. Neue Allianzen auf und mit dem Schachbrett des Mittelalters“, in diesem Band, S. 73–102. Pascal Schillings, „Die erste deutsche ANTarktisexpedition von 1901–1903. Eine transnationale Vernetzungsgeschichte“, in diesem Band, S. 195–222. Nadir Weber, „Leviathan und die Kuhrevolte. Einige Überlegungen zu einer ANTinspirierten politischen Geschichte des Ancien Régime“, in diesem Band, S. 103–123.

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über Volksgesundheit, die Konkurrenz von Siemens oder die Regeltarife von Krankenkassen in eine bestimmte Beziehung zueinander, sondern trug auch wesentlich zur Stabilität des Netzwerkes selbst bei.“106 Textlabore. Mittelalterlichen Texte nutzen das Schachspiel, so Jan Keupp, um das höfische Leben intelligibel zu machen, während die von Sven Petersen untersuchten frühneuzeitlichen Belagerungsanleitungen hingegen materielle Wirkmächte in rein menschlichen Beherrschungsfantasmen invisibilisierten. Suchanzeigen verlorener Dinge weist Stefan Droste als frühneuzeitliche Beschreibungen einer „virtuellen Materialität“ aus, die zur Wiedergewinnung der Gegenstände führen sollte. Auch die von Nadir Weber analysierten Denkschriften führten eine deutlich heterogenere (Text-)Welt auf, in „insbesondere die Kühe, welche das französische Salz bevorzugten, und die Bauern, die gegen die preußische Herrschaft revoltieren würden, sollten ihre Tiere nicht das gewünschte Salz erhalten und die Nahrungsaufnahme verweigern“, eine handlungstragende Rolle spielten. Pascal Schillings zeigt, dass erst die narrative „Problematisierung der Antarktis am Ende des 19. Jahrhunderts“ diese zu einem lohnenden Forschungsobjekt machte, das in der Lage war, finanzkräftige Sponsoren zu gewinnen. Und Christian Vogel beschreibt, dass die „Darstellungen der Eigenschaften und Bedürfnisse des radiologisch kompetenten Hausarztes durch das Management von Siemens“ als „performative Ansprachen“ gesehen werden können. Ein letztes Wort zum Experimentcharakter dieses Bandes. In seiner Analyse von Pasteurs Experimenten mit dem Milchsäureferment hielt Latour fest: Selbstverständlich ist ein Experiment eine Geschichte, eine Erzählung und also solche erforschbar, doch als eine Geschichte, die an eine Situation gebunden ist, in der neue Aktanten furchtbaren Prüfungen unterzogen werden, die ein geschickter Bühneninspizient ersonnen hat. Woraufhin der Inspizient dann seinerseits wiederrum schrecklichen Prüfungen seitens seiner Kollegen unterzogen wird, wenn sie testen, wie es um die Bindungen zwischen der (ersten) Geschichte und der (zweiten) Situation bestellt ist.107

Die Prüfung einiger Akteur-Netzwerke ist erfolgt, die entsprechenden Situationsgeschichten sind hier versammelt – jetzt sind die testenden Kolleg*innen gefragt. 106 107

Christian Vogel, „Struktur – Ereignis – Situation. Ethnomethodologie, die AkteurNetzwerk-Theorie und das Problem des Kontexts in der Kulturgeschichte“, in diesem Band, S. 223–250, hier S. 247. Latour, Die Hoffnung der Pandora (wie Anm. 52), S. 152.

2. ANT als geschichtswissenschaftlicher Ansatz, oder: Kurzreiseführer für eine flache Wirklichkeit voller Assoziationen, Handlungsträger und Textlabore Tim Neu Was ist das eigentlich, ein ‚geschichtswissenschaftlicher Ansatz‘? Zugegeben, es wirkt zunächst abwegig, diese Frage aufzuwerfen, sprechen doch Historiker*innen heute ständig und völlig unproblematisch von ihrem je eigenen Forschungsansatz oder den im Rahmen der Geschichtswissenschaften verfolgten Ansätzen. Aber das war nicht immer so: Droysens Grundriss der Historik kennt weder ‚Ansatz‘ noch den Plural, und Bernheims Lehrbuch der historischen Methode und der Geschichtsphilosophie verwendet das Wort nur in alltagssprachlicher Weise, nämlich entweder in der Bedeutung von ‚Beginn‘ oder von ‚Festsetzung/Schätzung‘.1 Hier hilft der Ngram Viewer von Google weiter, zeigt er doch eindrücklich, dass beispielsweise der Begriff ‚Forschungsansatz‘ erst seit den frühen 1960er Jahren im deutschsprachigen Schrifttum überhaupt Verwendung fand, dann aber bis ungefähr 1980 eine überaus steile Karriere machte.2 Allerdings wurde selbst in soziologischen Veröffentlichungen noch Ende der 1970er Jahre an zentraler Stelle in deutlich distanziertem Ton von einem „abwägenden Vergleich theoretischer ‚Ansätze‘ oder ‚Richtungen‘ in den Sozialwissenschaften“3 gesprochen. Es handelt sich also keineswegs um einen selbstverständlichen Begriff, so dass die Frage nach seinem Inhalt nicht so abwegig ist. 1 Johann Gustav Droysen, Grundriss der Historik, 3., umgearb. Aufl., Leipzig 1882; Ernst Bernheim, Lehrbuch der historischen Methode und der Geschichtsphilosophie. Mit Nachweis der wichtigsten Quellen und Hilfsmittel zum Studium der Geschichte, 3. und 4., völlig neu bearb. und verm. Aufl., Leipzig 1903, hier S. 639 („als ersten Ansatz zu“) und S. 110 („quantitativ in Ansatz zu bringen“). 2 Google Ngram Viewer, https://books.google.com/ngrams, Suchbegriff ‚Forschungsansatz‘ im Korpus ‚German‘. Parallelsuchen zu ‚Ansatz‘, ‚historischer Ansatz‘ und ‚wissenschaftlicher Ansatz‘ bestätigen den Befund. 3 Joachim Matthes, „Einleitung: Theorienvergleich in den Sozialwissenschaften. Ein Bericht über die Diskussion seit dem Kasseler Soziologentag“, in: Karl Martin Bolte (Hg.), Materialien aus der soziologischen Forschung. Verhandlungen des 18. Deutschen Soziologentages vom 28. September bis 1. Oktober 1976 in Bielefeld, Darmstadt 1978, S. 1010–1023, hier S. 1010.

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In aktuellen Einführungen in die Geschichtswissenschaften ist der Begriff inzwischen bis in die Gliederungsstruktur vorgedrungen, es finden sich etwa Kapitel wie „Teilgebiete und neuere Forschungsansätze“ oder „Teilfächer und Forschungsansätze“.4 Die Komposition der Überschriften verweist zum einen auf eine Gemeinsamkeit, insofern sowohl Gebiete wie auch Ansätze vor allem als Phänomene der Forschungspraxis und der Fachgeschichte ausgewiesen werden. Zum anderen wird aber auch eine Differenz markiert, die darin besteht, dass Teilgebiete und -fächer von konkreten Forschungsgegenständen her bestimmt werden, während Ansätze vielmehr, so Gabriele Lingelbach und Harriet Rudolph, charakterisiert seien „durch einen besonderen Blickwinkel auf die Vergangenheit“ und „durch die Anwendung spezifischer Fachbegriffe und Modelle“.5 Diese Definition legt nahe, dass der seit den 1960er Jahren aufkommende ‚Ansatz‘ aller Wahrscheinlichkeit nach eine Lehnübersetzung des englischen approach darstellt, denn laut des Oxford English Dictionary ist damit schon seit der Wende zum 20. Jahrhundert etwas ganz ähnliches gemeint, nämlich ein „way of considering or handling something, esp. a problem“.6 Vor dem Hintergrund dieser kurzen Verwendungsskizze und im Anschluss an die eher räumlich-aktive Metaphorik von approach und handling lässt sich ‚Ansatz‘ begrifflich präziser fassen als Verbindung einer sehr grundlegenden (perspektivierenden/konstituierenden) Herangehensweise an etwas mit (an theoretischer Modellbildung orientierten und methodisch kontrollierten) Handhabungsweisen dieses Etwas.7 Damit handelt es sich um einen – ausnahmsweise nützlichen – Containerbegriff, der so unterschiedliche Dinge wie ontologische Annahmen, Erkenntnisinteressen, Theorien, Konzepte, Methoden und nicht zuletzt empirische Untersuchungen bündelt, und mit dem man in Zeiten von wissenschaftlicher Pluralität gut arbeiten kann. Geschichtswissenschaftlich ist ein solcher Ansatz dann zu nennen, wenn sich die in ihm enthaltenen Herangehens- und Umgangsweisen auf die Prozesse der menschlichen Auseinandersetzung mit dem historischen Material richten, mittels derer Relationen und Wechselwirkungen zwischen der anwe4 Hans-Werner Goetz, Proseminar Geschichte. Mittelalter, 3., überarb. Aufl., Stuttgart 2006, S. 329–370; Gabriele Lingelbach, Harriet Rudolph, Geschichte studieren. Eine praxisorientierte Einführung für Historiker von der Immatrikulation bis zum Berufseinstieg, Wiesbaden 2005, S. 173–177. 5 Ebd., S.  175. Analog zu ‚Blickwinkel‘ spricht auch Goetz, Proseminar Geschichte (wie Anm.  4), S.  350, in diesem Kontext von „Perspektiven“ und macht den polemischen und revisionistischen Charakter von Ansätzen stark. 6 „approach, n.“, in: OED Online, Oxford University Press, December  2019, www.oed.com/ view/Entry/9837. Accessed 21 February 2020. 7 Zur Modellbildung als Kern von Theoriearbeit vgl. Andrew Pickering, „Die Mangel der Praxis“, in: ders., Kybernetik und Neue Ontologien, Berlin 2007, S. 17–61, hier S. 52.

ANT als geschichtswissenschaftlicher Ansatz

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senden Gegenwart und der abwesenden Vergangenheit etabliert, aufrechterhalten, verändert und/oder abgebrochen werden.8 Wenn dementsprechend, so Achim Landwehr, das „Grundgesetz der historischen Relationierung“ darin besteht, dass „in der Geschichtsschreibung alles mit allem zusammengehängt werden kann“, dann muss sich ein geschichtswissenschaftlicher Ansatz daran messen lassen, wie nachvollziehbar und mit welchem Erkenntnismehrwert er welche Formen des Zusammenhängens möglich macht.9 Die im Kontext der Science and Technology Studies seit den frühen 1980er Jahren aus der soziologisch-kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Praxis der modernen Naturwissenschaften entstandene AkteurNetzwerk-Theorie (=ANT) versteht sich nun schon laut Aussage vieler ihrer Vertreter*innen ganz ausdrücklich und im Sinne der soeben vorgenommenen Begriffsbestimmung als „approach“ bzw. „Ansatz“ und nicht im engeren Sinne als ‚Theorie‘ – verwirrenderweise gegen die inzwischen eingeführte (Selbst-)Bezeichnung.10 Ob sie aber auch als geschichtswissenschaftlicher Ansatz gelten kann, möchte ich im Folgenden anhand eigener Forschungen und mit Verweis auf weiterführende Überlegungen in den Beiträgen des vorliegenden Bandes prüfen.11 8 9 10

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Vgl. zu dieser prozessorientierten Konzeption des Historischen Achim Landwehr, Die anwesende Abwesenheit der Vergangenheit. Essay zur Geschichtstheorie, Frankfurt a. M. 2016. Ebd., S. 148. John Law, „Actor network theory and material semiotics“, in: Bryan S. Turner, The new Blackwell companion to social theory, Oxford 2009, S. 141–158, hier S. 141, und die Übersetzung: ders., „Akteur-Netzwerk-Theorie und materiale Semiotik“, in: Tobias Conradi, Heike Derwanz, Florian Muhle (Hg.), Strukturentstehung durch Verflechtung. AkteurNetzwerk-Theorie(n) und Automatismen, Paderborn 2011, S. 21–48, hier S. 21; an dieser Stelle auch die Ablehnung der Bezeichnung als Theorie; vgl. auch Bruno Latour, Reassembling the social. An introduction to actor-network-theory, Oxford 2005, S.  10 („approach“) und die Übersetzung: ders., Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Berlin 2010, S.  24 („Ansatzes“). Die Ablehnung des TheorieStatus etwa in ders., „On Recalling ANT“, in: John Law, John Hassard (Hg.), Actor network theory and after, Oxford 1999, S. 15–25, hier S. 19–21. Es geht damit nicht um eine Vorstellung der ANT als solcher; vgl. dazu die in der vorherigen Anmerkung genannten ‚Einführungstexte‘ zweier wichtiger Vertreter und, in aufsteigendem Umfang, Birgit Peuker, „Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT)“, in: Christian Stegbauer, Roger Häußling (Hg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, S. 325– 335; Georg Kneer, „Akteur-Netzwerk-Theorie“, in: ders., Markus Schroer (Hg.), Handbuch soziologische Theorien, Wiesbaden 2009, S. 19–39; Andréa Belliger, David J. Krieger, „Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie“, in: dies. (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 13–50; Lars Gertenbach, Henning Laux, Zur Aktualität von Bruno Latour. Einführung in sein Werk, Wiesbaden; Anders Blok, Ignacio Farías, Celia Roberts (Hg.), The Routledge companion to actor-network theory,

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Dazu werde ich zunächst die material-semiotische und performanzorientierte Herangehensweise der ANT skizzieren und deutlich machen, was aus dieser für das Phänomen des Historischen und geschichtswissenschaftliches Arbeiten im Allgemeinen folgt (I.). Da aber die ANT eben keine Theorie im herkömmlichen Sinne darstellt, also kein theoretisches Begriffsund Aussagesystem formuliert, das dann in der empirischen Forschung einfach ‚angewendet‘ werden kann, werde ich in einem kurzen ‚Zwischenspiel‘ darüber nachdenken, wie der Zusammenhang ANT-spezifischer „Werkzeuge, Sichtweisen und Analysemethoden“12 und empirisch-historischer Forschung jenseits des Modells der ‚Theorieanwendung‘ gedacht werden könnte (II.). Drittens geht es dann ganz konkret um die verschiedenen Umgangsweisen, die von der ANT bereitgestellt werden, um historische Phänomene untersuchen und textlich zur Aufführung bringen zu können. Den ‚Werkzeugkoffer‘ des Ansatzes werde ich dabei vor allem dadurch füllen, dass ich aus dem Zentralbegriff des ‚Akteur-Netzwerks‘ verschiedene Umgangsweisen mit historischen Phänomenen extrahiere (III.). Abschließend werde ich resümieren, welchen Erkenntnismehrwert die ANT als geschichtswissenschaftlicher Ansatz zu liefern in der Lage ist, und im Ausblick einige allgemeinere Überlegungen zum Schreiben geschichtswissenschaftlicher Texte anstellen. I.

Nicht springen! Die grundlegende Herangehensweise der Akteur-Netzwerk-Theorie

Historiker*innen springen gerne. Geschichtswissenschaft will – wie alle anderen Wissenschaften auch – erklären, d.h. unter Bezug auf Gründe plausibel machen, warum etwas historisch der Fall war oder sich ereignete.13 Aus disziplinhistorischen Gründen besteht jedoch in der Regel die – zumeist unausgesprochene – Zusatzanforderung, dass die erklärenden Gründe nicht derselben ‚Ebene‘ oder demselben ‚Bereich‘ angehören sollten wie die zu erklärenden Phänomene. Wer etwa Handlungen ausschließlich unter Verweis

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London 2020. – Zur bisherigen Rezeption in den Geschichtswissenschaften vgl. Marian Füssel, Tim Neu, Reassembling the past?! Zur Einführung, in diesem Band, S. 1–25. Law, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm. 10), S. 21. Mit Hermann Lübbe, Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse. Analytik und Pragmatik der Historie, Basel 1977, vor allem S. 48–53, ist klar, dass ‚Erklären‘ und ‚Verstehen‘ weder einen Gegensatz bezeichnen noch als Charakteristikum für natur- bzw. kulturwissenschaftliche Zugänge namhaft gemacht werden können, sondern „das Verhältnis der beiden Begriffe so zu bestimmen ist, dass wir, wo wir nicht verstehen, einer Erklärung bedürfen, und dass wir verstehen, nachdem uns erklärt worden ist“ (S. 51).

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auf andere Handlungen erklärt oder Ideen aus anderen Ideen, der/die setzt sich schnell dem Verdacht aus, er/sie liefere gerade keine Erklärung, sondern nur eine ‚bloße Beschreibung‘ und begehe damit die Todsünde post-historistischer Geschichtswissenschaft.14 Daher wird gesprungen: Sozialhistoriker*innen springen typischerweise von den Ereignissen/Handlungen zu den Strukturen (um erstere aus letzteren zu erklären), Weltsystemtheoretiker*innen in derselben Absicht von der Mikro- auf die Makroebene. Aber wer springen will, um zu erklären, braucht Dichotomien, die erst die ‚Täler‘ und ‚Klüfte‘ etablieren, über die man anschließend springen kann, etwa Handlung/Struktur oder Mikro/Makro. Allerdings kann man theoretisch auch immer in umgekehrter Richtung springen. Und tatsächlich lassen sich die ‚Theoriedebatten‘ der Geschichtswissenschaft als periodische Umkehrung der Sprungrichtung verstehen: In der Hoffnung auf bessere Erklärungen begannen Historische Anthropolog*innen und Mikrohistoriker*innen auf einmal umgekehrt von den Strukturen zu den Handlungen/Ereignissen zu springen und Globalhistoriker*innen vom Makro ins Mikro. Abgesehen von der unbestreitbaren feldstrategischen Nützlichkeit solcher Revisionismen für die Karrieren der Revisionisten,15 sind diese periodischen Umkehrungen doch auch in der Sache begründet, da offenbar keine Sprung- und damit 14

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Vgl. statt vieler nur Lingelbach, Rudolph, Geschichte studieren (wie Anm.  4), S.  171: „Historische Forschung bleibt nicht bei der Beschreibung historischer Phänomene stehen, sondern fragt nach Ursachen und Folgen und damit nach übergeordneten historischen Zusammenhängen“. Einen entsprechenden Vorwurf gegen die ANT richtet Angelika Epple, „Lokalität und die Dimensionen des Globalen. Eine Frage der Relationen“, in: Historische Anthropologie 21,1 (2013), S.  4–25: Zwar könne es „von Latour inspiriert gelingen, auch neue Beziehungen zu erkennen und diese genauer zu beschreiben“, aber letztlich werfe dieser „mit seiner ‚flachen Soziologie‘ ganz bewusst und explizit etwas über Bord, was ich – zumindest für die Geschichtswissenschaft – für unentbehrlich halte: den Anspruch auf Erklärungen“ (S.  12, Hervorhebungen von mir, TN). – Der schlechte Leumund der Beschreibung in den Geschichtswissenschaften verdankt sich vor allem der disziplinhistorisch bedingten Historismusphobie, die sich jedoch eigentlich gegen die „populäre naive Vorstellung, die Geschichte sei ‚bloße‘ Beschreibung vorgefundener Wirklichkeiten“ (Max Weber, „Kritische Studien auf dem Gebiet der kulturwissenschaftlichen Logik“, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hg. von Johannes Winckelmann, 5., erneut durchges. Aufl., Tübingen 1982, S.  215–290, hier S.  237) richtet; eine Position, die vom Historismus so nie vertreten wurde, vgl. Ulrich Muhlack, Geschichtswissenschaft im Humanismus und in der Aufklärung. Die Vorgeschichte des Historismus, München 1991, S.  412–435; vgl. aber die positive Bezugnahme auf das Beschreiben bei Landwehr, Die anwesende Abwesenheit (wie Anm. 8), S. 209–230. Vgl. Pierre Bourdieu, „Über einige Eigenschaften von Feldern“, in: ders., Soziologische Fragen, Frankfurt a. M. 1993, S. 107–114, hier S. 109, wo es um die „Strategien der Häresie“ geht, die als „Umsturzstrategien“ gekennzeichnet werden.

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Erklärungsrichtung von einem Pol der Dichotomie zum anderen für sich genommen dauerhaft überzeugen kann. Auch die ANT hat dafür ein feines Gespür: In zwei entgegengesetzte Richtungen hin- und hergezogen, befindet die Forscherin sich in einer unmöglichen Situation. Wenn sie bei den Interaktionen bleibt, ist sie gezwungen, wegzugehen und die ‚Dinge in ihrem größeren Rahmen‘ zu betrachten. Doch wenn sie schließlich diesen strukturierenden Kontext erreicht, wird von ihr verlangt, die ‚abstrakte Ebene‘ wieder zu verlassen und zum ‚wirklichen Leben‘, zum ‚menschlichen Maßstab‘ oder an ‚lebende Stätten‘ zu gelangen.16

Auch in der geschichtswissenschaftlichen Theoriedebatte ist dieses Problem nicht unbemerkt geblieben. Die inzwischen einigermaßen orthodoxe Lösung besteht darin, die Situationsbeschreibung zwar grundsätzlich zu akzeptieren, aber ihren ‚unmöglichen‘ Zumutungscharakter dadurch zu bannen, dass man die beiden Pole der Dichotomie dialektisch aufeinander bezieht. Ist eine solche „Wechselbestimmung“17 erst einmal etabliert, kann man sie dann durch Konzepte wie Bourdieus Habitus oder Giddens’ Strukturierung näher bestimmen, um den Forscher*innen Methoden für das Pendeln zwischen den Polen an die Hand zu geben – Anleitungen für die Sprünge vom Handeln zur Struktur, vom Mikro zum Makro und jeweils zurück.18

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Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 291f. Johann Gottlieb Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre. Als Handschrift für seine Zuhörer (1794), Hamburg 1997, S.  51f.: „Ich kann ausgehen, von welchem der Entgegengesetzten ich will, und habe jedesmal durch eine Handlung des Bestimmens zugleich das andere bestimmt. Diese bestimmtere Bestimmung könnte man füglich Wechselbestimmung (nach der Analogie von Wechselwirkung) nennen.“ Vgl. Pierre Bourdieu, Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1976, und Anthony Giddens, Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung, Studienaus., 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1997; vgl. weiterhin Wolfgang Bonß u.a., Handlungstheorie. Eine Einführung, Bielefeld 2013, wo als zentrale Gemeinsamkeit namhaft gemacht wird, dass beide Denker daran interessiert sind, „die Dialektik von Mikro- und Makroebene herauszuarbeiten“ (S. 224). – Für die geschichtswissenschaftliche Rezeption dieser Dialektik vgl. nur Thomas Welskopp, „Der Mensch und die Verhältnisse. ‚Handeln‘ und ‚Struktur‘ bei Max Weber und Anthony Giddens“, in: Thomas Mergel, ders. (Hg.), Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte, München 1997, S. 39–70, hier S. 66f.; Sven Reichardt, „Bourdieu für Historiker? Ein kultursoziologisches Angebot an die Sozialgeschichte“, in: ebd., S. 71–93, hier S. 83, und – mit mutmaßlich großer Multiplikatorwirkung – Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, Frankfurt a. M. 2001, S. 179–194 und S. 390–400.

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So elegant diese ‚dialektische Lösung‘ jedoch auf den ersten Blick erscheint, so wirft sie doch eine schwierige Anschlussfrage auf: Wonach bestimmt sich, welche der beiden möglichen Erklärungsrichtungen im konkreten Untersuchungsfall eingeschlagen, wie also gesprungen werden soll?19 Man kann nun mit guten Gründen auf den Versuch einer wiederum theoretischen Klärung dieses Problems verzichten und die Wahl von Theorieansätzen und Erklärungsrichtungen beispielsweise „Geschmack und Urteilskraft“20 der historisch forschenden Praktiker*innen überlassen. Die ANT hingegen geht einen anderen Weg, denn sie will das Springen, das sich als so problematisch erwiesen hat, nicht erleichtern, sondern im Gegenteil schlicht und einfach unnötig machen. Und als radikales Mittel zu diesem Zweck wird gefordert: die Abschaffung des Denkens in Dichotomien.21 Diese Forderung und ihre Folgen konstituieren meines Erachtens die grundlegende Herangehensweise der Akteur-Netzwerk-Theorie. Das zeigt sich schon theoriegeschichtlich daran, dass sie als Ansatz gerade da entstand und möglich wurde, wo zwei Fundamentaldichotomien der westlichen Moderne aufgehoben wurden: erstens die Unterscheidung von Natur und Kultur und als logische Folge davon zweitens diejenige zwischen den am ‚materiellen Sein‘ interessierten (ontologischen) Naturwissenschaften und den semiotischen, an Sinn und Bedeutung interessierten Kulturwissenschaften.22 Dieser Schritt hat sich vor allem in der oft kontraintuitiv anmutenden Terminologie der ANT 19

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Vgl. Rüdiger Graf, „Was macht die Theorie in der Geschichte? ‚Praxeologie‘ als Anwendung des ‚gesunden Menschenverstandes‘“, in: Jens Hacke, Matthias Pohlig (Hg.), Theorie in der Geschichtswissenschaft. Einblicke in die Praxis des historischen Forschens, Frankfurt a. M. 2008, S.  109–129, hier S.  123f. Ich teile seine Kritik an der dialektischen Lösung, nicht jedoch seine Kritik an der Praxeologie. Matthias Pohlig, „Geschmack und Urteilskraft. Historiker und die Theorie“, in: ebd., S. 25–39. Genauer: Es wird nicht bestritten, dass es wirkliche Unterschiede im Sinne der Dichotomien gibt, man beispielsweise lokalere von globaleren Phänomenen unterscheiden kann. Abgelehnt wird nur die Vorstellung, dass die empirisch vorliegenden Unterschiede auf apriorisch vorgegebene Dichotomien zurückgehen; vgl. Michel Callon, Bruno Latour, „Die Demontage des großen Leviathans. Wie Akteure die Makrostruktur der Realität bestimmten und Soziologen ihnen dabei helfen“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 11), S. 75–101, hier S. 77; vgl. auch den Beitrag von Christian Vogel in diesem Band. Vgl. Bruno Latour, „Über die Akteur-Netzwerk-Theorie. Einige Klarstellungen“, in: Lore Knapp (Hg.), Literarische Netzwerke im 18. Jahrhundert. Mit den Übersetzungen zweier Aufsätze von Latour und Sapiro, Bielefeld 2019, S. 35–43, hier S. 57; Gustav Roßler, „Zur AkteurNetzwerk-Theorie“, in: ebd., S. 35–43, zeichnet ein etwas anderes Bild: „Man könnte die Akteur-Netzwerk-Theorie mit einem feinstrebigen Gewölbe vergleichen, das auf den drei Pfeilern Semiotik, Methode, Ontologie ruht.“ (S. 40). Ich würde eher sagen, dass sie als Methode möglich wird, indem und wenn die Unterscheidung zwischen Semiotik und Ontologie aufgehoben wird.

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niedergeschlagen, in der die Pole der nunmehr aufgehobenen Dichotomie vielfach zusammengezogen sind: John Law charakterisiert die ANT dementsprechend als „materiale Semiotik“, die sich zur Aufgabe macht, so Bruno Latour, hybride „Naturen/Kulturen“ zu erforschen.23 Was aber bedeutet es konkret, das „verallgemeinerte Symmetrieprinzip“24 zu befolgen und die Asymmetrie zwischen Kultur und Natur, die „absolute Unterscheidung zwischen Repräsentationen und Dingen“25 aufzuheben? Erstens erhält man eine einheitliche Welt, die keine a priori voneinander getrennten ‚Bereiche‘, wie im Fall von Natur/Kultur, oder ‚Ebenen‘ (Mikro/Makro) mehr kennt, sondern eine ‚flache Ontologie‘ aufweist.26 Insofern sich aber Wirklichkeit nur auf einer einheitlichen Ebene ereignet, gibt es auch keine vorgegebenen Unterschiede mehr zwischen den Bestandteilen dieser einen Wirklichkeit: Weil man also gleichzeitig „die Dinge in den Rang von Texten erhebt“ und die „Texte in den ontologischen Status von Dingen“, weisen sowohl Dinge wie Texte nunmehr die Eigenschaften der beiden vorher getrennten Bereiche auf – „die Handlung, die Vielfalt und die zirkulierende Existenz“, kurz: die sinnstiftende Performanz der Texte (Kultur) und die „Realität, Festigkeit, Externalität“ der Dinge (Natur).27 Von der Atombombe bis zur Ameise, vom Bleistift bis zur Bundeskanzlerin, alle Bestandteile der Wirklichkeit sind aus Sicht der ANT immer auch „Hybriden, Mischwesen zwischen Natur und Kultur“,28 oder, mit Donna Haraway gesprochen, „Cyborgs“, jedes Phänomen ein „hybrid of machine and organism, a creature of social reality as well as a

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Law, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm.  10), S.  21; Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt a. M. 2008, S. 141. Der ANTFachbegriff für „Natur/Kultur“ lautet „Kollektiv“, vgl. ders., Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft, Frankfurt a. M. 2002, S. 376; vgl. auch Gertenbach, Laux, Zur Aktualität (wie Anm.  11), S.  109, wo die Aufhebung der Natur/ Kultur-Dichotomie als Beispiel für die „erste Grundregel“ eines von Latour inspirierten Ansatzes angeführt wird, und Peuker, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm.  11), S.  326, sowie Kneer, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm. 11), S. 21f. Latour, Wir sind nie modern gewesen (wie Anm. 23), S. 125. Latour, Über die Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm. 22), S. 57. Die Annahme einer flachen Ontologie ist nicht nur die ANT typisch, sondern überhaupt für die praxeologische ‚Theoriefamilie‘, zu der die ANT gehört; vgl. etwa Theodore  R. Schatzki, „Praxistheorie als flache Ontologie“, in: Hilmar Schäfer (Hg.), Praxistheorie. Ein soziologisches Forschungsprogramm, Bielefeld 2016, S.  29–44, und für eine geschichtswissenschaftliche Aneignung Tim Neu, „Geld gebrauchen. Frühneuzeitliche Finanz-, Kredit- und Geldgeschichte in praxeologischer Perspektive“, in: Historische Anthropologie, 27,1 (2019), S. 75–103. Latour, Über die Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm. 22), S. 57. Latour, Wir sind nie modern gewesen (wie Anm. 23), S. 19.

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creature of fiction“.29 Menschen, Tiere, Dinge, Ideen, Institutionen, Diskurse, Dispositive, Strukturen – you name it –, sie alle weisen sowohl materielle wie semiotische Elemente auf. In Laufe der Entwicklung der ANT ist man dann auch in der Terminologie noch weiter vom Denken in Dichotomien abgerückt: Sprach man zu Beginn, wie erwähnt, von „Mischwesen zwischen Natur und Kultur“ (Latour), so würde man heute noch abstrakter formulieren, dass für alle Wesen beziehungsweise Phänomene konstitutiv ist, dass sie aus (im Verhältnis zueinander) heterogenen Elementen bestehen.30 Welche Elemente das im Einzelnen sind (Dinge, Tiere, Menschen, Institutionen …), und ob es sinnvoll ist, diese mittels der Unterscheidung materiell/semiotisch zu gruppieren, lässt sich dann nur empirisch beziehungsweise für konkrete Forschungsprojekte entscheiden. Die ANT nimmt also, so könnte man im Anschluss an Andrew Pickering sagen, „ein unmittelbares symmetrisches Engagement zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem“ an. Damit ist die Herangehensweise aber noch nicht hinreichend charakterisiert, denn hinzu kommt noch die Überzeugung, dass dieses Engagement als „ein wesenhaft zeitliches Werden“ verstanden werden muss.31 Nicht nur weisen alle Phänomene materielle und semiotische Bestandteile auf, sondern sie entstehen als einheitliche Phänomene mit bestimmten Eigenschaften überhaupt erst in Prozessen der

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Donna J. Haraway, „A cyborg manifesto. Science, technology, and socialist-feminism in the late twentieth century“, in: dies., Simians, cyborgs, and women. The reinvention of nature, New York, NY 1991, S. 149–181, hier S. 149; vgl. auch, mit explizitem Bezug auf Haraways Cyborgbegriff, John Law, Aircraft stories. Decentering the object in technoscience, Durham 2002, S. 3 und S. 162. Die Erwähnung von Haraway deutet schon darauf hin, dass die ANT die Ablehnung der Natur/Kultur-Unterscheidung mit der feministischen Wissenschaftsforschung teilt sowie mit der Praxeographie, wie sie u.a. von Annemarie Mol betrieben wird; vgl. die jeweiligen Kapitel in Susanne Bauer, Torsten Heinemann, Thomas Lemke (Hg.), Science and Technology Studies. Klassische Positionen und aktuelle Perspektiven, Berlin 2017; vgl. auch Katrin Späte, „Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT). Potentiale für die Geschlechterforschung“, in: Beate Kortendiek, Birgit Riegraf, Katja Sabisch (Hg.), Handbuch interdisziplinäre Geschlechterforschung, Bd. 1, Wiesbaden 2019, S. 379–387. Vgl. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 17: „Assoziationen zwischen heterogenen Bestandteilen“; Law, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm.  10), S.  21: „materiell und semiotisch heterogener Beziehungen“; vgl. auch Kneer, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm.  11), S.  19; Peuker, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm.  11), S.  325; Gustav Roßler, „Kleine Galerie neuer Dingbegriffe: Hybriden, Quasi-Objekte, Grenzobjekte, epistemische Dinge“, in: Georg Kneer, Markus Schroer, Erhard Schüttpelz (Hg.), Bruno Latours Kollektive, Frankfurt a. M. 2008, S. 76–107, hier S. 80. Andrew Pickering, „Neue Ontologien“, in: ders., Kybernetik und Neue Ontologien (wie Anm. 7), S. 63–86, hier S. 68.

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Assoziation heterogener Elemente.32 Unabhängig davon, ob es sich unserem Alltagsverständnis nach um natürliche Phänomene handelt, wie etwa die von Annemarie Mol untersuchte Arteriosklerose, oder um angeblich kulturelle wie die Ökonomie, der das Interesse von Michel Callon gilt, sie alle sind aus Sicht der ANT durch Prozesse der Verkettung und Vernetzung performativ hervorgebracht („enacted“) als emergente Effekte, sie sind also mehr als die Summe der an ihrer Hervorbringung beteiligten Elemente.33 Es gibt also für die ANT nur eine einheitlich ‚flache‘ Wirklichkeit, deren Phänomene hybrid und zeitlich emergent sind, oder in den Worten von John Law: Somit beschreibt der Akteur-Netzwerk-Ansatz, wie auch andere materialsemiotische Ansätze, das Enactment materiell und diskursiv heterogener Beziehungen, welche eine Vielzahl an Akteuren hervorbringen und neu verflechten, darunter Objekte, Subjekte, Menschen, Maschinen, Tiere, ‚die Natur‘, Ideen, Organisationen, Ungleichheiten, Größenordnungen und Größen sowie geografische Ordnungen.34

Diese Herangehensweise, das dürfte inzwischen klargeworden sein, ist in mehrfacher Hinsicht radikal, stellt sie doch nicht nur lang gehegte Annahmen über die Wirklichkeit grundlegend infrage, sondern verlangt eine ebenso fundamentale Neuorganisation der Erforschung dieser Wirklichkeit – wenn der Bezug auf die ANT nicht nur zu einem Fall von „Theorie als intellektueller Zierrat“ gerät.35 Diese Radikalität provoziert alle Wissenschaften gleichermaßen, 32

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Der gerade in der Frühzeit der ANT häufig verwendete Begriff der ‚Übersetzung‘ ist weitgehend identisch mit dem der ‚Assoziation‘, vgl. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 183, mit Bezug auf Michel Callon, „Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung. Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc-Bucht“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 11), S. 135–174. Vgl. Annemarie Mol, The body multiple. Ontology in medical practice, Durham 2002, dies., „Krankheit tun“, in: Bauer, Heinemann, Lemke, Science and Technology Studies (wie Anm. 29), S. 429–467; Michel Callon, „What does it mean to say that economics is performative“, in: Donald A. MacKenzie, Fabian Muniesa, Lucia Siu (Hg.), Do economists make markets? On the performativity of economics, Princeton 2007, S. 311–357; der Begriff des Enactments ist besonders mit dem Werk von Mol verbunden, vgl. dazu Estrid Sørensen, Jan Schank, „Praxeographie. Einführung“, in: Bauer, Heinemann, Lemke, Science and Technology Studies (wie Anm. 29), S. 407–428, bes. S. 410–413; vgl. auch für die fachspezifische Rezeption des Performativitätskonzepts Jürgen Martschukat, Steffen Patzold (Hg.), Geschichtswissenschaft und ‚performative turn‘. Ritual, Inszenierung und Performanz vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Köln 2003. Law, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm. 10), S. 21 (Hervorhebung im Original); vgl. auch Roßler, Zur Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm. 22), S. 43. Matthias Pohlig, Jens Hacke, „Einleitung: Was bedeutet Theorie für die Praxis des Historikers?“, in: dies., Theorie in der Geschichtswissenschaft (wie Anm. 19), S. 7–23, hier S. 12.

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vor allem im Hinblick auf den Handlungsbegriff,36 aber die entscheidende Abschaffung des Denkens in Dichotomien hat auch für die Geschichtswissenschaften spezifische Folgen. Zum einen folgt aus der Aufhebung der Dyade Natur/Kultur eine massive Aufwertung von Geschichtlichkeit. Der erste Paragraph von Droysens Grundriss der Historik vollzieht noch mustergültig die von Latour als Inbegriff der europäischen Moderne erkannte Unterscheidung, wenn „Natur und Geschichte“ bestimmt werden als „die weitesten Begriffe, unter denen der menschliche Geist die Welt der Erscheinungen fasst“.37 An der Natur fasse man „das Stetige, […] auf: die Regel, das Gesetz, den Stoff, die Raumerfüllung“, während man Geschichtlichkeit allein, „[i]n diesem rastlosen Nacheinander, in dieser sich in sich selbst steigernden Continuität“ finden könne, die der „sittlichen Welt“ eigen sei – nur die Kultur hat Geschichte, nicht aber die Natur.38 Folgt man jedoch der Herangehensweise der ANT und schafft die mutmaßlich bis heute im ‚disziplinären Unbewussten‘ der Geschichtswissenschaft präsente Dichotomie ab,39 dann fällt damit auch die Beschränkung der Geschichtlichkeit auf den Bereich der menschlichen Kultur: „Geschichte ist nicht mehr bloß Geschichte der Menschen“, sondern, so Latour, „sie wird auch Geschichte der Naturdinge.“40 Naturdinge werden nicht mehr in ihrem immer gleichen, gesetzmäßigen Sein ‚entdeckt‘, sondern in raumzeitlich konkreten Settings ‚gemacht‘. Auch für sie ist nun möglich, was Droysen noch für die Menschen reservieren wollte – „aus ihrem Werden ihr Sein zu verstehen“.41 In der ungeschiedenen, ‚flachen‘ Welt der ANT ist die Zeit damit kein neutraler 36

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Handlungsträgerschaft (agency) wird von den Sozial- und Kulturwissenschaften klassischerweise nur Menschen zugesprochen. Die ANT hingegen generalisiert agency, insofern „jedes Ding, das eine gegebene Situation verändert, indem es einen Unterschied macht“ (Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 123 (Hervorhebung im Original)) als Akteur gilt. Zudem wird konkretes Handeln nicht so sehr einzelnen Akteuren, sondern ihrer Vernetzung zugerechnet, es gilt als „entlehnt, verteilt, suggeriert, beeinflußt, dominiert, verraten, übersetzt“ (ebd., S.  82); vgl. zu beiden Punkten auch Gertenbach, Laux, Zur Aktualität (wie Anm. 11), S. 121–128. Droysen, Grundriss der Historik (wie Anm. 1), S. 7. Es geht hier nicht um ein StrohmannArgument, denn Droysens Historik stellt bis heute eine maßgebliche Fassung geschichtstheoretischen Denkens dar. Ders., „Natur und Geschichte“, in: ebd., S. 69–80, hier S. 75. Vgl. Pierre Bourdieu, „Für eine Soziologie der Soziologen“, in: ders., Soziologische Fragen (wie Anm. 15), S. 77–82, hier S. 79: „Das Unbewußte eines Fachs, das ist, wie ich meine, dessen Geschichte; das Unbewußte, das sind die verborgen gehaltenen, vergessenen sozialen Bedingungen der Produktion.“ Vgl. aber jetzt, mit geschichtswissenschaftlicher Beteiligung, Friederike Gesing u.a. (Hg.), NaturenKulturen. Denkräume und Werkzeuge für neue politische Ökologien, Bielefeld 2019. Latour, Wir sind nie modern gewesen (wie Anm. 23), S. 110. Droysen, Natur und Geschichte (wie Anm. 38), S. 78.

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Container mehr, in dem die Dinge unwandelbaren Naturgesetzen unterstehen und immer gleichartige Menschen ihren Geschäften nachgehen, sondern das aktive Medium der Herausbildung (Emergenz) von homogenen Phänomenen und heterogenen Praktiken.42 Zum anderen erscheint die Herangehensweise der ANT aber zunächst auch als absolute Zumutung für die Geschichtswissenschaft, denn in Folge der Abschaffung der Natur/Kultur-Dichotomie muss auch eine weitere, aus dieser abgeleitete Unterscheidung aufgehoben oder zumindest begrifflich neu gefasst werden – diejenige zwischen Vergangenheit und Gegenwart.43 Für den gesunden Menschenverstand, dem viele Historiker*innen in geschichtstheoretischen Fragen nach wie vor gerne vertrauen, ist die Vergangenheit ein natürliches, passives, seiend gewesenes Objekt, das von einem gegenwärtigen Subjekt aus einer kulturell geprägten Perspektive aktiv erkannt wird.44 Diese Vorstellung steht letztlich immer im Hintergrund, auch wenn von der ‚Rekonstruktion‘ der Vergangenheit die Rede ist.45 Gesteht man sich jedoch erstens ein, dass die Vergangenheit nun einmal vor allem eines ist, nämlich vergangen und damit nicht mehr erreichbar, dann rücken auf einmal die gegenwärtigen Dinge in den Mittelpunkt, die nämlich in der Regel viel dauerhafter sind als die Erinnerungen der gegenwärtigen Menschen und daher ‚mehr Vergangenheit‘ haben.46 Und wendet man dann zweitens das verallgemeinerte 42

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Vgl. dazu vor allem die Aufsätze in Pickering, Kybernetik und neue Ontologien (wie Anm. 7), ders., The Mangle of practice. Time, agency, and science, Chicago 1995, und Latour, Wir sind nie modern gewesen (wie Anm. 23), S. 90–110. Diese geschichtstheoretischen Anregungen sind bisher in der Geschichtswissenschaft kaum aufgenommen wurden, vgl. jetzt aber Fernando Esposito, „‚Posthistoire‘ oder: Die Schließung der Zukunft und die Öffnung der Zeit“, in: Lucian Hölscher (Hg.), Die Zukunft des 20. Jahrhunderts. Dimensionen einer historischen Zukunftsforschung, Frankfurt a. M. 2017, S. 279–301, hier S. 282–284. Vgl. Marcus Hahn, „‚Marvelous Examples‘. Zum Status des historischen Wissens in der Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latours“, in: Kneer, Schroer, Schüttpelz, Bruno Latours Kollektive (wie Anm. 30), S. 457–474, hier S. 461. Das haben phänomenologisch orientierte Ansätze deutlich herausgearbeitet, vgl. etwa Alfred Schütz, Thomas Luckmann, Strukturen der Lebenswelt, Konstanz 2003, S. 88 und S. 133–139. Vgl. Landwehr, Die anwesende Abwesenheit (wie Anm. 8), S. 15. Es ist bezeichnend für die ‚Dingvergessenheit‘ der Geschichtstheorie, genauer: der Historik, dass selbst in Fällen, wo die prinzipielle Unerreichbarkeit der Vergangenheit anerkannt wird, die menschlichen Erinnerungen den Dingen massiv vorgezogen werden, so etwa bei Jörn Rüsen, Historische Vernunft. Grundzüge einer Historik, Bd. 1: Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft, Göttingen 1983, S.  73, der „drei Weisen des Gegenwärtigseins der Vergangenheit in der Gegenwart“ unterscheidet: als „Tradition“ im Sinne einer „Handlungsorientierung“, als „Ensemble stummer Handlungsbedingungen“ wie „ökonomischen Handlungsvorgaben“ und in Gestalt von „bloßen Überresten, die in der

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Symmetrieprinzip der ANT an und hebt die Asymmetrie zwischen den Dingen mit Vergangenheit als Erkenntnisobjekten und den gegenwärtigen Menschen als Erkenntnissubjekten auf, dann, darauf hat Achim Landwehr im Anschluss an Latour zu Recht hingewiesen, „findet historisches Arbeiten als Auseinandersetzung mit abwesenden, vergangenen Zeiten in einem Kollektiv von Akteuren statt, zu denen sowohl die Menschen gehören, die sich für diese Vergangenheiten interessieren, wie auch das übrig gebliebene Material, das zur Konstitution dieser Vergangenheit wesentlich beiträgt“.47 Da also weder die Unterscheidung zwischen dem passiven Vergangenheitsobjekt und dem aktiven Gegenwartssubjekt noch die zwischen den zwar anwesenden, aber immer noch passiven ‚Quellen‘-Dingen und den sie aktiv nutzenden Historiker*innen-Subjekten haltbar ist, muss nicht nur für die erforschte Wirklichkeit, sondern auch für die erforschende Geschichtswissenschaft eine ‚flache Ontologie‘ angenommen werden.48 Das heißt wiederrum, und damit schließt sich der Kreis, dass Historiker*innen nicht mehr springen können/müssen, um zu erklären. Vielmehr liefern sie, in Auseinandersetzung mit der Wirkmacht des historischen Materials, welche die meisten unter dem Namen „Vetorecht der Quellen“49 kennen, Beschreibungen historischer Phänomene, die wiederrum an andere, frühere Beschreibungen anschließen, die sich ebenfalls dem „Tanz – wie ich es romantisch nannte –, menschlicher und nicht-menschlicher Wirkungsmacht“ verdanken.50 Nicht von Ebene zu

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gegenwärtigen Lebenspraxis keine Funktion mehr haben.“ Dinge als solche bilden also eine bedeutungslose Restkategorie; vgl. im Kontrast dazu Deichkind, „Dinge“, auf: dies., Wer sagt denn das?, Sultan Günther Musik 2019, Nr. 4. Landwehr, Die anwesende Abwesenheit (wie Anm. 8), S. 78, mit Verweis auf Latour, Wir sind nie modern gewesen (wie Anm. 23). Dies folgt schon daraus, dass die ANT – wie jede ernstzunehmende Sozialtheorie – ihre Annahmen reflexiv auf sich selbst anwendet und dadurch erst wirklich ‚universalisiert‘; vgl. dazu unnachahmlich lakonisch Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a. M. 1987, S.  650: „Es gehört zu den Eigenarten universalistischer Theorien, daß sie selbst in ihrem Gegenstandbereich wieder vorkommen […]. Daß Physiker Physik betreiben […], ist auch ein physischer Vorgang.“ Vgl. auch Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), für den sowohl der Forschungsgegenstand „durch die Verkettung von Mittlern“ (S. 236) entsteht als auch die wissenschaftlichen Disziplinen je „eine bestimmte Art von Mittler zu entfalten“ (S. 442) versuchen. ‚Mittler‘ ist letztlich ein anderer Begriff für Akteur. Vgl. Reinhart Koselleck, „Standortbindung und Zeitlichkeit. Ein Beitrag zur historiographischen Erschließung der geschichtlichen Welt“, in: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 2000, S. 176–207, hier S. 206. Andrew Pickering, „Kybernetik und die Mangel. Ashby, Beer und Pask“, in: ders., Kybernetik und Neue Ontologien (wie Anm. 7), S. 87–125, hier S. 90. Auf das Verhältnis von Erklärung und Beschreibung komme ich in der Schlussbemerkung zurück.

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Ebene zu springen, sondern auf der allen gemeinsamen Ebene zu tanzen, oder, wem die Metapher von Pickering dann doch zu romantisch ist: zu reisen.51 Wie aber macht man das, oder, um in der Metapher zu bleiben, wie fertigt man als Historiker*in überzeugende Choreographien beziehungsweise Reisebeschreibungen an? II.

Der Text als Labor, oder: Zwischenspiel zur schwierigen Frage, wie man Handhabungsweisen handhabt

Die Antwort liegt scheinbar auf der Hand. Man braucht Methoden – wörtlich ‚Wege‘ –, um von der Theorie zur Praxis zu gelangen, die man zu gewinnen meint, wenn man die Theorie operationalisiert; man braucht Werkzeuge, theoretisch-praktische Mitteldinge, die es erlauben, die Theorie auf die Praxis anzuwenden.52 Aber da beginnen direkt die Probleme, hat Bruno Latour für die Akteur-Netzwerk-Theorie doch mit Nachdruck behauptet: „Sie lässt sich auf nichts anwenden!“53 Das klingt zunächst mal paradox,54 aber eignet sich 51

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Vgl. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm.  10), S.  37, der seine Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie als „Reiseführer“ versteht. Die von mir vorgenommene Gegenüberstellung von Springen und Reisen entspricht in etwa der von „transport“ und „wayfaring“ von Tim Ingold, Lines. A Brief History, Abingdon 2007, S. 72–103. – Aus der ‚universalistischen‘ Selbstanwendung der ANT auf sich selbst folgt meines Erachtens zwingend auch der „relativistische Relativismus“ (Latour, Wir sind nie modern gewesen (wie Anm.  23), S.  148–151) oder besser Relationismus: ANT-Beschreibungen sind wie alle Beschreibungen nur Beschreibungen unter anderen und nehmen gegenüber den (Selbst-)Beschreibungen der erforschten Akteure keine privilegierte Position ein; vgl. Latour, Über die Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm.  22), S.  58–62, und Law, Aircraft stories (wie Anm. 29), S. 41f., der in diesem Kontext auf den „god-trick of seeing everything from nowhere“ (Donna  J.  Haraway, „Situated knowledges. The science question in feminism and the privilege of partial perspective“, in: dies., Simians, cyborgs, and women (wie Anm. 29), S. 183–201, hier S. 190) verweist, den er nicht anwenden will. Vgl. als Beispiel für das ‚Anwendungsparadigma‘ etwa klassisch Jürgen Kocka, „Gegenstandsbezogene Theorien in der Geschichtswissenschaft. Schwierigkeiten und Ergebnisse der Diskussion“, in: ders. (Hg.), Theorien in der Praxis des Historikers. Forschungsbeispiele und ihre Diskussion, Göttingen 1977, S. 178–188, in jüngerer Zeit Ludolf Herbst, Komplexität und Chaos. Grundzüge einer Theorie der Geschichte, München 2004, S.  99–125, und reflexiv dazu Pohlig, Hacke, Einleitung (wie Anm. 35), hier S. 11, die auch feststellen, dass über die Frage der Theorieanwendung zudem kaum reflektiert wird. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 244. Vgl. auch Kim Siebenhüner, „Things That Matter. Zur Geschichte der materiellen Kultur in der Frühneuzeitforschung“, in: Zeitschrift für Historische Forschung 42 (2015), S. 373–409, S. 384, Anm. 49: „Ganz abgesehen davon wird Latour, wenn es um die ‚Anwendung‘ der Akteur- Netzwerk-Theorie geht, durchaus kryptisch.“

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genau deshalb gut als Ausgangspunkt, um mittels einer kurzen reflexiven – auf meinen eigenen Forschungsprozess bezogenen und damit auch persönlichen – Überlegung zu den Metaphern geschichtswissenschaftlichen Schreibens plausibel zu machen, dass die Vorstellung von Theorieoperationalisierung, die hinter dem Begriff der ‚Anwendung‘ steht, zwar verbreitet, aber letztlich wenig nützlich ist, und dass sie durch eine andere ersetzt werden sollte. Und da Latour mit seinem Beharren auf der Unanwendbarkeit der ANT das Problem aufgeworfen hat, ist es nur angebracht, wenn er auch die entscheidende Metapher beisteuert, die das Problem löst, indem sie das Verhältnis von ANT und geschichtswissenschaftlichem Forschen anders strukturiert: „Der Text“, und Latour bezieht sich hier ausdrücklich auf eine wissenschaftliche Qualifikationsschrift, „ist das funktionale Äquivalent eines Laboratoriums. Er ist eine Stätte für Versuche, Experimente und Simulationen.“55 Wer nun von der Anwendung von Theorien redet, dem schwebt – so würde ich im Rahmen der Metapher behaupten – in der Regel eine Art ‚alchemistisches‘ Labor vor, in dem Theorie die Rolle des Steins der Weisen spielt, also jener „legendary substance with astonishing powers“, die „any metal into pure gold“ verwandelt.56 Man macht Versuche, experimentiert mit dem historischen Material, aber man findet keinen richtigen Zugang, es bleibt alles Blei. Dann aber fügt man die Theorie hinzu, findet eine Interpretation des historischen Materials und alles wird zu Gold. So schön diese Vorstellung von Theorie als einer besonderen Zutat auch ist, so bringt ein entsprechendes Vorgehen doch gravierende Nachteile mit sich. Erstens wird die Verstehens- und Erklärungsleistung vom empirischen Material weitgehend auf die Theorie verlagert, was in der Praxis heißt: Wer die ‚verwendete‘ Theorie nicht mag, und das kommt öfter vor als man denkt, der wird wahrscheinlich auch die Interpretation und damit den Text in Gänze nicht mögen.57 Und zweitens führt dieses Vorgehen dazu, dass sich 55

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Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm.  10), S.  258; zum Erkenntnispotential von Metaphern vgl. George Lakoff, Mark Johnson, Metaphors we live by, Chicago 1981, S. 139– 155, und Doris Bachmann-Medick, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbeck bei Hamburg 2006, S. 25–27. Argo Pyrites, Alchemy, ancient art and science, zitiert nach J.K. Rowling, Harry Potter and the Philosopher’s Stone, 20th Anniversary Edition, London 2017, S. 236. Vgl. beispielsweise Sašo Jerše, Rezension von: Tim Neu, Michael Sikora, Thomas Weller (Hg.), Zelebrieren und Verhandeln. Zur Praxis ständischer Institutionen im frühneuzeitlichen Europa, Münster 2009, in: sehepunkte 12,1 (2012) [15.01.2012], URL: http:// www.sehepunkte.de/2012/01/17112.html, für den die in der Einleitung „mit Nachdruck vorgetragene These, die ständischen Institutionen in der frühen Neuzeit seien primär symbolisch-zeremoniell orientiert gewesen (13-15, 19)“, nicht nur „den analytischen Bogen

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textstrukturell oft eine unschöne Zweiteilung ergibt: Erst schildert man den Fall, dann folgt die theoretische Interpretation, was den Fokus noch weiter auf die Theorie verschiebt.58 Aus Sicht der ANT liegt hingegen eine andere Ausgestaltung der Labormetapher nahe: Theorie ist keine sagenhafte Zutat neben den scheinbar ordinären Quellenzutaten, sondern ist identisch mit der Einrichtung des Laboratoriums, in dem Historiker*innen mit historischem Material – und nur diesem – experimentieren. Begreift man Theorie dementsprechend als Instrumentierung des eigenen Forschens und Schreibens, dann ergeben sich zwei wesentliche Vorteile. Versteht man Theorie als Instrumentierung, so gewinnt man erstens ganz neue Orientierungspotentiale im Prozess des Forschens. Im letzten Teil meiner Dissertation habe ich mich etwa mit einem sehr komplexen Verfassungskonflikt in der Landgrafschaft Hessen beschäftigt, der auf zwei Wegen ausgetragen wurde, einmal als Prozess vor dem Reichskammergericht und gleichzeitig als Verhandlung zwischen Fürsten und Adel.59 Aber wie auch immer ich experimentierte, ich fand keinen Zugang. Dann stolperte ich zufällig über das Buch Über die Rechtfertigung von Luc Boltanski und Laurent Thévenot.60 Die darin ausgearbeitete Soziologie der kritischen Urteilskraft, so der Untertitel, die heute als eine Spielart der Ökonomie der Konventionen bekannt ist, legte nahe, dass Konflikte nicht durch die inhaltliche Kraft einzelner Argumente entschieden werden, sondern durch die Stimmigkeit und Passung der Gesamtargumentation.61

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stark [überspannt]“, sondern vor allem in einer „Fixierung auf die vom Münsteraner Sonderforschungsbereich vertretenen Konzepte“ gründet. Diese ließe sich dem Rezensenten zufolge dann auflösen, wenn man erkenne, dass „das politische Handeln in den ständischen Institutionen“ vielmehr „in der Lacanschen Trias des Realen, des Symbolischen und des Imaginären statt[fand].“ Vgl. etwa, in explizit selbstkritischer Absicht, Tim Neu, „Strafbare Beleidigung oder vertrauliche Äußerung? Ein lokales Beispiel für die Transformation des Umgangs mit Ehrverletzungen in der Sattelzeit“, in: Sylvia Kesper-Biermann, Ulrike Ludwig, Alexandra Ortmann (Hg.), Ehre und Recht. Ehrkonzepte, Ehrverletzungen und Ehrverteidigungen vom späten Mittelalter bis zur Moderne, Magdeburg 2011, S.  117–131. – Ein ähnliches Problem besteht im Hinblick auf das berüchtigte Theoriekapitel in geschichtswissenschaftlichen Qualifikationsschriften, das dann für die empirische Untersuchung keine Rolle mehr spielt, vgl. Pohlig, Hacke, Einleitung (wie Anm. 35), S. 16. Tim Neu, Die Erschaffung der landständischen Verfassung. Kreativität, Heuchelei und Repräsentation in Hessen (1509–1655), Köln 2013, S. 344–476. Luc Boltanski, Laurent Thévenot, Über die Rechtfertigung. Soziologie der kritischen Urteilskraft, Hamburg 2007. Das Beispiel stammt absichtlich nicht aus der ANT, da auf diese Weise erstens deutlich werden soll, dass ein ANT-inspiriertes Verständnis vom Text als Labor auch zur Instrumentierung von Texten mit anderen Theorien genutzt werden kann. Zweitens ist die

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Im Sinne der Vorstellung von Theorie als Zutat hätte ich an dieser Stelle damit aufhören können, den konkreten historischen Konflikt durchdringen zu wollen. Stattdessen hätte ich einfach den ‚bleiernen‘ Gerichtsprozess schildern können, dann den ‚eisernen‘ Verhandlungsprozess, um abschließend alles zu Gold zu machen, indem ich unter Bezug auf Boltanski und Thévenot schlicht behauptete, dass der Konflikt dann letztlich so ausging, wie er ausging, nämlich mit einer Bestätigung der landständischen Verfassung, wie sie in den vorangegangenen Jahrzehnten seit 1600 entstanden war, weil für diese Verfassungsordnung am stimmigsten argumentiert werden konnte. Dann aber wäre die Erklärungsleistung des Textes letztlich von der Überzeugungskraft der Theorie abhängig gewesen – eine schlechte Aussicht angesichts der Tatsache, dass die Ökonomie/Soziologie der Konventionen in der historischen Forschung bisher nur zurückhaltend rezipiert wurde.62 Aber ich legte ja, auch wenn ich das damals nicht hätte formulieren können, die Metapher der Laboreinrichtung zugrunde. Und als ich mein Textlaboratorium konventionensoziologisch instrumentierte, stellte sich heraus, dass ich drei verschiedene Detektoren benötigte, um die Stimmigkeit von Argumentationen untersuchen zu können, denn Stimmigkeit wird laut Boltanski und Thévenot im Rahmen von Prüfungen hervorgebracht, in denen sich (1) rechtfertigende Subjekte (2) mit Objekten verbinden, um sich (3) mit einer Form von Gemeinwohl in Verbindung zu setzen. Jetzt konnte ich mein gesamtes historisches Material durch diese Detektoren laufen lassen, um solche Konstellationen zu erkennen. Mehr noch, dieser Versuchsaufbau zeigte mir, nach welcher Art von Quellen ich zusätzlich Ausschau halten konnte.63

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Ökonomie der Konventionen durch die Betonung der Bedeutsamkeit von Objekten aber auch eng mit der Akteur-Netzwerk-Theorie verwandt; sie erscheinen gar als „Zwillinge“, vgl. Jörg Potthast, Michael Guggenheim, „Symmetrische Zwillinge. Zum Verhältnis von ANT und Soziologie der Kritik“, in: Tristan Thielmann, Erhard Schüttpelz, Akteur-MedienTheorie, Bielefeld 2013, S. 133–166. Vgl. auch Latour, Wir sind nie modern gewesen (wie Anm. 23), S. 61–63, wo er sich explizit auf das Buch von Boltanski und Thévenot bezieht, und Rainer Diaz-Bone, Die ‚Economie des conventions‘. Grundlagen und Entwicklungen der neuen französischen Wirtschaftssoziologie, 2. Aufl., Wiesbaden 2018. Vgl. Tim Neu, „Koordination und Kalkül. Die Économie des conventions und die Geschichtswissenschaft“, in: Historische Anthropologie, 23,1 (2015), S.  129–147, und jetzt aber Robert Salais, Marcel Streng, Jakob Vogel (Hg.), Qualitätspolitik und Konventionen. Die Qualität der Produkte in historischer Perspektive, Wiesbaden 2019. Vgl. Karl Albert, „Methodologischer Individualismus und historische Analyse“, in: Karl Acham, Winfried Schulze (Hg.), Teil und Ganzes. Zum Verhältnis von Einzel- und Gesamtanalyse in Geschichts- und Sozialwissenschaften, München 1990, S.  219–239, hier S.  222: „Man kann nämlich die historische Methode so auffassen, daß sie auf Versuche hinausläuft, früheres Geschehen hypothetisch so zu rekonstruieren, daß sich die Existenz und die Eigenart der vorhandenen Quellen daraus erklären lassen. […] Schon die hypothetische

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Zugespitzt: Die Theorie selber erklärt hier gar nichts, sie fungiert ausschließlich, wie Norbert Elias mal formuliert hat, als ein „Modell beobachtbarer Zusammenhänge“.64 Ob die theoretisch modellierten Zusammenhänge aber auch empirisch vorliegen – und damit als Erklärungsgründe taugen –, ist dabei völlig offen und muss ausschließlich am historischen Material untersucht und gezeigt werden.65 Der zweite Vorteil bezieht sich eher auf den Schreibaspekt, wobei die Trennung zwischen Forschen und Schreiben für Historiker*innen meist ohnehin nur eine analytische ist; in der Praxis lassen sich die beiden Aspekte kaum voneinander trennen. Hier nützt die theoriespezifische Laboreinrichtung vor allem als Strukturierungsinstrument. Die Vorstellung von Theorie als quasimagischer Zutat verführt, wie gesagt, dazu, die Darstellung des zu untersuchenden historischen Phänomens von seiner theoretisch angeleiteten Interpretation zu trennen. Dann stellt sich aber die Frage, wie man die Darstellung des Untersuchungsgegenstands eigentlich strukturiert, und es ist allzu naheliegend, dass man einfach die historische (Eigen)Strukturierung des Phänomens übernimmt: Ich hätte also den Gerichtsprozess in seiner juristischen Eigenlogik und analog den Verhandlungsprozess in seiner sozialen Eigenlogik dargestellt, um dann die Theoriezutat beizumischen. Wer Theorie hingegen als Instrumentierung versteht, hat auch hier ganz andere Möglichkeiten, denn der ‚Versuchsaufbau‘ kann zusätzlich genutzt werden, um den eigenen Text über den Versuch zu strukturieren. Ich konnte also ganz konkret von der juristischen Gestalt des Gerichts- und der sozialen Gestalt des Verhandlungsprozesses absehen und beide direkt so darstellen, als ob es sich um rechtfertigende Argumente im Sinne von Boltanski und Thévenot handelte. Das empirische Material wird also in einer theoriespezifischen Form erzählt, um die bisher verborgene Schlüssigkeit des empirischen Materials zum Vorschein zu bringen. Der entscheidende Vorteil besteht darin, dass dem historischen Material hier nichts zugesetzt wird, die Interpretation also letztlich auch diejenigen überzeugen kann, die die Theorie nicht kennen oder

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Rekonstruktion des Geschehens involviert also eine Erklärungsleistung: die Erklärung der heutigen Quellenlage, die durch Suche nach weiteren Quellen prüfbar sein kann.“ Vgl. für ein ähnliches Vorgehen Charles Sanders Peirce, „On the logic of drawing history from ancient documents, especially from testimonies“, in: Peirce Edition Project (Hg.), The essential Peirce. Selected philosophical writings, Bd. 2: 1893–1913, Bloomington 1998, S. 75–114, und dazu Serge Grigoriev, „Hypotheses, generalizations, and convergence. Some Peircean themes in the study of history“, in: History and Theory 56,3 (2017), S. 339–364. Norbert Elias, Was ist Soziologie?, 12. Aufl., Weinheim 2014, S. 43f. Vgl. Peirce, On the logic (wie Anm. 63), S. 96f; Lübbe, Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse (wie Anm. 13), S. 122f. und S. 251.

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sogar ablehnen. Kurz: Theorie fungiert als ein Instrument zur strukturierten Darstellung von empirischem Material.66 Ein drittes Merkmal der Metapher von Theorie als Laboreinrichtung muss auch noch kurz angesprochen werden, das bisher nicht erwähnt wurde, weil es sowohl Vorteil wie Nachteil sein kann. Wer Theorien als orientierende Suchoptiken und als textstrukturierende Instrumente operationalisiert, der/die hat auch die Möglichkeit, selbst darüber zu entscheiden, wie sichtbar die eigene Laboreinrichtung im Text wird. Zum einen kann man sich damit begnügen, allein das Versuchsergebnis zu präsentieren, den aufbereiteten historischen Fall. Das ist möglich, weil die Theorie gerade keine Zutat, kein Material des Textes ist, sondern nur seine Formatierung bestimmt, der präsentierte Fall also auch für sich verständlich sein muss. Aber man kann zusätzlich auch über den theoriespezifischen Versuchsaufbau Rechenschaft geben. Aber da sind die Leser*innen sehr verschiedener Meinung: Die einen fühlen sich von einer expliziten Thematisierung der Theorie irritiert, die anderen informiert. In meiner Dissertation habe ich meine theoretische Instrumentierung etwa sehr deutlich beschrieben, was dazu führte, dass ein Rezensent bemerkte, „die gleiche Thematik hätte im Rahmen eines wohl hälftigen Werkumfangs abgehandelt werden können – freilich auf Kosten der über das eigentliche Thema hinausführenden theoretischen Ausführungen“.67 Andernorts gilt dieses Vorgehen hingegen positiv als Zeichen einer „theoretisch reflektierten“68 Herangehensweise. Hier gibt es keinen Königsweg. Daher ist in meinen Beiträgen zum fiskal-militärischen System der Staatsverschuldung Großbritanniens, an denen ich im nächsten Kapitel die Handhabungsweisen der ANT verdeutlichen werde, keineswegs in allen Fällen explizit von der ANT die Rede, auch wenn sie immer ein wesentliches Instrument meines Denkund Schreiblaboratoriums war und ist.69

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Vgl. Jörn Rüsen, Rekonstruktion der Vergangenheit. Grundzüge einer Historik, Bd. 2: Die Prinzipien der historischen Forschung, Göttingen 1986, S. 37–47, der historische Theorien als „Konstrukte von Geschichte, Erzählgerüste“ und „Baupläne“ bezeichnet; vgl. auch Reinhart Koselleck, „Darstellung, Ereignis und Struktur“, in: ders., Vergangene Zukunft (wie Anm. 49), S. 144–157, hier S. 154, der analog von „Formalkategorien, die als Bedingungen möglicher Geschichten gesetzt werden“, spricht. J.  Friedrich  Battenberg, Rezension zu: Neu, Erschaffung (wie Anm.  59), in: Archiv für hessische Geschichte 72 (2014), S. 388–391, hier S. 391. Mark Häberlein, Rezension zu: Neu, Erschaffung (wie Anm. 59), in: Jahrbuch für Regionalgeschichte 36 (2018), S. 229–231, hier S. 231. Damit ist nicht nur die Wahl und die ‚Anwendung‘, sondern auch die Offenlegung der Theorie eine praktische Frage, wie Pohlig, Geschmack und Urteilskraft (wie Anm.  20), unter Bezug auf Immanuel Kant, „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie

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Wenn Latour also behauptet, dass man die ANT nicht anwenden kann, dann meint er zunächst nur, dass sie dem historischen Material nicht im Sinne einer magischen Zutat ‚hinzugefügt‘ werden kann. Anders gesagt: Man kann die ANT nicht anwenden, indem man vom historischen Material in den ‚Theoriehimmel‘ springt, dort wahlweise „den Kontext, die Typologie“ oder – noch besser – den „erklärenden Rahmen“ findet, um dann wieder zurückzuspringen und das historische Material entsprechend zuzurichten.70 Man kann die ANT aber sehr wohl nutzen, um eine Versuchsanordnung aufzubauen, mit der man historisches Material einer Reihe von (Schreib)Experimenten unterziehen kann – wie im Labor. Ob man diese Instrumentierung im Text sichtbar macht oder nicht, immer sollte es in diesen Versuchen darum gehen, die ‚Tänze‘ und ‚Reisen‘, weniger metaphorisch: die hybriden und emergenten Prozesse und Praktiken der Wirklichkeit einzufangen, weshalb es nun an der Zeit ist, zumindest die wichtigsten dieser Werkzeuge vorzustellen, die in ANTinspirierten Textexperimenten Verwendung finden.71 III.

Werkzeugkoffer, oder: Die Handhabungsweisen der ANT

Es lässt sich nicht bestreiten: Die Akteur-Netzwerk-Theorie ist in höchstem Maße kontraintuitiv. Die Vorstellung einer wesentlich prozesshaften Wirklichkeit, deren Bestandteile als Effekte der Assoziation heterogener Elemente hervorgebracht werden, widerspricht grundlegend dem ‚gesunden Menschenverstand‘, für den Menschen und Dinge stabile Grundelemente sind, die über inhärente Eigenschaften verfügen.72 Und die Bestimmung von Theorie als Instrumentierung ist zudem nicht umstandslos mit dem common sense

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richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“, in ders., Schriften zur Geschichtsphilosophie, hg. von Manfred Riedel, Stuttgart 1974, S. 118–165, deutlich macht. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 262. Um das noch einmal zu betonen: Textproduzierende Forschung versucht hybridemergentes Geschehen einzufangen und sie ist gleichzeitig selbst hybrid-emergentes Geschehen. Und daher sind Texte auch keine neutralen ‚Abbildungen‘, sondern performativ an der Hervorbringung des Beschriebenen beteiligt. Man kann daher die Praktiken der kulturwissenschaftlich Forschenden auch mit Karen Barad, Agentieller Realismus. Über die Bedeutung materiell-diskursiver Praktiken, Berlin 2012, S.  24 als „Apparate“ beschreiben, als „spezifische materielle Rekonfigurationen der Welt, die nicht bloß in der Zeit entstehen, sondern schrittweise die Raumzeit-Materie als Teil der fortlaufenden dynamischen Kraft des Werdens rekonfigurieren“. Vgl. Bernhard Gill, „Über Whitehead und Mead zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Die Überwindung des Dualismus von Geist und Materie – und der Preis, der dafür zu zahlen ist“, in: Kneer, Schroer, Schüttpelz, Bruno Latours Kollektive (wie Anm. 30), S. 47–75, hier S. 47.

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der meisten Wissenschaftler*innen vereinbar. Die Wissenschaftsgeschichte zeigt aber, dass eine solche Situation spannungsvoll, aber auch sehr kreativ sein kann. Zwar „extrapoliert die Wissenschaft ihre Welt […] jenseits der Welt des gesunden Menschenverstandes“, aber im Ergebnis produziert dieses Vorgehen dann wieder ein „gänzlich unerwartetes Spektrum von praktischen Nützlichkeiten“, die auch und gerade für den gesunden Menschenverstand einsehbar sind – und sein müssen.73 Und zu eben diesem Zweck, um aus der kontraintuitiven Herangehensweise der ANT nützliche, und das heißt hier zunächst: geschichtswissenschaftlich überzeugende Forschungsergebnisse zu gewinnen, ist der wohl wichtigste wie berüchtigtste Begriff des Ansatzes unverzichtbar – der Begriff des Akteur-Netzwerks. Zunächst muss klargestellt werden, was nicht gemeint ist: ‚Akteur-Netzwerk‘ bezeichnet gerade nicht Phänomene, die sich mit Formulierungen fassen lassen wie ‚Akteure und ihre Netzwerke‘ oder ‚Akteure in Netzwerken‘. Das ist die Herangehensweise eines eigenständigen Forschungsansatzes, der Netzwerkforschung, die auf der grundlegenden Unterscheidung von Kanten und Knoten basiert: Akteure sind die Knotenpunkte, aus deren wechselseitiger Verbindung durch Kanten Netzwerke entstehen.74 Trotz der geteilten Netzwerkterminologie geht es der ANT aber um das glatte Gegenteil, nicht um eine erkenntnisleitende Unterscheidung von Akteuren einerseits und Netzwerken andererseits, sondern – und wieder ganz im Sinne der Aufhebung des Denkens in Dichotomien – um die Zusammenziehung der beiden Begriffe. Entscheidend für das Akteur-Netzwerk ist daher der Bindestrich, der zum Ausdruck bringen soll, dass beide Teilbegriffe konstitutiv aufeinander bezogen sind und miteinander in Wechselbestimmung stehen.75 Das ist weniger kryptisch, als es zunächst klingt, wie John Law an einem einfachen Beispiel zeigt: Aus welchem Grund sind wir uns gelegentlich – aber nur gelegentlich – der Netzwerke bewusst, die hinter einem Akteur, einem Objekt oder einer Institution liegen und diese konstituieren? Für die meisten von uns stellt ein Fernsehgerät 73 74

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William James, Pragmatismus. Ein neuer Name für einige alte Denkweisen, hg. von Klaus Schubert, Axel Spree, Darmstadt 2001, S. 126 (Hervorhebung im Original). Vgl. Stegbauer, Häußling, Handbuch Netzwerkforschung (wie Anm. 11), wo das Kapitel zur „Einführung in das Selbstverständnis der Netzwerkforschung“ charakteristischerweise erst „Beziehungen“ und dann „Positionen und Akteure“ abhandelt; vgl. auch Christian Stegbauer (Hg.), Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie. Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008; vgl. auch den Beitrag von Pascal Schillings in diesem Band. Vgl. auch Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 236: „Die Aufgabe besteht darin, Akteure als Netzwerke von Vermittlungen zu entfalten – daher der Bindestrich im zusammengesetzten Wort ‚Akteur-Netzwerk‘.“ (Hervorhebungen im Original).

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Tim Neu z. B. die meiste Zeit ein einzelnes, zusammenhängendes Objekt mit relativ wenig sichtbaren Teilen. Wenn es aber plötzlich defekt ist, verwandelt es sich schnell für denselben Benutzer – und erst recht für den Monteur – in ein Netzwerk elektronischer Komponenten und menschlicher Interventionen.76

Die Beobachtung ist lebensweltlich nachvollziehbar, was auch der einleitenden Frage eine gewisse Anfangsplausibilität verleiht, aber wie verhält es sich, wenn sie auch auf Menschen ausgeweitet wird, was angesichts des verallgemeinerten Symmetrieprinzips ja unumgänglich ist? Auch hier gibt Law ein Beispiel: Personen sind die, die sie sind, weil sie aus einem strukturierten Netzwerk heterogener Materialien bestehen. Wenn man mir meinen Computer, meine Kollegen, mein Büro, meine Bücher, meinen Schreibtisch, mein Telefon nähme, wäre ich kein Artikel schreibender, Vorlesung haltender, ‚Wissen‘ produzierender Soziologe mehr, sondern eine andere Person.77

Fernseher sind Akteur-Netzwerke oder auch Netzwerk-Akteure, weil sie gleichzeitig Effekte der Vernetzung technischer (Elektronik) und sozialer Elemente (Zuschauer, Monteur) und ganzheitliche Akteure sind, deren Wirkmacht, etwa im Hinblick auf Familien und Partnerschaften, wohl niemand bestreiten wird.78 Und Soziologen sind es ebenfalls, weil sie gleichzeitig Effekte der Vernetzung technischer (Computer), sozialer (Kollegen), architektonischer (Büro) und medialer (Telefon) Elemente und ganzheitliche Akteure sind, 76

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John Law, „Notizen zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Ordnung, Strategie und Heterogenität“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 11), S. 429–446, hier S. 435. Ein ähnliches Beispiel anhand eines Overhead-Projektors gibt Latour, Die Hoffnung der Pandora (wie Anm. 23), S. 223. Law, Notizen zur Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm. 76), S. 434. Vgl. auch Markus Schroer, „Vermischen, Vermitteln, Vernetzen. Bruno Latours Soziologie der Gemenge und Gemische im Kontext“, in: Bruno Latours Kollektive (wie Anm.  30), S. 361–398, hier S. 393. Zur Erinnerung: Für die ANT ist „jedes Ding, das eine gegebene Situation verändert, indem es einen Unterschied macht, ein Akteur – oder, wenn es noch keine Figuration hat, ein Aktant“ (Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm.  10), S.  123), und verfügt damit über agency. Agency wird hier, Gustav Roßler folgend, als ‚Wirkungsmacht‘ oder ‚Handlungsträgerschaft‘ übersetzt, vgl. ders., „Nachwort des Übersetzers“, in: Pickering, Kybernetik und Neue Ontologien (wie Anm. 7), S. 178–184. – Der Unterschied zwischen Akteur und Aktant liegt darin, dass Akteure ‚figuriert‘ sind, etwa als Strukturen („Imperialismus strebt nach Unilaterialismus“), Körperschaften („Die Vereinigten Staaten wollen sich aus der UNO zurückziehen“) oder Personen („G. W. Bush will sich aus der UNO zurückziehen“), während der Begriff ‚Aktant‘ nur die unspezifische Aktion selbst meint; vgl. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 95 (dort auch die drei voranstehenden Zitate).

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wenngleich ihre wissensbasierte Wirkmacht wohl kaum mit derjenigen des Fernsehers mithalten kann. Allgemeiner: Alle Bestandteile der Wirklichkeit sind Akteur-Netzwerke oder doch immerhin als solche beschreibbar, insofern sie gleichzeitig ganzheitliche und wirkmächtige Wesen (Akteure) und Effekte der Assoziation heterogener Elemente (Netzwerke) sind.79 Das Konzept des Akteur-Netzwerks ermöglicht es damit zunächst einmal ganz grundlegend, die kontraintuitiven, auf heterogene und emergente Netzwerke abstellende Herangehensweise der ANT mit den vertrauten, weil auf ganzheitliche Dinge und Menschen ausgerichteten Wahrnehmungsweisen des gesunden Menschenverstandes zusammenzuschalten.80 Gleichzeitig ermöglicht es das Konzept aber auch, Akteur-Netzwerke zu identifizieren, die sich nicht mit den alltagsweltlichen Kategorien decken. Eines der bekannten Beispiele in diesem Zusammenhang ist sicherlich Latours ‚Waffen-Bürger‘: Wer ist nun also der Akteur in meiner kleinen Geschichte, die Waffe oder der Bürger? Jemand anderes (eine Bürger-Waffe, ein Waffen-Bürger). […] Du bist ein anderes Subjekt, weil du die Waffe hältst; die Waffe ist ein anderes Objekt, weil sie eine Beziehung zu dir unterhält. […] Jetzt können wir unsere Aufmerksamkeit auf diesen ‚jemand anderes‘ richten, diesen Hybrid-Akteur aus – beispielsweise – Waffe und Schütze. Wir müssen lernen, Handlungen sehr viel mehr Agenten zuzuschreiben – auf sie zu verteilen –, als es in materialistischen oder soziologischen Erklärungen annehmbar ist.81

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Vgl. auch Roßler, Kleine Galerie neuer Dingbegriffe (wie Anm. 30), S. 84: „halb Bruchstück von Wesen, halb Zipfel von Relationen“. – Für die hier verfolgte geschichtswissenschaftliche Nutzbarmachung der ANT ist die weiterführende Frage, ob die Phänomene ‚wirklich‘ Akteur-Netzwerke sind, einigermaßen irrelevant, da es letztlich nur um die Frage der heuristischen Fruchtbarkeit der erklärenden Beschreibung geht. Aus ANT-Sicht stellt sich die Frage zudem eigentlich nicht, da der Unterschied zwischen Dingen (Ontologie) und Darstellungen (Epistemologie) aufgehoben ist: Die Beschreibung als AkteurNetzwerk trägt damit performativ zur seinsmäßigen Konstitution als Akteur-Netzwerk bei und andersherum; vgl. Law, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm. 10), S. 43, und Latour, Die Hoffnung der Pandora (wie Anm. 23), S. 36–95, hier besonders S. 70, wo das aus dem Konzept der ‚zirkulierenden Referenz‘ folgt. Wobei betont werden muss, dass aus Sicht der Pragmatismus auch die Kategorien des ‚gesunden Menschenverstandes‘ nicht natürlich-ursprünglich, sondern historisch geworden sind, vgl. James, Pragmatismus (wie Anm.  73), S.  124. Zum Einfluss des Pragmatismus auf die ANT vgl. Gill, Whitehead und Mead (wie Anm. 72), S. 57–61, und Gertenbach, Laux, Zur Aktualität (wie Anm. 11), S. 61 und S. 208. Vgl. auch, für den Einfluss der Ethnomethodologie, den Beitrag von Christian Vogel in diesem Band. Latour, Die Hoffnung der Pandora (wie Anm. 23), S. 218f.; die materialistische Erklärung lautet in diesem Fall: „Feuerwaffen töten Menschen“, die soziologische: „Es sind die Menschen, die töten, nicht die Waffen“ (ebd., S.  214); vgl. zu diesem Beispiel auch Gertenbach, Laux, Zur Aktualität (wie Anm.  11), S.  125f. und, allgemeiner, das Kapitel

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Der ‚Waffen-Bürger‘ ist wiederum beides gleichzeitig: ein wirkmächtiger Akteur und ein Netzwerk der heterogenen Elemente Waffe und Mensch. Solche Beschreibungen im Sinne eines Sowohl-Als-Auch geben zwar einen ersten Eindruck davon, wie man Phänomene jeder Art, also auch historische, mit dem Begriff des Akteur-Netzwerks handhaben kann, und später wird es auch noch darum gehen, welche Erkenntnismöglichkeiten sich eröffnen, wenn man darauf abstellt, dass Phänomene sowohl Akteur als auch Netzwerk sind, aber ein wesentlicher Aspekt aller drei Beispiele wurde bisher nicht berücksichtigt – ihre zeitliche Struktur. In allen drei Beispielen wird nämlich gar nicht primär die Gleichzeitigkeit des Sowohl-Akteur-als-auch-Netzwerk-Seins beschrieben, sondern eine Veränderung, ein zeitliches Nacheinander: In den ersten beiden Fällen zerbricht jeweils eine wirkmächtige Ganzheitlichkeit – die des ‚Fernsehers‘ durch einen technischen Defekt und die des ‚Soziologen‘ durch die imaginierte Wegnahme seiner Denkmittel –, was dann nachfolgend die heterogenen Netze dahinter sichtbar macht. Im dritten Beispiel verhält es sich jedoch andersherum, wird doch beschrieben, wie aus der Vernetzung von Waffe und Mensch ein neuer, hybrider Akteur hervorgeht. Es liegt auf der Hand, dass die Handhabungswerkzeuge der ANT in der Lage sein müssten, solche Veränderungen und Bewegungen in der Zeit einzufangen. Aber genau da liegt das Problem, denn die Netzwerkmetapher ist nur sehr begrenzt ‚zeitsensitiv‘, wie Latour selbst bemängelt: Wolle man Zeitlichkeit thematisieren, werde die Netzwerkmetapher „irgendwie ruiniert“, weil die graphischen Darstellungen, an die man zuerst denkt, den Nachteil hätten, „daß sie keine Bewegungen einfingen“.82 An dieser Stelle ist es hilfreich, daran zu erinnern, dass Latour an anderer Stelle davon sprach, „dass die ANT sich nicht um aufgezeichnete Netzwerke dreht, sondern um eine Netzwerk-aufzeichnende Aktivität“, der Begriff ‚AkteurNetzwerk‘ mithin „nicht ein Ding, sondern die registrierte Bewegung eines Dings“ bezeichnen soll.83 Die also ohnehin notwendige Temporalisierung des ebenso grundlegenden wie namensgebenden Begriffs lässt sich nun meines

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„Assemblages and Individuals“ in Levi  R.  Bryant, Onto-Cartography. An Ontology of Machines and Media, Edinburgh 2014, S. 81–93. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 230 und S. 231. Latour, Über die Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm. 22), S. 63, vgl. auch ders., Eine neue Soziologie (wie Anm.  10), S.  230f.; vgl. auch Ingo Schulz-Schaeffer, „Technik in heterogener Assoziation. Vier Konzeptionen der gesellschaftlichen Wirksamkeit von Technik im Werk Latours“, in: Kneer, Schroer, Schüttpelz, Bruno Latours Kollektive (wie Anm. 30), S. 108–152, hier S. 109: „Die Herbeiführung von Veränderungen ist in der Akteur-NetzwerkTheorie das Grundelement der Beobachtung.“

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Erachtens auch nutzen, um aus dem statisch anmutenden ‚Akteur-Netzwerk‘ konkrete Handhabungsweisen historischer Phänomene zu entwickeln, die zudem mit weiteren Konzepten der ANT verbunden werden können. Im Anschluss an die Beispiele vom Fernseher und Soziologen geht es erstens um heterogenes Assoziieren, ein Beschreibungswerkzeug für eine Bewegung von der Vernetzung heterogener Elemente hin zu den dadurch hervorgebrachten Effekten, zu denen auch die Kreierung von neuen Akteuren gehören kann. Das zweite Werkzeug, nach Ingo Schulz-Schaeffer verändernde Wirksamkeit genannt,84 beschreibt hingegen, wie im Beispiel vom Waffe-Bürger angedeutet, eine Bewegung von ganzheitlichen Akteuren zu ihren Effekten in anderen heterogenen Netzwerken. Diese Werkzeuge thematisieren damit die zwei möglichen Varianten eines zeitlichen Nacheinanders von Akteur- beziehungsweise Netzwerkaspekt,85 während das dritte Werkzeug unter dem Stichwort Fraktalität die Gleichzeitigkeit heterogener Vernetzung und homogener Handlungsträgerschaft beschreibt. III.1. Heterogenes Assoziieren: Akteur-NETZWERKE Das erste Werkzeug dient zur Beschreibung von Prozessen und Praktiken der Vernetzung unterschiedlicher Elemente und der auf diese Weise hervorgebrachten Effekte. Damit steht ein mächtiges Denk- und Schreibmittel bereit, das es ermöglicht, alle als ‚natürlich‘ oder ‚faktisch gegeben‘ erscheinenden Phänomene – Akteure, Strukturen, Relationen, Eigenschaften  … – zu de-naturalisieren und als Effekte heterogener Assoziierungsleistungen auszuweisen. Dazu gehören etwa, wie schon im ersten Kapitel zitiert, „Ungleichheiten, Größenordnungen und Größen“,86 was die ANT insbesondere für die

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Schulz-Schaeffer, Technik in heterogener Assoziation (wie Anm.  83), hier S.  142 und passim. Vgl. auch ebd., S. 123: „Jeder Akteur kann im Grundsatz aus zwei Perspektiven betrachtet werden: als Element einer heterogenen Assoziation und als heterogene Assoziation von Elementen.“ Law, Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm.  10), S.  21; vgl. vor allem Callon, Latour, Die Demontage des großen Leviathans (wie Anm.  21), S.  77: „Es gibt natürlich Makro- und Mikro-Akteure; die Unterschiede zwischen ihnen werden jedoch durch Machtverhältnisse und die Konstruktion von Netzwerken hergestellt, die sich der Analyse entziehen, wenn wir a priori annehmen, dass Makro-Akteure größer oder überlegener seien als Mikro-Akteure.“ (Hervorhebung im Original); vgl. auch den Beitrag von Katharina Kreuder-Sonnen in diesem Band.

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Globalgeschichte attraktiv macht,87 aus der auch das folgende Beschreibungsbeispiel für heterogenes Assoziieren und seine Effekte stammt.88 In einer aktuellen Einführung in die Geschichte des British Empire heißt es: „whilst the links between distant colonies and bureaucratic and political structures in London might sometimes appear to have been tenuous, they were surprisingly real.“ Es gab also trotz aller Schwierigkeiten scheinbar eine „coherent central power“, wobei Kohärenz hier offenbar meint, dass die Londoner Zentrale ein ganzheitlicher Akteur und in imperialen Maßstäben handlungsfähig war.89 Was hieß das in der Praxis? In den Akten der Treasury, des englischen Schatzamtes in London, findet sich, um ein beliebiges Beispiel zu geben, folgende Notiz: „Drawn by Col. Codrington, 1693, July 4, a bill payable to Edward Perrie for hire of the ship Resolution from 1693, Feb. 15, to May 10 following“.90 Es geht um einen Wechsel, eine Art Scheck, den Oberst Christopher Codrington, der auch als Gouverneur der Leeward Islands amtierte, in der Karibik auf den Schatzmeister der Navy in London ‚zog‘ und diesen damit schriftlich beauftragte, die aus der Anmietung des Schiffs Resolution herrührende Schuld gegenüber Edward Perrie an seiner statt zu begleichen.91 Was hat es nun mit dieser Bezahlung durch Wechsel auf sich? Der Oberst realisierte in dieser Situation ‚imperiale Kaufkraft‘. Zunächst ist festzuhalten, dass der Wechsel eine Verbindung zwischen der Karibik (Codrington) und 87

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Vgl. die Beiträge in Debora Gerstenberger, Joël Glasman (Hg.), Techniken der Globalisierung. Globalgeschichte meets Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2016; Guillaume Calafat, „Jurisdictional pluralism in a litigious sea (1590–1630). Hard cases, multi-sited trials and legal enforcement between North Africa and Italy“, in: Past & Present 242 (2019), Supplement 14: Global History and Microhistory, S. 142–178, hier S. 145; Sarah EasterbySmith, „Recalcitrant seeds. Material culture and the global history of science“, in: ebd., S.  215–242, hier S.  218 und S.  226; kritisch abwägend Sebastian Conrad, What is global history?, Princeton 2017, S. 128f., und, wie erwähnt, Epple, Lokalität und die Dimensionen des Globalen (wie Anm. 14), S. 10–13, und den Beitrag von Katharina Kreuder-Sonnen in diesem Band. Das folgende nach Tim Neu, „Accounting Things Together. Die Globalisierung von Kaufkraft im British Empire um 1700“, in: Gerstenberger, Glasman, Techniken der Globalisierung (wie Anm. 87), S. 41–66. Dort auch weiterführende Literatur zum konkreten Fall. Ashley Jackson, The British Empire. A very short introduction, Oxford 2013, S. 18. Calendar of Treasury Books [=CTB], Bd.  10,2: January  1693 to March  1696, bearb. von William A. Shaw, London 1935, hier S. 1044. Der Wechsel stellt „einen Zahlungsauftrag dar, mit welchem dessen Aussteller einen Dritten andernorts damit beauftragt […], eine Schuld an seiner Statt zu begleichen“ (Markus A. Denzel, Das System des bargeldlosen Zahlungsverkehrs europäischer Prägung vom Mittelalter bis 1914, Stuttgart 2008, S. 17).

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London (Zahlmeister der Navy), hervorbrachte. Damit wurde im Rahmen eines situativen Enactments ein situationsübergreifender Zusammenhang ‚etabliert‘,92 nämlich der im engeren Sinne ‚imperiale‘ Zusammenhang von Kolonie und Metropole.93 Der Oberst in der Peripherie konnte mit dem Wechsel die Kaufkraft des imperialen Zentrums ‚anzapfen‘ – die „links between distant colonies and […] structures in London“ schienen also tatsächlich „surprisingly real“ zu sein.94 Wie aber, so muss aus Sicht der ANT gefragt werden, wurden diese strukturellen Verbindungen hervorgebracht, denn, darauf hat etwa Ingo Schulz-Schaeffer hingewiesen, der „Verweis auf soziale Strukturen erklärt nichts“, beruht doch die „räumliche und zeitliche Ausdehnung und Stabilisierung von sozialen Beziehungen […] auf den jeweils konkret empirisch beobachtbaren Kanälen und Transportmitteln wechselseitiger Einwirkung“.95 In diesem Fall kommt nur der Wechsel selbst als Transportmittel infrage, da er allein von der Karibik nach London reiste. Verfolgt man seinen Weg, so fällt zunächst auf, dass er nach seiner Ankunft in der Metropole in ein Buchhaltungsregime eingespeist wurde,96 das auf verschiedene Orte in London verteilt war. So heißt es etwa in den Akten der Treasury in einem Eintrag vom 30. März 1695, hier in Paraphrase: William Lowndes weist in seiner Eigenschaft als Vertreter des Schatzamtssekretärs Henry Guy das Zahlamt (Exchequer) in Person des Auditors of the Receipt an, aus Krediten auf Zolleinnahmen im Wert von 300.000 Pfund Sterling die Summe von 3.508 Pfund, 9 Shilling und 11,5 Pence an die Zahlmeister der Truppen in Irland, Charles Fox und Lord Coningsby, auszuzahlen. Diese Mittel sollen Fox und Coningsby an die Transportkommissare weiterleiten, die damit wiederum verschiedene Wechsel einlösen sollen, die von den beiden Obersten Codrington und Kendall für die

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Die Übersetzung von ‚to enact‘ mit ‚etablieren‘ folgt dem Vorschlag von Günther Ortmann, Als Ob. Fiktionen und Organisationen, Wiesbaden 2004, S. 201–203. Vgl. Ann Laura Stoler, Frederick Cooper, „Between metropole and colony. Rethinking a research agenda“, in: dies. (Hg.), Tensions of empire. Colonial cultures in a bourgeois world, Berkeley 1997, S. 1–56; Steve Pincus, „Reconfiguring the British Empire“, in: William and Mary Quartely 69 (2012), S. 63–70, vgl. hier S. 63. Jackson, The British Empire (wie Anm. 89), S. 18. Schulz-Schaeffer, Technik in heterogener Assoziation (wie Anm.  83), S.  134f.; vgl. auch Debora Gerstenberger, Joël Glasman, „Globalgeschichte mit Maß. Was Globalhistoriker von der Akteur-Netzwerk-Theorie lernen können“, in: dies., Techniken der Globalisierung (wie Anm. 87), S. 11–40, hier S. 34f. Vgl. T. Colwyn Jones, David Dugdale, „The concept of an accounting regime“, in: Critical Perspectives on Accounting 12 (2001), S. 35–63.

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Anmietung von Schiffen auf den westindischen Inseln während der zurückliegenden Expedition gegen Martinique gezogen wurden.97 Es handelt sich hierbei nicht um eine ‚nur verwaltungstechnische‘ Abbildung eines Zahlungsvorgangs, nicht nur um einen Akt des Aufschreibens, sondern um einen des performativen Einschreibens, um eine wirkmächtige ‚Inskription‘ in der Terminologie der ANT.98 Diese ist erstens mächtig, weil sie am Ende einer langen Kaskade von buchhalterischen Inskriptionen steht: Die Wörter „loans“, „Customs“ und „bills of exchange“ stehen nicht ohne Grund im Plural, in ihnen sind eine unüberschaubare Menge von einzelnen Darlehen, Zolleinnahmen und Wechseln komprimiert und doch präsent. Und insofern sind es eben nicht nur Wörter, sondern ‚harte Fakten‘.99 Wichtiger ist jedoch eine zweite Machtwirkung der Buchhaltung, die damit beginnt, dass diese Inskription sehr viele und sehr heterogene Elemente mobilisiert: Kredite, Einnahmen, Ausgaben, Dienstleistungen, Personen, Ämter, Institutionen und, nicht zuletzt, Orte. Dann werden die mobilisierten Elemente miteinander vernetzt, in eine Ordnung gebracht, innerhalb einer Akte ganz wörtlich ‚zusammengerechnet‘. Die Auswirkungen der Buchhaltungstechnik zeigen sich nun am deutlichsten, wenn man die Inskription noch einmal anders formuliert und die latenten Raumbezüge explizit macht: Die Londoner Zollbehörden tilgen mit ihren Einnahmen aus ganz England Kredite, die das Londoner Schatzamt aufgenommen hat. Teile dieser Mittel gelangen über den Umweg der Zahlmeister für die Truppen in Irland in die Hände der Londoner Transportkommissare, die damit jene Wechsel der Gouverneure einlösen, mit denen in der Karibik Schiffe gemietet worden waren. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes Maßarbeit, genauer ‚Maßstabsarbeit‘. Es ist ‚nur‘ ein Eintrag in einer Akte in einem Londoner Büro, aber er assoziiert eine Vielzahl von räumlich getrennten Akteuren und stellt damit performativ einen imperialen Maßstab her. Ist damit schon die Akte nicht nur ein Stück Papier, so blieb die mit ihr verbundene Assoziierungsleistung zudem nicht auf die Büros der Treasury 97

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CTB 10,2, S. 967. „William Lowndes (in the absence of Henry Guy) to the Auditor of the Receipt to issue (out of loans in the Exchequer on the 300,000l. of the Customs) 3,508l. 9s. 11½d. to Charles Fox and Lord Coningsby on the unsatisfied order in their names for the service of the Forces [in Ireland]: to be by them paid to the Transport Commissioners to answer several bills of exchange drawn upon the Treasurer of the Navy by Col. Codrington and Col. Kendall for hire of ships in the West Indies in the late Expedition to Martinique.“ Vgl. vor allem Bruno Latour, „Drawing things together. Die Macht der unveränderlich mobilen Elemente“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 11), S. 259–307, und die ebenso kurze wie prägnante Definition in Latour, Die Hoffnung der Pandora (wie Anm. 23), S. 375. Vgl. Latour, Drawing things together (wie Anm. 98), S. 281.

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beschränkt. Am  30. März 1695 wurde die zitierte Inskription Gegenstand eines Schreibens an den Auditor of the Receipt, Sir Robert Howard; am 1. April autorisierte die Treasury die Transportkommissare, die Summe auszuzahlen; am 5. April wurden schließlich William Blathwayt, der Secretary at War, und damit indirekt der König selbst involviert.100 Der imperiale Zusammenhang wurde also allen beteiligten Büros kommuniziert und auf diese Weise über ganz London verbreitet – in Papierform. Und das war nur ein Zahlungsvorgang. Vergegenwärtigt man sich, dass von der Treasury jeden Tag vier bis fünf solcher Vorgänge behandelt wurden, bekommt man einen Eindruck davon, dass in London zwischen den einzelnen Büros ununterbrochen Inskriptionen zirkulierten, die imperiale Zusammenhänge und Maßstäbe hervorbrachten. Hinzu kommt, dass sich solche Inskriptionen nicht nur im Bereich der Verwaltung finden, sondern auch im engeren Bereich des Politischen. Zur Ablösung der Wechsel etwa wurden, wie oben erwähnt, Gelder aus Krediten verwendet, die später durch Zolleinnahmen getilgt werden sollten. Dieses Vorgehen war nun zuvor explizit vom Parlament gebilligt worden, das die Regierung erstens ermächtigte, Kredite in Höhe von insgesamt 1,2 Millionen Pfund aufzunehmen, und zweitens für die Besicherung und Tilgung dieser Kredite jährlich 300.000 Pfund aus den allgemeinen Zolleinnahmen reservierte. Zudem führte das Gesetz die Zweckbestimmung der Gelder schon im Titel – „carrying on the Warr against France“.101 Auch hier wurden heterogene Elemente mobilisiert und in einem imperialen Rahmen assoziiert: Die Kosten des Krieges gegen Frankreich wurden unmittelbar verbunden mit Londoner Krediten an die Treasury und mittelbar mit den englischen Steuereinnahmen. Imperiale Maßstäbe wurden also nicht nur durch die Buchführung der Treasury fortlaufend etabliert, sondern auch durch die parlamentarische Gesetzgebung; sie waren nicht nur das Produkt von Verwaltungsakten, sondern auch geltendes Recht.102 Welche Effekte hatte dieses kontinuierliche Enactment imperialer Maßstäbe mittels räumlich situierter und kollektiver Buchführungs- und Gesetzgebungspraktiken? Zunächst einmal ermöglichte diese Form der Papierarbeit ganz schlicht die Durchführung konkreter Zahlungsvorgänge: Zwar wurde der 1693 in der Karibik gezogene Wechsel erst Jahre später bezahlt, zudem von anderen Beamten als den ursprünglich angegebenen und aus ganz 100 101 102

CTB 10,2, S. 967 und S. 975. 6 & 7 W & M c 3. Damit ist weder gesagt, dass die Enactments der Treasury und des Parlaments immer exakt dasselbe Objekt (imperialer Maßstab) etablierten und hervorbrachten. Vielmehr handelte es sich um ‚multiple‘ Objekte (Mol, The body multiple (wie Anm.  33), S.  55), deren Kohärenz von der Koordination der verschiedenen Hervorbringungspraktiken abhing, was hier jedoch nicht genauer untersucht werden kann.

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anderen Fonds als geplant, aber immerhin wurde überhaupt gezahlt.103 Dieser konkrete Zahlungsvorgang wurde aber nur möglich, weil die Buchführung (auf Grundlage der parlamentarischen Gesetzgebung) es ermöglichte, Einnahmen und Ausgaben aus dem gesamten Empire aufeinander zu beziehen, hier aggregierte Zolleinnahmen aus ganz England, Londoner Kredite und Wechsel aus der Karibik. Insgesamt lässt sich also festhalten: Folgt man dem Wechsel von der Karibik nach London, so stellt sich heraus, dass er dort in ein lokales Akteur-NETZWERK inkorporiert wurde, das mittels einer komplizierten Buchhaltungs- und Gesetzgebungspraxis nicht nur imperiale Zahlungsvorgänge hervorbrachte und handhabte, sondern durch die damit verbundene Etablierung imperialer Maßstäbe die Londoner Regierung ‚größer‘ machte und die Handlungsmacht dieses AKTEUR-Netzwerks tendenziell globalisierte.104 III.2. Verändernde Wirksamkeit: AKTEUR-Netzwerke Während das erste Werkzeug also dazu dient, jeden gegebenen Akteur gleichsam ‚rückwärts‘ als Vernetzungseffekt auszuweisen, ermöglicht es das zweite Werkzeug vor allem, agency dort aufzuspüren, wo die Alltagserfahrung keine sieht. Beschrieben wird also in diesem Fall die ‚verändernde Wirksamkeit‘, die von Akteuren gleichsam ‚vorwärts‘ in neue Netzwerkbildungen eingebracht wird, dabei aber in der Regel unsichtbar bleibt. Das gilt insbesondere für nicht-menschliche Wesen wie Naturdinge und technische Artefakte, aber etwa auch für Tiere, die alle entweder nur als passive Objekte 103

104

Die Wechsel waren auf den Zahlmeister der Navy gezogen worden, wurden aber letztlich von den Transportkommissaren eingelöst, vgl. CTB 10,2, S. 967. Und während im Juli 1694 noch angeordnet wurde, die Wechsel aus den „fines for Hackney Coaches“ (CTB 10,2, S. 708 in Verbindung mit ebd., S. 731) zu bezahlen, wurde dafür letztlich ein Teil der Gelder aus den Krediten auf die Zolleinnahmen verwendet, vgl. ebd., S. 967. Vgl. für eine Weiterführung der Analyse Neu, Accounting things together (wie Anm. 88), S. 55–62, wo unter Nutzung des Konzepts der Black Box gezeigt wird, wie die imperiale Kaufkraft des public credit dann wieder in die Kolonien zurücktransportiert wurde; vgl. für eine literaturgeschichtliche Fallstudie Astrid Dröse, „Blackbox ‚Thalia‘ - Journale als Akteur-Netzwerke? Versuch einer medienhistorischen Modellanalyse mit ANT“, in: Knapp, Literarische Netzwerke (wie Anm. 22), S. 95–115, die folgendermaßen zusammengefasst wird: „Es [Schillers Thalia-Projekt, T.N.] lässt sich als Akteur-Netzwerk zwischen Herausgeber, Verlegern, Beiträgern, der Antiqua-Schrifttype und der ‚Journalpoetik‘ beschreiben, doch zunächst wirkte der Zeitschriftentitel als Marke. Das Blackbox-Siegel ‚Schillers Thalia‘ bewirkte, dass der Herausgeber, auch noch als er eine Professur annahm und sein Mitarbeiter Ludwig Ferdinand Huber zunehmend als Stellvertreter fungierte, weiterhin als homogener Akteur und Autor beinah aller Publikationen angesehen wurde.“ (Lore Knapp, „Literarische Netzwerke im 18. Jahrhundert: theoretisch, empirisch, metaphorisch. Zur Einleitung“, in: ebd., S. 9–31, hier S. 17). Im akademischen Betrieb der Gegenwart kommen solche Praktiken natürlich nicht mehr vor.

