Adolf Kardinal Bertram. Kirchenpolitik in Kaiserreich und Weimarer Republik 9783506768711

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Adolf Kardinal Bertram. Kirchenpolitik in Kaiserreich und Weimarer Republik
 9783506768711

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VERÖFFENTLICHUNGEN DER KOMMISSION FÜR ZEITGESCHICHTE

VERÖFFENTLICHUNGEN DER KOMMISSION FÜR ZEITGESCHICHTE IN VERBINDUNG MIT ULRICH VON HEHL · HANS GÜNTER HOCKERTS MICHAEL KISSENER

HERAUSGEGEBEN VON WILHELM DAMBERG REIHE B: FORSCHUNGEN · BAND 117

ADOLF KARDINAL BERTRAM

KIRCHENPOLITIK IN KAISERREICH UND WEIMARER REPUBLIK

FERDINAND SCHÖNINGH PADERBORN · MÜNCHEN · WIEN · ZÜRICH

SASCHA HINKEL

ADOLF KARDINAL BERTRAM Kirchenpolitik in Kaiserreich und Weimarer Republik

2010

FERDINAND SCHÖNINGH PADERBORN · MÜNCHEN · WIEN · ZÜRICH

Dieser Band wurde seitens der Kommission für Zeitgeschichte redaktionell betreut von Rudolf Morsey

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: //dnb.d-nb.de abrufbar.

Umschlaggestaltung: Evelyn Ziegler, München © 2010 Ferdinand Schöningh, Paderborn (Verlag Ferdinand Schöningh GmbH & Co. KG, Jühenplatz 1, D-33098 Paderborn) Internet: www.schoeningh.de Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk sowie einzelne Teile desselben sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages nicht zulässig. Printed in Germany. Herstellung: Ferdinand Schöningh, Paderborn ISBN 978-3-506-76871-1

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7

VERZEICHNIS DER SIGLEN UND ABKÜRZUNGEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

9

EINLEITUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

11

1. Fragestellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Literaturbericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Quellenbericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

11 14 27

I. ADOLF BERTRAM IN SEINER HILDESHEIMER ZEIT (1859-1914) . . . . . . . . . . .

32

1. Der Weg zum Bischof . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Johann Adolf Bertram – Kindheit und Jugend in Hildesheim . . . . b) Studium der Theologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Aufstieg im Hildesheimer Generalvikariat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Bischof von Hildesheim (1906-1914) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Die Hildesheimer Bischofswahl 1906 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Bischof von Hildesheim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Das Herzogtum Braunschweig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . d) Der Gewerkschaftsstreit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

32 32 39 45 54 54 59 64 68

II. FÜRSTBISCHOF VON BRESLAU IM KAISERREICH (1914-1918) . . . . . . . . . . . . .

78

1. 2. 3. 4.

Die Breslauer Fürstbischofswahl 1914 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Fürstbischof von Breslau im Kaiserreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 Erster Weltkrieg und das Verhältnis zur Monarchie . . . . . . . . . . . . . . . 93 Die Wahlrechtsfrage 1917 – Bertram und die Demokratie . . . . . . . . . . 102

III. FÜRST(ERZ)BISCHOF VON BRESLAU IN DER WEIMARER REPUBLIK (1918-1930) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 1. Bertram und der Sturz der Monarchie (1918/19) . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Kirchenpolitische Handlungsmaximen Bertrams in der Weimarer Republik (1919-1930) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Kardinal und Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz . . . . . . b) Lehramtliche Verwerfung christentumsfeindlicher Lehren und Organisationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Das Zentrum als alleiniger Interessenvertreter des politischen Katholizismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . d) Grenzen der Zusammenarbeit Bertrams mit dem Staat . . . . . . . . . 3. Bertram und die Oberschlesienfrage (1914-1925) . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Rahmenbedingungen und Erster Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

105 112 112 115 127 138 142 142

6

Inhaltsverzeichnis

b) Revolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Auswirkungen der Pariser Friedensverhandlungen auf Oberschlesien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . d) Apostolischer Vikar für die Abstimmungsgebiete? . . . . . . . . . . . . . e) Nuntius Ratti als Apostolischer Oberkommissar – Vorwürfe der Parteilichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . f) Der Erlass vom 21. November 1920 und der Sturz Rattis . . . . . . . g) Das Plebiszit vom 20. März 1921 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . h) Anpassung der kirchlichen Verwaltung an die neuen Grenzen. . . . i) Von der Apostolischen Administratur Oberschlesien zum Bistum Kattowitz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . j) Deutsch-Oberschlesien in der Weimarer Republik . . . . . . . . . . . . . 4. Bertrams Einfluss auf die Neuregelung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat (1919-1930) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Reichs-, Bayern- oder Preußenkonkordat? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Das Preußenkonkordat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

148 153 157 165 175 185 190 199 204 208 208 217

IV. DAS ENDE DER WEIMARER REPUBLIK UND DIE ANFÄNGE DER NS-DIKTATUR (1930-1933) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 1. Lehramtliche Verwerfung des Sozialismus, Kommunismus und Bolschewismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Lehramtliche Verwerfung des Nationalsozialismus . . . . . . . . . . . . . . . 3. Annäherung zwischen katholischer Kirche und NS-Staat . . . . . . . . . . a) Bertrams Erklärung vom 28. März 1933 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Fortbestand der Pflicht zum staatsbürgerlichen Gehorsam . . . . . . c) Das Reichskonkordat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Weltanschauliche Auseinandersetzung 1933/34 . . . . . . . . . . . . . . . b) Kirchliche Selbstbehauptung 1934-1945 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

232 240 249 249 265 267 272 272 278

V. DER KIRCHENPOLITISCHE KURS ADOLF KARDINAL BERTRAMS IM WANDEL DER POLITISCHEN SYSTEME (1906-1933) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282 BIOGRAMME . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291 QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304 I. Ungedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304 II. Gedruckte Quellen und Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306 SUMMARY . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336 PERSONEN-, ORTS- UND SACHREGISTER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338

VORWORT Die vorliegende Arbeit wurde im Wintersemester 2007/2008 vom Fachbereich 07 Geschichts- und Kulturwissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz als Dissertation angenommen. Sie wurde für den Druck überarbeitet. Zur Entstehung dieses Buches haben viele Menschen beigetragen, denen ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen möchte. Beginnen möchte ich mit meinem Doktorvater, Prof. Dr. Michael Kißener, in dessen ersten Hauptseminar in Mainz mein wissenschaftliches Interesse an Adolf Kardinal Bertram geweckt wurde. Ich danke ihm für die Unterstützung in allen Phasen meines Dissertationsprojekts und für die kompetente und hilfreiche Beratung bei allen meinen Anliegen. Für die Übernahme des Zweit- bzw. Drittgutachtens danke ich Prof. Dr. Johannes Meier, Mainz, und Prof. Dr. Andreas Rödder, Mainz. Ich danke Prof. Dr. Rudolf Morsey für die kritische Durchsicht des Manuskripts und für die zahlreichen nützlichen Hinweise und Korrekturen. Ebenso danke ich der Kommission für Zeitgeschichte für die Aufnahme der Dissertation in die »Blaue Reihe« ihrer Veröffentlichungen. Dem Senat der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gilt mein Dank für die finanzielle Unterstützung durch das »Kleine Senats-Stipendium« in der Anfangsphase meines Dissertationsprojekts. Nur durch die anschließende Unterstützung durch die Landesgraduiertenförderung Rheinland-Pfalz konnte die Dissertation in dem dafür vorgesehenen Zeitrahmen abgeschlossen werden, wofür ich herzlich danke. Auch dem Deutschen Akademischen Austauschdienst bin ich wegen der Übernahme eines Auslandsstipendiums für die Archivrecherche im Vatikanischen Geheimarchiv zu Dank verpflichtet. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des gemeinsamen Doktoranden-Kolloquiums der zeitgeschichtlichen Abteilungen der Historischen Seminare der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Prof. Dr. Michael Kißener), der JuliusMaximilians-Universität Würzburg (Prof. Dr. Wolfgang Altgeld), und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (Prof. Dr. Joachim Scholtyseck), bin ich für die intensiven Diskussionen und Anregungen zu Dank verpflichtet. Gleiches gilt für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des DoktorandenKolloquiums des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Prof. Dr. Johannes Meier). Ich danke Michael Hirschfeld, Vechta, für den Hinweis auf die Bestände zur Fürstbischofswahl in Breslau im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München und im Haus-, Hof& Staatsarchiv Wien. Für die Korrektur des Manuskripts danke ich Caroline Klausing, M.A. und besonders meiner Frau, StR Christiane Bergmann-Hinkel.

8

Vorwort

Zuletzt, dafür besonders herzlich, möchte ich meinen Eltern danken, die mir den Weg ins Studium und zur Dissertation ermöglicht haben. Münster, im März 2010

Sascha Hinkel

VERZEICHNIS DER SIGLEN UND ABKÜRZUNGEN AAS AAW AfS ANB ANM ANV ASK ASV BAH BAMz BArch BBKL BBL BGBR CSP DHVG DNVP DVP GStA PK GV HHStA HJb HKEB IK JCSW JSFUB

Acta Apostolicae Sedis Archiwum Archidiecezjalne we Wroclawiu Archiv für Sozialgeschichte Archivio Nunziaturae di Berlino Archivio Nunziaturae di Monaco Archivio Nunziaturae di Varsavia Archiv für Schlesische Kirchengeschichte Archivio Segreto di Vaticano Bistumsarchiv Hildesheim Bistumsarchiv Mainz Bundesarchiv Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Braunschweigisches Biographisches Lexikon Beiträge zur Geschichte des Bistums Regensburg Christlich-Soziale Partei Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart Deutschnationale Volkspartei Deutsche Volkspartei Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Generalvikariat Haus-, Hof & Staatsarchiv Wien Historisches Jahrbuch Heimatbrief der Katholiken des Erzbistums Breslau Interalliierte Plebiszitkommission für Oberschlesien Jahrbuch für christliche Sozialwissenschaften Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau KPD Kommunistische Partei Deutschlands KV Kölnische Volkszeitung MdgUMA Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten MdLB Mitglied des Landtags Baden MdLPr Mitglied des Landtags Preußen MdLSH Mitglied des Landtags Schleswig-Holstein MdNR Mitglied des Norddeutschen Reichstags MdÖRR Mitglied des Österreichischen Reichsrats MdParlRat Mitglied des Parlamentarischen Rats MdPrAbgh Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses MdPrHH Mitglied des Preußischen Herrenhauses MdPrS Mitglied des Preußischen Staatsrats

10

MdR MdRR MdVerLPr MdVerNat MP MWKV NHAH OJB OKW OLG OP OR PA AA RGBl RJKG RP RSHA SdZ SMB SPD StAW StBBl SV ThPQ VfZ VKZG A VKZG B WestfZ Z ZfG ZKG

Verzeichnis der Siglen und Abkürzungen

Mitglied des Reichstags Mitglied des Reichsrats Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung Preußen Mitglied der Verfassunggebenden Nationalversammlung Ministerpräsident Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover Oberschlesisches Jahrbuch Oberkommando der Wehrmacht Oberlandesgericht Oberpräsident Osservatore Romano Politisches Archiv des Auswärtigen Amts Reichsgesetzblatt Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte Regierungspräsident Reichssicherheitshauptamt Stimmen der Zeit Staatsministerium Braunschweig Sozialdemokratische Partei Deutschlands Staatsarchiv Wolfenbüttel St. Bernwardsblatt, Hildesheim Schlesische Volkszeitung Theologisch-Praktische Quartalschrift Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe A: Quellen Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen Westfälische Zeitschrift Zentrumspartei Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Zeitschrift für Kirchengeschichte

EINLEITUNG 1. FRAGESTELLUNG Im Jahre 1941 beschrieb der Breslauer Kirchenhistoriker Franz Xaver Seppelt Papst Bonifaz VIII. (1294-1304) in seiner Darstellung des Papsttums im Spätmittelalter und in der Renaissance als »eine herrschgewaltige, ihrer Überlegenheit bewußte Persönlichkeit, die mit rücksichtsloser Schärfe, mit verletzendem Hohn und Spott dem Gegner entgegentritt.« Er sei »in seinem Hochmut und überspannten Machtbewußtsein ... ein Menschenverächter« gewesen. Seine intellektuellen Fähigkeiten seien unbestritten, doch habe er keinen einzigen Freund gehabt1. Auch der historisch interessierte Adolf Kardinal Bertram hatte diesen Abschnitt genau studiert. Seine Reaktion auf diese Lektüre überlieferte Walter Münch, Bertrams Geheimsekretär: »Man tut Bonifaz sicher Unrecht. Vielleicht werden Kirchenhistoriker in hundert Jahren über mich auch so urteilen; dabei habe ich nur das Beste gewollt.«2 In der Tat gehen die Urteile über Bertram weit auseinander. Allerdings ist trotz einer Fülle von Lebensbeschreibungen von unterschiedlicher Qualität eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biographie des umstrittenen Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz noch immer ein Desiderat. Warum sich noch kein Biograph Bertrams fand, kann nur vermutet werden. Möglicherweise schreckte die lange Wirkungsdauer Bertrams, der insgesamt 39 Jahre im bischöflichen Amt tätig war, davon 25 Jahre Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz, von einer Bearbeitung ab. Die schlechte Zugänglichkeit des Nachlasses Bertrams im Bistumsarchiv in Breslau wird entscheidenden Einfluss darauf gehabt haben, denn die Bestände sind noch heute, über 60 Jahre nach dem Tod Bertrams und über 15 Jahre nach dem Fall des »Eisernen Vorhangs«, nur eingeschränkt benutzbar. Darüber hinaus wurden die kirchlichen Quellen im Vatikanischen Geheimarchiv für die Zeit bis 1939 erst im Jahr 2003 frei gegeben. Die Tatsache, dass Bertrams Tod am 6. Juli 1945 mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches und mit der Vertreibung der Deutschen aus Schlesien zusammenfiel, mag ebenfalls dazu beigetragen haben, dass eine Biographie Bertrams nicht verwirklicht wurde. Das Erzbistum Breslau wurde polnisch und seine deutsche Tradition konnte nur bedingt weitergeführt werden. Lediglich in den deutschen Restgebieten des Erzbistums, im Erzbischöflichen Amt Görlitz, der späteren Administratur und dem heutigen Bistum Görlitz, konnte das Andenken an Bertram – unter den Bedingungen der ehemaligen DDR – bewahrt werden. In der Bundesrepublik formierte sich eine Anhängerschaft von heimatvertriebenen 1 2

F.X. SEPPELT, Papsttum, S. 8. W. MÜNCH, Sekretär, S. 281.

12

Einleitung

Schlesiern, zum Großteil ehemalige Breslauer Diözesanpriester, um das geistige Erbe des letzten deutschen Bischofs von Breslau zu bewahren. Dass aus dieser Richtung keine wissenschaftliche Biographie entstand, sondern eine hagiographisch anmutende »Erinnerungsliteratur« wie auch Streit- und Verteidigungsschriften, scheint am Interesse der Schreibenden zu liegen, für die Bertram der Inbegriff der verlorenen und romantisch verklärten Heimat wurde. Ein weiterer Grund für das Fehlen einer Bertram-Biographie liegt darin, dass sich die bisherige Forschung bei der Betrachtung Bertrams sowie anderer deutscher katholischer Bischöfe, deren Amtszeit partiell in die Jahre zwischen 19331945 fiel, lange Zeit auf deren Handeln unter dem nationalsozialistischen Regime konzentriert hat3. Über Bertrams Erklärung vom 28. März 1933, die die bischöflichen Warnungen vor dem Nationalsozialismus zum Teil zurücknahm, sowie über seine Strategie der »Eingabepolitik«, dem Verfassen unzähliger Protestschreiben an die nationalsozialistische Regierung wegen Rechtsverletzungen gegenüber der katholischen Kirche, wurde kontrovers diskutiert und polemisch gestritten. Zuletzt hat allerdings Walter Ziegler zu Recht darauf hingewiesen, dass »die Chance, daß doch die ganze Gestalt [eines Bischofs] in den Blick kommt,« in einer »biographischen Anlage größer ist« als bei einer zeitlichen Einschränkung auf die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland4. Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit wird gerade nicht auf die viel diskutierten Jahre zwischen 1933 und 1945 gelegt, sondern auf Bertrams (kirchen-) politisches Denken und Handeln als Bischof von Hildesheim im Kaiserreich sowie als Fürstbischof von Breslau im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik. Dabei steht der Grenzbereich zwischen Kirche und Welt, zwischen kirchlichtheologischem Binnenleben und Wirkung der Kirche in Politik und Gesellschaft im Zentrum der Untersuchung. Die letzten zwölf Jahre des Breslauer Kardinals im nationalsozialistischen Deutschland nach Abschluss des Reichskonkordates im Sommer 1933 bis zu seinem Tod im Sommer 1945 werden lediglich in einem Ausblick zusammengefasst und reflektieren den derzeitigen Forschungsstand. Diese zeitliche Schwerpunktsetzung liegt nicht nur in der Länge des Wirkungszeitraums Bertrams und der Menge des überlieferten Quellenmaterials begründet. Durch diese Vorgehensweise wird die Fokussierung der bisherigen Bertram-Forschung auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 bewusst durchbrochen und es rückt ein jüngerer Bertram in den Blickpunkt, der unbefangen von späteren Ereignissen betrachtet werden kann. Dieser Ansatz ermöglicht es, Bertrams Verhalten vor 1933 aus dem jeweiligen zeithistorischen Kontext heraus zu analysieren und nicht 3

4

W. SEEGRÜN; B. STASIEWSKI, Stellung Schultes; L. VOLK, Faulhabers Stellung weitet seine Darstellung bewusst auf die Weimarer Republik aus. W. ZIEGLER, Katholische Bischöfe, S. 435. »Größere wissenschaftliche Biographien dagegen fehlen noch weithin, sogar für Bertram oder Faulhaber, so viel über diese auch bereits veröffentlicht ist«. J. KÖHLER, Bertram-Bild, legt die Aufgaben und Schwierigkeiten einer Bertram-Biographie detailliert dar.

1. Fragestellung

13

ex post aus den Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Diktatur. Dadurch können Entscheidungsmöglichkeiten ex ante, aus dem Wissen des bereits von Bertram Erfahrenen, und eben nicht ex post, aus dem heutigen Wissen des damals Zukünftigen, herausgearbeitet werden. Zudem werden durch diese Vorgehensweise die Themen »Katholische Kirche und Wilhelminisches Kaiserreich« und vor allem »Katholische Kirche und Weimarer Republik« als eigenständige Forschungsschwerpunkte gewürdigt und nicht zur reinen Vorgeschichte des Themas »Katholische Kirche und Nationalsozialismus« degradiert. Nichtsdestotrotz leistet die vorliegende Arbeit auch einen Beitrag zum besseren Verständnis von kirchlichem Handeln in den Jahren von 1933 bis 1945, da sie versucht, Bertrams Denken seit seiner Jugend aufzuzeigen und damit Erklärungshilfen für späteres Handeln liefern kann5. Trotz dieses Ansatzes kann die vorliegende Arbeit die Lücke einer fehlenden Bertram-Biographie nicht schließen, da sie sich vielmehr als eine Studie zu seinem (kirchen-)politischen Handeln versteht. Sie zeichnet anhand der individuellen Lebensgeschichte einer Einzelperson exemplarisch den Werdegang eines hohen Funktionsträgers der katholischen Kirche nach und analysiert sowohl die relevanten inner- als auch die außerkirchlichen staatlichen Rahmenbedingungen und Entscheidungsprozesse. Es wird gefragt nach den Möglichkeiten (kirchen-)politischen Handelns eines deutschen Bischofs im Spannungsbereich des Verhältnisses zwischen Kirche, Staat und Gesellschaft im Deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und in der Phase der so genannten »Machtergreifung« Hitlers bis Sommer 1933. Dabei geht es auch um die Frage der Eigenständigkeit eines Repräsentanten der nationalen deutschen katholischen Kirche und um dessen Beziehung zur Zentrale des universalen Katholizismus in Rom. Damit ist die Arbeit eingebettet in die Geschichte der Institution Katholische Kirche im letzten Drittel des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Doch leistet sie nicht nur einen Beitrag zur Kirchen- und Institutions-, sondern auch zur Papstgeschichte, denn Bertram stand in Kontakt zu und in Auseinandersetzung mit den beiden Päpsten Pius XI. und Pius XII., als diese noch als Nuntien in Warschau bzw. in München und Berlin wirkten. Dass sich bei einer (kirchen-)politischen Schwerpunktsetzung unterschiedliche Gewichtungen der Bereiche Kirchenpolitik und Seelsorge ergeben, ist selbstverständlich. Der vorliegenden Arbeit liegt dabei die These zugrunde, dass der oft wiederholte Topos, Bertram sei vor allem ein Seelsorgs- und Volksbischof und »niemals ... ein kirchenpolitischer oder gar politischer Bischof« gewesen, relati5

»Für die Beurteilung des Episkopats ist also die Lage der Kirche und des deutschen Katholizismus in Kaiserreich und Weimarer Zeit grundlegend, davon muß jede Untersuchung ausgehen... Wenn man jedenfalls das Wirken der Bischöfe nicht nur sektoral von ihrem Verhalten zur NS-Diktatur her beurteilen, sondern es von ihrer Gesamterscheinung als Oberhirten, die lange vor 1933 ihren geistlichen Weg begonnen hatten, erfassen will, darf man bei dem Zeitraum der zwölf Jahre und dem Staat-Kirche-Verhältnis allein keinesfalls stehen bleiben.« W. ZIEGLER, Katholische Bischöfe, S. 434.

14

Einleitung

viert werden muss6. Schließlich konnte sich Bertram, auch wenn er »dem Ideal der Abstinenz von allem Politischen nachstrebte, ... dessen Allgegenwart dennoch nicht [entziehen]. Und was schon dem Bischof von Breslau versagt war, konnte dem Vorsitzenden des Gesamtepiskopats erst recht nicht gelingen.«7 Die zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit zielt auf Bertrams (kirchen-) politisches Handeln sowohl gegenüber den unterschiedlichen preußischen Staatsund deutschen Reichsregierungen, mit denen er als Funktionsträger der katholischen Kirche in Kontakt stand, als auch gegenüber den verantwortlichen Stellen der katholischen Hierarchie. Von besonderem Interesse sind dabei Phasen, in denen eine bestehende staatliche Ordnung von einer anderen abgelöst wurde. Es wird deshalb der Frage nachgegangen, wie sich Bertram in und nach der Revolution von 1918/19 in Deutschland, in der die Monarchie durch eine Republik abgelöst wurde, sowie in der Phase der so genannten »Machtergreifung« Hitlers in der ersten Jahreshälfte 1933, in der die Republik durch eine Diktatur abgelöst wurde, verhielt und ob hierbei Parallelen oder Unterschiede festzustellen sind. In diesem Zusammenhang wird gefragt, inwiefern 1918/19 die lehramtliche Verurteilung des Sozialismus, der in der Form der SPD an der republikanischen Regierung beteiligt war, sowie 1933 die lehramtliche Verurteilung des Nationalsozialismus auf Bertrams Handeln rückwirkten. Darüber hinaus wird überprüft, in welchem Maße Bertrams Denken und Handeln in der Auseinandersetzung über die staatliche und kirchliche Zukunft Oberschlesiens nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg das Bild von Bertrams Vorstellungen über das Verhältnis von Kirche und Staat vervollständigen kann.

2. LITERATURBERICHT Der innovative Zug dieses hier dargelegten Ansatzes wird deutlich, wenn der Blick auf die bisherige Bertram-Forschung gerichtet wird. Sie ist naturgemäß zunächst stark katholisch geprägt worden und auf das Engste verwoben mit der Debatte um die Katholische Kirche und das Dritte Reich. Es sei verwiesen auf die Bearbeiter der »Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945«, Bernhard Stasiewski und Ludwig Volk SJ, die den Grundstein für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Themenkomplex Katholische Kirche und Nationalsozialismus legten, sowie auf Heinz Hürten, Joachim Köhler und in noch wesentlich stärkerem Maße auf Martin Brzoska, Kurt Engelbert, Paul Mai und Werner Marschall – lediglich der Protestant Klaus Scholder bildet hier eine Ausnahme. Ein erstes Lebensbild des Breslauer Kardinals fertigte der ehemalige Direktor des Breslauer Diözesanarchivars Kurt Engelbert kurz nach dessen Tod noch in 6 7

H. JEDIN, Bertram, S. 15. L. VOLK, Bertram, S. 279.

2. Literaturbericht

15

den 1940er Jahren an. In den 1950er Jahren folgten einige Erinnerungsschriften, die in einem biographischen Aufriss von Bernard Stasiewski anlässlich des 100. Geburtstags Bertrams im Jahr 1959 gipfelten, in dem er dem zeitgenössisch-unkritischen Erwartungshorizont seiner Hörerschaft – zum Großteil vertriebene Breslauer Diözesanpriester – Rechnung trug8. Stasiewski zeichnete hier das »offizielle Bischofsbild«, das »von keinem Schatten getrübt« war – Bertram sei »eine herausragende Persönlichkeit und exemplarische Bischofsgestalt« gewesen9. Zwar sind in der Lebensbeschreibung Hubert Jedins aus dem Jahr 1960 ebenfalls noch viele affirmative Züge zu finden – er vergleicht Bertram mit dem Kirchenvater Augustinus –, doch tauchten bereits erste kritische Töne wegen dessen defensiver Taktik bei der Abwehr der kirchenfeindlichen Maßnahmen des NSRegimes auf. Bertrams Strategie des Zeitgewinnens habe »gute Gründe für sich« beanspruchen können und habe »viele sinnlose Opfer verhindert«, die »am Gang der Dinge selbst ... nicht das Geringste« geändert hätten. Dennoch hielt Jedin es »für richtig, daß die wohlüberlegte Taktik des Nationalsozialismus, nicht, wie im Kulturkampf, die Bischöfe zu Märtyrern zu machen, dem in der ganzen Welt hoch geachteten Kardinal zu Zeiten ein offeneres Wort von der Domkanzel erlaubt hätte, als tatsächlich gesprochen wurde.« Als Begründung für die defensive Strategie Bertrams nannte Jedin seine Sozialisierung in einem »Rechts- und Ordnungsstaat«, denn er habe geglaubt, »dem Unrecht das Recht entgegenhalten zu müssen«. Damit machte Jedin zum einen darauf aufmerksam, dass Bertram nur auf der Basis seiner Persönlichkeitsentwicklung verstanden werden könne – wissenschaftlich aufgearbeitet in Form einer Biographie. Zum anderen verwies er auf den menschlichen Aspekt, der auch bei der Beurteilung Bertrams beachtet werden müsse: »Auch große Persönlichkeiten haben Grenzen, die ihnen nicht durch das Wollen, sondern durch ihr Werden und Sein gesteckt sind.«10 Jedin war sich der inneren Spannung, der er selbst bei der Beurteilung Bertrams ausgesetzt war, im Gegensatz zu den meisten Autoren der Erinnerungsgeneration durchaus bewusst. Im Andenken an den Kardinal lebe bei ihm und den anderen Breslauer Diözesanpriestern »die Verehrung und Liebe weiter, die wir ihm einst entgegenbrachten.« Diese Gefühle hätten sich nach der Vertreibung noch intensiviert, denn sie würden »sich mit der Sehnsucht nach unserer verlorenen Heimat« verbinden. Schließlich benannte Jedin das Hauptproblem der Autoren der »Erinnerungsliteratur«, nämlich dass Bertram für ihn und für die anderen vertriebenen schlesischen Diözesanpriester »das Symbol« ihrer verlorenen »Heimat« geworden war11. 8 9

10 11

B. STASIEWSKI, Metropolit; J. KAPS, Bertram. J. KÖHLER, Bertram-Bild, S. 15-18, hier 15. Stasiewski modifizierte seine Auffassung im folgenden Jahrzehnt, nachdem er selbst die Bände 1-3 der Akten deutscher Bischöfe bearbeitet hatte. B. STASIEWSKI, Bertram. Siehe dazu J. KÖHLER, Bertram-Bild, S. 18-20. H. JEDIN, Bertram, S. 19. Ebd., S. 21.

16

Einleitung

Es war dann in der Folge der Reichskonkordatsprozess der Jahre 1955-1957, der eine erste Welle intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Themenkomplex Katholische Kirche und Nationalsozialismus auslöste, in dessen Strudel sogleich auch das bis dahin gültige Bertram-Bild geriet12. Vorerst stand das Jahr 1933 im Fokus der Forschung wie bei Rudolf Morseys Darstellung der letzten Jahre der Zentrumspartei oder bei den Überlegungen Ernst-Wolfgang Böckenfördes, der mit seiner »Affinitätsthese« zwischen katholischer Kirche und Nationalsozialismus auch die zeitgenössische Kirche Anfang der 1960er Jahre kritisieren wollte13. Böckenförde warf dem Episkopat vor, er habe ab März 1933 eine Position zwischen wohlwollender Neutralität und offener Unterstützung gegenüber der neuen Regierung Hitlers eingenommen und er sei damit zum Wegbereiter des nationalsozialistischen Regimes geworden. Der Vorwurf, dieses bischöfliche Versagen habe seinen Ursprung in typisch katholischen Fehlern wie der naturrechtlich begründeten Neutralität gegenüber der jeweils herrschenden Staatsform sowie in einem tief verwurzelten Antiliberalismus, durchzog – nicht ohne Widerspruch – die wissenschaftliche und publizistische Auseinandersetzung der folgenden Jahre14. Bertram rückte durch die unterschiedliche Interpretation seiner Erklärung vom 28. März 1933, mit der er die bischöflichen Warnungen vor dem Nationalsozialismus teilweise zurückgenommen hatte, in den Mittelpunkt der Kontroverse. Hatte er sich mit seiner Mahnung zur »Treue gegenüber der rechtmäßigen staatlichen Obrigkeit und zur gewissenhaften Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten unter grundsätzlicher Ablehnung allen rechtwidrigen und umstürzlerischen Verhaltens« nun an die Katholiken gewandt und diese zur Treue gegenüber der neuen Regierung aufgefordert oder hatte er einen Vorbehalt gegenüber der Rechtmäßigkeit der Regierung Hitlers formuliert15? Stärker noch als in diesem Zusammenhang erfolgte in den 1960er Jahren grundlegende Kritik an der bis dahin dominierenden Sichtweise der katholischen Kirche als Trägerin des Widerstands gegen das nationalsozialistische Regime. Auslöser war Rolf Hochhuths Theaterstück »Der Stellvertreter«, mit dem er emotionsgeladene Debatten auslöste, die von billigen Schuldzuweisungen bis zu ebenso billiger Apologetik reichten16. Mit den Werken von John S. Conway, Gordon Charles Zahn und Guenter Lewy wurde in Nachfolge Hochhuths »der Schritt von der These permanenten Widerstandes über den Vorwurf zeitweiliger Anpassung hin 12

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F. GIESE / F.A. Frhr. V. D. HEYDTE (Hrsg.). Für weitere Literaturhinweise siehe U. HEHL, Forschungsüberblick, S. 226-235. R. MORSEY, Zentrumspartei; E.-W. BÖCKENFÖRDE, Stellungnahme. H. BUCHHEIM widersprach Böckenförde, dem er vorwarf, die besondere Situation der Zeitumstände bei seiner Kritik verkannt zu haben. E.-W. BÖCKENFÖRDE, Betrachtung, reagierte, indem er seine Position in einigen Bereichen modifizierte, in der Grundrichtung allerdings verteidigte. K. REPGEN, Machtergreifung. Kundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz vom 28.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 14a, S. 30-32, hier 31 f.; H. SCHLÖMER; P. MIKAT; H. MÜLLER, Interpretation; H. MÜLLER, Vorgeschichte; L. VOLK, Kundgebung; K. SONTHEIMER. R. HOCHHUTH.

2. Literaturbericht

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zum anderen Extremfall, dem Vorwurf der Kollaboration mit dem NS-Regime, ... getan.«17 Diese Autoren bewerteten das Verhalten der katholischen Kirche von einer rigorosen moralischen Position aus, ohne nach deren »konkreter Realisierbarkeit« zu fragen18. In seiner Darstellung über den bayerischen Episkopat zwischen 1930-1934 legte Ludwig Volk 1965 demgegenüber eine auf breiter Quellenbasis stehende Analyse bischöflichen Handelns vor. Er kam zu dem Schluss, dass der bayerische, aber auch der preußische Episkopat den Nationalsozialismus nicht falsch eingeschätzt habe, sondern dass sein Fehler darin gelegen habe, der nationalsozialistischen Bedrohung kein einheitliches Vorgehen gegenübergestellt zu haben19. Nach einer biographischen Skizze Michael Kardinal Faulhabers von München und Freising legte Volk zwei Aufsätze über die Fuldaer Bischofskonferenz zur Zeit des Nationalsozialismus vor, in denen er die Differenzen innerhalb des Episkopats über die Strategie des Abwehrkampfes gegen das NS-Regime vorstellte. Die interne »Eingabepolitik« Bertrams – dieser habe es in »der Kunst der rationalen, leidenschaftslosen und verbindlichen Argumentation zu unbestrittener Meisterschaft« gebracht – sei bereits in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft gescheitert20. Doch auch die öffentlichkeitswirksame päpstliche Enzyklika »Mit brennender Sorge« vom März 1937 habe nicht den erhofften Erfolg gebracht. Fortan hätten Spannungen über das weitere Vorgehen geherrscht, die in der Auseinandersetzung zwischen Konrad Graf von Preysing, Bischof von Berlin, und Bertram anlässlich dessen umstrittenen Geburtstagstelegramms an Hitler vom April 1940 kulminierten. Das Motiv dieses Schreibens, »die Klagen des katholischen Volksteils dem obersten Machthaber vor Augen zu rücken«, sei zwar nicht grundsätzlich falsch gewesen, doch die Bilanz Volks fiel eindeutig negativ aus. Es gebe »kaum Dokumente, an denen die Ambivalenz kirchlicher Eingaben mit ihrem Einerseits-Andererseits so paradigmatisch knapp und übergangslos abrupt hervortrete wie an Bertrams Hitlergratulation.« Er habe »die wiederholten Loyalitätsversicherungen durchaus ernst gemeint.« Diese hätten dazu geführt, »die Gewißheit des Regimes zu vermehren, daß von einem so gearteten Führer des Episkopats keine Aktionen drohten, die Absender wie Empfänger unter allerdings verschiedenen Rücksichten als unüberlegt bezeichnet hätten.«21 Bertram habe seinen Kurs, die kirchlichen Rechte auf dem Weg der »Eingabepolitik« zu verteidigen, auch während des Krieges unermüdlich fortgeführt. Ihr Scheitern sei jedoch umso offensichtlicher geworden, »je explosiver sich die nationalsozialistische Dynamik entfaltete im Expansionskrieg nach außen und in der brutalen Selbstverwirklichung nach innen. Inmitten der entfes17

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U. HEHL, Forschungsüberblick, S. 238; J.S. CONWAY; G.C. ZAHN, Katholische Presse; G.C. ZAHN, Deutsche Katholiken; G. LEWY. L. VOLK, Geschichtsschreibung, S. 34. L. VOLK, Bayerischer Episkopat. L. VOLK, Bertram, S. 283. L. VOLK, Fuldaer Bischofskonferenz, S. 78.

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Einleitung selten Maßlosigkeit wirkte der verhaltene schriftliche Einspruch immer unangemessener, weil von den Ereignissen überholt. Das Bedrückende war, daß sich der Breslauer Kardinal durch die Ausnahmesituation zu nichts anderem verstehen wollte, als mit größerem Fleiß das Vertraute und Bewährte zu tun.«22

Einen öffentlichkeitswirksamen Protest, wie ihn Preysing oder Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster, forderten, habe Bertram nicht unterstützen wollen. Bertram habe kirchenfeindliche Repressalien befürchtet, sollte der Episkopat seine Loyalitätspflichten gegenüber der legalen staatlichen Obrigkeit verletzen. Doch »nur nominell« habe diese Loyalitätspflicht Bertram von einem offensiveren Vorgehen abgehalten, analysierte Volk, tatsächlich sei es »die Sorge, Schlimmeres zu verhüten,« die seine Handlungen diktiert habe: »Das Prinzip der mala maiora vitanda, der Güterabwägung in einer moralisch ausweglosen Zwangslage, war legitim und seine Heranziehung begründet, solange man sich der Gefahr bewußt blieb, unaufgebbare ethische Normen dadurch zu relativieren. Wichtige Entscheidungen Bertrams auf der Höhe des Kirchenkampfs verraten einen mehr als eigenwilligen Ansatz bei der Einstufung der bedrohten Güter, und es gab gute Gründe, sich seiner allzu persönlichen Hierarchie der Werte zu widersetzen.«23

Volk kritisierte auch die Begründung Bertrams für diesen defensiven Kurs, nämlich den »allzu vagen Kulturkampfbegriff«. Geschichte sei »für den Kirchenhistoriker Bertram eine Lebensmacht, Schlüssel zum Verständnis des Gegenwart Gewordenen und schließlich, wie die Unauslöschbarkeit seiner Kulturkampfeindrücke lehren sollte, Prüfstein und Richtschnur eigenverantwortlichen kirchenpolitischen Handelns« gewesen24. Zwar seien Bertram und die älteren Bischöfe in einem Ordnungs- und Rechtsstaat aufgewachsen, stellte Volk fest, doch nun hätten sie sich »in den bis dahin nicht nur ihnen unvertrauten und auch weithin unvorstellbaren Daseinsbedingungen eines totalitären Weltanschauungsstaates nicht« zurechtgefunden25. Wegen seiner »hartnäckigen Berufung auf Kulturkampferfahrungen« müsse man Bertram daher vorwerfen, »mit den Kategorien von damals den wesentlich andersgearteten Charakter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft« verfehlt zu haben26. Von den Studien Volks ging der größte Einfluss auf die Bertram-Forschung aus. 1973 legte er ein Lebensbild vor, indem er seine bisherigen Forschungsergebnisse zusammenfasste27. Er beschränkte sich in seiner Darstellung jedoch nicht nur auf Bertrams Verhältnis zum Nationalsozialismus, das zwar den größten Raum einnahm, sondern riss viele entscheidende Themen an: Bertrams Hildesheimer Zeit, die Umstände seiner Wahl zum Fürstbischof von Breslau, die Auseinandersetzun22 23 24 25 26 27

Ebd., S. 100. Ebd., S. 98. L. VOLK, Bertram, S. 275. L. VOLK, Kirchenkampf, S. 61. Ebd., S. 62. L. VOLK, Bertram.

2. Literaturbericht

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gen um die Trennung von Kirche und Staat in der Weimarer Republik, seinen Einfluss auf die Konkordatsverhandlungen und sein Verhältnis zu Nuntius Eugenio Pacelli, seine Tätigkeit als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz sowie seine Beschwichtigungsversuche im Rahmen der Nationalitätenkämpfe in Oberschlesien. Zwar entwarf Volk sein Lebensbild Bertrams »mit viel Wohlwollen«, doch sparte er auch hier nicht mit Kritik28. So warf er dem Breslauer Kardinal – den Ansichten des Vatikans folgend – im Rahmen des Abstimmungskampfes in Oberschlesien »Verantwortungsscheu« vor29, kritisierte die »überstürzte Entspannungspolitik« Bertrams und das »Tempo«, das er bei der Veröffentlichung der bischöflichen Erklärung vom 28. März 1933 anschlug und tadelte30, dass er sich fortan, obwohl sich seine Eingabepolitik bald als »wirkungslos« erwiesen habe, auf diese »untaugliche Methode« des »fruchtlosen Eingabemonologs« versteift habe31. Als Ursache hierfür führte Volk eine »nie überwundene, tiefsitzende Ängstlichkeit« an32. Der Frage, worin diese Ängstlichkeit begründet war, ging Volk allerdings nicht nach. In seiner den Forschungsstand zusammenfassenden Analyse über das Reichskonkordat konnte Volk den Weg in die »Einbahnstraße« des Vertragsabschlusses nachzeichnen, wobei auffällt, dass sich Bertram bei den Verhandlungen ostentativ zurückhielt und seine persönliche Beteiligung auf ein Minimum beschränkte33. Insgesamt urteilte Volk somit trotz seines dezidiert katholischen Hintergrundes als Jesuitenpater sehr kritisch über Bertram. Daraus lässt sich erkennen, dass eine vereinfachte Einteilung der Katholizismusforschung in zwei Gruppen – Katholiken als Apologeten auf der einen und Nichtkatholiken als Kritiker auf der anderen – nicht haltbar ist. Konnte Ulrich von Hehl in seinem Forschungsüberblick aus dem Jahre 1976 konstatieren, dass »mehr Ruhe und Sachlichkeit« in die Diskussion um das Thema Katholische Kirche und Nationalsozialismus eingezogen seien, so galt das nur für kurze Zeit34. In seinem Artikel über ein möglicherweise im Mai 1945 von Bertram veranlasstes »Requiem für Hitler« kam der evangelische Kirchenhistoriker Klaus Scholder im Jahr 1980 zu dem Schluss, »daß der Kardinal in all den Jahren [zwischen 1933-1945] tatsächlich nicht aus taktischen Überlegungen handelte, sondern daß er, allen Kränkungen, Drohungen und Verfolgungen der Kirche zum Trotz, in Hitler unverändert das katholische Staatsoberhaupt des Reiches sah und respektierte.«35 Wesentlich schärfer griff der Journalist Oskar Simmel SJ 28 29 30 31 32 33 34 35

J. KÖHLER, Bertram-Bild, S. 21-27, 29-31, hier 21. L. VOLK, Bertram, S. 278. Ebd., S. 281. Ebd., S. 283. Ebd., S. 284. L. VOLK, Reichskonkordat. U. HEHL, Forschungsüberblick, S. 251. K. SCHOLDER, Requiem, S. 236.

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Einleitung

Bertrams »Eingabepolitik« an, als er in seiner Rezension des vierten Bandes der »Akten deutscher Bischöfe« dessen Schreiben als »widerliche Kriecherei« bezeichnete36. Somit war Bertram durch die Werke von Volk, Scholder und Simmel ins »Kreuzfeuer der Kritik« geraten, was bei den heimatvertriebenen Schlesiern auf Unverständnis stieß37. War sich Hubert Jedin Ende der 1950er Jahre des Spannungsverhältnisses zwischen emotional verklärter Erinnerung und um Rationalität bemühter Wissenschaft bewusst, ging dieses Bewusstsein bei Emil Brzoska und anderen verloren. War Bertram für Jedin das »Symbol« der Heimat gewesen, war Brzoska das Andenken an »seinen« Kardinal »heilig«38. Anfang der 1980er Jahre legte er mehrere Schriften über Bertram vor und bezeichnete die kritischen Autoren als »sachunkundige Skribenten«39, warf ihnen mangelnde Aktenkenntnis, unzureichendes »konfessionseigene[s] Verständnis« (Scholder) oder unprofessionelles Arbeiten (Simmel) vor und pochte auf die Interpretationshoheit der Erlebnisgeneration (Volk)40. Nach Auffassung Brzoskas, dem nach eigenen Worten »ein gründliches Studium der Dokumente ein wissenschaftliches Anliegen« war41, »widerstand [Bertram], gestützt von seinen Mitbischöfen und dem Papst, Adolf Hitler und rettete die Katholiken im Dritten Reich im wesentlichen intakt in die Zeit nach dem Krieg hinüber. Das war und bleibt seine erstaunliche und rühmenswerte Tat ... Wahr ist: Der Erzbischof von Breslau, Adolf Kardinal Bertram, war der tapferste und standhafteste Pontifex unter dem Kreuz Christi in dem Jahrtausend der Kirchengeschichte Schlesiens und in der Geschichte der Deutschen Bischofskonferenz ein herausragender Vorsitzender voll Freimut und Tatkraft, voll Würde und Klarheit der Führung.«42

Bertram habe die »überwiegende Mehrheit der deutschen Katholiken« sowie den Episkopat hinter sich gehabt, »wenn man von seinem Berliner Suffragan, Bischof Preysing, absieht, der ... seinen grundsätzlichen Widerspruch zu Bertrams Kirchenpolitik zum Ausdruck brachte.« Nach dem Tod Bertrams habe Preysing allerdings einen »echten Sinneswandel« durchgemacht und Bertrams Strategie als richtig anerkannt43. Joachim Köhler urteilte: »Die Art und Weise, wie Emil Brzoska die bedeutendste Bischofsgestalt der Kirche im Dritten Reich darstellt, stehen im Gegensatz zu dem, was wissenschaftliche Forschung erhebt.«44 Weiterhin bezeichnete Köhler die Schriften Brzoskas als »unverantwortliche Apologetik« bzw. als 36 37 38 39 40 41 42 43 44

O. SIMMEL. J. KÖHLER, Kreuzfeuer, fasste die Auseinandersetzung um Bertram erstmals zusammen. E. BRZOSKA (Hrsg.), Tedeum, S. 43. E. BRZOSKA, Drei Jubiläen, S. 7. E. BRZOSKA (Hrsg.), Tedeum, S. 11, 43. Ebd., S. 8. E. BRZOSKA, Drei Jubiläen, S. 7. E. BRZOSKA (Hrsg.), Tedeum, S. 7. J. KÖHLER, Bertram-Bild, S. 33.

2. Literaturbericht

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»Anfang der Legendenbildung, d.h. Hagiographie«45. Nicht nur Brzoska, sondern auch andere Autoren der »Erinnerungsliteratur«, wollten nun das Andenken Bertrams schützen. Kurt Engelbert hatte die kritischen Bemerkungen Volks bereits 1967 als »Übertreibungen, persönliche Fehlurteile und geradezu Unrichtigkeiten« bezeichnet und »Gerechtigkeit« bei der Beurteilung Bertrams gefordert46. Als Reaktion auf die Kritik Scholders wiederholte 1981 Otto Jaritz den Ruf nach »Gerechtigkeit« für Bertram47. Paul Mai, Vorsitzender des Instituts für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte, warf Oskar Simmel noch Anfang der 1990er Jahre vor, sich in einer »üblen Polemik gegen« Bertram ergangen zu haben48. Simmel hatte den Standpunkt vertreten: »Man weiß nicht, ob es ein anderer Vorsitzender besser gemacht hätte, als der Breslauer Kardinal. Aber eines läßt sich wohl sagen: gut gemacht hat er es nicht.«49 Mai antwortete lapidar – die Gegenposition eines Preysing ignorierend – mit der Frage: »Doch wie hätte man es besser machen können?« Schließlich blieb Mai nur der Hinweis auf Bertrams Selbstverständnis als Seelsorger sowie auf seine Kulturkampferfahrungen50. Bertrams Gratulationsschreiben an Hitler versuchte Mai mit dem Hinweis auf seine Sozialisierung in einer Zeit zu begründen, »in der Ordnung und Höflichkeit herrschten und dazu gehörte eben auch, dem Staatsoberhaupt seinen Glückwunsch zu entbieten«. Zusätzlich habe Bertram, nahm Mai die Position Volks auf, »auch seine tiefe Besorgnis über die derzeitige Lage der Kirche einfließen [lassen], in der vagen Hoffnung, daß sie Gehör finden möge.«51 Auf die Vorwürfe Scholders reagierte Mai mit dem schlichten Hinweis, dass es schließlich nicht gesichert sei, ob Bertram tatsächlich ein Requiem für Hitler und die gefallenen Soldaten angeordnet habe oder nicht. Dabei übersah er allerdings, dass dieser Anweisung für das Verständnis von Bertrams Denken allein durch ihr Vorhandensein – ob sie nun in die Tat umgesetzt wurde oder nicht – ein hoher Wert beigemessen werden muss52. So tendenziös diese Erinnerungsliteratur anmuten mag, so wenig ist andererseits zu übersehen, worauf Antonia Leugers mit Nachdruck hingewiesen hat: bei kritischer Lektüre bietet sie die Chance, Informationen über den Charakter und das Wesen Bertrams zu erhalten, die aus den amtlichen Akten nicht herauszulesen sind. Daher strebte sie in ihrer Darstellung Bertrams als Vorsitzendem der Fuldaer Bischofskonferenz während des Zweiten Weltkriegs eine Synthese zwischen wissenschaftlicher Forschung und Erinnerungskultur an. Sie versuchte das »Dilemma der sich unversöhnlich gegenüberstehenden ›Lager‹ – Erinnerungen contra Forschung – durch einen erweiterten Verstehenszugang zur Person und zum 45 46 47 48 49 50 51 52

Ebd., S. 31-36, hier 31, 33. K. ENGELBERT, Gerechtigkeit, S. 10. O. JARITZ; H. BREITINGER; G. BRAUN. P. MAI, Bertram, S. 74. O. SIMMEL. P. MAI, Bertram, S. 74. Ebd., S. 69. Ebd., S. 73.

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Einleitung

Wirken Bertrams« zu begegnen, nämlich durch »die gezielte Untersuchung der Ansprachen, Predigten und Schriften«53. Leugers hinterfragte als Vertreterin einer jüngeren Generation kritisch die bisherigen Forschungsergebnisse und warf neue Fragen auf, wie die nach Bertrams Einsatz für die Menschenrechte im Dritten Reich. Sie beschrieb Bertrams »Harmoniemodell«, sein »Idealbild einer festgefügten, gottgewollten Ordnung, für deren Bestand und segensreiches Wirken die pietätgetragene, gehorsame Ein- und Unterordnung des Einzelnen unter die jeweiligen Autoritäten: Familie, Schule, Kirche und Staat die zentrale Kondition darstellt. Es ist evident, daß jeder Aufruhr gegen diese Art von Gehorsam sowie jede Störung der Harmonie der Autoritäten vermieden werden muß.«54

Das »Harmoniemodell« Bertrams fungierte damit als eine »Konfliktverweigerungsstrategie«55. Mit Rückgriff auf die Hinweise Jedins und Volks konnte Leugers die »persönliche Grenze« Bertrams anhand seines Verhaltens während des Zweiten Weltkriegs aufzeigen: sie lag »in seiner individuellen Verfaßtheit, lebensgeschichtlichen Prägung und tiefen Überzeugung von der Richtigkeit seiner Prioritäten« begründet und trat »durch die ungeheuren Belastungen und ganz neuartigen Herausforderungen in der Auseinandersetzung mit dem NS-Regime« zu Tage56. Auf einer wissenschaftlichen Tagung zum 50. Todestag Bertrams im Jahr 1995, die im Archiv für Schlesische Kirchengeschichte dokumentiert wurde, versuchten die Organisatoren, Bertram aus mehreren Perspektiven zu beleuchten. Der Fokus lag jedoch weiterhin auf seinem kirchenpolitischen Wirken zur Zeit des Nationalsozialismus57. Vermehrt trat auch die Frage nach Bertrams Wirken als Seelsorger in den Vordergrund58. Joachim Köhler stellte das Bertram-Bild in Deutschland sowie die Schwierigkeiten einer Biographie vor. Dabei erörterte er, dass eine »rein biographische« Herangehensweise an die Person Bertrams oder eine institutionsgeschichtliche Darstellung der Kirche in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus »keinen Erkenntnisgewinn« bringen werde, sondern er plädierte für eine »Kirchengeschichte als Sozialgeschichte«59. Köhler gab sich mit den bisherigen Antworten der Forschung nicht zufrieden: »Fragen nach der Person Bertrams schließen die Fragen nach den Bedingungen, unter denen diese Person gehandelt hat, ein. Es genügt m.E. nicht, um das Handeln Bertrams begreifen (oder entschuldigen) zu wollen, nur auf bestimmte Prägungen hinzuweisen, die er als Student und junger Priester im ›Kulturkampf‹ erhalten hatte. Die ›Kulturkampfmentalität‹ als milieubildendes und -stabilisierendes Element muss hinterfragt werden.«60 53 54 55 56 57 58 59 60

A. LEUGERS, Bertram 1939-1945, S. 8. A. LEUGERS, Mauer, S. 31. Ebd., S. 32. A. LEUGERS, Bertram 1939-1945, S. 30. Siehe die Beiträge in: ASK 54 (1996). A. ROSE; R. BENDEL, Seelsorge; S. SAMERSKI, Bemühungen. B. STASIEWSKI (Hrsg.), Leben und Wirken I: Beiträge; J. KÖHLER, Bertram-Bild. J. KÖHLER, Warnehmung, S. 787 f.

2. Literaturbericht

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Darüber hinaus wollte Köhler im Jahr 2002 den Begriff der Seelsorge nicht nur aus der Perspektive des Seelsorgers Bertram, sondern vor allem vom Objekt der Seelsorge, den Gläubigen, verstanden sehen, d.h. die Wahrnehmung und Wirkung der seelsorglichen Tätigkeit Bertrams an der Basis untersucht sehen. Folglich fragte er, ob Bertram den Laien zur Mündigkeit verholfen habe – und verneinte diese Frage ebenso wie er die Frage Antonia Leugers’ verneinte, ob Bertram die Menschenrechte verteidigt habe. Stattdessen griff er auf die Thesen Böckenfördes zurück: »Die Zurückhaltung der deutschen Bischöfe in der Judenfrage weist auf staatsrechtliche Vorstellungen hin, die im Obrigkeits- und Rechtsstaat entstanden und autoritär strukturiert waren. In der Zeit der Weimarer Republik wurden solche Vorstellungen gegen die demokratische Entwicklung mobilisiert. Affinität zu totalitären oder faschistischen Systemen war stärker als der Wille, Menschenrechte zu verteidigen.«61

Darüber hinaus kritisierte Köhler Bertrams Hirtenbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg, in denen der Kardinal seine Hirtenschreiben aus dem Ersten Weltkrieg wiederverwertete. Er habe die notleidenden Menschen mit seiner selbstaufgelegten Beschränkung auf Aussagen über die letzte Wahrheit nicht mehr erreichen können. »In der Anpassung auf das Ewige und in den Gehorsamstrukturen, die den Gläubigen fast zur zweiten Haut geworden war, können Bertrams sicher gutgemeinten Worte und Zusprüche an die Soldaten und an die Daheimgebliebenen als Durchhalteparolen in religiösem Gewand gewertet werden.«62 In seiner Geschichte des Bistums Breslau hatte Werner Marschall die 31 Jahre bischöflichen Wirkens Bertrams auf Diözesanebene wohlwollend beschrieben. In den Abschnitten zum Nationalsozialismus hatte er versucht, die regimefreundliche Haltung der Kirche im Jahr 1933 zu entschuldigen, Bertrams defensive Eingabepolitik zu erklären und die Kritik Volks abzuschwächen: »Aus heutiger Sicht hätte manches anders und wohl auch besser gemacht werden können, aber in der damaligen Lage war es schwer, alles zu übersehen und verantwortlich zu entscheiden.«63 Später griff Marschall die kritischen Darstellungen Köhlers wiederholt an und verteidigte die These von der prägenden Bedeutung der Kulturkampfeindrücke für Bertrams spätere Entscheidungen: »Diese Jugendeindrücke haben seine ganze Persönlichkeit, sein Denken, Urteilen und Fühlen mitgeprägt und waren von größtem Einfluß auf seine Entwicklung. Diese gefährlichen Kulturkampfauswirkungen und ihre negativen Folgen für das seelsorgliche Leben standen ihm vor allem später – in der Zeit des Nationalsozialismus, als er selbst die oberste Stelle in der katholischen Kirche Deutschlands einnahm, vor Augen.«64 61 62 63 64

Ebd., S. 792-797, hier 797. J. KÖHLER, Durchhalteparolen, S. 553. W. MARSCHALL, Geschichte, S. 168. W. MARSCHALL, Nationalsozialistischer Staat, S. 256.

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Einleitung

Ohne die Erklärung vom 28. März 1933 auch nur zu nennen – Köhler hatte diese als »eines der verhängnisvollsten Dokumente kirchlicher Zeitgeschichte« bezeichnet65 – verteidigte Marschall Bertrams Annäherungskurs an die nationalsozialistische Regierung im Frühjahr 1933 und sah die Verantwortung, einen »wirksamen Widerstand« gegen die Etablierung der Hitler’schen Diktatur zu organisieren, bei anderen gesellschaftlichen Gruppen, der Reichswehr und den Gewerkschaften66. Darüber hinaus wies Marschall auf die primäre Aufgabe der Bischöfe als Seelsorger hin – die Politik sei für sie »zweit- oder drittrangig«. Schließlich schränkte er die Bewertungsmöglichkeiten des Historikers ein und griff damit die Kritiker Bertrams an. Aus dem heutigen Erkenntnisstand sei es leicht zu kritisieren, »aber ein Werturteil, gar ein moralisches zu fällen, das – meine ich – steht uns nicht zu.« Zudem wollte er die Absicht der handelnden Personen als Bewertungsrahmen in den Vordergrund stellen und die Wirkung der – unterlassenen – Handlungen bei der Beurteilung außen vor lassen67. Genau mit der Wirkungsgeschichte argumentierte er aber gegenüber dem Vorwurf, Bertram habe seine Eingabepolitik auch dann noch weitergeführt, als ihr Scheitern erkennbar gewesen sei. Zum einen stellte er die Wirkungslosigkeit der Eingaben in Frage und zum anderen bezweifelte er, ob »ein anderer Weg – gleich welcher – Hitler und seine Politik gegenüber in irgend einer Weise wirkungsvoller gewesen« wäre68. In einem Aufsatz aus dem Jahr 2005 versuchte Marschall Köhlers Ausführungen zum Bertram-Bild aus dem Jahr 1995 zu widerlegen. Dass Bertram für seine Haltung im Nationalsozialismus in die Kritik geraten sei, sei nicht seine »Schuld«, sondern sei »angefacht von Historikern oder Journalisten, die sich zu dieser Kritik veranlasst sahen.« Marschall warf Köhler vor, Bertram nicht aus seiner Zeit selbst beurteilt zu haben, sondern aus der Retroperspektive. Sein Hinweis, dass Köhlers Aufsatz »leider einiges entgegengehalten werden [müsse], zumal darin viele Vorwürfe gegen Bertram, die schon längst widerlegt worden sind, wiederum aufgenommen werden«, ist bezeichnend für die Bertram-Forschung – die Diskussion dreht sich oftmals im Kreis69. Tatsächlich belegte Marschall seine Behauptung mit Hinweisen auf die bereits genannten Verteidigungsschriften von Engelbert,

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J. KÖHLER, Wahrnehmung, S. 791. »Es wäre also schwierig gewesen und es wäre nicht verstanden worden, wenn die Kirche gleich anfangs ein Zerwürfnis mit dem Staat herausgefordert hätte, zumal da die Kräfte, die wirklich noch die Macht zu einem wirksamen Widerstand gehabt hätten – Reichswehr und Gewerkschaften – sich Hitler beugten oder jedenfalls nichts gegen ihn unternahmen.« W. MARSCHALL, Nationalsozialistischer Staat, S. 257. »Maßgebend ist die Absicht des damals Handelnden, sein Gewissen. Und das konnte er nur orientieren an dem, was ihm damals an Einsichten und Möglichkeiten zur Verfügung stand, nicht an dem, was wir heute wissen und tun können. Gegen diese Grundsätze wird heute in der Beurteilung der damaligen Zeit vielfach verstoßen.« Ebd., S. 258. Ebd., S. 265. W. MARSCHALL, Bischof, S. 523.

2. Literaturbericht

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Jaritz, Brzoska, Mai und sich selbst70. Darüber hinaus sei bei Köhler eine »gewisse ablehnende Einstellung gegen Bertram [zu] spüren«, da dieser in seiner Darstellung im Gegensatz zum Selbstverständnis des Historikers emotionsgeladen argumentiere. Freilich ist nicht zu verkennen, dass auch Marschall in seiner Auseinandersetzung mit Köhler nicht emotionslos argumentierte und dass er wiederum ein starkes Wohlwollen gegenüber Bertram hegte. Nichtsdestotrotz haben einige Anmerkungen Marschalls durchaus ihre Berechtigung, wenn er z.B. nach Quellenbelegen für Köhlers Behauptung fragte, Bertram habe Schwierigkeiten gehabt, eine »nationale Identität« zu finden71. Walter Ziegler verwies bei einem Vortrag auf der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft im September 2005 erneut auf den Mangel an wissenschaftlichen Biographien über den deutschen Episkopat und nannte als notwendige Schwerpunkte solcher Arbeiten das »Bischofsideal« sowie allgemein das »Denken und Tun«72. Neben der auf Bertrams Rolle im Nationalsozialismus bezogenen kontroversen Forschung hat es auch eine Forschung gegeben, die sich teilweise unbeachtet Detailstudien zugewandt hat. Vor allem aus bistumsgeschichtlicher Perspektive beleuchteten Hans-Georg Aschoff und Thomas Scharf-Wrede Bertrams Tätigkeit als Bischof von Hildesheim. Beide zeichneten den Aufstieg Bertrams in der Hildesheimer Diözesanverwaltung nach. Aschoff beschrieb die Umstände der Bischofswahl im Jahre 1906 und Scharf-Wrede stellte Bertrams Wirken als Bischof von Hildesheim beispielsweise im Rahmen der Polenseelsorge oder der Auseinandersetzung mit dem protestantischen Herzogtum Braunschweig vor73. In seiner Untersuchung über den Gewerkschaftsstreit legte Rudolf Brack den Fokus nur am Rande auf Bertram, da dieser in der turbulenten innerkatholischen Auseinandersetzung der Vorkriegsjahre zwar eindeutig Position zu Gunsten der interkonfessionellen Gewerkschaften bezog, aber insgesamt eine weitaus weniger prominente Rolle einnahm als seine Amtsbrüder Georg Kardinal Kopp, der Vorgänger Bertrams als Fürstbischof von Breslau, Antonius Hubert Kardinal Fischer, Erzbischof von Köln oder Karl Joseph Schulte, Bischof von Paderborn74. Auf der Basis der Überlieferung des Breslauer Bistumsarchivs konnte Hermann Leugers-Scherzberg die erfolgreichen Versuche der staatlichen Einflussnahme auf die Wahl Bertrams zum Fürstbischof von Breslau im Jahr 1914 nachzeichnen. Der Widerstand in Teilen des Breslauer Domkapitels gegen diese Vorgehensweise und gegen den neuen Fürstbischof zeigte keinen Erfolg. Leugers-Scherzberg sah in der Wahl Bertrams eine aus staatlicher Sicht gelungene Befriedungsstrategie zwi70

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K. ENGELBERT, Gerechtigkeit; O. JARITZ; H. BREITINGER; P. MAI, Bertram; W. MARSCHALL, Nationalsozialistischer Staat. W. MARSCHALL, Bischof, S. 523; NN, (Rez.), W. MARSCHALL, Bischof. W. ZIEGLER, Katholische Bischöfe, S. 435. T. SCHARF-WREDE, Bertram; T. SCHARF-WREDE, Bistum; H.-G. ASCHOFF, Kopp; H.-G. ASCHOFF, Kulturkampf; H.-G. ASCHOFF, Bischofswahlen; H.-G. ASCHOFF, Bertram. R. BRACK.

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Einleitung

schen Kirche und Staat nach dem Gewerkschaftsstreit, denn Bertram spielte »bis 1945 ... die Rolle weiter ..., die ihm 1914 von der preußischen Regierung und der Zentrumspartei zugedacht worden war: ein diskreter und konzessionsbereiter Kirchenvertreter, der sich mit seinen Anliegen vertrauensvoll an die zuständigen Stellen wandte.«75 Hermann-Josef Scheidgen beschrieb das Verhalten der deutschen Bischöfe im Ersten Weltkrieg und Roland Haidl untersuchte deren Kriegshirtenbriefe. Im Vergleich mit dem Gesamtepiskopat bildet Bertram keine Ausnahme. Genauso wie seine Amtsbrüder unterstützte er die deutsche Kriegsführung und stellte auch nach Kriegsende das eigene Handeln während des Krieges nicht in Frage76. In seinen Arbeiten über die katholische Kirche in der Revolution von 1918/19 bezeichnete Heinz Hürten die politische Zurückhaltung Bertrams in dieser Umbruchsphase staatlicher Ordnung als »ein unumgängliches Gebot politischer und pastoraler Klugheit«77. Dieses Gebot läuft allerdings nach Joachim Köhler Gefahr, zum »Topos kirchlich approbierter Geschichtsschreibung« zu werden, da es zu wenig hinterfragt werde78. Vor allem für die Jahre zwischen 1933 und 1945 analysierte Antonia Leugers die Funktionsweise der Fuldaer Bischofskonferenz unter dem Vorsitz Bertrams. Ihre Ergebnisse sind auch auf die frühere Tätigkeit Bertrams übertragbar. Leugers konnte ebenso wie Wieland Vogel zeigen, dass der Vorsitzende nicht nur in der konferenzfreien Zeit, sondern auch durch die Planung der Konferenzen größten Einfluss auf die Entscheidungsfindung des Episkopats hatte und dass Bertram diese Position durchaus in seinem Interesse zu nutzen wusste. Vogel konnte dies anhand der Vorreiterrolle nachweisen, die Bertram bei der Abwehr der nationalen Kampfverbände, des Stahlhelms und des Jungdeutschen Ordens in den 1920er Jahren innehatte79. Stewart A. Stehlin und Emma Fattorini untersuchten in ihren Studien über die Beziehungen zwischen dem Hl. Stuhl und Deutschland auch Bertrams Haltung in der Auseinandersetzung um die staatliche und kirchliche Zukunft Oberschlesiens. Stehlin wertete als erster die betreffenden Akten des Breslauer Bistumsarchivs aus und stellte sie in den internationalen Kontext. Auf diesem Hintergrund zeichnete er die komplexen Verhandlungen Bertrams mit der preußischen Staatsund der deutschen Reichsregierung, der polnischen Regierung, dem polnischen Episkopat sowie dem Hl. Stuhl nach, in denen er sich dafür einsetzte, dass Oberschlesien bei Deutschland bleiben würde. Emma Fattorini konnte Anfang der 1990er Jahre die Bestände des Vatikanischen Geheimarchivs zur Oberschlesien75 76 77 78

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A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Wahl, S. 129. H.-J. SCHEIDGEN; R. HAIDL. H. HÜRTEN, Novemberrevolution, S. 30; H. HÜRTEN, Amtskirchen. »Es gehört zum Darstellungsmuster kirchlich approbierter Veröffentlichungen, daß der Topos Seelsorge zur Erklärung äußerst brisanter politischer Vogänge herangezogen wird.« J. KÖHLER, Bertram-Bild, S. 37-40, hier 39. A. LEUGERS, Mauer; A. LEUGERS, Bertram 1933-1945; W. VOGEL.

3. Quellenbericht

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frage einsehen. Durch die neuen Quellen konnte sie präziser als Stehlin die Spannungen zwischen dem deutschfreundlichen Bertram und dem polenfreundlichen Ratti im Rahmen der Einreisefrage Bertrams nach Oberschlesien herausarbeiten80. Trotz ihrer Quellendichte und der wichtigen Ergebnisse wurden diese Arbeiten in der Bertram-Forschung kaum wahrgenommen. So kannte selbst Guido Hitze in seinem umfangreichen Werk über den oberschlesischen Zentrumsprälaten Carl Ulitzka die Arbeit von Fattorini nicht. Hitze gelang es, die landesgeschichtlichen Hintergründe Oberschlesiens mit dem internationalen Kontext der Zwischenkriegsjahre zu verknüpfen. Er analysierte dabei auch die kirchenpolitische Tätigkeit Bertrams. Dabei konnte er aufzeigen, dass der Breslauer Kardinal mit seiner Forderung nach Trennung von Religion und Politik in der propagandistisch aufgeheizten Nachkriegssituation in Oberschlesien scheiterte81. In den Studien über den Prozess der Neuregelung des Verhältnisses von Kirche und Staat in der Weimarer Republik von Dieter Golombek zum Preußenkonkordat, von Michael Höhle zur Gründung des Bistums Berlin sowie von Heinz Mussinghoff zu den Theologischen Fakultäten wird deutlich, dass Bertram versuchte, als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz Einfluss auf die laufenden Verhandlungen zwischen dem Hl. Stuhl und den preußischen Staats- und Reichsregierungen zu nehmen. Dabei war er zwar einerseits eine unvermeidliche Stütze des von vatikanischer Seite mit der Verhandlungsführung beauftragten Münchener und Berliner Nuntius Eugenio Pacelli, doch geriet er andererseits auch in Konflikt mit diesem, worauf zuletzt Hubert Wolf und Klaus Unterburger aufmerksam machten82.

3. QUELLENBERICHT Adolf Kardinal Bertram hat vielfältiges Quellenmaterial hinterlassen, das Ausgangspunkt jeder Beschäftigung mit seiner Person sein muss. Bertram ließ die Hirtenbriefe aus seiner Hildesheimer Zeit in gedruckter Form veröffentlichen83. Die Breslauer Hirtenbriefe und Hirtenworte liegen in einer Sammlung durch Werner Marschall vor, der allerdings auf einen historisch-kritischen Anmerkungsapparat verzichtete84. Neben diese Hirtenschreiben treten die wissenschaftlichen historischen und theologischen Werke Bertrams, wie die »Geschichte des Bistums Hildesheim«, die »Charismen priesterlicher Gesinnung« oder über die »Katholische Aktion«, deren Bedeutung für die kirchenpolitische Fragestellung der vorliegenden Arbeit jedoch gering ist85. 80 81 82 83 84

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E. FATTORINI; S.A. STEHLIN. G. HITZE. D. GOLOMBEK; M. HÖHLE; H. MUSSINGHOFF; H. WOLF / K. UNTERBURGER. A. BERTRAM, Kirche und Volksleben. W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe. Für eine zutreffende kritische Beurteilung dieser Edition siehe J. LEICHSENRING. A. BERTRAM, Geschichte I-III; A. BERTRAM, Charismen; A. BERTRAM, Katholische Aktion.

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Einleitung

Die in seiner Zeit als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz produzierten kirchenpolitisch relevanten Akten sind zumeist in der »Blauen Reihe« der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn publiziert. Der Verfasser erhielt die Möglichkeit, die »Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1918-1933« vor der Publikation einzusehen. Weiterhin sei auf den dritten Band der »Akten der Fuldaer Bischofskonferenz 1900-1919«, auf den ersten Band der »Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1934«, den ersten Band der »Akten Kardinal Faulhabers 1917-1934« sowie auf die Staatlichen und Kirchlichen Akten zum Reichskonkordat verwiesen, in denen vielfältige Schreiben Bertrams ediert sind. Eugenio Pacelli unterzog Bertram in seinem Abschlussbericht als Nuntius in Deutschland einer scharfen Kritik86. Eine Arbeit über das Verhältnis von Kirche und Staat kann auf die Editionen von Ernst Rudolf Huber und Wolfgang Huber kaum verzichten87. Die Warschauer Nuntiaturakten Achille Rattis werden seit mehreren Jahren herausgegeben, enden jedoch bisher mit dem siebten Band am 31. Januar 1920, also noch bevor Ratti zum Apostolischen Oberkommissar für die Plebiszitgebiete ernannt wurde88. Für die Tätigkeit Rattis in Oberschlesien veröffentlichte Emma Fattorini im Anhang ihrer Studie über Deutschland und den Hl. Stuhl weitere Quellen aus dem Vatikanischen Geheimarchiv89. Der Nachlass Bertrams im Archiwum Archidiecezjalne we Wroclawiu (AAW), im Bistumsarchiv von Breslau, umfasst über 1750 Einzelakten. Leider wurde dem Verfasser der Zugang zum Nachlass nur mit Einschränkungen gewährt. Wegen der unzureichenden Qualität der Kopie des Nachlasses Bertrams bei der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn waren hier nur eingeschränkt Recherchen möglich. Die maßgeblichen Bestände zu Bertrams kirchenpolitischer Tätigkeit konnten dennoch eingesehen werden. Es finden sich zu fast allen in der vorliegenden Arbeit angeschnittenen Fragestellungen, auch zur Hildesheimer Zeit, Akten im Breslauer Nachlass Bertrams. Seine ausgehenden Schreiben sind fast ausschließlich in seiner Handschrift erhalten, wobei es sich meistens, und bei lateinischen Schreiben durchweg, um Reinschriften des endgültigen Schreibens handelt, was die Gegenüberlieferung der Ausfertigungen in den weiteren Archiven ergab. Neben der umfangreichen Korrespondenz, die bereits wegen ihrer großen Dichte und Detailkenntnis auf die hohe Arbeitsleistung Bertrams schließen lässt, treten die umfangreichen Sammlungen von Zeitungsausschnitten mit Markierungen von Bertrams Hand. Aus den bereits bekannten Akten des Hildesheimer Generalvikariats im Bistumsarchiv Hildesheim (BAH) kann der Aufstieg Bertrams vom Studierenden der 86

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H. HÜRTEN (Bearb.), Akten; E. GATZ (Bearb.), Akten Fuldaer Bischofskonferenz III; B. STASIEWESKI, Akten I; L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I; L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten; A. KUPPER; E. PACELLI. E.R. HUBER / W. HUBER II-IV. S. WILK (Hrsg.), ANP, Bd. 57, 7. E. FATTORINI.

3. Quellenbericht

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Theologie bis zum Bischof von Hildesheim nachgezeichnet werden. Hierfür sind neben den einschlägigen Protokollen der Generalvikariatssitzungen oder dem Protokoll der Bischofswahl vor allem Bertrams Studienzeugnisse aus Würzburg und München sowie seine Schreiben aus seiner Studienzeit in Rom von Interesse. Für den Gewerkschaftsstreit sind in Hildesheim keine Akten überliefert. Die Bestände über die Verhandlungen im Herzogtum Braunschweig spiegeln den Kontakt des Bischofs auf der einen Seite mit dem Seelsorgeklerus und auf der anderen Seite mit dem Staatsministerium wider. Im Archivio Segreto di Vaticano (ASV), im Vatikanischen Geheimarchiv, sind die Akten aus dem Pontifikat Benedikts XV. (1914-1922) seit den 1990er Jahren für die wissenschaftliche Forschung frei zugänglich. Die für die Bertram-Forschung einschlägigen Bestände aus dem Münchener Nuntiaturarchiv sowie aus dem Archiv der Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten, der Zweiten Sektion des Päpstlichen Staatssekretariats, beispielsweise zu den Wahlen Bertrams zum Bischof von Hildesheim sowie zum Fürstbischof von Breslau, wurden jedoch bisher nicht ausgewertet. Für die Erforschung der Auseinandersetzungen um die Zukunft Oberschlesiens wurden zusätzlich die Warschauer Nuntiaturakten herangezogen. Im Jahr 2003 gab das ASV die Deutschland betreffenden Akten aus dem Pontifikat Papst Pius’ XI. (1922-1939) frei. Hierbei handelt es sich um die Bestände der Nuntiaturarchive aus München und Berlin sowie um die einschlägigen Akten aus dem Archiv der Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten des Staatssekretariats. Diese Akten wurden mit Blick auf Bertrams Handlungsmaxime in der Weimarer Republik sowie auf seinen Einfluss bei den Verhandlungen um die Neuregelung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, also in den Konkordatsfragen, durchgearbeitet. Insgesamt gestatten die vatikanischen Bestände einen Einblick in die Verwaltungsabläufe und Entscheidungsprozesse der römischen Kurie und hier vor allem in die Beziehungen zwischen dem Staatssekretariat und den Münchener und Berliner Nuntien, die als Schnittstelle zwischen dem Episkopat und dem Hl. Stuhl fungierten. Die Akten ermöglichen somit einen Blick aus vatikanischer Perspektive auf Bertram90. Im Bistumsarchiv Görlitz (BAG) liegt ein bisher ungeordneter Bestand über Bertram. Hierin findet sich neben zahlreichen Predigten und Ansprachen vor allem Material über die historiographische Aufarbeitung Bertrams in den letzten 60 Jahren. Hier konnten sowohl die Amtsblätter als auch die jährlich erscheinenden Handbücher des Bistums Breslau eingesehen werden. Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin (PA AA) werden – seit Jahrzehnten unbearbeitet – die Akten der deutschen Vatikangesandtschaft sowie des Auswärtigen Amts zur Fürstbischofswahl Bertrams aufbewahrt. Darüber 90

Zur Öffnung der Vatikanischen Archive siehe T. BRECHENMACHER, Teufelspakt; T. BRECHENMACHER, Reichskonkordatsakten; H. WOLF / K. UNTERBURGER.