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menschlicher Vergesellschaftungsprozesse gelten oder sogar systematisch aus der Betrachtung ausgeklammert werden, wie es bei vielen technischen Medien und Infrastrukturen der Fall ist. Es geht also um eine symmetrische Beschreibungsweise des Zustandekommens von Effekten, in der zumindest potentiell alle Elemente auch Akteure sein können; ob sie es sind, ist dann keine theoretische Frage mehr, sondern eine empirische, weshalb sich das Gemeinte auch hier am besten an einem Beispiel verdeutlichen lässt.105 Geld muss ohne Zweifel als „one of our essential social technologies“ gelten.106 Damit teilt das Geld aber auch das Schicksal der meisten Technologien, dass ihm nämlich agency oder verändernde Wirksamkeit abgesprochen wird: „Das Geld“, so formulierte es Joseph Schumpeter pointiert, „tritt lediglich in der bescheidenen Rolle einer technischen Erfindung auf“, für die gelte: „Solange sie aber normal funktioniert, beeinflusst sie den Wirtschaftsablauf nicht“. Und darin bestehe der Begriff des „neutralen Geldes“.107 Geld fungiert hier, so würde Latour sagen, als „Zwischenglied“ und damit als „etwas, das Bedeutung oder Kraft ohne Transformation transportiert“,108 in diesem Fall eben Kaufkraft, was Schumpeter und auch die Alltagserfahrung weitgehend zu Recht als Normalfall empfinden. Und weil das Geld als Medium in diesem Sinne passiv und neutral ist, wird im wahrsten Sinne des Wortes von ihm ‚abgesehen‘, was Geld zu einer Black Box macht, denn eine „Black Box enthält, was nicht länger beachtet werden muss“.109 Aus ANT-Sicht handelt es sich jedoch keineswegs um einen Normalfall, sondern vielmehr um eine „absolute Ausnahme“, denn ein „passives und getreues Zwischenglied ist nämlich nur um den Preis sorgfältiger Konstruktion und aufwendiger ‚Programmierung‘ zu haben“.110 Eine symmetrische Beschreibung muss also die Black Box gleichzeitig öffnen und ernstnehmen, nach der verändernden Wirksamkeit von Geldtechniken und -praktiken fragen und danach, wie diese agency ‚gezähmt‘, wie aus einem aktiven ‚Mittler‘ ein weitgehend passives ‚Zwischenglied‘ gemacht 105 106 107

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Das Folgende nach Neu, Geld gebrauchen (wie Anm.  26), S.  90–96, dort auch weiterführende Literatur; vgl. zu tierischer agency auch die Beiträge von Pascal Schillings und Nadir Weber in diesem Band. Geoffrey Ingham, The nature of money, Cambridge 2004, S.  3; vgl. auch Felix Martin, Money. The unauthorised biography, London 2014, S. 26: „social technology“. Joseph A. Schumpeter, Geschichte der ökonomischen Analyse, Bd. 1, Göttingen 1965, S. 354f.; vgl. dazu Johann H. Hagen, „Der Geldschleier. Ein Beitrag zur Soziologie des Geldes“, in: Ulrike Aichhorn (Hg.), Geld- und Kreditwesen im Spiegel der Wissenschaft, Wien 2005, S. 327–348. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 70. Callon, Latour, Die Demontage des großen Leviathans (wie Anm. 21), S. 83. Gertenbach, Laux, Zur Aktualität (wie Anm. 11), S. 128.

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wird.111 Im Folgenden wird an der Materialität der Gelddinge angesetzt, um das Beschreibungswerkzeug zu demonstrieren, was den zusätzlichen Vorteil hat, dass mit der materiellen Kultur ein weiteres Forschungsfeld aufgerufen wird, in dem sich die ANT einer gewissen Beliebtheit erfreut.112 Im Sommer des Jahres 1698 musste sich die Treasury in London mit einer Angelegenheit auseinandersetzen, die schnell und ohne Aufsehen geregelt werden musste, bevor sie sich zu einem ebenso politischen wie ökonomischen Problem auswachsen konnte – Fälschung von Zahlungsmitteln in gleich mehreren Fällen. Allerdings waren nicht die herkömmlichen Silber- und Goldmünzen betroffen, sondern ein neuartiges Zahlungsmittel, das überhaupt erst vor drei Jahren eingeführt worden war, die sogenannten Exchequer bills (vgl. Abb. 2.1). Es handelte sich um ein zinstragendes Zahlungsmittel, das bis weit ins 19. Jahrhundert einen festen Platz im System der britischen Staatsfinanzen einnehmen sollte. Ein zentraler Unterschied zu den Zahlungsmitteln der heutigen Alltagswelt besteht jedoch darin, dass es sich bei den Exchequer bills nicht um ein gesetzliches Zahlungsmittel handelte, es Privatleuten also freistand, ob sie die bills in Zahlung nahmen oder nicht. Ein Annahmezwang bestand allein für Steuereinnehmer. Zudem waren die Exchequer bills verzinst, das hier abgebildete Exemplar im Wert von 5 Pfund brachte „[a] farthing a day Interest“, was einem Jahreszins von ca. 7,6 Prozent entsprach. Die Verzinsung ist auch der Grund, warum die Rückseite des Scheins beschriftet ist. Im ersten Eintrag ist zu lesen, dass die bill am 9. Oktober für eine Steuerzahlung („for Excise“) genutzt wurde, also in die Hände eines Beamten überging. Zu diesem Zeitpunkt war sie aufgrund der Verzinsung schon 5 Pfund 1 Schilling und 4 Pence wert, was ebenfalls notiert wurde. Diese Übereignungsnotiz oder Indossament war nötig, weil die Verzinsung ausgesetzt wurde, solange das Papier in den Händen 111

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Vgl. Schulz-Schaeffer, Technik in heterogener Assoziation (wie Anm. 83), S. 149. – Eine weitere Einsatzmöglichkeit dieses methodischen Werkzeugs kann hier nur angedeutet werden: Man kann weitergehend beschreiben, wie durch die Nutzung von Black Boxes ‚größere‘, ‚mächtigere‘ und ‚globalere‘ Sachverhalte und Verbindungen geschaffen werden, vgl. dazu Neu, Accounting things together (wie Anm. 88), S. 55–62. Vgl. allgemein Stefanie Samida, Manfred K. H. Eggert, Hans Peter Hahn (Hg.), Handbuch materielle Kultur. Bedeutungen, Konzepte, Disziplinen, Stuttgart 2014, und darin die Beiträge von Barbara Stollberg-Rilinger, („Macht und Dinge“, S. 85–88) und Andréa Belliger und David Krieger („Netzwerke von Dingen“, S. 89–96), die auf die ANT Bezug nehmen; Frank Trentmann, „Materiality in the future of history. Things, practices, and politics“, in: Journal of British Studies, 48,2 (2009), S. 283–307; Marian Füssel, „Die Materialität der Frühen Neuzeit. Neuere Forschungen zur Geschichte der materiellen Kultur“, in: Zeitschrift für Historische Forschung  42 (2015), S.  433–464, und Siebenhüner, Things That Matter (wie Anm. 54).

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Abbildung 2.1

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A 5 pond interest-bearing Kingdom of England Exchequer note dated 6 August 1697, Public Domain, National Numismatic Collection, National Museum of American History

der Beamten war, hier also zwischen dem 9. Oktober und dem 8. Dezember, als die bill erneut vom obersten Zahlamt, dem Exchequer in London, an eine Privatperson ausgegeben wurde („From ye Exchqr.“). Bei Zahlungsvorgängen zwischen Privatleuten mussten die bills jedoch nicht indossiert werden. In der Kombination von Zahlungsmittelfunktion und Verzinsung sind die 1696 zur Abfederung einer krisenhaften Zahlungsmittelknappheit eingeführten Exchequer bills damit sowohl Papiergeld als auch Staatsanleihen. In besagtem Sommer des Jahres 1698 waren nun gleich fünf offenkundig gefälschte Exchequer bills sichergestellt worden. Um den Fälschern auf die Spur zu kommen, wandte man sich an die jeweils letzten Inhaber der Schatzscheine und versuchte die Kette der Vorbesitzer zu rekonstruieren. Eine der bills war am 29. Dezember 1697 ausgestellt und für eine Akzisezahlung am 24. Mai 1698 von einem Samuel Wyse indossiert worden, der als clerk für einen gewissen Mr. Calvert tätig war. Zum Sachverhalt befragt, wusste er zu berichten, dass er den besagten Schatzschein von einem Mr. Unite, und der ihn wiederrum von einem Mr. Ambrose erhalten habe; es handele sich um Arbeitskollegen von ihm, die ebenfalls in Calverts Diensten stünden. Weitere Befragungen zeigten dann im Ergebnis, dass die bill in den gut fünf Monaten zwischen

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Ausstellung durch den Exchequer und Einzahlung bei der Akziseverwaltung mindestens siebenmal als Zahlungsmittel eingesetzt worden war und von einer unbekannten Person erst an einen Mr. Stock und dann über Mr. Johnson, Mr. Ball, Ambrose und Unite zuletzt an Wyse gelangt war.113 Bemerkenswert ist hier vor allem, wie durchgehend und umfassend die Akteure über ihre monetäre Praxis Auskunft erteilen konnten: Zum einen wussten alle noch (oder konnten dinggestützt erinnern), von wem sie die Exchequer bill erhalten und an wen sie diese weitergegeben hatten.114 Zum anderen erinnerten sich einzelne Akteure noch an weitere Einzelheiten, Johnson etwa an die konkrete Seriennummer. Hier sticht nun Richard Stock besonders hervor, der kleinste Details bezüglich der materiellen Gestalt der bill zu Protokoll geben konnte, obwohl sein Kontakt mit dieser zeitlich am weitesten zurücklag: Nicht nur sei der Schatzschein schon indossiert gewesen, als er ihn erhielt, sondern die Zinsen seien zudem mit roter Tinte auf der Vorderseite unter dem Siegel notiert worden. Und alle Akteure konnten sich diese Informationen ins Gedächtnis rufen, obwohl der Umgang mit Exchequer bills keineswegs ungewöhnlich oder selten war, immerhin hatte Stock gleich fünf Schatzscheine auf einmal bekommen und davon zwei an Johnson gegeben, von denen einer schließlich in die Hände von Ambrose gelangte, der sie mit einer weiteren, die er von einer anderen Person bekommen hatte, zusammen an Unite gab.115

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A report humbly presented to the Right Honourable the Lords Commissioners of His Majesty’s Treasury, by William Clayton & Lionell Herne, appointed by their Lordships to inquire into the matter of fact in respect to five Exchequer bill numbered and dated as hereunto, that appear to have been counterfeited, 1698 Juni 8, o.O., The National Archives of the United Kingdom (=TNA), T 1/54/10, fol. 43r–44r, hier fol. 43v.: „Mr. Ambrose says that he received the bill nr. 185 024 from Mr. Ball, a factor; Mr. Ball says he received it from Mr. Taylor, a factor; Mr. Taylor says he received it from Mr. Johnson, a factor at the end of Bartholomew Lane; Mr. Johnson says he received it, or a bill of the same number, from Mr. Richard Stock, a Salesman at the Holy Lamb in the Minories; Mr. Richard Stock says he received five bills each of five pounds of three customers of his, salesmen who live at Woolwich; and that the bill nr. 185 024 which he owns to have given to the said Mr. Johnson was one of the said five bills; but he cannot tell how to distinguish of which of the three he received it“. Rechtschreibung und Zeichensetzung sind modernisiert worden. Vgl. das Kapitel „Extended Minds and Bodies“ in Bryant, Onto-Cartography (wie Anm. 81), S.  84–93, wo die These diskutiert wird, „that mind is a relation between brain, body, and the physical world“ (S. 85, Hervorhebung im Original). Nimmt man das an, lassen sich Dinge, wie etwa hypothetische Aufzeichnungen über angenommene und weitergegebene Wechsel in diesem Fall, sehr viel leichter in die Beschreibung mentaler Prozesse einbeziehen. Report (wie Anm. 113), fol. 44r.

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Die Aussagen der ehemaligen Inhaber des Wechsels waren alle unterschiedlichen Inhalts, da jeder nur wissen konnte, von wem er den Wechsel erhalten und an wen er ihn weitergeben hatte, aber gleichwohl beschreiben alle in diesem Fall getätigten Aussagen, einschließlich derjenigen des Untersuchungsberichts, die Rekonstruktion der Zirkulation des Wechsels (und damit auch die Zirkulation selbst) performativ als ausschließliche Leistung der beteiligten Menschen, die sich erinnern, mit welchen anderen Menschen sie im Modus der Zahlung interagiert hatten. Geht man jedoch mit Latour davon aus, dass die Welt, bestünde sie tatsächlich nur aus solchen sozialen Interaktionen, „einen provisorischen, instabilen und chaotischen Anblick bieten“ würde, dann muss man genauer hinschauen, wie sich die Menschen „ihren Weg durch die Dinge bahnen, die sie den sozialen Fertigkeiten hinzugefügt haben, um die ständig sich verschiebenden Interaktionen dauerhafter zu machen“.116 Daher muss auch nach der verändernden Wirksamkeit der Exchequer bills gefragt werden, die sich vor allem, so die These, ihrer spezifischen Materialität verdankt beziehungsweise den Präskriptionen oder ‚Gebrauchsvorschriften‘, die in den Schatzscheinen materiell verkörpert waren.117 Hier ist eine genealogische Perspektive, in der die Exchequer bills häufig als Vorläufer moderner Banknoten erscheinen, nicht hilfreich. Zwar ist die westlich geprägte Weltgesellschaft der Gegenwart keine Simmel’sche Idealwelt, in der das Geld vollkommen abstrakt ist, weil man mit Viviana Zelizer weiß, dass Menschen „assign different meanings and separate uses to particular monies“.118 Allerdings müsste monies hier eher mit ‚Geldsummen‘ statt mit ‚Zahlungsmitteln‘ übersetzt werden, denn welche konkreten Münzen und Scheine das Haushalts- oder Taschengeld ausmachen, spielt heute keine 116

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Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 115 und S. 118 (Hervorhebung im Original); vgl. auch, eher auf die kognitive Einzelleistung bezogen, ders., „Eine Soziologie ohne Objekt? Anmerkungen zur Interobjektivität“, in: Berliner Journal für Soziologie 11,2 (2001), S. 237–252, hier S. 243: „Nur wenn sie ausreichend ausgestattet, nur wenn die kognitiven Kapazitäten ausreichend instrumentiert und gewichtig genug wären, erst dann, und nicht im Voraus, wird es möglich sein, an sie provisorisch anzuschließen.“ Vgl. Madeleine Akrich, „Die De-Skription technischer Objekte“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 11), S. 407–428; vgl. auch den ähnlich gelagerten Affordanz-Ansatz: James  J.  Gibson, „The theory of afforcances“, in: Robert Shaw, John Bransford (Hg.), Perceiving, acting, and knowing. Toward an ecological psychology, Hillsdale, NJ 1977, 67–82. Viviana  A.  Zelizer, The social meaning of money, New York, NY 1994, S.  5; Simmel vertrat die Auffassung, dass die Geschichte des Geldgebrauchs erwiesenermaßen eine Geschichte zunehmender Abstraktion sei, in deren Verlauf die „Anonymität und Farblosigkeit“ des Geldes immer weiter zunehme, vgl. Georg Simmel, Philosophie des Geldes, hg. von David  P.  Frisby, Klaus Christian Köhnke, 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1994 [zuerst Leipzig 1900], hier S. 527.

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Rolle mehr. Einzelne Zahlungsmittel verwenden wir daher sehr wohl als abstrahierten type, nicht als individuelles token.119 Wir wissen zwar, dass jeder Schein eine individuelle Nummer trägt, aber er geht dennoch nicht als individuelles Objekt in die Geldpraktiken ein, denn seine gesamte semantischmaterielle Gestalt ist daraufhin angelegt, einen Gebrauch-als-type anzubieten, ihn vollständig austauschbar zu machen.120 Das aber scheint im späten 17. Jahrhundert in London anders gewesen zu sein, denn wie der Bericht deutlich macht, nahmen die Akteure die Exchequer bills ganz offensichtlich als individuelle token wahr und orientierten ihr Handeln entsprechend, was unter anderem bedeutete, der konkreten Zahlungssituation, also den Umständen von Empfang und Weitergabe des Scheins, deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken, um den Umgang mit jeder einzelnen bill behalten und wiedergeben zu können. Die Seriennummer sollte also offenbar nicht die Gleichartigkeit und damit Austauschbarkeit aller Exchequer bills hervorbringen, sondern die Einzigartigkeit jedes einzelnen Scheins. Dasselbe gilt für die Unterschrift, die ja charakteristischerweise, wie auch die Seriennummer, auf jedem Schein handschriftlich vermerkt wurde, was ebenfalls die Individualität unterstrich und nicht einfach nur technischen Beschränkungen geschuldet war. Das Indossament bildete hier sozusagen den Schlussstein dieses materiell-semantischen Individualisierungsprogramms, insofern es der bill ihre eigene Geschichte im wörtlichen Sinne einschrieb, die Zahlungssituationen ihrer Vergänglichkeit enthob, indem es die wesentlichen Elemente, das Datum und die beteiligten Personen/Institutionen, auf dem Papier schriftlich objektivierte. Aber nicht nur die einzelnen Elemente, sondern auch die Gesamtgestalt der Exchequer bills legte den Akteuren nahe, sie als individuelle Objekte anzusehen, denn im Rahmen der zeitgenössischen Sehgewohnheiten ähnelten sie nicht dem typischen Bargeld (denn das waren nach wie vor Münzen), sondern den frühen Noten der Bank von England und vor allem dem wichtigsten Wertpapier/Zahlungsmittel der frühneuzeitlichen Wirtschaft, der auch schon im ersten Beispiel auftrat – dem Wechsel (bill of exchange).121 Und beide, Noten wie Wechsel, bezogen ihre Liquidität gerade aus einer noch weiter gehenden 119 120 121

Die Unterscheidung nach Charles S. Peirce, „Prolegomena to an apology for pragmaticism“, in: The Monist 16 (1906), S. 492–546, hier S. 505f. ‚Gestalt‘ hier verstanden als Zusammenhang, bei dem „sich das, was an einem Teil dieses Ganzen geschieht, bestimmt von inneren Strukturgesetzen dieses seines Ganzen“ (Max Wertheimer, „Über Gestalttheorie“, in: Symposion 1 (1925), S. 39–60, hier S. 43). Vgl. auch den Fall des Papiergeldes der Französischen Revolution, Rebecca L. Spang, Stuff and money in the time of the French Revolution, Cambridge, MA 2015, S. 107: „Materially as well as conceptually, that is, the first assignats were hybrids. They combined the solidity

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Individualisierung, denn anders als bei den Exchequer bills wurden bei Wechseln nicht nur der Aussteller, sondern auch noch der Zahlungsempfänger und der Bezogene, der die Zahlung leisten musste, namentlich genannt und mithin der gesamte sozial-monetäre Zusammenhang materiell objektiviert.122 Zusammenfassend lässt sich damit festhalten, dass der spezifischen Materialität der Exchequer bills in der Vernetzung mit den menschlichen Akteuren eine eigene verändernde Wirksamkeit zukam, mittels derer besagte Menschen dazu gebracht wurden, die Schatzscheine in den entsprechenden Geldpraktiken als individuelle Objekte zu behandeln – auch wenn diese Wirksamkeit in der Selbstbeschreibung der Menschen keine Rolle spielte.123 III.3. Fraktalität: Akteur-Netzwerke Fokussiert man für einen Moment die beiden Gelddinge, die in den beiden bisher behandelten Episoden eine tragende Rolle spielten, so wird noch einmal deutlich, dass hier zwei Beschreibungswerkzeuge ausprobiert wurden, deren Perspektiven zwar unterschiedlich, aber letztlich komplementär sind: Der karibische Wechsel erwies sich als Element eines Vernetzungsprozesses, der die britische Regierung mit imperiumsweiter finanzieller Wirkmacht ausstattete, also ihren Akteurstatus intensivierte. Der Londoner Schatzschein hingegen zeigte sich als Akteur, der seine Besitzer dazu brachte, ihn als individuelles token zu behandeln, und der damit wirksam zu einer historisch spezifischen Weise finanzieller Vernetzung beitrug. Aus ANT-Sicht spräche nun überhaupt nichts dagegen, in Vertauschung der Handhabungsweisen auch nach der verändernden Wirksamkeit des karibischen Wechsels und dem Elementstatus des Schatzscheins zu fragen. Alle Akteure sind Netzwerkeffekte, alle Netzwerke sind potentielle Akteure, alle Akteure sind Vernetzungselemente – die ANT funktioniert wie ein Kippbild, nämlich durch

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of land with the liquidity of circulating media; they were interest bearing and they were cash; they looked like coins but they looked also like bills of exchange.“ Insofern ist die Exchequer bill schon ein Schritt in Richtung monetärer Abstraktion, weil sowohl Zahlungsempfänger („the Bearer“, Abb. 1.) als auch Bezogener generalisiert sind. Und letztlich gilt das auch für den Aussteller, denn Sir Robert Howard stand nicht als Person mit seinem eigenen Kredit/Ehre für die bills ein, sondern unterzeichnete in seiner Eigenschaft als Auditor of the Receipt, repräsentierte also hier vielmehr den public credit; vgl. auch hier Spang, Stuff and money (wie Anm. 121), S. 201. Im Beispiel steht die verändernde Wirksamkeit der Schatzscheine im Mittelpunkt, nicht ihre Invisibilisierung. Wollte man diese, etwa mittels des Konzepts der Black Box, fokussieren, müsste man umfassender erforschen, wie die Schatzscheine als „Zwischenglieder“ konstituiert, standarisiert, gewartet und repariert werden, vgl. Roßler, Kleine Galerie neuer Dingbegriffe (wie Anm. 30), S. 87; Schulz-Schaeffer, Technik in heterogener Assoziation (wie Anm. 83), S. 146–148.

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eine „Hintergrund/Vordergrund-Umkehrung“124, deren Anwendung nicht theoretisch normiert ist, sondern sich nur durch ihren heuristischen Mehrwert rechtfertigt.125 Diese Theoriearchitektur erlaubt aber im Prinzip nicht nur die bisher vorgeführten Umkehrungen, das ‚Switchen‘ zwischen der Beschreibung des heterogenen Assoziierens in Akteur-NETZWERKEN und der verändernden Wirkmacht von AKTEUR-Netzwerken, sondern drittens auch die Handhabung von historischen Phänomenen ihrem gleichzeitigen Sowohl-Akteurals-auch-Netzwerk-Sein; ein Werkzeug, das im Folgenden unter der bisher wenig eingeführten Bezeichnung ‚Fraktalität‘ vorgestellt werden soll.126 Ende Juni  1759, während des Siebenjährigen Krieges, schrieb Abraham Mortier, der in New York tätige Deputy Paymaster General für die britischen Truppen in Nordamerika, seinem Vorgesetzten Henry Fox in London einen Brandbrief. Es seien keine Geldsendungen aus England eingetroffen, weshalb es zu einer „total Bankruptcy“ der Militärkasse gekommen sei.127 Dabei hatte die Regierung doch schon vor Jahren privatwirtschaftliche Finanzdienstleister unter Vertrag genommen, um die Truppen in Nordamerika stets mit genügend Münzgeld zu versorgen. Dieses sollte dann in New York von Charles Apthorp, dem Geschäftspartner und bevollmächtigten Vertreter der sogenannten remittance contractors, zeitgenössisch agent genannt, Zahlmeister Mortier regelmäßig und gegen Quittung ausgehändigt werden. Dieser wiederum unterstand direkt dem erst kürzlich ernannten Oberkommandierenden der Truppen in Nordamerika, Generalmajor Jeffery Amherst, der zumeist anordnete, die Münzen unter Bewachung landeinwärts nach Albany zu transportieren und dort an die Truppen und die Armeelieferanten auszuzahlen. Bis Mitte 1759 geriet dieses Setting jedoch in die erwähnte Krise, weil die Kontraktoren ihren Pflichten nicht mehr nachkamen: Sowohl im März als auch 124 125

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Latour, Über die Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm. 22), S. 48. Das heißt auch, dass man nicht nur von den Akteuren ‚rückwärts‘ zu den sie konstituierenden Netzwerken und ‚vorwärts‘ zu ihrer Wirksamkeit in anderen Netzwerken gehen kann, sondern auch von ‚großen‘ Akteuren nach ‚unten‘ zu den sie konstituierenden Netzwerken und nach ‚oben‘ zu ihrer Wirksamkeit in noch größeren Netzwerken; vgl., mit Bezug auf Leibniz, John Law, „And if the global were small and noncoherent? Method, complexity, and the baroque“, in: Enviroment and Planning D: Society and Space 22 (2004), S. 13–26, und für eine popkulturelle Umsetzung: Dominic Polcino (Regie), Dan Guterman (Drehbuch), „The Ricks Must Be Crazy“, in: Dan Harmon, Justin Roiland u.a. (Prod.), Rick and Morty, Staffel 2, Folge 6, 2015. Das Folgende nach Tim Neu, „Glocal Credit. Die britische Finanzlogistik im Siebenjährigen Krieg“, in: Marian Füssel (Hg.), Der Siebenjährige Krieg 1756–1763. Mikro- und Makroperspektiven, Berlin 2021, S. 73–93. Abraham Mortier an John Appy, 25.6.1759, New York, in: TNA WO 34/98, fol. 232r.

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im April hatte Apthorp jeweils Münzgeld im Wert von nur 20.000 Pfund Sterling bereitstellen können, was schon die laufenden Militärkosten nicht deckte, und war nur kurze Zeit später zudem aus London informiert worden, dass er für den Moment überhaupt nicht mit weiteren Münzlieferungen rechnen könne. Tatsächlich blieben diese aus, was dann mittelbar den Brandbrief Mortiers zur Folge hatte, in dem er vom totalen Bankrott der Militärkasse sprach. Eine Lösung hatte der Zahlmeister jedoch nicht parat, sodass es Amherst vorbehalten blieb, die Krise durch ein unkonventionelles Vorgehen zu bewältigen – Anfang Juni bat er die Provinz New York um einen Kredit. Einige Wochen später hatte man sich auf ein Maßnahmenpaket geeinigt: New York verabschiedete am 3.  Juli ein Gesetz zur Emission von Papiergeld in Höhe von 150.000  Pfund New Yorker Währung; eine Summe, die 87.500 Pfund Sterling entsprach.128 Diese kolonialen bills of credit galten für ein Jahr als gesetzliches Zahlungsmittel, um danach wieder in Münzgeld umgetauscht und aus dem Verkehr gezogen zu werden. Das so geschaffene Papiergeld wurde dann als Darlehen für ebenfalls ein Jahr an Zahlmeister Mortier vergeben. Dieses Darlehen besicherte Mortier ebenfalls durch Wechsel, die er mit Wissen und Willen Amhersts auf Generalzahlmeister Fox in London zog. Wenn also die Militärkasse das Darlehen nicht mittels des Münzgelds der Kontraktoren innerhalb von 12 Monaten tilgen würde, hätten die Wechsel zu Geld gemacht werden können. Zu diesem Zweck hätte man sie entweder direkt in New York an interessierte Kaufleute veräußern oder sie über einen Mittelsmann in London beim Pay Office präsentieren können. Damit war die Krise überwunden, Amherst konnte seine Kampagnen fortsetzen und noch im selben Jahr unter anderem die französischen Forts Carillon und St. Frederic einnehmen. Vor der Krise floss Mortier Kaufkraft nur in einer einzigen materiellen Form und aus einer einzigen institutionellen Quelle zu – Münzgeld vom Agenten der Kontraktoren. Das neue Setting wies nun zunächst einmal mehr und heterogenere Elemente auf: Zum einen in sozialer Hinsicht, insofern mit der Provinz New York eine zweite institutionelle Geldquelle aufgetan werden konnte; zum anderen aber vor allem auch im Hinblick auf die materiellen Kaufkraftträger.129 Die Kontraktoren sollten spanische und portugiesische Gold- und 128

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An Act for Emitting Bill [sic!] of Credit to the amount of One Hundred and Fifty thousand pounds to enable his Majesties General to Pay the Debts Contracted and to Carry on His Majesties Service in North America and for Sinking the same within twelve months, in: The colonial laws of New York from the year 1664 to the revolution, Bd. 4, Albany, NY 1894, S. 350–355. Settings hier verstanden im Sinne von Madeleine Akrich, Bruno Latour, „Zusammenfassung einer zweckmäßigen Terminologie für die Semiotik menschlicher und

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Silbermünzen ankaufen und über den Atlantik verschiffen. Mit dem Kredit von 1759 bekam Zahlmeister Mortier nun zudem Zugriff auf koloniales Papiergeld und zwar in den sprichwörtlichen kleinen Scheinen: 3.000 bills of credit zu je 24 Pfund, weitere 3.000 zu je 12 Pfund und schließlich 7.000 Geldscheine zu je 6 Pfund, insgesamt 150.000 Pfund New Yorker Währung.130 Gleichzeitig wurde das Setting aber auch homogenisiert, was jedoch erst erkennbar wird, wenn man nicht nur den Kredit als Ergebnis, sondern auch den vorgelagerten Verhandlungsprozess betrachtet. Letztlich einigte man sich darauf, dass Mortier zur Besicherung des Kredits Wechsel auf den Generalzahlmeister in London an die Provinz übergeben würde. Im Laufe der Verhandlungen hatte jedoch auch der Agent der Kontraktoren ein Besicherungsangebot gemacht.131 Der geschäftsführende Gouverneur ließ Apthorp jedoch wissen, dass keine Sicherheiten von Privatpersonen akzeptiert werden könnten und er daher die Wechsel des New Yorker Deputy Paymaster General annehmen werde. Diese Position fand dann auch die ausdrückliche Zustimmung Amhersts. Auch wenn der Begriff hier nicht explizit verwendet wurde, so ging es doch – wie auch schon im ersten Beispiel – um public credit. Indem man die Besicherung des Darlehens durch Zahlmeister Mortier vorzog, machte man erstens deutlich, dass es sich bei ihm gerade nicht um eine Privatperson, sondern um einen public servant handelte. Andernfalls hätte die Provinz auch Apthorp den Zuschlag geben können, der immerhin für eine grundsätzlich sehr finanzstarke Londoner Gesellschaft sprach. Wechsel sind aber nur dann gute Sicherheitsleistungen, wenn sowohl Aussteller als auch Bezogener als kreditwürdig gelten, schließlich handelt es sich letztlich um „unscheinbare Papierstücke“132 ohne Materialwert. Und damit stellte die Ablehnung privater Sicherheitsleistungen zweitens darauf ab, mittels des vom

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nicht-menschlicher Konstellationen“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm.  11), S.  399–405, hier S.  399 als „Konstellationen von Menschen und nicht-menschlichen Aktanten […], bei denen Kompetenzen und Performanzen verteilt sind; das Objekt der Analyse wird ‚Setting‘ oder ‚setup‘ (in Französisch ‚dispositif‘) genannt“. Vgl. auch den Beitrag von Sven Petersen in diesem Band. Vgl. Act (wie Anm. 128), S. 351. Abraham Mortier an Jeffery Amherst, o.D. [nach 8.6.1759 und vor 25.6.1759], o.O. [New York], in: TNA WO  34/98, fol.  230r/v: „Mr. Apthorp had been with him [Lieutenant Governor James De Lancey], & propos’d giving Security for the Loan, if it took place, but the Lt. Govr. acquainted him no Security could be taken from private Persons, that he should recommend the advancing this money to his Council and Assembly, as a Publick Service, at the instance of the Commander in Chief, and should take such Security as you [Amherst] offer’d in your letter to him, that was the Deputy Paymaster General’s bill.“ Denzel, System (wie Anm. 91), S. 17.

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Oberkommandierenden erlaubten Ziehens eines Wechsels den notwendigerweise öffentlichen Kredit des Deputy Paymaster Mortier mit dem ebenso öffentlichen Kredit des Londoner Pay Office und mittelbar mit dem Kredit der Regierung zu verbinden. Die Vergabe des Darlehens „to carry on His Majesty’s Service“,133 wie es im Titel des New Yorker Gesetzes hieß, beruhte damit auf dem im lokalen Setting von Mortier verkörperten imperialen public credit. Das scheint aus heutiger Sicht vielleicht wenig überraschend, aber die Amtsvorgänger von Generalmajor Amherst hatten finanzielle Engpässe in der Tat durch Rückgriff auf private credit überwunden, weshalb das Angebot von Apthorp auch nicht ungewöhnlich war. Im Ergebnis wurde die lokale New Yorker Finanzlogistik damit im Zuge der erfolgreichen Überwindung der Krise sowohl heterogener (im Hinblick auf ihre Elemente, die institutionellen Kaufkraftquellen und die materiellen Kaufkraftträger) als auch homogener (im Hinblick auf den hier wirksamen public credit). Die verstärkte Inanspruchnahme des public credit homogenisierte aber das Setting nicht nur, sondern machte es auch globaler, denn durch die Ausstellung der Wechsel auf London wurde nicht nur der öffentliche Kredit Mortiers als Sicherheit herangezogen, sondern letztlich der britische public credit in seiner Gesamtheit angezapft. Man kann nun zeigen, dass das New Yorker Mikrosetting, in dem schon ca. 90.000 Pfund Sterling eine Krise abwenden konnten, und das Londoner Makrosetting, wo jährlich Summen in Millionenhöhe einund aufgenommen wurden, im Hinblick auf diese Verbindung von heterogener Netzwerk- und homogener Akteursförmigkeit homolog strukturiert waren.134 Es handelte sich um ein Gesamtgefüge, bei dem auf allen Maßstabsebenen dieselbe Homogenitäts-Heterogenitäts-Konfiguration vorhanden war: Ein einheitlicher und wirkmächtiger public credit, verteilt verkörpert in einer Vielzahl von öffentlichen Bediensteten, Zahlungsmitteln und Finanzinstrumenten. Der britische public credit und die ihn handhabende Finanzlogistik waren damit genuin glokale Phänomene, ihre Gestalt und Eigenschaften lassen sich nur dann angemessen untersuchen, wenn man sie aus der Verflechtung lokaler und globaler Elemente versteht.135 Die hier vorliegende Form von Glokalität 133 134 135

Vgl. Act (wie Anm. 128), S. 350. Vgl. Neu, Glocal Credit (wie Anm. 126). Vgl. Roland Robertson, The new global history. History in a global age, in: Cultural Values 2 (1998), S. 368–384, hier: S. 374: „I have, on the other hand, insisted that even if one were to think of globalization as a recent phenomenon (which I certainly do not), it would still be more than appropriate to consider the pivotal aspect of globalization to be the ongoing interpenetration of universalizing and particularizing tendencies. This interpenetration I have specified, in summary conceptual form, in the concept of glocalization“; vgl. auch ders.: Glocalization. Time-space and homogeneity-heterogeneity, in: Mike Featherstone,

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lässt sich jedoch empirisch noch präziser bestimmen. Zum einen war das Setting der britischen Militärstaatsfinanzen dadurch gekennzeichnet, dass es in Gestalt des homogenen und wirkmächtigen public credit Akteurstatus besaß und gleichzeitig eine Vernetzung heterogener Elemente – Amtspersonen, Finanzinstrumente, Zahlungsmittel – darstellte. Public credit war, mit John Law gesprochen, „both singular and multiple, both one and many“.136 Zum anderen findet sich diese Konfiguration zur Zeit des Siebenjährigen Krieges auf allen Maßstabsebenen, vom lokalen New Yorker bis hin zum imperialen, auf London zentrierten Setting. Diese Eigenschaft lässt sich als Selbstähnlichkeit bezeichnen. Wie sehr auch immer man den Beobachtungsmaßstab vergrößert oder verkleinert, wie weit man hinein- oder herauszoomt, stets stößt man auf diese Struktur. ‚Selbstähnlich‘ und ‚gleichzeitig eines und vieles‘ zu sein, sind Eigenschaften von Fraktalen.137 Daher erscheint es mir sinnvoll – ebenfalls im Anschluss an John Law –, die spezifische Glokalität des public credit als „fraktal“ zu bezeichnen.138 Damit lassen sich die Möglichkeitsbedingungen dafür angeben, warum die lokale Krise von 1759 aufgefangen werden konnte. Der drohende Bankrott der lokalen Militärkasse war zwar ein gewichtiges Problem vor Ort, aber man

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Scott Lash, ders. (Hg.), Global modernities, London 1995, S.  25–44; Victor Roudometof, Glocalization. A critical introduction, London 2016. Law, Aircraft stories (wie Anm.  29), S.  4, ähnlich auch schon in ders., „After ANT. Complexity, naming and topology“, in: ders., Hassard, Actor network theory and after (wie Anm. 10), S. 1–14, S. 9–13. Vgl. grundlegend Benoît  B.  Mandelbrot, Die fraktale Geometrie der Natur, Basel 1987, S.  26–31, hier: S.  26: „Eine zentrale Rolle in diesem Essay spielen die uralten Begriff der Dimension (was Anzahl der Ausdehnungen bedeuten soll) und der Symmetrie.“ (Hervorhebung im Original). Die an Law, Aircraft stories (wie Anm. 29), S. 4, angelehnte Formulierung „gleichzeitig eines und vieles“ bezieht sich (weitgehend metaphorisch) auf die Tatsache, dass ein und dasselbe Fraktal dennoch „verschiedene effektive Dimensionen besitzt“ (Mandelbrot, Geometrie (wie Anm. 137), S. 29). Der Begriff der Selbstähnlichkeit ist sehr viel direkter auf die Mathematik der Fraktale bezogen: „Wenn jeder Teil eines Gebildes dem Ganzen geometrisch ähnlich ist, werden sowohl das Gebilde als auch die erzeugende Kaskade selbstähnlich genannt.“ (ebd., S. 46 (Hervorhebung im Original)). Vgl. Law, Aircraft stories (wie Anm.  29), S.  3: „In this way of thinking, a fractionally coherent subject or object is one that balances between plurality and singularity.“ Wenn bisher in den Geschichtswissenschaften auf Fraktale als metaphorische Erkenntnismittel zurückgegriffen wurde, dann meist nur unter Bezug auf den Symmetrie-Aspekt der Selbstähnlichkeit; vgl. etwa Henry. W. Brands, „Fractal history, or Clio and the chaotics, in: Diplomatic History 16 (1992), S.  495–510, hier S.  497; David Zeitlyn, Bruce Connell, „Ethnogenesis and fractal history on an African frontier. Mambila-Njerep-Mandulu“, in: Journal of African History 44,1 (2003), S. 117–138, hier S. 118; Falk Bretschneider, Christophe Duhamelle, „Fraktalität. Raumgeschichte und soziales Handeln im Alten Reich“, in: Zeitschrift für Historische Forschung 43 (2016), S. 703–746, hier S. 710.

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konnte lokal den globalen public credit aktivieren, um neue Zahlungsmittel in Form des kolonialen Papiergeldes zu schaffen. Selbst im Falle des Zusammenbruchs des New Yorker Settings wäre damit global gesehen nur eine lokale Verkörperung des verteilt verkörperten public credit weggebrochen, und die Auswirkungen hätten im wahrsten Sinne des Wortes mit der Leistungsfähigkeit der anderen Kreditsettings verrechnet werden können. Das fiskal-militärische Setting Großbritanniens erwies sich damit als erstaunlich widerstandsfähig, weil es fraktal kohärent war.139 IV.

Follow the actors? Aber wie? Und welchen? Ein Wegweiser statt einer Schlussbemerkung

Begonnen hatte ich diesen Text mit einer Unterlassungsaufforderung: Nicht springen! Was aber sollen Historiker*innen denn stattdessen tun? Nun, es gibt eine alternative Aufforderung, die wohl jede*r schon einmal gehört hat, wenn es um die Akteur-Netzwerk-Theorie geht: Follow the actors.140 Aber gerade Historiker*innen sind hier zu Recht skeptisch, denn die Formulierung kann durchaus als Aufforderung zu naivem Quellenpositivismus und unkritischer Übernahme historischer Selbstdeutungen verstanden werden- und wurde auch so verstanden.141 Das ist aber nicht gemeint. Der ‚Slogan‘ will vielmehr 139

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Fraktalität ist damit auch ein Werkzeug, das es ermöglicht, über die Selbstähnlichkeit Verbindungen zwischen faktisch ‚großen‘ und ‚kleinen‘ Settings und Situationen zu beschreiben, ohne die Mikro-Makro-Unterscheidung und damit einen euklidischen Raum der Alltagserfahrung vorauszusetzen. Überhaupt ist die jüngere ANT intensiv an der Nutzbarmachung anderer Raumbegriffe interessiert, vgl. etwa Annemarie Mol, John Law, „Regions, networks and fluids. Anaemia and social topology“, in: Social Studies of Science 24 (1994), S. 641–671; vgl. auch den Beitrag von Stefan Droste in diesem Band. – Die Erkenntnis der nur fraktalen Kohärenz (Law) und Multiplizität (Mol) der erforschten Gegenstände müsste eigentlich auch Folgen für das wissenschaftliche Schreiben haben, das immer noch auf vollständige Kohärenz und Einheitlichkeit ausgerichtet ist, vgl. Law, Aircraft stories (wie Anm. 29), S. 162–187. Leider kann ich diesen Punkt hier weder vertiefen noch textlich umsetzen – später vielleicht. Vgl. dazu Gertenbach, Laux, Zur Aktualität (wie Anm.  11), S.  110–112, für die follow the actors die „zweite methodologische Grundregel der empirischen Metaphysik“ Latours darstellt. Die erste lautet: „sparsamer Umgang mit vorgefertigten Unterscheidungen und kulturell etablierten Deutungsschemata“ (S.  109), die dritte fordert ein Beschreibungsvokabular, „das es ermöglichen soll, den zahlreichen und heterogenen Konstruktionen der Praxis zu folgen“ (S. 112); vgl. auch die Beiträge von Katharina Kreuder-Sonnen und Christian Vogel in diesem Band. Vgl. Gertenbach, Laux, Zur Aktualität (wie Anm.  11), S.  73. Hinzu kommen die gerade für Historiker*innen problematischen Konnotationen der metaphorischen Rede vom Forschenden als Ameise (ant), vgl. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm.  10), S.  24.

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dazu auffordern, nachzuverfolgen, was die Akteure tun und was sie sagen, denn aus Sicht der ANT fällt das oft auseinander.142 Das ist etwa der Kern von Latours Analyse der Moderne: Die (westlichen) Modernen haben eine Unmenge von immer neuen Hybriden produziert, aber gleichzeitig behauptet, sie würden Kultur und Natur fein säuberlich trennen. Oder, viele Nummern kleiner: Alle Inhaber des Schatzscheines aus dem zweiten Beispiel taten, wozu sie von der Materialität des Gelddinges aufgefordert wurden, sagten aber als Zeugen aus, dass sie allein die Urheber der Zahlungskette seien. Damit ist die ANT aber letztlich doch nicht nur ein „negatives Argument“143, sondern sehr wohl eine vollgültige Sozialtheorie, denn sie beschreibt gegen die Alltagserfahrung eine einheitliche, heterogene und emergente Wirklichkeit.144 Aus Sicht dieses Artikels folgt man den Akteuren daher, wenn man ihnen auf ihren ‚Tänzen‘ und ‚Reisen‘ folgt, wenn man beschreibt, wie aus der Vernetzung heterogener Elemente Akteure entstehen und wie diese Akteure ihre verändernde Wirksamkeit in wieder neue Netzwerke einbringen – um in diesen wiederrum transformiert und ‚übersetzt‘ zu werden. Und man folgt den erforschten Menschen auch dahin, wo sie Dichotomien setzen und über diese zu springen behaupten, wenn sie etwa Natur von Kultur unterscheiden und Handlungsträgerschaft asymmetrisch nur in der menschlichen Kultur verorten. ANT-Forscher*innen registrieren dann zum einen, dass diese Selbstbeschreibungen als Sprechakte Auswirkungen haben, aber sie halten sich zum anderen auch dann an die Herangehensweise der flachen Ontologie, indem sie zusätzlich zeigen, was die Akteure denn tun, während sie sagen, dass sie springen, dass sie nämlich aus der Beobachtungsperspektive der ANT auf einer Ebene und in Vernetzung mit allen Elementen ‚tanzen‘, auch – und vielleicht sogar gerade dann –, wenn sie ihre Pirouetten als menschlich-autonome Sprünge erleben. Eines aber tun ANT-Forscher nicht: Sie erklären die Selbstbeschreibungen der Erforschten damit nicht weg, erklären sie nicht für ungültig. Es geht nicht vornehmlich um Kritik, nicht um Entlarvung, sondern darum, den

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Dazu, zur bisherigen geschichtswissenschaftlichen Rezeption der ANT und hilfreicheren Metaphern vgl. Neu, Füssel, Reassembling the Past?! Zur Einführung, in diesem Band. Vgl. auch Gertenbach, Laux, Zur Aktualität (wie Anm. 11), S. 73: „Es geht weniger darum, was die Akteure sagen, als vielmehr darum, was sie tun.“ Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 245. Vgl. auch Schulz-Schaeffer, Technik in heterogener Assoziation (wie Anm. 83), S. 137–140, der den Sachverhalt mit der Entgegensetzung „Ethnotheorie vs. Beobachtertheorie“ auf den Punkt bringt.

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Selbstbeschreibungen der Zeitgenossen weitere Beschreibungen hinzuzufügen, schlicht und einfach deshalb, weil es keine endgültigen Antworten gibt.145 Es ist nicht so, als wüßten wir, die Sozialwissenschaftler, die Antwort, die irgendwo jenseits der Akteure läge, noch ist es so, daß sie, die berühmten ‚Akteure selbst‘, die Antwort kennen. Tatsache ist, daß niemand die Antworten kennt – und daher müssen diese kollektiv in Szene gesetzt, stabilisiert und revidiert werden durch jenes virtuelle Kollektiv, das nur durch energische und ständig aufgefrischte Sozialwissenschaften zusammengerufen werden kann.146

Das ist eine schöne Vision und daher möchte ich hier auch nicht mit einer (die Diskussion vorläufig abschließenden) Zusammenfassung dessen enden, was ‚Geschichte schreiben mit ANT‘ ist oder zu sein hat – denn auch auf diese Frage gibt es keine endgültige Antwort.147 Vielmehr möchte ich zu weiterführenden Diskussion anregen, indem ich einen letzten ‚Wegweiser‘ aufstelle, verstehe ich diesen Text doch wirklich als Kurzreiseführer.148 Daher habe ich ‚zum Einstieg‘ zunächst kurz eine erste Orientierungsskizze angefertigt, wie man sich eine flache Wirklichkeit voller Assoziationen und Handlungsträger vorstellen kann. Darauf folgten ‚Kurztrips‘ zu meinen eigenen Textlaboren, um den Leser*innen die Möglichkeit zu geben, die Beschreibungswerkzeuge der ANT in action zu erleben. Wer jetzt diese Wirklichkeit noch weiter erkunden will (und darauf hoffe ich natürlich), den/die möchte ich abschließend noch auf eine Anzahl längerer ‚Reisebeschreibungen‘ hinweisen – die Beiträge dieses Bandes. 145

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Vgl. Latour, Über die Akteur-Netzwerk-Theorie (wie Anm.  22), S.  59: „Die Erklärung (explanation) wird ex-pliziert, d.h. entfaltet, und sie ist, wie die Schwerkraft in Einsteins Raumkrümmung, immer noch als Wirkung vorhanden, aber nun ununterscheidbar von der Beschreibung, der Entfaltung des Netzes.“; vgl. auch für die Geschichtswissenschaft Landwehr, Die anwesende Abwesenheit (wie Anm.  8), S.  209–230, besonders S.  229: „Wirklichkeiten sind partikular zu erfassen, in einem Fortschreiten vom Partikularen zum Partikularen, insofern diese parallel und gleichzeitig bestehen können.“ – Der letzte Halbsatz weist zurecht darauf hin, dass aus der Annahme, dass es keine endgültigen Antworten gibt, nicht folgt, dass alle Antworten gleich überzeugend sind; vgl. auch den Beitrag von Pascal Schillings in diesem Band. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10), S. 241. Vgl. für andere Zugänge etwa Lore Knapp, „Die Akteur-Netzwerk-Theorie als Methode der Geschichtsschreibung. Wirkungen und Prozesse im britisch-deutschen Literaturtransfer“, in: dies., Literarische Netzwerke (wie Anm. 22), S. 137–157, oder auch die Anregungen in Gertenbach, Laux, Zur Aktualität (wie Anm. 11). Vgl. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 10) für einen ausführlicheren „Reiseführer“ (S. 37), der sich auch explizit als solcher versteht.

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Eine letzte – reflexive – Bemerkung: Wenn alle Bestandteile der Wirklichkeit nur fraktal kohärent sind, also immer sowohl „centred actor“ als auch „decentred networks“ sind, dann hängt agency offenbar von Zentrierungsvorgängen ab, die – wie alle Vorgänge aus Sicht der ANT – historisch kontingent sind.149 Und was für alle Bestandteile gilt, gilt logischerweise auch für geschichtswissenschaftliche Ansätze: Ob sich also die bisher verstreute und nur teilweise verbundene Ansammlung von ANT-inspirierten Forscher*innen und ihren textlichen Beschreibungslaboren zu einem geschichtswissenschaftlichen Ansatz zentrieren wird, der einen Unterschied macht, indem er eine flache Wirklichkeit voller Assoziationen und Handlungsträger in Szene setzt, das kann nur die Zeit zeigen. Ich bin gespannt.

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John Law, „After ANT. Complexity, naming and topology“, in: ders., Hassard, Actor network theory and after (wie Anm. 10), S. 1–14, hier S. 5 für das Zitat und S. 9–12 für die Einführung des Fraktalitätskonzepts, das er von Marilyn Strathern, Partial connections, Savage, MD 1991 übernimmt; vgl. auch den Anschluss an Strathern in Mol, The body multiple (wie Anm. 33), S. 147f. Strathern wiederum bezieht sich intensiv auf Haraway, A cyborg manifesto (wie Anm. 29).

3. Damenwahl. Neue Allianzen auf und mit dem Schachbrett des Mittelalters Jan Keupp

Abb. 3.1 Eine der Königinnen aus dem Lewis-Schachfund, Ende 12./ Anfang 13. Jahrhundert. Foto: Mark Coggins/Getty Images

Zu einem nicht genauer bestimmbaren Zeitpunkt im Frühjahr des Jahres 1831 erlebte ein Relikt des Mittelalters eine Renaissance. Es war nicht länger ein passives Objekt. Denn damals hörte es auf „vergraben, unbekannt, weggeworfen, ausgesetzt, bedeckt, ignoriert, unsichtbar, ‚für sich‘“1 zu sein und kehrte „zur Welt der Menschen“2 zurück. Ein ‚Artefakt‘ war geboren, in dem Moment, als ein gewisser Malcom MacLeod das Stück aus einer Sanddüne der 1 Bruno Latour, „Der Berliner Schlüssel“, in: Der Berliner Schlüssel. Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften übers. von Gustav Roßler, Berlin 1996, S. 37–51, hier S. 39. Unterschieden wird hier zwischen inaktiven Objekten und Artefakten: „Sobald jedoch ein Archäologe die armseligen fossilen oder staubigen Objekte in den Händen hält, hören diese Reliquien auf, Objekte zu sein, und kehren zur Welt der Menschen zurück.“ 2 Ebd.

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Hebrideninsel Lewis holte.3 Oder besser noch: ein Akteur.4 Denn die Königin aus Walrossbein und die mindestens 77 Figuren aus ihrem Gefolge blieben keineswegs ‚unter sich‘: Sie wurden Teil einer globalen Gesellschaft, die sie durch ihre Gegenwart bereicherten und zugleich veränderten.5 Eine geschnitzte Figur als handlungsfähigen ‚Akteur‘ zu adressieren, mag als märchenhafte Verfremdung, dem wissenschaftlichen Kontext indes als wenig angemessen erscheinen. Nicht weniger mystifizierend müsste es freilich wirken, wenn man den Ursprung des Handelns allein im autonomen Willkürakt eines einsam-heroischen Individuums verorten wollte, das gleichsam als ‚unbewegter Beweger‘ fungiert. Dass der Akteurstatus menschlicher Subjekte nicht zuletzt darauf beruht, dass sie „von vielen anderen zum Handeln gebracht“6 bzw. ermächtigt werden, ist schwerlich zu bestreiten. Die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) nimmt dieses Wesensmerkmal konsequent auch für materielle Objekte in Anspruch: Auch ihr Handlungspotential ist zum geringsten Teil intrinsisch begründbar, ihre faktische Partizipation bzw. Mittäterschaft an sozialen Interaktionen bleibt von diesem Mangel an Autonomie indes unberührt. Bruno Latour formuliert aus dieser Einsicht heraus ein sozialwissenschaftliches Programm, das ausdrücklich alle „Wesen ernst nimmt, welche die Menschen zum Handeln bringen“7. Die Schachfiguren des Lewis-Fundes erweisen sich in der Tat als Artefakte, die andere Akteure in vielfältiger Weise in Bewegung zu setzen vermögen: Seit ihrer ‚Resozialisierung‘ 1831 mobilisierten sie nicht allein als museale Schaustücke weltweit ein Millionenpublikum. Die Figur der Königin gab ein mehrfaches Gastspiel auf der großen Leinwand internationaler Filmproduktion, 3 Die Fundgeschichte rekonstruieren David H. Caldwell, Mark A. Hall, Caroline M. Wilkinson, „The Lewis hoard of gaming pieces: A re-examination of their context, meanings, discovery and manufacture“, in: Medieval archaeology 53,1 (2009), S. 155–203. Der Name des vermeintlichen Finders ist allerdings erst spät dokumentiert. Ein 2018 wiederentdeckter Wächter/ Turm deutet darauf hin, dass der Hort weitere Stücke enthielt. 4 Ich übernehme hier den weit definierten Akteursbegriff von Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, übers. von Gustav Roßler, Frankfurt a. M. 2007, S. 123: „jedes Ding, das eine gegebene Situation verändert, indem es einen Unterschied macht“. Zugleich entscheide ich mich gegen die Verwendung des Terminus ‚Aktant‘, da die begriffliche Trennung das Symmetrieprinzip der ANT verletzt. 5 Der Ruf von Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft, übers. von Gustav Roßler, Frankfurt a. M. 2000, S. 231: „Die Menschen sind nicht mehr unter sich“, ließe sich symmetrisch auch auf die archäologisch zugänglich gemachten Artefakte anwenden. 6 Latour, Neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 81 . Zum „unmoved mover“ bereits Andrew B. Kipnis, „Agency between humanism and posthumanism. Latour and his opponents“, in: HAU. Journal of Ethnographic Theory 5,2 (2015), S. 43–58, S. 55. 7 Latour, Neue Soziologie (wie Anm. 4).

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wo die Authentizität des Originals für die Originalität einer vermeintlich authentischen Mittelalterszenerie bürgte. Nicht erst, wenn sie sich im ersten Teil der Harry-Potter-Spielfilmsaga von ihrem geschnitzten Thron erhebt und vor den Augen des Kinopublikums den gegnerischen Springer durch einen rabiaten Schlag vom Spielbrett stößt, scheint die Realität des Märchens Wirklichkeit geworden. Die enorme gesellschaftliche Wirkmacht der skandinavischen Schnitzfiguren wird immer dort deutlich, wo sie ins Zentrum politischer und wissenschaftlicher Kontroversen treten. Sie avancierten dabei zu gefragten Repräsentanten schottischen Nationalbewusstseins,8 weckten Repatriierungsgelüste regionaler Eliten9 und veranlassten zuletzt isländische,10 irische11 und norwegische12 Experten, im skurrilen Schlagabtausch e silentio die Figurengruppe als exklusives Kulturerbe ihres Heimatlandes zu reklamieren. Diese Debatten sind insofern nicht allein symbolisch-arbitärer Ausdruck bereits bestehender Rivalitäten, als sie ohne 8

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11 12

Der schottische Ministerpräsident Alex Salmond (SNP) erhob seit 2007 die Forderung, die Figuren aus dem British Museum in ihre ‚Heimat‘ Schottland zu überführen und mit den elf in Edinburgh befindlichen Exemplaren zu vereinen. Siehe zusammenfassend Berry Burnett, „Scotland: Chessmen in the battle for independence“, in: The Foreign Report (02.01.2013), unter: http://www.theforeignreport.com/2013/01/02/. Nähere Informationen zur Debatte liefert die Suchmaschine Ihres Vertrauens. Unter Federführung des schottischen Abgeordneten Angus MacNeil (SNP) erhoben auch die Äußeren Hebriden 2010 Anspruch auf die Figuren, seit 2006 ist die angebliche Fundstelle durch eine Statue markiert, siehe u.a. Heather Pringle, „Repatriating the Lewis chessmen from the British Museum“ (17.03.2010), unter: http://heatherpringle. com/2010/03/17/. Avisiert ist eine Dauerleihgabe von sechs Figuren an das historische Museum von Lews Castel/Storoway, vgl. Mark Jones, „Restitution“, in: Constantine Sandis (Hg.), Cultural heritage ethics. Between theory and practice, Cambridge 2014, S. 149–167, hier S. 155f. Vgl. Gudmundur G. Thórarinsson, Einar S. Einarsson, The enigma of the Lewis chessmen. The Icelandic theory, 2. Aufl. Reykjavík 2011. Ich danke Herrn Einarsson für die Übersendung dieses Büchleins. Hauptbeleg ist die Verwendung des Wortes biskupsmát in der Mágussaga des späten 13. Jahrhunderts, während die Bezeichnung Bischof für den Läufer sich erst deutlich später in englischen Texten finde. Brian Nugent, The Irish invented chess!, Corstown 2011, S. 140–146, kritisiert die unsichere Fundgeschichte und möchte den Hort an der schottischen Küste lokalisieren. Substantielle Argumente gegen die Island-These trägt zusammen: Morten Lilleøren, „The Lewis chessmen – a final remark“ (27.03.2012), unter: http://en.chessbase.com/post/thelewis-chemen-lille-oslash-ren-s-final-remark. Die These einer Entstehung in Trondheim stützt sich auf mehrere Vergleichsfunde, siehe mit der älteren Literatur Christopher McLees, „A carved medieval chess king found on the island of Hitra, near Trondheim, Norway“, in: Medieval archaeology 53,1 (2009), S. 315–321. Siehe zur Debatte auch Dylan Loeb McClain, „Reopening history of storied norse chessman“, in: New York Times (08.09.2010), unter: https://www.nytimes.com/2010/09/09/arts/09lewis.html (alle Links letztmals am 1. März 2015 abgerufen).

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den materiellen Anteil der historisch einzigartigen Artefakte nicht oder zumindest nicht in dieser distinkten Form geführt worden wären. Indem die beteiligten Sprecher die Schachfiguren in die jeweils gewünschte ‚nationale‘ Position rücken wollten, wurden sie überdies selbst dazu genötigt, in spezifischer Weise Stellung zu beziehen. Mit der ‚nationalen‘ Identitätszuschreibung an die mittelalterlichen Relikte, in der ANT-Terminologie ‚Übersetzung‘ genannt13, veränderten sich womöglich auch ihr sozialer Standort und Status. Mit den Mitteln der Akteur-Netzwerk-Theorie den historischen Spuren der Spielfiguren zu folgen heißt daher zugleich, das netzwerkartige Geflecht reziproker Aneignungen von Menschen und Dingen sichtbar zu machen. „Langsam machen!“14, würde mir Bruno Latour wohl spätestens an diesem Punkt im Sinne seiner „slowciology“15 vermutlich zurufen. Denn bis hierhin habe ich nur Impressionen und Gedankensplitter entfaltet, die man erst mühselig mit dem Blick „nach unten“16 auf dem Ameisenpfad zu einer kleinteilig angelegten ANT-Studie zusammenfügen müsste. Doch ist es auch nicht die moderne Wiedergeburt der Schachkönigin, welche im folgenden Beitrag beschrieben werden soll. Rekonstruiert wird vielmehr die Allianz, die sie dereinst auf das Schachbrett stellte; das mittelalterliche Netzwerk, das sie Zug um Zug zur mächtigsten Spielfigur erhob. Geschildert wird zugleich die Hybridisierung von Höflingen und Spielfiguren, die beide Seiten auf nachhaltige Weise verwandelte.17 13

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Derartige Zuschreibungen markiert Michel Callon, „Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung: Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. BrieucBucht“, in: Andréa Belliger, David  J.  Krieger (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S.  135–174, hier S.  146, als Teil eines „allgemeinen, ‚Übersetzung‘ genannten Prozesses, in dessen Verlauf die Identität der Akteure, die Möglichkeit der Interaktion und der Handlungsspielraum ausgehandelt und abgegrenzt werden“. Latour, Neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 328. Das schöne Sprachspiel aus Bruno Latour, Reassembling the social. An introduction to actor-network-theory, Oxford 2005, S. 165, wurde in der deutschen Ausgabe leider nicht belassen. Bruno Latour, „Gabriel Tarde und das Ende des Sozialen“, in: Soziale Welt 52,3 (2001), S. 361–376, hier S. 368. Bei dieser Darstellung profitiere ich u.a. von der Heidelberger Zulassungsarbeit von Jan Bauer, Zur gesellschaftlichen Bedeutung des Schachspiels im europäischen Mittelalter (Februar 2012), sowie der Bachelorarbeit von Christina Nünning, „Das Schachspiel ist das Leben, das Brett ein Abbild der Welt“. Entwicklungsprozess der sozialen Wirklichkeit des Schachspiels am Beispiel der Schachkönigin (Juni 2013). Zahllose überaus instruktive Anregungen verdanke ich der Diskussion im Oberseminar „Mediävistik auf dem Ameisenpfad“, die sich teilweise unter Nennung der Beteiligten Diskutanten auf dem Blog https:// ameisenpfad.wordpress.com/ dokumentiert findet. Für ihre sorgfältige Durchsicht des Manuskripts danke ich Frau Theresa Rudolph und Frau Joana Gelhart. Ich bedauere es

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Der nachfolgende ‚Bericht‘ wird im Rahmen dieses Sammelbandes das Wagnis eingehen, den methodischen Denkansatz der Akteur-Netzwerk-Theorie auf einen Sachbereich der Mediävistik zu übertragen. In experimenteller Weise bedient er sich dabei ihres z.T. unkonventionellen Begriffsinstrumentariums, um neue Sichtweisen auf einen alten Gegenstand zu generieren. Er beschreibt zunächst die wechselseitigen Bündnisse zwischen Spielfiguren und Menschen (I.), um anschließend die weitreichenden Transformationen der Akteure auf und um das Schachbrett in den Blick zu nehmen (II.). Da methodische Explorationen niemals ohne angemessene Evaluation bleiben sollten, schließt sich den empirischen Arbeitsschritten eine abschließende Ergebnisreflexion an (III.). Das Gesamtexperiment erfolgt dabei unter der Prämisse, nicht undifferenziert den Akteuren zu folgen,18 sondern den Fokus auf die Betrachtung einer spezifischen Entität zu fixieren. Netzwerkassoziationen sollen überwiegend dann entfaltet werden, wenn die Schachkönigin nachweislich von ihnen „zum Handeln gebracht“19 wird oder sie umgekehrt ihr Handlungspotential auf andere Akteure überträgt. Der Beitrag bedient sich dabei durchaus bewusst jener „bequeme[n] Kurzschrift“20 seiner Disziplin, die mit Abstraktionsbegriffen wie ‚Schachspiel‘, ‚Ritter‘ oder ‚Hof‘ verbunden ist und greift die „mühsame und aufwendige Langschrift der Assoziationen“21 vornehmlich dort auf, wo sich neue Kräfte und Verbindungen abzeichnen. I.

Ein Exofakt findet Verbündete

Das Schachspiel stellte im Europa des Hochmittelalters zunächst einen Fremdkörper dar, ein „Exofakt“22. Seine Ursprünge lagen im indischen und persischen Raum, die Vermittlung erfolgte Mitte des 10. Jahrhunderts über die Kontaktzonen mit dem arabischen Kulturkreis in Spanien und Süditalien.23

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außerordentlich, den Anteil des großen Netzwerkes, das meine Überlegungen in der alltäglichen Praxis des Forschens und Schreibens getragen und ermöglicht hat, in dieser Fußnote nicht ansatzweise angemessen würdigen zu können. Latour, Neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 28. Ebd., S. 81. Ebd., S. 27. Ebd. Dies geschieht vermutlich seltener, als es Latour lieb wäre. Der Begriff bezeichnet außerhalb einer sozialen Gemeinschaft erzeugte Gegenstände, vgl. Manfred K. H. Eggert, „Artefakte“, in: Stefanie Samida, ders., Hans Peter Hahn (Hg.), Handbuch Materielle Kultur. Bedeutungen, Konzepte, Disziplinen, Stuttgart 2014, S. 169–173, hier S. 172. Siehe dazu Harold James Ruthven Murray, A history of chess, 2. Aufl. Oxford 1962, Teil 1, S.  25–393; Antje Kluge-Pinsker, Schachspiel und Trictrac. Zeugnisse mittelalterlicher

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Auf seinem Weg in den Westen aber wurde der Figurensatz neu arrangiert. Die agonale Spielformation des Orients wandelte sich dabei zum Abbild des abendländischen ordo-Denkens, das Schachbrett mutierte vom Schlachtfeld zu einer pazifizierten Bühne höfischer Geselligkeit.24 Nicht nur wurden die Streitkräfte des indisch-arabischen Figurensatzes mit neuen Namen belegt, im Gastland zeigten sie alsbald auch ein gewandeltes Gesicht.

Abb. 3.2

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Linke Spalte: Rekonstruktionen arabischer Spielsteine (Bernd Schwarz). Mittlere Spalte: L’échiquier de Charlemagne (BnF, Paris) und Lewis-Schachset (akgimages, Coggins/Getty Images). Rechte Spalte: Moderne Figuren, Foto: Jan Keupp

Spielfreude in salischer Zeit, Sigmaringen 1991, S. 9–15; Renate Syed, Kanauj, die Maukharis und das Caturanga. Der Ursprung des Schachspiels und sein Weg von Indien nach Persien, Kelkheim/Ts. 2001; Chiara Frugoni, Das Mittelalter auf der Nase. Brillen, Bücher, Bankgeschäfte und andere Erfindungen des Mittelalters, übers. von Verena Listl, 3. Aufl. München 2005, S. 84–89. Verwiesen sei an dieser Stelle auf die gründlichen Vorarbeiten von Hans  F.  Massmann, Geschichte des mittelalterlichen, vorzugsweise des Deutschen Schachspieles, Quedlinburg 1839; Antonius van der Linde, Geschichte und Litteratur des Schachspiels, 2 Bde., Berlin 1874, ND Zürich 1981; Tassilo von Heydebrand und der Lasa, Zur Geschichte und Literatur des Schachspiels, Leipzig 1897, ND Leipzig 1976. Siehe dazu bereits Jan Keupp, „Höfische Artefakte von der Burg Weissensee“, in: Dieter Blume, Matthias Werner (Hg.), Elisabeth von Thüringen – eine europäische Heilige, Bd. 1: Katalog, Petersberg 2007, S. 81–83.

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Der Lewis Fund enthüllt erstmals die Gesamtheit dieser Anverwandlungen: Aus dem Streitwagen oder Kamel (rukh, englisch rook) war der Turm (rochus) geworden,25 der Elefant wurde kurzerhand zum Bischof umdeklariert. Die Metamorphose spiegelt freilich weniger die Arbitrarität der Sprachzeichen als die materiellen Affordanzen der abstrakt gehaltenen Spielsteine.26 Aus den Pferdeköpfen der Quadriga wurde auf diese Weise ein Zinnenkranz geformt, die Stoßzähne des Elefanten aber als gehörnte Mitra des Bischofs neu verortet.27 Weniger leicht erklärlich ist hingegen der Wechsel der Geschlechteridentität, der sich die Figur des Feldherrn oder Wesirs unterziehen musste.28 Bereits die früheste lateinische Schachbeschreibung, die Einsiedelner „versus de scachis“ aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, stellt sie als Königin (regina) „von ähnlicher Pracht, aber unter anderer Regel“29, dem König zur 25 26

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Zur Bedeutungsverschiebung bereits im Arabischen vgl. Remke Kruk, „Of rukhs and rooks, camels and castles“, in: Oriens 36 (2001), S. 288–298. James  J.  Gibson, „The theory of affordances“, in: Robert Shaw, John Bransford (Hg.), Perceiving, acting, and knowing. Toward an ecological psychology, Hillsdale 1977, S. 67–82, hier S. 67: „the affordance of anything is a specific combination of the properties of its substance and its surfaces taken with reference to an animal“. Gemeint ist das Handlungsund damit auch Deutungsangebot, das ein Ding einem Lebewesen aufgrund seiner materiellen Beschaffenheit macht. Zumindest der Wandel zum gehörnten Bischof wird in zeitgenössischen Texten reflektiert, siehe Moralitas de scaccario (wiedergegeben nach der Lesart Corpus Christi Coll. Cambridge ms. 177, fol. 50v), ediert in: Murray, History (wie Anm. 23), S. 559–561, hier S. 560: „Alphini vero prelati sunt ecclesie papa et archiepiscopi et episcopi cornuti non vt Moyses ex colloquio diuino, set potius regio imperio vel prece aut precio sublimati.“ Vgl. auch Robert Nedoma, „Die Schachterminologie des Altwestnordischen und der Transfer des Schachspiels nach Skandinavien“, in: Matthias Teichert (Hg.), Sport und Spiel bei den Germanen. Nordeuropa von der römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter, Berlin 2014, S. 29–85, hier S. 60–63. Siehe zu dieser Metamorphose: Egbert Meissenburg, „Vom firzân zur künigin im Eilschach“, in: Ernst Strouhal (Hg.), Vom Wesir zur Dame. Kulturelle Regeln, ihr Zwang und ihre Brüchigkeit. Über kulturelle Transformation am Beispiel des Schachspiels, Wien 1995, S.  27–37; Joachim Petzold, „Wie erklären sich die Bezeichnungen Wesir und Dame im Schach?“, in: ebd., S.  67–76; Stefan Flesch, „‚Elle me dit eschec et mat‘. Geschlechtergrenzen und Geschlechterbeziehungen im Kontext des hoch- und spätmittelalterlichen Schachspiels“, in: Wolfgang Haubrichs, Kurt-Ulrich Jäschke, Michael Oberweis (Hg.), Grenzen erkennen – Begrenzungen überwinden. Festschrift für Reinhart Schneider zur Vollendung seines 65. Lebensjahres, Sigmaringen 1999, S. 123–143, hier S. 138ff.; Marilyn Yalom, Birth of the chess queen, New York 2005. Versus de scachis, hg. von Gabriel Silagi, Bernhard Bischoff, MGH Poetae 5,3, München 1979, S. 652–655, hier S. 653: „In quorum medio rex et regina locantur/Consimiles specie, non racione tamen.“ Die Datierung des Textes ist strittig, dürfte aber vor der Jahrtausendwende anzusetzen sein, vgl. Helen Gamer, „The earliest evidence of chess in western literature. The Einsiedeln verses“, in: Speculum 29 (1954), S. 734–750; Hartmut Hoffmann, Schreibschulen des 10. und des 11. Jahrhunderts im Südwesten des Deutschen Reichs, 2 Bde., Hannover 2004, Bd. 1, S. 43ff., 134 und Bd. 2, S. 115f.

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Seite. In seinen Zugmöglichkeiten blieb der Spielstein zunächst auf jene Einschrittigkeit beschränkt, die Harold Murray als den „week Muslim move“30 bezeichnete: Er durfte nur jeweils ein Feld in diagonaler Richtung vorrücken und kann daher nächst dem Bauern als die „schwächste Figur auf dem Brett“31 angesprochen werden. Die Adaption des Schachspiels im Abendland ließe sich aus kulturanthropologischer Perspektive in einem mehrstufigen Modell der Aneignung analytisch fassen:32 Demnach verbindet sich mit dem Erwerb eines materiellen Artefakts zugleich ein Selektionsprozess, der unverständliche Sinnzuschreibungen und Wertkonventionen in Teilen eliminiert. Der fremde Gegenstand wird im Akt der Objektifizierung in neue Sinnbezirke verpflanzt, indem man ihn relational zu den Denkhorizonten und Wissensbeständen des Gastlandes verortet und in bestehenden Kategorien wie Geschlecht, Alter, Status oder Moral neu verankert. Dies geschieht nicht allein auf der Deutungsebene, auch und gerade „die Praktiken der Nutzung definieren die Kategorien des Dings“33. Mühelos ließe sich von diesem Punkt aus Anschluss an die simplifizierende These Marylin Yaloms gewinnen, wonach die Geburt der Schachkönigin auf die faktische Präsenz starker Herrscherinnen im christlichen Kulturkreis zurückzuführen sei.34 Die Phase der Inkorporierung beschreibt den physischen und psychischen Lernprozess, der mit der konkreten Handhabung von Konsumgütern einhergeht. Das Wissen um Funktion und Gebrauch lässt sich schließlich als Traditionsbestand im kollektiven Gedächtnis archivieren. Ein Zugriff über die ANT produziert hingegen radikal neue Perspektiven: Nicht nur präsentiert sie ein gewandeltes begriffliches Instrumentarium; ihre Methodik ersetzt das letztlich lineare Schema durch ein Geflecht multilateraler 30 31 32

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Murray, History (wie Anm. 23), S. 749. Flesch, Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 28), S. 138. Referiert werden die Überlegungen von Stefan Schreiber, „Archäologie der Aneignung. Zum Umgang mit Dingen aus kulturfremden Kontexten“, in: Forum Kritische Archäologie 2 (2013), S. 48–122, hier S. 78–82, aufruhend wiederum auf einem Modell von Hans Peter Hahn, Materielle Kultur. Eine Einführung, Berlin 2005, S. 99–107. Schreiber, Archäologie (wie Anm. 32), S. 80, der hier zwei Schritte nach Hahn, Materielle Kultur (wie Anm.  32), S.  103 zusammenzieht: Die mögliche „materielle Umgestaltung“ und die „Benennung“. Tatsächlich ist es auch ohne Verweis auf den linguistic turn schwer vorstellbar, eine Umformung dem Akt der Namensgebung als vorgängig anzunehmen. Yalom, Birth (wie Anm.  28). Diese in zahlreichen weiteren Publikationen zu findende Parallelisierung von realen Königinnen und materiellen Spielfiguren erweist sich insofern als problematisch, als sie allein auf dem Argument der Analogie beruht und auf eine Präzisierung der sozialen Aneignungsmechanismen verzichtet. Wie zufällig scheint in jeder Innovationsphase des Schachspiels irgendwie eine ‚starke‘ Herrscherin präsent – sei es Theophanu, Elenore von Aquitanien oder Isabella von Kastilien.

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Abb. 3.3

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Modell kultureller Aneignung nach Schreiber, Archäologie (wie Anm. 32), S. 82

und reziproker Aneignungsakte und löst damit zugleich die Dinge aus der Passivität eines bloßen ‚Behandelt-Werdens‘. Unter der Prämisse, dass nicht alleine Menschen sich Gegenstände aneignen, sondern sie selbst gleichfalls von Gegenständen „bewegt, berührt, ergriffen“35 werden können, erzeugt sie ein kohärentes Gesamtbild.36 Der vielfach beschworene ‚Eigensinn der Dinge‘ bleibt aus dieser Perspektive keine unbestimmte Leerstelle.37 Vielmehr gerät unversehens die ‚soziale‘ Leistungsfähigkeit der untersuchten Artefakte in den Blick, andere Akteure für sich einzunehmen und potentielle Konkurrenten zur Seite zu drängen. Die Schachdame erhält dadurch im historischen Prozess Gesicht und Stimme zugleich. Erfolgreich war dieses ‚Interessement‘38 des Schachspiels insofern, als es alte Allianzen aufzulösen verstand: Es etablierte eine wirksame Schranke 35 36 37

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Latour, Neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 406. Vgl. bereits Jan Keupp, „Sachgeschichten. Materielle Kultur als Schlüssel zur Stauferzeit“, in: Gesellschaft für staufische Geschichte e.V. (Hg.), Die Staufer und Byzanz, Göppingen 2013, S. 156–180, hier S. 158f. Hahn, Materielle Kultur (wie Anm.  32), S.  46–49, versammelt heterogene Ansätze zu diesem Begriff, die der materiellen Gestalt bzw. ihrer Wahrnehmung einen Bedeutungsüberschuss beimessen. Mit der ANT lässt sich dieses Konzept insofern aufgeben, da Akteure nicht aus sich selbst heraus handeln, sondern dazu von anderen ermächtigt werden. Diesem Text lege ich das von Callon, Einige Elemente (wie Anm. 13), entworfene Phasenschema von Problematisierung, Interessement, Enrolment und Mobilisierung zu Grunde bzw. die bei Bruno Latour, „Über technische Vermittlung. Philosophie, Soziologie und Genealogie“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm.  13), S.  483–528, hier S.  504,

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zwischen den adeligen Eliten und ihrem traditionell gepflegten Strategiespiel, dessen rekonstruierter Name hnefatafl heute ebenso exotisch wie archaisch anmutet.39 Vermutlich ist es die letztgenannte Begriffsassoziation, die bis in die Gegenwart den historischen Sieg des Schachspiels dokumentiert: In der Auftaktphase ritterlich-höfischer Kultur gelang dem fremdländischen Neuankömmling der Schulterschluss mit jenen Kräften, die den ‚zivilisatorischen‘ Vorsprung eines verfeinerten Verhaltens zum zentralen Distinktionskriterium erhoben. Insofern das Interessement hinzutretender Akteure oftmals „bedeutet, Schranken aufzubauen“40 und Identitäten neu zu definieren, gelang es den Schachfiguren offenbar ‚spielend‘ leicht, die hochmittelalterlichen Führungszirkel auf ein verändertes Freizeitprogramm zu verpflichten. Der ältere Konkurrent hnefatafl hingegen wurde in die Peripherie Europas abgedrängt. Ursprünglich wohl nicht nur in Nordeuropa, sondern in weiten Teilen des Frankenreichs verbreitet, trat er einen raschen Rückzug an und wurde schließlich so weit marginalisiert, dass seine Wiederauffindung in Lappland durch Carl von Linné im Jahr 1732 als ethnologische Entdeckertat gefeiert werden konnte.41 Wer an den großen Höfen Europas bestehen wollte, zog spätestens seit dem 12. Jahrhundert die neuen Spielformen vor. Das Figurenset des Schachs kam den Bedürfnissen höfisch-vornehmer Kreise zweifellos entgegen, indem es den Konkurrenten an Komplexität und Differenziertheit deutlich überbot: Das hnefatafl verfügte mit König und Krieger nur über zwei Figurentypen mit jeweils identischer Zugmöglichkeit und bildete somit lediglich ein bilaterales Verhältnis von Herr und Gefolgsmann ab. Seine Grundregeln sind ebenso einfach zu erlernen wie umzusetzen. Das Schachset hingegen vermochte weitaus präziser die vielfältigen Hierarchieebenen und Interdependenzen des höfischen Lebenskreises widerzuspiegeln. Zudem forderte es seinen Adepten

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40 41

skizzierte Abfolge von Übersetzung, Überkreuzung, Rekrutierung, Mobilisierung und Verschiebung. Harold James Ruthven Murray, A history of board-games other than chess, New York 1978, S. 55–64; Ulrich Müller, „Schach und Hnefatafl – zwei mittelalterliche Spiele als Beispiel ‚archäologischer Objektwanderung‘“, in: Irene Erfen, Karl-Heinz Spiess (Hg.), Fremdheit und Reisen im Mittelalter, Stuttgart 1997, S. 119–146; Ulrich Müller, „Der König in der Fremde – Schach und Hnefatafl“, in: Anke Wesse (Hg.), Studien zur Archäologie des Ostseeraumes. Von der Eisenzeit zum Mittelalter. Festschrift für Michael Müller-Wille, Neumünster 1998, S. 597–606; Jana Krüger, „Das Brettspiel in der skaldischen Dichtung“, in: Matthias Teichert (Hg.), Sport und Spiel bei den Germanen. Nordeuropa von der römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter, Berlin 2014, S. 87–107. Callon, Einige Elemente (wie Anm. 13), S. 152. Carl von Linné, Lachesis Lapponica, or a tour in Lapland, hg. von James Edward Smith, 2 Bde., London 1811, Bd. 2, S. 55–58.

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ein ungleich höheres Maß an Vorausschau, Selbstdisziplin und Affektkontrolle ab und bediente damit zentrale Kriterien aristokratischer Selbstzuschreibung.42 Die Aneignung von Regelwerk und Spieltechnik verlangte zudem den Einsatz von Zeit und Muße, wie sie Angehörigen arbeitender Schichten kaum zur Verfügung standen.43 Schach konnte sich auf diese Weise assoziativ als verfeinerte Spielform vornehmer Kreise etablieren. Gefeierte Heldenfiguren wie um 1050 der Ruodlieb, der den gegnerischen König nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern drei Mal auch auf dem Schachbrett schlug, legen beredtes Zeugnis von der Tragfähigkeit dieses Bündnisses von Höflingen und Spielsteinen ab. Denn auch wenn der Protagonist sich als Unterhändler zunächst weigerte, als einfacher Ritter eine Partie gegen den fremden Herrscher zu wagen, so zeigte dieser sich unerwartet lernwillig: „Ich wünsche nämlich, die unbekannten Züge kennenzulernen, die du machst“44. Das Schachbrett diente dem militärisch unterlegenen Monarchen als Vermittler, mit dessen Hilfe er Gutwilligkeit und Einsicht signalisieren, mithin den siegreichen Feind in einen geschätzten Freund ‚übersetzen‘ konnte. Nicht minder eindrucksvoll beschreibt das französische Epos „Raoul de Cambrai“ gegen Ende des 12. Jahrhunderts, wie es der Koalition von Spieler und Schachfiguren gelang, „andere Elemente von sich abhängig“45 zu machen und sie zum 42

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Vgl. dazu Charles Stephen Jaeger, The origins of courtliness. Civilizing trends and the formation of courtly ideals 939–1210, Philadelphia 1985; Horst Wenzel, „Tisch und Bett – Zur Verfeinerung der Affekte am mittelalterlichen Hof“, in: Doris Ruhe, Karl-Heinz Spieß (Hg.), Prozesse der Normbildung und Normveränderung im mittelalterlichen Europa, Stuttgart 2000, S. 315–332; Jan Keupp, „Verhöflichte Krieger? Überlegungen zum ‚Prozeß der Zivilisation‘ am stauferzeitlichen Hof“, in: Johannes Laudage, Yvonne Leiverkus (Hg.), Rittertum und höfische Kultur der Stauferzeit, Köln 2006, S. 217–245. Siehe Keupp, Artefakte (wie Anm. 24), S. 83. Explizit nennt diesen Vorsprung gegenüber dem Hazardspiel König Alfons X. von Kastilien, Das Buch der Spiele, hg. und übers. von Ulrich Schädler, Ricardo Calvo, Wien 2009, S. 54f.: „Derjenige, der die Verstandestheorie vertrat, legte das Schachbrett mit seinen Figuren vor und zeigte, dass der Spieler, der den meisten Verstand besitzt und es aufmerksam studiert, seinen Gegenspieler besiegen könne. […] Auch wird davon gesprochen, dass die Spieler einen wachen Verstand haben müssen, damit sie so zu spielen verstehen, dass sie siegen und nicht besiegt werden.“ Ruodlieb, hg. und übers. von Karl Langosch, in: ders., Waltharius, Ruodlieb, Märchenepen. Lateinische Epik des Mittelalters mit deutschen Versen, Darmstadt 1956, S. 85–215, IV, 207, S. 112: „Nam quos ignotos facies uolo discere tractus.“ Vgl. Volker Honemann, „Das Schachspiel in der deutschen Literatur des Mittelalters. Zur Funktion des Schachmotivs und der Schachmetaphorik“, in: Gerd Althoff (Hg.), Zeichen – Rituale – Werte. Internationales Kolloquium des Sonderforschungsbereichs 496 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Münster 2004, S. 363–383, hier S. 368. Michel Callon, Bruno Latour, „Die Demontage des großen Leviathans. Wie Akteure die Makrostrukturen der Realität bestimmen und Soziologen ihnen dabei helfen“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 13), S. 75–101, hier S. 85.

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Handeln zu bringen: Zunächst lässt der Titelheld, missmutig und gekränkt nach einer verbalen Auseinandersetzung mit seinem Seneschall, die pazifizierende Macht der Spielsteine auf sich wirken. Nachdem er aber seinen Opponenten in wenigen meisterlichen Zügen matt gesetzt hat, findet er wieder zur höfischen Freude und gewinnt zugleich die Gefolgschaft seiner Diener zurück: „Da verlangte er nach Wein und zehn Knappen von edelster Abkunft eilten sich“46, so beschreibt der anonyme Autor den Mobilisierungserfolg des hybriden Bündnisses. In der Allianz zwischen Höflingen und Spielfiguren definierten sich die Akteure gegenseitig: Wie das Schachspiel in seinem abendländischen Neuarrangement als hoffähig und elegant etikettiert wurde, so versah es seine Adepten – geradezu als „Stereotype adeliger Lebensführung“47 – mit dem Nimbus distinguierter Überlegenheit und diente ihnen als „Mittel der Demonstration höfischer Lebensweise“48. Bereits die Tugendlehre des Petrus Alfonsi rechnete am Beginn des 12. Jahrhunderts das Schachspiel den sieben für vornehme Laien geeigneten Kunstfertigkeiten (probitates) zu.49 Gottfried von Straßburg schließlich gestaltete eine Schachpartie als Höhe- und Wendepunkt in der ritterlichen Bildungskarriere seines Titelhelden Tristan: Indem der vierzehnjährige Adelsspross sich am Ende seiner Ausbildung auf ein Spiel mit norwegischen Kauffahrern einlässt, präsentiert er sich ungewollt als Prototyp des höfisch-weltgewandten Jünglings: „Der galante Höfling flocht 46 47 48

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Raoul de Cambrai. Chanson de geste, hg. von Paul Meyer, Auguste Longnon, Paris 1882, v. 1593f.: „Le vin demande, .x. s’en sont entremis/Des damoisiax qi molt sont de grant pris.“ Rainer  A.  Müller, „Vom Adelsspiel zum Bürgervergnügen. Zur sozialen Relevanz des mittelalterlichen Schachspiels“, in: Concilium medii aevi 5 (2002), S. 51–75, S. 58. Honemann, Schachspiel (wie Anm.  44), S.  369. Vgl. auch Albrecht Classen, „Chess in medieval german literature. A mirror of social-historical and cultural, religious, ethical, and moral conditions“, in: Daniel E. O’Sullivan (Hg.), Chess in the middle ages and early modern age. A fundamental thought paradigm of the premodern world, Berlin 2012, S. 17–44, hier S. 20: „and it [the chessgame, J.K.] also indicates the player’s particular level of education, wisdom, and ability to cope in life according to his/her moves on the board.“ Petrus Alfonsi, Disciplina Clericalis, hg. von Alfons Hilka, Werner Söderhjelm, Heidelberg 1911, S. 11: „Probitates vero hae sunt: Equitare, natare, sagittare, cestibus certare, aucupare, scaccis ludere, versificari.“ Zum Schachspiel in der Adelserziehung vgl. Alwin Schultz, Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger, Bd. 1, 2. Aufl. Breslau 1889, S. 156, 537f.; Murray, History (wie Anm. 23), S. 435f.; Jenny Adams, „Medieval chess, Perceval’s education, and a dialectic of misogyny“, in: O’Sullivan, Chess in the middle ages (wie Anm. 48), S. 111– 134, hier S. 112f.; Ulrich Schädler, „Brett- und Würfelspiele in Erziehung und Bildung des mittelalterlichen Religiosentums“, in: Jörg Sonntag (Hg.), Religiosus Ludens. Das Spiel als kulturelles Phänomen in mittelalterlichen Klöstern und Orden, Berlin 2013, S. 187–209. Erst nach Abschluss des Manuskripts (2015) erschien: Sophie Caflisch, Spielend lernen. Spiel und Spielen in der mittelalterlichen Bildung, Ostfildern 2018.

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in seine eloquenten Plaudereien mitunter fremde Schachbegriffe ein.“50 Vom Spielgeschick und galanten Gebaren des Gastes beeindruckt, beschlossen die Seeleute gemeinschaftlich die Entführung des Wunderkindes, für das sie sich einen hohen Preis versprachen. Initiiert und ermöglicht wurde diese Selbstoffenbarung sublimer Weltgewandtheit indes allein durch die sichtbare materielle Präsenz der Schachfiguren. Um seine höfischen Fertigkeiten entfalten zu können, zeigte sich Tristan im Verlauf des Romans immer wieder auf die Mitwirkung nichtmenschlicher Akteure angewiesen – seien es Hirsche, Hündchen oder Harfen. Im vorliegenden Fall vermochte er dem Bündnisangebot kaum zu widerstehen, das ihm das aufwendig verzierte Brett und der Figurensatz, „kunstvoll aus kostbarem Elfenbein geschnitzt“51, beim Betreten des fremden Schiffes unterbreitete. Von dieser materiellen Affordanz in Bann geschlagen ließ der Jüngling sich auf die Partie ein, die ihn bald in einen Gefangenen ‚übersetzen‘ sollte. Die im Tristan-Roman beschriebenen aufwändig gestalteten Spielsteine aus Elfenbein, aber auch solche aus Quarz, Bergkristall und Edelmetallen, lassen sich als Repräsentationsobjekte in der höfischen Literatur ebenso ausfindig machen wie in Rechnungsbüchern und der Realienüberlieferung des Hoch- und Spätmittelalters.52 Dank eines höchst produktiven Werknetzes aus Fertigungs- und Distributionsspezialisten gewann die Allianz zwischen Spielern und Steinen zusehends an Kontur. Der adelige Rang ihrer Besitzer ‚übersetzte‘ offenbar die physisch verfügbaren Figurensets in kostbare Zimelien

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Gottfried von Straßburg, Tristan. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, hg. von Rüdiger Krohn, Bd.  1, 12. Aufl. Stuttgart 2007, v. 2287–2290: „der höfsche hovebaere/lie sîniu hovemaere/und vremediu zabelwortelîn/under wîlen vliegen în.“ Vgl. zur Szene Classen, Chess (wie Anm. 48), S. 22ff. Gottfried von Straßburg, Tristan (wie Anm.  50), v. 2226f.: „von edelem helfenbeine/ ergraben wol meisterlîche.“ Massmann, Geschichte (wie Anm. 23), S. 80–84; Wilhelm Wackernagel, „Das Schachspiel im Mittelalter“, in: ders., Kleinere Schriften, Bd. 1, Leipzig 1872, S. 107–127, hier S. 116ff.; Fritz Strohmeyer, „Das Schachspiel im Altfranzösischen“, in: Abhandlungen Herrn Prof. Dr. Adolf Tobler zur Feier seiner fünfundzwanzigjährigen Thätigkeit als ordentlicher Professor an der Universität Berlin, Halle 1895, S. 381–403, hier S. 400f.; Malcolm Vale, The princely court. Medieval courts and culture in North-West Europe 1270–1380, Oxford 2001, S.  170– 177; Elisabeth Vavra, „Murmel, Spielstein, Würfel. Relikte mittelalterlicher Spielkultur in Kloster und Kirche“, in: Sonntag, Religiosus Ludens (wie Anm.  49), S.  219–238, hier S. 220–225. Zum besonders ausgeschmückten Beispiel eines kostbaren Schachspiels siehe Margreth Egidi, „Gegenweltliche Dingobjekte im Apollonius von Tyrland – das Schachspiel“, in: Martin Baisch, Jutta Eming (Hg.), Hybridität und Spiel. Der europäische Liebesund Abenteuerroman von der Antike zur Frühen Neuzeit, Berlin 2013, S. 177–192.

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und stabilisierte auf diese Weise den Statusanspruch beider Bündnispartner.53 Während aus dem großbäuerlichen Milieu Schnitzfiguren aus Holz oder gar Schweineknochen überliefert sind,54 galt derartiges in der distinguierten Sphäre adeliger Selbstdarstellung als kaum statthaft: „Mit vornehmen Steinen spielten sie – nicht mit Holzfiguren, so wie man neuerdings Damen spielen sehen kann“, heißt es dazu tadelnd im „Wigalois“ des Wirnt von Grafenberg.55 Diese wechselseitige Anverwandlung manifestierte sich demnach gerade auch in der figuralen Gestaltung der familia, wie die Spielsteine mitunter in Anlehnung an die menschliche Hofklientel bezeichnet wurden.56 „Diese ganze Welt ist ein Schachspiel“, so verkündete eine Schachallegorese vor der Mitte des 13. Jahrhunderts. Zeitverzögert reflektierte sie damit den Prozess der reziproken Übersetzung: „Die familia dieses Schachspiels aber sind die Menschen dieser Welt. […] Einer wird König genannt, der andere Königin, der dritte Roch, der vierte Ritter, der fünfte der Alte und der sechste Fußläufer.“57 Indem die Kollektive auf dem und um das Schachbrett ihre Allianz materiell und terminologisch bekräftigten, festigte auch die Königin ihre zentrale Position inmitten des Gefolges. Als anerkannte consors regni trat sie wie selbstverständlich an die Stelle des arabischen Wesirs. Ohnehin konnte die exzeptionelle Einzelstellung eines dominanten Beraters im konsensualen Herrschaftsgefüge des Hochmittelalters kaum angemessen erscheinen.58 Allein die legitime Königin vermochte diesen hart umkämpften Platz am Ohr des Herrschers mit vollem Recht auszufüllen.

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Bruno Latour, „Technik ist stabilisierte Gesellschaft“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 13), S. 369–397. Müller, Schach und Hnefatafl (wie Anm. 39), S. 124. Wirnt von Grafenberg, Wigalois. Text – Übersetzung – Stellenkommentar, hg. von Johannes M. N. Kapteyn, Sabine Seelbach, Ulrich Seelbach, Berlin 2005, v. 10584ff.: „mit edelem gesteine/spilten si, mit holze niht,/als man nû vrouwen spilen siht.“ So etwa im Fall der Gattin Edwards  I.  von  England, Margarete: „Unum scaccarium de jaspide et cristallo cum imaginibus in cristallo argento munitis, et cum familia de jaspide et cristallo“, zitiert nach Vale, Princely court (wie Anm. 52), S. 172, mit weiteren Hinweisen zum Wortgebrauch. Moralitas de Scaccario (wie Anm. 27), S. 559–561, S. 560: „Mundus iste totus quoddam scaccarium est. […] ffamilia autem huius scaccarii sunt homines huius mundi [...]. Primus enim rex est, alter regina, tertius rocus, quartus miles, quintus alphinus, sextus pedinus.“ Vgl. Jenny Swanson, John of Wales. A study of the works and ideas of a thirteenth-century friar, Cambridge 1989, S. 63ff. zur Autorenschaft sowie S. 98 zum Exempel. Siehe zur Problematik Steffen Patzold, „Konsens und Konkurrenz. Überlegungen zu einem aktuellen Forschungskonzept der Mediävistik“, in: Frühmittelalterliche Studien 41 (2007), S. 75–103, bes. S. 89–97 sowie Gerd Althoff, Kontrolle der Macht. Formen und Regeln politischer Beratung im Mittelalter, Darmstadt 2016, mit umfangreichen Beispielen.

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Die Symbiose zwischen Hof und Schach erwies sich als leistungsfähig genug, das Spiel der Könige selbst gegen geistliche Kritik weitgehend zu immunisieren. Anders als die verschiedenen Hazardvarianten mit Würfeln, Kugeln oder Karten blieb es in den Spielverboten kirchlicher und weltlicher Obrigkeiten zumeist ausgespart.59 Ebenso wie die höfische Liebe oder die Beizjagd, so wurde auch das Schachspiel im Verlauf des 13. Jahrhunderts in den Rang einer Kunst erhoben, die letztlich der sittlichen Selbstvervollkommnung ihrer Adepten dienen sollte.60 Noch um 1190 hatte die Naturenzyklopädie des Alexander Neckam wider die verderbliche Vergänglichkeit des Adelsvergnügens polemisiert, das Anlass zu Neid, Hass und Gewalt gebe: „Oh wie viele tausend Seelen sind wegen dieses Spiels in den Höllenschlund gesandt worden?“61 Augenscheinlich in Kenntnis dieser Kritik glaubte vor der Mitte des 13. Jahrhunderts ein unter dem Namen Ovids schreibender Dichter das Schachspiel ausdrücklich als „keinem verdächtig und allen Leuten gestattet“62 markieren zu können: Vornehm (nobilis) sei dieses Spiel, so erklärte er unter dem Pseudonym des antiken Poeten, zumal wenn es allein um der intellektuellen Leistung willen betrieben werde. Auf den Schwingen aristotelischer Ethik und Naturphilosophie stilisierte schließlich König Alfons  X.  von  Kastilien 1283 die spielerische Auszeit von den Mühen des Alltags zu einem Ausfluss des göttlichen 59

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Müller, Adelsspiel (wie Anm.  47), S.  62, resümiert: „In allen Dekreten der allgemeinen Kirchenkonzilien fand – dies sei als argumentum e silentio festgehalten – das Schachspiel keine namentliche Nennung.“ Gleichwohl lassen sich einige wenige Verbote auf Ebene der Kirchenprovinzen nachweisen, vgl. leider weithin undifferenziert Lars-Arne Dannenberg, „Spielverbote für Kleriker und Mönche im kanonischen Recht des Mittelalters“, in: Sonntag, Religiosus Ludens (wie Anm. 49), S. 81–96. Zu den beiden genannten Bereichen vgl. einführend Carla Meyer, Christian Schneider, „Der Codex Manesse und die Entdeckung der Liebe. Eine Einführung“, in: Maria Effinger, Carla Meyer, Christian Schneider (Hg.), Der Codex Manesse und die Entdeckung der Liebe, Heidelberg 2010, S. 9–23; Michael Menzel, „Die Jagd als Naturkunst. Zum Falkenbuch Kaiser Friedrichs II.“, in: Peter Dilg (Hg.), Natur im Mittelalter. Konzeptionen – Erfahrungen – Wirkungen, Berlin 2003, S. 342–359. Vgl. auch Jan Keupp, „Stauferzeit im Zauberkreis. Spiel und Sport im hohen Mittelalter“, in: Andreas Imhoff (Hg.), Politik und Kultur der Staufer, Lingenfeld 2016, S. 193-216. Alexander Neckam, De naturis rerum libri duo, hg. von Thomas Wright, London 1863, c. 184, S. 326: „O quot millia animarum Orco transmissa sunt occasione illius ludi“, mit Verweis auf die Geschichte der Haimonskinder. Die Debatte auch bei Strohmeyer, Schachspiel (wie Anm. 52), S. 390–393. Pseudo-Ovidius, De vetula. Untersuchungen und Text, hg. von Paul Klopsch, Leiden 1967, v. 627f.: „Nobilis hic ludus, nulli suspectus, et omni/persone licitus, moderate dummodo ludat.“ Tatsächlich lassen sich aus englischen Gerichtsakten einige entsprechende Fälle belegen, vgl. John M. Carter, „Sports and recreations in thirteenth-century England: The evidence of the Eyre and Coroners’ rolls – a research note“, in: Journal of Sport History 15 (1988), S. 167–173.

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Schöpfungswillens. Speziell beim Schachspiel müsse triumphieren, wer seine Affekte zu zügeln und seinen Verstand zu beherrschen vermöge. Denn, so ließ der Monarch festhalten, „wer verstandesgemäß lebe, erledige seine Dinge auf geordnete Weise, und selbst wenn er einen Verlust erleide, trage er keine Schuld, denn er habe stets angemessen gehandelt.“63 Die Schachpartie sollte letztlich die Lehrmeisterin einer sittlich verfeinerten, rational reflektierten Lebensführung sein. Es wundert daher wenig, wenn der Dominikaner Jacobus de Cessolis einige Zeit später sein umfangreiches Schachtraktat als „Buch vom menschlichen Lebenswandel und den Obliegenheiten der Vornehmen“ betitelte und mit Blick auf den therapeutischen Anspruch des Werks ergänzte, dass diese ranghohe Klientel durch sorgsame Spielbetrachtung „die Tugend im Herzen umso leichter erlangen“64 könne. Eingeführt worden nämlich sei das Spiel bereits im alten Babylon, nicht allein zur Vertreibung der Langeweile (otii evitatio), sondern auch zur Verfeinerung des Vernunftdenkens (rationum subtilium multiplex inventio) und schließlich zur moralischen Besserung eines tyrannischen Herrschers (regis correctio).65 Dem Schachspiel wurde hier erneut explizit die Fähigkeit zugeschrieben, die menschlichen Akteure des Hofes zu transformieren und ihnen veränderte Handlungsskripte einzuprägen. II.

Mobilisierungserfolge: Die Spielräume der Damen

An diesem Punkt möchte ich bewusst eine Blackbox öffnen, d.h. die Einzelteile einer stabilen Akteurskonstellation offenlegen, die gemeinhin so „stark konvergent und irreversibel“66 erscheint, dass sie als ‚natürliche‘ Handlungseinheit wahrgenommen wird. Wer genau verbirgt sich hinter dem Begriff ‚Hof‘? 63

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Alfons  X., Buch der Spiele (wie Anm.  43), S.  54. Der Reflex des Werkes auf die Neubewertung des Spiels im 13. Jahrhundert insbesondere durch Thomas von Aquin, Summa theologiae, II–II, q. 168, 2, ist unverkennbar, vgl. Jörg Sonntag, „Erfinder, Vermittler und Interpreten. Ordensleute und das Spiel im Gefüge der mittelalterlichen Gesellschaft“, in: ders., Religiosus Ludens (wie Anm. 49), S. 241–274, hier 250ff. Zugrundegelegt wird die auf der Ausgabe Jacobus de Cessolis, Liber de moribus hominum et officiis nobilium, hg. von Ernst Köpke, Brandenburg a.d. Havel 1879 beruhende verbesserte Textfassung von Gösta Hedegård (Stockholm) online unter: http://www. medeltid.su.se/Nedladdningar/De_ludo_scachorum.pdf, hier S. 2: „Incipit solatium ludi scachorum s(ive) regiminis ac morum hominum et officiorum virorum nobilium, quorum si qui formas menti imposuerint, bellum ipsum et ludi virtutem corde faciliter poterunt obtinere.“ Ebd., S. 4: „Causa autem inventionis huius solatii fuit triplex. Prima fuit regis correctio, secunda otii evitatio, tertia rationum subtilium multiplex inventio.“ Michel Callon, „Techno-ökonomische Netzwerke und Irreversibilität“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 13), S. 309–342, hier S. 335.

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Sichtbar wird dabei ein komplexes und niemals spannungsfreies Arrangement, das neben Rittern und Klerikern die Lebenswelt der adeligen Damen einschloss.67 Das Schachbrett führte diese Sozialformationen zusammen, oder besser: es übersetzte sie in ein neues, hybrides Kollektiv. Es eröffnete im doppelten Wortsinne Spielräume der Geselligkeit, die auf legitime Weise gesellschaftliche Grenzen transzendierten und einer neuen Art der Verbindung Vorschub leisteten. Die machtvolle Präsenz der Königin auf dem Brett autorisierte dabei eine aktive weibliche Teilhabe am Spielgeschehen.68 Die Schachpartie und ihre Regeln konstituierten „einen der wenigen Freiräume […], in denen ein zwangloses Beisammensein von [...] Mann und Frau halbwegs legitimiert war.“69 Sie zogen also einen jener ‚Zauberkreise‘70, in deren geschützter Sphäre die rigiden Regularien des höfischen Geschlechteralltags zeitweilig außer Kraft gesetzt erscheinen. Ein Stelldichein am Schachbrett galt offenbar als vergleichsweise unverfänglich und diente den Dichtern der Epoche dazu, Liebende über alle Grenzen von Herkunft, Abstammung und Religion hinweg zusammenzuführen.71 Im geschlossenen Zirkel spielerischer Zweisamkeit erfolgte die Begegnung der Geschlechter dabei nicht allein „unter 67

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Vgl. mit umfangreicher Bibliographie und Forschungsüberblick Reinhardt Butz, Jan Hirschbiegel, Dietmar Willoweit (Hg.), Hof und Theorie. Annäherungen an ein historisches Phänomen, Köln 2004; Oliver Auge, Karl-Heinz Spieß, „Hof und Herrscher“, in: Werner Paravicini (Hg.), Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Begriffe und Bilder, Teilband 1, Ostfildern 2005, S. 3–15. Begabte Spielerinnen lassen sich in Literatur und Chronistik zahlreich ausweisen. Vgl. etwa Strohmeyer, Schachspiel (wie Anm. 52), S. 384; Murray, History (wie Anm. 23), S. 435f.; Flesch, Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 28), S. 128f. Siehe auch das Lob Salimbenes de Adam, Cronica, hg. von Giuseppe Scalia, Bd. 2, Turnhout 1999, S. 883, über die apulische Adelige Beatrix, von der es heißt: „thesaurum habebat et erat pulcra domina et alacris et solatiosa et liberalis et curialis, et de ludo scaccorum et  alearum optime noverat.“ Vgl. Ingeborg Braisch, Eigenbild und Fremdverständnis im Duecento. Saba Malaspina und Salimbene da Parma, 2 Bde., Frankfurt a. M 2010, Bd. 2, S. 328f. Im arabischen Raum war das Schachspiel zwar männlicher konnotiert, wurde aber gleichwohl auch von Frauen betrieben, vgl. Remke Kruk, „Is schaken wel een spel voor heren? Over het schaakspel in de middeleeuws Arabische cultuur“, in: Wolfert S. van Egmond, Marco Mostert (Hg.), Spelen in de Middeleeuwen. Over schaken, dammen, dobbelen en kaarten, Hilversum 2001, S. 105–122. Flesch, Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 28), S. 124. Den Begriff entlehne ich Johan Huizinga, Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel, übers. von Hans Nachod, 19. Aufl. Reinbek 2004, S. 18 und öfter. Bestes Beispiel ist der Willehalm des Ulrich von dem Türlin, in dem der Gefangene Markgraf offenbar ungestört mehrere Partien mit der Ehefrau seines heidnischen Feindes bestreiten kann, vgl. Ulrich von dem Türlin, Willehalm. Ein Rittergedicht aus der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, hg. von Samuel Singer, Prag 1893, C–CXIX, S. 124– 145; vgl. Honemann, Schachspiel (wie Anm. 44), S. 373f. und ausführlich Melanie Urban, Kulturkontakt im Zeichen der Minne. Die Arabel Ulrichs von dem Türlin, Frankfurt a. M. 2007, S. 155–187.

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gleichen Voraussetzungen“72, sondern auch auf intellektueller Augenhöhe. Es mag zutreffen, dass die kompetitive Atmosphäre der Schachpartie zwischen gleichberechtigen Partnern, das erotisch doppeldeutige Stellungsspiel mit ungewissem Ausgang, den Reiz des höfischen Zeitvertreibs maßgeblich bestimmte.73 Doch sollte das Phänomen Spiel nicht nur als eskapistisches Intermezzo begriffen, sondern als Ermöglichungsmodus für soziale Innovationen ernst genommen werden.74 Die Präsenz spielstarker Frauenfiguren auf und am Schachbrett markiert aus dieser Sicht ein erfolgreiches Enrolment, das die höfische Dame in eine Domäne maskuliner Dominanz vorrücken ließ. Die Physiognomie der Lewis-Königin ist von der Forschung verschiedenen Deutungen unterzogen worden. Sie galt als „seltsam verdrießlich“75 und wurde als Ausdruck tiefster Langeweile oder aber als „a pathetic air of sorrow“76 gedeutet, bezogen wahlweise auf die Gewalt des Kriegsspiels oder den Grimm ihres misslaunigen Gemahls. In erster Linie aber signalisiert sie aktive Anteilnahme am Spielgeschehen, eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Stand der aktuellen Partie. Die Figur wirke auf den zeitgenössischen Betrachter vermutlich so, als müsse „sie permanent angestrengt nachdenken, um weisen Ratschluss zu erteilen“.77 Die hier mit dem Schnitzmesser des unbekannten skandinavischen Künstlers vorgenommene ‚Inskription‘ scheint durchaus Teil einer umfassenden Übersetzungsaktion. Zumindest im Zauberkreis des Schachspiels nämlich schien die Frau sukzessive vom Makel eines inferioren Intellekts und dem Joch der sozialen Passivität befreit, die ansonsten den Geschlechterdiskurs der Epoche prägten. Praktizierende Großmeisterinnen der Schachkunst bevölkern in bemerkenswertem Maße die Welt mittelalterlicher Epen:78 „Über das Schachspielen wusste sie so viel, / dass niemand

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Dazu Urban, Kulturkontakt (wie Anm. 71), S. 162 und S. 179. Murray, History (wie Anm. 23), S. 436: „At chess the sexes met on equal terms and the freedom of intercourse which the game made possible was much valued“. Siehe entsprechend auch Zita Eva Rohr, „Playing the Catalan. The rise of the chess-queen. Queenship and political motherhood in late medieval Aragon and France“, in: Carey Fleiner, Elena Woodacre (Hg.), Virtuous or villainess? The image of the royal mother from the early medieval to the early modern era, New York 2016, S. 173-197, hier S. 176. Dies folgt dem Postulat Huizingas, Homo ludens (wie Anm. 70), S. 7, dass „menschliche Kultur im Spiel – als Spiel – aufkommt und sich entfaltet“. Neil MacGregor, Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten, übers. von Waltraud Götting, Andreas Wirthensohn, Annabel Zettel, München 2011, S. 466. Harry Golombek, Chess. A history, New York 1976, S. 75. MacGregor, Geschichte (wie Anm. 75), S. 466. Kontrastierend mit den etwa ebenso häufigen Erwähnungen ‚unbesiegter‘ männlicher Schachmeister, vgl. Strohmeyer, Schachspiel (wie Anm. 52), S. 384ff.

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sie mattsetzen konnte, / wie gut er das Spiel auch beherrschte“79, so heißt es beispielweise um 1240 im „Roman de la Manekine“ über die Königstochter Joïe. Im etwa zeitgleich entstandenen Prosalancelot war es die Königin Ginover, die von König Artus öffentlich als „bester unter den Spielern, die es am Hof gibt“80 aufgerufen wurde. Der Emir Yvorin ist sich im „Huon de Bordeaux“ des Spielgeschicks seiner Tochter, „die offenkundig noch kein Mann geschlagen hat“81, derart sicher, dass er dem Helden eine riskante Wette anbietet: Ein Sieg seiner Gegnerin solle Huon den Kopf kosten, eine Niederlage hingegen in einer gemeinsamen Liebesnacht münden.82 Es spricht in der Logik des Minneromans für ein kluges Kalkül der Prinzessin, wenn sie das Spiel gegen den attraktiven Jüngling absichtlich verliert. Mit ihrer Niederlage bestätigt sie ihre Fähigkeit zur rationalen Raffinesse, auch wenn der Romanheld der lasziven ‚Heidin‘ die erhoffte Belohnung letztlich verweigert.

Abb. 3.4 Spiegelkapsel mit Schachszene, Paris, 14. Jh. (akg-images)

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Philippe de Remi, Le Roman de la Manekine, hg. von Barbara Nelson Sargent-Baur, Amsterdam 1999, v. 1384ff: „Des eskés savoit ele tant/Que nus mater ne l’en peüst,/Ja tant de ce jeu ne seüst.“ Lancelot. Nach der Kölner Papierhs. W.f° 46* Blankenheim und der Heidelberger Pergamenthandschrift Pal. Germ. 147, hg. von Reinhold Kluge, Bd. 2, Berlin 1963, S. 368: „,Nu thund spielen den besten spieler der zu hoff ist!‘ Der konig bevalh es der kónigin das sie seß an das spiel.“ Huon de Bordeaux. Chanson de geste du XIIIe siècle, publiée d’après le manuscrit de Paris BNF fr. 22555 (P), hg. von William W. Kibler, François Suard, Paris 2003, v. 7740ff.: „J’ai une fille qui moult ait de biaulteit;/Des aschas sceit a moult grande planteit;/Ains ne la vis de nul homme mater.“ Vgl. zusammenfassend Murray, History (wie Anm. 23), S. 738.

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Diese intellektuelle Hochschätzung der Mitspielerinnen mag auf einen Horizont empirischer Erfahrungen verweisen. Die zeitlichen Freiräume höfischer Frauen, die nach Aussage Alfons’ X. „ja nicht reiten und sich im Hause aufhalten“83, kamen zweifellos ihrer Spielerfahrung zugute, ein potentiell überlegenes Spielniveau der Damen mag sich in der sozialen Praxis vielfach manifestiert haben. In erster Linie aber lässt sich die veränderte Rollenzuweisung auf eine Liaison mit den Lehrmeistern der höfischen Liebe zurückführen. Sie inszenierten das Schachspiel als „Minnemetapher“84 und eröffneten damit ein neues Feld der Bewährung, auf dem der ritterliche Bewerber seine ‚Liebenswürdigkeit‘ unter Beweis stellen konnte: „Mindestens in der literarischen Fiktion erwiesen sich Frauen ihren männlichen Gegnern an Spielstärke oftmals überlegen“85, so lässt sich der Befund unzähliger Schachszenen der höfischen Dichtung zusammenfassen. Beim Schach verlieren hieß Liebe gewinnen. Die Niederlage demonstrierte im Kontext des Minnewerbens die Bereitschaft, sich demütig und unter Hintanstellung adeligen Ehrdenkens der segensspendenden Gnade der Minneherrin anheimzustellen. Dies mochte im Einzelfall durch die schiere physische Präsenz der Geliebten gerechtfertigt erscheinen und mitunter nicht ohne erotischen Hintergedanken geschehen: „Arabel mit ihren roten Lippen/ bot ihm in gebührender Weise Schach./Ihre Minnesüße beraubte ihn dort im Geiste der Spielkunst./Doch hätte er den klügsten Zug dafür eingetauscht,/ dass ihm Frau Minne ihre Gunst schenkte“86, so heißt es im Versroman Ulrichs von dem Türlin. Der fast stereotyp geschilderte Sieg der Spielpartnerin geriet auf diese Weise zur galanten Geste kontrollierter Selbsthingabe, die gesellschaftlich nicht allein akzeptiert, sondern sogar ausdrücklich erwünscht war.87 Minnedidaxen wie der „Clef d’amors“, verfasst um 1280, empfahlen ihrer männlichen Leserschaft ausdrücklich, im Rahmen der geselligen Schachpartie die eigene Versiertheit um der Gunst der Damen willen sorgsam zu verbergen: „Betreibe es auf solche Art, dass du immer das schlechtere Spiel

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Alfons X., Buch der Spiele (wie Anm. 43), S. 53. Honemann, Schachspiel (wie Anm. 44), S. 372. Flesch, Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 28), S. 129. Ulrich von dem Türlin, Willehalm (wie Anm. 71), CI, v. 18–23: „Arabel mit ir rôtem munde/ tet im wol schâch, als ir gezam./ir minnesüeze im benam/mit gedanken hie spiles kunst./ doch naem er, daz vrô Minn ir gunst/im gaebe, für den besten schâch.“ Zur Einordnung vgl. Urban, Kulturkontakt (wie Anm. 71), S. 162f. Rudolf Spitzer, Beiträge zur Geschichte des Spieles in Alt-Frankreich, Heidelberg 1891, S. 7: „Doch wollen wir bei dieser Gelegenheit gleich bemerken, daß es die höfische Lebensart dem Ritter gebot, im Spiele die Damen gewinnen zu lassen.“

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hast.“88 Amourös ambitionierten Frauen legten sie umgekehrt das Studium der Schachregeln dringend ans Herz.89 Das Netz von Allianzen, das die Damen des Mittelalters auf und um das Schachbrett geknüpft hatten, erwies sich mitunter als fragil. Der Chronist Richer von Senones etwa berichtet zum Jahr 1213/14, wie schändlich der Graf von Flandern seine Gemahlin behandelt habe, nachdem sie ihm im Spiel gleich mehrfach Schach geboten hatte. Sogar mit Hieben habe er sie ob ihres Sieges traktiert.90 Gleichwohl vermerkt der Geschichtsschreiber auch die harsche Reaktion des französischen Königs, der das unritterliche Betragen seines mächtigen Vasallen mit scharfem Tadel sanktionierte. Der diplomatische Schlagabtausch endete auf dem Schlachtfeld von Bouvines in der vernichtenden Niederlage und Gefangennahme des Grafen. Hier wird letztlich ein Mobilisierungserfolg sichtbar, zugunsten der Schachkoalition real erfochten durch das Aufgebot des französischen Ritteradels. Die neuen Assoziationen transformierten die Identität der Dame – zumindest jener auf dem Schachbrett. Hatte am Auftakt des 13. Jahrhunderts die ‚moralitas de scaccario‘ dem genus mulierum noch naturgegebene Habsucht und Heimtücke zugeschrieben,91 sichtbar ablesbar an der diagonalen Zugweise auf dem Spielbrett, so wurden im gleichen Zeitraum bereits neue Bündniskonstellationen geschmiedet. Der Benediktiner Gautier de Coinci verband die Königin des Schachspiels mit einer weit wirkmächtigeren Akteurin:

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La clef d’amors, hg. von Auguste Doutrepont, Halle 1890, v. 1409–1412: „Se ele a les gieuz aggreables/des dez, des eschés ou des tables,/joue o lié en tele maniere/que tu aies du gieu le piere.“ Allerdings erteilt der Rosenroman diesen Rat nahezu wortgleich der Damenwelt, vgl. Pierre-Yves Badel, Le Roman de la Rosé au XIVe siècle. Étude de la réception de l‘œuvre, Genf 1980, S. 148. La clef d’amors (wie Anm. 88), v. 2617–2620: „Les gieuz des eschés et des tables/te sont propres et couvenables:/nous tenon fame a bien aprise/qui bien en seit l’art et la guise.“ Siehe auch Spitzer, Beiträge (wie Anm. 87), S. 7 und S. 33. Richeri Gesta Senoniensis ecclesiae, hg. von Georg Waitz, MGH SS  25, Hannover 1880, S. 249–345. S. 293: „Erat enim quidam comes in Flandria Ferrandus nomine, qui uxorem suam, que erat regis Francie consobrina, quam pro ludo scacorum, quo eum ipsa uxor sepius mataverat, ipsam verberaverat et inhoneste tractaverat. Que uxor irata hec regi Francorum indicavit; qui comiti Ferrando duriter comminatus est, improperans ei, quod non ei ideo comitatum Flandrensem et cognatam suam dedisset, ut eam sic dehonestaret.“ Vgl. Murray, History (wie Anm.  23), S.  436; Flesch, Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 28), S. 130. Moralitas de scaccario (wie Anm.  27), S.  560: „capit vndique indirecte, quia cum auarissimum sit genus mulierum, nichil capit nisi mere detur ex gratia nisi rapina et iniusticia.“

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der Königin des Himmels.92 Anders als die Lewis-Dame und andere materielle Spielsteine des Mittelalters sei diese Figur nicht von Menschenhand „aus Elfenbein“93 geschnitzt. Der gütige Gott habe sie vielmehr selbst geschaffen und auf sein Schachbrett gesetzt, so vermerkt er im Prolog seiner Sammlung von Marienwundern. Dort durchkreuze sie machtvoll die Züge des Teufels, treibe ihn in die Ecke und biete ihm auf unwiderstehliche Weise Schach: „Bei Gott, was für eine Königin, welch eine Schachkönigin!“94 Zurückhaltender, wenngleich ungleich breiter rezipiert, argumentierte der Genueser Predigermönch Jacobus de Cessolis. Sein Traktat zeigt sich sichtlich irritiert über die Präsenz des schwachen Geschlechts auf dem virtuellen Kriegsschauplatz des Schachbretts. Erklärlich sei dies wohl durch die besondere Liebesbeziehung des Königs zu seiner Gemahlin, deren dynastische Reproduktionspflichten sowie unter Verweis auf die wilden Tartarenkriegerinnen einen Exotismus ferner Gefilde. Trotz der vermeintlich angeborenen Schwächen des weiblichen Geschlechts erkor der Dominikaner ausgerechnet die sapientia zum maßgeblichen Attribut ‚seiner‘ Schachkönigin.95 In seiner umfassenden Gesellschaftsallegorese erhebt er dadurch die einzige Frauenfigur auf dem Brett zur Repräsentantin intellektueller Reife und Diskretion. Gleichwohl beschreibt Jacobus aus eigener Sicht keinen IstZustand, denn die Aufgabe des Didaktikers besteht bekanntlich darin, die Menschen durch kluge Ermahnung zu ‚übersetzen‘ und ihnen neue Handlungsprogramme einzuschreiben. Daher ergänzt der Dominikaner kritisch, die genannten Qualitäten wären zu Teilen contra naturam, müssten der weiblichen Wesensart also erst mühsam anerzogen werden.96 Inwieweit die Sinnwelten der Schachdeutung den Habitus mittelalterlicher Frauen tatsächlich verwandelten, bleibt Gegenstand spannender 92

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Ausführlich dazu Silvio Melani, „Metafore scacchistiche nella letteratura medievale di ispirazione religiosa: i ‚Miracles de Nostre Dame‘ di Gautier de Coinci“, in: Studi mediolatini e volgari 35 (1989), S. 141–174; Steven M. Taylor, „God’s queen. Chess imagery in the poetry of Gautier de Coinci“, in: Fifteenth Century Studies 17 (1990), S. 403–419; Yalom, Birth (wie Anm. 28), S. 98–102; Tony Hunt, Miraculous rhymes. The writing of Gautier de Coinci, Cambridge 2007, S. 53–57. Gautier de Coinci, Les miracles de Nostre Dame, hg. von Vernon Frédéric Koenig, Bd. 1, Genf 1955, v. 259–262: „Ceste fierce n’est pas d’ivoire,/Ains est la fierce au roi de gloire/Qui rescoust toute sa mainie/Qu’avoit dyables desrainie.“ Ebd., v. 252–255: „Se li fait ele un eschec pur/Si tres soutil et si bien fait/Que luez son giu pert tot a fait./Diex, quel roïne! Diex, quel fierce!“ Jacobus de Cessolis, Liber (wie Anm.  64), S.  10: „Reginam vero castam, morigeratam, sapientem, honestis parentibus natam, in nutritura filiorum esse sollicitam necesse est.“ Ebd., S.  10f.: „Sapientia vero eius apparet non solum in gestibus sed etiam in verbis et maxime, quando contra naturam mulier secreta secrete in corde conservat et  aliis denegat aperire.“

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Spekulation.97 Begreift man mit George Herbert Mead die menschliche Identität als eine individuelle „Spiegelung der allgemeinen, systematischen Muster“98 einer sozialen Gemeinschaft, so erscheint es kaum angemessen, die materiellen ‚Partizipanden‘99 eines solchen Kollektives a priori von diesem Prozess auszuschließen. Beschworen wird an dieser Stelle keineswegs das Schreckgespenst einer „Herrschaft der Sachen“100, die „den einzelnen schließlich zum Sklaven seiner eigenen Produkte zu machen“101 droht. Im Sinne der ANT wird vielmehr ein multilateraler Prozess wechselseitiger Ermächtigung postuliert. Mit diesem Paradigma lässt sich zugleich das Verdikt einer „methodisch unsaubere[n] Vorgangsweise“102 unterlaufen, das eine rein semiotische Ausdeutung der Schachgeschichte bisweilen auf sich gezogen hat: „Es wird nur auf der Ebene der Allegorie argumentiert und implizit deduktiv geschlossen, daß sich aufgrund einer Änderung in der Allegorie die Spielregeln geändert hätten“.103 Die ANT teilt demgegenüber mit der Mehrheit konventioneller kulturhistorischer Ansätze die Auffassung, dass weder die syntaktischen Änderungen des Regelwerks noch die semantischen Angebote der Schachallegorese als isolierte Einzelereignisse zu betrachten sind. Sie ermöglicht darüber hinaus den gedanklichen Sprung auf die Ebene sozialer Praxis, insofern sie Sinn, Sein und Handeln ineinander blendet und es gestattet, sich beschreibend „von einem Bezugsrahmen zum nächsten fortzubewegen“104. Ohne praktische Konsequenzen nämlich blieben die neu geformten Assoziationen zwischen den Spielerinnen am und ihren geschnitzten 97

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Jenny Adams, Power play. The literature and politics of chess in the late middle ages, Philadelphia 2006, S. 20: „If one can see one’s own ‚self‘ on the board, other players can see one’s own ‚self‘ too. Thus rather than offering an opportunity for free movement, the act of playing demands that a subject police his or her own actions.“ George Herbert Mead, Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus, übers. von Ulf Pacher, 4. Aufl. Frankfurt a. M. 1980, S. 201. Vgl. Stefan Hirschauer, „Praktiken und ihre Körper. Über materielle Partizipanden des Tuns“, in: Karl H. Hörning, Julia Reuter (Hg.), Doing culture. Neue Positionen zum Verhältnis von Kultur und sozialer Praxis, Bielefeld 2004, S. 73–91, hier S. 74f. So mit Bezug auf die Modernekritik Georg Simmels: Markus Schroer, Das Individuum der Gesellschaft. Synchrone und diachrone Theorieperspektiven, Frankfurt a. M. 2001, S. 322. Ebd. Michael Ehn, „Die ‚Große Reform‘“, in: Strouhal, Vom Wesir zur Dame (wie Anm.  28), S. 51–66, hier S. 53. Ebd. Latour, Neue Soziologie (wie Anm.  4), S.  253. Erhellend ist in diesem Zusammenhang der Versuch zu einer Überwindung der klassischen Dichotomie von Form und Materie im Sinne einer ‚zirkulierenden Referenz‘, vgl. ders., „Zirkulierende Referenz. Bodenstichproben aus dem Urwald am Amazonas“, in: ders., Hoffnung der Pandora (wie Anm. 5), S. 36–95.

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Schwestern auf dem Schachbrett in keinen Fall. Zumindest letztere schlugen bald schon eine spürbar forschere Gangart an.105 Schon die himmlische Schachdame des Gautier de Coinci gewinnt eine nahezu unbegrenzte Mobilität: Die Manöver des Satans vereitle sie rascher als jede andere Königin: „Dieses Dame schlägt ihn in gerader Linie, diese Dame schlägt ihn im Winkel, diese Dame beraubt ihn seiner Kniffe.“106 Der Autor beschwört freilich den Kontrast zum gewohnten Schachreglement und bemerkt erklärend: „Andere Damen rücken nur jeweils ein Feld vor.“107 Die aus dem indisch-arabischen Regelwerk entlehnte Zugschwäche schmolz gleichwohl seit dem Ausgang des 13. Jahrhunderts sukzessive dahin: Erstmals gestand das „Spielebuch“ König Alfons’ X.  der  Figur zusätzlichen Bewegungsspielraum zu.108 Wenigstens im Eröffnungszug durfte sie nunmehr zwei Felder in Linie, Reihe oder Diagonale ziehen. Im Werk des Jacobus de Cessolis findet dies die bezeichnende Begründung, Frauen dürften sich in der angestammten Sozialsphäre des Hauses freier bewegen als außerhalb, wo Misstrauen der Männerwelt gegenüber angebracht sei.109 Zumindest der Schachkönigin, womöglich aber auch den mit ihr verbundenen hochgestellten Spielerinnen, gelang es im Verlauf des Spätmittelalters, ihre Bewegungsspielräume erkennbar auszuweiten. Den Innovationssprung zur modernen Zugweise markierte das 1497 erschienene Druckwerk des Spaniers Luis Ramirez Lucena. Hier wird in auffälliger Weise erneut die alte Allianz zwischen Minnedenken und Schachgelehrsamkeit 105

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Vergleichbare Entwicklungslinien für die Dame des spätmittelalterlichen Kartenspiels zieht auf gekonnte Weise Ulrike Wörner, Die Dame im Spiel. Spielkarten als Indikatoren des Wandels von Geschlechterbildern und Geschlechterverhältnissen an der Schwelle zur Frühen Neuzeit, Münster 2010. Gautier de Coinci, Miracles (wie Anm. 93), v. 286–288: „Ceste fierce le mate en roie,/Ceste fierce le mate en l’angle,/Ceste fierce li tolt la jangle.“ Rohr, Playing (wie Anm. 73), S. 176, verweist auf einen hochmittelalterlichen hebräischen Traktat, der die Freiheit der Dame in Äquivalenz zum Schachkönig akzentuiert. Ebd., v. 281: „Autres fierces ne vont qu’un point.“ Mark Norman Taylor, „How did the queen go mad?“, in: O’Sullivan, Chess in the middle ages (wie Anm. 48), S. 169–186, sieht hierin eine Vorausdeutung der dynamisierten Zugweise des 15. Jahrhunderts, die latent im Regelwerk des alten Schach angelegt gewesen sei: „But even if Gautier is not basing his divine fers on an actual assize, his is still the greater accomplishment, conceiving fully what has remained latent in the medieval imagination: a more powerful fers. The step from conceiving to practicing is much smaller.“ (hier S. 177). Ricardo Calvo, „Das Schachbuch“, in: Alfons X., Buch der Spiele (wie Anm. 43), S. 61–84, hier S. 69. Jacobus des Cessolis kennt diese Regel ebenso, sie dürfte sich im 13. Jahrhundert bereits weithin durchgesetzt haben. Jacobus de Cessolis, Liber (wie Anm. 64), S. 70: „Licet enim mulieres intra terminos secure sint sociatae per suos, extra terminos regionis propriae suspecte debent procedere et omnes viros suspectos habere.“

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beschworen: „Lehrschrift über die Liebe und die Kunst des Schachspielens“, so überschreibt er das Amalgam beider Materien, die er mit den Metaphern des Krieges gekonnt verknüpft.110 Sein neues Spielkonzept, dela dama betitelt, erhebt die Königin zur alles beherrschenden Figur auf dem Brett. Von ihren alten Zugbeschränkungen möchte der Autor sie gänzlich befreit wissen – „da wir dies den Frauen schuldig sind“111, so Lucenas knapper Kommentar. Das lange gepflegte Bündnis hatte durch fortlaufende Verflechtung den eng umfriedeten Binnenraum des Hofes um die „befriedeten Räume“112 einer im Sinne Norbert Elias’ zivilisatorisch gefestigten Sozialwelt erweitert. Das bis heute gültige Schachreglement ist folglich das Resultat mehrfacher reziproker Übersetzungen. Das eingangs für diesen Text ‚rekrutierte‘ materielle Artefakt der Lewis-Königin markiert nur eine, wenn auch entscheidende Etappe dieser gelungenen Netzwerkbildung. Die Walrossbeinfigur ist mehr als nur passives Produkt von abstrakt-gesellschaftlichen Inskriptionen. Ihre empirisch fassbare, physische Präsenz auf dem Spielfeld macht sie zur aktiven Partizipantin des Transformationsprozesses. Für alle Augen sichtbar bezogen sie und ihre Schwestern Stellung zu den sozialen Handlungsspielräumen ihrer humanen Geschlechtsgenossinnen, die sie als gefragte Bündnispartnerinnen zumindest partiell zu erweitern vermochten. Womöglich erscheint es in der historischen Rückschau indes als zu enthusiastisch, mit Neil MacGregor, dem damaligen Direktor des British Museum und damit Bewahrer der Lewis-Königin, kurzerhand zu folgern: „In the world of chess, feminism came early.“113 Mithin lässt sich die wechselseitige Ermächtigungen von Frauen und Schachdamen nicht als lineare Entwicklung darstellen, wie ein Blick auf den momentan bedrückenden Stand aktiver Spielerinnen innerhalb der 110

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Vgl. Ricardo Calvo, „Life, chess, and literature in Lucena“, in: Homo Oeconomicus 23,1 (2006), S. 9–41; ders., Egbert Meissenburg, „Valencia und die Geburt des neuen Schachs“, in: Strouhal, Vom Wesir zur Dame (wie Anm. 28), S. 77–89. Der Traktat vertritt in Teilen eine misogyne Position, ohne dass dies in allen Teilen des Werkes spürbar wäre, vgl. Barbara Matulka, An anti-feminist treatise of fifteenth century Spain. Lucena’s Repetición de amores, New York 1931. Ich bediene mich der Teilübersetzung bei Tassilo von Heydebrand und der Lasa, Berliner Schach-Erinnerungen nebst den Spielen des Greco und Lucena, Leipzig 1859, S. 172–223, hier S. 173. Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bde., 19. Aufl. Frankfurt a. M. 1995, Bd. 2, S. 327. Elias’ Figurationssoziologie der Interdependenzen bleibt zwar auf menschliche Akteure beschränkt, beschreibt aber zuverlässig Verdichtungs- und Verfestigungsprozesse innerhalb sozialer Netzwerke, die letztlich zu stabilen Blackboxen führen. Der Satz entstammt der BBC-Hörfunkreihe und wurde in die Druckausgabe nicht übernommen, siehe http://www.bbc.co.uk/ahistoryoftheworld/about/transcripts/episode61/.

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internationalen Schachgemeinde belegt. Sie stellen derzeit nur rund ein Prozent der anerkannten Großmeister114: „Où sont les femmes“ titelte das Magazin des französischen Schachverbandes im Sommer 2005.115 Offenbar kommt an dieser Stelle das von Michel Callon evozierte Moment der ‚Dissidenz‘ ins Spiel,116 durch das die Frauen an der Wende zum 19. Jahrhundert von ihren männlichen Mitspielern aus der „rauchigen Clubatmosphäre“117 des Turnierschachs verdrängt wurden. So konnte sich der Altphilologe Samuel Wahl 1794 mit maskuliner Selbstsicherheit über die Verdrängung des Wesirs durch die Dame echauffieren. Was man als „Schmeichelei den französischen Rittern“118 zuschreibe, wäre im Geist der aufgeklärten Gegenwart gründlich zu revidieren, so dass wir „diese weibliche Person aus unserm Spiele gänzlich [...] verbannen, weil sie auf keine Weise hineingehöret, und dass wir dieser Figur diejenige Würde wieder gäben, welche sie von Alters her in den Ländern seiner Erfindung behauptet“.119 Anregend mag in diesem Zusammenhang mithin die These erscheinen, dass ausgerechnet die Dynamisierung des neuen Regelwerks das Spiel seiner entspannten Atmosphäre beraubte und es in einen maskulin-agonalen Denksport verwandelte.120 Demnach hätten wir es mit einem neuen Übersetzungsprozess zu tun, der ausnahmsweise (?) nicht von Menschen oder materiellen Artefakten, sondern von abstrakten Regelwerken, also Ideen ausginge. III.

Wissenschaftler:innen und ihr Werknetz

Im Epilog dieser Kurzdarstellung sei die Frage nach dem Analysepotential der ANT erneut aufgeworfen.121 Eröffnen muss ich diesen Abschnitt mit dem 114 115 116 117 118 119 120 121

Merim Bilalić u.a., „Why are (the best) women so good at chess? Participation rates and gender differences in intellectual domains“, in: Proceedings of the Royal Society of London, Series B 276,1659 (2009), S. 1161–1165, hier S. 1162. Échec et Mat. Le Magazine de la Fédération Française des Échecs 81 (2005). Callon, Einige Elemente (wie Anm. 13), S. 165f. Flesch, Geschlechterbeziehungen (wie Anm. 28), S. 124. Samuel F. G. Wahl, Der Geist und die Geschichte des Schach-Spiels, Halle 1798, S. 163. Den Hinweis verdanke ich Petzold, Bezeichnungen (wie Anm. 28), S. 74. Ebd., S. 162. So Yalom, Birth (wie Anm. 28), S. 199–204. Einen fundierten Überblick über die Sozialgeschichte des Schachspiels gibt Joachim Petzold, Schach. Eine Kulturgeschichte, Leipzig 1986. Der folgende Abschnitt stützt sich auf meine Beiträge zum Seminarblog https://ameisenpfad.wordpress.com/ und profitiert in hohem Maße von der Diskussion der hieran beteiligten Masterstudierenden. Ihnen lag eine Manuskriptfassung dieses Beitrages vor,

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Geständnis, die Geschichte der Schachdame bereits in anderer Weise und womöglich sogar überzeugender erzählt zu haben. Auf den Spuren der Wissenssoziologie Berger/Luckmanns wurden dabei, ausgearbeitet dann in einer Bachelorarbeit von Frau Christina Nünning, die Stationen der Objektivierung, Internalisierung und Externalisierung zyklisch abgeschritten.122 Im Ergebnis machte die veränderte Ordnungsstruktur der Empirie in diesem speziellen Fall zwar kaum einen signifikanten Unterschied. Der wissenssoziologische Zugriff erzeugte freilich immer wieder den Zwang, begründen zu müssen, warum gerade die Schachfigur der Dame im gewaltigen Ozean des Geschlechterdenkens eine signifikante Differenz markierte. Die ANT enthebt mich dieses Notstandes, indem sie – fast möchte ich es bedauern – den Blick auf das big picture der ‚Gesamtgesellschaft‘123 verweigert und auf Generalisierung und Modellbildung verzichtet. Sie folgt den konkreten Verbindungen der Akteure, ohne deren selektive Auswahl explizit rechtfertigen zu wollen. Die zwanzig Minuten des ursprünglichen Tagungsvortrages bzw. die Zeichenvorgaben der Herausgeber bilden ihr methodisches Limit.124 Insofern repräsentiert die ANT für mich weniger ein rasiermesserscharfes Analyseinstrument als eine narrative Grundstruktur125, die sich passabel, wenn auch nicht alternativlos, zur Darstellung des gewählten Gegenstandsbereiches eignet. Der daraus resultierende Text ist in hohem Maße eine Konstruktionsleistung des Autors und besitzt unverkennbar hermeneutische Anteile: Wir Wissenschaftler:innen folgen eben nicht willenlos den Akteuren oder beobachten sie aus unbeteiligter Distanz, „wir schauen nicht durch eine Fensterscheibe“126. Der Forschende operiert vielmehr selbst als Akteur

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für ihre konstruktive Kritik möchte ich mich herzlich bedanken Zum Begriff „Werknetz“ siehe Latour, Neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 247. So etwa in meiner Vorlesung „Sachgeschichten. Objekte des Mittelalters als historische Quelle“ im WS 2012/13 und darauf aufbauend elaborierter: Nünning, Schachspiel (wie Anm.  17), mit Bezug auf Peter  L.  Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, übers. von Monika Plessner, Frankfurt a. M. 1969. Gemeint ist an dieser Stelle mit Bruno Latour, Gabriel Tarde (wie Anm. 16), S. 368, jenes abstrakt konstruierte und doch konkret unfassbare Gebilde, „das die Soziologen gern mit einer typischen Geste begleiten, indem sie mit den Händen einen Umriß in der Größe eines Kürbis in die Luft zeichnen.“ Zur Zeichenzahl als methodische Grenze vgl. Latour, Neue Soziologie (wie Anm.  4), S. 255f. Widersprechen möchte ich dem ebd., S. 258, formulierten Postulat: „Der Text, in unserer Disziplin, ist keine Geschichte, keine schöne Geschichte. Eher ist er das funktionale Äquivalent eines Laboratoriums.“ Auch das Explorieren von Assoziationen will in eine narrative Ordnung gebracht und durch sie vermittelt werden. Ebd., S. 212.

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innerhalb des fluiden Netzwerkes, indem er „andere Elemente von sich abhängig macht und deren Willen in seine eigene Sprache übersetzt“127 und es gleichzeitig dankbar zulässt, von seinen „Informanten in Bewegung gesetzt zu werden“128. Im Prozess des Schreibens zwingt er Schachfiguren und Spieler, Könige und Höfe in die Ordnung eines letztlich zweidimensional, Zeile für Zeile fortschreitendes Zeichengewebes. Dieses Gespinst wird schließlich in mehreren Redaktionsstufen bearbeitet, modifiziert und damit neuerlich übersetzt. Da Autoren in Vergangenheit wie Gegenwart niemals interessenlose Akteure darstellen, stellt ihr Schaffen streckenweise selbst eine Art von blackboxing dar: Das Streben nach argumentativer Stringenz etwa tendiert dazu, die beteiligten Entitäten in bestimmten Positionen zu fixieren, sie mitunter auf den Status willfähriger ‚Zwischenglieder‘ herabzudrücken.129 Der heiklen Frage, welche Kontroversen sich in welcher Intensität entfalten dürfen, lassen sich zahlreiche weitere Entscheidungszwänge der ANT-Forscher*innen zur Seite stellen: Welcher der verzweigten Assoziationen soll ich folgen? Inwieweit lasse ich mich durch ‚aufgefundene‘ Akteure, inwieweit durch die jeweils spezifischen Übersetzungsleistungen meiner Quellen rekrutieren? Schließlich: Welche Abkürzungen sind mir gestattet, welche Blackboxen darf ich öffnen, bzw. muss ich geschlossen halten? Im vorliegenden Text habe ich mich bewusst dazu entschieden, den Fokus auf eine einzelne Entität zu legen und Blackboxen nur im Bedarfsfall aufzubrechen. Insofern „jedes Einzelteil in der Black Box […] eine Black Box voller Einzelteile“130 ist, blieb mir zumindest in diesem letzten Punkt gar keine echte Wahl. Trotz ihres konstruktivistischen Charakters soll die ANT an dieser Stelle keineswegs als poetisch freizügiger Erzählmodus etikettiert werden. Sie ist vor allen Dingen deshalb voraussetzungsvoll, da sie Bruno Latour selbst zum wirkmächtigen Mitakteur des Forschens und Schreibens erhebt. Seine

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Callon, Latour, Demontage (wie Anm. 45), S. 85. Latour, Neue Soziologie (wie Anm.  4), S.  85. Präzise beschreiben es Andréa Belliger, David  J.  Krieger, „Netzwerke von Dingen“, in: Samida, Eggert, Hahn, Materielle Kultur (wie Anm.  22), S.  89–96, hier S.  90: „Wer ein System beobachtet, bildet dadurch eine systemische Ordnung und wer ein Akteur-Netzwerk beschreibt, beteiligt sich an der Konstruktion oder De-Konstruktion eines Netzwerks.“ Vgl. Callon, Einige Elemente (wie Anm. 13), S. 151. Der emphatische Appell Latours, Neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 44: „Wir wollen nicht versuchen, euch zu disziplinieren, euch in unsere Kategorien zu stecken“, ist zwar unbedingt ernst zu nehmen, aber im Handwerk des historischen Schreibens kaum zu realisieren. Kontrollinstanz bleibt die unentwegte Frage: „Ist es den Konzepten der Akteure erlaubt, stärker als die der Analytiker zu sein?“ (ebd., S. 55). Latour, Über technische Vermittlung (wie Anm. 38), S. 492.

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restriktiven Verbote, welche die ANT insgesamt als ‘negative Methode’131 definieren, begleiten den Schreibprozess ebenso wie sein simpler Slogan, einfach „den Akteuren folgen“132. Dieses Programm zwingt Wissenschaftler:innen dazu, die Kontroversen ihrer Protagonisten in jedem Fall ernst zu nehmen und konsequent zu entfalten. Es warnt zudem an jedem Punkt der Untersuchung davor, Zuflucht bei einfachen Erklärungsmodellen, mithin den großen Meistererzählungen der eigenen wie der benachbarten Disziplinen zu nehmen. Das ‚leitende Erkenntnisinteresse‘ ergibt sich nicht mehr aus dem Anschluss an autoritätsbasierte Entwicklungsmodelle und Makrostrukturen. Der Blick richtet sich vielmehr konsequent ‚nach unten‘ auf die Ebene konkret wirksamer Assoziationen. Diese Bedingungen machen es gerade für Mediävist:innen interessant, sich für das Netzwerk der ANT-Forscher:innen anwerben zu lassen. Nicht nur, weil sie die akademische Selbst-Ermächtigung durch eine derzeit als innovativ angesehene Methode anstrebten. Sondern vor allem, weil sie sich auf diese Weise für ein streng empirisch ausgerichtetes Forschungsprogramm gewinnen lassen, das sie vom Alpdruck des theoriegeleiteten Anachronismus befreit, indem es ihnen die Selbstlegitimierung durch einen gefälligen Anschluss an augenblicklich gefragte Deutungsmodelle konsequent untersagt. Die strikte Verpflichtung, den Hervorbringungen historischer Handlungsträger Gehör zu schenken, führt sie vielmehr zurück zum Theoriehorizont des Mittelalters und gestattet dem untersuchten „Akteur zum Nutzen des Analytikers die empirische Metaphysik kenntlich [zu] machen, mit der sie beide es zu tun haben.“133 Auf diesem Wege wird im Beispiel Latours die „Jungfrau Maria“ erneut mit jener Handlungsvollmacht ausgestattet, die sie in den Augen der Zeitgenossen ‚objektiv‘ besaß. Ausgeblendet werden hingegen systematisch diejenigen Entitäten, die keine erkennbaren Spuren hinterlassen haben. Auch dies kommt Mediävist:innen trotz oder gerade wegen der fragmentarischen Überlieferungslage ihrer Epoche zugute: Es wendet das vielgescholtene argumentum e silentio ins Positive und verpflichtet sie dazu, allein jene Verbindungen ernst zu nehmen, die tatsächlich im Quellenhorizont fassbar werden: „Ein unsichtbarer Handlungsträger, der keinen Unterschied macht, […] keine Spur hinterlässt, in keinen Bericht eingeht ist kein Handlungsträger, Punkt.“134 Dies mag auf den ersten Blick als unzulässige Verengung erscheinen, ist aber allemal fundierter, als die willkürliche Konjektur unsichtbarer 131 132 133 134

Ders., Neue Soziologie (wie Anm. 4), S. 246. Ebd., S. 28. Ebd., S. 98f., siehe dazu das Pilger-Beispiel S. 84f. Ebd., S. 92.

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sozialtheoretisch (re)konstruierter Kräfte hinter den Kulissen des Geschehens. Gerade weil veränderliche Netzwerke mit zunehmendem zeitlichem Abstand ihre Kontur verlieren, besteht im Bündnis mit den Zeugnissen der Vergangenheit ein erhöhter Rekonstruktionsbedarf: ‚Alte Gegenstände, dafür braucht man die ANT‘, ließe sich in Ergänzung zur Latours einseitiger Gegenwartsperspektive folgern.135 Dieser Beitrag formuliert ein Bekenntnis zum empirisch geleiteten Konstruktivismus, zu dem ich die Akteur-Netzwerk-Theorie in den zurückliegenden Zeilen ‚übersetzt‘ habe. Dem von Bruno Latour und manchem seiner Adepten geltend gemachten Objektivitätsanspruch stelle ich diese eigenwillige Deutung als Gegenprogramm gegenüber. Gerade weil der vorliegende Beitrag von den hermeneutischen Übersetzungsbemühungen seines Verfassers geprägt ist, sehe ich mich mit diesem Rekonstruktionsversuch mittelalterlicher Damenwahl erneut an jenem Punkt angelangt, den der große Schachhistoriker Antonius van der Linde bereits im Jahr 1881 treffend bezeichnet hatte: „Als guter germane habe ich in der geschichte eine hübsche Damephilosophie entwickelt, aber doch schon mit dem profetischen schlusssatz aufgehört: ‚vielleicht aber erzähle ich blos exegetische Irrtümer‘.“136

135 136

Ebd., S. 245: „Neue Gegenstände, dafür braucht man die ANT.“ Antonius van der Linde, Quellenstudien zur Geschichte des Schachspiels, Berlin 1881, S. 241.

4. Leviathan und die Kuhrevolte. Einige Überlegungen zu einer ANT-inspirierten politischen Geschichte des Ancien Régime Nadir Weber Die Sprache des Politischen spielt in den Grundlagentexten der AkteurNetzwerk-Theorie (ANT) eine zentrale Rolle. Dies zeigt sich nicht nur mit Blick auf die Titel einiger neuerer Werke von Bruno Latour wie Das Parlament der Dinge, Krieg der Welten oder Von der Realpolitik zur Dingpolitik, sondern auch bereits in den klassischen Texten der 1980er Jahre, die thematisch noch stärker in der Technik- oder Wissenschaftssoziologie verortet waren.1 Ob in Bezug auf das Leben in einem Labor, die Konkurrenz zwischen dem Elektround Automobil oder die Domestikation der Kammmuscheln – überall ist von Verhandlungen die Rede, von Interessen, von Vermittlern, Sprechern oder Repräsentanten und eng damit in Zusammenhang stehend auch von Macht. Dies ist kein Zufall, sondern hängt eng mit dem Anliegen zusammen, das Soziale nicht eng, hierarchisch und abgeschlossen, sondern weit, flach und offen zu denken, als Ansammlung oder besser: als Ansammlung von Ansammlungen, die sich aus heterogenen Elementen bilden und sich in ihrer Zusammensetzung stets verändern. Technische Geräte, Labortiere, wissenschaftliche Experten, Bürokraten und andere seltsame Wesen bilden so hybride Netzwerke, und das Verstummen einzelner Elemente zeugt eher von den Machttechniken ihrer ‚Sprecher‘ als von ihrer vermeintlichen Irrelevanz im Handlungsgeschehen.2 1 Vgl. Bruno Latour, Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt a. M. 2001 (zuerst Paris 1999 u.d.T: Politiques de la nature. Comment faire entrer les sciences en démocratie); ders., Krieg der Welten – wie wäre es mit Frieden?, Berlin 2004 (zuerst Chicago, IL 2002 u.d.T.: War of the Worlds, What about peace?); ders., Von der „Realpolitik“ zur „Dingpolitik“ oder wie man Dinge öffentlich macht, Berlin 2005 (zuerst Cambridge, MA 2005 u.d.T.: From Realpolitik to Dingpolitik – An Introduction to Making Things Public). – Für einen Kommentar und wertvolle Anregungen zu diesem Aufsatz danke ich Kim Siebenhüner (Jena). 2 Anstelle vieler Einzelverweise sei hier nur global auf Bruno Latours Syntheseversuch Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt a. M. 2007, sowie auf die nützliche Zusammenstellung von Andréa Belliger, David J. Krieger (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, sowie den Sammelband von Georg Kneer, Markus Schroer, Erhard Schüttpelz (Hg.), Bruno Latours Kollektive. Kontroversen zur Entgrenzung des Sozialen, Frankfurt a. M. 2008, verwiesen.

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An dieser Stelle soll nicht näher auf die Konzepte und methodologischen Prämissen der ANT eingegangen werden. Es sei nur festgehalten, dass es angesichts der von politischen Semantiken durchzogenen Analysesprache eigentlich nahe liegen würde, den Ansatz auch an die herkömmlichen Gegenstände der Politikgeschichte – Herrschaft und Verwaltung, Diplomatie, Krieg und Frieden – heran- oder zurückzutragen, was aber bisher noch weitgehend ein Desiderat darstellt.3 Ausgehend von empirischem Fallbeispielen, die im Rahmen einer Studie zur preußischen Distanzherrschaft über das Fürstentum Neuchâtel zusammengetragen wurden,4 soll im vorliegenden Beitrag der Frage nachgegangen werden, welche neuen Perspektiven sich auf die politische Geschichte des Ancien Régime ergeben könnten, wenn diese explizit mit den Fragestellungen und Konzepten der Akteur-Netzwerk-Theorie konfrontiert würde. Zuvor sollen aber zuerst einige kurze Vorüberlegungen darüber angestellt werden, in welcher Weise dieser Zugang auch eine andere Konzeptualisierung des Gegenstands der politischen Geschichte erfordert. I.

„Die Demontage des großen Leviathans“: Einige theoretische Vorüberlegungen

Eine Metapher, in der das Forschungsfeld der frühneuzeitlichen Politikgeschichte mit der ANT zusammentrifft und die sich deshalb als Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen anbietet, ist jene des großen Leviathans. Bekanntlich hat Thomas Hobbes das alttestamentarische Monstrum in seinem gleichnamigen, 1651 erschienenen Werk bemüht, um aufzuzeigen, wie auch lauter in Konkurrenz zueinanderstehende Akteure eine stabile politischsoziale Ordnung hervorbringen können, die allen nützt.5 Dies geschieht, indem 3 Zumindest gilt dies für die Epoche der Frühen Neuzeit (ca. 1500–1800), auf die sich die vorliegenden Überlegungen (Stand Frühjahr 2015, mit geringfügiger Überarbeitung) konzentrieren. Wie noch kurz angedeutet werden wird, decken sich einige Kernanliegen der ANT aber durchaus mit bereits etablierten Zugangsweisen innerhalb der politischen Geschichte, etwa mikrohistorischen Ansätzen. 4 Vgl. Nadir Weber, Lokale Interessen und große Strategie. Das Fürstentum Neuchâtel und die politischen Beziehungen der Könige von Preußen (1707–1806), Köln 2015. Die Studie selbst ist – anders als in einer Frühphase des Projekts einmal angedacht – nicht als eine ANTGeschichte angelegt und dient daher in Bezug auf den vorliegenden Beitrag eher zur Kontextualisierung als zur weitergehenden Fundierung der vorgebrachten Überlegungen. 5 Vgl. Thomas Hobbes, Leviathan, or The Matter, Forme, & Power of a Common-Wealth Ecclesiasticall and Civill [1651]. Unabridged and slightly corrected republication, Mineola, NY 2006. Auf die – in ihrer Masse kaum unüberblickbare – Sekundärliteratur zu diesem grundlegenden Werk sei hier nicht näher eingegangen.

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diese Akteure all ihre Kräfte an einen Souverän übertragen, der mithilfe der vielen Einzelkräfte stark genug wird, die Sicherheit des Gemeinwesens gegen innere und äußere Gefahren zu garantieren. Wohl nicht viel weniger wirkmächtig als Hobbes’ Text ist dabei das Titelkupfer der Erstausgabe, das dieses Monstrum die gar nicht so monströse Gestalt eines aus zahlreichen Bürgern oder Untertanen zusammengesetzten Königs einnehmen lässt, der in seinen Händen die weltliche und kirchliche Gewalt vereinigt.6

Abb. 4.1

[Abraham Bosse,] Titelkupfer der Erstausgabe von Thomas Hobbes’ Leviathan, London 1651 (Ausschnitt), © National Portrait Gallery, London

Der historischen Forschung galt der Hobbes’sche Leviathan lange Zeit relativ unbestritten als Sinnbild für den ‚absolutistischen‘ Fürstenstaat des 17. und 18. Jahrhunderts. Dieser frühmoderne Staat habe mit stehenden Heeren und einer effizienten Verwaltung die Zeit ständiger Revolten, der Bürger- und 6 Vgl. dazu die detaillierte Analyse von Horst Bredekamp, Thomas Hobbes visuelle Strategien. Urbild des modernen Staates, Berlin 1999 (erweiterte Neuauflage 2003), sowie die Beiträge in Philip Manow, Friedbert  W.  Rüb, Dagmar Simon (Hg.), Die Bilder des Leviathan. Eine Deutungsgeschichte, Baden-Baden 2012.

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Religionskriege beendet, dafür aber auch erheblich mehr Ressourcen abgeschöpft und ständische oder lokale Autonomierechte beschnitten, wenn nicht gar gänzlich abgeschafft. Ab den späten 1970er Jahren bekam dieses Bild jedoch zusehends Risse. Die Persistenz ständischer Institutionen und lokaler Autonomierechte, die nur sehr bedingt ‚bürokratische‘ und stattdessen stark von persönlichen Beziehungen geprägte Verwaltungspraxis und überhaupt die bescheidene Reichweite zentralstaatlicher Durchdringung gerieten neu in den Blick der Forschung, die den Absolutismus als Epochenbezeichnung und als analytische Kategorie allmählich zu hinterfragen begann.7 Etwa zur gleichen Zeit (1981) entstand nun auch ein Aufsatz von Michel Callon und Bruno Latour, der sich aus ganz anderer, soziologischer Warte der „Demontage des großen Leviathans“ annahm.8 Um was ging es Callon und Latour? Die beiden Autoren nahmen Hobbes’ Leviathan zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen, weil darin zum ersten Mal eine Beziehung zwischen Mikro- und Makroakteuren formuliert werde. Im Gegensatz zu systemtheoretischen oder interaktionistischen Ansätzen der (in den 1980er Jahren) neueren Soziologie sehe Hobbes keinen grundsätzlichen kategorialen Unterschied zwischen den Mikro-Akteuren und dem Leviathan, der aus diesen zusammengesetzt sei – eine Sicht, welche die beiden Forscher teilten. An die Stelle von Hobbes’ Gesellschaftsvertrag setzten sie jedoch das Konzept der Übersetzung, um die Entstehung des Monstrums zu erklären. Es gehe in der Analyse darum, die „Verhandlungen, Intrigen, Kalkulationen, Überredungs- und Gewaltakte, dank derer ein Akteur oder eine Macht die Autorität, für einen anderen Akteur oder eine andere Macht zu sprechen oder zu handeln, an sich nimmt oder deren Übertragung auf sich veranlasst“9, zu bestimmen. Ein Akteur gewinnt demnach an Macht, wenn er die unterschiedlichsten Elemente an sich binden und miteinander verknüpfen kann, wenn er Behälter schafft, in die ihre ‚flüssigen‘ Interaktionen abgelegt werden, 7 Zur Absolutismus-Debatte in der Frühneuzeitforschung, die in den späten 1970er Jahren mit der Entdeckung des Fortbestands ständischer Institutionen ihren Anfang nahm, aber vor allem im Anschluss an die pointierte Studie von Nicholas Henshall, The myth of absolutism. Change and continuity in early modern European monarchy, London 1992, intensiv geführt wurde, siehe insbesondere Ronald G. Asch, Heinz Duchhardt (Hg.), Der Absolutismus – ein Mythos? Strukturwandel monarchischer Herrschaft in West- und Mitteleuropa (ca. 1550–1700), Köln 1996; Lothar Schilling (Hg.), Absolutismus, ein unersetzliches Forschungskonzept? Eine deutsch-französische Bilanz, München 2008, und Dagmar Freist, Absolutismus, Darmstadt 2008. 8 Michel Callon, Bruno Latour, „Die Demontage des großen Leviathans. Wie Akteure die Makrostruktur der Realität bestimmen und Soziologen ihnen dabei helfen“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 2), S. 75–101. 9 Ebd., S. 76f.

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und wenn er diese Behälter schließlich zu ‚Black Boxes‘ zu versiegeln vermag, welche keinen unmittelbaren Einblick mehr in den Konstruktionscharakter des Netzwerks erlauben. Der so entstandene Leviathan ist aber kein von selbst laufender, leicht steuerbarer Automat, sondern er bleibt instabil, vieldeutig und eingebunden. Callon und Latour dachten an Industrieunternehmen oder Wissenschaftler, die solche Leviathane entstehen lassen, gingen aber zumindest implizit immer auch auf die im Titelkupfer von 1651 präsentierte Sicht des Leviathans sowie den historisch-politischen Kontext ein, in dem das Werk entstand. Der Leviathan bestehe etwa nicht nur aus Verträgen und menschlichen Körpern, sondern werde fest und schlagkräftig erst durch andere, mehr oder weniger handfeste Elemente wie Metallplatten, Paläste, Rituale und verhärtete Gewohnheiten.10 Dennoch gilt auch hier die bereits erwähnte methodische Grundannahme, die besagt, dass Makro-Akteure nicht qualitativ anders strukturiert sind als MikroAkteure, sowie die Einsicht, dass auch jene, die an den Schalthebeln sitzen, nicht zwangsläufig eine tiefere Einsicht in die Funktionsweisen der Staatsmaschinen haben: „Der König ist nicht nur nackt; er ist in Wirklichkeit auch ein Kind, das mit (undichten) Black Boxes spielt.“11 Auf die Analyse frühneuzeitlicher Monarchien übertragen, ergäben sich in etwa folgende Forderungen an eine ANT-inspirierte Geschichtsschreibung: 1. Sie sollte nicht vorschnell von politischen Systemen oder Staaten als handlungsfähigen Akteuren sprechen. Vielmehr sollte sie nach den vielfältigen Übersetzungsvorgängen fragen, über die Herrschaftssysteme entstanden und sich ständig reproduzierten und/oder wandelten. 2. Sie sollte untersuchen, wie es bestimmten Einzelakteuren gelang, andere in ihr Handeln zu verwickeln und dann als Sprecher oder Repräsentanten eines größeren, aus menschlichen und nichtmenschlichen, materiellen und immateriellen Entitäten und deren Interaktionen zusammengesetzten Kollektivs aufzutreten und dieses gegebenenfalls auch in Bewegung zu setzen. 3. Sie sollte sich aber zugleich davor hüten, das Entstehen und die Bewegungen eines solchen komplexen Netzwerks nur auf einen Autor oder Akteur – etwa einen König – und dessen Ziele zurückzuführen oder sich das Monstrum als eine einfach steuerbare Maschine vorzustellen. 4. Schließlich sollte sie sich nicht davor fürchten, den Übersetzungen in ganz unterschiedliche Richtungen zu folgen, also grundsätzlich keine Spur aus der Analyse weglassen. An ganz unerwarteten Orten stößt man 10 11

Ebd., S. 93. Ebd., S. 98.

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so vielleicht auf relevante Wirkfaktoren für den Erfolg oder Misserfolg frühneuzeitlicher Fürstenherrschaft. Lässt man die Metaphorik einmal weg, so zeigt sich, dass diese Forderungen nicht so weit von neueren Ansätzen der politischen Geschichtsforschung entfernt sind, die Herrschaft und Staatsbildung in der Frühen Neuzeit wesentlich offener, dynamischer und fragiler sehen als die klassische Politikgeschichte. Genannt seien hier insbesondere die Mikrogeschichte, die Verflechtungsoder Netzwerkforschung und die ‚Kulturgeschichte des Politischen‘, die frühneuzeitliche Herrschaftssysteme keineswegs mehr als gegeben, sondern als wandelbare Produkte von diskursiven Verständigungsprozessen und alltäglichen Interaktionen auffassen.12 Diesen Ansätzen ist auch gemein, dass sie wie die ANT letztlich auf eine Aufhebung des Mikro-Makro-Gegensatzes hinzielen und sich durch ein hohes Maß an Selbstreflexivität aufzeichnen.13 Es bleibt aber vor allem ein entscheidender Unterschied, der eine „Demontage des großen Leviathans“ im Sinne von Callon und Latour von diesen mittlerweile etablierten Ansätzen zur Erfassung von mehr historischer Komplexität trennt: die heuristische Forderung nach einer grundsätzlich symmetrischen Einbeziehung aller, das heißt insbesondere auch aller nichtmenschlichen Akteure respektive Aktanten14 in die untersuchten Übersetzungs- oder 12

13

14

Vgl. – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit – zum mikrohistorischen Zugang respektive einer Staatsbildungsforschung ‚von unten‘: Alf Lüdtke (Hg.), Herrschaft als soziale Praxis. Historische und sozial-anthropologische Studien, Göttingen 1991; Giovanni Levi, „The Origins of the modern state and the microhistorical perspective“, in: Jürgen Schlumbohm (Hg.), Mikrogeschichte – Makrogeschichte. Komplementär oder inkommenserabel?, Göttingen 1998, S.  53–82; André Holenstein, „Introduction: Empowering interactions: Looking at statebuilding from below“, in: Wim Blockmans, ders., Jon Mathieu (Hg.), Empowering interactions. Political cultures and the emergence of the state in Europe, 1300–1900, Farnham 2009, S. 1–31. Zur Verflechtung: Wolfgang Reinhard (Hg.), Römische Mikropolitik unter Papst Paul V. Borghese (1605–1621) zwischen Spanien, Neapel, Mailand und Genua, Tübingen 2004; ders., Paul V. Borghese (1605–1621), Stuttgart 2009. Zur Kulturgeschichte des Politischen: Barbara Stollberg-Rilinger (Hg.), Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?, Berlin 2005; dies., Tim Neu, Christina Brauner (Hg.), Alles nur symbolisch? Bilanz und Perspektiven der Erforschung symbolischer Kommunikation, Köln 2013. Dies gilt auch für die Mikrogeschichte, die ihre Fragestellung in der Regel aus makrohistorischen Narrativen zieht, die dann kritisch hinterfragt oder differenziert werden. Auf ein explizites ‚Spiel‘ der Untersuchungsebenen und Forschungskonzepte zielt der Ansatz der Histoire Croisée; vgl. Michael Werner, Bénédicte Zimmermann, „Beyond comparison. Histoire croisée and the challenge of reflexivity“, in: History and Theory 45 (2006), S. 30–50, mit Verweis auf Jacques Revel (Hg.), Jeux d’echelles. La micro-analyse à l’expérience, Paris 1996. Zum Verhältnis dieses Ansatzes zur ANT siehe auch den Beitrag von Katharina Kreuder-Sonnen in diesem Band. Ich bevorzuge – entgegen der weitgehenden Gleichsetzung der beiden Begriffe bei Latour (etwa noch in: Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt a. M. 2010

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Interaktionsvorgänge. Inwiefern sich diese Forderung forschungspraktisch einlösen lässt, soll nun an einem konkreten Beispiel diskutiert werden: der preußischen Sukzession im Fürstentum Neuchâtel. II.

Das Politische versammeln: Die preußische Sukzession in Neuchâtel

Im Folgenden geht es darum, knapp aufzuzeigen, wie ein kleines, zwischen Frankreich und der Eidgenossenschaft gelegenes Territorium am Beginn des 18. Jahrhunderts in den Verband der preußischen Monarchie integriert wurde. Das Fallbeispiel eignet sich insofern für eine ANT-inspirierte Betrachtungsweise, als zwischen Neuchâtel und den in knapp achthundert Kilometern Entfernung residierenden Kurfürsten von Brandenburg zuvor keinerlei Beziehungen bestanden hatten und die Etablierung der Distanzherrschaft daher erhebliche Übersetzungsaktivitäten im eben definierten Sinne erforderte. Aus dem Sukzessionsprozess im Jahr 1707, bei welchem ein lokales ständisches Gericht des zuvor von französischen Hochadligen regierten Fürstentums über die legitime Erbfolge entscheiden konnte, ging nicht nur das Territorium selbst verändert hervor. Auch die brandenburgisch-preußische Monarchie wurde damit kartographisch zu einer im eigentlichen Sinne europäischen Macht, ein Faktor, der sich längerfristig insbesondere auf die Gestaltung ihrer Außenbeziehungen auswirken sollte. Das mit Quellen in Berlin, Neuchâtel und zahlreichen anderen Archiven reichlich dokumentierte Sukzessionsverfahren kann damit als eine Art ‚Laborsituation‘ betrachtet werden, die es erlauben würde, sonst eher längerfristige und verdeckte Prozesse der Bildung oder Neugruppierung eines Herrschaftssystems als hybrides Netzwerk zu rekonstruieren – ein Vorhaben, das in diesem knappen Rahmen freilich nicht befriedigend eingelöst, sondern nur ansatzweise skizziert werden kann.15

15

(zuerst 2001, frz. 1999), S. 285) den Begriff des Aktanten für Elemente, deren Status sich allein durch ihre Performanz in einem Handlungsgeschehen respektive wie Wirkung auf andere Akteure herleitet. Den Akteursbegriff würde ich dagegen weiterhin bevorzugt für Elemente verwenden, die intentional oder sinnhaft handeln respektive denen von Akteuren in einem bestimmten Kontext zumindest eine solche Handlungsfähigkeit zugeschrieben wurde und die entsprechend als Interaktionspartner adressiert wurden (was durchaus auch für nichtmenschliche Wesen wie Tiere oder auch Dämonen und Heilige der Fall sein konnte). Vgl. zum Handlungsbegriff etwa Doris Gerber, Analytische Metaphysik der Geschichte. Handlungen, Geschichten und ihre Erklärung, Berlin 2012, S. 67–108. Das Zusammenspiel der im Folgenden genannten Elemente im Umfeld des Sukzessionsverfahren könnte und sollte noch viel detaillierter betrachtet werden als in dieser

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Die Forderung, das Politische als eine Ansammlung zu betrachten, hat in unserem Fall bereits Auswirkungen auf die Chronologie. Die preußische Sukzession in Neuchâtel begann so nämlich nicht erst mit der offiziellen Deponierung der Erbansprüche Friedrichs  I. vor den Neuenburger TroisÉtats im Sommer 1707, sondern schon viele Jahre zuvor, in den Köpfen einiger Diplomaten und Juristen und in den Gewölben entfernter Archive.16 Der gebürtige Berner und brandenburgische Hofrat Siméon Bondeli war bereits 1689 damit beauftragt worden, die Erbansprüche, die zunächst auf den mit dem Kurfürsten verwandten Wilhelm III. von Oranien lauteten, genauer nachzuweisen, und reiste mit seinem Bruder durch Europa, um Beweisstücke zu finden. Aus den gesammelten respektive transkribierten Dokumenten wurde unter Hinzuziehung von renommierten Juristen wie Heinrich von Cocceji und Gottfried Wilhelm Leibniz eine ausführliche genealogisch-rechtliche Grundlage für den Erbanspruch gezimmert, die nun erst, über das ausgestorbene Haus Chalon und die Erbansprüche des noch nachfolgerlosen Statthalter-Königs, einen potentiellen Erbanspruch, man könnte auch sagen: eine Verknüpfung oder Assoziation zwischen Berlin und dem kleinen Fürstentum herstellte. Diese Verbindung zwischen dem fernen Territorium, alten Sukzessionsordnungen, dynastischen Verwandtschaftsgraden und dem Prätendenten Kurfürst Friedrich III. als ‚Obligatorischem Passagepunkt‘17 bestand allerdings zunächst nur in wenigen Köpfen respektive Schriftstücken, und wenn in den

16 17

summarischen Zusammenfassung, deren Anliegen es vor allem ist, einige mögliche Fährten überhaupt erst in den Blick zu rücken, ohne ihnen im Detail zu folgen. Für die Darstellung des Sukzessionsverfahrens stütze ich mich dabei, falls nicht anders vermerkt, vor allem auf die detaillierte Studie von Adrian Bachmann, Die preußische Sukzession in Neuchâtel. Ein ständisches Verfahren um die Landesherrschaft im Spannungsfeld zwischen Recht und Utilitarismus (1694–1715), Zürich 1993, sowie die entsprechenden Teilkapitel in Weber, Lokale Interessen (wie Anm. 4). Zur preußischen Distanzherrschaft über das Fürstentum Neuchâtel insgesamt siehe zudem insbesondere Wolfgang Stribrny, Die Könige von Preußen als Fürsten von Neuenburg-Neuchâtel (1707–1848). Geschichte einer Personalunion, Berlin 1998, und Philippe Henry, Histoire du canton de Neuchâtel, Bd. 2: Le temps de la monarchie. Politique, religion et société de la Réforme à la révolution de 1848, Neuchâtel 2011. Zum Folgenden vgl. Bachmann, Die preußische Sukzession (wie Anm. 15), S. 53 ff. Die Etablierung eines ‚OPP‘ ist Teil der ‚Problematisierung‘ als erster Phase der Übersetzung nach Michel Callon und bezeichnet die Beschreibung eines Sets von Akteuren und ihren Identitäten in der Art, dass die Forscher selbst im Zentrum geknüpften Netzwerk von Beziehungen erscheinen – oder eben hier: ein Fürst. Vgl. Michel Callon, „Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung: Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc-Bucht“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 2), S. 135–174, hier S. 146–150.

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folgenden Jahren nicht, begünstigt durch kontingente Ereignisse, viele weitere Akteure hinzugekommen und Verbindungen geknüpft worden wären, wäre dieser Erbanspruch wie viele andere nie über den Status eines vorwiegend diskursiven Phänomens herausgekommen. Diese begünstigenden Faktoren und neuen Alliierten seien hier nur ganz knapp genannt. Kurfürst Friedrich erlangte 1701 die Königskrone und konnte damit als Prätendent erheblich mehr symbolisches Kapital auf die Waagschale legen, etwa indem er im Gegensatz zu seinen französischen Konkurrenten Botschafter ernennen und Adelstitel als Patronageressource einsetzen konnte. Als Wilhelm III. von Oranien 1702 tatsächlich nachfolgerlos starb, war der Weg für die öffentliche Proklamation der Ansprüche frei. Friedrich I. ernannte sogleich Graf Ernst von Metternich zum Ambassadeur Extraordinaire in der Eidgenossenschaft, um diplomatische Unterstützung auch bei den mit Neuchâtel verbündeten Kantonen zu gewinnen und dann schließlich, ausgestattet mit 20.000 mitgeführten Talern sowie weiteren 200.000 Talern in Form von Wechseln, direkt vor Ort um Anhänger zu werben. Da inzwischen der Spanische Erbfolgekrieg ausgebrochen war, konnte er dabei auch auf die Unterstützung der Gesandten der verbündeten Großmächte zählen und bei der reformierten Republik Bern, dem engsten Burgrechtspartner von Neuchâtel, erfolgreich Ängste vor dem expandierenden Frankreich Ludwigs XIV. schüren: Das Grenzterritorium mit seinen Bergen und seinen Gewässern erschien nun plötzlich als die entscheidende ‚Vormauer‘ zur Sicherung der eidgenössischen Neutralität. Als die letzte Fürstin, Marie de Nemours, am 16. Juni 1707 in ihrem Pariser Hôtel starb, war um die Erbansprüche des preußischen Königs damit bereits ein Netzwerk von ansehnlicher Größe versammelt worden, bestehend aus Diplomaten, Ratsherren, Agenten und Klienten, aber auch aus gedruckten, nun überall zirkulierenden Denkschriften und Briefen, Geldstücken, Wechseln und Geschenken, in Aussicht gestellten Privilegien und Ämtern sowie nicht zuletzt Soldaten, Pferden und Waffen, die zwar nicht vor Ort waren, jedoch im Ernstfall, wie versichert wurde, zu Hilfe eilen würden. Doch entschieden war die Sache damit noch keineswegs. Denn es gab, wie angedeutet, aussichtsreiche Konkurrenten aus dem französischen Hochadel, allen voran François Louis de Bourbon, Prince de Conti, ein naher Verwandter Ludwigs XIV. Dieser verfügte ebenfalls über erhebliche materielle Ressourcen, hatte in den letzten Jahren ebenfalls zahlreiche Anhänger vor Ort mobilisiert, verfügte mit einem Testament des vorletzten Fürsten von Neuchâtel über einen weit unmittelbareren Erbanspruch und wusste – oder glaubte – die Unterstützung des für sich genommen weit mächtigeren und bedrohlicheren Königs von Frankreich und dessen in der Eidgenossenschaft bestens vernetzter

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Diplomatie hinter sich.18 Ansammlungen hatten sich also um mehrere konkurrierende Prätendenten gebildet, von denen aber schließlich nur einer reüssieren konnte (eine Aufteilung oder andere Kompromisslösungen waren über die sogenannte Inalienabilitätsklausel zumindest formalrechtlich ausgeschlossen). Angesichts der Tatsache, dass aufgrund der diplomatischen Pattsituation zwischen den regionalen Vormächten und ihren Verbündeten die lokalen Richter tatsächlich weitgehend frei über die Erbfolge entscheiden konnten, versuchten sich nun die Konkurrenten – insgesamt mehr als zwanzig an der Zahl – gegenseitig nicht nur mit erbrechtlichen Argumenten, sondern auch mit Versprechen von zusätzlichen Autonomierechten, Privilegien und Ressourcen für die Körperschaften sowie Ämterversprechen und Bestechungsgeldern für einflussreiche Individuen zu überbieten, um die Mehrheit der zwölf Richter hinter sich zu versammeln. Es entstand „ein regelrechter Markt“ um die Kür zum Prince souverain de Neuchâtel et Valangin, auf dem sich die Interessenten, durchaus zum Nutzen der potentiellen Untertanen, gegenseitig überboten.19 So kam den König von Preußen der Erwerb des kleinen Territoriums, der mit dem Richtspruch der Trois-États vom 3. November  1707 sanktioniert wurde, schließlich viel teurer zu stehen, als man sich in Berlin je gedacht hätte. Nebst geschätzten finanziellen Aufwendungen von nicht weniger als 600.000 Talern für ein ressourcenarmes Land, das kaum Steuereinnahmen einbrachte, hatte der neue Fürst den Neuenburgern vor seiner Wahl schriftlich zahlreiche Rechte und Privilegien garantieren müssen, welche bereits bei Zeitgenossen die Frage aufkommen ließen, ob er überhaupt noch als souveräner Landesherr zu betrachten sei. So garantierte Friedrich I. den Neuenburgern etwa das Recht, in Kriegszeiten neutral zu bleiben und von Rekrutierungen verschont 18

19

Entscheidend zu seinem Scheitern trug schliesslich bei, dass die unterschiedlichen Hoffaktionen angehörigen französischen Prätendenten sich gegenseitig bekämpften und neutralisierten: Ludwig XIV. wies seinen Botschafter Puyzieulx entgegen der Erwartung Contis an, nur die französischen Prätendenten generell, jedoch nicht einen einzelnen besonders zu unterstützen. Zu Contis Biographie und den langen gehegten, schliesslich erfolglosen Plänen, an das Fürstentum Neuchâtel zu gelangen, vgl. Auguste de Caumont, duc de La Force, Le grand Conti. Les délices de la Cour, Paris 1948, hier S.  146–174; zur Rolle der französischen Diplomatie im Erbfolgeprozess, Jean de Boislisle, Les Suisses et le marquis de Puyzieulx, ambassadeur de Louis XIV (1698–1708). Documents inédits précédes d’une notice historique, Paris 1906, S. CI–CXV; zum Agieren (und den Bedingungen des Scheiterns) hochadliger Prätentionen in Neuchâtel und anderswo auch Leonhard Horowski, „Subjects into sovereigns. The outsiders’ pursuit of sovereignty and the war of the Spanish succession“, in: Matthias Pohlig, Michael Schaich (Hg.), The war of the Spanish succession. New perspectives, Oxford 2018, S. 101–130. Vgl. Bachmann, Die preußische Sukzession (wie Anm. 15), S. 257.

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zu werden, ja sogar weiterhin für fremde Mächte Solddienste zu leisten zu dürfen – notabene vor allem für den französischen König, den gegenwärtigen Kriegsfeind. Generelle Zusagen wie jene, er werde keine „alten Rechte und Bräuche“ ändern, sollten sich zudem im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts als flexibel einsetzbares Machtinstrument nicht des Königs, sondern seiner über die lokalen Verhältnisse weit besser informierten und von auswärtigen Protektoren beschützten Untertanen entpuppten.20 Vor allem aber stand der neu gebildete Leviathan der preußischen Herrschaft über Neuchâtel auch nach der formalen Herrschaftsübernahme noch auf sehr schwachen Füssen. Zahlreiche Probleme traten erst jetzt ins Bewusstsein, situative Lösungen mussten gefunden, neue Allianzen gebildet werden. So gab es im Fürstentum zahlreiche Unzufriedene, nebst den Anhängern der französischen Prätendenten auch Parteigänger, die nun auf die Einlösung der weitgehenden Versprechen pochten. In einem diffizilen Drahtseilakt musste Metternich versuchen, ehemals französische Klienten mittels Ämter und Patronage ins neue System einzubinden und die zusehends frustrierten eigenen Klienten trotz schwindender Zahlungslust seitens des Königs bei Laune zu halten. Noch prekärer war die äußere Sicherheit. Die katholischen Orte der Eidgenossenschaft und der König von Frankreich weigerten sich, den Richtspruch anzuerkennen. Ludwig XIV. erließ kurz nach dem Sukzessionsentscheid gar einen Einmarschbefehl, der nur dank zweier Faktoren wirkungslos blieb, mit deren Hilfe man in Berlin zunächst nicht wirklich hatte rechnen können. Zum einen sandte die Republik Bern, um ihre ‚Vormauer‘ besorgt, tatsächlich ein Truppenkontingent zur Sicherung der Grenzen nach Neuchâtel. Zum anderen, und vielleicht entscheidender, sorgte der plötzlich eintretende Schneefall dafür, dass die Wege über das das zwischen der Franche-Comté und Neuchâtel gelegene Juragebirge für die schweren französischen Artilleriegeschütze weitgehend unpassierbar wurden. Das Wetter, die Beschaffenheit der Wege und weitere Tücken der Berge wurden so in den französischen Korrespondenzen für einige Zeit zu zentralen handlungsleitenden Aktanten, 20

Zu den diversen, meist zugunsten der lokalen Körperschaften beigelegten Konflikten um ständische Rechte im 18. Jahrhundert vgl. Weber, Lokale Interessen (wie Anm. 4), S. 466– 539. Ursache für den Erfolg der Untertanen waren freilich weniger die verbrieften Rechte per se als die Tatsache, dass sich auswärtige Mächte – die Republik Bern, aber auch die französische Krone – für deren Fortbestand engagierten oder sich gar als Konkurrenten der preußischen Landesherrschaft ins Spiel zu bringen versuchten. Vgl. dazu auch Nadir Weber, „Vom Nutzen einer prekären Lage. Das Fürstentum Neuchâtel, seine auswärtigen Protektoren und die preußische Distanzherrschaft (1707–1806)“, in: Tilman Haug, ders., Christian Windler (Hg.), Protegierte und Protektoren. Asymmetrische politische Beziehungen zwischen Partnerschaft und Dominanz (16. bis frühes 20. Jahrhundert), Köln 2016, S. 311–325.

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die auch später noch zumindest implizit die strategischen Überlegungen mitbestimmen sollten.21 Auch das potentiell desaströse französische Handelsembargo verpuffte dank der unübersichtlichen Situation im gebirgigen Grenzraum weitgehend wirkungslos. Auf Schmuggelpfaden fanden findige Neuenburger weiterhin Abnehmer für ihre Güter und gelangten andererseits an lebenswichtiges Korn und Salz.22 Die preußische Herrschaft über Neuchâtel blieb angesichts der fortbestehenden französischen Prätentionen zwar auch noch in den folgenden Jahren instabil, doch schwand der unmittelbare Problem- und Entscheidungsdruck allmählich. 1709 konnte Metternich das Land gar verlassen und die Regierungsgeschäfte dem lokalen Conseil d’État übertragen. Als sich schließlich ein Friedensschluss zwischen den Mächten abzeichnete, zeigte sich die preußische Krone bestrebt, die Herrschaft auf dem diplomatischen Verhandlungsweg auf einen sichereren Fuß zu stellen. Tatsächlich garantierte der französische König im Frieden von Utrecht (1713) nicht nur den preußischen Besitz, sondern auch die Handelsprivilegien der Neuenburger und damit einen wesentlichen Pfeiler des wirtschaftlichen Auskommens des vom Außenhandel abhängigen Landes. Schritt für Schritt konnten zumindest die drängendsten Probleme, die sich aus dem Herrschaftswechsel ergeben hatten, in Form von zunächst nicht vorgesehenen, aber in der Praxis mehr oder weniger funktionierenden Arrangements behoben werden. Der Leviathan der preußischen Distanzherrschaft erhielt so zusätzliche Gelenke, gewann an Masse und an Energie. Im Sinne eines kurzen Zwischenfazits scheint mir der Nutzen der ANT für die politische Geschichte in Bezug auf das skizzierte Fallbeispiel vor allem in der Heuristik zu liegen. Der Ansatz regt dazu an, sich bei der Quellenlektüre nicht vorschnell auf bestimmte Hauptakteure und deren Wirken festzulegen, sondern grundsätzlich einmal allen menschlichen und nichtmenschlichen Entitäten, die uns darin begegnen, die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken und die Assoziationen zu untersuchen, die zwischen ihnen entstehen. Dies sensibilisiert im vorliegenden Fall etwa für die Wichtigkeit der geographischen Gegebenheiten und trägt dazu bei, das Gelingen der preußischen Sukzession 21

22

Vgl. König Ludwig XIV. an seinen Botschafter Puyzieulx in Solothurn, Versailles, 4.12.1707, in: Archives du Ministère de la Défence, Vincennes, A 1 2036, worin die Zurückziehung des Einmarschbefehls v.a. mit der Wetterlage und den geographischen Gegebenheiten in den Bergen begründet wird, sowie die vorangehende und folgende Korrespondenz im selben Bestand. Vgl. zum Schmuggel im französisch-eidgenössischen Grenzraum die Studie von André Ferrer, Tabac, sel, indiennes … Douane et contrebande en Franche-Comté au XVIIIe siècle, Besançon 2002.

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in Neuchâtel nicht nur in der ‚großen Strategie‘ des Berliner Kabinetts, sondern auch in alltäglichen, improvisierten Lösungen zu suchen, die sich etwa um das Problem der Zufuhr von Lebensmitteln ergaben. Die – primär von eigenen ökonomischen Interessen geleiteten – Aktivitäten von Schmugglern im Grenzraum waren so vielleicht nicht minder entscheidend für die Festigung der neuen Distanzherrschaft als die nach Neuchâtel entsandten Berner Truppen. Auch führt uns eine solche Betrachtung die interne Dynamik politischer Herrschaft als stetiges Aushandeln von diskursiver Wirklichkeit, von ‚realen‘ Gütertransfers und unterschiedlichsten Kooperationsformen vor Augen und bewahrt uns vor einer allzu schematischen, am modernen Staatsrecht orientierten Betrachtung des Geschehens: Die preußische Sukzession in Neuchâtel erfolgte nicht erst und endete noch nicht am 3. November  1707, als das Gericht der Trois-États sich für die Erbansprüche Friedrichs  I. erklärte. Das Datum markiert vielmehr ein – wenn auch durchaus wegweisendes – Irritations- oder Impulsmoment in einer ganzen Kette von Übersetzungen, die zur Schaffung einer mehr oder weniger stabilen politischen Assoziation zwischen Neuchâtel und Berlin nötig waren. III.

Den Spuren folgen: Die Kuhrevolte oder die Kunst des Intéressements

Nachdem im letzten Punkt von einem politischen Ereignis ausgegangen wurde, das durch die von der Akteur-Netzwerk-Theorie inspirierte Brille vielleicht etwas differenzierter betrachtet werden kann, soll im Folgenden an einem weiteren Fallbeispiel aus demselben Kontext ein anderes mögliches Vorgehen exemplifiziert werden. Den Ausgang markiert hier ein Ding, konkreter ein auf den ersten Blick nur mit Mühe einzuordnendes Schriftstück, dessen sowohl materiellen wie auch inhaltsbezogenen Spuren etwas detaillierter nachgegangen werden soll.23 Zum einen verweisen dabei der Ort 23

Wobei hier methodisch an neuere historische Forschungsansätze, die im Zusammenhang mit dem sogenannten ‚material turn‘ und in kritischen Auseinandersetzungen mit den Anregungen aus der Akteur-Netzwerk-Theorie etabliert haben, angeschlossen werden kann. Siehe dazu etwa Kim Siebenhüner, „Things that matter. Zur Geschichte der materiellen Kultur in der Frühneuzeitforschung“, in: Zeitschrift für Historische Forschung 42 (2015), S. 373–409, und Marian Füssel, „Die Materialität der Frühen Neuzeit. Neuere Forschungen zur Geschichte der materiellen Kultur“, in: Zeitschrift für Historische Forschung 42 (2015), S. 433–463, sowie die Beiträge im Kapitel „Materielle Praktiken in der Frühen Neuzeit“ in Arndt Brendecke (Hg.), Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure – Handlungen – Artefakte, Köln 2015, S. 267–331.

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der Aufbewahrung und die zuvor zurückgelegten räumlichen Distanzen auf Übersetzungsvorgänge, die vom Autor teilweise nicht intendiert waren und daher auf den Aktantenstatus des Mediums selbst verweisen. In Bezug auf den Inhalt wird sich zum anderen zeigen, dass die Wirkungsmacht von nichtmenschlichen Aktanten auch in zeitgenössischen Quellen verhandelt wird, also auch ohne analytische Festlegung aus der Position eines ‚Beobachters zweiter Ordnung‘ festgestellt und auf seine Implikationen und Funktionen hin untersucht werden kann. Schließlich soll das Beispiel veranschaulichen, dass die frühneuzeitlichen Leviathane analog zu den von Callon und Latour beschriebenen Forschungs- oder Industrienetzwerken keineswegs von selbst liefen oder nur von oben gesteuert wurden, sondern vielmehr Tummelplätze von konkurrierenden Interessen oder Wirklichkeitsentwürfen darstellten, deren ‚Sprecher‘ miteinander um Deutungshoheit und Einfluss rangen. Nun also zum Beispiel. Im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz befindet sich im Bestand „Neufchâtel Generalia“ die Abschrift einer kurzen Denkschrift, die im April  1723 an den preußischen Hof gelangt war.24 Das Schriftstück hatte sich in einem aus Paris an einen gewissen Merveilleux in Neuchâtel adressierten Briefpaket gefunden, das von wachsamen Fürstendienern abgefangen und geöffnet worden war. Trotz des eher unspektakulären Titels, der auf den ersten Blick nichts mit Neuchâtel zu tun zu haben scheint – „Denkschrift über die Pacht der Güter und Salzsteuern in der Grafschaft Burgund, dem Elsass und den drei Fürstbistümern“ (Mémoire concernant la ferme des Domaines et Gabelles du Comté de Bourgogne, Alsace et trois Evêchés) – war der Inhalt aus Berliner Perspektive brisant, ging es doch darum, einen Weg zu präsentieren, wie in Neuchâtel eine Revolte gegen den preußischen König angezettelt und das Land für einen französischen Prätendenten gewonnen werden könnte. Konkret war das darin entfaltete Szenarium folgendes: Der Reichtum der Neuenburger beruhe wie jener der Schweizer fast vollständig auf der Viehwirtschaft; entsprechend große Sorge trügen die Einwohner zu ihren Tieren. Für diese Viehwirtschaft sei Salz von zentraler Bedeutung – tatsächlich wurde dieses sowohl als Futterzugabe wie auch dafür, um Fleisch zu pökeln und Käse haltbar zu machen, verwendet25 –, wobei die Neuenburger von Importen aus 24

25

[Anon.], Mémoire concernant la ferme des Domaines et Gabelles du Comté de Bourgogne, Alsace et trois Evêchés, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem (im Folgenden GStAPK), I. HA, Rep. 64, IV. Neufchâtel, Vol. 1., Convol. XLI [Bd. 1], fol. 165–166r. Zur Bedeutung von Salz in der Viehzucht vgl. Jean-François Bergier, Die Geschichte vom Salz, Zürich 1989, S. 131–138. Zum Wert, zur Materialität und zu den Handelswegen des Salzes vgl. zudem Jakob Vogel, Ein schillerndes Kristall. Eine Wissensgeschichte des Salzes

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den nahegelegenen Salinen in Salins in der Franche-Comté abhängig seien. Wenn der französische König – der formal die Kontrolle über diese Salzwerke innehatte – die Lieferungen einstellen lasse, seien sie auf Alternativen angewiesen, so etwa das Salz aus Tirol und Bayern, für das der preußische König im Anschluss an die Sukzession Bezugsrechte für sie ausgehandelt hatte. Doch hätten die Tiere (bestiaux) dieses alternative Salz damals zurückwiesen, so die Denkschrift weiter, und wenn die Bauern im Grenzgebirge nicht über den Umweg der eidgenössischen Orte doch noch an Salz aus Salins gelangt wären,26 hätten sie sich aus Sorge um das Wohl ihrer Kühe sicherlich gegen die preußische Herrschaft aufgelehnt. Das Salz aus der Franche-Comté trage somit dazu bei, „die Herrschaft des Königs von Preußen über das Fürstentum Neuchâtel aufrechtzuerhalten“, was nicht im Interesse des Königs von Frankreich sei.27 Der Umkehrschluss lautete: Würde der französische König den Schleichhandel unterbinden, bestand die Aussicht, der ungeliebten preußischen Herrschaft über das angrenzende Fürstentum ein Ende zu setzen. Was aber ist mit dieser anonymen Denkschrift anzufangen? Zunächst stellen sich natürlich die klassischen Fragen der Quellenkritik: Wer, wo, an wen, zu welchem Zweck? Diese Fragen lassen sich nur mit einiger Mühe und auch nur hypothetisch beantworten, ist das Schriftstück doch weder datiert noch signiert. Der preußische Hof selbst ließ seinen Gesandten in Paris davon eine Abschrift zukommen und abklären, von dem das Schriftstück stamme und was da im Gange sei, ohne jedoch eine eindeutige Antwort zu erhalten.28 Immerhin stand zu vermuten, dass die Denkschrift im Zusammenhang

26

27

28

zwischen Früher Neuzeit und Moderne, Köln 2008, und Martin Ott, Salzhandel in der Mitte Europas. Raumorganisation und wirtschaftliche Aussenbeziehungen zwischen Bayern, Schwaben und der Schweiz, 1750–1815, München 2013. Konkret wurde das von der französischen Krone zu verbilligten Tarifen an die innereidgenössischen Orte abgegebene Salz vom Zwischenlager in Grandson oder Yverdon aus nach Neuchâtel (sowie nach Bern und in das Fürstbistum Basel) abgezweigt, während die Kantone sich für das dafür ausbezahlte Geld Salz aus dem näher gelegenen Tirol oder Bayern importierten – eine Praxis, die zwar dem Inhalt und Sinn der Kapitulationen zwischen Frankreich und den eidgenössischen Orten widersprach, aber doch nicht unterbunden werden konnte. Vgl. Philippe Gern, Aspects des relations franco-suisses au temps de Louis XVI. Diplomatie, économie, finances, Neuchâtel 1970, S.  187 ff.; ders., „L’approvisionnement de Neuchâtel en sel franc-comtois au XVIIIe siècle“, in: Musée neuchâtelois 2 (1965), S. 168–178. Mémoire (wie Anm. 24), fol. 166r: „Le second, en ce qu’il sert à entretenir la Domination du Roy de Prusse sur la Principauté de Neufchastel, la proximité d’un Prince estranger ne pouvant luy convenir, sur tout dans le voisinage d’une Province aussy douteuse, que l’est la Franche Comté.“ Vgl. König Friedrich Wilhelm I. (gegengezeichnet Ilgen) an Chambrier in Paris, 13.4.1723, in: GStAPK, I. HA, Rep. 64, IV. Neufchâtel, Vol. 1., Convol. XLI, [Bd. 1] fol. 164 und ff.

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mit Umtrieben im Umfeld des französischen Regenten Philippe II de Bourbon, Duc d’Orléans, oder des diesem nachfolgenden Premierministers Louis IV Henri de Bourbon-Condé, Duc de Bourbon, standen, über die der preußische Gesandte Chambrier bereits berichtet hatte und die sich dann im Herbst desselben Jahres verdichten sollten. Beide zeigten Interesse am grenznahen Fürstentum, das es ihnen erlaubt hätte, vom Rang von Herzogen und Angehörigen der erweiterten Königsdynastie (Princes du sang) in den noch exklusiveren Kreis der souveränen Fürsten aufzusteigen. Und dieses Interesse wurde offenbar von zwei zwischen Paris und Neuchâtel hin- und herreisenden Neuenburgern besonders geschürt: Jean-Jacques de Merveilleux (1685–1765), dem die Abschrift der Denkschrift wohl zur Ansicht zugeschickt worden war, und seinem Freund Charles-François Bergeon (1681–1757).29 Nachdem im Verlauf des Jahres beim preußischen Hof weitere Berichte aus Neuchâtel und Paris über die verdächtigen Umtriebe der beiden auf einmal finanziell gut bemittelten „Abenteurer“ (aventuriers) eingegangen waren, stellte dieser schließlich im November über seinen Gesandten am französischen Hof einen Antrag auf deren Ausweisung aus Frankreich, dem, wenngleich mit einiger Verzögerung, stattgegeben wurde.30 Tatsächlich war der Verdacht nicht unbegründet. Im Archiv des französischen Außenministeriums findet sich zum einen eine weitere, dort ungefähr zur gleichen Zeit wie das genannte Mémoire in die Bestände gelangte Denkschrift ohne Autorenangabe, welche ebenfalls das Unruhepotential des Salzes unterstreicht.31 Zum anderen findet sich in demselben Archiv auch ein viel früher verfasster Brief, der dasselbe Argument mit den unzufriedenen Kühen und den revoltierenden Untertanen enthält: „Das Vieh“, heißt es dort, „das den ganzen Reichtum unserer Bauern ausmacht, mag [das Salz aus Deutschland] nicht ausstehen, was sie [die Bauern] zur Verzweiflung bringt.“32 Der Brief trägt die Unterschrift von Bergeon. Mit dieser Hypothese über die Autorenschaft und das Wissen um den Kontext wird nun einiges klarer. Folgen wir den Spuren weiter, zeigt sich 29 30

31 32

Zur Biografie der beiden ‚Abenteurer‘ siehe Weber, Lokale Interessen (wie Anm.  4), S. 370–382. Vgl. GStAPK, I. HA, Rep. 64, IV. Neufchâtel, Vol. 1., Convol. XLI, [Bd. 2] fol. 118 ff. Parallel dazu war ein geheimer Verhaftungsbefehl zuhanden von Gouverneur Froment in Neuchâtel erfolgt, der dann allerdings aufgrund der verwandtschaftlichen Rückendeckung der beiden sowie der Landesverfassung nicht umgesetzt werden konnte. Vgl. Mémoire du 5e juin 1723 (eventuell zuhanden von Kardinalminister Dubois), in: Archives des Affaires Étrangères, Paris-La Courneuve (im Folgenden AAE), CP Neuchâtel, Vol. 9, fol. 211–212r. „[…] le bétail qui fait toute la richesse de nos Paizans ne peut le souffrir, ce qui les pousse au désespair […]“ ([Charles-François] Bergeon an Botschaftssekretär La Martinière, Neuchâtel, 23.11.1711, in: AAE, CP Neuchâtel, Vol. 9, fol. 174–176r).

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nämlich, dass ebenjener Bergeon bereits seit einiger Zeit Kontakte zu französischen Prätendenten unterhielt und geradezu mit Projekten für einen Herrschaftswechsel in Neuchâtel warb, wofür ihm nicht unerhebliche Mittel zuflossen. Zudem stand Bergeon zum Zeitpunkt der Abfassung der Denkschrift kurz davor, dank verwandtschaftlicher Verflechtungen einen Salzlieferungsvertrag mit dem Pächter in Salins abzuschließen.33 Er hatte deshalb ein ökonomisches Eigeninteresse daran, den Schleichhandel mit vergünstigtem Salz unterbunden zu wissen. In der Denkschrift war von solchen Eigeninteressen des Autors jedoch keine Rede, sondern nur von jenen der adressierten Instanz: formal und explizit von den Interessen des französischen Königs und indirekt jenen des Duc d’Orléans, der für diesen die Regierungsgeschäfte leitete und das Fürstentum für seinen Sohn zu erwerben trachtete. Der Zweck des Papiers war es dabei offensichtlich, die Konvergenz der Interessen dieser verschiedenen explizit genannten oder implizit involvierten Akteure aufzuzeigen. Mit Michel Callon – und in Anlehnung an zeitgenössische Semantiken – kann dieser Übersetzungsvorgang als Intéressment bezeichnet werden, bei welchem verschiedenste menschliche und nichtmenschliche ‚Alliierte‘ auf eine bestimmte, vom Autor eingeführte Problemlage bezogen und im Netzwerk positioniert werden.34 So werden in der vorliegenden Denkschrift nebst dem preußischen König, gegen den sich das Ganze richten sollte, und dem französischen König, der zum Handeln motiviert werden sollte, noch weitere Akteure oder Aktanten eingeführt und mit spezifischen Rollen versehen. Ausgehend von den zur Disposition stehenden spezifischen Eigenschaften des französischen Salzes sind dies insbesondere die Kühe, welche das französische Salz bevorzugten, und die Bauern, die gegen die preußische Herrschaft revoltieren würden, sollten ihre Tiere nicht das gewünschte Salz erhalten und die Nahrungsaufnahme verweigern. In narrativer Hinsicht spielt dabei der Artenunterschied keine entscheidende Rolle. Sowohl den Kühen wie den Bauern wird Wirkungsmacht, aber auch ein weitgehend mechanisches, 33 34

Vgl. Roger Humbert, Institutions et gens de finance en Franche-Comté 1674–1790, Paris 1996, S. 324. Vgl. Callon, Einige Elemente (wie Anm.  17), S.  151–156, und auch ders., John Law, „On interests and their transformation. Enrolment and counter-enrolment“, in: Social Studies of Science 12,4 (1982), S. 615–625. Der Begriff scheint mir für den von mir untersuchten Kontext besonders geeignet, weil die von mir untersuchten Akteure des 18. Jahrhundert selbst dauernd von „Interessen“ sprachen und auch die Wortbildung intéresser quelqu’un („jemanden interessieren“) in diesem Kontext gebräuchlich war. Zur historischen Semantik von Interesse vgl. Ernst Wolfgang Orth, Jörg Fisch, Reinhart Koselleck, Art. „Interesse“, in: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhard Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd.  3, Stuttgart 1982, S. 305–365.

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voraussagbares Verhalten auf einen bestimmten Stimulus hin unterstellt. Als eigentliches Movens erscheint die gewünschte Entscheidung des französischen Königs (vertreten durch seinen Regenten), der in der souveränen Würde eines unbewegten Bewegers adressiert und bestätigt wird.35 Mit diesen Informationen und unter Bezugnahme auf das Übersetzungskonzept Callons lässt sich das Handlungsgeschehen nun auf zwei Ebenen betrachten: zum einen auf der Ebene der Denkschrift als Aktant, dessen auf eine Entscheidung des französischen Königs abzielendes Aktionspotential im politischen Handlungsgeschehen es zu ergründen gilt, zum anderen auf der Ebene der darin postulierten Wirkungszusammenhänge, die für sich rekonstruiert, mit anderen Angeboten verglichen und gegebenenfalls gleichsam als Hypothese mit tatsächlichen, früheren oder späteren Ereignisverläufen abgeglichen werden können. Natürlich gibt es auch eine Verbindung der beiden Ebenen, und zwar in dem Punkt, wo es darum geht, ob die adressierten Akteure dem präsentierten Verlaufsszenarium hinreichend Plausibilität zusprachen, damit es sie überhaupt zum Handeln motivieren konnte. Auch hier wird das Ganze also bald einmal ziemlich komplex. Das gewählte Beispiel erlaubt es aber glücklicherweise, die Reise in diesem Stadium bereits abzubrechen. Denn das Szenarium einer Kuhrevolte verfing offenbar nicht. So verschwinden die Kühe bald wieder als politische Aktanten aus den Papieren, und mit Blick auf spätere, nicht mehr aus Salins erfolgende Salzlieferungen lässt sich vermuten, dass ihnen die genaue Herkunft des Salzes letztlich doch ziemlich egal war.36 Es waren andere Fragen im Zusammenhang 35

36

Zum Topos des Souveräns als unbewegten Bewegers, der etwa bei fürstlichen Einzügen mithilfe von mobilen Bühnenelementen, ‚lebenden Bildern‘ und Automaten auch szenisch umgesetzt wurde, siehe Frank Fehrenbach, „The unmoved mover“, in: Anna C. Knaap, Michael J. C. Putnam (Hg.), Art, music, and spectacle in the age of Rubens. The Pompa Introitus Ferdinandi, Turnhout 2013, S. 117–142. Mit der Aussage, dass Kühe als politische Aktanten im vorliegenden Wirkungszusammenhang keine Rolle (mehr) spielten, ist freilich nichts über deren Wirkungsmacht oder (relationale) Agency in anderen Settings gesagt. Vgl. auch die – meines Erachtens berechtigte – Kritik des Soziologen Reiner  E.  Wiedenmann an der Aussage Latours, dass ‚nichtmenschliche Wesen‘ letztlich doch immer eines (menschlichen) ‚Sprechers‘ bedürften, um eine Wirkung zu entfalten, die den alten Anthropozentrismus quasi durch die Hintertür wieder einführt (Rainer E. Wiedenmann, Tiere, Moral und Gesellschaft. Elemente und Ebenen humanimalischer Sozialität, Wiesbaden 2009, S.  67). Zur – auch, aber nicht nur von der ANT inspirierten – Frage tierlicher Agency siehe etwa Aline Steinbrecher, „‚In der Geschichte ist viel zu wenig von Tieren die Rede‘ (Elias Canetti) – Die Geschichtswissenschaft und ihre Auseinandersetzung mit den Tieren“, in: Carola Otterstedt, Michael Rosenberger (Hg.), Gefährten – Konkurrenten – Verwandte. Die Mensch-Tier-Beziehung im wissenschaftlichen Diskurs, Göttingen 2009, S. 264–286; David Gary Shaw (Hg.), „Does History need Animals?“, History and Theory (Special Issue), 52/4

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des ‚weißen Goldes‘ – Fragen des Preises, der Transportwege und der Loyalitäten der Salzunternehmer –, die in den folgenden Jahren die Köpfe in Neuchâtel, Versailles und Berlin weiter beschäftigten sollten.37 Immerhin gelang es dem genannten Bergeon aber, das Interesse der französischen Hochadligen am Fürstentum zu wecken. Obgleich formal ohne Amt und Ehren, spielte er in den Jahren darauf eine erhebliche politische Rolle bei Geheimverhandlungen um die Abtretung des Fürstentums, indem er sich als Vermittler zwischen dem Duc d’Orléans, einem preußischen Kommissar und einem Teil der lokalen Elite im Fürstentum betätigte.38 Zwar führten auch diese Aktivitäten zu keinem Herrschaftswechsel. Sie brachten das politische Kollektiv aber von Faktionenkämpfen im Fürstentum bis hin zur Absetzung des zuständigen Ministers in Berlin gehörig durcheinander. Die Karriere von Bergeon selbst endete schließlich im Jahr 1734, als der Hofadlige Louis III de Mailly, Marquis de Nesle, ein von ihm präsentiertes Akquisitionsprojekt allzu sehr beim Nenner nahm und mit seinem Ritt an der Neuenburger Grenze spektakulär scheiterte.39 Der Neuenburger Abenteurer hatte damit seinen Kredit endgültig verspielt. Unabhängig von diesem Beispiel zeigten sich Denkschriften unter den kommunikativen und verfassungsmäßigen Bedingungen des Ancien Régime als ein Mittel, das es auch subordinierten, formal nicht mitspracheberechtigten Akteuren erlaubte, das politische Geschehen ein Stück weit zu beeinflussen. Kaufleute oder Abenteurer wie Bergeon, aber auch lokale Ratsgremien des Fürstentums Neuchâtel nutzten die Möglichkeit, auf Papier bestimmte Probleme zur Sprache zu bringen, die Akteure und Aktanten daraufhin umzugruppieren oder gegebenenfalls auch neu einzuführen. Solche Denkschriften präsentierten damit nicht bloß Entscheidungsalternativen und erteilten Ratschläge, sondern vermittelten stets auch einen bestimmten Blick auf die politische Welt. Bezugspunkt war in der Rhetorik dieser Schreiben, die oft auch von ergänzenden Bittschreiben oder in der Patronagesprache abgefassten Briefen begleitet wurden, stets das Interesse des Souveräns, das es zu befördern

37 38 39

(2013); Gesine Krüger, Aline Steinbrecher, Clemens Wischermann, „Animate History. Zugänge und Konzepte einer Geschichte zwischen Menschen und Tieren“, in: dies. (Hg.), Tiere und Geschichte. Konturen einer Animate History, Stuttgart 2015, S. 9–33; Sven Wirth et al. (Hg.), Das Handeln der Tiere. Tierliche Agency im Fokus der Human-Animal Studies, Bielefeld 2015. Vgl. Philippe Gern, „La régie du sel à Neuchâtel (1787–1800)“, in: Musée neuchâtelois 12 (1975), S. 79–95, sowie Weber, Lokale Interessen (wie Anm. 4), S. 284–294. Vgl. dazu ebd., S. 466–480. Vgl. Armand Du Pasquier, „Les prétentions de la maison de Mailly-Nesle sur Neuchâtel au XVIIIe siècle“, in: Musée neuchâtelois 8 (1921), S.  10–206, hier insbes. S.  89–99 und S. 124–134.

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galt. Solche königlichen oder staatlichen Interessen waren aber nie einfach gegeben, sondern wurden gerade über solche Aushandlungsprozesse erst allmählich generiert und verfestigt. Der Kopf der großen Leviathane wurde so von allen Seiten her mit Papier vollgestopft. Und manchen dieser Papiere gelang es tatsächlich, bestimmte Assoziationen zu etablieren und die Bewegungen ihrer Glieder ein Stück weit mitzulenken, ja sich gar der mächtigen Stimme des Monsters zu bedienen.40 Auch mit Blick auf diese Formen der Beeinflussung ‚von unten‘ sollte aber davon abgesehen werden, die Zusammenhänge allzu mechanisch zu sehen. Und auch hier hilft der ANT-inspirierte Blick: Denkschriften sind wie Briefe eben mehr als ein neutrales Medium, das Informationen zwischen Sender und Empfänger transportiert. Ihre materielle Existenz, die Art, wie sie durch den Raum reisten, wie sie gelesen, archiviert und teils über Jahrzehnte immer wieder hervorgeholt und in andere Schriftstücke übersetzt wurden, lässt sie selbst als Aktanten erscheinen, deren Wirkungsgeschichten sich von den Intentionen ihrer Autoren lösen konnte.41 Wem eine Denkschrift schlussendlich vor allen nützte, war bei ihrem Entstehen keineswegs klar. Sie konnte sich auch gegen ihre Autoren wenden, etwa wenn ein bestimmtes Problem damit überhaupt erst auf den Radar geriet, aber andere Lösungen dafür gefunden wurden, oder wenn sie, wie in diesem Fall, in falsche Hände geriet, und so Pläne und Intrigen, die eigentlich geheim bleiben sollten, zum Vorschein kamen. Die frühneuzeitlichen Leviathane bewegten sich, aber niemand konnte sicher wissen und steuern, wohin.

40

41

Bei den Friedensverhandlungen in Utrecht wurden so etwa Elemente von Denkschriften der Neuenburger Untertanen direkt in den Forderungskatalog des preußischen Königs übersetzt; in einem anderen Fall sandte Friedrich Wilhelm  I. gar einen Brief an den französischen König, der wortwörtlich im fernen Neuchâtel aufgesetzt worden war. Vgl. Weber, Lokale Interessen (wie Anm.  4), S.  219–225 zum Medium der Denkschrift und S. 320 zum erwähnten Brief sowie ders., „Praktiken des Verhandelns – Praktiken des Aushandelns. Zur Differenz und Komplementarität zweier politischer Interaktionsmodi am Beispiel der preußischen Monarchie im 18. Jahrhundert“, in: Brendecke, Praktiken der Frühen Neuzeit (wie Anm. 23), S. 560–570. Zu einer ANT-inspirierten Mediengeschichte siehe die Beiträge und insbesondere die Einleitung in Tristan Thielmann, Erhard Schüttpelz (Hg.), Akteur-Medien-Theorie, Bielefeld 2013. Zur Materialität des Briefverkehrs in der Frühen Neuzeit vgl. die grundlegende Studie von James Daybell, The material letter in early modern England. Manuscript letters and the culture and practices of letter-writing, 1512–1635, Basingstoke 2012; zum Aspekt der Übersetzung sowie den Wegen und Funktionen der Briefkommunikation zwischen Berlin und Neuchâtel vgl. auch Nadir Weber, „Zwischen Arkanum und Öffentlichkeit. Der Brief als Medium politischer Kommunikation im 18. Jahrhundert“, in: Felix Heidenreich, Daniel Schönpflug (Hg.), Politische Kommunikation. Von der klassischen Rhetorik zur Mediendemokratie, Berlin 2012, S. 53–73.

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IV.