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Einleitung

hinaus wurden weitere Bestände der deutschen Vatikangesandtschaft, z.B. zur Oberschlesienfrage, durchgearbeitet, wodurch die Dreieckskonstellation der Verhandlungen zwischen Bertram, dem Hl. Stuhl und dem Auswärtigen Amt rekonstruiert werden kann. Die meisten für den Untersuchungszeitraum relevanten Bestände des Preußischen Kultusministeriums sind nicht an das zuständige Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA PK) in Berlin abgeliefert und während des Zweiten Weltkrieges vernichtet worden, weshalb hier lediglich Akten zur Oberschlesienfrage eingesehen werden konnten. Die Recherche im Bundesarchiv Berlin (BArch) erzielte nur wenige Ergebnisse zum Preußenkonkordat sowie über die Beziehungen der Reichsregierung zum Fürstbistum Breslau aus den Beständen der Reichskanzlei sowie des späteren Reichsministeriums für kirchliche Angelegenheiten, das die relevanten Bestände des Reichsministeriums des Innern übernahm. Der Bischof und das Domkapitel von Hildesheim mussten die Kandidatenlisten zur Besetzung von vakanten Domvikar- und Domkapitularstellen von der preußischen Staatsregierung genehmigen lassen. Die einschlägigen Bestände des Hannoveraner Oberpräsidiums im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv Hannover (NHAH) liefern durch die zu diesem Zweck erstellten Gutachten über die Kandidaten bereits ab dem Jahr 1889 Beurteilungen des Hildesheimer Regierungssowie des Hannoveraner Oberpräsidiums über Bertrams politische Zuverlässigkeit. Aus den einschlägigen Akten des braunschweigischen Kultusministeriums sowie der Kreisdirektionen Wolfenbüttel, Helmstedt und Holzminden im Niedersächsischen Staatsarchiv Wolfenbüttel (StAW) konnten die Inhalte, der Verlauf sowie die Ergebnisse der Verhandlungen Bertrams mit der braunschweigischen Regierung rekonstruiert werden. Der Aufbau der vorliegenden Arbeit in vier Großkapitel lehnt sich an den Lebenslauf Bertrams an. In Kapitel I. werden Bertrams Schülerzeit in Hildesheim, seine Studienzeit in Würzburg, Innsbruck, München und Rom, seine Tätigkeit als Angestellter der Hildesheimer Diözesanverwaltung und schließlich sein Lebensabschnitt als Bischof von Hildesheim untersucht. Hier geht der Autor den Verhandlungen Bertrams mit dem bis dahin katholikenfeindlichen Herzogtum Braunschweig nach und stellt seine Position im Gewerkschaftsstreit vor. In Kapitel II. werden die Umstände von Bertrams umstrittener Wahl zum Fürstbischof von Breslau im Jahr 1914 sowie sein Verhalten während des Ersten Weltkriegs analysiert. Im umfangreichen Kapitel III. werden Bertrams Denken und Handeln in der Weimarer Republik am Beispiel von vier Themenkomplexen vorgestellt. Dabei wird der chronologische Gesamtaufbau der Arbeit zu Gunsten einer Darstellung in thematischen Sinneinheiten unterbrochen: die Revolution (1918/19), Bertrams kirchenpolitische Handlungsmaximen (1919-1930), die Oberschlesienfrage (1914-1925) sowie die Neuregelung des Verhältnisses zwischen Kirche und

3. Quellenbericht

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Staat (1919-1930). In Kapitel IV. wird der Frage nachgegangen, ob Bertrams ablehnende Stellungnahmen zum Nationalsozialismus zu Beginn der 1930er Jahre in einem Zusammenhang mit seinen Äußerungen zum Sozialismus, Bolschewismus und Kommunismus gesehen werden können. Darüber hinaus werden Bertrams Denken und Handeln in der Phase der so genannten »Machtergreifung« bis zum Abschluss des Reichskonkordats im Sommer 1933 untersucht. Es schließt sich ein knapper Ausblick auf Bertrams letzte Lebensjahre im nationalsozialistischen Deutschland bis zu seinem Tod am 6. Juli 1945 an. In Kapitel V. werden schließlich die weiter oben vorgestellten erkenntnisleitenden Fragen beantwortet.

I. ADOLF BERTRAM IN SEINER HILDESHEIMER ZEIT (1859-1914) 1. DER WEG ZUM BISCHOF a) Johann Adolf Bertram – Kindheit und Jugend in Hildesheim

Johann Adolph Bertram wurde am 14. März 1859 als Sohn des Witwers Johann Franz Bertram, Webermeister und Tuchladenbesitzer in Hildesheim, und dessen zweiter Frau, der aus Itzum stammenden Caroline Bertram, geb. Müller1, in Hildesheim geboren. Adolf wuchs, durch das »Leinen-, Betten- und Aussteuergeschäft« der Familie materiell abgesichert, gemeinsam mit zwei älteren Brüdern und zwei jüngeren Schwestern unweit des Domes und der Magdalenenkirche in Hildesheim auf2. Über dem Eingang seines Elternhauses, das beim Luftangriff auf Hildesheim am 22. März 1944 zerstört wurde, konnte man lesen: »Non habemus hic menentem civitatem, sed futuram inquirimus.« (Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die künftige.« Hebr. 13,14). Dieses Bibelzitat verweist auf die Integration der Familie Bertram im katholischen Milieu der Bischofsstadt Hildesheim, in der die Katholiken mit rund 30 Prozent der Einwohner die Minderheit stellten und in »ghettohafer Isolierung« lebten. Mutter Caroline war in verschiedenen karitativen Gruppierungen engagiert, Vater Franz ein entschiedener Anhänger der welfischen Partei3. Bertrams Wertschätzung für seine Eltern zeigt sich in seinem Abschiedshirtenbrief aus der Diözese Hildesheim aus dem Jahr 1914. Er dankte Gott dafür, dass er ihm »eine treu katholische Erziehung ... in einem elterlichen Hause [gegeben habe], wo Frömmigkeit mit Arbeitsamkeit und Einfachheit herrschte.«4 Seine Eltern besaßen für Bertram Vorbildcharakter. »Auf das Wirken der Eltern, auf das Beispiel von Vater und Mutter kommt zuletzt alles an. Das Elternhaus ist das stille Heiligtum, in dem die Entscheidung für die Zukunft liegt.«5 Die Mahnung seiner Eltern, sich vor der Erstkommunion gut vorzubereiten, prägte 1

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Johann Franz Bertram, geb. 11.7.1818, gest. 26.7.1890, Hochzeit am 29.3.1853 mit Caroline Müller, Wirtstochter aus Itzum, geb. 27.12.1829, gest. 25.11.1905. T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 236, Anm. 5. Franz Werner, geb. 17.4.1854; Johann Robert, geb. 27.12.1856, gest. 7.6.1871; Augustine Anne Maria, geb. 22.2.1861; Elisabeth Juliane, geb. 25.2.1863, siehe BAH – HM 14, Taufbuch St. Magdalenen. J. KÖHLER, Bertram-Bild, S. 10. Zur Entwicklung des Milieubegriffs siehe O. WEISS, Religiöse Geschichte, S. 299-304, hier 299 mit weiteren Literaturhinweisen. A. BERTRAM, Abschiedswort, S. 4. Ebd., S. 6. Ähnlich auch an anderer Stelle: »Das Ausschlaggebende ist der Charakter und das vom Opfersinn durchglühte Beispiel der Eltern und Erzieher.« A. BERTRAM, Jugendpflege im Lichte der katholischen Lebensauffassung, in: A. BERTRAM, Kirche und Volksleben, S. 271-307, hier 281.

1. Der Weg zum Bischof

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sich ihm fest ein: »Ich weiß das aus meiner eigenen Kindheit. Ich kann es nie vergessen.«6 Bertrams Fastenhirtenbrief des Jahres 1914 über den Sonntag lässt uns einen, wenn auch in den Dienst des Hirtenworts gestellten, Blick auf das Leben des jungen Bertram im Hause seiner Eltern werfen. Unter der Woche sei die Familie wegen »Arbeit und Erwerb« oft voneinander getrennt, doch der Sonntag gehöre »dem häuslichen Zusammensein«, er mache »wohltuende Familienfreude« möglich. »Familientag ist der Sonntag durch die traute Aussprache zwischen Eltern und Kindern ... Dann fühlt das Kind: heute ist mein Vater wirklich Vater, heute ist meine Mutter wirklich Mutter.«7 In seinem Fastenhirtenbrief des Jahres 1926 gewährt Bertram weitere Einsichten in das Familienleben im Hause Bertram, wenn er die Eltern auffordert, durch das Ehren der eigenen Eltern ein Vorbild für die Kinder zu sein. »Ehret, liebe Eltern, auch das Andenken eures eigenen Vaters und eurer eigenen Mutter. Als ich noch Kind war, nahm mein Vater uns öfters im Jahre am Sonntagnachmittag mit zum Grabe seiner eigenen Eltern, erzählte uns von ihrem Fleiße und ihrer religiösen Gesinnung; am Grabe der Großeltern beteten wir gemeinsam. Das prägt sich tiefer ein als eine Predigt. Dann lernen auch eure Kinder für Euch zu beten.«8

Nach dem Besuch der Volksschule in Hildesheim kam der junge Adolf Bertram im Jahr 1869 auf das traditionsreiche Hildesheimer Gymnasium Josephinum, aus dem der Großteil des späteren Hildesheimer Klerus und Episkopats rekrutiert wurde9. Sein älterer Bruder Franz Werner war seit 1863 am Josephinum, war jedoch weniger begabt als sein jüngerer Bruder und besuchte ab der Quarta den RealistenZweig. Nach der Ober-Sekunda verließ er 1869 die Schule. Ein Jahr zuvor war Robert, der zweitälteste der Bertram-Söhne, ins Josephinum eingetreten. Robert besuchte nur für zwei Jahre die Schule – er verstarb am 7. Juni 1871. Die Tatsache, dass die Bertrams durchweg den Höchstsatz des Schulgeldes für ihre Söhne zu zahlen hatten, lässt auf deren gesicherte Lebensverhältnisse schließen10. Adolf gehörte über die gesamte Schulzeit durchweg zu den besten Schülern seines Jahrgangs und das »trotz eines Sprachfehlers, der nach Erzählung von Mitschülern ihn im Unterricht fast vollständig von mündlichen Antworten und Mitarbeiten ausschloß.«11 Diese Schwäche konnte er durch exzellente schriftliche 6

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A. BERTRAM, Pädagogische Bedeutung des Dekrets über die Erstkommunion, in: Ebd., S. 89-117, hier 114. A. BERTRAM, Kampf um den Sonntag, in: Ebd., S. 155-188, hier 182 f. A. BERTRAM, Pietät gegen Gott, Eltern und Kirche vom 22.1.1926, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 86, S. 312-329, hier 325. B. GERLACH / H. SEELAND (Hrsg.); J. SEITERS (Hrsg.), Im Schatten; D. HOSEMANN / H. STRÜBER / H. NITSCHE (Hrsg.); G. HEIN / M. KRILLEKE (Hrsg.). Das Josephinum war personell stark mit dem Hildesheimer Domkapitel verknüpft. J. SEITERS, Josephinum, S. 37-57; T. SCHARF-WREDE, Hildesheimer Weltklerus, S. 402. BAH – Josephinum II, 16. Zum Schulgeld siehe B. GERLACH / H. SEELAND (Hrsg.) I, S. 227. B. GERLACH / H. SEELAND (Hrsg.) I, S. 162. Bertram hatte Schwierigkeiten bei der Aussprache der Buchstaben b und p. W. MARSCHALL, Geschichte, S. 153. Diese Schwäche – Kardinal Kopp nannte

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I. Adolf Bertram in seiner Hildesheimer Zeit (1859-1914)

Leistungen kompensieren. Im »Thesen« – im Erstellen von Abschlussarbeiten (»Kompositionen«) in den Schulfächern zum Ende eines jeden Schuljahres, in welchen Lehrsätze und Behauptungen von den Schülern verteidigt werden mussten – war Adolf oft der Beste. Innerhalb jeder Klasse wurde eine Rangliste erstellt und im Programm der Jahresabschlussfeier abgedruckt. Während Adolf in der Sekunda bei »nur« 15 der 20 »Kompositionen« den ersten Rang belegte – dazu zweimal den zweiten, und je einmal den dritten, vierten und sechsten Platz – war er ein Schuljahr später in der Unterprima in allen 17 Arbeiten der Klassenbeste. Die besten Schüler des »Thesens« wurden bei der Jahresabschlussfeier vor den Augen der Lehrer, der Eltern sowie des Bischofs von Hildesheim mit Prämien ausgezeichnet. Diese bestanden aus Klassikerausgaben oder Wörterbüchern, die für die kommenden Schuljahre genutzt werden sollten12. Georg Kopp, seinerzeit Generalvikar in Hildesheim und später Fürstbischof von Breslau, berichtete bei der Tischrede zu Bertrams Inthronisation als Bischof von Hildesheim im Jahre 1906 davon, dass der Schuljunge Adolf Bertram alljährlich einige Mühe gehabt habe, die vielen Prämien nach Hause zu tragen. »Wir Älteren erinnern uns noch gewiß der freudigen Bewegung, welche stets durch die Gymnasial-Aula zog, wenn es zum vierten, fünften und sechsten Male hieß: ›Das Prämium in dem und dem Fache erhält der Schüler A.B‹.«13 Offensichtlich waren die Bücher bei Bertram gut aufgehoben, denn – so Bekannte der Eltern – »wenn man Familie Bertram besuchte und nach ›Adolf‹ fragte, wurde meist gesagt: ›Er ist oben auf seinem Zimmer und studiert‹.«14 Neben seinen Eltern prägten den jungen Adolf vor allem seine Lehrer entscheidend, wofür er diesen zeitlebens dankbar blieb. »Wie viel verdanken wir, verdanke besonders auch ich selbst jenen tief religiösen Lehrern«, sagte er in seinem Antrittshirtenbrief in Hildesheim15. Besonders zu erwähnen sind hierbei seine Klassenlehrer Büsse (Sexta und Quinta), Beelte (Quarta und Untertertia), Wiecker (Obertertia), Kirchhoff (Sekunda), Voß (Unterprima) und Direktor Müller (Oberprima). Bertrams (kunst-)historisches Interesse wurde wahrscheinlich von mehreren Seiten stimuliert. Es ist anzunehmen, dass Otto Wiecker, der 1873/74 einen Aufsatz über die Bernwardsäule verfasste, in Bertram einen aufmerksamen Schüler hatte, schließlich sollte dieser später selbst wis-

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sie eine »kleine nervöse Störung« (Aktennotiz Regierungsrat Nobilings vom 8.1.1906, NHAH – Hann 122a 3754) – konnte Bertram nie gänzlich ablegen. »Erst im Laufe der Jahre hat er mit der ihm eigenen ungeheuren Energie die Hemmung fast ganz überwunden, so daß sie im Gespräch gar nicht, im öffentlichen Auftreten nur selten bemerkbar wurde.« H. JEDIN, Bertram, S. 13. B. GERLACH / H. SEELAND (Hrsg.) I, S. 231-240. Für die Schulzeit Bertrams sind keine dieser Ranglisten erhalten. Der neue Fürstbischof von Breslau, in: KV Nr. 478 vom 27.5.1914; B. GERLACH / H. SEELAND (Hrsg.) I, S. 162. F.-G. GANSE, Bertram, S. 532. A. BERTRAM, Ein dreifaches Band, S. 11. In seinem Abschiedshirtenbrief aus Hildesheim schrieb er: »Am Tage meiner Bischofsweihe und heute am Abschiedstage habe ich Euch gesagt, wie viel Dank und Liebe ich den Lehrern meiner eigenen Kindheit schulde.« A. BERTRAM, Abschiedswort, S. 7.

1. Der Weg zum Bischof

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senschaftliche Arbeiten zur Kunstgeschichte des Hildesheimer Doms vorlegen16. Auch von Direktor Joseph Godehard Müller, der für seine gelungenen Übersetzungen von Horaz- und Dantetexten bekannt war, werden Impulse ausgegangen sein. Mit seinem Firmpaten Christoph Beelte verband Bertram das heimatgeschichtliche Interesse17. Im August 1877 erwarb Bertram das Abitur mit Bestnoten18. Er hegte offensichtlich schon länger den Wunsch, Priester zu werden. Um ihm das notwendige Studium finanzieren zu können, nahmen seine Eltern eine Hypothek von bis zu 9000 Mark auf ihr Haus auf, die wahrscheinlich nicht nötig gewesen wäre, hätte Adolf seine Studien in Hildesheim absolvieren können19. Die philosophischtheologische Lehranstalt in Hildesheim war jedoch wegen des Kulturkampfes seit 1873 geschlossen, weshalb im Bistum Hildesheim keine Priesteramtskandidaten ausgebildet werden konnten. Auf einheitliches Anraten seiner Lehrer trat Bertram sein Theologiestudium nicht in Dillingen oder Münster, wohin der überwiegende Teil der Hildesheimer Diözesanen auswich, sondern in Würzburg an20. 16

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Siehe u.a. A. BERTRAM, Zwei Beichtstühle; A. BERTRAM, Inschriften. Für eine umfassende Zusammenstellung von Bertrams Schriften siehe R. SAMULSKI, Bibliographie; B. STASIEWSKI (Hrsg.), Leben und Wirken II: Schrifttum. Beelte verfasste u.a. einen Aufsatz über Thangmars »Vita Bernwardi«, neben Bischof Godehard die Lichtgestalt des mittelalterlichen Bistums Hildesheim. B. GERLACH / H. SEELAND (Hrsg.) I, S. 207209. In seinem Halbjahreszeugnis der Prima erhielt Adolf in vier Fächern die Note »recht gut« (Latein, Griechisch, Singen und Turnen) und in allen anderen Fächern (Betragen, Fleiß, Aufmerksamkeit, Religionslehre, Deutsch, Französisch, Englisch, Hebräisch, Mathematik, Physik, Geschichte und Geographie) ein »sehr gut«. Sein Abschlusszeugnis ist nicht überliefert. Bertrams Schulzeugnisse im Josephinum zeigen überdurchschnittliche Leistungen in allen Bereichen. In »Betragen«, »Fleiß« und »Aufmerksamkeit« bekam Bertram immer ein »sehr gut«, ansonsten findet man fast ausschließlich »recht gut«. Kleinere Schwächen hatte er im »Schönschreiben« – hier schwankten die Noten zwischen »befriedigend« und »nicht ganz befriedigend« – und in den ersten drei Schuljahren im »Singen« mit »befriedigend« und »nicht ganz befriedigend«, was bei seinem Sprachfehler nicht verwundert. Danach erlangte er ein »recht gut«, anscheinend konnte er seine Schwäche in zunehmenden Maße – wenigstens beim Singen – kontrollieren. Einen Zugang zur »Naturgeschichte« fand der junge Bertram erst nach eineinhalb Schuljahren – nach dem einzigen »unbefriedigend« in seiner ganzen Schullaufbahn – im zweiten Halbjahr der Tertia B mit einem »recht gut«. Bei »Schulbesuch« wurde stets »regelmäßig und pünktlich« vermerkt – besonders kränklich war der junge Bertram nicht, was aus der geringen Anzahl an Fehltagen hervorgeht. Im jeweils ersten Halbjahr der Quinta (13 ½ Tage), der Quarta (7 Tage) sowie der Tertia B (11 Tage) fehlte er für mehrere Tage, ansonsten versäumte er pro Halbjahr zwischen keinem und vier Tagen. Schulzeugnisse Adolf Bertram, AAW – IA 25 p21. Die Illustrierte Beilage zum Katholischen Sonntagsblatt Jg.11 (1914) vom 25.10.1914 wusste in ihrem Leitartikel anlässlich der Inthronisation Bertrams zum Fürstbischof von Breslau zu berichten: »Schon in den letzten Jahren seines Gymnasialstudiums hatte der Wunsch, Priester zu werden, im jugendlich begeisterten Herzen Wurzel gefaßt.« Bertrams Kommentar nach seiner Priesterweihe 1881 lässt ähnliche Schlüsse zu: »Ich freue mich, daß ich jetzt unlösbar mit der Kirche verbunden bin, und meine Sehnsucht nach endgiltiger Entscheidung des Berufes nunmehr erfüllt ist.« Bertram an Kopp vom 27.4.1881. BAH – Personalakte Bertram (Allgemeine Angelegenheiten PA-PE 127), f. 8r. Bertram übernahm im Jahr 1885 die Hypothek auf das Elternhaus, Ebd., f. 30r-v. T. SCHARF-WREDE, Hildesheimer Weltklerus, S. 403.

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I. Adolf Bertram in seiner Hildesheimer Zeit (1859-1914)

Im 19. Jahrhundert waren sowohl die hannoversche Regierung als auch die Bischöfe von Hildesheim »um ein gedeihliches miteinander« bemüht21. Die Eingliederung des Königreiches Hannover in den Norddeutschen Bund nach der Annexion durch Preußen im Jahr 1866 wurde von den meisten Katholiken, die eine großdeutsche Lösung mit dem katholischen Österreich bevorzugt hätten, abgelehnt, da sie durch die kleindeutsche Lösung in eine Minderheitensituation gerieten. Darüber hinaus blieben viele Katholiken, darunter auch Bertrams Vater, weiterhin dem welfischen Königshaus treu ergeben und befürchteten von der preußischen Annexion wirtschaftliche Nachteile22. Die Diözesanverwaltung in Hildesheim erkannte die neue politische Ordnung nach 1866 umgehend an und arbeitete eng mit den preußischen Behörden zusammen. Bischof Wilhelm Sommerwerck, gen. Jacobi, verhielt sich aus Überzeugung dem neuen Deutschen Reich gegenüber loyal. Er lehnte auch im Verlauf des Kulturkampfes die Reichsverfassung nicht ab und versuchte, Härten in der Auseinandersetzung mit dem Staat zu vermeiden. Er stand damit in der Tradition der guten Beziehungen, welche die Diözese Hildesheim mit der hannoverschen Regierung pflegte. Dies führte zusammen mit der toleranten Haltung des hannoverschen Oberpräsidenten Eulenburg, der genauso wie Sommerwerck bereit war, der Gegenseite soweit wie möglich entgegenzukommen, dazu, dass die Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche im Bistum Hildesheim vergleichsweise moderat geführt wurde23. Der Kulturkampf, in Bertrams Worten »einer der härtesten Stürme, welchen die katholische Kirche in Preussen erlebt hatte«24, war nach Rudolf Lill eine »Modernisierungskrise« und eine der »Kulminationsphasen im langen Prozess der Säkularisierung«25. Reichsgesetze und vor allem preußische Gesetze schränkten den kirchlichen Wirkungsbereich Anfang der 1870er Jahre immer weiter ein. Nach der Ausweisung der ordensgeistlichen Lehrkräfte im Juni 1872, die die betroffenen Gemeinden finanziell stark belastete26, war die zweite bedeutende Auswirkung des Kulturkampfes auf die Diözese Hildesheim die Schließung der theologischphilosophischen Lehranstalt in Hildesheim im Dezember 1873, da Bischof Sommerwerck die staatliche Revision derselben nicht zuließ27. Wegen der maigesetzwidrigen Nichtbesetzung vakanter Stellen wurde Bischof Sommerwerck mehrfach zu Geldstrafen verurteilt, doch sah man von 21 22 23

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T. SCHARF-WREDE, 19. Jahrhundert, S. 17. H.-G. ASCHOFF, Welfische Bewegung. A. BERTRAM, Bischöfe, S. 310. Zum Verlauf des Kulturkampfs im Bistum Hildesheim siehe Ebd., S. 311-318; E. GATZ, Bischöfliche Einheitsfront; H.-G. ASCHOFF, Kulturkampf, S. 32-45. A. BERTRAM, Bischöfe, S. 311. R. LILL (Hrsg.), Kulturkampf, S. 10 f. Die Ursachen für den Kulturkampf waren vielfältig und gleichen einem komplexen »Webmuster, wie ein persischer Teppich«. L. ANDERSON, Liberale, S. 110. E.R. HUBER / W. HUBER II, Nr. 259, S. 544f; H.-G. ASCHOFF, Kulturkampf, S. 37. E.R. HUBER / W. HUBER II, Nr. 279, S. 594-599; H.-G. ASCHOFF, Kulturkampf, S. 35 f.

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einer Inhaftierung oder gar Amtsenthebung ab, da der Bischof den Konflikt nicht aktiv schürte28. Im Gegenteil, er forderte seine Diözesanen sogar zum Gehorsam gegenüber den Gesetzen der weltlichen Obrigkeit auf und vermied jegliche Agitation gegen den Staat. Insgesamt verwaisten durch die Kulturkampfmaßnahmen rund ein Drittel der Pfarrstellen des Bistums Hildesheim29. In seiner Darstellung über die Bischöfe von Hildesheim resümierte Bertram den Interessenkonflikt der bischöflichen Kurie im Kulturkampf mit den Worten: »Die durch die Gesetze geschaffene Lage wurde von Jahr zu Jahr schwieriger und unsicherer; dazu kam der stete Conflict mit den Pflichten, einerseits die kirchlichen Rechte mit allen zulässigen Mitteln zu vertheidigen, andererseits durch umsichtige Vermeidung neuer Differenzen das Diaspora-Bisthum vor schärferen Zwangsmassregeln, soweit möglich, sicherzustellen.«30 Der Vertrauensverlust der Katholiken in die Staatsregierung sei »eine der schmerzlichsten Folgen [des Kulturkampfes] in den Augen eines Jeden [gewesen], der es ernst meint mit St. Pauli Wort über die Ehrfurcht gegen die von Gott gesetzte Gewalt.«31 Nach zehn Jahren wurde der »Kampf ohne Sieger oder Besiegte« Anfang der 1880er Jahre durch direkte Verhandlungen zwischen dem Hl. Stuhl und der Reichsregierung abgebrochen32. Nach den Milderungsgesetzen von 1880, 1882 und 1883, durch die die Maigesetze im Einzelfall ausgesetzt werden konnten, beendeten die Friedensgesetze von 1886 und 1887 endgültig den Kulturkampf33. Wichtigster Unterhändler auf kirchlicher Seite war dabei der ehemalige Generalvikar von Hildesheim, Georg Kopp. Er hatte ebenso wie Sommerwerck und Bertram das Josephinum in Hildesheim besucht und studierte nach kurzer Tätigkeit bei der hannoverschen Eisenbahn Theologie in Hildesheim. 1865 trat er ins Hildesheimer Generalvikariat ein und wurde 1872 Generalvikar34. Zwischen Bischof Sommerwerck und Kopp entwickelte sich im Laufe der Jahre eine Art »Vater-Sohn-Beziehung«. Sie hatten nicht nur identische kirchenpolitische Vorstellungen, was dadurch zum Ausdruck kam, dass Sommerwerck sich bei den Fuldaer Bischofskonferenzen von Kopp vertreten ließ, sondern sie verbrachten auch den jährlichen Sommerurlaub gemeinsam. Kopp unterstütze den staatsfreundlichen Kurs des Hildesheimer Bischofs maßgeblich und er war bereit, den staatlichen Interessen »soweit entgegenzukommen, wie es für einen an verantwortlicher Stelle stehenden Geistlichen im Hinblick auf seine Verpflichtung,

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Ebd., S. 42; T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 202. T. SCHARF-WREDE, 19. Jahrhundert, S. 30 f. A. BERTRAM, Bischöfe, S. 314. Ebd., S. 316. R. LILL (Hrsg.), Kulturkampf, S. 24. Siehe die einschlägigen Dokumente bei E.R. HUBER / W. HUBER II sowie bei H.-G. ASCHOFF, Kopp, S. 52-56. R. MORSEY, Kirchenfürst; R. MORSEY, Kopp; H.-G. ASCHOFF, Kopp; F. SCHOLZ.

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I. Adolf Bertram in seiner Hildesheimer Zeit (1859-1914)

kirchliche Interessen zu wahren, überhaupt möglich war.«35 Nach Abschluss der Friedensgesetze wurde das Domkapitel in Hildesheim restauriert, das Priesterseminar wieder geöffnet und die vakanten Pfarreien wurden neu besetzt. Bischof Sommerwerck wurde 1901 aufgrund seiner staatsfreundlichen Haltung ins preußische Herrenhaus berufen36. Auf Grund seiner »Staatstreue« erlangte auch die »versöhnliche Natur« Kopp, der seine »patriotischen Empfindungen« nicht verschwieg37, das Vertrauen der preußischen Regierung. Deshalb schlug sie ihn, nachdem durch das 1. Milderungsgesetz die Wiederbesetzung der Bischofsstühle ermöglicht worden war, beim Hl. Stuhl als Bischof von Fulda vor – am 27. Dezember 1881 wurde Kopp von Sommerwerck zum Bischof geweiht38. Als Oberhirte von Fulda, so kündigte Kopp in seinem Antrittshirtenbrief an, wolle er das Zusammenwirken von »Staat und Kirche« – man beachte die Reihenfolge! – »zum Segen und zur Beglückung des christlichen [und nicht nur des katholischen] Volkes« fördern. Kopps Beitrag zum »schrittweisen Abbau der Kulturkampfmaßnahmen« ist kaum hoch genug einzuschätzen39. Vorsichtig tastete er bei Bismarck und der preußischen Regierung auf der einen und beim Hl. Stuhl auf der anderen Seite die Grenzen der Konzessionsbereitschaft ab. Wurde Kopp von katholischer Seite der Vorwurf des »Staatskatholiken« gemacht, war seine »rückhaltslose Bejahung des Hohenzollernreichs« aber auch ein »weithin sichtbares Vorbild und Beispiel« für die Integration der Katholiken in das Kaiserreich40. Von den Verfechtern eines scharfen Kulturkampfs auf der Regierungsseite wurde Kopp ebenso argwöhnisch betrachtet. Dennoch erwarb er sich »bei der preußischen Staatsregierung ein Vertrauenskapital ..., das allen Belastungen der folgenden Jahre standhielt und der Sicherung des kirchlichen Friedens zugute kam.«41 Bischof Kopp wurde 1887 – auf Wunsch der preußischen Regierung – nach Breslau transferiert, wodurch er den zweithöchsten deutschen Bischofsrang erhielt. Als Fürstbischof von Breslau wurde er 1893 in den Kardinalsrang erhoben, im Jahr 1900 übernahm er den Vorsitz der Fuldaer Bischofskonferenz und 1906 wurde er von Kaiser Wilhelm II. nobilitiert42. Kardinal Kopp war in den beiden Jahrzehnten um die Jahrhundertwende zweifelsohne der einflussreichste unter den deutschen Bischöfen. Am 4. März 1914 verstarb er – mittlerweile durch seine Haltung im Gewerkschaftsstreit isoliert – unerwartet.

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H.-G. ASCHOFF, Kulturkampf, S. 31; ebenso H.-G. ASCHOFF, Kopp, S. 32. T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 307-334. R. MORSEY, Kirchenfürst, S. 45. Zur Wahl Kopps zum Bischof von Fulda siehe H.-G. ASCHOFF, Kopp, S. 39 f. R. MORSEY, Kopp, S. 45. R. MORSEY, Katholiken, S. 47. R. MORSEY, Kopp, S. 47. M. HIRSCHFELD, Auseinandersetzung.

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Georg Kopp, klein von Gestalt und nicht frei von Eitelkeit, besaß einen starken Willen und einen ausgeprägten Ehrgeiz und war trotz seiner niederen Herkunft eine aristokratische Natur. Als Fürstbischof von Breslau trat er entsprechend standesgemäß auf, auch wenn seine privaten Lebensgewohnheiten bescheiden blieben. Kopp behielt sich alle wichtigen Entscheidungen in der Diözese selbst vor und duldete keine starken Führungspersönlichkeiten neben und unter sich, was zu dem geflügelten Wort führte: »Ich bin der Herr, dein Kopp, du sollst keine andern Köppe neben mir haben«. Es lassen sich zwei Grundelemente des Kopp’schen Denkens und Handelns erkennen. Zum einen wollte er einen Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten vermeiden. Zum anderen vertrat er die Auffassung, dass die Kirche ihre genuine Aufgabe am besten erfülle, wenn sie in einem friedlichen Verhältnis, v.a. mit dem Staat, aber auch mit anderen Nationen und Konfessionen stand. Konfliktfälle passten nicht in dieses Schema und sollten vermieden werden, weshalb er sich um persönliche Kontakte mit der Reichsführung bemühte – die Position des Vatikans war ihm durch seinen dortigen Vertrauten stets bekannt. b) Studium der Theologie

In Würzburg, wo Bertram zum Wintersemester 1877/78 immatrikuliert wurde, kamen in den 1870er Jahren Theologiestudierende aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zusammen, deren heimatliche theologische Lehranstalten wegen des Kulturkampfs geschlossen worden waren43. Bertram erkannte nach dem Studium, als er für die Ausbildung der Theologiestudierenden der Diözese Hildesheim verantwortlich war, die große Bedeutung, die die Hochschullehrer für die weitere Entwicklung ihrer Studierenden besaßen, weswegen von einem hohen Einfluss seiner akademischen Lehrer auf ihn auszugehen ist44. Die Theologische Fakultät in Würzburg hatte in strengkirchlichen Kreisen einen guten Ruf, wenn auch der Einfluss der »Römischen Theologie« in den 1870er Jahren zurückgegangen war. Bertram belegte unter anderem bei Professor Joseph Hergenröther Vorlesungen zur Kirchengeschichte und bei Professor Franz Seraph Hettinger Vorlesungen zur Dogmatik, in insgesamt fünf Semestern zur Homiletik sowie auch dessen »Glanzkolleg«, die Apologetik45. Als akademischer Lehrer 43

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K. GANZER, Würzburg; K. GANZER, Theologische Fakultät, S. 546-549, 570-573. 1877 waren neben 45 bayerischen auch 107 nichtbayerische, darunter 70 preußische Studierende an der Theologischen Fakultät in Würzburg immatrikuliert. M. WEITLAUF, Hergenröther, S. 533. Für eine kurze Übersicht über spätere Bischöfe und Professoren, die in den 1870er Jahren und der ersten Hälfte der 1880er Jahre in Würzburg studierten, siehe J. KIRSCHKAMP, S. 38-40. »Dadurch gestaltet sich der Einfluß des akademischen Lehrers zu einer Tiefe, die weder dem Lehrer noch dem Schüler in den ersten Jahren klar ist.« Bertram an Margreth vom 9.1.1903, zit. nach G. MAY, Domkapitular, S. 138. F. KAUFMANN, S. 4, 13. Abgangszeugnis der Julius-Maximilians Universität Würzburg für Adolf Bertram vom 30.10.1879, BAH – Personalakte Adolf Bertram (Allgemeine Angelegenheiten PA-PE

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I. Adolf Bertram in seiner Hildesheimer Zeit (1859-1914)

konnte Hergenröther nicht überzeugen. Zwar wurde seine große Sachkenntnis anerkannt, doch waren seine Vorlesungen langatmig und sein Vortragsstil schleppend. Anders hingegen Hettinger, den Bertram zeitlebens als Vorbild eines akademischen Lehrers ansah, und von dem er stärker beeinflusst wurde46: »Eine volle Manneskraft, gründliche theologische, sowie vielseitige allgemeine Bildung, reges geistiges Streben, wissenschaftliche Rührigkeit und einen offenen Blick für alle wichtigen Erscheinungen auf dem Gebiete des geistigen Lebens.« Jenes forderte Hettinger sowohl von den Studierenden als auch von den Lehrenden der Apologetik. »Der beste Lehrer wird aber Jener sein, der mit Scharfsinn und umfassender Erudition eine gewisse Wärme des Gemütes und Vortrages verbindet.«47 Hettinger vermittelte seinen Studierenden das, wonach er selbst als Student in Deutschland gesucht und was er schließlich in Rom gefunden hatte: »eine klare Weltanschauung, in welcher Vernunft und Offenbarung, Glauben und Wissen, Philosophie und Theologie zu einem reinen, wohlgestimmten Akkorde zusammenklingen.«48 Zwei Wesenszüge Hettingers finden sich später auch bei Bertram wieder: ein gewisses Streben nach Harmonie sowie nach autoritärer Ordnung49. Nicht nur Hettinger pflegte einen freundschaftlichen Umgang mit den Studierenden, lud sie zum Tee oder zu Spaziergängen ein, sondern auch Professor Franz Adam Göpfert, bei dem Bertram u.a. Moraltheologie und Katechetik hörte50. Göpfert habe sich als ein »bei der akademischen Jugend beliebter Lehrer erwiesen« hieß es anlässlich seiner Beförderung zum ordentlichen Professor 188351, was die Worte Bertrams bestätigen. »Noch heute amüsiert mich so mancher mit herzlichem Lachen von Prof. Göpfert in Würzburg auf Spaziergängen den ihm näher stehenden Studierenden gegebene Wink und Hieb, der besser saß, als spätere Seminar-Exhorten.«52 Bertram selbst wurde immer wieder ein ausgesprochener Sinn für Humor nachgesagt, der, »besonders da, wo er Eitelkeit witterte«, zu Spott werden konnte und pädagogisch wirken sollte53.

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127), f. 23r-24r; Abgangszeugnis der Julius-Maximilians Universität Würzburg für Adolf Bertram vom 19.9.1881, Ebd., f. 26r-v. »Kardinal Bertram, der wenig von sich erzählte, wurde jedes Mal lebendig, wenn die Sprache auf Hettinger kam, den er hoch verehrte. Er war ihm zeitlebens das Vorbild des Professors, der zugleich Gelehrter und liebevoller Erzieher war.« E. KLEINEIDAM, S. 83. E. BISER, S. 417. M. WEITLAUF, Hergenröther, S. 476. E. BISER, S. 423, 429. Abgangszeugnis der Julius-Maximilians Universität Würzburg für Adolf Bertram vom 19.9.1881, BAH – Personalakte Bertram (Allgemeine Angelegenheiten PA-PE 127), f. 26r-v. V. WEBER, S. 178. G. MAY, Domkapitular, S. 152. Zwischen diesen Spaziergängen Hettingers und Göpferts mit ihren Studenten und den »Plauderstunden«, die Bertram mit den Alumnen des Priesterseminars vor deren Weihe hielt und in denen er ein enges Verhältnis zu seinen späteren Priestern aufbaute, besteht eine auffällige Parallele. A. BERTRAM, Charismen, S.VI; A. LEUGERS, Mauer, S. 26 f. H. JEDIN, Bertram, S. 15. Siehe stellvertretend J. KAPS (Hrsg.), Erinnerungen; K. ENGELBERT, Anekdoten.

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Auf Anraten Hettingers schloss sich Bertram dem katholischen Studentenverband Unitas an, in den er am 12. November 1877 einstimmig aufgenommen wurde54. Neben Hettinger, Hergenröther und Göpfert waren auch die Professoren Jakob Kirschkamp, Heinrich Kihn und Joseph Nirschl – allesamt ebenfalls akademische Lehrer Bertrams in Würzburg – Unitarier. Bertram war hier der Jüngste, erwarb sich jedoch schnell sowohl wegen seines Intellekts und Fleißes als auch wegen seiner freundlichen Umgangsformen den Respekt seiner Vereinsbrüder55. Unter diesen waren andere junge Männer, die – ähnlich wie Bertram – später kirchliche Würdenträger werden sollten: Anton Bonaventura Jegli´c, der spätere Fürstbischof von Laibach, oder Aloys Schaefer, Mitbegründer der Würzburger Unitas und späterer Apostolischer Vikar von Sachsen und der Lausitz. Der spätere Universitätsprofessor und Reichstagsabgeordnete Franz Hitze war ebenfalls zur gleichen Zeit Würzburger Unitarier und freundschaftlich mit Bertram verbunden. Bertram trat dem karitativen Vinzenzverein in der St. Petersgemeinde in Würzburg bei »und nahm es mit der Vinzenzarbeit sehr genau.« Doch auch die geselligen Seiten des Vereinslebens schätzte er und er war für seine Scherze bekannt56. Franz Georg Ganse berichtete, dass Bertram »gelegentlich – freilich sehr selten und meistens auf längerer Bahnfahrt – auch von dieser Seite seiner studentischen Jugendzeit« erzählte und, »wenn er mit seiner Begleitung allein im Abteil saß, mit seiner feinen und leisen Stimme das eine oder andere Studentenlied vor[sang].«57 Bertram wurde für das Wintersemester 1879/80, nachdem er das vorherige Semester bereits Schriftführer war, zum Präses der Unitas gewählt, doch konnte er dieses Amt nicht antreten, da er ein Zwischensemester an der Königlich Bayerischen Maximilians-Universität München einlegte58. Die Wahl zum Präses lässt darauf schließen, dass das Zwischensemester in München nicht langfristig geplant war. Von wem die Initiative dazu ausging, lässt sich aus den vorhandenen Akten nicht erkennen. In München hörte Bertram bei Professor Isidor Silbernagl Vorlesungen in Kirchenrecht und Kirchengeschichte sowie bei Professor Johann Baptist Wirthmüller in Moraltheologie über die Lehre des heiligen Thomas.59 Über Wirthmüller urteilte Bertram wenig freundlich. Zwar empfahl er das Studi54

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A. BERTRAM, Amicitia, Leitstern in St. Berwards Wirken. Festrede, gehalten in der Generalversammlung des Katholischen Studentenverbandes ›Unitas‹ zu Hildesheim, Pfingsten 1913, S. 1, BAG – Bertram, Predigten und Ansprachen 1906-1935. Maschinengeschrieben [Ordner]. Siehe auch P. J. HASENBERG (Hrsg.), 125 Jahre, S. 41-46. NN, Zur Fürstbischofs-Wahl, S. 2. Unter den Unitariern erwarb sich Bertram den Spitznamen »Pyrrho«, was möglicherweise ein Verweis auf den griechischen Philosophen Pyrrhon von Elis (365-275 v. Chr.) und somit auf die philosophischen Interessen und Fähigkeiten Bertrams war. L.-M. GÜNTHER; D. KIENAST. Zu Bertrams Spitznamen siehe die einzigen drei erhaltenen Schreiben Bertrams im Unitas-Archiv Würzburg, in: G. KEIL / H. UNVERRICHT (Hrsg.), Nr. 1-3, S. 117-119. NN, Zur Fürstbischofs-Wahl, S. 2. F.-G. GANSE, Bertram, S. 532. G. SCHWAIGER. Abgangszeugnis der Königlich Bayerischen Maximilians-Universität München für Adolf Bertram vom 16.4.1880, BAH – Personalakte Adolf Bertram (Allgemeine Angelegenheiten PA-PE 127), f. 25r-v.

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um des hl. Thomas, aber nicht nach der Methode Wirthmüllers, »der Wort für Wort durchkaute, bis uns alles vor Langeweile ekelte, sondern in etwas freierer Weise durch Verweilen beim ganzen Bau der Ideenwelt des hl. Thomas und klarer Durchsprache des ›corpus‹ jedes Artikels, mit Rücksichtnahme auf die Entgleisungen der späteren Zeit«, so wie es Hettinger getan hatte60. Zurück in Würzburg wurde Bertram erneut zum Präses der Unitas gewählt »und er leitete den Verein trotz seiner eifrigen Studien aufs Vortrefflichste.«61 Er legte ein exzellentes Examen ab und da er in seinen Abgangszeugnissen in München und Würzburg jeweils ein »klagefreies Verhalten« attestiert bekam62, stand der Weihe zum Subdiakon am 24. April 1881 und zwei Tage später zum Diakon nichts im Wege63. Bertram teilte Generalvikar Kopp in Hildesheim, der die Theologiestudierenden außerhalb der Diözese betreute, mit: »Ich freue mich, daß ich jetzt unlösbar mit der Kirche verbunden bin, und meine Sehnsucht nach endgiltiger Entscheidung des Berufes nunmehr erfüllt ist.«64 Bertrams Priesterweihe erfolgte am 31. Juli 1881 durch Bischof Stein von Würzburg. Seine Primiz feierte der junge Priester eine Woche später am 7. August in seiner Taufkirche St. Magdalenen in Hildesheim65. Bertram bat Bischof Sommerwerk seine wissenschaftliche Ausbildung fortführen zu dürfen und wechselte für seine Promotion zu den Jesuiten nach Innsbruck66. An der strengkirchlichen Universität erstellte er binnen eines Jahres eine Dissertation über Theodoret von Cyrus, die er im Sommer 1882 in Würzburg einreichte und die mit summa cum laude bewertet wurde67. Bereits im Februar 1882 schlug Sommerwerck Bertram vor, seine Studien an der deutschen Natio60 61 62

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Bertram an Margreth vom 9.1.1903, zit. nach G. MAY, Domkapitular, S. 138. NN, Zur Fürstbischofs-Wahl, S. 3. Abgangszeugnis der Julius-Maximilians Universität Würzburg für Adolf Bertram vom 30.10.1879, BAH – Personalakte Adolf Bertram (Allgemeine Angelegenheiten PA-PE 127), f. 23r; Abgangszeugnis der Königlich Bayerischen Maximilians-Universität München für Adolf Bertram vom 16.4.1880, Ebd., f. 25r; Abgangszeugnis der Julius-Maximilians Universität Würzburg für Adolf Bertram vom 19.9.1881, Ebd., f. 26r. A. WENDEHORST, S. 65 zeigt einen Auszug aus den Würzburger Weihematrikeln des Jahres 1881, in dem auch die vier niederen Weihen für Adolf Bertram am 27.2.1881 aufgelistet sind. Seine erste Tonsur erhielt Bertram am 14.11.1880. »Blätterten wir weiter in der Matrikel, so fänden wir auch noch die Einträge für die drei höheren Weihen des späteren Kardinals (24.4.1881 Subdiakon, 26.4.1881 Diakon, 31.7.1881 Priester).« Ebd., S. 64. Bertram an Kopp vom 27.4.1881, BAH – Personalakte Adolf Bertram (Allgemeine Angelegenheiten PA-PE 127), f. 8r. Als Fürstbischof schrieb Bertram: »Denke ich an meine eigene Kindheit und Jugendzeit, nichts in der Welt würde ich eintauschen für jene Freude, die ... am Tage der Priesterweihe mich als süßes Geheimnis durchdrang.« A. BERTRAM, Jesu Sendung als Arzt der Menschheit vom 22.1.1933, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 130, S. 493-505, hier 504. Bertram an Sommerwerck vom 21.2.1882, BAH – Personalakte Adolf Bertram (Allgemeine Angelegenheiten PA-PE 127), f. 12r. Zur strengkirchlichen Ausrichtung der Universität Innsbruck siehe E. GATZ / J. GELMI, Innsbruck, S. 104. A. BERTRAM, Theodoreti. Siehe das Gutachten zur Erlangung der kirchlichen Druckerlaubnis von Prof. Dr. Thomas Wiederholt, BAH – Personalakte Adolf Bertram (Allgemeine Angelegenheiten PA-PE 127), f. 9r.

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nalstiftung Santa Maria dell’Anima in Rom fortzusetzen68. Bertram folgte dem Wunsch seines Bischofs und führte seine Ausbildung im Zentrum des weltweiten Katholizismus fort, um »die theologischen Fächer besser oder vollkommener ... erlernen und [um] die kirchliche Geschäftspraxis beim Heiligen Stuhl, dem Lehrer der Religion, kennen [lernen] und erlangen« zu können. Von dort aus sollte der junge Priester »sowohl die Methode der römischen Kurie als auch die Disziplin und den wahren Sinn der heiligen Wissenschaft in seine Diözese« übertragen69. Bertram berichtete seinem ehemaligen Lehrer und Direktor des Josephinums, Domkapitular Müller, mit Begeisterung von seinen Studien in der Ewigen Stadt. »Meine Stellung an der Anima ist in jeder Hinsicht eine sehr günstige«, sowohl was die vita communis mit den Kaplänen als auch was die anderweitigen Verpflichtungen anginge. Das Empfehlungsschreiben Bischof Sommerwercks zeige »hinsichtlich der Wohnung und anderer Verhältnisse« offenbar seine Wirkung. Das Hildesheimer Domkapitel nahm, wahrscheinlich mit Blick auf die zukünftige Tätigkeit Bertrams in der Diözese, Einfluss auf die Inhalte von Bertrams Studien. »Ihren Weisungen gemäß, studiere ich Ius canonicum, und zwar in der juristischen Fakultät des Collegium Germanicum; dieselbe ist von Dr. Hergenröther, dem Bruder des Kardinals, mir mehr, als die Fakultät von S. Apollinare empfohlen worden.« Die nähere Beschäftigung mit dem Kirchenrecht bereite ihm große Freude. »Andere Kollegien denke ich jetzt nicht zu besuchen, sondern die übrige Zeit zur Vollendung der Dissertatio inauguralis und zum Studium von Rom zu benutzen ... denn täglich sehe ich mehr ein, wie viel Anregendes Rom in Hinsicht auf Studium, theologische Ausbildung und Erbauung bietet.«70 Während seines zweijährigen Aufenthalts in Rom machte Bertram seine einzigen Erfahrungen in der praktischen Seelsorge als Kaplan für die Deutschen in Rom sowie für die zahlreichen deutschen Pilger. Auch konnte er durch die Ausarbeitung einer Eingabe für den Hl. Stuhl über die Mischehenproblematik in der Hildesheimer Diasporadiözese erste diplomatische Erfahrungen mit der römischen Kurie sammeln71. Später als Fürstbischof von Breslau wies Bertram das preußische Kultusministerium auf die Bedeutung hin, die die Priesterausbildung in Rom auch für die preußische Regierung habe. Diese dränge schließlich seit Jahrzehnten darauf, »daß deutsche Geistliche mehr als seither in Rom anwesend oder auch in Stellungen beamtet sind. Das ist von heute auf morgen nicht zu erzielen. Die Vertrautheit mit den römischen Verhältnissen wird am besten gewonnen, wenn Geistliche in jüngerem 68 69

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Sommerwerck an Bertram vom 28.2.1882, Ebd., f. 13r. So formulierte das päpstliche Breve vom 15.3.1859 das Ziel des römischen Aufenthalts der jungen Priester in der Anima. J. SCHMIDLIN, Geschichte, S. 765. Siehe auch A. HUDAL; J. LENZENWEGER; G. KNOPP / W. HANSMANN; A. REHBERG. Bertram an Müller vom 29.12.1882, BAH – Personalakte Adolf Bertram (Allgemeine Angelegenheiten PA-PE 127); Empfehlungsschreiben Sommerwercks an Bertram vom 6.11.1882, Ebd. T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 240 f. Zum Germanicum siehe P. SCHMIDT. T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 241.

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I. Adolf Bertram in seiner Hildesheimer Zeit (1859-1914) Alter zu weiterer Ausbildung und Schulung längere Zeit in Rom sind. Als ehemaliger Kaplan der Anima in Rom spreche ich aus Erfahrung.«72

In Rom schloss Bertram am 30. Juni 1884 seine theologische Ausbildung mit der Doktorwürde des Kirchenrechts ab und kehrte in seine Heimatdiözese zurück. In der Finalrelation über seine Tätigkeit als Nuntius in Deutschland urteilte der spätere Papst Pius XII., Eugenio Pacelli, vernichtend über die theologische Ausbildung Bertrams. Für Pacelli war »nur römische Theologie wirklich rechtgläubige Theologie« und er kritisierte gerade diejenigen deutschen Bischöfe, die ihr Studium an katholisch-theologischen Fakultäten staatlicher Universitäten absolviert hatten73. Der scheidende Nuntius sah in Bertrams theologischer Ausbildung »Unzulänglichkeiten«, da der Breslauer Fürstbischof »in der Verteidigung des Glaubens gegen die modernen Irrlehren ... sich nicht selten ... seiner Aufgabe [als] nicht gewachsen gezeigt« habe74. Aus der schlechten theologischen Bildung an nichtrömischen Hochschulen resultierte nach Pacellis Auffassung eine mangelnde »›Ergebenheit bzw. Anhänglichkeit‹ gegenüber dem Hl. Stuhl« und gegenüber dessen Vertreter vor Ort, dem Apostolischen Nuntius, was »das wichtigste Beurteilungskriterium für den deutschen Episkopat überhaupt« war75. Bei Pacellis Kritik fällt auf, dass er die tatsächliche theologische Ausbildung Bertrams im Gegensatz zu den Beurteilungen anderer Bischöfe, deren positive Eigenschaften er herausstellen wollte, einfach übergeht. So erwähnt er ausdrücklich die Kaplanszeit Bischof Kilians von Limburg an der Anima in Rom oder das Studium der Bischöfe Hugo von Mainz und Schreiber von Meißen und später von Berlin am Collegium Germanicum76. Auch die Ausbildungsstätten der Jesuiten, darunter die Universität Innsbruck, lobt Pacelli als in allen Bereichen positiv77. Dass Bertram auch an diesen Orten, also durchaus »ultramontan«, ausgebildet wurde78, übersieht Pacelli geflissentlich, da es nicht in seine Argumentationslinie passt. Die Gründe für Pacellis scharfe Kritik an Bertram lassen sich in dessen Haltung im Fall des Breslauer Theologieprofessors Joseph Wittig als auch in Differenzen zwischen Nuntius und Bischof bei den Verhandlungen um das Preußenkonkordat suchen79. 72

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Bertram an Haenisch vom 15.2.1920, GStA PK – I. HA Rep. 90 A Staatsministerium, jüngere Signatur, Nr. 2392, f. 141r. H. WOLF / K. UNTERBURGER, S. 61 f., hier 62. E. PACELLI, S. 219-223, hier 220. Pacelli spielt auf die Auseinandersetzung um den exkommunizierten Breslauer Theologieprofessor Joseph Wittig an, gegen den Bertram nicht energisch genug vorgegangen sei. Siehe K. HAUSBERGER; O. WEISS, Modernismus, S. 514-526. H. WOLF / K. UNTERBURGER, S. 61. E. PACELLI, S. 235, 241, 243. H. WOLF / K. UNTERBURGER, S. 70, 197. »Inhaltlich lässt sich der ›Ultramontanismus‹ als die zentralistische, an Rom orientierte und zugleich integralistische Richtung im Katholizismus bestimmen, die eine ganz bestimmte Mentalität und eine am Volkskatholizismus orientierte Religiosität ... ausbildete. Sie kann grundsätzlich durch ihre Gegenposition zum modernen Denken, zu Liberalismus und Pluralismus, zu Selbstleitung und Leistungsdenken gekennzeichnet werden.« O. WEISS, Religiöse Geschichte oder Kirchengeschichte?, S. 305 f. Siehe auch L. ANDERSON, Grenzen, S. 214-219; J. SCHMIEDL / G. FLECKENSTEIN. Zum Verhältnis zwischen Bertram und Pacelli siehe Kapitel III.4b.

1. Der Weg zum Bischof

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c) Aufstieg im Hildesheimer Generalvikariat

Bertram wurde nach seiner Rückkehr aus Rom nicht in der praktischen Seelsorge eingesetzt, was wegen des herrschenden Priestermangels in der Diözese Hildesheim auf den ersten Blick verwundert80. Stattdessen wurde er zum 1. August 1884 als »Hilfsarbeiter bei den Geschäften der Bischöflichen Kurie und des Bischöflichen Generalvikariats« in Hildesheim angestellt81. Zum einen mag Bertrams Sprachfehler hinderlich für einen Einsatz in der praktischen Seelsorge gewesen sein82. Zum anderen benötigte Bischof Sommerwerck einen fähigen Priester in der Diözesanverwaltung, deren Aufgaben stetig zunahmen. Das Drängen Domkapitular Müllers, dass Bertram in Rom im Kirchenrecht ausgebildet werden sollte, deutet darauf hin, dass der junge Priester gezielt auf die Laufbahn in der Diözesanverwaltung vorbereitet werden sollte. Joachim Köhler vermutet, dass Bertram nach seinen Studienaufenthalten in Innsbruck, dem »Agitationszentrum ultramontaner Propaganda«, und Rom, das er »bewußt als Zentrum katholischen Lebens erlebt hatte, ... bei seiner Rückkehr nach Preußen Schwierigkeiten gehabt [hatte], seine nationale Identität zu finden.«83 Bertrams Interesse an heimatgeschichtlichen Fragestellungen, seine Verwurzelung in der Heimatdiözese sowie seine nationale Zuverlässigkeit im Ersten Weltkrieg oder in der Oberschlesienfrage zeugen hingegen von einer stark ausgeprägten nationalen Identität. Nach 15 Monaten erweiterte sich der Tätigkeitsbereich Bertrams durch den Auftrag, die Führung der Kirchenbücher zu übernehmen84. Im Sommer 1886 wurde er zum Registrator und Bibliothekar der Beverinschen Bibliothek befördert85. Als Registrator übernahm Bertram »die Leitung der gesamten Schriftgutverwaltung des Bischöflichen Generalvikariats wie auch des Domkapitels – eine Aufgabe, die er in modifizierter Form ... bis zu seiner Ernennung zum Generalvikar im Jahr 1905 wahrgenommen hat.« In diesem Zeitraum verzeichnete Bertram die Akten des Bischöflichen Generalvikariats neu und organisierte den Umzug der Diözesanverwaltung aus der Bischöflichen Kurie an den nahegelegenen Pfaffenstieg, wo sich heute das Bistumsarchiv befindet86. 80 81

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T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 243; T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 317 f. Protokoll der Vereidigung Bertrams vom 1.8.1884, BAH – Bischöfliche Kurie IX 11 (406), f. 116r. Den zur Anstellung nötigen Dispens von den »Erfordernissen des § 4 des Gesetzes über die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen vom 11.5.1873« erlangte er am 31.12.1884, BAH – Personalakte Adolf Bertram (Allgemeine Angelegenheiten PA-PE 127), f. 29r. H. JEDIN, Bertram, S. 13. J. KÖHLER, Bertram-Bild, S. 10. Protokoll der Generalvikariatssitzung vom 30.9.1885, BAH – Personalakte Bertram (Allgemeine Angelegenheiten PA-PE 127), f. 32r-v. Protokolle der Generalvikariatssitzungen vom 2.6.1886, 3.6.1886, 30.6.1886 und 13.12.1886, BAH – Bischöfliche Kurie IX 11 (406), f. 126r-v, 125r-v, 123r-124r und 130r-131r. Wie Bertram selbst über die Aufgaben des Registrators dachte, wird aus seinem Schreiben als Bischof von Hildesheim an den hannoverschen Oberpräsidenten deutlich. »Für die Neubesetzung der

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I. Adolf Bertram in seiner Hildesheimer Zeit (1859-1914)

Bis 1895 war Bertram Dombibliothekar der angesehenen Beverina in Hildesheim und auch danach traf er als Domkapitular, Generalvikar und Bischof anfallende wichtige Entscheidungen für die Bibliothek selbst. In diesen rund dreißig Jahren seiner Tätigkeit für die Dombibliothek führte Bertram eine neue Systematisierung und Registrierung der Bestände ein und konnte sein Ziel erreichen, »eine moderne, durch einen hinreichend strukturierten Katalog erschlossene, in angemessenen Räumlichkeiten untergebrachte und für die wissenschaftliche Forschung zugängliche Bibliothek« zu schaffen87. Trotz seiner stetig wachsenden Arbeitsbereiche fand Bertram wegen seiner hohen Arbeitsleistung und konsequenten Tagesplanung – »stets nur 5-6 Stunden Nachtruhe« mussten ausreichen und Entspannung könne er im Wechsel der Arbeiten finden88 – noch Muße für wissenschaftliches Arbeiten, wenn auch seiner Ansicht nach zu selten. Seine Zeit sei leider »viel zerrissen«, schrieb er 1903 dem Mainzer Kunsthistoriker und Domkapitular Friedrich Schneider, mit dem er wegen seiner kunsthistorischen Arbeiten in Kontakt stand89. Seinem Verbindungsmann in Münster, Johann Jakob Margreth, der die dortigen Hildesheimer Theologiestudierenden für Bertram im Auge behielt, teilte er mit, er leide etwas an »Überlastung mit dienstlichen Angelegenheiten«90 und »die Akten in ... [seinem] Ständer« würden »ungeduldig« werden91. Im November 1904 zeigte er sich durch die ihm zusätzlich übertragene Arbeit bei der Volksmission im Dom »etwas erschöpft«92 und im Januar 1906 sprach er von »vielerlei Arbeiten, die jetzt sich hin- und herschieben.« Es dränge »sich jetzt allerlei bei ... [ihm] zusammen«93. Einmal – mittlerweile Fürstbischof von Breslau – gestand Bertram: »Ich bin manchmal des Abends ganz blind vom vielen Lesen.«94 Dabei handelte er nach dem Grundsatz, dass verlorene Zeit nie mehr zurückkehrt. »Darum soll keine Stunde vertändelt, keine Stunde verträumt, auch kein Tag mit rein mechanischer Arbeit nach Sklavenart hingebracht werden. In Arbeitsfreude und Ausdauer liegt unsere Kraft.«95

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Registrator- und Revisor-Stelle kann ich aber nur einen Geistlichen [und keinen Laien] gebrauchen, weil die Obliegenheiten dieses Amtes vielfach eine Vertrautheit mit kirchlichen Fragen voraussetzen, und weil seit Jahrzehnten mit gutem Erfolge dieses Amt als Vorbereitungsposten für die höheren Ämter im Generalvikariate benutzt ist und auch in Zukunft benutzt werden muß; die Arbeit in Registratur- und Rechnungswesen gibt ja am besten einem gut beanlagten Geistlichen jene Bekanntschaft mit den Geschäftsgängen und den Akten-Inhalten und jene formale Gewandtheit, die für die höheren Stellen in der Verwaltung nicht entbehrlich sind.« Bertram an Wentzel vom 7.11.1906, NHAH – Hann 122a 3761, f. 322r-323r, hier 322r. T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 245. Bertram an Margreth vom 27.2.1905, zit. nach G. MAY, Domkapitular, S. 161. Bertram an Schneider vom 14.7.1903, zit. nach Ebd., S. 136. Bertram an Margreth vom 20.3.1903, zit. nach Ebd., S. 160. Bertram an Margreth vom 3.11.1902, zit. nach Ebd. Bertram an Margreth vom 28.11.1904, zit. nach Ebd. Bertram an Margreth vom 6.1.1906, zit. nach Ebd. F.-G. GANSE, Bertram S.535. A. BERTRAM, Den Abiturientinnen Gottes Segen zu glücklicher Lebensfahrt. Bischofsgruß vom [1920er Jahre], in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 78, S. 305-309, hier 307.

1. Der Weg zum Bischof

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Bertram pflegte kaum soziale Kontakte und lebte sehr zurückgezogen. In den Abendstunden und am Wochenende beschäftigte er sich mit der Hildesheimer Heimatgeschichte. Neben einigen Arbeiten, die ihren Ursprung in seiner Tätigkeit in der Diözesanverwaltung hatten, sowie verschiedenen Schriften über den kunsthistorischen Wert des Hildesheimer Doms entsprangen vor allem zwei Werke diesem Schaffen. Zum einen »Die Bischöfe von Hildesheim«, eine Festschrift anlässlich des 50-jährigen Priester- und 25-jährigen Bischofsjubiläums von Bischof Sommerwerck im Jahr 1896, zum anderen die auf dichter Quellenbasis erarbeitete »Geschichte des Bistums Hildesheim«, deren erster Band 1899 erschien96. Für den zweiten Band war das auszuwertende Quellenmaterial »massenhaft«. Bertram war im Winter 1900/1 »75 Mal zum Staatsarchiv nach Hannover gereist«. Danach saß er »an 260 Folianten Kanzlei-Protokollen, deren jeder seine 400-800 Seiten hält.«97 In den folgenden Jahren besuchte Bertram verschiedene Archive in Hildesheim, Hannover, Würzburg, Rom, Florenz, Neapel, Wien und Kopenhagen: »Alle Ferienreisen waren Archivreisen.«98 Zu einer vorzeitigen Publikation ließ er sich nicht drängen, da ihm die Qualität seiner Arbeit wichtiger war. »Soll ich nun, nachdem ich mich fest hineingebissen habe, der Eile halber alles abbrechen? Das würde mir doch niemand rathen können. Also lieber Geduld haben.«99 Ende 1889 wurde Bertram zum Assessor des Bischöflichen Generalvikariats ernannt100. Der Hildesheimer Bischof begründete diese Beförderung gegenüber dem hannoverschen Oberpräsidenten, Rudolf von Bennigsen, der das zusätzliche Gehalt für Bertram zu bewilligen hatte, mit dem gesteigerten Arbeitsaufwand im Generalvikariat nach dem Tod eines Mitarbeiters, dessen Stelle unbesetzt geblieben war101. Bennigsen informierte sich beim Regierungspräsidenten von Hildesheim über Bertram. Dieser teilte mit, dass Bertram »wegen einer Anlage zum Stottern zum Geistlichen weniger geeignet« sei. Dafür werde er sich aber voraussichtlich »mit besonderem Eifer den Geschäften« widmen. Bertrams Haltung in kirchenpolitischen Fragen habe bisher keinen Anlass zu Bedenken gegeben und es sei »auch wohl nicht anzunehmen, daß derselbe in Zukunft agitatorisch in staatsfeindlicher Richtung auftreten wird. Anscheinend liegen aber auch keine Anzeichen dafür vor, daß der Dr. Bertram demnächst sich staatsfreundlich zeigen werde, zumal sein in hiesiger Stadt lebender Vater, der Damastweber Bertram, für einen entschiedenen 96

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A. BERTRAM, Bischöfe; A. BERTRAM, Geschichte I-III. Den zweiten Band konnte Bertram, der durch seine bischöflichen Pflichten noch weniger Zeit für die wissenschaftliche Arbeit fand, erst im Jahr 1916 veröffentlichen, nachdem er Hildesheim verlassen hatte. Einen abschließenden dritten Band, der sich allerdings stark an die »Bischöfe von Hildesheim« anlehnte, konnte er 1925 vorlegen. Bertrams Werk gilt wegen seiner Quellendichte noch heute als ein Standardwerk zur Hildesheimer Bistumsgeschichte. Bertram an Schneider vom 21.1.1901, zit. nach G. MAY, Domkapitular, S. 136. Bertram an Schneider vom 14.7.1903, zit. nach Ebd., S. 137. Bertram an Schneider vom 21.1.1901, zit. nach Ebd., S. 136. Protokoll der Generalvikariatssitzung vom 6.12.1889, BAH – Generalia II 115. Sommerwerck an Bennigsen vom 28.12.1889, NHAH – Hann 122a 3761, f. 153r-154r.

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I. Adolf Bertram in seiner Hildesheimer Zeit (1859-1914) Anhänger der welfischen Partei gilt [sic] und ersterer vor seiner im Jahr 1884 erfolgten Heimkehr nach Hildesheim sich etwa 1 ¼ Jahr seiner Studien wegen und als Kaplan in Rom aufgehalten hat, wohin er noch im vorigen Jahr den hiesigen Herrn Bischof, als mit den dortigen Verhältnissen genau bekannte Persönlichkeit, begleitete.«102

Bertram wurde somit politische Abstinenz bescheinigt, was die staatlichen Stellen gerne sahen. Dass er sich jedoch ähnlich staatsfreundlich wie sein Bischof zeigen würde, das meinte der Hildesheimer Regierungspräsident sowohl wegen dessen Herkunft aus einem welfischen Elternhaus als auch wegen der römischen Ausbildung, die auf eine ultramontane Ausrichtung schließen ließ, nicht erkennen zu können. In der Diözese Hildesheim war es die Regel, dass die Mitarbeiter des Generalvikariats dem Domkapitel angehörten103. Bertrams Name befand sich im August 1887 erstmals auf einer Kandidatenliste für eine Domherrenstelle. Dabei wurde jedoch nicht beachtet, dass Bertram das vorgeschriebene Alter von 30 Jahren noch nicht erreicht hatte. Wahrscheinlich durch das Domkapitel nur als Zählkandidat aufgestellt, wurde er nach staatlicher Aufforderung ohne Widerstand ersetzt104. 1893 kam es zwischen Bischof Sommerwerck und der hannoverschen Regierung anlässlich der Wiederbesetzung zweier vakanter Domstellen zu einem Konflikt, dessen Auslöser Bertram war. Die preußische Regierung achtete bei der Neubesetzung von Domstellen stets darauf, dass die ultramontan-welfische Richtung nicht die Oberhand im Domkapitel erlangen würde. Dafür nutzte sie das in der Bulle »Impensa Romanorum Pontificum« fixierte Recht, unerwünschte Kandidaten von den eingereichten Listen streichen zu dürfen105. Ende 1892 stand die Neubesetzung je einer Domvikar- und Domkapitularstelle an. Der Bischof reichte zwei Kandidatenlisten ein, auf denen jeweils der Name Adolf Bertram zu finden war106. Die hannoversche Regierung holte wie üblich beim zuständigen Regierungspräsidenten Informationen über die Kandidaten ein107. Der Regierungspräsident von Hildesheim schrieb zur eingereichten Domvikariatsliste: »Alle vier Herren sind politisch bisher in keiner Weise hervorgetreten und vermutlich niemals agitatorisch thätig geworden.« Die beiden Oberlehrer Düker und Beelte sowie Domlektor Hagemann seien der staatsfreundlichen 102 103

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RP von Hildesheim an Bennigsen vom 16.1.1890, Ebd., f. 160r-164r, hier 164v-164r. Die Leitungsorgane des Bistums Hildesheim bestanden seit der Bulle »Impensa Romanorum Pontificum« von 1824 aus dem Bischof und dem Domkapitel. Dieses zählte sieben Domkapitulare sowie vier Domvikare. Der die Verwaltungsaufgaben übernehmende Generalvikar war in der Bulle nicht erwähnt. T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 53-58. T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 247. Zu den unterschiedlichen Richtungen im Domkapitel siehe H.-G. ASCHOFF, Kulturkampf, S. 60. Auf der Kandidatenliste für die Domvikarsstelle befanden sich die Oberlehrer Heinrich Düker, Beelte, Bertram sowie Domlektor Hagemann. Sommerwerck an Bennigsen vom 10.12.1892, NHAH – Hann 122a 3756, f. 248r. Auf der Kandidatenliste für das Domkanonikat befanden sich Dechant Johannes Nürnberg, Pastor Albert Strecker, Dechant Gustav Hartmann und Bertram. Sommerwerck an Bennigsen vom 22.11.1892, Ebd., f. 268r. Bennigsen an RP von Hildesheim vom 13.12.1892, Ebd., f. 247r-v.

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Richtung zuzuzählen und würden wahrscheinlich auch zukünftig nicht politisch aktiv werden. »Weniger sicher bin ich in dieser Beziehung hinsichtlich des Dr. Bertram, da der Vater desselben, der hiesige Dammastweber Bertram als entschiedener Anhänger der welfischen Partei gilt, und dem Domlektor Dr. Bertram direkte Beziehungen mit der Umgebung des Pabstes [sic] zugeschrieben werden.«108 In seiner Beurteilung der Kandidatenliste zur Domkapitularstelle relativierte der Hildesheimer Regierungspräsident seine Bedenken gegenüber Bertram. »Daß sein Vater der welfischen Richtung angehört und er selbst in Rom persönliche Beziehungen hat, dürfte vielleicht der Befürchtung, daß er möglicherweise nicht immer regierungsfreundlich wirken könnte, hervorzurufen geeignet sein, aber doch seinem sonstigen stillen und loyalen Verhalten gegenüber eine Beanstandung kaum rechtfertigen können.« Auch wenn Bertram offensichtlich das Vertrauen des Bischofs genieße, ging der Regierungspräsident nicht davon aus, dass Bertram »bei seiner Jugend und Schwerfälligkeit im Reden ernstlich vom Herrn Bischof zum Domkapitular in Aussicht genommen ist«109. Die politische Betätigung des Vaters sowie die Kaplanszeit in Rom wurden demnach als mögliche Hemmnisse für Bertrams Aufnahme ins Domkapitel betrachtet. Konkrete Fakten lagen allerdings nicht vor, weswegen Oberpräsident Bennigsen in Berlin um die Zustimmung zu den Kandidatenlisten bat110. Das zuständige Ministerium der geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten in Berlin fragte daraufhin nach, mit welcher Begründung die Kandidatur Bertrams zu rechtfertigen sei. Es sei »sehr erwünscht« zu erfahren, »ob die angeregten Zweifel an der Zuverlässigkeit des g. Bertram irgendwie thatsächlich zu begründen sind, oder nicht.« Der Oberpräsident solle ermitteln, wie Bertram »selbst sich zu den Welfen hält.«111 Nachdem Bennigsen weitere Informationen über Bertram beim Polizeipräsidium Hildesheim eingeholt hatte, erwiderte er dem Ministerium, dass der mittlerweile verstorbene Vater Bertrams zwar »als ein eifriger Anhänger der welfischen Partei« gegolten habe, »aber wenigstens in seinen letzten Lebensjahren agitatorisch nicht hervorgetreten sei.« Adolf Bertram lebe zurückgezogen, sei wissenschaftlich tätig »und bisher nach außen überhaupt nicht hervorgetreten.« Die Katholiken Hildesheims gingen zwar Wahlbündnisse mit der welfischen Deutschhannoverschen Partei ein, doch bedeute dies keineswegs, dass sie »welfisch gesinnt sind.« Es gehe bei dem Bündnis ausschließlich darum, die »gegnerische Partei [die Nationalliberalen], den gemeinsamen Feind«, zu bekämpfen. Aus Bertrams Studien in Rom könnten »weitere Schlüsse« über dessen Gesinnung »wohl nicht gezogen werden«, da er weder in der Propaganda ausgebildet 108 109

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Schultz an Bennigsen vom 16.12.1892, Ebd., f. 145r-246v. Schultz an Bennigsen vom 26.12.1892, Ebd., f. 269r-271r, hier 270r-v. T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 311. Bennigsen an Bosse vom 20.12.1892, NHAH – Hann 122a 3756, f. 249r-251r. Bosse an Bennigsen vom 25.1.1893, Ebd., f. 255r-v, hier 255v.