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Schluss

Lässt sich Königsherrschaft im Ancien Régime nun als Spiel mit (undichten) Black Boxes beschreiben? Gerade der weiterhin stark auf die Person Friedrichs II. fokussierten Geschichtsschreibung zur preußischen Monarchie täte es gut, noch stärker als bisher auf all jene kleinen Dinge und Assoziationen zu achten, die sich ohne das Zutun des Königs bewegten und die Funktionsweise des Herrschaftssystems doch entscheidend prägten. Zwar setzten in autokratischer Einsamkeit gefällte Entscheidung wie jene zum Einmarsch in Sachsen im Jahr 1756 tatsächlich gewaltige Kräfte in Bewegung. Die Tatsache aber, dass gerade solche kriegerischen Ereignisse die ‚junge‘ Großmacht im 18. Jahrhundert mehrmals an den Rand des Kollapses brachten, bis sie schließlich 1806 unter dem napoleonischen Druck zusammenbrach, verweist auch darauf, wie lose zusammengefügt, wie abhängig vom Zusammenwirken zahlreicher kleiner Elemente, wie schwer durchschau- und kontrollierbar, störungsanfällig und labil diese ‚zusammengesetzte‘ Monarchie im Ancien Régime letztlich doch blieb.42 Ein von der Akteur-Netzwerk-Theorie inspirierter Blick auf die politische Geschichte führt damit interpretatorisch in dieselbe Richtung wie neuere Tendenzen der Forschung, die eine weniger etatistische Perspektive als die ältere Absolutismusforschung einnehmen und das Eigenleben und die lokalen Interessen der einzelnen Territorien ebenso ernst nehmen wie die als Kitt notwendigen symbolischen Akte. Vielleicht könnten diese Tendenzen mithilfe der ANT aber noch etwas schärfer konturiert und weitergetrieben werden, indem so gut wie alle analytischen Grenzziehungen grundsätzlich einmal in Frage gestellt und auch abwegig scheinende Spuren, die sich im Archiv zeigen, weiterverfolgt werden. Die Sorge, dabei vor lauter Bäumen den Wald aus den Augen zu verlieren, ist zwar nicht ganz unbegründet; vielleicht präsentiert sich der Wald aus der Ameisenperspektive aber auch als ein ganz anderer. Jedenfalls wird mit einer solchen Herangehensweise der Blick auf bisher wenig oder gar nicht erforschte Wirkungszusammenhänge erst frei und eröffnen sich potentiell auch neue Perspektiven auf ‚große‘ Ereignisse und Strukturen. Ganz auszuschließen ist es dabei nicht, dass ein entscheidender Schlüssel zur Analyse eines Herrschaftssystems vielleicht doch in den geschmacklichen Präferenzen einer Gruppe von salzleckenden Kühen liegt. 42

Vgl. dazu etwa die Einschätzung von Eckhart Hellmuth, „Der Staat – Starker Leviathan oder Koloss auf tönernen Füssen?“, in: Bernd Sösemann, Gregor Vogt-Spira (Hg.), Friedrich der Große in Europa. Geschichte einer wechselvollen Beziehung, Bd. 2, Stuttgart 2012, S. 20–32. Zu Preußen als ‚zusammengesetzter Monarchie‘ siehe etwa die Überblicksdarstellung von Karin Friedrich, Brandenburg-Prussia, 1466–1806. The Rise of a Composite State, Basingstoke 2012.

5. Militärische Mimesis. Belagerungen als globalisiertes Setting im 18. Jahrhundert Sven Petersen Die Frühe Neuzeit ist durch ein verstärktes Ausgreifen europäischer Mächte in außereuropäische Räume sowie die sich daraus ergebenden kolonialen Rivalitäten geprägt. In der Mitte des 18. Jahrhunderts standen somit nicht mehr allein Flandern und Norditalien als die klassischen „battle zone[s]“1 im Fokus europäischer Kriege. Erstmals wurden diese in relevanter Art und Weise um ‚Kriegstheater‘ auf dem nordamerikanischen Kontinent und in Indien erweitert. Zudem erlebte die um etwa 1700 normierte Belagerungskriegführung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihre Hochphase.2 In diesem Kontext wurden zunächst Festungen und anschließend die Praktiken zu ihrer Eroberung in kolonialen Interaktionsräume transportiert und dort umgesetzt, weshalb Belagerungen als ein Charakteristikum dieser Ausweitung greifbar werden.3 1 Jeremy Black, European Warfare in a Global Context, 1660–1815, London 2007, S. 66. 2 Vgl. Christopher Duffy, The fortress in the age of Vauban and Frederick the Great, 1660–1789, London 1985; ders., Fire and stone. The science of fortress warfare, 1660–1860, London 1996; Daniel Hohrath, „Der Bürger im Krieg der Fürsten. Stadtbewohner und Soldaten in elagerten Städten um die Mitte des 18. Jahrhunderts“, in: Bernhard R. Kroener, Ralf Pröve (Hg.), Krieg und Frieden. Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, Paderborn 1996, S. 305–329; ders., „‚Von der wunderbahren Würkung der Bomben‘. Protestantische Theologen als Zeugen von Festungsbelagerungen des 18. Jahrhunderts“, in: Michael Kaiser, Stefan Kroll (Hg.), Militär und Religiosität in der Frühen Neuzeit, Münster 2004, S. 307–321; ders., „Eroberer, Besatzer, Verteidiger. Festungsstädte unter ‚fremder‘ Herrschaft im Krieg des 18. Jahrhunderts“, in: Günther Kronenbitter, Markus Pöhlmann, Dirk Walter (Hg.), Besatzung. Funktion und Gestalt militärischer Fremdherrschaft von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, Paderborn 2006, S. 67–79; Jamel Ostwald, „Like clockwork? Clausewitzian friction and the scientific siege in the age of Vauban“, in: Steven  A.  Walton (Hg.), Instrumental in war. Science, research, and instruments between knowledge and the world, Leiden 2005, S.  85–118; ders., Vauban under siege. Engineering efficiency and material vigor in the War of the Spanish Succession, Leiden 2007; Martha Pollak, Cities at war in early modern Europe, Cambridge 2010, bes. S. 61–107. 3 Vgl. Geoffrey Parker, The artillery fortress as an engine of European overseas expansion, 1480– 1750, in: James D. Tracy (Hg.), City Walls. The urban enceinte in global perspective, Cambridge 2000, S. 386–416; Marian Füssel, „Die Politik der Unsicherheit. Sicherheit, Gewalt und Expansion in den britischen Kolonien im Siebenjährigen Krieg“, in: Christoph Kampmann, Ulrich Niggemann (Hg.), Sicherheit in der Frühen Neuzeit. Norm – Praxis – Repräsentation, Köln/Weimar/Wien 2013, S. 299–312.

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Belagerungen sind somit zunächst ein Phänomen frühneuzeitlicher Kriegsführung. Dieses gilt es näher in den Blick zu nehmen und für historisches Arbeiten zu operationalisieren. Im zeitgenössischen Sinne galten sie grundlegend als Handwerk. Die Wahrnehmung Friedrichs II. verdeutlicht dies. Er schreibt: „Die Belagerungskunst ist zum Handwerk geworden wie das Tischler- oder Uhrmacherhandwerk. Bestimmte untrügliche Regeln haben sich herausgebildet, nach denen alles stets denselben Gang geht. Die gleiche Theorie wird immer wieder auf den gleichen Fall angewandt“.4 Durch diese Koplexitätsreduktion zum bloßen „Handwerk“ tritt ein Technikdeterminismus zutage, der Belagerungen aus militärischer Perspektive als global umsetzbar interpretierte. Belagerungen wurden als Technik verstanden, die bei richtiger Anwendung gelingen und bei externen Fehlern scheitern. Das ist weder mit dem Stand der Techniksoziologie, noch mit dem historischen Material vereinbar und nimmt die Vorstellung von Technik als „Bedingungen und Taktiken des Systembauens“5 nicht in den Blick. Diese verkürzte Wahrnehmung gilt es zu hinterfragen. Dazu sollen Belagerungen den Prämissen der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) folgend als Setting, als eine „Konstellation von Menschen und nicht-menschlichen Aktanten […] bei denen Kompetenzen und Performanzen verteilt sind“,6 verstanden werden.7 Folgt man dieser Annahme, zeigt sich, dass Belagerungspraktiken als Black Boxes, als Handlungen, die so etabliert sind, dass sie zum 4 Friedrich II., Die Werke Friedrichs des Grossen. In deutscher Übersetzung, mit Illustrationen von Adolph von Menzel, Bd. 6: Militärische Schriften, Berlin 1913, S. 55. 5 John Law, „Technik und heterogenes Engineering: Der Fall der portugiesischen Expansion“, in: Andréa Belliger, David J. Krieger (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur AkteurNetzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 213-236, S. 216. 6 Madeleine Akrich, Bruno Latour, „Zusammenfassung einer zweckmäßigen Terminologie für die Semiotik menschlicher und nicht-menschlicher Konstellationen“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 399–405, S. 399. 7 Vgl. Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft, Frankfurt a. M.  2000; ders., Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt a. M.  2001; ders., Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt a. M.  2007. Zur Einführung siehe Andréa Belliger, David J. Krieger, „Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 13–50; Edwin Sayes, „Actor-network theory and methodology. Just what does it mean to say that nonhumans have agency?“, in: Social Studies of Science 44,1 (2014), S. 134– 149. Zu Fallbeispielen siehe: Michel Callon, „Die Soziologie eines Akteur-Netzwerkes: Der Fall des Elektrofahrzeugs“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 175–193; John Law, Michel Callon, „Leben und Sterben eines Flugzeuges. Eine Netzwerkanalyse technischen Wandels“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 447–482; John Law, Aircraft stories. Decentering the object in technoscience, Durham 2002; John Robert McNeill, Mosquito empires. Ecology and war in the Greater Caribbean, 1620–1914, Cambridge 2010.

Belagerungen als globalisiertes Setting im 18. Jahrhundert

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Verständnis nicht länger ausführlich beschrieben werden müssen,8 interpretiert werden können. Das Öffnen dieser Black Boxes hilft, das Funktionieren und Versagen der Technik besser zu verstehen. Dies ist von Bedeutung, da die augenscheinlich gleichen Praktiken in Europa mit einer Logik der materiellen und räumlichen Ausweitung unterlegt sind, während sie im kolonialen Kontext einer Logik der Ressourcenverknappung unterliegen.9 Somit ist zu fragen: Woraus leitete sich die Vorstellung von der Mobilität und der Nachahmbarkeit des Settings ab? Was waren die entscheidenden Techniken und wie wurden sie inszeniert? Wie können diese Black Boxes entschlüsselt werden? Und woraus generierten die Belagerungen ihre Stabilität, die zu Erfolg oder Misserfolg führten? Um dies zu erörtern, werden im Folgenden mit Louisbourg (1745), Bergen op Zoom (1747) und Pondicherry (1748) zunächst drei Belagerungen auf verschiedenen Kontinenten während des Österreichischen Erbfolgekrieg (1740– 1748) in ihren Eigenarten vorgestellt (I.). Anschließend werden das Wissen um die zentralen Praktiken der Belagerungskriegführung sowie dessen Wirkungen auf das Planen und Handeln der Militärs analysiert (II.). Darauf aufbauend werden unter Rückgriff auf Ego-Dokumente von Kombattanten die wesentlichen Bestandteile der Ensembles – zu verstehen als aus Menschen, Wissen und Gegenständen zum Zweck einer bestimmten Handlung formierten Black Boxes – und die tragenden Handlungsmuster sowie die Differenzen zwischen theoretisch-abstrakten Ideen und spezifisch-praktischen Erfahrungen herausgearbeitet (III.).10 Abschließend wird untersucht, über welche Mechanismen die einzelnen Parteien der Belagerungen die Stabilität ihrer Position steigern beziehungsweise ihre Opponenten zu schwächen versuchten (IV.). 8

9 10

Vgl. Lars Gertenbach, Hanning Laux, Zur Aktualität von Bruno Latour. Einführung in sein Werk (Aktuelle und klassische Sozial- und Kulturwissenschaftler/innen), Wiesbaden 2019, S. 28-30; Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft, Frankfurt a. M. 2002, S. 373. Vgl. dazu im Druck befindliche Studie: Sven Petersen, Die belagerte Stadt. Alltag und Gewalt im Österreichischen Erbfolgekrieg (Krieg und Konflikt), Frankfurt a. M. 2019. Stefan Hirschauer führt dies exemplarisch am Beispiel chirurgischer Eingriffe aus, vgl. Stefan Hirschauer, „Praktiken und ihre Körper. Über materielle Partizipanden des Tuns“, in: Karl H. Höring, Julia Reuter (Hg.), Doing Culture. Neue Positionen zum Verhältnis von Kultur und sozialer Praxis, Bielefeld 2004, S.  73–91, hier S.  83–88; siehe auch Andreas Reckwitz, „Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive“, in: Zeitschrift für Soziologie 32,4 (2003), S. 282–301, bes. S. 289–291. Das hier als Körper beschriebene ist dem durch Latour definierten „Kollektiv“ sehr nahe. Unter diesem Begriff fasst Latour „den Austausch menschlicher und nicht-menschlicher Eigenschaften innerhalb einer ‚Körperschaft‘“ (Latour, Die Hoffnung der Pandora (wie Anm. 7), S. 236) zusammen.

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Die Schauplätze

Als mit Kaiser Karl VI. am 20. Oktober 1740 der letzte männliche Habsburger verstarb, bedeutete dies einen Einschnitt in die Geschichte Europas, den Heinz Duchhardt  250 Jahre später als „Epochenjahr“11 beschreibt. Vermeintlich abgesichert durch die Pragmatische Sanktion trat Maria Theresia die Thronfolge in Wien an. Die weibliche Nachfolge galt unter dynastischen Aspekten jedoch als problematisch. Auch für den Kaisertitel war die Erbin ausgeschlossen. Sie wurde trotz der langjährigen Bemühungen Karls und zahlreicher diplomatischer Zugeständnisse an verschiedene Rivalen nicht von allen bedeutenden europäischen Herrschern anerkannt. Einige Monarchen sahen im Erbfall darüber hinaus eine Schwäche des Hauses Habsburg und eine Möglichkeit die Herrschafts- und Territorialverhältnisse im Alten Reich neu zu ordnen.12 Mit dem Überfall Friedrichs II. auf die habsburgische Provinz Schlesien begann am 16. Dezember 1740 der Erste Schlesische Krieg. Infolge dynastischer Interessen in Kurbayern, Kursachsen und Spanien sowie hegemonialer Bestrebungen in Frankreich und den auf ‚Balance of Power‘ ausgerichteten Politik in Großbritannien avancierte der Lokalkonflikt ab Sommer 1741 zum regional begrenzten Österreichischen Erbfolgekrieg.13 Ab Frühjahr 1744 eskalierte er weiter zum gesamteuropäischen Krieg und erreichte wenig später globale Dimensionen, die er mit den Schauplätzen Indien und Nordamerika bis zum Frieden von Aachen 1748 behielt. In seiner globalen Ausrichtung sind die geographischen Entwicklungen der Konfliktzonen des weiteren 18. Jahrhunderts vorgezeichnet.14 In seiner Fokussierung auf Belagerungen als klassisches Phänomen der Kriegsführung orientierte er sich jedoch weiterhin an den Vorgängerkonflikten aus dem 17. zum 18. Jahrhundert.15 11 12 13

14 15

Heinz Duchhardt, Altes Reich und europäische Staatenwelt 1648–1806, München 1990, S. 31. Vgl. Barbara Stollberg-Rilinger, Maria Theresia. Die Kaiserin und ihre Zeit. Eine Biographie, München 2017. Vgl. Großer Generalstab (Hg.), Der Erste Schlesische Krieg (Die Kriege Friedrichs des Großen, T. 1, Bd. 1–Bd. 3), Berlin 1890–1893; Ders. (Hg.), Der Zweite Schlesische Krieg (Die Kriege Friedrichs des Großen, T. 2, Bd. 1–Bd. 3), Berlin 1895; Kriegs-Archiv (Hg.), Kriege unter der Regierung der Kaiserin-Königin Maria Theresia, 9 Bde., Wien 1896–1914; Francis Henry Skrine, Fontenoy and Great Britain’s Share in the War of the Austrian Succession, 1741–1748, London 1906. Vgl. Petersen, Die belagerte Stadt. David G. Chandler, The Art of warfare in the age of Marlborough, London 1976, S. 234. Siehe auch Daniel Hohrath, Der Krieg der Fürsten und die Städte: Belagerungskrieg im 18. Jahrhundert, in: AMG – Das Bulletin 4/5 (2000), S. 21f.; Jürgen Luh, Kriegskunst in Europa, 1650–1800, Köln 2004, S. 99.

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Umfang und Größe, Orte, Dauer sowie die beteiligten Verbände differieren in den hier gewählten Beispielbelagerungen erheblich. Allgemein und in verkürzter Darstellung gilt, dass zwei Parteien zusammengefasst werden können. Auf dem europäischen Kontinent standen ab 1743/1744 Österreicher, Briten und Niederländer, in der Pragmatischen Armee organisiert, den Franzosen hauptsächlich in den Österreichischen Niederlanden (den heutigen Beneluxstaaten) gegenüber. Im außereuropäischen Kontext war der Antagonismus zwischen Briten und Franzosen in Kanada und Indien zentral. In der Nacht zum 16. September 1747 wurde die in den südlichen Niederlanden gelegene Festung Bergen op Zoom von der französischen Armee nach mehr als zweimonatigen Kämpfen in einem Überraschungsangriff erobert. Die Auseinandersetzung zwischen der gut organisierten, zunächst ca. 30.000 Mann umfassenden Armee unter dem französischen Generalleutnant Ulrich von Löwendahl und einer ca. 10.000 britische, niederländische und österreichische Soldaten zählenden und mit deutschen Subsidientruppen verstärkten Garnison stellt die nach europäischen Normen ‚klassischste‘ Belagerung in dieser Auswahl dar. Eine Besonderheit ist der nicht vollständige Einschluss der Stadt, so dass beide Armeen kontinuierlich personell ergänzt und mit Lebensmitteln, Munition und Ausrüstung versorgt werden konnten.16 Die Belagerung Bergen op Zooms kann bezüglich Umfang, Intensität, Schwere der Schäden sowie der umfangreichen medialen Aufarbeitung und Verurteilung der französischen Unverhältnismäßigkeit als ein Referenzereignis des 18. Jahrhunderts gelten.17 16

17

Vgl. Reed Browning, The War of the Austrian Succession, New York 1993, S.  319–323; Matthew Smith Anderson, The War of the Austrian Succession, 1740–1748, London 1995, S.  173f.; Olaf van Nimwegen, ‚Dien fatalen dag‘. Het beleg van Bergen op Zoom in 1747, Bergen op Zoom 1997; ders., De Republiek der Verenigde Nederlanden als grote mogenheid. Buitenlandse politiek en oorlogvoerring in de eerste helft van de achttiende eeuw en in het bijzonder tijdens do Oosterrijkse Successieoorlog (1740–1748), Amsterdam 2002, S. 306–333. Vgl. Hohrath, ‚Von der wunderbahren Würkung der Bomben‘ (wie Anm. 2), S. 309f. Auch verschiedene zeitgenössische Buchtitel weisen darauf hin. Vgl. Anonymus, Memoirs of the Most Christian-Brute. Or the history of the late exploits of certain great K-g. Being A Genuin Narrative of his Cruel, Inhuman Proceedings in all his Attempts agains the Lives and Properties of his Neighbours. Including the most affecting Particulars releating to all the Battles and Sieges, from the Commencement of the present War, to the taking of Bergen-opZoom, London 1747; sowie Anonymus, Bedencken von der Schaedlichkeit der Festungen und dem wider das Natur- und Völcker-Recht lauffenden Gebrauch des Pulvers Bey Gelegenheit der neulich uebergangenen Festung Bergen op Zoom, Frankfurt a. M. 1748. Zwar sind beide Drucke aus propagandistischer Perspektive verfasst, weisen aber dennoch zahlreiche Bezüge zur Bewertung der Ereignisse in Bergen op Zoom durch die Zeitgenossen auf, die zu einer emotionalen Debatte über die Härte und Rechtswidrigkeit im Vorgehen des französischen Befehlshabers führte.

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Die beiden anderen Schauplätze befanden sich hingegen fernab der europäischen Kriegstheater. Das französische Louisbourg, auf dem heute zu Kanada gehörenden Cape Breton gelegen, kontrollierte den Eingang zum Sankt-Lorenz-Strom und somit nach Neufrankreich. Nach den Ideen des Festungsbaumeisters Sébastien Le Prestre de Vauban errichtet, wurde es Mitte Mai 1745 (greg.)18 von einem ca. 4.500 Milizionäre umfassenden neuenglischen Expeditionskorps eingeschlossen. Dieses war ab März aus den Kolonien auf einer eigens zusammengestellten Flotte in Richtung der französischen Hafen- und Festungsstadt transportiert worden. Die ca. 1.500 Angehörigen der französischen Garnison, die etwa zur Hälfte aus regulären Liniensoldaten bestand,19 verteidigten die Festung sechs Wochen lang, ehe sie am 28. Juni (greg.) aufgrund von Nachschubmangel kapitulierten. Die Planung der bis dahin größten militärischen Operation in Nordamerika wurde von William Shirley, dem Gouverneur von Massachusetts, vorangetrieben und politisch instrumentalisiert. Die Durchführung oblag erstmals neuenglischen Autoritäten, wodurch das Unterfangen bereits als Bestandteil eines Autonomisierungsprozesses zu verstehen ist, der mit dem Unabhängigkeitskrieg abgeschlossen wurde.20 Aufwand und Umfang der Belagerung des an der Koromandelküste gelegenen Pondicherrys ist zwischen beiden bereits genannten Ereignissen zu verorten. Von August bis Oktober 1748 wurde das zur Festung ausgebaute Handelskontor von ca. 4.500 britischen Soldaten (einer Mischung aus Freiwilligen, 18 19

20

Auf die parallele Datierung nach gregorianischem (greg.) und julianischem (jul.) Kalender im britisch-französischen Antagonismus sei an dieser Stelle explizit verwiesen. Diese bestanden zu großen Teilen aus in der Schweiz rekrutierten Söldnern und meuterten aufgrund der schlechten Versorgungslage im Herbst/Winter 1744, was seitens der kolonialen Obrigkeiten die Frage nach der Zuverlässigkeit der Truppen aufkommen ließ; vgl. Allan Greer, „Munity at Louisbourg, Dezember 1744“, in: Eric Krause, Carol Corbin (Hg.), Aspects of Louisbourg. Essays on the history of an eighteenth-century French community in North America, Sydney 1995, S. 70–108. Vgl. Robert  E.  Wall, „Louisbourg, 1745“, in: New England Quarterly 37 (1964), S.  64–83; Raymond  F.  Baker, A campaign of amateurs. The siege of Louisbourg, 1745, Ottawa 1995 [1978]; Manfred Mimler, Der Einfluß kolonialer Interessen in Nordamerika auf die Strategie und Diplomatie Großbritanniens während des Österreichischen Erbfolgekrieges 1744–1748. Ein Beitrag zur Identitätsbestimmung des britischen Empire um die Mitte des 18. Jahrhunderts, Hildesheim 1983, bes. S. 48–90; Browning, The War of the Austrian Succession (wie Anm. 16), S. 221–224; Anderson, The War of the Austrian Succession (wie Anm. 16), S.  182–184; George  A.  Rawlyk, Yankees at Louisbourg. The story of the first siege, 1745, Wreck Cove  1999; Hermann Wellenreuther, Ausbildung und Neubildung. Die Geschichte Nordamerikas vom Ausgang des 17. Jahrhunderts bis zum Ausbruch der Amerikanischen Revolution, Münster  2001, S.  224–265; Julian Gwyn, An admiral for America. Sir Peter Warren, Vice Admiral of the Red, 1703–1752, Gainsville 2004, bes. S. 75–99.

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Marineinfanteristen, Matrosen sowie Verbänden der East India Company) unter Admiral Edward Boscawen bedrängt. Verglichen mit den beiden anderen Schauplätzen und der Anzahl der Angreifer verfügte die Garnison mit ca. 3.000 französischen Soldaten und Sepoys – nach europäischem Vorbild ausgebildeten und ausgerüsteten einheimischen Hilfstruppen – über ein verhältnismäßig großes Truppenkontingent. Unter Gouverneur Joseph François Dupleix gelang es den Franzosen, die Festung bis zum Einsetzen des Monsuns erfolgreich zu verteidigen und die Briten zum Abzug zu zwingen. Die Belagerung zählt zu den ersten größeren zwischen Großbritannien und Frankreich auf dem indischen Subkontinent geführten Feindseligkeiten, die sich bis in die Zeit der Napoleonischen Kriege fortsetzten und bis 1763 in zwei weiteren Auseinandersetzungen kulminierten.21 Trotz der in diesen Beispielunternehmen zu erkennenden Unterschiede werden sie stets als Belagerungen beschrieben. Aber was zeichnete sie aus? Welche Grundstrukturen, Handlungen und Akteure waren erforderlich, um dieses Prädikat verliehen zu bekommen? II.

Verwissenschaftlichung und militärische Mimesis

Der öffentliche wie auch der militärinterne Diskurs über die Normierung der Belagerungstechnik um 1700 wurde von wenigen Personen dominiert. Die prominentesten waren der Niederländer Menno van Coehoorn und der bereits erwähnte Franzose Sébastien Le Prestre de Vauban. Beide prägten das Belagerungswesen des ausgehenden 17. sowie des frühen 18. Jahrhunderts maßgeblich und bildeten durch ihre Ideen und Publikationen direkt oder indirekt die Mehrheit der Militäringenieure aus. Ihre Expertise wurde in teils übersetzten Traktaten, Abhandlungen und Denkschriften verbreitet.22 In diesen 21

22

Vgl. (noch immer einschlägig) Henry Herbert Dodwell, Dupleix and Clive. The beginning of Empire, London 1920, S. 3–113; ders., The Cambridge History of India, Bd. 5, Cambridge 1929, S. 117–124. Siehe auch Browning, The War of the Austrian Succession (wie Anm. 16), S. 354; Anderson, The War of the Austrian Succession (wie Anm.  16), S.  185–187; G.  J.  Bryant, „British logistics and the conduct of the Carnatic Wars (1746–1783)“, in: War in History 11,3 (2004), S. 278–306; ders., The emergence of the British power in India, 1600–1784. A grand strategic interpretation, Woodbridge 2013, S. 35–43. Exemplarisch seien hier genannt: Sébastien Le Prestre de Vauban, De l’attaque et de la defense des places, Den Haag 1737–42 (geschrieben zwischen 1697 und 1706), sowie Menno van Coehoorn, Nieuwe Vestingbouw. Op een natte of lage Horisont, welke op driederleye manieren getoont wordt in’t Fortificeren der binnengroote Van de Fransche Royale Ses-Hoek […], Leeuwarden 1695. Im Gegensatz zu Coehoorn wurden viele Traktate Vaubans erst nach dessen Tod im Druck veröffentlicht.

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beschrieben sie die Konstruktion, Belagerung und Verteidigung von Festungen geometrisch-mathematisch abstrahiert und versuchten, diese als berechenbare Technik darzustellen. Diese Annahme galt als entscheidend für eine erfolgreiche Belagerung, auch wenn die ‚Berechenbarkeit‘ als zeitgenössisches Ideal von der Forschung lange in seiner Bedeutung überschätzt wurde.23 Durch die Wirkmächtigkeit des Wissens und der Mobilität der Ingenieure als Wissensträger folgte der Bau von Festungen in den Kolonien europäischen Mustern. Die Bestrebungen verbanden Orte in Europa und den Kolonien zunächst ideell miteinander und ließen anschließend einen Ressourcentransfer folgen.24 Die Pläne für die Sicherung der französischen Besitzungen in Nordamerika machen dies deutlich. Eine von Vauban erdachte Kette aus Festungen sollte die Nouvelle France von Cape Breton im Nordosten bis nach New Orleans im Südwesten gegen die britischen Expansionsbestrebungen abschirmen und die Herrschaftsansprüche Ludwigs XIV. und seiner Nachfolger sichtbar machen. Das Wissen der französischen Militäringenieure wurde dazu gebündelt in die nordamerikanischen Besitzungen transferiert, wo es sich im Bau von Bollwerken manifestierte. So ist auch das erst unter Ludwig XV. errichtete Louisbourg den Anlagen in Kontinentaleuropa nachempfunden, basiert auf normierten Mustern und ist als Ausdruck etablierter militärtechnischer Prozesse zu bewerten, die in den kolonialen Kontext eingepasst wurden. Allerdings unterlag diese Entwicklung gleichfalls Voraussetzungen und Einflüssen der Fremde, die sich exemplarisch im verringerten Maßstab der Anlage erfassen lassen.25 Das Wissen über den Bau und die Belagerung befestigter Plätze konnte von bestimmten Personen entkoppelt, theoretisch-abstrahiert an verschiedene Orte transportiert und dort (re) materialisiert werden:26 „Mehr als andere Akteure können Technologien mit 23

24 25

26

So wollte Vauban seine Berechnungen und Zeitpläne ausschließlich als Leitfaden oder Vergleichsschema verstanden wissen und nicht als Ausdruck absoluter Berechenbarkeit; vgl. Duffy, Fire and stone (wie Anm. 2), S. 11f.; Janis Langins, Conserving the Enlightenment. French military engineering from Vauban to the Revolution, Cambridge 2004, S. 113–118; Ostwald, Like clockwork? (wie Anm. 2), S. 97; ders., Vauban under siege (wie Anm. 2), S. 8–13. Vgl. Werner Gembruch, „Vaubans Projekt zur Erschließung und Besiedlung Kanadas als Beispiel einer ‚colonisation militaire‘“, in: Johannes Kunisch (Hg.), Expansion und Gleichgewicht. Studien zur europäischen Mächtepolitik des ancien régime, Berlin 1986, S. 9–30. Zum Versuch der Befestigung der französischen Kolonien in Nordamerika und der Erschließung des Kontinents als Militärkolonie siehe Gembruch, Vaubans Projekt zur Erschließung und Besiedlung Kanadas (wie Anm.  24); John Robert McNeil, Atlantic empires of France and Spain. Louisbourg and Havana, 1700–1763, Chapel Hill 1985, bes. S. 3–45. Auch Amstrong Starkey benennt das Militär als zentralen Bestandteil kulturellen Austausches und der Umsetzung europäischer Expansionsbestrebungen im 18. Jahrhundert;

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der Fähigkeit ausgestattet sein, eine Welt – ihre Welt – zu konstruieren, ihre konstituierenden Elemente zu definieren und ihnen eine Zeit, einen Raum und eine Geschichte zur Verfügung zu stellen“,27 formuliert Michel Callon und markiert damit das Wissen über Technologien als einen entscheidenden analytischen Zugang zu einem Setting. Durch diese Übertragung von Wissensbeständen und Handlungsmustern aus der Alten in die Neue Welt wird das Belagerungswesen als militärische Mimesis sichtbar. Das Wissen um das ‚Wie‘, das ‚Know-how‘ der Belagerung zeichnet sich somit als Einstiegspunkt in das Setting sowie der darin zu verortenden beginnenden Mobilität ab.28 Es stellte eine Art  Leitfaden für die zunächst imaginierte und anschließend inszenierte „Akteur-Welt“ der Belagerung dar.29 Als Reaktion auf diesen scheinbar erfolgreichen Transfer wurden anschließend auch die europäischen Gegenmaßnahmen als militärische Handlungsmuster auf ihre Kernelemente reduziert und an die neuen Schauplätze verbracht. Anschließend wurden sie dort im unfreiwilligen, jedoch notwendigen Zusammenspiel zwischen Belagerern und Garnison zum Gesamtvollzug ‚Belagerung‘ zusammengefügt. III.

Die Praktiken als Black Boxes

Ebenso wie die befestigten Orte an neuen Schauplätzen konstruiert wurden, transportierten die europäischen Militärs mit den Soldaten und ihren in Europa erlernten Fähigkeiten das Akteur-Netzwerk nach Amerika und Indien. Den eingeübten Praktiken kamen bei ihrer Umsetzung stabilisierende Eigenschaften zu. Ein anonymer Teilnehmer der Belagerung Louisbourgs berichtet: „Die Kanonen und Mörser beider Seiten spielten weiterhin energisch“30, und benennt damit das Schießen als eines dieser zentralen und zugleich unverkennbaren

27 28 29

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vgl. Armstrong Starkey, War in the age of Enlightenment, 1700–1789, Westport 2003, S. 198– 206 und S. 211. Vgl. Callon, Die Soziologie eines Akteur-Netzwerkes (wie Anm. 7), S. 176f. Vgl. Heiko Berger, „Know how!“, in: Bettina Marten, Ulrich Reinisch, Michael Korey (Hg.), Festungsbau. Geometrie – Technologie – Sublimierung, Berlin 2012, S. 159–182. Vgl. Callon, Die Soziologie eines Akteur-Netzwerkes (wie Anm. 7), S. 178f. Zwar bezieht Callon den Begriff Akteur-Welt vornehmlich auf technische Objekte, doch kann er ebenfalls auf die Belagerung angewandt werden. Die Akteur-Welt „legt eine Liste von Entitäten und eine Liste dessen vor, was sie tun, denken, wollen und erfahren.“ In ihr ist eine Entität „genauso wichtig“ (ebd., S. 179) wie die andere. Anonymus, „[Louisbourg Journal, No. 4]“, in: Louis Effingham DeForest (Hg.), Louisbourg Journals 1745, Nachdr. der Aufl. New York 1932, Westminster 2008, S. 67–72, hier S. 71: „The Cannon and Mortars continued to play briskly on both sides“.

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Handlungsmuster. Seine Auffassung wird von einem französischen Augenzeugen desselben Ereignisses bestärkt und ergänzt, der notiert: „Während sie ihr scharfes Schießen von der Royal Battery aufrechterhielten begannen sie eine Mörserplattform zu bauen“31. Die Artillerie, eine Kombination aus Mörsern, Kanonen und Stellungen, nehmen in diesem System eine Position ein, die für beide Seiten relevant war. Durch die Verwendung der Spielemetapher sowie der Attribute „energisch“ (briskly) und „scharf“ (hot) beschreiben die Autoren zunächst die aus ihrer Perspektive hohe Intensität des Geschützfeuers, ohne weitere quantifizierende Angaben zu machen. Darüber hinaus geben sie Einblicke in die Funktionsweise des Frühstadiums der Belagerung. Unter dem Beschuss durch Kanonen und Mörser legten die Belagerer Laufgräben, sogenannte Tranchéen, Ligne d’Approche oder Approchen an und bauten ihre Stellungen aus.32 Die Intensität und Effizienz war dabei proportional zur sich verringernden Distanz zwischen den beiden Parteien. Das Ausheben der Stellungen war somit gefährlich, zeit- und ressourcenaufwendig. Beschossen die Geschütze der Festung die feindlichen Arbeiter, verzögerte sich die Fertigstellung der Annäherungswege und die Angreifer blieben länger im Sichtfeld der Garnison und in Reichweite der Festungsartillerie. Sie selbst konnten ihre Waffen nicht effektiv einsetzen, wodurch sich die Arbeiten weiter verzögerten, die Moral der grabenden Soldaten sank und die Verluste der Belagerer an Verwundeten, Gefallenen oder Desertierten zunahmen.33 Weiterhin diente diese Praktik der Zerstörung der gegnerischen Anlagen, Erdwerke und der Geschütze sowie einzelnen Stellungen zugeordneter Pulvermagazine. Ein anonymer britischer Offizier berichtet aus Bergen op Zoom: „Wir demontieren ihre Batterien genauso schnell wie sie[, die Franzosen, S.P.] sie errichten: Und um ihr Unglück zu vervollkommnen haben unsere exzellenten Ingenieure ihre Pulvermagazine dreimal getroffen“34. Der Offizier benennt mit den Magazinen – bestehend aus Pulver und Munition – weitere Bestandteile des Schießens, wodurch er dessen materielle Komplexität kundig ausführt. Auch 31

32 33 34

Anonymus, Lettre d’un Habitant de Louisbourg (Cape Breton). Containing a narrative by an eye-witnes of the siege in 1745, hg. und übers. von George M. Wrong, Toronto 1897, S. 41: „While they kept up a hot fire upon us from the Royal Battery they established a mortar platform“. Vgl. den Art. „Tranchée“, in: Johann Rudolph Fäsch, Kriegs-, Ingenieur-, Artillerie-, und SeeLexicon […], Dresden 1735, S. 917. Vgl. Duffy, Fire and stone (wie Anm. 2), S. 124–127; James Falkner, Marlborough’s sieges. Foreword by His Grace the Duke of Marlborough, Stroud 2007, S. 14. Anonymus, An Authentick and Accurate Journal of the Siege of Bergen-op-Zoom, […], By an English Officer of Distinction, London 1747, S. 22: „We dismount their Batteries as fast as they raise them […]: But to add to their Misfortunes, our excellent Engineers have set fire to their Powder Magazines three Times“.

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auf die in den belagerten Städten verbliebenen Zivilisten übte der Beschuss eine gewisse Faszination aus und sie notierten „Aussehen, Flugverhalten und Geräusche“35 mitunter akribisch und mit quasi-naturwissenschaftlichem Interesse. Die Darstellungen durch die Kombattanten markieren eine der in den Settings verankerten Black Boxes.36 Wird diese geöffnet, wie es die Soldaten in der Gesamtheit ihrer Berichte tun, wird ein Ensemble aus Menschen, Dingen und immateriellen Bestandteilen erkennbar. Erst in ihrem Zusammenwirken und ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zur Umsetzung der Praktik gelingt es ihnen, ihre Zusammengehörigkeit zueinander zu demonstrieren und unter dem Begriff des Schießens als Einheit gedacht zu werden. Die als Black Box zu verstehende Praktik des Schießens spiegelt das inkorporierte Wissen der beteiligten Soldaten wider, die in ihrem Schreiben die Komplexität der Handlung auf einen einzelnen Begriff zu reduzieren verstehen. Diese Handlung, wie die folgenden Beispiele auf eine ähnliche Art und Weise verdeutlichen werden, kann ausschließlich im Zusammenspiel von Menschen und nichtmenschlichen Entitäten entstehen und existieren, aus denen sich gleichfalls ihre Stabilität und ihre Funktionsweise ableiten lassen.37 Wie im Bau der Stellungen angedeutet, erscheint neben dem Schießen das Graben als weiteres dieser bedeutsamen Handlungsmuster. Ein britischer Freiwilliger aus Bergen op Zoom fasste am 22. Juli 1747 knapp zusammen: „Der Feind fährt energisch darin fort seine Laufgräben [in Richtung der Festungsanlagen] voranzutreiben“38. Seit mehr als einer Woche hatten die Franzosen zu diesem Zeitpunkt ihre Laufgräben bereits vorangetrieben und einen Teil

35 36

37

38

Vgl. Hohrath, ‚Von der wunderbahren Würkung der Bomben‘ (wie Anm. 2), S. 319. Nach Latour verhüllt das sogenannte „Blackboxing“ die gemeinsamen Produktionsprozesse durch Menschen und nichtmenschliche Wesen; vgl. Latour, Die Hoffnung der Pandora (wie Anm.  7), S.  222–226. Siehe auch Michel Callon, Bruno Latour, „Die Demontage des großen Leviathans. Wie Akteure die Makrostruktur der Realität bestimmen und Soziologen ihnen dabei helfen“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 75–101, hier S. 83f. Dabei ist „agency“, also Wirkmächtigkeit, im Sinne der ANT von den Kriterien „intentionality, subjectivity, and free-will“ zu entkoppeln. Latour, Callon und Law verstehen vielmehr dasjenige als „agency“, „that makes or promotes a difference in another entity or in a network“ (Sayes, Actor-network theory and methodology (wie Anm.  7), S. 141). Dieser Definition soll hier gefolgt werden. Siehe auch: Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft (wie Anm. 7), S. 71f. Anonymus, An Authentic Journal Of the Remarkable and Bloody Siege of Bergen-op-Zoom, […]. By an English Volunteer, Dublin 1747, S. 16: „[T]he Enemy spent in vigorously carrying on the Approaches“.

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des Rayons,39 des um die Stadt gezogenen bewuchs- und bebauungsfreien Korridors, überwunden. Unter der ständigen Bedrohung durch den Beschuss seitens der Garnisonsartillerie sowie der steten Möglichkeit von Ausfällen der Einheiten des in niederländischen Diensten stehenden Kommandeurs Isaac Cronströms näherten sich die Franzosen der Stadt von Süden kommend an. Mit einer ähnlichen Gefahrenlage sahen sich ein Jahr darauf die nahe Pondicherry angelandeten britischen Belagerer konfrontiert und auch sie „gruben sich ein“,40 um vor dem Beschuss und Angriffen aus der Stadt geschützt zu sein. Obwohl in beiden Fällen die materiellen Bestandteile der Arbeiten schlecht dokumentiert sind, müssen sie dennoch bei den kurzen, schemenhaften Darstellungen der Soldaten mitgedacht werden. In Form von graphischen Darstellungen treten sie unter  anderem in den verschiedenen Ausgaben von Vaubans Mémoir, pur servir d´instruction dans la conduite des sièges et dans la défense des places41 in Erscheinung. In diesen sind die verschiedenen Werkzeuge, von der Sichel über diverse Beile bis zu unterschiedlichen Schaufeln und Spaten oder Trage- und Schanzvorrichtungen minutiös gelistet.42 Im Normalfall arbeiteten kleine Gruppen von ca. 4 Soldaten zusammen. Sie hoben die Gräben aus, stellten Schanzkörbe auf, befüllten diese und verstärkten die Deckung.43 Das Szenario, das selten ausführlich dokumentiert ist, ist weniger Ausdruck der Unwichtigkeit der Tätigkeit selbst, sondern deutet vielmehr auf eine Inkorporierung von Wissen hin. Sowohl die materiellen Bestandteile der Handlung als auch ihre Funktionsweise waren den Kombattanten geläufig. Zusammen bildeten sie, ähnlich dem Schießen, die Black Box des Grabens. Diese erschien den Ingenieuren, Offizieren und gemeinen Soldaten keiner ausführlichen Auflistung bedürftig. Werkzeuge, Schanzkörbe, Sandsäcke und vieles mehr gehörten zu diesem selten explizit benannten Interieur und sind als Kernelemente des Grabens zu 39 40

41 42 43

Vgl. den Art. „Diameter“, in: Fäsch, Kriegs-, Ingenieur-, Artillerie-, und See-Lexicon (wie Anm. 32), S. 229. Gemeint ist hier das Gebiet zwischen den Außenwerken der Festung und dem weitest entfernt gedachten Punkt der Belagerungswerke der Angreifer. James Miller, The diary of James Miller who travelled, as a ‚Pardoned Rebel‘ soldier to India with Admiral Boscawen in 1748 in one of the 12 Independent Companies, unpag. Eintrag vom 16. August  1748. [URL: http://search.fibis.org/frontis/bin/aps_browse_sources. php?mode=browse_components&id=951&s_id=88 (letzter Aufruf 19.03.2014)]: „threw up an Intrenchment“. Vauban, Mémoir, pur servir d´instruction dans la conduite des sièges et dans la défense des places, Leiden 1740. Vgl. ebd. Vgl. Duffy, Fire and stone (wie Anm. 2), S. 125f.

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identifizieren.44 Das Graben ermöglichte es den Belagerern eine Allianz mit dem Boden einzugehen, wodurch die Beschaffenheit des Untergrundes ebenfalls in die Handlung einbezogen werden musste. Wurden seine Eigenschaften nicht berücksichtigt, konnten sich daraus Probleme ergeben und negativ auf die Moral und die körperliche Verfassung der Militärs sowie den Fortgang der Belagerung auswirken.45 Zentral für die menschlichen Akteure bleibt jedoch, dass sie sich durch diese zusätzliche Verbindung teilweise der Beobachtung aus der Festung entziehen und sich vor dem Beschuss durch die Garnison schützen konnten. Die Angreifer hatten ihrem Setting eine weitere Komponente hinzugefügt, deren Einwerbung sich zwar als ressourcenaufwendig präsentierte,46 die es allerdings besser zu stabilisieren vermochte als die einzelnen Bestandteile vor ihrer Transformation. Erst durch die Materialität des Schießens und des Grabens sowie der Erlernbarkeit dieser Praktiken und ihrer Inkorporierung durch die Soldaten sollten sich im Denken der militärischen Obrigkeit die Belagerer wie auch die Verteidiger immer wieder, unabhängig von spezifischen Orten und Personen, aufs Neue konstituieren lassen. Die von der Idee eines vollendeten Settings – der erfolgreichen Einnahme oder Verteidigung der Festung – ausgehenden Handlungsoptionen ermöglichten daher erst die Entstehung einer Vorstellung von den abstrakten Kollektiven des Verteidigers und des Angreifers. Ausgangs- und Endpunkt stehen einander hier auf vertauschten Positionen gegenüber, da Belagerungen von der Einnahme der Stadt auf der Grundlage des ‚Know how‘ rückwärts in Richtung ihres Beginns der Handlung gedacht wurden, obwohl sich diesem Ziel zeitlich erst angenäherten werden musste. Das Ausheben von Gräben, Errichten von Stellungen und der beständige Beschuss der Festung animierten die Garnisonen zu einer dritten Belagerungspraktik: den Ausfällen. Der bereits erwähnte britische Offizier berichtet aus Bergen op Zoom: „Letzte Nacht gegen 12 Uhr unternahmen sechs Schweizer und ein Offizier einen Ausfall, warfen alle [französischen, S.P.] Sandsäcke herunter 44

45

46

Vgl. Falkner, Marlborough’s Sieges (wie Anm.  33), S.  11; auf die Problematik der in der zeitgenössischen Belagerungs- und Ingenieursliteratur selten oder wenig ausführlich beschriebenen und verwendeten Werkzeuge weist bereits Henning Eichberg hin; vgl. Henning Eichberg, Festung, Zentralmacht und Sozialgeometrie. Kriegsingenieurwesen des 17. Jahrhunderts in den Herzogtümern Bremen und Verden, Köln 1989, S. 37–43. Clyde Edward Wood untersucht die Auswirkung unterschiedlicher Eigenschaften von Boden auf die militärische Logistik und Einsatzbereitschaft am Phänomen ‚Matsch‘; vgl. Clyde Edward Wood, Mud. A military history, Dulles 2006, im Kontext der Belagerung bes. S. 14f., S. 24f., S. 66–68 u. S. 86–89. Im Sinne der ANT könnte an dieser Stelle auch von Kosten gesprochen werden, die zur Fortführung der Assoziationskette notwendig sind. Vgl. Latour, Eine neue Soziologie (wie Anm. 6), S. 229f.

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und setzten ihre Schanzkörbe in Flammen“47. Das Ziel dieser idealerweise in der Nacht unternommenen militärischen Aktion48 waren die Laufgräben und Parallelen der französischen Armee. Die kleine Gruppe der Schweizer Söldner49 attackierte die Arbeiten der Franzosen, wodurch dem britischen Beobachter die materielle Zuordnung und Priorisierung erleichtert wird. Mit Sandsäcken und Schanzkörben verweist er auf die bereits beschriebene Materialität des Grabens und benennt sie als prädestinierte Ziele, die bei Ausfällen zu erbeuten oder zu verbrennen waren.50 Im Versuch, die Gräben zu verfüllen, wird das Verständnis der Belagerten um die Bedeutung der Allianz zwischen den Angreifern und dem Boden bewusst. Die Ausfälle werden schließlich als Option zur Schwächung des opponierenden Settings erkennbar. Beide Parteien versuchten Erde, Sand, Lehm oder den sonstigen Untergrund als Verbündeten zu umwerben und den gegnerischen Anspruch durch die Anwendung von Gewalt zurückzudrängen. Das Ziel solcher Operationen musste allerdings nicht immer auf der Verfüllung von Gräben und Stellungen liegen. Bei Louisbourg griffen die Franzosen eine kurz zuvor durch die Neuengländer eroberte Geschützbatterie an, „um die Kanonen zu vernageln und die Baracken zu verbrennen“51. Anders als im Fall der Garnison Bergen op Zooms lag der Fokus der Eingeschlossenen somit nicht auf den Erdwerken, sondern dezidiert auf den eroberten Kanonen. Die Materialität des Schießens und das von ihr ausgehende Drohpotential werden somit als zusätzliche Motivationsmomente für die Belagerten erkennbar, die in den Ausfällen kulminierten. Primär ging es den Franzosen im genannten Fall darum, die verlorengegangene Artillerie unbrauchbar zu machen. Um die Expedition Shirleys nicht auf Kosten der Verteidiger zu stärken, sollte dies über eine nach Möglichkeit irreversible Beschädigung der Zündvorrichtung erfolgen. Durch die beschriebene Aktion sollte das Ungleichgewicht der 47 48 49

50 51

Anonymus, An Authentick and Accurate Journal of the Siege of Bergen-op-Zoom (wie Anm. 34), S. 58: „Last Night about 12, six Swiss and an Officer made a Sally, threw down all the Enemy’s Earth Sacks, and set their Gabions on fire“. Vgl. Duffy, Fire and stone (wie Anm. 2), S. 97f. und S. 127f.; ders., The military experience in the Age of Reason, London 1987, S. 291. Die Schweiz diente während der Frühen Neuzeit als einer der größten Söldnermärkte und als ein umfassendes Rekrutierungsgebiet für zahlreiche europäische Mächte. So standen während des Österreichischen Erbfolgekrieges aus der Schweiz stammende Soldaten und Offiziere im Dienste zahlreicher Armeen in Europa und den Kolonien; vgl. Marc Höchner, Selbstzeugnisse von Schweizer Söldneroffizieren im 18. Jahrhundert, Göttingen 2015, und Anm. 19. Vgl. Duffy, Fire and stone (wie Anm. 2), S. 127. Anonymus, [Louisbourg Journal, No. 4] (wie Anm. 30), S. 69: „to have entirely spoilt the Cannons […] [and] burnt the Barracks“.

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Kräfte wieder zugunsten der Garnison verschoben werden. Dies wird umso evidenter, wenn bedacht wird, dass die angesprochene Artillerie noch wenige Tage vor dem Eintrag des Unbekannten ein fester Bestandteil der Hafenverteidigung gewesen war, die durch den französischen Kommandeur, im zeitgenössischen Verständnis, ‚voreilig‘ geräumt worden war.52 Der gewagte, wenn auch misslungene Versuch, die Batterie kurzzeitig zurückzuerobern und die Geschütze zu vernageln, entsprach daher einer militärischen Logik, die sich aus strategischen Überlegungen, dem Wert der Dinge, aber auch aus den Ehrvorstellungen des Offizierskorps speiste.53 Er ist darüber hinaus im Sinne der ANT als Versuch der Verknappung oder der Aktivierung von Ressourcen zum Ausbau respektive zur Verminderung verschiedener Settings zu bewerten.54 Die Besatzung Pondicherrys fokussierte ihre Aufmerksamkeit ebenfalls nicht auf die Gräben und Stellungen oder die Zerstörung der Artillerie der Angreifer. Im Gegensatz zu den in Louisbourg stationierten Einheiten lag ihr Interesse bei Ausfällen auf einem weiteren Aspekt. Die Franzosen, so berichtet James Miller, „vertrieben unsere Träger vom Nachschub und erbeuteten unsere Kanonen und Munition“55. Der Überfall regulärer Soldaten und Sepoys diente der Eroberung der von den Schiffen entladenen Versorgungsgüter. Nachschub, Geschütze und Munition fielen den Verteidigern der Stadt in die Hände, die kurzzeitig ihre Rolle gewechselt hatten und zu Angreifern geworden waren. Die hinter der Aktion stehenden Überlegungen bezogen sich weniger auf die materielle Verstärkung der Stadt. Vielmehr lag es im Interesse von Gouverneur Joseph François Dupleix, die ohnehin schwierige Versorgungslage der Belagerer durch Angriffe dieser Art auf die britischen Nachschubwege zu überdehnen und Boscawen zum Abbruch des Unternehmens zu nötigen.56

52 53 54

55 56

Vgl. Rawlyk, Yankees at Louisbourg (wie Anm. 20), S. 89–98. Zu Ehrvorstellungen des Adels allgemein siehe Carmen Winkel, Im Netz des Königs. Netzwerke und Patronage in der preußischen Armee, 1713–1786, Paderborn 2013. Dies wird in der ANT durch „Enrolment“ beschrieben: „Enrolment ist ein Transformationsprozess, der alle im Netzwerk betrifft“. Er beschreibt die Rekrutierung durch andere Akteure, die „im Interesse des übersetzenden Akteurs“ handeln und setzt ein reziprokes Verhalten der Entitäten voraus, das allen neue Rollen im Setting zuschreibt (Belliger, Krieger, Einführung (wie Anm. 5), S. 41). In diesem Kontext ist es als Negativenrolment zu verstehen. Zur Bedeutung der „zirkulierenden Referenzen“ in diesem Kontext siehe ebd., S. 24–26. Vgl. auch Bruno Latour, „Technology is society made durable“, in: John Law (Hg.), A sociology of monsters. Essays on power, technology and domination, London 1991, S. 103–131. Miller, Diary of James Miller (wie Anm. 40), unpag. Eintrag vom 22. Oktober 1748: „drove our culys from the Store and took our Guns and ammunition“. Vgl. Falkner, Marlborough’s Sieges (wie Anm. 33), S. 16f.

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Um die verlorenen Orte wieder in ihr Setting einzubinden, den eigenen Raum zu erweitern oder die Belagerer zu schwächen, griffen die Eingeschlossenen gezielt gegnerische Positionen an. Sie versuchten irreversible Schäden an den Verschanzungen anzurichten oder die Ressourcen des Gegners zu erbeuten. Gleichzeitig werden durch die erneut zu erbringenden Arbeitsleistungen und verbrauchten Güter die Kosten festgelegt, die zusammen für die Eroberung der Festung notwendig waren. Andererseits gingen die Belagerten ein bewusstes Risiko der Verkleinerung ihres eigenen Settings ein, indem die militärische Obrigkeit die Soldaten der Garnisonen den Gefahren der Ausfälle aussetzte. Die ANT-geleitete Untersuchung ermöglicht detaillierte Einblicke in die beschriebenen Praktiken der Belagerungen des mittleren 18. Jahrhunderts. Es wurde offenbar, dass die Belagerungen auf einer Vielzahl von Black Boxes aufgebaut waren, die den Settings zu ihrer Stabilität verhalfen. Das Wissen um ihre nichtmenschlichen Bestandteile war den Soldaten bewusst, wodurch ihnen eine Komplexitätsreduktion in ihren Beschreibungen gelang. Zur Benennung einzelner Praktiken nutzten sie nur noch einen ‚Namen‘ für die jeweilige Black Box, was die Bekanntheit ihrer Funktionsweisen und ihrer einzelnen Bestandteile voraussetzte. Die ANT ermöglicht in diesem Zusammenhang die Rekonstruktion der einzelnen Ereignisse und Elemente sowie eine analytische ‚Aufbrechung‘ der Praxis als Vollzugsgesamtheit. Zusammen zeigen diese die Verschränkung der verschiedenen Handlungsmuster und das zur Ausbildung der Belagerung notwendige Zusammenspiel auf. IV.

Verausgabung und Stabilität – die Regulierung des Settings

Schießen, Graben und Ausfälle benennen die auf dem Erfahrungsschatz der Militärs gründenden als ausschlaggebend und gleichzeitig für einen Erfolg ausreichend postulierten Praktiken. An beliebige befestigte Orte verbracht sollte so die Belagerung mimetisch und global erfolgreich nachstellbar werden. Eine explizite Reduktion der historiographischen Betrachtung auf diese drei Praktiken wäre allerdings eine unkritische Übernahme der Perspektive Vaubans und Coehoorns auf das Phänomen der Belagerung.57 Besonders der Zweck der Ausfälle deutet einen erweiternden Bestandteil an. Dieser verbindet alle anderen Handlungsmuster miteinander, ohne dominant zu wirken, sodass 57

Vaubans Annahmen und Postulate werden durch Historiker häufig als der Realität sehr nahekommend betrachtet und seine Überlegungen als „stereotyped siege attack“ (Ostwald, Like Clockwork? (wie Anm. 2), S. 88) akzeptiert, ohne sie einem Test zu unterziehen. Jamel Ostwald plädiert daher dafür, die Traktate verstärkt als Leitfäden oder theoretische Konstrukte zu betrachten, um den gelebten Belagerungsalltag erfassen zu können.

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er durch die übrigen, besser inszenierbaren Praktiken scheinbar überlagert wird: die Versorgung – zu verstehen als Zuführung von Entitäten zur Ausdehnung und Erhaltung des Settings. Nach der Kaperung des französischen Linienschiffes Vigilant berichtet beispielsweise Dudley Bradstreet: „Das am 21. gekaperte Kriegsschiff hatte für vier Monate Nachschub, 300 Soldaten und 1000 Fass Schießpulver zur Versorgung Louisbourgs an Bord“58. Es war mit dringend benötigtem Nachschub für die Festung beladen und beförderte neben Pulver, Proviant und Mannschaften auch Artillerie, laufendes sowie stehendes Gut für einen in der Nouvelle France auf Stapel liegenden Neubau der französischen Kriegsmarine. Der Verlust wurde durch einen anonymen Einwohner der Stadt als mehrfache Katastrophe bewertet, denn „sein einziger Zweck bestand darin unsere unglückliche Stadt zu versorgen, die niemals hätte erobert werden können, wenn uns eine solche Hilfe erreicht hätte“59. Gleichzeitig, so der Autor weiter, „begann den Engländern die Munition auszugehen und sie benötigten viel dringender Pulver als wir“60. Dass diese Einschätzung des Franzosen zutreffend war, belegen zahlreiche Berichte aus dem Lager der Neuengländer. Mitte Mai 1745 notiert Joseph Sherburne in sein Journal: „Um 12 Uhr wurde, wegen Mangel an Schießpulver, befohlen das Feuer einzustellen“61, und vermerkt wenige Tage später mit „Little Powder“62 erneut die Versorgungslage der Expedition. Bis zum Ende der Belagerung im Juni verschärfte sich die diesbezüglich prekäre Lage der Neuengländer ungeachtet der Überführung von Beständen der britischen Linienschiffe zusehends. Ein anonymer Soldat berichtet: „Das Pulver wird knapp, das Feuer ist seit einigen Tagen stark eingeschränkt“63. Die Eroberung des Schiffes war für die Belagerer ebenso nützlich wie 58

59

60 61 62 63

Dudley Bradstreet, Diary kept by Lieut. Dudley Bradstreet of Groton Mann. During the siege of Louisbourg, April 1745–Januar 1746, Cambridge 1897, S. 15. Siehe auch Rawlyk, Yankees at Louisbourg (wie Anm. 20), S. 112–131: „The man of war Taken ye 21 instant had 4 months Provision for ye Citty of Louisburg 300 Souldiers [and] 1000 Barrels of Powdr“. Anonym, Lettre d’un Habitant de Louisbourg (wie Anm. 31), S. 48: „his one business was to revitual our wretched town, which would never have been taken could we have received so great help“. Die Verstärkungsmethode und Anzahl der Soldaten orientierten sich an den von Vauban verfassten Manifesten; vgl. Gembruch, Vaubans Projekt zur Erschließung und Besiedlung Kanadas (wie Anm. 24), S. 21–27. Anonym, Lettre d’un Habitant de Louisbourg (wie Anm. 31), S. 48: „[The English] were beginning to be short of ammunition, and were in greater need of powder than we were“. Joseph Sherburne, „Journal of Captain Joseph Sherburne“, in: DeForest (Hg.), Louisbourg Journals 1745 (wie Anm. 30), S. 55–60, hier S. 57: „At 12 oClock was forsed to Sease our foire for want of Powder“. Ebd., S. 58. Anonymus, „[Louisbourg Journal, No.  8]“, in: DeForest (Hg.), Louisbourg Journals 1745 (wie Anm. 30), S. 109–120, hier S. 119: „Powder growing short, the fire had for some days been very much slackened“.

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schädlich für die Eingeschlossenen und war daher ein doppelter Gewinn. Aus historischer Perspektive verdeutlicht die Kaperung die Relevanz der Versorgung als zentrales Element, das den Fortgang der Belagerung maßgeblich beeinflusste.64 Nur solange dem Setting beständig Ressourcen bereitgestellt wurden, konnte es seine Stabilität wahren oder seine Ausdehnung vergrößern.65 Wenn Latour schreibt: „Wenn man möchte, dass sich der Token weiterbewegt, muss man fortlaufend frische Energiequellen finden“66, zeigen dies die untersuchten Beispiele mehr als deutlich. Ohne die stete Bereitstellung von Nachschub an Schießpulver, Munition oder Menschen fällt das Setting in sich zusammen. Die Reduktion (Louisbourg) und die Addition (Bergen op Zoom) von Ressourcen stellten entscheidende Handlungsmöglichkeiten dar. Erstere wirkte durch Provokation einer Überdehnung, letztere durch ein Überwuchern des gegnerischen Settings, wobei keine der Optionen eindeutig als europäischer oder kolonialer Faktor beschrieben werden kann. Das Beispiel Pondicherry zeigt darüber hinaus, dass beide Möglichkeiten nicht ausschließlich der eingeschlossenen oder der einschließenden Partei zugeordnet werden können. In Pondicherry gelang es den Verteidigern, durch die in der Festung vorhandenen Ressourcen, der Belagerung standzuhalten und, wollten ihre Opponenten die Stadt erobern, zum Verbrauch ihres Nachschubs zu zwingen.67 Der Vorrat der Briten neigte sich dabei schneller zu Neige als die französischen Bestände, sodass eine Verausgabung sichtbar wird. Diese wurde durch die französischen Ausfälle und Beutezüge beschleunigt, was die Belagerer dazu nötigte, das Unternehmen erfolglos abzubrechen und sich zurückzuziehen. Belagerungen können somit als Assoziationskette verstanden werden, deren Stabilität sich aus dem ergibt, was Latour als Übersetzungen bezeichnet.68 Gelingt es einer Partei dabei, die Gegenseite zur Verausgabung ihres Ressourcenpools zu zwingen, oder deren Setting gar zu überwuchern, kollabiert das gegnerische Akteur-Netzwerk.

64 65 66 67 68

Vgl. Langins, Conserving the Enlightenment (wie Anm. 23), S. 128–130. Vgl. Belliger, Krieger, Einführung (wie Anm. 7), S. 24–26. Bruno Latour, „Die Macht der Assoziation“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 195–212, hier S. 199. Zu den schlechten und improvisierten Nachschubwegen der britischen Expedition von 1748 und ihren Auswirkungen siehe Bryant, British logistics (wie Anm. 21), S. 281–288, bes. S. 281f. Vgl. Bruno Latour, Die Macht der Assoziation, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 195-212, bes. S. 198f.

Belagerungen als globalisiertes Setting im 18. Jahrhundert

V.

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Fazit

Wie die Beispiele gezeigt haben, gingen die Militärs des mittleren 18. Jahrhunderts davon aus, das Setting der Belagerung durch die Entkoppelung von spezifischen Personen und Dingen, zeit- und standortunabhängig ‚versammeln‘ zu können. Daraus abgeleitet wurden in den Kolonien Festungen errichtet und versucht Belagerungen nach europäischen Mustern nachzuahmen. Die Praktiken des Schießens, Grabens und der Ausfälle markieren mit Soldaten, Artillerie, Schießpulver, Munition, Schanzwerkzeugen, Messinstrumenten, Terrain usw. nicht nur die Materialität der Belagerung, sondern formen auch die dazu vorausgesetzten abstrakten Ensemble des Belagerers und der Garnison aus, die standortunabhängig zusammentreten und funktionieren sollten.69 Endet die unkritische historiographische Betrachtung der Belagerungen in der Regel mit der Darstellung und Verknüpfung ihrer Praktiken, die zudem der Perspektive der Militäringenieure des 18. Jahrhunderts ähnelt und dem Ideal folgend im Sieg der Belagerer kulminiert, eröffnet die ANT einen weiteren Weg. Ein Scheitern der Handlung ist nicht mehr ausschließlich durch Phänomene wie Witterung oder Topographie sowie Reibungen innerhalb einer Partei und ein Gelingen einzig durch den Faktor Mensch legitimier- oder erklärbar.70 Mit einer Untersuchung des Phänomens Belagerung unter Berücksichtigung der Methodik der ANT sind weiterreichende Rückschlüsse und Einsichten verbunden. Mit dem sich daraus ableitenden Fragekatalog können zentrale Elemente der Settings (Zwischenglieder, Mittler und Sprecher) herausgearbeitet, die Komposition von Black Boxes, hier als Praktiken vorgestellt, hinterfragt und die für den Erfolg notwendigen Entitäten erfasst werden.71 Belagerungen werden darüber als eine Auseinandersetzung um eine bestimmte Deutungshoheit über ein Setting analysierbar, die unterschiedlichen Ausprägungen und Steuerungsversuchen unterlagen. Im kontinentaleuropäischen Beispiel sollte idealtypisch mit einem enormen Ressourcenaufwand eine Ausdehnung, ein permanentes Wachsen des Settings der Angreifer zur Überwältigung des Gegnerischen betrieben werden. Für den kolonialen Kontext ist hingegen eine gezielte Schwächung des opponierenden Settings – der Garnison – durch eine Ressourcenverknappung zu attestieren. Die Entitäten sollten verbraucht werden und dem Setting nicht länger zur Verfügung stehen, um es anschließend kollabieren zu lassen, wie die Folgen der Kaperung der Vigilant exemplarisch verdeutlichen. Zusammengefasst stand 69 70 71

Vgl. Hohrath, ‚Von der wunderbahren Würkung der Bomben‘ (wie Anm. 2), S. 307f. Vgl. Ostwald, Like clockwork? (wie Anm. 2). Vgl. Callon, Latour, Die Demontage des großen Leviathans (wie Anm. 36), S. 83f.

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eine Ausdehnung bei stetem Zustrom von Ressourcen einer zum Kollaps führenden Überdehnung bei Mangel gegenüber. Bei Belagerungen handelt es sich somit um zwei rivalisierende Settings: die Garnison einerseits und die Belagerer andererseits. Erst am Ende wurden beide Sichtweisen, unter Deutungshoheit der Sieger, zu einer Gesamtschau zusammengeführt. Es zeigt sich zudem, dass das Phänomen der Belagerung mimetisch gedacht wurde. Europäische Handlungsmuster und Vorstellungen wurden in die Kolonien exportiert und in Festungen materialisiert. Der daraus abgeleitete Wunsch der Ingenieure, Militärs und sonstigen politischen Akteure von der Globalität standardisierter Belagerungen entsprach allerdings nicht der Realität. Die Verläufe, Ausprägungen und Ausgänge der jeweiligen Ereignisse waren spezifisch und an standortabhängige Faktoren gekoppelt. Die Erfolge der Belagerer in Louisbourg und Bergen op Zoom sowie ihr Scheitern in Pondicherry werden dadurch nicht länger auf nationale militärische Charakteristika reduziert. Vielmehr können den Settings jeweilige Eigenarten zugesprochen werden, die ein Scheitern oder ein Gelingen vom zentral gedachten Wissen und den exportierten Praktiken lösten. Frühneuzeitliche Belagerungen mithilfe der ANT zu betrachten hilft somit die Makroebene, das Wissen um das ‚Wie‘, und die Mikroebene, die lokalen Ausprägungen, besser miteinander zu verschränken. Dadurch werden ein Bewusstsein der Bedeutung militärischer Handlungskonzepte als Faktoren globalen Agierens geschärft und Kräfte, Entitäten und Prozesse innerhalb der Belagerung sichtbar gemacht, die durch die Inszenierung der Praktiken überlagert wurden.

6. Die Materialität des Verlusts. Verlorene Dinge in den Kleinanzeigen der Berlinischen Nachrichten (1764–1769) Stefan Droste Im Juli 1766 ging in Berlin eine Taschenuhr verloren. Ein alltägliches Ereignis – weder war die Uhr von außergewöhnlichem Wert, noch sollten sie oder ihr Besitzer irgendeine tragende Rolle in der Geschichte spielen. Und doch blieb der Vorfall nicht gänzlich ohne Folgen. Denn einige Tage später erschien ein Inserat in den Berlinischen Nachrichten von Staats- und Gelehrten Sachen. Darin hieß es: Es ist den 13ten diesen [Monats, S.D.] des Mittags zwischen 11 und 12 Uhr, auf dem Wege von Weidendamm über die Spree bis an das Zeughaus, eine ganz neue 3 gehäusige silberne Uhr, auf welcher der Name Wilckham London stehet, mit einem schwarzen Futteral verlohren worden; wer selbige gefunden oder Nachricht davon geben kann, wird dienstlich ersucht es dem Unterofficier Lusch, im weissen Schwan auf dem Weidendamm gegen einen raisonablen Recompens zu melden.1

Diese Kleinanzeige steht in Inhalt wie Struktur exemplarisch für viele weitere sehr ähnliche Gesuche, die sich ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in vielen deutschsprachigen Zeitungen finden lassen.2 Sie stellen besondere 1 Berlinische Nachrichten von Staats- und Gelehrten Sachen (=Berlinische Nachrichten) 84, 15. Juli 1766, S. 336. 2 Als Quellengrundlage der folgenden Untersuchung wurde ein Korpus von 940 Ausgaben der Berlinischen Nachrichten aus dem Zeitraum von 1764 bis 1769 ausgewählt. Aus diesen wurden jene Kleinanzeigen berücksichtigt, in denen ein verlorenes Objekt oder auch entlaufenes Tier gesucht wird. Durch die Eingrenzung des Untersuchungszeitraums werden bewusst potenziell verzerrende Großereignisse wie der Siebenjährige Krieg (1756–1763) und die Hungerkrise in Preußen (1770–1773) ausgeklammert. Die frühe zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts bietet sich darüber hinaus vor allem deswegen an, da sich während dieses Zeitraums die Verankerung des Mediums der Zeitung in der alltäglichen Lebenswelt vollzog; vgl. Daniel Bellingradt, Flugpublizistik und Öffentlichkeit um 1700. Dynamiken, Akteure und Strukturen im urbanen Raum des Alten Reiches, Stuttgart 2011, S. 31; Caren auf dem Keller, Textual structures in eighteenth-century newspaper advertising. A corpus-based study of medical advertisements and book advertisements, Aachen 2004, S.  17f.; Peter Burke, Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft, Berlin 2001, S.  196f.; Walther Georg Oschilewski, Zeitungen in Berlin. Im Spiegel der Jahrhunderte, Berlin 1975, S.  37–43; Ernst Consentius, Die Berliner Zeitungen bis zur Regierung Friedrichs des Grossen, Berlin 1904, S. 113.

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Zeugnisse materieller Kulturen dar, werfen sie doch ein Schlaglicht auf den zeitgenössischen Umgang mit Dingen und ihrer Bedeutung. Im Sinne dieses kulturwissenschaftlichen Forschungsansatzes ist eine Thematisierung von Materialität nicht auf die Analyse tatsächlich erhaltener Dingzeugnisse beschränkt. Vielmehr wird nach der kulturellen und sozialen Signifikanz von Objekten gefragt, den Eigenheiten und Dynamiken einer Beziehung zwischen den Dingen und den Menschen, die sie besitzen, nutzen oder herstellen. Wie in dem vorliegenden Fall können daher sogar historische, verloren gegangene Objekte anhand der um sie entstandenen Textquellen zum Gegenstand der Analyse gemacht werden.3 Kleinanzeigen unterstützen dieses Vorhaben durch ihren begrenzten Umfang. Die durch den materiellen Rahmen des Zeitungsmediums erzwungenen Limitationen erzeugten eine bis auf den wesentlichen Kern reduzierte Schriftsprache, wodurch ein notwendiger Zwischenschritt der historischen Untersuchung bereits von den Akteuren selbst erledigt wurde: die Auswahl der im Kontext bedeutsamen Passagen, die zur Analyse geeignet erscheinen. Bedingt durch die Selbstbeschränkung des Mediums ist in einer Kleinanzeige, vereinfacht gesagt, alles wichtig! Dennoch werden Inserate verlorener Gegenstände in der Kulturgeschichte bisher kaum als eigenständige Quellen in den Blick genommen.4 Der Grund hierfür liegt auch in der besonderen Herausforderung der Quellengattung: Aufgrund der für sie charakteristischen Kürze mangelt es den Kleinanzeigen an weiterführenden persönlichen Informationen. Es lässt sich nicht einmal klären, ob die Anzeige überhaupt Erfolg hatte. 3 Zur Einführung in das Thema materieller Kultur, besonders in der Frühneuzeitforschung: Hans Peter Hahn, Manfred K.H. Eggert, Stefanie Samida, „Einleitung: Materielle Kultur in den Kultur- und Sozialwissenschaften“, in: dies. (Hg.), Handbuch Materielle Kultur. Bedeutungen, Konzepte, Disziplinen, Stuttgart 2014, S. 1–12; Annette C. Cremer, „Zum Stand der Materiellen Kulturforschung in Deutschland“, in: Annette C. Cremer, Martin Mulsow (Hg.), Objekte als Quellen der historischen Kulturwissenschaften, Köln 2017, S. 9–22: Julia Anette Schmidt-Funke (Hg.), Materielle Kultur und Konsum in der Frühen Neuzeit, Köln 2017; Catherine Richardson, Tara Hamling, David Gaimster (Hg.), The Routledge handbook of material culture in early modern Europe, London 2017; Kim Siebenhüner, „Things that matter. Zur Geschichte der materiellen Kultur in der Frühneuzeitforschung“, in: Zeitschrift für Historische Forschung 42 (2015), S. 373–409. 4 Einzig als Werbeträger – und hier vor allem mit Blick auf medizinische Offerten – sind Kleinanzeigen in der neueren Forschung bisher thematisiert worden; vgl. Thomas Badke, Der Berliner Gesundheitsmarkt des 18. Jahrhunderts im Spiegel der Presse. Eine Befundanalyse von Zeitungsofferten aus der Haude- und Spenerschen und Vossischen Zeitung von 1740 bis 1782, Rostock 2005; auf dem Keller, Structures (wie Anm.  2); Sylvia Bendel, Werbeanzeigen von 1622–1798. Entstehung und Entwicklung einer Textsorte, Tübingen 1998.

Die Materialität des Verlusts

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Die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) kann hier das entscheidende methodische Werkzeug sein, um Quellen wie diese dennoch zugänglich und in diesem Zuge auch eine ansonsten kaum fassbare Form materieller Kultur sichtbar zu machen: die ‚Materialität des Verlusts‘. Im Folgenden wird anhand von ausgewählten Suchannoncen aus den Berlinerischen Nachrichten der 1760er Jahre zunächst die eben nur scheinbar offenkundige Materialität des verlorenen Objekts problematisiert (I.), um im Anschluss einen ANT-geleiteten Ansatz zu entwickeln (II.). Dazu wird der Materialität die zusätzliche Kategorie des Raums zur Seite gestellt (II.1.), ehe vor diesem Hintergrund der in den Kleinanzeigen nachzuvollziehende Prozess der Netzwerkbildung analysiert wird (II.2.). Schließlich wird die Bedeutung des Mediums der Zeitung als Knotenpunkt solcher Akteur-Netzwerke beleuchtet (III.). Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, inwiefern abwesende – etwa verlorene – Dinge eine genuine Materialität besitzen, wie diese entsteht und wie mit ihr interagiert wird. I.

Materialität

Zuerst scheint die Frage nach dem Thema der Materialität in Annoncen gesuchter Dinge trivial zu sein, ist sie doch der zentrale Inhalt der Anzeige. Der Verfasser der Zeilen gab sich schließlich große Mühe, die konkrete physische Beschaffenheit des verlorenen Objekts zu beschreiben. Und darin war er keineswegs allein, sondern folgte den gängigen Gepflogenheiten der Suchanzeige. So etwa eine andere Annonce: Es ist […] ein emaille Kreuz mit einer goldenen Krone und Orange Mohrband welches mit Silber eingefaßt, auf der einen Seite stehet der heil. Mauritius gemahlt und auf der andern Seite der Preuß. Adler, verloren gegangen.5

Es ist auffällig, wie die Details des Gegenstands hervorgehoben wurden, obwohl aus rein praktischer Sicht eine kürzere Formulierung sicher auch genügt hätte. Denn es ist unwahrscheinlich, dass „am 28ten Junii nehmlich am Mittwoch früh, in der Wilhelmsstrasse, ohnweit der Kochstrasse“6 tatsächlich größere Mengen von verschiedenen Kreuzen verloren gingen. Dieser Stil, so ‚fotorealistisch‘ er auch scheinen mag, enthält daher ebenso viele Selektionen, Ausblendungen und Hervorhebungen wie jede andere Form der Darstellung 5 Berlinische Nachrichten 80, 6. Juli 1769, S. 367. 6 Ebd.

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und orientiert sich nicht an reinen Sachzwängen, sondern vielmehr an der persönlichen Verbindung des Dings zu seinem Besitzer, beziehungsweise seiner Umwelt. Die Rekonstruktion des Objekts erfolgt schließlich auf Grundlage seiner erinnerten Form, die von Sinnzuschreibungen geprägt ist. Die Frage nach dieser ‚Schnittstelle‘ von Ideellem und Materiellem führt auch zu der weitergehenden Frage: Wann und wie wird ein Objekt persönlich,7 oder grundlegender formuliert: Was sind die Elemente des Materiellen, die mit Beziehungen und Bedeutungen verknüpft sind?8 Der erste Aspekt ist – recht naheliegend – der des verwendeten Materials. Die gleiche Art von Gegenständen kann aus ganz unterschiedlichen Grundmaterialien hergestellt sein, was in den Kleinanzeigen entsprechend reflektiert wird. Besonders hervor treten dabei Edelmetalle wie Gold und Silber. So gingen etwa, um einige weitere Beispiele herauszugreifen, eine „goldene Dose“9, ein „silberner Degen“10 oder auch ein „spanisches Rohr mit einem goldnen Knof“11 verloren. Besonders im Fall von Schmuckstücken traten außerdem verschiedener Edelsteine als weitere Elemente hinzu, die unter Umständen bereits als eigenes Grundmaterial für sich stehen konnten. Hierfür zu nennen wäre etwa ein „Brilliantener Ring“12, „eine Braselette von ächten Bömschen Granaten“13 oder ein anderer Ring, als dessen Hauptmerkmal „ein kleiner grüner Stein mit Diamanten carmosiert“14 namhaft gemacht wurde. Aber auch andere kostbare Werkstoffe wurden von den Annoncierenden explizit erwähnt: der „Fächer […] von Elfenbein“15, „ein Spanisches Rohr mit

7

8

9 10 11 12 13 14 15

„[W]hen and in what ways does an object become personal?“ (Catherine Richardson, „‚A very fit hat‘. Personal objects and early modern affection“, in: Tara Hamling, dies. (Hg.), Everyday objects. Medieval and early modern material culture and its meanings, Farnham 2010, S. 289–298, hier S. 289). Barbara Stollberg-Rilinger sieht in der Fähigkeit materieller Güter, für persönliche Bedeutungen stehen zu können, die Grundvoraussetzung für die „moralische Ökonomie“, in der immaterielle Austauschprozesse jenseits des begrenzten Einsatzgebiets von beispielsweise Bargeld denkbar werden. Vgl. Barbara Stollberg-Rilinger, „Zur moralischen Ökonomie des Schenkens bei Hof. 17.–18. Jahrhundert“, in: Werner Paravicini (Hg.), Luxus und Integration. Materielle Hofkultur Westeuropas vom 12. bis zum 18. Jahrhundert, München 2010, S. 187–202, hier S. 188f. In der Frühen Neuzeit nahmen an den europäischen Höfen besonders Ringe und Tabatieren diese Position der Gaben ein, vgl. ebd., S. 201. Berlinische Nachrichten 76, 26. Juni 1764, S. 318. Berlinische Nachrichten 32, 14. März 1765, S. 131. Berlinische Nachrichten 139, 21. November 1769, S. 651. Berlinische Nachrichten 1, 3. Januar 1764, S. 4. Berlinische Nachrichten 7, 16. Januar 1766, S. 28. Berlinische Nachrichten 23, 23. Februar 1764, S. 92. Berlinische Nachrichten 54, 4. Mai 1765, S. 219.

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einer perlemutternen Krücke“16 oder eine „lacquirte Dose von Papier machee, mit Schildkröte gefuttert“17. Wertvolle Materialien waren demnach, ganz im Wortsinn, eine Quelle, aus der die Dinge ihre Charakteristik und so ihren sozialen Wert bezogen.18 Diese Betonung des kostspieligen Materials der Gegenstände muss hier zunächst merkwürdig erscheinen. Immerhin hat Jan de Vries für die Ära ab 1650 postuliert, dass durch die neue Form der Dingbewertung nach Gesichtspunkten der Mode – „fashion“ statt „utility“19 –, die im Zuge der frühen Konsumgesellschaft aufkam, nicht mehr der reine Materialwert im Vordergrund stand, sondern der äußere Wert einer geschmackvollen Verarbeitung.20 Nun ist tatsächlich auffällig, dass diese Verweise auf teure Werkstoffe praktisch nie für sich selbst standen. Vielmehr wurden sie von weiteren Beschreibungen flankiert, die auf die kunsthandwerkliche Gestaltung der Dinge rekurrierten. Die goldene Dose war eben nicht einfach nur eine goldene, sondern außerdem „eine ovalrunde auf allen Seiten mit Blumen gravierte“21 Dose, der silberne Degen war „von gewundener Arbeit, und der Griff massiv“22, ebenso wie der Fächer aus Elfenbein darüber hinaus noch „etwas mit Silber belegte Stangen und einen carminrothen Gemählde, die Diana auf der Jagd vorstellend“23 aufwies. Es war für einen Gegenstand also nicht nur wichtig, Wohlstand, sondern auch Geschmack ausdrücken zu können. Michael Prinz hat aufgezeigt, dass es typisch für frühmodernes Konsumverhalten ist, „den einmal ausgewählten und erworbenen Objekten durch ‚stilvollen‘ Gebrauch 16 17 18

19 20 21 22 23

Berlinische Nachrichten 16, 6. Februar 1766, S. 64. Berlinische Nachrichten 82, 10. Juli 1764, S. 345. So versuchte etwa der zeitgenössische Adel im Hinblick auf auch niederen Schichten zur Verfügung stehende Objekte durch Menge und Materialwert Distinktion zu schaffen. Friedrich II. – oft für seine eiserne Sparsamkeit gerühmt – besaß etwa 120 goldene, teils mit Brillanten besetzte Tabatieren im Wert von 1,5 Millionen Talern; vgl. Christian Hochmuth, Globale Güter – lokale Aneignung. Kaffee, Tee, Schokolade und Tabak im frühneuzeitlichen Dresden, Konstanz 2008, S. 144. Allerdings wurde von Seiten des Bürgertums darauf reagiert, indem auf neue Methoden des Vergoldens und Versilberns zurückgriffen wurde, um ebenfalls in den optisch identischen Genuss der Edelmetalle zu gelangen, ohne das Budget überstrapazieren zu müssen; vgl. Michael Prinz, „Aufbruch in den Überfluss? Die englische ‚Konsumrevolution‘ des 18. Jahrhunderts im Lichte der neueren Forschung“, in: ders. (Hg.), Der lange Weg in den Überfluss. Anfänge und Entwicklung der Konsumgesellschaft seit der Vormoderne, Paderborn 2003, S. 191–217, hier S. 202. Jan de Vries, The industrious revolution. Consumer behavior and the household economy. 1650 to the Present, Cambridge 2008, S. 133. Vgl. ebd., S. 146. Berlinische Nachrichten 76, 26. Juni 1764, S. 318. Berlinische Nachrichten 32, 14. März 1765, S. 131. Berlinische Nachrichten 54, 4. Mai 1765, S. 219.

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die Qualität von austauschbaren, beliebig verfügbaren Konsumgütern wieder zu nehmen“24. Nur auf diese Weise konnte ein Ding innerhalb einer Umgebung voller ähnlicher Dinge seine Fähigkeit zur Herstellung von Exklusivität und Distinktion behalten. Nach diesem Konzept wurden Ansehen und Selbstbild, die sich aus dem Konsum dieser Dinge gewinnen ließen, nicht länger aus der reinen Menge oder den Kosten des Guts gespeist. Stattdessen gründeten sie auf der so ausgewiesenen Fähigkeit des Konsumenten, den ‚wirklichen‘ Wert der Dinge verstehen und bewerten zu können. Hatte es in früheren Jahrhunderten genügt, die wenigen ererbten Gegenstände wertzuschätzen, die, dank ihrer langen Lebensdauer, in den Familien weitergegeben wurden, traten in diesem Abschnitt der Frühen Neuzeit modisch wie materielle kurzlebigere Manufakturwaren an ihre Seite.25 Der damit verbundene raschere Wandel und die größere Auswahl an Dingen sorgten bei Zeitgenossen durchaus für Besorgnis. Diese nahmen ihre Abhängigkeit von den Dingen zum Zweck der Selbstinszenierung immer stärker wahr und sahen so – analog zur Wechselhaftigkeit der Moden – die Dauerhaftigkeit der eigenen, auf diese Weise hergestellten Identität bedroht.26 Umso wichtiger wurde es, als Konsument immer wieder unter Beweis zu stellen, dass man selbst stets derjenige war, der seine Besitztümer beherrschte und nicht seinerseits von ihnen beherrscht wurde. Ästhetische Kompetenz wurde zum neuen Leitideal, mit dessen Hilfe die Dinge ihrem Eigentümer unterworfen und zur Herstellung des eigenen Status dienstbar gemacht werden sollten.27 Es ist 24 25 26

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Michael Prinz, „‚Konsum‘ und ‚Konsumgesellschaft‘. Vorschläge zur Definition und Verwendung“, in: ders., Der lange Weg in den Überfluss (wie Anm. 18), S. 11–34, hier S. 26. Vgl. Vries, Revolution (wie Anm. 19), S. 144f. Vgl. Susanne Scholz, Objekte und Erzählungen. Subjektivität und kultureller Dinggebrauch im England des frühen 18. Jahrhunderts, Königstein im Taunus 2004, S.  20. Wohl berühmtestes Beispiel dieser Sorge stellt Denis Diderots ironischer Essay Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern, oder: Eine Warnung an alle, die mehr Geschmack als Geld haben dar (Denis Diderot, Regrets sur ma vieille robe de chambre, [o.O.] 1772). Vgl. Konstanze Baron, „Der Morgenrock des Philosophen. Oder: Was die Dinge mit dem Denken zu tun haben“, in: Frauke Berndt, Daniel Fulda (Hg.), Die Sachen der Aufklärung, Hamburg 2012, S.  592–605, hier S.  593–598. Der US-amerikanische Konsumforscher Grant McCracken hat diesen Zwang der materiellen Ensemblebildung, nach dem ein Kauf weitere Folgekäufe nach sich zieht, um ein harmonisches Gesamtbild zu schaffen, daher als Diderot-Effekt beschrieben. Vgl. Grant McCracken, Culture and consumption. New approaches to the symbolic character of consumer goods and activities, Bloomington 1988, S. 118–129. Vgl. Scholz, Objekte (wie Anm.  26), S.  16–18. Diese Erkenntnis wurde bereits 1899 von dem sowohl in Soziologie als auch Ökonomie äußerst einflussreichen Thorstein Veblen wie folgt formuliert: „Eng verbunden mit der Forderung nach dem uneingeschränkten

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damit nicht mehr eigentlich das Ding, das exklusiv ist, sondern der Gesamtstil, in dem es genutzt wird. Michael Prinz fasst zusammen: „So verlagert sich der Zeichencharakter vom einzelnen Ding auf die Fähigkeit zur Gestaltung eines Ensembles.“28 Damit ist der gemeinsame ‚Objekt-Bereich‘ bezeichnet, aus dem die verlorenen Gegenstände stammten: Sie waren in Gruppen vernetzt, welche die soziale Distinktion ihres Besitzers ermöglichen sollten, indem sie sich von diesem nach Maßstäben von Geschmack und Ästhetik bewerten und unterordnen ließen. ‚Persönlich‘ wurden diese Objekte also, indem sie mit ihrem Besitzer eine Symbiose eingingen und mit Bedeutungen aufgeladen wurden. Ihre Materialität ermöglichten es dem Träger, mit seiner sozialen Umwelt in Kontakt zu treten, Aussagen zu transportieren und den physischen wie sozialen Handlungsspielraum zu erweitern.29 Diese spezielle Art der Dingnutzung war schließlich eng mit der Körperlichkeit des Trägers verknüpft, gewissermaßen der ‚Materialität des Menschen‘ – insbesondere, wenn die Gesellschaften der Frühen Neuzeit als Anwesenheitsgesellschaften verstanden werden. Denn persönliche Dinge waren dies auch deshalb, weil sie auf den Körper ihres Besitzers angepasst und mit ihm in der Interaktion verbunden waren.30 Tabakdosen, Fächer, Taschenuhren und andere Accessoires ermöglichten es ihren Trägern, den eigenen Körper durch bestimmte Bewegungen und ‚theatralische‘ Demonstration im zwischenmenschlichen Kontext in Szene zu setzen. Aus Tabatieren konnten zum Beispiel nicht nur die jeweiligen Besitzer Tabak genießen, sondern diesen auch anderen Personen daraus anbieten, wozu zeitgenössische Ratgeber detaillierte Bewegungsabläufe für verschiedene soziale Kontexte vorsahen.31

28 29 30 31

Konsum der richtigen Güter ist die weitere Forderung, nach der, wer ein Herr ist, wissen muß, wie diese Güter geziemend zu verbrauchen sind. […] Wohlerzogenheit und Lebensweise hängen damit von der Konformität mit den Normen des demonstrativen Müßiggangs und des demonstrativen Konsums ab.“ (Thorstein Veblen, Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen, Frankfurt a. M. 1986, S. 84f.). Prinz, ‚Konsum‘ (wie Anm. 24), S. 26. Vgl. Richardson, Hat (wie Anm. 7), S. 294–296. Vgl. ebd., S. 297f. Vgl. Annerose Menninger, Genuss im kulturellen Wandel. Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade in Europa. 16.-19. Jahrhundert, Stuttgart 2004, S.  303f. Dieser Logik folgend erkennt Menninger den eigentlichen Grund für den Siegeszug des Schnupftabaks im 18. Jahrhundert in der stärkeren Komponente sozialer Interaktion, die durch den Gebrauch von Tabakdosen entsteht. Vgl. ebd. Auch das Halten von Haustieren – und die in dieser Zeit stattfindende ‚Neuerfindung‘ von Tieren als solche – fällt unter diese Kategorie, auch wenn dabei der Begriff der Körperlichkeit weiter gefasst werden muss. So kann das Tier geradezu zu einem Teil des Besitzers werden: „Pet personhood grows until it supplants not merely individual personhood of human beings, but the very centrality

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Ohne den Besitz der fraglichen Dinge ließe sich eine solche Distinktionshandlung nicht ausführen, die angestrebte Identitätskonstruktion wäre nicht artikulierbar und das Individuum wäre im sozialen Kontext nicht ‚lesbar‘, folglich aus der auf diese Weise hergestellten Gemeinschaft ausgeschlossen.32 Dieser unabdingbare Zusammenhang von dinghafter Materialität und menschlicher Körperlichkeit musste aber zwingend erlöschen, sobald der entsprechende Gegenstand von seinem Besitzer getrennt wurde. Die materielle Kultur, die in den Kleinanzeigen zum Ausdruck kommt, war in erster Linie also verlorene materielle Kultur, deren komplexer Beschaffenheit Rechnung getragen werden musste. Denn, wie die Quellen durch ihre bloße Existenz belegen, rissen die Verbindungen zu dem Ding auch nach dessen Verlust keinesfalls ab. Stattdessen wurde es weiterhin als Bestandteil des eigenen Ensembles statusgenerierender Besitztümer dargestellt. Damit wird aber die Frage aufgeworfen, wie ein verlorener Gegenstand überhaupt besessen werden kann. II.

Netze

Die Antwort hierauf liegt, so paradox dies zunächst erscheinen mag, in der durch und durch fiktiven Ausrichtung der Kleinanzeigen. Der Verlust des Dings, wie er in den Kleinanzeigen der Berlinischen Nachrichten dargestellt wird, verlagert die Materialität und all ihre Effekte auf eine rein imaginäre Ebene. Das Ding, das in den Inseraten erschien, war keineswegs eine originalgetreue Kopie des Dings, mit dem sein Besitzer und dessen Mitmenschen interagierten oder auch nur interagieren konnten. Es war eine bewusst konstruierte, ‚virtuelle‘ Version, vereinfacht und auf die Elemente reduziert, mit der es noch immer der Deutungshoheit des Annoncierenden unterworfen werden konnte. Es existierte zunächst einmal ausschließlich im Rahmen der Zeitungsanzeige, da sich das ‚Original‘ dem Zugriff entzogen hatte. Innerhalb des Anzeigentexts wurde eine fiktive, in sich geschlossene Welt kreiert, in die das abwesende Ding eingebettet wurde. Diese Welt war, auf wenigen Zeilen Zeitungsannonce zusammengedrängt, von sehr beschränktem Umfang und geringer Detailtiefe, und enthielt doch alle nötigen Ansatzpunkte, um ein Netzwerk aus Verknüpfungen mit dem fraglichen Objekt herzustellen. Innerhalb dieses Assoziationsnetzes wurde das Ding auch in seinem Verlust neu eingebunden

32

of [the person itself].“ (Karen Raber, „From sheep to meat, from pets to people. Animal domestication 1600–1800“, in: Matthew Senior (Hg.), A cultural history of animals in the Age of Enlightenment, Oxford 2007, S. 73–99, hier: S. 93). Vgl. Scholz, Objekte (wie Anm. 26), S. 144f.

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und blieb – wenn eben auch nur potentiell – erhalten. Erst mit dem Abreißen dieser Verbindungen und der durch sie generierten Bedeutungen wäre das Ding wirklich und endgültig verloren gegangen.33 Das Vorhaben, eine solche ‚virtuelle‘ Materialität einzufangen, stößt methodologisch rasch an seine Grenzen: eine rein textuell basierte Analyse verliert die assoziierten, nicht-sprachlichen Elemente aus dem Blick, während eine auf Materialität hin ausgerichtete Vorgehensweise nicht ausreicht, um das Abbild abwesender Gegenstände greifbar zu machen. An dieser kritischen Stelle der Interpretation kann die ANT entscheidende Impulse liefern, stellt sie doch gerade die Heterogenität ihres Untersuchungsgegenstands in den Mittelpunkt. Sie geht davon aus, dass sich soziale Vorgänge als Zusammenspiel von menschlichen oder nichtmenschlichen Elementen beschreiben lassen, die entweder als singuläre, Handlung gestaltende Akteure oder aber als Bedeutung erzeugende Netzwerke voneinander abhängiger Entitäten erscheinen. Diese Zuordnung ist dynamisch und verändert sich je nach Perspektive: abhängig von Sichtweise, Fragestellung und Situation kann dasselbe Phänomen in einem klar umrissenen Akteur auftreten, oder sich zu einem komplexen Netzwerk auffalten. Alles ist gleichzeitig beides – das namensgebende Akteur-Netzwerk.34 Durch den Zugangspunkt der Kleinanzeigen der Berlinischen Nachrichten ergibt sich zunächst die Perspektive auf das gesuchte Objekt als Akteur; eine homogene Entität, welche die Handlung ihrer Rückgabe evozieren soll. Ihre 33

34

Die Gefahr ist dabei akut: Der Inserent begegnet hier dem drohenden Stigma eines Besitzers, der nicht mehr auf seine Dinge achtgeben kann, also nicht mehr Herr seiner stetig wachsenden Warenumwelt ist. Dieses Verdikt würde ihn aus dem elitären Kreis der kompetenten Konsumenten ausschließen. Vgl. ebd., S. 16–18. Vgl. Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die AkteurNetzwerk-Theorie, Berlin 2010, S. 186f. Die ANT bietet sich auch deshalb besonders für die Erforschung verlorener Dinge an, da deren an sich problematische Abwesenheit durch den Fokus auf die Verknüpfungen, die mit dem Ding eingegangen werden, nivelliert wird. Zudem hilft sie, das Bild einer eigenen ‚Welt‘ zu verdeutlichen, die sich um das Ding bildet. Vgl. Andréa Belliger, David  J.  Krieger, „Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie“, in: dies. (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 13–50, hier S. 18–24; Matthias Wiesner, Das Netzwerk von Bruno Latour. Die AkteurNetzwerk-Theorie zwischen Science & Technology Studies und poststrukturalistischer Soziologie, Bielefeld 2012, S. 121– 125; Lars Gertenbach, Henning Laux, Zur Aktualität von Bruno Latour. Einführung in sein Werk, Wiesbaden 2019, S. 125–131. Latour hat deutlich gemacht, dass ‚materielle Kultur‘ im Sinne der ANT nicht bedeuten darf, eine „homogene Schicht“ untereinander verknüpfter Objekte bei Auslassung menschlicher Mittler zu konstruieren, analog zu seiner Ablehnung einer ohne materielle Träger verbundenen sozialen Welt. Die Wirkmacht der Dinge versperrt sich einer solch monolinearen Deutung: „Selbst als textliche Entitäten überfluten die Objekte den ihnen zugewiesenen Rahmen“ (Latour, Neue Soziologie (wie Anm. 34), S. 146).

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innere Komplexität verschwindet für den Moment hinter ihrer scheinbar selbsterklärenden Funktion innerhalb des Textmediums, was in der ANT als ‚Punktualisierung‘ bezeichnet wird. So vereinfacht bedarf das Objekt zunächst keiner weiteren Erläuterung, es wird leichter handzuhaben und zu vermitteln.35 In der detaillierten Beschreibung ändert sich aber die Perspektive, und es folgt die notwendige ‚De-Punktualisierung‘, also das bewusste mentale Aufbrechen des zuvor undurchsichtigen Knotenpunkts in seine einzelnen Elemente: einem eigenen Netz aus Materialität, Nutzungskontext, gesellschaftlicher Symbolkraft und Körperlichkeit des Trägers. Die Bestandteile, die nun erstmalig wieder für sich stehen, werden in diesem Zuge selbst zu Akteuren. Anders als zuvor ist es nun nicht mehr das Objekt als Ganzes, an das Handlungen und Bedeutungszusammenhänge anknüpfen, sondern seine für sich stehenden Einzelelemente. Latour selbst schreibt zu dieser fließenden Vergabe des Akteurstatus, es sei „jedes Ding, das eine gegebene Situation verändert, indem es einen Unterschied macht, ein Akteur“.36 Mithilfe einer narrativen Aufsplitterung des Dings wird dessen zuvor verborgene Heterogenität als Netzwerk wieder sichtbar gemacht. Ein Vorgang, der als analog zu der Störung des Akteur-Netzwerks des Besitzers durch den Verlust des Objekts gesehen werden kann und die Bildung eines neuen Netzwerks begleitet. Neu miteingebunden wird dabei der Raum als ein weiteres Netz aus Assoziationen zwischen Ding, zugehöriger Person und den angegebenen Orten innerhalb der Stadt. II.1. Raum Wenn in den Kleinanzeigen vom Raum die Rede ist, sind weniger die Orte aussagekräftig, an denen Gegenstände verloren wurden, als vielmehr die, an die sie zurückgebracht werden sollten. Während erstere weitgehend zufällig über den Stadtraum verteilt sind, geben letztere Aufschluss darüber, in welchen Teilen der Stadt sich die Besitzer der Dinge befanden. Denn obwohl ein Großteil der Anzeigen die Zeitungsredaktion als Kontaktort angeben, nutzen andere bestimmte Straßen, Plätze und Gebäude als Bezugspunkte: So wurde etwa auf einen „Rittmeister von Woedtke von Gens d’Armes, wohnhaft am 35

36

Vgl. John Law, „Notizen zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Ordnung, Strategie und Heterogenität“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 34), S. 429–446, hier: S. 435f. In der ANT wird oft das Bild einer ‚Blackbox‘ bemüht, um auf die funktional unsichtbar gemachten Netzwerke innerhalb von Entitäten hinzuweisen. Die Öffnung einer ‚Blackbox‘, wodurch scheinbar selbstverständliche oder nicht erklärungsbedürftige Vorgänge zerlegt und analysierbar gemacht werden, stellt das methodologische Hauptanliegen der aus der Wissenschaftssoziologie kommenden ANT dar. Vgl. Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft, Frankfurt a. M. 2002, S. 222–224. Latour, Neue Soziologie (wie Anm. 34), S. 123.

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Friedrichsmarkt an der Charlotten- und Taubenstrassenecke beym Kaufmann Lottsche“37 verwiesen, ein verlorener Degen sollte „bey dem Kaufmann Herrn Schulze, in der Post-Strasse“38 abgegeben werden und eine entlaufene Stute „bey dem Bäcker Sachse im Achteck“39. Hier zeigt sich, dass eine Kontaktadresse immer auch mit dem persönlichen Element zwischenmenschlicher Kommunikation verknüpft war. Es waren eben nicht nur eine bestimmte Straße und ein bestimmtes Gebäude, zu denen ein verlorenes Objekt zurückgebracht werden sollte, sondern auch eine bestimmte Person. Die hier offenbare ständische Heterogenität der benannten Personen wurde in den Kleinanzeigen durchaus reflektiert: Der überwiegende Teil der Inserate benannte immer auch den Beruf der Kontaktperson – etwa Kaufmann oder Bäcker –, um sie treffender zu identifizieren. Wenn diese Person über einen Titel oder ein besonderes Amt verfügte, wurde in den Anzeigen auch dies konsequent erwähnt, selbst wenn dies die Anzeige deutlich in die Länge zog, wie etwa im Falle des Hinweises auf „Ihro Excellenz, der verwittweten Frau Feldmarchallin, Gräfin von Schmettau an dem Potsdammer Thore wohnhaft“40. Dass in einem so unpersönlichen und kurz gehaltenen Kommunikationsmedium wie der Zeitungsannonce dennoch auf diesen Elementen korrekter Umgangsform beharrt wurde, unterstreicht, wie sehr dieses Medium auch im 18. Jahrhundert noch den althergebrachten Mustern der face-to-faceGesellschaft verpflichtet blieb. Das Aufgeben einer Kleinanzeige stellte demnach keine von der Ebene persönlicher Interaktion entkoppelte Handlung dar. Stattdessen unterlag sie denselben sozialen Reglements, welche die Akteure auch aus ihrer alltäglichen Lebenswelt gewohnt waren. Zeitungsanzeigen müssen somit immer auch als eine Quelle begriffen werden, die eine „Kommunikation unter Anwesenden“ emulierte und damit ganz entschieden performativ funktionierte.41 In seinem Buch Kunst des Handelns hat Michel de Certeau unter anderem beschrieben, wie bestimmte narrative Praktiken der Akteure ‚den Raum organisieren‘. Entscheidend hierzu ist, so de Certeau, dass geographische Orte 37 38 39 40 41

Berlinische Nachrichten 133, 6. November 1766, S. 536. Berlinische Nachrichten 26, 24. Mai 1764, S. 260. Berlinische Nachrichten 72, 17. Juni 1769, S. 330. Berlinische Nachrichten 8, 18. Januar 1766, S. 32. Vgl. Rudolf Schlögl, „Kommunikation und Vergesellschaftung unter Anwesenden. Formen des Sozialen und ihre Transformation in der Frühen Neuzeit“, in: Geschichte und Gesellschaft 34 (2008), S.  155–224, hier S.  157; André Krischer, „Politische Kommunikation und Öffentlichkeit in London. Zur Entwicklung einer Großstadt im 17. Jahrhundert in mediengeschichtlicher Perspektive“, in: Irmgard Christa Becker (Hg.), Die Stadt als Kommunikationsraum. Reden, Schreiben und Schauen in Großstädten des Mittelalters und der Neuzeit, Ostfildern 2011, S. 55–87, hier S. 58–60.

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gedanklich mit Handlungen verknüpft werden müssen, um sie zu Räumen mit Bedeutung werden zu lassen. Seine Kernthese lautet dabei: „Insgesamt ist der Raum ein Ort, mit dem man etwas macht.“42 Und tatsächlich enthalten auch die Berliner Kleinanzeigen individuelle Narrative, in denen eben dieser ‚Transformationsprozess qua Interaktion‘ vollzogen wird. Orte standen, wie bereits erwähnt, niemals einfach für sich, sondern wurden immer mit anderen räumlichen wie menschlichen Akteuren verflochten: Wohnkonstellationen mehrerer Personen werden geschildert, ein herrschaftliches Anwesen wird mit dem Namen der in ihm lebenden Familie verknüpft oder die räumliche Vorstellung eines Stadtviertels wird herangezogen. Die Nennung von Berufen, Titeln und Anreden legt Zeugnis davon ab, dass nicht nur Sehen, sondern auch Handeln erwartet wurde. Darüber hinaus bestand die primäre Intention der Anzeige selbst aus der Anweisung, ein gefundenes Objekt an den genannten Ort zurückzubringen. Genauer gesagt wurde hier eine Handlung antizipiert. Die Bewegung des Finders zum Haus des Inserenten wurde narrativ vorgezeichnet und auf das gewünschte Endergebnis hin eingegrenzt. Hier zeigt sich eine Wegstreckenerzählung, in der zwar an Orten gehandelt wird, sie also zu Räumen gemacht werden, die selbst aber überhaupt erst noch stattfinden muss. Das Abbild Berlins, das dabei in den Inseraten entsteht, ist ein höchst zweckmäßiges. Es enthält ausschließlich die Informationen, die zum Zurückbringen des verlorenen Gegenstandes nötig sind und klammert alle weiteren Optionen rigoros aus. Gleichzeitig stellt es sich als Raum dar, der nach den sozialen Regeln der Anwesenheitskommunikation funktioniert. Die beteiligten Personen – Inserent und Finder – wurden also in direkte Beziehung zueinander gesetzt. Zusammengefasst wurde innerhalb dieser Narrative ein Raum konstruiert, in dem sich wie in einem Theater ein festgelegtes Stück abspielen sollte: Das des zurückehrenden Objekts. II.2. Verbündete Diese vereinfachte Zusammenfassung sollte aber nicht über die Schwierigkeiten und Kraftanstrengungen hinwegtäuschen, die mit dem Aufbau eines solchen Netzwerks einhergehen müssen, wenn es eine Aussicht auf Erfolg haben soll. Eine dieser für die Funktionstüchtigkeit des Netzes essentiellen Verbindungen ist die zwischen dem Verlierenden und dem potentiellen Finder. Wie auch bei den Verhältnissen von Materialität und Raum handelt es sich hier um eine rein hypothetische Beziehung, da weder die genaue Identität der Beteiligten klar war, noch ob sich überhaupt jemand von der Anzeige 42

Michel de Certeau, Kunst des Handelns, Berlin 1988, S. 218.