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I. Adolf Bertram in seiner Hildesheimer Zeit (1859-1914)

worden sei noch am Collegium Germanicum studiert habe112. Ob Bertram gegenwärtig noch Kontakte nach Rom pflege, könne er nicht einschätzen, darüber sei »Näheres nicht zu erfahren.« Bertram sei ein »kluger und geschäftstüchtiger Mann« und gegenüber Andersgläubigen aufgeschlossen. Bennigsen bezweifelte nicht, »daß die Interessen der Katholischen Kirche« bei Bertram »stets in erster Line stehen werden, und daß er dieselben mit Klugheit und Gewandtheit zu vertreten wissen« werde. Bei den liberalen Katholiken scheine man Bertram wenig Vertrauen entgegen zu bringen, da man den Einfluss, den er in höherer Position bekommen könnte, fürchte. »Bei der Geistlichkeit soll er im Allgemeinen wenig beliebt sein. Indes habe ich Tatsachen, um dies zu belegen, nicht ermitteln können.« Es handele sich dabei »um die persönliche Ansicht und den Gesamteindruck« von den Verhältnissen näherstehenden Personen. Er könne auch keine Tatsachen vermelden, aus denen ersichtlich sei, »daß der Bertram nicht staatsfreundlich gesinnt sei«. Darüber hinaus sei Bischof Sommerwerck prinzipiell bemüht, »keine Kandidatur aufzustellen, von welcher er befürchten müsste, daß dieselbe staatsseitig nicht genehm« sei. Da die Kandidatenlisten außer Bertram keine »bedeutende Persönlichkeit« aufweise, hielt es Bennigsen für »nicht ausgeschlossen, vielleicht sogar [für] nicht unwahrscheinlich«, dass der Bischof Bertram »trotz seiner Schwerfälligkeit im Sprechen (Stottern) gerade als Domkapitular in Aussicht genommen hat«, um dem Domkapitel »eine geschäftskundige Arbeitskraft zuzuführen.« Damit relativierte Bennigsen die Einschätzung des Hildesheimer Regierungspräsidenten, nach der Bertram lediglich als Zählkandidat aufgestellt sei. Eine Bewertung Bertrams als »minder genehm« würde Sommerwerck wahrscheinlich »schmerzlich berühren«113. Bennigsen konnte die Zweifel an der Zuverlässigkeit Bertrams nicht ausräumen. Die Staatsregierung sah anscheinend die Gefahr, dass das welfische Lager im Domkapitel durch den ultramontanen Bertram gestärkt werden könnte, als zu groß an und wollte kein Risiko eingehen. Dafür war sie dazu bereit, das gute Verhältnis zu Bischof Sommerwerk zu gefährden. Bertram wurde sowohl für die Domvikariats- als auch für die Domkapitularstelle am 27. März 1893 als »minder genehm« bezeichnet. Die Wahl müsse aus den jeweils drei restlichen Kandidaten getroffen werden114. Da mittlerweile eine weitere Domvikarsstelle vakant geworden war, hatte das Domkapitel, einige Tage bevor die Nachricht von Bertrams Ablehnung in Hildesheim eintraf, seine Kandidatenliste beim Oberpräsidenten eingereicht, auf der Generalvikariatsassessor Bertram an erster Stelle stand. Dass das Domkapitel, dem alternierend mit dem Bischof das Recht zustand, Kandidatenlisten für vakante Domherrenstellen einzureichen, Bertram ebenso wie der Bischof für einen geeig112 113 114

Hierin irrt die Quelle des Oberpräsidenten, der Polizeipräsident von Hildesheim. Bennigsen an Bosse vom 7.2.1893, NHAH – Hann 122a 3756, f. 259r-262v. Erlass Wilhelms I. vom 27.3.1893, Ebd., f. 267r; Bennigsen an Sommerwerck vom 11.4.1893, Ebd., f. 266r-v.

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neten Domherren hielt, lässt auf das Ansehen schließen, das Bertram in der Diözesanleitung genoss, auch wenn Bennigsen von kritischen Stimmen berichtet hatte115. Der Oberpräsident forderte das Domkapitel auf, die Kandidatur Bertrams zu überdenken, woraufhin dieses Bertram durch Oberlehrer Beelte ersetzte, der schließlich auch gewählt wurde116. Nach der Ablehnung Bertrams als potentiellen Domherrn ließen es Bischof Sommerwerck »schwerwiegende Gründe ... als notwendig erscheinen[,] ... die im November vorigen Jahres eingereichten zwei Kandidatenlisten zurückzuziehen.«117 Wie Bennigsen befürchtet hatte, fasste der Bischof die Streichung Bertrams als einen Affront gegen seine eigene Person auf. An der Hildesheimer Kurie herrschte gegenüber den staatlichen Behörden eine »tiefgreifende Verstimmung« wie der Hildesheimer Regierungspräsident nach Hannover meldete – seine Informanten wollten keine vertraulichen Auskünfte mehr erteilen, seitdem nach Franz Koch mit Bertram nun schon der zweite Kandidat binnen weniger Jahre als minder genehm für eine Domherrenstelle eingestuft worden war118. Bennigsen, der den Hildesheimer Bischof unterstützte, wurde vom Kultusministerium darauf hingewiesen, dass die Bulle »Impensa Romanorum Pontificum« das Zurückziehen von Kandidatenlisten nicht vorsehe. Sommerwerck habe »jetzt zur Verleihung des Kanonikates und des Vikariats an je einen der verbleibenden drei betreffenden Kandidaten zu schreiten.«119 Dieser wollte das jedoch nicht hinnehmen und ging in die Offensive. Dabei war er dazu bereit, eine größere Auseinandersetzung mit der Regierung in Kauf zu nehmen, sollte sich diese seinen Vorschlägen verschließen. Wenn er jedoch erfolgreich war, konnte er »zwei Fliegen mit einer Klappe« schlagen. Der Bischof bestand, »unter Hinweis auf die Nothwendigkeit, tüchtige und bewährte Arbeitskräfte in das Domkapitel zu berufen«, auf der Kandidatur Bertrams für die Domvikarstelle. Kultusminister Julius Robert Bosse war nach eigenen Worten »nach nochmaliger Erwägung nicht abgeneigt, durch nachträgliche Zurücknahme ... [seines] Widerspruchs gegen die Kandidatur des g. Bertram für die Vikarstelle dem Bischof die Möglichkeit zu gewähren, die geringwertige und kirchlich wie öffentlich wenig einflussreiche Stelle dem g. Bertram zu verleihen«. Dieses Vorgehen sei jedoch ausdrücklich »ohne Präjudiz für die Zukunft«, denn der geplante Doppelschlag Sommerwercks war kaum zu übersehen. Parallel zu seinem Bestehen auf der alten Kandidatenliste für die Domvikarstelle hatte er für die Domkapitularstelle eine neue Kandidatenliste eingereicht, auf der Bertram durch Domvikar Franz Koch ersetzt worden war. Koch war 1889 als minder genehm für eine Kapitular115 116

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Hildesheimer Domkapitel an Bennigsen vom 8.4.1893, Ebd., f. 283r. Bennigsen an Hildesheimer Domkapitel vom 12.4.1893, Ebd., f. 275v-276v; Hildesheimer Domkapitel an Bennigsen vom 27.4.1893, Ebd., f. 284r. T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 312. Sommerwerck an Bennigsen vom 21.4.1893, NHAH – Hann 122a 3756, f. 288r-v. RP von Hildesheim an Bennigsen vom 2.5.1893, Ebd., f. 291r-293r. Bosse an Bennigsen vom 5.5.1893, NHAH – Hann 122a 3756, f. 287r.

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stelle bezeichnet worden und nun hatte Sommerwerck die eine persona non grata durch eine andere ersetzt! Er habe Koch in den letzten Jahren sorgsam beobachtet und festgestellt, dass dieser »ausschließlich um seine Dienstgeschäfte bekümmert« und nicht politisch aktiv gewesen sei. Zur Unterstützung seiner Anliegen hatte der Hildesheimer Bischof seinen Freund Kardinal Kopp gewinnen können, »welcher die Bitten des Bischofs von Hildesheim aufs wärmste« unterstützte120. Kultusminister Bosse gab Bennigsen die Möglichkeit, zu diesen Entwicklungen Stellung zu nehmen, woraufhin dieser seine Einwände gegen Koch zurücknahm121. Der Coup Sommerwercks gelang. Die Streichung Bertrams von der Domvikarliste wurde ebenso aufgehoben wie die neue Kandidatenliste für die Domkapitularstelle inklusive Franz Koch »aus dem landesväterlichen Wohlwollen gegen den Bischof« genehmigt wurde122. Der Einsatz des Bischofs für zwei von ihm geförderte Geistliche, für die er den Konflikt mit der Regierung riskiert hatte, hatte sich gelohnt. Nach fast zehnmonatiger Vakanz wurde Koch zum Domkapitular und Bertram zum Domvikar ernannt123. Bertram fiel als Domvikar nicht unangenehm auf und konnte somit die Befürchtungen, die zu seiner Streichung geführt hatten, entkräften. Als die Domkapitularstelle seines ehemaligen Lehrers und Direktors am Josephinum, Adolf Kirchhoff, durch dessen Tod im Juli 1894 frei wurde, setzte Sommerwerck auch Bertram auf die Kandidatenliste. Der König erklärte alle vier Kandidaten als »genehm« und der Bischof konferierte Adolf Bertram am 9. Dezember auf diesen Posten124. Damit war der Konflikt um seine Berufung ins Domkapitel endgültig beigelegt und Bertram sollten keine weiteren Hindernisse bei seinem Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie entstehen. Bei den späteren Beurteilungen Bertrams wurde zwar jeweils auf seine Ablehnung 1893 Bezug genommen, doch spielte dieser Aktenvermerk keine Rolle mehr. Neben dem hohen Alter der übrigen Domkapitulare war es v.a. die Qualifikation und die hohe Arbeitsleistung, die Bertram von nun an eine Schlüsselrolle in der Hildesheimer Diözesanverwaltung zukommen ließ, wie z.B. 1893 bei den Feierlichkeiten zum 900-jährigen Jubiläum des Amtsantritts des hl. Bischofs Bern120

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Bosse an Bennigsen vom 29.7.1893, NHAH – Hann 122a 3756, f. 301r-303r. T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 312; H.-G. ASCHOFF, Kulturkampf, S. 59 f. Bennigsen an Bosse vom 1.8.1893, NHAH – Hann 122a 3756, f. 304r. Erlass Wilhelms I. vom 21.8.1893, Ebd., f. 308r; Bennigsen an Sommerwerck vom 7.9.1893, Ebd., f. 309r-310r. Hildesheimer Domkapitel an Bertram vom 12.9.1893, BAH – Domkapitel 34, f. 2r; Protokoll der Einführung Bertrams als Domvikar vom 16.9.1893, Ebd., f. 3r-4r. T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 313 bemerkt, wenn er von der »nächsten Vakanz« spricht, bei der Bertram zum Domvikar bestellt wurde, nicht, dass es sich noch immer um die Vakanz aus dem November 1892 handelt. Die übrigen Kandidaten waren Dechant Vollmer in Rüdershausen, Kreis Duderstadt, Pfarrer Strecker in Einum und Pfarrer Graën in Hildesheim. Protokoll der Einführung Bertrams vom 20.12.1894, BAH – Domkapitel 30, f. 4r-5r. Bertram wohnte weiterhin bei seinen Eltern und vermietete die ihm zustehende Kurie. T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 243.

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ward in Hildesheim. 1896 wurde Bertram von Bischof Sommerwerck gemeinsam mit Domkapitular Koch zum Generalvikariatsrat ernannt125. Zwei Jahre darauf wurde Bertram Geistlicher Rat im Generalvikariat126. Am 31. Oktober 1900 wurde ihm die hohe Ehre zuteil, das Kaiserpaar durch den Dom in Hildesheim führen zu dürfen127. Seit der Jahrhundertwende »lag die faktische Leitung des Bistums Hildesheim bei Adolf Bertram«, da sowohl Bischof Sommerwerck als auch Generalvikar Friedrich Hugo krankheitsbedingt länger ausfielen. Nach dem Rücktritt Hugos übertrug der Bischof zum 1. März 1905 die Führung der Amtsgeschäfte auf Bertram. Die Regierung gab – möglicherweise wegen der Bedenken des Hildesheimer Regierungspräsidiums128 – erst im Juli »grünes Licht« für die Ernennung Bertrams zum Generalvikar, die am 28. August vollzogen wurde129. Nur einen Monat später übertrug der kranke Bischof seinem Generalvikar weitreichende Kompetenzen zur Leitung der Diözese unter der Voraussetzung, dass dieser »nach wie vor« darum »bemüht sein wird, in allen wichtigen Diözesanangelegenheiten rechtzeitig mit dem Bischof und dessen Intentionen Fühlung zu nehmen, beziehungsweise nach den Intentionen des Bischofs seines Amtes zu walten.«130 Am 18. Dezember 1905 verstarb Bischof Daniel Wilhelm Sommerwerck, gen. Jacobi, nach 24 Jahren als Bischof von Hildesheim. Am darauffolgenden Tag wählte das Domkapitel Adolf Bertram zum Kapitularvikar, der die Diözese mit Unterstützung des Domkapitels bis zur Einführung eines neuen Bischofs leiten sollte131.

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Sommerwerck an Koch und Bertram vom 11.9.1896, BAH – Generalia II 115. Sommerwerck an Bertram vom 31.12.1898, AAW – IA 25 p21. Sommerwerck an Konstantin Graf zu Stolberg-Wernigerode vom 6.1.1899, NHAH – Hann 122a 3761, f. 220r. T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 249. Aus Dank für diese Führung verlieh der Kaiser Bertram am 8.10.1900 den Roten Adler Orden IV. Klasse. RP von Hildesheim an Bertram vom 24.10.1900, AAW – IA 25 p21. Die Verleihung preußischer Orden und Titel an Kirchenfürsten durch Wilhelm II. ist ein Beleg für die Entspannung des Verhältnisses zwischen Katholiken und Kaiserreich nach dem Kulturkampf. R. MORSEY, Katholiken, S. 45. Zwar sei Bertram »liebenswürdig« in seinen Umgangsformen, der »fähigste und klügste« der Domkapitulare und stehe wohl auch auf dem Boden des Zentrums, doch sei er »durchaus von dem Recht und dem Berufe seiner Kirche durchdrungen und nach seiner ganzen Entwicklung und Veranlagung vielleicht weniger in der Lage, auch den staatlichen Interessen, so sie denen der Kirche praktisch entgegenstehen sollten, eine unbefangene Würdigung zu widmen.« Bisher sei er »politisch wenig hervorgetreten,« es werde »ihm aber im allgemeinen wenig Vertrauen in dieser Beziehung geschenkt,« denn er habe sich »sehr scharf« über den Kulturkampf ausgesprochen. Aktennotiz des RP von Hildesheim vom 8.3.1905, NHAH – Hann 122a 3699, f. 161r. Sommerwerck an Bertram vom 15.2.1905, BAH – Generalia II, 89, f. 1r; Erlass Wilhelms II. vom 3.7.1905, Ebd., f. 14r; Sommerwerck an Bertram vom 28.8.1905, Ebd., f. 5r. Bischöfliche Erklärung betr. die Geschäftsführung des Generalvikars vom 27.9.1905, Ebd. Siehe dazu den Schriftverkehr zwischen dem Hildesheimer Domkapitel und den verantwortlichen Regierungsstellen in Hannover und Berlin, NHAH – Hann 122a 3754.

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I. Adolf Bertram in seiner Hildesheimer Zeit (1859-1914)

2. BISCHOF VON HILDESHEIM (1906-1914) a) Die Hildesheimer Bischofswahl 1906132

Die Beisetzung Bischof Sommerwercks fand am 22. Dezember 1905 statt. Kardinal Kopp sprach sich bei einer Begegnung mit dem hannoverschen Oberpräsidenten Richard von Wentzel am Vorabend der Beerdigung für Kapitularvikar Bertram als neuen Bischof von Hildesheim aus. Dieser sei bereits vom verstorbenen Bischof als Koadjutor gewünscht gewesen133. »Den leichten Sprachfehler Bertrams bezeichnete Kardinal Kopp als eine ›kleine nervöse Störung‹.«134 Die Domherren Conrad Steinmann und Bernhard Krebs würden wahrscheinlich neben Bertram auf die Kandidatenliste gestellt werden. Wentzel bat Kopp darum, sich dafür einzusetzen, dass nur Hildesheimer Domherren auf die Liste gesetzt würden – diese würden dann von der Regierung nicht beanstandet werden. Wentzel wurde Anfang Januar 1906 offiziell zum Wahlkommissar berufen. In dieser Funktion sollte er sich in »vertraulichen Besprechungen mit den geeigneten Mitgliedern des Domkapitels ... über die von diesem ins Auge gefaßten Kandidaten ... unterrichten und von vorneherein nach Möglichkeit ... verhindern, daß Personen ernstlich in Frage kommen, die eine ersprießliche Wirksamkeit nicht erhoffen lassen.«135 Zu einer solchen »vertraulichen Besprechung« begab sich Wentzel am 9. Januar zu den Domkapitularen Bertram und Heinrich Heise nach Hildesheim136. In seinem Bericht an das Berliner Kultusministerium erklärte der Oberpräsident, dass wahrscheinlich keine Kandidaten aus fremden Diözesen, sondern nur Mitglieder des Hildesheimer Domkapitels auf der Kandidatenliste erscheinen würden. Wegen der Präferenz Kopps sah Wentzel in Bertram den neuen Bischof. Kopp habe diesem dessen Zweifel an der eigenen Kandidatur ausreden können. »Ich glaube auch, daß Bertram die Bedenken, welche er selbst gegen seine Kandidatur wohl gehabt hat, im entscheidenden Augenblick nicht aufrecht erhalten wird ... Diese Lösung der Frage würde vollständig den Wünschen des Fürstbischofs Kopp entsprechen.«137 So schnell wie Wentzel glaubte, gab Bertram seine Bedenken allerdings nicht auf. 132

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Die Akten zur Hildesheimer Bischofswahl Bertrams wurden erstmals ausgewertet durch H.-G. ASCHOFF, Bischofswahlen. Die Registratur im Hannoverschen Hauptstaatsarchiv wurde seitdem überarbeitet. Wentzel an Heinrich Konrad von Studt vom 10.1.1906, NHAH – Hann 122a 3754. Aktennotiz Regierungsrat Nobilings vom 8.1.1906, Ebd.; Wentzel an Studt vom 10.1.1906, Ebd. Kopp an Merry del Val vom 27.2.1906, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1559, fasc. 25, f. 83r-84v, hier 83r. Studt an Wentzel vom 6.1.1906, NHAH – Hann 122a 3754; Wentzel an Hildesheimer Domkapitel vom 8.1.1906, BAH – Domkapitel 57, f. 2r. Bertram an Wentzel vom 8.1.1906, NHAH – Hann 122a 3754; Wentzel an Bertram vom 9.1.1906, Ebd. Wentzel an MdgUMA vom 10.1.1906, Ebd.

2. Bischof von Hildesheim (1906-1914)

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Aus Altersgründen verzichteten die Domkapitulare Heise und Wiecker am 11. Januar auf eine Kandidatur zum Bischofsamt138. Somit blieben von den insgesamt sieben Mitgliedern des Hildesheimer Domkapitels nur noch fünf zur Wahl übrig, was den Domkapitularen anscheinend als nicht ausreichend erschien. Um die Liste aufzufüllen, stellten sie einen sechsten Kandidaten auf. Es handelte sich um den Propst von St. Clemens in Hannover, Wilhelm Schreiber, der großen Einfluss auf die Förderung der katholischen Interessen in Hannover ausübte. Somit standen – in dieser Reihenfolge auf der Kandidatenliste – die Domkapitulare Bertram, Beelte, Steinmann, Krebs und Graën sowie Propst Schreiber zur Wahl. Da Schreiber bereits auf zwei Kandidatenlisten für Domkanonikate gestanden hatte, ging man in Hildesheim davon aus, dass seine Aufstellung keine Schwierigkeiten mit sich bringen würde139. Wentzel war von der Kandidatur Schreibers überrascht. Hatte er den Einfluss Kardinal Kopps auf das Hildesheimer Domkapitel falsch eingeschätzt? Er hielt nunmehr die Wahl Schreibers für nicht mehr ausgeschlossen, weswegen er beim zuständigen Regierungspräsidenten eine aktuelle Beurteilung einholte, bevor er das bereits vorbereitete Gutachten über die Bischofskandidaten nach Berlin sandte140. Der Regierungspräsident bewertete Schreiber negativ, da dieser nicht die äußere Haltung für einen Mann in bischöflichem Rang habe und nicht nur in protestantischen Kreisen, sondern selbst unter der eigenen Geistlichkeit als ein Mann gelte, bei dem man Nachsicht walten lassen müsse141. Auch wenn Wentzel alle Hildesheimer Domkapitulare als durchaus fähig bezeichnete, das Bischofsamt zu bekleiden, so geht seine Präferenz für eine Wahl Bertrams aus seinem Gutachten klar hervor. Keinem der anderen Kandidaten wurden ähnlich viele Zeilen gewidmet und bei der Beurteilung Bertrams korrigierte der Oberpräsident den vorgelegten Entwurf mehrfach zu dessen Gunsten, während er in die Charakterisierung der anderen Domkapitulare kaum eingriff. Bertram sei ein fleißiger Mann mit »angenehmen Umgangsformen«, der mit allen »in gutem Einvernehmen« leben wolle. Entscheidend seien Bertrams »wesentlich friedliche Natur«, darüber hinaus seien »seine Formen ... friedlich und liebenswürdig«142. Er stehe auf dem Boden des Zentrums und werde deshalb eventuell nicht immer die staatlichen Positionen teilen, doch »da dies, so war zwischen den Zeilen zu lesen, auf fast alle kirchentreuen Geistlichen zutraf«, fiel dieser Punkt weniger ins Gewicht143. Abschließend empfahl Wentzel die Wahl eines der fünf Domkapitulare, besonders Bertram, »da bestimmte Tatsachen zur Begründung des früher geäußerten Zweifels an seiner staatsfreundlichen Gesin138 139 140 141 142 143

Hildesheimer Domkapitel an Wentzel vom 11.1.1906, Ebd. Hildesheimer Domkapitel an Wentzel vom 12.1.1906, Ebd. Wentzel an Studt vom 21.1.1906, Ebd. RP von Hannover an Wentzel vom 19.1.1906, Ebd. Wentzel an Studt vom 21.1.1906, Ebd. H.-G. ASCHOFF, Bischofswahlen, S. 70.

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nung nicht vorliegen, und da er in seinen bisherigen Stellungen niemals in Konflikt mit den Staatsbehörden geraten ist.«144 Die Berliner Regierung erblickte in der Nominierung Schreibers keine Schwierigkeiten, weshalb der König die gesamte Kandidatenliste am 21. März genehmigte145. Die Vermutung Hans-Georg Aschoffs, dass Kopp diesbezüglich bei der Regierung interveniert habe, wird durch einen neuen Aktenfund gestärkt146. Kopp wusste, dass Schreiber lediglich ein Zählkandidat war, wegen welchem es zu keiner Auseinandersetzung zwischen Domkapitel und Regierung kommen sollte. Schließlich hatte sich das Hildesheimer Domkapitel bereits zur Wahl Bertrams entschlossen, womit es dem Wunsch des verstorbenen Bischofs folgte. Das Problem war allerdings, dass Bertram, als man ihm dies vertraulich mitteilte, angekündigt hatte, die Wahl nicht annehmen zu wollen. Deswegen hatte das Domkapitel Kopp, der schließlich selbst Domkapitular in Hildesheim gewesen war, gebeten, dass entweder er oder der Hl. Stuhl an Bertram herantreten möge, um ihn umzustimmen. Bertram hatte als Begründung für seine Ablehnung neben seiner schwachen körperlichen Konstitution, die der eines Bischofs nicht entspreche, seinen Sprachfehler angeführt. Doch die Ängste Bertrams wegen seines Stotterns mit den kurzen Pausen zwischen den Silben, vor allem in Momenten, in denen er sich der Bedeutung der Dinge bewusst war, und die schwache Stimme, waren für Kopp keine ausreichende Begründung. Die Wahl müsse schnell und reibungslos vorgenommen werden und dürfe nicht durch Gerüchte über die Weigerung eines Kandidaten in der Presse oder in protestantischen Kreisen in Verruf geraten. Deshalb hatte Kopp den Hl. Vater darum gebeten, die Zweifel Bertrams als nicht ausschlaggebend zu bezeichnen147. Im Vatikan hatte man zuerst zurückhaltend reagiert und vorgeschlagen, einen anderen Kandidaten zu wählen148. Schließlich hatte Kopp aber doch durchsetzen können, dass der Hl. Stuhl Bertram mitteilte, von dessen Fähigkeit (»idoneitate«) für das Bischofsamt überzeugt zu sein149. Somit hatte Kopp Mitte März die Gewissheit, dass Bertram zum Bischof gewählt werden würde und informierte wahrscheinlich umgehend die Regierung, die die Kandidatenliste inklusive Schreiber in dieser Gewissheit akzeptierte. Als Termin für die Bischofswahl einigten sich Domkapitel und Regierung auf den 26. April150. Das Wahlergebnis fiel deutlich aus: Bertram wurde mit fünf Stimmen bei zwei Gegenstimmen zum Bischof von Hildesheim gewählt. Jeweils 144 145 146 147 148 149 150

Wentzel an Studt vom 21.1.1906, NHAH – Hann 122a 3754. Erlass Wilhelms II. vom 21.3.1906, BAH – Domkapitel 57, f. 5r. H.-G. ASCHOFF, Bischofswahlen, S. 70. Kopp an Pius X. vom 27.2.1906, ASV – A.E.S. Germania, Pos. 559, fasc. 825, f. 39r-40v. Merry del Val an Kopp vom 3.3.1906 [K], Ebd., f. 41r-v. Merry del Val an Kopp vom 14.3.1906 [K], Ebd., f. 46r-v. Wentzel an Hildesheimer Domkapitel vom 29.3.1906, NHAH – Hann 122a 3754; Hildesheimer Domkapitel an Wentzel vom 5.4.1906, Ebd.

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eine Stimme fiel auf die Domkapitulare Steinmann und Beelte151. Rechnet man die Stimme Bertrams ab, der sich sicher nicht selbst gewählt hat, so bestand bei nur einer Gegenstimme im Domkapitel große Einigkeit darüber, dass der jüngste Kandidat der zukünftige Bischof sein sollte. Mit Beelte und Wiecker wählten zwei Lehrer des Gymnasiums Josephinum ihren ehemaligen Schüler zum Bischof. Die Bestätigung der Wahl durch den Hl. Stuhl brauchte nicht lange152. Der Münchener Nuntius Andreas Frühwirth OP, der mit dem kanonischen Prozess beauftragt wurde, und der über die Vorgänge in Hildesheim bestens informiert war, hatte Bertram bereits im Voraus positiv beurteilt. Der Gewählte sei »un Prelato assai colto e prudente generalmente stimato ed amato«. Außer seinem »leggiero difetto di lingua« spreche nichts gegen ihn153. Am 12. Juni bestätigte der Hl. Stuhl die Bischofswahl Bertrams154, am 10. Juli folgte die Bestätigung des Königs155. Den Treueid an die preußische Regierung leistete der gewählte Bischof am 26. Juli156. Als er während dieser Zusammenkunft die königliche Anerkennungsurkunde überreicht bekam, sagte Bertram, »daß die Treue und Untertänigkeit gegen Seine Majestät als die von Gott gesetzte Obrigkeit ein unmittelbar religiöses Gebot für ihn sei, und dass daher zwischen seinen verliehenen Pflichten und seinen Pflichten gegen Seine Majestät kein Gegensatz bestehen könne.«157 In dieser Aussage wird ein Grundsatz des Bertram’schen Denkens deutlich, den er zeitlebens beibehielt – die unbedingte Anerkennung der gottgegebenen staatlichen Autorität, unabhängig von der jeweiligen Regierungsform. An Mariä Himmelfahrt, dem 15. August, fand im Hildesheimer Dom die Bischofsweihe statt, die der 47-jährige Bertram auf seinen Wunsch hin von Kardinal Kopp unter der Assistenz der Bischöfe Heinrich Hubert Voß von Osnabrück und Wilhelm Schneider von Paderborn empfing158. Das Kirchenvolk begrüßte seinen neuen Bischof in großer Anzahl – schließlich war er in seiner Bischofsstadt kein Unbekannter und einige werden sich noch an den Schuljungen Adolf Bertram erinnert haben. Der neue Bischof wandte sich am Abend kurz an das Kirchenvolk, bedankte sich für die ihm entgegengebrachte Ehrerbietung und mahnte zur Einigkeit im Glauben159. 151 152 153 154

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Wahlprotokoll vom 26.4.1906, BAH – Domkapitel 57, f. 31r-38r. Merry del Val an Heise vom 12.5.1906 [K], ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1559, fasc. 826, f. 22r-v. Frühwirth an Merry del Val vom 30.3.1906, Ebd., f. 2r-3v, hier 2r. Ernennungsurkunde Pius’ X. für Bischof Adolf Bertram vom 12.6.1906, BAH – Domkapitel 57, f. 55r-56r. Anerkennungsurkunde Wilhelms II. für Bischof Adolf Bertram vom 19.7.1906, NHAH – Hann 122a 3754. Protokoll der Eidesleistung Bertrams vom 26.7.1906, Ebd. Wentzel an Studt vom 26.7.1906, Ebd. Bertram an Pius X. vom 7.7.1906, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1559, fasc. 826, f. 29r-30r. Zum Ablauf der Feierlichkeiten siehe das Programm für die Konsekration und Inthronisation des Hochwürdigsten Bischofs von Hildesheim, Dr. Adolf Bertram, am 15.8.1906, BAH – Domkapitel 57, f. 11r-16r. Siehe auch die ausführliche Berichterstattung in der Presse. Feierliche Konsekration

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Die Tischreden, die anlässlich des Banketts, das sich am Nachmittag an den Gottesdienst anschloss, gehalten wurden, werfen ein Licht auf Bertrams Selbstverständnis. Über den großen Andrang der Hildesheimer Bürgerschaft bei den Feierlichkeiten zeigte er sich erstaunt, hatte er doch geglaubt, bisher unbemerkt im Hintergrund gewirkt zu haben. Er verstand sich selbst als volksnahen Bischof, entsprungen aus den Wurzeln Hildesheims: »Durch die Mutter dem Hildesheimschen Bauernstande, durch den Vater der Hildesheimschen Bürgerschaft entsprossen, darf ich mich ganz ein Kind des Volkes nennen.« Bertram wiederholte hier, was er bereits bei seiner Eidesleistung gesagt hatte, und definierte seine Stellung zur staatlichen Macht eindeutig: Ihn dränge sowohl sein »religiöses Empfinden« wie auch sein »deutsches Herz dazu, in dieser festlichen Versammlung ... [seiner] begeisterten Liebe zu den beiden Trägern der höchsten Autoritäten Ausdruck zu geben.« Da Hildesheim ein deutsches Bistum sei, habe er auch Verpflichtungen gegenüber dem Heimatland und dem Landesherrn übernommen160. »Ja, nicht nur Gebete, sondern Danksagungen sollen geschehen für den König. Und gerade wir Deutschen haben allen Grund, diese Gebete zu erfüllen mit freudigem Herzen: nämlich Gott zu danken für das, was wir an und durch unseren Kaiser haben.« Wilhelm II. erkenne die Bedeutung von Religion und kirchlicher Autorität uneingeschränkt an. »Es ist des Kaisers ernster Wille, daß lebendige Harmonie zwischen der staatlichen und kirchlichen Autorität walte, daß staatliche und kirchliche Gewalten in allen gemeinsamen Aufgaben treu zusammenwirken zum Segen des Volkes, daß die lebenspendene Kraft der christlichen Religion alle irdischen Verhältnisse, alle Gebiete des gesellschaftlichen Lebens durchdringe und befruchte.«161

Bertram schloss seine Rede mit einem Toast auf »Kaiser und Papst«. Oberpräsident Wentzel hatte im Vorfeld großen Wert darauf gelegt, dass diese Reihenfolge eingehalten wurde und nicht der Papst vor dem Kaiser genannt werden dürfe162. Kardinal Kopp, den Bertram als »väterlichen Freund« und einen »Führer seiner Wege« bezeichnete, erfüllte »aus Freundesherzen« die Aufgabe, ebenfalls eine Festrede halten zu dürfen. In seiner Laudatio ging er auf das Zaudern des neuen Bischofs ein, die Wahl anzunehmen. Es sei »keine geringe Mühe gewesen, von

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und Inthronisation unseres hochwürdigsten Herrn Bischofs Dr. Adolf Bertram, in: HILDESHEIMER ZEITUNG vom 16.8.1906; Konsekration und Inthronisation des Bischofs Dr. Adolf Bertram, in: HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG vom 16.8.1906. Er belegte diese Aussage mit Bibelzitaten: »Ehret den König!« (I. Petrus 2, 17); »Die Obrigkeit ist Gottes Dienerin« (Römer 13, 4) und »Gebete und Danksagungen sollen geschehen für alle Menschen, für Könige und Obrigkeit.« (I. Timotheus 2, 1-2). Feierliche Konsekration und Inthronisation unseres hochwürdigsten Herrn Bischofs Dr. Adolf Bertram, in: HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG vom 16.8.1906. Über den Toast auf Kaiser und Papst hatte es im Voraus Absprachen gegeben, wobei Bertram auf Anweisung Kopps vorerst nicht zugestanden hatte, den Kaiser vor dem Papst zu nennen. Siehe dazu die einschlägigen Schreiben in BArch, R 5101 und NHAH – Hann 122a, 3754. Letztendlich änderte Kopp seine Meinung und wies den neuen Hildesheimer Bischof an, dass er den Kaiser vor dem Papst nennen »müsse«, wie es die Tradition verlange. Kopp an Wentzel vom 6.7.1906, Ebd.

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Seiten seiner Freunde sowohl als auch von höherer Seite, die sein Gewissen beeinflusste, den jetzigen Bischof zu bewegen, seine Bedenken und seine Besorgnis dem Wohle der Diözese zum Opfer zu bringen.«163 Bertram gab seine Zweifel in seinem Antrittshirtenbrief zu. Am Sterbebett seines Vorgängers sei in ihm noch die feste Hoffnung gewesen, »daß die Wähler gewiß nicht auf mich das Auge richten würden. Ich hatte mich geirrt. Immer ernster trat an mich die Frage heran, was ich zu tun habe, wenn meine Brüder im Kapitel auf meine Bedenken nicht hören würden. Diejenigen, auf deren Rat ich hören mußte, bezeichneten es als meine Pflicht, dem Willen der rechtmäßigen kirchlichen Wähler mich zu unterwerfen. Mit bangem Herzen gab ich den Widerstand auf.«164

b) Bischof von Hildesheim

Bertram begründete seine Auffassung zum Verhältnis von Kirche und Staat in seinem programmatischen Antrittshirtenbrief religiös. Es solle »ein einträchtiges Band ... zwischen kirchlicher und staatlicher Autorität herrschen.« Das sei nicht ein »Gebot der Klugheit ..., weil die Zwietracht unter diesen beiden Autoritäten keiner von beidem zum Nutzen« gereiche. »Der tiefste Grund dieser Notwendigkeit« liege allerdings »in jenem Plane der göttlichen Vorsehung, aus welchem beide Ordnungen und Gewalten hervorgegangen sind.« Denn die geistliche Gewalt steht »nicht im Gegensatz, sondern in Harmonie zur staatlichen Autorität.« Es müsse »eine Lebensgemeinschaft bestehen zwischen der natürlichen und der übernatürlichen gesellschaftlichen Ordnung. Diese gottgewollte Harmonie beider Gewalten ist die Grundlage der christlichen Weltanschauung.« Diese Harmonie dürfe nicht gefährdet werden. »Wie tief würde die Achtung vor jeder Autorität erschüttert werden, wenn das Streben, die Harmonie beider als unmöglich hinzustellen, einen Riß im Bewußtsein der Volksseele hervorrufen würde!«165 Deshalb erklärte er an anderer Stelle, dass »die kirchliche Autorität [nie] müde [werde], den Christen die Pflicht einzuschärfen, gegen die weltliche Obrigkeit Liebe, Ehrfurcht und Gehorsam zu bezeigen.«166 Dieses Staatsverständnis Bertrams geht auf die Staats- und Soziallehre Papst Leos XIII. zurück. Bertrams »Harmoniemodell« basierte auf der Annahme des gegenseitigen Respekts der beiden von Gott gewollten Autoritäten Kirche und Staat, wobei die konkrete Staatsform, mit der die Kirche zusammenarbeitete, prinzipiell gleichgültig war. Auseinandersetzun163

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Feierliche Konsekration und Inthronisation des Bischofs Dr. Adolf Bertram, in: HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG vom 16.8.1906. In seinem Ergebenheitsschreiben an Papst Pius X. erklärte Bertram, dass Kopp ihm »semper paterna amicitia« sei. Bertram an Pius X. vom 7.7.1906, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1559, fasc. 826, f. 29r-30r, hier 29r. A. BERTRAM, Ein dreifaches Band, S. 4. Ebd., S. 22 f. A. BERTRAM, Christus, der »Hirt und Bischof eurer Seelen«, in: A. BERTRAM, Kirche und Volksleben, S. 3-29, hier S. 23.

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gen zwischen kirchlicher und staatlicher Autorität passten nicht in dieses Denkmodell Bertrams, wodurch es zu einer »Konfliktvermeidungsstrategie« wurde167. »Der Schritt ins Bischofsamt bewirkte in der Persönlichkeitsentfaltung des Berufenen so etwas wie einen späten Durchbruch« und Bertram brach nun »mit dem Tabu seiner angeblichen Seelsorgsuntauglichkeit.«168 Wenngleich er selbst außer an der Anima in Rom nie in der praktischen Seelsorge tätig gewesen war, so setzte er hier durch seine Hirtenbriefe und -worte sowie durch seine vielfältigen Firm- und Visitationsreisen in die Gemeinden seiner Diözese einen Schwerpunkt seiner bischöflichen Tätigkeit169. Bertrams Wahlspruch lautete »Veritati et caritati«, »Für die Wahrheit und die Liebe«. Die Liebe war für Bertram ein zentrales Thema. Bei seiner Antrittsrede als Fürstbischof von Breslau versprach er seinen neuen Diözesanen gleich mehrfach seine eigene und erbat sich deren Liebe170. Das Bewahren des katholischen Glaubens war eine wichtige Aufgabe für Bertram. Es sei »des Bischofs heiligste Pflicht, zu wachen über die Reinheit des Glaubens.«171 Dies könne unter anderem durch die Heilighaltung des Sonntags sowie durch regelmäßigen Sakramentsempfang gewährleistet werden. In seiner Trauerrede für den verstorbenen Bischof Voß von Osnabrück nannte Bertram die bischöflichen Pflichten, die ihm wichtig waren. Zum einen war das die Papsttreue: »treu bis zum Pünktchen auf dem i.« Darüber hinaus sei es Bischofspflicht, »den Verhältnissen des eigenen Landes kluge Rücksicht zu tragen.« Dabei müsse Ziel des bischöflichen Wirkens immer das »Heil der Seelen« sein172. Die praktische Seelsorge für die dem sorgenden Hirten anvertraute Herde – ein Bild, das Bertram gerne benutzte – müsse oberste Priorität vor allen anderen Aufgabenbereichen haben. Dem gesprochenen und geschriebenen Wort müssten Taten folgen, denn vor allem das vorgelebte Beispiel hinterlasse bei den Mitmenschen Eindruck. Bertram selbst lebte seinen Diözesanen ein mustergültiges Leben vor, das von Arbeit geprägt war und fast allen weltlichen Genüssen entsagte. Er war totalabstinent, 167

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»Nimmt man Bertrams Vorstellungen zusammen, so ersteht das Idealbild einer festgefügten, gottgewollten Ordnung, für deren Bestand und segensreiches Wirken die pietätgetragene, gehorsame Ein- und Unterordnung des Einzelnen unter die jeweiligen Autoritäten: Familie, Schule, Kirche und Staat die zentrale Kondition darstellt. Es ist evident, daß jeder Aufruhr gegen diese Art von Gehorsam sowie jede Störung der Harmonie der Autoritäten zueinander vermieden werden muß. Bertram vertrat praktisch idealtypisch die Lehre der Päpste des 19. Jahrhunderts.« Für das Harmoniemodell, für die theologischen und kirchenpolitischen Grundüberzeugungen sowie für eine präzise Charakterisierung Bertrams auf der Basis der Erinnerungsliteratur und seiner eigenen Schriften siehe A. LEUGERS, Mauer, S. 28-34, hier 31 f.; A. LEUGERS, Bertram 1939-1945, S. 15-20, hier 19. L. VOLK, Bertram, S. 275. T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 253. »Treue und Opferliebe verspreche ich Euch. Um Treue und Opferliebe bitte ich Euch ...«; »Liebe verspreche ich Euch. Um Liebe bitte ich Euch.« A. BERTRAM, Treue und Liebe zwischen Hirt und Herde, in: A. BERTRAM, Kirche und Volksleben, S. 393-400, hier 394, 397. A. BERTRAM, Ein dreifaches Band, S. 8. A. BERTRAM, Charakterzüge eines treuen Hirten, in: A. BERTRAM, Kirche und Volksleben, S. 411-422, hier 415.

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rauchte allerdings Zigarre und trank Kaffee173. Nicht nur Bischof, sondern auch Priester, Eltern und Lehrer müssten vorbildlich leben, übten sie doch »einen bestimmenden Einfluß auf die religiöse und sittliche Entwicklung ihrer Mitmenschen«, vor allem auf die Jugend aus174. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Bertram zeitlebens gegenüber seinen Eltern und Lehrern, die das Geforderte beispielhaft vorgelebt hatten, eine tiefe Dankbarkeit bewahrte. Dem Thema der katholischen Jugendpflege widmete Bertram eine Reihe von drei aufeinanderfolgenden Hirtenbriefen175. Bertram forderte von seinem Klerus tiefe Religiosität und einen sittlich angemessenen Lebenswandel. Um dies gewährleisten zu können, war die Ausbildung der Theologiestudierenden und Priesteramtskandidaten von großer Bedeutung. Bertram war bereits als Domkapitular mit der Betreuung der auswärtigen Studierenden und Alumnen betraut gewesen und behielt diese Aufgabe auch als Bischof in seinen Händen. Er »zeigte sich hier als Asket, der er zeitlebens war, eine beherrschte Persönlichkeit, wohlbewandert im geistlichen und aszetischen Schrifttum, klug und maßvoll in den Forderungen, zugleich praktisch denkend, mit Blick für die Seelsorge und namentlich für die Arbeit in den unteren Schichten des Volkes.« Dabei wollte er nicht befehlen, sondern überzeugen. »Die Studierenden sollten zur Selbstbetätigung angeregt werden. Was sie sich auf diesem Wege aneigneten, würde viel mehr ihr innerer Besitz werden, als was ihnen von einem anderen vorgelegt wurde ... Von hochgestochenem Gerede, das nicht zur Tat wurde, hielt er nichts; er war auch in dieser Hinsicht nüchtern.«176 Bertram kümmerte sich um jeden Studierenden persönlich und ließ bei weniger schlimmen Verstößen oft Nachsicht wirken. Ausschließlich beim Umgang mit Frauen ließ er keine Rücksicht walten. »Für solche unbewusste Schwächen junger Theologen und Priester hat das Volk ein furchtbar feines Gefühl. Es ist in keinem Punkte die Magnetnadel der öffentlichen Meinung so empfindlich wie in diesem taktischen Punkte.«177 Für Bertram übte der Regens des Priesterseminars nach dem Bischof das wichtigste Amt im Bistum aus178. Mit dem langjährigen Regens des Hildesheimer Priesterseminars, in dem die Alumnen im letzten Jahr vor der Pries173 174 175

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A. BERTRAM, »Frucht des Geistes ist Mäßigkeit und Enthaltsamkeit.«, in: Ebd., S. 59-88. A. BERTRAM, Ein dreifaches Band, S. 12. A. BERTRAM, Pädagogische Bedeutung des Dekrets über die Erstkommunion, in: A. BERTRAM, Kirche und Volksleben, S. 89-117; A. BERTRAM, Jugendpflege im Lichte der katholischen Lebensauffassung, in: Ebd., S. 271-307; A. BERTRAM, Weibliche Jugendpflege, in: Ebd., S. 308-339. G. MAY, Domkapitular, S. 146. Die meisten Hildesheimer Theologiestudierenden gingen zum Studium nach Münster, wo Johann Jakob Margreth als Repetent für sie und als Vertrauensmann für den für die Ausbildung zuständigen Bertram war. Bertram an Margreth vom 24.4.1904, zit. nach Ebd., S. 148. T. SCHARF-WREDE, Hildesheimer Weltklerus, S. 401, Anm. 16. In seiner Trauerrede für den verstorbenen Osnabrücker Bischof Voß nannte Bertram die Arbeit eines Regens als »das wichtigste Amt nach dem bischöflichen Amte«. A. BERTRAM, Charakterzüge eines treuen Hirten, in: A. BERTRAM, Kirche und Volksleben, S. 411-422, hier 413.

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terweihe ausgebildet wurden, Heinrich Heise, war Bertram unzufrieden179. Eine seiner ersten Amtshandlungen als Bischof war die Ernennung von Joseph Ernst, der Bertram als Bischof von Hildesheim nachfolgen sollte, in diese Position. Ernst konnte ähnlich hohe Fähigkeiten vorweisen wie Bertram selbst: »wissenschaftliche Qualifikation, persönliche Frömmigkeit, Aufgeschlossenheit gegenüber den Zeitfragen, rhetorisches Geschick und eine gute Organisationsfähigkeit.«180 Neben Ernst zählten lediglich Generalvikar Johannes Hagemann sowie der Privatsekretär, der spätere Domkapitular Friedrich Schneider, zu den Vertrauten Bertrams – Freunde hatte der Bischof nicht. Er hatte keinen »Drang zur Geselligkeit« und wirkte auf sein Umfeld unterkühlt und abweisend181. »Doch selbst diesen [Vertrauten] gegenüber fiel es dem Bischof schwer, Arbeit zu delegieren – am liebsten erledigte er eigentlich alles selbst.«182 Er war ein »autokratischer Chef ..., der seine Mitarbeiter befriedigt spüren ließ, daß eigentlich nur er selber aufgrund seiner intellektuellen Fähigkeiten und jahrzehntelangen Erfahrungen von der Pike auf die anfallenden Arbeiten adäquat erledigen konnte.«183 Als Bischof von Hildesheim musste sich Bertram neuen Herausforderungen stellen. Auf den durch die zunehmende Industrialisierung hervorgerufenen Zuzug vieler Katholiken in die Diaspora des Bistums – lebten 1880 ca. 92.000 Katholiken im Bistum, so stieg die Zahl um die Jahrhundertwende auf ca. 162.000 und um 1910 auf fast 210.000 – reagierte die Diözesenverwaltung trotz des herrschenden Priestermangels mit zahlreichen Gemeindeneugründungen. Darüber hinaus wurden das Schulwesen sowie eine Reihe karitativer Einrichtungen ausgebaut, wobei die Initiative in den meisten Fällen von den Gemeinden ausging184. Den Ausbau des kirchlichen Netzes in der Diaspora konnte das Bistum aus eigener Kraft nicht leisten, weswegen es auf die Unterstützung des Bonifatiusvereins angewiesen war185. Bertram stellte sich schützend vor die Diasporakatholiken: 179 180

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G. MAY, Domkapitular, S. 159. T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 329-334, hier 332. Auch die von Bertram eingeführten und von ihm selbst geleiteten Dechantenkonferenzen, auf welchen »aktuelle Belange der Pastoral und Disziplin« erörtert wurden, stehen im Zusammenhang mit der Aus- und Weiterbildung der Priester. T. SCHARFWREDE, Bertram, S. 253 f. W. MÜNCH, Sekretär, S. 282. K. SPECKNER, S. 100 nennt die beiden Würzburger Studienkollegen Franz Hitze und Aloys Schäfer als Freunde Bertrams. A. LEUGERS, Bertram 1939-1945, S. 13, Anm. 33 verweist auf einige Stellen in Bertrams Werken, in denen er Bezug auf seine Freunde nimmt. Es handelte sich um einen nicht näher bezeichneten Ordensmann, um einen im Jahr 1929 bereits verstorbenen Priester sowie um einen rheinländischen Domherren. Siehe dazu A. BERTRAM, Katholische Aktion, S. 176, 228; A. BERTRAM, Charismen, S. 149. F. PIONTEK, S. 17 schreibt zu diesem Thema: »Er war ein einsamer Mann. So viele Personen auch bei ihm ein- und ausgingen, mit so vielen er auch dauernd in Berührung kam – niemand wird sich rühmen können, seine Freundschaft besessen zu haben. Von dem dreifachen Wort: mihi satis paucis amici, mihi satis unis, mihi satis nullus galt bei ihm der letzte Teil. Er war freundlich gegen jedermann, war gütig, er konnte auf seinen bischöflichen Reisen die Gläubigen durch seine ungezwungene Herzlichkeit gewinnen – aber er blieb einsam wie ein Alpengipfel.« T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 263. A. LEUGERS, Bertram 1939-1945, S. 12. T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 255; T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 333. Ebd., S. 347-354.

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»Jene Gegenden, die früher gar keine Katholiken kannten, sind jetzt durchsetzt von zahllosen Gruppen katholischer Erwerbstätiger ... Woher kommt das? Die Industrie, die Fabriken, die Bergwerke, die Landwirtschaft und der Handel wirbeln die Angehörigen der Konfessionen durcheinander ... Kaum setze ich einen Kreisvikar in eine sogenannte ›verlorene‹ Gegend, und kaum radelt er Dutzende von Ortschaften ab, so melden sich schon Hunderte katholischer Arbeiter und zahlreiche Familien, deren Kinder mit 13, 14 Jahren noch nie eine heil. Messe gesehen haben. Man sagt, die hätten da nicht hinziehen sollen. Das ist richtig, aber es gibt auch im wirtschaftlichen Leben eine Art vis maior, die wir nicht ausschalten können. Und lehnt denn etwa ein Arzt die Hilfe dem Hilfsbedürftigen deshalb ab, weil der sich der Gefahr nicht hätte aussetzen dürfen?«186

Der Bonifatiusverein war nicht der einzige Verein, der mit der Unterstützung Bischof Bertrams rechnen konnte. Schließlich war das katholische Vereinswesen die gesellschaftliche Stütze für die katholische Identität, gerade in der Diaspora. Neben dem Volksverein für das Katholische Deutschland, dem »Verein für alle«187, mit dessen Schriftführer Franz Hitze Bertram seit den gemeinsamen Tagen in der Würzburger Unitas in guten Beziehungen stand, förderte Bertram auch zahlreiche andere katholische Vereine, beispielsweise den Elisabethenverein, dem er in seiner Würzburger Zeit selbst angehört hatte188. Die Sorge um die polnischsprachigen Katholiken in der Diözese Hildesheim lag Bertram nicht erst als Bischof am Herzen. Die Migrationsbewegung von Osten nach Westen führte in den Vorkriegsjahren ca. 24.000 polnische Muttersprachler in die Hildesheimer Diözese, was ca. elf Prozent der Diözesanen entsprach189! Dazuzurechnen sind noch einmal etwa genauso viele polnische Saisonarbeiter, die in den landwirtschaftlichen Gebieten um Braunschweig, Hannover und Lüneburg über die Sommermonate angestellt waren. Seit Mitte der 1890er Jahre bereiste ein polnischer Priester die Gemeinden, in welchen im Vorjahr polnischsprachige Saisonarbeiter tätig gewesen waren, und hielt Gottesdienste ab190. Die Organisation der polnischsprachigen Seelsorge oblag Bertram bereits als Domkapitular, der für die Aufstellung der Pastorationspläne zuständig war. Diese Arbeit, eine »Liebespflicht gegenüber polnischen Diözesanen fremder Diözesen« führte Bertram auch als Bischof persönlich fort191. Zusätzlich förderte er die Errichtung von polnischen Vereinen. Zu Konflikten mit der Regierung wegen der Polenseelsorge kam es im preußischen – im Gegensatz zum braunschweigischen – Teil des Bistums kaum, da man in Hannover die Pastoration durch auswärtige 186

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A. BERTRAM, Der St. Bonifatius-Verein, ein Apostolat der katholischen Liebe, in: A. BERTRAM, Kirche und Volksleben, S. 232-249, hier 236 f. H. HEITZER, Volksverein; G. KLEIN. Zum katholischen Vereinswesen im Bistum siehe T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 346-383. Scharf-Wrede nennt hier unterschiedliche Zahlen. In T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 261 steht die hier genannte Zahl von 24.000 für das Jahr 1914, während er in T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 390 die Zahl 14.000 für 1910 und erst für 1916 die Zahl 24.000 anführt. H.-G. ASCHOFF, Bertram, S. 27 nennt für das Jahr 1910 die Zahl von 16.000 polnischsprachigen Hildesheimer Diözesanen. Ebd., S. 28. Zitiert nach T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 391, Anm. 478.

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Priester stillschweigend tolerierte192. Im Einvernehmen mit der preußischen Regierung ließ Bertram polnische Priester als festangestellte Seelsorger in seiner Diözese jedoch nicht zu193. Stattdessen lernten in seinem Auftrag drei deutsche Priester die polnische Sprache, um die Polen, die allen Integrationsbemühungen zum Trotz in »einer Art Ghetto« lebten, seelsorglich betreuen zu können194. c) Das Herzogtum Braunschweig

Während es im preußischen Teil des Bistums Hildesheim nach Beendigung des Kulturkampfes kaum mehr zu Konflikten zwischen Regierung und Diözesanverwaltung kam, war die Situation im braunschweigischen Teil der Diözese Hildesheim eine andere. Die Katholiken im Herzogtum Braunschweig lebten in einer ausgeprägten Diasporasituation, woran auch ihr prozentualer Anstieg von ca. einem auf ca. fünf Prozent der Gesamtbevölkerung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wenig änderte. Mittelpunkt des katholischen Lebens im Herzogtum waren die Gemeinden Braunschweig, Wolfenbüttel und Helmstedt195. Die Grundlage des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche bildete das »Katholikengesetz« vom 10. Mai 1867. Es regelte die Formalitäten für die in der Diaspora häufig eintretenden Mischehen zwischen Protestanten und Katholiken, für die Schulpflicht katholischer und protestantischer Kinder aus solchen Mischehen sowie für rein katholische Kinder jeweils zum Vorteil der protestantischen Konfession. Die katholischen Priester mussten vor Amtsantritt die Befolgung des Katholikengesetzes geloben – bei Nichtbeachtung konnten Geld- und Haftstrafen verhängt werden – und Missionsgründungen wurden erschwert. Besonders in grenznahen Gebieten kam es häufig zu Konflikten, wenn Priester aus Preußen, die im Herzogtum nicht zugelassen waren, in Notfällen kirchliche Amtshandlungen wie das Austeilen des Sterbesakraments vollzogen196. Die braunschweigische Regierung reagierte auf den Anstieg der katholischen Bevölkerung im Herzogtum, auf deren zahlreiche Proteste sowie auf den Toleranzantrag des Zentrums im Reichstag197 mit einer Novellierung des Katholikengesetzes – jedoch ohne Absprache mit der ansässigen Geistlichkeit oder der Hil192

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Ebd., S. 390-395. Von 1905 bis 1911 wurde diese von Jesuiten und danach von Lazaristen aus Krakau durchgeführt. Siehe auch BAH – Generalia I, 233-238, 472; Generalia II, 158, 809. Siehe zu den Bestrebungen, in Wilhelmsburg einen Nationalpolen als Hilfsgeistlichen einzustellen, der nervösen Reaktion der hannoverschen Regierung sowie zu Bertrams entschiedener Absage die entsprechenden Schreiben in NHAH – Hann 122a 3655. T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 392. Nach Ebd., S. 558 war die Zahl der Katholiken im Herzogtum Braunschweig bis ins Jahr 1910 »auf über 25.000« angestiegen. Im Jahr 1905 sollen »rund 26.500« Katholiken im Herzogtum gelebt haben. T. SCHARF-WREDE, Hildesheimer Weltklerus, S. 399. Siehe T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 156-174, 558-607. Zwischen 1900 und 1912 scheiterte das Zentrum wiederholt mit seinem Toleranzantrag im Reichstag. M. SEBALDT.

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desheimer Diözesanverwaltung. Diese zeigten sich vom neuen »Gesetz betreffend die Ordnung der kirchlichen Verhältnisse der Katholiken« vom 29. Dezember 1902 entsprechend enttäuscht, da es lediglich die Duldung, nicht aber die Gleichberechtigung der Katholiken beinhaltete und deren Situation nicht wesentlich verbesserte198. Bischof Bertram bemühte sich gemäß den Vorstellungen seines Harmoniemodells umgehend um gute Beziehungen zur braunschweigischen Regierung und suchte den persönlichen Kontakt zu den Herzögen, wodurch er erhebliche Verbesserungen für die Katholiken erreichen konnte199. Das »Gesetz über die Zulassung von auswärtigen Geistlichen zu einzelnen kirchlichen Amtshandlungen« vom Sommer 1908 stellte einen ersten Verhandlungserfolg dar. Fortan war es preußischen Priestern legal möglich, ein Minimum an Notfall-Seelsorge vorzunehmen200. Sie mussten einen begründeten Antrag auf Zulassung im Herzogtum stellen, wobei sie genau beschreiben sollten, an welchem Ort sie welche Amtshandlung auszuführen gedachten. Bertram forderte seinen Klerus dazu auf, dieses Gesetz zu befolgen und solche Anträge zu stellen. »De facto führte dies ab etwa 1909/10 zu einer spürbaren Entkrampfung der Beziehungen zwischen Landesregierung und Bistumsleitung«, da nun ein permanenter Streitpunkt der vergangenen Jahrzehnte ausgeräumt war201. Bertram vereinbarte im Oktober 1908 mit dem braunschweigischen Kultusminister Carl von Wolff vertrauliche Gesprächsrunden, um in den noch strittigen Fragen zu einvernehmlichen Lösungen zu gelangen. Kurz darauf legte Bertram 198 199

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T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 559 f. Mit Prinz Albrecht von Preußen traf Bertram nicht mehr zusammen. Mit dessen Nachfolger Johann Albrecht Herzog von Mecklenburg fanden in ungefähr jährlichen Abständen Treffen statt, bei welchen der Bischof die Wünsche und Forderungen seiner braunschweigischen Diözesanen vorbrachte. Siehe die jeweiligen vorbereitenden Schriftwechsel in BAH – Bischöfliche Kurie VI 2a (295); Ebd. – Braunschweig Allgemeines 5, 7 und 24. In seinem Glückwunschschreiben an Herzog Johann Albrecht zum neuen Jahr 1911 erlaubte sich Bertram, diesem die kirchenpolitischen Forderungen, welche er bislang zu wenig berücksichtigt sah, ins Gedächtnis zurückrufen zu dürfen. Bertram an Johann Albrecht vom 20.12.1910, StAW – Bestand 12 Neu Kultus 7, 423. Auch mit dem nachfolgenden Herzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg suchte Bertram den persönlichen Kontakt. Der Bischof verknüpfte mit seinem Glückwünschschreiben zu dessen Thronbesteigung eine Schilderung seiner bisherigen Kirchenpolitik im Herzogtum: »Es ist in den sieben Jahren, die ich Bischof bin, mein stetes Bestreben gewesen, vertrauensvoll in allen Anliegen mit der herzoglichen Regierung Verständigung anzustreben und in den Herzen der Katholiken Liebe und Gehorsam zur staatlichen Autorität durch den maßvollen Einfluß der Religion zu festigen.« Eine Audienz fand am 2.12.1913 statt. Bertram an Oberhofmarschallamt Braunschweig vom 27.11.1913, BAH – Braunschweig Allgemeines 8, f. 21r. Gesetz betreffend die Ergänzung des Gesetzes vom 29.12.1902 über die kirchlichen Verhältnisse der Katholiken vom 17.6.1908, in: Braunschweigische Gesetzes- und Verordnungssammlung Nr. 42 vom 8.7.1908, S. 247 f. Zu den Verhandlungen siehe StAW – Bestand 12 Neu Kultus 7, 440; BAH – Braunschweig, Allgemeines 1 sowie BArch R 5101, 22155. T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 606. Bertram bat Kultusminister Wolff um ein vertrauliches Gespräch über die Schulproblematik. Schließlich sei »doch schon mehrfach mündliche Auskunft für die Erkenntnis von Vorteil gewesen, daß die beiderseitigen Auffassungen besser vereinbar waren als anfangs erschien.« Bertram an Wolff vom 22.9.1909, BAH – Braunschweig Allgemeines 24.

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in Absprache mit dem braunschweigischen Klerus die 16 dringlichsten »Beschwerden und Wünsche der Katholiken des Herzogtums Braunschweig« vor. In schneller Folge wurde diese Liste im Kultusministerium den katholischen Wünschen entsprechend abgearbeitet202. Bis Februar 1909 waren dreizehn der sechzehn Forderungen erfüllt – im Juli des Jahres folgte die vierzehnte –, darunter das »gegenseitige Sich-Vertreten zugelassener Geistlicher« sowie die »Spendung der Sterbesakramente durch nicht zugelassene Priester in Eilfällen«. Die Frage des »Katholischen Religionsunterrichts an höheren Schulen« wurde ebenso gelöst wie die der Erziehung der Mischehenkinder. Bertram konnte sogar erreichen, dass sieben »Schwestern aus der Kongregation der Barmherzigen Schwestern für die Diözese Hildesheim zur Krankenpflege im Herzogtum« zugelassen wurden203. Lediglich das Problem der – aus katholischer Sicht – fehlenden finanziellen Unterstützung der katholischen Volksschulen durch die Regierung, was durch die Umwandlung in öffentliche Schulen hätte behoben werden können, blieb ungelöst. Dafür hätten die Missionsgemeinden Holzminden, Schöningen und Bündheim, wo mittlerweile katholische Schulen entstanden waren, als Kirchengemeinden anerkannt werden müssen. Eine durch staatliche Subvention geförderte Festigung der katholischen Strukturen wollte die braunschweigische Regierung allerdings vermeiden204. Bertram und Wolff arbeiteten auch in dieser Frage eng zusammen und der Kultusminister griff die Vorschläge des Bischofs zur Errichtung katholischer Schulverbände sowie dessen Finanzierungsvorschläge in einem eigenständigen Gesetzentwurf auf205. Die diesbezüglichen Verhandlungen zogen sich bis zur Verabschiedung des »Gesetzes über römisch-katholische Schulverbände« am 20. De202

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Beschwerden und Wünsche der Katholiken des Herzogtums in kirchlicher Beziehung, StAW – Bestand 12 Neu Kultus 7, 443. Die Wünsche und Forderungen wurden tabellarisch zusammengefasst, die abgeschlossenen Verfahren mit »erledigt« gekennzeichnet und schließlich durchgestrichen. Bertram an Wolff vom 11.11.1908, StAW – Bestand 12 Neu Kultus 7, 443; T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 565; T. SCHARF-WREDE, Bertram, S. 259. Zu den einzelnen Verhandlungspunkten siehe, StAW – Bestand 12 Neu Kultus 7, 430; 444; 446; Ebd. – Bestand 127 Neu, 3911; Ebd. – Bestand 128 Neu 1, Fb. 1, 24/26; 24/466. Die katholischen Volksschulen der genannten Missionsgemeinden im Herzogtum Braunschweig wurden in Preußen nicht als Volksschulen, sondern als Privatschulen angesehen, weshalb die dort angestellten Lehrkräfte ihre Dienstzeit nicht für die preußische Pensionskasse anerkannt bekamen. Die Hildesheimer Diözesanverwaltung konnte die Zahlung in die preußische Pensionskasse nicht leisten, weswegen an besagten Schulen ein großer Lehrermangel und eine hohe Lehrerfluktuation herrschte. Durch die Umwandlung der Missionsgemeinden in Kirchengemeinden wären die katholischen Volksschulen in Preußen nicht mehr als Privatschulen angesehen worden, was das Problem gelöst hätte. Zu den vielfältigen Bemühungen Bertrams und der Diözesanverwaltung, diese Situation zu ändern, siehe BAH – Braunschweig Allgemeines 24; StAW – Bestand 127 Neu, 3920; 3924; Ebd. – Bestand 128 Neu 1, Fb. 1, 24/24; 24/931; Ebd. – Bestand 130 Neu, 3, 3676; 3677. T. SCHARFWREDE, Bistum, S. 585-589. Bertram an Wolff vom 3.12.1909, BAH – Braunschweig Allgemeines 22, f. 45r-46r; Wolff an Bertram vom 13.4.1910, Ebd., f. 25r. Wolff wünschte eine schnellere Abwicklung der Angelegenheit, konnte sich allerdings nicht in der Regierung durchsetzen. Wolff an Bertram vom 23.2.1910, Ebd. – f. 51r-52r, hier 52r. Siehe T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 565.

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zember 1912 hin. Die Finanzierung der katholischen Schulen wurde durch Schulgeld und -steuer, Zuschüsse des Staates, der Gemeinde sowie des Bistums gesichert, wobei Bertram die Festsetzung einer Obergrenze des bischöflichen Zuschusses nicht erreichen konnte206. Wenngleich das Gesetz auf Grund der langen Vorbereitungsdauer zur Errichtung der Schulverbände, des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs sowie der Translation Bertrams nach Breslau nicht in die Tat umgesetzt werden konnte, können die Verhandlungen dennoch als erfolgreich betrachtet werden207. Bertram selbst war mit dem Verhandlungsergebnis nicht gänzlich zufrieden, wie aus einem der wenigen erhaltenen privaten Briefe hervorgeht. In seiner nunmehr 29-jährigen Tätigkeit in der Diözesanverwaltung habe er schon einige Verhandlungserfahrung mit staatlichen Behörden sammeln können. Zu Beginn zeigten die zuständigen Beamten stets ein gewisses Wohlwollen. »Nun sind die Katholiken bekanntlich gern vertrauensselig gegen freundliche Staatsbeamte. Man segelt bei gutem Winde freudig voran.« Probleme würden dann in den Einzelverhandlungen auftreten und »aus den verschiedensten angeblich nicht-konfessionellen Rücksichten wird eine Forderung nach der anderen beschnitten ... Schritt für Schritt macht man kleine Konzessionen. Endlich kommt es auf einen ernsten, entscheidenden Punkt. Man hatte sich fest vorgenommen, in dem Punkt nicht nachzugeben. Aber man steht unter dem Drucke der Stimmung der ganzen, steuermüden Gemeinde. Und dann, nach einigem Zögern, mit ›schwerem Herzen‹, aus ›höheren Rücksichten‹, und viel ›um einmal nichts Besseres zu haben‹ – geht man einen Vertrag ein, der die heiligsten katholischen Interessen auf Gnade und Ungnade ausliefert, ohne im Ministerium oder im Landtage schützende Hand für die Zukunft zu haben.«208

Auch für das Herzogtum Braunschweig betreute Bertram die Seelsorge der polnischen Saisonarbeiter selbst. Die braunschweigische Regierung befasste sich erstmals Ende 1909 mit dieser Thematik und stellte fest, dass in bestimmten Gemeinden schon seit Jahren in den Sommermonaten unregelmäßiger Gottesdienst durch polnische Geistliche gehalten wurde. Bertram konnte die überraschte Regierung von der Notwendigkeit der polnischsprachigen Seelsorge überzeugen und setzte in der Saison 1910 einen polnischen Geistlichen ein. Dessen von Bertram garantierte politische Neutralität sah die braunschweigische Regierung im Nachhinein 206

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Gesetz über römisch-katholische Schulverbände vom 31.12.1912, in: Braunschweigische Gesetzesund Verordnungssammlung Nr. 78 vom 31.12.1912, S. 707-717. Zu den Verhandlungen siehe BAH – Braunschweig Allgemeines 24. J. HESSE, S. 67-72. Zu einer Lösung der Schulfrage kam es erst durch das Regionalkonkordat im Jahr 1921. T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 566 f. Bertram an Brandis vom 19.1.1913, BAH – Braunschweig Allgemeines 22, f. 80r-91r, hier 80v. Bei seinen Verhandlungen bediente sich Bertram der Argumentation seines Vetters, Ferdinand Brandis, Oberamtsrichter in Braunschweig. Zur katholischen Schulunterhaltungsfrage. Vortrag gehalten von Oberamtsrichter Dr. Brandis am 20.11.1912 in Braunschweig, Ebd., f. 69r-77r. Der Hinweis über Bertrams Verwandtschaftsbeziehung zu Brandis stammt aus einem Schreiben Bertrams an den Ministerialrat im preußischen Kultusministerium, Schlüter, vom 6.2.1924, AAW – IA 25 n10.

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allerdings als nicht gegeben, weshalb im folgenden Jahr keine besondere Seelsorge für die Saisonarbeiter angeboten werden konnte209. Bisher hatte Bertram es abgelehnt, die Saisonarbeiter durch polnisch sprechende deutsche Priester betreuen zu lassen. Um die Polenseelsorge zu ermöglichen, änderte er seine Meinung, und im Folgejahr konnte diese durch einen politisch neutralen Polen sowie durch einen deutschen Dominikanerpater wieder aufgenommen werden. »Wie so häufig hatte Bertram aus pragmatischen Überlegungen seine zunächst negative Einstellung gegenüber einem solchen Unterfangen korrigiert.«210 Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs musste der polnische Geistliche seine Arbeit zum 1. August 1914 beenden. Die Polenseelsorge im Herzogtum konnte durch den Kaplan in Braunschweig, der mittlerweile polnisch gelernt hatte, aufrecht erhalten werden. Im Rückblick auf die Vorkriegsentwicklung lässt sich festhalten, »daß man für den Bereich des Herzogtums Braunschweig für die Jahre bis 1914/18 zwar von einer im Vergleich zu Preußen eklatanten Benachteiligung der katholischen Kirche sprechen muß, die von der älteren Literatur behauptete ›Katholikenfeindlichkeit‹ jedoch nicht den Tatsachen entspricht.«211 Bertram hatte durch interne Verhandlungen mit der braunschweigischen Regierung beachtliche Erfolge für die Katholiken im Herzogtum erzielen können. Dabei ist den persönlichen Begegnungen zwischen Bischof und Herzog sowie vor allem der engen Zusammenarbeit mit Kultusminister Wolff große Bedeutung beizumessen. Bertram konnte sich in seiner Auffassung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, wie er es in seinem Antrittshirtenbrief geschildert hatte, bestätigt fühlen. Durch harmonische Zusammenarbeit der beiden Autoritäten konnten selbst schwer wiegende Probleme beseitigt werden, waren nur beide Seiten zu Kompromissen bereit. Dabei verhandelte er nicht nach dem Prinzip »Alles oder nichts«, sondern er forderte das, was durchgesetzt werden konnte. In kleinen Schritten sollte das angestrebte Ziel langfristig erreicht werden. Dem Urteil Hans-Georg Aschoffs, dass »die Erfahrungen, die Bertram mit seiner nicht erfolgslosen Handlungsweise gegenüber der braunschweigischen Regierung machte, ... sicher nicht ganz ohne Einfluß auf die später im Dritten Reich von ihm als Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz verfolgte Eingabepolitik« waren, ist durchaus zuzustimmen212. d) Der Gewerkschaftsstreit

Auf der Fuldaer Bischofskonferenz, dem jährlichen Treffen der preußischen Bischöfe213, trat Bertram erstmals im Rahmen des Gewerkschaftsstreits im Jahr 1910 hervor. Hierbei ging es – ähnlich dem parallel verlaufenden und nicht von diesem 209 210 211 212 213

T. SCHARF-WREDE, Bistum, S. 267-571. Ebd., S. 570. Ebd., S. 565 f. H.-G. ASCHOFF, Bertram, S. 34. Zur Fuldaer Bischofskonferenz siehe Kapitel III.2.a.

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zu trennenden Modernismus- und Literaturstreit – im Kern um die Mündigkeit des katholischen Kirchenvolks214. Von den Zeitgenossen wurde der »Gewerkschaftsstreit stets als die größte Spannung« angesehen, »welche die katholische Bewegung seit ihrem Bestehen erlebt hatte.«215 Es standen sich zwei Fraktionen gegenüber, deren Positionen kaum miteinander zu vereinen waren. Auf der einen Seite stand die intransigente Breslauer Richtung, die in Kardinal Kopp und Bischof Korum von Trier ihre bekanntesten und entschiedensten Protagonisten hatte. Diese Seite wurde auch nach dem Sitz der katholischen Arbeitervereine Berliner oder Berlin-Breslauer Richtung benannt. Die Anhänger dieser Position lehnten ein Zusammengehen von katholischen Arbeitern mit ihren protestantischen Arbeitskollegen in gemischtkonfessionellen Christlichen Gewerkschaften genauso entschieden ab wie den Einsatz von Streiks als Druckmittel gegenüber den Arbeitgebern. Sie traten dafür ein, dass die unter kirchlicher Leitung stehenden rein katholischen Arbeitervereine gewerkschaftsähnliche Fachabteilungen einrichteten, die als wirtschaftliche Interessenvertretungen dienen sollten. Die Fürsprecher der Christlichen Gewerkschaften wurden nach den Kölner Erzbischöfen Antonius Kardinal Fischer und dessen Nachfolger Felix Kardinal Hartmann als die Kölner Richtung bezeichnet. Nach dem Sitz des »Volksvereins für das Katholische Deutschland« wurden sie auch die Mönchengladbacher Richtung genannt. Ihre Anhänger hielten ein Zusammengehen der katholischen mit den protestantischen Arbeitern in wirtschaftlichen Fragen für absolut unumgänglich, um das Abwandern der katholischen Arbeiterschaft in die zahlenmäßig stärkeren sozialistischen oder liberal-nationalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften zu verhindern. Den Gefahren des religiösen Indifferentismus, der Demokratisierung sowie der Emanzipation des Kirchenvolks vom geistlichen Führungsanspruch, welche die Berlin-Breslauer immer wieder heraufbeschworen, versuchten die Anhänger der Kölner Richtung durch die Beschränkung der Christlichen Gewerkschaften auf rein wirtschaftliche Angelegenheiten zu begegnen. Bertram schlug im Gewerkschaftsstreit nicht den Weg seines Förderers Kardinal Kopp ein, sondern sprach sich für die Christlichen Gewerkschaften aus. Für die Bischofskonferenz im Dezember 1910 war Bertram mit dem Referat über die Arbeiterfrage beauftragt. Er stellte dort Leitlinien zum Verhältnis von katholischen Arbeitervereinen und Christlichen Gewerkschaften vor, die die Einheit unter den zerstrittenen Bischöfen wieder herstellen sollte. Die Christlichen Gewerkschaften sollten die katholische Hierarchie anerkennen und die Katholiken 214

215

Zur Entwicklung der Christlichen Gewerkschaften in Deutschland siehe R. BRACK, S. 1-192; H. HEITZER, Kopp, S. 23-34; H.-G. ASCHOFF, Kopp, S. 111-114. Neben dem Gewerkschaftsstreit beherrschten der Modernismusstreit, der Literaturstreit, der Zentrumsstreit sowie die Auseinandersetzung um die Borromäusenzyklika Papst Pius’ X. die öffentliche Diskussion des deutschen Vorkriegskatholizismus. Siehe dazu N. TRIPPEN, Theologie; E. HANISCH; M. WEITLAUF, »Modernismus litterarius«; R. MORSEY, Zentrumspartei; G. KNOPP. H. HÜRTEN, Kurze Geschichte, S. 182.

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sollten die katholischen Grundsätze bei ihrer Betätigung für Gewerkschaften beachten. Akatholische Beschlüsse der Christlichen Gewerkschaften müssten verhindert und auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten geachtet werden. Der Episkopat sollte einerseits ausdrücklich vor den Gefahren der Christlichen Gewerkschaften für die Katholiken – »Schwächung im Glauben, gemischte Ehen« – warnen, andererseits beiden Parteien verbieten, sich weiterhin gegenseitig zu verketzern216. Nach einer kontroversen Diskussion wurden schließlich fünf »Grundsätze betr. Gewerkschaftliche Organisationen« beschlossen, die im Wesentlichen auf den Leitlinien Bertrams sowie auf Vorschlägen Erzbischof Thomas Nörbers von Freiburg beruhten217. Auf Wunsch Kopps setzte die Bischofskonferenz eine »Soziale Kommission« ein, der die Bischöfe Karl Joseph Schulte von Paderborn, Aloys Schaefer, Apostolischer Vikar für Sachsen, und Bertram, dem die Leitung der Kommission übertragen wurde, angehörten. Alle drei standen den Gewerkschaften und dem Volksverein nahe – Schaefer und Bertram über ihren Studienfreund Franz Hitze218. Die Aufgabe der Kommission war es, die beschlossenen Grundsätze an die katholischen Arbeitervereine und Christlichen Gewerkschaften zu senden und von diesen verbindliche Aussagen über deren Selbstverständnis einzufordern. Die Kommission sollte diese Programmschriften prüfen und eine Stellungnahme für die nächste Bischofskonferenz ausarbeiten219. Am 3. und 4. Juli 1911 tagte die Soziale Kommission, doch war bis dahin seitens der katholischen Arbeitervereine noch keine Stellungnahme eingetroffen. Schulte beschwerte sich im November bei Kardinal Fischer darüber, dass die Berliner die Soziale Kommission »zum Narren gehabt« hätten. Erst wenige Tage vor der Bischofskonferenz im August hatten sie im Buchhandel eine umfangreiche Stellungnahme abgeliefert, die nicht mehr in die Leitsätze der Sozialen Kommission eingearbeitet werden konnte220. Dennoch stellte diese »Leitsätze und gutachtliche Äußerungen« über die Christlichen Gewerkschaften, von denen sie eine Programmschrift erhalten hatten, zusammen. Diese Leitsätze sandte Bertram mit dem Hinweis auf deren provisorischen Charakter an Kopp. Sie seien sehr vorsichtig formuliert, da man keine weiteren Spannungen habe hervorrufen wollen. Insge216

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Private Niederschrift Bischof Korums über die Verhandlungen der Fuldaer Bischofskonferenz vom 14.-15.12.1910, in: E. GATZ (Bearb.), Akten Fuldaer Bischofskonferenz III, Nr. 200, S. 168-174, hier 169. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 13.-15.12.1910, in: Ebd., Nr. 183, S. 152-159. Als Ergebnis der Diskussion wurden die Grundsätze betr. Gewerkschaftliche Organisationen vom 14.12.1910 verabschiedet, Ebd., Nr. 201, S. 175. Für Schultes Position im Gewerkschaftsstreit siehe W. LOTH, Schulte. Private Niederschrift Bischof Korums über die Verhandlungen der Bischofskonferenz vom 14.15.12.1910, E. GATZ (Bearb.), Akten Fuldaer Bischofskonferenz III, Nr. 200, S. 174; R. BRACK, S. 204-206. Schulte an [Fischer] vom 13.11.1911, ASV – ANM, Pos. 259, fasc. 4, f. 298r-299r, hier 298r. R. BRACK, S. 214, vermutet ähnlich wie Schulte, dass Kopp hinter der verspäteten Einsendung der Stellungnahme der katholischen Arbeitervereine stand. Siehe auch H. HEITZER, Kopp, S. 194 f.

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samt seien die in die Kommission gesetzten Erwartungen wohl nicht ganz erfüllt worden, da sich eine Vielzahl von Detailfragen ergeben habe, zu welchen die Kommission nur »Winke prinzipieller Art« geben könne221. Die Leitsätze favorisierten eindeutig die Christlichen Gewerkschaften, wenngleich diese teilweise »ernsten Anlaß ... zu größerer Wachsamkeit und nötigenfalls zu ernsten Mahnungen« geben würden222. Dennoch könne man sie genauso wenig wie den Volksverein verbieten, wie es Kopps Intention gewesen war. Man könne sie wegen ihres gemischtkonfessionellen Charakters auch nicht der bischöflichen Autorität unterstellen, sondern, wie bereits im Dezember des Vorjahres in den Leitsätzen proklamiert, die Mitglieder lediglich dazu verpflichten, dass sie nicht gegen ihre katholischen Pflichten handeln dürften. Ein Zurückziehen ihrer bischöflichen Empfehlung für die Christlichen Gewerkschaften komme für die westdeutschen Bischöfe wegen des daraus resultierenden Glaubwürdigkeitsverlustes nicht in Frage. Darüber hinaus müsse bedacht werden, dass das Zentrum als Vertreter der katholischen Interessen in der Politik hinter den Christlichen Gewerkschaften stehe. Bei einer Verurteilung würden die Arbeiter zu den sozialdemokratischen Gewerkschaften überlaufen und das Zentrum seine Wähler an die Sozialdemokratie verlieren223. Mit diesem Gutachten brachten die Mitglieder der Sozialen Kommission Kopp gegen sich auf und er lehnte die Annahme der Leitsätze sowie eine weitere Beschäftigung der Fuldaer Bischofskonferenz mit dieser Thematik fortan ab. Seiner Ansicht nach müsse der Hl. Stuhl letztlich zu Gunsten der katholischen Arbeitervereine entscheiden224. Der Waffenstillstand der Bischofskonferenz vom Dezember des Vorjahres hielt spätestens jetzt nicht mehr – Kopp war nicht bereit, Zugeständnisse zu machen und wollte notfalls sogar die Bischofskonferenz sprengen225. Bertram ließ sich auch in dieser verfahrenen Situation nicht aus der Ruhe bringen. Er strebte vor der Bischofskonferenz im August 1911 ein Treffen mit Schulte in Paderborn an. Die Stimmung werde »für die nächsten Wochen zweifellos nicht so warm wie heute der Julitag« sein, beschrieb Bertram sein derzeitiges Verhältnis zu Kopp. Er wollte die Arbeiterfrage auf jeden Fall in Fulda behandeln und hoffte auf »Einhelligkeit einer bedeutenden Majorität«226. Obwohl Bertram viele Bischöfe durch sein Referat überzeugen konnte – nach den Worten Kardinal Fischers erklärte Erzbischof Nörber von Freiburg »sofort in der Sitzung ..., man könne ... [diesem] zustimmen«227 –, beharrten Kopp und Korum auf ihrem Stand221 222 223 224 225

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R. BRACK, S. 214-216, hier 216. Ebd., S. 218. Ebd., S. 216-218. Ebd., S. 218-221. Ebd., S. 222 f. Von einer lebensbedrohlichen Krankheit im Jahr 1909 gezeichnet, vermochte Kopp nach eigener Aussage in den folgenden Jahren nicht mehr »alles sicher zu übersehen« und war den »vielen auf ihn einstürzenden Fragen nicht mehr voll gewachsen.« R. MORSEY, Kopp, S. 54. R. BRACK, S. 224. Fischer kommentierte die Situation gegenüber dem Münchener Nuntius Frühwirth mit den Worten: »Wäre nur der Episkopat einig! Allein es ist nicht daran zu denken. Die Ausführungen des Herrn Bischofs von Hildesheim auf der letzten Fuldaer Conferenz waren derartig ..., dass der Hochwür-

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punkt und erreichten eine Vertagung der Entscheidung auf die nächste Bischofskonferenz228. Schulte, Fischer und Bertram beschlossen, beim Hl. Stuhl zu intervenieren, um ihren Einfluss dort zu erhöhen229. Bertram sandte daraufhin sein gedrucktes Referatsmanuskript an den Münchener Nuntius Frühwirth, da dieser »vielleicht auch anderen einflußreichen Stellen [an der Römischen Kurie] Kenntnis von der Auffassung der ›Sozialen Kommission der Fuldaer Konferenz‹ zu geben in die Lage kommen« könne230. Bertram versuchte die Bedenken Kopps und Korums gegenüber den Christlichen Gewerkschaften auszuräumen, indem er diese zu öffentlichen Äußerungen über deren Verhältnis »zur Kompetenz des Episkopats« sowie »zum Interessengebiete der katholischen Standesvereine« veranlasste. Dafür nutzte er seine persönlichen Kontakte zu den Vorstandsmitgliedern Johann Giesberts, Adam Stegerwald und Franz Hitze, wobei vor allem letzterer Verständnis für die Position seines ehemaligen Kommilitonen zeigte231. So konnte Bertram Nuntius Frühwirth über die Rede Stegerwalds informieren, die dieser am 31. Oktober 1911 hielt. Stegerwald habe im Namen des Gesamtvorstandes der Christlichen Gewerkschaften die »kirchliche Autorität nun auch ganz expresse et verbotenus anerkannt in den ›wirtschaftlichen‹ Fragen, soweit sie Religion und Sittengesetz berühren.« Damit sei »faktisch Material für die legale Einwirkung der kirchlichen Autorität« vorhanden232. Eine Aussicht auf echte Verständigung mit Kopp sah Bertram dennoch nicht gegeben. »Mit Rücksicht auf die unverständliche und unmotivierte Verärgerung, mit der Eminenz von Breslau jetzt alles beurteilt« und »nicht eigentlich aus Ängstlichkeit« meide er derzeit den Kontakt. »Auch ein Brief von mir nach Breslau würde, ich mag schreiben was ich will, nur neue Heftigkeit hervorrufen.« Schulte gegenüber erklärte Bertram, dass er »die Differenz mit Breslau ... nicht so ernst« nehme. »Ich werde sie ignorieren, solange es geht.« Die Arbeit der Sozialen Kommission sah er als gescheitert an. Auf der nächsten Konferenz werde man diesbezüglich wohl nur zusammenkommen, »um den Selbstmord ... zu

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digste Herr Erzbischof von Freiburg [Nörber] sofort in der Sitzung erklärte, man könne denselben einmutig zustimmen; aber – nein. Es kam keine Einigung zu Stande, die Sache wurde wieder, wie das Jahr zuvor, verschoben, um auch demnächst wieder – das ist meine Überzeugung – nicht erledigt zu werden.« Fischer an Frühwirth vom 20.11.1911, ASV – ANM, Pos. 259, fasc. 4, f. 300r-v, hier 300r. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 22.-24.8.1911, in: E. GATZ (Bearb.), Akten Fuldaer Bischofskonferenz III, Nr. 203, S. 176-183, hier 181; R. BRACK, S. 224 f. Schulte an [Fischer] vom 13.11.1911, ASV – ANM, Pos. 259, fasc. 4, f. 298v-299r, hier 298r. Bertram an Frühwirth vom 7.12.1911, Ebd., f. 311r-v. Frühwirth korrespondierte mit Vertretern beider Richtungen, wobei er selbst der Kölner Richtung zuneigte. Zur Stellung des Münchener Nuntius, der »via facti« Nuntius für das gesamte Kaiserreich war, siehe H. WOLF / K. UNTERBURGER, S. 24; H. WOLF, München. R. BRACK, S. 226-229; B. FORSTER, S. 102 f. Bertram an Frühwirth vom 7.12.1911, ASV – ANM, Pos. 259, fasc. 4, f. 311v. Die Rede Stegerwalds ist teilweise abgedruckt bei B. FORSTER, S. 103. Für den vollständigen Text siehe: »Zum Gewerkschaftsstreit. Meinungsäußerung der Sozialen Kommission vom 18.6.1912«, ASV – ANM, Pos. 258, fasc. 1, f. 94r-99r.

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vollziehen.«233 Bertram schien sich endgültig mit seinem ehemaligen Mentor und Förderer überworfen zu haben. Kontakt nach Breslau hielt er dennoch, ein Kontakt, der für den weiteren Lebensweg Bertrams von hoher Bedeutung sein sollte, nämlich zum Vizepräsidenten des Reichstags, schlesischen Zentrumsführer und Vertreter der Berliner Richtung Felix Porsch. Diesem schrieb er nach der Erklärung Stegerwalds: »Jetzt haben wir Klarheit.«234 Nuntius Frühwirth forderte Ende 1911 ein »Privat- und Separatgutachten« von Bertram, um es nach Rom weiterzuleiten. In diesem betonte der Hildesheimer Bischof »in der allerentschiedensten Weise die katholische Zuverlässigkeit der christlichen Gewerkschaften« und die Überflüssigkeit, »besondere kirchliche Maßnahmen ihnen gegenüber« durchzuführen235. Dem Nuntius bot er an, zu einer persönlichen Unterredung nach München kommen zu können, doch diesem reichte das Gutachten aus236. Es habe »den wichtigen Gegenstand kurz, klar, [und] erschöpfend behandelt« und die Erklärung Stegerwalds werde »ihren Zweck gewiss nicht verfehlen«, erwiderte der Nuntius237. Bertram wandte sich umgehend wieder an Frühwirth. Er habe zwar bereits Anfang Oktober an Kardinalstaatssekretär Rafaele Merry del Val, den päpstlichen »Außenminister«, geschrieben238, und diesen »auf die schlimmen Folgen, die ein Schlag gegen ›Volksverein‹ und ›Christliche Gewerkschaften‹ haben dürfte«, hingewiesen und von diesem die Zusicherung erhalten, dass der Hl. Stuhl in diese Richtung nicht aktiv werden würde. Doch inzwischen sprächen »wieder in den letzten Tagen die hochwürdigsten Herren Oberhirten von Freiburg, Metz, Cöln, Münster und Paderborn, mit denen ich dieserhalb momentan in Korrespondenz stehe, die ernste Befürchtung aus, die intensive Arbeit des ›Berliner Verbandes‹ auf Untergrabung der Zulässigkeit der Christlichen Gewerkschaften und die von allen Seiten nach Rom laufenden Kassandra-Rufe gegen die unechten Katholiken Deutschlands könnten unmöglich in Rom eindruckslos bleiben, zumal der Hl. Stuhl gerade jetzt so ängstlich de sinceritate fidei besorgt sei.«

Er sei von diesen Bischöfen aufgefordert worden, sein auf der Bischofskonferenz gehaltenes Referat als »die fast einstimmige Überzeugung des Episkopates Deutschlands dem Hl. Stuhl« zu unterbreiten. »Auch aus angesehenen Laienkreisen« seien »dieselben Befürchtungen an« ihn getragen worden – unter anderem von Felix Porsch, der ihn bereits im August dazu aufgefordert habe, »alles zu tun, um im Interesse der Einigkeit der Katholiken einen gegen die Christlichen Gewerkschaften gerichteten Erlaß zu verhüten«. 233 234 235 236 237 238

R. BRACK, S. 246. Bertram an Porsch vom 5.3.1912, zit. nach B. FORSTER, S. 103. R. BRACK, S. 230. Bertram an Frühwirth vom 7.12.1911, ASV – ANM, Pos. 259, fasc. 4, f. 311r-v, hier 311v. Frühwirth an Bertram vom 8.12.1911 [K], Ebd., f. 312r. Nach K. MÖRSDORF, S. 11-25 ist der Aufgabenbereich des Kardinalstaatssekretärs nicht nur vergleichbar mit dem eines Außenministers, sondern auch zusätzlich mit dem eines Präsidialbüros.

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Bertram lehnte eine öffentliche Erklärung des Hl. Stuhls zur Gewerkschaftsfrage ab und schlug vor, dass dieser »ein vertrauliches Schreiben an die Bischöfe richtete, mit dem Wink, dafür zu wirken, daß die ›sozialen Thesen‹ vom 14. Dezember 1910« – also seine eigenen Leitlinien, die er der Bischofskonferenz vorgeschlagen hatte – »beobachtet werden.«239 Nach dem Dafürhalten Frühwirths hatte die Antwort Merry del Vals noch immer Gültigkeit und er versicherte, Bertrams Vorschläge »jederzeit nach Kräften zu fördern«240. Bertram konnte die Haltung, die Frühwirth in der Gewerkschaftsfrage einnahm, dennoch nicht genau einschätzen, auch wenn der Nuntius den Christlichen Gewerkschaften gewogen zu sein schien. Deswegen erschien ihm »eine eher zurückhaltende Korrespondenz gegenüber dem Nuntius ... sympathischer«. Wahrscheinlich hatte er ein persönliches Treffen vorgeschlagen, um die Einstellung Frühwirths besser einschätzen zu können241. Anfang Februar 1912 bezog Bertram selbst öffentlich Position und sprach sich auf einer Konferenz der Geschäftsführer und Förderer des Volksvereins im Sinne der Christlichen Gewerkschaften aus242. Nach Auseinandersetzungen in der Presse, in die die Römische Kurie zunehmend hineingezogen wurde, forderte Bischof Schulte, der an exponiertester Stelle im Konflikt mit Kardinal Kopp stand, eine definitive Lösung des Gewerkschaftsstreits durch den Hl. Vater. Papst Pius X. forderte tatsächlich von den deutschen Bischöfen jeweils eine Stellungnahme zum Gewerkschaftsstreit. In Rom würde daraus eine Liste mit den Punkten erstellt, über die die Fuldaer Bischofskonferenz beraten sollte243. Anfang Juni kontaktierte der Direktor der Zentralstelle des Volksvereins und spätere Reichsarbeitsminister Heinrich Brauns den Hildesheimer Bischof und beschwerte sich in einem privaten Brief über die Art, in der die Auseinandersetzung geführt wurde: es würde Kurie gegen Kurie ausgespielt werden. Die katholischen Arbeiterführer würden das Vertrauen in die kirchliche Autorität verlieren, da sie doch die vom deutschen Episkopat geforderten Erklärungen abgegeben239

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Bertram an Frühwirth vom 21.12.1911, ASV – ANM, Pos. 259, fasc. 4, f. 313r-314v, hier 313v, 314rv, 314v. Frühwirth an Bertram vom 24.12.1911 [K], Ebd., f. 315r. Frühwirth an Merry del Val vom 29.12.1911 [K], Ebd., f. 324r-325r. Bertram an Schulte vom 25.1.1912, zit. nach R. BRACK, S. 231. Dessen Einschätzung, Bertram habe an einer Korrespondenz mit Frühwirth kein Interesse gehabt, konnte durch die genannten Schreiben aus dem Münchener Nuntiaturarchiv widerlegt werden. Ebd., S. 232. Zirkular Frühwirths vom 16./17.6.1912 [K], ASV – ANM, Pos. 258, fasc. 1, f. 89r. Die Anschreiben mehrerer Bischöfe an Frühwirth betr. dieser Gutachten sind in den Münchener Nuntiaturakten vorhanden, die eigentlichen Gutachten jedoch nicht. Reichskanzler Bethmann Hollweg notierte, dass Bertram Kultusminister Trott zu Solz »privatbrieflich ... mitgeteilt« habe, »daß er am 6. d[es] M[onats] seine Vorstellungen im Sinne der Kölner Richtung an den Papst abgesandt habe.« Zit. nach R. BRACK, S. 273 f., Anm. 74. Bertram war wahrscheinlich nach Aufforderung Brauns’ bei der Regierung vorstellig geworden und hatte diese gebeten, die Bedeutung der Christlichen Gewerkschaften für Deutschland durch die Vatikangesandtschaft beim Hl. Stuhl vorzubringen, was im Juli auch geschah. Ebd., S. 278-81; B. FORSTER, S. 108.

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hätten, und nun hieß es, dass die Sache in Rom entschieden werde. Die Frustration sei groß unter ihnen, denn schließlich seien an keinen der anderen Stände, die interkonfessionell organisiert seien, ähnliche Forderungen gestellt worden. »Es ist eine tieftraurige Situation, unter der zu unserem größten Bedauern nichts mehr leidet, als die kirchliche Organisation selber.«244 Gemeinsam mit Brauns arbeitete Bertram anschließend eine Kundgebung für das vatikanische Nachrichtenorgan, den »Osservatore Romano«, aus. In diesem Entwurf formulierten Bertram und Brauns eine endgültige Erklärung des Hl. Stuhls, um »missverständliche Deutungen« seiner Kundgebungen zur Gewerkschaftsfrage zu unterbinden. Diesem liege es fern, »die katholischen Arbeiter hinsichtlich der Normen ihrer sozialen Betätigung ... anders [zu] behandeln ... als die Glieder anderer Stände in der gleichen Sache.« Aus diesen Gründen lasse »der Hl. Stuhl den Katholiken aller Stände [in wirtschaftlichen Dingen] die gleiche Freiheit, vorausgesetzt, daß sie sich leiten lassen von den Gesetzen der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe.« Bertrams Einfluss in Rom war jedoch nicht stark genug, um den Abdruck des Textes im »Osservatore Romano« durchsetzen zu können245. Die Soziale Kommission kam Mitte Juni, am Rande der Generalversammlung des Bonifatiusvereins in Hildesheim, »zu einer Aussprache über den zeitigen Stand des gegen die Christlichen Gewerkschaften mit erneuter Heftigkeit entbrannten Streites« zusammen und erarbeitete eine Stellungnahme für den Hl. Stuhl. Es gebe ja durchaus Gegenden, in denen das Berliner Konzept greife, aber die Frage nach der Zweckmäßigkeit und der Aussicht auf Erfolg müsse bei der Abwägung, welche der beiden »zulässigen Organisationen« an welchem Ort gefördert werden solle, Priorität haben. Für die Mitglieder der Sozialen Kommission waren die Leitlinien der Bischofskonferenz von Dezember 1910 noch immer maßgebend. Sie stellten fest, dass bis auf die Forderung, sich nicht mehr gegenseitig zu verketzern, die übrigen weitestgehend befolgt worden waren. Darüber hinaus wiesen die Bischöfe darauf hin, dass die völlige Bewegungs- und Organisationsfreiheit ähnlich wie für das Zentrum auch für die Christlichen Gewerkschaften zu gelten habe. »Solche Praxis ist durchaus klug und genügt den kirchlichen Anforderungen. Daß interkonfessionelle Vereinigungen sich geradezu ›Weisungen‹ vom katholischen Hirtenamte erbitten, ist weder notwendig noch für die Stellung im Gesamtgebilde der weltlichen Vereinigungen unseres Landes heilsam für die Kirche, würde vielmehr der Ausgangspunkt endloser Angriffe, Entstellungen, Verdächtigungen und Konflikte im Konkurrenzkampfe der Parteien, auch der Anlaß zu schlimmen Vorwürfen gegen die kirchliche Autorität bei ungünstigem Ausgange von Aktionen werden.«

Der Episkopat könne die Christlichen Gewerkschaften wegen ihres interkonfessionellen Charakters auch nicht approbieren, weswegen dieses Problem nach 244 245

Brauns an Bertram vom 1.6.1912, ASV – ANM, Pos. 258, fasc. 1, f. 23r-27r, hier 26r, 27r. Brauns an Bertram vom 12.6.1912, zit. nach R. BRACK, S. 267. Zum Kontakt zwischen Bertram und Brauns im Juni 1912 siehe auch B. FORSTER, S. 106.

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kirchlicher Tradition stillschweigend übergangen werden solle, schlug die Soziale Kommission vor. Nach der Versicherung, dass die Christlichen Gewerkschaften weder die Ideen der Sozialdemokratie verbreiteten noch dem konfessionellen Indifferentismus Vorschub leisteten, formulierten die Mitglieder der Sozialen Kommission ihren Wunsch gegenüber dem Hl. Stuhl eindeutig: »Wenn also eine Approbation der Christl. Gewerkschaften weder beabsichtigt, noch erwartet wird, so dürfte doch auch zu Schritten gegen diese Veranlassung nicht vorliegen.«246 Eine Kompromisslösung innerhalb des deutschen Episkopats war nicht mehr in Aussicht, da die Anhänger der Berliner Richtung eben solche Schritte gegen die Christlichen Gewerkschaften durch den Hl. Stuhl forderten. Durch die Enzyklika »Singulari quadam« vom 24. September 1912 versuchte Pius X. den Gewerkschaftsstreit zu beenden, was ihm jedoch nicht gelang247. Zwar ließ der Papst keinen Zweifel daran, dass er die Organisation der Arbeiter in katholischen Arbeitervereinen favorisierte, doch sei eine vorsichtige Zusammenarbeit mit den Christlichen Gewerkschaften mit Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse in Deutschland unter der Bedingung zu tolerieren, dass die Arbeiter gleichzeitig einem katholischen Arbeiterverein angehörten. Somit bot die Enzyklika die Möglichkeit für einen Kompromiss, der den Leitsätzen Bertrams von der Bischofskonferenz 1910 ähnelte. Sowohl die Berliner als auch die Mönchengladbacher blieben allerdings skeptisch, ob die Enzyklika den Gewerkschaftsstreit tatsächlich beenden könne, denn schließlich sah sich keine der beiden Seiten vollständig in ihrer Position bestätigt. Auch die Spannungen innerhalb des Episkopats waren nicht beseitigt. Im April 1913 äußerte sich Kopp im Rahmen der Diskussion um die Zulassung von Frauen zum Volksverein gereizt über die Arbeit der Sozialen Kommission. »Diese unsere Kommission arbeitet nur für Mönchengladbach. Seitdem man sie eingesetzt hat, ist zwischen uns alle Offenheit, Aufrichtigkeit und Wahrheit geschwunden ...; ich kann in einem solchen Milieu nicht weiterarbeiten.«248 Kopp war – neben Schulte und Bertram – vor allem von Erzbischof Hartmann enttäuscht. Kopp hatte gemeinsam mit dem Hl. Stuhl dessen Wahl zum Erzbischof von Köln durchgesetzt, u.a. weil er ihn im Gewerkschaftsstreit auf seiner Seite geglaubt hatte. Bertram, der ähnlich wie Hartmann das Wohlwollen des Kaisers genoss249, hatte ebenfalls auf der Kandidatenliste des Kölner Domkapitels gestan246

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Zum Gewerkschaftsstreit. Meinungsäußerung der Sozialen Kommission vom 18.6.1912, ASV – ANM, Pos. 258, fasc. 1, f. 94r-99r, hier 94r, 95r, 98r. Frühwirth »hegte den sehnlichsten Wunsch, dass der Gewerkschaftsstreit ein Ende nehme und es den hochwürdigsten Herrn Bischöfen gelinge, die Bemühungen für das einträchtige Zusammenwirken der beiden Arbeiterorganisationen, welche zulässig waren, von dem besten Erfolg gekrönt zu sehen.« Frühwirth an Bertram vom 2.7.1912 [K], Ebd., f. 156r. E.R. HUBER / W. HUBER III, Nr. 132, S. 324-328. Zur Wirkung der Enzyklika siehe R. BRACK, S. 296-340. Ebd., S. 331. Wilhelm II. bezeichnete Anfang 1912 Bertram und Hartmann als »zwei gut deutschgesinnte und Meiner Person ergebene Männer«, die er für den Empfang der Kardinalswürde als geeignet ansah. H. PHILIPPI, S. 201.

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den, jedoch nicht mehr die Unterstützung seines ehemaligen Förderers gefunden250. Hartmann und Schulte auf der einen sowie Kopp auf der anderen Seite verstrickten sich in eine publizistische Auseinandersetzung über die Christlichen Gewerkschaften, die der Einigkeit und dem Ansehen des Episkopats erheblichen Schaden zufügte251. Bertram blieb bei diesen Konfrontationen im Hintergrund, arbeitete jedoch eng mit Schulte zusammen252. Er wartete, das Scheitern jeglicher Kompromisse vor Augen, darauf, dass sich der Konflikt von alleine lösen würde und schrieb an Kopp, dass es wohl »das Beste [sei], zu schweigen und der Zeit die allmähliche Beruhigung zu überlassen.«253 Zu dieser Beruhigung in der Gewerkschaftsfrage kam es erst durch eine Reihe von Umständen im Frühjahr und Sommer 1914. Zuerst verlor die Berliner Richtung durch den unerwarteten Tod Kardinal Kopps am 4. März 1914 ihren exponiertesten Vertreter. Kopps Tod wurde nicht ohne eine gewisse Erleichterung aufgenommen, hatte seine starre Haltung im Gewerkschaftsstreit seinem Ruf doch zweifellos geschadet254. Durch die Wahl Bertrams zum Nachfolger Kopps als Fürstbischof von Breslau war im Mai entschieden, dass der Berliner Verband zukünftig keinen großen Einfluss mehr spielen würde. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs sowie der Tod Pius’ X. trugen schließlich dazu bei, dass der Gewerkschaftsstreit weiter an Bedeutung verlor255.

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Zur Wahl Hartmanns zum Erzbischof von Köln siehe N. TRIPPEN, Domkapitel, S. 420-452. Bertram wurde von der Regierung als Kandidat für den Kölner Erzbischofsstuhl ebenfalls in Erwägung gezogen, jedoch vom Oberpräsidenten der Rheinprovinz abgelehnt, da er »körperlich so leidend sein soll, daß er für den überaus schwierigen und arbeitsreichen Kölner Posten kaum in Frage kommen könne.« Rheinbaben, OP der Rheinprovinz, an Trott zu Solz vom 30.10.1912, Ebd., S. 451. R. BRACK, S. 362-430. Ebd., S. 375 f., 416 f. Bertram an Kopp vom 20.2.1914, zit. nach Ebd., S. 417. Bevor Bertram dieses Schreiben an Kopp sandte, hatte er es Schulte vorgelegt, um dessen Zustimmung zu erlangen. Schulte an Frühwirth vom 23.2.1914, ASV – ANM, Pos. 258, fasc. 4, f. 135r. Daraufhin ließ er es über Frühwirth auch der Römischen Kurie zukommen. Frühwirth an Merry del Val vom 21.2.1914, Ebd., f. 126r. Zur Einschätzung des Gewerkschaftsstreits durch den Hl. Stuhl siehe H. WOLF / K. UNTERBURGER, S. 39 f. »Am Ende seines Lebens erschien Kopp für den Vatikan, für seine deutschen Amtsbrüder und auch für die Regierung als eine Belastung. Bei aller Anerkennung für die unbestreitbaren Verdienste des Kardinals um die Kirche in Deutschland reagierte man auf die Nachricht von seinem Tod vielfach mit Erleichterung.« H.-G. ASCHOFF, Kopp, S. 128. Der neue Papst Benedikt XV. machte schnell deutlich, dass er »vom Integralismus nichts mehr hören« wolle. R. BRACK, S. 433. Die förmliche Anerkennung durch den Hl. Stuhl erhielten die Christlichen Gewerkschaften erst durch die Enzyklika »Quadragesimo anno« vom 15.5.1931. Ebd., S. 443. Die Fuldaer Bischofskonferenz beendete den Gewerkschaftsstreit im Jahr 1919. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 22.-24.8.1919, in: E. GATZ (Bearb.), Akten Fuldaer Bischofskonferenz III, Nr. 345, S. 308-318, hier 312.

II. FÜRSTBISCHOF VON BRESLAU IM KAISERREICH (1914-1918) 1. DIE BRESLAUER FÜRSTBISCHOFSWAHL 1914 Auf der Basis des Nachlasses Bertrams im Breslauer Bistumsarchiv berichtete bisher ein Aufsatz Leugers-Scherzbergs über die Wahl Bertrams zum Fürstbischof von Breslau im Jahr 19141. Diese erste Studie kann durch neue Quellenfunde ergänzt werden2. Sofort nach dem Tod Kardinal Kopps am 4. März 1914 setzte das Ringen um die Neubesetzung des fürstbischöflichen Stuhles ein. Sowohl die preußische Regierung als auch das Zentrum versuchten umgehend, Einfluss auf den Ausgang der Fürstbischofswahl zu nehmen, mit dem Ziel, einen Kandidaten durchzusetzen, der weniger Schwierigkeiten bereiten würde, als Kopp dies in den letzten Jahren getan hatte. Die preußische Regierung hatte guten Grund, ihre Aufmerksamkeit auf die Besetzung des fürstbischöflichen Stuhls zu richten, schließlich lebten allein im preußischen Teil des Fürstbistums Breslau nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1910 3.257.303 Katholiken – mehr noch als in der Erzdiözese Köln. Traditionell übernahm der Breslauer Fürstbischof im Wechsel mit dem Kölner Erzbischof das Amt des einflussreichen Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenzen. Aus diesem Grund war eine staatliche Einflussnahme auf diese beiden Bischofsstühle nicht ungewöhnlich und das Wahlrecht der Domkapitel war vor allem in Köln im 19. Jahrhundert häufig übergangen worden. Das galt in zunehmendem Maße auch für Breslau, da »sowohl der Heilige Stuhl wie auch die Regierung Wert auf eine besonders erfahrende Persönlichkeit« als Fürstbischof legten. Eine solche Translation stellte somit eine »Beförderung« in eine bedeutsamere Position dar3. 1

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Das im Jahr 1000 gegründete Bistum Breslau wurde nach der Säkularisation durch die Bulle »De salute animarum« und das Breve »Quod de fidelium« vom 16.7. sowie durch die preußische Kabinettsordre vom 22.8.1821 neu umschrieben. J. NEGWER, Geschichte, S. 17-20, für den Text der Bulle 365-371. Das Fürstbistum Breslau mitsamt der ihm angegliederten fürstbischöflichen Delegatur, in der auch die Reichshauptstadt Berlin lag, erstreckte sich über die drei preußischen Provinzen Pommern, Brandenburg und Schlesien, abzüglich des Dekanats Katscher, das zur Erzdiözese Olmütz, sowie der Grafschaft Glatz, die zum Erzbistum Prag gehörte. Die Stadt Tempelburg und die ehemalige Starostei Draheim in der Provinz Pommern gehörten zum Erzbistum Posen, die Kreise Lauenburg und Bütow zur Diözese Kulm. Bei Koschmin und Paradies erstreckte sich das Fürstbistum Breslau in das Gebiet der Provinz Posen. Hinzu kam der österreichische Anteil der Diözese, Österreichisch-Schlesien, mit den beiden Kommissariaten Teschen und Neisse. Damit reichte die »Riesendiözese« von der Insel Rügen im Norden bis in die Sudeten im Süden. Dem Fürstbischof unterstanden ca. 1.700 Priester in mehr als 1.100 Pfarreien und Kuratorien. Real-Handbuch Breslau, S. 132. Relatio Status ecclesiae Wratislaviensis (Breslaviensis) complectens annos 1914-1919, AAW – IA 25 a95. A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Wahl. Seit Jahrzehnten sind die einschlägigen Bestände des PA AA, des HHStA, des BayHStA sowie des ASV für die wissenschaftliche Forschung frei gegebenen. »So erklärt sich der hohe Anteil auswärtiger Berufungen«, nämlich acht von zehn zwischen 1821 und 1945 in Köln und vier von zehn in demselben Zeitraum in Breslau. »Dabei handelte es sich

1. Die Breslauer Fürstbischofswahl 1914

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Der preußische Kultusminister August Clemens von Trott zu Solz entwarf gegenüber dem preußischen Ministerpräsidenten und Außenminister Theobald von Bethmann Hollweg das Anforderungsprofil an den neuen Fürstbischof. »Zum Fürstbischof von Breslau eignet sich ... nur eine Persönlichkeit, welche die besonderen Verhältnisse der katholischen Diaspora aus eigener Anschauung kennt, in der kirchlichen Verwaltung bereits erprobt und in der Behandlung der polnisch sprechenden Bevölkerung den staatlichen Interessen unbedingt Rechnung zu tragen entschlossen ist. Die Staatsregierung muß demzufolge den größten Wert darauf legen, auf den Fürstbischöflichen Stuhl einen Geistlichen erhoben zu sehen, der sich als Bischof oder in ähnlicher Stellung bereits bewährt und auch in der polnischen Frage als national zuverlässig bewiesen hat.«

Diese Kriterien seien bereits bei den letzten beiden Fürstbischofwahlen befolgt worden. »Im gegenwärtigen Zeitpunkt kommt noch hinzu, daß der neue Fürstbischof eine von dem verstorbenen Kardinal abweichende Haltung in der Frage der christlichen Gewerkschaften einnehmen muß und deren friedlichen Entwicklung nicht weiter stören darf, wie es der Kardinal von Kopp in den letzten Monaten seines Lebens leider getan hat.«4 Diesen drei Kriterien, Erfahrung als Bischof in der Diaspora, nationale Zuverlässigkeit in der Polenfrage und Befürworter der Christlichen Gewerkschaften, entsprachen nach Auffassung des Kultusministers zwei Personen: Bischof Schulte von Paderborn und Bischof Bertram von Hildesheim. Gegenüber dem preußischen Gesandten beim Hl. Stuhl, Otto von Mühlberg, erklärte Bethmann Hollweg, »daß wir den Bischof Schulte von Paderborn als den geeignetsten Kandidaten betrachten und auf dessen Wahl mit aller Entschiedenheit hinwirken werden.«5 Schulte war demnach der eigentliche Regierungskandidat und Bertram die Alternative, wenn die Ernennung des Paderborner Bischofs scheitern sollte. Nach Kultusminister Trott zu Solz müsse staatlicherseits alles geschehen, »um einen dieser beiden Bischöfe auf den Fürstbischöflichen Stuhl in Breslau zu befördern. Ohne besondere Verhandlungen mit der Kurie wird dies ... schwerlich zu erreichen sein.«6 Deswegen müsse man erreichen, »daß die Bischöfe Schulte und Bertram auf die Kandidatenliste seitens des Domkapitels gesetzt werden, da ein auf der Liste stehender Kandidat, wenn man es auch nicht zur Wahl kommen lässt, in Rom leichter durchzusetzen sein wird.«7 Nach der Bulle »De salute animarum« hatte das Breslauer Domkapitel das Recht, den Breslauer Fürstbischof zu wählen, wobei es nach dem päpstlichen

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vornehmlich um Bischöfe, die bereits in der Leitung kleinerer Bistümer Erfahrung gesammelt hatten.« E. GATZ, Domkapitel, S. 107-109, hier 109. Trott zu Solz an Bethmann Hollweg vom 6.3.1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 5-10, hier 6. Zu den Breslauer Fürstbischofswahlen siehe H. HOFFMANN, Breslauer Bischofswahlen. Die u.a. bei K. ENGELBERT, Bertram, S. 10 dargelegte Vermutung, dass Bertrams Haltung im Gewerkschaftsstreit ausschlaggebend für dessen Wahl gewesen sei, ist damit bestätigt. Bethmann Hollweg an Mühlberg vom 11.3.1914, PA AA – Rom Vatikan 350. Trott zu Solz an Bethmann Hollweg vom 6.3.1914, Ebd. – R 3950, f. 7. Ebd., f. 9.

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II. Fürstbischof von Breslau im Kaiserreich (1914-1918)

Breve »Quod de fidelium« solche Kandidaten wählen sollte, die »dem Könige nicht mißliebig sind«. Der staatliche Wahlkommissar, meist der Oberpräsident der Provinz Schlesien, fungierte als königlicher Interessenvertreter und unterrichtete das Domkapitel über die Personalwünsche des Königs. Es entwickelte sich die Gewohnheit, dass das Domkapitel eine Kandidatenliste an den Wahlkommissar einreichte, der sie an den Kultusminister weitergab. Die Regierung konnte nun Kandidaten von der Liste streichen, musste aber drei Namen stehen lassen, aus denen das Domkapitel den Fürstbischof wählte. »Die Aufstellung der Liste musste schwierig sein, da die Kapitel bemüht waren, kirchentreue Männer aufzustellen, während die Gewährsmänner des Königs ... nur dem Staat ganz hörige Personen zu Bischöfen zu erheben suchten.« Der staatliche Einfluss auf die Wahl wurde im Laufe der Jahre so stark, »daß man oft an der wirklichen Freiheit der Wahl zweifeln konnte.«8 Kultusminister Trott zu Solz nahm Kontakt zum Vorsitzenden des schlesischen Zentrums und Konsistorialrat der fürstbischöflichen Kurie, Felix Porsch, auf, der sich eine Woche nach Kopps Tod bemühte, im Sinne der Regierung auf das Domkapitel einzuwirken. Porsch hatte 30 Jahre lang eng mit Kopp zusammengearbeitet, doch hatten sich ihre Positionen im Gewerkschaftsstreit voneinander entfernt, und nun wollte Porsch einen intransigenten Bischof als Nachfolger Kopps vermeiden9. Porsch versuchte, informelle Kontakte zwischen Domkapitel und Kultusministerium herzustellen – der Kultusminister sei, so habe er aus einem Gespräch über die Breslauer Sedisvakanz herausgehört, einer solchen Vermittlung nicht abgeneigt10. Der Breslauer Dompropst Artur König wollte jedoch das freie Wahlrecht des Domkapitels nicht aufgeben und hielt eine solche mit dem Kirchenrecht nicht vereinbare Vorgehensweise für nicht angebracht11. Trott zu Solz fürchtete ebenso wie Porsch, dass sich die Anhänger der katholischen Arbeitervereine in der Frage der Neubesetzung in Rom Gehör verschaffen würden. »Die Besorgnis des Herrn Kultusministers vor Wühlereien der Intransigenten ist begründet,« berichtete dann auch Mühlberg an das Außenministerium12. Aus seinen Erfahrungen an der Römischen Kurie schloss er ebenso wie der Kultusminister, dass es aus taktischen Gründen notwendig sei, die beiden Regierungskandidaten Schulte und Bertram auf die Kandidatenliste des Domkapitels 8 9 10 11 12

Zit. nach der Übersetzung in J. NEGWER, Geschichte, 26 f. Ebd., S. 140, 165 f.; A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Porsch, S. 156-160, 187 f. Porsch an König vom 13.3.1914, AAW – IA 25 a96. König an Porsch vom 14.4.1914, Ebd. Mühlberg an Bethmann Hollweg vom 17.3.1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 22-28, hier 25. Porsch befürchtete, dass sein Gegner im schlesischen Zentrum und Anhänger der katholischen Arbeitervereine, Hans Georg Graf von Oppersdorff, nach Rom reisen und dort für einen intransigenten Kandidaten werben würde. Hans Graf von Praschma informierte Porsch darüber, »daß man sehr arbeitet, um [die Breslauer Domkapitulare] Kleineidam oder Steinmann zum Fürstbischof zu machen«, die beide als integral galten. Kultusminister Trott zu Solz bat deswegen darum, dass Mühlberg auf solche Versuche besonders achten solle. Trott zu Solz an Bethmann Hollweg vom 6.3.1914, Ebd. – f. 10.

1. Die Breslauer Fürstbischofswahl 1914

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zu bekommen. »Die Aufnahme unserer Kandidaten wenigstens in die Liste wäre insofern schon ein Gewinn, als sie bei werdender Ausschaltung des Domkapitels einen Antrag beim Papst wegen direkter Ernennung des Bischofs begründen und dem Papst ein Entgegenkommen erleichtern würde.«13 Der Anstoß für das weitere Vorgehen der Regierung kam vom Ministerpräsidenten Bethmann Hollweg, für den lediglich Schulte und Bertram für das Fürstbischofsamt in Aussicht kamen. Sollte das Breslauer Domkapitel diese beiden auf die Kandidatenliste setzen, schlug er vor, »alle Kandidaten bis auf diese beiden [zu] streichen.« Würden indes beide Bischöfe übergangen werden, so beabsichtigte er, »die Liste zurückzuweisen und dem Domkapitel den Bischof Schulte als genehmen Kandidaten zu bezeichnen.«14 Dieser Vorschlag wurde in modifizierter Form angewandt. Der spätere Wahlkommissar der preußischen Regierung, der schlesische Oberpräsident Hans von Guenther, wandte sich an das Domkapitel und bat um vertrauliche Übermittlung der Kandidatenliste, »bevor eine offizielle Liste eingereicht würde. Es liege der Regierung alles daran, daß das Kapitel zur Wahl käme, andererseits aber auch, daß der Regierung das Odium erspart bleibe, Namen offiziell streichen zu müssen.«15 Wenn das Domkapitel also zu einem Kompromiss bereit war und die Kandidatenliste der Regierung vertraulich vorlegte, so bot er an, dass ein offener Konflikt vermieden werden könnte. Guenther machte dabei deutlich, dass man, würde das Domkapitel nicht auf den Vorschlag eingehen, dessen Wahlrecht übergehen würde. »Wenn nun das Domkapitel eine Wahlliste aufstelle und sofort offiziell einreiche, so sei die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass Seine Majestät der König von seinem Recht Gebrauch machen und die präsentierten Namen streiche, um sich dann sofort mit Rom über den Nachfolger Kopp’s zu einigen. Es empfehle sich daher, die aufgestellte Liste dem Oberpräsidenten zunächst privatim mitzuteilen, um zu erfahren, ob die Aufgestellten nicht personae minus gratae seien.«16

Das Domkapitel gab nach und erstellte am 7. April aus 20 vorgeschlagenen Personen eine sechs Kandidaten umfassende Liste, auf der unter anderem Bischof Bertram vertreten war17. Das Domkapitel berücksichtigte dabei weder den Kandidaten der preußischen Regierung, Bischof Schulte, noch den der österreichischen Regierung, den Breslauer Domkapitular Johannes Steinmann18, noch den 13 14 15 16 17

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Mühlberg an Bethmann Hollweg vom 17.3.1914, Ebd., f. 25. Bethmann Hollweg an Mühlberg vom 5.4.1914, Ebd., f. 58-61, hier 59. Kleineidam an Frühwirth vom 2.7.1914, AAW – IA 25 b175. König an Frühwirth vom 31.7.1914, ASV – ANM, Pos. 265, fasc. 1, f. 234r-235r, hier 234r-v. Die Kandidaten waren der Breslauer Weihbischof Karl Augustin, Bischof Bertram, Kapitularvikar Josef Klose, die Breslauer Domkapitulare Anton Bergel und Augustin Herbig sowie der Zentrumsabgeordnete Joseph Glowatzki. Notizzettel zur Aufstellung der Kandidatenliste vom 7.4.1914, AAW – IA 25 a96. Bertram war mit 55 Jahren der jüngste der Kandidaten, gefolgt von Bergel, der vier Jahre älter war. Augustin und Glowatzki waren mit jeweils 67 Jahren, Herbig mit 68 Jahren sowie Klose mit 73 Jahren wesentlich älter. Steinmann war der Wunschkandidat der österreichischen Regierung, die zwar kein offizielles Mitspracherecht bei der Neubesetzung des Breslauer Bischofsstuhles, jedoch ein lebhaftes Interesse

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Wunschkandidaten des Kardinalstaatssekretärs Merry del Val, Bischof Josef Damian Schmitt von Fulda19. Bertram verdankte seine Sympathien im Breslauer Klerus seiner zurückhaltenden Stellung im Gewerkschaftsstreit, denn »im Domkapitel zu Breslau waren wohl die meisten Mitglieder Freunde der christlichen Gewerkschaften, vor allem der Dompropst König.«20 Über einen Vertrauensmann im Breslauer Domkapitel, wahrscheinlich Dompropst König, gelangte die Kandidatenliste zum Hl. Stuhl. Nach dem Bericht Mühlbergs, der die Liste nicht kannte, machte sie dort »keinen guten Eindruck.« Die Kandidaten seien »entweder unbedeutende Nullitäten oder zu alt.« Bei Bertram ging man davon aus, dass er »eine Wahl unter allen Umständen wegen seiner schlechten Gesundheit ablehnen« würde. Damit war allerdings weniger eine akute Krankheit als sein Sprachfehler gemeint. Die Avancen der preußischen Regierung, sich mit dem Vatikan auf Bischof Schulte zu einigen, wies Kardinalstaatssekretär Merry del Val nach anfänglichen Sympathien zurück, da dieser »im Gewerkschaftsstreit stark hervorgetreten [sei] und ... eine zu prominente Figur gespielt« habe21. Erneut legte Bethmann Hollweg – ohne genaue Kenntnis der Kandidatenliste – das weitere Vorgehen der Regierung fest: »Sollte auf Liste zwar nicht Schulte, wohl aber Bertram stehen, so wäre zu erwägen, ob man alle Namen außer Bertram streicht, den ich für akzeptabel halte.« Sollte die Wahl Bertrams durch dieses Vorgehen nicht garantiert werden können, »müssen wir auf Ernennung Schultes durch Vatikan dringen«, ohne dass zu große Konzessionen dafür gemacht werden dürften22. Als Antwort auf die privat eingereichte Kandidatenliste machte Wahlkommissar Guenther dem Breslauer Domkapitel daraufhin deutlich, dass der Regierung ausschließlich Bertram genehm sei. Er stellte drei Möglichkeiten für die weitere Vorgehensweise in Aussicht. Erstens könne das Domkapitel die Liste mit den sechs Kandidaten einreichen, woraufhin die Regierung fünf streichen würde. Da bei nur einem Kandidaten eine Wahl nicht mehr möglich sei, würde sich die Regierung dann direkt mit dem Hl. Stuhl in Verbindung setzen müssen. Da Berlin

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daran hatte, da sich das Fürstbistum auch auf österreichisches Territorium erstreckte. Vor allen Dingen müsse die Einheit der Diözese gewahrt bleiben, um den polnischen Trennungsbestrebungen entgegentreten zu können. Heinrich von Tschirschky und Bögendorff an Bethmann Hollweg vom 9.3.1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 19-20. Siehe hierzu auch die Bestände in HHStA – MdÄ PA XL/249, Interna Liasse LX/25. Mühlberg an Bethmann Hollweg vom 15.5.1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 121. Bethmann Hollweg hielt Schmitt als »ebenso ungeeignet« wie den Abt von Maria Laach, den der Hl. Stuhl als Alternative vorschlug. Bethmann Hollweg an Mühlberg vom 20.4.1914, Ebd., f. 87. J. NEGWER, Geschichte, S. 140. Das Verhältnis zwischen dem Breslauer Domkapitel sowie Teilen des Diözesanklerus und Kopp war wegen der Gewerkschaftsfrage belastet. R. BRACK, S. 431. Mühlberg an Bethmann Hollweg vom 19.4.1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 81-82. Bethmann Hollweg an Mühlberg vom 20.4.1914, Ebd., f. 87.

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jedoch, zweitens, an einer Wahl gelegen sei, schlug Guenther vor, dass das Domkapitel die Liste mit den sechs Kandidaten einreiche und mit der Frage verknüpfe, ob der Hildesheimer Bischof, den man wählen wolle, die staatliche Bestätigung erlangen würde. Drittens könne das Domkapitel der Kandidatenliste den Bischof Schulte sowie den Apostolischen Vikar von Sachsen, Aloys Schaefer, hinzufügen. Die Regierung würde wiederum die fünf anderen Kandidaten streichen und das Domkapitel würde aus den verbliebenen (Schulte, Schäfer und Bertram) den Breslauer Fürstbischof wählen23. Sollten die ersten beiden Vorschläge entweder die Wahl Schultes oder Bertrams sichern, überrascht die letzte Variante, da Schaefer bisher in den Verhandlungen um die Nachfolge Kopps nicht erwähnt worden war. Offensichtlich genoss auch er das Vertrauen der Regierung, wobei auffällt, dass bei Befolgung dieses Vorschlags die drei Mitglieder der Sozialen Kommission auf der Kandidatenliste gestanden hätten. Nach einigen Diskussionen folgte das Domkapitel schließlich dem zweiten Vorschlag Guenthers, da »das Kapitel den Bischof von Hildesheim frei in Vorschlag gebracht habe und somit auch frei wählen könne.«24 Eine daraufhin »provisorisch vorgenommene Abstimmung zeigte, dass Bischof Bertram bei der definitiven Wahl eine ganz überwältigende Majorität haben würde.«25 Somit gab das Breslauer Domkapitel dem Druck der Regierung nach und verzichtete auf eine freie Wahl des Fürstbischofs. Es reichte die Liste mit den sechs Kandidaten offiziell ein und richtete ein Immediatschreiben an König Wilhelm II. mit der Absichtserklärung, Bischof Bertram zum neuen Fürstbischof wählen zu wollen, und der Anfrage, ob dieser persona grata sei26. Kultusminister Trott zu Solz erbat daraufhin von Wilhelm II., Bertram als genehm zu bezeichnen27. Die Befürchtungen, dass Bertram die Wahl wegen seines schlechten Gesundheitszustandes, seines Sprachfehlers, ablehnen würde, wehrte er ab – das werde man »abwarten müssen«28. Mit den genauen Hintergründen, wie es zur Anfrage des Domkapitels gekommen war, belästigte der Kultusminister den König nicht. Entscheidend sei, dass man an der »staats- und kirchenrechtlichen Zulassung [des Vorgehens] nicht ... zweifeln« könne und dass Bertram als Nachfolger Kopps »besonders geeignet« sei. Als Bischof von Hildesheim habe Bertram 23

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Kleineidam an Frühwirth vom 2.7.1914, AAW – IA 25 b175. Siehe das ausführliche Zitat bei A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Wahl, S. 121 f. Dompropst König bestätigt diese Vorgehensweise gegenüber Nuntius Frühwirth. König an Frühwirth vom 31.7.1914, ASV – ANM, Pos. 265, fasc. 1, f. 234v. A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Wahl, S. 122. König an Frühwirth vom 31.7.1914, ASV – ANM, Pos. 265, fasc. 1, f. 234v. Kleineidam an Frühwirth vom 2.7.1914, AAW – IA 25 b175. Trott zu Solz an Wilhelm II. vom [25.] April 1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 104-106. Trott zu Solz an Bethmann Hollweg vom 25.4.1914, Ebd., f. 102. Mühlberg hingegen war der Auffassung, dass, »falls Herr Bertram aus Gesundheitsrücksichten beabsichtigen sollte, seine Wahl zum Fürstbischof von Breslau nicht anzunehmen, um ihn dazu zu bewegen, ein starker Druck von uns nötig« sein würde. Von der Kurie sei »in dieser Beziehung wenig Unterstützung zu erwarten.« Mühlberg an Bethmann Hollweg vom 28.5.1914, Ebd., f. 127.

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II. Fürstbischof von Breslau im Kaiserreich (1914-1918) »das in ihn gesetzte Vertrauen ... stets im vollsten Maße gerechtfertigt. Namentlich in der Gewerkschaftsfrage hat er sich entschieden und offen, obgleich er wohl wußte, daß dies von manchen einflußreichen kirchlichen Stellen ungern gesehen wurde, auf den Boden der sogenannten Kölner Richtung gestellt. Er ist stets bestrebt gewesen, den konfessionellen Frieden zu fördern und hervortretende Gegensätze auszugleichen.«29

Zusätzlich erinnerte Trott zu Solz den König an die persönliche Begegnung mit Bertram, als dieser ihn im Jahr 1900 durch den Hildesheimer Dom geführt hatte. Wilhelm II. hatte nichts an Bertram auszusetzen, weswegen er ihn zur persona grata erklärte30. Kardinalstaatssekretär Merry del Val war gut über die Vorgänge in Breslau informiert und hatte keine Einwände. »Aus der kühlen und fast gleichgültig zu nennenden Miene, die der Kardinal bei der Mitteilung aufsetzte, war indes leicht zu schließen, dass die Wahl nicht nach seinem Herzen ist und er lieber einen anderen, intransigenter gefärbten Herrn, wahrscheinlich Bischof Schmitt, auf dem Breslauer Bischofssitze sähe«, berichtete Mühlberg dem preußischen Außenminister Bethmann Hollweg31. Der bayerische Gesandte Ritter berichtete, dass man im Vatikan besorgt sei, »Bertram möchte für seinen neuen wichtigen Posten nicht genügend Energie und Charakterstärke besitzen.«32 Am 27. Mai wählte das Breslauer Domkapitel einen neuen Fürstbischof. »Formal lag ihm die Liste mit den sechs Kandidaten vor, durch informelle Absprache war jedoch klar, daß nur Bertram als neuer Bischof aus der Wahl hervorgehen dürfe.«33 Das Wahlergebnis fiel entsprechend deutlich aus und ist dennoch bemerkenswert. Bertram erhielt 15 von 18 möglichen Stimmen, auf Weihbischof Augustin fielen zwei Stimmen und ein Domherr schrieb auf seinen Wahlzettel: »Non eligo, quia non est electio.«34 Drei Domherren gaben somit dem Druck der Regierung nicht nach und stimmten entweder für ihren eigentlichen Kandidaten, Weihbischof Augustin, oder verweigerten die Wahl. Dieses abweichende Verhalten der drei Domherren zeigt, dass eine Opposition des Domkapitels gegen die staatlichen Wünsche bestand. Da die Oppositionellen jedoch eine Minderheit bildeten, blieb ihr Vorgehen ohne Konsequenzen. Dennoch wird deutlich, dass für die Domherren die Möglichkeit bestand, den Wünschen der Regierung entgegen zu treten. Das hätte allerdings zur Folge gehabt, dass die Regierung den Gewählten als persona non grata bezeichnet und sich direkt mit dem Hl. Stuhl über den neuen Fürstbischof geeinigt hätte. Auf eine solche Kraftprobe, bei der sie kaum Aussicht auf Erfolg gehabt hätten, wollten die Domherren in ihrer Mehrheit verzichten. »Außerhalb des Domkapitels war der Widerstand gegen die 29

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Trott zu Solz an Wilhelm II. vom [25.] April 1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 104, 106. Wilhelm II. an Breslauer Domkapitel vom 1.5.1914, ASV – ANM, Pos. 265, fasc. 1, f. 195r. Mühlberg an Bethmann Hollweg vom 15.5.1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 121. Ritter an Hertling vom 12.6.1914, BayHStA – MA 99408. A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Wahl, S. 122. Notiz über den Wahlausgang [vom 27.5.1914], AAW – IA 25 a96.

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Wahl Bertrams hingegen stärker. Ein vom Oberpräsident am Wahlabend gegebenes Festessen wurde von auffällig vielen Geladenen boykottiert.«35 Noch am Wahltag benachrichtigte Dompropst König die Regierung, den Hl. Stuhl, die Presse sowie Bertram selbst über den Wahlausgang36. Diesen bat er um die Annahme der Wahl, die päpstliche Bestätigung vorausgesetzt. Die Presse reagierte wohlwollend auf die Wahl Bertrams zum neuen Fürstbischof – von Unregelmäßigkeiten wurde nicht berichtet37. Wie bereits in Hildesheim zögerte Bertram, die Wahl anzunehmen. Er war bereits Ende April, Anfang Mai von Trott zu Solz über den staatlichen Wunsch seiner Wahl informiert worden. Auch Porsch hatte bereits am 4. Mai Georg von Hertling mitteilen können, dass eine Wahl Bertrams zum neuen Fürstbischof wahrscheinlich sei38. Mit welchen Personen Bertram außerdem in Kontakt stand, möglicherweise mit dem Breslauer Dompropst König oder mit anderen Mitglieder des Domkapitels, geht aus den Akten nicht hervor. Nuntius Frühwirth forderte König dazu auf, das Original des Wahlprotokolls zum Hl. Stuhl zu senden und in dieser Form die päpstliche Bestätigung der Wahl zu erbitten. König zögerte, diesem Wunsch zu folgen, da er von den Zweifeln Bertrams, ob er das Amt antreten solle oder nicht, wusste. Bevor er um die Bestätigung der Wahl durch den Hl. Vater bitten könne, müsse er »ehrerbietigst berichten, daß der Hochwürdigste Herr Bischof Dr. Bertram von Hildesheim schon am 29. Mai dem Heiligen Vater gewisse Bedenken zur Entscheidung vorgelegt hat. Sollen wir diese Apostolische Entscheidung abwarten?«39 Frühwirth verneinte und durch die offizielle Anfrage des Domkapitels wurde der Entscheidungsdruck auf Bertram erhöht40. Emil Brzoska fasst den Inhalt von Bertrams Schreiben an den Papst zusammen. »Klein von Gestalt und von zarter Gesundheit (mit schwächlicher Stimme) wehrte sich der Hildesheimer Bischof Dr. Adolf Bertram gegen seine Entsendung nach Schlesien. Ergreifend wirkt die Bitte des Designierten an Papst Pius X., von seiner Berufung nach Breslau abzusehen, da er weder die erforderliche Gesundheit noch die Kenntnis der schlesischen Volksseele noch die pastoral gebotene Zweisprachigkeit besäße.«41 35 36

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A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Porsch, S. 191. Rundschreiben Königs vom 27.5.1914, AAW – IA 25 a96. Der Münchner Nuntius Frühwirth bezeichnete Bertram in seiner Einschätzung gegenüber Kardinalstaatssekretär Merry del Val als »molto stimati ad amati per le sue dottrina e pietà« und als »molto cortesi«. Frühwirth an Merry del Val vom 28.5.1914 [K], ASV – ANM, Pos. 265, fasc. 1, f. 199r. Der neue Fürstbischof von Breslau, in: SV vom 27.5.1914; Der neue Fürstbischof von Breslau, in: KV Nr. 478 vom 27.5.1914. Auch die Jüdische Volkszeitung zeigte sich zuversichtlich. Bertram stehe »im Ruf ein Mann zu sein, der von friedlicher Gesinnung gegenüber Andersgläubigen beseelt ist und [er] hat diese Gesinnung auch den Juden gegenüber bestätigt.« Belegt wurde dies damit, dass er in Hildesheim eine Theateraufführung hatte einstellen lassen, »welche nach Form und Inhalt beleidigend für das Judentum und seine Anhänger« gewesen sei. JÜDISCHE VOLKSZEITUNG Nr. 24 vom 12.6.1914. Zur SV siehe J. SEIPOLT, Erinnerungen. Porsch an Hertling vom 4.5.1914, zit. nach A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Wahl, S. 123. Siehe auch A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Porsch, S. 192. König an Frühwirth vom 5.6.1914, ASV – ANM, Pos. 265, fasc. 1, f. 204r-v, hier 204r. Frühwirth an [König] vom [5.6.1914], Ebd., f. 205r. E. BRZOSKA, Pius XII., S. 7. Leider konnte das Schreiben Bertrams an Papst Pius X. vom 29.5.1914 weder in den eingesehenen Akten des AAW noch des ASV nachgewiesen werden.

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Anfang Juni informierte der Hildesheimer Bischof das Breslauer Domkapitel darüber, dass er die Wahl zum Fürstbischof von Breslau annehmen werde, sollte der Hl. Stuhl dies wünschen. »Dem hochwürdigsten Domkapitel sind die ernsten Bedenken, die ich gegen die Annahme des Amtes eines Fürstbischofs von Breslau geltend zu machen habe, ebenso bekannt, wie meine Bereitwilligkeit, stets dem Rufe der Kirche zu folgen, so schwer mir auch die Trennung von der Heimatdiözese werden mag, und so sehr ich auch der Grenzen meiner Leistungsfähigkeit mir bewußt bin. Nach wiederholter Erwägung der für die Wahl entscheidend gewesenen Gründe und der von vielen urteilsfähigen Seiten mir zugegangenen Äußerungen über das Wahlergebnis will ich nunmehr im Vertrauen auf Gottes Vorsehung und auf die treue Hilfsbereitheit des hochwürdigsten Domkapitels und des gesamten hochw. Klerus der Diözese Breslau hiermit die Erklärung abgeben, daß ich dem an mich ergangenen Rufe mich fügen will, wenn der heil. Vater das mit der Hildesheimischen Kirche verknüpfende Band zu lösen und die Wahl zu bestätigen für gut befindet.«

Seinem zukünftigen Domkapitel in Breslau sowie seinem derzeitigen Domkapitel in Hildesheim gegenüber verheimlichte er jedoch nicht, dass er lieber in Hildesheim bleiben würde und dem Papst »innig dankbar« für eine solche Entscheidung wäre42. Dieser hatte Bertram die freie Entscheidung gelassen, »Breslau definitiv abzulehnen.«43 Kardinalstaatssekretär Merry del Val war jedoch über Bertrams Annahme der Wahl »nicht sonderlich erfreut«, wie der österreichische Botschafter beim Hl. Stuhl, Johannes Prinz von Schönburg-Hartenstein, nach Wien meldete. »Man hatte gehofft, dass er ablehnen werde.«44 Doch Pius X. entschied, sowohl einem Konflikt mit der preußischen Regierung aus dem Weg zu gehen als auch den Bedenken Bertrams »keine ausschlaggebende Bedeutung« beizumessen45. Merry del Val kritisierte allerdings das Breslauer Domkapitel, da es in seiner offiziellen Anfrage auf Bestätigung der Wahl lediglich »un accenno ad inconvenienti« gegeben habe. «Ma in realtà, come risolta da private notizie pervenute alla Santa Sede, tanta fu l’indebita ingerenza governativa, che la designazione di Mons. Bertram può appena chiamarsi elezione canonica, cosicché il Santo Padre ritenne necessario sanare, ad clautelam, i difetti in essa incorsi.«46 Der fürstbischöfliche Delegat in Berlin und als solcher Teilnehmer an der Fürstbischofswahl, Karl Kleineidam, entschloss sich Anfang Juli als Reaktion auf die 42

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Bertram an Breslauer Domkapitel vom 8.6.1914, BAH – Domkapitel 55, f. 2r; Bertram an Hildesheimer Domkapitel vom 9.6.1914, Ebd., f. 1r. Schönburg-Hartenstein an Leopold Graf Berchtold, k.u.k. Minister des Äußeren, vom 2.6.1914, HHStA – MdÄ PA XL/249, Interna Liasse LX/25. Schönburg an Berchtold vom 12.6.1914, Ebd. Merry del Val hielt Bertram »für eine so wichtige Diözese [für] trop faible de santé et peut etre aussi de caractère« und hätte lieber »einen Kandidaten vorgezogen..., welcher mehr der Richtung seines Vorgängers Kopp hinneigt.« A. BERTRAM, »Christentum verkünden wir, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.« vom 15.10.1914, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 1, S. 1-11, hier 1. Nach der Auffassung Mühlbergs war Merry del Val »nicht schlecht orientiert, obgleich er sich den Anschein gab, über die Vorgänge nicht unterrichtet zu sein.« Mühlberg an Bethmann Hollweg vom 15.5.1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 122. Merry del Val an Frühwirth vom 19.6.1914, ASV – ANM, Pos. 265, fasc. 1, f. 214r-v.

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Kritik des Hl. Stuhls, vertraulich einen Protest über den Ablauf der Wahl an Nuntius Frühwirth zu senden, um die Bestätigung der Wahl Bertrams durch den Hl. Stuhl im letzten Moment zu verhindern. Würde Pius X. die Wahl Bertrams wie angekündigt durch Sanierung bestätigen, so sei zu befürchten, dass die preußische Regierung ihre Einflussnahme als Beispiel für zukünftige Bischofswahlen in Breslau und in anderen preußischen Diözesen ansehen würde, was nicht erwünscht sein könne. Außerdem bestehe die Gefahr, drohte Kleineidem indirekt, dass die Öffentlichkeit über die Umstände der Wahl informiert werden könnte. Darüber hinaus dürfe Bertram die Wahl nicht annehmen, da er über deren unregelmäßige Umstände informiert sei. Zusätzlich sei Bertrams erheblicher Sprachfehler »sehr störend«, vor allem bei den vielen Firmungen in der Riesendiözese Breslau, deren komplizierte Verhältnisse ihm doch »völlig unbekannt seien«. Schließlich kam Kleineidam zu seiner Empfehlung für das weitere Vorgehen des Hl. Stuhls. Bertram selbst habe dem Breslauer Domkapitel seine Bedenken sowohl vor als auch nach der Wahl mitgeteilt und die Entscheidung dem Hl. Stuhl überlassen. »Dürfte es da nicht ratsam erscheinen, daß der Hl. Vater ohne auf die Gültigkeit der Wahl einzugehen, dem Bischof Bertram mitteilt, er erkenne seine Bedenken als begründet an und halte es für geboten, daß Bertram das Fürstbistum nicht übernehme?«47 Der Versuch Kleineidams, Bertrams Ernennung zum Fürstbischof von Breslau im letzten Moment durch eine Intervention beim Hl. Stuhl zu verhindern, lässt es als wahrscheinlich erscheinen, dass er einer der drei Domherren war, der Bertram seine Stimme bei der Wahl verweigert hatte. Dompropst König legte eine Gegendarstellung zu der Kleineidams vor, in der er das Vorgehen des Domkapitels rechtfertigte48. Königs Darstellung konnte überzeugen, denn Pius X. erklärte sich schließlich Mitte Juli dazu bereit, »di confermare l’elezione medesima, sanando i difetti in essa occorsi.«49 Dies geschehe deshalb, weil »Bertram, welchem von Seiner Heiligkeit die volle Freiheit gelassen worden ist, die Wahl anzunehmen oder abzulehnen, öffentlich erklärt hat, sich der Wahl des Domkapitels zu fügen, um das Breslauer Bischofsamt zu übernehmen.«50 Somit musste sich letztlich niemand wirklich verantwortlich fühlen. Bertram hatte erklärt, dass er die Wahl nur annehmen würde, wenn der Hl. Stuhl dieselbe als rechtmäßig anerkennen würde. Der Hl. Stuhl wiederum erkannte die Wahl nur deshalb an, weil Bertram sich bereit erklärt hatte, sie anzunehmen, 47 48 49

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Kleineidam am Frühwirth vom 2.7.1914, AAW – IA 25 b175. König an Frühwirth vom 31.7.1914, ASV – ANM, Pos. 265, fasc. 1, f. 234r. »…siccome Mons. Bertram, al quale la Santa Sede aveva lasciato pieno libertate di dare, oppure no, il proprio consenso alla sua elezione a vescovo di Breslavia, ha pubblicamente dichiarato di accettarla, la stesso Santità Sua si e’degnata di confermare l’elezione medesima, sanando i difetti in essa occorsi.« Merry del Val an Frühwirth vom 15.7.1914, Ebd., f. 223r-v. Der Hl. Vater erwarte allerdings, dass sich eine solch bedenkliche Wahl nicht wiederholen werde (224r). Frühwirth an König vom 17.7.1914 [K], Ebd., f. 225r. Bertram, der auf eine Erklärung durch den Hl. Stuhl gewartet hatte, war enttäuscht, dass er eine solche nicht bekam. Frühwirth habe ihm »rundweg am 18.7. (praesentiat 20. Juli) ohne jeden Zusatz geschrieben: Wahl bestätigt.« Bertram an Porsch vom 24.7.1914, AAW – Nachlass Porsch IV 22.

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sollte er sie anerkennen. Die Motive des Vatikans für die Bestätigung Bertrams als Fürstbischof von Breslau sieht Leugers-Scherzberg in der angespannten internationalen Situation im Sommer 1914. »Die römische Kurie konnte in den Monaten vor und nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges kein Interesse an einer Kraftprobe mit der preußischen Regierung haben. So wurde Bertram als Bischof von Breslau akzeptiert, auch wenn die Einflussnahme der preußischen Regierung abgelehnt wurde.«51 Für Bertram selbst war die Nachricht – durch wen und wann zuerst, kann nicht geklärt werden – ein »Schock«, dass er als Fürstbischof von Breslau in Aussicht genommen worden war52. Er war über die Vorgänge bei der Wahl und über den Entscheidungsprozess in Rom nur bruchstückhaft informiert, wie er gegenüber Porsch erklärte. »In welchen Stücken Sanierung der Wahl nötig war, kann ich nur erraten; bestimmt weiß ich es nicht.« Seine diesbezüglichen Befürchtungen bestätigten sich allerdings: »Also doch! Von Anfang an befürchtete ich, daß die Mitteilungen über Roms Stellung zur Bischofswahl nicht so ganz geheim bleiben könnten.«53 Auch wenn die preußische Regierung darin scheiterte, ihren Wunschkandidaten Bischof Schulte auf dem Breslauer Bischofsstuhl zu platzieren, setzte sie sich dennoch mit einem ihrer beiden Kandidaten durch. Kultusminister Trott zu Solz war mit der Wahl Bertrams zufrieden, passte dieser doch nicht nur in das preußische, sondern auch in das österreichische Anforderungsprofil. »An seiner warmen Vaterlandsliebe und seinem Verständnis für staatliche Interessen ist nicht zu zweifeln. Da er mir gegenüber mehrfach Proben seiner Zuverlässigkeit gegeben hat, habe ich ihm bei einer Besprechung der von polnischer Seite mehrfach angeregten Abtrennung des österreichischen Teiles der Diözese auch von dem mit dem unseren übereinstimmenden Standpunkt der österreichischen Regierung Kenntnis gegeben ... Der Bischof erkannte auch seinerseits an, daß die von nationalpolnischer Seite erstrebte Errichtung eines besonderen Bistums Troppau den beiderseitigen staatlichen Interessen nicht entspräche und nach Möglichkeit hingehalten werden müsse.«54

Auch das Zentrum zählte zu den Gewinnern der Neubesetzung, hatte Porsch mit Bertram seinen Kandidaten, den er aus dem Gewerkschaftsstreit kannte und von dem nicht zu vermuten war, dass er das Zentrum als Träger des politischen Katholizismus beschränken würde, durchsetzen können. Somit war »die ›Wahl‹ Bertrams 1914 ... Teil einer innenpolitischen Befriedungsstrategie, die dazu diente, die politische Vertretung der Interessen des katholischen Bevölkerungsteils allein der katho51 52 53

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A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Wahl, S. 123. J. KÖHLER, Bertram-Bild, S. 10. Bertram an Porsch vom 24.7.1914, AAW – Nachlass Porsch IV 22. F.-G. GANSE, Bertram, S. 534 f. verweist auf die Aussage des langjährigen Dieners Bertrams, Johannes Dierks, der ihm von Hildesheim nach Breslau folgte, dass Bertram »in den entscheidungsvollen Wochen und Monaten, als es um die Transferierung nach Breslau ging, manchmal tagelang kein Wort gesprochen« habe – »so beschäftigte ihn die zukünftige große Aufgabe.« Trott zu Solz an Bethmann Hollweg vom 13.11.1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 141-142. J. NEGWER, Erinnerungen, S. 3 f.

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lischen Zentrumspartei zu überlassen.«55 Das Urteil Leugers-Scherzbergs, dass damit »zugleich auch die Kirche [i.e. der Episkopat] als eigenständiger politischer Faktor in der Öffentlichkeit ausgeschaltet« wurde, kann – beispielsweise angesichts Bertrams prominenter Rolle in der Oberschlesienfrage – allerdings nicht geteilt werden56.