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angesprochen fühlen würde. Dieser Unwägbarkeiten ungeachtet wurden im Text bereits sehr konkrete Rollen und Handlungsanweisungen verteilt: Der einzige Daseinszweck des Finders, so suggeriert die Anzeige, war das Zurückbringen des Dings zu seinem vormaligen Besitzer. Anders gesagt ging es darum, dass einer der Akteure versuchen musste, die anderen dazu zu bringen, in seinem Sinn zu handeln. Michel Callon hat in seiner Arbeit hierfür den Begriff der „Übersetzung“ verwendet und als einen Vorgang definiert, „in dessen Verlauf die Identität der Akteure, die Möglichkeiten der Interaktion und der Handlungsspielraum ausgehandelt und abgegrenzt wird“43. Dieser Prozess besteht, so Callon, aus vier Phasen, die das Versammeln von Verbündeten in einer Gruppe mit einem gemeinsamen Ziel sicherstellen sollen. An erster Stelle steht dabei die Problematisierung, in der ein System von Assoziationen zwischen den beteiligten Akteuren etabliert wird, mit dem erwünschten Effekt, eine Allianz zu bilden, in welcher die jeweiligen Interessen auf eine gemeinsame Stoßrichtung vereint und zusammengefasst werden können. Kurz, ein Akteur postuliert, dass es im Interesse aller Beteiligten sei, dem von ihm vorgeschlagenen Handlungsweg zu folgen.44 Diese Definition von Identitäten ist eben im Gang, wenn in den Berliner Kleinanzeigen die Problematik des verlorenen Gegenstands geschildert wird, der innerhalb einer bestimmten räumlichen Umgebung den Weg vom hypothetischen Finder zurück zu seinem rechtmäßigen Besitzer finden soll. Als zweiter Schritt folgt das sogenannte Interessement, in dem die zuvor versammelten Alliierten in der ihnen zugewiesene Identität stabilisiert werden sollen: „Andere Akteure zu interessieren, bedeutet Schranken aufzubauen, die zwischen sie und jene anderen Entitäten gestellt werden können, die ihre Identitäten auf andere Weise definieren wollen.“45 Das bedeutet wiederum für die Akteure, dass alle Assoziationen zu anderen Elementen, die nicht für das gewünschte Ziel der Wiedererlangung des Dings förderlich sind, gekappt werden müssen. Die schablonenhaften, stark auf die Intention der Inserate zugeschnittenen Abbilder von Räumen, Dingen und Personen 43 44

45

Michel Callon, „Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung. Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc-Bucht“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 34), S. 135–175, hier S. 146. Vgl. ebd., S. 146–150. Callon bezeichnet dieses bündelnde Zielelement als „obligatorischen Passagepunkt“ (OPP), eine Art kleinster gemeinsamer Nenner innerhalb eines heterogenen Interessenfeldes. Das Besetzen dieses OPP ist gleichbedeutend mit der Beanspruchung der Deutungshoheit über das entstehende Netzwerk und wird daher meist von denjenigen Akteuren versucht, die die Gruppenerstellung initiieren. Vgl. ebd. Ebd., S. 152.

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innerhalb der Kleinanzeigen tragen diesem Prozess Rechnung. Dieser Akt der Machtausübung ist notwendig, da die Kooperation der Alliierten nicht selbstverständlich ist. Das ausgedehnte Straßennetz Berlins könnte einem Finder das Auffinden des Inserenten erschweren, der Finder könnte gar kein Interesse daran haben, den gefundenen Gegenstand zurückzubringen oder das verlorene Ding könnte sich schlicht einen neuen Besitzer suchen. Diese Handlungsspielräume und potentiellen weiteren Identitäten dieser Akteure werden im Interessement ausgeblendet, um die in der Problematisierung zusammengestellte Allianz zu fixieren. Um diese hypothetische Bündnispolitik zu befördern, werden verschiedene Strategien benutzt, welche die Akteure dazu bringen sollen, die gewünschte Kooperation einzugehen.46 Positive wie negative Anreize für den Rezipienten zum Zurückbringen des verlorenen Dings sind dabei in den Kleinanzeigen am gängigsten. In praktisch jedem Inserat wurde ein Finderlohn ausgelobt, der, sofern explizit genannt, beträchtliche Summen erreichen konnte.47 Dabei konnte es vorkommen, dass nicht weniger als der direkte Gegenwert des Gegenstands selbst als „Recompens“48 geboten wurde, oder sogar, wie im Fall einer alten Hallischen Bibel, das Dreifache ihres Verkaufswerts.49 Eine solche Vergütung ging deutlich über eine rein symbolische Geste hinaus und sollte offenbar der Option eines Verkaufs des gefundenen Dings entgegenwirken. Oder anders ausgedrückt: Die potentielle Identität eines (Weiter-) Verkäufers sollte zugunsten der Identität eines Zurückbringenden vom Akteur getrennt werden.50 Ein Beispiel, an dem dies besonders deutlich wird, ist die Zusicherung in einer Annonce über ein verschwundenes Fohlen, dass, „auch 46 47

48 49 50

Vgl. ebd., S. 152–156. Zum Vergleich: In zeitgenössischen Registern galten Tabatieren ab einem Wert von etwa drei Talern als „Pretiosi“ und waren ab dieser Schwelle in der Regel aus Silber hergestellt. In den Anzeigen sind gleichwertige Belohnungen üblich. Vgl. Hochmuth, Güter (wie Anm. 18), S. 143. Im Falle von Objekten aus Gold steigt auch die Belohnung entsprechend mitunter auf das Zehnfache oder sogar darüber hinaus. Vgl. Berlinische Nachrichten 106, 3. September 1765, S. 436. Vgl. Berlinische Nachrichten 94, 6. August 1767, S. 424. Die Notwendigkeit dieses Schrittes wird hinsichtlich des im 18. Jahrhundert regen Handels mit derlei Luxuswaren deutlich, der auch über Zweit- und Drittnutzer sowie (semi-)illegale Netzwerke ablief. Laurence Fontaine hat zudem betont, dass diese Objekte aufgrund ihrer guten Schätzbarkeit auch als Bargeldersatz – etwa bei Spielschulden oder Kreditgeschäften – dienen konnten, also einen durchaus direkten monetären Nutzen für ihren jeweiligen Besitzer haben konnten. Vgl. Laurence Fontaine, „The circulation of luxury goods in eighteenth-century Paris. Social redistribution and an alternative currency“, in: Maxine Berg, Elizabeth Eger (Hg.), Luxury in the eighteenth century. Debates, desires and delectable goods, Basingstoke 2003, S. 89–102, hier S. 92–95.

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wenn es etwann gestohlen und verkauft seyn sollte, das Kaufgeld davon wiederum offeriret wird“51. Doch die Identitätsangebote gehen sogar noch weiter. Es ist auffällig, wie häufig als weiterer Anreiz für einen Finder dessen Anonymität bei Rückgabe des fraglichen Objekts zugesichert wurde. Bei einer goldenen Taschenuhr, die verloren oder „wahrscheinlicher Weise von einem Spitzbuben ausgezogen worden“, liest sich dieses Angebot wie folgt: „[…] und wenn man solche wieder habhaft werden kan, so ist man erböthig dem Anzeiger, nebst Verschweigung seines Namens ein Präsent von 6 Friedrichs d’or zu geben.“52 Ohne es explizit zu machen, richteten sich diese Zeilen unmissverständlich an den vermuteten Dieb des Objekts und die mit ihm verbundenen Kreise von Hehlern und sekundären, illegalen Märkten. Um diese Akteure ebenfalls zu Verbündeten des Annoncierenden zu machen, wurde ihnen die Identität eines ‚ehrlichen Finders‘ offeriert und versichert, dass, würden sie diese annehmen, die kriminelle Schädigung des Inserenten vergessen sein würde. Auf diese Weise wurde eine rechtlich und moralisch sichere Alternative zu der Identität des Diebs oder Hehlers erstellt und angeboten, die sich zudem finanziell ebenso lohnen sollte. Beide Seiten, so die Aussage, würden beim Zurückbringen des fraglichen Gegenstands profitieren.53 Es zeigt sich, dass auch der initiierende Akteur in einem solchen Übersetzungsprozess beträchtliche Zugeständnisse machen musste, um sich der Kooperation seiner Alliierten zu versichern. Dabei bleibt auch dessen eigene Identität nicht unangetastet. Im Gegenteil, auch die Selbstpositionierung des Inserenten folgt bisweilen den Notwendigkeiten, die Erfolgschance des Sammelns von Verbündeten zu erhöhen. Besonders augenfällig wird dies, wenn der versprochene Finderlohn nicht ausreichte, um den Gegenwert des Dings abzudecken. Wenn etwa für „eine neue lederne Katze, worin über 63 Rthlr. an Silbergeld“ nur „eine Erkenntlichkeit von 10 Rthlr.“ ausgelobt wurde, musste die Diskrepanz mittels anderer Ressourcen ausgeglichen werden. Hier geschah dies durch die Erwähnung, die Geldbörse

51 52 53

Berlinische Nachrichten 137, 16. November 1769, S. 643. Berlinische Nachrichten 97, 13. August 1765, S. 400. Dass es sich hierbei um keinen Einzelfall handelt, ist in Anbetracht der Tatsache ersichtlich, dass der Rückverkauf gestohlener Güter an den Geschädigten unter dem Deckmantel des Finders in dieser Epoche durchaus ein gängiges Prinzip unter Taschendieben und Hehlern dieser Epoche war, also derlei Anonymitätsversprechen von Seiten des Bestohlenen bereits als Konvention gelten können. Vgl. Gerhard Dohrn-van Rossum, „Uhrenluxus – Luxusuhren“, in: Reinhold Reith, Torsten Meyer (Hg.), „Luxus und Konsum“. Eine historische Annäherung, Münster 2003, S. 97–116, hier S. 114f.

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hätte „ein armer Knecht“ verloren, was an das Mitleid der Leser appellierte.54 Neben finanziellen spielten also auch moralische Argumentationen eine Rolle, um andere Akteure zur Kooperation anzuregen. Ein weiterer Aspekt dieser moralischen Investition in das Gelingen der Allianzbildung ist die oft apologetische Beschreibung der Umstände des Verlusts selbst. Findet diese statt, so steht meist die Beteuerung der eigenen Unschuld an dem fraglichen Missgeschick im Zentrum. Dies konnte bei Tieren vergleichsweise einfach geschehen, indem etwa von einem Pferd behauptet wurde, es habe sich „vom Gespann entrissen und ist davon gelaufen“55, was die Verantwortung für den Verlust auf den Eigensinn des Pferds verlagert. Bei nicht-lebendigen Dingen konnte Verständnis hingegen durch Rekurrieren auf notorische Situationen des Verlierens generiert werden, beispielsweise indem darauf verwiesen wurde, es sei „im Aussteigen“56 aus einer Kutsche geschehen. Noch deutlicher ist hingegen die folgende Unschuldsbeteuerung: „Es ist […] das Regimentssiegel der Garde du Corps aus einer verschlossen gewesenen aber durch das Fahren aufgesprungenen Schreibtasche verloren worden.“57 Hier wird hervorgehoben, dass der Betroffene alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte, also keinesfalls durch eigene Fahrlässigkeit des Gegenstands verlustig gegangen war, sondern gewissermaßen ein unglücklicher Zufall außerhalb seiner Macht dafür verantwortlich gewesen sei. Da der Verlust demnach nicht selbstverschuldet war, sollte es für andere Menschen moralisch bindender erscheinen, dem Betroffenen zu helfen und die für ihn vorgesehene Rolle des Zurückbringenden einzunehmen. Als zusätzliches Mittel, die Chancen auf ein Zurückerlangen des verlorenen Dings zu erhöhen, wurde auf die Erzeugung von Evidenz gesetzt. Von Seiten der Inserenten wurden bestimmte Erzählstrategien angewandt, um sich als rechtmäßige Eigentümer der fraglichen Dinge zu legitimieren. Denn durch den beidseitig hohen Grad an Anonymität innerhalb dieser speziellen Art der Kommunikation konnten auch die Leser theoretisch nie sicher sein, dass der Annoncierende auch tatsächlich der Besitzer des verlorenen Objekts gewesen war. Eine zu allgemeine Suchanfrage – etwa nach einer an unbestimmtem Ort verlorenen Uhr – hätte hier möglicherweise den Verdacht erweckt, die Kleinanzeige wäre nur ein Trick, um sich einen solchen zufällig verlorenen Gegenstand ‚widerrechtlich‘ anzueignen. Daher bedurfte es besonderer Marker der

54 55 56 57

Berlinische Nachrichten 123, 12. Oktober 1765, S. 504. Berlinische Nachrichten 72, 17. Juni 1765, S. 530. Berlinische Nachrichten 8, 19. Januar 1769, S. 40. Berlinische Nachrichten 14, 4. Februar 1769, S. 68.

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Individualität, durch die auch per se austauschbare Manufakturwaren eindeutig ihrem rechtmäßigen Besitzer zugeordnet werden konnten. Aus diesem Grund weisen die Dingbeschreibungen mitunter Darstellungen von materiellen Details auf, die nicht zur Demonstration von Geschmack dienlich waren, wohl aber zur Herstellung von Evidenz eingesetzt werden konnten. Während die Beschreibung der Gravuren auf einer Tabakdose – „ein Vogel und ein aufsteigender Pfeil mit der“ ausführlich zitierten „französischen Unterschrift“58 – noch zu beiden Zwecken dienen konnte, verweist die Zeile, es sei „ein Carniol, so gravirt, aus einem Petschaft, verlohren gegangen“59 auf den vormaligen Zusammenhang des verlorenen Objekts mit einem anderen, das sich noch im Besitz des Inserierenden befand und daher potentiell zum beweisenden Abgleich eingesetzt werden konnte. Die Kenntnis über spezielle Beschädigungen des Dings schließlich war wohl eine der geeignetsten Methoden der Evidenzerzeugung, da hier das unberechenbare Element des Zufalls mit einbezogen wurde. Wenn also „ein crystallenes Petschaft, mit Silber eingefaßt, und welches auf dreyen Seiten gestochen; an der einen Ecke aber ein Stück gar heraus ist“60 als verloren angezeigt wurde, konnte für den Leser als gesichert gelten, dass der Annoncierende das Objekt sehr gut kannte, und daher wohl tatsächlich der Besitzer gewesen sein musste. Eine Sonderrolle kommt hierbei den vermissten Tieren, vor allem den Hunden, zu. In den Anzeigen finden sich wohl die individuellsten und manchmal geradezu menschenähnlichsten Beschreibungen. Während die Formulierung „ein weisser Eyßländer mit spitzen Ohren, krausen Schwanz und etwas zotlicht“61 noch als rein neutrale Beschreibung gelten mochte, lässt die Charakterisierung eines anderen Hundes als „[e]in schöner weisser Bologneser Hund mit wohl angebrachten schwarzen Flecken und langen herabhängenden schwarzen Ohren, überall stark behängt“62 bereits erkennen, dass die spezifischen Eigenheiten des Tieres durchaus auch emotionale Bewertung fanden. Dass bei dieser Anerkennung tierischer Individualität nicht allein die Erfüllung 58

59 60 61 62

Berlinische Nachrichten 56, 10.  Mai 1768, S.  276. Möglicherweise hängt die im 18. Jahrhundert steigende Nachfrage nach individualisierter Gestaltung der Dinge eben auch mit dem Druck zusammen, sich immer mehr als tatsächlicher Besitzer – und auch Beherrscher – seiner Besitztümer inszenieren zu müssen. Vgl. John Brewer, „Was können wir aus der Geschichte der frühen Neuzeit für die moderne Konsumgeschichte lernen?“, in: Hannes Siegrist, Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka (Hg.), Europäische Konsumgeschichte. Zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Konsums (18. bis 20. Jahrhundert), Frankfurt a. M. 1997, S. 51–74, hier S. 66. Berlinische Nachrichten 81, 6. Juli 1769, S. 332. Berlinische Nachrichten 41, 5. April 1764, S. 164. Berlinische Nachrichten 42, 8. April 1766, S. 167. Berlinische Nachrichten 56, 10. Mai 1766, S. 224.

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ästhetischer Ansprüche im Vordergrund stand, zeigt der folgende Ausschnitt aus einer weiteren Suchanzeige: „Es ist die vorige Woche ein ziemlich grosser Mopshund entlaufen, welcher Alters halber schon einen weissen Bart hat und ziemlich dick ist.“63 Obwohl aus ästhetischer Perspektive durchaus fragwürdig, wurden diese Merkmale des Tiers doch keineswegs ausgeblendet, was die enge Bekanntschaft oder sogar Beziehung zwischen dem Hund und seinem Halter – und damit dessen Anrecht auf Zurückerlangung des Tieres – unterstreichen konnte.64 Wesentlich profanerer Natur waren wiederum die in den Kleinanzeigen aufgeführten negativen Anreize zur Rückgabe der verlorenen Dinge. Hierbei wurde dem potentiellen Finder das Zurückbringen des Gegenstandes durch den Hinweis schmackhaft gemacht, dass das Objekt für ihn eigentlich keinen Wert habe, und er stattdessen besser beraten sei, den Finderlohn abzuholen. Dies klingt in der Annonce über eine verlorene „Maschine von Fischbein [Stützkorsett, S.D.], mit grauem Zwirnband überzogen“ folgendermaßen: „Wer selbige gefunden, wird ersucht, solche gegen ein Douceur von 16 Gr. da sie ihm zumahl gar nichts nutzen kan, in der Haude- und Spenerschen Buchhandlung abzugeben.“65 Ebenso diente die direkte Adressierung von Annoncen verlorener Wertsachen an „die Herren Juwelirer, Goldschmiede, und die hiesige Judenschaft“66 nicht nur dazu, diese Akteursgruppen in das Netz der Alliierten einzugliedern, sondern auch dazu, einen potentiellen Verkäufer des gesuchten Gegenstandes abzuschrecken, indem suggeriert wurde, diese wären bereits Verbündete des Annoncierenden und ein versuchter Weiterverkauf würde nur unerwünschte Aufmerksamkeit nach sich ziehen. Diese Beispiele genügen, um zu verdeutlichen, welche Energien aufgewandt wurden, um die Akteure, die mit dem verlorenen Ding verbunden waren, dazu zu bringen, die ihnen in der Kleinanzeige zugewiesenen Identitäten, deren Zusammenspiel ein Zurückbringen des Dings bewirken würde, auch tatsächlich einzunehmen. Diese von Callon Enrolment genannte Akzeptanz der zugeschriebenen Rollen ist allerdings niemals garantiert und lässt sich in der Quellengattung der Anzeigen sogar nicht einmal mehr nachverfolgen. 63 64

65 66

Berlinische Nachrichten 148, 10. Dezember 1765, S. 603. Dieses Phänomen reflektiert zudem die im späten 18. Jahrhundert immer stärker aufkommende Bereitschaft, Haus- und Schoßtieren die Fähigkeit zu Gefühlen und den Besitz einer Seele zuzugestehen. Vgl. Silvia Granata, Take every creature in, of every kind. Continuity and change in eighteenth-century representations of animals, Bern 2010, S. 157–160. Dennoch unterscheiden sich die Annoncen über entlaufene Tiere (noch) nicht grundlegend von denen über verlorene Gegenstände. Berlinische Nachrichten 143, 29. November 1764, S. 602. Berlinische Nachrichten 76, 26. Juni 1764, S. 318.

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Hierin liegt das besondere Risiko dieses Mediums: Eine direktere Interaktion mit den Rezipienten war nicht möglich, ebenso wenig wie eine nachträgliche Neuarrangierung oder -verhandlung des so initiierten Bündnisvorschlags. Alles was blieb, war der Impulsmoment der Anzeigenschaltung, nach dem das Gelingen des Projekts vollständig davon abhing, ob die Akteure von den ihnen angebotenen Anreizen, Verlockungen und Ermahnungen dazu gebracht werden konnten, die an sie herangetragene Identität anzunehmen – neben der zusätzlich immer bestehenden Bedingung, dass das fragliche Ding überhaupt von einem von ihnen gefunden wurde. Dies mag selbstverständlich erscheinen, war aber der zentrale Unsicherheitsfaktor, welcher der Erstellung eines solchen Netzwerks innewohnte, und der die letzte Phase des ‚Übersetzungs‘-Prozesses, das Mobilisieren von Verbündeten, immens verkomplizierte. Eigentlich würde in diesem Schritt die Repräsentativität der ausgewählten Akteure für die Gruppen, als deren Vertreter sie installiert werden, geprüft, also sichergestellt, dass sie diese Rolle auch übernehmen können, ohne das ihnen von Seiten der in ihrem Namen subsumierten Masse Widerspruch entgegengebracht würde.67 Da in dieser hochgradig fiktiven und hypothetischen Umgebung allerdings jede Form von Rückmeldung von Seiten der Akteure fehlte, beruhte der Erfolg des Projekts vollständig darauf, ob dieses Netz der Wiedererlangung, wenn es durch die Zeitungspublikation in Richtung der Akteure ‚ausgeworfen‘ wurde, genügend Anknüpfungspunkte fand, um zu verfangen. Nur in diesem Fall hatten die darin vorgefertigten Handlungs- und Assoziationsmuster eine Chance, sich mit ihren Vorbildern im größeren Kontext zu verbinden, so mit Leben gefüllt zu werden und vielleicht sogar den gewünschten Effekt zu produzieren. III.

Medium

Ein Annoncierender musste demnach erstens darauf vertrauen, dass seine Anzeige die gewünschte Leserschaft erreichte und diese zweitens auch ansprach. Dass dies aber keineswegs zufällig geschah, wird ersichtlich, wenn die Kommunikation unter Anwesenden als Grundlage der Kleinanzeigen verstanden wird. An dieser Stelle kommt das Medium der Annoncen zum Tragen: Die Zeitung. Diese ermöglichte im 18. Jahrhundert nicht nur die Publikation privater Kleinanzeigen, sondern sorgte für eine ‚Kommunikation unter Anwesenden‘ selbst 67

Vgl. Callon, Elemente (wie Anm. 43), S. 159f.

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unter räumlich weit verstreuten Akteuren.68 Diese Kommunikation unter (räumlich) Abwesenden (und dennoch medial) Anwesenden hatte zweierlei Effekte: Zum einen konnten Beobachter und Beobachteter sich nun voneinander abschirmen und so ungestörter komplexe soziale Konstruktionen wie den oben geschilderten ‚Übersetzungs‘-Versuch füreinander entwerfen. Gleichzeitig aber konnte das Medium dazu genutzt werden, die Rezipienten – also die eigentlichen Beobachter – über ihre vermeintlich sichere Entfernung hinweg direkt anzusprechen und ihrerseits in die Rolle des Beobachteten zu versetzen.69 Dies sorgte für eine Verstärkung des Anwesenheitsaspekts in der Kommunikation sowie für eine erhöhte Wahrnehmung der Kriterien von Mode, Geschmack und respectability: „As a consequence, the reader might feel obliged to present him-/herself according to (assumed and internalised) expectations.“70 Erst so konnten die Anreize des Interessements wirklich zwingend auf Akteure wirken, und sie zur Kooperation bewegen.71 Das Medium der Zeitung war also noch wesentlich enger mit den Netzwerken verzahnt, die innerhalb seiner Seiten entwickelt wurden, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. In Anbetracht dieser Feststellung erscheint es auch wesentlich einleuchtender, warum gut ein Drittel der untersuchten Kleinanzeigen in den Berlinischen Nachrichten einen räumlichen Verweis auf den Haude- und Spenerschen Verlag als Herausgeber dieser Zeitung tätigten. Als essentieller Dreh- und Angelpunkt der gesamten über dieses Medium abgewickelten Kommunikation kam dieser Institution notwendigerweise die Rolle eines Knotenpunkts innerhalb der Akteur-Netzwerkbildungsprozesse zu.72 68 69 70

71

72

Vgl. André Kieserling, Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Interaktionssysteme. Frankfurt a .M. 1999. Vgl. Christian Huck, Fashioning society, or, the mode of modernity. Observing fashion in eighteenth-century britain, Würzburg 2010, S. 108f. Ebd., S.  110. Die häufige Nennung des Verlagshauses anstelle der eigenen Anschrift erschließt sich hierbei als taktischer Zug, indem Anonymität – also sichere Distanz – in Anspruch genommen werden kann, wenn der Inserent der Ansicht ist, dass eine Namensnennung unvorteilhaft wäre. Auch hierbei muss allerdings immer berücksichtigt werden, dass der Inserent niemals nachverfolgen kann, wie die Rezipienten auf den durch die Zeitung gelieferten Input reagieren. Die Kommunikation bleibt – trotz Massenmedium – in zwei verschiedene Sphären getrennt, die jede für sich durch die jeweiligen Akteure zu ganz eigenen Interpretationen verarbeitet werden können. Vgl. ebd., S. 113 und S. 245. Die Lage des Verlagshauses an der Stechbahn, in direkter Nähe zum Schloss und damit im unmittelbaren Zentrum Berlins, unterstreicht räumlich diese mediale Bedeutung. „Stadttopographisch“, so Ute Schneider, „erfolgte die Ansiedlung von Medienunternehmen […] oft an städtischen Kommunikationsknotenpunkten.“ (Ute Schneider, „Die Medienstadt der Frühen Neuzeit“, in: Clemens Zimmermann (Hg.), Stadt und Medien. Vom Mittelalter

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Bruno Latour hat für einen solchen Ort, an dem besonders viele und besonders ausgeprägte Verbindungslinien zusammenlaufen und sichtbar werden, den Begriff des „Oligoptikum“ gewählt. Im Gegensatz zum Konzept des benthamschen Panoptikums, so Latour, könne hier zwar nur recht wenig gesehen werden, das allerdings in hervorragender Deutlichkeit: „Von Oligoptiken aus sind robuste, aber extrem schmale Ansichten des (verbundenen) Ganzen möglich – solange die Verbindungen halten.“73 Das Oligoptikum der Zeitungsredaktion tritt in seinem Produkt, also der Zeitung selbst hervor. Diese war angefüllt mit Assoziationen und Verbindungen zu anderen Orten und Akteuren, teils sehr explizit –etwa in Form der abgedruckten Nachrichten von Korrespondenten in anderen Städten – und teils verborgen, aber dennoch nachvollziehbar, wie beispielsweise durch die Verweise auf eine durch Mode und Geschmack definierte Gemeinschaft innerhalb der Kleinanzeigen über verlorene Dinge. Andere Assoziationen blieben hingegen gänzlich unsichtbar, seien es die Herkunft von Papier, Druckertinte, Maschinen und Personal, die an der Produktion einer Zeitung beteiligt waren, die genauen Kanäle, auf denen die Nachrichten ihren Weg ins Verlagshaus fanden, die Art und Weise ihrer Verarbeitung und Aufbereitung hin zum Druck und so fort. Die Zeitung blieb ein Oligoptikum einer hypothetischen Welt textueller Referenzen innerhalb eines fiktiven, von ihr und ihren Mitgestaltern abgesteckten Feldes.74

73

74

bis zur Gegenwart, Köln 2012, S.  49–76, hier S.  52). Der Zeitungsverlag muss – da sein Medium schließlich selbst ebenfalls dazu beiträgt, den urbanen Kommunikationsraum zu konstituieren – daher sowohl als Ergebnis, Katalysator und Erschaffer städtischer Interaktions- und Kommunikationsflüsse verstanden werden. Vgl. ebd., S.  50. Wie eng das Medium Zeitung seit jeher mit räumlicher Netzwerkbildung zusammenhing, betont Wolfgang Behringer, der die Voraussetzung der Zeitung im verzweigten und zuverlässig gewordenen Postwesen der Epoche sieht. Die durch dieses Netz von Medien und Infrastruktur vorgenommene „Raumportionierung“ schuf die praktische wie diskursive Basis, aus der die Zeitung entstehen konnte. Vgl. Wolfgang Behringer, „Das Netzwerk der Netzwerke. Raumportionierung und Medienrevolution in der Frühen Neuzeit“, in: Johannes Arndt (Hg.), Das Mediensystem im alten Reich der frühen Neuzeit. 1600–1750, Göttingen 2010, S. 39–57, hier S. 50–57. Latour, Neue Soziologie (wie Anm. 34), S. 313. Dabei betont Latour, dass diese spezielle Qualität eines solchen Ortes nicht etwa darin liegt, dass hier lokale Geschehnisse in größere, umfassendere oder ‚globalere‘ Ebene der Zusammenhänge gestellt und subsumiert würden, sondern dass hier schlicht mehr und stabilere Assoziationen zusammenlaufen als an anderen Orten: „Das ist es, was ich damit meine, die Landschaft flach zu halten.“ (ebd., S. 314). Dabei ist es unerheblich, dass der Inhalt der Zeitung gern versucht, den Lesern weißzumachen, sie hätten in Wirklichkeit durch dieses Informationsmedium einen panoptischen Blick auf die Geschehnisse der Welt vor sich, aus dem sie alles, was es zu wissen gäbe, entnehmen könnten. Latour nennt Orte, an denen Akteure die Leistung vollbringen, solche

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All diese Immaterialität darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, wie unabdingbar wichtig die Materialität der Zeitung als Ding für die Errichtung eines solchen Akteur-Netzwerks war. Denn da, den Grundsätzen der ANT folgend, jede Assoziation auf irgendeine Weise lückenlos von ihrem Ausgangsbis zu ihrem Zielpunkt transportiert werden, und stets sichtbar und empirisch nachvollziehbar bleiben muss, müssen in Abwesenheit von Menschen stets Dinge diese Mittlerposition einnehmen. Da Mittler aber stets dazu neigen, die an sie weitergegebene Intention zu verändern, tut sich hier das grundlegende Problem auf, wie die ausgewählte Informationsgehalte aus verschiedenen Orten, Zeiten oder Denksystemen – die Inskriptionen – zueinander gebracht werden können, ohne dass sie ihre Bedeutung verlieren.75 Latour antwortet hierauf: „Man muss Objekte erfinden, die mobil, aber auch unveränderlich, präsentierbar, lesbar und miteinander kombinierbar sind.“76 Die Zeitung war ein solches Objekt. Das scheinbare Paradoxon des unveränderlichen mobilen Elements wurde durch die frühmoderne Drucktechnik möglich gemacht. Durch die maschinelle Vervielfältigung eines gesetzten Texts in nahezu beliebiger Anzahl wurde dessen Inhalt der Wandelbarkeit handschriftlicher oder gar mündlicher Informationsweitergabe entzogen und geradezu kodifiziert. Und eben die große Menge an Kopien, die gute Transportierbarkeit durch den leichtgewichtigen Beschreibstoff Papier und die geringe Herstellungszeit mittels beweglicher Lettern ermöglichten die Mobilität der Informationen. Diese Technologie schuf eine „Kaskade immer simplifizierterer Inskriptionen, die die Produktion harter Fakten“77 ermöglichte. Wenn sich also etwa der eingangs erwähnte Unteroffizier Lusch dazu entschied, dem Verlust seiner Taschenuhr mit einer Kleinanzeige in der Zeitung zu begegnen, übertrug er die Informationen, die er sonst in persönlichen Kontakten mit potentiellen Findern immer wieder hätte reproduzieren und legitimieren müssen, auf dieses Medium. Dabei wurden die Inskriptionen über

75

76 77

vermeintlichen Überblicke und Ordnungsnarrative zu vermitteln, „Panoramen“. Diese charakterisiert er als einen sich selbst verschleiernden Trick der „großen Erzählungen“. Vgl. ebd., S. 324–327. Besonders materielle Objekte, so Latour, neigen dazu, rasch wieder aus dem Sichtradius der Beobachter zu verschwinden, da sie sich – anders als menschliche Akteure – nicht der leicht nachzuverfolgenden Sprech- und Schreibakte bedienen: „Objekte scheinen nur momentan miteinander oder mit sozialen Bindungen assoziierbar.“ (ebd., S. 138). Umso dringlicher muss dieses spezielle Problem der Informationsflüchtigkeit erscheinen. Bruno Latour, „Drawing things  together. Die Macht der unveränderlichen mobilen Elemente“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 34), S. 259–307, hier S. 266. Ebd., S.  281. Latour folgt in dieser Argumentation der US-amerikanischen Historikerin Elizabeth Eisenstein. Vgl. ebd., S. 272.

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die Bedeutung des Dings notwendigerweise vereinfacht und vereinheitlicht, ehe sie über die Mechanismen der Zeitungsproduktion und -distribution verbreitet wurden. In dieser Form gleichzeitig unveränderlich und mobil gemacht trat dem Leser hier die Taschenuhr in einer simplifizierten Gestalt entgegen, die allerdings nun durch die allgemeinverständliche Mediengrundlage auch für ihn präsentierbar, lesbar und mit anderen Informationen kombinierbar, also greifbar wurde – vorausgesetzt sowohl Inserent als auch Rezipient zahlten die mit dieser Mediennutzung verbundenen zusätzlichen Kosten. Es waren die so hergestellten vermeintlich ‚harten Fakten‘, denen es gelingen konnte, weit entfernte – oder in diesem Fall sogar gänzlich verlorene – Dinge und Bedeutungen mit Akteuren an ganz verschiedenen Orten zu verknüpfen und für sie unmittelbar relevant werden zu lassen. Dies war der entscheidende Vorteil, den das Medium der Zeitung für das Unterfangen, Verbündete für das eigene Netzwerk zu gewinnen, bot. Oder wie Latour formuliert: „Inskriptionen gestatten Konskription!“78 IV.

Schluss

Werden die Kleinanzeigen verlorener Dinge in den Berlinischen Nachrichten der 1760er Jahre als Prozess einer Akteur-Netzwerkbildung gelesen, tritt etwas zu Tage, das die ‚Materialität des Verlusts‘ genannt werden kann. Was ist darunter zu verstehen? Durch den Verlust eines Gegenstands erlischt die Funktion, die er in seinem angestammten Netzwerk ausübte. In den Anzeigen tritt dem Leser eine vermeintliche Kopie des Objekts entgegen, dass jedoch nun Teil eines völlig neuen Netzwerks ist, und darin eine völlig neue Rolle spielt. Die Uhr also, die der Unteroffizier verliert, und die Uhr, die der Unteroffizier in seinem Inserat rekonstruiert, sind nicht identisch, sondern müssen als zwei verschiedene Dinge angesehen werden. Die Annonce ist eine Reaktion auf den Verlust eines Dings, in der unter narrativen wie praktischen Anstrengungen auf nur 78

Ebd., S.  291. Es wird hier bewusst der Begriff der Öffentlichkeit (public sphere) ausgeklammert, da vermieden werden soll, dass dieses soziale Konstrukt als vorgefertigtes Erklärungsmodell das unmittelbare Geschehen innerhalb der Akteur-Netzwerke überdeckt. Zudem hat Susanne Rau betont, dass nicht etwa Diskurse innerhalb der Öffentlichkeit stattfinden, sondern diese ihrerseits erst durch die Diskurse entsteht. Der Fokus liegt hier daher auf einem der Bausteine einer solchen public sphere und nicht auf einem ihrer Ergebnisse. Vgl. Susanne Rau, „Orte – Akteure – Netzwerke. Zur Konstitution öffentlicher Räume in einer frühneuzeitlichen Fernhandelsstadt“, in: Gerd Schwerhoff (Hg.), Stadt und Öffentlichkeit in der Frühen Neuzeit, Köln 2011, S. 39–63, hier S. 40.

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wenigen Zeilen Text eine ganze hypothetische Welt erschaffen wird, um die Rückkehr des Gegenstands zu seinem Besitzer zu ermöglichen. Oder bildlich gesprochen: Ein eigens zu diesem Zweck geknüpftes Netz wird ausgeworfen, in dem das Ding sich verstricken soll, um es wieder in seine soziale Existenz zurückzuholen. Die ‚Materialität des Verlusts‘, die dabei geschaffen wird, ist ein Hybrid: Eine narrative Neugestaltung des Objekts und seiner Umwelt auf der Ebene der Fiktion, immer angewiesen auf faktische Handlungen. Sie oszilliert zwischen Personen, Dingen und Räumen, Vereinfachung und Komplexität, Anwesenheit und Abwesenheit. Bei der verlorenen Uhr und der besessenen Uhr handelt es sich um zwei verschiedene Gegenstände, und doch wieder nicht.79 Die Materialität des Verlusts ist keine Leerstelle, sondern eine sehr bedeutungsvolle Heterogenität – ein ANT-geleiteter Ansatz kann dabei helfen, diesen verschwundenen Aspekt materieller Kultur wiederzufinden.

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John Law hat den Begriff der fraktalen Kohärenz vorgeschlagen, um das Zusammenwirken unterschiedlicher Variationen in einem Einzelobjekt greifbar zu machen: „In this way of thinking, a fractionally coherent subject or object is one that balances between plurality and singularity. It is more than one, but less than many.“ (John Law, Aircraft stories. Decentering the object in technoscience, Durham 2002, S. 2f.).

7. Als Ameise durch die transnationale Geschichte gehen. Überlegungen zu jeux d’échelles und Akteur-Netzwerk-Theorie in einer Geschichte transnationalen Wissenstransfers Katharina Kreuder-Sonnen Im Sommer 1885 reiste der Warschauer Medizinstudent Odo Bujwid nach Berlin, um bei Robert Koch ein neues und verheißungsvolles Wissensfeld kennen zu lernen: die Bakteriologie. Zurück in Warschau eröffnete Bujwid in der Küche seiner Wohnung das erste bakteriologische Labor im polnischen Königreich. Einige Monate später, im Frühjahr 1886, ging er erneut auf Reisen. Dieses Mal war Paris sein Ziel. Bei Louis Pasteur erlernte der mittlerweile examinierte Arzt die Herstellung von Tollwutimpfstoff. Pasteur hatte die erfolgreiche Immunisierung von zwei Jungen gegen die Tollwut im Herbst 1885 medienwirksam verkündet und nun zog es Mediziner aus aller Welt in sein Labor. Zurück in Warschau begann Bujwid, den Impfstoff selbst zu produzieren. Aus dem ganzen Königreich kamen Kinder und Erwachsene, die von einem tollwütigen Tier gebissen worden waren, zu ihm, um sich gegen eine Infektion zu schützen.1 Bujwid also hatte aus Berlin neues Wissen über kleinste und für das bloße Auge unsichtbare Organismen, die Infektionskrankheiten auslösten, nach Warschau gebracht und aus Paris ein Mittel eingeführt, das in der Lage war, zumindest einer Gruppe dieser pathogenen Mikroben den Garaus zu machen. Er selbst hat sich deshalb als Begründer der Bakteriologie in Polen beschrieben2 1 Die Geschichte Odo Bujwids, die im vorliegenden Beitrag als Fallbeispiel dienen soll, diskutiere ich ausführlicher in: Katharina Kreuder-Sonnen, Wie man Mikroben auf Reisen schickt. Zirkulierendes bakteriologisches Wissen und die polnische Medizin 1885–1939, Tübingen 2018. Zu ersten Überlegungen zu Bujwid und bakteriologischem Wissenstransfer vgl. auch dies., „Wie die Mikroben nach Warschau kamen. Wissenstransfer in der Bakteriologie in den 1880er Jahren“, in: NTM 20,3 (2012), S. 157–180. Zu Bujwid liegt keine Biografie vor, jedoch wurden seine Memoiren posthum veröffentlicht: Odo Bujwid, Osamotnienie. Pamiętniki z lat 1932–1942. Przygotowali do druku, wstępem i przypisami opatrzyli: Danuta i Tadeusz Jarosińscy [Vereinsamung. Erinnerungen aus den Jahren 1932–1942. Zum Druck vorbereitet und mit Anmerkungen und einer Einleitung versehen von Danuta und Tadeusz Jarosińscy], Kraków 1990. 2 Vgl. z. B. ebd., S. 43.

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und die medizinhistorische Forschung ist ihm in dieser Annahme weitgehend gefolgt.3 Wenn man den Weg der Bakteriologie in die polnischsprachige medical community untersuchen möchte, bietet sich Odo Bujwid als Einstieg an. Ich möchte im Folgenden meine historiographische Herangehensweise an diese Geschichte bakteriologischen Wissenstransfers diskutieren. Dies tue ich in Form einer idealisierten Erzählung meiner Suche nach passenden Konzepten, die mich von der transnationalen Geschichtsschreibung über die Mikrogeschichte hin zur Akteur-Netzwerk-Theorie geführt hat. Die Realität meines Forschungsalltags gestaltete sich deutlich kontingenter und chaotischer als in dieser Erzählung. Die relativ gradlinige Lesereise, die ich hier skizziere, ist (natürlich) eine im Nachhinein als sinnfällig konstruierte. Sie kann jedoch aufzeigen, inwiefern die ANT wichtige Postulate der transnationalen und Globalgeschichte umzusetzen schafft. Zudem zeigt sich, dass die ANT als ein Instrument konsequenter Historisierung ein genuin geschichtswissenschaftliches Methodenreservoir bereitstellt. Mein Interesse am Prozess des bakteriologischen Wissenstransfers entsprang einer reichhaltigen Forschung zur Geschichte der Bakteriologie in ihren Ursprungsländern Deutschland und Frankreich und der gleichzeitig zumindest in der westeuropäischen und angelsächsischen Historiographie stark vernachlässigten wissenschaftshistorischen Betrachtung Ostmitteleuropas. Zudem schien die polnische Medizin- und Wissenschaftsgeschichte dem großen Interesse der historischen Forschung an transnationalen Verbindungen, grenzüberschreitenden links and flows, Kulturtransfer, entangled oder shared history, histoire croisée oder connectedness mehr als gerecht zu werden.4 Schon lange bevor diese Frageperspektive in der angelsächsischen und europäischen Geschichtswissenschaft en vogue wurde, spielten – in diesem Fall meist als ‚international‘ bezeichnete – Verflechtungen in der polnischen Medizingeschichtsschreibung eine große Rolle. Die universitäre Ausbildung im Königreich Polen war nach dem Januaraufstand von 1863 von der zarischen Regierung konsequent russifiziert und auf ein Minimum 3 Vgl. z. B. Zdzisław Przybyłkiewicz, „Odo Bujwid (1857-1942)“, in: Academia Medica Cracoviensis (Hg.), Sześćsetlecie Medycyny Krakowkiej w sześćsetlecie Uniwersytetu Jagiellońskiego, Tom I: Życiorysy [Das 600. Jubiläum der Krakauer Medizin anlässlich des 600. Geburtstages der Jagiellonen Universität, Bd. 1: Lebensläufe], Kraków 1963, S. 267–280, hier S. 268; Maciej Demel, Księga Tradycji PTH. Chronologia – topografia – biografia, Tom 1: Czas Niewoli [ Jahrbuch der PTH. Chronologie – Topographie – Biographie, Bd. 1: Zeit der Unfreiheit], Warszawa, Łódź 1986, S. 45; Marta A. Balińska, „The National Institute of Hygiene and public health in Poland 1918– 1939“, in: Social History of Medicine 9,3 (1996), S. 427–445, hier S. 431. 4 Zu all diesen Ansätzen s. u.

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zusammengeschrumpft worden.5 Als Konsequenz verstärkten sich die peregrynacje uniwersyteckie – akademische Pilgerreisen.6 Ungefähr die Hälfte der polnischen Medizinstudierenden absolvierte ihre Ausbildung im 19. Jahrhundert ganz oder teilweise im Ausland.7 Deutsche Universitäten, insbesondere die in Berlin, Breslau und Greifswald waren bei den Studierenden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts besonders beliebt.8 Ein Auslandsstudium war auch für andere Fächer keine Seltenheit. Die (erzwungene) Bildungsmobilität polnischer Akademiker_innen und die politische und finanzielle Gängelung der einzigen Universität im polnischen Königreich führten dazu, dass sich die universitäre Medizin in Warschau explizit als Rezipientin internationaler wissenschaftlicher Entwicklungen verstand. Die Stärke der polnischen Medizin, so Zeitgenossen, liege darin, internationale Forschungsergebnisse aufzugreifen, zu evaluieren und gegebenenfalls umzusetzen, nicht aber im selbständigen Hervorbringen neuen Wissens.9 Die polnische 5 Vgl. Stanisław Brzozowski, „Warunki Rozwoju Nauki Polskiej w kraju 1860–1918“ [Entwicklungsbedingungen der polnischen Wissenschaft im Land 1860–1918], in: Bohdan Jaczewski (Hg.), Życie naukowe w Polsce w drugiej połowie XIX i w XX wieku. Organizacje i instytucje [Wissenschaftliches Leben in Polen in der zweiten Hälfte des 19. und im 20. Jahrhundert. Organisationen und Institutionen], Wrocław 1987, S. 13–57, hier S. 14. 6 Vgl. Tadeusz Brzeziński, Polskie peregrynacje po dyplomy lekarskie. Od średniowiecza po odzyskanie niepodległości w 1918r. [Polnische Pilgerreisen zu medizinischen Diplomen. Vom Mittelalter bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1918], Warszawa 1999; Witold Molik, Polskie peregrynacje uniwersyteckie do Niemiec 1871–1914 [Polnische universitäre Pilgerreisen nach Deutschland 1871–1914], Poznań 1989. 7 Brzeziński stellt fest, dass 48 Prozent der polnischen Medizinstudierenden aus allen Teilungsgebieten im 19. Jahrhundert ihre Diplome im Ausland erworben haben, 19 Prozent davon in Deutschland. Vgl. Tadeusz Brzeziński, „Medyczne studia Polaków na uniwersytetach niemieckich“ [Das Medizinstudium der Polen an deutschen Universitäten], in: Archiwum Historii i Filozofii Medycyny 54,1–2 (1991), S. 83–89, hier S. 84. Nieznanowska macht für das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts einen Anteil von 70 Prozent polnischer Medizinstudierender im Ausland aus, davon hätten Zweidrittel an deutschsprachigen Universitäten studiert. Vgl. Joanna Nieznanowska, „Polsko-niemiecka wymiana myśli medycznej w XIX wieku. Założenia metodologiczne projektu badawczego. Udział polskich autorów w dziwiętnastowiecznym niemieckim czasopiśmiennictwie medycznym na przykładzie periodyków wydawanych w Berlinie“ [Polnisch-deutscher Austausch in der Medizin im 19. Jahrhundert. Methodologische Prämissen eines Forschungsprojektes. Die Beteiligung polnischer Autoren im deutschen medizinischen Zeitschriftenwesen des 19. Jahrhunderts am Beispiel der in Berlin herausgegebenen Schriften], in: Michael Sachs, Bożena PłonkaSyroka, Fritz Dross (Hg.), Współpraca na polu medycyny między Niemcami i Polakami = Austausch in der Medizin zwischen Deutschen und Polen, Wrocław 2008, S. 131–141, hier S. 132. 8 Vgl. Brzeziński, Medyczne studia (wie Anm.  7), S.  87f.; Nieznanowska, Polsko-niemiecka wymiana (wie Anm. 7), S. 132. 9 Vgl. Henryk Hoyer, „Uwagi nad piśmiennictwem lekarskim polskim“ [Bemerkungen zum polnischen medizinischen Zeitschriftenwesen], in: Gazeta Lekarska 23 (1903), S.  833–836,

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Wissenschaftshistoriographie hat diese Selbstbeschreibung aufgegriffen und internationalen Austausch bereits in den 1980er Jahren als konstitutiv für die polnische Medizin beschrieben.10 Heutzutage wird die große Mobilität und die Fähigkeit in zahlreichen Sprachen wissenschaftlich zu lesen und zu publizieren als Indiz für die Transnationalität des polnischen bildungsbürgerlichen Milieus interpretiert.11 In der polnischen Wissenschaftsgeschichte kann man also fündig werden, will man am stetig wachsenden Teppich transnationaler Geschichten und Geschichtsbilder mitweben. Wie aber sollte ich bei der Beschreibung transnationalen bakteriologischen Wissenstransfers vorgehen? Welche Orte oder Räume wählt man als Ausgangs- und Endpunkt? Berlin, Paris und Warschau oder aber Deutschland, Frankreich und das Königreich Polen bzw. das Zarenreich? Oder startet man in Robert Kochs Labor, in Louis Pasteurs winzigen Räumlichkeiten in der Rue d’Ulm und in Bujwids Küche? Und wer sind die Akteure des Transfers, das heißt, wer bewegt etwas oder sich: Odo Bujwid, Robert Koch und Louis Pasteur, die Institutionen, zu denen sie gehören, finanzielle Gönner, Zeitschriftenartikel oder Autos und Eisenbahnen? Außerdem stellt sich die Frage, wie man die Veränderungen während eines Transferprozesse fassen kann. Ist das Transportgut an seinem Zielort das gleiche wie an seinem Ausgangspunkt?

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S.  857–861, S.  878–882, hier S.  834; Zofia Podgórska-Klawe, „Rozwój nauk medycznych w Towarzystwie Lekarskim Warszawskim w latach 1820–1915 w świetle ‚Pamiętnika Towarzystwa Lekarskiego Warszawskiego‘“ [Die Entwicklung der medizinischen Wissenschaft in der Warschauer Medizinischen Gesellschaft in den Jahren 1820–1915 im Spiegel des ‚Jahrbuchs der Warschauer Medizinischen Gesellschaft‘], in: dies. (Hg.), Towarzystwo Lekarskie Warszawskie 1820–2005. Część pierwsza: 1820–1917 [Die Warschauer Medizinische Gesellschaft 1820–2005. Teil 1: 1820–1917], Warszawa 2005, S. 421–618, hier S. 518. Stanisław Konopka, Zofia Podgórska-Klawe, Roman Dzierżanowski, „Medycyna“ [Medizin], in: Bogdan Suchodolski (Hg.), Historia Nauki Polskiej [Geschichte der polnischen Wissenschaft], Bd.  4: 1863–1918, Teil  3 hg. von Zofia Skubala-Tokarska, Wrocław 1987, S. 383–415, hier S. 387f. Vgl. Ruth Leiserowitz, „‚Das unsichtbare Gepäck‘. Warschauer Studenten und Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts als Akteure des Wissenstransfers, in: dies., Stephan Lehnstaedt (Hg.), Lesestunde/Lekcja czytania, Warszawa 2013, S. 27–36; Ruth Leiserowitz., „Polnische Militärärzte im zarischen Imperium. Räume und Spannungsfelder zwischen Warschau und Port Artur“, in: Tim Buchen, Malte Rolf (Hg.), Eliten im Vielvölkerreich. Imperiale Biographien in Russland und Österreich-Ungarn (1850–1918), Berlin, Boston 2015, S. 223–239. Zu Praktiken des wissenschaftlichen Übersetzens vgl. Jan Surman, „Wissenschaft als Übersetzung? Translation und Wandel polnischsprachiger Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Eine Einführung“, in: Zeitschrift für OstmitteleuropaForschung 65,4 (2016), S. 483–506 (sowie das dazugehörige Themenheft).

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Welche Antworten auf diese Fragen ich in den Ansätzen der transnationalen Geschichte, der Mikrogeschichte und der Akteur-NetzwerkTheorie gefunden habe und welche ich für besonders tragfähig halte, werde ich nun im Folgenden ausführen. Die Akteur-Netzwerk-Theorie möchte ich dabei als vielversprechende methodische Erweiterung für die transnationale Geschichtsschreibung einführen, die transnationale Verflechtungen konkret und gleichzeitig in ihrer breiten Komplexität fassbar macht.12 I.

Transnationale Geschichte und Wissenstransfer

‚Transnationale Geschichte‘ ist ein schillernder Begriff. In seinem ursprünglichen wissenschaftlichen Zusammenhang, der Politikwissenschaft, bezeichnete ‚transnational‘ die Interaktion zwischen drei Akteuren aus verschiedenen Staaten, von denen einer kein Regierungsvertreter sein durfte. Hier wurde ‚transnational‘ also in Abgrenzung zu ‚international‘ oder ‚intergouvernemental‘ verstanden.13 Soziologie und Ethnologie stellten Migranten, ihre Erfahrungen und Identitätsentwürfe zwischen und jenseits von imaginierten homogenen nationalen Gemeinschaften in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen von Transnationalität.14 Historiker_innen in Europa und den USA, die den Begriff seit den späten 1980er Jahren verwenden, haben mehrfach hervorgehoben, dass es sich bei der transnationalen Geschichte weder um ein theoretisches Konzept noch eine konkrete Methode handelt, sondern (lediglich) um eine spezifische Forschungsperspektive.15 Diese Perspektive stellt ihren Blick scharf auf „links and flows“ sowie auf „people, ideas, products, processes and patterns that operate over, across, through, beyond, above, under, or in-between polities

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Ein entsprechender Versuch wurde jüngst auch für die Globalgeschichte unternommen. Vgl. Debora Gerstenberger, Joël Glasman (Hg.), Techniken der Globalisierung. Globalgeschichte meets Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2016. Vgl. Patricia Clavin, „Defining transnationalism“, in: Contemporary European History 24,4 (2005), S. 421–439, hier S. 425. Vgl. Jürgen Osterhammel, „Transnationale Gesellschaftsgeschichte. Erweiterung oder Alternative?“, in: Geschichte und Gesellschaft 27,3 (2001), S. 464–479, hier S. 473. Vgl. Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel, „Einleitung“, in: dies. (Hg.), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt, 1871–1914, Göttingen 2004, S. 7–27, hier S. 14; Clavin, Transnationalism (wie Anm.  13), S.  436; Bernhard Struck, Kate Ferris, Jacques Revel, „Introduction: Space and scale in transnational history“, in: International History Review 33,4 (2011), S. 573–584, hier S. 574.

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and societies.“16 Es geht ihr vor allem darum, die Nation als feststehende Analysekategorie aufzubrechen. Entsprechend dieses breiten Ansatzes kann eine Vielzahl historischer Phänomene unter der Überschrift der transnationalen Geschichte subsumiert werden. Es ging und geht zum Beispiel um institutionalisierten und informellen Kultur- und Wissenstransfer,17 um mobile Biographien,18 um Wirtschaftsbeziehungen,19 um interethnisches und das Nationale transzendierendes Zusammenleben an einem konkreten Ort oder in einer Region,20 um nichtnationale Loyalitätsentwürfe,21 um internationale Organisationen als Orte transnationalen Austausches,22 usw. – also um diverse Formen politischer, 16 17

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Akira Iriye, Pierre-Yves Saunier, „Introduction. The professor and the madman“, in: dies. (Hg.), The Palgrave Dictionary of transnational history, Basingstoke 2009, S. xvii–xx, hier S. xviii. Grundlegend hierzu: Michel Espagne, Les transferts culturels franco-allemands, Paris 1999. Zu naturwissenschaftlichem Wissenstransfer in imperialen und kolonialen Zusammenhängen vgl. Roy MacLeod (Hg.), Nature and empire. Science and the colonial enterprise, Chicago 2000; Kapil Raj, Relocating modern science. Circulation and the construction of scientific knowledge in South Asia and Europe, 1650–1900, Basingstoke 2007; James Delbourgo, Nicholas Dew (Hg.), Science and empire in the Atlantic world, New York 2008. Z. B. Katrin Steffen, „Wissenschaftler in Bewegung. Der Materialforscher Jan Czochralski zwischen den Weltkriegen“, in: Journal of Modern European History 6,2 (2008), S. 237–261; Simon Schaffer, Lissa Roberts, Kapil Raj, James Delbourgo (Hg.), The brokered world. Go-betweens and global intelligence 1770–1820, Sagamore Beach 2009; Denis Kitzinger, „Towards a model of transnational agency. The case of Deitrich von Hildebrand“, in: The International History Review 33,4 (2011), S. 669–686; John-Paul A. Ghobrial, „The secret life of Elias of Babylon and the uses of global microhistory“, in: Past & Present 222,1 (2014), S.  51–93; Alexa von Winning, „The empire as family affair. The Mansurovs and noble participation in Imperial Russia, 1850–1917“, in: Geschichte und Gesellschaft 40,1 (2014), S. 94–116 und das gesamte Heft zu „Imperialen Biographien“. Für ein Beispiel aus Ostmitteleuropa vgl. Nikolaus Wolf, „1918 als Zäsur? Die wirtschaftliche Entwicklung und die Periodisierung der neueren Geschichte Ostmitteleuropas“, in: Frank Hadler, Matthias Midell (Hg.), Verflochtene Geschichten: Ostmitteleuropa, in: Comparativ 20,1–2 (2010), S. 30–52. Z. B. Helmut Walser Smith, „An Preußens Rändern oder: Die Welt, die dem Nationalismus verloren ging“, in: Conrad, Osterhammel, Kaiserreich (wie Anm. 15), S. 149–169; Jeremy King, Budweisers into Czechs and Germans. A local history of Bohemian politics, 1848–1948, Princeton 2005; Ulrike von Hirschhausen, Die Grenzen der Gemeinsamkeit. Deutsche, Letten, Russen und Juden in Riga 1860–1914, Göttingen 2006; Mark Tilse, Transnationalism in the Prussian East. From national conflict to synthesis, 1871–1914, Basingstoke 2011. Tara Zahra, „Imagined noncommunities. National indifference as a category of analysis“, in: Slavic Review 69,1 (2010), S. 93–119. Z. B.  Clavin, Transnationalism (wie Anm.  13); Christine von Oertzen, Strategie Verständigung. Zur transnationalen Vernetzung von Akademikerinnen 1917–1955, Göttingen 2012.

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sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Verflechtungen, in denen die Nation entweder durch historische Akteure transzendiert oder aber erst hervorgebracht und somit in ihrer Historizität sichtbar wird. Nie ist die Nation als vorausgehende Analysekategorie feststehend. Häufig bleibt sie als Explanandum jedoch der Fluchtpunkt auch transnationaler Forschungsansätze.23 Gerade die multiethnische Habsburgermonarchie und das Zarenreich, die Polen am Ende des 18. Jahrhunderts gemeinsam mit Preußen unter sich aufteilten, sind deshalb auch Gegenstand der transnationalen Perspektive auf Geschichte geworden.24 Die transnationale Perspektive in der Geschichtswissenschaft hat eine große Nähe zu den postcolonial studies und untersucht häufig asymmetrische Beziehungen innerhalb maritimer und kontinentaler Kolonialreiche und Empires.25 Hier wird auch ihre Verwandtschaft mit der Globalgeschichte deutlich, von der sie sich teilweise nur durch den Grad der Entfernung der vernetzten Entitäten unterscheiden lässt.26 Die Ablehnung einer klaren theoretischen und methodischen Positionierung hat ‚transnationale Geschichte‘ zu einem Überbegriff beziehungsweise einer „umbrella perspective“27 werden lassen, unter der man sich verschiedener methodischer Ansätze bedienen kann, um transnationale Verflechtungen in den Blick zu nehmen. Neben den postcolonial studies und der Globalgeschichte können hier – wiederum mit den beiden letztgenannten verwoben – histoire

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Vgl. Sebastian Conrad, Globalgeschichte. Eine Einführung, München 2013, S.  17. Die explizite Berücksichtigung des Nationalen wird von Vertretern der transnationalen Geschichte teilweise auch deutlich eingefordert: Clavin, Transnationalism (wie Anm. 13), S. 436; Kiran Klaus Patel, „Transnational history“, in: European History Online 2010, http:// www.ieg-ego.eu/patelk-2010-en. Z. B.  Peter  Haslinger (Hg.), Ostmitteleuropa transnational, in: Comparativ  18,2 (2008); Hadler, Midell, Verflochtene Geschichten (wie Anm. 19). Vgl. Sebastian Conrad, Shalini Randeria (Hg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt a. M. 2002; Antoinette  M.  Burton, After the imperial turn. Thinking with and through the nation, Durham 2003; Conrad, Osterhammel, Kaiserreich (wie Anm. 15). Vgl. Conrad, Globalgeschichte (wie Anm.  23), S.  16f. Conrad weist allerdings darauf hin, dass der stetige Fokus transnationaler Studien auf die Nation von der Forschungsperspektive der Globalgeschichte abweicht. In der Überwindung einer internalistischen nationalen Geschichtsschreibung kämen sich transnationale und Globalgeschichte aber sehr nahe. Struck, Ferries, Revel, Introduction (wie Anm. 15), S. 573.

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croisée,28 shared29 oder entangled history30 genannt werden. Auch der Vergleich bleibt eine wichtige Methode transnationaler Geschichtsschreibung.31 Ob die genannten Ansätze der transnationalen Geschichte jedoch untergeordnet sind oder neben ihr stehen, ist nicht abschließend geklärt.32 Alle benannten Perspektiven und Ansätze bleiben offen und sind definitorisch nicht scharf umgrenzt. Der Begriff der transnationalen Geschichte wird deshalb schillernd bleiben und je nach Forschungsgegenstand als übergeordneter Begriff oder als konkreter Ansatz verwendet werden. Für die Frage, wie man Wissenstransfer beschreiben kann, habe ich in Michel Espanges Konzept des Kulturtransfers und bei der histoire croisée die konkretesten Hinweise gefunden. Espagne und seine Mitstreiter in einem größeren deutsch-französischen Projekt zu Kulturtransfer zwischen den beiden Ländern strebten eine verflochtene Geschichte französischer und deutscher Nationalkultur an. Dabei wurden Annäherung und Differenz zusammengedacht. Französische und deutsche Philosophie und Wissenschaft seien jeweils auch im Nachbarland rezipiert worden, allerdings wären Inhalte immer an den Rezeptionskontext angepasst worden und hätten eine Veränderung erfahren.33 Die Gefahr, ‚nationale Kultur‘ in einem solchen Modell zu stark zu homogenisieren, haben die Vertreter des Kulturtransferkonzepts erkannt, ohne den Begriff gänzlich aufzugeben.34 Um jedoch der inneren Heterogenität nationaler Kulturen gerecht zu werden, hält Michel Espagne in der Praxis eine Mikroanalyse für erforderlich. Er schlägt vor, Untersuchungen 28

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Vgl. Michael Werner, Bénédicte Zimmermann, „Vergleich, Transfer, Verflechtung. Der Ansatz der „Histoire croisée“ und die Herausforderung des Transnationalen“, in: Geschichte und Gesellschaft 28,4 (2002), S. 607–636; dies. (Hg.), De la comparaison à l’histoire croisée, Paris 2004; dies., „Beyond comparison. Histoire croisée and the challenge of reflexivity“, in: History and Theory 45,1 (2006), S. 30–50. Vgl. Sebastian Conrad, Shalini Randeria, „Geteilte Geschichte – Europa in einer postkolonialen Welt“, in: dies., Eurozentrismus (wie Anm. 25), S. 9–49. Vgl. Shalini Randeria, „Entangled histories of uneven modernities. Civil society, caste solidarities and legal pluralism in post-colonial India“, in: John Keane (Hg.), Civil society. Berlin perspectives, New York 2007, S. 213–242. Vgl. Nicolas Mariot, Jay Rowell, „Une comparaison asymétrique. Visites de souveraineté et construction nationale en France et en Allemagne à la veille de la Première Guerre Mondiale“, in: Werner, Zimmermann, Comparaison (wie Anm.  28), S.  181–207; Hartmut Kaelble, Die Debatte über Vergleich und Transfer und was jetzt?, in: H-Soz-u-Kult, 8.2.2005, http://www.hsozkult.de/article/id/artikel-574. Vgl. Patel, Transnational history (wie Anm. 23). Vgl. Espagne, Les transferts (wie Anm. 17), S. 20–23. Vgl. ders., Michael Werner, „Deutsch-französischer Kulturtransfer als Forschungsgegenstand. Eine Problemskizze“, in: dies. (Hg.), Transferts. Les rélations interculturelles dans l’espace franco-allemand (XVIIIe et XIXe siècle), Paris 1988, S. 11–34, hier S. 13–15.

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auf einem „eng umgrenzten Niveau (Objekte, soziale Gruppen, Werke)“ anzusetzen, wobei ihm Berufsgruppen besonders sinnvoll erscheinen.35 Mit Odo Bujwid hatte ich zwar noch keine Sozial- oder Berufsgruppe, wohl aber einen ersten Vertreter der polnischen Medizinerschaft identifiziert, von dem aus eine Mikroanalyse beginnen könnte. Aber war es möglich, bakteriologischen Wissenstransfer als Transfer zwischen, sagen wir, naturwissenschaftlichen Nationalkulturen zu betrachten? Die deutsche und die französische Bakteriologie könnten sich durchaus als Teil nationaler Diskurse und Praktiken verstehen lassen. Für die deutsche Bakteriologie hat zum Beispiel Silvia Berger gezeigt, dass sich das neue Wissensfeld in den 1890er Jahren zu einem hegemonialen Denkstil aufschwang, sich mit nationalistischer und militaristischer Rhetorik im Kaiserreich eng verknüpfte und im Ersten Weltkrieg gar zu einer entscheidenden Kriegswissenschaft avancierte.36 Auch in Frankreich waren Pasteur und seine microbiologie eng mit nationalen und kolonialen Diskursen verknüpft. Nicht zuletzt standen sich Koch und Pasteur als Rivalen nationaler Couleur gegenüber.37 Wie aber stand es um Bujwid? Die komplexe Geschichte des polnischen Staates und der polnischen Nation sollten einen vor einfachen nationalen Zuschreibungen stets zurückschrecken lassen.38 Zudem warnt ja der transnationale Ansatz ganz explizit davor, nationale Identitätsentwürfe einfach als gegeben anzunehmen. In der Mitte der 1880er Jahre, in der Bujwids Geschichte spielt, existierte kein polnischer Nationalstaat. Bujwid war Bürger des russischen Zarenreichs, das sein Teilungsgebiet der ehemaligen polnisch-litauischen Republik seit den 1860er Jahren mit zunehmender Härte und starken Russifizierungs- und 35 36

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Espagne, Les transferts (wie Anm. 17), S. 8 (Zitat), S. 27. Dieses sowie alle weiteren fremdsprachigen Zitate wurden von mir übersetzt. Vgl. Silvia Berger, Bakterien in Krieg und Frieden. Eine Geschichte der medizinischen Bakteriologie in Deutschland, 1890–1933, Göttingen 2009; vgl. auch Paul  J.  Weindling, Epidemics and genocide in Eastern Europe 1890–1945, Oxford 2000. Vgl. grundsätzlich zu Bakteriologie und Mechanismen von Inklusion und Exklusion: Philipp Sarasin, Silvia Berger, Marianne Hänseler, Myriam Spörri (Hg.), Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren, 1870–1920, Frankfurt a. M. 2007. Vgl. Gerald L. Geison, The private science of Louis Pasteur, Princeton 1995; John Andrew Mendelsohn, Cultures of bacteriology. Formation and transformation of a science in France and Germany, 1870–1914, Dissertation University of Princeton 1996; Anne Marie Moulin, „Patriarchal science. The network of the overseas Pasteur Institutes“, in: Patrick Petitjean (Hg.), Science and empires. Historical studies about scientific development and European expansion, Dordrecht 1992, S. 307–322. Brian Porter-Szücs hat die Frage, was in der ‚polnischen‘ Geschichte eigentlich als ‚polnisch‘ zu benennen ist, zu einem der „herausforderndsten Aspekte“ ‚polnischer‘ Historiographie erklärt. Brian Porter-Szücs, Poland in the modern world. Beyond martyrdom, Chichester 2014, S. 9.

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Zentralisierungstendenzen regierte. Eine polnische Nationalbewegung existierte über die gesamte Zeit der Teilungen, und es wäre nicht unwahrscheinlich, dass Bujwid als Vertreter eines akademischen Milieus auch Teil dieser Bewegung war. Sicher sein konnte man sich dessen jedoch nicht, zumal wenn man sein Engagement als Sozialist und Esperantist in Betracht zieht. Es schien also ungewiss, ob sich die Bakteriologie von Bujwid aus im polnischen Königreich als ein nationales Projekt beschreiben lassen würde.39 Ein historiographischer Ansatz, der einer solchen Ungewissheit gegenüber der nationalen Dimension stärker gerecht zu werden versucht und der Reifizierung der Nation im Kulturtransferprojekt entgehen möchte, ist die histoire croisée. Sie hat kritisiert, dass Espagnes Konzept die Nation als feste und gegebene Struktur zwar aufbricht, sie als Anfangs- und Endpunkt von Transferprozessen aber dennoch konsolidiert. Michael Werner und Bénédicte Zimmermann schlagen stattdessen vor, die Ebenen und Kategorien der Analyse nicht im Vorfeld einer Untersuchung festzulegen. Es muss also nicht vor Beginn der Untersuchung bakteriologischen Wissenstransfers entschieden werden, ob dieser zwischen Personen, Laboren, Städten, Nationen, Regionen oder Empires stattfindet. Vielmehr solle man derartige Einheiten „erst im Laufe der Analyse näher eingrenzen“.40 Als historiographischen Ausgangspunkt empfehlen Werner und Zimmermann wie Espagne eine Mikroanalyse, fordern aber ein stärkeres Maß an Historisierung und (Selbst-)Reflexivität. Dies könne mittels der Methode der „induktiven Pragmatik“ erreicht werden. Um transnationale Verflechtungen zu untersuchen, solle „man von der Beobachtung der Dinge und Gegenstände [ausgehen], von den Handlungssituationen, aus denen heraus die Objekte mit Sinn bedacht werden, schließlich von der Logik der Akteure, in deren Wahrnehmungen sie sich einfügen und in deren Zweckbestimmungen sie Gestalt gewinnen“.41 Die induktive Pragmatik beginnt ihren Weg also, wie die Kulturtransferuntersuchung, bei einem konkreten Objekt, einer Person, einem Gegenstand. Sie ordnet dieses konkrete Ding jedoch nicht sofort in einen „convenient and lazy context“ ein, sondern folgt historischen Akteuren dabei, wie sie sich selbst oder einen/etwas anderen/s kontextualisieren oder mit Sinn versehen.42 Grenzüberschreitende Vernetzung beginnt hier auf der 39

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Dass Odo Bujwid die Bakteriologie nicht erfolgreich mit der nationalisierten Hygienebewegung im polnischen Königreich vernetzte, zeige ich in Katharina Kreuder-Sonnen, „From transnationalism to olympic internationalism. Polish medical experts and international scientific exchange, 1885–1939“, in: Contemporary European History 25,2 (2016), S. 207–231. Werner, Zimmermann, Vergleich (wie Anm. 28), S. 617. Ebd., S. 621. Dies., Beyond comparison (wie Anm. 25), S. 47 (hier auch Zitat).

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Mikroebene des historischen Erzählens. Transnationale Verflechtung soll nicht aus der Vogelperspektive beobachtet, sondern im Konkreten und anhand ihrer Akteure nachvollzogen werden. Diesem Plädoyer für eine möglichst kleine analytische Ebene sind weitere Historiker_innen transnationaler und auch globaler Geschichtsschreibung gefolgt. Bartolomé Yun Casalilla beispielsweise fordert, die Effekte transnationaler und globaler Prozesse auf der lokalen Ebene zu untersuchen.43 Tonio Andrade will Globalgeschichte gar aus einer Akkumulation von individuellen Biographien erschaffen und dem Globalen auf diese Art und Weise „Leben einhauchen“.44 Bernhard Struck, Kate Ferries und Jacques Revel geht es in ihrem Plädoyer für die Mikroebene darum, Prozesse von Transfer und Verflechtung konkret zu beschreiben: „[By] playing with the scale of our analysis of transnational phenomena, by examining how these processes of connection, transfer and exchange actually take place or are experienced can also change how we fundamentally understand these processes.“45 Das Spielen mit dem Maßstab historischer Forschung hat seit den 1980er Jahren vor allem die Mikrogeschichte betrieben und reflektiert. Von ihr nehmen transnationale und Globalhistoriker_innen denn auch zahlreiche Anleihen. Die Frage der Skala ergibt sich notwendigerweise, wenn das Transnationale oder das Globale auf einer Mikroebene oder aber von einer Mikroebene ausgehend erforscht werden soll. In was für einem Verhältnis stehen das konkrete Objekt und das Transnationale zueinander? Wie gelangt man von der Mikroanalyse zur Makroebene? Und wie ist diese Makroebene beschaffen? Ist das Transnationale ein homogenisiertes Ganzes oder ein heterogenes und spannungsgeladenes Geflecht?46 Für den Fall des bakteriologischen Wissenstransfers würden sich diese Fragen wie folgt übersetzen: Nicht nur bliebe zunächst einmal offen, welche Entitäten sich mit Odo Bujwids Reisen zwischen Warschau, Berlin und Paris verflochten haben. Es bliebe auch zu fragen, wie man von dem Reiseweg eines einzelnen Mannes ausgehend auf die grenzüberschreitende Stabilisierung 43 44 45 46

Vgl. Bartolomé Yun Casalilla, „‘Localism’, global history and transnational history. A reflection from the historian of early modern Europe“, in: Historisk Tidskrift 127,4 (2007), S. 659–678. Tonio Andrade, „A Chinese farmer, two African boys, and a warlord. Toward a global microhistory“, in: Journal of World History 21,4 (2010), S. 573–591, hier S. 591. Struck, Ferris, Revel, Introduction (wie Anm. 15), S. 579f. Angelika Epple hat diese Frage der Relationen in der Geschichtswissenschaft jüngst für die Globalgeschichte diskutiert und eine breitere Debatte über das Verhältnis von lokal und global in der Globalisierungsforschung aufgezeigt. Ihre Thesen werden unten aufgegriffen. Vgl. Angelika Epple, „Lokalität und die Dimensionen des Globalen. Eine Frage der Relationen“, in: Historische Anthropologie 21,1 (2013), S. 4–25.

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eines gesamten Wissensbestandes schließen kann. Denn nichts anderes will eine Geschichte des Wissenstransfers untersuchen: Wie wird ein Wissensbestand erfolgreich an einen neuen Ort gebracht und hier als eine wissenschaftliche Tatsache etabliert? Wie wird dadurch aus einem zunächst lokal begrenzten Phänomen universal gültiges Wissen?47 II.

Das Problem des Maßstabs: Ansätze aus der Mikrogeschichte

Die Frage des Verhältnisses zwischen Mikro- und Makroebene hat die Mikrogeschichte unterschiedlich beantwortet. Für Carlo Ginzburg etwa ist das Kleine ein „Indiz“. Von einem solchen Indiz, einem scheinbar bedeutungslosen Detail, ausgehend aber versucht er, große Strukturen von langer Dauer zu rekonstruieren. Wie Sigmund Freud, so Ginzburg, der kleinste Details nutzte, um das Tor zum Unterbewusstsein seiner Patientinnen zu öffnen, oder aber wie Sherlock Holmes, der von der Form eines Ohrs ausgehend ein ganzes Verbrechen aufzuklären weiß, kann der Historiker bisher unbekannte Strukturen aufdecken, wenn er erstaunlichen oder unpassenden Details Aufmerksamkeit schenkt.48 Von einer archivierten Prozessakte, in der nachzulesen ist, wie ein Müller im Friaul darlegt, dass Gott und Engel als Würmer in einer käseähnlichen Masse entstanden seien, rekonstruiert Ginzburg bäuerliche Volkskultur im vorindustriellen Europa.49 Mikrogeschichte ist in diesem Sinne keine Geschichte des Kleinen, sondern sie zeichnet sich durch ihre mikroskopische Perspektive aus, von der aus sie größere Zusammenhänge zu erklären versucht.50 Dabei geht sie im Gegensatz zur Sozialgeschichte oder den Annales eben nicht von vorgegebenen Großstrukturen wie Nation oder -prozessen wie Modernisierung und Industrialisierung aus. Vielmehr „erfolgt hier eine experimentelle Untersuchung sozialer Beziehungsnetze und Handlungszusammenhänge“, in denen kulturelle, politische, soziale und ökonomische Prozesse in einem „lebensgeschichtlichen Zusammenhang“ erkennbar 47

48 49 50

Zur lokalen Verankerung von Wissensbeständen in ihrem spezifischen geographischen, sozialen, kulturellen und materiellen Entstehungszusammenhang vgl. die klassischen Studien von Karin Knorr Cetina, Die Fabrikation von Erkenntnis. Zur Anthropologie der Naturwissenschaften, Frankfurt a. M. 1984 und Bruno Latour, Steve Woolgar, Laboratory life. The construction of scientific facts, Princeton 1986. Vgl. Carlo Ginzburg, „Indizien. Morelli, Freud und Sherlock Holmes“, in: Umberto Eco, Thomas  A.  Sebeok (Hg.), Der Zirkel oder Im Zeichen der Drei. Dupin, Holmes, Peirce, München 1985, S. 125–179. Vgl. Carlo Ginzburg, Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600, Berlin 1996. Vgl. Matti Peltonen, „Clues, margins, and monads. The micro-macro link in historical research“, in: History and Theory 40,3 (2001), S. 347–359, hier S. 439–351.

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werden.51 In dieser Form der Mikrogeschichte bringen konkrete historische Akteure das Große erst hervor und der historische Blick auf derartige Vorgänge lässt meist ein sehr viel heterogeneres und fragileres Bild von Prozessen wie Modernisierung oder Industrialisierung entstehen, als dies das Ausgehen von vorgegebenen Modellen ermöglicht.52 Hans Medick und die französische Mikrogeschichte wählen einen anderen Weg, um das Kleine mit dem Großen zu verbinden. Auch Hans Medick möchte mit seiner Geschichte einer schwäbischen Kleinstadt im 17. und 18. Jahrhundert Aussagen über den Übergang einer Gesellschaft in die Moderne machen, also größere Prozesse beschreiben. Medick allerdings warnt davor, das Einzelne, das Detail und das Kleine zu überhöhen. Neben der Mikroperspektive habe auch die Makroperspektive auf die Geschichte ihre Berechtigung.53 Nach dieser Auffassung können verschiedene geschichtswissenschaftliche Perspektiven verschiedene Gegenstände und Vorgänge in den Blick nehmen, so dass ein plurales Bild der Geschichte erzeugt wird. Auch Bernard Lepetit fasst die Überlegungen der Mikrogeschichte zum Verhältnis von Mikro und Makro in einer relativistischen Positionierung zusammen. Geschichtsschreibung bestünde in den jeux d’échelles, im Wechselspiel der Ebenen. Keine Analyseebene könne einen privilegierten Platz in der historischen Untersuchung beanspruchen. Die verschiedensten Skalen könnten vielmehr nebeneinandergestellt werden. Historiker müssten diese Pluralität der Erzählmöglichkeiten akzeptieren und Vertreter von Mikro- und Makroperspektiven in den Dialog treten. Ein solcher Dialog sei notwendig, denn, so Lepetit, auf jeder Stufe der Leiter möglicher Betrachtungsebenen seien Mikro und Makro auf spezifische Art und Weise miteinander verschränkt.54 Auch bei Lepetit hängen also Klein und Groß in einem Bedeutungsgewebe zusammen, dennoch glaubt er nicht, Geschichte allein von „Indizien“ ausgehend rekonstruieren zu können.55 51 52 53 54 55

Hans Medick, „Mikro-Historie“, in: Winfried Schulze (Hg.), Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie. Eine Diskussion, Göttingen 1994, S. 40–53, hier S. 44f. Vgl. Brad S. Gregory, „Is small beautiful? Microhistory and the history of everyday life“, in: History and Theory 38,1 (1999), S. 100–110, hier S. 104f. Vgl. Medick, Mikro-Historie (wie Anm.  51), S.  49f.; ders., Weben und Überleben in Laichingen, 1650–1900, Göttingen 1996, S. 30–33. Bernard Lepetit, „De l’échelle en histoire“, in: Jacques Revel (Hg.), Jeux d’échelles. La microanalyse à l’expérience, Paris 1996, S. 71–94, hier S. 92f. Die Vorstellung der jeux d’échelles und der Multiperspektivität findet sich auch in der transnationalen Geschichte. Während Werner und Zimmermann in der histoire croisée und ihrer induktiven Pragmatik eher dem Ginzburgschen Modell folgen, plädiert etwa Jürgen Osterhammel dafür, dass transnationale Studien gleichzeitig auf der Mikro- und der Makroebene ansetzen sollten. Vgl. Osterhammel, Transnationale Gesellschaftsgeschichte (wie Anm. 14), S. 469.

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Wann welche Perspektive geboten ist, entscheidet laut Lepetit allerdings nicht allein der/die Historiker_in. Er stellt vielmehr fest, dass auch die historischen Akteure selbst in die jeux d’échelles eingebunden sind: „Die Variation der Skalen ist nicht das Privileg des Forschers und auch nicht in erster Linie Produkt der Konstruktion des eigenen Forschungsobjektes. Es ist in erster Linie der Anteil der Akteure.“56 Den historischen Akteuren quasi ein Mitspracherecht beim Wechselspiel der Ebenen einzuräumen, ist ein erster Schritt dahingehend, die Unterscheidung zwischen Mikro- und Makroebene selbst zu historisieren. Bei Lepetit bleibt es allerdings bei einer Andeutung. Mit einem klaren (geschichts-)politischen Impetus hat in jüngerer Zeit jedoch auch die Globalhistorikerin Antoinette Burton gefordert, die unreflektierte Deklaration von Phänomenen als ‚mikro‘ oder ‚makro‘ hinter sich zu lassen. Ihre Kritik kommt aus einer postkolonialen Stoßrichtung. Historische Phänomene könnten von einer euro-amerikanischen Position aus vielleicht ‚klein‘ und ‚lokal‘ erscheinen. Aus einer südlichen Perspektive hingegen könnten sie durchaus mit ‚globaler‘ Bedeutung bedacht werden. ‚Lokal‘ und ‚global‘ seien historische Kategorien, die in den Machtverhältnissen einer westlich dominierten Historiographie geschaffen würden. Es gelte deshalb – und hier nähert sich Burton Lepetit – zu untersuchen, wie historischen Subjekten globale oder lokale Positionen zugeschrieben werden oder welche Selbstbeschreibungen Akteure vornehmen.57 Mit Lepetit und Burton also hieße es, die Vorab-Kategorisierung von Bujwids Reisen nach Berlin und Paris noch ein weiteres Mal zurückzufahren. Nicht nur muss Vorsicht gewahrt werden, wenn es um Bujwids Verortung in einer vermeintlichen polnischen Nationalkultur geht. Das induktive Vorgehen sollte auch nicht nur untersuchen, inwiefern in Bujwids Reisen und Handlungen lokale, regionale, nationale oder transnationale Phänomene zum Tragen kommen. Es sollte so weit gehen, dass zu Beginn der Analyse offenbleibt, welche Phänomene als global oder makro und welche als lokal oder mikro einzuschätzen sind. Kein theoretisches oder historiographisches Angebot hat die Historisierung der Analyseebenen und -kategorien seit den 1980er Jahren so konsequent durchdacht und auch angewendet wie die Akteur-Netzwerk-Theorie. An diesem Punkt historiographischer Angebote zur Beschreibung von transnationalem Wissenstransfer angelangt, stellte sie deshalb für mich eine 56 57

Lepetit, De l’échelle en histoire (wie Anm. 54), S. 81. Vgl. Antoinette  M.  Burton, „Not even remotely global? Method and scale in World History“, in: History Workshop Journal 64,1 (2007), S. 323–328, hier S. 326. Ein Versuch der Umsetzung findet sich bei Ghobrial, Secret Life (wie Anm. 18).

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sinnvolle Weiterführung dar – auch wenn ihre Protagonisten einen nichtgeschichtswissenschaftlichen Hintergrund haben und zu historiographischen Debatten kaum Bezug nehmen. Für die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Mikro und Makro bietet die ANT jedoch nicht nur Postulate, sondern einen der wenigen konkreten praktischen Leitfäden.58 III.

Transnationaler Wissenstransfer und Akteur-Netzwerk-Theorie

„[D]en Akteuren folgen“59 ist ein zentraler Slogan der Akteur-NetzwerkTheorie. Er zeigt die Frontstellung von Akteur-Netzwerk-Theoretiker_innen gegenüber der gängigen Sozialtheorie an. Großkategorien wie ‚Gesellschaft‘, ‚Natur‘ oder ‚Kultur‘ gelten in der ANT nie als gegeben, sondern stets als von konkreten Akteuren hervorgebrachte Phänomene. Gesellschaft oder Natur können sich deshalb niemals gegenseitig erklären – das käme in der Logik der ANT einer Verwechslung von Explanans und Explanandum gleich. Vielmehr müsse herausgearbeitet werden, wie Akteure bestimmen, was Natur und was Gesellschaft ist.60 Den Aufruf, den Akteuren zu folgen, wenden Akteur-Netzwerk-Theoretiker_ innen ebenso konsequent an, wenn es um die Bestimmung einer Mikro- und einer Makroebene geht. Bruno Latour fordert, wie Burton, dass Forschende die Labels ‚groß‘ und ‚klein‘ niemals im Vorfeld einer Untersuchung vergeben sollten. In seiner ‚flachen Topologie‘ des Sozialen verortet Latour die beobachteten Phänomene zunächst nebeneinander auf einer einzigen Ebene. Es geht ihm nicht darum, das Lokale in einem größeren, globaleren ‚Kontext‘ zu verorten, oder es mit Hilfe dieses Kontextes zu erklären. Vielmehr gilt es, den Akteuren dabei zu folgen, wie sie lokale oder globale Phänomene hervorbringen. Im Gegensatz zu den transnationalen und Mikrohistoriker_innen bietet Latour jedoch eine Erklärung dafür an, wie Akteure Globales und Lokales schaffen, wie also die flache Topologie Höhen und Tiefen erhält. Ob ein Objekt, ein Ort, ein Diskurs, eine Person oder eine soziale Gruppe groß oder klein, lokal oder global ist, hängt nach Latour davon ab, wie erfolgreich Akteure Verbindungen/Assoziationen mit anderen Elementen aufbauen und stabilisieren können. Das ‚Große‘ wird hier von seinem Podest herabgestoßen und auf den 58 59 60

Bruno Latour nennt seine „Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie“ denn auch einen „praktischen Ratgeber an die Praktiker“. Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt a. M. 2007, S. 38. Ebd., S. 28. Ders., Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt a. M. 2008.

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flachen Boden von Latours sozialer Topologie gebracht. Von hieraus muss es sich seine Globalität erst erarbeiten: Das Makro beschreibt nicht länger eine umfassende oder ausgedehntere Stätte, in der das Mikro wie eine Russische Puppe eingebettet ist, sondern einen anderen, gleichfalls lokalen, gleichfalls Mikro-Ort, der mit vielen anderen durch irgendein Medium verbunden ist, das spezifische Typen von Spuren transportiert. Von keinem Ort kann es heißen, er sei größer als alle anderen, aber von einigen läßt sich sagen, daß sie von weitaus sichereren Verbindungen mit sehr viel mehr Orten profitieren als andere.61

Um zu bestimmen, ob Odo Bujwid ein Mikrophänomen darstellte oder ob er für einen erfolgreichen transnationalen Wissenstransfer steht, gilt es also nachzuvollziehen, ob und wie er sich mit anderen Akteuren verband und diese Verbindungen stabilisierte. Wie nun kann man das Knüpfen solcher Allianzen nachvollziehen? Latour empfiehlt in einem kleinen Wortspiel, dass Forschende wie ‚ANTs‘ – Ameisen – vorgehen sollten: kurzsichtig und Spuren folgend. Anstatt immer gleich die „Autobahn“ Richtung Struktur oder Kontext zu nehmen, sollten Forschende „einem kleinen Weg folgen, der nicht breiter als ein Trampelpfad ist“.62 Der Latoursche Empirismus erinnert an die oben dargestellten Ansätze der Mikround transnationalen Geschichte. Er ist in seiner Historisierung von Großkategorien jedoch deutlich radikaler und hat sie in vielfältigen Studien seit den 1980er Jahren vorgeführt.63 Hinzu kommt, dass Latour und andere AkteurNetzwerk-Theoretiker_innen einen gänzlich anderen Akteursbegriff vertreten. Auf den Trampelpfaden der ANT begegnen einem nicht nur menschliche, sondern auch nicht-menschliche Akteure. Latour hat dies unter anderem für die „Pasteurisierung Frankreichs“64 in den 1880er und 1890er Jahren gezeigt. Pasteurs Milchsäureferment sei nicht einfach vorhanden gewesen und konnte von einem Chemiker ‚entdeckt‘ werden. Die Substanz Milchsäureferment stabilisierte sich vielmehr erst durch eine Kette von Assoziationen verschiedener Elemente: Pasteur, die Stadt Lille, Nährmedium, Hefe, Mikroskop usw. Alle diese Elemente, Pasteur ebenso wie das Nährmedium und die Hefe, haben nach Latour Handlungspotential, da sie der jeweils anderen Entität

61 62 63 64

Latour, Soziologie (wie Anm. 58), S. 304, Hervorhebungen im Original. Ebd., S. 296. Vgl. z. B. ders., The pasteurization of France, Cambridge 1988; ders., Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft, Frankfurt a. M. 2000. Ders., Pasteurization (wie Anm. 63).

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in der Kette etwas ermöglichen oder unmöglich machen.65 Mit dieser symmetrischen Betrachtungsweise, die menschlichen wie nicht-menschlichen Akteuren agency beziehungsweise Wirkmacht zuspricht, hebt Latour die Subjekt-Objekt-Dichotomie gängiger Sozialtheorie auf und muss nichtmenschliche Dinge nicht als Hindernisse vom Trampelpfad des Forschenden entfernen. Für die Stabilisierung der Bakteriologie in Frankreich spielt dann für Latour auch weniger die Hygienebewegung oder das Seuchenproblem eine Rolle. Pasteur konnte Hygieniker und Bauern (deren Schafe an Anthrax starben) vielmehr deshalb für seine Arbeit ‚interessieren‘66, weil er sein Laborgefüge aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren beherrschte. Nur in einem spezifischen Labornetzwerk schaffte es Pasteur, Infektionskrankheiten auf einen Mikroorganismus zu reduzieren und damit im Labor selbst manipulierbar zu machen. Erst dadurch konnte er die Interessen von Hygienikern und Bauern in ein bakteriologisches Interesse ‚übersetzen‘67 65

66

67

Vgl. ders., Hoffnung der Pandora (wie Anm.  63), Kap.  5. Zum Gefüge von Mensch und Maschine im Labor vgl. auch ders., Steve Woolgar, Laboratory life. The construction of scientific facts, Princeton 1986, Kap.  2. Einführend in die ANT-Terminologie und zum Handlungspotential nicht-menschlicher Dinge vgl. Michel Callon, „Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung. Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc-Bucht“, in: Andréa Belliger, David J. Krieger, ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 135–174. Der Begriff des interessement wurde am explizitesten von dem Akteur-NetzwerkTheoretiker Michel Callon erläutert: Beim Aufbau eines stabilen Akteursnetzwerks müssten die Akteure, mit denen Allianzen entstehen sollen, zunächst für ein spezifisches Problem sensibilisiert werden (Bauern sollen problematisieren, dass sie Schafe durch Anthrax verlieren). In einem zweiten Schritt müsse die einer Akteursgruppe zugeschriebene Rolle (Bauern wollen, dass Schafe nicht mehr an Anthrax sterben) stabilisiert werden. Hier verwendet Callon den Begriff des interessement. Er umfasst das Verhindern von Allianzen mit Entitäten, die der Gruppe eine andere Rolle zuweisen wollen. Callon verweist hier auf die Etymologie des Begriffs ‚inter-esse‘ als ‚dazwischen sein‘. Das interessement umfasst folglich die erfolgreiche Zuweisung und Stabilisierung einer bestimmten Rolle an eine Akteursgruppe. Gemeinsam mit den weiteren Schritten des enrolment und der ‚Mobilisierung‘ bilden ‚Problematisierung‘ und interessement bei Callon die vier Schritte einer ‚Übersetzung‘ (s.u.). Vgl. ebd., S. 148–156. Der Begriff der ‚Übersetzung‘ spielt in der Akteur-Netzwerk-Theorie eine zentrale Rolle. Er umfasst alle Formen der ‚Verschiebung‘ oder ‚Bewegung‘, die dazu führen, dass Phänomene wie etwa ein Wissensbestand stabil etabliert werden. Für den Fall der ‚Pasteurisierung Frankreichs‘ gehört dazu beispielsweise die erfolgreiche Verschiebung eines Bauernhofs mit kranken Anthrax-Schafen in das Pasteursche Labor, indem hier zuvor visualisierte Anthrax-Bazillen gesunde Schafe erkranken lassen und dieses Ergebnis über Laborstatistiken in Papier transformiert werden kann. Damit ist in vielen Schritten der Verschiebung die Übersetzung Natur – Labor geleistet. Der Begriff zeigt somit an, dass der funktionierende Zusammenhang zwischen Natur und Labor nicht auf einer glücklichen Entdeckung beruht, sondern auf aktiven Schritten der Transformation

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und sie zu seinen Verbündeten machen. Hygieniker und Bauern, später auch Ärzte, machten Pasteur, gemeinsam mit Nährlösung, Hefe, Mikroskopen, Versuchstieren und viel beschriebenem Papier zu einem gefeierten Naturwissenschaftler und zu einem Helden der französischen Nation.68 Welche menschlichen und nicht-menschlichen Akteure begegnen uns, wenn wir Odo Bujwid auf einem Trampelpfad folgen? Mit wem und was konnte er sich erfolgreich verbinden? Beispielhaft möchte ich Odo Bujwids Reise nach Paris im Frühjahr 1886 untersuchen und nachvollziehen, wie er Pasteurs Tollwutimpfstoff nach Warschau brachte. Da kein archivierter Nachlass Odo Bujwids vorhanden ist, rekonstruiere ich seinem Weg auf Grundlage von Berichten über seinen Aufenthalt in Paris, seiner Artikel über die Tollwutimpfung und seiner Memoiren. Bujwids erste Tat nach seiner Ankunft in Paris war der Kauf eines Zylinders nach französischer Mode. Sein schon lange in Pariser Emigration lebender Cousin hatte ihm mehr oder weniger verboten, mit seinem alten Schlapphut bei Pasteur vorstellig zu werden.69 Trotz seines Auftritts in französischem Schick war Pasteur Bujwid gegenüber zunächst sehr skeptisch. Zwar hatte er ihn explizit in sein Labor eingeladen. Eine Allianz mit dem französischen Mikrobiologen zu schmieden, erwies sich für Bujwid nun aber als eine schwierige Aufgabe. Es gebe keinen Platz für ihn in der kleinen Einrichtung und Bujwid solle warten, bis das neue Institutsgebäude errichtet und offizielle Kurse angeboten würden – so empfing ihn Pasteur in der Rue d‘Ulm.70 In seinen Erinnerungen führt Bujwid Pasteurs ablehnende Haltung auf dessen erbitterte Konkurrenz mit Robert Koch zurück. Weil er kurz zuvor einen Forschungsaufenthalt in Berlin absolviert hatte, habe Pasteur ihn verdächtigt, einer ‚von Koch‘ zu sein. Pasteur ließ ihn zunächst dennoch in sein Labor ein. Als Bujwid jedoch Pasteur assistierend ein Messer „d’après Koch“ sterilisierte, drohte er gleich wieder herausgeschmissen zu werden und wurde als „Deutscher“ beschimpft.71 Erst nachdem er sich bereit erklärte, den Tollwutimpfstoff an sich selbst auszuprobieren, ließ sich Pasteur von seiner Vertrauenswürdigkeit überzeugen.72

68 69 70 71 72

von Akteuren. Für eine Definition des Begriffs vgl. Latour, Hoffnung der Pandora (wie Anm. 63), S. 381. Vgl. ders., Pasteurization (wie Anm. 63). Vgl. Bujwid, Osamotnienie (wie Anm. 1), S. 274. Vgl. ders., „Z Paryża. O metodzie Pasteur’a“ [Aus Paris. Über die Methode Pasteurs], in: Gazeta Lekarska 6 (1886), S. 483–486, hier S. 484. Ders., „Powstanie zakładów szczepień przeciwko wściekliźnie w Warszawie i Krakowie [Die Entstehung der Einrichtungen für Tollwutimpfung in Warschau und Krakau]“, in: Warszawskie Czasopismo Lekarskie 13 (1937), S. 256–257, S. 274–276, hier S. 257. Vgl. ders., Osamotnienie (wie Anm. 1), S. 220.

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Bujwid wurde ein Laborarbeitsplatz zugeteilt und er konnte über zwei Monate studieren, wie der Impfstoff hergestellt und verabreicht wurde.73 Zu Bujwid gesellten sich zahlreiche weitere internationale Gäste, die die Impfstoffproduktion kennen lernen wollten. Dabei kamen nicht nur Bewunderer Pasteurs. Der Impfstoff wurde zunächst noch viel kritisiert. Weder seine Wirksamkeit noch seine Ungefährlichkeit galten als erwiesen. Pasteur hatte deshalb ein großes Interesse daran, den Impfstoff möglichst breit zu zirkulieren und seinen regelmäßig veröffentlichten Statistiken über die erfolgreiche Schutzwirkung des Mittels weiteres Datenmaterial an die Seite zu stellen. Die internationalen Gäste sollten den Impfstoff also auch an ihren Heimatorten produzieren und verimpfen können.74 Der Trampelpfad der Geschichte des Tollwutimpfstoff-Transfers nach Warschau führt uns nun aber zunächst tief in die Laborpraktiken Louis Pasteurs. Der weitaus größte Teil von Bujwids Berichten über den Impfstoff und seine Zeit in Paris widmet sich den komplexen Produktionstechniken. Tollwutimpfstoff war – wie Milchsäureferment – an ein spezifisches Laborgefüge gebunden. Vor allem Kaninchen waren für die Impfstoffproduktion zentral. Der Tollwuterreger ließ sich im Gegensatz zu anderen bisher identifizierten Krankheitserregern nicht in Reinkultur züchten.75 Um die Tollwut dennoch auf Labormaßstab zu reduzieren, hatte Pasteur Kaninchen mit dem Rückenmark tollwütiger Hunde infiziert und das infektiöse Material auf immer neue Kaninchen übertragen. Als Bujwid in Pasteurs Labor kam, war er bereits bei der hundertsten Passagegeneration angelangt. Die Infektion erfolgte mit Hilfe der Trepanation: Den Kaninchen wurde die Schädeldecke geöffnet, um infektiöses Rückenmark einzubringen. Die fortwährende Passage hatte die stets schwankende Inkubationszeit der Tollwut – zwischen dem Biss durch ein tollwütiges Tier und dem Ausbrechen der Krankheit konnten einige Tage bis mehrere Wochen liegen – auf eine stabile Zeitspanne von sieben Tagen reduziert. Mit der Bestimmung einer einheitlichen Inkubationszeit habe er, so Pasteur, ein Virus von „perfekter Reinheit“ und „Gleichartigkeit“

73 74 75

Vgl. ders., Z Paryża (wie Anm. 70), S. 484. Vgl. Geison, Private science (wie Anm. 37), S. 220–227. Heute wird dies darauf zurückgeführt, dass es sich beim Tollwuterreger um ein Virus handelt, das keinen eigenständigen Organismus darstellt. Viren wurden jedoch erst seit den 1930er Jahren als eine von Bakterien zu unterscheidende Art identifiziert. In den 1880er Jahren hingegen gehört das „Virus“ zu den zahlreichen Bezeichnungen, die für Mikroorganismen verwendet wurden, ohne dass der Begriff spezifische Eigenschaften angezeigt hätte.

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hervorgebracht, das er „virus fixe“ nannte.76 Die stabile Inkubationszeit war somit zum Ersatz für einen Mikroorganismus in Reinkultur geworden und die einzelnen Schritte der Impfstoffproduktion wurden genau auf dieses „virus fixe“ abgestimmt: Den Kaninchen wurde Rückenmark entnommen, das dann über eine gewisse Zeit getrocknet und dadurch abgeschwächt wurde. Mit steriler Bouillon vermischt wurde es dann in das Bauchfell eines Patienten injiziert. Die Impfung erstreckte sich über einen längeren Zeitraum, da immer kürzer getrocknetes und somit virulenteres Rückenmark verimpft wurde.77 Wie nun konnte eine Impftechnologie an andere Orte reisen, deren Grundlage das Rückenmark eines Kaninchens war, das über hundert Passagegenerationen hinweg herangezüchtet worden war? Ein kurzer Absatz in Bujwids Bericht über seinen Forschungsaufenthalt in Paris gibt uns darüber Auskunft: Am 6. Juni dieses Jahres nach zweimonatigem Aufenthalt in Paris und Studien über die Tollwut und nachdem ich ein Kaninchen erhalten hatte, das mit der 115. Generation des Tollwutstammes frisch geimpft worden war, verabschiedete ich mich von Pasteur. Ebenso geimpfte Kaninchen erhielten einige andere Ärzte, um damit weitere Forschungen durchführen und Impfstoff herstellen zu können, und zwar die ‚englische Kommission‘ aus London, Dr. Valentine Mott aus New York, Emmerich Ullmann aus Wien, Unkowskij aus Moskau, Gamaleja aus Odessa, Parszenskij und Iwanow aus Samara.78

Bujwid und all die anderen genannten Herren reisten also mit einem Kaninchen im Gepäck in ihre Heimatstädte zurück. Dass dieses Kaninchen heil in Warschau ankam, war für den erfolgreichen Transfer des Tollwutimpfstoffs nach Warschau zentral. Sonst hätte Bujwid selbst über eine lange Zeit Tollwutmaterial von Kaninchen zu Kaninchen transplantieren müssen, ohne die Gewissheit, dass das Ursprungsmaterial eines Warschauer Straßenhundes irgendwann die gleiche stabile Inkubationszeit liefern würde wie das Pariser „virus fixe“. Die Kaninchen erwiesen sich allerdings als recht fragile Elemente des Pasteurschen Tollwutnetzwerks. Dem Wiener Mediziner Anton von Frisch beispielsweise, der ebenfalls Gast in Pasteurs Labor gewesen war und mit zwei Kaninchen zurück in seine Allgemeine Poliklinik gekehrt war, gelang es nicht, das „virus fixe“ an seinen Zielort zu bringen. Als er das Rückenmark seines 76 77 78

Louis Pasteur, „Méthode pour prévenir la rage après morsure [1885]“, in: Pasteur ValleryRadot (Hg.), Oeuvres de Pasteur, Bd. 6, Teil 2, Paris 1933, S. 603–612, hier S. 604. Vgl. ebd., S. 606f. Odo Bujwid, „Kilka dalszych uwag o metodzie Pasteur’a“ [Einige weitere Bemerkungen über die Methode Pasteurs], in: Gazeta Lekarska 6 (1886), S. 600–602, hier S. 600.

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Pariser Tiers an weitere Kaninchen verimpfte, stellte er Inkubationszeiten zwischen fünf und 38 Tagen fest. Den Impfstoff aus dem Pariser Material erprobte er zunächst noch einmal an Tieren, die nach der Impfung jedoch fast alle starben. Frisch verurteilte Pasteurs Methode deshalb als ineffektiv und gefährlich.79 Die Destabilisierung des „virus fixe“ hatte also zu einem Zusammenbruch des Pasteurschen Tollwutnetzwerks geführt. Tollwütige Laborkaninchen und Rückenmark werden hier in ihrer tragenden Rolle für die transnationale Reise einer neuen medizinischen Technik sichtbar. Der Umstand, dass beide nicht heil in Wien ankamen, ließ auch den Tollwutimpfstoff zunächst nicht dorthin gelangen. Odo Bujwid führte Frischs Misserfolg auf seine schlampige Arbeitstechnik zurück.80 Ihm gelang es, stabile Inkubationszeit und Impferfolge auch in Warschau aufrecht zu erhalten. Das Kaninchen hatte er im Keller untergebracht und eine eigene Passageserie begonnen. Neben seinem Kaninchen wurde Bujwids baldige Ehefrau ein wichtiges Element, das Bujwid in sein Warschauer Labornetzwerk einband. Noch vor seiner Abreise nach Paris hatte er um die Hand von Kazimierza Klimontowiczowa angehalten und sie dabei gleichzeitig als Assistentin für sein Labor rekrutiert.81 Kazimiera lernte nun sehr schnell, Trepanationen durchzuführen und bei der Entnahme von Rückenmark zu assistieren.82 Als so eine kompetente und gleichzeitig umsonst arbeitende Kraft trug Kazimiera maßgeblich dazu bei, dass es Bujwid gelang, das Pasteursche Tollwutlabor in Warschau erfolgreich zu reproduzieren.83 Ein weiteres entscheidendes Element in Bujwids Transfer des Pasteurschen Tollwutnetzwerks waren Statistiken. Bujwid publizierte ausführliches 79

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Vgl. Anton von Frisch, „Über Pasteur’s Präventivimpfungen gegen Hundswuth“, in: Anzeiger der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Mathematisch-naturwissenschaftliche Classe 23,18 (1886), S.  159–161; ders., „Pasteur’s Untersuchungen über das Wuthgift und seine Prophylaxe der Wuthkrankheit“, in: ebd. 23,27 (1886), S. 240–243. Vgl. Odo Bujwid, „Metoda Pasteur’a. Ocena prac i doświadczeń nad ochronnemi szczepieniami wścieklizny. Wyniki własnych poszukiwań oraz statystyka szczepień w Warszawie“ [Die Methode Pasteurs. Beurteilung der Arbeiten und Experimente über die Schutzimpfung gegen Tollwut. Ergebnisse eigener Forschung und eine Statistik über die Impfungen in Warschau], in: Gazeta Lekarska 7 (1887), S. 716–721, S. 740–746, S. 762–767, S. 787–792, S. 808–814, S. 827–832, hier S. 718f. Vgl. ders., Osamotnienie (Anm. 1), S. 218. Vgl. ebd., S. 75. Zur Geschichte der „Heiratsweisen“ von Wissenschaftlern vgl. z. B.  Markus  Krajewski, „Frauen am Rande der Datenverarbeitung. Zur Produktionsform einer Weltgeschichte der Technik“, in: Bernhard Dotzler, Henning Schmidgen, Cornelia Weber (Hg.), Parasiten und Sirenen. Zwei ZwischenRäume, Preprint 253 des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, Berlin 2004, S. 41–53.