2. FÜRSTBISCHOF VON BRESLAU IM KAISERREICH Wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs und vor allem wegen des Todes Papst Pius’ X. am 20. August erfolgte die Präkonisierung Bertrams erst am 8. September57. Welche Einflussnahme Bertram dem Zentrum zu Beginn seines Pontifikats in Breslau auf sein Handeln zugestand, wird aus einem Schreiben an Porsch vom 23. September 1914 deutlich. Es war doch mehr als ein »Beweis seines Vertrauens«58, wenn Bertram diplomatisch verklausuliert schrieb: »Der für den Einzug in die Diözese Breslau bestimmte Hirtenbrief bewegt sich in so einfachen Gedanken, daß es kaum nötig ist, jemanden mit der zuvorigen Durchsicht zu belästigen. Und doch kann es gut sein, Sie um diesen Liebesdienst zu bitten. Vielleicht ist Einzelnes zu subjektiv gehalten, auch Einzelnes kann aus taktischen Gründen der Änderung oder Ergänzung bedürfen. Darf ich Sie um die Güte bitten, am Rande Ihre kritischen Bemerkungen beizufügen und dann den Abzug tunlichst bald mir zurückzusenden?«59

Wenigstens in diesem Fall stimmt somit die Aussage Franz Georg Ganses nicht, Bertram habe seine Hirtenbriefe stets alleine verfasst60. Ob, und wenn ja, welche Passagen Porsch an dem Hirtenbrief monierte, ist nicht nachweisbar. Entscheidend ist jedoch, dass Bertram bereit war, dem Zentrumsmann die Möglichkeit der Einflussnahme zuzugestehen. Bereits durch das Datum seines Antrittshirtenbriefes, dem 15. Oktober, dem Fest der heiligen Hedwig, der Schutzpatronin Schlesiens, zeigte sich Bertram mit dem schlesischen Volk verbunden, auch wenn seine Inthronisation in Breslau erst am 28. Oktober vollzogen wurde. Die staatliche Anerkennungsurkunde erhielt Bertram am 26. Oktober, nachdem er den fälligen Eid geleistet hatte61. Der neue 55

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A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Wahl, S. 119 stützt somit die Interpretation von L. VOLK, Bertram, S. 276, nach welcher die Regierung »mit dem Votum des strikt seelsorglich eingestellten Bischof Bertram ein Kontrapunkt zur Ära Kopp« setzen wollte, der nach seinem entscheidendem Einfluss bei der Beilegung des Kulturkampfes »zu einer kirchenpolitischen Potenz erster Ordnung aufgestiegen war. In dieser Richtung absolut ehrgeizlos und sich selber treu, ließ Bertram keinen Zweifel daran, daß er zwar in das Amt, keineswegs aber in die Fußstapfen seines Vorgängers zu treten gedächte.« A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Wahl, S. 124. G. HITZE, S. 577, Anm. 73 bezeichnet die Interpretation Leugers-Scherzbergs zu Recht als »vielleicht etwas zu pauschal.« Dekret Benedikts XV. vom 15.9.1914, BAH – Domkapitel 55, f. 4r. A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Porsch, S. 192. Bertram an Porsch vom 23.9.1914, AAW – Nachlass Porsch, IV 22. F.-G. GANSE, Bertram, S. 537. Trott zu Solz an Bethmann Hollweg vom 26.10.1914, PA AA – Rom Vatikan 351.

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Fürstbischof ging indirekt auf die Unstimmigkeiten bei seiner Wahl ein. Das Domkapitel habe ihn trotz seiner Bedenken gewählt und der Hl. Stuhl »in Übereinstimmung mit den Intentionen des Landesherrn« diese Wahl bestätigt. Wer nichts von den Hintergründen wusste, den ließ Bertram denken, dass es bei seinen Bedenken ausschließlich um seinen Wunsch gegangen sei, in seiner »Heimatdiözese bis zum Lebensende arbeiten zu dürfen.« Die Eingeweihten jedoch verstanden Bertrams Anmerkungen. Aus Priesterpflicht und Bischofspflicht »mußte« er der Weisung des Hl. Vaters Folge leisten. »So komme ich denn zu Euch im Geiste des Gehorsams.« Und nur dieser Gehorsam und sein Gottesvertrauen würden ihn davor bewahren, vor der großen Verantwortung des fürstbischöflichen Amtes zurückzuschrecken. Doch in der Rückschau dürfe er nicht verweilen, sondern er müsse den zukünftigen Aufgaben entgegentreten. »Drum darf auch ich nicht rückwärts schauen, nicht Heimweh empfinden nach dem trauten Garten des tausendjährigen Rosenstocks am heimatlichen Dome. Nein, nur aufwärts und vorwärts darf der Blick gerichtet sein.« Aufschauen müsse er zu Jesus Christus, zum Hl. Vater sowie zum Landesherrn. Ähnlich wie in seinem Antrittshirtenbrief in Hildesheim 1906 beschrieb Bertram seinen neuen Diözesanen seine Auffassung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat. Dabei ist festzustellen, dass von einer Distanzierung Bertrams zur kriegführenden Regierung keine Rede sein kann. »Die Kaiser beider Reiche [Österreich und Deutschland], von Europa mit Recht als Hüter des Weltfriedens verehrt, sind gezwungen worden, mit der Schärfe des Schwertes das Vaterland zu verteidigen.« Er grüßte den »Heldenkaiser« Wilhelm II. und den »ehrwürdigen greisen Kaiser und König Franz Joseph« von Österreich, den Landesherren für seine österreichischen Diözesanen. »Nicht nur vaterländische, sondern auch religiöse Pflicht ist es, die beim Antritt meines Amtes des irdischen Herrschers mich gedenken lässt. Heilig ist uns die Untertanentreue deshalb, weil von Gott alle rechtmäßige Ordnung hienieden stammt, und daher von Gott das Band geheiligt ist, das mich und Euch mit dem Landesvater verknüpft.« Trotz der vielfältigen Verbindungen zwischen Staat und Kirche bleibe letztere doch »unabhängig auf ihrem eigenen, inneren Gebiete.« Aber viele kirchliche Einrichtungen seien auf den Schutz der weltlichen Macht angewiesen sowie viele weltliche Einrichtungen die Mitarbeit der Kirche benötigten, um »wahren und vollen Nutzen stiften« zu können. »Darum bietet auch die Kirche, besorgt um des Volkes ewiges und zeitliches Heil, dem Staate ihre tiefgreifende Mitarbeit an ... Die Harmonie zwischen Kirche und Staat ist von Gott gewollt.« Wie bereits in seinen Äußerungen als Bischof von Hildesheim wird deutlich, dass Bertram seine Loyalitätsbekundungen nicht von der Staatsform abhängig machte, sondern dass er »dem Staate« als solchem, in diesem Fall der Monarchie, als der von Gott gewollten Autorität seine Mitarbeit anbot. Sein Programm als Fürstbischof von Breslau definierte Bertram ex negativo und er griff dabei die Bedenken, die gegen ihn in Breslau vorherrschten, auf: Nicht als Fremder sei er gekommen, da er mit den Gläubigen durch das Band Jesu Christi

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vereint sei. »Drum ist’s mir so natürlich zu Euch zu kommen mit derselben Zutraulichkeit und Offenheit und Geradheit, die mir das Arbeiten in der Heimatdiözese stets erleichtert hat.« Der negative Beigeschmack seiner ersten Worte, er sei nur aus Gehorsam nach Breslau gekommen, tritt in den Hintergrund. Rhetorisch geschickt zeichnet er ein Bild von sich und seinem bischöflichen Programm, indem er beschreibt, wann der Bischof den Diözesanen »fremd« sein müsste. Auch sein Gehorsam gegenüber dem Papst sei einer der Gründe, weshalb er nicht als Fremder komme. Fremd müsse der erscheinen, der ungehorsam sei. Fremd wäre der Bischof, »der nicht ganz erfüllt wäre von kirchlichem Geiste«, und wenn er nicht »in herzlichem Einvernehmen stände zum obersten Hirten.« Natürlich wäre er auch fremd, wenn er »nicht mit Treue und Umsicht das harmonische Zusammenwirken der kirchlichen mit der staatlichen Obrigkeit nach bestem Können anstreben würde.« Fremd wäre der Bischof auch dann, wenn er nicht »so gut es eben unter den obwaltenden Verhältnissen nur möglich ist, mit gleicher Fürsorge sich« aller Teile der Diözese »annehmen wollte.« Schließlich würde er sich selbst »fremd fühlen« müssen, wenn er »nicht herzliche Einigkeit im Klerus fördern wollte« und »nicht ganz besondere Liebe und Herzlichkeit der heranwachsenden Jugend entgegenbrächte.« Diesem Programm standen nach Bertrams Worten die vier Gefahren des religiösen Indifferentismus, der Vernachlässigung des christlichen Sittengesetzes, der Verdrängung des kirchlichen Wirkens aus der Gesellschaft sowie des Zwistes im eigenen Lager gegenüber. Deswegen müssten die Diözesanen mit dem Bischof und dem Klerus zusammenstehen in offenem Bekenntnis für ihren Glauben. Seine eigenen bischöflichen Aufgaben sah er darin, »zu wachen über die Reinheit der Lehre, mit Liebe und Ernst zum Gehorsam anzuleiten; aber auch mit allem Ernste auf[zu]treten gegen die, die in böser Absicht oder aus Unklugheit Misstrauen im katholischen Volke wecken.« Hilfe bei diesen Aufgaben suchte er bei seinem Klerus, der katholischen Lehrerschaft, den kirchlichen Orden, Kongregationen und Vereinen, den Anstalten und Einrichtungen der Diözese sowie bei den Eltern. Wenn die Diözesanen ihm versprächen, ihn bei der Verwirklichung dieses Programms zu helfen, dann dürfe er mit Paulus sagen: »Mit Freude komme ich zu Euch nach dem Willen Gottes (Röm 15, 32).«62 Am gleichen Tag richtete Bertram auch ein Schreiben an den Klerus, in dem er ebenfalls hervorhob, dass er nicht als Fremder komme, da er vom Hl. Vater geschickt worden sei. Von seinem Klerus verlangte Bertram vor allem Einigkeit, Eintracht, Gehorsam sowie ein beispielhaftes Privatleben eines jeden Priesters63. Alle diese Punkte sollten während der Abstimmungskämpfe in Oberschlesien ignoriert werden. Die Schlesische Volkszeitung bezog sich anlässlich ihres Artikels über die Kardinalserhebung Bertrams im Dezember 1919 auf dessen Antrittshirtenbrief und 62

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A. BERTRAM, »Christentum verkünden wir, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.«, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 1, S. 1-12 hier 1, 2 f., 3, 4 f., 9, 11. A. BERTRAM, Litterae pastoralis ad clerum dioecesis Wratislaviensis suscepto munere episcopali datae vom 15.10.1914, in: Ebd., Nr. 2, S. 13-18.

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bestätigte durch vorsichtige Andeutungen, dass Vorbehalte gegen Bertrams Translation nach Breslau bestanden hatten, die dieser jedoch durch sein Hirtenwort hätte ausräumen können. »Wenn wirklich da und dort vor fünf Jahren ein leiser Gedanke aufgetaucht sein sollte, daß der seitherige Bischof von Hildesheim als ›Fremder‹ nach Breslau gekommen sei, so haben gleich die ergreifenden Ausführungen seines ersten Hirtenbriefes, ja schon seine ersten Worte, mit denen er am 27. Oktober 1914 auf dem Bahnhofe für die Begrüßung dankte, solcherlei Gedanken im Keime erstickt.«64

Trotz Bertrams Versuch, durch den Hirtenbrief und durch das Hirtenwort an den Klerus bestehende Bedenken auszuräumen, war die Zusammenarbeit zwischen ihm und den alteingesessenen Schlesiern zu Beginn seines Pontifikats nicht ohne Spannungen. So stand auf der einen Seite ein Fürstbischof, der lieber in Hildesheim geblieben wäre und das auch deutlich zum Ausdruck gebracht hatte, und auf der anderen Seite ein Domkapitel, das ihn nicht aus freien Stücken gewählt hatte und bei dem der neue Fürstbischof als Regierungskandidat galt. Ein Hinweis auf bestehende Schwierigkeiten kann in der Stellenbesetzung Bertrams gefunden werden. Der neue Fürstbischof behielt nicht den altersschwachen Generalvikar Kopps, Prälat Theodor Stiller, wie dieser selbst gehofft hatte, im Amt, sondern berief Kapitularvikar Josef Klose zu seinem ersten Berater65. Als Bertram 1915 seine erste Domherrenstelle in Breslau neu zu besetzen hatte, wählte er dafür Alfons Blaeschke. Dieser pflegte gute Beziehungen zu den örtlichen Behörden und hatte auf den neuen Fürstbischof bei einer Visitation einen fähigen Eindruck gemacht. Nach dem Tod von Generalvikar Klose im folgenden Jahr ernannte Bertram »zum Staunen aller an der Nachfolge Interessierten«66 und »nicht zur Freude der älteren Domherren« den erst 46-jährigen, und damit jüngsten und arbeitskräftigsten Domkapitular, Blaeschke, zum neuen Generalvikar. Diese Personalentscheidung hatte ihre Begründung nicht einzig in den Qualitäten Blaeschkes. Nach Werner Marschall wollte Bertram, da er selbst Verwaltungsmann und Kirchenrechtler war – selbstironisch bezeichnete er sich als einen »Bureaukraten« 67 –, einen erfahrenen Seelsorger an seiner Seite haben, »der auch nach außen zu repräsentieren verstand.«68 Konnte tatsächlich keiner der übrigen zehn regulären Domherren diese Fähigkeiten vorweisen? Es scheint eher, dass Bertram den einzigen Mann zum Generalvikar machte, den er selbst ins Domkapitel berufen hatte, und dass er damit die Diözesanverwaltung nach seinen Vorstellungen umstrukturierte. Das stieß bei den eingesessenen Domkapitularen allerdings auf Ablehnung. »Den alten Domherren, insbesondere dem Dompropst Dr. König, 64 65 66

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Heil unserm Kardinal!, in: SV Nr. 642 vom 30.12.1919. J. NEGWER, Geschichte, S. 168. J. NEGWER, Blaeschke, S. 38. Blaeschke war bereits für die Fürstbischofswahl 1914 vorgeschlagen worden, hatte es aber nicht auf die Kandidatenliste geschafft. Bertram an Margreth vom 20.3.1903, in: G. MAY, Domkapitular, S. 162. W. MARSCHALL, Geschichte, S. 155.

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kam die Wahl des jüngsten Domherrn zum Generalvikar sehr ungelegen ... Am schwersten getroffen fühlte sich Dr. Johannes Steinmann, der Landsmann Bertrams aus Hildesheim. Er hatte bestimmt erwartet, Generalvikar zu werden.«69 Auch der Protest durch Weihbischof Augustin konnte Bertram nicht umstimmen. Folglich, so berichtet der Nachfolger Blaeschkes im Amt des Generalvikars in Breslau, Josef Negwer, habe vorerst eine »gewisse Reserve« gegenüber Blaeschke im Domkapitel bestanden. Verstärkt wird die These, dass es Spannungen zwischen den Schlesiern und dem in Schlesien eben doch fremden Bertram gab, durch weitere Hinweise zur Beziehung zwischen Bertram und dem Klerus in den Anfangsjahren. Während Generalvikar Blaeschke schnell einen leichten Zugang zum Diözesanklerus habe finden können, habe »Bertram mit seiner niedersächsischen Art noch um dieses Vertrauen ... ringen« müssen. »Blaeschke musste manchmal die Brücken schlagen zwischen Bischof und Klerus.«70 Auch der spätere Breslauer Weihbischof Joseph Ferche spielt in seinen hagiographisch anmutenden Erinnerungen an Bertram auf Anfangsschwierigkeiten im Verhältnis zwischen Bertram und seinen Diözesanen an: »Den Weg zum Herzen des gemütvollen Schlesiers zu finden, war für den nüchternen, zurückhaltenden Niedersachsen nicht leicht. Aber bald hatte die anfängliche Zurückhaltung einem vollen Vertrauen seiner Diözesanen Platz gemacht. Von Jahr zu Jahr wurden die Beziehungen enger und fester, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer herzlicher.«71

3. ERSTER WELTKRIEG UND DAS VERHÄLTNIS ZUR MONARCHIE Schlesien war im ersten Kriegsjahr durch die russische Armee bedroht und es bestand die Gefahr einer Invasion der Breslauer Diözese. In einer der ersten Sitzungen des Domkapitels unter Fürstbischof Bertram wurde zum Schutz vor möglichen Plünderungen beschlossen, wertvolle Kunstgegenstände nach Hildesheim auszulagern – man wird davon ausgehen können, dass Bertram selbst diesen Verwahrungsort vorgeschlagen hat. Die Kriegsgefahr für Schlesien sank zwar nach 69

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Dompropst König sagte bei der Verkündigung, dass Blaeschke Generalvikar werden würde, nur enttäuscht: »Na da!« J. NEGWER, Geschichte, S. 171, Anm. 1. Das Verhältnis zwischen Steinmann und Bertram entspannte sich »langsam« wieder (Ebd., S. 172) und Steinmann wurde zum Vertrauten Bertrams beim Hl. Stuhl. J. NEGWER, Blaeschke, S. 38. Im Laufe der Jahre entstand ein Vertrauensverhältnis zwischen Bertram und Blaeschke, wenngleich der Fürstbischof keinen Zweifel darin ließ, wer letzten Endes verantwortlich war. Er übernahm selbst den Vorsitz der »Geheimen Kanzlei« und nahm »in den ersten Jahren regelmäßig an Sitzungen des Generalvikariats teil, so daß er über die gesamte Verwaltung, über alle Dinge und Personalien im Bild war. Da blieb für ein selbständiges Arbeiten des Generalvikars nicht allzu viel Raum. Und auch da kam es vor, daß der Bischof eine Verfügung des Generalvikars umstieß, ohne ihn zu fragen.« Negwer, später selbst Generalvikar Bertrams, scheint hier aus eigener Erfahrung zu sprechen. J. FERCHE, S. 36.

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der Schlacht von Tannenberg, doch konnte sie erst im Mai 1915 als gebannt bezeichnet werden72. Bertrams Aussagen zum Krieg unterschieden sich nicht von denen anderer zeitgenössischer katholischer Bischöfe73. Die meisten Aussagen zum Krieg finden sich in den Hirtenbriefen. Die Bemerkungen Joachim Köhlers im Rahmen seiner Analyse von Bertrams Hirtenbriefen aus dem Zweiten Weltkrieg sind auf die Hirtenbriefe aus dem Ersten Weltkrieg übertragbar: »Es ist nicht einfach, das Material aus den Hirtenbriefen Bertrams, das hier vorgelegt wird, zu bewerten ... Um heute eine Antwort zu finden, steht vor allem die Sprache als Hindernis entgegen. Es ist nicht nur die zeitliche Distanz von sechzig Jahren, die uns die Sprache fremd erscheinen lässt, es ist auch die theologische Sprache und der Abstand zu dem, was die theologische Sprache vermitteln will. Potenziert wird diese Sprach- und Verstehensschwierigkeit in jenen Zitaten aus den Hirtenbriefen der Jahre 1915 bis 1917, die Bertram in die Hirtenbriefe des Zweiten Weltkriegs aufnimmt.«74

Zwar sprach Bertram nicht wie der Speyerer Bischof und spätere Erzbischof von München und Freising, Michael von Faulhaber, vom Schulbeispiel eines »gerechten Kriegs«75, doch auch er vertrat diese Ansicht, wie aus seinen Randnotizen deutlich wird, die er zu einer kritischen Broschüre über das Verhältnis der katholischen Bischöfe zur Sozialdemokratie aus dem Jahr 1919 machte. Der Autor fragte: »Aber wo waren denn die katholischen Bischöfe, als es galt, der nach der christlichen Lehre einzig möglichen Stellung zum Krieg Ausdruck zu geben? Sind denn nicht Krieg und Christentum schlechterdings unvereinbare Dinge?« Bertram unterstrich das Wort »Krieg« und notierte am Rand »jeder?«. Demnach war 72

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F.-G. GANSE, Bertram, S. 534 berichtet, dass der Kommandierende General von Breslau bei der Amtseinführung Bertrams diesem mitteilte, »man müsse mit einer Invasion russischer Truppen und mit der Zerstörung Breslaus rechnen.« Zu Schlesien im Ersten Weltkrieg siehe K. FUCHS, Vom deutschen Krieg, S. 604-615. Zur Auslagerung der Kunstgegenstände siehe W. MARSCHALL, Geschichte, S. 154 f.; J. KAPS, Bertram, S. 135. H. MISSALLA; R. HAIDL; A. LANGNER, Katholizismus und nationaler Gedanke, S. 247-251; K. HAMMER, S. 81 kann zeigen, dass sich die protestantische und katholische Kriegstheologie stark ähnelten. Die katholischen Bischöfe schrieben in ihrem gemeinsamen Hirtenbrief vom 13.12.1914 programmatisch: »Wir [Deutsche] sind unschuldig am Ausbruch des Krieges; er ist uns aufgezwungen worden; das können wir vor Gott und der Welt bezeugen.« J. KÖHLER, Durchhalteparolen, S. 552. Bertram griff während des Zweiten Weltkriegs wiederholt auf seine ungefähr dreißig Jahre alten Hirtenbriefe zurück. Indem er diese zitierte, operierte er »mit veraltetem Erfahrungspotential... Eine Reflexion dessen, was er im Ersten Weltkrieg geschrieben und neuerdings zitiert, ist nicht erfolgt. Sätze und Erfahrungen werden in ihrem ursprünglichen Sinn zitiert.« (S. 543). Köhler kommt zu dem Schluss, dass Bertrams »sicher gutgemeinten Worte und Zusprüche an die Soldaten und an die Daheimgebliebenen ... [als] Durchhalteparolen in religiösem Gewand gewertet werden« können. (S. 553). W. ZIEGLER, Katholische Bischöfe, S. 426 schätzt Köhlers Thesen als »sicher nicht haltbar« ein. L. VOLK, Faulhaber, S.LIII-LV, hier LIV. Die Lehre vom gerechten Krieg, wie sie auch der akademische Lehrer Bertrams, der Moraltheologe Göpfert, vertreten hatte, zielte »mehr auf die Rechtfertigung als auf die Verhinderung von Kriegen.« A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Einstellungen, S. 57. Ausschlaggebend dafür, dass ein Krieg als gerecht galt, war, dass er durch die oberste staatliche Autorität verkündet worden sein musste, dass ein gerechter Grund vorlag und dass er auf rechte Art und Weise geführt wurde. Ebd., S. 58.

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für ihn nicht jeder Krieg mit der christlichen Lehre unvereinbar und es gab »gerechte Kriege« und Deutschland führte einen solchen zwischen 1914 und 191876. Bertram vertrat wie fast alle deutschen Katholiken eindeutig nationale Positionen. Das Stigma der nationalen Unzuverlässigkeit der Katholiken sollte beseitigt werden – die Integration der Katholiken ins deutsche Kaiserreich war 30 Jahre nach den Kulturkämpfen endgültig vollzogen77. Der deutsche Weg in den und die eigene Rolle im Krieg wurden nicht kritisch reflektiert. Auch zum deutschen Einmarsch ins neutrale Belgien schwiegen die deutschen Bischöfe78. Vielmehr waren sie vom Anstieg der Religiosität zu Beginn des Krieges begeistert. 1916, als der Kriegsalltag diese religiöse Begeisterung zu verdrängen drohte, schrieb Bertram: »Drum, liebe Diözesanen, lasset uns Sorge tragen, daß die lichtvolle religiöse Erhebung, die zu Anbeginn des Krieges überall die Gemüter ergriff, nicht erlahme.«79 Noch in Hildesheim war Bertram der erste Bischof, der dazu aufrief, Kriegsanleihen zu zeichnen80. Die Aufforderung zum Zeichnen von Kriegsanleihen und die Treuebekundungen in den verschiedenen Hirtenbriefen und -worten wurden begleitet von einer Reihe von Maßnahmen im innerkirchlichen Bereich. In Hildesheim ermächtigte Bertram den Klerus, Dispensen für die Verkürzung des Aufgebots zu erteilen, damit Eheschließungen noch vor der Abreise der Soldaten an die Front vollzogen werden konnten81. Dort sollten die Soldaten mit religiöser Literatur versorgt werden82. Er unterstützte auch die Einführung eines Kapellenautos für die Seelsorge an der Front83. Zusätzlich konnten Dispensen vom Fasten- und Abstinenzgebot für die Kriegszeit erteilt werden84. Bertram erlaubte das Zelebrieren von Messen an profanen Orten sowie die Bination, das Feiern zweier Messen an einem Tag durch denselben Priester85. 76

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Die preußischen Bischöfe und die Sozialdemokratie. Erwiderung auf den Hirtenbrief der preußischen Bischöfe über den Kulturkampf [vom 20.12.1918] von Dr. Jakob Jacks, Stadtschulrat in Breslau, Breslau [1919], AAW – IA 25 s129. R. MORSEY, Katholiken, S. 62; G. BAADTE; H. GRÜNDER; R. DÜLMEN. Nicht nur auf das Kaiserreich beschränkt B. STAMBOLIS; W. RIBHEGGE. H. MISSALLA, S. 127, 130. Die Beurteilung des Krieges als »Schulbeispiel eines gerechten Kriegs« durch Faulhaber datiert nach dem deutschen Einmarsch in Belgien. Zu den Auseinandersetzungen zwischen dem deutschen Episkopat, maßgeblich vertreten durch den Kölner Kardinal Hartmann, dem Mechelner Kardinal Mercier und dem Hl. Stuhl siehe L. VOLK, Mercier; H.-J. SCHEIDGEN, S. 300-313. A. BERTRAM, Kreuzeskraft und Kreuzeslehren in der Kriegszeit vom 2.2.1916, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 17, S. 53-66, hier 53. Zum Krieg als Weg der Erneuerung und der Buße sowie als Erzieher siehe H. MISSALLA, S. 51-66. H.-J. SCHEIDGEN, S. 240-248, hier 240. Siehe dazu seinen Aufruf im KIRCHLICHEN ANZEIGER VON HILDESHEIM Nr. 17 vom 14.9.1914, S. 97 f.; Siehe auch A. BERTRAM, Oberhirtliche Kundgebung am Schlusse des Kriegsjahres 1915 vom 31.12.1915, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 15, S. 48-51. KIRCHLICHER ANZEIGER VON HILDESHEIM Nr. 10 vom 2.8.1914, S. 66. H.-J. SCHEIDGEN, S. 193-200. Ebd., S. 138. KIRCHLICHER ANZEIGER VON HILDESHEIM, Nr. 12 vom 12.8.1914, S. 74. Ebd., Nr. 14 vom 25.8.1914, S. 85.

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Er erlaubte weiterhin das Spenden des Sakraments der Beichte an Militärangehörige durch den gesamten Diözesanklerus86. Die Gefangenenseelsorge war im Bistum Breslau besonders wichtig, da hier eine große Zahl von deutschstämmigen russischen Gefangenen zu betreuen war. Bertram rief den Diözesanklerus zur Gefangenenseelsorge aus Nächstenliebe auf und setzte sich für die Vereinfachung der behördlichen Auflagen für Trauungen von Kriegsgefangenen ein87. Auch erlaubte er im Laufe des Kriegs die Arbeit an einzelnen Sonnund Feiertagen zum Bestellen der Felder oder zur Förderung der kriegsnotwendigen Rohstoffe im Industriegebiet88. Für die Breslauer Soldaten wurden mehrtägige religiöse Schulungen durchgeführt, bevor sie ins Feld zogen. Ende März 1915 richtete sich Bertram zum Abschluss eines solchen Kursus an die schlesischen Landsturmmänner in Breslau. »Ich hatte einmal Gelegenheit, einem hohen Staatsbeamten zu sagen, daß von allen Ansprachen, die ich zu halten pflege, mir keine so lieb und ungeniert ist als die, welche ich wiederholt im August oder September an die aus Stadt und Land versammelten Rekruten gehalten habe ... Heute habe ich nun keine Rekruten vor mir, sondern Landsturmmänner; aber desto mehr ist mein Inneres von wahrer Freude erfüllt. Der Bischof hat viel auf dem Herzen, was er Ihnen sagen will.«

Sein »Lieblingsthema« bei der Ansprache an Soldaten sei der Starkmut und Bertram stellte den Kriegsdienst als heilige Pflicht dar. »Die erste Quelle des Starkmuts ist die rechte Auffassung des Berufes, zu dem ich berufen bin. Ich weiß, es ist der Wille Gottes, daß mich das Vaterland gerufen hat, es zu verteidigen. Den Krieg wollte Gott nicht. Aber nachdem er gekommen ist, ist es sein heiliger Wille, daß die, welche der Landesvater ruft, der Fahne treu folgen. Adsum! Hier bin ich! Wir wissen es, Gottes Wille und Gottes Hand hat unsern Kaiser stark gemacht.«

Der Kaiser habe vor Kriegsausbruch mit sich gekämpft und dann erkannt, dass der Krieg »Gottes heiliger Wille« sei. Den Widerspruch, dass Gott den Krieg nicht gewollt habe, der Kaiser den Krieg jedoch als Gottes heiligen Willen erkannt habe, überging Bertram. Der Krieg wird zum heiligen Krieg zur Erreichung christlicher Ziele. Der Kaiser »kämpft nicht um irdischer Güter willen, sondern für das Vaterland und für eine heilige Sache. Und so kämpfen auch wir um dieselben hohen Güter, nicht bloß für das irdische Vaterland, sondern auch für noch Höheres.« Dieses Höhere sei das Wohl der katholischen Kirche in Deutschland, das vor ausländischen Übergriffen bewahrt werden müsse. 86 87 88

H.-J. SCHEIDGEN, S. 137. Ebd., S. 165-168. A. BERTRAM, Sonntagsarbeiten bei Notwendigkeit rechtzeitiger Feldbestellung vom 5.4.1915, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 7, S. 35; A. BERTRAM, Erlaubtheit werktäglicher Arbeit an einzelnen Sonn- oder Feiertagen vom 7.3.1916, in: Ebd., Nr. 20, S. 69; A. BERTRAM, Sonnund Feiertagsarbeit zur Abhilfe bei öffentlichen Notständen vom 20.12.1916, in: Ebd., Nr. 22, S. 71. Siehe auch die weiteren Maßnahmen, die aus den VERORDNUNGEN DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN GENERAL-VIKARIAT-AMTES ZU BRESLAU für die Kriegsjahre hervorgehen.

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»Wer könnte es wohl ruhig ansehen, wenn die katholische Kirche in Deutschland unter russische Bedrückung oder Frankreichs leitende Männer käme. Es gilt bei uns den Kampf für die heiligsten Güter [sic]. Wir gehen in den Krieg mit dem Bewußtsein, daß wir für einen König kämpfen, der in wahrhaft christlicher Gesinnung ausgezogen ist.«89

Der Krieg diente somit der Verteidigung der christlichen Kultur – dass auch Feindstaaten wie Frankreich, Großbritannien oder Russland bis zur Revolution christliche Staaten waren, war bedeutungslos. Der christliche Universalismus machte vor den nationalen Grenzen halt90. Ähnlich äußerte sich Bertram auch in seinem Fastenhirtenbrief vom 2. Februar 1916, in dem er sich an »die vielen Tausenden von Diözesanen« wandte, die sich im Feld befanden. »Ihr wisset, wie Euer Auszug so ganz im Zeichen des hl. Kreuzes stand. Der Kaiser rief Euch, das Vaterland zu verteidigen, um Heimat und Thron, Familie und des Volkes heiligste Güter zu schützen.« Der vaterländische Opfersinn empfange »seine höchste Weihe von unserer heiligen Religion, vom Kreuze Christi.« Auch die Opfer, die der Krieg mit sich brachte, erhielten durch die Religion einen Sinn: »Kriegszeit ist Opferzeit. Die weit ausgedehnten Schlachtfelder sind gleichsam wie gewaltige Altarflächen, die die Menge und Größe der Opfer aufnehmen. Opfer für das Vaterland sind es, so groß, wie keine Periode der Geschichte sie je gesehen hat. Doch nicht jedes Opfer ist Gott wohlgefällig. Wäre es eine unheilige Glut irdischer Selbstsucht und Eroberungssucht, die diese Schlachtopfer verzehrt, dann wäre der Opferakt selbst ein Greuel vor dem Herrn. Kampfesopfer dagegen in Gehorsam gegen Gott, in Verteidigung von Heimat und christlicher Kultur, Kampfesopfer, von denen die Bibel sagt: ›indem sie mit den Händen kämpfen, beteten sie im Herzen zum Herrn‹ (2 Macc. 15, 27.) – die tragen eine heilige Weihe.«91

Die zweite Quelle des Starkmuts, die Bertram in seiner Ansprache an die Landsturmmänner nannte, war das Gottvertrauen. »Sollte der eine oder andere sein Leben lassen müssen, nun, so weiß er, es war Gottes heiliger Wille, und dieser hat ihm das Los bestimmt.« Die dritte Quelle des Starkmuts war nach Bertram, dass es nichts Größeres gebe als das Bewusstsein: »Ich bin berufen, das Vaterland zu verteidigen.« Die vierte und letzte Quelle des Starkmuts sei die soldatische Ehre. Unter diesem Punkt mahnte der Fürstbischof zu sittlich-moralisch ehrenvollem 89

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A. BERTRAM, Vom Starkmut des Soldaten, in: A. BERTRAM, Kirche und Volksleben, S. 189-197, hier 189, 190 f. Zum heiligem Krieg siehe H. MISSALLA, S. 67-99. So bereits in der publizistischen Auseinandersetzung zwischen dem französischen und dem deutschen Katholizismus um die französische Streitschrift »La Guerre Allemande et le Catholicisme« von April 1915 und die deutsche Antwort »Deutsche Kultur, Katholizismus und Weltkrieg« von November desselben Jahres. Siehe dazu K. HAMMER, S. 75-77. K. RUPPERT, Katholizismus, S. 220 fasst dieses Phänomen prägnant zusammen. »Von christlicher Solidarität und katholischem Universalismus war in Deutschland, wie auch in den anderen kriegführenden Ländern, nichts Erkennbares mehr geblieben.« A. BERTRAM, Kreuzeskraft und Kreuzeslehren in der Kriegszeit vom 2.2.1916, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 17, S. 55, 65.

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II. Fürstbischof von Breslau im Kaiserreich (1914-1918)

Verhalten. »Halten Sie sich so, daß Sie, wenn der Krieg zu Ende ist, Ihrer Mutter, Schwester, Gattin frei und offen ins Auge blicken können, daß Sie mit Freuden den Blick der Mutter, Frau und Schwester aushalten können.«92 Wie bereits aus den genannten Äußerungen deutlich wird, hegte Bertram ähnlich wie andere Bischöfe eine deutliche Affinität zu Kaiser Wilhelm II.93. Im Januar 1915 war der Fürstbischof der Auffassung, dass »die Herzen von Kaiser und Volk nie so eng zusammengewachsen« seien »wie in diesen Tagen der Not und Bedrängnis, die unseren Kaiser in seiner ganzen Geistesgröße und landesväterlicher Umsicht sowohl, wie in seinem Heldenmute, seinem Gottvertrauen und seiner Liebe zu Vaterland und Volk haben erscheinen lassen.«94 Auf den zweiten Kaisergeburtstag im Krieg wies Bertram seinen Klerus »mit besonderer Wärme« hin. »Als ich am 1. November d. J. [1915] beim Kaiser war, konnte ich ihm berichten, wie ich überall auf meinen Hirtenreisen die Beobachtung gemacht habe, daß in dieser Zeit der Bedrängnis die Herzen des Volkes und des Landesvaters besonders eng zusammengewachsen seien.«95 Auch nach dem ersten Kriegsjahr war Wilhelm II. für Bertram noch immer der Friedenskaiser, der mit Deutschland einen Verteidigungskrieg führte. »Ernst ist dieser Jahrestag für unseren geliebten Landesvater, den Kaiser und König, der es stets als schönsten Ruhmestitel betrachtet hat, ein Hort des Weltfriedens und ein Hüter der friedlichen Entwicklung der Kultur seines Volkes zu sein, und der trotzdem gezwungen wurde, für Deutschlands Glück und Ehre das Schwert zu ziehen.« Dank richtete Bertram auch an den »umsichtigen Scharfblick und die strategische Arbeit« der Heerführer. Diese hätten, unterstützt durch die Gebete des Volkes, »den Segen des Himmels herabgerufen, damit sie in der Hand des Lenkers der Schlachten Mittel würden zur Erreichung der herrlichsten Erfolge ... Dank sei Gott für alle die glücklichen Waffenerfolge auf den Walstätten in Ost und West.«96 Am Ende des dritten Kriegsjahres rief Bertram das Kirchenvolk zum Durchhalten auf und versuchte, die Opfer des Krieges mit Hilfe der göttlichen Vorsehung zu erklären. Der religiöse Eifer der Bevölkerung aus den ersten Kriegsmonaten war abgeflaut und zusammen mit der Lebensmittelknappheit breitete sich 92 93

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A. BERTRAM, Vom Starkmut des Soldaten, in: A. BERTRAM, Kirche und Volksleben, S. 191, 192. H. MISSALLA, S. 93-97. In Anbetracht der Verehrung, die Bertram dem Kaiser entgegenbrachte, verwundert es kaum, dass Wilhelm II. den Breslauer Fürstbischof in seiner Autobiographie – u.a. neben Kopp, Schulte, Faulhaber und Hartmann – unter den Bischöfen aufführt, mit denen er in »recht guten Beziehungen gestanden« habe. »Sie alle sind Männer weit über dem Durchschnitt und eine Zierde des deutschen Episkopats, dessen Patriotismus für Kaiser und Reich im Kriege zum Ausdruck kam.« WILHELM II., S. 175. A. BERTRAM, Kirchliche Begehung des Geburtstags des Kaisers vom 11.1.1915, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 4, S. 32 f., hier 33. A. BERTRAM, Oberhirtliche Kundgebung am Schlusse des Kriegsjahres 1915 vom 1.12.1915, in: Ebd., Nr. 15, S. 51. A. BERTRAM, Dank- und Bittgottesdienst am Jahrestage des Kriegsbeginnes vom 29.7.1915, in: Ebd., Nr. 11, S. 43 f.

3. Erster Weltkrieg und das Verhältnis zur Monarchie

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Resignation aus97. Der Katholik wisse, dass »die politischen Ereignisse ihre Stelle in den planmäßigen Zügen der göttlichen Weltregierung von Ewigkeit her haben, mag auch scheinbar der irdische Interessenkampf allein die Geschicke bestimmen.« Der Katholik müsse in Gottvertrauen »Ausharren bis zum Ende.« Doch Bertram verlangte nicht nur passives Abwarten, sondern er forderte weiterhin dazu auf, Kriegsanleihen zu zeichnen. Das geschehe nicht, »um den Krieg zu verlängern. Nein und abermals nein! So denkt kein katholischer Bischof. Sondern darum geschieht es, weil ein vorzeitiges Erlahmen der Opferkraft die schlimmsten Folgen für die Zukunft des Vaterlandes haben würde.«98 Erst ab dem Jahr 1917 lässt sich sowohl in den Äußerungen Bertrams als auch anderer Bischöfe eine Sehnsucht nach Frieden erkennen, sieht man von der Bezeichnung Wilhelms II. als Friedenskaiser ab99. »Es ist dem Kaiser noch nicht vergönnt gewesen, den Frieden, dessen Schutze seine ganze Regierung gewidmet war, dem Volke wiederzugeben. Sein hochherziges Friedensangebot ist nicht angenommen worden. Je ehrlicher und aufrichtiger es gemeint war, desto größer ist sein Schmerz über die Zurückweisung und über die maßlosen Forderungen der Gegner. Desto heißer werden wir aber zur göttlichen Vorsehung zu beten fortfahren, daß ein wahrhaft segensvoller Friede die Frucht der ungeheuren Opfer werde.«

Um diesen Frieden zu erreichen, sei festes »Vertrauen auf Kaiser und Heerführer« nötig100. Die deutschen Bischöfe unterstützten auch die päpstliche Friedensinitiative Papst Benedikts XV. aus dem Jahr 1917, griffen in die diplomatischen Verhandlungen der Römischen Kurie jedoch nicht ein101. Nennenswerten Kontakt zur deutschen katholischen oder zur bürgerlichen Friedensbewegung hatte Bertram wie auch die anderen deutschen Bischöfe nicht102. In seinem Fastenhirtenbrief vom 22. Januar 1917 fragte Bertram: »Friede, wann wirst du wiederkehren in unsere Gefilde«? Die »Friedenssehnsucht« sei »in den Augen aller Stände des Volkes« zu lesen. »Den äußeren politischen Frieden zu erkämpfen und zu schirmen,« sei »Aufgabe der weltlichen Macht. Zum inneren Frieden die Geister zu leiten, zu Gedanken des Friedens im öffentlichen Leben die Volksseele zu lenken, ist eine der Aufgaben der geistlichen Gewalt.«103 Bertram wollte sich in die politischen Angelegenheiten nicht einmischen, doch das Streben nach innerem Frieden sollte auch politisch wirken104. Und indem er indirekt für 97 98

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R. HAIDL, S. 48. A. BERTRAM, Oberhirtliche Kundgebung am Ende des dritten Kriegsjahres vom 23.7.1917, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 27, S. 92-95, hier 93. R. HAIDL, S. 49. BERTRAM, Feier des Kaiser-Geburtstages. Kollekte für den Malteser-Verein vom 17.1.1917, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 23, S. 72 f., hier 72. H.-J. SCHEIDGEN, S. 362; W. STEGLICH; N. RENOTON BEINE. H.-J. SCHEIDGEN, S. 362; D. RIESENBERGER; B. HÖFLING. A. BERTRAM, Gottesfrieden in Kampfeszeit vom 22.1.1917, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 24, S. 73-87, hier 73 f. R. HAIDL, S. 47.

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II. Fürstbischof von Breslau im Kaiserreich (1914-1918)

die Fortführung des Krieges warb, handelte er ebenso politisch. Zu den »ernsten Sorgen« der Bischöfe zählte nämlich die um das »Ausharren im Kampfe fürs Vaterland, [und auch] die Sorge um einen für Deutschland und Österreich ehrenvollen Frieden.« Erstmals richtete Bertram, wenn auch vage, den Blick in die Zukunft. »Noch ernster ist die Sorge der Kirche um die Zukunft nach dem Kriege.«105 Das Bewusststein, an einem Wendepunkt des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens angelangt zu sein, brachte Bertram in seinem Fastenhirtenbrief im Januar 1918 zum Ausdruck. »Nach dem furchtbaren Ringen der Völker des Erdkreises in diesem Weltkriege ahnen alle, daß eine Umgestaltung in den öffentlichen Einrichtungen und im Geistesleben der Nationen herannaht. Wird nun nach dem jahrelangen Sturme über die blutgetränkte Erde ein neuer Frühling heraufziehen? Oder wird nach dem Verbluten der Volkskraft und nach all’ den Krisen des wirtschaftlichen Lebens ein Niedergang der religiösen und sittlichen Volksbildung als schlimmste Krise folgen? ... Bange Fragen! Mit ernster Sorge schauen alle der Zukunft entgegen, die dunkel vor uns liegt.«106

Am 10. April 1918 wandte sich Bertram erneut an seine Diözesanen. »Tage schwerer Entscheidung stehen unserem Vaterlande bevor. Nachdem an der Ostgrenze der Friede gesichert ist und jene bangen Sorgen vom November 1914 für Schlesien in das Gefühl ruhiger Sicherheit sich verwandelt haben, drängen die furchtbaren Völkerkämpfe im Westen der Entscheidung entgegen.« Wiederum forderte er zum Beten und Durchhalten auf und sorgte sich »um das Heil des Vaterlandes«107. Zum Abschluss des 30. Regierungsjahres Wilhelms II. rief Bertram zum Gebet auf, »daß der Beginn des vierten Jahrzehnts der Regierung des geliebten Kaisers und Königs baldigst durch die Sonne eines segensreichen Friedens verklärt werden möge, damit Volk und Herrscher die Früchte der unbeschreiblich schweren Opfer schauen, die die Herrscherkrone zur Dornenkrone gemacht, aber auch die Herzen der Untertanen und des Landesvaters in heldenmütiger Treue aufs engste verbunden haben.«

Den Klerus bat Bertram, im Gottesdienst »auf das von Gott so vielfach und reich gesegnete Wirken des Landesvaters mit warmen Worten« hinzuweisen »und Gottes Gnade auch für die Zukunft auf die erlauchte Person und die Regierung Sr. Majestät in innigem Gebete« herab zu rufen108. In seinem letzten Hirtenbrief während des Ersten Weltkriegs, zu Beginn des fünften Kriegsjahres im August 1918, sprach Bertram einen Punkt der christlichen Liebe an, der bis dahin wenig Beachtung gefunden hatte: die Feindesliebe. 105

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A. BERTRAM, Gottesfrieden in Kampfeszeit vom 22.1.1917, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 24, S. 79. A. BERTRAM, Zeitgemäße Mahnungen des Firmtages vom 18.1.1918, in: Ebd., Nr. 28, S. 96-111, hier 97. A. BERTRAM, Öffentliche Gebete zur Zeit der Entscheidungskämpfe im Kriege vom 10.4.1918, in: Ebd., Nr. 29, S. 111 f. A. BERTRAM, Zur Vollendung des 30. Regierungsjahres des Kaisers und Königs vom 13.6.1918, in: Ebd., Nr. 30, S. 112 f., hier 112.

3. Erster Weltkrieg und das Verhältnis zur Monarchie

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»Man hat oft die deutschen Soldaten Barbaren gescholten. Nun, ihre Briefe zeugen von zahllosen Zügen wahren Edelmuts in ihrer Brust. Edelmut üben sie bei zahlreichen Gelegenheiten auch gegen die Feinde; sie teilen so oft ihr Brot mit hungernden Zivilisten im Feindesland; sie holen verwundete Feinde selbst mit Lebensgefahr vom Schlachtfelde zum Lazarett; sie sind besonders mitleidig gegen weinende Kinder. Endlich wissen sie das Gebot des Herrn ›Liebet eure Feinde!‹ auch im Gebet zu erfüllen.«109

Das eigene Verhalten im Ersten Weltkrieg hinterfragten die deutschen Bischöfe auch im Nachhinein nicht. Das hätte eine kritische Distanz zum Kaiserreich sowie zur eigenen Position vorausgesetzt, was zu leisten der Episkopat nicht im Stande war110. Bertram bot hier keine Ausnahme, was die Wiederverwertung seiner Kriegshirtenbriefe im Zweiten Weltkrieg deutlich belegt. Über den Krieg und dessen Ursachen reflektierte Bertram im Dezember 1923. Der Kölner Kardinal, der ehemalige Bischof von Paderborn, Joseph Schulte, und der Mechelner Kardinal Desiré Mercier suchten gemeinsam einen Weg, wie die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Belgien wieder hergestellt werden könnten. Mercier führte an, dass die deutschen Verbrechen in Belgien während des Krieges ein Hindernis für die Versöhnung darstellten, weswegen der erste Schritt von deutscher Seite kommen müsse111. Schulte war bereit, in dieser Frage »bis zur äußersten Möglichkeit [zu] gehen«, suchte jedoch vorher Rat bei Kardinal Faulhaber in München sowie bei Bertram112. Letzterer begrüßte zwar das Ansinnen, war allerdings der Meinung, »daß die Zeit für eine so vernünftige Denkweise, die keineswegs einen heroischen Tugendakt erheischt, wohl noch nicht gekommen ist. Auch der belgische Klerus ist von der durch die Publikation in Buch, Broschüren und Presse geschaffenen öffentlichen Meinung nicht ganz unabhängig, noch weniger das belgische Volk.« Bertram war der Auffassung, dass es noch nicht möglich sei, die »tiefste Schuldfrage« zu beantworten, »welches Volk durch Irreligiosität, Unsittlichkeit, Anmaßung und unlautere Interessenpolitik am meisten dazu beigetragen [habe], daß Gott die Heimsuchung des Weltkrieges« zugelassen habe. Auch die Frage, »welche Staatsregierung am meisten am Ausbruch des Krieges schuld ist, kann, obwohl Deutschland zuerst das Schwert gezogen hat, doch niemand eher beantworten, als bis die Geheim-Archive aller Staaten geöffnet sind.« Da der ehemalige Reichskanzler Bethmann Hollweg selbst zugegeben habe, »daß der Einfall der Deutschen in Belgien eine Ungerechtigkeit« gewesen sei, müsse der Episkopat dies nicht tun. 109

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A. BERTRAM, Aus Soldatenbriefen. Hirtenschreiben zu Beginn des fünften Kriegsjahres vom 3.8.1918, in: Ebd., Nr. 31, S. 113-126, hier 123. R. HAIDL, S. 51; K. RUPPERT, Katholizismus, S. 206; R. DÜLMEN, S. 192 sieht die Spaltung des Katholizismus nach links und rechts als Folge der mangelnden Aufarbeitung der Ursachen sowie der eigenen Beteiligung am Ersten Weltkrieg. Mercier an Schulte vom 18.12.1923, in: L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 150a, S. 324-326. Schulte an Mercier vom 27.12.1923, Ebd., Nr. 150b, S. 326-328.

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II. Fürstbischof von Breslau im Kaiserreich (1914-1918)

Vor einer Bewertung des Einmarschs schreckte Bertram dann auch zurück. »Ob dieser Einfall zu entschuldigen oder milder zu beurteilen ist, weil Deutschland glaubte, nur unter Durchbruch durch ein unbeteiligtes Nachbargrundstück den dahinter wohnenden Feind abwehren zu können, darf man wohl einstweilen auf sich beruhen lassen.«113

4. DIE WAHLRECHTSFRAGE 1917 – BERTRAM UND DIE DEMOKRATIE Bis zur Revolution und teilweise darüber hinaus war die Loyalität des deutschen Episkopats gegenüber der Monarchie, der rechtmäßigen staatlichen Obrigkeit, ungebrochen. Bertram bildete hier keine Ausnahme, lieferte er doch durch seine Kriegstheologie »mehrfach Proben seiner Zuverlässigkeit«, wie es Kultusminister Trott zu Solz anlässlich Bertrams Fürstbischofswahl genannt hatte114. Im Juli 1917 forderte er seine Diözesanen auf, dass sie den Behörden, »an die unerhört schwere Anforderung gestellt werden,« das Vertrauen nicht entziehen dürften. Er mahnte: »Lasset Euch nicht aufreizen von solchen, die Unzufriedenheit säen, oder die sogar zur Auflehnung gegen die Behörden und zur Gewalttätigkeit aufstacheln, wie es vereinzelt vorgekommen ist. Das ist Auflehnung gegen die Ordnung Gottes. Denn auf Gottes Willen beruht die Ordnung in der menschlichen Gesellschaft. Wer sich der Obrigkeit widersetzt, widersetzt sich der Anordnung Gottes. Zu Unruhen aufstacheln ist ein schweres Unrecht gegen Dich selbst, gegen die Mitmenschen und gegen deren Familien ... Es ist ein Verbrechen gegen das Vaterland. Gott verlangt von Dir, daß Du Dein Vaterland liebst und daß du Opfer für Dein Vaterland und seine Ordnung bringst. Doppelt streng ist diese Pflicht in Zeiten der Gefahr und schwerer Heimsuchung. Wer in solchen Zeiten Unruhe und Gewalttätigkeit stiftet, ladet eine unsagbare Verantwortung auf sich vor Gottes Richterstuhl.«115

Umsturz und Revolution lehnte Bertram somit konsequent als Verrat am Vaterland und an Gott ab und gehörte somit zu den konservativen Bewahrern der gegebenen monarchischen Staatsordnung. Bertram war neben den Bischöfen Korum von Trier und Paul Wilhelm von Keppler von Rottenburg einer der drei Bischöfe, die nach Beschluss der Fuldaer Bischofskonferenz vom August 1917 einen Hirtenbrief erarbeiten sollten, in welchem »dem katholischen Volke klare Richtlinien für sein Denken und Handeln 113

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Bertram an Schulte vom 31.12.1923, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 264, S. 544-546. Zur Kriegsschuldfrage hielten die preußischen Bischöfe im Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 18.-20.8.1925, Punkt 53, am 20.8.1925, in: Ebd., Nr. 336, S. 683 fest: »Der Episkopat wünscht im Interesse des Völkerfriedens eine Klärung in der Frage der Kriegsschuldlüge, muß aber die Behandlung der Frage in der Öffentlichkeit den zuständigen Stellen überlassen.« Trott zu Solz an Bethmann Hollweg vom 13.11.1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 141. A. BERTRAM, Oberhirtliche Kundgebung am Ende des dritten Kriegsjahres vom 23.7.1917, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 27, S. 92, 94 f.

4. Die Wahlrechtsfrage 1917 – Bertram und die Demokratie

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in den kommenden Zeiten ... über eine christliche Staatsauffassung, über die Elternpflicht einer guten Erziehung, über die Konfessionalität der Schule, Freiheit der katholischen Caritas und der Ordenstätigkeit, und endlich über die Gefahren des Interkonfessionalismus« gegeben werden sollten116. Bis zur Fertigstellung des Hirtenbriefs vergingen einige Wochen, er wurde auf den 1. November, Allerheiligen, datiert und am 18. und 25. November verlesen. Der Teil des Hirtenwortes über die christliche Staatsauffassung spiegelt in besonderer Weise das Denken Bertrams wider, wie es bereits in seinen Antrittshirtenbriefen in Hildesheim und Breslau dargelegt wurde. Mit Bezug auf die Markusstelle »Gebt Gott, was Gottes ist und dem Kaiser, was des Kaisers ist« (Mk 12, 17) beteuerten die Bischöfe die Treue zum Kaiser und zu den Landesfürsten, darüber hinaus aber auch den Gehorsam gegenüber »jeder rechtmäßigen Obrigkeit ... um Gottes willen«. Das katholische Volk werde »alles zurückweisen, was auf einen Angriff gegen« die deutschen Herrscherhäuser oder gegen die »monarchistische Staatsverfassung hinausläuft.« Es werde »stets bereit sein, wie den Altar so auch den Thron zu schützen gegen äußere und innere Feinde, gegen Mächte des Umsturzes.« Der Episkopat stellte sich somit an die Seite der Monarchie, um die Vorkriegsverhältnisse nach Beendigung des Krieges wieder herzustellen. Dabei lehnte er demokratische Prinzipien ab: »Aber denen können wir nicht beitreten, die den Staat als den Urquell alles Rechts ansehen und ihm eine unumschränkte Machtvollkommenheit zusprechen. Ebensowenig stimmen wir denen zu, denen das Volk in seiner Gesamtheit als Urheber und Inhaber der staatlichen Gewalt, der Wille des Volkes als letzte Quelle des Rechts und der Macht gilt.«117 Auch wenn der Allerheiligenhirtenbrief Ausdruck der monarchischen Gesinnung des Episkopats war, war er weder eine »prinzipielle Festlegung auf die Monarchie als dem Katholiken einzig erlaubte Staatsform« noch »eine uneingeschränkte Bejahung der gegebenen staatlichen Verhältnisse.«118 An Bedeutung gewann er dadurch, dass seine Verlesung in zeitliche Nähe zu den Verhandlungen um die Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts fiel, auch wenn das beim Beschluss des Hirtenworts im Sommer nicht intendiert gewesen war. Das Zentrum hatte stets das gleiche Wahlrecht in Preußen gefordert – die Wahrscheinlichkeit, dass es durchgesetzt werden könnte, hatte nicht bestanden. Die Situation änderte sich jedoch im Laufe des Krieges im Jahr 1917 mit der Zusage des Kaisers zur Einführung des gleichen Wahlrechts sowie der Kanzlerschaft des Katholiken Georg von Hertling. Zwar war man sich im Zentrum darüber bewusst, dass das Dreiklassenwahlrecht »unhaltbar« war, doch durch die Einführung des gleichen 116

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Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 21.-23.8.1917, in: E. GATZ (Bearb.), Akten Fuldaer Bischofskonferenz III, Nr. 310, S. 275-285, hier 278. Hirtenschreiben des deutschen Episkopats vom 1.11.1917, in: E.R. HUBER / W. HUBER III, Nr. 213, S. 517-530, hier 519. H. HÜRTEN, Novemberrevolution, S. 16. Zur Diskussion um den Allerheiligenhirtenbrief siehe auch H. HÜRTEN, Amtskirchen, S. 362; L. HÜTTL, S. 363; H.-J. SCHEIDGEN, S. 342; R. DÜLMEN, Katholizismus, S. 177.

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II. Fürstbischof von Breslau im Kaiserreich (1914-1918)

Wahlrechts schien man »parteipolitischen Selbstmord« zu begehen119. Die Zentrumslinke um Matthias Erzberger trat für eine Demokratisierung ein und kritisierte den rechten Parteiflügel dafür, dass dieser im Abgeordnetenhaus zusammen mit den Konservativen für ein Pluralwahlrecht eintrat. Vom gleichen Wahlrecht befürchtete die Zentrumsrechte eine starke Zunahme von Stimmen aus der Arbeiterschaft für die SPD und einen Rückgang der Zentrumsstimmen120. Der Allerheiligenhirtenbrief konnte nun als eine »offensichtliche Rückenstärkung der Gegner des gleichen Wahlrechts im Zentrum und als eine deutliche Warnung an seine Befürworter« aufgefasst und in diesem Sinne ausgenutzt werden121. Der schlesische Zentrumsführer Porsch war zwar ein Gegner des gleichen Wahlrechts, jedoch gleichzeitig davon überzeugt, dass es sowohl mit als auch ohne die Zustimmung des Zentrums im preußischen Abgeordneten- und Herrenhaus früher oder später durchgesetzt werden würde. Aus taktischen Erwägungen heraus versuchte er das Zentrum für die Zustimmung zum gleichen Wahlrecht zu gewinnen, denn nur so könnten die vom Episkopat geforderten »Sicherungen«, die die rechtliche Stellung der katholischen Kirche in Preußen und im Reich auch bei sozialistischen Parlamentsmehrheiten gewährleisten sollten, erlangt werden122. Der Episkopat war in der Wahlrechtsfrage gespalten. Dem Kölner Kardinal Hartmann, dem »Haupt der reformfeindlichen Kreise des katholischen Klerus«123, gingen die Sicherungen nicht weit genug und er lehnte das gleiche Wahlrecht konsequent ab. Bertram hingegen wog – ähnlich wie seine Mitbischöfe Schulte, Faulhaber und Johannes Poggenburg von Münster – Nutzen und Schaden einer Blockadepolitik realistisch ab. Er war genauso wie Porsch davon überzeugt, dass die Wahlrechtsreform ohnehin kommen werde und dass die rechtliche Stellung der Kirche nur durch eine Kompromisslösung gewährleistet werden müsse124. Es sei selbstverständlich, dass es Sicherungen von »absolut fester Gewähr« nicht geben könne und dass die Sicherungen als solche bereits schwer zu erreichen seien. Doch mit Blick sowohl auf die heimkehrenden Soldaten als auch auf die katholischen Arbeiter, die das gleiche Wahlrecht wünschten, sei es wichtig, diese Sicherungen so weit wie möglich durchzusetzen, argumentierte Bertram gegenüber Reichskanzler Hertling125.

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R. MORSEY, Zentrumspartei, S. 59. Durch das Dreiklassenwahlrecht »erhielt das Zentrum bis zum Ende des Kaiserreichs ziemlich konstant etwa ein Viertel Mandate mehr, als es dem prozentualen Anteil der für diese Partei auf Reichsebene abgegebenen Wählerstimmen entsprochen hätte.« R. MORSEY, Katholiken, S. 35. Zum Verlauf der Verhandlungen innerhalb des Episkopats siehe R. PATEMANN, Episkopat, S. 345 f., zu den Auseinandersetzungen um die Wahlrechtsreform R. PATEMANN, Wahlreform. R. PATEMANN, Episkopat, S. 347. Entwurf der Zentrumsfraktion des preußischen Landtag für die »Sicherungsartikel« vom Februar 1918, in: E.R. HUBER / W. HUBER III, Nr. 214, S. 532-534; A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Porsch, S. 210. R. PATEMANN, Episkopat, S. 347. Ebd., S. 370 f. Bertram an Hertling vom 20.4.1918, zit. nach R. MORSEY, Zentrumspartei, S. 65, Anm. 28.

III. FÜRST(ERZ)BISCHOF VON BRESLAU IN DER WEIMARER REPUBLIK (1918-1930) 1. BERTRAM UND DER STURZ DER MONARCHIE (1918/19) Im Oktober 1918 setzte sich in der deutschen Öffentlichkeit die Erkenntnis durch, dass der Krieg im Westen, trotz des Friedens von Brest-Litowsk im Osten, nicht mehr zu gewinnen war. Fürstbischof Bertram rief die Gläubigen der Diözese Breslau, da »Tage wichtigster, folgenschwerster Entscheidungen« für Deutschland gekommen seien, »mit verdoppeltem Eifer zum Gebete« auf. »Dazu fühlt jedes gläubige Herz um so mehr sich gedrängt, als die fast sich überstürzenden Ereignisse für alle Zukunft tief einschneiden werden in die inneren und äußeren Verhältnisse Deutschlands.«1 Anfang November meuterten die ersten Matrosen in Kiel, am 9. November dankte Kaiser Wilhelm II. ab, Philipp Scheidemann rief die Republik und Karl Liebknecht die Sozialistische (Räte-)Republik aus. Derjenige, der allerdings »die Entwicklung der inneren Verhältnisse im Deutschen Reiche aufmerksam beobachtet« habe, habe sich über diese »Katastrophe«, wie Bertram die revolutionären Ereignisse im März 1919 nannte, jedoch nicht wundern müssen2. Am Tag der Unterzeichnung der Waffenstillstandsbedingungen durch Matthias Erzberger in Compiègne, am 11. November 1918, wandte sich Bertram an seinen Klerus. »Welch’ tiefgreifende Folgen für Staat und Kirche die gewaltigen politischen Veränderungen der letzten Tage herbeiführen« würden, wisse Gott allein. Klerus und Gläubige sollten darum beten, dass Gott »die Neugestaltung des öffentlichen Lebens ... zum Guten« wende. »Je mehr es uns gelingt, glaubensvolles Gottvertrauen in den Seelen zu wecken, desto williger werden die Gläubigen auf die ernste Mahnung hören, an keinerlei Unruhestiftung sich zu beteiligen.« Auch wenn Bertram die Revolution ablehnte, die sich daraus ergebenden Konsequenzen akzeptierte er umgehend. Es bestehe »für alle die Pflicht, mannhaft für Kirche und Vaterland einzutreten, wenn die Aufforderung an sie geht, von ihren politischen Rechten den ihnen zustehenden Gebrauch zu machen; dann sind sie aufzufordern, gewissenhaft und im Bewußtsein der schweren Verantwortung vor Gott dabei nur das Wohl des Vaterlandes und der Kirche nach ehrlicher Überzeugung vor Augen zu haben.«

Darüber hinaus sprach Bertram einen Punkt an, der vor allem in der Auseinandersetzung um die nationale Zugehörigkeit Oberschlesiens eine wichtige Rolle spielen sollte, nämlich die Frage nach dem Verhältnis von Politik und Religion. 1

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A. BERTRAM, Oberhirtliche Anordnung wegen der politischen Ereignisse vom 12.10.1918, in: VERORDNUNGEN DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN GENERAL-VIKARIAT-AMTES ZU BRESLAU Nr. 645 vom 14.10.1918, Nr. 241, S. 133 f., hier 133. A. BERTRAM, Ein Mahnwort an die Katholiken Schlesiens vom 8.3.1919, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 37, S. 149 f.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

Die Kanzel dürfe »nie zu politischem Kampfe gebraucht werden« und außerhalb der Kirche müsse der Geistliche bei politischer Betätigung »Würde und Mäßigung« bewahren3. Im Vergleich zu anderen Gebieten im Reich gelang es der schlesischen Revolutionsregierung in Breslau, für einen relativ ruhigen Wechsel von der Monarchie zur Republik zu sorgen. Am 15. November nannte sich der Volksrat unter dem späteren sozialdemokratischen Reichstagspräsidenten Paul Löbe in »Zentralrat für die Provinz Schlesien« um. Diesem wurden die meisten Arbeiter- und Soldatenräte in Niederschlesien unterstellt4. Am 20. November fand in Breslau eine große Versammlung der Katholiken mit über 4.000 Teilnehmern statt, auf der neben dem Zentrumsführer Porsch auch Fürstbischof Bertram Stellung zu den revolutionären Ereignissen nahm. Vor dem Hintergrund dieser Kundgebung ist erkennbar, wie die »Revolutionsgeduld«, mit der der Breslauer Fürstbischof, der Episkopat und die katholische Bevölkerung insgesamt auf den Umsturz reagiert hatten, in eine partielle Gegnerschaft umzuschlagen begann5. Mit den Worten »Bischof und Volk gehören zusammen. Darum bin ich auch hier in eurer Mitte« begann Bertram seine Rede. Der Friede, auf den alle so lange gewartet hätten, sei nun gekommen. »Aber nicht Jubelglanz sehe ich in den Augen, sondern ernste Sorge. Nicht mit reichem Erfolge zieht der Friede bei uns ein, sondern nach all’ den riesenhaften Verlusten noch mit zentnerschweren Lasten und inneren Umwälzungen.« Mit Blick auf die »heraufziehenden inneren« Kämpfe und auf »die Sorge, daß die plötzlich eingetretenen Umwälzungen schwere Gefahren für unsere höchsten Güter heraufführen werden«, mahnte Bertram die Gläubigen zur Ruhe und dazu, nichts zu unternehmen, »was die öffentliche Ordnung gefährden könnte. Treu legen wir mit Hand an, daß die wirtschaftliche Ordnung und die öffentliche Ruhe nicht Schaden leiden unter diesen Wirren. Aber wie ein gewaltiger Weckruf ist durch die deutschen Länder die Kunde geschallt, daß das durch die Jahrhunderte bestandene Band zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und der Kirche plötzlich gelöst werden soll.«6 3

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A. BERTRAM, Ausschreiben an den Hochwürdigen Diözesanklerus wegen der jüngsten politischen Ereignisse vom 11.11.1918, in: Ebd., Nr. 32, S. 126 f.; H. HÜRTEN, Novemberrevolution, S. 30 f. Mit Bezug auf den neuen Codex Iuris Canonici aus dem Jahr 1917 hatte die Fuldaer Bischofskonferenz bereits ausdrücklich das Politisieren von Geistlichen bei der Predigt verboten. Ausschreiben der Fuldaer Bischofskonferenz an den Hochwürdigen Klerus betreffend die Verwaltung des Predigtamtes vom 21.8.1918, in: VERORDNUNGEN DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN GENERAL-VIKARIAT-AMTES ZU BRESLAU Nr. 644, vom 30.9.1918, Nr. 227, S. 123-125, hier 125. H. NEUBACH, Löbe, S. 273; H. NEUBACH, Weimarer Republik, S. 207; H. NEUBACH, Verwaltung Schlesiens, S. 902-906; G. HITZE, S. 165-167. Die »Revolutionsgeduld« wurde dem Episkopat durch den relativ gewaltfreien Umsturz sowie dadurch, dass die Monarchie selbst nicht für sich kämpfte, erleichtert. H. HÜRTEN, Novemberrevolution, S. 33; H. HÜRTEN, Amtskirchen, S. 369. Die Heerschau der Breslauer Katholiken, in: SV Nr. 544 vom 21.11.1918, teilweise zitiert in, A. BERTRAM, Kundgebung an die Diözesanen der Diözese Breslau vom 3.1.1919, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 34, S. 130-132. Porsch forderte auf der Kundgebung ausdrück-

1. Bertram und der Sturz der Monarchie (1918/19)

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Damit spielte Bertram auf den ersten der kulturpolitischen Erlasse der neuen preußischen Kultusminister Adolf Hoffmann (USPD) und Konrad Haenisch (MSPD) vom 15. November an, durch den konfessionslose Kinder von der Teilnahme am Religionsunterricht befreit wurden7. Bertram sah es als seine bischöfliche Aufgabe an, die Gläubigen in dieser gefahrvollen Zeit an ihre religiösen Verpflichtungen zu erinnern. Mit den Worten: »Die erste Pflicht ist mutiges Bekenntnis. Du sollst katholisch sein nicht nur im Herzen, nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern ebenso im öffentlichen Leben«, rief er sie dazu auf, die Gesellschaft auch im neuen Staat positiv mitzugestalten. Dabei müsse die zweite Pflicht beachtet werden, nämlich dass die »höheren Güter« über alles gestellt würden. »Gewiß entscheiden die kommenden Wahlen auch über hochbedeutsame Güter der irdischen Ordnung, des bürgerlichen Lebens und des Wohlstandes des Volkes. Es ist unsere heilige Pflicht, für diese einzutreten. Noch höher aber steht uns die Sorge darum, ob unser Volk wahrhaft christlich bleiben wird, ob die Kirche ihre wohlerworbenen Rechte behalten und ihre segensreiche Wirksamkeit entfalten kann, ob die Kinder des katholischen Volkes katholisch oder glaubenskalt, dann glaubensgleichgültig und zuletzt glaubenslos erzogen werden sollen, ob alle die segenspendenden Orden und Organisationen der Kirche fortwirken können. Kannst du dazu mitwirken, dann bist du verpflichtet, von deinen politischen Rechten Gebrauch zu machen. Der Heiland sprach einst von Talenten, über deren Gebrauch wir im Gerichte Rechenschaft geben müssen. Auch dein Wahlrecht ist, bildlich gesprochen, ein solches Talent. Benutzt du es nicht, so gleichst du dem unnützen Knechte, der sein Talent unbenutzt in die Erde grub.«

Schnell stellte sich Bertram demnach auf die neue politische Situation ein und rechtfertigte die Ausübung des Wahlrechts sowie die Mitarbeit der Katholiken an der neuen politischen Ordnung als religiöse Pflicht. Oberste Priorität hatte die Wahrung der katholischen Identität der Bevölkerung, die durch die politische Mitarbeit gewährleistet werden sollte. Die dritte Pflicht des Katholiken sei das »Gottvertrauen.« Denn selbst »die drohendsten Angriffe und Verdächtigungen« habe die katholische Kirche überstanden und »nach jedem Sturme« habe sie sich »mit verjüngter Kraft« erhoben. Die Gewissheit und das Gottvertrauen, dass die Kirche selbst schlimmste Bewährungsproben, hier die sozialistische Revolution, später das nationalsozialistische Regime, überstehen würde, behielt Bertram Zeit seines Lebens bei. Die vierte Pflicht sei »der Opfermut«, denn nie werde »ein schwerer Kampf gewonnen ohne größere Opfer.« Hierbei handele es sich nicht nur um Geldopfer,

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lich von den Katholiken, dass sie sich »politisch voll und ganz auf den Boden der gegebenen Tatsachen stellen und die herrschende Gewalt als solche anerkennen.« Die Heerschau der Breslauer Katholiken, in: SV Nr. 544 vom 21.11.1918. A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Porsch, S. 225; H. HÜRTEN, Novemberrevolution, S. 78. E.R. HUBER / W. HUBER IV, Nr. 47, S. 63. Der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, Kardinal Hartmann von Köln, wies diesen Erlass vehement als einen »Akt willkürlicher Gewalt« zurück. Hartmann an Pr. Regierung vom 19.11.1918, in: Ebd., Nr. 8, S. 18.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

sondern es gehe auch darum, Opfer zu bringen für die Einigkeit des katholischen Lagers, die oberste Priorität hatte: »Haltet treu zu den Führern des katholischen Volkes in den Parlamenten; danken wir ihnen für ihre selbstlose Arbeit und Umsicht, für ihre rastlose Sorge, stets das zu erreichen, was überhaupt unter den gegebenen Umständen hat erreicht werden können. Unterlassen wir nutzlose Kritik an dem Verhalten unserer Vertreter in Situationen, die nur der beurteilen kann, der mitten in den täglich wechselnden Umständen steht. In Einigkeit mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche, dem Papste, und mit den Bischöfen; in Einigkeit mit den bewährten Führern, die gern auf die Wünsche und Interessen der einzelnen Stände nach bestem Können Rücksicht nehmen werden; so sollen wir den kommenden Tagen entgegengehen.«

Kritik am Verhalten des Zentrums, in Bertrams Augen die einizige Partei, die katholische Interessen vertrat, ließ Bertram damit ebensowenig zu wie Kritik an den Bischöfen oder am Hl. Vater selbst. Diese Mahnungen galten vor allem den Männern, denn es sei nicht die Absicht, die Frauen »in das volle Getriebe der politischen Kämpfe hineinzuziehen. Nein, sie sollen auch in Zukunft dem stillen häuslichen Kreise erhalten bleiben.« Mit Blick auf das zu erwartende Frauenwahlrecht aber durfte ihr Stimmenpotential nicht verloren gehen. »Gilt es aber in der Öffentlichkeit von dem ihnen verliehenen Rechte zum Heile von Vaterland und Kirche Gebrauch zu machen, dann müssen sie ebenso mutig in der Öffentlichkeit hervortreten, wie die Frauen auf Golgotha einer ganzen Welt von Feinden in aller Öffentlichkeit mutig die Stirn boten.«8 Bertram förderte somit die Mündigkeitsbestrebungen der Laien und insbesondere die der Frauen nur in dem Maße, wie sie der Stabilisierung der öffentlichen und kirchlichen Ordnung dienlich waren9. Mitte November bildete sich in Breslau mit Billigung Bertrams das »Aktionskomitee des katholischen Klerus«, dem auch mehrere Mitglieder des Domkapitels angehörten. Die beteiligten Geistlichen machten es sich zur Aufgabe, »Aufklärungsarbeit in kirchenpolitischen Fragen und zeitgemäße Wahrung der Standesinteressen« zu betreiben. Hierbei waren die Schwerpunkte die »Trennung von Kirche und Staat und Trennung von Kirche und Schule« sowie die damit »aufgeworfenen Probleme und die Fragen der christlichen Demokratie und der Stellung zum sozialistischen Staatsgedanken.«10 Ob von der »kleine[n] ernste[n] Versamm8

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10

Die Heerschau der Breslauer Katholiken, in: SV Nr. 544 vom 21.11.1918, teilweise zitiert in, A. BERTRAM, Kundgebung an die Diözesanen der Diözese Breslau vom 3.1.1919, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 34, S. 130-132. Bertram setzte sich nicht gegen die Einführung des Frauenwahlrechts zur Wehr. Er unterstützte die Bemühungen, dass die einzelnen Frauen auf ihre politischen Recht hingewiesen werden sollten, lehnte es aber ab, dass der Katholische Frauenbund zu einem politischen Verein umgestaltet würde. Dieser nahm Bertrams diesbezügliche Wünsche ohne Widerspruch auf. Bertram an Hartmann vom 21.11.1918, AAW – IA 25 w35; Katholischer Frauenbund Berlin an Bertram vom 20.12.1918, Ebd. Siehe zu Bertrams theologischen Grundüberzeugungen A. LEUGERS, Bertram 1939-1945, S. 15-20, zur Kritik der gebildeten Laien an der kirchlichen Hierarchie beonders S.16. Aktionskomitée des katholischen Klerus, in: SV Nr. 549 vom 24.11.1918; Negwer an Bertram vom 19.11.1918, AAW – IA 25 t16.