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Zahlenmaterial, mit dem er dokumentierte, wie viele Patienten er erfolgreich geimpft hatte. Gleichzeitig legten seine Daten dar, dass sein Mittel gänzlich ungefährlich war. Von den 104 Personen, die er zwischen dem 29. Juni 1886 und dem 1. Januar 1887 geimpft habe, seien 103 erfolgreich vor dem Ausbruch der Krankheit geschützt worden. Ein elfjähriger Junge war einige Monate nach der Impfung verstorben. Bujwid war sich jedoch sicher, dass sein Todesfall nicht in Zusammenhang mit der Impfung zu bringen sei.84 Es lassen sich weitere Elemente identifizieren, die Bujwid in sein Tollwutnetzwerk einband: Dies waren Ärzte in der polnischen Provinz, die ihm versicherten, dass die Patienten, die sie ihm schickten, tatsächlich von tollwütigen Tieren gebissen worden waren – eine häufige Unsicherheit, die von den Kritikern des Impfstoffs gerne aufgegriffen wurde. Dies waren auch die Patienten, die eine Reise nach Warschau auf sich nahmen und sich der Impfprozedur unterwarfen. Darüber hinaus konnte Bujwid den städtischen Wohlfahrtsrat (Rada Miejska Dobroczynności Publicznej) für seine Unternehmung gewinnen, der Bujwid Krankenhausbetten zur Verfügung stellte und die Kosten für die Behandlung Mittelloser übernahm.85 Folgt man Odo Bujwid auf einem Trampelpfad, so begegnen einem also zahlreiche menschliche und nicht-menschliche Akteure, die einen erfolgreichen Wissenstransfer erst ermöglichten: Die transnationale Ausbreitung des Pasteurschen Tollwutnetzwerks war maßgeblich abhängig von einem Kaninchen, das eine Reise nach Warschau überstehen und in Bujwids Keller sein Dasein fristen musste. Sie wurde ermöglicht durch Bujwids Frau Kazimiera, durch Statistiken, die in der Gazeta Lekarska (Medizinische Zeitung) publiziert wurden, durch Warschauer Stadträte, kooperierende Ärzte und Patienten. All diese Elemente, inklusive Odo Bujwid, sind zunächst ‚klein‘. Erst in ihrer stabilen Vernetzung machten sie Tollwutimpfstoff zu einem transnational wirksamen Phänomen, das auch außerhalb der Pasteurschen Labormauern seine Funktionalität wahrte. IV.

Wissenstransfer und Akteur-Netzwerk-Theorie – Kritik und Ergänzungen

Die Geschichte von Odo Bujwid und seinem Tollwutkaninchen, die wir aus der Perspektive einer forschenden Ameise erzählen konnten, zerlegt ein ‚großes‘ Phänomen wie die globale Einführung von Tollwutimpfstoff in ein 84 85

Vgl. Bujwid, Metoda (wie Anm.80), S. 808–814. Vgl. ebd., S. 827.

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Netzwerk aus ‚kleinen‘, menschlichen wie nicht-menschlichen Akteuren. Transnationale Ausdehnung konnte der Tollwutimpfstoff nur erreichen, weil zahlreiche Elemente stabile Verbindungen miteinander eingingen. Die in der ANT stets verwandte Metapher des Netzes birgt jedoch die Gefahr, die Einzelelemente solcher Ketten von Assoziationen aus dem Blick zu verlieren und stattdessen auf das entstehende Große zu blicken. Davor haben AkteurNetzwerk-Theoretiker_innen allerdings selbst gewarnt. So zeigt John Law, dass jedes Element eines Netzwerks wiederum in seine Einzelteile zerlegt werden kann. Er führt diese Operation auf Leibniz’ Konzept der Monaden zurück, die in sich jeweils eine eigene Welt beinhalteten. Law plädiert dafür, stets „nach unten zu schauen“, um dieser Welten gewahr zu werden, anstatt „oben“ das Große und Ganze zu suchen.86 So könnten wir das Kaninchen, Kazimiera Bujwid, den Warschauer Stadtrat, polnische Ärzte und Patienten wiederum als Akteursnetzwerke begreifen und untersuchen, in welchen Assoziationen sie sich zusammenfügen. Um nur für das Tollwutkaninchen anzudeuten, was dies bedeutet: Es beinhaltet das Rückenmark eines tollwütigen Hundes, die Technik der Trepanation und die Gerätschaften, die dafür notwendig sind, Futter, das irgendwo produziert wurde, einen Käfig, der von einem Schreiner hergestellt wurde usw. Derartige Ketten sind in der Regel unendlich fortsetzbar und es ist von der Frageperspektive der Forschenden abhängig, wann man aufhört, ihnen weiter zu folgen. Allein die Möglichkeit ihrer Unendlichkeit lehrt uns jedoch, das Globale nicht als homogen und ganzheitlich zu verstehen, sondern mit John Law „als wäre es klein und inkohärent“. Dies ermöglicht es, „lokale Komplexität und lokale Globalität“ gleichzeitig zu denken.87 Auch Latour hält dazu an, nicht nur das Globale zu lokalisieren, sondern ebenso das Lokale „neu [zu] verteilen“88. Wie das Globale könne es nicht einfach als gegeben betrachtet werden, sondern werde ebenso durch heterogene Akteursnetzwerke hervorgebracht.89 In diesem konsequent relationalen Denken, das das Globale und das Lokale als

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John Law, „And if the global were small and non-coherent? Method, complexity and the baroque”, 2003, http://www.comp.lancs.ac.uk/sociology/papers/Law-And-if-the-GlobalWere-Small.pdf, S. 6 (hier auch Zitate). Ebd., S.  9 (hier auch Zitate). Vgl. auch John Law, Annemarie Mol, „Complexities. An introduction“, in: dies. (Hg.), Complexities. Social studies of knowledge practices, Durham 2002, S. 1–22; Chunglin Kwa, „Romantic and baroque conceptions of complex wholes in the sciences“, in: ebd., S. 23–52. Latour, Soziologie (wie Anm. 58), S. 329. Vgl. ebd., S. 329–343.

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Orte dynamischer Beziehungen betrachtet, sieht auch Angelika Epple einen Gewinn der Akteur-Netzwerk-Theorie für die Geschichtswissenschaft.90 Die Heterogenität und Inkohärenz des Globalen wird in einem weiteren Aspekt für eine Analyse von Wissenstransfer relevant. Mit Latour kann man Wissenstransfer als eine Ausdehnung von Netzwerken verstehen. Wie Odo Bujwid unter Einbindung weiterer Akteure das Tollwutnetzwerk Louis Pasteurs bis nach Warschau verlängerte, habe ich gezeigt. Dabei habe ich mich vor allem darauf konzentriert, wie das Pasteursche Labornetzwerk stabil gehalten werden konnte. Dem Kaninchen durfte nichts widerfahren, das „virus fixe“ durch nichts verändert werden. Sonst wäre das Labornetzwerk, wie im Falle des Wiener Mediziners von Frisch, sofort zusammengebrochen. Bruno Latour hat die stabile Ausdehnung von Akteursnetzwerken mit dem Konzept der immutable mobiles erklärt. Um ein lokales Akteursnetzwerk – wie das Pasteursche Labor in der Rue d’Ulm 45 – an einen anderen Ort zu bringen, müssten dessen Elemente „in der Lage sein, die [Reise] zu überstehen, ohne Schaden zu nehmen“.91 Ein solch unbeschadeter Transfer würde ermöglicht, so Latour, wenn Akteursnetzwerke in immer flachere und reduziertere Formen transformiert würden. Komplexe dreidimensionale Zusammenhänge wie ein Labornetzwerk würden mittels Inskriptionen als Graphik, Diagramm oder Statistik auf ein Blatt Papier gebracht. Dieses könne nun sehr viel einfacher zirkulieren als ein ganzes Labor, gleichzeitig erwiesen sich Inskriptionen gegenüber Veränderungen als robust. Ein immutable mobile würde geschaffen.92 Latours immutable mobiles sind in Studien zu Wissenstransfer von zwei Positionen aus kritisiert worden. Zunächst einmal gibt es Akteursnetzwerke, die nicht vollständig in die zweidimensionale Papierform transformiert werden können. Pasteurs Tollwutimpfstoff ist hierfür ein einschlägiges Beispiel, denn die Kaninchen mussten in ihrer dreidimensionalen Form in alle Welt reisen.93 Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die Betonung der Stabilität bei Wissenstransferprozessen. Inspiriert von postkolonialen Theorien haben Studien zu Wissenstransfer in jüngerer Zeit verstärkt den dynamischen Charakter solcher Vorgänge betont. Anstelle einer Vorstellung von Wissensdiffusion ist 90 91 92 93

Vgl. Epple, Lokalität (wie Anm. 46), S. 12, S. 24. Epple kritisiert allerdings die mangelnde Erklärungskraft des Latourschen Ansatzes, der nur beschreibe, kausale Erklärungen aber nicht zulasse. Bruno Latour, „Drawing things together. Die Macht der unveränderlichen mobilen Elemente“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 65), S. 259–307, hier S. 266. Vgl. ebd.; Latour, Hoffnung der Pandora (wie Anm. 63), Kap. 2. Kijan Espahangizi spricht hier von „nichtinskribierten Dingen“. Kijan Espahangizi, „Immutable Mobiles im Glas. Ein Vorschlag zur Zirkulationsgeschichte nichtinskribierter Dinge“, in: Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte 7 (2011), S. 105–128.

Als Ameise durch die transnationale Geschichte gehen

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ein Bild von Interaktion und polyzentrischer Zirkulation getreten.94 Die Veränderung von Wissensbeständen durch den Transport von einem Ort an den anderen – eine der oben formulierten offenen Fragen dazu, wie Wissenstransfer beschrieben werden kann – wird durch die Analyse einer unveränderlichen und stabilen Ausdehnung von Netzwerken jedoch nicht erfasst. Annemarie Mol und John Law haben Latours immutable mobiles deshalb um das Konzept der mutable mobiles ergänzt. Ihre empirische Studie hierzu findet, vermutlich nicht zufällig, in einem postkolonialen Setting statt: Mol und Law zeigen, wie die Krankheit Anämie in den Niederlanden und auf dem afrikanischen Kontinent aus unterschiedlichen Elementen zusammengesetzt wird, die Entität der Erkrankung aber dennoch nicht zwischen diesen weit voneinander entfernt liegenden Teilen der Erde zusammenbricht. Trotz oder gerade auf Grund ihrer Transformation kann die Einheit Anämie zwischen beiden Ländern mobilisiert werden.95 Ein weiteres Beispiel für ein veränderliches Mobiles zeigen Marianne de Laet und Annemarie Mol mit der Zimbabwe Bush Pump auf. Es handelt sich um eine Wasserpumpe, die trotz zahlreicher Veränderungen und auch Zerstörungen ihrer Einzelteile weiterhin funktionsfähig bleibt und dadurch in ihrer Mobilität unschlagbar wird.96 Die Idee der veränderlichen Mobilisierung geht also davon aus, dass Wissensbestände gerade auf Grund ihrer Flexibilität und Wandelbarkeit besonders gut zirkulieren können. Im Gegensatz zu Pasteurs Tollwutnetzwerk brechen solche Wissensbestände nicht zusammen, sobald eines ihrer Elemente ausfällt oder sich verändert. Sie können sich vielmehr anpassen und flexibel auf lokale Herausforderungen reagieren. Veränderliche Mobilisierung lässt einen deshalb nicht nur nach Stabilisierungsbemühungen von Akteuren suchen. Mit dem Konzept der mutable mobiles kann man den Akteuren auch dabei folgen, wie sie sich veränderten, auf der Reise verloren gingen oder sich neu formierten. Während sich das Tollwutnetzwerk tatsächlich eher als ein Vorgang der unveränderlichen Mobilisierung fassen lässt, weist Bujwids weitere Geschichte 94

95 96

Vgl. z. B.  James  Secord, „Knowledge in transit. Halifax keynote address“, in: Isis 95,4 (2004), S.  654–672; Raj, Relocating modern science (wie Anm.  17); ders., „Beyond postcolonialism  … and postpositivism. Circulation and the global history of science“, in: Isis 104,2 (2013), S.  337–347. Für eine Übersicht und mit einschlägiger Literatur vgl. Veronika Lipphardt, David Ludwig, „Wissens- und Wissenschaftstransfer“, in: Europäische Geschichte Online, http://www.ieg-ego.eu/lipphardtv-ludwigd-2011-de, 2011, S. 1–16. Vgl. Annemarie Mol, John Law, „Regions, networks and fluids. Anaemia and social topology“, in: Social Studies of Science 24,4 (1994), S. 641–671. Vgl. Marianne de Laet, Annemarie Mol, „The Zimbabwe bush pump. Mechanics of a fluid technology“, in: Social Studies of Science 30,2 (2000), S. 225–263.

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zahlreiche Anpassungsleistungen auf, mit denen er Akteure im Königreich in sein Labornetzwerk einzubinden versuchte. So erwies sich die Nation für ihn – im Gegensatz zu Pasteur und Robert Koch – nicht als Alliierte in der Stabilisierung der Bakteriologie im polnischen Königreich. Sie diente Bujwid kaum als Argument. Vielmehr war er darum bemüht, die Ärzte im Königreich vom praktischen Nutzen der Bakteriologie zu überzeugen, denn allein daran maßen diese den Wert neuer Wissensbestände. Der Tollwutimpfstoff konnte sich hier bewähren, die Techniken der bakteriologischen Diagnostik hingegen fanden auf Grund ihrer Komplexität und Umständlichkeit nur schwer einen Weg in den Arbeitsalltag von Ärzten im Königreich. Um Bakterien in Reinkultur zu mobilisieren, versuchten Bujwid und andere Bakteriologen ihre Labornetzwerke deshalb weitestgehend zu flexibilisieren: Bakterienkulturen wurden in Weinflaschen angesetzt, die zuvor im Backofen sterilisiert worden waren, um sie dann später im Zigarrenetui in der Westentasche bei Körpertemperatur wachsen zu lassen.97 Von einer stabilen Ausdehnung des bakteriologischen Labornetzwerks kann hier also nicht die Rede sein. Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Akteur-Netzwerk-Theorie die jeux d’échelles der Geschichtswissenschaft zunächst auf den Boden einer ‚flachen Topologie des Sozialen‘ bringt, um von hieraus das Knüpfen von Netzen zu verfolgen, das Lokalität und Globalität entstehen lässt. Wenn wir den historischen Akteuren dabei wie Ameisen folgen, können wir versuchen, einer ahistorischen Bestimmung von Mikro- und Makroebene in unserer Analyse zu entgehen. Die Akteur-Netzwerk-Theorie führt mit diesem Vorgehen, die Bemühungen der Mikrogeschichte und der transnationalen Geschichte, a priori-Kategorisierungen und Modelle zu vermeiden, konsequent weiter. Zudem leistet sie einen entscheidenden Beitrag dazu, das hierarchische Verhältnis von Lokalität und Globalität in der historischen Forschung aufzulösen und beides als relationale Räume zu erkennen. Mit dem Konzept der mutable mobiles bietet sie zudem einen Ansatzpunkt, die Dynamik transnationaler Verflechtungen beschreibbar zu machen.

97

Bujwid hatte sein erstes bakteriologisches Labor in seiner Küche untergebracht. Weitere Bakteriologen im Königreich, aber auch in Deutschland oder Frankreich machten die Küche zu einem produktiven Ort bakteriologischer Arbeit. Zur Sterilisierung von Weinflaschen im Backofen und zur Züchtung von Bakterienkulturen im Zigarrenetui vgl. Rudolf Abel, Ueber einfache Hülfsmittel zur Ausführung bacteriologischer Untersuchungen in der ärztlichen Praxis, Würzburg 1899, S. 15–18 und S. 29.

8. Die erste deutsche ANTarktisexpedition von 1901–1903. Eine transnationale Vernetzungsgeschichte Pascal Schillings Am  9. November  1901 erreichte die Tanglin, ein Dampfschiff des Norddeutschen Lloyd, die Kerguelen, eine subantarktische Insel im südlichen Indischen Ozean, die auf 49° südlicher Breite fast genau zwischen Australien und der Küste Südafrikas liegt. Gechartert vom Reichsamt des Innern, war das Schiff mit deutschem Kapitän und chinesischer Mannschaft am 10. September in Singapur gestartet und am 2. Oktober in Sydney eingetroffen. Dort hatte die Mannschaft unter anderem Kohlen aus einem australischen Navydepot, Materialien für Observationshäuser und zwei Wissenschaftler, Josef Enzensperger und Karl Luyken, aufgenommen, die mit dem Reichspostdampfer Karlsruhe aus dem Deutschen Reich angereist waren. Weiterhin traten von Sydney aus die Weiterreise auf die Kerguelen  66 Polarhunde an, die das Reichsamt des Innern über den deutschen Handelsagenten in Wladiwostok, Adolph Dattan, in Kamtschatka beschafft hatte. Die Tiere reisten über Wladiwostok, Nagasaki und Hongkong nach Sydney, um dort auf die Tanglin zu wechseln. Sie wurden begleitet von drei Wärtern aus Kamtschatka, von denen einer die Kommunikation mit der Schiffsbesatzung übernehmen sollte, und ein anderer die Expeditionsmitglieder in der Technik des Führens von Hundeschlitten unterweisen sollte.1 Auf den Kerguelen erwartete das bunt gemischte Ensemble aus Forschern, Tieren und Dingen die Ankunft der Gauss, des Polarschiffs der ersten deutschen Antarktisexpedition, das die Kohlen und Hunde vor seiner Weiterfahrt in die Antarktis aufnahm. Enzensperger und Luyken dagegen blieben auf der Insel, um in eigens eingerichteten meteorologischen und erdmagnetischen Observatorien Messungen anzustellen, die später als Vergleichsmaterial für die Arbeiten der Expedition weiter im Süden dienen sollten. Die Versammlung dieser Akteure aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt auf den 1 Vgl. Bericht des Mitglieds der Deutschen Südpolar-Expedition Enzensperger über die Reise von Sydney nach den Kerguelen, 20.12.1901, in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA PK) 1/89/21373; Bericht über die Reise des Dampfers Tanglin nach den Kerguelen und zurück von Kapitän Neuhaus, 10.1.1902, in: Bundesarchiv (BArch) R 1501/116125. Während der Fahrt starben drei Hunde, die wegen des schweren Seegangs die meiste Zeit bei geschlossener Luke unter Deck gehalten wurden.

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Kerguelen und ihre Zusammenfassung zur deutschen Antarktisexpedition von 1901 bis 1903 verweist auf einen Aspekt, der in der Polarliteratur, aber auch in der breiteren Forschung zur Wissensproduktion in kolonialen oder imperialen Zusammenhängen bislang vielfach übersehen worden ist: Die Expeditionen, die in Europa als nationale Prestigeobjekte inszeniert wurden, waren tatsächlich in hohem Maße Ergebnis transnationaler Netzwerkbildungsprozesse.2 Mit diesem Befund reiht sich die Antarktisexploration zunächst ein in eine neuere Forschungstendenz zur transnationalen Geschichte des Kaiserreichs, die auf die Gleichzeitigkeit von nationalen Abschottungen und globalen Verknüpfungen am Ende des langen 19. Jahrhunderts hinweist. Dominik Geppert und Robert Gerwarth schreiben beispielsweise über die deutsch-britischen Beziehungen vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs: „[E]ntanglement and antagonism were opposite sides of the same coin.“3 Während in der Forschung lange Zeit nationale Abgrenzungsprozesse als bestimmendes Merkmal der Zeit gedeutet wurden,4 wird nun ein Nebeneinander von Abgrenzung und Verflechtung diagnostiziert. Damit ergibt sich aber die Frage, wie es zur Verbindung der beiden Elemente in einzelnen Untersuchungsgegenständen – in diesem Fall der deutschen Antarktisexpedition – kam. Als eine Antwort darauf soll im Folgenden für eine transnationale Vernetzungsgeschichte argumentiert werden.5

2 Vgl. neben der insbesondere für britische Expeditionsleiter unübersichtlichen Zahl an Biografien z. B. David Murphy, German exploration of the polar world. A history, 1870–1940, London 2002; Edward Larson, An empire of ice. Scott, Shackleton, and the heroic age of Antarctic science, New Haven 2011; vgl. als Ausnahme Peder Roberts, The European Antarctic. Science and strategy in Scandinavia and the British Empire, Basingstoke 2011. 3 Dominik Geppert, Robert Gerwarth, „Introduction“, in: dies. (Hg.), Wilhelmine Germany and Edwardian Britain. Essays on cultural affinity, Oxford 2008, S. 1–14, hier S. 13; vgl. z. B.  auch  Sebastian Conrad, Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich, München 2006; ders., Jürgen Osterhammel, „Einleitung“, in: dies. (Hg.), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt, 1871–1914, 2. Aufl. Göttingen 2006, S. 7–27; Ulrike Lindner, Koloniale Begegnungen. Deutschland und Großbritannien als Imperialmächte in Afrika, 1880–1914, Frankfurt a. M. 2011. 4 Vgl. z. B.  mit  Blick auf die deutsch-britischen Beziehungen Paul Kennedy, The rise of the Anglo-German antagonism, 1860–1914, London 1980; Martin Aust, Daniel Schönpflug, „Vom Gegner lernen. Einführende Überlegungen zu einer Interpretationsfigur der Geschichte Europas im 19. und 20. Jahrhundert“, in: dies. (Hg.), Vom Gegner lernen. Feindschaften und Kulturtransfers im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 2007, S. 9–35; vgl. als Forschungsüberblick Jan Rüger, „Revisiting the Anglo-German antagonism“, in: Journal of Modern History 83 (2011), S. 579–617. 5 Vgl. auch Felicitas Becker, „Netzwerke vs. Gesamtgesellschaft: ein Gegensatz? Anregungen für Verflechtungsgeschichte“, in: Geschichte und Gesellschaft 30 (2004), S. 314–324.

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Dazu soll zunächst skizzenhaft die Verwendung von Netzwerkmetaphern in Studien, die jenseits nationaler Grenzen arbeiten, angedeutet und mit Michel Callons Phaseneinteilung ein mögliches Modell für transnational angelegte Netzwerkuntersuchungen vorgeschlagen werden (I.). Dieser Ansatz soll danach anhand von drei Situationen der Ausrüstung der deutschen Südpolexpedition erprobt werden. Dabei geht es um den langwierigen Prozess der Etablierung der Antarktis als lohnenswertem Forschungsgegenstand im geographischen Fachdiskurs (II.), die Einbindung finanzkräftiger Akteure in die deutsche Unternehmung (III.) und die Beschaffung von Polarhunden (IV.). Aus diesen Beispielen geht schon hervor, dass es im Folgenden eher um die Ausrüstung als um die Arbeiten der Expedition in der Antarktis gehen wird. Im Mittelpunkt des Interesses stehen hier eher die dynamischen Prozesse der Netzwerkbildung als die stabilisierte Form des Zusammenspiels der einzelnen Akteure.6 Schließlich sollen aus den empirischen Beobachtungen Rückschlüsse für eine Verwendbarkeit des Callon’schen Modells in geschichtswissenschaftlichen Arbeiten gezogen werden (V.). I.

Netzwerkmetaphern in der transnationalen/globalen Geschichte

Wenngleich sicherlich nicht von einer breiten Durchsetzung von Netzwerkkonzepten in den allgemeinen Geschichtswissenschaften zu sprechen ist, so bleibt doch zu konstatieren, dass der Begriff des Netzes oder Netzwerks in historischen Studien eine gewisse Konjunktur erlebt. Darauf deute zumindest, so Simone Derix, „die häufige Verwendung des Begriffs und die Vielfalt der Kontexte hin, in denen er uns begegnet“7. Dies gilt in besonderer Weise für Arbeiten, die jenseits nationaler Grenzen operieren. Die Lektüre gängiger Definitionen der transnationalen Geschichte ergibt beispielsweise: „Transnationalism […] is first and foremost about people: the social space that they inhabit, the networks they form and the ideas they exchange.“8 Kiran

6 Für eine detaillierte Untersuchung der Gauss-Expedition sowie der britischen Antarktisexpedition an Bord der Discovery, die auch die Arbeiten in der Antarktis und die Nachbereitung der Expeditionen mit einbezieht, vgl. Pascal Schillings, Der letzte weiße Flecken. Europäische Antarktisreisen um 1900, Göttingen 2016. 7 Simone Derix, „Vom Leben in Netzen. Neue geschichts- und sozialwissenschaftliche Perspektiven auf soziale Beziehungen“, in: Neue politische Literatur 56 (2011), S. 185–206, hier S. 185. 8 Patricia Clavin, „Defining Transnationalism“, in: Contemporary European History 14 (2005), S. 421–439, hier S. 422.

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Patel nennt „Formen der Vernetzung“9 als ein grundlegendes Phänomen von Transnationalisierungsprozessen. Insofern scheint sich auf den ersten Blick Jürgen Osterhammels 2001 gestellte Prognose für das Feld der transnationalen Geschichte erfüllt zu haben: „Ihr zentraler Begriff,“ erklärte er, „dürfte das Netz (network) werden.“10 Diese Beobachtung gilt in gleicher Weise für globalgeschichtliche Ansätze: „A strong metaphor in recent world history is networks,“11 wird dort beispielsweise konstatiert. Gleichzeitig verweist Derix’ Einschätzung der vielfältigen Anwendungsbereiche auf ein vermeintliches Problem, das der Netzwerkbegriff mit anderen historischen Arbeitskonzepten teilt: Durch seine Offenheit erlaubt er sehr unterschiedliche Lesarten und Auslegungen. Das führt aber gleichzeitig dazu, dass Netze und Netzwerke praktisch überall beobachtet werden können, und der Begriff deshalb scheinbar an analytischer Schärfe einbüßt. Ein Blick in die Überblickswerke zur Geschichte des 19. Jahrhunderts bestätigt diesen Befund zunächst. Osterhammel erklärt beispielsweise in Die Verwandlung der Welt, dass die Zeitspanne von der Mitte des Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg „eine Periode beispielloser Netzwerkbildung“12 gewesen sei, Emily Rosenberg diagnostiziert für diese Zeit eine „immer stärkere globale Vernetzung“13 und Christopher Bayly möchte die Welt des 19. Jahrhunderts als „einen Komplex sich überschneidender Netzwerke von globaler Reichweite“14 verstanden wissen. Die Verwendung eines verhältnismäßig abstrakten Netzwerkbegriffs und die Nutzung des Plural deuten hier darauf hin, dass es sich um eine Vielzahl unterschiedlicher, auf verschiedenen Ebenen angesiedelter Verflechtungsprozesse handelt. 9 10 11 12

13 14

Kiran Patel, „Überlegungen zu einer transnationalen Geschichte“, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 52 (2004), S. 624–645, hier S. 635. Jürgen Osterhammel, „Transnationale Gesellschaftsgeschichte. Erweiterung oder Alternative?“, in: Geschichte und Gesellschaft 27 (2001), S. 464–479, hier S. 474. Eric Vanhaute, „Who is afraid of global history? Ambitions, pitfalls and limits of learning global history“, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 20 (2009), S. 22–39, hier S. 34. Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, 2. Aufl. München 2009, S. 1010f. In ähnlicher Weise beschreiben Sebastian Conrad und Andreas Eckert die Zeit um 1900 als eine „Hochphase der Vernetzung“ (Sebastian Conrad, Andreas Eckert, „Globalgeschichte, Globalisierung, multiple Modernen. Zur Geschichtsschreibung der modernen Welt“, in: dies., Ulrike Freitag (Hg.), Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen, Frankfurt a. M. 2007, S. 7–49, hier S. 21.). Emily Rosenberg, „Einleitung“, in: dies. (Hg.), Geschichte der Welt. Weltmärkte und Weltkriege, 1870–1945, München 2012, S. 9–32, hier S. 9. Christopher Bayly, Die Geburt der modernen Welt. Eine Globalgeschichte, 1780–1914, Frankfurt a. M. 2008, S. 594; vgl. z. B. auch J. R. McNeill, William McNeill, The human web. A bird’s-eye view of world history, New York 2003.

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Es scheint jedoch möglich, innerhalb dieser vagen Verwendungsweise verschiedene Typen von Netzwerkverständnissen zu unterscheiden. Global angelegte Synthesen verwenden den Begriff des Netzes in der Regel für bestimmte Formen des Handels, menschliche Migrationsbewegungen und weltumspannende Verkehrs- und Kommunikationssysteme.15 Einer begrifflichen Unterscheidung von Erhard Schüttpelz folgend, können von diesen makrotechnologischen infrastrukturellen Systemen von Verkehr und Kommunikation die mikrosoziologischen Netzwerke, in die individuelle Akteure eingebunden sind, unterschieden werden.16 Auf dieser Ebene lassen sich wiederum eine Vielfalt von Verwendungsweisen und Herangehensweisen unterscheiden. Sie ist beispielsweise der Bereich, in dem die am weitesten formalisierten Netzwerkverständnisse angesiedelt sind. So sprechen sich beispielsweise Marten Düring und Ulrich Eumann für eine historische Netzwerkforschung im Stile der Sozialen Netzwerkanalyse aus. Bei dieser Übertragung aus der empirischen Sozialforschung handelt es sich um ein quantitatives Verfahren, dessen graphisch dargestellte Resultate weitere Analysen ermöglichen und beispielsweise Aussagen zur Dichte von Netzwerken oder zur relativen Position einzelner Akteure innerhalb des Netzwerks zulassen.17 Bei allen Möglichkeiten, die diese Analyse eröffnet, scheint sie doch für bestimmte Fragestellungen nur begrenzte Aussagemöglichkeiten zu bieten. Dies betrifft zunächst die Frage der Quellenbasis und der Repräsentativität. Mindestens ebenso drängend scheint aber die Frage, wie sich Entwicklungen und Wandel in der Zeit innerhalb graphischer Darstellungen einfangen lassen. Dazu gehört auch die grundlegende Frage, wie und warum Netzwerke überhaupt entstehen. Damit ist ein Grundproblem des historischen Umgangs mit Netzwerkkonzepten angesprochen: In der Regel produzieren diese eher statisch wirkende Resultate und verdecken Dynamiken.

15

16 17

Vgl. z. B. Roland Wenzlhuemer, „Telecommunications and globalization in the nineteenth century“, in: Historical Social Research 35 (2010), S. 7–18; Dirk Hoerder, „Migrationen und Zugehörigkeiten“, in: Rosenberg, Weltmärkte und Weltkriege (wie Anm. 13), S. 433–588; Osterhammel, Verwandlung (wie Anm. 12), S. 1010–1055. Vgl. zu der Unterscheidung auch Erhard Schüttpelz, „Ein absoluter Begriff. Zur Genealogie und Karriere des Netzwerkkonzepts“, in: Stefan Kaufmann (Hg.), Vernetzte Steuerung. Soziale Prozesse im Zeitalter technischer Netzwerke, Zürich 2007, S. 25–46. Vgl. z. B.  Marten  Düring, Ulrich Eumann, „Historische Netzwerkforschung. Ein neuer Ansatz in den Geschichtswissenschaften“, in: Geschichte und Gesellschaft 39 (2013), S. 369–390; Wolfgang Neurath, Lothar Krempel, „Geschichtswissenschaft und Netzwerkanalyse. Potenziale und Beispiele“, in: Berthold Unfried, Jürgen Mittag, Marcel van der Linden (Hg.), Transnationale Netzwerke im 20. Jahrhundert. Historische Erkundungen zu Ideen und Praktiken, Individuen und Organisationen, Wien 2008, S. 59–79.

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Zwischen vage metaphorischen auf der einen und hochgradig formalisierten statischen Netzwerkbegriffen auf der anderen Seite, so das Argument, das im Folgenden vertreten werden soll, bietet die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) ein Modell für eine prozessorientierte Analyse von Netzwerkbildungen, das diese Probleme umgeht.18 Im Sinne einer methodischen Aufwertung des Netzwerkbegriffs in transnationalen Studien soll deshalb im Folgenden für eine Vernetzungsgeschichte als Untersuchung dynamischer Netzwerkbildungsprozesse plädiert werden. Der dynamische Charakter in den Netzwerkvorstellungen der ANT ist ein zentrales Moment dieses Ansatzes. Dies tritt beispielsweise deutlich hervor, wenn Bruno Latour schreibt, dass der Begriff des Sozialen in der ANT „die Bezeichnung für eine Bewegung, eine Verschiebung, eine Transformation, eine Übersetzung, eine Anwerbung“19 ist. Dies kommt aber auch bereits in einem deutlich älteren Ansatz zum Ausdruck, der im Folgenden als Referenz herangezogen werden soll, nämlich dem Phasenmodell der Netzwerkbildung, wie es Michel Callon 1986 in seinem Aufsatz zu den Kammmuscheln und ihren Fischern in der St. Brieuc-Bucht, „Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung,“ skizziert hat. Callon interessiert sich darin für die Strategien und Praktiken von Netzwerkbildern und schlägt hierfür eine Phaseneinteilung vor. In einem ersten Schritt, der Problematisierung, definieren ein Akteur oder eine Gruppe von Akteuren ein Problem und präsentieren gleichzeitig einen Weg dieses Problem zu lösen. Die problematisierenden Akteure nehmen in dem von ihnen vorgeschlagenen Lösungspfad eine zentrale Rolle ein und benennen die anderen Akteure, die in ihr Netzwerk eingebunden werden müssen, um das Problem zu lösen. In einem zweiten Schritt, dem Interessement, beginnt die Einbindung der Akteure in das Netzwerk. Mit Mitteln, die von der einfachen Bitte oder Verführung zur reinen Gewalt reichen können, werden Akteure menschlicher wie nichtmenschlicher Natur dazu gebracht, sich für das Projekt zu interessieren. In der dritten Phase, dem Enrolment, werden die Rollen, die die einzelnen Akteure in dem Netzwerk einnehmen sollen, vergeben beziehungsweise angenommen. Wie das verschiedentlich mit den Fallbeispielen der ANT der Fall ist, sind diese fein säuberlich getrennten Phasen nicht unbedingt mit dem Wust von 18

19

Der dynamische Charakter von Netzwerkbildungsprozessen ist auch der Aspekt, unter dem die ANT in der deutschsprachigen Soziologie am ehesten wahrgenommen wird; vgl. z. B. Stephan Lorenz, „Fallrekonstruktionen, Netzwerkanalysen und die Perspektiven einer prozeduralen Methodologie“, in: Forum Qualitative Sozialforschung 9 (2007), http:// www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-08-1-10-d.htm. Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die AkteurNetzwerk-Theorie, Berlin 2010, S. 112.

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Aktivitäten in Einklang zu bringen zu, die historische Akteure entfalten. Selbst in Callons Beispiel greifen sie ineinander. So schreibt er etwa: „Das Enrolment zu beschreiben bedeutet […], die Folge multilateraler Verhandlungen, Prüfungen der Willensstärke und Tricks zu beschreiben, welche die Prozesse des Interessement begleiten und ihnen den Erfolg ermöglichen.“20 Es geht deshalb im Folgenden nicht darum, die einzelnen von Callon vorgeschlagenen Schritte am Beispiel der deutschen Antarktisexpedition durchzudeklinieren. Stattdessen soll gezeigt werden, dass das Instrumentarium der ANT den Blick schärft für die komplexen Aushandlungsprozesse und Einbindungsversuche, an deren Ende das Zusammenkommen der deutschen Südpolarexpedition in der Antarktis stand. Netzwerke historisch zu untersuchen bedeutet in diesem Sinne in erster Linie die dynamischen Netzwerkbildungsprozesse – die Anwerbung und Integration von Akteuren und ihre Interaktionen – zu untersuchen. Bruno Latour zu folgen heißt zuvorderst, „dass man ‚den Akteuren folgen’ muss“21 bei ihren Bemühungen Netzwerke herzustellen. Ein Charakteristikum der Südpolarunternehmungen war es, dass die Akteure bei ihren Vernetzungsaktivitäten immer wieder über nationale Grenzen hinweggingen – es folgt deshalb ein Versuch einer transnationalen Vernetzungsgeschichte. II.

Die lange Problematisierung der Antarktis

Schon mit der ersten Phase, der Problematisierung, zeigt das Beispiel der Antarktis wie Theorie und Empirie auseinanderklaffen. Bei Callon verläuft die Problematisierung, die auch erzählerisch den Anfangspunkt seiner Untersuchung bildet, in eigenwilliger Weise unproblematisch: „Die Geschichte beginnt auf einer 1972 in Brest abgehaltenen Konferenz,“22 die drei Forscher nutzen, um ein Forschungsproblem und ihren Lösungsansatz zu skizzieren. Der Vorlauf und die Konstellationen, die für eine gelungene Problematisierung nötig sind, bleiben unbeleuchtet. Mit Philipp Sarasin könnte man argumentieren, dass die Machtverhältnisse – also „die Relationen, in die Menschen, Diskurse, 20

21 22

Michel Callon, „Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung. Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc-Bucht“, in: Andréa Belliger, David Krieger (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 135–174, hier S. 156. Auf das Enrolment folgt bei Callon noch die Mobilisierung, die hier ausgelassen wird, weil sie für das später diskutierte Beispiel keinen Zugewinn zu eröffnen scheint. Latour, Neue Soziologie (wie Anm.  19), S.  28; vgl. auch ders., Science in Action. How to Follow Scientists and Engineers through Society, Cambridge 1987. Ebd., S. 144.

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Artefakte und Institutionen verflochten sind“23 und die es den Forschern überhaupt erst ermöglichen, einen Gegenstand zum Problem zu erheben – außen vor bleiben. Das Beispiel des deutschen Polarforschers Georg Neumayers zeigt, dass sich die erfolgreiche Problematisierung der Antarktis von der ersten Projektidee bis zur Umsetzung annähernd ein halbes Jahrhundert lang hinzog. Die Gründe dafür waren, wie hier nur angedeutet werden soll, vielfältig.24 Neumayer war Erdmagnetiker und Meteorologe und interessierte sich seit einem Aufenthalt in Australien 1852 für die Südpolarregionen.25 In den 1850er Jahren legte er seinen ersten Plan für ein Observatorium in Australien vor, das die Grundlage für antarktische Arbeiten liefern sollte. In den 1870er Jahren erarbeitete er eine Reihe von Expeditionsplänen für Unternehmungen, die über die Kerguelen im südlichen indischen Ozean in die Südpolarregionen gehen sollten, und stellte sie bei nationalen wie internationalen Kongressen vor. Zur Ausführung kamen diese Projekte nie. Teilweise waren die Gründe für dieses Scheitern praktischer Natur: Anfang der 1870er Jahre verstarb beispielsweise ein österreichischer Geldgeber, der Interesse an Neumayers Plänen signalisiert hatte und Neumayer fand keinen Ersatz für ihn. Gleichzeitig sorgte eine Arktiskonjunktur ab der Mitte des 19. Jahrhunderts dafür, dass das geographische Forschungsinteresse sich in der Nordpolarregion bündelte und die Antarktis nur eine Randstellung einnahm. August Petermann schrieb beispielsweise 1863: „Das augenblickliche Interesse der Welt für den Südpol möchte freilich […] so ziemlich gleich Null sein und ehe der Südpol ‚in die Mode‘ kommt, ist nicht zu erwarten, dass etwas für ihn geschieht.“26 Es war bezeichnend, dass Petermann, der als Herausgeber seiner eigenen geographischen Zeitschrift die Moden der Disziplin mitbestimmen konnte, zwei Jahre später begann, sich für eine deutsche Arktisexpedition zu engagieren, deren Durchführung das Interesse weiter von der Antarktis abhielt. Zugleich zeigt Petermanns Beispiel, wie wichtig die institutionelle Verortung für die 23 24 25

26

Philipp Sarasin, „Was ist Wissensgeschichte?“, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 36 (2011), S. 159–172, hier S. 172. Zum anders gelagerten Problematisierungsbegriff bei Foucault vgl. Ulrike Klöppel, „Foucaults Konzept der Problematisierungsweise und die Analyse diskursiver Transformationen“, in: Achim Landwehr (Hg.), Diskursiver Wandel, Wiesbaden 2010, S. 255–263. Walter Kertz, „Georg von Neumayer und die Polarforschung“, in: Polarforschung 53 (1983), S. 91–98; Wilfried Schröder, Karl-Heinrich Wiederkehr, Kristian Schlegel, „Georg von Neumayer and geomagnetic research“, in: History of Geo- and Space Sciences 1 (2010), S. 77–87. August Petermann, „Neue Karte der Süd-Polar-Regionen“, in: Mittheilungen aus Justus Perthes’ geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie 9 (1863), S. 423–248, hier S. 423.

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Position innerhalb des geographischen Diskurses war und wie nachhaltig die Möglichkeit, eine Weltregion zu problematisieren damit zusammenhing.27 Ab den 1880er Jahren übernahmen fachliche Autoritäten, in Deutschland beispielsweise der Geographieprofessor Friedrich Ratzel, die Problematisierung der Antarktis, und Neumayer war als Direktor der als Reichsinstitut gegründeten Deutschen Seewarte in eine Position aufgerückt, die ihm im Fachdiskurs Gehör verschaffte. Zudem wurde er, beispielsweise 1885 in Hamburg, in den Zentralausschuss des deutschen Geographentages gewählt und konnte so auf nationaler Ebene Einfluss auf die Agenda des Faches nehmen.28 Doch trotz regelmäßiger Thematisierungen der Antarktis während der Geographentage der 1880er Jahre glückte die Problematisierung der Südpolarregionen erst Mitte der 1890er Jahre. Zwei weitere Faktoren trugen dazu bei. Erstens erkundeten Anfang der 1890er Jahre europäische Walfänger antarktische Gewässer auf der Suche nach neuen Fanggründen, weil ihre arktischen Ziele zunehmend unrentabel wurden. Teilweise sorgten ihre Finanziers dafür, dass die Walfangkapitäne Forscher mitnahmen, teilweise waren die Kapitäne selber geographisch interessiert und fertigten Berichte über ihre Landsichtungen an. Das entscheidende an diesen Walfangtestexpeditionen war aber, dass ihre überschaubaren Resultate Wissenschaftlern in Europa als Argument dienten für die Aussendung rein geographisch-wissenschaftlicher Unternehmungen.29 Dazu kam ein zweiter Punkt: In den 1890er Jahren entstanden an verschiedenen Stellen in Europa Südpolarprojekte. Es kann argumentiert werden, dass durch die an unterschiedlichen Orten öffentlich gemachten Interessenbekundungen ein transnationaler Problematisierungsdruck entstand, der den einzelnen Unternehmungen zum Durchbruch verhalf. Das Jahr 1895 markierte dabei den Wendepunkt. Im April machte Neumayer als Vorsitzender des Zentralausschusses die Polarregionen zum Hauptthema des deutschen Geographentages in Bremen, dem mehrere Vorträge gewidmet wurden. Am Ende der Veranstaltung nahm die Zusammenkunft einen Vorschlag an, wonach eine Kommission gegründet werden solle, deren Aufgabe es sein sollte, „über die Möglichkeit der baldigen Entsendung einer deutschen wissenschaftlichen Südpolar-Expedition zu beraten und günstigenfalls die Ausführung in die

27 28 29

Vgl. Imre Josef Demhardt, Der Erde ein Gesicht geben. Petermanns Geographische Mitteilungen und die Anfänge der modernen Geographie in Deutschland, Gotha 2006; Philipp Felsch, Wie August Petermann den Nordpol erfand, München 2010. „Der fünfte deutsche Geographentag“, in: Heinrich Michow (Hg.), Verhandlungen des fünften deutschen Geographentages zu Hamburg am 9., 10. und 11. April 1885, Berlin 1885, S. 199f. Vgl. z. B. T. H. Baughman, Before the heroes came. Antarctica in the 1890s, London 1999.

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Wege zu leiten“30. Den Vorsitz der deutschen Kommission für die SüdpolarForschung übernahm Neumayer, daneben gehörten ihr 26 weitere Geographen und Wissenschaftler an. Auf transnationaler Ebene fand die geglückte Problematisierung ihren Ausdruck beim sechsten internationalen Geographenkongress, der im September in London stattfand und der in gewisser Weise gleichgesetzt werden kann mit der Konferenz, mit der Callon seine Untersuchung startet. Der Präsident der Londoner Royal Geographical Society, Clements Markham, der sich für eine britische Antarktisexpedition engagierte, hatte sich dafür stark gemacht, dass der Kongress eine eigene Polarsektion bekommen sollte. In ihr übernahm Neumayer, der seit seiner Zeit in Australien in Kontakt zu britischen Forscherkreisen stand, das Hauptreferat „Über Südpolarforschung“. Im Anschluss an die Polarvorträge wurde wiederum eine Kommission unter Vorsitz Neumayers gegründet, die eine Resolution erarbeiten sollte. Die einstimmig angenommene Erklärung besagte, dass die Antarktis „the greatest piece of geographical exploration still to be undertaken“31 sei. In den Südpolarregionen seien wichtige Ergebnisse für alle Wissensgebiete zu erwarten, weshalb der Kongress empfahl: „[T]he various scientific societies throughout the world should urge, in whatever way seems to them most effective, that this work should be undertaken before the close of this century.“32 Damit war auf einer transnationalen Bühne die Problematisierung der Antarktis geglückt. Das denkbar größte geographische Fachpublikum hatte abgesegnet, dass die Südpolarregionen zum Problem erhoben werden müssten. Zugleich verweist die skizzenhafte Schilderung der Problematisierung der Antarktis am Ende des 19. Jahrhunderts auf zwei Aspekte, die in Callons Modell zu wenig berücksichtigt scheinen. Dies betrifft erstens und wie gezeigt die Frage, innerhalb welcher Machtkonstellationen es welchen Akteuren gelingen kann, Projekte erfolgreich zu problematisieren. Es ist deshalb verkürzt, wenn Untersuchungen erst bei der Problematisierung beginnen. Zweitens sind Problematisierungen erst dann erfolgreich, wenn auch die in 30 31

32

Moritz Lindeman, „Der XI. deutsche Geographentag in Bremen, in der Osterwoche 1895“, in: Deutsche geographische Blätter 18 (1895), S. 171–208, hier S. 206. „Resolutions considered and passed by the sixth International Geographical Congress“, in: Hugh Robert Mill, John Scott Keltie (Hg.), Report of the sixth International Geographical Congress held in London 1895, London 1896, S.  779–787, hier S.  780; vgl. auch Georg Neumayer, „Über Südpolarforschung“, in: Hugh Robert Mill, John Scott Keltie (Hg.), Report of the sixth International Geographical Congress held in London, 1895, London 1895, S. 109–162. „Resolutions considered“ (wie Anm.  31); vgl. auch Georg Neumayer, „Über Südpolarforschung“, in: Hugh Robert Mill und John Scott Keltie (Hg.), Report of the sixth international geographical congress held in London, 1895, London 1895, S. 109-162.

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Callons Modell daran anschließenden Schritte der Netzwerkbildung vollzogen werden. Über den Erfolg der Problematisierung ist also streng genommen nur aus der Rückschau zu urteilen und er ist an eine entsprechende anschließende Netzwerkbildung gekoppelt. Mit Bezug auf Neumayer und den internationalen Geographenkongress bedeutet dies: Die Anerkennung seitens der Fachgemeinschaft in London, dass die Antarktis ein wichtiges Feld für künftige geographische Arbeiten sei, sicherte in keiner Weise, dass eine Expedition starten würde. Sie zeigte nur, dass die Antarktis sich näher in Richtung des Zentrums des Fachdiskurses bewegt hatte. III.

Koalitionen schmieden: Die Frage der Finanzen

Ein entscheidender Schritt von der erfolgreichen Problematisierung zur tatsächlichen Umsetzung des Südpolarprojekts bestand darin – auch dieser Aspekt taucht bei Callon kaum auf –, finanzkräftige Akteure in das Expeditionsnetzwerk einzubinden. Die deutsche Kommission fasste zunächst den Plan, das Projekt über private Spenden zu bezahlen. Ihre Mitglieder sollten Informationsveranstaltungen in ihren jeweiligen heimatlichen Institutionen organisieren und dort Gelder akquirieren. Solche ‚Polarabende‘ wurden beispielsweise in Stuttgart, Frankfurt am Main, Leipzig, Halle an der Saale und München abgehalten. Nach der Problematisierung im nationalen und transnationalen Rahmen dokumentieren die Polarabende den Versuch der Kommission, das Projekt auf der lokalen Ebene bekannt zu machen und dort Rückhalt dafür zu gewinnen. In München etwa brachte Eugen Oberhummer, Mitglied der Polarkommission und Vorsitzender der örtlichen Geographischen Gesellschaft, fünfhundert Gäste zusammen. Erich von Drygalski, ebenfalls Mitglied der Kommission und später Leiter der Expedition, reiste zu den Treffen und hielt Vorträge. Die erhoffte Finanzierung ließ sich über diese Veranstaltungen allerdings nicht bewerkstelligen. Die Münchener Sammlung hatte etwa 3.000 Reichsmark eingebracht, nachdem ein Großteil der Treffen abgehalten war, waren etwas mehr als 33.000 Reichsmark gesammelt. Die Kosten der Expedition, die auf mindestens eine Million Reichsmark geschätzt wurden, waren so nicht aufzubringen.33

33

Vgl. Eugen Oberhummer, „Die deutsche Südpolarexpedition. Bericht über die vorbereitenden Schritte in München“; in: Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft in München 17 (1896/1897), S. 1–48, hier S. 8; von Drygalski an Lewald, 21.4.1898, in: BArch R 1501/116117.

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In dieser Situation änderte die Kommission, auch auf Druck einiger geographischer Autoritäten, ihre Strategie. 1897 hatte der Meeresbiologe Carl Chun vor der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte für die Aussendung einer deutschen Tiefseeexpedition geworben. Im Gegensatz zur Polarkommission reichte er ein Immediatgesuch ein, das Kaiser Wilhelm II. positiv beschied, so dass die Valdivia-Expedition schon 1898 starten konnte. Ratzel und andere kritisierten daraufhin die Versuche der Polarkommission, die daraufhin ebenfalls eine Immediateingabe verfasste.34 Dieser Schritt hin zu einer staatlichen Finanzierung der Expedition ist wichtig, weil mit ihm ein Schwenk in Richtung einer markant nationalen Auslegung des Unternehmens einherging. In dem Begründungsschreiben traten neben wissenschaftliche Erwartungen an die Reise ihr praktischer Nutzen und nationale Argumente, die zuvor in den Denkschriften und Programmen der Planer höchstens eine untergeordnete Rolle gespielt hatten. Für die Antarktis, erklärte das Schreiben zunächst, fehle nicht nur jede geographische Information, sondern auch „das notwendige Wissen über alle anderen Naturerscheinungen“35. Doch an die wissenschaftlichen Desiderate schloss die Kommission praktische Erwägungen an. Erstens sei auf die Erschließung neuer Wal- und Robbenfanggründe zu hoffen – dass die Ergebnisse der Walfangtestexpeditionen dies unrealistisch erscheinen ließen, wurde ignoriert. Zweitens würden durch die Ergebnisse der geplanten meteorologischen und erdmagnetischen Untersuchungen die „auch von deutschen Schiffen viel befahrenen Wege zwischen den Südkontinenten“36 besser planbar. Schließlich stilisierte die Kommission die an verschiedenen Stellen entstehenden Polarprojekte zu einem nationalen Wettbewerb und Deutschland solle doch „bei der Lösung des letzten großen geographischen Problems nicht zurückstehen“37. Gleichzeitig stellte die Kommission aber auch in Aussicht, dass eine Abstimmung der unterschiedlichen nationalen Expeditionen denkbar sei, so dass zur nationalen Konkurrenz der Gedanke der transnationalen Kooperation trat.

34 35 36 37

Vgl. Carl Chun, Aus den Tiefen des Weltmeeres. Schilderungen von der deutschen TiefseeExpedition, Jena 1903, S.  7–10; Friedrich Ratzel, „Die deutsche Tiefsee-Expedition“, in: Hans Helmolt (Hg.), Kleine Schriften von Friedrich Ratzel, Bd. 2, München 1906, S. 382–390. Immediateingabe, 20.7.1898, in: GStA PK I/76/1/XI/V/A/7/1. Ebd. Ferdinand von Richthofen, „Gemeinschaftliche Sitzung der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin und der Abteilung Berlin-Charlottenburg der deutschen Kolonial-Gesellschaft. Ansprache des Vorsitzenden der Gesellschaft für Erdkunde“, in: Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 26 (1899), S. 59–64, hier S. 63.

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Nach der Immediateingabe berichtete der Staatssekretär im Reichsamt des Innern, Arthur von Posadowsky-Wehner, dass sowohl der Kaiser wie die breite Öffentlichkeit Interesse an dem Südpolarprojekt zeigten. Politischen Ausdruck fand dies darüber hinaus darin, dass Ende 1898 eine Reihe von Reichstagsparteien signalisierte, das Thema im Parlament besprechen zu wollen. Auf Wunsch des Reichs-Marine-Amts waren diese Reichstagsdebatten zuvor zurückgestellt worden, weil die Marine die Gefahr vermeiden wollte, dass Mittel für das Flottengesetz in die Südpolarunternehmung abgezweigt werden könnten. Anfang 1899 begann das Reichsamt des Innern sich intensiver mit der Möglichkeit einer deutschen Antarktisexpedition auseinanderzusetzen, Ende des Monats sollte sie erstmals im Reichstag diskutiert werden. Über die Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, der maßgebliche Mitglieder der Polarkommission angehörten, versuchte die Kommission Einfluss auf die Parlamentarier zu nehmen. Etwa eine Woche vor der Reichstagsdebatte luden die geographische Gesellschaft und die Abteilung Berlin-Charlottenburg der deutschen Kolonialgesellschaft zu einer gemeinsamen Sitzung ins Kroll’sche Theater ein. Einladungen gingen an den Kaiser, die Behörden des Reichs und alle Mitglieder des Reichstags, denen die Vorzüge einer deutschen Südpolarexpedition erläutert werden sollten. Als wichtige Scharnierstelle fungierte Franz von Arenberg, der als Leiter der Charlottenburger Abteilung der Kolonialgesellschaft und Zentrumsabgeordneter die Sphären der Expeditionsbewerbung und der Politik verband. Etwa  1.300 Besucher folgten der Einladung, darunter viele Reichstagsabgeordnete und der Staatssekretär des Reichs-Marine-Amts Alfred Tirpitz. In seiner Begrüßungsansprache strich der Präsident der geographischen Gesellschaft, Ferdinand von Richthofen, die deutsche Rolle in der Entwicklung des europäischen Interesses an der Antarktis heraus. Dass bereits zwei Expeditionen, eine aus Belgien und eine britisch-norwegische, auf dem Weg in die Antarktis seien, sei nicht zuletzt Ergebnis der deutschen Problematisierungsbemühungen. Da das Deutsche Reich aber die Führungsrolle in der Anbahnung eingenommen habe, dürfe es „in dem nun eingetretenen internationalen Wettbewerb nicht zurückbleiben, sondern [müsse] auch mit der Ausführung in die Vorderreihe“38 treten. In einem in ähnlicher Weise auf nationales Prestige gerichteten Argument schloss von Arenberg, dass es höchste Zeit sei, dass die Deutschen auf dem Gebiet der Exploration der Welt mit einer bemerkenswerten Leistung aufträten, insbesondere mit Blick auf den Umfang der deutschen Handelsflotte. 38

Ebd.

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Am 24. Januar wurde im Reichstag die Einstellung von 200.000 Reichsmark in den Nachtrag zum Reichshaushaltsetat zur Debatte gestellt. Der Betrag sollte die erste von insgesamt fünf Raten für eine deutsche Antarktisexpedition darstellen. Der erste Redner, der nationalliberale Abgeordnete Ernst Hasse, griff in seinem Beitrag einen Gedankengang auf, den auch von Drygalski wenig vorher schon einmal versuchsweise als eine nationale Traditionslinie angeboten hatte. Mitte des 19. Jahrhunderts habe Carl Friederich Gauss durch seine theoretischen Arbeiten zum Erdmagnetismus auf die Bedeutung von Forschungen am Südpol hingewiesen, die dann allerdings von Amerikanern, Franzosen und Briten durchgeführt worden seien. Es sei jedoch „charakteristisch für die verschiedene Stellung, die Deutschland damals einnehmen musste und die Deutschland heute einnehmen kann“39, dass nunmehr die Möglichkeit bestünde, eine deutsche Expedition auszusenden, um Gauss’ Berechnungen erneut empirisch zu überprüfen. Die Knüpfung dieser Traditionslinie wurde später dadurch unterstrichen, dass das Expeditionsschiff nach Gauss benannt wurde. Zwar hänge außerdem „die Machtstellung unseres Reiches und die Rangordnung unseres Volkes unter den Völkern“40 von anderen Dingen ab, aber die Wissenschaft leistete eben auch ihren Beitrag dazu. Bei der nächsten Sitzung zur Polarexpedition im März griff der Zentrumsabgeordnete Adolf Gröber diesen zweiten Aspekt auf. Die Zeiten der deutschen Zerstückelung, in der Marine- und Seeinteressen kaum hätten verfolgt werden können, seien vorüber: Heute ist Deutschland geeinigt; heute haben wir eine gewaltige, die zweitstärkste oder nahezu die zweitstärkste Marine der Welt; unsere Seeinteressen steigern sich von Jahr zu Jahr in Zusammenhang mit der Entwicklung unserer Schifffahrt und unserer Schutzgebiete. Mit dieser Entwicklung sind uns aber auch höhere Aufgaben gestellt als bisher; wir müssen nunmehr auch an denjenigen wissenschaftlichen Arbeiten uns beteiligen, welche wir bisher anderen seefahrenden Völkern überlassen haben und eine der wichtigsten wissenschaftlichen Aufgaben, welche noch ihrer näheren Bearbeitung harrt, ist die Erforschung des Südpolargebiets.41

Gröber interpretierte die Expedition als wissenschaftlichen Arm der deutschen Flottenaufrüstung, als Ausdruck der deutschen Weltmachtsambitionen. Dabei schien das Timing von besonderer Bedeutung: In der Forschung ist wiederholt 39 40 41

Auszug aus den stenographischen Verhandlungen des Reichstags, 24.1.1899, in: GStA PK I/76/1/XI/VA/7/1. Ebd. Adolf Gröber (Zentrum), Auszug aus den stenographischen Verhandlungen des Reichstags, 1.3.1899, in: GStA PK, I. HA Rep. 76, Vc. Sekt. 1 Tit. XI Teil VA Nr. 7 Bd. 1.

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darauf hingewiesen worden, dass ein Kennzeichen des deutschen Kolonialismus sein verspäteter Beginn gewesen sei und dass das Deutsche Reich sich deshalb, zumindest zeitweise, auf den Bereich der Kolonialphantasien verlegt habe.42 Im Gegensatz dazu boten die Südpolarregionen in den Augen der Parlamentarier die Möglichkeit, bei der letzten Weltregion, die noch einer erstmaligen Exploration offenstand, Kopf an Kopf mit anderen Imperien oder gar führend an einem prestigeträchtigen Entdeckungsprojekt teilzuhaben. Netzwerktechnisch kann die nationale Aufladung der Expedition als Resultat der Strategien gedeutet werden, die die Expeditionsplaner im Interessement mit Blick auf die staatlichen Akteure anwandten, um sie als Geldgeber in ihr Netzwerk einzubeziehen. Die Argumentation beruhte darauf, den Parlamentariern und anderen Entscheidungsträgern die Expedition als nationales Prestigeobjekt schmackhaft zu machen, das das Deutsche Reich symbolisch auf eine Ebene mit dem britischen Empire würde erheben können. Dass dieses Argument tatsächlich strategisch eingesetzt wurde, wird daraus ersichtlich, dass es erst in den Bemühungen um die Expeditionsfinanzierung regelmäßig vorgebracht wurde. Zugleich demonstrieren die Reaktionen der Reichstagsabgeordneten, dass sie nicht nur dieses Argument annahmen, sondern es noch weiter steigerten. Insofern zeigt das Beispiel, dass Akteure, denen die Problematisierer eine Rolle in ihrem Netzwerk zuweisen wollten, durchaus selber Einfluss auf die Gesamtausrichtung des Netzwerks nehmen konnten. Zugleich bietet diese Lesart die Möglichkeit, die beiden von der Forschung herausgestellten Pole von nationaler Abschottung und transnationaler Verflechtung innerhalb eines Sets von Aktivitäten zu deuten: Die Nationalisierung der Expedition war ebenso ein Effekt der Verknüpfung von Akteuren zu einem Expeditionsnetzwerk, wie die Transnationalisierung, die sich, wie im folgenden Abschnitt zu zeigen sein wird, aus dem Bemühen ergab, die Expedition möglichst effektiv auszustatten. Dass diese Verknüpfungen in Angriff genommen wurden, war schließlich das Resultat der Tatsache, dass sowohl Wilhelm II. als auch der Reichstag die Finanzierung des Unternehmens befürworteten.

42

Vgl. z. B.  Susanne  Zantop, Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland, 1770–1870, Berlin 1999; Birthe Kundrus, „Die Kolonien. ‚Kinder des Gefühls und der Phantasie‘“, in: dies. (Hg.), ‚Phantasiereiche‘. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Frankfurt a. M. 2003, S. 7–18; Sara Friedrichsmeyer, Sara Lennox, Susanne Zantop, „Introduction“, in: dies. (Hg.), The imperialist imagination. German colonialism and its legacy, Ann Arbor 1998, S. 1–29.

210 IV.

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Polarhunde mitnehmen: Externe Berater und transnationale Vernetzungen

Nach Callon haben die Problematisierer bei der Problematisierung die ungefähren Akteurskonstellationen zur Lösung ihres Problems von Anfang an im Kopf. Sie sind es, die die Auswahl über die an ihrem Netzwerk zu Beteiligenden treffen. Dass dies nicht zwingend so sein muss, zeigt der Einfluss des norwegischen Arktisexplorers Fridtjof Nansen auf die deutsche und britische Expeditionsausrüstung. Nansen hatte sich durch zwei Nordpolarexpeditionen, bei denen er von Inuit die Techniken des Schlittenhundführens erlernt hatte, die Position des führenden Polarexperten in Europa erworben. Er war regelmäßiger Gast der geographischen Gesellschaften Europas, über die er sein geographisches und praktisches Wissen über die Polarregionen weitergab. Besonders deutlich wird sein Einfluss in der Frage, ob die deutsche Expedition Polarhunde mit in die Antarktis nehmen sollte. Zwar hatte die Kommission in ihrer Immediateingabe „Vorstöße auf Schlitten mit Polarhunden in der Richtung nach dem Südpol“43 in Aussicht gestellt, doch über die tatsächlichen Einsatzmöglichkeiten und den Nutzen der Tiere herrschte insgesamt Unsicherheit. Im Mai 1899 trat im Reichsamt des Innern der wissenschaftliche Beirat der deutschen Südpolar-Expedition zusammen, der sich personell weitestgehend mit der Polarkommission überschnitt, nun aber angegliedert an das Ministerium die konkreten Expeditionsvorbereitungen und die Ausrüstungsbeschaffung organisieren sollte. In einer vorab zirkulierten Denkschrift bekräftigte von Drygalski die in der Denkschrift geäußerte Ankündigung zur Mitführung von Hunden. In der Sitzung stellte er aber die Frage, ob Hunde mitgenommen werden sollten, zur Diskussion. Der Expeditionsleiter selbst zeigte sich skeptisch, weil die Hunde und ihr Futter auf dem Expeditionsschiff viel Platz einnehmen würden. Die anschließende Diskussion belegte die Unkenntnis aller Teilnehmer. Hunde seien zwar bei längeren Landexpeditionen sinnvoll einzusetzen. Dies gelte aber nur für günstige Eisverhältnisse. Außerdem könnten die Tiere die Fahrt durch die Tropen nur in einem speziell anzufertigenden Kühlraum überstehen, weil sie klimatisch sehr empfindlich seien. Aufgrund des Mangels an fundierten Informationen sollte eine Entscheidung bis zum internationalen Geographenkongress in Berlin aufgeschoben werden,

43

Immediateingabe (wie Anm. 34).

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wo sie „in einem engeren Kreise von Sachverständigen“44 und insbesondere mit Nansen diskutiert werden sollte. Bei dem Kongress im September 1899 wandte sich Markham, der ein Verfechter des sogenannten man-haulings, bei dem die Expeditionsteilnehmer ihre Schlitten selbst ziehen sollten, war, „scharf gegen die Grausamkeit, Hunde bei Polarreisen als Zugtiere zu gebrauchen“45 und so ihren Tod in Kauf zu nehmen. Von Drygalski dagegen gab die Unentschiedenheit des Beirats wieder. Beim Aufstieg auf das Inlandeis seien Hunde wohl „eher hinderlich als förderlich“46, ob seine Expedition sie dennoch als Zughilfen mitnehmen werde, sei noch fraglich. In der anschließenden Diskussion ergriff Nansen als erster das Wort und widersprach Markham und von Drygalski. Es scheine ihm ein geringeres Übel, Hunde zu quälen als Menschen, entgegnete er Markham. Von Drygalski gegenüber führte er aus, dass er selbst „bei seinem Aufstieg auf das grönländische Inlandeis sehr froh über Hunde gewesen“47 wäre und sie der deutschen Expedition deshalb dringend zur Mitnahme empfehle. Tatsächlich hatte aber, während von Drygalski noch suggerierte, dass die Mitnahme der Hunde nicht geklärt sei, das Reichsamt des Innern, in dessen Ressort die Expedition fiel, bereits im April 1899 über das Auswärtige Amt erste Erkundigungen über die Beschaffung und den Transport von Polarhunden eingeholt. Einen entsprechenden Fragebogen ließ das Ministerium an die kaiserlichen Vertretungen in Archangelsk, Moskau und Wladiwostok schicken. Gleichzeitig ging ein Brief an das Generalkonsulat in Sydney, das sich zum Schiffsverkehr zwischen Australien und den Kerguelen äußern sollte. Obwohl der Beirat noch gar nicht endgültig über die Route der Expedition entschieden hatte, plante das Reichsamt die Kerguelen, den Ort, der bereits in Neumayers früheren Plänen als Zweigstation anvisiert worden war, als Knotenpunkt für die Transportwege der Expedition ein. Als der Beirat von Carl Hagenbeck erfuhr, dass eine Kühlkammer für die Reise der Hunde durch die Tropen nicht notwendig sei, weil er selber schon die wesentlich empfindlicheren Eisbären ohne eine solche habe transportieren lassen, stand diese Option für die Mitarbeiter im Reichsamt des Innern schon nicht mehr zur Debatte – die Tiere sollten erst auf den Kerguelen auf das Expeditionsschiff umgeladen werden.

44 45 46 47

Protokoll über die Sitzung des wissenschaftlichen Beirats der deutschen SüdpolarExpedition, 6.5.1899, in: GStA PK I/76/1/XI/V/A/7/1. E.  Hahn, C.  Uhlig, G.  Wegener, A.  Schenck, K.  Fricker, „Der VII. internationale Geographenkongress zu Berlin (Fortsetzung)“, in: Geographische Zeitschrift 6 (1900), S. 28-47, hier S. 39. Ebd. Ebd.

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Auch der Vorschlag des Tierhändlers für eine Beschaffung der Hunde blieb ungenutzt. Hagenbeck hielt den Kauf von Hunden im russischen Kamtschatka zwar für möglich, doch sei er wegen der enormen Transportkosten, die durch ihre Reise in die Antarktis entstünden, nicht ausführbar. Stattdessen bot er den Kauf von Hunden aus Grönland an, den er über den Direktor des Zoologischen Gartens in Kopenhagen organisieren könne. Allerdings waren die Preise für die grönländischen Hunde sehr hoch und Hagenbeck hatte selbst bestätigt, dass die Tiere aus Kamtschatka ebenso gut geeignet sein würden. Deshalb konzentrierten sich die Aktivitäten auf eine russische Lösung. Es war dem Vorbild Nansens zu verdanken, dass die Bemühungen der Expeditionsplaner unterschiedlicher Nationen in Russland in einem Punkt zusammenliefen. Die deutschen Konsuln in Archangelsk und Moskau berichteten unabhängig voneinander, dass Polarhunde in der Regel aus Tobolsk beschafft würden und dass Alexander Trontheim, der auch Nansens letzte Expedition mit Tieren versorgt hatte, der bekannteste Hundelieferant für die Region sei. Dass Trontheim durch Nansens Reisebericht in Polarfahrerkreisen zu einiger Bekanntheit gelangt war, hatte allerdings auch zur Folge, dass er eine Vielzahl von Anfragen erhielt. Als die aus dem Reichsamt des Innern einging, war er beispielsweise mit Aufträgen des amerikanischen Arktisreisenden Walter Wellmann und des Herzogs der Abruzzen beschäftigt, der ebenfalls eine Unternehmung in den Nordpolarregionen plante. Zudem gab die britische Expedition, die letztlich doch nicht ganz auf Hunde als Zugtiere verzichten wollte, eine Bestellung bei Trontheim auf. Dies bedeutete aber, dass Trontheim den deutschen Auftrag ablehnte, weil er schon zu viele andere Expeditionen beliefern musste. Der zentrale Knotenpunkt der Hundebeschaffung stand den deutschen Expeditionsplanern also nicht offen, es blieb damit nur der deutsche Handelsagent in Wladiwostok, Adolph Dattan. Der Geschäftsführer des deutschen Handelshauses Kunst und Albers sicherte den Expeditionsplanern zu, dass er ohne Schwierigkeiten fünfzig Hunde samt Schlitten und Geschirr im 2.300 Kilometer nordöstlich gelegenen Petropawlowsk in Kamtschatka beschaffen könne. Zudem wollte er den Tieren zwei Begleiter für den Transport mitgeben, der „an Bord eines Reichspostdampfers leicht zu arrangieren“48 sei. Dattan schlug vor, die Hunde entweder mit einem Dampfer des Norddeutschen Lloyds von Nagasaki nach Bremerhaven zu schicken oder mit einer japanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft nach Australien. Im Februar 1900 bestätigten die Expeditionsplaner, dass Dattan die Hunde in Kamtschatka beschaffen sollte, gleichzeitig begannen sie Informationen zum möglichen Transport der Hunde einzuholen. Diese Aktivitäten, bei denen sich 48

Dattan an Hohenlohe-Schillingsfürst, 16.6.1899, in: BArch R 1501/116118.

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die mikrosoziologischen Netzwerke der Expeditionsausrüstung mit den makrotechnologischen des Weltverkehrs berührten, sind aus globalgeschichtlicher Perspektive bedeutsam, denn sie geben einen Hinweis auf die Art und Weise, mit der die Berliner Beamten mit den weltweiten Transportnetzen umzugehen vermochten. Es zeigte sich, dass sie Globalitätserwartungen hatten, die weit über die tatsächlichen Konnektivitätsmöglichkeiten – insbesondere an den Rändern des Verkehrsnetzes – hinausreichten. Dieser Befund relativiert Einschätzungen, die für das 19. Jahrhundert von einer praktisch lückenlosen Erschließung der Welt ausgehen.49 Gleich zu Beginn der Erkundigungen erhielten die Globalitätserwartungen der Regierungsbeamten im Austausch mit dem Norddeutschen Lloyd einen Dämpfer. Die Beamten erkundigten sich bei der Gesellschaft nach den Bedingungen, unter denen sie bereit wäre, den Transport von fünfzig Polarhunden inklusive Ausrüstung und Futter auf einem Reichspostdampfer von Nagasaki über Colombo nach Fremantle zu übernehmen. Diese erste Anfrage wurde abgewiesen, denn, so erklärte die Gesellschaft, der Transport von fünfzig Hunden auf einem Reichspostdampfer könne „leicht große Unzuträglichkeiten für die Passagiere mit sich bringen“50. Die Nachfrage fußte auf der Idee, dass Dattan den Transport der Hunde bis Mitte August  1901 zu einem noch zu benennenden japanischen Hafen organisieren sollte, von wo der Weitertransport durch das Reichsamt des Innern geregelt werden sollte. Da der Norddeutsche Lloyd aber signalisierte, dass ein Transport von Hongkong nach Sydney auf einem Reichspostdampfer möglich sei, wurde die Anweisung an Dattan dahingehend verändert, dass er die Hunde spätestens bis zum 1. August dorthin liefern sollte. Das Reichsamt des Innern machte sich danach an die Aufgabe, die Weiterbeförderung der Tiere möglichst zu erleichtern. Die Konsuln in Hongkong, Sydney und Fremantle sollten sich auf das Eintreffen der Hunde vorbereiten und die nötigen Absprachen mit den Veterinärbehörden vor Ort treffen, um ihren Weitertransport möglichst zu beschleunigen.51

49 50

51

Vgl. z. B. Jürgen Osterhammel, Niels Petersson, Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 4. Aufl. München 2007, S. 63–65. Wiegand an Hohenlohe-Schillingsfürst, 7.3.1900, in: BArch R 1501/116119. Der Norddeutsche Lloyd empfahl stattdessen die Hunde nach Kobe bringen zu lassen, von wo aus einer ihrer Frachtdampfer die Hunde nach Singapur bringen könne, um sie von dort mit einem britischen Frachter nach Fremantle zu bringen; vgl. auch Der Reichskanzler an den Norddeutschen Lloyd, 16.2.1900, in: BArch R 1501/116118. Vgl. Hopf an den Staatssekretär des Auswärtigen Amts, 2.1.1901, in: BArch R 901/37548; Hellwig an den Staatssekretär des Innern, 12.3.1901, in: BArch R 1501/116120; Hellwig an den Herrn Staatssekretär des Innern, 24.3.1901, in: BArch R 1501/116120.

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Während die Beamten den globalen Transfer der Hunde an seinen Schnittstellen so zu optimieren versuchten, traten am Beginn des Weges grundlegende Hindernisse auf. Mitte März 1901 meldete Dattan an das Auswärtige Amt, dass er sich logistischen Schwierigkeiten gegenübersehe: Die Transportrouten der Postdampfer der Ostchinesischen Eisenbahn, die er für den Transport der Hunde aus Kamtschatka nach Wladiwostok vorgesehen hatte, fügten sich nicht in den Zeitplan der Expedition. Zunächst hatte Dattan vorgesehen, den ersten von Wladiwostok aus startendem Dampfer dieser Linie für den Transport zu nutzen. Der sollte in Wladiwostok Mitte Mai starten und Mitte Juli dorthin zurückkehren, so dass einem rechtzeitigen Weitertransport nichts im Wege gestanden hätte. Allerdings hielt dieser Dampfer nur auf der Hinfahrt in Petropawlowsk, so dass Dattans Angestellter die anvisierten Geschäfte innerhalb eines 24stündigen Aufenthalts hätte abwickeln müssen. Der zweite Dampfer der Linie hielt auf Hin- und Rückweg in Petropawlowsk, verließ Wladiwostok aber erst Mitte Juni, so dass er für den Weitertransport zu spät zurückgekehrt wäre. Weitere regelmäßige Dampferverbindungen mit Petropawlowsk bestanden aber nicht. Deshalb entwickelte Dattan eine neue Transportvariante. Er traf ein Abkommen mit dem Handelsunternehmen Bryner, dessen Dampfer Progress eine Ladung Tee in den „hohen, wenig befahrenen Norden“52 zu bringen hatte. Gegen Vergütung des Zeitaufwands und der verbrauchten Kohlen sollte das Schiff auf seiner Rückreise Petropawlowsk anlaufen und die Hunde, ihre Begleiter und Zubehör mitnehmen. Letztlich glückte der termingerechte Transport der Hunde, wenn auch nicht wie ursprünglich vorgesehen. Am 24. Mai startete der Postdampfer Sungari von Wladiwostok, auf dem Dattan einen Angestellten, der den Ankauf der Hunde abwickeln sollte, nach Petropawlowsk schickte. Dort angekommen musste dieser feststellen, dass der bereits im Vorjahr geschlossene Vertrag nicht erfüllt und der Vertragspartner auch nicht zu seiner Einhaltung zu bewegen war. Dattans Mitarbeiter trat daraufhin eine Reise durch das Umland von Petropawlowsk an, um selbst die Hunde und ihre Ausrüstung bis zur Ankunft der Progress anzukaufen. Zwar gelang ihm dies, doch drohte der rechtzeitige Weitertransport trotzdem zu scheitern, weil sich die Progress wegen schlechten Wetters verspätete. Dattan nutzte ein letztes Mal seine geschäftlichen Verbindungen und organisierte die Reise der Hunde nach Hongkong noch einmal um. Gegen eine Vergütung erklärte sich der Kapitän des Dampfers Siam der Ostasiatischen Kompanie in Kopenhagen, deren Agentur in Wladiwostok in den Händen von Kunst und Albers lag, bereit die Hunde nach Japan mitzunehmen. Dort nahm sich ein in Nagasaki lebender Angestellter Dattans der Tiere an und 52

Dattan an Hellwig, 23.3.1901, in: BArch R 1501/116120.

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bewirkte ihre zügige Weiterbeförderung auf dem japanischen Dampfer Sado Maru. Unter Ausnutzung seines Netzwerks geschäftlicher Kontakte gelang es Dattan auf diese Weise, die Lieferung der Hunde nach Hongkong bis zum 10. August zu bewerkstelligen. Dieser Termin war ihm inzwischen durch das kaiserliche Konsulat in Hongkong als der für den Weitertransport günstigste Zeitpunkt genannt worden.53 Was die Lieferung selbst anging, so hatten Dattan und sein Mitarbeiter eigenmächtig eine Aufstockung gegenüber dem eigentlichen Auftrag vorgenommen. Eigentlich hatte er fünfzig Hunde besorgen sollen, doch schien ihm diese Zahl aufgrund der klimatischen Bedingungen und Gefahren der langen Reise als zu gering. Sein Angestellter kaufte deshalb 71 Tiere, von denen vier auf dem Transport nach Hongkong starben, so dass dort 67 Hunde, fünf Hundeschlitten mit Geschirr und getrockneter Fisch für die Reise bis auf die Kerguelen zur Ablieferung kamen. Die Zahl der Hundebegleiter hatte Dattan auf drei aufgestockt, da die beiden ursprünglich vorgesehenen kein Englisch sprachen und deshalb nicht mit dem Schiffspersonal sprechen könnten. Einer der Wärter, erklärte Dattan außerdem, könne die Expeditionsteilnehmer in der Führung von Hundeschlitten unterrichten. Am 7. August erreichten die Tiere und ihre Begleiter Hongkong. Die dortigen Konsuln hatten für die Hunde eine Landungserlaubnis erwirkt, und so wurden die Tiere bis zu ihrer Weiterreise in einem Pferdestall untergebracht, der durch regelmäßiges Besprengen mit Wasser gekühlt wurde.54 Der geglückte Transport der Hunde von Kamtschatka nach Hongkong zeigt die Lücken und Stotterer des Weltverkehrs an seinen Rändern. Um diese Lücken zu schließen, nutzte Dattan Handels- und Geschäftskontakte. An den weniger ausgebauten Rändern der globalen Verkehrsnetzwerke war private Initiative notwendig, um Konnektivität zu erhalten oder überhaupt herzustellen. Doch mit der Ankunft der Hunde in Hongkong war nur der erste Teil ihres Transports gelungen, von dort aus mussten sie über Australien auf die Kerguelen gebracht werden, wo sie auf die Gauss treffen sollten. Diese Wegstrecke wurde von Berlin aus organisiert. Ihre Planung hing einerseits damit zusammen, dass die beiden Wissenschaftler, die von Deutschland aus starten 53 54

Vgl. Dattan an von Bülow, 18.9.1901, in: BArch R 1501/116123. Vgl. Vertrag mit Wassili Belajeff, 28.5.1901, in: BArch R 1501/116123; Telegramm Dattan an das Auswärtige Amt, 31.7.1901, in: BArch R 901/37550; Hopf an den Staatssekretär des Auswärtigen Amts, 6.8.1901, in: BArch R 901/37549; Telegramm Gumprecht an das Auswärtige Amt, 8.8.1901, in: BArch R 901/37549; vgl. Telegramm Scholl an den Staatssekretär des Innern, 8.8.1901, in: BArch 1501/116122; Telegramm Scholl an den Staatssekretär des Innern, 10.8.1901, in: BArch 1501/116122; Jungwacht an von Bülow, 25.8.1901, in: BArch R 1501/116123.

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würden, samt ihrer Ausrüstung auf die Kerguelen gebracht werden mussten. Andererseits sollte das deutsche Expeditionsschiff auf den Kerguelen einen letzten Vorrat an Kohlen aufnehmen, um der Expedition in der Antarktis ein Maximum an Bewegungsfreiheit zu sichern. Nachdem von Drygalski und der Kapitän der Expedition Hans Ruser eine Vereinbarung mit einem australischen Reeder wiederholt platzen ließen, sah das Reichsamt des Innern keine Möglichkeit, ein Schiff für den Transport der Wissenschaftler, ihrer Ausrüstung, der Hunde und eines Kohlenvorrats in Australien zu chartern. Anfragen bei der Hamburg-Amerika-Linie und der Hamburger Gesellschaft Knöhr und Burchard blieben ebenfalls erfolglos. Beide lehnten eine Reise auf die Kerguelen ab. Damit verengten sich die Möglichkeiten wiederum auf ein Schiff des Norddeutschen Lloyds. Dieser reagierte zunächst abweisend auf die Nachfrage der Berliner Regierungsbeamten, ob es denkbar sei, eine Ladung von 300 bis 400 Tonnen Kohlen von Hamburg aus per Reichspostdampfer ins australische Fremantle zu liefern. Die Anfrage war bestimmt von der Sorge, dass die in Australien erhältlichen Kohlen von minderer Qualität sein könnten. Der Norddeutsche Lloyd antwortete, dass die Kapazitäten der Reichspostdampfer kaum für den Bedarf des deutschen Exports nach Australien ausreichten, so dass es kaum denkbar sei, eine größere Menge an Kohle auf diesem Weg zu transportieren. Außerdem versuchte die Gesellschaft, die Skepsis der Beamten hinsichtlich der australischen Kohle zu zerstreuen.55 Stattdessen bemühte von Posadowsky-Wehner die Konsulate in Singapur und Colombo. Weil beide Orte Knotenpunkte der Kohlenversorgung für asiatische und australische Schifffahrtslinien seien, sollte es doch möglich sein, dort ein passendes Schiff samt Kohlen zu finden. Aus Colombo kam allerdings die Antwort, dass dort keine Kohlenschiffe zu chartern seien. Der Konsul leitete die Anfrage stattdessen an die Konsulate in Bombay, Calcutta und Singapur weiter. Aus Culcutta reichte die British-India-Line ein Angebot für einen Dampfer ein, dass das Reichsamt des Innern aber ablehnte, weil der Eindruck vermieden werden sollte, dass die deutsche Expedition von Briten abhängig sei. In Singapur holte der Konsul dagegen ein Angebot der dortigen Lloydagentur ein, die ihren Dampfer Kudat für die Reise anbot. Als das Ministerium auf das Angebot eingehen wollte, revidierte der Lloyd sein Angebot allerdings noch zwei Mal. Seine Sachverständigen hegten nach dem Vorschlag Bedenken gegen die Eignung der Kudat für die Reise und schlugen stattdessen die deutlich jüngere Tringganu vor, die aber dann ebenfalls für untauglich befunden wurde. Letztlich charterten die Expeditionsplaner die 55

Ganz an das Reichsamt des Innern, 26.4.1901, in: BArch R 1501/116120.

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Tanglin, die doppelt so groß wie die anderen beiden Schiffe und erst im Vorjahr fertig gestellt worden war.56 Um die Kosten für die Charterung etwas zu verringern, bemühte sich der Konsul auf Anweisung des Reichsamts des Innern noch um Passagiere und Fracht für die Reise von Singapur nach Australien, so dass schließlich mit dem deutschen Kapitän und der chinesischen Mannschaft acht Reisende den Weg nach Australien antraten. Dort trafen sie Anfang Oktober auf Enzensperger und Luyken, die mitsamt ihrer Ausrüstung mit dem Reichspostdampfer Karlsruhe bereits eingetroffen waren. Entgegen der Verlautbarung, mit der die Charterung des Dampfers der British-India-Line abgelehnt worden war, griffen die Expeditionsplaner für die Kohlenlieferung letztlich doch auf britische Stellen zurück: Weil ihr Vertrauen in private australische Anbieter offenbar nicht groß genug war, baten sie die britische Admiralität um die Überlassung von 400 Tonnen neuseeländischer Westport-Mineralkohle aus den Beständen, die die Royal Navy in Australien unterhielt. Die Admiralität entsprach dem deutschen Wunsch und so befeuerte das Polarschiff der deutschen Antarktisexpedition, obwohl der Eindruck jeder Abhängigkeit von Großbritannien hatte vermieden werden sollen, in den Südpolarregionen seine Maschinen mit Kohlen der britischen Marine.57 Damit schien die Netzwerkbildung der deutschen Antarktisexpedition erfolgreich bewältigt. Die Tanglin reiste von Australien aus auf die Kerguelen und landete dort Mitte November die Forscher, Tiere und Gegenstände, die zur Komplettierung des Expeditionsensembles fehlten. Allerdings sorgte ein Fehler im System für ein nochmaliges Anwachsen des Expeditionsnetzwerks: Ende November traf die Gauss in Kapstadt ein. Die Forscher an Bord hatten bereits auf der Reise dorthin ozeanographische Untersuchungen angestellt, die gemeinsam mit der Behäbigkeit des Schiffs auf hoher See dazu führten, dass das Schiff erheblichen Verzug hatte. Von Drygalski und Ruser baten deshalb den Kapitän des Dampfschiffs Duisburg der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft, auf seinem Weg nach Australien die Kerguelen anzulaufen, um die Tanglin und die Forscher dort über die Verspätung der Gauss zu unterrichten.58 Obwohl die Duisburg die Kerguelen erreichte, als die 56 57 58

Vgl. Hellwig an den Staatssekretär des Innern, 13.5.1901, in: BArch R 1501/115120; Hellwig an den Staatssekretär des Innern, 10.5.1901, in: BArch R 1501/116120; Lohmann an von Drygalski, 5.6.1901, in: BArch R 1501/116120; BArch R 1501/116120. Vgl. Heintze an von Bülow, 16.9.1901, in: BArch R 1501/116123; von Eckardstein an von Bülow, 20.7.1901, in: BArch R 901/37549. Vgl. Lindequist an von Bülow, 10.12.1901, in: BArch R 901/37552; von Posadowsky-Wehner an den Staatssekretär des Auswärtigen Amts, 14.1.1902, in: BArch R 901/37552; Bruhn an die Deutsch-Australische-Dampfschiffs-Gesellschaft, 7.1.1902, in: BArch R 1501/116125.

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Tanglin ebenfalls noch dort war, fand sie kein Zeichen von dem Schiff oder der wissenschaftlichen Station, die inzwischen errichtet wurde – später wurde vermutet, weil sie die falsche Bucht angelaufen habe. Bei seiner Ankunft in Australien unterrichtete der Kapitän der Duisburg das deutsche Konsulat, das nach Berlin meldete, dass zu vermuten sei, dass die Tanglin verloren sei und die Gauss nun auf den Kerguelen nicht die überlebenswichtigen Kohlen finden werde. Die hektisch eingeleitete Suche nach einem Ersatzschiff, das von Südafrika aus Kohlen auf die Kerguelen liefern sollte, konnte allerdings schnell wieder eingestellt werden, als die Tanglin, die am 21. Dezember die Kerguelen verließ, wohlbehalten nach Australien zurückkehrte. Diese brachte stattdessen einen ungünstigen Bericht Enzenspergers mit: Auf den Kerguelen war nur das Wohnhaus zu diesem Zeitpunkt aufgebaut, die wissenschaftlichen Observatorien waren noch nicht fertig und die Aufbauten verzögerten sich, weil sich die Wissenschaftler auch noch um die Hunde kümmern mussten – ihre Begleiter waren nämlich mit der Tanglin wieder abgereist, um die Besatzung zu komplettieren, nachdem mehrere Mitglieder der Mannschaft auf der Reise, mutmaßlich an Beri Beri, einem auf Vitaminmangel zurückgehenden Krankheitsbild, verstorben waren. Außerdem fehlten für die wissenschaftlichen Arbeiten ein Theodolit und Chronometer, die die Gauss auf die Kerguelen hätte bringen sollen. Ein letztes Mal sorgten die Expeditionsplaner deshalb für ein Anwachsen des Expeditionsnetzwerks: Der deutsche Konsul in Kapstadt sollte die fehlenden Instrumente beim dortigen Royal Astronomer David Gill ausleihen und mit einem weiteren Dampfer der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft auf die Kerguelen bringen. Gill verwies den Konsul an die Lord Commissioners der Admiralität, die ihr Einverständnis geben mussten. Von Richthofen übernahm es, die Bitte über die Londoner Botschaft an die Admiralität zu richten, die zustimmte, so dass die deutschen Forscher auf den Kerguelen ihre Messungen mit Zeitmessern aus dem Royal Observatory in Kapstadt durchführten.59 V.

Rejustierungen. Ein Fazit

Wenig später kam die deutlich verspätete Gauss auf den Kerguelen an und nahm die Kohlen, Hunde und Schlitten auf, um ihre Reise gen Süden fortzusetzen. Die Bemühungen die Hunde, Schlitten und Expeditionsteilnehmer zu funktionierenden Fortbewegungsensembles zusammenzuführen, wäre eine 59

Vgl. Hopf an den Staatssekretär des Innern, 18.2.1902, in: BArch R 901/37552; Lansdowne an von Metternich, 7.7.1904, in: BArch R 1501/116130.

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eigene Analyse wert, in der die agency der Tiere sicherlich als Argument für die Handlungsmacht nichtmenschlicher Akteure gedeutet werden könnte.60 Weil in diesem Beitrag aber der Prozess der Netzwerkbildung im Vordergrund stand, soll dies an dieser Stelle nicht weiterverfolgt werden. Stattdessen sollen einige Schlussbemerkungen zu den Möglichkeiten und Grenzen einer transnationalen Vernetzungsgeschichte im Sinne des Callon’schen Modells gemacht werden. Erstens scheinen Vernetzungsgeschichten und die Verfolgung historischer Akteure bei der Herstellung ihrer Netzwerke geeignet, um nationale Analyseangebote aufzubrechen. Der Ansatz entspricht insofern einem Kernanliegen der transnationalen Geschichte. Mit Blick auf den Gegenstand dieser Untersuchung bedeutet dies, die Antarktisexploration um 1900 nicht mehr als Wettrennen einzelner nationaler Unternehmungen zu interpretieren, sondern als Geflecht, dass seine größte Dichte in Europa hatte und von dort ins Globale ausgriff, um Expeditionen in der Antarktis zu versammeln. Vor allem der Blick auf die vermeintlich unscheinbaren Akteure der Expedition, wie Hunde, Instrumente und Kohlen, belegen ihre Transnationalität. Gleichzeitig bedeutet eine Netzwerkuntersuchung nicht, dass die nationale Ebene und der zeitgenössische Bezug auf die Nation aus dem Blick geraten müssen. Im Gegenteil können transnationale Verflechtungen und nationale Aufladungen, wie gezeigt, als Praktiken des gleichen Netzwerkbildungsprozesses gedeutet werden – beispielsweise als Strategie, um staatliche Akteure in das Netzwerk einzubinden. Insofern ist dem ‚national‘ in ‚transnational‘ damit ebenfalls Rechnung getragen und die in der Forschung zu Recht attestierte Bipolarität von nationaler Abgrenzung und transnationaler Verknüpfung in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg – zumindest für das Beispiel Südpolarexploration – innerhalb eines Erklärungsrahmens behandelbar. Zweitens ist der Blick auf die konkreten Praktiken der Vernetzung geeignet, zu weitreichende Vorstellungen von der Vernetztheit der Welt um 1900 zu relativieren. Frederick Cooper hat angemerkt, dass die stetige Rede von der Globalisierung „sowohl Ausdruck der Faszination unbegrenzter Konnektivität [sei] wie sie diese Faszination auch verstärkt“61. Das Beispiel der Expeditionsplaner der ersten deutschen Antarktisexpedition zeigt, dass einzelne Akteure durchaus große Erwartungen an das globale Verkehrssystem hatten. Doch 60 61

Für andere Expedition ist dies ansatzweise versucht worden; vgl. z. B.  John  Wylie, „Becoming-icy. Scott and Amundsen’s south polar voyages, 1910–1913“, in: Cultural Geographies 9 (2002), S. 249–265. Frederick Cooper, „Was nützt der Begriff der Globalisierung? Aus der Perspektive eines Afrika-Historikers“, in: Sebastian Conrad, Andreas Eckert, Ulrike Freitag (Hg.), Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen, Frankfurt a. M. 2007, S. 160–193, hier S. 161.

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insbesondere an seinen Rändern, wie beispielsweise in Kamtschatka oder den Kerguelen, kamen die Verkehrsnetze an ihre Grenzen und waren nur durch private Initiativen auszudehnen. Dies stellt selbstverständlich nicht den generellen Befund der zunehmenden Vernetztheit der Welt um 1900 in Frage, zeigt aber, dass sie für abgelegene Orte durchaus überprüfenswert bleibt. Damit hängt ein weiterer Punkt zusammen: Folgt man den Akteuren, wie die ANT dies vorschlägt, so werden damit selbstverständlich nur die Verbindungen sichtbar, die sie hergestellt haben oder zumindest versucht haben herzustellen. Das Außerhalb des Netzwerks und die Frage, welche Verflechtungen zu welchen weiteren Netzwerken aus welchen Gründen nicht hergestellt wurden, bleiben ausgeblendet. Es lässt sich lediglich aus der netzwerkinternen Sicht – beispielsweise mit Blick auf Nansens Einfluss auf die Hundebeschaffung – konstatieren, dass die Netzwerkknüpfer dazu neigten, den Beziehungsfäden zu folgen, die von anerkannten Autoritäten bereits einmal gesponnen worden waren. Dies scheint für den besprochenen Fall kein schwerwiegendes Problem zu sein, doch bei anderen Untersuchungsgegenständen kann es notwendig sein, die absichtlich oder unabsichtlich gezogenen Grenzen der Netzwerkbilder stärker zu beachten. Drittens – dieser Punkt ist eher eine methodische Beobachtung – scheint ein ungezwungener Umgang mit den methodischen Vorschlägen der ANT die produktivsten Ergebnisse zu liefern. Mit Blick auf die Kreuzung des Callon’schen Phasenmodells mit den Vernetzungsaktivitäten der ersten deutschen Antarktisexpedition bedeutet dies, die Vielfalt der Praktiken und Strategien der Netzwerkerzeugung nicht eindeutig Phasen oder Kategorien zuordnen zu wollen, sondern generell den dynamischen Charakter von Netzwerkbildungen stärker in den Fokus zu nehmen. Zugleich weist der Abgleich mit der Empirie teilweise auf Leerstellen in der Theorie hin – etwa die mangelnde Problematisierung des Problematisierungsbegriffs oder die vergleichsweise passive Rolle, die Callons Modell Akteuren zuschreibt, die in Netzwerke hineingezogen werden. Das Beispiel der Expeditionsplanung hat also gezeigt, dass einerseits Machtrelationen stärker beachtet werden müssen und andererseits die Dynamik der Netzwerkbildungsprozesse noch interaktiver gedacht werden muss: Nicht allein die Netzwerkbilder steuern den Prozess, sondern alle beteiligten Akteure können Einfluss auf die Gestaltung und Verfasstheit des entstehenden Gebildes nehmen. Dies leitet zu einem letzten Aspekt über, der Frage nach dem Handlungspotential nichtmenschlicher Akteure. Es ist bisweilen kritisiert worden, dass in den Fallbeispielen, die von Vertretern der ANT vorgestellt wurden, die von ihnen geforderte Symmetrie zwischen menschlichen und nichtmenschlichen

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Akteuren nicht durchgängig eingehalten worden sei.62 Auch in diesem Aufsatz ging es vornehmlich um die Aktivitäten menschlicher Netzwerkbilder. Ein Grund dafür liegt auf der Hand: Selbst die um Symmetrie bemühten Ansätze der ANT bestreiten nicht, dass Menschen wichtige Elemente der Netzwerkbildung sind – wer sonst sollte eine Problematisierung vornehmen? Eine grundsätzliche Gleichsetzung menschlicher und nichtmenschlicher Akteure würde in bestimmten Fällen die handlungsanbahnenden Machtkonstellationen eher verschleiern als zu ihrer Aufdeckung beizutragen. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass für bestimmte Fragestellungen ein Ausgehen von Dingen oder eine stärkere Berücksichtigung ihrer Handlungsmacht durchaus weiterführend sein kann. Verfolgt man den Weg der Gauss ins Eis, so treten natürliche Kräfteströmungen und die Materialität von Eisbergen als Faktoren, die die Wissensproduktion beeinflussten, deutlich hervor. Dies schlug sich selbst in der Sprache des späteren Reiseberichts nieder. Über die Situation, als die Gauss im Eismeer zwischen den Schollen eingeschlossen wurde, schrieb von Drygalski beispielsweise: „[D]ie Natur hatte mächtige Riegel vor die einzige Öffnung geschoben, die uns noch blieb.“63 Während vor den Augen der Expeditionsteilnehmer das „Eis arbeitete“64, waren diese in eine passive Zuschauerrolle gedrängt. Die Expedition habe zwar einiges versucht, um aus dieser Lage wieder frei zu kommen, „doch die Befreiung muss durch die Natur bewerkstelligt werden“65. Für die Frage der praktischen Wissensproduktion kann es also weiterführend sein, von einer Konstellation auszugehen, in der die Forschungsumwelt, die genutzten Instrumente und ihre Bediener Einfluss auf die erzielten Resultate hatten.66 Mit Bezug auf die Zusammensetzung 62

63

64 65 66

David Bloor, „Anti-Latour“, in: Studies in the History and Philosophy of Science 30 (1999), S.  81–112; Georg Kneer, „Hybridität, zirkulierende Referenz, Amoderne? Eine Kritik an Bruno Latours Soziologie der Assoziationen“, in: ders., Markus Schroer, Erhard Schüttpelz (Hg.), Bruno Latours Kollektive. Kontroversen zur Entgrenzung des Sozialen, Frankfurt a. M. 2008, S. 261–305. Erich von Drygalski, Zum Kontinent des eisigen Südens. Deutsche Südpolarexpedition. Fahrten und Forschungen des Gauss, 1901–1903, Berlin 1904, S.  356; vgl. auch Pascal Schillings, „Das Meer als Akteur. Maritime Einflüsse auf die Wissensproduktion der ersten deutschen Antarktisexpedition, 1901–1903“, in: Alexander Kraus, Martina Winkler (Hg.), Weltmeere. Wissen und Wahrnehmung im langen 19. Jahrhundert, Göttingen 2014, S. 167–190. Von Drygalski, Zum Kontinent des eisigen Südens (wie Anm. 63), S. 356. Ebd. Vgl. Pascal Schillings, Alexander van Wickeren, „Towards a material and spatial history of knowledge production. An introduction“, in: Historical Social Research 40 (2015), S. 203–218.

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der Expedition als transnationalem Netzwerk scheint allerdings das größere Potential der ANT in der Dynamik des Netzwerkbegriffs zu liegen, der Fragen der durch Menschen geleiteten Verknüpfung von Akteuren ins Zentrum rückt. Diese unterschiedlichen Auslegungsmöglichkeiten der ANT sind aber kein Nachteil,67 sondern zeigen nur, dass ihre Vorschläge eine Vielfalt von Anwendungsmöglichkeiten eröffnen. Da diese durchaus sehr unterschiedlich konturiert sind, wäre es vielleicht am günstigsten nicht von der ANT, sondern von den Akteur-Netzwerk-Theorien zu sprechen und für eine weitere produktive Nutzung in den Geschichtswissenschaften eine Systematisierung dieser Ansätze zu versuchen.

67

Vgl. z. B. Ingo Schulz-Schaeffer, „Technik in heterogener Assoziation. Vier Konzeptionen der gesellschaftlichen Wirksamkeit von Technik im Werk Latours“, in: Kneer, Schroer, Schüttpelz, Bruno Latours Kollektive (wie Anm. 62), S. 108–152.

9. Struktur – Ereignis – Situation. Ethnomethodologie, die Akteur-Netzwerk-Theorie und das Problem des Kontexts in der Kulturgeschichte Christian Vogel Die folgende Szene kommt auf geschichtswissenschaftlichen Tagungen oder Kolloquien in unzähligen Variationen vor. Nachdem die Referentin oder der Referent die Fragestellung dargelegt, den Gegenstandsbereich eingegrenzt und an einigen Beispielen diskutiert hat, wird in der nachfolgenden Diskussion, manchmal mehr freundlich ergänzend, manchmal mehr kritisch einfordernd, auf den gewählten oder zu wählenden historischen Kontext verwiesen. Die vorgestellte Arbeit müsse mehr – oder eben auch weniger – in den Kontext des Kalten Krieges, der Fortschrittgläubigkeit der Zeitgenossen, der Studentenbewegung oder der zeitgenössischen Geschlechterverhältnisse gestellt werden. Diese hier willkürlich herausgegriffenen Kontextvorschläge werden dann von den Vortragenden entweder als Gewinn aufgefasst oder führen zu Ratlosigkeit – ‚welcher Kontext ist denn jetzt für die Handlungen und Aussagen meiner Akteure wichtig?‘ In solchen Situationen wird eine gewisse Willkürlichkeit in der Auswahl bestimmter Forschungskontexte offenbar. Dennoch scheint ein solches Vorgehen alternativlos. Denn wenn es wie allen wissenschaftlichen Zugängen auch dem historischen darum bestellt sein soll, nicht beim individuellen Fall stehen zu bleiben, sondern ihn in größere Bezüge einzuordnen, gehört die Wahl eines Kontexts auch zu den Werkzeugen von Historikern und Historikerinnen. Doch von welchem Standpunkt aus sollte man einen Kontext wählen, seine Reichweite bestimmen und andere wiederum ausschließen? In welchem Verhältnis steht er zu den konkreten historischen Ereignissen und zu den Handlungen der Akteure? Jetzt braucht man angesichts dieser vielen erkenntnistheoretischen Probleme, vor denen Historiker und Historikerinnen stehen, nicht verzweifeln. Weiß man doch schon seit Langem, dass sich das Vergangene nicht objektiv beschreiben lässt und dass auch historisches Arbeiten durch eine unauflösbare Verschränkung von Forschungsstandpunkt und Forschungsgegenstand gekennzeichnet ist. Solange der gewählte Kontext explizit gemacht, theoretisch begründet und methodisch abgesichert wurde, ist man auf der sicheren Seite. Wo liegt also das Problem?

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Der folgende Beitrag möchte dennoch einige Argumente gegen einen solchen Gebrauch des Kontexts anführen – oder diesen zumindest verkomplizieren. Die Argumente stammen aus der Ethnomethodologie, einer Forschungsheuristik, die in den 1960er Jahren innerhalb der US-amerikanischen Soziologie gegen den damals dominanten Strukturfunktionalismus eines Talcott Parsons entstanden ist. Die Ethnomethodologie geht von dem Gedanken aus, dass der kulturelle und soziale Kontext den Handlungen der Akteure nicht vorgängig und äußerlich ist, sondern eine Leistung der Akteure selbst. Aufgabe der Sozialforschung ist es dann, den Akteuren in ihrem Bemühen zu folgen, ihre Handlungen in einen größeren sozialen Sinnbezug einzustellen und sich gegenseitig darüber zu versichern. Meine These ist nun, dass, würde man wiederum als Historiker oder Historikerin diesem ethnomethodologischen Forschungsprogramm folgen, die skizzierten erkenntnistheoretischen Probleme in der Auswahl und Bestimmung eines historischen Kontexts umgangen werden könnten, indem ihre Lösung den Akteuren selbst überlassen wird. Es geht dann weniger darum, den Kontext aus dem jeweiligen Forschungsprogramm abzuleiten, sondern danach zu fragen, in welche Sinnbezüge die Akteure ihre Handlungen selbst einstellten und ob und wie sie sich auf einen verbindlichen geeinigt haben. Innerhalb der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) sind die Einwände der Ethnomethodologie gegenüber dem Strukturfunktionalismus nicht unbekannt. Viele ihrer theoretischen Voraussetzungen und methodischen Implikationen wurden von der ANT übernommen. Der folgende Beitrag ist daher auch ein Versuch, die ANT in einen ideengeschichtlichen Traditionszusammenhang zu stellen. Erst ein solcher Rekurs auf die Ethnomethodologie kann das analytische Potential der ANT für die Geschichtswissenschaft deutlich machen, das vor allem in einer Kritik an bestimmten Voraussetzungen der Kulturgeschichte liegt, wie sie ab den 1980er Jahren entstanden ist. Es war bekanntlich das Verdienst der (deutschen) Kulturgeschichte, den handelnden und sinndeutenden Akteur als geschichtsmächtige und damit forschungsrelevante Größe wieder eingeführt zu haben.1 Dennoch hielt sie an der Existenz eines konstanten Bezugsrahmens fest, der von Historikern und Historikerinnen festgelegt wird und durch den die Handlungen und Aussagen der historischen Akteure gedeutet werden können. Anstatt aber beides, wie es die Ethnomethodologie vorgeschlagen hat und worin die ANT ihr bedingt folgte, auf Seiten der Akteure zu verorten, hat sich die Frage nach dem 1 Vgl. etwa Marian Füssel, „Die Rückkehr des Subjekts in der Kulturgeschichte. Beobachtungen aus praxeologischer Perspektive“, in: Stefan Deines, Stephan Jaeger, Ansgar Nünning (Hg.), Historisierte Subjekte – Subjektivierte Historie. Zur Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit von Geschichte, Berlin 2003, S. 141–159.