1. Bertram und der Sturz der Monarchie (1918/19)

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lung, die unmittelbar nach der Revolution« im bischöflichen Palais stattgefunden hatte und auf die Bertram in seiner Neujahrsansprache 1924 hinwies, die Initiative zur Bildung des Komitees ausgegangen war, geht aus den Akten nicht hervor11. Die Positionen, die die Mitglieder des Aktionskomitees in ihrer Schriftenreihe vertraten, stimmten mit denen des Fürstbischofs überein. Sie forderten von den Katholiken, sich auf den Boden der Tatsachen und nicht gegen den neuen Staat zu stellen und sie lehnten die Trennung von Kirche und Staat aus religiösen Gründen ab. Sie argumentierten, dass eine solche Trennung lediglich durch die Nationalversammlung und nicht durch Erlasse beschlossen werden könnte und dass katholische Kinder katholische Konfessionsschulen besuchen müssten12. Die Revolutionsregierung und vor allem die preußischen Kultusminister Hoffmann und Haenisch führten ihren Versuch, den lange gehegten Wunsch der Sozialisten nach Trennung von Kirche und Schule durch weitere Erlasse vom 27. und 29. November (Beseitigung der geistlichen Schulaufsicht in den Volksschulen sowie die völlige Abschaffung des Religionsunterrichts als Schulfach) sowie durch das Gesetz vom 13. Dezember (Erleichterung des Kirchenaustritts) fort13. In ihrem gemeinsamen Hirtenbrief vom 20. Dezember lehnten die preußischen Bischöfe die Trennung von Kirche und Staat resolut ab. Sie bezeichneten es als die »allerschlimmste« der kulturpolitischen Maßnahmen, dass »aus den Schulen ... jegliche Religion« schwinden solle14, und sie attackierten das Vorgehen der Revolutionsregierung. »Wahrlich der Staat müsste nach dem Kriege dringendere und größere Sorgen haben, als seine Helferin in der Not höhnend zur Seite zu schieben.«15 Kurz vor Weihnachten wandte sich Bertram erneut an seinen Klerus und wiederholte die Anweisung, »daß die Kanzel nie zum Politisieren gebraucht werden« dürfe. Das sei gerade für die Diözese Breslau, »in der die Verschiedenheit der Sprache und nationalen Neigungen so groß« seien und in der »die Wünsche der Nachbarstaaten die Aufregung« steigerten, von großer Bedeutung. Hier spielte Bertram auf die Loslösungsbestrebungen in Oberschlesien sowie im österreichisch-schlesischen Gebiet seiner Diözese an. Aus diesen Gründen berührten »die tiefeingreifenden politischen Umwälzungen der letzten acht Wochen und die Ungewissheit, welches das letzte Ergebnis der steigenden Verwirrung sein« würden, das Fürstbistum Breslau »aufs tiefste«16. Die Stoßrichtung seiner Erklärung 11 12 13

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Neujahrsempfang beim Kardinal Bertram, in: SV vom 2.1.1924. W. OTTE; F.X. SEPPELT, Problem; J. NEGWER, Trennung. Erlaß über die Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht vom 27.11.1919, in: E.R. HUBER / W. HUBER IV, Nr. 43, S. 61; Erlaß über die Aufhebung des Religionszwangs in der Schule vom 29.11.1918, in: Ebd., Nr. 48, S. 63-65; Preußisches Gesetz, betreffend die Erleichterung des Austritts aus der Kirche und aus den jüdischen Synagogen vom 13.12.1919, in: Ebd., Nr. 41, S. 57 f.; H. HÜRTEN, Novemberrevolution, S. 37-74, besonders 48-52; H. HÜRTEN, Amtskirchen, S. 366; G. HITZE, S. 174 f. E.R. HUBER / W. HUBER IV, Nr. 16, S. 27-31, hier 28; H. HÜRTEN, Amtskirchen, S. 372. E.R. HUBER / W. HUBER IV, Nr. 16, S. S.29; H. HÜRTEN, Novemberrevolution, S. 80 f. A. BERTRAM, Betreffend Haltung des Hochwürdigen Klerus der Diözese in den gegenwärtigen politischen Wirren vom 22.12.1918, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 33, S. 128-130, hier 128 f.

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hatte sich im Vergleich zu denjenigen des Vormonats verschoben, denn nun stand weniger die Aufforderung im Mittelpunkt, Ruhe und Ordnung zu bewahren, auch wenn diese weiter Gültigkeit behielt. Es bestand mittlerweile kein Zweifel mehr daran, dass ein neues Staatssystem die Monarchie abgelöst hatte, und durch seine Wahlaufforderung hatte er diesen Wechsel de facto bereits akzeptiert. Nun ging es nicht mehr um die revolutionären Ereignisse, sondern um die Stellung der katholischen Kirche in der neuen Gesellschaftsordnung und um die Auseinandersetzung mit den Sozialisten, die die Revolutionsregierung stellten. Hatte der Episkopat diese anfangs durch seine Untätigkeit zumindest indirekt unterstützt, so stellte er mittlerweile deren Legitimation in Frage und bezog sich auf vorrevolutionäre Rechte, um seine Ansprüche vor allem betreffend der Zusammengehörigkeit von Religion und Schule geltend zu machen17. Es sei die Aufgabe des Klerus, die Gläubigen vor den Beschwichtigungsversuchen, »die das Heraufziehen eines neuen Kulturkampfs für ausgeschlossen erklären« würden, zu warnen, erklärte Bertram. Er machte deutlich, dass die katholische Kirche ihre Einstellung gegenüber den Sozialisten nicht geändert hatte und dass die Mitgliedschaft von Katholiken in sozialistischen Parteien weiterhin verboten sei. Darüber hinaus sollte der Klerus die Eltern über die Gefahren, die der katholischen Erziehung durch die geplanten Maßnahmen drohten, informieren. Auch sollte er die Gläubigen dazu anweisen, ihre politischen Rechte mit Blick auf diese Gefahren im katholischen Sinne zu nutzen, also nicht sozialistisch zu wählen18. In seiner Neujahrsansprache 1919 zitierte Bertram die Kernaussagen seiner Rede vom 20. November und wies auf die Gefahren der Revolution für die Kirche hin. »Mit einer fieberhaften Überstürzung, die selbst manchem kirchenfeindlichen Kreise unklug« erscheinen würde, sei das kulturpolitische Programm entrollt worden, das in dem Schlagwort »Los von Christus, los von der Kirche!« zusammengefasst werden könne. Aus diesen für die Kirche ungünstigen Bedingungen schloss Bertram aber nicht, dass er das gegebene politische System, eine wie auch immer gestaltete Demokratie, ablehnen müsse, sondern er versuchte, die gegebenen Rahmenbedingungen zum Wohle der Kirche und des Vaterlandes zu nutzen. Mit Blick auf die herannahenden Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung am 19. Januar stellte er die Ausübung des Wahlrechts zum Wohle der katholischen Kirche erneut als religiöse Pflicht dar. Diejenigen, die gegen die Kirche seien, schadeten auch dem Vaterland, brächten nur »Zerstörung und Verwirrung überall«, argumentierte Bertram. Dass dieser politische Aufruf im Widerspruch zu seinen eigenen Anweisungen stand, das Politisieren von der Kanzel fern zu halten, erkannte Bertram zwar, doch er überging ihn mit dem Hinweis, 17 18

H. HÜRTEN, Novemberrevolution, S. 82-101; L. HÜTTL, S. 684. A. BERTRAM, Betreffend Haltung des Hochwürdigen Klerus der Diözese in den gegenwärtigen politischen Wirren vom 22.12.1918, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 33, S. 129.

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dass es die Pflicht des Klerus sei, »auch an heiliger Stätte jeden katholischen Mann und jede katholische Frau an die Erfüllung ihrer ernstesten sittlichen Pflicht in entscheidungsvoller Stunde« zu erinnern19. Am 19. Januar, dem Wahltag, erklärte Bertram, dass durch die »neue[n] Einrichtungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung« ein »neues Zeitalter« angebrochen sei20. Das gute Wahlergebnis für das Zentrum machte deutlich, wie sehr die kirchenfeindlichen Maßnahmen der Revolution die Katholiken und das Zentrum zusammengeschweißt hatten21. Nach der Wahl bedankte sich Bertram bei allen Organisationen und Einzelpersonen, die sich dem »Anschwellen der sozialistischen Hochflut«, vor allem im oberschlesischen Industriegebiet mit seiner hohen Anzahl an Arbeitern, entgegenstellt hatten. Diese hätten »die Bedeutung dieser Wahlen für die Verteidigung der Kirche klar erkannt ... und durch Gedanken an etwaige Veränderung der politischen Verhältnisse in der Zukunft sich nicht ... abhalten lassen, in der Gegenwart ihre Pflicht zu tun.« Es sei richtig, »daß Wahlenthaltung den kirchenfeindlichen Strömungen zur Stärkung gereichen würde, und daß diese Strömungen keineswegs an den jetzigen oder künftigen politischen Grenzen Halt machen. Den Sozialismus in den Nachbarstaaten fördert, wer dem Sozialismus im eigenen Lande untätig zuschaut; denn der Sozialismus als internationale Bewegung ringt um Alleinherrschaft in Europa. Der 19. Januar hat gezeigt, daß man nicht vergeblich das treue oberschlesische Volk zum Schutze der Kirche aufruft.«22

Aus der Darstellung wird deutlich, dass Bertram zwar die Revolution ablehnte, die aus ihr hervorgegangene neue Staatsordnung, die Republik, jedoch akzeptierte. Er äußerte sich »zu den Novemberereignissen mit jener Zurückhaltung, die für die kirchenpolitische Linie seiner bis zum Ende des nationalsozialistischen Regimes währenden Amtsführung charakteristisch blieb, aber angesichts der schärfer hervortretenden Gegensätze zwischen Deutschen, Polen, Tschechen, Mähren und Wenden in seinem Bistum zu diesem Zeitpunkt wohl ein unumgängliches Gebot politischer und pastoraler Klugheit war.«23

Trotz dieser Zurückhaltung im politischen Bereich nahm er die Auseinandersetzung mit dem weltanschaulichen und politischen Gegner, der sozialistischen Revolutionsregierung, auf.

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A. BERTRAM, Kundgebung an die Diözesanen der Diözese Breslau vom 3.1.1919, in: Ebd., Nr. 34, S. 130-132. A. BERTRAM, Treu dem Herzen Jesu bis zum letzten Atemzuge vom 22.1.1919, in: Ebd., Nr. 35, S. 132-147, hier 132 f. J. FALTER / T. LINDENBERGER / S. SCHUMANN, S. 67. Oberhirtliche Kundgebung vom 21.1.1919, in: SV Nr. 41 vom 23.1.1919. H. HÜRTEN, Novemberrevolution, S. 30.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

2. KIRCHENPOLITISCHE HANDLUNGSMAXIMEN BERTRAMS IN DER WEIMARER REPUBLIK (1919-1930) a) Kardinal und Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz

Die preußische Regierung war mit der Amtsführung Bertrams als Fürstbischof von Breslau während des Ersten Weltkriegs zufrieden gewesen. Während Bertram die deutsche Kriegspolitik unterstützte, forderte sie Ende 1916 dessen Kardinalserhebung im kommenden Weihnachtskonsistorium. Hierfür war die Ernennung von drei französischen, aber von keinem deutschen Kardinal vorgesehen, was als Bevorzugung der Entente verstanden wurde. Benedikt XV. reagierte auf die deutschen Proteste, indem er zunächst zusicherte, sowohl den Erzbischof von Prag, Paul Graf von Huyn, als auch Bertram umgehend nach Kriegsende zum Kardinal zu kreieren24. Nach weiteren Interventionen zu Gunsten Bertrams, vorgetragen durch den ehemaligen Münchener Nuntius und mittlerweile Kurienkardinal, Frühwirth, verlieh der Hl. Vater den beiden Genannten noch im Konsistorium von 1916 den Kardinalshut – allerdings vorerst in petto. »Das heißt, sie sind vom heutigen Tag an Kardinäle, haben den Rang, als ob ihre Namen schon in diesem Concistorium veröffentlicht worden wären. Das Kardinalsabzeichen erhalten sie aber erst im nächsten Consistorium und zwar aus Rücksichtnahme auf die augenblickliche traurige Lage des heiligen Stuhles. Den Herrn Fürstbischof von Breslau jetzt nach hier kommen zu lassen, ist absolut unmöglich.«25

Auf die Mitteilung des Auswärtigen Amts, er sei in petto kreiert, reagierte Bertram zurückhaltend. »Was ich seither von letztem päpstlichem Konsistorium hinsichtlich der Ernennung in petto wusste, beruhte auf rein privater Information. Es freut mich, hierüber hinausgehende Nachricht zu erhalten. Im übrigen muss ich die Nachricht ›ignorieren‹, da es bei der politischen Lage ungewiß sein dürfte, ob eine Präkonisation schon bald erfolgt, bis dahin aber die Ernennung als unwirksam gilt.«26

Mitte November 1919 informierte der Münchener Nuntius Pacelli den Breslauer Fürstbischof darüber, dass er im kommenden Konsistorium endgültig ins Kardinalskollegium berufen werde27. Bereits einen Monat später wurde das Konsistorium in Rom abgehalten und Bertram nunmehr öffentlich zum Kardinal kreiert28. 24

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Gasparri an Mühlberg vom 22.11.1916, PA AA – Päpstlicher Stuhl 3, Nr. 2, Kirchliche Würdenträger, Bd. 21. Siehe zu den Verhandlungen auch die Bestände in Ebd. – Preussen 2 Nr. 2a, Das Erzbisthum Breslau, Bd. 9. Otto Ritter Frhr. von Ritter zu Groenesteyn an Erzberger vom 4.12.1916, Ebd. – Päpstlicher Stuhl 3, Nr. 2, Kirchliche Würdenträger, Bd. 21. Bertram an Zimmermann, Staatssekretär im AA, vom 20.12.1916, Ebd. Pacelli an Bertram vom 15.11.1919, ASV – ANB, Pos. 43, fasc. 3, f. 29r. Konsistorium vom 15.12.1919, in: AAS 11 (1919), S. 485-489.

2. Kirchenpolitische Handlungsmaximen Bertrams in der Weimarer Republik

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Kaum war Bertram nach Deutschland zurückgekehrt, übernahm er im Januar 1920 nach dem Tod des Kölner Kardinals Hartmann im traditionellen Wechsel zwischen Köln und Breslau das Amt des Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, das er bis zu seinem Tod im Jahr 1945 ausfüllte. Eine erste gesamtdeutsche Bischofskonferenz hatte im Jahr 1848 stattgefunden, war jedoch nach dem Scheitern der Revolution zerfallen. Es bildeten sich die Teilkonferenz der preußischen Bischöfe in Fulda, die Kevelaer Konferenz der Westdeutschen Bischöfe, die ebenfalls an den Fuldaer Konferenzen teilnahmen, sowie die Konferenz der bayerischen Bischöfe in Eichstätt oder Freising. Weder die Beilegung des Kulturkampfes noch die Gründung der Weimarer Republik wurden zur Vereinigung der Bischofskonferenzen genutzt. Auf Wunsch Bertrams nahm von nun an jeweils ein Vertreter aus Fulda an der Freisinger Konferenz teil und vice versa. Erst nach der so genannten »Machtergreifung« Hitlers 1933 erfolgte der Zusammenschluss dieser Teilkonferenzen zur gesamtdeutschen Fuldaer Bischofskonferenz29. Die an der Fuldaer Bischofskonferenz der Weimarer Republik teilnehmenden Bischöfe hatten – ähnlich wie Bertram – die eigene Kindheit, Jugend und jungen Priesterjahre in Preußen oder in anderen deutschen Staaten, im Kaiserreich oder in der Donaumonarchie erlebt, was für ihre lebensgeschichtliche Prägung entscheidend war. Sozialgeschichtlich betrachtet handelte es sich beim preußischen Episkopat um eine relativ homogene Gruppe: Vorwiegend aus der ländlichen Mittelschicht stammend, wuchsen die zukünftigen Bischöfe im kirchlichen Milieu auf und durchliefen die kirchliche Verwaltung. Ihre Bischofsernennung hatte das Ziel »größtmöglicher Wahrung und Kontinuität der Vermittlung von Glaubenswissen, Einstellungen und Haltungen« vor Augen30. In Bezug auf Bertram ist festzuhalten, dass er im Jahr 1906 gemeinsam mit Bischof Georg Heinrich Kirstein von Mainz mit Abstand der jüngste Bischof der Fuldaer Konferenz war. Durch den frühen Eintritt ins Bischofskollegium sowie durch sein langes Leben nahm er überdurchschnittlich lange, 39 Jahre, an der Fuldaer Bischofskonferenz teil und prägte als Vorsitzender ab 1920 ihren Verlauf maßgeblich. Zwar war die Fuldaer Plenarkonferenz kirchenrechtlich bedeutungslos, da die gefällten Entscheidungen lediglich Empfehlungen waren und die in ihrer Diözese letztverantwortlichen Bischöfe sich theoretisch über sie hinwegsetzen konnten, jedoch galt bei jeder Tagung die bischöfliche Einheit »als katholisch-theologisches 29

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R. LILL, Bischofskonferenzen; Bertram an Faulhaber vom 2.2.1920, in: L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 62, S. 127; Faulhaber an Bertram vom 26.2.1920, in: Ebd., Nr. 66, S. 133 f. A. LEUGERS, Mauer, S. 61-65, hier 64 hat für die Zeit von 1933 bis 1945 – auf der Basis von E. GATZ (Hrsg.), Bischöfe – eine Sozialstruktur des deutschen Episkopats erstellt. Es würde zu keinen entscheidend anderen Ergebnissen führen, wenn Leugers’ Ansatz auf die Jahre von 1906 bis 1945, die Jahre der Teilnahme Bertrams an der Bischofskonferenz, ausgedehnt würde. Den von W. ZIEGLER, Katholische Bischöfe, S. 402 angeregten Ansätzen, über die von Leugers geleisteten Forschungen hinauszugehen, und etwa der Frage nach den Einflüssen auf die Persönlichkeit des zukünftigen Bischofs vor der Bischofsweihe, z.B. während des Studiums, oder der Frage nach möglichen Publikationen der Bischöfe nachzugehen, kann im Rahmen dieser Arbeit lediglich für Bertram geleistet werden.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

Prinzip und daher als Imperativ.«31 Bertram hielt sich mehr oder weniger an dieses Gebot, denn es »hinderte ihn ... nicht [daran], in einzelnen, meist politischen Konfliktfällen, die nach seiner Meinung keinen Aufschub duldeten, mit der Breslauer Diözese die Rolle des Vorreiters zu übernehmen. Die Führungsautorität des schlesischen Kardinals offenbart hier die Stärke und Schwäche des ungeduldigen Einzelgängers.«32 Bertram war als Vorsitzender unumstritten der einflussreichste Bischof in der Fuldaer Konferenz. Er konnte »den Umfang seines Ermessenspielraums, vor allem in den langen Intervallen zwischen den Jahressitzungen, selbst bestimmen ..., solange sich kein Widerstand regte.«33 Doch nicht nur während der konferenzfreien Zeit dominierte Bertram den Kurs des Episkopats, auch die Tagungen selbst lenkte er durch seine Planungen nach seinen Vorstellungen, wie aus einem Beispiel aus dem Jahr 1928 deutlich wird. Er müsse zwei Tage vor Beginn der Konferenz in Fulda eintreffen, damit er einen Tag »zu ruhiger Arbeit« zur Vorbereitung habe, erklärte er Nuntius Pacelli. »Es sind wieder eine Reihe umfangreicher Denkschriften und Anträge eingegangen, deren Erledigung in der Konferenz, deren Programm auf ca. 50 Punkte angewachsen ist, zu viel Zeit verlangen würde, wenn nicht alles spruchreif vorbereitet ist. Manche Organisationen schicken ihre Denkschriften und Anträge für die Bischofskonferenz noch in letzter Stunde.«34 Pacelli hielt zu Recht fest, dass der Breslauer Kardinal in Fulda »immer seinen Willen zu behaupten« wisse35. Laut Walter Adolph, Domvikar in Berlin, war es »psychologisch zu begreifen,« dass Bertram im Laufe der Jahre und »nach einer jahrzehntelangen Regierungstätigkeit als Bischof selbstherrliche Elemente mit seinen Entscheidungen verband. Ihm ging die Fähigkeit weithin verloren, mit den Bischöfen am Konferenztisch in Fulda die nicht selten schwierigen Verhandlungsthemen auszudiskutieren und danach zu einem gemeinsamen Entschluß zu kommen.«36 Als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz stand Bertram nicht nur in besonderer Verantwortung für sein eigenes Bistum, sondern auch für die Katholiken der anderen preußischen Diözesen. Oft ging Bertram in seinen Schreiben an die verschiedenen Bischöfe so vor, dass er »seine Stellungnahme als praktische 31 32 33

34 35 36

A. LEUGERS, Bertram 1933-1945, S. 74. W. VOGEL, S. 333. K. REPGEN, Bischöfe, S. 419. Ähnlich A. LEUGERS, Mauer, S. 19: »Für alle Fragen, die in der konferenzfreien Zeit auftauchten, jedoch umgehend zu lösen waren, hatten sich die vom Vorsitzenden vorgenommenen Rundfragen eingebürgert. Die Einzelvoten waren ... schon durch die gezielte Fragestellung Bertrams kanalisiert... Die Vereinheitlichung schuf Bertram nicht selten ... eigenwillig, den nicht kontrollierten Handlungsspielraum des Vorsitzenden ausschöpfend, seinem Amtsverständnis von seiner Letztverantwortlichkeit und seinem kirchenpolitischen Harmoniemodell verpflichtet... Als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz fühlte sich Bertram letztverantwortlich für die Verwirklichung seiner Leitvorstellungen in kirchenpolitischer Hinsicht.« Bertram an Pacelli vom 3.8.1928, ASV – ANB, Pos. 89, fasc. 2, f. 70r-v. E. PACELLI, S. 223. W. ADOLPH, S. 50.

2. Kirchenpolitische Handlungsmaximen Bertrams in der Weimarer Republik

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Schreibhilfe formulierte, die den Empfänger in die günstige Lage versetzte, den Breslauer Standpunkt ohne textliche Veränderung an den stets mitberücksichtigten, genannten oder ungenannten, zweiten Adressaten« weiterreichen zu können37. Gab Bertram in seinen Rundfragen die gewollte Richtung nicht vor, »so entstand zunächst eine gewisse Orientierungslosigkeit, falls die Frage nicht durch völlige Divergenz der Antworten unentschieden blieb.«38 Bertrams Führungsstil in der Fuldaer Bischofskonferenz wurde von Wieland Vogel anhand der Auseinandersetzung mit den nationalen Kampfverbänden in der Weimarer Republik treffend herausgearbeitet. »Im vorausgehenden Meinungsbildungsprozeß, der an keine verfahrensrechtlichen Vorschriften gebunden war, entwickelte Bertram den für ihn typischen Führungsstil, der sich u.a. dadurch auszeichnete, daß vorrangig in prekären Fragen das Pro und Contra durch Zirkular abgeklärt wurde. In diesen allen Mitbischöfen zugehenden Rundschreiben annoncierte der Vorsitzende meistens an einem konkreten Fallbeispiel die zur Diskussion stehende Materie, zu deren Klärung er in der Regel ein der umfangreichen Seelsorgekorrespondenz entlehntes Antwortschreiben beifügte. Solche Antwortschreiben überzeugten sowohl durch treffsichere Wortwahl und kluge Gedankenführung als auch durch die klar zu Tage tretende Sachkompetenz ihres bischöflichen Verfassers, so daß sie als Lösungshilfe der angestrebten Beschlußfassung weitgehend die Tür öffneten. Umgekehrt bot das in wichtigen Fällen auch schriftlich angeforderte Urteil der Konferenzmitglieder dem Vorsitzenden eine unentbehrliche Koordinierungshilfe für den Entwurf des Beschlusstextes.«39

Antonia Leugers sieht den Meinungsbildungsprozess innerhalb der Fuldaer Bischofskonferenz zwischen 1933 und 1945 – also noch immer unter dem Vorsitz Bertrams – kritischer. Bertrams autoritärer Führungsstil habe »in Extremfällen zur Folge [gehabt], daß der Vorsitzende im Zusammenspiel von Verhaltenskodex und Zwang zur Einheit seine Meinung durchsetzen konnte bzw. ein oder mehrere andere Mitglieder durch ein Vorpreschen in Entscheidungen durch Setzen von Tatsachen die anderen unter Zugzwang einer einheitlichen Haltung brachten, was im Endeffekt autoritäre Entscheidung oder Minorisierung bedeutete.«40 b) Lehramtliche Verwerfung christentumsfeindlicher Lehren und Organisationen

Der von der SPD vertretene Sozialismus war neben dem Kommunismus und Bolschewismus der wichtigste weltanschauliche Gegner des Katholizismus in den ersten Jahren der Weimarer Republik. Anfang Dezember 1918 wandten sich Paul Löbe und Franz Hacks im Namen der SPD-Fraktion im Breslauer Volksrat in 37 38 39 40

W. VOGEL, S. 291. A. LEUGERS, Bertram 1933-1945, S. 83. W. VOGEL, S. 333. A. LEUGERS, Bertram 1933-1945, S. 83 f.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

einem offenen Brief an Fürstbischof Bertram mit der Bitte, »angesichts der veränderten Verhältnisse den bisher vertretenen Standpunkt aufzugeben und die öffentliche Erklärung abzugeben, daß den Katholiken die Zugehörigkeit in jeder politischen Partei einschließlich der Sozialdemokratie gestattet wird.« Der »Hauptzweck« dieser Bitte war es, den Katholiken den Parteieintritt zu ermöglichen und somit das Verhältnis zwischen SPD und Zentrum zu entspannen. Die Sozialdemokraten könnten dann in der politischen Auseinandersetzung mit dem Zentrum auf Angriffe wegen dessen Haltung in religiösen Fragen verzichten. Darüber hinaus hätte dieser Schritt den Vorteil, dass die Katholiken, die ohnehin bereits mit der SPD sympathisierten, der katholischen Kirche nicht mehr den Rücken würden zukehren müssen41. Bertram verweigerte eine Stellungnahme, verfasste jedoch selbst das Schreiben, mit dem er seinen Generalvikar Blaeschke antworten ließ. Es sei »genügend bekannt ..., welche Stellung die katholische Kirche einnimmt einerseits zu berechtigten Forderungen des sozialen Lebens und andererseits zu den von den sozialistischen Parteien den heiligsten Interessen der Kirche und dem Glaubensleben des katholischen Christentums drohenden ernsten Gefahren.«42 Praktisch zeitgleich mit dem bereits genannten Hirtenbrief der preußischen Bischöfe wies Bertram seinen Klerus kurz vor Weihnachten 1918 energisch auf den Gegensatz zwischen katholischer und sozialistischer Weltanschauung hin. Niemand dürfe sich von den Beschwichtigungsversuchen, »die das Heraufziehen eines neuen Kulturkampfes für ausgeschlossen erklären wollen«, täuschen lassen. »Über den Widerspruch und die Unvereinbarkeit von Grundsätzen im Sozialismus mit der christlichen Religion, und für die Beurteilung der Fragen sozialer Natur, der christlichen Demokratie, der christlichen Staatsordnung und der Pflichten des Bürgers geben die dem Klerus bekannten Enzykliken des Papstes Leo XIII. lichtvollen Aufschluß. Es ist die Pflicht der Bischöfe und des Klerus, die Gläubigen zu warnen vor Vereinigungen, die diesen klaren Normen für das öffentliche Leben der Katholiken entgegen sind. Solche Warnungen entspringen der pflichtgemäßen Sorge für das Glaubensleben der katholischen Christen und für die christliche Weltordnung. Mit dieser Warnung ist verbunden das warmherzige Eintreten für berechtigte Forderungen der arbeitenden Klassen, wie es in den weitblickenden Enzykliken eines Leos XIII. und in der erfolgreichen Mitarbeit an der sozialen Gesetzgebung Deutschlands offen bekundet ist. Ebenso warmherzig muß überall die Achtung vor den arbeitenden Klassen sich erweisen und das Verständnis und die Hilfsbereitheit gegenüber den in Arbeitskreisen herrschenden Notständen, zumal diese Notstände auch auf die von der Kirche zu schirmenden sittlichen Güter des Volkes vielfach einen unheilvollen Einfluß üben.«43 41

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Löbe und Hacks konnten »einen Widerspruch zwischen dem christlichen und dem sozialdemokratischen Ideal der Gerechtigkeit nicht erkennen. Wir sind der Meinung, daß auch ein guter Katholik durchaus Sozialdemokrat sein kann, ohne dadurch von der Lehre seiner Kirche in irgend einem Punkte abzuweichen.« Löbe und Hacks an Bertram vom 9.12.1918, AAW – IA 25 o129; Offener Brief, in: VOLKSWACHT Nr. 292 vom 13.12.1918. Blaeschke an Löbe vom 15.12.1918, AAW – IA 25 o129. Siehe auch H.L. ABMEIER, S. 91; L. RICHTER, S. 100. A. BERTRAM, Betreffend Haltung des hochwürdigen Klerus der Diözese in den gegenwärtigen politischen Wirren vom 22.12.1920, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 22, S. 129.

2. Kirchenpolitische Handlungsmaximen Bertrams in der Weimarer Republik

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In seinem Fastenhirtenbrief vom Januar 1919 folgte Bertram konsequent seiner bisherigen Linie und bezeichnete Sozialismus, Kommunismus und Bolschewismus als Irrlehren. »Die Kirche ist es, die mit all ihrer Autorität jenen Irrlehren entgegentritt, die im Sozialismus, im Kommunismus und im Bolschewismus enthalten sind. Mögen ganze Staaten diesen Verirrungen verfallen, nie wird die Kirche jene Grundsätze verlassen, die Papst Leo XIII. als die von Gott gegebenen Grundgesetze der Ordnung des öffentlichen Lebens in seinen unvergleichlichen Enzykliken der Welt vor Augen gestellt hat.«44

Die jeweilige Presse attackierte, respektive verteidigte Bertrams Erklärungen zur Unvereinbarkeit von Katholizismus und Sozialismus, wie ein Bericht der Germania zeigt. »Der ›Vorwärts‹ entrüstet sich über die Kundgebung des Herrn Fürstbischof Dr. Bertram ... und nennt sie nach bekannten Mustern einen ›unerhörten Gewissenszwang‹, ›einen flagranten Missbrauch des höchsten kirchlichen Amtes‹; eine frivole Beschimpfung der Sozialdemokratie, die ›niemals daran denken wird, die Freiheit einer religiösen Anschauung oder die Ausübung kirchlicher Obliegenheiten anzutasten.‹ Wir kennen das Doppelgesicht der Sozialdemokratie ... Es soll unserem Fürstbischof verwehrt sein, den kirchlichen Standpunkt zu vertreten ... und das mit der sonderbaren Begründung, daß die Religion nicht in den politischen Kampf gezerrt werden dürfte.«45

Der Hirtenbrief der Kölner Kirchenprovinz vom 8. Januar 1919, in dem die niederrheinischen Bischöfe den Sozialismus mit deutlichen Worten zurückwiesen, war von großer Bedeutung in der Auseinandersetzung zwischen katholischer und sozialistischer Weltanschauung, da sich viele weitere Bischöfe, unter ihnen auch Bertram, dieser Erklärung anschlossen. Der Sozialismus stehe im Gegensatz zum katholischen Glaubensbekenntnis, zur katholischen Sittenlehre, zum katholischen Sittenleben, wolle die christliche Ehe und Familie zerstören, fordere die Trennung von Kirche und Staat sowie eine religionslose Schule. »Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser« nahm der Hirtenbrief das berühmte Wort August Bebels auf. »Man kann nicht überzeugter Anhänger des Sozialismus und gleichzeitig ein aufrichtiger katholischer Christ sein. Entweder – oder. Der Widerspruch und Kampf des Sozialismus gegen Christentum und Kirche ist unversöhnlich.«46

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In einem Nachtrag zur Erzpriesterkonferenz vom Oktober 1918 aus dem März 1919 erklärte Bertram, dass er den Katholiken mit dieser Kundgebung den Eintritt in sozialistische Parteien verboten habe, was gleichzeitig als Aufforderung zum Austritt verstanden werden müsse. Nachtrag zu Ziffer VI. des Protokolls der Erzpriesterkonferenz vom 16.-17.10.1918 vom 4.3.1919, AAW – IA 25 s133. Für das komplette Protokoll siehe ASV – ANB, Pos. 43, fasc. 3, f. 10r-11r. A. BERTRAM, Die Kirche unsere Mutter und unsere Hoffnung vom 15.1.1920, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 40, S. 157-171, hier 168 f. Hetze gegen den Herrn Fürstbischof Dr. Bertram, in: GERMANIA Nr. 40 vom 25.1.1919, zitiert nach L. RICHTER, S. 100 f., Anm. 168; Der Fürstbischof als Wahlhelfer, in: VORWÄRTS vom 25.1.1919. Hirtenbrief der Bischöfe der niederrheinischen Kirchenprovinz und der ihr angeschlossenen Diözesen über den Sozialismus vom 8.1.1919, in: E.R. HUBER / W. HUBER IV, Nr. 210, S. 392-394, hier

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

Mit Bezug auf den Kölner Hirtenbrief legte Bertram im Februar 1920 dem preußischen Kultusminister Haenisch sowie dem Breslauer Polizeipräsidenten als Antwort auf deren jeweilige Anfrage dar, dass es »nicht angängig« sei, »die Zugehörigkeit zu allen und jeden, insbesondere zu den sozialistischen Parteien als kirchlich erlaubt für Katholiken zu erklären«, wie es seit der Revolution aus diesen Kreisen immer wieder gefordert worden sei47. Dass Katholiken die Mitgliedschaft in sozialistischen Parteien verboten war, machten Bertram und der Episkopat demnach zu Beginn der Weimarer Republik immer wieder deutlich, doch folgten nicht alle Gläubigen ihren Bischöfen, was bereits aus der Häufigkeit und der Intensität dieser Mahnungen geschlossen werden kann. Es gab viele katholische Arbeiter, die ihre politische Heimat nicht, wie von der kirchlichen Hierarchie gefordert, beim Zentrum, sondern bei der SPD sahen. Daher mussten sich die Bischöfe die Frage stellen, wie diese SPD-nahen Katholiken seelsorglich betreut werden sollten. Zu einer einheitlichen Äußerung des Episkopats kam es erst im Rahmen der Fuldaer Bischofskonferenz im August 192148. Nachdem sich in den letzten Jahren bereits einzelne Bischöfe über die »Behandlung derjenigen, die christentumsfeindlichen Parteien angehören«, geäußert hätten, sei eine »Zusammenfassung der wichtigeren einschlägigen Richtlinien« geboten: »Nichts kann die Kirche bestimmen, ihren ablehnenden Standpunkt gegenüber allen und jeden christentums- und kirchenfeindlichen Vereinigungen und Richtungen, seien sie sozialistischen, freimaurerischen oder anderen Namens, aufzugeben oder abzuschwächen. Es ist und bleibt jedem Katholiken streng verboten, solchen Parteien und Vereinigungen beizutreten oder ihre Bestrebungen zu fördern. Dieses Verbot gilt auch dann, wenn einzelne Parteien neben verwerflichen auch manche berechtigte Ziele verfolgen oder wenn sie dem Christentum und der Kirche langsam ein wenig sich nähern streben. Solange eine Richtung oder Partei Lehren oder Bestrebungen befolgt, die mit Christi und seiner Kirche Lehre und Rechten nicht vereinbar sind, ist Zugehörigkeit zu ihnen unerlaubt, weil die Zugehörigkeit nicht auf einzelne erlaubte Bestrebungen beschränkt werden kann, sondern den Einzelnen, seinen Namen und seine Beiträge in den Dienst des ganzen Programms stellt, und damit in den Dienst

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392; auch in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 25, S. 47-50; auch in: Diözesansynode Breslau 1925, Anhang Nr. 11, S. 118-121. Siehe auch Pressemeldung des bischöflichen Ordinariats Freiburg vom 28.3.1919, AAW – IA 25 s133; Pastoralanweisung des bischöflichen Ordinariats Trier vom 31.3.1919, Ebd.; Richtlinien für die Behandlung der Sozialdemokratie des Bischofs von Osnabrück vom 12.5.1919, Ebd.; Seelsorgliche Behandlung der Sozialisten und freien Gewerkschaften der Trierer Diözesansynode vom September 1920, Ebd. Bertram an Haenisch vom 10.2.1920, Ebd. – IA 25 s130. Fast identisch Bertram an Polizeipräsident Voigt in Breslau vom 10.2.1920, Ebd. Ausgangspunkt für die Anfrage des Kultusministers war eine Beschwerde des sozialdemokratischen Parteisekretariats in Neiße über Pfarrer Paul Thomaschik in Wiese-Pauliner, dem vorgeworfen wurde, die von Bertram gesteckten Grenzen überschritten zu haben. Haenisch an Bertram vom 24.2.1920, BArch – R 5101/21802, f. 4r. Der Entwurf über »seelsorgliche Behandlung von Mitgliedern kirchenfeindlicher Gesellschaften (besonders Sozialisten) wird mit einigen kleinen Änderungen angenommen.« Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 23.-25.8.1921, Punkt 30, am 25.8.1921, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 169, S. 351.

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kirchenfeindlicher Bestrebungen; hinzukommt für den Einzelnen die Gefahr der Ansteckung, der allmählichen Entfremdung vom Glaubensleben und von den kirchlichen Übungen.«49

Ob die Partei oder Organisation, gegen die die jeweilige Belehrung gerichtet sei, namentlich genannt werden solle oder nicht, müsse im Einzelfall geprüft werden. Es dürfe jedoch kein Katholik sagen können, er sei »durch Verschleierung und Ungenauigkeit ... zu Unklarheit geführt worden.« Dabei sei es »nicht immer ... leicht, die rechte Mitte zwischen kluger Vorsicht und Hirtenfreimut zu treffen.« Derjenige, der »einer verbotenen Gesellschaft angehört,« müsse aus dieser austreten, »auch wenn das ihm Opfer auferlegt. In der Beurteilung der Erlaubtheit und Unerlaubtheit ist für den Katholiken das kirchliche Lehramt maßgebend. Wer diese Pflicht nicht erfüllt, obwohl er sie genügend kennt und ohne schweren Schaden erfüllen kann, kann zu den Sakramenten deshalb nicht zugelassen werden, weil er sich selbst so lange von der Würdigkeit zum Empfange der Hl. Sakramente ausschließt, indem er sich freiwillig in einem wichtigen Stücke in Gegensatz stellt zu den vom höchsten Lehramte der Kirche verkündeten Pflichten.«

Im Einzelfall müsse der Klerus jedoch Rücksicht auf die betroffenen Katholiken nehmen, wenn ihnen und ihren Familien durch den sofortigen Austritt aus einer verbotenen Organisation großer Schaden, »Terror und Boykott«, drohten. »Zu den schwierigsten Fragen der Pastoral gehört die, ob die Zulassung zu den heiligen Sakramenten denen zu verweigern ist, die durch Zugehörigkeit zu verbotenen Vereinigungen wirklich nur wirtschaftliche, keineswegs aber kirchenfeindliche Ziele verfolgen; und solchen, die ohne Not Mitläufer sind.« Auch hier müsse jeder Einzelfall geprüft und unterschieden werden zwischen solchen, die ohne Gefahr austreten könnten, und solchen, für die das Schwierigkeiten bringen würde, zwischen solchen, die agitatorisch tätig seien, und zwischen Mitläufern sowie zwischen solchen, die Belehrungen ignorieren würden, und solchen, bei denen Besserung zu erhoffen sei. Wenn jedoch alle Belehrungsversuche scheitern sollten, bestünde zum Ausschluss vom Sakramentenempfang keine Alternative50. 49

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Diese Aussage werde nicht eingeschränkt durch die Möglichkeit der politischen Zusammenarbeit in »erlaubten Dingen« in den Parlamenten oder Ministerien, »was nach seiner Opportunität zu beurteilen in vielen Fällen den mitten im Kampfe stehenden Vertretern der berechtigten Interessen überlassen bleiben muß.« Dabei sei selbstverständlich, dass »ein solches gemeinsames Handeln in erlaubten Einzelfragen ... nicht zu einem Zusammengehen in Prinzipienfragen bedenklicher Art, nicht zu einer die Reinheit der katholischen Grundsätze gefährdeten Annäherung auswachsen« dürfe. Winke betr. Aufgaben der Seelsorger gegenüber glaubensfeindlichen Vereinigungen vom 25.8.1921, in: Diözesansynode Breslau 1925, Anhang Nr. 9, S. 110-116, hier 111. Im Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 21.-23.8.1923, Punkt 32, am 23.8.1923, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 253, S. 518 f. wiederholten die Bischöfe diese Richtlinien. Dieselben Kriterien galten in der Frage, ob Mitgliedern einer verbotenen Organisation das kirchliche Begräbnis gestattet werden sollte. »Der Pfarrer hat die örtlichen Verhältnisse bei seinen Entschließungen zu beachten. Nicht selten ist, wie in anderen Angelegenheiten, auch hier ein Unterschied zu machen zwischen dem, was in einer geschlossen katholischen Gemeinde durchführbar ist und zur Verhütung von Ärgernis durchgeführt werden muß, und dem, was in konfessionell oder

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Damit war die Position des Episkopats eindeutig und auch Bertram behielt sie über die folgenden Jahre aufrecht51. Aber nicht im gesamten Breslauer Klerus wurde die Mitgliedschaft von Katholiken in sozialistischen Organisationen als ein Problem gesehen. In einem Dekanatsprotokoll las Bertram den Satz: »Sozialdemokraten, die regelmäßig zur Kirche gehen und öfter die Sakramente empfangen, wird man nicht beunruhigen, weil sie in Wirklichkeit keine Sozialdemokraten sind.« Bertram kommentierte diesbezüglich: »Diese Ausstellung kann nicht unwidersprochen bleiben«. Er wies in seinem Diözesanblatt auf die von der Fuldaer Bischofskonferenz 1921 gegebenen Winke hin und wiederholte deren Inhalt. »Im übrigen ist genügend bekannt, daß diese Grundsätze nicht nur gegenüber sozialistischen Vereinigungen gelten, sondern seit jeher gegenüber allen verbotenen Vereinigungen geübt wurden und werden, wobei nur auf die Stellungnahme der Kirche zu den Freimaurern vergleichsweise hingewiesen zu werden braucht.«52 Vor allem im Jahr 1924 wiederholte Bertram diese Anweisungen53. Auch wenn er den Arbeitskampf nicht grundsätzlich ablehnte – schließlich hatte er im Gewerkschaftsstreit die Christlichen Gewerkschaften unterstützt –, wies er »endlosen Streik« ebenso zurück wie endlosen Klassenhass. »Christlicher Arbeitsheldenmut« und »christliche Arbeitsfreudigkeit« mit Christus als Quell und Sinn der Arbeit seien die Pflicht eines jeden Katholiken. Durch diese Arbeit werde der Katholik, der seinen Platz in der Gesellschaft von Gott zugesprochen bekommen habe, zum Ebenbild Gottes54. Die Fuldaer Bischofskonferenz ermahnte die Arbeiterschaft und die Arbeitgeber gleichzeitig, dass es »keine verschiedene Moral für die verschiedenen Stände« gebe. »Einerlei ob es gern gehört wird« oder nicht, forderte sie die Arbeiter auf, sich nicht von »Agenten umstürzlerischer Parteien« aufwiegeln zu lassen, während sie von den Arbeitgebern verlangte, dass sie gerechte Löhne zahlen und gerechte Arbeitsverträge anbieten sollten55. Auf der Breslauer Diözesansynode im Oktober 1925 wiederholte Bertram eindringlich die bisherigen Stellungnahmen zu Sozialismus und Kommunismus und stellte die einschlägigen bischöflichen Äußerungen im Anhang des Protokolls zusammen56.

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sozial stark durchmischter Gegend sich nicht verhindern lässt (z.B. Hinlegen eines Kranzes mit roter Schleife oder dergl. nach Beendigung der kirchlichen Zeremonien und nach Fortgang des Geistlichen).« Winke betr. Aufgaben der Seelsorger gegenüber glaubensfeindlichen Vereinigungen vom 25.8.1921, in: Diözesansynode Breslau 1925, Anhang Nr. 9, S. 116. Er wiederholte sie beispielsweise im Jahr 1929. Bertram an Joseph Komorek in Ostrowitz vom 13.11.1929, AAW – IA 25 s133. BEILAGE ZUM VERORDNUNGSBLATT DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN ORDINARIATS BRESLAU Nr. 742 vom 11.11.1923. A. BERTRAM, Hirtenwort zu bevorstehenden politischen Wahlen vom 1.8.1924, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 75, S. 279 f. A. BERTRAM, Die Arbeit nach christlicher Lehre vom 2.2.1924, in: Ebd., Nr. 70, S. 264-274, hier 264. Mahnwort der Fuldaer Bischofskonferenz zu bedrohlichen Spannungen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern vom 29.8.1924, in: VERORDNUNGEN DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN ORDINARIATS IN BRESLAU, Nr. 758 Stück 14 vom 3.9.1924, S. 83-85, hier 83. Das Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 18.-20.8.1924, Punkt 51, am 20.8.1924, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 291, S. 596 hält den Beschluss zu diesem Mahnwort fest. Diözesansynode Breslau 1925; siehe dazu auch J. NEGWER, Geschichte, S. 199.

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Der Breslauer Kardinal versuchte, die Arbeiterschaft an die katholische Kirche zu binden, um sie nicht an die Sozialisten zu verlieren. Das müsse eine der ernsten Sorgen des Pfarrklerus im oberschlesischen Industriegebiet sein, weswegen er den Ausbau des katholischen Arbeitervereinswesens förderte57. Anfang März 1928 widmete der Fürstbischof der Arbeiterschaft einen Hirtenbrief, in dem er Jesus als Vorbild der Arbeiter präsentierte und viel Verständnis für deren Lebenssituation zeigte. »Die Kirche kennt die leiblichen und geistigen Leiden und Schwierigkeiten der arbeitenden Klassen, und ist daher um Ausgleich der Spannungen und Interessengegensätze ehrlich bemüht.« Bertram machte den Sonntag vor dem Fest des Joseph zum Arbeitersonntag, durch welchen dem Arbeiterstand besondere Achtung entgegen gebracht werden sollte, ohne dass er damit die Standesgrenzen auflösen wollte. Vor allem forderte Bertram die Arbeiter auf, »sich nicht Vereinigungen anzuschließen, die zum Umsturz der notwendigen Ordnung, zum Klassenhasse, ebenso zur Untergrabung der christlichen Kultur, damit zum Niedergang der christlichen Religion und zur Gefährdung des ewigen Heils führen.« Schließlich müsse es klar sein, dass es nicht gehe, »gleichzeitig ein treuer Katholik [zu] sein und gleichzeitig durch Zugehörigkeit zu verbotenen Vereinigungen die Ziele derselben tatsächlich zu fördern. So denken, wäre charakterlos.« Die katholische Kirche trete »in gleicher Weise für das Wohl aller Stände ein«, also sowohl für die Interessen der Arbeiter als auch für die der Arbeitgeber58. Der Stahlhelm, der Jungdeutsche Orden sowie andere vaterländische Kampfverbände, die aus den Freikorps hervorgegangen waren, verzeichneten in den Jahren 1923/4 einen starken Mitgliederzuwachs. Gegen diese Verbände wurden immer wieder berechtigte Vorwürfe erhoben, dass sie »antirepublikanisch, zentrumsfeindlich, antisemitisch, übertrieben nationalistisch, teils neuheidnisch, teils deutschchristlich« seien, dass sie »mit dem italienischen Faschismus« sympatisierten, »den Universalismus der katholischen Kirche« bekämpften, »Haß gegen den politischen Gegner« predigten, »den Revanchekrieg gegen die Nachbarstaaten« vorbereiteten »und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eine nationale Diktatur errichten« wollten59. Nach ersten Warnungen durch seinen Diözesanklerus vor dem »überspannten Nationalismus« dieser Verbände forderte Bertram in Analogie zu seinen diesbezüglichen Stellungnahmen in Oberschlesien »gleiche Liebe, gleiche Gerechtigkeit und gleiche Rücksichtnahme für die verschiedenen Stämme und Sprachen in unserer zum Grenzland gehörenden Diözese.«60 Seine erste die Vaterländischen 57

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A. BERTRAM, Förderung katholischer Arbeitervereine in Oberschlesien vom 12.10.1927, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 96, S. 359 f. A. BERTRAM, Der St.-Joseph-Sonntag ein Festtag katholischer Arbeiter und Arbeitervereine. Ein Hirtenwort vom 1.3.1928, in: Ebd., Nr. 98, S. 377-381, hier 379, 381. W. VOGEL, S. 338. Bertram an Konrad Bauch in Polkwitz vom 10.1.1924, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 269, S. 550-552; W. VOGEL, S. 39-41, hier 40.

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Verbände betreffende Rundfrage an die Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz im Januar 1924 ergab, dass diese regional unterschiedlich stark auftraten, weswegen eine gemeinsame Erklärung des Episkopats (noch) nicht möglich war61. Bertram jedoch war von den von diesen Verbänden für die Gläubigen und für die Staatsordnung ausgehenden Gefahren überzeugt, weshalb er am 5. März 1924 für seine Diözese eine Kundgebung erließ. In dieser lehnte er die »übertriebene, fast fanatische Betonung eines einseitigen Nationalismus« ab, was für große Aufmerksamkeit sorgte62. Bemühungen der Verbände, Kranzniederlegungen an Gräbern verstorbener Mitglieder oder Fahnenweihen genehmigen zu lassen, lehnte Bertram ab. »Priester und katholische Liturgie stehen mir zu hoch, als daß ich sie zur Dekoration und Werbezwecken aller möglichen nicht katholischen Organisationen gebrauchen lasse.«63 Die Versuche des Jungdeutschen Ordens, des Stahlhelms und nicht zuletzt des Reichskatholikenausschusses der Deutschnationalen Volkspartei64, den Breslauer Kardinal vor Beginn der Fuldaer Bischofskonferenz im August 1924 davon zu überzeugen, dass von ihnen keine Gefahr ausgehen würde, scheiterten allesamt65. Zwar verschärfte die Konferenz nicht den Ton gegenüber den Verbänden, doch wiederholte sie die Mahnung Bertrams vom März des Jahres nunmehr im Namen aller in Fulda versammelten Bischöfe. »Die Bischöfe, sprich Bertram, wollten auch diesmal eine provozierende Ächtung der nationalen Verbände vermeiden und beschränkten sich auf eine indirekte Ablehnung, indem sie einerseits sich weigerten, den Eintritt in den Jungdeutschen Orden, Stahlhelm und andere Organisationen für einwandfrei zu erklären, andererseits in einer imperativen Wegweisung der kirchlichen Jugend die eigenen Vereine empfahlen, von denen es hieß, sie verfügten längst über die Vorzüge der nationalen Organisationen und erfüllten darüber hinaus auch die religiösen Aufgaben.«66

Seitens der Vaterländischen Verbände wurde die bischöfliche Erklärung in der publizistischen Auseinandersetzung zu einer »Neutralitätserklärung« umgedeu-

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Ebd., S. 44-46. Zum Auslöser für die Beschäftigung Bertrams mit der Thematik siehe H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 258, S. 532 f.; Nr. 260, S. 539 f. Zur Frage einer Stellungnahme zu einzelnen neuen Organisationen, in: VERORDNUNG DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN ORDINARIATS IN BRESLAU Nr. 749 vom 5.3.1924, Nr. 71, S. 35 f., hier 36. Siehe auch Bertram an die Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz vom 3.3.1924, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 274, S. 560 f.; W. VOGEL, S. 49-51. Bertram an Karl Herde, Pfarrer in Nieder-Salzbrunn, vom 2.4.1924, AAW – IA 25 s115; W. VOGEL, S. 51. Zur Gründung des Reichskatholikenausschusses der DNVP siehe Landsberg-Steinfurt an Bertram vom [vor 16.10.1920], in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 129, S. 266-270. Bertram bedauerte »schmerzlich die erfolgte Lossagung von der Zentrumspartei.« Bertram an Landsberg-Steinfurt vom 17.10.1920, in: Ebd., Nr. 130, S. 270 f. Siehe auch G. CLEMENS, Rechtskatholizismus, S. 122-130; G. CLEMENS, Spahn; L.E. JONES; M. KITTEL, S. 278. Bertram an Landsberg-Steinfurt vom 4.8.1924, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 285, S. 576. W. VOGEL, S. 110. Für die entsprechende Passage des Protokolls der Fuldaer Bischofskonferenz vom 18.-20.8.1924, Punkt 14, am 18.8.1924, siehe Ebd., Anhang Nr. 1, S. 341.

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tet, weswegen Bertram zu einer Präzisierung gezwungen war67. Im Januar 1925 stellte er dem Pfarrer von Altgrottkau seine prinzipiellen Gedanken zum Stahlhelm vor. Dieser biete keine ausreichende religiös-sittliche Erziehung der Jugend, deute jegliches Entgegenkommen als Werbemittel um, verbreite »unbequeme politische Tendenzen«, seine »schöne[n] Programmsätze« böten keine Gewähr für deren Verwirklichung und zusätzlich seien »in jüngster Zeit verschiedene arge Entgleisungen von Stahlhelmgruppen« vorgekommen68. Vor allem wegen der absichtlichen Missdeutungen der Augusterklärung von 1924 war die Fuldaer Bischofskonferenz im Jahr 1925 gezwungen, ihre Stellungnahme des Vorjahres zu präzisieren. Im Protokoll hielt Bertram fest: »Über einzelne sogenannte vaterländische Verbände wird der Episkopat zur Klärung von Missverständnissen öffentlich bekannt geben: Wenn der Episkopat seine Bedenken gegen solche sogenannte vaterländische Verbände ausgesprochen hat, so ist das nicht eine neutrale Stellung, sondern eine direkte Warnung. Der Episkopat kann nicht dulden, daß Geistliche sich in diesen Verbänden betätigen.«69

Dieser Beschluss war »zu seiner Zeit eine der weitestverbreiteten und meistdiskutierten kirchlichen Verlautbarungen überhaupt«, denn schließlich warnten die Bischöfe die Gläubigen ausdrücklich vor der Mitgliedschaft in Vaterländischen Verbänden und verboten sie dem Klerus ausdrücklich70. Die Fuldaer Erklärungen von 1924 und 1925 hatten jedoch »einen entscheidenden Mangel: es fehlte eine eingehende Begründung«, auf die Bertram verzichtet hatte, um eben nicht in publizistische Auseinandersetzungen gezogen zu werden71. Genau um eine solche Begründung bemühten sich die Anhänger der Vaterländischen Verbände, vor allem rheinische, westfälische und schlesische Adelige, indem sie den direkten Kontakt zu den Bischöfen, vor allem zu Bertram, suchten. Die Grafen Hans Praschma, Anton Magnis, Georg Henckel und Marco Ballestrem hatten sich bereits 1924 bemüht, ihren Bischof von der Ungefährlichkeit des Stahlhelms zu überzeugen, doch waren sie gescheitert72. Der Stahlhelmführer Landsberg-Steinfurth wandte sich mit demselben Ziel immer wieder vergeblich an Bertram73. Dieser reagierte genervt auf diese permanenten Annährungsversuche und schrieb seinem Bischofskollegen Poggenburg nach Münster. 67

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Erlass Bertrams vom 15.9.1924, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 293, S. 598 f.; W. VOGEL, S. 111-117. Bertram an Richard Wersch, Pfarrer in Altgrottkau, vom 26.1.1925, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 304, S. 615 f.; W. VOGEL, S. 161. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 18.-20.8.1925, Punkt 25b, am 19.8.1925, in: Ebd., Anhang, Nr. 2, S. 342. W. VOGEL, S. 165-172, hier 165. Ebd. S.173. Ebd., S. 117-120. Bertram an Landsberg-Steinfurt vom 24.3.1925, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 313, S. 628 f.; Landsberg-Steinfurt an Bertram vom [10.2.1926], in: Ebd., Nr. 362, S. 727 f.; Bertram an LandsbergSteinfurt vom 12.2.1926, in: Ebd., Nr. 364, S. 729 f.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930) »Wenn die Verteter der sogenannten Vaterländischen Verbände das ganze Gewicht der seelsorglichen Verantwortung zu tragen hätten, das die Bischöfe für die konfessionelle, religiöse und sittliche Erziehung und Bildung der kommenden Generationen zu tragen haben, so würden sie mit der Kritik an der Stellungnahme der Bischöfe etwas zurückhaltender sein.«74

Auch Graf Caius Praschma, »einer der tonangebenden katholischen Führer des schlesischen Stahlhelms, zudem Mitglied des Reichskatholikenausschusses der DNVP«75, forderte ähnlich wie bereits zuvor der westfälische Stahlhelmführer Ferdinand Freiherr von Lüninck eine Begründung für die Warnung vor den Vaterländischen Verbänden. »Dann erst kann das Endurteil von vernünftigen erwachsenen Männern gewürdigt und weder der Tat noch dem Schein nach als einseitig angesehen werden; nur so kann eine öffentliche Auseinandersetzung mit der kirchlichen Obrigkeit vermieden werden, die ihr Ansehen nicht fördern kann, und die wir mit allen Mitteln zu verhindern bestrebt sind. Ist es uns nicht möglich, bei der kirchlichen Obrigkeit auch nur Gehör zu finden, so erlischt auch unsere Bevollmächtigung in den Vaterländischen Verbänden, selbst als katholische Führer gehört zu werden. Hunderttausende katholischer Männer, die sich niemals der jetzt in Deutschland herrschenden, auf diese Art kirchlich begünstigten, politischen Richtung – selbst abseits von dem grundsätzlichen Bekenntnis zu einer oder anderer Staatsform – einordnen können, werden damit von der kirchlichen Obrigkeit selbst unter protestantische Führung gedrängt und an die abgegeben.«76

Es fällt auf, dass die Argumentation Praschmas der Paul Löbes vom Dezember 1918 ähnelte, der ebenso wie der Graf gemahnt hatte, dass die katholische Kirche sich aus eigenem Verschulden von ihren Gläubigen, die ihre politischen Vorstellungen nicht durch das Zentrum vertreten sahen, entfremde. Ebenso auffällig ist es, dass Bertram in diesem Fall zwar nicht vollständig die Korrespondenz verweigerte, wie er es gegenüber Löbe getan hatte – schließlich war der Petent nun ein Katholik und er war der zuständige Bischof –, dass er aber keinen direkten persönlichen Kontakt mit ihm wünschte77. Bertram lehnte Audienzgesuche von Vertretern der Vaterländischen Verbände ab, da er sich von solchen Treffen keinen Erfolg versprach, was auf beiden Seiten eine »unliebsame Erinnerung« zurücklasse78. Außerdem, und das war ent74 75 76

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Bertram an Poggenburg vom 18.1.1926, zitiert nach W. VOGEL, S. 186. Ebd., S. 174. C. Praschma an Pacelli vom 5.2.1926, ASV – ANB, Pos. 72, fasc. 3, f. 1r-3v, hier 3r. Nach Schätzungen betrugen die Mitgliederzahlen im Stahlhelm nach dem Höhepunkt von ca. 100.000 Mitgliedern im Jahr 1924 für die folgenden Jahre bis 1929 ca. 30.-40.000 Mitglieder. W. VOGEL, S. 34, Anm. 3-4. Die Bemühungen von Caius Praschma, über Nuntius Pacelli den Hl. Stuhl für die Rechtsverbände und die Katholiken in der DNVP zu gewinnen, schlugen ebenso fehl. Zwar war Pacelli im Gegensatz zu Bertram dazu bereit, den Bittsteller zu einer persönlichen Audienz zu empfangen, doch hatte der Breslauer Kardinal den Nuntius vorgewarnt, weswegen die Aktion wirkungslos blieb. Ebd., S. 181-183. Siehe Kapitel III.1. Bertram an Poggenburg vom 18.1.1926, zitiert nach W. VOGEL, S. 186, Anm. 125. In seiner Stellungnahme für den Hl. Stuhl begründete Bertram seine Weigerung, Audienzen zu geben, explizit mit

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scheidend, stelle der Stahlhelm in Schlesien »mit Vorliebe die junge Avantgarde bei Wahlen gegen [das] Zentrum.«79 Den Vorwurf, er trete in der Ablehnung der Vaterländischen Verbände für die Interessen des Zentrums ein, konnte Bertram auch in den kommenden Jahren nicht ausräumen. Seine Handlungen beinhalteten in den Worten von Wieland Vogel eine gewollte »ambivalente Zweckdienlichkeit« sowie eine »in der Abwehr der Glaubensgefahren bewußt miteingeschlossene Erhaltung der politischen Gemeinde der Zentrumswähler. Der frühe, auch von Bertram nie überzeugend widerlegte Verdacht, die Warnungen des Episkopats seien zentrumspolitisch orientiert, läßt sich heute noch überzeugender begründen«, wie die Analyse der Wahlhirtenbriefe an späterer Stelle belegt80. Die Auseinandersetzung zwischen Bertram und den Vaterländischen Verbänden hielt auch die folgenden Jahre an. In seiner Begründung für die bischöflichen Warnungen an den westfälischen Stahlhelmführer Lüninck hatte der Breslauer Kardinal besonders auf die Gefahren des religiösen Indifferentismus sowie des Interkonfessionalismus hingewiesen, der durch die Mitgliedschaft in den Vaterländischen Verbänden geschürt würde, da diese die Werte des Christentums nicht aktiv förderten81. Daraufhin versuchten die Vertreter der Vaterländischen Verbände, Bertram aufgrund dieser Argumentation der Inkonsequenz zu überführen. Schließlich war das »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold« auch ein Kampfverband, der das Christentum nicht aktiv förderte, aber vor diesem hatten die Bischöfe nicht gewarnt. Das Reichsbanner war als Reaktion auf die demokratiefeindlichen Vaterländischen Verbände gegründet worden, um die Republik zu verteidigen, und bestand – allerdings regional unterschiedlich stark – vorwiegend aus sozialdemokratischen Mitgliedern. Die Frage, ob das Reichsbanner eine sozialistische Organisation und einem Katholiken damit die Mitgliedschaft verboten war, blieb vorerst offen. Doch waren nicht nur prominente Zentrumsmänner wie Joseph Wirth oder Wilhelm Marx aktive Mitglieder des Reichsbanners, sondern auch die defensive, die Republik verteidigende Ausrichtung sprach in den Augen Bertrams für diesen Kampfverband. Dennoch förderte das Reichsbanner außer der Sicherung der herrschenden Staatsordnung ebenso wenig christliche Ziele wie die Vaterländischen Verbände. Die Antworten auf die Rundfrage, die Bertram im November 1925 an die Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz über das Reichsbanner verschickte, zeigten »beinahe ausnahmslos die Tendenz, dieselben pastoralen Kriterien, mit denen man bisher die ›Gefahr von rechts‹ verifiziert hatte, analog auch für die ›Gefahr von

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einem Hinweis auf die befürchteten negativen Auswirkungen für das Zentrum. Bertram an Pacelli vom 30.9.1924, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 295, S. 600 f. Bertram an Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz vom 26.1.1926, in: Ebd., Nr. 356, S. 718 f.; W. VOGEL, S. 228. Ebd., S. 331 f. Für eine Analyse der Wahlhirtenbriefe Bertrams siehe Kapitel III.2.c. Ebd., S. 176-178.

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links‹ gelten zu lassen.«82 Auf der folgenden Fuldaer Konferenz im August 1926 lieferten die Bischöfe die geforderte Begründung für die Warnungen gegenüber den Vaterländischen Verbänden nach und dehnten die Warnungen zusätzlich auf alle jene »(vorwiegend politisch orientierten) Organisationen, die dem Bestande der katholischen Jugendverbände schaden und die durch Eigenart ihrer Zusammensetzung (Interkonfessionalität) zur Verbreitung unkatholischer Grundsätze führen, dem religiösen Indifferentismus Vorschub leisten, bzw. als Kampforganisation den Frieden und die Einheit des Volkes gefährden können.«83

Wiederum war die bischöfliche Erklärung nicht präzise, da sie das Reichsbanner nicht ausdrücklich nannte, weswegen der Breslauer Zentrumsabgeordnete Karl Anton Schulte diesbezüglich bei Bertram nachfragte. Dieser erklärte, dass der Beschluss auch »auf das Reichsbanner anzuwenden« sei, »wenn und soweit« die beschriebene »Charakteristik« auf es zutreffe. Das tat sie zweifellos in einigen Regionen Deutschlands, in anderen, wie in Südwestdeutschland, wo das Zentrum die Mehrheit der Mitglieder im Reichsbanner stellte, eben nicht, weshalb die Erklärung offen formuliert worden war84. Um die bestehenden Unklarheiten zu bereinigen, veröffentlichte Bertram im Januar 1927 erneut den Beschluss der Fuldaer Bischofskonferenz und warnte die katholischen Jungmänner in einem Vorwort ausdrücklich vor Gefahren, die von Organisationen ausgingen, »die in mehreren Teilen Deutschlands überwiegend aus sozialdemokratischen Kreisen sich zusammensetzen«. Die in Fulda versammelten Bischöfe stimmten dieser offensichtlich auf das Reichsbanner bezogenen Formulierung im August 1927 zu85. Auf der Konferenz im folgenden Jahr warnten die Bischöfe den Klerus davor, an Veranstaltungen von rechts- oder linksgerichteten Kampfverbänden teilzunehmen und machten die Teilnahme von einer bischöflichen Genehmigung abhängig86. Stahlhelm, DNVP und NSDAP initiierten im Oktober 1929 gemeinsam ein Volksbegehren gegen die Annahme des Young-Plans. Der sozialdemokratische Reichsinnenminister Carl Severing bat die Kardinäle Schulte und Bertram um ihre Unterstützung in der Werbung gegen die Teilnahme am Volksbegehren. Bertram erließ eine Pastoralanweisung, die ein großes Echo in der Zentrumspresse fand. 82

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Ebd., S. 206 f., 211-241, hier 230; Rundschreiben Bertrams vom 24.11.1925, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 343, S. 697. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 10.-12.8.1926, Punkt 21, am 12.8.1926, in: W. VOGEL, Anhang Nr. 3, S. 342. Promemoria zu einem Gespräch zwischen Bertram und K. Schulte vom 18.11.1926, AAW – IA 25 r54; W. VOGEL, S. 246. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 9.-11.8.1926, Punkt 54, am 11.8.1926, in: Ebd., Anhang Nr. 4, S. 343. Siehe auch Ebd., S. 241. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 7.-9.8.1928, Punkt 36, am 9.8.1928, in: Ebd., Anhang Nr. 5, S. 343 f. Auch auf der Konferenz im August 1929 wiederholten die Bischöfe ihre Warnungen. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 6.-8.8.1929, Punkt 10b, am 8.8.1928, in: Ebd., Anhang Nr. 6, S. 344.

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Aus dieser wird deutlich, dass der Ursprung seiner Zurückhaltung gegenüber den Initiatoren des Volksbegehrens nicht nur in deren Weltanschauung lag, sondern dass seine Bedenken »einer allgemeinen Sorge um die innen- und außenpolitische Entwicklung Deutschlands« entsprangen87. Die Verständigungspolitik der Reichsregierung mit den europäischen Mächten war durch den Vorstoß gefährdert, weswegen Bertram dem Klerus nahelegte, »in außerkichlicher Weise« auf die Gläubigen einzuwirken, damit diese dem Volksbegehren fernbleiben würden. »Wiederholt haben deutsche Bischöfe eine ernste Warnung zur Teilnahme an solchen Vereinigungen und Bestrebungen veröffentlicht, die eine ruhige und gesunde, langsame Festigung des inneren und äußeren Friedens des deutschen Volkes bedrohen. Nicht parteipolitische Stellungnahme oder Voreingenommenheit ist Beweggrund solcher Kundgebungen, sondern die Sorge um den Wiederaufbau dessen, was durch Weltkrieg und Umsturz niedergerissen ist.«88

Bertram übernahm bei den zahlreichen Warnungen und Protesten der Bischöfe gegen die Kampfverbände, und hier vor allem gegen die nationalen Vaterländischen Verbände, immer wieder die Vorreiterrolle. Diese Warnungen weisen darauf hin, dass Bertram in diesen Verbänden eine große Gefahr sowohl für das Zentrum als auch für die bestehende Staatsordnung, die Republik, sah. c) Das Zentrum als alleiniger Interessenvertreter des politischen Katholizismus

Die deutschen Bischöfe legten gegen die von der Verfassunggebenden Nationalversammlung am 19. August 1919 verabschiedete Weimarer Reichsverfassung eine Rechtsverwahrung ein, mit der sie, da sie nur verschiedene Punkte kritisierten, das Gesamtwerk de facto anerkannten. Der innerkatholische Verfassungsstreit um Artikel 1, 2: »Die Staatsgewalt geht vom Volke aus« wurde in Konsequenz auch nicht vom Episkopat geführt89. 87 88

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Ebd., S. 308. Erklärung zum Fernbleiben vom Volksbegehren vom 13.10.1929, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 482, S. 985; W. VOGEL, S. 308 f.; W. PFLEIDERER, S. 249-255. Der einschlägige Aufsatz von LANGER, Bertram, gelangte dem Verfasser erst nach der Überarbeitung des Manuskripts zur Kenntnis und konnte nicht mehr eingearbeitet werden. Rechtsverwahrung der Bischofskonferenz vom [November 1919], in: E. GATZ (Bearb.), Akten Fuldaer Bischofskonferenz III, Nr. 347, S. 318-320; Verfassung des Deutschen Reichs vom 11.8.1919, in: RGBl 1919, S. 1383-1385; M. HÖHLE, S. 67-69. In seinem Januarhirtenbrief von 1920 schrieb Bertram mit Blick auf den Verfassungsstreit: »Auch im modernen Staate ist die Staatsgewalt von Gott, mögen auch die verschiedenen Staatsformen Gebilde der Völker sein. Denn von Gott stammen die Familie und die Völker, von Gott stammen die Grundgesetze ihrer Ordnung; in Gott haben die staatlichen Aufgaben daher ihren Ursprung; um dieses Gotteswillens sollen daher die Einzelnen zur Wahrung der Ordnung mitwirken. Das ist der tiefste Grund der staatlichen Autorität, das ist die Weihe des staatsbürgerlichen Gehorsams. Es bedeutet den größten Verlust für die staatliche Autorität, wenn diese Grundlage des Gehorsams vernichtet wird, und nur noch die Gewalt zur Erzwingung der Unterordnung übrig bleibt.« A. BERTRAM, Die Kirche unsere Mutter und unsere Hoffnung vom 15.1.1920, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 40, S. 170. Siehe S. GERBER.

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Trotz der Anerkennnung der neuen Ordnung standen Bertram und der Episkopat auch nach dem Sturz der Monarchie für Kaiser Wilhelm II. ein, indem sie dessen Auslieferung an die Alliierten ablehnten. Bertram intervenierte noch vor der diesbezüglichen Anfrage des Kultusministeriums aus eigenem Antrieb im November 1919 beim Hl. Stuhl, damit dieser sich für den Kaiser einsetzen möge90. In dem Rundschreiben an die Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz, in dem Bertram die geplante Erklärung vorstellte, legte er seinen Amtsbrüdern seine Auffassung darüber dar, wie sich der Episkopat in Zukunft zu politischen Fragen stellen sollte: »Amtliche Kundgebungen des Episkopates oder einzelner Bischöfe blieben wohl im allgemeinen besser auf die kirchlichen, caritativen und auf solche vaterländische Fragen beschränkt, die ihren ganz besonderen Connex mit den religiös-sittlichen Pflichten unserer Diözesanen haben. In politischen Fragen hingegen, und zwar auch in solchen, die das ganze Volk tief erregen, dürfte dem Episkopat als kirchlicher Behörde eine gewisse Zurückhaltung ratsam sein. Sonst heißt es leicht immer von neuem bei allerlei späteren ähnlichen Anlässen: Wo bleibt denn der Episkopat?«91

Bertram wollte demnach, dass sich der Episkopat in seinen öffentlichen Äußerungen auf binnenkirchliche Themen sowie auf den Grenzbereich der Beziehungen zwischen Kirche und Staat beschränkte. »Das politische Tagesgeschäft« überließ er hingegen »in einer Art Arbeitsteilung innerhalb des Katholizismus ganz bewußt dem Zentrum«, dessen Entscheidungen er »nahezu vorbehaltlos« akzeptierte92. Die alltägliche politische Arbeit in der Öffentlichkeit war seiner Ansicht nach nicht das Betätigungsfeld eines Bischofs, sondern er »bevorzugte den direkten Kontakt mit Regierungsstellen und der Leitung der Zentrumspartei, um auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen.«93 Die »selbstgewählte Begrenzung der bischöflichen Einflußsphäre und Konzentration auf unmittelbar kirchliche Aufgaben und Interessen«, für die Bertram ein exemplarischer Vertreter war, war ihm schließlich nur »möglich, weil die de facto katholischen Parteien Zentrum und Bayerische Volkspartei, sowie eine weit verbreitete Presse sie nicht zu den einzigen Repräsentanten katholischer Zielsetzungen in der Öffentlichkeit werden ließen.«94 Der schlesische Zentrumsführer Porsch hatte Bertram auf dieser Basis als Kandidaten für den fürstbischöflichen Stuhl in Breslau vorgeschlagen und die Zusammenarbeit zwischen Partei und fürstbischöflicher Kurie verlief im Vergleich zum Pontifikat Kardinal Kopps reibungslos. Für Bertram war das Zentrum 90 91

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Bertram an Haenisch vom 13.2.1920, AAW – IA 25 v30. Bertram an die Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz vom 7.2.1920, Ebd. Von einer öffentlichen Erklärung im Namen der Fuldaer Bischofskonferenz zur Auslieferungsforderung, die er bereits fertig gestellt hatte (Kundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz vom 12.2.1920, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 93, S. 201) musste Bertram allerdings Abstand nehmen, da Bischof Kilian von Limburg darauf hinwies, dass große Teile seiner Diözese von Frankreich besetzt seien, das eine solche Erklärung strikt untersagt hätte. Kilian an Bertram vom 11.2.1920, in: Ebd., Nr. 95, S. 203. G. HITZE, S. 577. A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Wahl, S. 125. H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, S. XI.