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Verhältnis zwischen handelndem Subjekt und historischem Kontext tief in das Selbstverständnis der Kulturgeschichte eingeschrieben. Damit sind aus Sicht der Ethnomethodologie und ANT nicht die Ergebnisse der Versuche, dieses Verhältnis zu bestimmen, das Problem, sondern die Frage nach dem Verhältnis selbst. Der folgende Beitrag möchte zeigen, dass die Aufforderung, den Akteuren zu folgen, weitreichende Implikationen für die Arbeit von Historikerinnen und Historikern haben kann. Um dies zu erläutern, werde ich im ersten Teil deutlich machen, wie stark gerade die frühen technik- und wissenschaftssoziologischen Arbeiten der ANT von diesem methodischen Vorgehen geprägt waren und darüber nicht zuletzt ihre Originalität gegenüber der damaligen Wissenschaftssoziologie begründeten (I.). Im zweiten Teil werde ich diesen Zugang in eine ideengeschichtliche Linie zur Ethnomethodologie bringen, die den Aufbau und die Stabilisierung sozialer Ordnung ausschließlich als Effekt der diskursiven Praktiken alltagsweltlicher Akteure verstanden wissen wollte (II.). Der dritte Teil zeigt, dass zwar die Kritik der Kulturgeschichte an der Strukturgeschichte ganz ähnlich gelagert war wie rund 30 Jahre vorher diejenige der Ethnomethodologie am soziologischen Strukturfunktionalismus. Doch während die Ethnomethodologie radikal in ihrem Bemühen war, die kontextbildenden Aktivitäten der Akteure herauszustellen, folgte ihr darin die Kulturgeschichte nur bedingt. An die Seite des sinnstiftenden historischen Akteurs tritt der deutende Historiker oder die deutende Historikerin und mit ihr bzw. ihm der ‚historische Kontext‘ (III.). Schließlich werde ich im letzten Teil herausstellen, warum für historische Untersuchungen die Erkenntnisse der Ethnomethodologie nicht ausreichen und hier die ANT weiterhelfen kann. Denn Transfer bedeutet immer auch Transformation. Die Art der Transformation, die die ANT an der Ethnomethodologie vorgenommen hat, betrifft vor allem die konstitutive Rolle von Dingen, über die die zeitlich und räumlich punktuellen Situationen der Ethnomethodologie gewissermaßen auf Dauer gestellt werden können. Während die Kulturgeschichte die Handlungsmöglichkeiten der historischen Akteure über den Begriff des Kontexts einschränkte, machte das die ANT über die materiellen Bedingungen der Kommunikation (IV.). Als zentrales Beispiel, das den Beitrag begleitet, dient die Einführung der sogenannten Röntgenkugel in das soziale Feld der medizinischen Radiologie ab den 1930er Jahren.2 2 Dieses Beispiel stammt aus meiner Dissertation zur Funktion und Geschichte des radiologischen Ausstellungswesens. Vgl. Christian Vogel, Exponierte Wissenschaft. Röntgenausstellungen als Orte der Wissensproduktion und -kommunikation, 1896-1934, Berlin 2015, abrufbar unter: https://edoc.hu-berlin.de/18452/22001.

226 I.

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Follow the actors! Theorie und Methode eines Slogans der ANT

Am  16. Oktober 1933 stand auf der Fachkonferenz der Siemens-ReinigerWerke in Erlangen ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung. Die siebzehn anwesenden „Herren“ der Betriebsleitung des zum damaligen Zeitpunkt weltweit größten Anbieters elektromedizinischer Apparate wollten das zukünftige „Entwicklungsprogramm für Röntgenapparate“ unter Dach und Fach bringen.3 Ziel war die Bildung einer für die kommenden Jahre verbindlichen Produktpalette, bei der die angebotenen Röntgenapparate nach Leistung, Anwendungsbereich, Preis und Nutzergruppen differenziert und aufeinander bezogen werden sollten. Die Aufgabe, die sich die Manager von Siemens an diesem Nachmittag stellten, sollte sich als kompliziert erweisen; die Konstruktion von Apparaten mit spezifischen, auf bestimmte Konsumentengruppen und Nutzungspraktiken abgestimmten Eigenschaften erforderte Informationen, die höchst unsicher waren: Wer sind die Konsumenten und was sind sie bereit, für einen Apparat auszugeben? Wie wird sich die zukünftige Gesundheitspolitik unter den Nationalsozialisten entwickeln? Welche technische Lösung ist die bessere und auf welche soll in Zukunft gesetzt werden? Was macht die Konkurrenz und nach welchen sozialen, technischen und ökonomischen Kriterien konstruiert sie ihre Apparate? Die Erstellung einer solchen Produktpalette ähnelte einer Gleichung mit vielen Unbekannten. Betriebswirtschaftliches Kalkül, gesundheitspolitische Rahmenbedingungen, die Strategie der Konkurrenz vor allem aber die Interessen, Bedürfnisse und finanziellen Möglichkeiten der anvisierten Ärzte mussten gegeneinander austariert und in ein sensibles Gleichgewicht überführt werden. Ein wichtiges Ergebnis des Entwicklungsprogramms war die sogenannte „Siemens-Röntgenkugel“, die als kleinster Apparat geplant wurde, weil man vermutete, dass die Konkurrenz bald einen solchen Kleinapparat auf den Markt bringen werde.4 Außerdem ging man davon aus, dass die nationalsozialistische Gesundheitspolitik auf eine Stärkung des Hausarztes abzielen werde, für den solche kleinen Apparate von Interesse wären. Über ihren relativ niedrigen Preis und ihre kompakte Ausführung, für die neue technische Konstruktionsprinzipien erst gefunden werden mussten, wollte man die Röntgenkugel vor allem für diese Ärztegruppe interessant machen. Mit dem 3 Protokoll vom 18.10.1933 der Fachkonferenz in Erlangen am 16.10.1933, in: Siemens MedArchiv (SMA), Zwischenarchiv Ordner ICR, IV. Zürich 1934. Auch das Folgende daraus. 4 So hieß es auf der Fachkonferenz, dass „voraussichtlich […] auch die Firma Philips bald mit einem ganz kleinen Apparat herauskommen“ werde. Protokoll der Fachkonferenz (wie Anm. 3).

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radiologisch kompetenten Hausarzt rief die Firma aber eine Benutzergruppe auf, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht existierte. Anders gesagt: Mit der Röntgenkugel wurde gleichermaßen eine technisches (Kleinstapparat) wie ein soziales Argument (Hausarzt-Politik) entfaltet. Für die wissenschafts- und techniksoziologischen Studien der frühen ANT ist eine solche Konstellation nicht unbekannt. Ob es sich um Meeresbiologen handelt, die in den 1970er Jahren Methoden zur Züchtung einer Kammmuschelart entwickeln wollten5, ob die Bemühungen der Electricité de France (EDF) in den Blick genommen wurden, Anfang der 1970er Jahre ein Elektrofahrzeug auf den Markt zu bringen6, oder ob die Reihe von Allianzen untersucht wurde, mit denen Pasteur die Ausdehnung seines Laboratoriums auf ganz Frankreich bewerkstelligte7 – alle Akteure sahen sich in diesen Arbeiten wie die Manager von Siemens mit zahlreichen Unsicherheiten konfrontiert, die gleichermaßen und gleichzeitig technisch, politisch, sozial wie ökonomisch waren. Anstatt die Grenzen des Technischen oder der ‚natürlichen Welt‘ auf der einen und des Sozialen auf der anderen Seite vorauszusetzen, wurden (historische) Akteure porträtiert, die diese Grenzen konsequent ignorierten und mit dem Aufbau eines heterogenen Akteur-Netzwerkes beschäftigt waren, in dem das Technische und das Soziale eine nahtlose Einheit bildete.8 5 Vgl. Michel Callon, „Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung. Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc-Bucht“, in: Andréa Belliger, David J. Krieger (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 135–174. 6 Vgl. Michel Callon, Bruno Latour, „Die Demontage des großen Leviathans. Wie Akteure die Makrostruktur der Realität bestimmen und Soziologen ihnen dabei helfen“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 75–101. Mit ähnlichem Tenor in Bezug auf die Bemühungen der Royal Air Force in der Konstruktion eines strategischen Kampfflugzeugs seit den späten 1950er Jahren vgl. John Law, Michel Callon, „Leben und Sterben eines Flugzeugs. Eine Netzwerkanalyse technischen Wandels“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 447–482. 7 Vgl. Bruno Latour, The pasteurization of France, Cambridge, MA 1988. 8 Der Begriff des „nahtlosen Netzes“ geht auf die technikhistorischen Arbeiten Thomas P. Hughes zurück, dessen Studie über die Elektrifizierung der westlichen Welt eine wichtige Referenz für die frühen technikhistorischen Arbeiten der ANT war. Indem Hughes darin die Aktivitäten derjenigen Personen analysierte, die am Aufbau und Durchsetzung großer technischer Systeme beteiligt waren, konnte er zeigen, dass diese dabei soziale wie technische Elemente nahtlos miteinander amalgamierten: „Technology and science, pure and applied, internal and external, and technical and social, are some of the dichotomies foreign to the integrating inventors, engineers, and managers of the system- and network-building era.“ (Thomas  P.  Hughes, „The seamless web. Technology, science, etcetera, etcetera“, in: Social Studies of Science 16 (1986), S. 281–292, hier S. 286). Vgl. zu Hughes Arbeiten aus Sicht der ANT John Law, „Introduction. Monsters, machines and sociotechnical relations“, in: ders. (Hg.),

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Als Konsequenz dieses Zugangs wurden zwei zentrale methodische Forderungen aufgestellt. Indem erstens die technischen und sozialen Elemente eines Netzwerkes „in Begriffen desselben analytischen Vokabulars“9 behandelt werden sollten, wollte man sicherstellen, dass eine Trennung zwischen dem Technischen und dem Sozialen, die ja für die Akteure selbst keine Rolle spielte, nicht nachträglich in und durch die wissenschaftliche Analyse eingeführt wird. Eine Aufteilung beider Bereiche darf dann nicht am Ausgangspunkt einer Untersuchung stehen, sondern ist eher das Ergebnis von Aushandlungsprozessen durch die Akteure.10 Zweitens nahm man die Akteure beim Wort und folgte ihren Ausführungen auch dann noch, wenn sie auf den sozialen Kontext zu sprechen kamen. Auch wenn Naturwissenschaftler und Techniker gewissermaßen ihren angestammten Bereich verlassen und Fragen adressieren, die den sozialen und kulturellen Bereich betreffen, galt es, unvoreingenommen ihren Interpretationen zu folgen. Denn anders als die bisherige Soziologie, die dazu tendiert habe, „die Akteure selektiv zu zensieren, wenn sie über sich selbst, ihre Verbündeten, ihre Widersacher oder soziale Hintergründe sprechen“11, müsse man den Akteuren gestatten, ihre eigene Deutung über den Aufbau und die Zusammensetzung des Sozialen zu entfalten. „Mehr als andere Akteure“, so Callon, „können Technologen mit der Fähigkeit ausgestattet sein, eine Welt – ihre Welt – zu konstruieren, ihre konstituierenden Elemente zu definieren und ihnen einen Raum und eine Geschichte zur Verfügung zu stellen.“12 Die in den frühen wissenschafts- und techniksoziologischen Arbeiten der ANT entwickelte methodologische Forderung, den Akteuren zu folgen, wurde bei Bruno Latour zu einem zentralen Element in seiner Transformation der ANT von einer Methode innerhalb der Technik- und Wissenschaftsforschung zu einer umfassenden Sozialtheorie, wie es in seiner 2007 auf Deutsch erschienenen Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft ausgeführt wurde: „Die Aufgabe“, so heißt es dort, „das Soziale zu definieren und zu ordnen, sollte den Akteuren selbst überlassen bleiben und nicht vom Analytiker

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A sociology of monsters. Essays on power, technology and domination, London 1991, S. 1–23, besonders S. 8ff. John Law, „Technik und heterogenes Engineering: Der Fall der portugiesischen Expansion“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 213–236, hier S. 217. Nach Callon sind solche Trennungen zwischen „natürlichen und sozialen Ereignissen“ immer „konfliktreich, denn sie sind das Ergebnis und nicht der Ausgangspunkt der Analyse“ (Callon, Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung (wie Anm. 5), S. 143). Ebd., S. 138. Michel Callon, „Die Soziologie eines Akteur-Netzwerkes. Der Fall des Elektrofahrzeugs“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 175–193, hier S. 177.

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übernommen werden.“13 Denn die Fragen danach, woraus das Soziale bestehe, aus welchen Gruppen es sich zusammensetzt oder wie das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gruppe bzw. den Gruppen untereinander zu denken sei, werden „nicht nur von Forschern aufgeworfen, sondern auch von den von ihnen Erforschten“14. Der Eintritt in das Forschungsfeld müsse dann quasi mit einem künstlichen Vergessen dessen beginnen, was man vom Sozialen gelernt habe, um nicht die Deutung der Akteure über den Aufbau und die Zusammensetzung der sozialen Welt durch einen vorgängig festgelegten theoretischen Kontext zu überschreiben: „Man muss bereit sein, Handlungsträger, Struktur, Psyche, Zeit und Raum fallenzulassen, zusammen mit jeder anderen philosophischen und anthropologischen Kategorie, ganz gleich, wie tief sie im Common Sense verwurzelt zu sein scheinen.“15 Sowohl der Inhalt wie der Kontext sind Teil und Effekt der Untersuchungssituation und können nicht vorab durch die Untersuchenden festgelegt werden.16 Die Forderung, den Akteuren zu folgen, ist keine Erfindung der ANT, auch wenn sie von Latour beinahe zu einem Kampfbegriff seiner neuen Sozialtheorie gemacht wurde. Schon für die Ethnomethodologie, die sich in den späten 1960er Jahren zu einem umstrittenen aber beharrlichen Nischenfach innerhalb der Soziologie entwickelt hatte, bildete diese Losung den methodischen Kern ihrer Theorie des Sozialen.17 Zwar wird sowohl in den frühen Arbeiten der ANT als auch in Latours Sozialtheorie immer wieder auf die Ethnomethodologie Bezug genommen, doch sind die Ausführungen eher knapp gehalten, vor allem aber werden sie mit einem bestimmten Erkenntnisinteresse vorgetragen, auf das noch zu kommen sein wird.18 Wenn der folgende Abschnitt 13 14 15

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Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die AkteurNetzwerk-Theorie, Frankfurt a. M. 2007, S. 45. Ebd., S. 240. Ebd., S.  47. Deshalb wählt Latour auch den Begriff der „Gruppe“, um dieses „leere Vokabular“ im Sinne eines möglichst untertheoretisierten Begriffs von kollektiven Konstellationen durch die Akteure begrifflich und damit theoretisch selbst füllen zu lassen, vgl. ebd., S. 54. Schon in Science in action formulierte Latour auf ähnliche Weise: Beim Eintritt in das Untersuchungsfeld gehe es darum, „leaving aside all the prejudices about what distinguishes the context in which knowledge is embedded and this knowledge itself“ (Bruno Latour, Science in action. How to follow scientists and engineers through society, Cambridge, MA 1987, S. 6). Vor allem der an der University of California, Los Angeles tätig gewesene Harold Garfinkel (1917-2011) wird immer wieder als eine zentrale Figur für die Entstehung der Ethnomethodologie angeführt. Vgl. etwa John Heritage, Garfinkel and Ethnomethodology, Cambridge 1984. Eine wichtige Stellung nahm dabei der Aufsatz von Bruno Latour und Michel Callon ein: Callon, Latour, Die Demontage des großen Leviathans (wie Anm. 6).

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etwas ausführlicher auf die Postulate der Ethnomethodologie eingehen wird, dient dies vor allem zwei Absichten. Zum einen sollen damit die theoretischen und methodischen Voraussetzungen der ANT sichtbar gemacht werden. Denn der methodische Anspruch, den Akteuren zu folgen, beinhaltet nicht nur eine Theorie über das Zustandekommen und die Aufrechterhaltung sozialer Ordnung, sondern darüber hinaus wird auch die Rolle der Untersuchenden gänzlich neu definiert. Beides wurde von der Ethnomethodologie bereits in den 1960er und 70er Jahren ausformuliert. Zum anderen kann gezeigt werden, dass es überraschende Parallelen zwischen der Absetzbewegung der Ethnomethodologie gegenüber der herrschenden Soziologie auf der einen und gut 30 Jahre später zwischen derjenigen der deutschen Kulturgeschichte gegenüber der Sozialgeschichte gibt. II.

Von der Struktur zur Situation: Die Ethnomethodologie und die Soziologie

Am Anfang der Ethnomethodologie stand die Frage nach den Möglichkeitsbedingungen gesellschaftlicher Ordnung, die spätestens seit Hobbes ein Problem darstellt, wenn man davon ausgeht, dass die Menschen egoistische Ziele verfolgen und deshalb eigentlich niemals aus dem Kampf aller gegen alle ausbrechen könnten. Die damals dominante soziologische Schule, die stark unter dem Einfluss des Strukturfunktionalismus von Talcott Parsons stand, hatte darauf eine eindeutige Antwort.19 Parsons ging unter Rückgriff auf die Arbeiten Emil Durkheims davon aus, dass gesellschaftliche Ordnung möglich sei, weil die Menschen im Laufe ihrer Sozialisation kollektive Werte und Normen internalisierten und dann auch entsprechend dieses verpflichtenden kulturellen Systems handeln.20 Eine Handlung innerhalb eines bestimmten Interaktionszusammenhanges werde dann zu einer angemessenen, wenn sie durch ein organisiertes Set an Regeln, Normen und kulturellen Standards koordiniert und strukturiert werde. Ein Set, das im Idealfall von allen Interaktionsteilnehmern geteilt und in ihre Handlungsschemata integriert werde.

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Für einen nützlichen und guten Überblick über die zentrale Stellung Parsons und seines Programms für die Entwicklung soziologischen Denkens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts siehe Hans Joas, Wolfgang Knöbl, Sozialtheorie. Zwanzig einführende Vorlesungen, Frankfurt a. M. 2004, vor allem S. 39–142. „It is through internalization of common patterns of value-orientation that a system of social interaction can be stabilized.“ (Parsons zitiert in Heritage, Garfinkel (wie Anm. 17), S. 16).

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Die Aufgabe der Soziologie sei es dann, diese Normen und Standards zu beschreiben und darüber das Handeln der Menschen zu erklären. Die Ethnomethodologie kritisierte die Soziologie Parsons und setzte eine einfache Beobachtung an den Beginn ihrer Überlegungen: Die Berufssoziologen sind nicht die einzigen, die die soziale Welt beschreiben, auch wenn ihnen auf Grundlage ihrer privilegierten Position mehr Gehör geschenkt werde. Tatsächlich seien alle Gesellschaftsmitglieder unablässig damit beschäftigt, sich selbst und anderen die Welt zu erklären, die Akteure und Gruppen darin zu definieren oder ihr Verhältnis zueinander zu bestimmen. Jeder Mensch sei gewissermaßen ein Soziologe oder eine Soziologin in eigener Sache.21 Auch in Bezug auf das Wirklichkeitsverständnis würden sich Berufs- wie Laiensoziologen und -soziologinnen nicht voneinander unterscheiden. Beide würden nämlich von der Annahme ausgehen, dass die sozialen Phänomene, die sie beschreiben und deuten, tatsächlich existieren, dass ihre Beschreibungen also Beschreibungen von etwas sind – unabhängig davon, mit welchen Methoden sie gewonnen und mit welchen Theorien sie entwickelt wurden.22 Würde man mit einer solchen Vorstellung das angeführte Beispiel analysieren, würden wahrscheinlich die Untersuchenden und die Manager von Siemens zwar über unterschiedliche Methoden verfügen, die Gruppe ‚radiologisch kompetente Hausärzte‘ zu ermitteln und ihre Bedürfnisse oder soziale Position zu bestimmen. Doch beide würden darin übereinstimmen, dass diese Gruppe als sozialer Tatbestand existiere und dass die Menschen, die zu dieser Gruppe gehören, als solche erkennbar und beschreibbar seien. Die Sicht sowohl der Manager wie der Forschenden zeichne sich durch eine „natürliche Einstellung“ aus, bei der jeglicher Zweifel an der Faktizität der sozialen Realität suspendiert sei.23 Eine solche Einstellung gegenüber dem Sozialen führe aber 21

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„Das Reich der Tatsachen, auf das soziologisches Untersuchen gerichtet ist, deckt sich, mit nur geringen Abweichungen, mit dem Reich der Tatsachen, auf das sich die Untersuchungen der Laien richten.“ (Don H. Zimmerman, Melvin Pollner, „Die Alltagswelt als Phänomen“, in: Elmar Weingarten, Fritz Sack, Jim Schenkein (Hg.), Ethnomethodologie. Beiträge zu einer Soziologie des Alltagshandelns, Frankfurt a. M. 1976, S. 64–104, hier S. 65). „Sowohl für Laien als auch für professionelle Untersuchungen stellt sich die soziale Welt als ein außerhalb von uns liegendes Ereignisfeld dar, das einer regelgerechten Untersuchung zugänglich ist. […] In diesem Sinne hält die Soziologie die Voraussetzungen aufrecht, die dem Datenfeld, das sie zu beschreiben versucht, von Anfang immanent sind, als Voraussetzungen ihrer Untersuchungen in diesem Feld.“ (Zimmermann, Pollner, Die Alltagswelt als Phänomen (wie Anm. 21), S. 71, Hervorhebung im Original). Rolf Eickelpasch machte darauf aufmerksam, dass die Ethnomethodologie den Begriff der „natürlichen Einstellung“ von Alfred Schütz übernommen habe, der davon ausging, dass „der Mensch in der natürlichen Einstellung […] den Zweifel daran, daß die Welt und ihre Gegenstände anders sein könnten, als sie ihm erscheinen“, ausklammere (Schütz

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unweigerlich dazu, und das ist letzten Endes der Vorwurf der Ethnomethodologie an die Soziologie Parsons’ und Durkheims, den sozialen „Phänomenen den Status unabhängiger Strukturen [zu verleihen, CV], deren Eigenschaften objektiv bestimmt werden können“ und die vor und unabhängig der konkreten Handlungen existieren.24 Dadurch werde der Bereich des Sozialen zu einer Welt ‚sozialer Tatsachen‘, die wie Dinge mit wissenschaftlichen Methoden abbildend beschrieben werden können. Diesem Zugang entgegengesetzt entwickelte die Ethnomethodologie ein Programm, das auf drei Prämissen aufbaut. Erstens: An die Stelle eines robusten und homogenen Regel- und Normensystems, von dem noch Parsons idealtypisch ausgegangen war, tritt die „Komplexität, Dynamik und Kontingenz des Alltags“25. Damit werden soziale Tatsachen weniger als Dinge, sondern als Prozesse verstanden, die beständig hervorgebracht und aufrechterhalten werden müssen. Soziale Wirklichkeit wird zu einer Herstellungs- und Aufrechterhaltungsleistung der Handlungsteilnehmer:26 „Die Handelnden führen soziale Ordnung nicht einfach nur aus, sondern stellen sie fortlaufend selbst her, indem sie sich die Sinnhaftigkeit ihrer gerade produzierten Welt wechselseitig bestätigen.“27 Zweitens: Auch wenn die alltagsweltlichen Akteure eine ‚natürliche Einstellung‘ zur Welt haben, also davon ausgehen, dass ihre Beschreibungen sich auf einen realen sozialen Tatbestand beziehen, existiert dieser Tatbestand doch nicht unabhängig von ihren Beschreibungen, ja wird gewissermaßen in der Beschreibung erst hergestellt. Dieser Sachverhalt wird in der Ethnomethodologie mit dem Begriff der Reflexivität bezeichnet.28 Soziale Wirklichkeit ist in

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zitiert in Rolf Eickelpasch, Burkhard Lehmann, Soziologie ohne Gesellschaft? Probleme einer phänomenologischen Grundlegung der Soziologie, München 1983, S. 67). Zimmermann, Pollner, Die Alltagswelt als Phänomen (wie Anm. 21), S. 65. Dirk vom Lehm, Harold Garfinkel, Konstanz 2012, S. 66. Bei Harold Garfinkel heißt es dazu programmatisch: „Thereby, in contrast to certain versions of Durkheim that teach that the objective reality of social facts is sociology’s fundamental principle, the lesson is taken instead […], that the objective reality of social facts as an ongoing accomplishment of the concerted activities of daily life [is] a fundamental phenomenon.“ (Harold Garfinkel, Studies in Ethnomethodology, Englewood Cliffs 1967, S. VII. Hervorhebung im Original). Heinz Abels, „Ethnomethodologie“, in: Georg Kneer, Markus Schroer (Hg.), Handbuch Soziologische Theorien, Wiesbaden 2009, S. 87–110, hier S. 88. Damit beinhaltet zwar der Begriff ‚Reflexivität‘, wie ihn die Ethnomethodologie verwendet, die Bedeutung, die dem Term in heutigen sozial- und kulturwissenschaftlichen Untersuchungen gegeben wird im Sinne einer unauflösbaren Verschränkung zwischen dem Standpunkt der Forschenden und dem Forschungsprozess und -gegenstand, greift aber weit darüber hinaus. Reflexivität wird zu einer „inherent property of human life“ (Paul ten Have, „The notion of member is the heart of the matter. On the role of

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dem Sinne reflexiv, als dass sie zwar „von den Akteuren als real unterstellt wird, obwohl sie sich erst als Folge von deren Handlungen konstituiert.“29 In einer unablässigen reflexiven Schleife beziehen sich die Gesellschaftsmitglieder auf einen sozialen und kulturellen Kontext, der in ihren Beschreibungen aber überhaupt erst hergestellt wird.30 Daraus folgt, drittens, dass die Grundlage, über die die Berufssoziologen ihre privilegierte Position gegenüber den Laiensoziologen legitimierten, wegbricht. Denn nur wenn man von einem objektiven Maßstab ausgehe – eben jener Welt der existierenden sozialen Tatsachen – kann von einer Überlegenheit bestimmter Beschreibungsverfahren gegenüber bestimmten anderen gesprochen werden. Nur auf der Grundlage dieses Glaubens an die vorgängige Existenz sozialer Phänomene mache der Anspruch der akademischen Soziologie Sinn, gegenüber den ‚lockeren und undisziplinierten‘ Methoden der Laiensoziologinnen und -soziologen objektivere und empirisch angemessenere Beschreibungen dieser sozialen Phänomene leisten zu können. Doch, darauf insistierte die Ethnomethodologie, von welchem Standpunkt aus könne man darüber urteilen, welche Berichte wahrer, angemessener oder genauer seien, wenn diese Berichte Teil der Wirklichkeitskonstitution sind?31 Sobald die ‚natürliche Einstellung‘ suspendiert werde, befänden sich die Berichte, Theorien, Beschreibungen und Methoden der Soziologinnen und Soziologen auf derselben Ebene wie diejenigen der Gesellschaftsmitglieder und können diesen nichts grundsätzlich Neues hinzufügen. Die Soziologie macht unter diesen Voraussetzungen nichts anderes, als was die Gesellschaftsmitglieder ständig machen. Sie werde daher „zu einem integralen Merkmal genau jener Ordnung der Dinge, die sie zu beschreiben trachtet“ und müsse „auf jede Aussicht und Hoffnung verzichten […], die grundlegenden Strukturen des Handelns der Gemeinschaft zu einem Phänomen zu machen“32. Was ist dann

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membership knowledge in ethnomethodological inquiry“, in: Forum: Qualitative Sozialforschung 3,3 (2002), http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0203217, Abschnitt 1). Andreas Langenohl, „Geschichte versus Genealogie. Warum die Debatte um sozialwissenschaftliche Reflexivität die Ethnomethodologie vergaß“, in: Forum: Qualitative Sozialforschung 10,3 (2009), http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs090344, Abschnitt 12. Eine Handlung werde zu einer „Wirklichkeitsdefinition“, weil sich die Handlungsteilnehmer der Sinnhaftigkeit ihrer Handlungen gegenseitig anzeigen und dadurch „Aspekte von Identität, Zeit und Ort spezifizieren“ (vom Lehm, Garfinkel (wie Anm. 25), S. 77). „Es gibt keine apriorische Berechtigung zu glauben, daß irgendeine empirische Bestimmung notwendigerweise der anderen überlegen ist.“ (Hugh Mehan, Houston Wood, „Fünf Merkmale der Realität“, in: Weingarten, Sack, Schenkein, Ethnomethodologie (wie Anm. 21), S. 29–63, hier S. 33). Zimmermann, Pollner, Die Alltagswelt als Phänomen (wie Anm. 21), S. 67. Deutlich wird, dass es der Ethnomethodologie nicht in erster Linie darum geht, die Handlungskompetenz

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aber die Aufgabe der Soziologie? Kurz gesagt: „Die ‚objektive Realität der sozialen Tatsachen‘ [wird] von dem Prinzip zu einem Objekt der Forschung.“33 Aufgabe soziologischer Forschung wäre dann nicht eine Beschreibung sozialer Tatsachen, sondern vielmehr eine Explizierung der Praktiken und Mittel, wie die Gesellschaftsmitglieder in Situationen diese Tatsachen herstellen und sich gegenseitig darüber versichern.34 Das ethnomethodologische Programm und die Manager von Siemens Folgt man der Ethnomethodologie, werden die Fachkonferenz von Siemens und die im Folgenden zu schildernden Auseinandersetzungen über die neuen Kleinapparate zu Situationen, in denen sich die Akteure über den sinnhaften Aufbau der sozialen Wirklichkeit versichern und diese darüber herstellen. Ihre Beschreibungen des sozialen, politischen und technischen Kontexts und der darin agierenden Benutzergruppen steht dann weniger in einem Abbildungs- als vielmehr in einem Performativitätsverhältnis zu eben diesen Kontexten und Benutzergruppen. Die Darstellungen der Eigenschaften und Bedürfnisse des radiologisch kompetenten Hausarztes durch das Management von Siemens etwa – seine begrenzten finanziellen Möglichkeiten, seine technische Unkenntnis – sind dann folglich mehr performative Ansprachen an eine erst zu bildende Konsumentengruppe als eine Feststellung von Tatsachen. Und diese Sprechakte verblieben nicht auf der Ebene des sprachlichen Handelns, sondern wurden in Bilder und Objekte übersetzt. So wurden die Vorstellungen, die sich das Management von dieser neuen Konsumentengruppe machte, in das technische Objekt Röntgenkugel eingeschrieben. In einer der ersten Broschüren, die für das neue Gerät warb, wurden dementsprechend diejenigen Merkmale des neuen Apparates hervorgehoben, die ihn für Hausärzte – „im Sprechzimmer“ – interessant machen sollten: „denkbar bequem in der Handhabung – immer schußfertig – überall

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der lebensweltlichen Akteure zu unterstreichen, sondern vielmehr die Soziologie als akademisches Fach über eine neue methodologische Ausrichtung zu legitimieren. Ebd., S. 79. So liege dem „Ethnomethodologen“ daran „festzustellen, wie die Mitglieder der Gesellschaft die Aufgabe lösen, die Welt, in der sie leben, zu sehen, zu beschreiben und zu erklären“ (Elmar Weingarten, Fritz Sack, „Ethnomethodologie. Die methodische Konstruktion der Realität“, in: dies., Schenkein, Ethnomethodologie (wie Anm.  21), S. 7–26, hier S. 13f.).

Abb. 9.1

Visualisierung einer neuen sozialen Figur: Stilisierte Abbildungen in einer Werbebroschüre der Siemens-Reiniger-Werke zeigen die Anwendung der Röntgenkugel im Sprechzimmer des Hausarztes, SMA, Katalog „Siemens Röntgenkugel“, SRW 1935, S. 8f.

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verwendbar – verblüffend leistungsfähig und erstaunlich preiswert […] an die Lichtsteckdose anschließbar“.35 Zum Zeitpunkt der Einführung der Röntgenkugel gab es aber noch keine professionelle Gruppe, die mit dem Label ‚radiologisch kompetenter Hausarzt‘ belegt hätte werden können. Wie prekär der soziale Entwurf war, den die Siemens-Manager mit der Röntgenkugel verbanden, zeigen die kritischen Reaktionen der Fachradiologen auf ihre Einführung. Sie definierten den sozialen Kontext ganz anders, als es das Management tat. Als die Röntgenkugel auf der internationalen Röntgenausstellung 1934 in Zürich zum ersten Mal einer größeren Fachöffentlichkeit präsentiert wurde, wurde sie Teil einer professionspolitischen Kontroverse, bei der es um die Anwendungshoheit des neuen Verfahrens ging. Das Feld, das sich die spezialisierten Röntgenärzte, die meist an größeren Krankenhäusern und Universitätskliniken tätig waren, so mühsam in Abgrenzung zu bereits etablierten medizinischen Fächern seit der Entdeckung der Strahlen 1895 für sich erkämpft hatten, drohte durch die Entwicklung solcher Kleinapparate neu aufgeteilt und gewissermaßen nach unten hin erweitert zu werden.36 So bemerkte ein Mitarbeiter in seinem Bericht an die Firmenleitung von Philips, die auf der Ausstellung in Zürich ebenfalls einen Kleinapparat präsentierte, dass die Entwicklung kleiner, handlicher und günstiger Apparate „zum Teil sehr stark im Widerspruch zu den Tendenzen der Fachröntgenologen“ stehen.37 Und auch nachdem 1937 auf der Röntgenausstellung in Breslau die Kleinapparate sogar politische Rückendeckung erhalten hatten, indem der anwesende Stellvertreter des Reichsärzteführers sie zu „geeigneten Apparate[n] für den praktischen Arzt“ erklärte und darüber „die Röntgenstrahlen in den Kreis ihrer diagnostischen Hilfsmittel mit einbeziehen“ wollte, schwelte der Konflikt weiter, wie ein anderer Berichterstatter bemerkte: „Es darf aber auch nicht verkannt werden, dass sich unter den anwesenden

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SMA, Katalog „Röntgenkugel“, Siemens-Reiniger-Werke 1935, S. 3. Siemens war zum damaligen Zeitpunkt nicht der einzige Anbieter von solchen Kleinapparaten. Auch Philips begann in den 1930er Jahren, Kleinstapparate auf dem Markt zu positionieren und ihre Anwendungszwecke für leichtere und ambulante Aufnahmen besonders für Hausärzte festzulegen. So präsentierte beispielsweise der Chefingenieur von Philips in Eindhoven 1934 „a new x-ray unit of very small dimensions“ (A. Bouwders, „Some new principles in the design of x-ray apparatus“, in: Radiology 22 (1934), S. 163–173, hier S. 167). Bericht vom 4. August 1934 über den IV. Internationalen Radiologenkongress in Zürich und St. Moritz vom 24.–31. Juli 1934, Philips Archiv Hamburg, ohne Signatur, ohne Seitenangaben.

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Fachröntgenologen ein ganz großer Teil als Gegner dieser Idee bezeichnet hat und alles aufwenden will, um zu verhindern, dass der praktische Arzt röntgt.“38 Vor dem Hintergrund dieser offenen sozialen und professionellen Konstellation wird der performative Aspekt in der Einführung der Kleinapparate deutlich. Mehr als bloße technische Produkte waren die Kleinapparate soziale Eingaben in ein sich erst formierendes professionelles Feld. Über die neuen Apparate wurden von unterschiedlichen Akteuren teilweise gegensätzliche soziale Kontexte adressiert und entworfen. Zum Zeitpunkt ihrer Einführung Anfang der 1930er Jahre war die Anerkennung der Kleinapparate im radiologischen Feld keinesfalls sicher. Sollten sie tatsächlich erfolgreich sein, würde das große Auswirkungen auf das soziale Gefüge der Radiologie haben. Denn wenn das Kalkül der Hersteller aufgeht und es zu einer Implementierung der Kleinapparate in die hausärztliche Praxis kommt, würde das nicht nur Auswirkungen auf den Status des Verfahrens allgemein haben, sondern auch zu beträchtlichen Verschiebungen in den Beziehungen der einzelnen medizinischen Nutzergruppen untereinander führen. Konkret bedeutete dies, dass bei einem Erfolg der Kleinapparate einerseits die radiologische Methode aufgewertet werden würde, indem das neue Verfahren auf breiter Basis Anwendung finden und von einem Privileg der großen Krankenhäuser und Universitätskliniken zum Allgemeingut ärztlicher Praxis werden würde. Zum anderen, und eng damit verbunden, würde mit den Apparaten die professionelle Position der Hausärzte gefestigt. Anstatt seine Patienten und Patientinnen in größere Röntgeninstitute zu den Fachröntgenologen zu überweisen, wäre es der Hausarzt, der von nun an die radiologische Grundversorgung bei einfachen Fällen übernehmen könnte. Diesem sozialen Entwurf stellten die Fachröntgenologen ihren eigenen entgegen, in dem das Verfahren weiterhin unter ihre alleinige Verfügungsgewalt gestellt wurde. Ihr Widerspruch gegenüber den sozialen Konsequenzen, die mit den Kleinapparaten verbunden wären, wurde wiederum in eine technische Form übersetzt, indem sie sich konsequent für größere Apparate einsetzten, die vom Hausarzt nicht bezahlt und bedient werden konnten. Eine solche Diskussion schlug sich nicht zuletzt in der medizinischen Literatur nieder.39 In der Auseinandersetzung über die radiologischen Kleinapparate traten sich somit unterschiedliche Akteure in unterschiedlichen Situationen wie 38 39

Anonym: „Meine Eindrücke von Wiesbaden und Breslau“, o.D., Philips Archiv Hamburg, ohne Signatur. Auch das folgende Zitat daraus. Vgl. etwa den Aufsatz von Heinrich Chantraine, in dem er sich für „große Apparate“ einsetzte: Heinrich Chantraine, „Von großen und kleinen Röntgenmaschinen, von weichen und harten Strahlen“, in: Röntgenpraxis 5 (1933), S. 659–672.

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Fachkonferenzen, Ausstellungen oder Fachpublikationen gegenüber. Weil sich die Ethnomethodologie nicht vorgängig auf feste Entitäten und kontextuelle Bezüge beziehen möchte, über die die Aussagen der Akteure erklärt und bewertet werden sollen, kann mit ihr die Offenheit und Kontingenz solcher Situationen deutlich gemacht werden. Eine Offenheit, die durch die Eingaben der Akteure selbst reduziert wird, indem sie jeweils auf unterschiedliche Weise verschiedene Benutzergruppen definieren, ihre Bedürfnisse übersetzen und einen jeweiligen sozialen Kontext dafür entwerfen. Zwar berief sich in dem behandelten Fall jeder Akteur auf bestimmte Tatsachen – Konsumentengruppen und ihre Bedürfnisse, das Gesundheitssystem, den Status der Radiologie innerhalb der Medizin – doch standen diese Argumente in einem, um im Begriffssystem der Ethnomethodologie zu bleiben, ‚reflexiven‘ und damit wirklichkeitserzeugenden Verhältnis zu eben diesen Tatsachen. III.

Von der Situation zum Ereignis: Die Kulturgeschichte und die Frage nach dem Ort des Kontexts

Diese am Beispiel der radiologischen Kleinapparate gezeigte Unterordnung der Sozialstruktur unter die Strukturierungsleistung der Akteure liegt im Zentrum des ethnomethodologischen Programms, das sich aus der damaligen Absetzbewegung gegenüber der Soziologie Parsons‘ ausbildete. Ähnliche Argumente finden sich rund dreißig Jahre später wieder, als in den frühen 1990er Jahren die (deutsche) Kulturgeschichte gegenüber der überkommenen Sozialgeschichte vor allem die strukturierenden Leistungen der historischen Akteure betonte. Ähnlich wie die Ethnomethodologie der damaligen Soziologie vorwarf, sie behandle das Soziale wie Dinge, hielt die Kulturgeschichte der Sozialgeschichte eine Objektivierung von sozioökonomischen Strukturen vor, worüber die sinnkonstituierenden Aktivitäten der historischen Akteure vergessen würden. So betonten Kulturhistorikerinnen und -historiker, dass Strukturen nicht ohne die vermittelnden Tätigkeiten der Akteure auf ihr Handeln durchschlagen.40 40

„Was sollten ‚Strukturen‘“, so fragte sich etwa Thomas Welskopp, „anderes sein als die Handlungsfolgen, Denkräume und überhaupt zur Verfügung stehenden Felder aufeinander bezogener Interaktionen, die wiederum als Bedingungen für das Handeln der Akteure erscheinen? Wo sollten ‚Strukturen‘ sonst präsent sein, wenn nicht in diesen Interaktionsbeziehungen, und wie sollten sie geschaffen, reproduziert und verändert werden, wenn nicht durch sie?“ (Thomas Welskopp, „Der Mensch und die Verhältnisse. ‚Handeln‘ und ‚Struktur‘ bei Max Weber und Anthony Giddens“, in: Thomas Mergel, ders. (Hg.), Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte, München 1997, S. 39–70, hier S. 44, Hervorhebung im Original).

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Die „sinnstiftenden, wertenden und deutenden Tätigkeit[en] der historischen Subjekte“ wurden zu einem „konstitutiven Element jeder sozialen Welt“ erklärt.41 Und ähnlich wie individuelle Situationen im Zentrum der Ethnomethodologie standen, wurde in der Kulturgeschichte der Begriff des Ereignisses zu einem wichtigen Ausgangspunkt, um auf die im Ereignis zu Tage tretenden Differenzen zwischen langfristig wirkenden Strukturen und den sich darin nicht auflösbaren Deutungen und Handlungen der Akteure aufmerksam zu machen. Trotz dieser Gemeinsamkeiten zwischen Ethnomethodologie und Kulturgeschichte möchte der folgende Abschnitt argumentieren, dass die Kulturgeschichte am Vorhandensein eines vorgängigen Bezugsrahmens festhält, der mit dem Begriff des ‚Kontexts‘ belegt und der meist unreflektiert im Sinne einer objektiven Tatsache verwendet wird. Damit reifiziert die Kulturgeschichte die Dualität von kulturellem Kontext auf der einen und handelndem Subjekt auf der anderen Seite und verlegt nicht, wie es die Ethnomethodologie vorschlug, den Kontext gewissermaßen in die Interaktionssituation selbst, um ihn zu einer Kompetenz der Interaktionsteilnehmer zu machen. Anstatt den Aussagen der Akteure über diesen Kontext zu folgen, wird er aus dem jeweiligen Forschungsprogramm heraus entwickelt. Und während die Ethnomethodologie sich in einer strikten hermeneutischen Entsagung übt und ausschließlich die Deutungen der Akteure anerkennen möchte, tritt in der Kulturgeschichte neben – und meist über – dem sinnstiftenden historischen Akteur auch der deutende Historiker bzw. die deutende Historikerin. Nun ist die Kulturgeschichte ein denkbar weites Forschungsfeld, in das höchst disparate methodische und theoretische Zugänge eingeflossen sind. Im Rahmen des Beitrages soll daher das Feld der Kulturgeschichte auf eine signifikante Konstellation heruntergebrochen werden. Gemeint sind die in ihrer Radikalität und Plötzlichkeit für viele Zeitgenossen überraschenden gesellschaftspolitischen Veränderungen in Folge des Zusammenbruchs des Staatskommunismus. In der Geschichtswissenschaft wurde die Gegenwartserfahrung „1989“ ungefähr zehn Jahren danach zum erneuten Anlass, um intensiv über das Verhältnis zwischen Strukturen und handelnden Akteuren nachzudenken. Dabei nahm der Begriff des Ereignisses eine Schlüsselstellung ein. Die Chiffre 1989, so heißt es in einem 2001 erschienenen Sonderheft der Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft mit dem Titel Struktur und Ereignis, habe sich zu einer „Herausforderung für die gewohnten Kategorien und 41

Ute Daniel, „Quo vadis Sozialgeschichte? Kleines Plädoyer für eine hermeneutische Wende“, in: Winfried Schulze (Hg.), Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie, Göttingen 1994, S. 54–64, hier S. 61.

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Annahmen sozialgeschichtlicher Erklärungen“ entwickelt.42 Während langfristige strukturelle Prozesse den bevorzugten Gegenstand der Sozialgeschichte bilden würden, wäre „umgekehrt die Untersuchung von Ereignissen zu einem weithin vernachlässigten Forschungsfeld“ geworden.43 Aus Sicht der Kulturgeschichte bildete das Ereignis 1989 gewissermaßen einen realzeitlichen Beweis gegen das überkommene Paradigma der Sozialgeschichte, historische Entwicklung als Ergebnis langfristiger Strukturen zu denken. Mit Verweis auf Reinhard Koselleck, wonach „jedes Ereignis mehr und zugleich weniger zeitigt, als in seinen strukturellen Vorgegebenheiten enthalten ist“44, wurde auf die unüberbrückbare Differenz zwischen der Ebene der menschlichen Akteure, ihren Erfahrungen und Handlungen und derjenigen der Strukturen aufmerksam gemacht. Die Postulate, die von der neuen Kulturgeschichte damit in die Diskussion eingebracht wurden, waren zwar nicht gänzlich neu, konnten aber über den Rekurs auf historische Ereignisse besonders deutlich gemacht werden und sind denen der Ethnomethodologie sehr ähnlich. So seien Strukturen keine lebensweltlichen Kategorien, sondern sozialwissenschaftliche Konstruktionen. Denn die sozialhistorische Beschäftigung mit Klassen, Modernisierungstheorien oder ökonomischen Großeinheiten verweise weniger auf eine historische Wirklichkeit als vielmehr auf das eigene Forschungsprogramm.45 Darüber hinaus seien Strukturen den historischen Akteuren nichts Äußerliches, sondern würden sich erst in ihren Wahrnehmungsweisen und Handlungsspielräumen manifestieren. Damit wurde den historischen Akteuren eine Kompetenz zugesprochen, „wissenschaftlich beschreibbare […] Strukturen […] in ihre eigene gesellschaftliche Wirklichkeit“ zu übersetzen.46 Methodisch geleistet und theoretisch abgesichert wurde eine solche Betonung des handelnden Subjekts über einen Import des ethnologischen Kulturverständnisses. Das „erfahrungsnahe Deuten und Interpretieren [einer] fremden Wirklichkeit“ wurde auf historische Konstellationen übertragen.47 Dem Fremden wollte man in der eigenen Geschichte begegnen und 42 43 44 45 46 47

Andreas Suter, Manfred Hettling, „Struktur und Ereignis – Wege zu einer Sozialgeschichte des Ereignisses“, in: dies. (Hg.), Struktur und Ereignis, Göttingen 2001, S. 7–32, hier S. 7. Ebd. Reinhardt Koselleck, „Ereignis und Struktur“, in: ders, Wolf-Dieter Stempel (Hg.), Geschichte – Ereignis und Erzählung, München 1973, S. 560–571, hier S. 566. Eine gute Zusammenfassung des kulturhistorischen Programms leistet Martin Dinges, „Neue Kulturgeschichte“, in: Joachim Eibach, Günther Lottes (Hg.), Kompass der Geschichtswissenschaft, Göttingen 2002, S. 179–192. Suter, Hettling, Wege zu einer Sozialgeschichte des Ereignisses (wie Anm. 42), S. 26. Hans Medick, „‚Missionare im Ruderboot‘? Ethnologische Erkenntnisweisen als Herausforderung an die Sozialgeschichte“, in: Geschichte und Gesellschaft 10 (1984), S. 295–319, hier S. 306.

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die historischen Akteure in ihrer alltäglichen Produktion und Reproduktion von Erfahrungen und Handlungsweisen deutend in den Blick nehmen. Indem damit Kategorien wie ‚Sinn‘, ‚Handeln‘ oder ‚Motive‘ an die Stelle von ‚Strukturen‘, ‚Funktionen‘ und ‚Prozessen‘ gesetzt und zu forschungsrelevanten Größen erklärt wurden, hielten hermeneutische Verfahren (wieder) Einzug in die Geschichtswissenschaft, nachdem sich die Sozialgeschichte durch ihre Orientierung am Strukturfunktionalismus Talcott Parsons’ einer dezidierten Antihermeneutik verpflichtet hatte.48 Mit der Übernahme des ethnologischen Kulturverständnisses war eine Übernahme des ethnologischen Fremdheitspostulats verbunden. Genauso wenig wie sich Ethnologen und Ethnologinnen, die auf eine ihr fremde Kultur und Gesellschaft blicken, auf einen Verständigungszusammenhang berufen können, könne sich der oder die Historikerin, die auf Vergangenes schaut, auf einen Traditionszusammenhang berufen. Über eine „Hermeneutik der Differenz und des Unterschieds“49 wurde die Fremdmachung vergangener Lebenswelten zu einer Aufgabe historischer Forschung. Zwar löste diese „hermeneutische Wende“50 eine beinahe emphatische Aufwertung der subjektiven Weltdeutungen historischer Akteure aus, die gerade in ihrer Fremdheit erkannt werden sollten. Doch führte die Einführung des hermeneutischen Verfahrens gleichzeitig auch dazu, den deutenden Forscher fest zu installieren und theoretisch zu legitimieren und ihn neben die deutenden Akteure zu stellen: „Die Subjekte kehren zurück: zum einen die historisch-konkreten Akteure an ihren jeweiligen, historisch-konkreten Ort – zugleich aber auch die konkreten Beobachter und Interpreten, die Historiker mit ihrem jeweils spezifischen Deutungshorizont.“51 Damit ist trotz der vielen Gemeinsamkeiten zwischen Kulturgeschichte und Ethnomethodologie ein bedeutender Unterschied markiert, der große Auswirkungen auf die Rolle 48

49 50 51

Thomas Mergel argumentiert, dass sich die deutsche Sozialgeschichte zwar explizit auf Max Weber bezogen habe, allerdings in einer „parsonisierten Form“, indem Weber „nie als Kulturtheoretiker, sondern als funktionalistische[r] Strukturtheoretiker verstanden“ wurde. „So hat die deutsche Sozialgeschichte der 1960er und 70er Jahre, ohne sich dessen bewusst zu sein, Weber sozusagen mit den Augen Parsons’ gelesen“ (Thomas Mergel, „Kulturgeschichte – die neue „große Erzählung“? Wissenssoziologische Bemerkungen zur Konzeptualisierung sozialer Wirklichkeit in der Geschichtswissenschaft“, in: Wolfgang Hardtwig, Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Kulturgeschichte Heute, Göttingen 1996, S.  41–77, hier S. 54). J. A. Boon zitiert in Medick, Missionare (wie Anm. 47), S. 305. Thomas Welskopp, „Die Dualität von Struktur und Handeln. Anthony Giddens’ Strukturierungstheorie als ‚praxeologischer‘ Ansatz in der Geschichtswissenschaft“, in: Suter, Hettling, Struktur und Ereignis (wie Anm. 42), S. 99–119, hier S. 102. Otto Gerhard Oexle, „Geschichte als Historische Kulturwissenschaft“, in: Hardtwig, Wehler, Kulturgeschichte heute (wie Anm. 48), S. 14–40, hier S. 15.

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der Forschenden hat. Was ihr eigenes Forschungsprinzip betrifft, versteht sich die Ethnomethodologie als anti-hermeneutisches Verfahren. Die sinnvolle Auslegung der Welt wird ausschließlich den Akteuren überlassen, die sich gegenseitig der Sinnhaftigkeit ihres Handelns versichern. Die Aufgabe der Forschenden liegt dann gewissermaßen darin, sich jeglicher Deutungen über den Aufbau und die Zusammensetzung der Welt zu enthalten und nur denjenigen der Akteure zu folgen. Die Ethnomethodologie ist nicht daran interessiert herauszufinden, welche tieferliegenden Sinnschichten sich hinter den individuellen Aussagen und Praktiken der Akteure verbergen, um diese dann mit den jeweils vorherrschenden Methoden gewissermaßen ‚aufzudecken‘. Sowohl die Deutungen der Untersuchenden als auch diejenigen der Untersuchten werden auf einer Ebene angeordnet und gerade nicht die Überlegenheit der ersteren gegenüber den letzteren behauptet. Ihr geht es vielmehr darum zu fragen, welchen Sinn die Akteure (sowohl die Forschenden wie die Erforschten) den Handlungen in einer konkreten Situation geben, wie sie sich gegenseitig auf einen Sinn verständigen und diesen als verbindlich durchsetzen und welche Mittel sie dabei anwenden. Oder, anders ausgedrückt: Die Dualität zwischen Struktur und Handlung, die in der Kulturgeschichte zu einer Dualität zwischen kulturellem Kontext und Handlung wird, wird in der Ethnomethodologie insofern aufgelöst, als dass beide konsequent auf Seiten der Akteure verortet werden. Wenn Handlungen und Aussagen gleichermaßen auf die konkrete Situation bezogen sind, wie sie darüber hinausweisen und einen Kontext entwerfen, innerhalb dem diese Handlungen erst Sinn machen, fallen Kontext und Handlung zusammen. Dann braucht es aber keinen deutenden Forscher oder Forscherin mehr, da diese die Deutungen der historischen Akteure im besten Fall nur quantitativ anreichern kann, indem er oder sie weitere, aus dem eigenen Forschungsprogramm entwickelte hinzufügt, qualitativ gesehen aber auf derselben Ebene verharrt. Wie sehr sich diese konsequente hermeneutische Entsagung von der Praxis der Kulturgeschichte unterscheidet, zeigen die Überlegungen im programmatischen Vorwort des bereits erwähnten Bandes Struktur und Ereignis, wo dezidiert von einer „doppelten Hermeneutik“ gesprochen wird. In einem ersten, „ausgesprochen akteurszentrierten“ Zugang gehe es darum, „eine hermeneutische Erschließung der Deutung der Akteure aus ihrer Handlungssituation heraus“ zu leisten.52 Damit solle das historische Subjekt als „Gesellschaftstheoretiker in eigener Sache“53 beschrieben werden. In einem zweiten Schritt sei aber die „Rekonstruktion des strukturellen Kontexts mit 52 53

Suter, Hettling, Wege zu einer Sozialgeschichte des Ereignisses (wie Anm. 42), S. 29. Ebd., S. 26.

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Hilfe der herkömmlichen Verfahren“ der Geschichtswissenschaft „unverzichtbar“54: „Denn nur eine Abstraktionsleistung, die ideelle Konstruktion von Strukturen (im Sinne von gedachten Ordnungen) ermöglicht ein wissenschaftliches – d.h. begrifflich konstruiertes – Verständnis der Handlungssituationen von Akteuren.“ Schließlich wäre es zu „vereinfachend, sich allein auf die Aussagen der ‚eingeborenen‘ Akteure zu verlassen.“ Ihre Sicht auf die Welt müsse durch eine wissenschaftliche Sicht ergänzt, ja „reinterpretiert“ werden. Nur durch eine solche „wechselseitige Perspektivierung“ könnten Fragen über das Verhältnis zwischen historischem Kontext und Kontextualisierung durch die Akteure beantwortet werden. Die Formulierung ‚wechselseitige Perspektivierung‘ ist bezeichnend, weil sie zum einen deutlich macht, dass an der Dualität zwischen kulturellem Kontext und Handlung festgehalten wird. Zum anderen steckt hinter dieser Begriffswahl die Vorstellung, dass den kontextuellen Sinnbezügen, die die historischen Akteure in den jeweiligen Situationen schaffen, wissenschaftlich genauere, umfassendere, angemessenere usw. gegenübergestellt werden können. Bezeichnenderweise wird gerade hier der Begriff des Kontexts eingesetzt, der den aus dem jeweiligen wissenschaftlichen Forschungsprogramm abgeleiteten Sinnzusammenhang bezeichnet. Doch, so müsste man mit der Ethnomethodologie fragen, wer bestimmt den Kontext, seine Reichweite und darüber, aus welchen Elementen dieser sich zusammensetzt und in welchem Verhältnis diese zueinanderstehen? Von welchem Standpunkt aus können die Forschenden einen Kontext rekonstruieren, wenn nicht von den Aussagen der Akteure selbst, die dies ja schon selbst geleistet haben? Noch an einem anderen Beispiel kann diese Frage nach dem kulturellen Kontext in der Kulturgeschichte problematisiert werden. In der Einführung ihres einflussreichen Sammelbandes Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft von 1997 gehen Thomas Mergel und Thomas Welskopp zwar ganz in Übereinkunft mit den Postulaten der Ethnomethodologie davon aus, dass sich die Aussagen von Historikerinnen und Historiker auf derselben Ebene wie derjenigen der untersuchten historischen Akteure befinden: „Im Grunde verhält sich der Historiker zu seinem historischen Gegenstand nicht anders, als jeder menschliche Akteur zu seinen Interaktionszusammenhängen: Auch jener deutet seine komplexe, als Totalität nicht zu bewältigende Umwelt selektiv und perspektivistisch, indem er sie unter Bedürfnis- und Interessegesichtspunkten betrachtet und mit seinem Erfahrungs- und Regelwissen abgleicht.“55 Erst 54 55

Ebd., S. 29. Auch die folgenden Zitate daraus. Thomas Mergel, Thomas Welskopp, „Geschichtswissenschaft und Gesellschaftstheorie“, in: dies., Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft (wie Anm. 40), S. 9–35, hier S. 28.

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durch eine „Reduktion von Komplexität“56 würden beide dazu befähigt, sinnvoll zu handeln. Doch anstatt daraus im Sinne der Ethnomethodologie ein Forschungsprogramm zu machen, das nach den Mitteln und Praktiken der kontextgenerierenden Sinnkonstitution sowohl durch die alltagsweltlichen Akteure als auch durch die Historiker fragt, werden Letztere in ihrer Rolle gestärkt, angemessenere Aussagen über den Kontext ihres Untersuchungsgegenstands treffen zu können als die Akteure selbst. Denn, so Mergel und Welskopp, während der Alltagsmensch sich zumeist mit demjenigen Wissen zufriedengebe, das ihn in der Situation praktisch handeln lasse, zeichne sich der Historiker durch eine Beobachterposition aus, die „systematisch Wissen über Regeln und Strukturen sozialer Kontexte sammelt“57. Auch hier müsste man wieder fragen, von welcher Perspektive ein Wissen über eine soziale Realität ‚systematisch‘ ist, wenn soziale Realität gerade ein Effekt einer bestimmten Perspektive ist? Darüber hinaus evozieren die von den Autoren gewählten Begriffe – ‚selektiv‘, ‚perspektivistisch‘, ‚Reduktion von Komplexität‘ – eine Vorstellung, die davon ausgeht, dass die Akteure in ihrem sinnhaften Aufbau der sozialen Welt etwas von der Realität abziehen. Doch suspendiert man mit der Ethnomethodologie die ‚natürliche Einstellung‘, also den Glauben daran, dass hinter den sinnkonstituierenden Praktiken eine soziale Wirklichkeit steht, die unabhängig davon beschrieben werden kann, sind jegliche Äußerungen und Praktiken produktive Tätigkeiten, die der Realität jeweils etwas hinzufügen oder spezifische Realitäten erzeugen. IV.

Dauerhafte Situationen: Die ANT und der Einbezug der Dinge

Indem die Kulturgeschichte den ‚historischen Kontext‘ heuristisch stärkte, misstraute sie der Vorstellung von grundsätzlich offenen sozialen Situationen, wie sie die Ethnomethodologie entwickelte. Dieses Misstrauen findet sich auch in der ANT wieder, allerdings auf einer ganz anderen Ebene. In Bezug auf einen vorgängigen oder durch die Untersuchenden festgestellten Kontext folgt diese – im Gegensatz zur Kulturgeschichte – zwar den Vorgaben des ethnomethodologischen Programms, betont aber gleichzeitig, dass die jeweiligen Akteure nicht in einem unbestimmten Raum agieren, sondern als Elemente von Akteur-Netzwerken, in denen Dinge eine gleichermaßen beschränkende wie ermächtigende Rolle spielen. Die Voraussetzungen, die das Handeln der Akteure strukturieren, werden dann nicht im jeweiligen ‚historischen Kontext‘ 56 57

Ebd. Ebd., S. 28f.

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verortet, sondern in den materiellen Bedingungen der Kommunikation und Interaktion gesucht. Das soll im folgenden, letzten Teil verdeutlicht werden. Entgegen der hermeneutischen Entschlüsselung tieferliegender Bedeutungsschichten, bleibt auch die ANT konsequent an der Oberfläche des Gesagten und Praktikzierten. Alles, was die Untersuchenden über das Soziale wissen kann, ist bereits in den Beschreibungen und Praktiken der Akteure angelegt. Damit ist jede Aussage, die darüber hinausgeht oder die auf ein Dahinter abzielt, um die Aussagen der Akteure in größere Zusammenhänge zu stellen, nur eine weitere, die auf der Ebene derjenigen der historischen Akteure anzusiedeln ist. Das liege nach Latour schlichtweg daran, dass die Berufssoziologen „genau dieselbe Arbeit tun und an denselben Aufgaben beteiligt sind, nämlich soziale Bindungen nach- (oder vor-)zuzeichnen, selbst wenn sie andere Instrumente verwenden und andere berufliche Pflichten haben“58. Über Beschreibungsverfahren wie Inventarisierung, Auflistung oder Berichterstattung versucht dagegen die ANT, nicht mit einem kontextuellen Bezugsrahmen zu beginnen, sondern die Kontroversen der Akteure über die Beschaffenheit der sozialen Welt möglichst vollständig zu kartographieren. An die Stelle des Sozialen als vorgängige Ordnungsstruktur treten die vielen Vernetzungspraktiken der Akteure, die auf einer Liste dargestellt werden können.59 So müsse nach Latour der wissenschaftlich konstruierte Bezugsrahmen, der für gewöhnlich am Beginn einer Untersuchung stehe, „durch eine Liste der Elemente ersetzt werden, die in Kontroversen über Gruppen stets präsent sind“. Und in Berichten und „bloßen Beschreibungen“ – anstatt Erklärungen – sollen die „Netzwerke, die eine gegebene Situation möglich machen, vollständig entfaltet“ werden.60 Diesen Beschreibungen noch eine Erklärung hinzuzufügen, sei überflüssig, ja gefährlich: „Gegenüber den zur Beschreibung ‚hinzugefügten‘ Erklärungen muß man deswegen so misstrauisch sein, weil sie der Soziologie des Sozialen die Gelegenheit geben, ihre redundante Ursache einzuschmuggeln“, das heiße „einen Ort ‚in einen Rahmen‘“ zu stellen. Dieses ‚In-einen-Rahmen-stellen‘ dürfe nicht mit einem quasi großen Sprung durch den Untersuchenden geschehen, der die konkreten diskursiven Praktiken der Akteure mit soziologisch gebildeten Großaggregaten wie ‚Moderne‘, ‚Kapitalismus‘, ‚Klasse‘ oder ‚Schicht‘ verbindet, sondern durch noch genauere und detaillierte Beschreibungen dieser diskursiven Praktiken, 58 59

60

Latour, Soziologie (wie Anm. 13), S. 61. Für Urs Stäheli wird die Liste bei Latour und der ANT daher zu einer „theoretischen Technik“ (Urs Stäheli, „Das Soziale als Liste. Zur Epistemologie der ANT“, in: Friedrich Balke, Maria Muhle, Antonia von Schöning (Hg.), Die Wiederkehr der Dinge, Berlin 2011, S. 83–101, hier S. 84). Latour, Soziologie (wie Anm. 13), S. 238. Auch die folgenden Zitate daraus.

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mittels derer das ‚In-einen-Rahmen-stellen‘ immer schon durch die Akteure selbst geleistet werde. Die ANT folgte also grundsätzlich dem Forschungsprogramm der Ethnomethodologie, erweiterte es aber um einen entscheidenden Punkt, indem sie die stabilisierende Rolle von Dingen betonte. Waren für die Ethnomethodologie Situationen einmalige Ereignisse ausschließlich zwischen menschlichen Akteuren, so werden sie jetzt durch die Einbindung von Dingen zu räumlich und zeitlich ausgedehnten Netzwerken oder Assoziationen, die über eine gewisse Stabilität und Dauer verfügen. Innerhalb solcher Netzwerke kommt es zu einer Verteilung von Handlungsmacht. Der Interaktionszusammenhang, der aus ethnomethodologischer Sicht von menschlichen Akteuren allein geleistet wird, wird nun von den Dingen auf Dauer gestellt. Die Frage nämlich, wie es trotz der Fragilität und Brüchigkeit sozialer und kultureller Verhältnisse zu zeitlich und räumlich stabilen Konstellationen kommen kann – eine Frage, die die Ethnomethodologie mit ihrer ausschließlichen Konzentration auf einmalige Situationen nicht beantworten konnte – wird in der ANT über den Rekurs auf Dinge beantwortet. Damit fügt die ANT dem Untersuchungshorizont der Ethnomethodologie eine materielle Ebene hinzu, über die sie die Stabilisierung und Ausdehnung einmaliger Situationen zu registrieren und erklären vermag. Michel Callon und Bruno Latour machen diesen Punkt in einem Aufsatz deutlich, in dem sie sich explizit mit dem Programm der Ethnomethodologie auseinandersetzen.61 Diese biete zwar passende Methoden, um tierische Gesellschaften zu beschreiben, in denen die Beziehung ihrer einzelnen Mitglieder und ihres Status innerhalb der Gruppe immer wieder aufs Neue situativ ausgehandelt werden müssen. So müsse ein Pavian – das Beispiel, das Callon und Latour wählen – „ständig bestimmen, wer wer ist, wer überlegen und wer unterlegen, wer die Gruppe leitet und wer folgt, wer beiseitetreten muss, um ihm den Weg frei zu machen“62. Ohne Zeichen und klare Markierungen würden den Pavianen nur ihre nackten Körper als soziales Verständigungs- und Aushandlungsinstrument dienen. Um aber eine Gesellschaft im Sinne einer zeitlich und räumlich ausgedehnten Konstellation zu schaffen, müsse man „Bindungen ins Spiel bringen, die die sie formenden Interaktionen überdauern“63. Objekte produzieren in diesem Sinne Dauerhaftigkeit und Langlebigkeit in menschlichen Gesellschaften gegenüber den fragilen und kurzlebigen Situationen der Ethnomethodologie und den 61 62 63

Vgl. Callon, Latour, Die Demontage des großen Leviathans (wie Anm. 6). Ebd., S. 81. Ebd., S. 82.

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tierischen Sozialverbänden. Objekte reduzieren die Interpretationsmöglichkeiten der Interaktionsteilnehmer: „Die Ethnomethodologen vergessen, den Sachverhalt in ihre Analyse zu integrieren, dass kontextuelle Mehrdeutigkeit in menschlichen Gesellschaften teilweise reduziert wird durch ganze Arsenale von Werkzeugen, Bestimmungen, Wänden und anderen, nur ansatzweise analysierten Objekten.“64 Die offenen Konstellationen, von denen die Ethnomethodologie ausging, werden in der ANT durch materiell vorstrukturierte Akteurs-Netzwerke ersetzt, innerhalb denen den Dingen eine entscheidende Rolle zukommt. Würde man sich allein auf die Ethnomethodologie berufen, hieße das in Bezug auf die Röntgenkugel, dass es nur schwer vorstellbar wäre, dass die mit dem Gerät zusammenhängenden sozialen und kulturellen Konstruktionen die Zeit und den Raum der jeweiligen Situationen überdauern würden. Mit der ANT kann man aber auf das Gerät selbst verweisen. Denn die Kugel beinhaltete neben ihrer technischen Funktion immer auch ein soziales Skript. Madeleine Akrich hat in Bezug auf technische Objekte betont, dass ein großer Teil der Arbeit der Produzenten darin bestehe, ihre Version von der Beschaffenheit der sozialen Welt in die Objekte einzuschreiben. Die technischen Artefakte würden dann, „wie ein Filmskript den Rahmen einer Handlung zusammen mit den Akteuren und dem Raum, in dem sie agieren sollen“, definieren.65 Im Sinne der ANT ist die Röntgenkugel dann ein Akteur, weil sie den Raum „um sich herum beugt, andere Elemente von sich abhängig macht und deren Willen in seine eigene Sprache übersetzt“66. Die Röntgenkugel war nicht nur Teil eines heterogenen Netzwerkes und brachte Hausärzte, Universitätsradiologen, Ideologien über Volksgesundheit, die Konkurrenz von Siemens oder die Regeltarife von Krankenkassen in eine bestimmte Beziehung zueinander, sondern trug auch wesentlich zur Stabilität des Netzwerkes selbst bei. Sie war gewissermaßen die Konstante, die die jeweiligen Situationen überdauerte und die Handlungen, die mit ihr durchgeführt werden können, aber auch die Akteure und die Kontexte stabilisierte. Aber nicht nur die Röntgenkugel selbst, auch die bereits erwähnten Broschüren trugen zu einer gewissen Konstanz bei. Über Text und idealisierte Abbildungen suchten sie zu bestimmen, wie und vor allem von wem die Röntgenkugel zu bedienen sei und welche Eigenschaften diese Personengruppe besitze.

64 65 66

Ebd., S. 83. Madeleine Akrich, „Die De-Skription technischer Objekte“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 5), S. 407–428, hier S. 408. Callon, Latour, Die Demontage des großen Leviathans (wie Anm. 6), S. 85.

Abb. 9.2

SMA, Katalog „Siemens Röntgenkugel“, SRW 1935, S. 12.

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In einer Broschüre aus dem Jahr 1935 sind auf einer Doppelseite vier Bilder zusammengestellt. Drei Bilder zeigen entgegen dem Uhrzeigersinn angeordnet den Prozess von der schrittweisen Zerlegung der Röntgenkugel in einzelne Bestandteile bis zu ihrer vollständigen Unterbringung in zwei, eigens zu diesem Zweck angefertigte „elegante Handkoffer“. Das vierte Bild zeigt einen Hausarzt in dem Moment, in dem er die zwei Behälter in ein Auto verstaut, um, so lässt sich schließen, zu einem Patientenbesuch aufzubrechen. Der die Bildzusammenstellung begleitende Text lässt über den Anwendungszweck und den typischen Anwender der Röntgenkugel keine Zweifel aufkommen: „Der mit wenigen Griffen montierbare Apparat ist in erster Linie zur Behandlung im Hause des Patienten, für ‚fliegende‘ Stationen und dergleichen bestimmt. Er kann natürlich auch im Sprechzimmer Verwendung finden.“67 Schließlich können auch die Publikationen von Siemens über die Röntgenkugel, die in einschlägigen medizinischen Zeitschriften lanciert wurden, als eine materielle Verstetigung des Akteur-Netzwerks der Röntgenkugel gedacht werden. So findet sich in der an ein allgemeines medizinisches Publikum richtenden Medizinischen Klinik 1934 ein Artikel von einem Siemens-Ingenieur, in dem der ideale Einsatzzweck des Apparates bestimmt wurde: „Den Wunsch vieler Ärzte, einen handlichen Röntgenapparat zu besitzen, den sie an das Bett der Kranken mit in dessen Wohnung bringen können, ist hierdurch erfüllt.“68 V.

Schluss

Die Apparate selbst, die dazu angefertigten Werbebroschüren oder die Publikationen, die über Verwendung und Nutzergruppe der Röntgenkugel informierten, waren stabilisierende Faktoren innerhalb des AkteursNetzwerkes der Röntgenkugel, das Siemens ab den 1930er Jahren aufzubauen begann. Als dauerhafte Objekte schränkten sie den Handlungs- und Interpretationsspielraum der Interaktionsteilnehmer ein, womit nicht in jeder Situation immer wieder neu ausgehandelt werden musste, aus welchen sozialen und technischen Bestandteilen das Akteur-Netzwerk besteht. Je mehr es Siemens gelang, dieses Material zu einem konstitutiven Bestandteil des Netzwerkes zu machen und die Position und Rollen der anderen Akteure darüber zu bestimmen, desto stabiler wurde das Netzwerk. Zwar ist Widerspruch weiterhin möglich, doch der Aufwand, der dafür betrieben werden

67 68

SMA, Katalog „Siemens Röntgenkugel“, SRW 1935, S. 12. L. A. v. Kupffer, „Siemens-Röntgenkugel“, in: Medizinische Klinik 30 (1934), S. 1469.

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muss, steigt, je dauerhafter und stabiler das Netzwerk durch die Integration der Dinge wird. Indem der Beitrag die ANT in eine ideengeschichtliche Tradition zur Ethnomethodologie gestellt hat, konnten bestimmte Voraussetzungen der Kulturgeschichte, die sich vor allem in der Verwendung des Begriffs des Kontexts zeigen, problematisiert werden. Weil die Ethnomethodologie von Anfang an die interpretatorische Offenheit sozialer und kultureller Kontexte betont hat, wird aus ihrer Sicht eine Verständigung der Akteure über diese Kontexte zu einem konstitutiven Bestandteil von Interaktionssituationen. Damit bieten die Postulate der Ethnomethodologie einen Versuch, die Frage nach dem Verhältnis zwischen Handlung und Kontext zu umgehen, indem beides zu einem Bestandteil der Interaktion und zu einer Leistung der Akteure gemacht wird. Indem aber die ANT der Ethnomethodologie nicht umstandslos gefolgt ist, sondern die Rolle von Dingen in Akteurs-Netzwerken betonte, konnte auch ein positives Potential der ANT für die Geschichtswissenschaft herausgearbeitet werden, das sich nicht nur in einer Kritik an einer nicht problematisierten Verwendung des Kontexts erschöpft. Vereinfachend ausgedrückt, kann erst eine um die konstitutive Rolle von Dingen erweiterte Ethnomethodologie die Dauerhaftigkeit bestimmter soziotechnischer Konstellationen erklären. Denn erst wenn man den materiellen Spuren folgt, die innerhalb von AkteursNetzwerken zirkulieren und zu ihrer Dauerhaftigkeit beitragen, kann man eine Beschreibung von Größen, Maßstäben und Entitäten treffen, die über die jeweilige Situation hinausweisen.

10. Astronauts in action? Wie man Testpiloten in den Weltraum und durch die Gesellschaft folgt Patrick Kilian I.

(n+1)

Ich will mit einer Fußnote beginnen. Etwas versteckt in den Anmerkungen von Science in action, auf Seite 265, verweist Bruno Latour auf einige Inspirationsquellen seines Konzepts der Technowissenschaft: „I am using here the excellent book of T.  Wolfe (1979). To the humiliation of our profession, we have to confess that some of the best books on technoscience, those of Kidder, Watson and Wolfe, for example, have not been written by professional scholars.“1 Die Endnote gehört zu einem Abschnitt im sechsten Kapitel des Buches, in dem Latour dafür argumentiert, „technoscience“ als Netzwerke zu begreifen, die sich weit über die Grenzen der Labors hinweg ausdehnen können. So wie die kartographischen Expeditionen der frühen Neuzeit zusammen mit ihren Messinstrumenten bis in die entlegendsten Winkel der Welt segelten, oder wie Telegrafenkabel und Telefonnetze Verbindungen zwischen weit entfernten Punkten herstellten, haben technowissenschaftliche Netzwerke das Potential, den ganzen Globus zu umspannen. Mit ihnen verknüpfen sich verschiedenste Akteure, Dinge und Techniken zu Kollektiven, in denen sich Natur, Kultur, Technologie, Wissenschaft und Gesellschaft überkreuzen. Wirklich verständlich wird „technoscience“ erst dann, wenn auch jene Elemente in den Blick genommen werden, die auf den ersten Blick nicht immer unbedingt ‚wissenschaftlich‘ erscheinen, „no matter how dirty, unexpected or foreign they 1 Bruno Latour, Science in action, Cambridge 1987, S. 265 (Endnote 18). Latour bezieht sich auf Tracy Kidder, The soul of a new machine, London 1981 (dt. als Die Seele einer neuen Maschine, Basel 1982); James Watson, The double helix. A personal account of the discovery of the structure of DNA, New York 1968, sowie Tom Wolfe, The right stuff, New York 1979 (dt. als Die Helden der Nation. Reportage-Roman, Hamburg 1983). Wolfes Roman wurde 1983 unter dem gleichen Titel (dt. Der Stoff, aus dem Helden sind) mit Sam Shepard und Ed Harris in den Hauptrollen von dem Regisseur Philip Kaufman verfilmt. Trotz seines eher mageren Einspielergebnisses wurde der Film von Kritikern gelobt und erhielt bei der Oscar-Verleihung 1984 insgesamt vier Auszeichnungen. Zum Konzept der „technoscience“, siehe einführend Don Ihde, Evan Selinger (Hg.), Chasing technoscience. Matrix for materiality, Bloomington 2003, sowie Donna Haraway, [email protected]_Millenium.FemaleMan©Meets_OncoMouse™. Feminism and technoscience, New York 1997.

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seem“.2 Um deutlich zu machen, wie weit diese Netzwerke tatsächlich ausgreifen können, verweist Latour unter der Zwischenüberschrift „Extending the networks still further“ schließlich auf Tom Wolfes Reportage-Roman The right stuff. In diesem 1979 veröffentlichten Tatsachenbericht schildert Wolfe die Entwicklung des bemannten Raumfahrtprogramms aus Perspektive der ersten Astronauten und skizziert den Weg, der eine kleine Gruppe US-amerikanischer Testpiloten zunächst in das Mercury-Projekt der NASA, und schließlich bis in den Weltraum führte. Für die „Erfindung des amerikanischen Astronauten“3 musste die zivile Raumfahrtbehörde ein weit verzweigtes Netzwerk aus beschwerlichen Auswahlverfahren, strapaziösen Trainingsprogrammen, psychiatrischen Gutachten, medizinischen Tests und sogar Kongressanhörungen mobilisieren. Hierzu galt es nicht nur NASA-Manager, Ärzte, Psychologen und Ingenieure, sondern auch ein ganzes Arsenal von Versuchsanordnungen, Simulatoren, experimentellen Geräten, Institutionen sowie Protokollen zusammenzuführen und miteinander zu verflechten. Das allein war keine geringe Aufgabe, aber wie konnte der Weltraum in Reichweite gebracht und zu einem Teil dieses Netzwerks gemacht werden? In Anlehnung an Wolfe kommt Latour zu dem Schluss, dass der erste, knapp 16 Minuten lange Suborbitalflug des Mercury-Projekts, während dem Alan Shepard bis auf eine Höhe von 187 km aufgestiegen war, keine wirkliche Neueroberung bedeutete. Tatsächlich wären die Astronauten bereits etliche Male zuvor im Weltraum gewesen, der bereits im Vorfeld in die Forschungslaboratorien und Testzentren der NASA integriert worden sei: When, on 5 May 1961, Alan Shepard got his turn on the first American Mercury space flight, was it the first time? In a way, yes, since no American had really been out there. In another sense, no, it was simply the (n+1)th time. He had done every possible gesture hundreds of times before on the simulator, a scale model of another sort. [… T]he point is that he was not really going into the unknown, as Magellan did crossing the strait that bears his name. He had been there already hundreds of times […]. What is admirable is not how one can get into space, but how the complete space flight can be simulated in advance, and then slowly extended to manned flights […] by incorporating inside the Space Center more and more outside features brought back to the center by each trial.4

2 Latour, Science in action (wie Anm. 1), S. 174. 3 Matthew H. Hersch, Inventing the American astronaut, New York 2012. 4 Latour, Science in action (wie Anm. 1), S. 247–248; für die Darstellung von Shepards MercuryFlug bei Wolfe, vgl. auch Wolfe, Die Helden der Nation (wie Anm. 1), S. 255–285, sowie weiterführend Alan B. Shepard, Training by simulation, Washington 1965.

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Hätte man Shepard in diesem Moment gebeten, „dem amerikanischen Volk jetzt übers Radio einen detaillierten Bericht über seine Empfindungen als erster Amerikaner während eines raketengetriebenen Fluges in den Weltraum zu erstatten“, so wäre diese Beschreibung alles andere als unmittelbar gewesen: „Er konnte nur Vergleiche zu den Hunderten von simulierten Flügen in der Zentrifuge von Johnsville ziehen. Die Erinnerung an all diese Male war in sein Nervensystem eingebettet.“5 Es geht Latour mit diesem Beispiel jedoch um mehr, als darum zu zeigen, wie Simulation und reale Mission ineinander verschwimmen, oder darum, wie Grundlagenforschung und Technologie zu einer „technoscience“ verschmeltzen. Indem der Weltraum mit Hilfe von Simulatoren, wie dem „Mercury Procedures Trainer“ oder der „Johnsville Centrifuge“, zu einem Teil des Netzwerks der NASA gemacht wurde, vermischten sich noch ganz andere Bereiche. So wie Latour später in seinem Essay Wir sind nie modern gewesen ausgeführt hat, haben sich hier „durch ‚Übersetzung‘ vollkommen neue Mischungen zwischen Wesen: Hybriden, Mischwesen zwischen Natur und Kultur“ herausgebildet.6 Innerhalb der Testzentren der NASA war der Weltraum kein Naturding mehr, sondern ein durch und durch technisches Objekt; indes waren die darin installierten Experimentalsysteme auch keine passiven Apparaturen, sondern vielmehr aktiv in die Funktionsweisen dieses Netzwerks verwickelt. Das Phänomen der Ineinanderverschiebung beziehungsweise „Inversion“7 zwischen dem ‚natürlichen Außen‘ und dem ‚technologischen Innen‘ des Labors ist jedoch bereits älteren Datums: Wie wissenschaftlicher Mikro- und gesellschaftlicher Markokosmos aber auch Natur und Kultur im Experiment in Rotation geraten, hatte Latour in seiner 1984 veröffentlichten Studie über den französischen Chemiker und Mikrobiologien Louis Pasteur gezeigt. Indem er seine Anthrax-Experimente 1881 vom geschützten Raum des Labors in kontrollierte Feldversuche übersetzte, brachte Pasteur eine „Transformation der Gesellschaft in ein großes Laboratorium“8 in Gang, an deren Ende schließlich die ‚Pasteurisierung Frankreichs‘ stand. Schließlich wird „Pasteur sein auf 5 Wolfe, Die Helden der Nation (wie Anm. 1), S. 274. 6 Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetischen Anthropologie, Frankfurt a.  M. 2008 (Orig.: Nous n’avons jamais été modernes. Essai d’anthropologie symétrique, Paris 1991), S. 19. 7 Ders., Steve Woolgar, Laboratory life. The constrution of scientific facts, Beverly Hills 1979, S. 177–178. 8 Bruno Latour, „Gebt mir ein Laboratorium und ich werde die Welt aus den Angeln heben“, in: Andréa Belliger, David J. Krieger (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur AkteurNetzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 103–134, hier S. 130; zu den Experimenten Louis Pasteurs und deren politischen Effekten vgl. weiterführend ders., The pasteurization of France, Cambridge 1988 (Orig.: Les microbes. Guerre et paix suivi de irréductions, Paris 1984).

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dem Bauernhof situiertes Laboratorium zu seinem Hauptarbeitsplatz an der Ecole Normal Supérieure zurücktransferieren, in dem er ein Element aus dem Feld mitnimmt, den kultivierten Bazillus“, und damit unter Beweis stellen, dass es „kein ‚Außerhalb‘ der Wissenschaft gibt, sehr wohl aber […] lange, schmale Netzwerke, welche die Zirkulation von wissenschaftlichen Fakten ermöglichen“.9 In analoger Weise hat auch die Raumfahrtforschung den Weltraum in ein wissenschaftliches Laboratorium verwandelt. Nachdem sie sich zunächst immer weiter in die Atmosphäre ausgedehnt hatte, begann man auch bei der NASA damit, allmählich immer mehr Eigenschaften von dort in das Labor zurück zu bringen, im Experiment zu reproduzieren und in die Simulatoren des Space Centers zu inkorporieren. In dieser Hinsicht war Shepards Pionierflug vielleicht tatsächlich lediglich eine Wiederholung (n+1) all jener hundertfach in den Testanlagen durchgespielten Probedurchläufe (n).

Abb. 10.1 Alan Shepard im Mercury „procedures trainer“, einem originalgetreuen Simulator der Freedom 7 Raumkapsel. Dieser Trainingssimulator war im Hangar S der Cape Canaveral Air Force Station (CCAFS) in Florida installiert, und diente dazu, das Protokoll und die Abläufe während des Raumflugs zu verinnerlichen. (Quelle: NASA Images, URL: https://www.nasa.gov/ image-feature/alan-shepard-in-theprocedures-trainer)

Auch in späteren Texten sollte Latour vereinzelt auf die Raumfahrtforschung zurückgreifen. Zuletzt in seinen späten Hauptwerk Existenzweisen, in dem er „die Heterogenität der technischen Systeme“ am Beispiel der „katastrophale[n] Explosion des Spaceshuttle Challenger“ beschreibt – ein Unglück, das „nicht nur dem Verhalten einer kleinen Gummidichtung bei Frost geschuldet war, sondern auch der Verteilung der Entscheidungsebenen in komplizierten 9 Latour, Gebt mir ein Laboratorium (wie Anm. 8), S. 108 u. 131.

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Organigrammen der NASA“10. Bereits lange vor dem eigentlichen Start, am Mittag des 28. Januars 1986, hatte sich ein komplexes und heterogenes Netzwerk aus Ingenieuren, NASA-Entscheidungsträgern, Zulieferern, Messinstrumenten, Tabellen, Statistiken sowie Budgetplänen und Risikomanagement mobilisiert, um über die möglichen Risiken eines Countdowns zu verhandeln. Die bei zu niedrigen Außentemperaturen mangelhaften Gummidichtungsringe wurden von diesem Netzwerk nicht ernst genug genommen und als ein kalkulierbares, weil unwahrscheinliches, Restrisiko akzeptiert. Noch am Abend vor dem Countdown wurde in hektischen Telefonkonferenzen zwischen Ingenieuren des Feststoff-Raketenherstellers Morton Thiokol Incorporated (MTI) und NASAManagern über eine Verschiebung des Starts gestritten. Letztlich setzten sich ein enger Terminplan, Bürokratie sowie ökonomische und medienstrategische Argumente gegenüber den technischen Bedenken durch. Am folgenden Tag kam es schließlich zur Katastrophe: Um 11:38 Uhr Ortszeit, 73 Sekunden nach Zündung der Triebwerke, brachte eine Verkettung technischer Defekte und aerodynamischer Prozesse zunächst eine der Feststoffraketen, und schließlich die Challenger zur Explosion. Keiner der sieben Besatzungsmitglieder überlebte dieses Unglück. Unter massivem öffentlichem Druck wurde das NASA-Netzwerk nun noch einmal mobilisiert, neu ausgerichtet und um eine, von der Peripherie ins Zentrum gerückte, poröse Gummidichtung herum gruppiert. In der Folge erweiterte sich diese Konstellation noch um eine offizielle Untersuchungskommission, zu der auch der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman gehörte. Feynman rekonstruierte den Unfallhergang während einer im USFernsehen übertragenen Anhörung mit einem O-Ring und einem Glas Eiswasser, und übersetzte die Challenger-Katastrophe damit zurück in den 10

Ders., Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen, Berlin 2014, S. 304 (Orig.: Enquête sur les modes d’existence. Une anthropologie des modernes, Paris 2012). Vgl. hierzu auch ders., Von der Realpolitik zur Dingpolitik oder wie man Dinge öffentlich macht, Berlin 2005, S. 34–35. Für eine detaillierte Analyse der Challenger-Katastrophe siehe Diane Vaughan, The Challenger launch decision. Risk technology, culture, and deviance at NASA, Chicago 1996. Dieses Unglück ist auch Gegenstand einer Gesprächsreihe zwischen Bruno Latour und Michel Serres. Letzterer hatte die Explosion der Challenger bereits 1987 in seinem Buch Statues aufgegriffen und mit einer mythischen Opferpraxis im antiken Karthago verglichen, bei der Menschen in Bronzeskulpturen der Gottheit Baal eingeschlossen wurden, vgl. Michel Serres, Bruno Latour, Conversations on science, culture, and time, Ann Arbor 1995, S.  138–142 (Orig.: Éclaircissements, Paris 1990); Michel Serres, Statues. The second book of foundations, London 2015, S. 2–14 (Orig.: Statues. Le second livre des fondations, Paris 1987). Für eine kluge Analyse des Absturzes der Columbia-Raumfähre im Jahr 2003, siehe Peter Galison, „Breakdown“, in: Evan Selinger (Hg.), Postphenomenology. A critical companion to Ihde, Albany 2006, S. 161–171.

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Labormaßstab. In seinem als „Appendix F“ in den Abschlussbericht der so genannten Rogers-Commission aufgenommenen Gutachten mahnte er, dass die Öffentlichkeitsarbeit in technologischen Projekten der Wirklichkeit den Vorrang lassen müsse: „[F]or a successful technology, reality must take precedence over public relations, for nature cannot be fooled.“11 Doch auch wenn man Feynman an dieser Stelle gerne zustimmen will, so übersieht er mit seiner Forderung nach einer Trennung zwischen technischen Fakten und gesellschaftlichen Interessen, die Realität der „technoscience“, in der sich diese Bereiche nicht mehr eindeutig auseinanderhalten lassen. Es dauerte nicht lange bis auch die US-amerikanische Medienöffentlichkeit eine Reihe von Schuldigen für diese Katastrophe identifizierte: Neben den fahrlässigen Entscheidungsträgern der NASA oder den undichten O-Ringen, wurde auch Kritik an der Lehrerin Christa McAuliffe geäußert, die im Rahmen des Teacher-in-Space-Programms an Bord der Challenger gewesen war. Große Teile der amerikanischen Öffentlichkeit hielten McAuliffe als Frau ohne jede technische Ausbildung für absolut unqualifiziert, um an einer Weltraummission teilzunehmen, was sich in einer Reihe makabrer, sexistischer Witze ausdrückte, die nach dem Unglück zirkulierten: „How do you get rid of a teacher? – Challenge her“, oder: „I can’t believe it. Seven months of training and she still went to pieces after takeoff.“12 Es ist kaum zufällig, dass Latour wiederholt auf die Raumfahrt zurückkommt, um zu beschreiben, wie verschiedene Interessen unterschiedlicher Akteure in Netzwerken ineinandergreifen oder konkurrieren, und wie technische Dinge diese Assoziationen anordnen und stabilisieren.13 So war das Raumfahrtprogramm der NASA neben dem Manhattan-Projekt des Zweiten Weltkrieges der Ort, an dem die Verbindung zwischen Wissenschaft und 11

12 13

Richard P. Feynman, „Appendix F – Personal observations on the reliability of the shuttle“, in: William P. Rogers (Hg.), Report to the President by the Presidential Commission on the Space Shuttle Challenger Accident, Vol. 2, Washington 1986, S. F-1–F-5, hier S. F-5. Für eine edierte Fassung dieses Berichts, siehe außerdem ders.,„What do you care what other people think?“ Further adventures of a curious character, New York 1988, S. 220–237. Elizabeth Radin Simons, „The NASA joke cycle. The astronauts and the teacher“, in: Western Folklore 44,4 (1986), S. 243–260, zitiert in: Constance Penley, NASA/TREK. Popular science and sex in America, London 1997, S. 27. Neben Latour beschäftigt sich auch John Law mit Historisierung technischer Objekte aus dem Bereich der Luftfahrt, siehe John Law, Aircraft stories. Decentering the object in technoscience, Durham 2002; für eine scharfe Kritik an dieser Studie, siehe Eric Schatzberg, „On attempting to construct alternative narratives. John Law, Aircraft stories. Decentering the object in technoscience“, in: Technology and Culture 45,2 (2004), S. 406–412. Siehe außerdem John Law, „The Olympus 320 engine. A case study in design, development, and organizational control“, in: Technology and Culture 33,3 (1992), S. 409–440.

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Technologie eine neuartige Form und Dimension von Forschung definierte. Diese Verschiebung in Größenordnung und Vernetzung wurde bereits zeitgenössisch registriert, wenn auch ganz unterschiedlich bewertet. 1961 warnte der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower in seiner Abschiedsrede vor den Gefahren eines „military-industrial complex“, und wurde noch im gleichen Jahr von dem Physiker Alvin M. Weinberg widersprochen: In einer Lobrede auf die „big science“-Projekte der Gegenwart, die er in der Zeitschrift Science veröffentlicht hatte, verglich Weinberg die Raketen der NASA mit den Pyramiden von Gizeh und den Kathedralen des Mittelalters.14 Die Zahlen geben ihm recht: Bei ihrer Gründung im Juli 1958 beschäftigte die NASA zunächst etwa 8.000 Angestellte – eine Summe, die bereits 1960 verdoppelt wurde. Die maximale Größe erreichte die zivile Raumfahrtbehörde schließlich 1966 mit 36.000 direkt angestellten Mitarbeitern sowie einem erweiterten Netzwerk aus ungefähr 375.000 Menschen, die für Zulieferer in der Industrie oder mit extern vergebenen Forschungsaufträgen an Universitäten tätig waren. 1965 operierte dieser Großforschungskomplex mit einem Budget von fünf Milliarden USDollar, was etwa 0,8 Prozent des Bruttosozialprodukts entsprach.15 Diese beispiellose Mobilisierung von Menschen, Institutionen, Technologien, Finanzen, Bürokratien und Wissen erforderte immense Planungs-, Organisations- und Vernetzungsanstrengungen, die der scheidende NASADirektor James E. Webb 1969 in seinem Buch Space age management als einen „large-scale approach“ bereichnet hatte. Die schiere Größe dieses Netzwerks, die Komplexität und die darin gebündelten Machtpotentiale trugen dazu bei, weit auszugreifen und große Teile der Gesellschaft zu verwickeln: 14

15

Dwight  D.  Eisenhower, The White House years. Waging peace, 1956–1961, Garden City 1965, S.  614; Alvin  M.  Weinberg, „Impact of large-scale science on the United States“, in: Science 134,3473 (1961), S.  161–164, hier S.  161; ders., Probleme der Großforschung, Frankfurt a. M. 1970 (Orig.: Reflections on big science, Cambridge 1967), sowie Derek de Solla Price, Little Science, Big Science. Von der Studierstube zur Großforschung, Frankfurt a. M. 1974 (Orig.: Little science, big science, New York 1963). Zu den Phänomenen „militaryindustrial complex“ und „big science“ während des Kalten Kriegs, siehe weiterführend: Paul A. C. Koistinen, The military-industrial complex. A historical perspective, New York 1980; Peter Galison, Bruce W. Hevly (Hg.), Big science. The growth of large-scale research, Stanford 1992; Stuart W. Leslie, The Cold War and American science. The miliary-industrialacademic complex at MIT and Stanford, New York 1993; Ron Theodore Robin, The making of the Cold War enemy. Culture and politics in the military-industrial complex, Princeton 2001; Naomi Oreskes, John Krige (Hg.), Science and technology in the global Cold War, Cambridge 2014. Vgl. Howard E. McCurdy, Inside NASA. High technology and organizational change in the U.S.  Space  Program, Baltimore 1993. Zur internationalen Vernetzung der NASA, siehe John Krige, Angelina Long Callahan, Ashok Maharaj (Hg.), NASA in the world. Fifty years of international collaboration in space, New York 2013.

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Patrick Kilian The large-scale endeavor by its very nature – that is, because of its sheer size, its complexity, the investment it requires, the aggregation of power vested in it, and the diverse and highly skilled human resources it must command – necessarily impacts large segments of society with great force.16

Während Pasteur Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Laboratorium an der École normal supérieure noch sein ganzes Geschick aufbringen musste, um „die Gesellschaft aus den Angeln zu heben“,17 war am Ende des Zweiten Weltkrieges eine neue Situation entstanden. Die ehemals so sauber gezogene Trennungslinie zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, Forschung und Politik, Natur und Kultur aber auch zwischen Mensch und Maschine begann zunehmend zu verwischen. Ich will Latours Fußnote als Ausgangspunkt nehmen und versuchen, den Weg der ersten Astronauten durch die NASA-Netzwerke hindurch und bis in den Weltraum hinein nachzuzeichnen. Zunächst werde ich beschreiben, wie der Weltraum durch die kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstandene Disziplin der Raumfahrtmedizin in eine physiologische Topographie verwandelt wurde, die sich innerhalb der Laboratorien reproduzieren ließ. Anschließend wird es um die medizinischen Auswahlverfahren des Project Mercury sowie die materielle Infrastruktur (IBM-Lochkarten und Graphitstifte) innerhalb des NASA-Programms gehen. Hierbei will ich auch die von Latour in Science in action aufgeworfene Frage danach stellen, warum einige Menschen durch die Maschen eines Netzwerks hindurch fallen und keinen Platz darin finden.18 Konkret geht es darum, wie die NASA Frauen daran hinderte, Teil des Astronautenprogramms zu werden. Hierfür musste schließlich sogar der amerikanische Kongress mobilisiert werden. Die nächsten beiden Abschnitte behandeln die Interaktion zwischen Menschen und Maschinen innerhalb der Raumkapsel sowie den Kampf der Testpiloten für den Einbau eines zentralen Sichtfensters. Ganz am Ende will ich den Blick aus diesem Fenster auf die Erde bis in die Gesellschaft hinein verlängern und auch noch einmal zu Tom Wolfe zurückkommen.

16

17 18

James E. Webb, Space age management. The large-scale approach, New York 1969, S. 109. Zu den zeitgenössisch erwarteten wie befürchteten Auswirkungen des Raumfahrtprogramms auf die Gesellschaft siehe Donald Cox, Michael Stoiko, Spacepower. What it means to you, Philadelphia 1958, sowie Lillian Levy (Hg.), Space. Its impact on man and society, New York 1965. Latour, Gebt mir ein Laboratorium (wie Anm. 8), S. 131. Vgl. Latour, Science in action (wie Anm. 1), S. 180.

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II.

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Ärzte und Piloten

Aller Anfang ist schwer. Zwölf Jahre bevor Alan Shepard im Mai 1961 als erster Amerikaner und zweiter Mensch, nach dem russischen Kosmonauten Juri Gagarin,19 die Grenze zum Weltraum überschritt, war die amerikanische Raumfahrtforschung noch weit davon entfernt, ein nationales ‚big science‘Netzwerk mit schier unerschöpflichen finanziellen Mitteln, zahllosen Forschungseinrichtungen und tausenden Angestellten zu sein. 1949 steckte das US-Raketenprogramm noch in seinen mehr durch Rückschläge als Erfolge gekennzeichneten Kinderschuhen,20 als im Februar dieses Jahres im texanischen Niemandsland an der Randolph Air Force Base eine neue wissenschaftliche Disziplin aus der Taufe gehoben wurde: die Raumfahrtmedizin. Etwa ein halbes Jahr zuvor, im November  1948, hatte der Kommandant der bei San Antonio gelegenen Air Force School of Aviation Medicine, Harry George Armstrong, ein kleines Symposium unter dem Titel Aeromedical problems of space travel21 organisiert, das sich den Möglichkeiten und Herausforderungen der bemannten Raumfahrt aus medizinischer Perspektive annähern sollte. Als Referenten waren der Luftfahrtmediziner Hubertus Strughold und der Physiker Heinz Haber vorgesehen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Rahmen der streng geheimen Operation Paperclip zusammen mit einer größeren Gruppe von Medizinern der deutschen Luftwaffe aus den Trümmern von Nazideutschland in die USA gelangt waren. Das Symposium muss ein voller Erfolg gewesen sein, denn schon wenig später, am 9. Februar 1949, veranlasste Armstrong die Gründung eines Department of Space Medicine, das an die School of Aviation Medicine angeschlossen werden sollte. Zum Direktor dieses neuartigen und weltweit einzigartigen Instituts wurde 19 20

21

Zu Gagarin siehe Matthias Schwartz, Kevin Anding, Holt Meyer (Hg.), Gagarin als Archivkörper und Erinnerungsfigur, Frankfurt a. M. 2014, sowie Andrew Jenks, The Cosmonaut who couldn’t stop smiling. The life and legend of Yuri Gagarin, DeKalb 2012. Einführend zur Geschichte des US-Raumfahrtprogramms, siehe Walter A. McDougall, The heavens and the earth. A political history of the space age, New York 1985; Roger D. Launius, Dennis  R.  Jenkins (Hg.), To reach the high frontier. A history of U.S. launch vehicles, Lexington 2002, sowie David  H.  DeVorkin, Science with a vengeance. How the military created the US space sciences after World War II, New York 1992. Zur Entwicklung des deutschen Raketenprogramms während des Zweiten Weltkrieges siehe Michael  J. Neufeld, Die Rakete und das Reich. Wernher von Braun, Peenemünde und der Beginn des Raumfahrtzeitalters, Berlin 1999 (Orig.: The rocket and the Reich. Peenemünde and the coming of the ballistic missile era, New York 1995). Harry G. Armstrong, Heinz Haber, Hubertus Strughold, „Aero medical problems of space travel, Panel Meeting, School of Aviation Medicine“, in: Journal of Aviation Medicine 20,6 (1949), S. 383–417.

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der Luftfahrtmediziner Strughold ernannt. Die Abteilung war komplett in deutscher Hand: Neben Strughold bildeten Heinz Haber, dessen Bruder Fritz sowie der Kieler Meteorologe Konrad Büttner die erste Belegschaft der raumfahrtmedizinischen Forschungseinrichtung.22 Von der späteren Dynamik des ‚space age management‘ war in den ersten Jahren kaum etwas zu spüren. Noch 1955 bestand die School of Aviation Medicine aus wenig mehr als zwei in die Jahre gekommenen zweistöckigen Bürogebäuden sowie einigen veralteten Holzbaracken und konnte neben einem einsamen Elektrokardiogramm so gut wie keine technische Ausrüstung vorweisen.23 Doch das Netzwerk um das neu gegründete Department of Space Medicine wurde rasch ausgeweitet: So entstanden auch an anderen Orten Forschungseinrichtungen zur Untersuchung der Auswirkungen der extremen Umweltbedingungen des Weltraums auf den menschlichen Körper. An der Wright-Patterson Air Force Base in Dayton, Ohio, wurde das Aerospace Medical Laboratory gegründet und nahe der Kleinstadt Alamogordo im Bundesstaat New Mexico formierte sich an der Holloman Air Force Base eine Space Biology Branch. Erste nationale und wenig später auch internationale Konferenzen brachten renommierte Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach San Antonio. Außerdem wurden Tagungsbände und Handbücher veröffentlicht und eine eigene experimentelle Kultur mit Zentrifugen, Raketenschlitten, Unterdruckkammern, Simulatoren, Forschungsballons und Überschall-Testflugzeugen entwickelt.24 Wie schwer es jedoch war, zu diesem Zeitpunkt finanzielle 22

23 24

Zur Geschichte der Raumfahrtmedizin, siehe Maura Philipps Mackowski, Testing the limits. Aviation medicine and the origins of manned space flight, College Station 2006; Charles C. Alexander, „Exploring the human factor (1948–1958)“, in: Loyd S. Swenson, Jr., James M. Grimwood, ders. (Hg.), This new ocean. A history of Project Mercury, Washington 1998, S. 33–53; John A. Pitts, The human factor. Biomedicine in the Manned Space Program to 1980, Washington 1985; Eloise Engle, Arnold S. Lott, Man in flight. Biomedical achievements in aerospace, Annapolis 1979. Zur Biographie von Hubertus Strughold siehe Mark Campbell, Viktor Harsch, Hubertus Strughold. Life and work in the fields of space medicine, Neubrandenburg 2013, sowie Shirley Thomas, „Hubertus Strughold. The father of space medicine whose dramatic advanced planning encompasses the universe“, in: dies. (Hg.), Men of space. Profiles of the leaders in space research, development, and exploration, Bd. 4, Philadelphia 1962, S. 233–272. Für eine Darstellung der Operation Paperclip, siehe Annie Jacobsen, Operation Paperclip. The secret intelligence program that brought Nazi scientists to America, New York 2014. Lawrence E. Lamb, Inside the space race. A space surgeon’s diary, Austin 2006, S. 55. Zu den frühen raumfahrtmedizinischen Konferenzen, Sammelbänden und Handbüchern, siehe John P. Marbarger, Space medicine. The human factor in flights beyond the earth, Urbana 1951; Clayton S. White, Otis O. Benson (Hg.), Physics and medicine of the upper atmosphere. A study of the aeropause, Albuquerque 1952; Kenneth F. Gantz (Hg.), Man in space. The United States Air Force Program for Developing the Spacecraft Crew,

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Mittel aus dem viel beanspruchten Verteidigungshaushalt zu akquirieren, beweist das zähe Ringen um die Bewilligung für einen Neubau der School of Aviation Medicine. 1951 mit einem geschätzten Kostenaufwand von 30 Millionen US Dollar beantragt, wurden die veranschlagten Mittel 1952 vom Bureau of the Budget zunächst drastisch nach unten korrigiert, bevor es nach langwierigen Verhandlungen schließlich im Mai 1957 zur Grundsteinlegung für das neue Institut kommen konnte. Das war wenige Monate bevor die Sowjetunion mit ihrem unbemannten Satelliten Sputnik I die Ausweitung der Kampfzone des Kalten Krieges in den Weltraum einleitete. Am 3. August 1959 zogen die School of Aviation Medicine und mit ihr das nunmehr in ein Aeromedical Center verwandelte Department of Space Medicine von Randolph Field in ihre neuen Räumlichkeiten an der ebenfalls bei San Antonio gelegenen Brooks Air Force Base um. Das moderne vierstöckige Forschungsgebäude beherbergte nun eine große Anzahl gut ausgestatteter Laboratorien, Büros, Hörsäle und Equipment, drohte jedoch schon bald wieder aus allen Nähten zu platzen.25 Mit dem am 4. Oktober 1957 von dem Raketenstartplatz Baikonur in den Orbit geschossenen, knapp 84 Kilogramm schweren Satelliten Sputnik kamen die Dinge in Bewegung und nahmen eine doppelte Wendung: Zum einen rückte die Raumfahrtforschung nun ins Zentrum der nationalen Sicherheits- und Forschungsinteressen,26 zum anderen kam es mit der Gründung der zivilen Raumfahrtbehörde NASA am 29. Juli 1958 durch den National Aeronautics and Space Act zu einer Kompetenzverschiebung und einem relativen Bedeutungsverlust der militärischen Raumfahrtforschung. Um die Vergabe des Raumfahrtprogramms an die NASA zu verhindern, hatte die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Air Force gezielt (wenn auch letztlich erfolglos) versucht, den Begriff ‚aerospace‘ in Zirkulation zu bringen. Ziel dieser sprachlichen Verknüpfung von ‚aero‘ und ‚space‘ war es, den Übergang von Luft- zu

25 26

New York 1959; Otis  O.  Benson, Hubertus Strughold (Hg.), Physics and medicine of the atmosphere and space, New York 1960; Ursula T. Slager, Space medicine, Englewood Cliffs 1962. Zur Geschichte der Ballon- und Testflugzeugexperimente siehe Craig Ryan, The preastronauts. Manned ballooning on the threshold of space, Annapolis 1995, sowie Richard Tregaskis, X-15 diary. The story of America’s first space ship, New York 1961. Otis  O.  Benson, „From Hazelhurst to Brooks. A saga of aeromedical pioneering“, in: U.S. Armed Forces Medical Journal 10,11 (1959), S. 1273–1286. Zu den wissenschaftspolitischen Effekten Sputniks, siehe James  R.  Killian, Sputnik, scientists, and Eisenhower. A memoir of the first Special Assistant to the President for Science and Technology, Cambridge 1977. Siehe weiterführend F. J. Krieger (Hg.), Behind the Sputniks. A survey of Soviet space science, Washington 1958, sowie Rip Bulkeley, The Sputniks crisis and early United States space policy. A critique of the historiography of space, Basingstoke 1991.