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die einzige Partei in der Weimarer Republik, die die katholischen Interessen vertrat, weswegen er in allen seinen Wahlhirtenbriefen, wenn auch nie expressis verbis – da er das als direkte politische Einflussnahme verstanden hätte –, so aber doch überaus deutlich, für die Stimmabgabe an das Zentrum warb. Mit einem Mahnwort über die staatsbürgerlichen Pflichten wandte sich Bertram Anfang Februar 1921 an die Katholiken außerhalb des oberschlesischen Abstimmungsgebietes. Am 20. Februar wurde in Preußen, ausschließlich des Regierungsbezirks Oppeln, in dem das Plebiszit über die zukünftige staatliche Zugehörigkeit Oberschlesiens am 20. März stattfinden würde, erstmals nach der Verfassunggebenden Landesversammlung ein Landtag gewählt. Der Fürstbischof versuchte, den Spagat zwischen Politik und Seelsorge zu meistern. Wahltage zu »staatlichen, provinzialen und städtischen Körperschaften« seien folgenschwere Tage, erklärte Bertram seinen Diözesanen. Die Kirche mische sich »nicht in die rein politischen Fragen [ein]. Es ist ausdrücklich verboten, politisierende Predigten zu halten. Aber die Kirche kann denjenigen Wahlen nicht gleichgültig gegenüberstehen, die voll tiefster Bedeutung für die religiösen Güter sind ... Sie ist verpflichtet, dem Kampfe zwischen irdischem Reich und Gottesreich mit aller Umsicht und Festigkeit zu wehren. Darum ruft sie allen Katholiken ihre hohen sittlichen und religiösen Pflichten im öffentlichen Leben in Erinnerung.«

Es sei die Pflicht eines Katholiken, »so zu wählen, wie es zum Frieden im Vaterlande und zum Frieden zwischen Staat und Kirche« gereiche. Deswegen richtete der Kardinal drei Mahnungen an die Gläubigen: erstens sei es die vaterländische Pflicht, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen; zweitens sei es eine »ernste Gewissenssache, wie« ein Katholik wähle, denn drittens dürfe dieser »nur denen« seine Stimme geben, die für eine katholische Jugenderziehung, für ein katholisches Familienleben und gegen Klassenhass eintreten würden, womit nur die Vertreter des Zentrums gemeint sein konnten95. Letztlich rief Bertram zur Einigkeit des katholischen Lagers auf, was darauf hinweist, dass er über den Abfall vieler Katholiken vom Zentrum und deren Abwandern zur SPD nach links oder zur DNVP nach rechts besorgt war96. In ihren Winken vom Sommer 1921 riefen die in Fulda versammelten Bischöfe ihre Gläubigen nach dem Vorbild Bertrams zum aktiven Gebrauch des Wahlrechts auf: »Zeiten folgenschwerer Entscheidung sind die Wahlen zu öffentlichen Körperschaften. Je weiter das Wahlrecht ausgedehnt ist, je mehr es auf jede einzelne Stimme ankommt, je größer die Gewalten der gewählten Körperschaften sind, je heilloser die Verwirrung durch die Hetze in Presse und Versammlungen wird, desto ernster und 95

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A. BERTRAM, Ein Mahnwort von staatsbürgerlichen Pflichten vom 28.1.1921, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 46, S. 195 f. Zu den Wahlergebnissen, siehe J. FALTER / T. LINDENBERGER / S. SCHUMANN, S. 68. Die DNVP versuchte ähnlich wie das Zentrum eine Volkspartei und damit auch offen für Katholiken zu sein. Sie konnte einen katholischen Wähleranteil von sechs Prozent erreichen. G. CLEMENS, Rechtskatholizismus, S. 116.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930) eindringlicher sind mit Freimut die Wahlberechtigten an die Gewissenspflicht zu mahnen, von ihrem Wahlrechte Gebrauch zu machen und zwar so Gebrauch zu machen, wie es das Heil der Kirche und die Ordnung des öffentlichen Lebens, das Heil der konfessionellen Schule und des christlichen Familienlebens erfordert. Dabei ist mit Ruhe und Würde zu vermeiden, was ein Hineintragen des politischen Kampfes in das Heiligtum bedeuten würde ... Wird ein Priester befragt, ob man einer bestimmten Partei, deren kirchenfeindliche Bestrebungen notorisch sind, die Stimme geben dürfe, so antworte er mit einem bestimmten Nein unter Angabe des Grundes.«97

Das Zentrum stand seit dem Beginn der Weimarer Republik wegen seiner Koalition mit der DDP und vor allem mit der SPD in der Verfassunggebenden Nationalversammlung in der Kritik der konservativen Katholiken. Kontinuierlich wurde der Vorwurf erhoben, dass die politische Zusammenarbeit mit den Sozialisten, dem weltanschaulichen Gegner schlechthin, über die Grenzen des Erlaubten hinausginge. Bertram analysierte im Januar 1924 in einem Schreiben an Porsch diese Kritik. »Zunächst gehen solche Vorwürfe ebenso, wie die wegen Art der Mitarbeit bei Entstehen der Weimarer Verfassung erhobenen Angriffe, aus von solchen Kreisen, die parteipolitisch ein großes Interesse daran haben, Verwirrung in die Kreise der Zentrumsfreunde zu bringen. Nicht ohne Erfolg.« Deswegen habe er seinen Diözesanen immer wieder die staatsbürgerlichen Pflichten dargelegt. »Ein in Einzelfällen zur Verhütung schlimmerer Dinge erfolgendes Zusammenwirken mit Anhängern einer kirchenfeindlichen Partei darf nicht zu einer Annäherung an die Partei selbst und an ihre Grundsätze führen. Aus den entschiedensten Stimmen klingt aber immer wieder die Anschuldigung hindurch: beim Zentrum ist das doch der Fall. Damit wird den katholischen Geistlichen ihr Eintreten für das Zentrum recht schwer gemacht. Rechts- und Linksparteien haben den Nutzen von den so entstandenen Schwierigkeiten.«98

Im August 1924 fasste Bertram seine bisherigen Grundsätze für Reichs- und Landtagswahlen auch für Oberschlesien zusammen, welches er bisher aus außenpolitischen Rücksichten gegenüber Polen von seinen Wahlaufrufen ausgeschlossen hatte, und reagierte auf die Kritik aus dem rechten Lager. Es liege ihm erstens am Herzen »aus pflichtmäßiger, rein religiöser Sorge die Gläubigen mit aller Offenheit zu warnen vor Mitlaufen mit Parteien, die den Grundsätzen und Vorschriften der christlichen Religion und unserer katholischen Kirche widerstreiten oder der öffentlichen Ordnung feindlich gegenüberstehen« – dies war 97

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Das Sakrament der Beichte sollte nicht für politische Zwecke missbraucht werden. »Die Frage, ob man nach geschehener Wahl im Beichtstuhl über die Art der Wahlbeteiligung den Einzelnen befragen solle, ist zu verneinen. Doch ist Grund und eventuell Pflicht zur Belehrung da vorhanden, wo ein kirchenfeindliches Handeln des Einzelnen öffentlich bekannt ist, oder wo die Umstände genügend erkennen lassen, daß das Gewissen des Einzelnen in dieser Hinsicht sich beunruhigt fühlt.« Winke betr. Aufgaben der Seelsorger gegenüber glaubensfeindlichen Vereinigungen vom 25.8.1921, in: Diözesansynode Breslau 1925, Nr. 9, S. 115. Bertram an Porsch vom 12.10.1924, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 296, S. 601 f.

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ein deutlicher Hinweis auf die Kommunisten. Zweitens rief er die Diözesanen zur Einigkeit auf und letztlich wollte er die Geistlichen dazu anleiten, »im Gotteshause nur die religiösen Angelegenheiten und Pflichten zu erläutern, daher nicht über die in ... [seinen] Mahnungen gegebenen Richtlinien hinauszugehen.« Sozialismus und Kommunismus müsse allerdings, da sie »unvereinbar ... mit fundamentalen Lehren und Grundsätzen unserer Religion« seien, »mit aller Offenheit und Festigkeit« auch im Gotteshaus »entgegengetreten werden.« Gegen andere politische Parteien, gemeint war die DNVP, dürfe im kirchlichen Binnenraum jedoch nicht Stellung genommen werden. »Den Geistlichen bleibt außerhalb des Gotteshauses Gelegenheit genug für Erklärung seines [sic] Vertrauens zu einer genügend bewährten Partei«. Bertram hielt auch an einem Prinzip fest, welches er erstmals in der Auseinandersetzung um die Zukunft Oberschlesiens angewandt hatte – dort hatte es allerdings zu heftigen Konflikten geführt: »Bestehen bleibt dauernd mein mit ernstester Pönal-Sanktion versehenes Verbot, daß Priester in einer Gemeinde ohne Genehmigung des Ortspfarrers politische Reden halten, weil ich es nicht zulasse, daß in einer Gemeinde Priester gegen Priester auftritt. Ich dehne dieses Verbot ... aus auf solche Reden auch in Gemeinden außerhalb unserer Diözese.«99 Bertrams Wahlhirtenbrief zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924 ähnelte seinen bisherigen Stellungnahmen. Er wiederholte, dass es die staatsbürgerliche Pflicht des Katholiken sei, die religiösen Güter durch seine Stimmabgabe zu schützen. Die Not des Vaterlandes werde » zum Anlaß genommen ... für maßlose Vorwürfe gegen die, die nach bestem Wissen und Können auf jenem dornenvollen Wege, den ein besiegtes und verarmtes Volk nun einmal gehen muß, bedächtig und umsichtig zu führen streben, um noch Schlimmeres zu verhindern.« Schuld an den Vorwürfen sei die verlorene Einigkeit des katholischen Lagers. »Es ist die unerhörte Verdächtigung der edelsten Absichten und Bestrebungen des Heiligen Stuhles, verbunden mit einem Kampfe gegen die katholische Kirche, zu dem bald offen, bald unter verdecktem Namen mit skrupellosem Fanatismus das vaterländische Empfinden aufgerufen wird«, wandte sich Bertram gegen die DNVP100. 99

100

A. BERTRAM, Hirtenwort zu bevorstehenden politischen Wahlen vom 1.8.1924, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 75, S. 279 f. Siehe Kapitel III.3.f. A. BERTRAM, Ein Mahnwort von Pflichten katholischer Christen in entscheidungsvollen Stunden vom 20.4.1924, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 72, S. 276 f., hier 276. Auch gegenüber KPD und SPD grenzte sich Bertram ab: »Folget Männern, die durch die Tat bewiesen haben, ob sie es ehrlich meinen mit Kirche und Schule, mit der Heiligkeit von Ehe und Familie, mit dem friedlichen Ausbau der wirtschaftlichen und staatlichen Ordnung.« Ebd., S. 277. Nach den Worten des oberschlesischen Pfarrers Paul Kaletta in Thule habe gerade diese Passage von Bertrams Hirtenwort »belebend« gewirkt und die Unterstützung für Kommunisten und Sozialdemokraten sei daraufhin zurückgegangen. Damit der Erfolg allerdings von Dauer sei, müsse das »Mitgehen des Zentrums mit den Roten jetzt endlich aufhören«. Kaletta an Bertram vom 9.10.1924, AAW – IA 25 z8. Dass Bertram dieses Schreiben – ohne den Absender zu nennen – an Porsch weiterleitete, macht ihn, wie A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Porsch, S. 267 feststellt, »zum vorsichtigen Fürsprecher der rechtskatholischen Forderungen«. Dabei ging es Bertram allerdings weniger um die Förderung rechtskatholischer Ideen als um das Bewahren der Einigkeit im katholischen Lager.

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Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri wies Nuntius Pacelli im September 1924 an, über die politische Situation in Deutschland und über das Verhältnis zwischen Zentrum und SPD zu berichten101. Pacelli forderte eine diesbezügliche Stellungnahme Bertrams an, die dieser umgehend lieferte: »Trotz aller Vorwürfe, die gegen die Fraktion Centrum erhoben werden, und trotz der Mängel, die der Weimarer Verfassung anhaften, [habe er] doch die Überzeugung ..., dass die im Centrum vereinigten katholischen Abgeordneten ehrlich und nicht ohne Erfolg bestrebt waren, dass für Neuordnung der politischen Verhältnisse nach dem Umsturz eine mit den christlichen Grundsätzen vereinbarliche Gestaltung geschaffen werde, soweit sie unter den Parteiverhältnissen der Volksvertretungen überhaupt erreichbar war; auch ... [sei er] überzeugt, dass die Interessen der katholischen Kirche von den im Centrum vereinten katholischen Abgeordneten am besten vertreten und verteidigt werden, und dass weitere Spaltung der Katholiken durch Übergang zu anderen Parteien nicht zu wünschen ist. Geleitet von dieser Überzeugung, habe ... [er] alles vermieden, was so gedeutet werden könnte, als wenn ... [er] andere Parteien für ebenso empfehlenswert für Katholiken betrachte.«102

Der Fürstbischof stellte sich auch öffentlich demonstrativ hinter das Zentrum, verteidigte in der Presse dessen politischen Kurs und kritisierte kurz vor der Reichstagswahl am 7. Dezember einen Wahlaufruf an die Katholiken Schlesiens, in dem es hieß: »›Das Zentrum ist von sich selber abgefallen.‹ ... Damit ist nicht ausdrücklich gesagt, doch der Zusammenhang legt die Deutung nahe, als sei das Zentrum ... untreu dem Grundsatz, für die Forderungen der Kirche gemäß den Erklärungen der Bischöfe einzutreten. Da die Autorität der Bischöfe in diesem überaus scharf gehaltenen Wahlaufruf an der genannten Stelle hineingezogen ist, glaube ich zu jener Stelle nicht ganz schweigen zu dürfen. Durch die Pflicht der Dankbarkeit für das, was das Zentrum in fünf Jahrzehnten für die kirchlichen und Schulinteressen der deutschen Katholiken getan hat, fühle ich mich gedrängt, einzig zur Verhütung falscher Auffassungen zu erklären: Meine bischöflichen Amtsbrüder und ich haben die Überzeugung, daß das Zentrum stets, wo und wie immer die Verhältnisse es als möglich erschienen ließen, nach bestem Können für die religiösen Güter der Katholiken einzutreten bestrebt war, und daß es auch in Zukunft diesem Grundsatz treu bleiben werde.«103

Noch vor der Reichstagswahl wandte sich der ehemalige Reichskanzler Wilhelm Cuno mit einer Bitte an Bertram. Er solle seinen Einfluss im Zentrum dahin gehend geltend machen, dass dieses mit den Rechtsparteien einen christlich-nationalen Block unter Wahrung konfessioneller Interessen bilde. Dieser Rechtsblock würde sich dann mit dem zu bildenden Linksblock, zu dem das Zentrum derzeit 101 102

103

Gasparri an Pacelli vom 12.9.1924, ASV – ANB, Pos. 92, fasc. 6, f. 1r. Bertram an Pacelli vom 30.9.1924, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 522, fasc. 29, f. 60r-v. Pacelli schloss sich in seiner Einschätzung den Worten Bertrams über das Zentrum und die DNVP an. Pacelli an Pizzardo vom 3.10.1924, Ebd., f. 58r-59r, hier 58v-59r. A. BERTRAM, Was unsere Bischöfe sagen vom 30.11.1924, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 77, S. 282.

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tendiere, in der Regierung abwechseln104. Bertram reichte diese Bitte sowohl an Porsch als auch an Reichskanzler Wirth weiter. »Das sind die Gedanken, die oft an Sie herantreten, deren Ausführbarkeit aber bei dem herrschenden Verlangen der Rechtsparteien nach vollständiger Umgestaltung der grundlegenden Verfassungsbestimmungen und der Außenpolitik auf harte Hemmnisse stoßen wird. Immerhin möchte ich bitten, das Pro und Contra und die Voraussetzungen eines Zusammengehens mit den Rechtsparteien in mitteilbarer Fassung zusammenstellen zu lassen, was weiten Kreisen zur Klärung gereichen würde.«105

Demnach wies Bertram die Idee eines christlich-nationalen Blocks nicht prinzipiell zurück, doch sah er in der Ablehnung der Verfassung sowie in den außenpolitischen Vorstellungen der DNVP unüberwindbare Hindernisse für eine Zusammenarbeit. Bei den Wahlen zum Reichspräsidenten im Frühjahr 1925 traten die innerhalb des politischen Katholizismus herrschenden Differenzen deutlich zu Tage. Während das Zentrum, unterstützt von der SPD und der DDP, im zweiten Wahlgang am 26. April 1925 den Katholiken Wilhelm Marx wählte, warb die BVP gemeinsam mit der DNVP und der DVP für den Protestanten Paul von Hindenburg. Dass die Sozialdemokraten einen katholischen Kandidaten unterstützten, während die BVP für einen protestantischen eintrat, sorgte für große Aufregung, v.a. weil der Katholik Marx mit der Unterstützung der BVP mit hoher Wahrscheinlichkeit gewählt worden wäre106. Als Reaktion auf diese Vorkommnisse erbaten die beiden schlesischen Grafen Hans von Praschma und Anton Franz Magnis eine Audienz bei Kardinalstaatssekretär Gasparri. Sie übergaben ihm am 22. Mai 1925 eine Denkschrift über die Zusammenarbeit zwischen Zentrum und Sozialdemokratie. In dieser hieß es zusammenfassend: »Das ursprünglich nur taktische Zusammengehen mit dem Sozialismus führt die [Zentrums-]Partei ... dazu, den Sozialismus immer mehr als Kampfgenossen zu schonen und als Freund darzustellen. Dieser aber wird letzten Endes die Oberhand gewinnen und Deutschland erobern und nach ihm kommt der Bolschewismus in irgend einer Form. Es scheint religiöse Pflicht des wahren katholischen Mannes, sich dieser Entwicklung mit aller Macht entgegenzustellen ... Die Neugründung einer anderen Partei ist aussichtslos, Anschluss an eine andere kommt nicht in Frage, und so erscheint die einzi104 105

106

Cuno an Bertram vom 26.11.1924, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 298, S. 605-607. Bertram an Marx und Porsch vom 2.12.1924, AAW – IA 25 z144. A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Porsch, S. 267. J. HORSTMANN, Reichspräsidentenwahlen, S. 62-69; U. HEHL, Marx, S. 325-363, hier 354. In einer Audienz am 21.4.1925, nur wenige Tage vor dem Zweiten Wahlgang, hatte Marx dem Hl. Vater die Notwendigkeit für das Zusammengehen von Zentrum und SPD dargelegt. Marx an Bertram vom 21.7.1925, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 332, S. 664. Der Osservatore Romano wiederholte Anfang Mai die Unvereinbarkeit von Sozialismus und Katholizismus und kritisierte auch die Verhältnisse in Deutschland. Zwar sei die Stimmannahme von Sozialisten etwas anderes als die Stimmabgabe für Sozialisten, doch handele es sich bei der politischen Allianz mit Sozialisten um eine prinzipielle Gewissensfrage, die der parlamentarischen Taktik übergeordnet sei. Bergen an AA vom 22.5.1925, GStA PK – I. HA Rep. 90 A Staatsministerium, jüngere Signatur, Nr. 2393, f. 25r-27r.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930) ge Rettung, dass die kirchliche Autorität, insbesondere der Episkopat, eingreift und die politische Führung und die katholischen Redakteure ernstlich darauf hinweist, wohin ihre Politik führt. Vor allem aber muss die Geistlichkeit aufgeklärt und verhindert werden, dass sie durch ihre zu starke politische Agitation naturgemäß die eigene Autorität untergräbt.«107

Aus Rom zurückgekehrt besuchten Magnis und Praschma Fürstbischof Bertram in Breslau und legten ihm die Denkschrift ebenfalls vor. Gasparri habe gefordert, dass »die Bischöfe einmal ein ernstes Worte reden«, da der Hl. Stuhl dies in der verworrenen Situation nicht könne. Magnis präzisierte, dass er »erneut den Eindruck gewonnen [habe], daß man in Rom die jetzige Zentrums-Politik ganz entschieden mißbilligt, aber nur vorsichtig den Führern gegenüber dieser Mißbilligung Ausdruck geben wird.«108 Bertram erwiderte, dass er zwar den »guten Willen« der beiden schlesischen Grafen anerkenne, aber befürchte, dass deren »Vorgehen, nachdem es schon seit Wochen einer Reihe von Personen bekannt geworden ist, indirekt Folgen haben« würde, die diese sich nicht gewünscht hätten109. Was er darunter verstand, legte der Fürstbischof Nuntius Pacelli dar, indem er der Auffassung der schlesischen Grafen entschieden widersprach und ein Treuebekenntnis gegenüber dem Zentrum als der einzig wahren Interessensvertretung des politischen Katholizismus ablegte. »Es würde deprimierend wirken, wenn Referenten, die keine Verantwortung tragen, leichthin Glauben finden, und wenn die, die von Verantwortung und Sorgen und Angriffen fast erdrückt werden, nichts Anderes ernteten als kritisches Mißtrauen und Vorhaltungen ... Es würde deprimierenden Eindruck machen, wenn die irrige Meinung aufkäme, daß Querulanten, malcontenti und outsiders mit Nörgeleien über Episkopat und treu katholische Abgeordnete im Vatikan zu liebenswürdiges Gehör fänden. Dies schreibe ich nicht, um zu kritisieren, sondern weil ich in den 41 Jahren, die ich im Dienste und Leitung bischöflicher Verwaltung stehe, viel Beobachtungen über Imponderabilien gemacht habe.«110

Bertram wies hier deutlich auf die Verantwortung hin, in der er und auch die Zentrumsabgeordneten stünden und mit der er manche seiner strittigen Entscheidungen rechtfertigte. Wer nicht in Verantwortung stehe, könne leicht kritisieren, da er die Folgen nicht zu tragen habe. Bertram zeichnete für den Hl. Stuhl sein Gespräch mit Praschma und Magnis nach. Er habe die Grafen gefragt, »ob die Zentrumspartei jemals Prinzipien ver107

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Denkschrift Praschmas und Magnis vom 21.5.1925, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 319, S. 637-642 hier 641 f. Siehe bereits W. VOGEL, S. 149, Anm. 32; S. 182, Anm. 91 sowie S. 216, Anm. 18.; H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 116 f. Aufzeichnung Magnis vom [nach 21.5.1925], in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 320, S. 642-644. Bertram an Magnis vom 25.6.1925, in: Ebd., Nr. 329, S. 658. Bertram an Pacelli vom 25.6.1925, ASV-ANB, Pos. 92, fasc. 6, fol. 103r-v, hier 103v; unvollständig, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 328, S. 657.

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folgt oder angenommen oder an einer Aktion mitgewirkt habe, die mit den katholischen Lehren und Pflichten in Widerspruch« gestanden hätte. »Beide antworteten: Nein.« Er habe sie gefragt, »ob die Zentrumspartei jemals etwas getan habe, das für einen Katholiken als unerlaubt erklärt sei. Beide antworteten: Nein.« Er habe sie gefragt, »ob es getadelt werden müsse, wenn in einem demokratischen Staatswesen, in dem es unvermeidlich ist, daß die einzelnen Parteien nach der Zahl ihrer Mitglieder zu den Regierungsgeschäften zugelassen werden, auch Minister aus der sozialistischen Partei zu Regierungsämtern zugelassen werden. Beide antworteten: Nein.« Er habe die Grafen daran erinnert, dass in den Parlamenten Deutschlands und Preußens »keine Partei die Forderungen der Bischöfe hinsichtlich Kirche und Schule und der öffentlichen Moral ernsthafter und kräftiger verteidigt hat, als es immer und bis zur Stunde die Zentrumspartei getan hat.«111 Auf der Basis des Gesagten habe er darauf hingewiesen, dass es nicht klug sei, »wenn die Zentrumspartei unaufhörlich getadelt und kaum jemals anerkannt werde, wie sehr diese Partei sich um einen erträglichen Zustand der Kirche und des Staates verdient gemacht hat, und wie klug sie nach der Revolution des Jahres 1918 in den gefährlichsten Stürmen der Zeit mit den anderen Parteien zu verhandeln bestrebt war, daß weitaus größeres Übel verhindert wurde.« Bertram begründete seine positive Einstellung zum Zentrum mit einem Hinweis, den ihm Papst Pius X. in einer Audienz am 10. Oktober 1913 gegeben habe: »Ich lege euch das Zentrum ans Herz, und das kannst du in ganz Deutschland sagen.« Diese Aussage des Hl. Vaters habe er »öffentlich nicht zu verkünden gewagt,« damit der Papst nicht in die Parteienkämpfe gezogen werde, doch habe er sie »als einen Schatz« in seinem Herzen stets bewahrt. Bertram gab aber auch zu, dass er nicht jede Aktion des Zentrums positiv bewertete. So sei die mit Blick auf die Reichspräsidentenwahl gegen die BVP gerichtete Attacke, dass die Sozialkdemokraten weniger gefährlich seien als andere Parteien, die sich christlich nennen würden, unklug gewesen. Auch hätte in den Nachrufen der katholischen Presse über den verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert besser zwischen dessen »Person und sozialistischen Prägungen auf der einen und der von ihm geforderten Toleranz gegenüber der katholischen Kirche auf der anderen Seite« unterschieden werden müssen. Bertram kam dann auf die beiden schlesischen Grafen zu sprechen: »Ich kann nicht mit Schweigen übergehen, daß sich unter den katholischen Adligen … nicht wenige finden, welche die demokratische Verfassung Deutschlands und seiner Länder und die sich daraus ergebende Herabminderung des Status der adligen Familien nur schwer ertragen. Es gibt Millionen von Männern in Deutschland, welche die Wiederherstellung der monarchischen Form wünschen, zum Teil aus idealen Gründen, zum Teil aus ererbter Tradition, zum Teil aus persönlichen Gründen. Da nun die 111

Bertram an Pacelli vom 23. Juni 1925, in: HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 327, S. 650-653, deutsche Übersetzung 653-657, hier 654.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930) Zentrumspartei durch unausweichliche Notwendigkeit gezwungen, um die Erschütterung und den Ruin der ganzen öffentlichen Ordnung zu vermeiden, der demokratischen Verfassung des Staates zustimmte, gefällt sehr vielen die politische Position dieser Partei durchaus nicht.«

Mit klaren Worten kritisierte Bertram das Vorgehen Magnis’ und Praschmas. »Den Gegnern der Zentrumspartei wäre nichts angenehmer, als zu hören, daß die Bischöfe und der Heilige Stuhl die Handlungen der Zentrumspartei tadeln. Sie lachen im Stillen, wenn Katholiken zu den Bischöfen, sogar zum Heiligen Stuhl laufen, um gegen das Zentrum Klage zu erheben.«112 Aus den genannten Schreiben wird Bertrams Einstellung gegenüber dem Zentrum, der DNVP und der SPD deutlich. In den Augen des Breslauer Kardinals war das Zentrum die einzige Partei, die die katholischen Interessen verteidigte und somit die einzige Partei, die ein Katholik wählen konnte. Ein Zusammengehen der Katholiken mit der protestantisch dominierten DNVP lehnte er deswegen ab, weil von ihr in Zukunft keine katholikenfreundliche Politik zu erwarten war. Hinzu kam, dass sie die Republik als Staatsform nicht anerkannte. Die DNVP mit ihrer antirepublikanischen, die regierende staatliche Obrigkeit ablehnenden und auf die Restauration der Monarchie hinarbeitenden Politik konnte Bertram auf Grund seiner religiösen Überzeugung nach harmonischer Zusammenarbeit der beiden von Gott gewollten Autoritäten Staat und Kirche nicht unterstützen. Trotz der eindeutigen weltanschaulichen Gegnerschaft zum Sozialismus verteidigte er die politische Zusammenarbeit des Zentrums mit der SPD sowohl in der als auch für die existierende Staatsform. Dabei ist daran zu erinnern, dass Bertram die Republik weniger aus politischer als aus religiöser Überzeugung – als die von Gott derzeit gewollte Staatsform – verteidigte113. Das Ideal eines politisch tätigen Geistlichen sah Bertram im Vorsitzenden der Katholischen Volkspartei (KVP), wie sich das oberschlesische Zentrum nannte, im Pfarrer in Ratibor, Carl Ulitzka. Bertram war sich der Treue Ulitzkas zur »Kirche und katholischen Weltordnung absolut sicher« und respektierte dessen politische Unabhängigkeit von der Breslauer Kurie114. Auch andere Zentrums-

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Ebd., S. 655 f. Deswegen schlug Bertram vor, dass der Episkopat das Verhältnis zwischen Zentrum und SPD nicht, wie Praschma und Magnis gefordert hatten, auf der Bischofskonferenz besprechen sollte. Das hindere die Bischöfe allerdings nicht daran, sich außerhalb der Sitzungen vertraulich zu diesem Thema zu bereden. Er regte an, dass einzelne Bischöfe mit ihnen bekannten Zentrumsmännern vertraulich in Verbindung treten könnten und dass sich der Episkopat erneut in einer grundsätzlichen Erklärung an das Volk, an die Abgeordneten und an die Presse wenden könnte, um die Position der Kirche deutlich zu machen. Kardinal Schulte stimmte mit den Auffassungen Bertrams überein. Schulte an [Pacelli] vom 28.6.1925, Ebd., f. 121r-v. Als Reaktion auf die Versuche der Rechtskatholiken, die Politik des Zentrums durch Einflussnahme des Hl. Stuhls zu einer Änderung zu zwingen, richtete der Vorsitzende der Reichstagsfraktion des Zentrums, Marx, im Juli 1925 ebenfalls eine Denkschrift an den Hl. Stuhl, die in ihrer Argumentation der Bertrams ähnelte. Siehe G. GRÜNTHAL, S. 63-65, hier 64, Anm. 27. G. HITZE, S. 578, 811 f., 999-1004.

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geistliche seiner Diözese wie Joseph Glowatzki oder Waldemar Otte unterstützte Bertram in ihrer Arbeit. Doch Pfarrer Edgar Wolf in Markowitz, Kreis Ratibor, wollte sich nicht für das Zentrum, sondern für die DNVP politisch betätigigen. Im Oktober 1922 fragte der Vorsitzende der DNVP und preußische Staatsminister a.D., Oscar Hergt, bei Bertram an, wie er zur Kandidatur Wolfs als Spitzenkandidat der DNVP bei der anstehenden preußischen Landtagswahl stünde115. Obwohl Bertram antwortete, dass er die Kandidatur Wolfs »sehr ungern sehen« würde, kürte die DNVP diesen zu ihrem Spitzenkandidaten116. Die letzte Entscheidung darüber, ob Wolf kandidieren würde, überließ der Fürstbischof dem Pfarrer selbst, wobei er deutlich zu verstehen gab, dass dies keine »positive Billigung« der Kandidatur, sondern lediglich ein Tolerieren sei117. Als mehrere oberschlesische Zeitungen berichteten, dass Bertram die Kandidatur Wolfs »ausdrücklich gebilligt« hätte, forderte der Kardinal die katholische Presse dazu auf, diese Meldung in seinem Namen zu dementieren und klar zu stellen, dass er die durch die Kandidatur Wolfs entstandene Spaltung des politischen Katholizismus schmerzlich bedauere118. Die Geschlossenheit des politischen Katholizismus im Zentrum war nunmehr für jedermann ersichtlich nicht mehr gegeben, da auch für die Polnisch-Katholische Partei mit Pfarrer Joseph Waida in Keltsch wie erwartet ein Breslauer Diözesanpriester kandidierte119. Zu Problemen mit Pfarrer Wolf kam es im Jahr 1924, als die DNVP in Westfalen mit ihm, dessen politische Betätigung die ausdrückliche Billigung Bertrams habe, in den Wahlkampf zog120. Bertram ließ die Schlesische Volkszeitung daraufhin richtig stellen, dass er die Kandidatur Wolfs lediglich dulde und nicht billige. Es sei zwar nicht vorgeschrieben, aber dennoch wäre es angeraten gewesen, wenn Wolf die bischöfliche Erlaubnis zur politischen Betätigung hätte verlängern lassen. Zusätzlich ließ Bertram darauf hinweisen, dass dem Breslauer Diözesanklerus das Halten politischer Reden auch außerhalb der Heimatdiözese ohne die Genehmigung des Ortspfarrers verboten sei121. Das hatte er für Oberschlesien bereits in seinem Erlass vom 21. November 1920, der für großes internationales Aufsehen gesorgt hatte, angeordnet und Anfang März 1924 auf die ganze Diözese bezogen wiederholt122. 115 116 117 118

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Hergt an Bertram vom 7.10.1922, AAW – IA 25 p89. Bertram an Hergt vom 10.10.1922, Ebd. Bertram an Wolf vom 28.10.1922, Ebd. Rundschreiben Bertrams an die Presse vom 5.11.1922, Ebd.; Zur deutschnationalen Kandidatur des Pfarrers Wolf – Markowitz, in: SV Nr. 519 vom 7.11.1922. Siehe G. HITZE, S. 572 f. Wie bereits Wolf überließ Bertram auch Pfarrer Waida die Entscheidung darüber, ob er kandidieren wolle. Bertram an Waida vom 5.12.1922, AAW – IA 25 p89. Redaktion der KV an Bertram vom 23.4.1924, Ebd. Erklärung zur Wahlbewegung, in: SV Nr. 186 vom 26.4.1924. A. BERTRAM, Auftreten von Geistlichen bei politischen Veranstaltungen vom 1.3.1924, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 71, S. 275. Bertram wiederholte diese Anweisungen vier Jahre später. A. BERTRAM, Auftreten von Geistlichen bei politischen Veranstaltungen, in: KIRCHLI-

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Wolf bemühte sich, die Spannungen nicht weiter zu verschärfen, beteuerte seine Unschuld an den falschen Presseartikeln und holte den Antrag auf erneute Zulassung zur politischen Betätigung nach123. Als Reaktion auf diese Vorgänge erklärte Bertram am 1. August 1924: »Wenn wieder der Fall eintritt, daß eine kirchlich geduldete Wahl-Kandidatur so hingestellt wird, als sei sie durch meine Genehmigung unterstützt, so erwarte ich vom hochwürdigen Klerus, daß er solchem Treiben sofort öffentlich entgegentritt, einerlei, um welche Partei es sich handelt. Die einem Priester gewährte Duldung einer Kandidatur oder Erlaubnis zur Teilnahme ist eine innerkirchliche Angelegenheit; diese tendenziös in die politischen Wahlkämpfe zu zerren, ist ein Unfug, der nie und nimmer geduldet werden soll.«124

Die Toleranz gegenüber der politischen Tätigkeit Wolfs fand im Jahr 1929 ihr Ende. Nachdem Wolf 1928 am Stahlhelmtag teilgenommen und im Landtag mit der DNVP gegen das Preußenkonkordat gestimmt hatte, entzog Bertram ihm die kirchliche Genehmigung zur Ausübung seines Mandats und beendete damit die politische Tätigkeit Wolfs. Diesem Vorgehen Bertrams haftete jedoch »ein schaler Geruch der Bevorzugung« der Zentrumsgeistlichen an125. d) Grenzen der Zusammenarbeit Bertrams mit dem Staat

Die Übernahme von Aufgaben durch den Staat in fast allen Lebens- und Kulturbereichen, die ehedem der Kirche zugestanden hatten, empfand Bertram beinahe als »Zwangsherrschaft«126. Seine Zusammenarbeit mit den Reichs- sowie mit den preußischen Staatsregierungen der Weimarer Republik verlief trotz vielfacher inhaltlicher Differenzen gemäß Bertrams Grundverständnis der Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat »harmonisch«. Ein besonders interessantes Dokument stellt Bertrams Fastenhirtenbrief vom Januar 1920 dar, da er hier die Grenzen seiner Kompromissbereitschaft in der Zusammenarbeit mit dem Staat markierte. Er forderte die Gläubigen dazu auf, sich für die Interessen der katholischen Kirche einzusetzen. »Kämpfe für die Freiheit der Kirche ... Kämpfe für die Rechte der Kirche ... Kämpfe auch gegen die Beraubung der Kirche«. Darüber hinaus legte er dar, dass Religion »nicht einzig Privatsache« sei, sondern wegen ihrer Wirksamkeit in Familie und Gesellschaft eine »öffentliche Sache,« eine »öffentliche Einrichtung«, mehr noch eine »öffentliche Pflicht« und eine »öffentliche Macht«, ja sogar die »Retterin der Ordnung im öffentlichen Leben« sei. Im Grenz-

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CHES AMTSBLATT DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN ORDINARIATS IN BRESLAU, Stück 7 vom 21.4.1928, Nr. 102, S. 44 f. Siehe Kapitel III.3.f. Wolf an Bertram vom 29.4.1924, AAW – IA 25 p89. A. BERTRAM, Hirtenwort zu bevorstehenden politischen Wahlen vom 1.8.1924, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 75, S. 280. G. HITZE, S. 812. A. BERTRAM, Mahnwort zur bevorstehenden Reichstagswahl vom 1.9.1930, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 110, S. 428.

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bereich zwischen Staat und Kirche war Bertram zu Kompromissen bereit, im innerkirchlichen Bereich jedoch nicht. In diesen binnenkirchlichen Bereich gehört die unauflösliche Ehe als ein katholisches Sakrament. An dieser werde die katholische Kirche immer festhalten und demjenigen, der erneut heiraten wolle, sagen: »es ist dir nicht erlaubt. Und sollten die Hirten der Kirche gleich Johannes dem Täufer dafür Kerker und Tod erdulden müssen, der Bischof und Priester beugt sich nicht.« Es ging hier auch darum, dass die Kirche die Autorität über die Familie nicht an den Staat abgeben wollte. »Die Kirche duldet nicht, daß eine staatliche Allgewalt die Rechte der Familie und die Rechte ihrer eigenen, von Gott verliehenen Autorität mit Füßen tritt. Wie sie vor wenigen Jahrzehnten im Kulturkampfe den staatlichen Übergriffen die Stirn geboten hat, so wird sie auch gegenüber modernen Staatsgebilden die Rechte von Familie und Kirche zu schützen wissen. Es handelt sich da um Rechte, die göttlichen Ursprungs und darum der Willkür der Regierungen und Parlamente entzogen sind; um Rechte, deren Verlust für die menschliche Gesellschaft selbst verhängnisvoll würde.«127

Diese Position behielt Bertram über die folgenden Jahre bei. Das Personenstandgesetz vom 6. Februar 1875, das die Zivilehe vor der kirchlichen Ehe einführte, stammte noch aus dem Kulturkampf128. Kam es deswegen eigentlich zu keinen Konflikten mehr zwischen staatlichen und kirchlichen Behörden, wurde das Gesetz im Falle der Eheschließung von polnischen Saisonarbeitern zu einem Problem. Wenn Saisonarbeiter in Deutschland heiraten wollten, sie jedoch wegen des zeitund kostenintensiven Behördenganges zwischen deutschen und polnischen Behörden oder aus anderen Gründen die Beschaffung der für die Zivilehe notwendigen Urkunden nicht erreichen konnten, war der zuständige Priester verpflichtet, wenn aus kirchlicher Sicht keine Hindernisse vorlagen, das Konkubinat zu beenden und die Trauung durchzuführen. Bertram erklärte »wiederholt auch gerichtlichen Instanzen«, dass die katholische Kirche »das zitierte Reichsgesetz als im Gewissen verpflichtend nicht anerkennen [könne], da es in ein dem Staate nicht zustehenden Gebiet (Sakramentenspendung und liturgische Akte) übergreift.«129 Daran änderte auch die Entscheidung des Reichsgerichts nichts, das die Gültigkeit des Personenstandgesetzes erklärte. Eine parlamentarische Mehrheit zur Änderung des Gesetzes war nicht in Sicht, wurde aber dennoch vom Zentrum postuliert. Im Rahmen dieser Verhandlungen fragte Bertram den katholischen Reichskanzler Marx erregt: »Was in aller Welt gibt denn der weltlichen Gewalt das Recht, sich einzumischen in eine rein kirchliche Feierlichkeit bei einer sakra127

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A. BERTRAM, Die Kirche unsere Mutter und unsere Hoffnung vom 15.1.1920, in: Ebd., Nr. 40, S. 165, 167-169. Reichsgesetz über die Beurkundung des Personenstands und die Eheschließung vom 6.2.1875, in: E.R. HUBER / W. HUBER II, Nr. 297, S. 631. Bertram an Pacelli vom 6.1.1926, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 353, S. 710-712, hier 710. Siehe hier auch die Versuche des Breslauer Caritasverbandes, die Behördengänge auf deutscher und auf polnischer Seite, die zur Beschaffung der Unterlagen für die Zivilehe notwendig waren, zu vereinfachen.

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mentalen Handlung, die rein kirchliche Bedeutung hat?« Bertram forderte Straffreiheit für Geistliche, die in Ausnahmefällen, obwohl die standesamtliche Trauung noch nicht vorlag, das kirchliche Sakrament der Ehe spendeten. »Der deutsche Episkopat steht geschlossen hinter den Seelsorgern, die trotz der staatlichen Strafandrohung, trotz Geldstrafen und Drohung mit Gefängnis ihre seelsorgliche Pflicht erfüllen.«130 Auch im nationalsozialistischen Deutschland bildete der Angriff auf das Sakrament der Ehe im Jahr 1942 den Punkt, an dem Bertram bereit war, von seiner Eingabepolitik abzuweichen, auch wenn sein bereits entworfenes Hirtenwort über die Ehe schließlich nicht verlesen wurde131. Gegen die Nürnberger Gesetze im Jahr 1935, die die Ehe zwischen Ariern und Juden verboten, worunter auch die getauften und konvertierten katholischen Nichtarier, also katholische Christen fielen, protestierten die Bischöfe allerdings nicht, womit sie ihre Seelsorgepflicht verletzten132. Die bedeutendste Auseinandersetzung mit dem Weimarer Staat führten Bertram und die Bischöfe in der Schulfrage. Nach Artikel 146 der Weimarer Verfassung war die interkonfessionelle Gemeinschaftsschule die Regelschule, es konnten jedoch auf Antrag der Erziehungsberechtigten konfessionsgebundene oder weltanschauliche, also konfessionslose, weltliche Schulen eingerichtet werden. Die Verfassung übergab dem Reichsgesetzgeber die Regelung der Schulfrage in einem Reichsschulgesetz als Aufgabe und Hypothek für die kommenden Jahre. Ein solches Reichsschulgesetz kam während der Weimarer Zeit nicht zustande, da der in der Verfassung gefundene Schulkompromiss von keiner Seite akzeptiert wurde. Die Konservativen traten für die Konfessionsschule als Regelschule ein, während die Liberalen und Linken die strikte Trennung von Schule und Religion forderten und die Konfessionsschule deswegen grundsätzlich ablehnten. In der Auseinan130

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Bertram an Marx vom 11.6.1925, in: Ebd., Nr. 325, S. 648 f. Im Dezember 1927 wiederholte er seine Frage gegenüber der Reichstagsfraktion des Zentrums: »Was in aller Welt berechtigt die Gesetzgeber in Reich und Staat, gegen eine liturgische Handlung, die rein innerkirchlichen Wert und keinerlei Einfluß auf bürgerliche oder staatliche Belange hat, mit Strafbestimmungen einzuschreiten...?« Bertram an Vorstand der Reichstagsfraktion des Zentrums vom [vor 8.12.1927], in: Ebd., Nr. 418, S. 844-847. Nachdem unter anderem durch eine Eingabe Bertrams im November 1942 ein geplantes Gesetz zur »freiwilligen« Trennung von Ehepartnern gemischter Rasse, worunter auch katholische »Nichtarier«, also zum Katholizismus konvertierte Juden und deren Nachkommen, zählten, gestoppt werden konnte, stand dieses Gesetz im April 1943 erneut kurz vor der Veröffentlichung (Aufzeichnung Bernings über ein Treffen mit Margarete Sommer vom 6.4.1943, in: L. VOLK (Bearb.), Akten VI, S. 62 f., Anm. 1). Daraufhin verfasste Bertram ein Hirtenwort über die Ehe, in dem er die katholische Glaubenslehre deutlich über die Rassenlehre stellte (Bertrams Entwurf eines Hirtenwortes vom 13.4.1943, in: Ebd., Nr. 833b, S. 64). Zwar war es nicht allein die Androhung, das Hirtenwort von der Kanzel zu verlesen, die das geplante Gesetz stoppte, doch zeigt diese Episode deutlich, dass Bertram hier nicht bereit war, im Bereich der Heilslehre Zugeständnisse zu machen. L. VOLK, Episkopat, S. 690. »Weder offen noch intern protestierten die deutschen Bischöfe, obwohl damit eindeutig katholischen Christen die Ehe, also ein gnadenspendendes Sakrament, verweigert wurde – die Bischöfe hätten hier als Seelsorger zweifellos einschreiten müssen.« W. ZIEGLER, Katholische Bischöfe, S. 419.

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dersetzung um die schulische Kinder- und Jugenderziehung traten somit die weltanschaulichen Gegensätze der unterschiedlichen sozialen und gesellschaftlichen Schichten der Weimarer Republik deutlich zu Tage133. Bertram und der Episkopat waren nicht bereit, den Schulkompromiss mitzutragen. Sie behielten ihre schulpolitischen Forderungen, die das Zentrum in den parlamentarischen Debatten durchzusetzen versuchte, aus religiösen Gründen über die Weimarer Jahre hinweg konsequent bei. In ihrer Denkschrift zum Reichsschulgesetz vom 20. November 1920 formulierten sie prägnant: »Wir fordern für die katholischen Kinder katholische Volksschulen, in denen die Kinder von gläubigen katholischen Lehrern und Lehrerinnen in Übereinstimmung mit dem Willen der Erziehungsberechtigten im Geiste der katholischen Religion unterrichtet und erzogen werden.«134 In diesem Sinne forderte Bertram immer wieder von den Eltern den Einsatz für die Konfessionsschule. Hinter dieser Forderung stand die Befürchtung, dass die Kinder und Jugendlichen durch eine weltliche Erziehung in der Schule zuerst glaubenskalt und später religionslos werden würden135. Tatsächlich blieb die Konfessionsschule in der Weimarer Republik die Regel, da die beiden christlichen Kirchen die Elternschaft wesentlich stärker für ihr Schulideal mobilisieren konnten als die Linken und Liberalen. Die engen Beziehungen zwischen Bertram – der hier im Namen seiner deutschen oder zumindest preußischen Amtsbrüder, aber ohne vorherige Absprache mit diesen, sprach – und dem Zentrum in Bezug auf dessen Leistungen für katholische Schulen wurden in einem Artikel in der Schlesischen Volkszeitung Anfang Dezember 1924 deutlich: »Meine bischöflichen Amtsbrüder und ich haben die Überzeugung, daß das Zentrum stets, wo und wie immer die Verhältnisse es für 133

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L. RICHTER, S. 654-672. Bertram stand mit dem Vorsitzenden der Reichstagsfraktion des Zentrums Marx als dem »maßgebende[n] Schulpolitiker seiner Partei« in Kontakt und wurde von diesem über die Verhandlungen informiert. G. GRÜNTHAL, S. 87, 91, 124, 127 f., 139, 150; D.H. GENTSCH; F. HENNECKE (Hrsg.). Denkschrift der Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands über die konfessionelle Schule vom 20.11.1920, BArch – R 43 I/777, f. 145r-147r, hier 145r. L. RICHTER, S. 670 bezeichnet diese Denkschrift zu Recht als problematisch, da sie der Aufforderung gleich kam, »die Verfassungsbestimmungen über das Schulwesen als eine quantité négligeable zu betrachten.« Um »die Augen weiterer Kreise auf die Denkschrift« zu richten, bat Bertram Nuntius Pacelli um den Abdruck im Osservatore Romano. Bertram an Pacelli vom 24.11.1920, ASV – ANB, Pos. 85, fasc. 2, f. 213r-214r. L’ordinamento scolastico tedesco secondo la nuove costituzione, in: OR Nr. 269-273 vom 10.14.11.1920. Siehe beispielsweise A. BERTRAM, Katholische Elternvereinigungen zum Schutze der katholischen Schulen vom 4.1.1920, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 39, S. 154-157. In diesem Hirtenwort wie auch später stellte sich Bertram im Gegensatz zu v.a. den bayerischen Bischöfen auf den Boden der Verfassung und rief die katholischen Eltern dazu auf, die Konfessionsschulen durch ihre Forderung zu retten. G. GRÜNTHAL, S. 69. Bertram wiederholte solche Aufrufe über die folgenden Jahre hinweg. Siehe die umfangreichen Einträge im Register von W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe zu den Stichwörtern Bekenntnisschule, Privatschule, Schule, Simultanschule etc. Siehe auch die umfangreichen Bestände AAW – IA 25 a14; Ebd., b128-129; Ebd., d18; Ebd., e61; Ebd., k20; Ebd., k91; Ebd., o2; Ebd., p23; Ebd., p74; Ebd., r47; Ebd., r53; Ebd., s48; Ebd., s70; Ebd., s156; Ebd., s170-174; Ebd., v64; Ebd.,v104-106; z115; ASV – ANB, Pos. 84, fasc. 2 sowie BArch – R 43 I/777, f. 401r-v.

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möglich erscheinen ließen, nach bestem Können für die religiösen Güter der Katholiken eingetreten [ist], und daß es auch in Zukunft diesem Grundsatz treu bleiben [wird].«136 Trotz Bertrams Kritik an den staatlichen Versuchen, der Kirche traditionelle Betätigungsfelder wie Familie und Jugenderziehung streitig zu machen, beteuerte er auch dem republikanischen Staat seine Treue. Betrachtet man seine folgende Äußerung, so kann man ihn durchaus als einen »Vernunftrepublikaner« bezeichnen137: »Wenn so die Kirche ihre Stellung, ihre Rechte und ihre Aufgaben unter jeder Staatsform wahrt und verteidigt, so ist sie nichtsdestoweniger die festeste Stütze der staatlichen Ordnung, weil sie ihre Glieder anleitet, um des Gewissens willen, um Gottes willen der Obrigkeit in allem Erlaubten zu gehorchen ... Alles das zeigt im hellen Lichte die Bedeutung der Kirche für das öffentliche Leben. Sie ist und bleibt die zuverlässigste Stütze der öffentlichen Ordnung selbst in den Zeiten, in denen man sie aus dem öffentlichen Leben verdrängen will. Auch solche Zeiten gehen vorüber. Wie sie gekommen sind. Die Kirche aber überlebt sie und bietet stets von neuem ihre machtvollen sittlichen und übernatürlichen Kräfte zum Wiederaufbau neuerer Ordnung an.«138

3. BERTRAM UND DIE OBERSCHLESIENFRAGE (1914-1925) a) Rahmenbedingungen und Erster Weltkrieg

Sowohl für die deutsche als auch für die polnische Republik lag die zentrale Bedeutung Oberschlesiens nach dem Ersten Weltkrieg in dessen wirtschaftlicher Potenz. Seit dem 19. Jahrhundert hatte Oberschlesien einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung erfahren und um die Städte Kattowitz und Gleiwitz hatte sich ein Industriegebiet entwickelt, das in seiner wirtschaftlichen Bedeutung für das Deutsche Reich gleich hinter dem Ruhrgebiet lag139. Oberschlesien war ein »Verbindungsland« zwischen »›deutscher‹ und ›slawischer‹ Kultur und Geschichte«, ein sprachliches Mischgebiet, in dem Deutsch, Polnisch, d.h. der »wasserpolnische« oder »schlonsakische« Dialekt und nicht die polnische Hochsprache, sowie in geringem Umfang Mährisch und Sorbisch ge136 137 138

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SV vom 1.12.1924, zitiert nach W. VOGEL, S. 337, Anm. 15. Siehe dazu M. STEBER. A. BERTRAM, Die Kirche unsere Mutter und unsere Hoffnung vom 15.1.1920, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 40, S. 170. 1913 wurden beispielsweise 21 Prozent der deutschen Kohleproduktion aus dem oberschlesischen Industriegebiet gewonnen. G. CAMPBELL, S. 361-385, hier 361. Außerhalb des Industriegebietes bewahrte das westliche Oberschlesien jedoch seinen ländlichen Charakter. Für einen kurzen Überblick über die Geschichte dieser »europäischen Kulturlandschaft« siehe G. HITZE, S. 55-69, hier 55. Zur Entwicklung von Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft in Schlesien bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs siehe K. FUCHS, Rahmenbedingungen, S. 946-971.

3. Bertram und die Oberschlesienfrage (1914-1925)

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sprochen wurde140. Die preußische »Ostmarkenpolitk« des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war trotz der »freiwilligen Germanisierung« großer Teile der polnischsprachigen Führungsschichten vor allem bei der oberschlesischen Landbevölkerung auf Ablehnung gestoßen141. Mit Hilfe der Sprachenerlasse aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollten das Deutsche zur einzigen Sprache Oberschlesiens gemacht und die mehrheitlich polnischen Muttersprachler Oberschlesiens germanisiert werden. Auch wenn sie nicht überall rigoros umgesetzt wurden, gaben die Sprachenerlasse in der polnischsprachigen Bevölkerung Anlass zur Ablehnung des Deutschtums. Zusätzlich schürte die Besetzung der Verwaltung mit vornehmlich preußischen Protestanten das Misstrauen der katholischen Oberschlesier. Diese und weitere Germanisierungsbestrebungen führten zu dem Schlagwort »Germanisierung ist Protestantisierung«142. Die Tatsache, dass die Oberschlesier mehrheitlich polnisch als ihre Muttersprache angaben, machte sie noch nicht zu Polen im nationalen Sinn143. Zwar wurden polnische Muttersprache und Zugehörigkeit zur polnischen Nation im Laufe der Nationalitätenkämpfe während und vor allem nach dem Ersten Weltkrieg immer wieder miteinander verbunden, doch die regionale, ethnische und religiöse Identität der Oberschlesier hatte vielfach einen höheren Stellenwert als die Zugehörigkeit zur deutschen oder polnischen Nation144. Der Einfluss der katholischen Geistlichkeit im oberschlesischen Teil der Diözese Breslau war sehr hoch und der Klerus genoss ein erhebliches soziales Ansehen. Tatsächlich war der Beruf des Priesters für viele polnischsprachige Oberschlesier oft der einzige Weg zu gesellschaftlichem Ansehen, wollten sie sich nicht der deutschen Gesellschaft anpassen, denn sozialer Aufstieg war in Oberschlesien an die deutsche Sprache gekoppelt145. An den neuen Fürstbischof Bertram wurden direkt zu Beginn seines Pontifikats die Forderungen der polnischsprachigen Diözesanen herangetragen: das Abhalten von schulischem Religions- und von au140

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M. ALEXANDER, Oberschlesien, S. 465-467, hier 465; J. GOSCOŁ. »Grob vereinfachend kann man feststellen, daß die Sprachgrenze in Oberschlesien weitgehend entlang der Oder verlief. Während östlich des Flusses das Polnische dominierte, war auf dem linken Oderufer sowie in den größeren Städten überhaupt die deutsche Sprache vorherrschend.« G. HITZE, S. 61. H. JABLONOWSKI, S. 9. Zur Nationalitätenpolitik im Kaiserreich siehe M. BROSZAT, S. 129-172; R. BAIER; E. GATZ (Bearb.), Akten Kirchenpolitik; H.-U. WEHLER, S. 114-118; G. HITZE, S. 60-68, 80-82; M. ALEXANDER, Geschichte Polens, S. 249-251; J.K. HOENSCH, Geschichte Polens, S. 230-235. Bei der amtlichen deutschen Volkszählung im Jahr 1910 gaben 52,9 Prozent der Oberschlesier polnisch als ihre Muttersprache an, 40,0 Prozent deutsch. 7,0 Prozent waren zweisprachig und 0,1 Prozent sprachen im »Hultschiner Ländchen« mährisch. G. HITZE, S. 207. Wie die Ergebnisse der letzten Reichstagswahl vor dem Ersten Weltkrieg vom 12.1.1912 belegen, wählten nicht alle Oberschlesier polnischer Muttersprache auch zwangsläufig polnische Abgeordnete in den Reichstag, denn diese erhielten im oberschlesischen Regierungsbezirk Oppeln lediglich 30,8 Prozent der abgegebenen Stimmen. H. NEUBACH, Nationalitätenverhältnisse. G. HITZE, S. 64; M. ALEXANDER, Oberschlesien, S. 480 f.; D. SIMONIDES. »Die Sprachenfrage verquickte sich ... mit der sozialen und – in vielen Fällen – mit der konfessionellen Problematik.« G. HITZE, S. 74 f.; M. ALEXANDER, Oberschlesien, S. 473 f.

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ßerschulischem Beicht- und Kommunionsunterricht in der Muttersprache der Kinder, die Einführung von polnischsprachigem Lese- und Schreibunterricht sowie das Singen von polnischen Volks- und Kirchenliedern146. Bertram reagierte auf diese Forderungen mit einem Erlass vom 12. August 1915. Er bestimmte, dass die Kinder, die ihre Religion jahrelang in deutscher Sprache ausgeübt hatten, auch am von der Kirche organisierten deutschen Beicht- und Kommunionsunterricht teilnehmen sollten. Kinder, die ihre Religion auf Polnisch erlernt hatten und kein Deutsch verstünden, sollten den polnischen Beicht- und Kommunionsunterricht besuchen. Wenn die Kinder das Deutsche verstanden, die Eltern jedoch bezweifelten, dass es die richtige Sprache für die religiöse Erziehung sei, dann müsse der zuständige Pfarrer nach den religiösen Interessen des Kindes entscheiden. Da dieses mit hoher Wahrscheinlichkeit zukünftig auf deutschsprachige Gottesdienste angewiesen sein würde, müsse es frühzeitig in dieser Sprache unterrichtet werden147. Die Verantwortung dafür sah Bertram bei den Sprachenerlassen der preußischen Regierung. »Da gemäß staatlicher Zwangsverfügung der gesamte schulplanmäßige Religionsunterricht in allen Schulen nur in deutscher Sprache erteilt wird, kommt es ganz von selbst, daß auch Kinder polnischer Eltern die gesamten religiösen Begriffe so in der deutschen Sprache sich angeeignet haben, daß ein Umlernen in die polnische Ausdrucksweise mehr Schwierigkeiten als Nutzen verursachen würde. Der Beicht- und Kommunions-Unterricht liegt außerhalb des Schulplans; für diesen Unterricht muß diejenige Sprache gewählt werden, in der das Kind am besten folgen kann. Was im Einzelfalle für das Kind das Nützlichste ist, das muß dann doch der Pfarrer am besten beurteilen können!«

Daraus ergab sich in der Praxis, dass die religiöse Unterweisung von polnischsprachigen Kindern in ihrer Muttersprache seitens der Kirche die Ausnahme und nicht die Regel war. Auf der Basis der gesetzlich gegebenen Umstände ließ Bertram die langsame Germanisierung der polnischsprachigen Kinder im religiösen Bereich aus seelsorglichen Gründen fortführen. Zwar ließ er polnischsprachigen Beicht- und Kommunionsunterricht prinzipiell zu, doch auf lange Sicht würde durch diese Vorgehensweise die Anzahl der polnischsprachigen Oberschlesier zurückgehen. Bertram erkannte, dass diese Regelung in Zukunft zu Problemen führen würde. »Nach dem Krieg werden diese Bewegungen aber intensiv einsetzen und vielleicht noch sehr viel Bitterkeit bereiten« prophezeite Bertram zu Recht, »denn die Hoffnungen, die zahlreiche Polen auf günstigen Ausgang des Krieges für sich setzen, werden sich kaum ganz erfüllen; diese Wirren werden den Bischöfen von Breslau und Culm noch arge Kämpfe bereiten.« 146

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Siehe beispielhaft Adam Napieralski, Führer der polnischen »Katolik-Partei«, an Bertram vom 15.4.1915, AAW – IA 25 o9. Erlass Bertrams zum Beicht- und Kommunionsunterricht in Berlin vom 12.8.1915, AAW – IA 25 o9.

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Im Fall einer konkreten Beschwerde eines polnischen Vaters über Bertram beim Heiligen Stuhl wegen des deutschsprachigen Beicht- und Kommunionunterrichts seines Sohnes sah Bertram den Ursprung im nationalpolnischen Lager. »Der Vater ist wahrscheinlich von dritter Seite verhetzt. Die Eingabe an den Heiligen Vater ist nicht in seinem Garten gewachsen; sie dürfte das Werk von Winkeladvokaten sein.« Der Fürstbischof setzte sich dafür ein, dass dieser und ähnliche Fälle am besten vor Ort geregelt werden sollten. »Man wird in den römischen Kongregationen nur schwer solche Einzelfälle ganz genau beurteilten können. Bei einer Diözese von 3 ½ Millionen Deutscher, Polen und Böhmen dürfte, ohne in der Bewegung zu stehen, kaum ein richtiges Bild zu erlangen sein. Der hl. Stuhl pflegt daher, soweit mir bekannt, solche individuellen Fälle mit Vertrauen dem Ordinarius zu überlassen.«148 Dass national eingestellte Polen Bertram als Germanisator kritisierten, da er sich den staatlichen Germanisierungsbemühungen nicht widersetzte, ja sie sogar im kirchlichen Raum weiterführte, entbehrt nicht einer gewissen Berechtigung. Bertram erkannte das Recht der Kinder, die Religion in ihrer Muttersprache ausüben oder das Recht der Eltern, die Sprache der religiösen Erziehung der Kinder bestimmen zu können, nicht uneingeschränkt an. Dabei ließ er sich aber primär von seelsorglichen und nicht von nationalen Motiven leiten, was in den Konsequenzen für die polnischsprachigen Eltern und Kinder jedoch keinen Unterschied machte. Die preußische Regierung hatte somit ihr Ziel erreicht und mit Bertram einen Mann als Fürstbischof von Breslau durchgesetzt, der national zuverlässig war und »Verständnis für staatliche Interessen« zeigte149. Schließlich ließ er die oberschlesischen Kinder auf ein zukünftiges religiöses Leben in einer deutschsprachig dominierten Umgebung vorbereiten – sie auf ein Leben im polnischsprachigen Raum vorbereiten zu lassen, schien ihm als Bischof einer deutschen Diözese unvernünftig. Trotz seines Verständnisses für staatliche Interessen machte Bertram die preußische Sprachenregelung für die Unzufriedenheit der polnischsprachigen Oberschlesier verantwortlich, weshalb er versuchte, diesbezüglich Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger zu nehmen. Würde die Regierung den polnischen Wünschen entgegenkommen, würde sie den Vorwurf der Germanisierung zurückweisen können. Deswegen setzte sich Bertram beim Zentrumspolitiker Matthias Erzberger dafür ein, dass die politischen Rahmenbedingungen in Oberschlesien geändert werden sollten: Stärkung des Dialekts der polnischsprachigen Oberschlesier nicht nur in der Schule, sondern auch in der Verwaltung, vor Gericht sowie im sozialen Bereich. Darüber hinaus schlug er vor, dass die seelsorgliche Betreuung für die polnischen Wanderarbeiter – auf der Basis seiner Erfahrungen im Bistum Hildesheim – ausgebaut werden solle150. 148 149

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Bertram an Frühwirth vom 17.10.1916, ASV – ANM, Pos. 297, fasc. 3, f. 5r-6v, hier 5v-6r. Trott zu Solz an Bethmann Holleg vom 13.11.1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 141. Bertram an Erzberger vom 10.2.1916, AAW – IA 25 o9.

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Während des Krieges wurde es zum Ziel der neuen deutschen Polenpolitik, die Unterstützung der in Deutschland lebenden Polen zu gewinnen. Erzberger befürchtete, diese würden sich nun entweder Russland annähern oder einen eigenen polnischen Staat anstreben151. Um dem entgegen zu wirken, plante die Regierung die Aufhebung der Sprachenerlasse und die Einführung des polnischsprachigen Schulunterrichts. Obwohl Bertram diese Maßnahmen prinzipiell befürwortete, sah er doch praktische Probleme, die vor deren Einführung gelöst werden müssten. Die Regierung hatte den polnischsprachigen Schulunterricht jahrelang verweigert, weshalb schlichtweg nicht genügend ausreichend qualifizierte Lehrkräfte zur Verfügung stünden152. Gegenüber dem Kölner Erzbischof Hartmann lehnte Bertram im Dezember 1916 dessen Vorschlag nach einem eigenen Hirtenwort des Hl. Stuhls an die Polen in Deutschland ab, da dies nur bei eklatant drohender Gefahr notwendig werde. Stattdessen erstellte er eine 16 Punkte umfassende Liste, deren Maßnahmen, sollten sie befolgt werden, zur Beruhigung der Polen in Deutschland beitragen sollten. Damit der Vorwurf »Germanisierung gleich Protestantisierung« entkräftet werden könne, müssten vermehrt Katholiken bei der Ansiedlungspolitik im deutschen Osten berücksichtigt werden. Die Ansiedlung Deutscher in mehrheitlich von Polen besiedeltem Gebiet stellte Bertram somit nicht grundsätzlich in Frage. Die sozialen Probleme der Polen in Deutschland sowie der Wanderarbeiter müssten gemildert werden. Alle Geistlichen der Diözese Breslau müssten zukünftig die jeweils andere Sprache lernen. In der Schule müssten die polnische Sprache und Literatur staatlicherseits gefördert und der Druck der Regierung, Beichte und Kommunion in deutscher Sprache abzuhalten, abgestellt werden. Zusätzlich müsse der Zugang von polnischen Muttersprachlern zu Pfarrstellen erleichtert werden, was derzeit durch die staatliche Stellenbesetzung verhindert werde. In der Diözese Breslau konnte der Fürstbischof nur ein Drittel der Pfarrstellen frei besetzen, ca. zwei Drittel waren staatliche Patronate, d.h. die Stellenbesetzung wurde von der preußischen Regierung vorgenommen153. Um diese Forderungen durchzusetzen, solle der Kontakt zu gemäßigten polnischen Abgeordneten und der gemäßigten polnischen Presse gesucht werden, forderte Bertram. »Die obige Zusammenstellung von Vorschlägen weckt vielleicht in manchen Kreisen die Vermutung einer Hinneigung zum Polonismus. Nun, ich bitte, mit aller Sachlichkeit zu prüfen, ob im Obigen sich Gedanken finden, die mit dem Staatswohl nicht vereinbar wären« oder dem Schutz der deutschen Eigenart widersprächen154. Bertram saß mit seiner Haltung zwischen den Stühlen. Einerseits wurde er von Nationalpolen, die von seinen Bemühungen um Vertretung der Interessen der polnischsprachigen Oberschlesier nichts wissen wollten, als Germanisator betrachtet, 151 152 153 154

Erzberger an Bertram vom 3.4.1917, Ebd. Bertram an Erzberger vom 20.6.17, Ebd. H. MUSSINGHOFF, S. 179. Siehe Kap. III.4.a. Bertram an Hartmann vom 20.12.1916, AAW – IA 25 o9.

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andererseits wusste er, dass seine Vorschläge von national eingestellten Deutschen als Polonisierungsmaßnahmen aufgefasst werden konnten. Bei all diesen Erwägungen darf nicht vergessen werden, dass der Erste Weltkrieg in Europa tobte und viele polnische Muttersprachler mit deutscher Staatsbürgerschaft auf eine deutsche Niederlage setzten, aus der ein neuer polnischer Staat entstehen sollte155. Seinen theologischen Grundüberzeugungen folgend, forderte Bertram im Juni 1917 die polnischen Muttersprachler seiner Diözese zur Treue gegenüber dem deutschen Vaterland auf: »Der Gehorsam gegen Gottes Ordnung soll allen zum Ansporn dienen, unter den Angehörigen verschiedener Stämme und Sprachen Spannungen und Gegensätze nicht zu steigern, sondern zu überbrücken. Niemand tadelt es, wenn Du zu Deiner Muttersprache und Deinem Stamme besondere Liebe fühlst ... Aber die Zugehörigkeit zu dem gemeinsamen Vaterlande macht Dir zur Pflicht, aufrichtige brüderliche Liebe den Mitbrüdern anderer Abstammung und anderer Zunge zu erweisen.«

Mit »Ruhe, Mäßigung und Bereitheit zur Verständigung« wollte er die nationalen Konflikte behandelt sehen. Denn »hoch über allen Verschiedenheiten steht die Liebe zum Vaterlande, die Liebe zur Ordnung in Staat und Gemeinde und die Einheit in der Kirche Jesu Christi, die die Angehörigen aller Stände und Sprachen als wahre Mutter mit gleicher Liebe umfängt.«156 In seinem folgenden Fastenhirtenbrief vom Januar 1918 wiederholte er diese Mahnung: »Seid Ihr nicht Kinder desselben Vaterlandes und derselben Kirche?«157 Dass viele polnische Muttersprachler nicht Deutschland, sondern Polen als ihr Vaterland ansahen, erkannte oder verstand Bertram nicht. Bei aller Verständigungsbereitschaft machte der katholische Universalismus hier auch bei Bertram an der nationalen Grenze halt und konnte nicht friedensstiftend wirken. Bertram, der als Fürstbischof von Breslau – in Nachfolge Kopps – einen Sitz im Preußischen Herrenhaus hatte, griff am 27. Februar 1918 im Rahmen der Verhandlungen über die Novellierung des umstrittenen Ansiedlungsgesetzes in die parlamentarische Debatte ein und forderte den polnischsprachigen Schulunterricht in Oberschlesien158. Die Ursache für die aufgekommene Agitation zu 155

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Zur Entwicklung der Eigenstaatlichkeit Polens während des Ersten Weltkriegs siehe M. ALEXANDER, Geschichte Polens, S. 260-270; J.K. HOENSCH, Geschichte Polens, S. 236-242. A. BERTRAM, Oberhirtliche Kundgebung am Ende des dritten Kriegsjahres vom 23.7.1917, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 27, S. 95. A. BERTRAM, Zeitgemäße Mahnungen des Firmtages vom 18.1.1918, in: Ebd., Nr. 28, S. 96-111, hier 110. Das Gesetz ermöglichte staatliche Enteignungen (von Grundbesitz polnischer Muttersprachler) für die Ansiedlung von Deutschen im Osten des Reiches. Zwar war dieses Gesetz erst einmal angewandt worden, doch hatte es für erheblichen Zündstoff gesorgt. R. BAIER, S. 58-60. Der Enteignungsparagraph stellte in Bertrams Augen das »Schmerzlichste« des ganzen Gesetzes dar und müsse abgeschafft werden. Bericht der XV. Kommission für Vorberatung des Entwurfs eines Gesetzes wegen Änderung des Gesetzes, betreffend die Beförderung deutscher Ansiedlungen in den Provinzen Westpreußen und Posen vom 26.4.1886 (Gesetzsammlung S.131) in der Fassung des Gesetzes über Maßnahmen zur Stärkung des Deutschtums in den Provinzen Westpreußen und Posen vom 20.3.1908 (Gesetzsammlung S.29) am 27.2.1918, in: Anlagen zu Verhandlungen des Preußischen

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Gunsten Polens liege an der Übernahme der polnischen Führung durch Zeitungsredakteure und dem damit einhergehenden Rückgang des klerikalen Einflusses. Es sei ein Nachteil, dass »die gebildeten Oberschlesier sich nicht in der Sprache des Volkes mit diesen [ungebildeten Oberschlesiern] verständigen könnten, weil sie [die Gebildeten] in der Schule nur deutsch lernten. Die polnischen Agitatoren aber« würden »in der Sprache des Volkes« sprechen. Deshalb sei Polnischunterricht notwendig, vor allem bei kleinen Kindern, die die Religion zu Hause schließlich auf polnisch erlebten. Nach der Unterstufe solle der Unterricht dann in der Mittelstufe auf deutsch fortgesetzt werden. Er bat die Anwesenden, »nicht alle Dinge mit Mißtrauen zu beobachten« und mehr katholische Geistliche zur Ortsschulaufsicht zuzulassen, da schließlich auch fast alle evangelischen Geistlichen Schulinspektoren seien. Zusätzlich setzte sich Bertram für einen fakultativen polnischen Leseunterricht ein und forderte, dass das polnische Kirchenlied nicht ganz aus der Schule ausgeschlossen werden solle, da schließlich die Eltern im Gottesdienst auch deutsch mitsingen würden159. b) Revolution

Im Vergleich zu Niederschlesien, wo die Revolution vergleichsweise ruhig ablief, geriet die Lage im oberschlesischen Industriegebiet im Spätherbst 1918 in zunehmendem Maße außer Kontrolle – die Gruben wurden bestreikt und die öffentliche Sicherheit war nicht mehr gewährleistet. Zunehmende soziale Deklassierung, ethnische Diskriminierung sowie politische Entrechtung im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte – zusätzlich verschärft durch den Krieg – führten dazu, dass Teile der Arbeiterschaft ihrer Wut freien Lauf ließen. Parallel dazu verschärfte sich die nationalpolnische Agitation, die sich die soziale Unzufriedenheit für ihre nationalen Ziele zu eigen machte. Nicht nur im Industriegebiet, sondern auch auf dem Land wurden polnische Volksräte gegründet, die die Loslösung Oberschle-

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Herrenhauses 1916-1918, Bd. 2, Nr. 237, S. 1001-1024. Die Ausführungen der Mitglieder der Kommission sind nicht namentlich gekennzeichnet, doch die Ausfertigung im Nachlass Bertrams enthält an der betreffenden Stelle, S. 1010, den handschriftlichen Vermerk Bertrams »Fürstbischof Breslau«. Siehe AAW – IA 25 p11. Ebd. Der Gesetzesentwurf wurde in der Beratungskommission mit zwölf gegen acht Stimmen angenommen und daraufhin in der Sitzung des Preußischen Abgeordnetenhauses vom 6.3.1918 debattiert, wo der Zentrumsabgeordnete Hugo Stanke Bertrams Forderungen referierte. 122. Sitzung des Preußischen Abgeordnetenhauses vom 6.3.1918, in: Wörtliche Berichte, 22. Legislaturperiode, III. Tagung 1916-1918, Bd. 7, Sp. 8174-8251, hier Sp. 8202. Die Gesetzesänderung kam allerdings zu spät, um der polnischen Agitation erfolgreich entgegen zu wirken, und auch der Einsatz Bertrams für die polnischsprachige Bevölkerung Oberschlesiens wurde von den polnischen Agitatoren nicht wahrgenommen. Durch den Erlass des Preußischen Kultusministeriums vom 31.12.1918 wurde die polnische Muttersprache im Religionsunterricht zugelassen. Bertram begrüßte dies im Amtsblatt der Diözese. VERORDNUNGEN DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN GENERAL-VIKARIAT-AMTES ZU BRESLAU, Nr. 657 vom 10.4.1919 mit dem Abdruck des Erlasses des Kultusministeriums sowie einem eigenen Kommentar vom 2.4.1919.

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siens von Deutschland und den Anschluss an den neu zu schaffenden polnischen Staat forderten160. Damit griffen sie die Forderung des nationalpolnischen Abgeordneten im deutschen Reichstag und späteren polnischen Plebiszitkommissars für Oberschlesien, Albert (Wojciech) Korfanty, vom 25. Oktober 1918 auf. Dieser hatte mit Bezug auf Punkt 13 der berühmten 14 Punkte des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson einen unabhängigen polnischen Staat mit freiem Zugang zum Meer gefordert. Das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker müsse auch in Oberschlesien zur Anwendung gebracht und alle »unzweifelhaft polnischen Kreise Oberschlesiens« von Deutschland abgelöst und dem neuen polnischen Staat zugeschlagen werden161. Bertram wurde bereits Anfang November 1918 seitens der Reichswehr darauf aufmerksam gemacht, dass nationalpolnische Ideen in die christliche Arbeiterschaft Oberschlesiens eingedrungen seien. Da solchen Ideen bisher von »gebildeten Kreisen« zu wenig entgegengestellt worden sei, wurde er gebeten, »den großen Einfluß der kirchlichen Organe der Bekämpfung dieser anti-deutschen Propaganda dienstbar zu machen.«162 In der Tat folgte Bertram dieser Aufforderung und wandte sich hierfür an den Reichstagsabgeordneten und Erzpriester im Dekanat Groß-Strehlitz, Joseph Glowatzki. Dieser war in den ersten Novembertagen an der Gründung einer »Zentrale des katholischen Klerus in Oberschlesien« mit dem Ziel der »Einigung und Verständigung in religiös-politischen Angelegenheiten vom Standpunkt der Zentrumspartei« beteiligt163. Glowatzki möge sich, so regte Bertram an, im »engsten Kreise« mit einigen Priestern besprechen: Das in Römer 13,1 »markant ausgesprochene Gottesgebot der Untertanentreue« müsse vom katholischen Volk mit »alter Treue« erfüllt werden. Darüber hinaus solle Aufklärungsarbeit über die Folgen eines Anschlusses an ein anderes Land, also Polen, geleistet werden. Einerseits sei ein solches Vorgehen Priesterpflicht und »mit aller Festigkeit zu verlangen«, andererseits gebiete es »die Liebe zum Volke, ohne der jedem zustehenden politischen Bewegungsfreiheit zu nahe zu treten.« Bertram unterstützte somit die Beeinflussung der oberschlesischen Bevölkerung durch den Klerus im deutschen Sinn, wobei er freilich darauf achtete, dass der Kreis der Geistlichen, die sich für die deutsche Sache einsetzten, überschaubar bleiben würde, Andersdenkende nicht unterdrückt würden und seine eigene Einflussnahme vertraulich blieb. Dabei war ihm bewusst, dass die Stellung des Klerus in dieser Frage »schwierig« sei und dass seine eigene Haltung, obwohl er »in aller Öffent160 161

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G. HITZE, S. 166 f., S. 173 f. »Aus der Rede des polnischen Reichstagsabgeordneten Korfanty« vom 25.10.1918, in: Ursachen und Folgen, Bd. 3, Nr. 692, S. 313-315; S. KARSKI, Korfanty, S. 177-181. Zum Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker siehe O. KIMMINICH, S. 11-39. Zu den 14 Punkten Wilsons siehe dessen Rede vor dem US-Kongreß vom 8.1.1918, in: FRUS 91, 1918, Suppl. 1, S. 12-17, hier 15 f. Stellvertretendes Generalkommando des VI. Armeekorps an Bertram vom 3.11.1918, AAW – IA 25 t8. Glowatzki an Bertram vom 5.11.1918, Ebd.; Statuten des katholischen Klerus Oberschlesiens, Ebd.