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Raumfahrt als fließend und kontinuierlich erscheinen zu lassen, um damit den Anspruch der Air Force geltend zu machen. Entsprechend argumentierte der Chief of Staff of the Air Force Thomas D. White 1958: In discussing air and space it should be recognized that there is no division, per se, between the two. For all practical purposes air and space merge, forming a continuous and indivisible field of operations. Just as in the past when our capability to control the air permitted our freedom of movement on the land and seas beneath, so in the future will the capability to control space permit our freedom of movement on the surface of the earth and through the earth’s atmosphere.27

Technologisch wurde dieser Anspruch durch die raketengetriebenen Überschall-Testflugzeuge X-15 und X-20 Dyna-Soar repräsentiert, die für Aufklärungsmissionen in die obere Atmosphäre entwickelt wurden, und kurzzeitig auch als Alternative zum Trägerraketen-Programm der NASA im Gespräch waren. Im Gegensatz zu den Raumkapseln der NASA sollten die Raketenflugzeuge der Air Force nach ihrem Wiedereintritt in die Atmosphäre von einem Piloten gesteuert und auf einem Flugfeld gelandet werden können. Luft- und Raumfahrt sollten so miteinander verbunden und als Elemente einer gemeinsamen geopolitischen Strategie kurzgeschlossen werden.28 Mit der Entscheidung, das bemannte Raumfahrtprogramm an die NASA zu übertragen, und damit das bereits im Planungsstadium befindliche Man In Space Soonest-Projekt der Air Force durch das zivile Project Mercury zu ersetzen, stellte sich eine Reihe von Fragen: Welche Rolle würde nun die raumfahrtmedizinische Forschung des Militärs bei der Auswahl und Ausbildung der künftigen Astronauten spielen? Und aus welchen Institutionen sollten die Raumfahrer rekrutiert werden? Um den Anspruch der Air Force auf eine Vormachtstellung im Bereich der bemannten Raumfahrt zu begründen, hatten die Mitglieder des Department of Space Medicine bereits seit Anfang der 1950er Jahre dafür argumentiert, dass Raumfahrtmedizin eine natürliche Erweiterung der Flugmedizin sei. Nicht 27

28

Thomas D. White, „Missiles and the race toward space“, in: Kenneth F. Gantz (Hg.), The United States Air Force report on the ballistic missile. Its technology, logistics, and strategy, Garden City 1958, S. 19–24, hier S. 22. Zum ‚aerospace‘-Konzept der Air Force, vgl. außerdem Frank W. Jennings, „Genesis of the aerospace concept“, in: Air Power History 48,7 (2001), 46–55; Peter Hays, Karl Mueller, „Going boldly – where? Aerospace integration, the space commission, and the Air Force’s vision for space“, in: Aerospace Power Journal 15,1 (2001), 34–49, sowie McDougall, The heavens and the earth (wie Anm. 20), S. 166. Milton  O.  Thompson, At the edge of space. The X-15 flight program, Washington 1992; Tregaskis, X-15 diary (wie Anm.  24); Martin Caidin, Wings into space. The history and future of winged space flight, New York 1964; Roy F. Houchin II, US hypersonic research and development. The rise and fall of Dyna-Soar, 1944–1963, London 2006.

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nur in militärstrategischer, sondern auch in physiologischer Hinsicht – so ihre These – könnten zwischen Luft- und Weltraum keine scharfen Grenzen gezogen werden. Um diese Kontinuität evident zu machen, hatten die Raumfahrtmediziner in analoger Weise zum Konzept des ‚aerospace‘ die Begriffe ‚aeropause‘ und ‚space equivalence‘ eingeführt, um die fließende Übergangszone zwischen Luft- und Weltraum zu beschreiben. Für die Frage, ‚wo der Weltraum beginnt‘ (und wer für die bemannte Raumfahrt zuständig sein sollte), waren ihrer Ansicht nach nicht atmosphärenphysikalische, sondern physiologische Maßstäbe entscheidend. In einer von den vier deutschen Raumfahrtmedizinern 1951 unter der Überschrift „Where does space begin?“ im Journal of Aviation Medicine veröffentlichten Positionsbestimmung heißt es hierzu programmatisch: In speaking of ‚space,‘ one commonly refers to it as a topographically defined system. In this sense, the borders of space in relation to the earth are identified with those regions where the last traces of air become lost in the void, i.e., 400 to 800 km. […] However, ‚space‘ as a topographical concept is misleading when used in discussions related to manned rocket flight. Rather, these problems must be treated on the basis of the functions which the atmosphere has for man and craft.29

Bei einer Konferenz im November 1951 ergänzte Strughold, dass aus medizinischer Perspektive bereits ab einer Höhe von etwa 16 Kilometern von weltraumäquivalenten Bedingungen ausgegangen werden könne: „Above this level we are, in regard to this factor [= oxygen condition, Anm. P.K.], practically in space.“30 Diese Höhe war für die Air Force bereits in greifbarer Nähe: Am  14. Oktober 1947 hatte der Testpilot Charles „Chuck“ Yeager mit einem raketengetrieben Bell X-1 Experimentalflugzeug nicht nur zum ersten Mal Überschallgeschwindigkeit – 1080 km/h beziehungsweise 1,06 Mach –, sondern auch eine Rekordhöhe von knapp 14 Kilometern erreicht.31 29

30 31

Siehe Hubertus Strughold u.a., „Where does space begin? Functional concept of the boundaries between the atmosphere and space“, in: Journal of Aviation Medicine 22,5 (1951), S.  342–349 u. 357, hier S.  342. Vgl. hierzu weiterführend Konrad Büttner, Heinz Haber, „The aeropause“, in: Science 115,2998 (1952), S.  656–657; Hubertus Strughold, „Atmospheric space equivalence“, in: Journal of Aviation Medicine 25,4 (1954), S. 420–424; ders., „From aviation medicine to space medicine“, in: Air University Quarterly Review 10,2 (1958), S. 7–16. Ders., „Basic environmental problems relating man and the highest regions of the atmosphere as seen by the biologist“, in: White, Benson, Physics and medicine of the upper atmosphere (wie Anm. 24), S. 28. Chuck Yeager u.a., The quest for Mach one. A first-person account of breaking the sound barrier, New York 1997.

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Die Raumfahrtmediziner verbanden mit ihrer physiologischen Neudefinition der Grenzen zum Weltraum eine konkrete Strategie: Zum einen waren sie daran interessiert, ihre noch junge und im Aufbau befindliche Disziplin im Feld bereits etablierter Wissenschaften wie der Atmosphären- und Astrophysik zu positionieren und den Einflussbereich ihrer Institution im Bereich der Raumfahrtforschung auszuweiten. Zum anderen gelang es ihnen mit dieser Interpretation, den Weltraum vom Himmel ins Labor zu holen, wo sich ‚weltraumäquivalente‘ Bedingungen wie Vakuum oder Extremtemperaturen in unmittelbarer Nähe ihrer Büros in vitro reproduzieren ließen. Von ihren Zentrifugen, Unterdruckkammern, Parabelflügen zur Simulation von Schwerelosigkeit und Yeagers Überschall-Flug mit der Bell X-1 wäre es lediglich ein weiterer Schritt bis in den Weltraum (x+1).32 Für die Raumfahrtmediziner des Department of Space Medicine bestand daher nicht der geringste Zweifel, dass der Weg in die extremen und lebensfeindlichen Regionen jenseits der schützenden Atmosphäre durch die Laboratorien ihrer Forschungseinrichtungen hindurch verlaufen würde. Und so waren sie auch selbstbewusst davon ausgegangen, dass die von ihnen ausgebildeten und ausgewählten Testpiloten das künftige Astronautenkorps ausmachen würden. Mit der Übernahme des bemannten Raumfahrtprogramms durch die NASA war diese Gewissheit, zum großen Ärgernis der Air Force-Wissenschaftler,33 nun jedoch nicht mehr selbstverständlich. Als die NASA im Herbst 1958 mit der Organisation des Mercury-Projekts begann, entschied sich die von dem Ingenieur Robert  R.  Gilruth geleitete Space Task Group gegen den Aufbau einer eigenen raumfahrtmedizinischen Abteilung im Stile des Department of Space Medicine. Sie wollte die Kompetenz für die Konzeption und Durchführung der Auswahltestverfahren jedoch auch nicht vollständig an die Air Force abgeben, zu der sie noch immer in Konkurrenz stand. Stattdessen wurde ein vierstufiges und auf mehrere Institutionen aufgeteiltes Auswahlprogramm entwickelt. So beauftragte die NASA die von dem Luftfahrtmediziner William Randolph „Randy“ Lovelace II gegründete, private Lovelace Clinic in Albuquerque, New Mexico, mit der Durchführung der medizinischen Untersuchungen und dem Auswahlprozess der MercuryAstronauten. Zusätzliche Kooperationspartner waren das Aerospace Medical 32

33

Zu den Experimentalsystemen der frühen Raumfahrtmedizin, siehe Heinz Haber, Fritz Haber, „Possible methods of producing the gravity-free state for medical research“, in: Journal of Aviation Medicine 21,5 (1950), 395–400; Hubertus Strughold, „The U.S. Air Force experimental sealed cabin“, in: Journal of Aviation Medicine 27,1 (1956), S.  50–52; Hugh Miller, Mitchell B. Riley, Stuart Bondurant, Edwin P. Hiatt, „The duration of tolerance to positive acceleration“, in: Journal of Aviation Medicine 30,5 (1959), S. 360–366. Lamb, Inside the space race (wie Anm. 23), S. 76.

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Laboratory, die Air Force School of Aviation Medicine, die Navy School of Aviation Medicine in Pensacola, Florida, sowie das von dem Präsidenten der National Academy of Sciences, Detlev Bronk, ins Leben gerufene Armed Forces National Research Council Committee on Bioastronautics.34 Die erste Phase des Auswahlprogramms galt der Suche potentieller Kandidaten für das Astronautenkorps. Hierzu wurden die Personalakten von allen Testpiloten ausgewertet, die unter vierzig Jahren alt, nicht größer als 180 Zentimeter und in ausgezeichneter, körperlicher Verfassung waren. Neben der militärischen Ausbildung an einer Testpilotenschule der Air Force beziehungsweise Navy, sollten die Kandidaten  1.500 Stunden Flugerfahrung mit einem überwiegenden Anteil in Düsenjets nachweisen können und einen Universitätsabschluss in Ingenieurswissenschaften oder einer vergleichbaren Disziplin erlangt haben. Von den rund einhundert Piloten, die diese Qualifikationen erfüllten, wurde eine Auswahl von neunundsechzig Kandidaten in Washington von Repräsentanten der NASA über die Pläne des Mercury-Projekts unterrichtet. Anschließend fanden weitere vorläufige Interviews, psychologische Tests und Prüfungen statt, bevor schließlich eine Auswahl der zweiunddreißig qualifiziertesten Bewerber für die weiteren Untersuchungen getroffen wurde. Die zweite Phase des Auswahlverfahrens fand dann an der Lovelace Clinic statt, wo die individuelle Krankengeschichte sowie der aktuelle Fitness- und Gesundheitszustand der Kandidaten in einer einwöchigen Testreihe festgestellt wurde. Die dritte und vierte Phase wurden schließlich im Aerospace Medical Laboratory an der Wright-Patterson Air Force Base durchgeführt. Hier wurde zunächst die körperliche Belastungsfähigkeit auf die extremen Bedingungen eines Raumflugs in verschiedenen Simulatoren und Testapparaturen analysiert, bevor es abschließend zu psychologischpsychiatrischen Untersuchungen kam. Um ihre körperliche Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, mussten die Kandidaten unter anderem den Harvard Step Test sowie einen Laufband-Test absolvieren; ihre physische Widerstandskraft gegen Kälte sowie ihre mentale Willensstärke wurden mit dem Cold Pressor Test geprüft. Hierbei galt es, die Füße für eine Dauer von sieben Minuten in einem Becken mit Eiswasser zu platzieren – wer das Experiment vorzeitig abbrach, wurde als weniger entschlossen und unkooperativ eingeschätzt und automatisch herabgestuft. Die psychologischen Tests waren noch umfangreicher: Neben dem Rorschach-Test mussten die Kandidaten den 34

W. Randolph Lovelace II u.a., „Selection and maintenance program for astronauts. For the National Aeronautics and Space Administration“, in: Aerospace Medicine 33,6 (1962), S. 667–684, hier S. 667. Zur Geschichte der Lovelace Clinic, siehe Jake W. Spidle, Jr., The Lovelace Medical Center. Pioneer in American health care, Albuquerque 1987.

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von Henry Murray entwickelten Thematischen Apperzeptionstest (TAT) sowie das Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI) durchlaufen und wurden für einige Stunden in einer schalldichten und dunklen Isolationszelle eingeschlossen.35 Am Ende dieses Auswahlprozesses stand eine Gruppe von sieben Testpiloten, die Mercury-Seven, aus denen die ersten amerikanischen Astronauten werden würden. Ihr durchschnittlicher Intelligenzquotient betrug 135, ihre durchschnittliche Flugerfahrung  3.300 Stunden, davon 1.514 in Düsenstrahlmaschinen, sie waren zwischen 32 und 37 Jahren alt und alle verheiratet.36 Im wissenschaftlichen Bericht über das Astronauten-Auswahlverfahren ist die Entscheidung für militärische Testpiloten über ihre Erfahrung mit gefährlichen Flugsituationen sowie ihre enormen Widerstandsfähigkeit gegenüber den auf den Körper wirkenden Beschleunigungskräften und extremen Umgebungsbedingungen im Cockpit begründet: Graduates of service flight test schools were selected as potential space crew members because of their high intelligence, versatility, knowledge of the problems of hazardous and difficult test flying, and their flying and engineering experience with attendant frequent exposure to noise, altitude, vibration, orientation and navigation problems, acceleration and combinations of the above stresses.37

Mit dieser Entscheidung war faktisch, wenngleich implizit, auch beschlossen, dass es im Mercury-Programm keine weiblichen oder schwarzen Astronauten geben würde, da Frauen der Zugang zu den Testpilotenschulen grundsätzlich verweigert wurde, und es de facto keine Schwarzen in diesen militärischen Kaderschmieden gab.38 Auch wenn es der Air Force also nicht gelungen war, 35

36 37 38

Für einen umfassenden Bericht der am Aerospace Medical Laboratory durchgeführten Tests, siehe Charles  L.  Wilson (Hg.), Project Mercury candidate evaluation program, WADC Technical Report  59-505, Wright Air Development Center, Wright-Patterson Air Force Base 1959. Zum Mercury-Auswahlverfahren allgemein, siehe Colin Burgess, Selecting the Mercury Seven. The search for America’s first astronauts, New York 2011, sowie Joseph D. Atkinson, Jay M. Shafritz, The real stuff. A history of NASA’s recruitment program, New York 1985. Für eine kurze Diskussion des Cold Pressor Tests, siehe auch Jordan Bimm, Patrick Kilian, „The well-tempered astronaut“, in: Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte 13 (2017), S. 85–107, besonders S. 85f. Zur Geschichte des RorschachTests, vgl. Damion Searls, The inkblots. Hermann Rorschach, his iconic test, and the power of seeing, New York 2017. Lovelace II u.a., Selection and Maintenance Program for Astronauts (wie Anm. 34), S. 681. Ebd., S. 667–668. Hersch, Inventing the American astronaut (wie Anm.  3), S.  15–16. Zum Männlichkeitsideal im Amerika des Kalten Krieges, vgl. K.  A.  Cuordileone, Manhood and American political culture in the Cold War, New York 2005; zur wenig behandelten Geschichte

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das bemannte Raumfahrtprogramm für sich zu beanspruchen, so hatten es die Mediziner der School of Aviation Medicine und des Aerospace Medical Laboratory dennoch geschafft, eine Schlüsselposition im Mercury-Programm zu behalten und ihre Forschungsnetzwerke bis in das Cockpit der Raumkapsel hinein zu verlängern. Durch ihre langjährigen Experimente mit Testpiloten hatten sie dazu beigetragen, dass das bemannte Raumfahrtprogramm trotz seiner zivilen Verwaltung dennoch mit Militärpiloten besetzt sein würde. Wie der eben zitierte Bericht über das Mercury-Auswahlverfahren zeigt, hatte die Verknüpfung von Luft- und Weltraum auch dazu geführt, diese technowissenschaftlich durchdrungene Topographie als einen Raum zu denken, der nur durch die militärischen Tugenden von Testpiloten kontrollierbar war. Die Entscheidung, die künftigen Astronauten aus den Reihen der Air Force, Navy und Marines zu rekrutieren, wurde auf höchster Ebene getroffen. Sie ging auf ein informelles Treffen zwischen Repräsentanten der NASA und Dwight D. Eisenhower im Dezember 1958 zurück, bei dem der amerikanische Präsident dieses Vorgehen festlegte. III.

Bleistifte, Lochkarten und keine Unterschrift

Um ihr Netzwerk aufzuspannen und zwischen dessen einzelnen Schaltstellen und Knotenpunkten zu vermitteln, galt es für die Mediziner um Randy Lovelace, eine Technologie für die Organisation des aufwendigen Project Mercury Selection Program zu entwickeln. Und auch wenn ein „Netzwerk […] nicht nur eine technische Vorrichtung ist wie ein Eisenbahn-, Wasser-, Abwasser-, oder Telefonnetz“, so braucht es diese materiellen Kanäle, um die Assoziationen zu knüpfen und zu stabilisieren.39 Ein Netzwerk ohne seine technische Infrastruktur, so Latour, „das ist wie eine elektrische Leitung ohne ihren Draht, wie Öl ohne Pipeline, ein Telefongespräch ohne die Kabel der Telekom, ein Wanderer ohne Wanderwege, ein Kläger ohne Recht“40. Um zwischen der Lovelace Clinic,

39

40

afroamerikanischer Astronauten, siehe Alfred  J.  Phelps, The had a dream. The story of afro-american astronauts, Novato 1994. Latour, Existenzweisen (wie Anm. 14), S. 70. Eine Diskussion der Bedeutung von Technologie zur ‚Stabilisierung‘ gesellschaftlicher Konstellationen findet sich bereits in Bruno Latour, „Technology is society made durable“, in: John Law (Hg.): A sociology of monsters. Essays on power, technology and domination, London 1991, S. 103–131. Latour, Existenzweisen (wie Anm. 14), S. 116. Zur Geschichte der Infrastruktur, vgl. Dirk van Laak, Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft – Geschichte und Zukunft der Infrastruktur, Frankfurt a. M. 2018, sowie ders., „Infra-Strukturgeschichte“, in: Geschichte und Gesellschaft 27,3 (2001), S. 367–393.

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der Wright-Patterson Air Force Base und den NASA-Büros einen heißen Draht zu verlegen und ihre losen Assoziationen durch eine konkrete Infrastruktur zu stabilisieren, schlossen sich die Raumfahrtmediziner mit der International Business Machine Corporation (IBM) kurz. Der 1911 in Endicott, New York, als Computing-Tabulating-Recording Company (CTR) gegründete, und 1924 in IBM umbenannte, Technologiekonzern war darauf spezialisiert, Unternehmen mit standardisierten Lochkarten- und Tabelliermaschinen zu versorgen. Dem ursprünglichen Namen entsprechend rechneten, ordneten und speicherten diese Schaltzentralen die Waren-, Geld- und Informationsflüsse, die in den ökonomischen und bürokratischen Netzwerken der Vereinigten Staaten pulsierten. Als Knotenpunkte zwischen Menschen und Maschinen, Menschen und Dingen, oder Dingen und Daten bildeten sie dabei „interfaces“, Schnittstellen, „through which material objects and actions are translated into information and vice versa“.41 Der Kontakt zwischen Raumfahrtmedizin und IBM ging der Gründung der NASA und dem kurz darauf ins Leben gerufenen Mercury-Projekt einige Monate voraus und wurde zunächst von Vertretern der Air Force initiiert. So beauftragte das Air Research and Development Command (ARDC) im Frühjahr 1958 die Lovelace Foundation mit der Entwicklung eines Systems zur Verwaltung der medizinischen Informationen für das militärische Raumfahrtprogramm. Gesucht war eine „method of recording on machine cards detailed medical information for the U.S. Air Force ‚Man in Space‘ program“42. Die Wissenschaftler der Lovelace Clinic bewegten sich mit diesem Vorhaben auf komplettem Neuland, da sie entgegen ihrer Erwartungen und angestellten Vorrecherchen feststellen mussten, dass maschinenlesbare Karteikartensysteme und computergestützte Datenverarbeitung bislang lediglich in Unternehmen, jedoch nicht im medizinischen Bereich eingesetzt wurden. Obwohl der Surgeon General der US Navy, Lamont Pugh, das Gesundheitswesen bereits 1954 zur „first line of defense“43 des Kalten Krieges erklärt und dringend neue Formen der institutionellen Vernetzung und technischen Koordination eingefordert hatte, schien das Gesundheitssystem noch immer meilenweit von der technologischen Datenverarbeitung der computerisierten Frühwarnsysteme entfernt zu sein. Nach einer eingehenden Auswertung und 41 42

43

John Harwood, The interface. IBM and the transformation of corporate design, 1945–1976, Minneapolis 2011, S. 11. Zur Geschichte von IBM siehe weiterführend Emerson W. Pugh, Building IBM. Shaping an industry and its technology, Cambridge 1995. Albert H. Schwichtenberg, Donald D. Flickinger, William Randolph Lovelace II, „Development and use of medical machine record cards in astronaut selection“, in: U.S. Armed Forces Medical Journal 10,11 (1959), S. 1324–1351, hier S. 1324. Siehe auch Lovelace II u.a., Selection and maintenance program for astronauts (wie Anm. 34), S. 668–672. Lamont Pugh, „Health as the first line of defense“, in: U.S. Armed Forces Medical Journal 5,9 (1954), S. 1321–1330.

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Prüfung verschiedener Lochkarten-Systeme entschieden sich die LovelaceMediziner schließlich für die in den späten 1930er Jahren entwickelte IBM Mark Sense-Technologie.44 Dieses Verfahren erlaubte den Mitarbeitern der Lovelace Clinic die Gestaltung von standardisierten Karteikarten, auf denen detaillierte Angaben zur individuellen Krankengeschichte sowie den physiologischen Werten der Kandidaten, ihrem Trainings- und Fitnessfortschritt, Alkohol- und Tabakkonsum, Familiengeschichte, den zahlreichen Laboruntersuchungen, den Stresstests in der Zentrifuge, der Hitze- und Unterdruckkammer und schließlich der militärischen Flugerfahrung erfasst werden konnten. Für jeden Bewerber kamen so insgesamt etwa 50 Einzelkarten zusammen. Im Gegensatz zu anderen Lochkartensystemen, bei denen die Karten durch technische Assistenten an einer speziellen Lochstanzmaschine erstellt werden mussten, ermöglichte das Mark Sense-Verfahren einen intuitiveren Zugriff: Mit Hilfe eines besonderen, von IBM hergestellten ‚electrographic pencil‘ – einem Bleistift mit elektrisch leitfähiger Graphitmine – konnten die Karten von den Kandidaten selbst oder den untersuchenden Medizinern durch eine handschriftliche Markierung in den dafür vorgesehenen Feldern ausgefüllt werden. Der stromleitende Graphitstift bildete hierbei als eine Art direktes ‚interface‘ zwischen Mensch, Maschine und Information, das die Testpiloten als „inscription device“45 in das astronautische Netzwerk einschrieb. Der Weg in den Weltraum ging für die künftigen Mercury-Astronauten damit über den notwendigen Umweg durch die Rechenmaschinen von IBM. Auf den Mark Sense Record Cards waren sowohl ‚digitale‘, mit Ja oder Nein zu beantwortende Fragen, als auch ‚numerische‘ Eingaben möglich, bei denen aus der Markierung entsprechender Zahlenwerte auf der Karte ein 44

45

Schwichtenberg, Flickinger, Lovelace II, Development and use of medical machine record cards in astronaut selection (wie Anm.  42), S.  1327–1339. Für eine weitere luftfahrtmedizinische Anwendung der Mark Sense-Technologie im Rahmen des „Airmen Proficiency Test“ siehe Ernest Madril, „The use of IBM Mark-Sense cards as multiplechoice paper-and-pencil test answer forms“, in: Journal of Applied Psychology 43,5 (1959), S. 296–301. Zu den Frühwarnsystemen und der Computertechnologie des Kalten Krieges, siehe Paul N. Edwards, The closed world. Computes and the politics of discourse in Cold War America, Cambridge 1996. Latour, Science in action (wie Anm.  1), S.  68; sowie Bruno Latour, Steve Woolgar, „Ein Anthropologe besucht das Labor“, in: Susanne Bauer, Torsten Heinemann, Thomas Lemke (Hg.): Science and Technology Studies. Klassische Positionen und aktuelle Perspektiven, Berlin 2017, S. 198-268, hier S. 200–211 (Orig.: Laboratory life. The construction of scientific facts, Beverly Hills 1979). Zum Begriff der „Inskription“, siehe weiterführend Hans-Jörg Rheinberger, Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas, Göttingen 2001, S. 113–120 (Orig.: Toward a history of epistemic things. Synthesizing proteins in the test tube, Stanford 1997).

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präziser Wert angeben werden konnte. In einem nächsten Schritt wurden die Karten von einem automatischen Lesegerät mit elektrisch geladenen Metallbürsten abgetastet, das die leitfähigen Graphitmarkierungen auf dem Papier registrierte. In einem weiteren Übersetzungsprozess wurden anhand der handschriftlichen Karteikarten maschinenlesbare Lochkarten gestanzt, die anschließend in den Computer eingespeist werden konnten. Auf der einen Seite fand im Verlauf dieses Inskriptionsvorgangs ein dreifacher Übersetzungsvorgang statt, der menschliche Körper zunächst in physiologische Messwerte, später in Graphitmarkierungen und schließlich in Daten verwandelte. Andererseits half dieser Transformationsprozess auch dabei, das Laboratorium mit seinen Experimentalsystemen und Testgeräten in den Computer hinein zu verlängern.

Abb. 10.2

IBM Mark Sense Card der Lovelace Foundation. Die schwarz markierten Felder wurden mit einem speziellen „electrographic pencil“, einem stromleitenden Bleistift gekennzeichnet. Anschließend wurden diese Karten von einem Lesegerät mit elektrisch geladenen Metallbürsten abgetastet. Diese Maschine registrierte die leitfähigen Graphitmarkierungen und erstellte aus den handschriftlichen Karteikarten auf diese Weise maschinenlesbare Lochkarten. (Quelle: Albert H. Schwichtenberg, Donald D. Flickinger, William Randolph Lovelace II, „Development and use of medical machine record cards in astronaut selection“, in: U.S. Armed Forces Medical Journal 10,11 (1959), S. 1324–1351, hier S. 1334).

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Die Air Force hatte diese Technologie nicht nur für das Man in Space-Programm, sondern auch als Pilotprojekt für größere militärmedizinische Dienste wie den Air Force Medical Service vorgesehen.46 Nachdem das bemannte Raumfahrtprogramm der Luftwaffe durch die Gründung der NASA kurze Zeit später zum Stillstand kam, wurde das Mark Sense-Verfahren einfach in die neu entstehende Infrastruktur des Mercury-Projekts integriert. Mit dieser Verknüpfung von handschriftlicher ‚paper technology‘ und computergestütztem Aufschreibeund Lesesystem verband sich innerhalb der NASA auch der Anspruch, das gerade gestartete Raumfahrtprogramm in ein ‚big science‘-Unternehmen zu transformierten und dafür auf den neusten informationstechnischen Stand zu bringen.47 Die Mark Sense-Technologie funktionierte hierbei als eine dingliche Verknüpfung, mit der das zwischen den verschiedenen Institutionen, Wissenschaftlern, Testpiloten, Versuchsreihen, Experimentalanordnungen, Inskriptionen und Entscheidungsgremien aufgespannte NASA-Netzwerk mobilisiert werden konnte. Vor der Ankunft der einzelnen Probanden wurden die Kartensätze an der Lovelace Clinic vorbereitet und zusammengestellt, anschließend an die einzelnen Labors verteilt, um nach Beendigung der einwöchigen Untersuchung wieder in einer zentralen Stelle gesammelt zu werden. Danach wurden sie im IBM-Zentrum der unweit von Albuquerque, New Mexico, gelegenen Kirtland Air Force Base dupliziert und zu computerfähigen Lochkarten weiterverarbeitet; ein Kartensatz wurde anschließend per Kurier an das Aerospace Medical Laboratory gesendet, um durch die Ergebnisse der dort durchgeführten Belastungstests und psychologischen Eignungsprüfungen ergänzt zu werden. Schließlich wurden alle Karten dem Langley National Aeronautics and Space Administration Laboratory zur Auswertung übergeben, wo sie, von Rechenmaschinen unterstützt, durch ein Komitee aus Mitgliedern der NASA Life Sciences-Abteilung, dem Aerospace Medical Laboratory, der Lovelace Foundation sowie Repräsentanten des Mercury-Projekts geprüft wurden. Zusammen mit den Testpiloten bewegten sich die Lochkarten wie Doppelgänger durch die Kanäle des Netzwerks, waren ihren menschlichen Repräsentanten dabei oft einen Schritt voraus und berichteten beredt über Untersuchungsergebnisse, die von den Kandidaten vielleicht verschwiegen worden wären. 46 47

Schwichtenberg, Flickinger, Lovelace II, Development and use of medical machine record cards in astronaut selection (wie Anm. 42), S. 1325. Volker Hess, J. Andrew Mendelsohn, „Paper Technology und Wissensgeschichte“, in: NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 21,1 (2013), S. 1–10; Friedrich Kittler, Aufschreibesysteme 1800/1900, München 1985.

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Anders als herkömmliche, von Maschinen erstellte Lochkarten, die lediglich einen kryptischen Stanz-Code enthielten, waren die Mark Sense Record Cards nicht nur für Computer, sondern für jeden Beteiligten zu jedem Zeitpunkt ‚easy to read‘: „Everyone concerned can tell at any time, without equipment, what has been recorded.“48 Sie erfüllten damit nicht nur die Aufgabe, die handschriftlichen Daten, experimentellen Messwerte und lokalen Versuchsergebnisse im astronautischen Netzwerk zirkulieren zu lassen, und die geschmiedeten Assoziationen zwischen den einzelnen Institutionen sowie den darin arbeitenden Medizinern, NASA-Managern und IBM-Maschinen zu verfestigten. Die Mark Sense Record Cards waren außerdem als Übersetzer zwischen den menschlichen Akteuren und den Daten verarbeitenden Aktanten ‚aktiv‘: Sie vermittelten an der Schnittstelle zwischen der Welt der Menschen und jener der Maschinen und verhandelten zwischen dem medizinisch geschulten Urteilen und der für die Zeit des Kalten Krieges symptomatisch gewordenen technologischen Rationalität der Computer.49 Die Auswahl der Astronauten wurde demnach im Lichte – „in light of“50 – ihrer technischen Vermittlung durch elektronische Datenverarbeitung getroffen. Es waren nicht allein Menschen, die darüber entschieden, welche Testpiloten ‚das Zeug dazu hatten‘, Astronauten zu werden, sondern auch IBM-Prozessoren, statistische Computerausdrucke, technisch sichtbar gemachte Korrelationen, Leistungskurven und durch viele Hände gegangene Karteikarten. Am  17. und 18. Juli 1962 wurde dieses komplexe Netzwerk plötzlich von außen in Frage gestellt und musste noch einmal mit ganzer Kraft mobilisiert werden. An diesen beiden Tagen kam in Washington ein Special Subcommitte on the Selection of Astronauts zusammen, das vom Committee on Science and Astronautics des amerikanischen Kongresses einberufen wurde, um darüber zu entscheiden, ob auch Frauen Teil des Raumfahrtprogramms werden könnten. Diese Frage stand bereits seit längerer Zeit im Raum: Bereits 1960 war eine inoffizielle Untersuchungsreihe an der Lovelace Cinic unter der Anleitung 48 49

50

Schwichtenberg, Flickinger, Lovelace II, Development and use of medical machine record cards in astronaut selection (wie Anm. 42), S. 1338. Zu den Begriffen ‚Übersetzung‘ und ‚Assoziation‘ innerhalb der Akteur-NetzwerkTheorie, siehe Michel Callon, „Die Sozio-Logik der Übersetzung. Auseinandersetzungen und Verhandlungen zur Bestimmung von Problematischem und Unproblematischem“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 8), S. 51–74, und Bruno Latour, „Die Macht der Assoziationen“, in: Belliger, Krieger, ANThology (wie Anm. 8), S. 195–212. Zum Konzept einer spezifischen technologischen Rationalität des Kalten Krieges, siehe Paul Erickson u.a., How reason almost lost its mind. The strange career of Cold War rationality, Chicago 2013. Schwichtenberg, Flickinger, Lovelace II, Development and use of medical machine record cards in astronaut selection (wie Anm. 42), S. 1351.

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von Randy Lovelace und Donald Flickinger durchgeführt worden, in der die strengen medizinischen Auswahltests des Mercury-Projekts noch einmal mit einer Gruppe Frauen wiederholt wurden. Ziel dieser mit privaten Mitteln der Lovelace Foundation finanzierten Studie war es, zu ermitteln, ob Frauen die Tests bestehen, und sich als genauso fit und widerstandsfähig – oder vielleicht sogar besser geeignet – wie ihre männlichen Kontrahenten erweisen würden? Das Ergebnis war überraschend: Von 19 Teilnehmerinnen, die die insgesamt 87 Tests des Mercury Selection Program durchlaufen hatten, erfüllten 13 Frauen die von der NASA festgelegten Anforderungen. Diese Gruppe sollte später unter dem Namen Mercury-13 bekannt werden.51 In einem zentralen, bereits 1958 durch Präsident Eisenhower festgelegten Kriterium wichen die Probandinnen jedoch von ihren männlichen Kollegen ab: Keine von ihnen hatte eine der militärischen Testpilotenschulen absolviert, da Frauen der Zugang zu diesen Einrichtungen nicht gestattet war. Im rechnergestützten Netzwerk der NASA wären die Mercury 13-Frauen damit aus dem Raster gefallen, da sie auf ihren Mark Sense Cards an einigen entscheidenden Stellen keine Markierungen hätten machen können. Flugerfahrung in Düsenjets fehlte ihnen ebenso wie Kampfeinsätze im Zweiten Weltkrieg oder in Korea. Zu einem endgültigen Stopp dieser Untersuchungsreihe kam es schließlich am 15. März 1962 (also noch vor der Anhörung), als Vizepräsident Lyndon B. Johnson einem Brief seine Unterschrift verweigerte, der von seiner persönlichen Assistentin Liz Carpenter aufgesetzten worden war. Mit diesem Schreiben hätte Johnson den NASA-Direktor James E. Webb dazu veranlasst, eine Prüfung möglicher Geschlechterdiskriminierung in der NASA durchzuführen. Er hätte damit auch den Forderungen der Pilotin Geraldyn „Jerrie“ M. Cobb nachgegeben, die sich als Wortführerin der Mercury-13 immer lautstärker und mit medialer Unterstützung52 für einen Platz der Frauen im bemannten Raumfahrtprogramm einsetzte. Die 1931 in Norman, Oklahoma, geborene Cobb hatte alle Testverfahren mit Bravour durchlaufen und konnte auf eine beeindruckende Fluglaufbahn zurückblicken. In der Hoffnung, 51

52

Zur Geschichte der Mercury-13 vgl. Margaret  A.  Weitekamp, Right stuff, wrong sex. America’s first women in space program, Baltimore 2004; Martha Ackmann, The Mercury 13. The true story of thirteen women and the dream of space flight, New York 2003; Stephanie Nolen, Promised the moon. The untold story of the first women in the space race, New York 2002; Marie Lathers, Space oddities. Women and outer space in popular film and culture, 1960–2000, New York 2010, S. 18–48; Kathy L. Ryan, Jack A. Loeppky, Donald E. Kilgore, Jr., „A forgotten moment in physiology. The Lovelace woman in Space Program (1962–1962)“, in: Advances in Physiology Education 33,3 (2009), S. 157–164. „A lady proves she’s fit for space flight“, in: Life 49,9 (1960), S. 72–76; Clare Boothe Luce, „A blue-eyed blonde in orbit“, in: Life 54,26 (1963), S. 28–33.

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ihrem Wunsch, selbst Astronautin werden zu können, einen Riegel vorzuschieben, hatte Webb die hartnäckige Pilotin bereits im Mai 1961 zu einer (nie konsultierten) Beraterin für das Raumfahrtprogramm ernannt. Cobb ließ sich von diesem durchschaubaren Bestechungsversuch jedoch nicht um den Finger wickeln und gab mit ihren Forderungen nicht nach.53 Das von Liz Carpenter am 15. März 1962 in Johnsons Namen vorbereitete Schreiben war deshalb an Webb adressiert und bat diesen zu klären, ob die NASA bei ihren bisherigen Auswahlverfahren für das MercuryAstronautenkorps Kandidaten wegen ihres Geschlechts disqualifiziert habe. Johnsons Zustimmung vorwegnehmend, schreibt Carpenter dort: I’m sure you agree that sex should not be a reason for disqualifying a candidate for orbital flight. Could you advise me whether NASA has disqualified anyone because of being a woman? […] I know we both are grateful for the desire to serve on the part of these women, and look forward to the time when they can.54

Aber dieser Brief sollte nie abgesendet werden. Und es wurde auch keine Untersuchung eingeleitet. Denn anstelle zu unterschreiben, vermerkte der US-Vizepräsident das Dokument mit einer hastigen handschriftlichen Notiz: „Let’s stop this now!“55 Ein Ausrufezeichen am Ende dieser quer über die gesamte Seite gekritzelten Anweisung unterstreicht die Entschlossenheit dieser Aussage und der darunter vermerkte Kommentar „File“ weist die voreilige Assistentin an, den Brief unabgesendet zu den Akten zu legen. Kein weiterer Handlungsbedarf – vorerst. Unwissentlich hatte Liz Carpenter mit ihrem Entwurf jedoch das einzige offizielle Dokument produziert, das anzeigt, wie ablehnend die höchsten Regierungsverantwortlichen der US-Behörden in den 1960er Jahren der Integration von Frauen in das Raumfahrtprogramm gegenüberstanden und mit welchen materiellen Gesten sie ihren Politiken Nachdruck und Autorität verliehen. Mit der sich anschließenden Anhörung vor dem Kongress sollte diese eigentlich bereits entschiedene Angelegenheit nun noch einmal in einer öffentlichen Inszenierung aufgeklärt, und Johnsons Entschluss im Rahmen eines institutionell abgesicherten Verfahrens mit einer stabilen Begründung 53

54 55

Zur Biographie von Jerrie Cobb siehe dies., Jane Rieker, Woman into space. The Jerrie Cobb story, Englewood Cliffs 1963; Joyce Duncan, „Geraldyn ‚Jerrie‘ Cobb“, in: dies., Ahead of their time. A biographical dictionary of risk-taking women, Westport 2002, S. 97–102. Zur Biographie von James E. Webb, siehe W. Henry Lambright, Powering Apollo. James E. Webb of NASA, Baltimore 1995. Vgl. Weitekamp, Right stuff, wrong sex (wie Anm. 51), S. 136. für ein Faksimile des Briefentwurfs mit Johnsons handschriftlichem Vermerk, siehe ebd.: Abbildungsteil, sowie VP Papers, in: Lyndon Baines Johnson Presidential Library, Box 183.

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versehen werden.56 Es galt die Rechtmäßigkeit bereits geschaffener Tatsachen zu dokumentieren und überzeugende Antworten auf unbequeme Frage zu finden: Waren Frauen trotz der positiven Lovelace-Studie tatsächlich weniger geeignet für den Raumflug als die bereits als Nationalhelden gefeierten männlichen Mercury Seven? Und warum wollte ihnen die NASA keinen Platz in der Raumkapsel zugestehen? Um Jerrie Cobbs Aussage bei der Anhörung ein medienwirksames Gegengewicht entgegenzustellen, mobilisierte die NASA als Zeugen keine Geringeren als die beiden Astronauten John H. Glenn und Scott Carpenter. Beide hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ihre ersten Orbitalflüge hinter sich und sollten mit ihrer Praxiserfahrung zu diesen strittigen Fragen Stellung nehmen. Es stand einiges auf dem Spiel, denn mit Jerrie Cobbs Einspruch gegen den kategorischen Ausschluss von Astronautinnen war auch der Zweifel an der Gültigkeit, Verlässlichkeit und Legitimation des von Medizinern, IBM-Karten und Belastungs-EKGs zusammengehaltenen Netzwerks verbunden. Waren die von der NASA entwickelten Auswahlkriterien und Testverfahren vielleicht doch nicht so „successful and […] beyond criticism“57, wie der demokratische Kongressabgeordnete Joe D. Waggonner während der Anhörung zu Protokoll gegeben hatte? Um diesem Angriff zu entgegnen, mobilisierte Glenn für seine Aussage das gesamte Repertoire des astronautischen Männer- und Maschinenbunds und übersetzte die vielfältigen Assoziationen aus Menschen, Dingen und Institutionen in eine Strategie der sozialen Schließung. Genau wie Eisenhower und die Raumfahrtmediziner der Air Force war auch Glenn davon überzeugt, dass nur Testpiloten für die Integration in die Mensch-Maschine-Systeme der Raumkapsel geeignet wären. Um sein Argument zu stützen, informierte er die Anwesenden zunächst über die Funktion des Astronauten innerhalb der Raumkapsel: „[T]he astronaut is an integral part of this system, not just a passenger who goes along for the ride, as a biological specimen. He is an integral working part of it.“58 Und diese komplexen Steuerungsaufgaben, so Glenn weiter, könnten nur Testpiloten mit entsprechender Ausbildung erfüllen. Auf die Frage eines Kongressabgeordneten, ob er es denn für möglich halten würde, dass auch Frauen in Zukunft diese Laufbahn einschlagen könnten, antwortete er bei der Anhörung mit einem deutlichen ‚Nein‘: 56 57 58

Zu Herstellungs- und Begründungspraktiken im juristisch-politischen Bereich, siehe Bruno Latour, Die Rechtsfabrik. Eine Ethnographie des Conseil d’État, Konstanz 2016 (Orig.: La fabrique du droit. Une ethnographie du Conseil d’État, Paris 2002). U.S. Congress, Committee on Science and Astronautics (Hg.), Qualifications for astronauts. Hearings before the Special Subcommitte on the Selection of Astronauts of the Committee on Science and Astronautics (17.–18. Juli 1962), Washington 1962, S. 68. Ebd., S. 48.

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Patrick Kilian I think this gets back to the way our social order is organized, really. It is just a fact. The men go off and fight the wars and fly the airplanes and come back and help design and build and test them. The fact that women are not in this field is a fact of our social order. It may be undesirable.59

Glenns Einschätzung, nach der Frauen den technischen Anforderungen der Mensch-Maschine-Systeme des bemannten Raumfahrtprogramms nicht gewachsen sein könnten, und damit auch soziale Konventionen verletzen würden, erhielt ausgerechnet durch die Mediziner der Lovelace Clinic eine wissenschaftliche Bestätigung. Unter dem Titel „Prospective women astronaut selection program“ veröffentlichten die beiden Ärzte Johnnie Betson und Robert Secrest 1964 im American Journal of Obstetrics and Gynecology den einzigen öffentlich publizierten Aufsatz zu der aufsehenerregenden Mercury13-Versuchsreihe. Entgegen der bis dahin zirkulierenden Ergebnisse stellte dieser Bericht plötzlich in Frage, ob der weibliche Körper tatsächlich verlässlich mit der technologischen Umgebung der Raumkapsel interagieren könnte. Die beiden Autoren nahmen dabei Bezug auf von ihnen bemerkten Temperamentschwankungen, die durch den monatlichen Zyklus der Frau verursacht würden und zu Unaufmerksamkeit, Fehleranfälligkeit oder Einschränkungen des peripheren Sehvermögens führen könnten. Aus diesen Unregelmäßigkeiten folgerten Betson und Secrest, dass es zu Komplikationen bei der Synchronisierung des biologischen Rhythmus mit der technologischen Taktung des Steuerungssystems kommen könnte: „[T]he intricacies of matching a temperamental psychophysiologic human and the complicated machine are many and, obviously, both need to be ready at the same time“; aus diesem Grund sei es zweifelhaft, dass Frauen in naher Zukunft in das Raumfahrtprogramm integrierbar seien – „it seems doubtful that women will be in demand for space roles in the very near future.“60 Aus Glenns gesellschaftspolitischem ‚fact of our social order‘ war damit plötzlich eine physiologisch begründete, wissenschaftliche Tatsache geworden.61 59 60

61

Ebd., S. 67. Johnnie R. Betson, Robert R. Secrest, „Prospective women astronauts selection program“,  in: American Journal of Obstetrics and Gynecology 88 (1964), S. 421–423. Einige der Testergebnisse von Jerrie Cobb während der Lovelace Untersuchungen sind außerdem als Anhang dem publizierten Protokoll vor dem U.S. Kongress verzeichnet, vgl. U.S. Congress, Committee on Science and Astronautics, Qualifications for astronauts (wie Anm.  57), S. 77–83. Zur Entstehung und Konstruktion wissenschaftlicher Tatsachen siehe grundlegend Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv, Frankfurt a. M. 1980. Siehe außerdem Trevor J. Pinch, Wiebe E. Bijker, „The social construction of facts and artefacts. Or how

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Dieser ‚fact‘ war jedoch nie nur ein wissenschaftlich argumentierter Sachverhalt, sondern immer auch Teil sozialer Reinigungspraktiken: Johnsons „Let’s stop this now!“, Glenns „It may be undesirable“ sowie Betson und Secrests „It seems doubtful“ sind in diesem Sinne Elemente einer größeren Strategie. Ihr Kollektiv aus medizinischen ‚Tatsachen‘, verweigerten Unterschriften, Kongressanhörungen und Männerbünden bildete für lange Zeit ein schlagkräftiges Ensemble. Erst 1983 und in Verbindung mit einer allmählichen Neubestimmung der Rolle der Astronaut*innen als Wissenschaftler und Nutzlastspezialisten, verloren diese ‚facts‘ ihre scheinbaren Evidenzen und erlaubten der Astrophysikerin Sally Ride als erster Amerikanerin die Teilnahme am Space Shuttle Program der NASA.62 Dieser Sinneswandel kam reichlich spät: Zwanzig Jahre zuvor, im Sommer 1963, war bereits die Russin Walentina Tereschkowa als erste Frau zu einem dreitägigen Orbitalflug im Rahmen des sowjetischen Raumfahrtprogramms aufgebrochen; ein Ereignis, das die New York Times damals (vielleicht nicht ganz zu Unrecht) als einen PropagandaSchachzug des Kalten Krieges disqualifizierte und mit der Überschrift „First in space – but not femininity“63 zu dekonstruieren versuchte. Wie lange sich in den USA die Vorurteile gegen Astronautinnen hielten, belegen die vulgären Witze über Christa McAuliffe im Kontext der ChallengerKatastrophe 1986. Indem ihr mangelndes technisches know-how und unzureichende Qualifizierung vorgeworfen wurden, reproduzierte die USMedienöffentlichkeit Glenns Vorstellung, dass es der sozialen Ordnung widerspreche, Frauen zu Testpiloten und Astronauten zu machen. Aber waren die Astronauten tatsächlich so ein „integral part of this system”, wie Glenn bei der Anhörung behauptet hatte? Waren sie überhaupt noch so etwas wie Piloten? IV.

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Eine Konsequenz der Entscheidung, die Mercury-Crew aus den Reihen der militärischen Testpiloten zusammenzustellen, bestand darin, die individuelle Flugerfahrung der Kandidaten zu einer zentralen Kategorie des Auswahlverfahrens zu machen. Auf insgesamt sechs Mark Sense-Karten wurde ein ganzer Katalog an relevant erscheinenden Daten abgefragt und dokumentiert, darunter

62 63

sociology of science and the sociology of technology might benefit each other“, in: Social Studies of Science 14,3 (1984), S. 399–441. Zur Geschlechterpolitik des Kalten Krieges vgl. Elaine Tyler May, Homeward bound. American families in the Cold War, New York 1988. Lynn Sherr, Sally Ride. America’s first woman in space, New York 2014. Audrey R. Topping, „First in space – but not femininity“, in: New York Times (30. Juni 1963), S. 42–46.

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unter anderem die Gesamtanzahl der Flugstunden, die durchschnittlich erzielte Flughöhe, die bisher geflogenen Maschinentypen, militärische Flugerfahrung und Luftkampfeinsätze, bisherige Flugunfälle sowie Erfahrungen im Umgang mit dem Schleudersitz und explosiver Dekompression.64 Dieser detaillierte Fragekatalog war voll und ganz auf Testpiloten zugeschnitten und darauf aus, diese nach ihrem fliegerischen Können zu bewerten und zu klassifizieren. Aber würden die künftigen Astronauten die Raumkapsel überhaupt ‚fliegen‘? Würden sie in einem emphatischen Sinne wirklich ‚in Aktion‘ treten? Unter den Raumfahrtmedizinern wurde diese Grundsatzfrage ausführlich diskutiert. So prognostizierte der Chefpsychologe der Air Force School of Aviation Medicine, Bryce O. Hartman, bei einer Konferenz im Mai 1960, dass die Raumfahrt einen historischen Wendepunkt für das Tätigkeitsprofil des Piloten bewirken würde: Bereits zum gegenwärtigen Entwicklungsstand sei dieser kein wirklicher Pilot und Flugzeugführer mehr, sondern habe sich in eine Art Anlagenbediener verwandelt, vergleichbar mit den militärischen Radar- und Verteidigungstechnikern am Boden: „[P]ilots are no longer flyers, but are operators of complex systems […]. As this trend continues, the role of the man in the air is becoming more like the task performed by groundbased operators in advanced weapons systems.“65 Das fliegerische Können der Testpiloten wäre damit auf einen Schlag zu einem veralteten und nicht mehr gebrauchten Relikt aus den längst vergangenen Zeiten der heroischen Pionierjahre der Luftfahrt geworden. Nebenbei bemerkt würde dies jedoch auch Glenns Strategie während der Anhörung des Special Subcommitte on the Selection of Astronauts empfindlich ins Wanken bringen. Hartman stand mit seiner Einschätzung über die Zukunft des Piloten nicht allein, sondern konnte sich der breiten Zustimmung einer ganzen Allianz von Raketeningenieuren und Systemtechnikern gewiss sein, in deren Denken der Mensch als aktiver Bestandteil der Steuerungsprozesse kaum noch eine Rolle spielte. So erinnerte sich der bereits erwähnte Leiter der Space Task Group, Robert Gilruth, rückblickend, dass die Astronauten von einigen Kritikern hinter vorgehaltener Hand geringschätzig als „the man in the can“ oder „medical specimen“, nicht jedoch als wirkliche Piloten bezeichnet wurden.66 64 65 66

Lovelace II u.a., Selection and maintenance program for astronauts (wie Anm. 34), S. 669. Bryce O. Hartman, „Time and load factors in astronaut proficiency“, in: Bernard E. Flaherty (Hg.), Psychophysiological aspects of space flight, New York 1961, S. 278–308, hier S. 279. Robert  R.  Gilruth, „Memoir. From Wallops Island to Mercury: 1945–1958“, unveröffentlichtes Vortragsmanuskript, präsentiert auf dem Sixth International History of Astronautics Symposium in Wien, am 13. Oktober 1972, S. 31-32, zitiert in: Roger D. Launius, „First steps into space. Project Mercury and Gemini“, in: John M. Logsdon, Roger D. Launius (Hg.): Exploring the unknown. Selected documents in the history of the U.S. civil space program,

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Es sollte nicht lange dauern, bis auch die Testpiloten selbst mit dieser Vorstellung über die künftige Mensch-Maschine-Beziehung in der Raumkapsel konfrontiert wurden. In seiner Studie Digital Apollo zitiert der Historiker David Mindell beispielsweise eine Ansprache des deutschstämmigen NASAChefingenieurs Wernher von Braun im Rahmen eines Dinnerempfangs der Society of Experimental Test Pilots, der im August 1959 im Miramar Hotel in Santa Monica stattfand. „When you consider the velocities and the forces involved in missile launchings,” so von Braun, „you come to realize that human intervention is not only impossible from the physical standpoint: it is also undesirable.“ Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass diese Worte wie eine Bombe in die kalifornische Sommerabendatmosphäre des von Palmen umringten Miramar Hotels eingeschlagen haben müssen. Die Feierlaune der nur vier Jahre zuvor gegründeten Gesellschaft hatten sie mit Sicherheit ordentlich verdorben. Immerhin stand und fiel mit der Entscheidung, ob es im Steuerungssystem der Rakete Spielraum für ‚menschliche Interventionen‘ geben würde, das gesamte Selbstverständnis ihres Berufstands. Doch von Braun war damit noch nicht am Ende angelangt: „There is little time for intelligent reaction during the powered phase of flight“, bemerkte er weiter, und kam deshalb zu dem Schluss: We like to think of man as an amazingly versatile computer. But in missile terms, he is outrageously slow and cumbersome. […] In our more advanced existing rocket systems, human operation of controls, or human observation to follow a predetermined flight path during the high acceleration ascent, is simply out of question.67

Aktiv in die Flugsteuerung der Rakete eingreifen, so von Brauns schlechte Nachricht für die Testpiloten, würden die künftigen Astronauten also nicht. Damit war klar: Der Society of Experimental Test Pilots würde eine schwierige Zukunft bevorstehen.

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Volume VII: Human spaceflight. Projects Mercury, Gemini, and Apollo, Washington 2008, S. 1–48, hier S. 8. Zu der sich wandelnden Stellung des Piloten sowie den Verschiebungen der Mensch-Maschine-Beziehung im Cockpit, siehe auch Timothy P. Schultz, The problem with pilots. How physicians, engineers, and airpower enthusiasts redefined flight, Baltimore 2018. Wernher von Braun, „Address to the Society of Experimental Test Pilots“, in: SETP Newsletter (August 1959), S. 3–9, zitiert in: David A. Mindell, Digital Apollo. Human and machine in spaceflight, Cambridge 2008, S. 66f. Zur Biographie Wernher von Brauns siehe Rainer Eisfeld, Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geiste der Barbarei, Reinbek bei Hamburg 1996; Michael J. Neufeld, Wernher von Braun. Visionär des Weltraums, Ingenieur des Krieges, München 2009; Neufeld, Die Rakete und das Reich (wie Anm. 24).

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Eine komplexere, wenn auch nicht unbedingt hoffnungsvollere Einschätzung der Lage kam von Simon Ramo, dem Vater des US-InterkontinentalraketenProgramms und Präsident der Space Technology Laboratories, einer Division der Thompson-Ramo-Wooldridge Inc. Bei einer Podiumsdiskussion, die am 5. Mai 1958 an der UCLA stattfand, äußerte auch er sich unter militärischen Gesichtspunkten zu dem Verhältnis von Mensch und Maschine im Netzwerk des Raumfahrtprogramms: The systems designer – that collection of military, scientific, and production experts who must translate the military requirements into a workable new manmachine complex – must break down the task into its necessary elements and understand the capacities, speeds, locations, and characteristics of each vital function of the entire system. They place a bomb here and a communications channel there, call for an electronic computer elsewhere and human brains somewhere else […]. Realistically, when we divide up what has to be done – observe, compute, decide, move – we find that sometimes a synthetic machine can do the job better and sometimes the human machine is better.68

Es ist bemerkenswert (und vielleicht auch ein wenig verräterisch), dass Ramo bei der Beschreibung der komplexen Aushandlungsprozesse zur Verteilung der Handlungspotentiale zwischen Astronaut und Maschine und den vielfältigen ‚Übersetzungen‘ militärischer Anforderungen und Interessen in technische Systeme ein wenig wie ein Wegbereiter der Akteur-Netzwerk-Theorie klingt. Menschliche und nicht-menschliche Akteure waren im Denken der Raketenwissenschaftler jedenfalls bereits eng ineinander verwoben und Bestandteile eines umfassenden systemischen Kalküls. Bei ihnen wären Latour und co. wohl auf weniger Unverständnis gestoßen als bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern, denen die Vorstellung nicht-menschlicher Akteure ebenso widerstrebte wie den Testpiloten der Air Force. Unter den künftigen Astronauten formierte sich jedenfalls bald Widerstand gegen diese Positionen. Um gegen die Automatisierungseuphorie der Ingenieure zu intervenieren, hielt Donald  K. „Deke“ Slayton eine engagierte Begrüßungsansprache bei der Jahresversammlung der Society of Experimental Test Pilots, die im Oktober 1959 in Los Angeles stattfand. Den anwesenden Zuhörern muss von Brauns wenige Monate zuvor gemachter Paukenschlag 68

Simon Ramo, „The influence of military needs on the future of space technology“, in: Howard S. Seifert (Hg.), Space technology, New York 1959, S. 3–10, hier S. 8. Zur ThompsonRamo-Wooldridge Inc. und deren Beteiligung am amerikanischen Raumfahrtprogramm siehe Davis Dyer, TRW. Pioneering technology and innovation since 1900, Boston 1998; Stephen B. Johnson, The secret of Apollo. Systems management in American and European space programs, Baltimore 2002.

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noch immer als Nachhall in den Ohren gedröhnt haben. Slayton selbst war Testpilot an der Edwards Air Force Base und seit kurzem Mitglied im elitären Klub der Mercury Seven. Seine kämpferische Rede, die später auch im Society of Experimental Test Pilots Quarterly Review veröffentlicht wurde, widmete er der Rolle des Astronauten im Mercury-Projekt. Es war ein deutlicher Widerspruch gegen all jene, die das baldige Aussterben der Piloten in der Raumkapsel beschworen, und vielleicht auch heimlich herbeisehnten: „Ich kann es nicht ausstehen, wenn jemand behauptet, dass die Piloten von heute keinen Platz im Zeitalter der Raumfahrt haben, und daß Nichtpiloten den Raumfahrteinsatz erfolgreich durchführen können“, schäumte Slayton, denn „[w]enn das wahr wäre, könnte der Flugzeugführer von heute sich in wenigen Jahren zu den Dinosauriern zählen.“69 Im Subtext dieses Plädoyers schwingt die Befürchtung mit, dass die NASA bald auch auf andere Kandidaten für das Astronautenkorps zurückgreifen könnte und die Testpiloten Konkurrenz erhalten würden. Die zur Debatte stehende Neuverteilung der Handlungsmacht im Cockpit zwischen elektronischer Steuerung einerseits und dem „fliegerischen Gefühl“70 des Menschen andererseits hatte eine längere Vorgeschichte. Bereits in der Zwischenkriegszeit begannen neue technologische Innovationen im Bereich der elektronischen Flugsteuerungsassistenz, wie beispielsweise das Instrument Landing System oder der Ground Controlled Approach, das „fliegerische Gefühl“ des Piloten durch die kühlen Kalkulationen des Instrumenten- und Blindflugs zu verdrängen. Entwickelt worden war die Technologie des „blind flying“ im Umfeld der School of Aviation Medicine durch William C. Ocker, der 1930 erstmals zu diesem Thema publiziert hatte.71 Grundlegend für die „Theorie des Instrumentenfluges oder Blindfluges“, war die Annahme, „daß eine direkte Sichtverbindung zwischen dem Piloten und der Erde nicht besteht.“72 Bildeten 69

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Donald K. Slayton, „Operational plan and pilot aspects of Project Mercury“, in: Society of Experimental Test Pilots Quarterly Review 4,2 (1960), S. 63–69, zitiert in: Wolfe, Die Helden der Nation (wie Anm. 5), S. 202. Für eine Autobiographie Donald K. „Deke“ Slaytons siehe ders., Michael Cassutt, Deke! U.S. manned space. From Mercury to the shuttle, New York 1994. Vgl. hierzu „Das fliegerische Gefühl“, in: Siegfried Gerathewohl, Die Psychologie des Menschen im Flugzeug, München 1954, S. 131–140, hier S. 132. William  C.  Ocker, „Flying blind“, in: Journal of Aviation Medicine 1,3 (1930), S.  132–150, siehe außerdem ders., Carl J. Crane, Blind flight in theory and in practice, San Antonio 1932. Vgl. hierzu weiterführend: Erik  M.  Conway, „The politics of blind landing“, in: Technology and Culture 42,1 (2001), S.  81–106; ders., Blind landings. Low-visibility operations in American aviation, 1918–1958, Baltimore 2006, sowie Tobias Nanz, „Blindflug. Instrumente und Psychotechniken des Piloten“, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 14,3 (2003), S. 29–49. Gerathewohl, Die Psychologie des Menschen im Flugzeug (wie Anm. 70), S. 141.

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bis dahin das Sehen und die visuelle Orientierung durch das Cockpitfenster die wichtigsten Referenzen für den Piloten, so wurden die Sinneswahrnehmungen mit der Einführung des Blindflugs zunehmend durch elektronische Geräte und technische Armaturen abgelöst. Mit dieser Verschiebung verband sich auch ein aufkommendes Misstrauen in die Lageeinschätzungen des Piloten, wie der Luftfahrtmediziner John  R.  Poppen am 29. August  1936 im Rahmen der 8. Jahresversammlung der Aero Medical Association bemerkte: „I will go so far as to state […] that whenever an airplane undergoes evolutions of a rotary nature […] the information we gain from the stimulation is not only unreliable but actually erroneous […]. The keynote of instrument flying is that we must not only disregard our natural feelings; we must deny them“.73 ‚Blind‘ zu fliegen bedeutete für die Piloten auch, der Bordelektronik ‚blind‘ vertrauen zu müssen und zusammen mit einem Teil der Handlungskompetenz auch einen Teil der Verantwortung an die Instrumente abzugeben. Im Kontext der während des Zweiten Weltkrieges aufkommenden Kybernetik verschärfte sich dieser Übergang noch einmal grundlegend. So wurde die Frage nach der Ontologie der neu entstehenden Mensch-Maschine-Systeme vor dem Hintergrund dieser Theorie, von in sich geschlossenen und selbstregulativen Rückkopplungs- und Steuerungskreisläufen, abermals und in radikalisierter Form aufgeworfen. Nachdem der am MIT lehrende Mathematiker Norbert Wiener im Rahmen der Entwicklung automatischer Flugabwehrgeschütze damit begann, Pilot und Maschine als ein gemeinsames und in seinem Verhalten berechenbares System zu denken, war es „nur ein kleiner Schritt […] bis hin zum Verschwimmen der Grenze zwischen Mensch und Maschine im allgemeinen.“74 Auch die Luft- und Raumfahrtmediziner waren von der Vorstellung kybernetischer Mensch-Maschine-Systeme fasziniert. Noch 1949, als das Department of Space 73

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John  R.  Poppen, „Equilibratory functions in instrument flying“, in: Journal of Aviation Medicine 7,4 (1936), S.  148–160, zitiert in: Eloise Engle, Arnold  S.  Lott, Man in flight. Biomedical achievements in aerospace, Annapolis 1979, S.  55. Zur Geschichte der Aero Medical Association, siehe Robert  J.  Benford, Doctors in the sky.The story of the Aero Medical Association, Springfield 1955. Peter Galison, „Die Ontologie des Feindes. Norbert Wiener und die Vision der Kybernetik“, in: Michael Hagner (Hg.), Ansichten der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt a. M. 2001, S. 433–485, hier S. 437. Zur Geschichte der Kybernetik siehe außerdem Ronald R. Kline, The cybernetic moment. Or why we call our age the information age, Baltimore 2015; Michael Hagner, Erich Hörl (Hg.), Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Frankfurt a. M. 2008; Lars Bluma, Norbert Wiener und die Entstehung der Kybernetik im Zweiten Weltkrieg, München 2005. Zu den Verflechtungen zwischen Mensch und Technologie, siehe weiterführend Bruce Mazlish, Faustkeil und Elektronenrechner. Die Annäherung von Mensch und Maschine, Frankfurt a. M. 1998 (Orig.: The fourth discontinuity. The co-evolution of humans and machines, New Haven 1993).

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Medicine gegründet wurde, veröffentlichte der Mediziner Paul  A.  Campbell unter dem Titel „Cybernetics and aviation medicine“ einen Artikel, der für eine Überbrückung der menschlichen Steuerungstätigkeit durch elektronische Systeme argumentierte.75 Folgt man David Mindell, dann bedeutete diese Neuausrichtung der Verhältnisse im Cockpit auch eine Positionsverschiebung zwischen Mensch, Maschine und Natur: A variety of ‚instruments‘ began to populate the cockpit. Precision altimeters replaced crude air-pressure gauges, gyroscopic directional indicators complemented inaccurate magnetic compasses, and instruments dubbed ‚artificial horizons‘ replicated the reference points of the natural world inside the cockpit. […] As historian Erik Convay notes, pilots had to trust instruments more than themselves, making the transition from ‚natural‘ pilots who flew by sense, to ‚mechanical‘ ones who flew by rules and indicators.76

Durch die Integration eines künstlichen Horizonts, der die ‚natürliche Welt‘ im Cockpit ersetzte, wurde nicht nur die Trennung zwischen dem technologischen ‚Innen‘ und dem ‚Außen‘ des Luftraums brüchig. Auch die Piloten waren von dieser Verschiebung betroffen. In dem Moment, in dem sich im Cockpit „Menschen und nicht-menschliche Wesen zu versammeln“77 begannen und eine immer größer werdende Anzahl von Instrumenten das Innere der Maschine ‚bevölkerte‘, wurden die Karten neu gemischt und die Handlungspotentiale neu verteilt. V.

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Welche Rolle den todesmutigen Testpiloten in ihrer neuen Position als Astronauten des Mercury-Programms zukommen würde, war zunächst alles andere als entschieden. Würden sie als Piloten oder lediglich als Passagiere in die Raumkapsel steigen? Würden sie aktiv auf die Steuerung Einfluss nehmen, oder waren sie doch nur ‚menschliche Versuchskaninchen‘ und ihr Flug ins All eine bloße Wiederholung (x+1) des zuvor durchgeführten PrimatenProgramms?78 1970 bemerkte der Technikphilosoph Günther Anders mit Blick 75 76 77 78

Paul A. Campbell, „Cybernetics and aviation medicine“, in: Journal of Aviation Medicine 20,6 (1949), S. 439–442. Mindell, Digital Apollo (wie Anm.  67), S.  24; siehe auch Conway, Blind landings (wie Anm. 71). Latour, Von der Realpolitik zur Dingpolitik (wie Anm. 10), S. 33. Zum Primaten-Programm der NASA siehe Colin Burgess, Chris Dubbs, Animals in space. From research rockets to the Space Shuttle, New York 2007, sowie Jordan Bimm, „Primates

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auf das Apollo-Programm und mit entschieden kritischer, an Ernst Kapp und Marshall McLuhan angelehnter, Stoßrichtung, dass der Mensch im Raumschiff zum „einmontierten Monteur“, zu einem bloßen Anhängsel der Technologie herabgesetzt worden sei: „Während bis vor kurzem das Instrument als die ‚Verlängerung‘ des Menschen gegolten hatte […] ist nunmehr der Mensch zum Stück bzw. zur Verlängerung des Instruments geworden.“79 In dieser pessimistischen Diagnose, die Anders auch als Beleg der „Antiquiertheit des Menschen“80 in der technischen Welt diente, spiegelte sich die Flugbahn des Raumfahrtprogramms. Der Instrumenten- und Blindflug, mit dem die Sinne des Menschen technisch reproduziert worden waren, hatte sich in der Zwischenzeit in ein vollautomatisiertes Computersystem verwandelt, in dem der Mensch lediglich als ein weiteres ‚Bauteil‘ beziehungsweise als „human component“ erschien.81 Anders hatte seine Kritik am Raumfahrtprogramm in einem Buch mit dem Titel Der Blick vom Mond veröffentlicht, womit er zum Ausdruck bringen wollte, dass „das entscheidende Ereignis der Raumflüge nicht in der Erreichung der fernen Regionen des Weltalls oder des fernen Mondgeländes besteht, sondern darin, daß die Erde zum ersten Mal die Chance hat, sich selbst zu sehen, sich selbst so zu begegnen, wie sich bisher nur der im Spiegel sich reflektierende Mensch hatte begegnen können.“82 Zu Beginn des Mercury-Projekts war eben dieser ‚Blick‘ jedoch überhaupt nicht vorgesehen. Im Folgenden will ich zeigen, dass über die Aufteilung von menschlicher und elektronischer Handlungsmacht innerhalb der Raumkapsel nicht nur in den Festbankettreden der Society of Experimental Test Pilots gestritten wurde. Der Konflikt zwischen Testpiloten wie Slayton und NASA-Ingenieuren wie von Braun, wurde andernorts noch einmal in sehr viel konkreterer Form ausgetragen. So lassen sich die Aushandlungs- und Vermittlungsprozesse dieser Auseinandersetzung bis in die Konstruktionspläne und Designentwürfe des

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lives in early American space science“, in: Quest. The History of Spaceflight Quarterly 20,4 (2013), S. 29–40. Günther Anders, Der Blick vom Mond. Reflexionen über Weltraumflüge, München 1970, S.  12f. Siehe weiterführend Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten, Braunschweig 1877, sowie Marshall McLuhan, Understanding media. The extensions of man, New York 1964. Kapp bezeichnete Technologien und Werkzeuge 1877 als ‚Organprojectionen‘ des Menschen, McLuhan sprach knapp einhundert Jahre später von Medien als ‚extensions of man‘. Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956. Harry George Armstrong: „Foreword“, in: White, Benson, Physics and medicine of the upper atmosphere (wie Anm. 24), S. XIII–XV, hier S. XIII. Anders, Der Blick vom Mond (wie Anm. 79), S. 12.

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Project Mercury hinein verfolgen: Eine entscheidende Rolle spielte hierbei die Frage, ob die Mercury-Raumkapsel ein Sichtfenster haben würde, wie dies im Cockpit von Flugzeugen zu finden war, und den Astronauten einen Blick nach außen gestatten würde. Aus Perspektive der Ingenieure war die Konstruktion eines Sichtfensters nicht nur überflüssig, sondern sogar gefährlich. Sie fürchteten um die Stabilität und Widerstandsfähigkeit der Raumkapsel gegen die enormen physikalischen Kräfte, Druckunterschiede und Hitzebelastungen, die während des Starts und Wiedereintritts wirkten. Die Mercury Seven hingegen mussten auf ein Fenster bestehen, um ihre professionelle Integrität als Piloten zu wahren und zumindest als Beobachter einen Rest Handlungskompetenz auf ihrer Seite zu behalten.83 Um ihren Konstruktionsvorschlag durchsetzen zu können, galt es für die Testpiloten neue Allianzen außerhalb der NASA zu schmieden. Einen Verbündeten und engagierten Fürsprecher fanden sie ausgerechnet unter den Mitarbeitern der McDonnell Aircraft Corporation, die als Hauptauftragsnehmer des Mercury-Programms für die Entwicklung und Konstruktion der Raumkapsel verantwortlich war.84 Im Februar 1959 hatte dort der junge Psychologe Edward  R.  Jones eine Stelle als Experte für human engineering angetreten, um für das Mercury-Programm eine Reihe von Untersuchungen über Mensch-Maschine-Interaktionen, Systemverlässlichkeit und die Ursachen von menschlichem Versagen anzustellen. Jones, der 1954 eine Dissertation in experimenteller Psychologie an der Washington University in St. Louis abgeschlossen hatte, begann sofort nach seiner Ankunft bei McDonnell damit, eine Serie von Experimenten zu entwickeln, in denen er Ausfälle in der Elektronik sowie Störungen in der automatischen Steuerung der Raumkapsel simulierte, um die menschliche Reaktion auf diese Extremsituationen zu 83

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Wolfe, Die Helden der Nation (wie Anm. 1), S. 205f. Zu den Beobachter-Tätigkeiten und visuellen Erfahrungen der Astronauten, siehe außerdem eine Reihe von Beiträgen, die 1963 in der Zeitschrift Human Factors veröffentlicht wurden: Charles  A.  Baker, „Visual capabilities in the operation of manned space systems“, in: Human Factors 5,3 (1963), S. 173; Aaron Hyman, „Utilizing the visual environment in space“, in: Human Factors 5,3 (1963), S. 175–186; Donald L. Zink, „Visual experiences of the astronauts and cosmonauts“, in: Human Factors 5,3 (1963), S.  187–201; Walter  F.  Grether, „Visual search in the space environment“, in: Human Factors 5,3 (1963), S. 203–209. Zur Geschichte der McDonnell Aircraft Corporation, die 1967 mit der Douglas Aircraft Company zu McDonnell Douglas fusionierte, siehe René J. Francillon, McDonnell Douglas Aircraft since 1920, 2 Bde., Annapolis 1988–1990. Zur Zusammenarbeit von McDonnell und der NASA siehe außerdem Roger D. Launius, „First steps into space. Projects Mercury and Gemini“, in: ders., John M. Logsdon (Hg.), Exploring the unknown. Selected documents in the history of the U.S. Civil Space Program, Band 7: Human spaceflight: Projects Mercury, Gemini, and Apollo, Washington 2008, S. 1–48, hier S. 26–28.

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messen.85 Als Jones seine Ergebnisse beim Jahrestreffen der American Rocket Society im November 1959 in Washington präsentierte, bezog er sich zunächst auf die kontrovers geführte Debatte über die künftige Rolle des Astronauten: „Many strong opinions have been expressed both for and against an active role for an astronaut.“86 Entgegen der von den Ingenieuren vertretenen Position zeigte Jones in seinem Vortrag, wie die Flexibilität und Zuverlässigkeit der Steuerungssysteme durch eine aktive Integration des Piloten entschieden verbessert werden konnten, und schlug sich damit auf die Seite der Befürworter eines starken menschlichen Faktors in der Raumkapsel: [T]he astronaut can contribute significantly to mission success by operating systems that malfunction and adding flexibility for unanticipated conditions. The value of man becomes obvious as the design and construction of space vehicles proceeds and the realities of space flight and the equipment that will be available become apparent. A trained man properly integrated into a well-designed machine is an unbeatable combination to assure a successful man-in-space program.87

Um aus dem Mensch-Maschine-System der Mercury-Kapsel auch wirklich eine ‚unschlagbare Kombination‘ zu machen, müssten jedoch die menschlichen Fähigkeiten bei der technischen Gestaltung des Cockpits berücksichtigt werden. Jones war davon überzeugt, dass für die stärkere Einbeziehung der Astronauten in die Steuerungssysteme der Raumkapsel ein visueller Kontakt zur Außenwelt die notwendige Voraussetzung bilden würde: Vision serves as man’s primary source of complex information, and in the space environment it may have even greater value since it can substitute for missing stimuli such as the bodily orientation inputs which lose their effectiveness through weightlessness. The importance of vision becomes even greater as the concept of the passive man in space flight is abandoned, and increasing emphasis is placed on the versatility afforded by the integration of man into the functioning of the machine. Military space vehicles probably will require the astronaut to function even more actively than in research vehicles such as Mercury.88 85 86 87 88

Swenson, Jr., Grimwood, Alexander, This new ocean (wie Anm. 22), S. 197. Für eine kurze Biographie von Edward R. Jones siehe ders., Robert T. Hennessy, Stanley Deutsch (Hg.), Human factors aspects of simulation, Washington 1985, S. 129. Edward  R.  Jones, „Man’s integration into the Mercury capsule“, in: Armed Forces NRC Committee on Bio-Astronautics (Hg.), The training of astronauts. Report of a working group conference, Washington 1961, S. 15–21, hier S. 15. Ebd., S. 21. Edward  R.  Jones, William  H.  Hann, „Vision and the Mercury capsule“, in: Milton  A. Whitcomb (Hg.), Visual problems of the armed forces, Washington 1962, S.  49–65, hier S. 49. Vgl. außerdem ders., „Prediction of man’s vision in and from the Mercury capsule“,

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Damit hatte Jones einen wunden Punkt im Design der Mercury-Kapsel getroffen, denn die Konstruktion eines Sichtfensters war in den Plänen der Ingenieure ebenso wenig vorgesehen wie die Integration der visuellen Fähigkeiten der Astronauten. Für den vollautomatisierten und vom Ground Control Center aus gesteuerten Raumflug waren Kurskorrekturen, spontanes Eingreifen oder manuelle Landemanöver auf Sicht beim Wiedereintritt weder nötig noch ‚erwünscht‘, wie von Braun bemerkt hatte. Mehr noch, während einer im Sommer 1960 vom National Research Council organisierten Konferenz zum „Training of astronauts“, hatte der in Princeton lehrende Psychologe Joseph  M.  Notterman darauf hingewiesen, dass es vielleicht am wichtigsten sei, die Mercury-Piloten auf lange Phasen des Nichtstuns vorzubereiten; es galt „sicherzustellen, daß sie friedlich mit ihren Sensoren daliegen und nicht irgend etwas tun würden, was den Erfolg des Fluges gefährden könnte.“89 Folgerichtig hatte die auf den Namen Freedom 7 getaufte Mercury-Redstone 3-Kapsel, mit der Alan Shepard am 5. Mai 1961 zu seinem 16-minütigen Suborbitalflug aufbrach, dann auch kein zentrales Sichtfenster. Es gab lediglich zwei kleine Bullaugen von je 25 Zentimeter im Durchmesser, die seitlich über Shepards Kopf positioniert waren. Bereits im Design waren damit nicht nur alle Verbindungen zu den Experimental- und Düsenflugzeugen gekappt, sondern auch die passive Position des menschlichen Faktors in die Architektur der Raumkapsel eingeschrieben worden. Dieser drastische Eingriff in die Handlungsmöglichkeiten der Astronauten wurde von den Mercury Seven scharf kritisiert und widersprach auch Jones’ Vorstellung von bemannter Raumfahrt. Um die Integrität eines Cockpits wiederherzustellen und damit auch ihre Identität als Piloten zu sichern, setzten sie sich bei der NASA deshalb mit Nachdruck für die Neukonstruktion der Raumkapsel und die Integration eines zentralen Sichtfensters ein. Am Ende waren sie erfolgreich, und ihr wiederholtes Insistieren sollte schließlich den Ausschlag für eine Design-Änderung der Mercury-Kapsel geben.90 Auch wenn sie für Shepards Pionierflug zu spät gekommen war, so wurde ihre Forderung bereits für den zweiten Suborbitalflug von Virgil I. „Gus“ Grissom mit der Mercury Redstone 4 „Liberty Bell 7“ am 21. Juli des gleichen Jahres in die Tat umgesetzt.

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unveröffentlichter Vortrag, gehalten auf dem 31st Annual Meeting of the Aerospace Medical Association, am 9. Mai 1960 in Miami, sowie ders., Albert H. Urmer, „The visual sub-system concept and spacecraft illumination“, in: Human Factors 5,3 (1963), S. 275–283. Wolfe, Die Helden der Nation (wie Anm.  1), S.  194 (Hervorhebung im Original), sowie Joseph  M.  Notterman, in: Armed Forces NRC Committee on Bio-Astronautics, The training of astronauts (wie Anm. 86), S. 109-111. O. B. Lloyd, Jr., NASA News Release 61-152 „MR-4 Design Changes“, 16. Juli 1961, S. 2.

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Diese Änderung konnte nur aus einem einfachen Grund so schnell realisiert werden: Noch bevor die NASA der McDonnell Aircraft Corporation im Oktober 1959 schließlich den Auftrag zur Entwicklung eines Sichtfensters übermittelte, wurde dort bereits seit einer gewissen Zeit auch ohne offizielle Bewilligung, gewissermaßen auf Eigeninitiative, an dieser Design-Modifikation gearbeitet.91 Offensichtlich war es Jones gelungen, seinen Arbeitgeber von seinen Argumenten für mehr astronautische ‚agency’ zu überzeugen. Für die Herstellung des Fensters hatte McDonnell die Corning Glass Works als Zulieferer beauftragt, um ein speziell für die extremen Beanspruchungen während der Start- und Wiedereintrittsphase geeignetes, ultrahitze- und druckresistentes Glas zu entwickeln. Die äußere Schicht bestand aus einer etwa ein Zentimeter dicken Schicht Vycor-Glas, das Corning bereits in den 1930er Jahren entwickelt hatte. Durch den speziellen Herstellungsprozess konnte diese Glasschicht einer Temperaturbelastung von bis zu 980°C standhalten; danach folgten zwei Lagen aus getöntem Hartglas sowie eine weitere abschließende 50 Millimeter starke Vycor-Glasschicht auf der Innenseite. Das trapezförmige Fenster maß 30 Zentimeter an der Basis, 20 Zentimeter am oberen Ende und hatte eine Höhe von 50 Zentimeter, was ein vertikales Sichtfeld von 33 Grad sowie 30 Grad in der Horizontalen ermöglichte.92

Abb. 10.3 Virgil I. „Gus“ Grissom steigt am Morgen des 21. Juli 1961 in die Mercury Redstone 4 „Liberty Bell“ Raumkapsel. Er wird dabei durch den späteren Astronauten John Glenn unterstützt. Im Zentrum der Abbildung ist das aus Vycor-Glas gefertigte Sichtfenster zu sehen. Die weiße Markierung im linken Bildrand ist eine Reminiszenz auf den Riss der berühmten Liberty Bell Glocke. (Quelle: NASA Images, URL: https://www.nasa. gov/multimedia/imagegallery/image_ feature_617.html) 91 92

Swenson, Jr., Grimwood, Alexander, This new ocean (wie Anm. 22), S. 197. Ebd., S. 367.

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Auch wenn das Sichtfenster zunächst nur einen geringen Einfluss auf die Steuerungspraxis und das Protokoll der Mercury-Flüge hatte, half es, das mediale Bild der Astronauten als hochqualifizierte Piloten zu formen (und damit John Glenns Aussage bei der Kongressanhörung glaubhaft zu machen: „the astronaut is an integral part of this system“). Andererseits trug dieses Design-Element auch dazu bei, meteorologische, astronomische und geographische Beobachtungen zu ermöglichen, wie sie Glenn 1962 nach seiner Erdumrundung in Science veröffentlichte, und hat damit in indirekt dazu beigetragen, die Astronauten von Testpiloten in Wissenschaftler zu transformieren.93 Das Kollektiv, das sich in den Diskussionen über die Integration eines zentralen Sichtfensters in die Mercury-Raumkapsel formiert hatte, war in gewisser Weise genauso vielschichtig wie das Vycor-Glas. So unterschiedlich wie die einzelnen Interessen, so verschieden waren auch die Argumente, die in diesem Aushandlungsprozess ausgetauscht wurden. So hatten die NASA-Ingenieure befürchtet, dass eine zu große Glasfläche den extremen atmosphärischen Druckunterschieden nicht standhalten würde und zum Sicherheitsrisiko für die gesamte Mission werden könnte. Ihre Begründungen waren in erster Linie technischer Natur. Auf der anderen Seite standen die Astronauten, die zum einen um ihr professionelles Selbstverständnis als Testpiloten und die Vorherrschaft im Astronautenkorps kämpften. Zum anderen fürchteten sie in der öffentlichen Wahrnehmung als bloße ‚Versuchskaninchen‘ zu erscheinen. Unterstützung erhielten sie von einem jungen Psychologen und einem Flugzeughersteller. Auch Edward Jones und der McDonnell Aircraft Corporation ging es um die Aushandlung der Beziehung von Mensch und Maschine im Mercury-Programm, die zu einer möglichst schlagkräftigen, wenn nicht gar unschlagbaren, Verbindung zusammengeschweißt werden sollte. Ihre Sorge galt dabei allerdings weniger dem gekränkten Ego der Testpiloten, als vielmehr der Systemverlässlichkeit der Mercury-Kapsel, die durch den menschlichen Faktor als zusätzliche Redundanzressource, als eine Art ‚back-up‘ für den Notfall, gesteigert werden sollte: „The design philosophy of the Mercury vehicle provides a large number of redundant systems to perform functions that are critical for mission reliability, with man having the potential 93

John H. Glenn, John A. O’Keefe, „The Mercury-Atlas-6 space flight“, in: Science 136,2522 (1962), S.  1093–1099. Zu der Mitte der 1960er Jahre aufkommenden Kategorie des „scientist-astronaut“, siehe David  J.  Shayler, Colin Burgess, NASA’s scientist-astronauts, Berlin 2007, sowie Hersch, Inventing the American astronaut (wie Anm.  7), S.  75–102. Zum Beitrag der Weltraumfotografien für die Geographie, siehe J. Brian Bird, A. Morrison, „Space photography and its geographical applications“, in: Geographical Review 54,4 (1964), 463–486.

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of operating the system as the need arises.“94 Anders als bei den Astronauten bestand das Interesse der Entwickler bei McDonnell also nicht in der Rückeroberung des Cockpits durch den Piloten. In ihren Überlegungen war der Mensch eher ein zusätzliches Bauteil, das es so effektiv wie möglich – beispielsweise durch die Integration eines Fensters – in die elektronischen Steuerungskreisläufe zu implementieren galt. Schließlich wurde das Kollektiv noch um eine Glasfabrik aus einer Kleinstadt im Bundesstaat New York ergänzt, die ein ausreichend hitze- und druckresistentes Glas im Angebot hatte. Auch die Corning Glass Works verfolgten eigene Interessen und nutzten ihre Beteiligung im Raumfahrtprogramm für die Zwecke des Unternehmens: Ihnen ging es um die Vermarktung ihrer Produkte. So berichtete ein Repräsentant des Unternehmens bei einem NBC-Fernsehauftritt am 16. Mai 1963 vor einem Millionenpublikum von der innovativen Konstruktionsleistung des MercuryFensters. Zur gleichen Zeit entwarf die Abteilung für Konsumgüter bei Corning außerdem Attrappen der Mercury-Kapseln mit ihren Glasfenstern und Astronauten-Schaufensterpuppen, die dann in Kaufhäusern ausgestellt wurden, um die kaufkräftige amerikanische Mittelschicht, entsprechend dem Motto ‚space sells‘, für Glasprodukte der Marke Corning zu begeistern.95 Am Ende war der innerhalb dieses Kollektivs ausgeübte ‚Druck‘ stärker als die technischen Bedenken über atmosphärische Druckunterschiede im Weltraum und zwang die NASA-Ingenieure nachzugeben. In der Folge mischten sich die Mercury Seven, mit Unterstützung ihres Mentors Robert Gilruth, immer wieder in die Entwicklungs- und Konstruktionsprozesse der NASA ein. Sie teilten die einzelnen Aufgabenbereiche und Entwicklungsfelder sogar untereinander auf, um sich hierbei nicht gegenseitig in die Quere zu kommen: Scott Carpenter spezialisierte sich auf Navigation, Gordon Cooper auf die Redstone-Rakete, John Glenn auf das Cockpit-Design, Gus Grissom auf die Steuerungssysteme, Walter M. Schirra auf die Entwicklung des Raumanzugs, Alan Shepard konzentrierte sich auf das Bergungssystem der Kapsel nach dem Wiedereintritt und Deke Slayton widmete sich der Entwicklung des Redstone-Nachfolgers Atlas.96 Auf diese Weise erkämpften sich die Testpiloten eine soziale Nische im ‚big science‘-Unternehmen der NASA, bildeten eine „distinct subculture within NASA, one with substantial authority over 94 95 96

Jones, Man’s integration into the Mercury capsule (wie Anm. 86), S. 17. Davis Dyer, Daniel Gross, The generations of Corning. The life and times of a global corporation, Oxford 2001, S. 270–271. Vgl. Robert B. Voas, „Project Mercury. Astronaut training“, in: Bernard E. Flaherty (Hg.), Psychophysiological aspects of space flight, New York 1961, S.  96–116, hier S.  102, sowie Hersch, Inventing the American astronaut (wie Anm. 3), S. 31–32.

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day-to-day engineering, training, and flight operations“,97 von der aus sie aktiv auf das Netzwerk und ihre Position darin Einfluss nehmen konnten. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch David Mindell: „[O]n one hand, the astronauts were in control, piloting an autonomous machine far from home; on the other hand, they were part of a network of communication channels, human experts, and control centers.“98 VI.

Ausblick

Für die Ingenieure der NASA blieben Fenster ein kritisches Thema. Als der renommierte Industriedesigner Raymond Loewy 1968 von der NASA engagiert wurde, um sich an der Innenraumgestaltung der Weltraumstation Skylab zu beteiligen, fanden die meisten seiner Vorschläge die Zustimmung der Konstrukteure. Vor allem in einem Punkt gab es jedoch Meinungsverschiedenheiten. Als es am 14. Oktober 1969 in Washington zu einem Treffen zwischen Loewy und den verantwortlichen Konstrukteuren kam, äußerte der SkylabProgram Manager Leland Belew Bedenken über die von Loewy angeregte Integration von Fenstern. Die Argumente ähnelten seinen Vorgängern: Sichtfenster seien zu teuer, schwächten die Außenstruktur der Raumstation, benötigten eine zeitaufwendige Entwicklungsphase und wären für den Erfolg der Mission vollkommen unerheblich. Loewy konterte, es sei vollkommen undenkbar kein Fenster zu haben. Denn die Entspannung und innere Ruhe, die der Blick auf die Erde oder in die Tiefe des Weltraums bei den über Monate hinweg auf engstem Raum eingeschlossenen Astronauten auslösen würde, rechtfertigten die Kosten in jedem Fall. Loewy führte damit ein neues, psychologisches Argument ein, das auf das Wohlbefinden der Besatzung abzielte und war damit erfolgreich. Am 31. Oktober wurde sein Vorschlag vom Programmdirektor des Skylab, William C. Schneider, bewilligt.99 Als Designer war Loewy der „man in the middle“100 im Netzwerk der NASA, der zwischen Ingenieurswesen und Psychologie, Form und Funktion, Konstrukteuren und Nutzern aber auch zwischen Menschen und Dingen vermittelte.

97 98 99 100

Hersch, Inventing the American astronaut (wie Anm. 3), S. 1. Mindell, Digital Apollo (wie Anm. 67), S. 2. W. David Compton, Charles D. Benson, Living and working in space. A history of Skylab, Washington 1983, S. 133–140, insbes. S. 137. Zu Raymond Loewy, siehe Angela Schönberger (Hg.), Raymond Loewy. Pioneer of american industrial design, München 1990. C. Wright Mills, „The Man in the middle: The designer“, in: Industrial design 5,11 (1958), S. 70–75.

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In den vergangenen Jahren wurde in verschiedenen Studien wiederholt auf die psychologische Bedeutung von Fenstern in Raumschiffen hingewiesen, die wie ‚Sinnesorgane‘ eine Verbindung zwischen den Astronauten und dem Äußeren der Kapsel herstellen.101 In einer 1992 mit vierundfünfzig Astronauten und Kosmonauten durchgeführten Umfrage konnte darüber hinaus gezeigt werden, dass es während langer Weltraummissionen zu einer Zunahme sensorischer Aktivitäten wie Sehen und Hören kommt, während komplexere, kognitive Tätigkeiten wie Lesen und Schreiben als Beschäftigungen zunehmend in den Hintergrund treten.102 Einige Astronauten berichteten außerdem, dass sie sich durch den Blick auf die Erde in besonderer Weise mit ihrem Heimatplaneten ‚verbunden‘ fühlten. Die Fenster, die seit dem Mercury-Programm zu einem festen, wenn auch umkämpften, Designelement geworden waren, machten aus den ehemaligen Testpiloten nicht nur astronautische Beobachter, sondern auch Fotografen. John Glenn war der erste, dem die NASA erlaubt hatte, eine Kamera für seinen Flug am 20. Februar 1962 mit an Bord der Friendship 7 zu nehmen. In der Folge entstand ein Archiv aus tausenden Fotografien, wobei die Erde stets das Lieblingsmotiv der Astronauten blieb. Allein während der Mercury- und GeminiMissionen kehrten die Astronauten mit über 2.500 Bildern von der Erde zurück; die Besatzungen des Apollo-Programms machten 11.000 Fotos und im Verlauf des Space-Shuttle-Programms entstanden zwischen 1981 und 2011 insgesamt 287.000 Ansichten des ‚blauen Planeten‘. Nur selten waren diese Fotografien Teil des Missionsprotokolls der NASA. So berichtete eine 2011 publizierte Studie über die psychologischen Effekte des Fotografierens im Weltraum, dass von den fast 200.000 Aufnahmen, die während acht Missionen auf der internationalen Raumstation ISS zwischen 2001 und 2005 gemacht wurden, etwa 85 Prozent aus eigenem Antrieb der Astronauten heraus entstanden.103

101

102 103

Siehe beispielsweise Richard  F.  Haines, „Windows. Their importance and functions in confining environments“, in: Albert  A.  Harrison, Yvonne  A.  Clearwater, Christopher  P. McKay (Hg.), From Antarctica to outer space. Life in isolation and confinement, New York 1991, S. 349–358; Andreas Vogler, Jesper Jørgensen, „Windows to the world, doors to space. The psychology of space architecture“, in: Leonardo 38,5 (2005), 390–399; Nick Kanas, Dietrich Manzey, Space psychology and psychiatry, 2. Aufl., Dordrecht 2008, S. 166. Nick Kanas, A. D. Kelly, „Crewmember communication in space. A survey of astronauts and cosmonauts“, in: Journal of Aviation, Space, and Environmental Medicine 63,8 (1992), S. 721–726. Julie A. Robinson u.a., „Patterns in crew-initiated photography of earth from the ISS – Is earth observation a salutogenic experience?“, in: Douglas A. Vakoch (Hg.), Psychology of space exploration. Contemporary research in historical perspecitve, Washington 2011, S. 79–101.

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Vor allem zwei Fotografien, die die NASA-Astronauten während der Apollo 8 und Apollo 17 Missionen von der Erde machten, erlangten eine ikonische Qualität und waren von großer Bedeutung für die Entstehung eines neuen, globalen Umweltbewusstseins während der 1970er Jahre. Die Rede ist von dem 1968 von William „Bill“ Anders aufgenommenen „Earthrise“ (NASA-Photo AS8-142383HR) und dem 1972 von Harrison „Jack“ Schmitt mit einer 70-Milimeter Hasselblad Kamera fotografierten „The Blue Marble“ (NASA-Photo AS17-14822727). Während „Earthrise“ den Kontrast zwischen dem strahlend blauen Erdaufgang und der zerklüfteten, lebensfeindlichen Oberfläche des Mondes zeigt, erscheint die Erde in „The Blue Marble“ als eine blaue Murmel inmitten des schwarzen und lebensfeindlichen Universums. In Der Blick vom Mond schrieb Günther Anders, dass „die aus der Ferne auf ihren Heimatstern zurückblickenden Astronauten den ganzen Globus, bzw. dessen ganze Kugelhälfte, mit einem einzigen Blick auffassen [konnten], aber durch kein noch so scharfes Teleskop instandgesetzt werden könnten, Grenzen zwischen ihrem eigenen Lande und anderen Ländern auszumachen“.104 Bereits im Frühling 1969 erschien „Earthrise“ auf dem Cover der zweiten Auflage des Whole earth catalog, in dem der Herausgeber Stewart Brand Anleitungen für ein nachhaltigeres Leben zusammengestellt hatte.105 Genau zehn Jahre später wählte der Umweltwissenschaftler und ehemalige NASA-Entwickler James E. Lovelock einen Auschnitt von „Blue Marble“ für den Umschlag seines Buches Gaia, a new look on earth, das seine Anfang der 1970er Jahre entwickelte Gaia-Hypothese einem größeren Publikum vorstellte. Lovelocks Theorie, die die Erde als ein in sich geschlossenes und mit einem Organismus vergleichbares Biosystem auffasst, erlebte in der Diskussion um das Anthropozän eine neue Konjunktur und wird aktuell auch von Bruno Latour weitergedacht.106 104

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Anders, Der Blick vom Mond (wie Anm. 79), S. 72. Zu der Bedeutung von „Earthrise“ und „The Blue Marble“ für die Entwicklung eines ‚planetarischen Bewusstseins‘, siehe Robert Poole, Earthrise. How man first saw earth, New Haven 2008; Benjamin Lazier, „Earthrise; or, the globalization of the world picture“, in: American Historical Review 116,3 (2011), S. 602–630; Christopher Potter, The earth gazers. On seeing ourselves, New York 2017, sowie weiterführend zu Raumfahrt und Ökologie: Sabine Höhler, Spaceship earth in the environmental age, 1960–1990, London 2015. Zur Geschichte des Whole earth catalog, siehe Diedrich Diederichsen, Anselm Franke (Hg.), The whole earth. California and the disappearance of the outside, Berlin 2013, sowie Fred Turner, From counterculture to cyberculture. Stewart Brand, the whole earth network, and the rise of digital utopianism, Chicago 2006, S. 69–102. James  E.  Lovelock, Gaia, a new look at life on earth, Oxford 1979. Siehe weiterführend: ders., „Gaia as seen through the atmosphere“, in: Atmospheric Environment 6,8 (1972), S. 579–580; ders., Lynn Margulis, „Atmospheric homeostasis by and for the biosphere: the Gaia hypothesis“, in: Tellus 26,1–2 (1974), S. 2–10; ders., Sidney Epton, „The quest for Gaia“,

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Heute gelten beide Aufnahmen, auf denen die Erde als ein ebenso faszinierender wie verletzlicher Planet erscheint, als Wegbereiter der Umweltund Ökologiebewegung. 1987 veröffentlichte der Autor Frank White unter dem Titel The overview effect eine vielbeachtete Studie, in der er auf Grundlage einer Reihe von Erfahrungsberichten von Astronauten und Kosmonauten zu dem Ergebnis kam, dass der extraterrestische Blick auf die Erde im Menschen einen neuen Bewusstseinszustand auslösen würde. Whites von RaumfahrtEnthusiasten, Zen-Philosophen und der New-Age-Bewegung gleichermaßen gefeierte Deutung, interpretiert diese Erfahrung als ein spirituelles Erlebnis, während dem sich ein neuartiges Gefühl von Verantwortung für den Planeten sowie eine tiefe Verbundenheit mit der gesamten Menschheit einstellen würde.107 Glaubt man allerdings Tom Wolfes Beschreibung des ersten amerikanischen Orbitalflugs während dem John Glenn die Erde am 20. Februar 1962 dreimal umkreiste, entstehen Zweifel, ob diese Erfahrung tatsächlich so unmittelbar und ‚natürlich‘ ist, wie von White beschrieben. Zeichnet man die Wege und Umwege nach, die die militärischen Testpiloten durch die Netzwerke der militärischen Raumfahrtmedizin und die Auswahlverfahren der NASA genommen haben, und lässt man sich auf die vielfältigen Assoziationen ein, die zwischen Astronauten, Medizinern, Lochkarten, Sichtfenstern und Ingenieuren geknüpften wurden, dann ergibt sich ein anderes Bild: Durch sein Fenster konnte Glenn sehen, was Grissom gesehen hatte, das leuchtend blaue Band des Horizonts, ein etwas breiteres Band in dunklerem Blau, das in das absolute Schwarz des Himmelsgewölbe überging. […] Die Erde hatte einen Durchmesser von 12 800 Kilometern, und er befand sich gut 160 Kilometer über ihr. Im übrigen wußte er schon, wie sie aussehen würde. Auf Photos, die von Satelliten gemacht worden waren, hatte er alles schon gesehen. Man hatte sie ihm auf die Bildschirme übertragen. Sogar die Aussicht hatte man für

107

in: New Scientist 65,935 (1975), S. 304–306; Bruno Latour, Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das Neue Klimaregime, Berlin 2017 (Orig.: Face à Gaïa. Huit conférences sur le nouveau régime climatique, Paris 2015). Kürzlich hat Latour vorgeschlagen an Stelle von „Gaia“ den Begriff des „Terrestrischen“ zu verwenden, siehe Bruno Latour, Das terrestrische Manifest, Berlin 2018, S. 51 (Orig.: Où atterrir? Comment s’orienter en politique, Paris 2017). Frank White, Der Overview-Effekt. Wie die Erfahung des Weltraums das menschliche Wahrnehmen, Denken und Handeln verändert, München 1993 (Orig.: The overview effect. Space exploration and human evolution, Boston 1987). Für Kritiken an Whites These, siehe Thore Bjørnvig, „Outer space religion and the overview effect. A critical inquiry into a classic of the pro-space movement“, in: Astropolitics 11,1–2 (2013), S. 4–24, sowie Jordan Bimm, „Rethinking the overview effect“, in: Quest. The History of Spaceflight Quarterly 21,1 (2014), S. 39–47.

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ihn simuliert. […] Der Hintergrund des Ereignisses, die Bühne, die Kulisse, die eigentliche Erdumkreisung … das war nicht die Unendlichkeit des Universums. Es waren die Simulatoren.108

Abb. 10.4 Die Erde vom Weltraum aus gesehen. Die Fotografie „Blue Marble“ entstand am 7. Dezember 1972 während des Fluges der Apollo 17 und wurde mit einer 70-Millimeter-Hasselblad Kamera aufgenommen. Die Fotografie wurde von der NASA zur leichteren Orientierung für den Betrachter um 180 Grad gedreht und zeigt den afrikanischen Kontinent sowie Teile der Antarktis. (Quelle: NASA Image AS17-148-22727)

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Wolfe, Die Helden der Nation (wie Anm. 1), S. 341–343.

Autor*innen Droste, Stefan Geschichtsstudium in Göttingen; Promotion 2020. Forschungsschwerpunkte: frühneuzeitliche Wissensgeschichte, Geschichte von Wissenschaft und Technik, Militärgeschichte; mit der Akteur-Netzwerk-Theorie hat er sich erneut in seiner 2020 verteidigten Dissertation mit dem Titel Offensive Engines. Die prekäre Expertise militärtechnischer Projektemacher (1650–1800) beschäftigt. E-Mail: [email protected] Füssel, Marian Dr. phil., Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Wissenschaftsgeschichte an der Georg-August-Universität Göttingen; Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Wissenschafts-, Wissens- und Universitätsgeschichte, Geschichte von Militär und Gewalt, Historiographiegeschichte, Theorie der Geschichte. E-Mail: [email protected] Keupp, Jan Dr. phil., Professor für Geschichte des Hoch – und Spätmittelalters und Historische Hilfswissenschaften an der WWU Münster; Forschungsschwerpunkte: Sozialgeschichte geistlicher und weltlicher Eliten, Zeichenwelten und Praktiken sozialer und politischer Ordnung, materielle Kultur des Mittelalters. E-Mail: [email protected] Kilian, Patrick M.A., Doktorand an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich; Forschungsschwerpunkte: Geschichte der Biowissenschaften der Raumfahrt, Geschichte des Kalten Krieges, Wissenschafts- und Technikforschung, French Theory. E-Mail: [email protected] Kreuder-Sonnen, Katharina Dr. phil., Universitätsassistentin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien; Forschungsschwerpunkte: Global – und Wissensgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Planungs- und Managementgeschichte, Geschichte des Bauens im 20. Jahrhundert, Geschichte der Bakteriologie, transnationale polnische Geschichte. E-Mail: [email protected]

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Autor * innen

Neu, Tim Dr. phil., Assistenzprofessor am Institut für Geschichte der Universität Wien; Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Geld-, Finanz- und Kreditgeschichte, Globalgeschichte, Geschichte des British Empire, Verfassungsgeschichte der Vormoderne, Geschichte der Demokratie, Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft. E-Mail: [email protected] Petersen, Sven Dr. phil., Historiker; Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Globalgeschichte des Österreichischen Erbfolgekrieges, Militärgeschichte des 18. Jahrhunderts, Kulturgeschichte der Gewalt. E-Mail: [email protected] Schillings, Pascal Dr. phil., (inzwischen) Lehrer und Moderator des Kompetenzteams Köln für Geschichte, (ehemalige) Forschungsschwerpunkte: Wissenschaftsgeschichte, europäische Geschichte, Geschichte des europäischen Kolonialismus, Wissenschaftsforschung. E-Mail: [email protected] Vogel, Christian Dr. phil., Referent für Wissensforschung an der Zentralen Kustodie der GeorgAugust-Universität Göttingen; Forschungsschwerpunkte: Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, Geschichte der materiellen Kulturen der Wissenschaften, Geschichte der medizinischen Radiologie, Geschichte des Porträts in den Wissenschaften. E-Mail: [email protected] Weber, Nadir Dr. phil., Ambizione Fellow des Schweizerischen Nationalfonds an der Universität Bern und 2020/21 Gastforscher an der Humboldt-Universität sowie am Wissenschaftskolleg zu Berlin; Forschungsinteressen: Geschichte der Außenbeziehungen, des politischen Denkens und der Mensch-Tier-Beziehungen in der Frühen Neuzeit. E-Mail: [email protected]