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lichkeit für die berechtigten Forderungen der polnischen Diözesanen eingetreten ... [sei], verdächtigt« werde. Solche Verdächtigungen waren, wie dieses Schreiben zeigt, nicht abwegig und die Polen fürchteten die Einflussmöglichkeiten des deutschen Fürstbischofs auf die katholische Bevölkerung nicht zu Unrecht164. Bertram leitete seinen Klerus dazu an, Seelsorge und Politik voneinander zu trennen. Auf Anfrage des Posener Domkanonikers und späteren Bischofs von Kattowitz, Stanislaus Adamski, der einer der drei Kommissare des »Obersten Polnischen Volksrats« war und als solcher auch auf der anstehenden Vollversammlung der polnischen Volksräte Anfang Dezember vertreten sein würde, legte Bertram die diesbezüglichen Grundsätze des Hl. Stuhls dar, denen er selbstverständlich folge. So habe bereits die Fuldaer Bischofskonferenz beschlossen, »daß die Kanzel nicht zum ›Politisieren‹ benutzt werden« dürfe. Diese Vorschrift habe er auf der Erzpriesterkonferenz im Oktober des Jahres wiederholt und in seinem Erlass vom 11. November vertrete er ebenfalls diese Linie165. Es sei sein Wunsch, dass beide Seiten diese Vorgaben befolgen würden. Das hieß, dass er weder gegen deutsche noch gegen polnische Geistliche vorgehen werde, solange der kirchliche Binnenraum nicht für politische Reden benutzt würde. Er bat um Verständnis dafür, dass er »jene vorsichtige Zurückhaltung« sich »auferlege, die die über allen politischen Differenzen stehende höhere Aufgabe der Kirche dem Oberhirten nahe« lege166. Damit machte Bertram deutlich, dass er Verstöße gegen seine Anweisungen nicht in der Öffentlichkeit zu debattieren wünschte, sondern intern regeln wollte, um nicht noch weiteres Aufsehen zu erregen. Dass er dadurch Raum für Spekulationen in der nationalen und kirchenkritischen Presse ließ, nahm er dabei in Kauf. In seiner Anweisung an den Klerus betonte der Breslauer Fürstbischof am 22. Dezember, dass es die Pflicht eines jeden Priesters sei, »den Gläubigen jeder Sprache gleiche Liebe und gleiche Rücksicht nach bestem Können zu erweisen. Pflicht ist es, alles zu meiden, was unheilvolle Spaltung der Pfarrgemeinde steigern würde.«167 Die Streiks und Unruhen in Oberschlesien hielten im November und Dezember 1918 an. Erst die »Breslauer Beschlüsse« vom 30. Dezember führten zu einer zeitweiligen Beruhigung. Sie waren das Ergebnis einer Konferenz zwischen Parteien, Industrie und Gewerkschaften und sagten »eine größere Bewegungsfreiheit und eine gewisse Kulturautonomie« für Oberschlesien zu168. Die Autonomieempfehlungen der »Breslauer Beschlüsse« umfassten auch die Errichtung einer fürstbischöflichen 164 165

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Bertram an Glowatzki vom 8.11.1918, Ebd. Hirtenschreiben der Bischofskonferenz vom 21.8.1918, in: E. GATZ (Bearb.), Akten Fuldaer Bischofskonferenz III, Nr. 335, S. 306. Siehe Kapitel III.1. Bertram an Adamski vom 24.11.1918, AAW – IA 25 t8. A. BERTRAM, Betreffend Haltung des Hochwürdigen Klerus der Diözese in den gegenwärtigen politischen Wirren vom 22.12.1918, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 33, S. 129. W. VOGEL, S. 40, Anm. 33 erkennt diese Forderungen zu Recht »als besonders erwähnenswerte Merkmale der Amtszeit des Breslauer Oberhirten.« R. SCHATTKOWSKY, Deutschland, S. 69; G. HITZE, S. 175-191; A. SCHMIDT-RÖSLER; G. DOOSE, S. 84-109.

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Delegatur für Oberschlesien169. Um dies zu verhindern, wandte sich Bertram an den Professor für Kirchengeschichte an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Breslau, Franz Xaver Seppelt. Dieser wurde vom Zentralrat für Schlesien als Berater herangezogen und fungierte als »persönlicher Vertreter« Bertrams in den Verhandlungen170. Zum jetzigen Zeitpunkt eine Delegatur zu schaffen, würde nur für Verunsicherung, ja sogar Ablehnung im Kirchenvolk sorgen, gerade weil sie vom revolutionären Zentralrat angeregt worden wäre, argumentierte der Fürstbischof. Außerdem schaffe die Kirche »neue Organisationen nicht in Zeiten politischer Siedehitze, sondern nach Eintritt ruhigerer, stabilerer Verhältnisse.« Zudem würden die »jetzigen interimistischen Regierungsherren ... zu wenig an Eventualitäten« denken, die er als Fürstbischof beachten müsse, wie die höhere Vergütung für einen Delegaten, was bei der unsicheren Finanzlage problematisch sei171. Tatsächlich konnte sich Bertram durchsetzen und von der Errichtung einer eigenständigen Delegatur Oberschlesien wurde vorerst abgesehen172. Die nationalpolnische Propaganda rief zu einem Boykott der Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919 auf, da bereits die Wahlteilnahme eine Identifikation mit dem Deutschen Reich bedeuten würde. Offensichtlich von solchen Aufrufen verunsichert, wandte sich ein polnischsprachiger Kaplan an Bertram, um nachzufragen, ob dessen Mahnung zur Wahrnehmung des Wahlrechts als Pflicht eines jeden Katholiken auch für Oberschlesien gelte. Das sei selbstverständlich, erwiderte Bertram, denn wer glaube, durch die Wahlbeteiligung einer Entscheidung über die Zukunft Oberschlesiens vorzubeugen, liege falsch. »Wenn aber durch Wahlenthaltung eine Verschiebung des Ergebnisses zu Gunsten der kirchenfeindlichen Parteien eintritt, so ist das eine Schädigung der kirchlichen Interessen in Deutschland und kann ungünstige Beeinflussung der kirchlichen Verhältnisse auch im polnischen Reiche zur Folge haben, da solche Bewegungen sich durchweg in Nachbarstaaten gegenseitig beeinflussen.«173 Aus diesen Worten wird erneut Bertrams pragmatische Einstellung zu Republik und Demokratie deutlich. Er wollte die gegebenen politischen Gestaltungsmöglichkeiten in Hinblick auf die Wahrung der kirchlichen Interessen und auf die Abwehr der Kirchenfeinde nutzen. Viele Befürworter eines polnischen Oberschlesiens konnte Bertram mit dieser Argumentation jedoch offensichtlich nicht von der Notwendigkeit einer Wahlbeteiligung überzeugen – sein Einfluss auf diese war bereits zu diesem Zeitpunkt gering und ging in den folgenden Monaten immer weiter zurück174. 169

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»Eine eigene Delegatur des fürstbischöflichen Stuhles für Oberschlesien mit dem Sitz im Industriegebiet wird bei den kirchlichen Behörden erbeten.« Zitiert nach G. DOOSE, S. 103, Anm. 1. EBD., S. 85. Bertram an Seppelt vom 8.1.1919, AAW – IA 25 t8. G. DOOSE, S. 106. Bertram an Kaplan Bruno Rakowski in Tichau vom 14.1.1919, AAW – IA 25 t8. Die Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung führten in Oberschlesien zu einem eindeutigen Wahlsieg für die Katholische Volkspartei (KVP), wie sich das oberschlesische Zentrum

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Im Februar 1919 spitzte sich die Situation in Oberschlesien erneut zu, denn Nationalpolen und Kommunisten näherten sich einander an. Wovor Bertram den polnischsprachigen Kaplan gewarnt hatte, nämlich die kommunistische Zusammenarbeit über nationale Grenzen hinweg, schien nun einzutreten175. In dieser Situation ließ der Breslauer Fürstbischof am 8. März 1919 »ein mahnendes Wort an die Katholiken Schlesiens« in deutscher und polnischer Sprache in der katholischen Presse erscheinen. Ziel dieses Aufrufs war es, den herrschenden Spannungen innerhalb der verschiedenen Volksteile seiner Diözese entgegenzuwirken. Die Hoffnung auf Beruhigung der Situation habe sich nicht bestätigt, denn »immer von neuem und in immer furchtbarerer Gestalt erheben sich erschreckende Nachrichten über innere und äußere Wirren.« Bertram warnte seine Diözesanen vor jenen, die zum Klassenhass aufriefen, den revolutionären Bolschewisten. Zwar dürfe jeder seine berechtigten Interessen vertreten, doch »verwerflich«, ja sogar »verbrecherisch« seien »Gewalttätigkeiten gegen Vorgesetzte und Obrigkeiten«, womit er einen der zentralen Punkte seines Autoritätsverständnisses ansprach und die revolutionären Unruhen verurteilte. Darüber hinaus mahnte er, »die nationalen Unterschiede und Gegensätze« zu mildern. »Aber fern von uns sei nationaler Haß und Abneigung. Fern von uns sei gegenseitige Geringschätzung.«176 Es ist schwierig, die Wirkung solcher Aufrufe einzuschätzen – die Unruhen konnte der Breslauer Fürstbischof damit jedenfalls nicht beenden. Protestanten, Sozialdemokraten oder Kommunisten wollte und konnte er nicht erreichen und auf nationale Katholiken, ganz gleich ob Polen oder Deutsche, scheinen seine Worte wenig Einfluss gehabt zu haben. Jedoch konnten sich solche deutsch- wie auch polnischsprachige Katholiken, die sich der nationalen Agitation enthalten hatten, in ihrem Verhalten durch die Worte des Bischofs bestätigt fühlen. Diese Mehrheit konnte durch ein Hirtenschreiben ermutigt und in ihrer Position gefestigt werden. Vor allem nationalpolnische Katholiken rückten jedoch in der Folgezeit überwiegend aus sozialen Gründen vom deutschen Fürstbischof Bertram ab und versuchten, seine Autorität zu untergraben177. In den folgenden Monaten stand Oberschlesien kurz vor dem Ausbruch eines Bürgerkriegs, der dann im August in Form des I. Polnischen Aufstands losbrechen sollte178.

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unter dem Vorsitz des Prälaten Carl Ulitzka nach der Trennung von der schlesischen Mutterpartei nannte. Mit 48,4 Prozent der abgegebenen Stimmen im Wahlkreis Oppeln konnte die KVP an sich zufrieden sein, doch muss das Ergebnis vor dem Hintergrund eines katholischen Bevölkerungsanteils von 89 Prozent sowie einer Wahlbeteiligung von nur 58,7 Prozent relativiert werden. G. HITZE, S. 178-188, 195f.; J. FALTER / T. LINDENBERGER / S. SCHUMANN, S. 66 f. Die Kommunistische Partei verkündete, dass der deutsch-polnische Gegensatz allein durch eine Diktatur des Proletariats in beiden Staaten, in welcher die nationale Zugehörigkeit zweitrangig sei, gelöst werden könne. Der Generalstreik scheiterte allerdings. G. HITZE, S. 224. A. BERTRAM, Ein Mahnwort an die Katholiken Schlesiens vom 8.3.1919, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 37, S. 149 f. S. KARSKI, Korfanty, S. 260. G. HITZE, S. 225-227.

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c) Auswirkungen der Pariser Friedensverhandlungen auf Oberschlesien

Parallel zu den Ereignissen in Oberschlesien wurde während der ersten Jahreshälfte 1919 in Paris über die europäische Nachkriegsordnung und damit auch über die zukünftige Staatszugehörigkeit Oberschlesiens entschieden. Im März versuchte Bertram hinter den Kulissen Einfluss auf den Verlauf der Verhandlungen zu nehmen. Dies stand nach seiner Auffassung nicht im Gegensatz zu seinen eigenen Neutralitätsaufrufen an den Klerus, da sein Wirken weder im sakralen Raum geschah noch öffentlich bekannt wurde. Am 11. März wandte er sich direkt an Papst Benedikt XV. Die Oberschlesienfrage beunruhige ihn Tag und Nacht, weil aus der Nachbarprovinz Posen Männer nach Oberschlesien geschickt würden, die gemeinsam mit einem Teil des Breslauer Diözsanklerus die Lostrennung Oberschlesiens von Deutschland und den Anschluss an Polen propagierten. Die Mehrheit in Klerus und Bevölkerung verhalte sich jedoch ruhig. Im Folgenden legte er dem Hl. Vater dar, weshalb nicht nur er, sondern auch andere deutsche Bischöfe – er sandte Kardinal Hartmann eine Abschrift nach Köln, die dieser unterschrieben an den Hl. Stuhl weiterleitete – es für notwendig erachteten, dass Oberschlesien bei Deutschland verbleibe. Die Kohlevorkommen Oberschlesiens sicherten dessen wirtschaftliche Potenz und ohne sie würde das Land in den Ruin getrieben. Nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kirchliche Gründe würden für den Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland sprechen. Vor dem Krieg habe es drei geschlossene katholische Gebiete im Reich gegeben, nämlich die Kölner Kirchenprovinz, die Erzdiözese Posen, die mit Sicherheit an Polen abgetreten würde, sowie Oberschlesien. Wenn nun Posen und Oberschlesien an Polen, das mit oder ohne Oberschlesien ein katholisches Land sein werde, abgetreten würden, verringere sich der katholische zu Gunsten des protestantischen Einflusses in den öffentlichen Einrichtungen Deutschlands unmittelbar. Das religiöse Leben der Diözese Breslau müsste folglich stark leiden, da es dann nur noch aus Diasporagebieten bestünde, in denen zwei Millionen Katholiken verstreut unter zehnmal soviel Protestanten lebten. Bertram fügte auch eine historische Begründung für die Rechtmäßigkeit des Verbleibs Oberschlesiens bei Deutschlands an, denn schließlich sei es seit fünf Jahrhunderten nicht mehr polnisch und kein Teil des Königreichs Polen, das im 18. Jahrhundert von Russland, Österreich und Preußen aufgeteilt worden war179. Der Hl. Stuhl stand den deutschen Interessen Bertrams wohlwollend gegenüber. Die Römische Kurie strebte ein Gleichgewicht der Mächte nach dem Krieg an und war bestrebt, eine Hegemonialstellung Frankreichs zu vermeiden, doch ihre Einflussmöglichkeiten auf die Pariser Friedensverhandlungen waren beschränkt. Dessen war sich auch Bertram bewusst, weswegen er sich eine Woche vor dem Schrei179

Bertram an Benedikt XV. vom 11.3.1919, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 910, f. 32r-33v. Siehe dazu S.A. STEHLIN, S. 104 f. und den knappen historischen Überblick über die Geschichte Oberschlesiens bei G. HITZE, S. 55-60.

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ben an den Papst bereits an den US-Präsidenten Woodrow Wilson gewandt hatte, von dem er sich offensichtlich in den Friedensverhandlungen ein Eintreten für die deutschen Interessen erhoffte180. In diesem Schreiben legte er den Schwerpunkt auf wirtschaftliche Argumente: Kultur und Industrie seien deutsch. »Das ist das Ergebnis deutscher Kulturarbeit während der letzten 150 Jahre.« Außerdem könnte Deutschland aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten »die Kohlengruben Oberschlesiens nicht entbehren« – deren Verlust wäre eine der »schlimmsten Katastrophen«181. Eine Antwort Wilsons ist im Nachlass Bertrams nicht vorhanden. Sein Sekretariat teilte lediglich mit, dass es das Schreiben an den Präsidenten weitergereicht habe182. Durch den Rückzug der USA von den Friedensverhandlungen verloren die Bemühungen Bertrams bei Wilson endgültig jede Chance auf Erfolg. Dennoch ist es bemerkenswert, dass sich der Fürstbischof an Wilson wandte, während er von einer Intervention in London, wo er möglicherweise Unterstützung hätte finden können, absah. Bertrams Versuche, sowohl mit Hilfe der kirchlichen Hierarchie als auch über den amerikanischen Präsidenten Einfluss auf die hohe internationale Diplomatie zu nehmen, müssen insgesamt als gescheitert angesehen werden. Im Gegensatz zu Deutschland oder dem Hl. Stuhl war eine Delegation des neu entstandenen Polens zu den Pariser Friedensverhandlungen zugelassen. Der polnische Ministerpräsident Ignatz Paderewski konnte den »Rat der Vier« der alliierten Siegermächte mit seinem kritischen Vortrag über den dominierenden Einfluss Bertrams in Oberschlesien nicht überzeugen und Polen scheiterte trotz französischer Unterstützung mit seinen Maximalforderungen am britischen Widerstand183. In der Frage der deutsch-polnischen Grenze ähnelte der Entwurf des Versailler Friedensvertrags stark dem endgültigen Vertragstext. In Bezug auf die Zugehörigkeit Oberschlesiens weisen der Entwurf und der endgültige Vertragstext jedoch bedeutende Unterschiede auf. Im Entwurf sollte Oberschlesien bis auf die Kreise Neiße und Neustadt an Polen fallen184. Mit dieser Version der deutsch180

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Bertram an Wilson vom 4.3.1919, zitiert nach dem Konzept in deutscher Sprache, AAW – IA 25 t8. Weshalb S.A. STEHLIN, S. 104 diesen Brief als an den »president of the Inter-Allied Commission« gerichtet zitiert, ist nicht nachvollziehbar. Bertram an Wilson vom 4.3.1919, AAW – IA 25 t8. Warum Bertram auf das Argument der Bolschewismusgefahr verzichtete, muss offen bleiben. Präsidialbüro Wilsons an Bertram vom 25.3.1919, Ebd. Siehe den Text der Verhandlungen vom 5.6.1919, in: P. MANTOUX, Nr. 59, S. 305-312, besonders 305. In der »Denkschrift Roman Dmowskis über die polnischen Ansprüche« vom 8.10.1918, in: Ursachen und Folgen, Bd. 3, Nr. 689, S. 304-311, die den Alliierten am 25.2.1919 in Versailles übergeben wurde, forderte Polen die Gebiete Schlesien, Posen sowie Ost- und Westpreußen. Siehe auch H. NEUBACH, Abstimmung, S. 97 f.; G. HITZE, S. 213. Große Teile der Provinzen Posen und Westpreußen wurden an den neuen polnischen Staat abgetreten und lediglich die künftige »Grenzmark Posen-Westpreußen« blieb bei Deutschland. Im Osten behielt das Deutsche Reich Ostpreußen, wodurch der polnische Korridor geschaffen wurde. Für die Bezirke Allenstein in Ermland und Marienwerder in Masuren wurden Plebiszite angesetzt, in deren Rahmen die Bevölkerung über ihre zukünftige Staatszugehörigkeit entscheiden sollte. Die Stadt Danzig wurde zur »freien Stadt« erklärt und unter das Protektorat des zu schaffenden Völkerbunds gestellt. Gesetz über den Friedensschluß zwischen Deutschland und den alliierten und assoziierten Mächten vom 16.7.1919, in: RGBl 1919, II, Artikel 27 (Deutschlands Grenze), S. 749-

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polnischen Grenze wurde der erste Friedensvertragsentwurf am 7. Mai 1919 an Deutschland ausgehändigt, was einen Aufschrei der Entrüstung in der deutschen Öffentlichkeit herbeiführte. Der deutsche Unterhändler Matthias Erzberger regte umgehend bei den deutschen Bischöfen an, dass sie den Gläubigen erklären sollten, dass die geforderten Friedensbedingungen »unerträglich und unerfüllbar« seien. Die Kirche sei »verpflichtet, ihre Anteilnahme an der Trauer des Landes« zu zeigen. Zusätzlich forderte Erzberger, dass der Episkopat über Nuntius Pacelli auf den Hl. Stuhl einwirken sollte, damit dieser »schleunigst eine Aktion ... zur Unterstützung der Maßnahmen der deutschen Volksregierung« ergreife185. Bertram kam dem Wunsch Erzbergers nach, aber der Vatikan hatte sich bereits aus eigener Initiative vergeblich an die Alliierten gewandt186. Bertram notierte neben einem weiteren Schreiben Erzbergers die Worte »Bedingungen sind erdrückend ungerecht und unwürdig«. Er wandte sich umgehend mittels einer in der Presse veröffentlichten Erklärung an die Gläubigen187: »Die maßlos harten und unwürdigen Bedingungen, unter denen die feindlichen Mächte dem deutschen Volke einen Frieden angeboten haben, lasten wie ein drückender Alp auf der Seele des Volkes. Mit dem Bewusstsein, für die gerechte Sache einzutreten, ist der Krieg 1914 begonnen. Mit diesem traurigen Frieden soll er enden. Die seitherigen Versuche, eine verständige Milderung zu erreichen, sind erfolglos geblieben. Auch in letzter Stunde noch geschieht alles, was möglich ist, um ein schlimmes Verhängnis von Deutschland abzuwenden.«188

Weniger die deutschen Proteste und Gegenvorschläge oder die Interventionsversuche des Hl. Stuhls als vielmehr das Interesse der britischen Regierung, in Hinblick auf die Reparationsfrage verstärkt Einfluss auf die Friedensverhandlungen zu nehmen, veranlasste Großbritannien dazu, Anfang Juni im »Rat der Vier« gegen den französischen Widerstand ein Plebiszit in Oberschlesien in Analogie zu den Volksabstimmungen in Nordschleswig, Allenstein und Marienwerder durchzusetzen189.

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755, hier 751-755; Artikel 94-98 (Ostpreußen), S. 859-869; Artikel 99 (Memel), S. 869; Artikel 100-108 (Danzig), S. 869-879. G. HITZE, S. 208-210; Schulthess Europäischer Geschichtskalender (35) 1919, 2, S. 518-582, hier 521-524. Erzberger an Bertram vom 9.5.1919, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 35, S. 66 f. Bertram an Pacelli vom 10.5.1919, AAW – IA 25 v30; Pacelli an Bertram vom 18.5.1919, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 38, S. 68; Bertram an Erzberger vom 18.5.1919, in: Ebd., Nr. 39, S. 68. Erzberger an Bertram vom 9.5.1919, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 35, S. 66 f. Oberhirtliche Kundgebung aus Anlaß der Friedensverhandlungen vom 9.5.1919, BArch – R 904/421, f. 89r. P. KRÜGER, S. 23-40; Schulthess Europäischer Geschichtskalender (35) 1919, 2, S. 554 f. Gesetz über den Friedensschluß zwischen Deutschland und den alliierten und assoziierten Mächten vom 16.7.1919, in: RGBl 1919, II, Artikel 88, S. 841-851. Ausgenommen vom Plebiszit waren die deutschsprachigen Kreise Neiße, Grottkau und Falkenberg, ein größerer Teil des Kreises Neustadt und ein kleinerer Teil des Kreises Leobschütz. Für einen Überblick über die Auseinandersetzungen im Rat der Vier um das Plebiszit in Oberschlesien und die Standpunkte der Alliierten siehe G. HITZE, S. 211-214; G. BERTRAM-LIBAL, Aspekte, S. 107-138, hier 107; G. BERTRAM-LIBAL, Britische Politik, S. 105-132; O. KIMMINICH, S. 35-37; K. EICHNER.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

Die deutsche Nationalversammlung nahm das »Diktat von Versailles« am 23. Juni 1919 unter alliiertem Druck an190. Die Bestimmungen des Versailler Vertrags hatten direkte Auswirkungen auf die Diözese Breslau. Das oberschlesische Abstimmungsgebiet wurde unter die Verwaltung einer französisch dominierten Interalliierten Kommission (IK) gestellt. Hier lebten ca. eine Million Katholiken und es bestand die Möglichkeit, dass Oberschlesien nach der Abstimmung an Polen abgetreten würde. Sollte dieser Fall eintreten, so würde auch der südliche Teil des Kreises Leobschütz an die Tschechoslowakei fallen. In Niederschlesien wurde das Gebiet um Reichsthal in den Kreisen Namslau, Groß-Wartenberg, Gurau und Militsch ohne Abstimmung an Polen abgetreten. Mit dem Übergang des bisher zu Österreich gehörenden Bistumsgebietes Österreichisch-Schlesien an die neu gegründete Tschechoslowakei war auch die Zukunft dieses Bistumsteils ungewiss191. Letztlich stellten die Bestimmungen des Versailler Vertrags über die deutsch-polnische Grenze weder die deutsche noch die polnische Seite zufrieden. 190

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Siehe zu den heftigen Reaktionen des Zentrums am 22. und 23.6.1919 G. HITZE, S. 216-222; R. MORSEY, Zentrumspartei, S. 180-192. Die tschechoslowakische Nationalversammlung beschloss am 16.4.1919 eine Bodenreform, in deren Rahmen die Enteignung jeglichen Grundbesitzes von mehr als 150 ha Ackerboden oder von mehr als 250 ha sonstiger Liegenschaften durchgeführt werden sollte. Diese Bodenreform traf in großem Maße die deutschen Großgrundbesitzer in Deutschböhmen, darunter auch das Fürstbistum Breslau. In Österreichisch-Schlesien lagen die von der Säkularisation verschonten Mensalgüter der Diözese, die 32.700 ha Boden umfassten – 30.700 ha Wald und 2.000 ha landwirtschaftlich genutzte Fläche. Hinzu kamen das Schloss Johannesberg, die Kameraldirektion in Jauernig sowie die angeschlossenen Höfe und Beamtenhäuser. Nach den vehementen Protesten Bertrams, des Hl. Stuhls, der Reichs- sowie der preußischen Staatsregierung konnten die Mensalgüter vorerst für die Diözese Breslau gesichert werden. Die anschließenden Verhandlungen mit der tschechoslowakischen Regierung zogen sich über die 20er Jahre hinweg und gaben immer wieder Anlass zu Streitigkeiten. Ein wichtiger Zwischenschritt war der Abschluss des »Modus Vivendi« zwischen dem Hl. Stuhl und der Tschechoslowakei im Jahr 1928, in dem die Angleichung der tschechoslowakischen Staatsmit den Diözesangrenzen festgeschrieben wurde. Schließlich wurde am 9.4.1934 ein Vertrag zwischen dem Erzbistum Breslau und dem tschechoslowakischen Bodenamt geschlossen, in dem festgelegt wurde, dass Breslau ca. ein Drittel seiner Bistumsgüter umgehend an die Diözesen Olmütz (3000 ha) und Troppau (2000 ha) abtreten bzw. an das Bodenamt veräußern musste (6000 ha). Die restlichen ca. zwei Drittel des Grundbesitzes musste es bis zum Jahr 1960 an einen der tschechoslowakischen Regierung genehmen Käufer frei verkaufen. Die Aufarbeitung der lang andauernden und (kirchen-)rechtlich komplexen Verhandlungen muss Aufgabe weiterer Forschungen sein. Es stehen hierfür umfangreiche Quellenbestände zur Verfügung: ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 6-7; Ebd., Pos. 83, fasc. 3; Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 493 (I), fasc. 4; Ebd., Pos. 493 (II), fasc. 5-7; Ebd., Pos. 683, fasc. 249-250; Ebd., Pos. 1719, fasc. 799; Ebd., Pos. 1720, fasc. 800; BArch – R 43 I/149; PA AA – I. 147, Politik 20 Vatikan Breslau, Das Fürstbistum Breslau, Bd. 1; Ebd. – I. 147, Politik 20A Päsptl. Stuhl Breslau, Beschlagnahme des Breslauer Fürstbistum-Eigentums in der Tschecho-Slowakei und in Polen, sowie die Frage der Diözesangrenzen, Bd. 1-10; Ebd. – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 8; Ebd. – I.212, Sozialpolitik 10, Fürstbistum Breslau, Beschlagnahme deutschen Eigentums in der Tschecho-Slowakei auf Grund des Gesetzes vom 16.4.1919 betr. Die Beschlagnahme des großen Grundbesitzes – Einzelfälle; Ebd. – Rom-Vatikan 352-355, 804 sowie M. ALEXANDER (Hrsg.), Gesandtschaftsberichte. Siehe auch die Hinweise von J.G. STANZEL, J. NEGWER, Geschichte, S. 216-230 sowie neuerdings M. HIRSCHFELD, Problem.

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d) Apostolischer Vikar für die Abstimmungsgebiete?

Am 24. Juni 1919, einen Tag nach der Annahme des Versailler Friedensvertrages durch die Verfassunggebende Nationalversammlung, wandte sich Bertram an seinen Diözesanklerus, um diesen erneut dazu aufzufordern, zur Beruhigung der Bevölkerung beizutragen, damit es nicht zu »einem Umsturz aller und jeder Ordnung« komme. Er erinnerte den Klerus an die Pflicht des Gehorsams gegenüber Papst und Episkopat sowie an die Aufforderungen, sich nicht in die politischen Kämpfe verwickeln zu lassen. Die Mahnung an all jene Priester, die seine Anweisung, die Kanzel nicht für politische Zwecke zu instrumentalisieren, bisher missachtet hatten, untermauerte Bertram somit geschickt mit der identischen Position des Papstes. Der Fürstbischof bezog eindeutig Position dafür, dass Oberschlesien bei Deutschland bleiben solle, wie er es bereits schon vorher »in aller Öffentlichkeit in Wort und Schrift und selbst in der Herrenhauskommission« getan hatte: »Wie ich selbst über die oberschlesische Frage denke, habe ich genügend klar bekundet ... Niemand kann mir verargen, daß ich, seit fünf Jahren zu Schlesien gehörig, von Herzen wünsche, es möge das mit Erdschätzen und mit einer starken und kirchlich treuen Bevölkerung gesegnete Oberschlesien das durch Jahrhunderte bestandene Band bewahren, das es mit dem übrigen Schlesien verbindet; man würde es nicht verstehen, wenn ich dieses Gebiet gleichsam von Schlesien abstoßen helfen wollte oder gleichgültig dem gegenüberstände.«

Andere Meinungen zu dieser Frage lasse er selbstverständlich zu, doch »möge solche Äußerungsfreiheit auf beiden Seiten in aller Ruhe und strenger Sachlichkeit, ohne Aufstachelung nationalistischer Leidenschaften« geschehen192. Doch gerade ein Mangel an Sachlichkeit in der emotionalisierten Auseinandersetzung um die nationale Zugehörigkeit prägte das Alltagsleben der Oberschlesier in der ungewissen Zeit der Nachkriegsjahre. Von polnischer als auch von deutscher Seite häuften sich die Beschwerden über Geistliche, die die Gläubigen beispielsweise zur Beichte in der Muttersprache des Geistlichen zwangen oder den Schulkindern mit Schlägen drohten, wenn sie in der »falschen« Sprache grüßten193. Viele Beschwerden richteten sich auch gegen den Fürstbischof, der beschuldigt wurde, den Polen keine Hilfe gegen die Angriffe der deutschen Nationalisten, der so genannten Hakatisten zukommen zu lassen194. Nach der Annahme des Versailler Vertrags wandte sich Bertram an Kardinalstaatssekretär Gasparri, um ihm die Probleme, die der Friedensvertrag für seine Diözese mit sich brachte, zu erläutern. Durch die Teilung der Distrikte Groß192

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A. BERTRAM, Kundgebung an den hochwürdigen Diözesanklerus vom 24.6.1919, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 38, S. 151-153, hier 150, 152. Siehe u.a. AAW – IA 25 h48 und h49; ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1729, fasc. 926 und fasc. 927. Die deutschnationalen Chauvinisten des »Vereins zur Förderung des Deutschtums in den Ostmarken«, des so genannten »Ostmarkenvereins«, wurden nach den Anfangsbuchstaben der Vereinsgründer Hansemann, Kennemann und Tiedemann »Hakatisten« genannt.

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Wartenberg und Namslau zwischen Deutschland und Polen wurden die Güter des Tscheschener Haltes, aus denen das Breslauer Domkapitel einen Teil seiner Einnahmen bezog, zerschnitten und die zukünftigen Einnahmen aus dem mittlerweile polnischen Gebiet waren nicht garantiert195. Im nunmehr tschechoslowakischen Bistumsteil, dem ehemaligen Österreichisch-Schlesien, lagen die Mensalgüter, aus denen erhebliche Einnahmen des Bistums gedeckt wurden und deren Verbleib bei Breslau unsicher war. Durch die neue Grenzziehung ging auch ein Teil der Dotationen der betroffenen Gemeinden an Polen über. Bertrams konkrete Bitte an den Kardinalstaatssekretär war es, den Hl. Vater dazu zu veranlassen, sich für eine Änderung des Friedensvertrags betreffend der Teilung der genannten Distrikte einzusetzen. Bertram hatte demnach noch Mitte Juli die illusionäre Hoffnung, der Vatikan könne das Schicksal der Teilung Schlesiens abwenden196. Parallel zum I. Polnischen Aufstand Mitte August 1919 versuchte die polnische Regierung, die kirchliche Jurisdiktionsgewalt Bertrams in Oberschlesien zu untergraben197. Der polnische Gesandte beim Hl. Stuhl, Joséf Wierun-Kowalski, teilte Kardinalstaatssekretär Gasparri in einer Verbalnote vom 11. August die Auffassung seiner Regierung mit, dass das oberschlesische Plebiszit erst nach der Befriedung der Bevölkerung durchgeführt werden könne. Dieser Befriedung stehe allerdings das Verhalten des oberschlesischen Klerus und das Bertrams entgegen, das bereits zu großer Unzufriedenheit und zu großem Misstrauen in der polnischen Arbeiterschaft geführt habe. Als Ausweg sah die polnische Regierung, »que seule la nomination d’un Vicaire Apostolique, indépendant de l’évêque de Breslau et nommé pour le temps de l’occupation interalliée en Haute Silésie, pourrait porter remède à cette situation critique et ramener le calme dans la province.« Dieser Apostolische Vikar solle den oberschlesischen Klerus im Namen des Hl. Stuhls dazu auffordern, »d‘observer la plus stricte neutralité dans la question du plébiscite.«198 Aus Gründen der Gleichbehandlung forderte die polnische Regierung nicht nur für das oberschlesische Plebiszitgebiet, sondern auch für die beiden Abstimmungsgebiete in Ost- und Westpreußen den Einsatz jeweils eines Apostolischen Vikars, auch wenn die beiden Bischöfe von Kulm und Ermland, Augustinus Rosentreter und Augustinus Bludau, unter deren kirchlicher Verwal195

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Der sich im Besitz des Breslauer Domkapitels befindende so genannte Tscheschener Halt, in dem Forst- sowie in geringerem Maße auch Land- und Teichwirtschaft betrieben wurde, wurde in ein deutsches (ca. 400 ha) und ein polnisches Gebiet (ca. 1.500 ha) geteilt. Die Einkünfte aus den nunmehr auf polnischem Staatsgebiet liegenden Gütern konnte das Breslauer Domkapitel nach jahrelangen Verhandlungen für sich sichern. J. NEGWER, Geschichte, S. 179-181, 396-403. Siehe zu den Verhandlungen die Bestände in ASV – A.E.S., Germania, Pos. 493 (I).P.O., fasc. 4; Ebd., Pos. 493 (II).P.O., fasc. 5; Ebd., fasc. 6; Ebd. – ANB, Pos. 42, fasc. 6; Ebd., fasc. 7. Bertram an Gasparri vom 23.7.1919, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 910, f. 30r-31r. Eine Antwort auf dieses Schreiben ist ebenso wenig erfolgt wie auf das Schreiben Bertrams vom März desselben Jahres an Benedikt XV. G. HITZE, S. 228-230. Kowalski an Gasparri vom 11.8.1919, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 910, f. 42r-45r, hier 43r.

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tung die jeweiligen Abstimmungsgebiete standen, keine politische Agitation betrieben hätten. Kowalski schlug mit dem Pfarrer in Kattowitz, Theodor Kubina, auch gleich den polnischen Wunschkandidaten als Apostolischen Vikar für Oberschlesien vor. Kubina war an der Gregoriana in Rom ausgebildet worden, was eine exzellente Empfehlung für ein kirchliches Amt war. Er habe sich bisher nicht politisch betätigt und stehe in sehr guten Beziehungen zu Bertram. Gasparri leitete die Wünsche der polnischen Regierung über Nuntius Pacelli mit der Bitte um ihre Einschätzung der Kandidaten an die drei Bischöfe Bertram, Rosentreter und Bludau weiter199. Nachdem der Hl. Stuhl auf seine beiden bisherigen Schreiben zur Oberschlesienfrage nicht reagiert hatte, nutzte Bertram diese Gelegenheit, um seine eigene Position erneut ausführlich darzulegen. »Der Ernst der Situation« lege ihm »die Pflicht auf, mit aller Offenheit zu sprechen« erklärte er Pacelli. Er bat ihn darum, dem Hl. Stuhl »Vorsicht gegenüber den polnischen Aspirationen« zu empfehlen. Auf der Fuldaer Bischofskonferenz sei »von allen deutschen Bischöfen, die Polen in der Diözese haben, bitter geklagt [worden] über die Arroganz und Maßlosigkeit der polnischen Forderungen, und dass die Polen selbst den best gemeinten Winken von deutschen Bischöfen sich misstrauisch und eigensinnig verschließen« würden200. In seiner Stellungnahme für den Hl. Stuhl verwies Bertram auf seinen Einsatz für die Polen im Herrenhaus sowie auf seinen Erlass vom 24. Juni des Jahres: die polnische Regierung habe keinen Grund für ihre Beschwerden. Deswegen lehnte er die Einführung eines Apostolischen Vikars ab, denn eine solche Maßnahme würde zur Verunsicherung von Klerus und Laien beitragen. Darüber hinaus müssten die Deutschen und die deutsche Regierung im Falle der Einsetzung eines Apostolischen Vikars davon ausgehen, dass sich die polnische Seite im Vatikan durchgesetzt hätte und die Katholiken Deutschlands nur noch als »une quantité négligeable« angesehen würden201. Als Mittelweg schlug Bertram eine ähnliche Lösung wie in Berlin vor, nämlich die Bestellung eines fürstbischöflichen Delegaten, der »für die Zeit der Verkehrsschwierigkeiten und etwaiger Unruhen einzelne dringende Sachen, z.B. Dispensen selbst erledigen« und den Klerus in seinem Namen überwachen könne202. Er sei sich mit seinen Beratern einig, dass Pfarrer Kubina nicht der richtige Kandidat für diese Position sei. Auch wenn kein Zweifel über seine sittliche Integrität und über seinen priesterlichen Eifer bestehe, so fehle ihm die notwendige Erfahrung zur diskreten Lösung der anstehenden Aufgaben, da er erst seit zwei Jahren in Kattowitz tätig sei. Kubina sei mit solchen 199 200 201 202

Gasparri an Pacelli vom 16.8.1919, Ebd. – ANB, Pos. 42, fasc. 5, f. 2r-3v. Bertram an Pacelli vom 1.9.1919, Ebd., f. 8r-v. Denkschrift Bertrams vom 1.9.1919, Ebd., f. 10r-17r, hier 13r. Ebd., f. 15r. Gegenüber Bischof Rosentreter bemerkte Bertram, ein solcher Vikar ohne Erfahrung und ohne Mitarbeiterstab würde »heillose Konfusion anrichten und selbst die unglücklichste Figur schieben.« Bertram an Rosentreter vom 5.9.1919, AAW – IA 25 t8.

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Geistlichen befreundet, die Oberschlesien mit Polen vereinigen wollten und offen dafür einträten, weswegen man nicht – wie die polnische Regierung – sagen könne, dass er politisch untätig sei. Auch genieße er keine persönliche Autorität im oberschlesischen Klerus, da die Geistlichen, die den Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland wünschten, ihn mieden203. Tatsächlich war Kubina nicht nur mit solchen Geistlichen befreundet, die für die Abtrennung Oberschlesiens von Deutschland eintraten, er selbst war ein führender Kopf der so genannten »Theologischen Sektion«, die die Errichtung eines selbständigen oberschlesischen Bistums unter einem polnischen Bischof forderte. Bertram befürchtete zu Recht, dass diese Loslösungsbestrebungen unter einem fürstbischöflichen Delegaten oder Apostolischen Vikar Kubina noch verstärkt werden würden204. Aus diesem Grund schlug er Erzpriester Ludwig Tunkel in Kochlowitz als fürstbischöflichen Delegaten in Oberschlesien vor, der bei der oberschlesischen Bevölkerung beider Sprachen sowie bei ihm selbst volles Vertrauen genieße und für seine Klugheit und Bescheidenheit bekannt sei205. Kardinalstaatssekretär Gasparri legte der polnischen Regierung die Leitlinien des Hl. Stuhls dar und stellte sich damit prinzipiell auf die Seite Bertrams206. Da die Bischöfe Rosentreter und Bludau nicht agitatorisch aktiv seien, lehnte der Hl. Stuhl eine Einsetzung von Apostolischen Vikaren in deren Diözesen grundsätzlich ab. Was die Beschwerden der polnischen Regierung über Bertram betreffe, so bezweifele der Vatikan mit Blick auf dessen Erlass vom 24. Juni, »que les plaintes parvenues au Gouvernement Polonais sur l’attitude de l’Évêque de Breslau soient tout à fait exactes.« Deshalb sei die Forderung nach einem Apostolischen Vikar, »[une] mesure odieuse et blessante pour l’Ordinaire de Breslau«, substanzlos. Auch das Argument, die polnische Regierung fordere einen polnischen Apostolischen Vikar, um dem polenfeindlichen Druck aus Breslau begegnen zu können, 203

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Außerdem sei er erst 39 Jahre alt und noch keine 30 Jahre Priester, weswegen seine Ernennung viele ältere Erzpriester vor den Kopf stoßen würde. Denkschrift Bertrams vom 1.9.1919, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 5, f. 15v-16r. T. KUBINA. Denkschrift Bertrams vom 1.September 1919, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 5, f. 16r-v. Bludau lehnte die Einführung eines Apostolischen Vikars als »schweres Misstrauen« ab. Bludau an Pacelli vom 5.9.1919, Ebd., f. 19r-v. Rosentreter war über den polnischen Vorschlag so verärgert, dass er seine Antwort hinauszögerte. Gegenüber Bertram bezeichnete er die gewünschte Einsetzung eines Apostolischen Vikars als »Misstrauensvotum«. Die Polen würden den vorgeschlagenen Priester »unparteiisch« nennen. »Und ich bin parteiisch? Davon fühlte ich mich frei. Ich werde die Abstimmung in keiner Weise beeinflussen.« Rosentreter an Bertram vom 3.9.1919, AAW – IA 25 t8. Bertram teilte Rosentreter seinen Vorschlag zur Errichtung einer Delegatur mit: »Das würde eine Mittelung sein, die niemanden verletzt.« Bertram an Rosentreter vom 5.9.1919, Ebd. Rosentreter übernahm daraufhin die Position Bertrams. Rosentreter an Gasparri vom 20.9.1919, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 911, f. 27r-28r. Pacelli unterstützte die Ablehnung der polnischen Vorschläge durch die deutschen Bischöfe. Pacelli an Gasparri vom 22.9.1919, Ebd., f. 5r-8r. »La seule raison qui pourrait en quelque manière justifier la nomination d’un administrateur dans les territoires contestés, serait précisément si l’Ordinaire du lieu faisait pression par les habitants en abusant de son autorité spirituelle et qu’il ne peut pas être remédié autrement.« Gasparri an Kowalski vom 13.10.1919 [K], Ebd., f. 29r-38v, hier 31v-32r.

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räumte Gasparri aus. »Mais il est évident que le Saint Siège en accueillant cette demande, s’il excluait la pression improbable de Breslau, favoriserait la pression polonaise, et par suite le principe d’impartialité et d’indifférence pontificale serait violé en faveur de la Pologne.«207 Das würde wiederum Deutschland zu berechtigten Protesten veranlassen, vor allem weil der von Polen vorgeschlagene Kubina – und damit griff Gasparri die Argumentation Bertrams auf – eben doch politisch aktiv sei208. Obwohl der Hl. Stuhl somit die Forderungen der polnischen Regierung prinzipiell ablehnte, schlug er eine Lösung vor, die auf dem Kompromissvorschlag Bertrams basierte. Erzpriester Tunkel solle als Apostolischer Administrator direkt vom Hl. Stuhl abhängig sein und mit strengen Instruktionen ausgestattet werden, um die Neutralität des Klerus zu sichern. Darüber hinaus solle er in Analogie zur Delegatur Berlin zum fürstbischöflichen Delegaten der Diözese Breslau ernannt werden. Sollte die polnische Regierung Tunkel bedingungslos ablehnen, schlug Gasparri als Alternativlösung vor, den italienischen Auditor der Warschauer Nuntiatur, Ermengildo Pellegrinetti, in diese beiden Ämter zu berufen – von diesem könne schließlich niemand behaupten, dass er parteiisch sei209. Durch diesen Vorschlag Gasparris wurde der Warschauer Nuntius und spätere Papst Pius XI., Achille Ratti, in die Verhandlungen miteinbezogen. Ratti setzte sich ausdrücklich für die Ernennung Kubinas ein, da die Polen Tunkel als deutschfreundlich empfinden würden210. Kubina besitze offensichtlich das Vertrauen Bertrams, griff er die polnische Argumentation auf, da er an einem so wichtigen Ort wie Kattowitz eingesetzt sei211. Als die preußische Regierung von den polnischen Bemühungen zur Ernennung von Apostolischen Vikaren für die Plebiszitgebiete erfuhr, protestierte sie bei Nuntius Pacelli, dass ein solches Vorgehen einen Eingriff in die durch die Bulle »De salute animarum« zugesicherte vollständige Jurisdiktionsgewalt der Bischöfe in Preußen darstelle212. Die polnische Regierung 207 208 209 210

211

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Ebd., f. 35r, 36r. Gasparri an Pacelli vom 21.10.1919, Ebd. – ANB, Pos. 42, fasc. 5, f. 42r-43v, hier 42v. Gasparri an Kowalski vom 13.10.1919, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 911, f. 38r-v. Ratti an Gasparri vom 13.11.1919, in: S. WILK (Hrsg.), ANP, Bd. 57, 7, Nr. 1320, S. 45. Die Ablehnung Pellegrinettis begründete Ratti damit, dass die Deutschen diesen nicht akzeptieren würden, weil er in der Warschauer Nuntiatur arbeite und gute Beziehungen zu Polen pflege. Außerdem würde der Weggang Pellegrinettis den Aufbau der noch jungen Nuntiatur in Warschau behindern. Ratti an Gasparri vom 2.11.1919, in: Ebd., Nr. 1293, S. 6 f., hier 7. Ratti an Gasparri vom 16.11.1919, in: Ebd., Nr. 1335, S. 65 f. Ratti fand die Äußerungen Bertrams über Kubina, die er von Nuntius Pacelli übermittelt bekommen hatte, als »quanto mai persuasone«. Ratti an Pacelli vom 29.12.1919, in: Ebd., Nr. 1478, S. 245 f., hier 245. Das Schreiben Rattis an Pacelli vom 18.11.1919, das von Wilk nicht nachgewiesen werden konnte, befindet sich in ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 5, f. 46r-47v. Das Schreiben von Paderewski an Ratti vom 10.12.1919 (Ebd., f. 77r-78v), das als Anhang von Ratti an Gasparri vom 21.12.1919, in: S. WILK (Hrsg.), ANP, Bd. 57, 7, Nr. 1457, S. 208 zum Hl. Stuhl gesandt wurde, konnte ebenfalls nachgewiesen werden. Pacelli an Gasparri vom 11.11.1919, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 911, f. 48r-v. Siehe Kap. III.4.a.

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ging nicht auf den Kompromissvorschlag ein und beharrte, gestützt durch den polnischen Sieg bei den Kommunalwahlen in Oberschlesien, auf Kubina213. Da Bertram anlässlich seiner Kardinalserhebung im Dezember ohnehin nach Rom kam, sollte er persönlich mit dem polnischen Gesandten Kowalski und mit Erzbischof Edmund Dalbor von Gnesen-Posen, der ebenfalls in das Kardinalskollegium aufgenommen wurde, über die zukünftige kirchliche Verwaltung Oberschlesiens verhandeln.214 Über diese Verhandlungen am 15. Dezember 1919 fertigte Bertram einen ausführlichen Bericht für Gasparri an, dem er aus ganzem Herzen für dessen wohlwollendes Entgegenkommen dankte. Er selbst halte die Einsetzung eines Apostolischen Administrators für überflüssig, nicht nur aus verwaltungstechnisch-praktischen Gründen. Schließlich habe ihm Kowalski Recht geben müssen, dass die Autorität eines Bischofs in unruhigen Zeiten nicht geschmälert und dass Fanatikern kein Grund dafür gegeben werden dürfe, Misstrauen beim Hl. Suhl gegen die Politik des Bichofs zu schüren. Er selbst, stellte Bertram eine seiner grundlegenden Handlungsmaximen vor, ignoriere Angriffe gegen die eigene Person, um die Auseinandersetzung nicht weiter anzustacheln. Kowalski und er hätten einen Kompromiss gefunden, der den Wünschen der polnischen Regierung nachkomme, der Autorität und dem Ruf des Ordinarius nicht schade, den Hl. Stuhl nicht dem Vorwurf der Parteilichkeit aussetze und die kirchliche Ordnung bewahre. Der Vatikan solle sowohl Bertram, als den in Preußen residierenden Ordinarius, als auch den in Warschau residierenden Apostolischen Nuntius Ratti anweisen, dass beide gemeinsam darüber wachen sollten, dass die Freiheit der Abstimmung nicht durch Geistliche beeinträchtigt werde. Ihre Aufgabe sollte es sein, strittige Fragen gemeinsam zu lösen und dafür zu sorgen, dass der Klerus bei Ausübung seiner politischen Rechte nicht die Ehre des geistlichen Standes verletze, sondern die Gläubigen zum Frieden ermahne. Bertram erklärte, dass er Geistliche, die sich an diese Bedingungen halten würden, nicht an der Ausübung ihrer politischen Rechte gehindert habe oder hindern werde. Für den Fall, dass während der Zeit der interalliierten Besatzung Oberschlesiens Schwierigkeiten bei der Kommunikation mit der Breslauer Zentrale auftreten sollten, wurde die Möglichkeit in Aussicht gestellt, dass der Hl. Stuhl Ratti besondere Vollmachten erteilen könnte. Voraussetzung für diesen Kompromiss sei allerdings, dass sowohl die polnische als auch die preußische Regierung die Freiheit der Wahl uneingeschränkt anerkennen würden. Kowalski hatte allerdings Bedenken, ob seine Regierung dem Kompromiss zustimmen würde215. 213

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Kowalski an Gasparri vom 1.11.1919, Ebd., f. 65r-68r. Zu den Kommunalwahlen in Oberschlesien vom 9.11.1919, die einen deutlichen Sieg der nationalpolnischen Kandidaten brachte, siehe G. HITZE, S. 248-250. So Gasparri mündlich gegenüber Kowalski. Kowalski an Gasparri vom 4.2.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 912, f. 2r-5r. Bertram an Gasparri vom 16.12.1919, in: S. WILK (Hrsg.), ANP, Bd.57, 7, Nr. 1489 Annexum, S. 259 f. Siehe auch S.A. STEHLIN, S. 106-108.

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Bertram sah diese Kompromisslösung als zufriedenstellend an216. Das Ziel, seine Jurisdiktionsgewalt als Ordinarius in Oberschlesien zu bewahren, wäre mit dieser Lösung de jure erreicht – de facto wäre sie jedoch durch die Mitwirkung Rattis eingeschränkt. Nachdem der Hl. Stuhl bereits den Auditor der Warschauer Nuntiatur als Apostolischen Vikar für Oberschlesien vorgeschlagen hatte, lag der Gedanke nahe, dass der Nuntius selbst eingebunden werden könnte. Der als polenfreundlich geltende Ratti sollte nach dem Kompromiss als Gegengewicht zu dem als deutschfreundlich geltenden Bertram dienen. Als Bischof und Nuntius in Polen stand Ratti in der kirchlichen Hierarchie höher als ein Apostolischer Administrator oder ein fürstbischöflicher Delegat. Dass Rattis Kompetenzen im Bedarfsfall ausgebaut werden konnten, war ein Zugeständnis Bertrams an die polnische Seite, wobei ihm die Bedingung, dass der Hl. Stuhl zu einer solchen Maßnahme würde zustimmen müssen, als Neutralitätsgarantie diente. Der polnischen Regierung ging der vorgeschlagene Kompromiss nicht weit genug, denn sie würde durch diesen eine deutliche Einschränkung der Jurisdiktionsgewalt Bertrams in Oberschlesien nicht erreichen. Nuntius Ratti sollte zum »Haut-Commissaire pour les Affaires Ecclésiastiques« mit den Befugnissen eines Apostolischen Administrators sowohl in Oberschlesien als auch in den Abstimmungsgebieten in Preußen (Allenstein und Marienwerder) werden. Allein durch diese Formulierung machte die polnische Regierung deutlich, dass sie Oberschlesien nicht als Teil Preußens ansah. Um die bischöfliche Autorität aufrecht zu erhalten, solle die Geschäftsführung »en commun accord avec l’Ordinaire« geführt werden217. Gasparri sah keine unüberwindbaren Hindernisse gegen die Verwirklichung dieser polnischen Wünsche218. Bertram wehrte sich allerdings wortreich und wiederholte die bekannten Argumente. Bei Annahme des polnischen Vorschlags würde er lediglich noch einen »ridiculam ... umbram« seiner bischöflichen Rechte behalten219. Ungefähr 20 bis 30 polnische Priester würden in der Presse agitieren und die öffentliche Meinung, die polnischen Bischöfe sowie den Nuntius Ratti gegen ihn aufwiegeln, erklärte Bertram. Dem Hl. Stuhl gegenüber zeigten sich diese Priester von beispielhafter Frömmigkeit. Um sich ein eigenes Urteil bilden zu können, solle der Nuntius, der weit entfernt von Schlesien residiere – und deshalb kein authentisches Bild von dieser Region haben könne – mit Bertram 216

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Pacelli an Ratti vom 6.1.1920, in: WILK (Hrsg.), ANP, Bd.57, 7, Nr. 1504, S. 287. Die preußische Regierung war ebenfalls mit dem Kompromiss einverstanden. Wildermann, Staatssekretär im preußischen Kultusministerium, an Bertram vom 17.1.1920, AAW – IA 25 v30. Kowalski an Gasparri vom 4.2.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 912, f. 2r-5r, hier 3r-4r. Sollten diese Maßnahmen nicht ausreichen, behielt sich die polnische Regierung vor, mit weitergehenden Vorschlägen an den Hl. Stuhl heranzutreten. R. MOROZZO DELLA ROCCA, S. 16. Gasparri an Kowalski vom 10.2.1920 [K], ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 912, f. 7r-v; Gasparri an Bertram vom 7.2.1920, AAW – IA 25 o 28. »Propositiones… quae ridiculam episcopalis muneris speciem vel umbram mihi relinquat«. Bertram an Gasparri vom 25.2.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 912, f. 9r-14r, hier 11r.

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und auch mit solchen Priestern in persönlichen Kontakt treten, die nicht wollten, dass Schlesien an Polen abgetreten werde. Mit anderen Worten warf Bertram dem polnischen Nuntius bereits im Januar 1920 vor, von der polnischen Agitation beeinflusst worden zu sein. Zusätzlich wies er darauf hin, dass durch ein Brüskieren der preußischen Regierung, die besorgt bei ihm wegen der Gerüchte über die Einsetzung eines Apostolischen Administrators in Oberschlesien nachgefragt habe, Schwierigkeiten für die angelaufenen Verhandlungen über ein Konkordat entstehen könnten220. Nun wurde der Hl. Stuhl gezwungen, zwischen dem ihm treu ergebenen katholischen Polen und Deutschland Position zu beziehen, ohne seinen Neutralitätskurs aufzugeben. Die Römische Kurie stand dem Expansionsdrang der jungen polnischen Republik kritisch gegenüber und sie ermahnte Warschau zur friedlichen Konsolidierung der Staatsgrenzen. Nach den Vorstellungen des Vatikans sollte Deutschland trotz des verlorenen Krieges eine gewisse machtpolitische Stärke zurückerhalten. Aufgrund dieser Position avancierte der Hl. Stuhl in diplomatischen Verhandlungen zum Interessenvertreter des Deutschen Reichs221. Die traditionelle Leitlinie der Kurie, dass Verschiebungen von Diözesangrenzen erst nach der definitiven Fixierung der politischen Grenzen geschehen sollten, bildete die Grundlage für die Entscheidung, den Wünschen Bertrams zu folgen222. In seiner Mitteilung an die polnische Regierung blieb Gasparri bewusst unpräzise und bewahrte dem Hl. Stuhl damit einen gewissen Bewegungsspielraum. Es werde die Aufgabe Rattis als Oberkommissar des Plebiszitgebiets sein, »d’assurer l’entière liberté et sincérité du vote«. Auch solle er darüber wachen, »qu’aucun ecclésiastique, quelque soit son rang ou sa langue« den Ausgang des Plebiszits beeinflusse. Um dies zu gewährleisten, würde der Hl. Stuhl Ratti »des instructions bien précises« geben, die er allerdings nicht näher erläuterte. Von der Einsetzung als Apostolischer Administrator sprach der Kardinalstaatssekretär in diesem Schreiben nicht223. Gegenüber Nuntius Ratti präzisierte Gasparri seine Anweisungen. Er solle die Jurisdiktionsgewalt Bertrams achten und gemeinsam mit diesem versuchen, »di calmare gli animi e di prevenire possibilmente gli abusi« des Klerus. Darüber hinaus solle er jegliches Handeln vermeiden, »che potesse interpretarsi in favore dall’una o dell’altra parte contendente.« Beide sollten gemeinsam die Freiheit der Abstimmung garantieren und sich gegenseitig über Beschwerden informieren. 220 221

222 223

Siehe dazu S.A. STEHLIN, S. 108. Zu den Konkordatsverhandlungen siehe Kapitel III.4.a. So setzte sich Gasparri nach Bitte Bertrams z.B. dafür ein, dass weniger Milchkühe als vorgesehen als Reparationszahlung nach Belgien und Frankreich abtransportiert werden sollten, um die Nahrungsmittelversorgung in Deutschland nicht weiter zu verschlechtern. Die diesbezüglichen Bemühungen des Vatikans hatten allerdings »alcun risultato pratico«. Gasparri an Bertram vom 16.3.1920, AAW – IA 25 v30. R. MOROZZO DELLA ROCCA, S. 105 f.; S.A. STEHLIN, S. 23, 41, 65, 108. Gasparri an Kowalski vom 12.3.1920 [K], ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 912, f. 29r-32r, hier 30v-31v.

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Dazu erteile der Kardinalstaatssekretär Ratti ausdrücklich die Befugnis, nach Oberschlesien einreisen zu dürfen224. e) Nuntius Ratti als Apostolischer Oberkommissar – Vorwürfe der Parteilichkeit

Achille Ratti wurde als Apostolischer Oberkommissar für die drei Abstimmungsgebiete in Oberschlesien, Ost- und Westpreußen vom Hl. Stuhl auf eine schwierige Mission geschickt, bei der es unmöglich war, den Erwartungen, Hoffnungen und Wünschen aller Beteiligten gerecht zu werden. Vorerst glaubten sowohl die polnische als auch die deutsche Seite, einen Vorteil aus der Nominierung Rattis ziehen zu können. Die polnische Regierung hoffte, mit seiner Unterstützung die Abtrennung Oberschlesiens von Deutschland erreichen zu können, doch die polnische Presse warf Ratti bald – nicht ohne eine gewisse Berechtigung – Untätigkeit vor225. In Deutschland hoffte man, dass Ratti dafür eintreten würde, die Breslauer Diözese in ihrer alten Gestalt zu bewahren. Auch diese Hoffnung musste enttäuscht werden, weswegen dem polnischen Nuntius – nicht zuletzt durch Bertram – Parteilichkeit vorgeworfen wurde226. Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags übernahm Anfang Februar 1920 eine Interalliierte Kommission unter der Führung des französischen Generals Henri Le Rond die Verwaltung Oberschlesiens, um die Sicherheit im Abstimmungsgebiet zu gewährleisten227. Zwischen der Interalliierten Kommission und Bertram kam es umgehend zu Spannungen: Bertram wollte nach Oberschlesien reisen, um seinen bischöflichen Pflichten nachzukommen – und um zu demons224

225 226 227

Gasparri an Ratti vom 15.3.1920, zit. nach R. MOROZZO DELLA ROCCA, S. 117, Anm. 40. England und Frankreich versuchten, die Ernennung Rattis im letzten Moment zu verhindern und forderten einen neutralen Apostolischen Vikar. Gasparri konnte sie jedoch davon überzeugen, dass es wenig sinnvoll sei, Ratti durch einen anderen italienischen Prälaten zu ersetzen. John Francis Charles Graf de Salis an George Nathaniel Lord Curzon vom [13.-15.]3.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 912, f. 18r-v. Siehe auch S.A. STEHLIN, S. 109. R. MOROZZO DELLA ROCCA, S. 117. S.A. STEHLIN, S. 110 f. Le Rond – »unzweifelhaft der starke politische Mann in Oberschlesien« – war »ein überaus intelligenter Technokrat, dem jedoch jede menschliche Wärme fehlte und der mit List und Geschmeidigkeit, gelegentlich aber auch mit Täuschung, Heuchelei und Intrigen seine politischen Zielvorstellungen zu realisieren versuchte.« G. HITZE, S. 257-263, hier 258, 260. Da weder Großbritannien noch die USA ihre zugesagten Truppenkontingente für Oberschlesien bereitstellten, bildeten die 12.000 französischen Soldaten neben den 2.000 italienischen die alliierten Truppen. (K. EICHNER, S. 39-43). Nach der Machtübernahme der IK wurde Oberschlesien »zu einem eigenständigen Territorium mit eigenen Hoheitszeichen, Pässen und sogar Briefmarken. Die Grenze zum Reich wurde umgehend von französischen Truppen abgeriegelt; für die Ein- und Ausreise benötigten Einwohner und Besucher Oberschlesiens von nun an spezielle Passierscheine. Eine genaue Kontrolle erfolgte indes nur an der ›inländischen‹ Grenze zu Deutschland; äußerst lax ging es dagegen an der alten Reichsgrenze zu Polen zu. Diese blieb nahezu unkontrolliert und somit praktisch offen für Personen-, Waren- und Waffentransfers aller Art.« G. HITZE, S. 261. Siehe auch S. KARSKI, Abstimmungskampf.

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trieren, dass er weiterhin der zuständige Ortsbischof war – doch die Interalliierte Kommission verweigerte ihm die Einreise. Bertram bat Ratti, der sein Amt als Apostolischer Oberkommissar offiziell erst Mitte Juni antrat, aber bereits Anfang April erstmals nach Oberschlesien gekommen war, in einem persönlichen Gespräch um dessen Intervention, die dieser auch zusicherte228. Während seines Aufenthalts in Rom wies Gasparri Ratti dazu an, die Rolle des Oberkommissars passiv auszufüllen. Er solle das Amt zwar übernehmen, aber so wenig wie möglich tätig werden229. Am 8. Juni kam Ratti wieder nach Oberschlesien, um sein Amt als Apostolischer Oberkommissar offiziell anzutreten. Er besuchte erneut den Breslauer Kardinal, wobei dieses Treffen wesentlich unharmonischer verlief als das erste. Nachdem sich Ratti noch im April bei der Interalliierten Kommission über die Einreisefrage informiert hatte, hatte er seine Meinung über die Opportunität derselben geändert und geriet dadurch in Gegensatz zu Bertram. Dieser habe den Ruf, »di essere tedesco non solo di nazionalità e di lingua, ma anche di anima e di cuore: niente di male fin qua, com’è evidente.« Der Nuntius übernahm die Argumentation der Interalliierten Kommission, dass Bertram in seinem Pastorale vom 24. Juni des vorigen Jahres nicht öffentlich dafür hätte eintreten dürfen, dass Oberschlesien bei Deutschland bleibe. Darüber hinaus warf er ihm vor, dass der Fürstbischof des Polnischen nicht mächtig sei und niemals versucht habe, mit Hilfe eines Dolmetschers mit den Polen zu sprechen. Zusätzlich habe er zwar einen polnischstämmigen Weihbischof eingesetzt, der jedoch deutschfreundlich sei – »un rimedio quasi peggiore del male.«230 Aus diesen Gründen lehnte Ratti eine Reise Bertrams ins Abstimmungsgebiet als einen Triumph der deutschen Bemühungen ab. Während seines Romaufenthalts im April hatte Ratti die Angelegenheit dem Hl. Vater dargelegt, der daraufhin angeregt hatte, dass der Nuntius als Apostolischer Oberkommissar unter den gegebenen Umständen dringende kirchliche Amtshandlungen durchführen könne und die 228

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230

Ratti an Gasparri vom 19.7.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 914, f. 2r-11r, hier 8r. Im Anschluss an diese Unterredung bat Bertram den Nuntius, dem Hl. Stuhl seine Ansichten in Erinnerung zu rufen: »Für Oberschlesien selbst ist der Anschluß an Polen deshalb zu bedauern, weil ganz Oberschlesien dann auf eine tiefere Kulturstufe zurücksinkt. Je mehr nach Osten, desto tiefer die Kultur, das kann man ruhig behaupten, ohne jemand zu beleidigen.« Bertram an Ratti vom 11.4.1920, ASV – ANV 203, fasc. 2, f. 537r-538v. S.A. STEHLIN, S. 110 macht Bertram anhand dieses Schreibens zum Werkzeug der Regierung, wenn er schreibt, dass auf deutscher Seite Anstrengungen unternommen wurden, »to win Ratti himself for the German viewpoint. The task of influencing the new Religious Commissioner was left primarily to Breslau’s Cardinal.« Stehlin impliziert, dass die Regierung den Fürstbischof mit der Beeinflussung Rattis beauftragt habe, wobei er verkennt, dass Bertram auch die Interessen seiner Diözese vertrat. Die Anweisung Gasparris lautete in den Worten Rattis: »Stare al mio posto e fare il meno possibile.« Ratti an Gasparri vom 19.7.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 914, f. 3v. Siehe R. MOROZZO DELLA ROCCA, S. 117, Anm. 40. Ratti an Gasparri vom 9.7.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 914, f. 8v. Le Rond, der die Politik der IK bestimmte, war der Ansicht, dass Bertram ein germanisierender Bischof sei, dessen Anwesenheit in Oberschlesien verhindert werden müsse. G. HITZE, S. 323. Der britische Vertreter bei der IK, Oberst Harold Franz Passawer Percival, unterstützte nach einigen Bedenken die Einreisewünsche Bertrams, konnte sich aber nicht durchsetzen. K. EICHNER, S. 90 f.

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weniger dringenden bis nach dem Plebiszit warten könnten. Als er dem Breslauer Kardinal dies bei seinem Besuch im Juni mitgeteilt habe, erklärte Ratti im Juli Kardinalstaatssekretär Gasparri, habe dieser schmerzlich überrascht reagiert und es habe ihn Mühe gekostet, dies zu verstehen und sich zu fügen. Ratti hielt es nicht für ratsam, Bertram über die Einzelheiten des Entscheidungsprozesses zu informieren, da der Breslauer Kardinal »troppo buon tedesco« sei, um diese Informationen »calmo ed imparziale« beurteilen zu können231. Seit diesem Treffen war das Verhältnis der beiden Kirchenmänner stark beschädigt und eine gewinnbringende Zusammenarbeit war nicht mehr möglich. Bertram sah in Ratti eine Marionette der Interalliierten Kommission bzw. Polens und versuchte fortan, ihn beim Hl. Stuhl zu diskreditieren. Als Reaktion auf das Treffen mit Ratti beantragte Bertram am 18. Juni beim französischen Konsul in Breslau eine permanente Einreiseerlaubnis nach Oberschlesien, um Firmungen sowie eine Kirchenkonsekration durchzuführen. Damit ging er auf Konfrontationskurs zu Ratti und forderte die Interalliierte Kommission zu einer offiziellen Stellungnahme heraus. Diese gab jedoch nicht nach und verweigerte die Einreise, auch wenn keine rechtliche Basis für dieses Vorgehen vorlag. Bertram wandte sich noch am gleichen Tag mit der Bitte an den Nuntius, diese sehr diffizile Angelegenheit zu ordnen, auch wenn er dessen ablehnende Haltung bereits kannte. Er habe schließlich »den festen Willen, in Oberschlesien keine Akte vorzunehmen, die wegen der aufgeregten Zeiten bedenklich« seien und beharrte auf die permanente Einreiseerlaubnis. »Das ist unentbehrlich. Die Verweigerung würde einen großen und schlimmen Skandal in den weitesten Kreisen hervorrufen.«232 Der Versuch Bertrams, mit Hilfe des deutschen Bevollmächtigten für Oberschlesien, Hermann Fürst von Hatzfeldt, Druck auf General Le Rond auszuüben, scheiterte und auch Ratti, der Benedikt XV. hinter sich wähnte, ließ sich nicht umstimmen233. Bertram brachte seinen Standpunkt und seine Kritik an Ratti mit Hilfe eines Mittelmannes im Vatikan vor. Der Breslauer Domkapitular und spätere Konsultor der deutschen Botschaft beim Hl. Stuhl, Johannes Steinmann, 231 232

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Ratti an Gasparri vom 9.7.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 914, f. 10r. Bertram an Ratti vom 18.6.1920, Ebd. – ANV Pos. 203, fasc. 2, f. 560r-561r. In der Tat sorgte das Fernbleiben Bertrams von der angekündigten Firmung in Oppeln und der Verschiebung auf unbestimmte Zeit für Aufsehen bei den deutsch gesinnten Katholiken Oberschlesiens und in ganz Deutschland: Fernhaltung des Fürstbischofs von Oberschlesien, in: GERMANIA Nr. 278 vom 29.6.1920; Fernhaltung des Fürstbischofs aus Oberschlesien, in: SV Nr. 326 vom 1.7.1920. Praschma an Pacelli vom 6.7.1920, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 1, f. 12r-v. Gemeinsam mit Praschma hatte Hatzfeldt vorher an demselben Tag Bertram besucht, um das weitere staatliche Vorgehen zu besprechen. Hatzfeldt an AA vom 6.7.1920, GStA PK, I. HA Rep. 77 Ministerium des Innern, Abt. Ost-West, Tit. 856, Nr. 399, f. 49r-v. S.A. STEHLIN, S. 112 f. Ratti an Bertram vom 12.7.1920, AAW – IA 25 o28. Wegen der Mehrfachbelastung Rattis als Nuntius in Polen sowie als Oberkommissar für die Abstimmungsgebiete in West- und Ostpreußen sowie in Oberschlesien konnte er jeweils nur für kurze Zeit vor Ort präsent sein und musste bald weiter reisen. In Oberschlesien hielt sich Ratti vom 5.-8.4., vom 8.-20.6. und vom 5.-17.7.1920 auf. Ratti an Gasparri vom 9.7.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 914, f. 2r.

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legte Benedikt XV. in einer Audienz eine Denkschrift vor, in der er die bekannten Positionen seines Bischofs zur Oberschlesienfrage wiederholte234. Im Auftrag Bertrams kritisierte er, dass Nuntius Ratti »troppo devoto« gegenüber der Interalliierten Kommission auftrete235. Während dem Ortsbischof die Einreise nach Oberschlesien verwehrt würde, dürfe sich Ratti dort frei bewegen und kirchliche Amtshandlungen ungestört durchführen, was eine Einschränkung der bischöflichen Jurisdiktionsgewalt darstelle, wie man sie sich schlimmer kaum vorstellen könne. Schon jetzt würde eine Minderheit des polnischen Klerus in Ratti und nicht in Bertram die ordentliche kirchliche Autorität sehen, was unausweichlich zu dessen Autoritätsverlust beim übrigen Klerus und Volk, gleichgültig ob deutsch oder polnisch, führen müsse. Ferner berichte Ratti einseitig an den Hl. Stuhl, da er sich durch falsche und übertriebene polnische Beeinflussungen und ohne ausreichende Kenntnis der komplizierten Friedensbestimmungen ein falsches Urteil bilde236. Bertram nutzte auch seine Kontakte zur deutschen Botschaft beim Hl. Stuhl, um die Stellung Rattis zu diskreditieren. Er forderte den deutschen Botschafter Diego von Bergen dazu auf, Einfluss auf den Hl. Stuhl zu nehmen, damit dieser Ratti daran hindere, wie vorgesehen an zwei Wallfahrten teilzunehmen, die erfahrungsgemäß für politische Zwecke instrumentalisiert würden237. Gasparri erteilte Ratti daraufhin einen Verweis und machte ihm erneut die »strenge Einhaltung der ihm erteilten Instruktionen zur Pflicht.«238 Seine Vermittlungsversuche um eine Aussöhnung zwischen Kardinal und Nuntius scheiterten jedoch – ein Treffen kam während der Anwesenheit Rattis in Oberschlesien im Juli nicht mehr zustande239. In seinem ersten ausführlichen Bericht über die Situation in Oberschlesien vom 19. Juli 1920 schilderte Ratti unter anderem seine bisherigen Treffen mit Bertram 234

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Memorandum Steinmanns vom 10.7.1920, Ebd., fasc. 913, f. 66r-69r. Neu war der Hinweis, dass Polen nicht in der Lage sei, dauerhaft einen finanziell sichergestellten Staat zu errichten und dass Oberschlesien durch die weitere Zugehörigkeit zu Deutschland vor den polnischen Bestrebungen zur Errichtung einer Nationalkirche geschützt würde. Zusätzlich ließ Bertram seine Kritik an Ratti durch den Grafen Praschma sowie durch Nuntius Pacelli an den Hl. Stuhl weiterleiten. Praschma an [Gasparri] vom 12.6.1920, Ebd., f. 52r; Pacelli an Gasparri vom 5.7.1920, Ebd., f. 56r. Memorandum Steinmanns vom 10.7.1920, Ebd., f. 67r. Ein Schreiben, in dem sich Bertram direkt bei Ratti über dessen »very devoted tone« gegenüber der IK beschwerte, wie es S.A. STEHLIN, S. 112 ohne Quellenbeleg angibt, konnte nicht nachgewiesen werden. Memorandum Steinmanns vom 10.7.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 913, f. 68r. Steinmann hielt sich fortan an der Römischen Kurie auf, gewann bald an Einfluss und wurde zu einem »der wenigen Prälaten, die ohne besondere Anmeldung leichten Zutritt zum Papst erhielten.« S. SAMERSKI, Geistliche Konsultor, S. 270. Bertram an AA vom 12.7.1920, AAW – IA 25 o28. S.A. STEHLIN, S. 113. AA an MWKV vom 14.9.1920, AAW – IA 25 o29. G. HITZE, S. 325 geht »mit einiger Sicherheit« davon aus, dass »diese ungewöhnlich scharfe päpstliche Reaktion ... auf entsprechende Vorstellungen Eugenio Pacellis zurückzuführen« sei. Gasparris Ermahnungen lag hingegen vielmehr die weite Interpretation seines Auftrages durch Ratti zugrunde als eine Intervention Pacellis, der in der Oberschlesienfrage große Zurückhaltung übte. Gasparri an Ratti vom 9.7.1920 [K], ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 913, f. 59r.

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und seine Haltung in der Einreisefrage. Dabei maß er den Argumenten der Interalliierten Kommission und Polens mehr Gewicht bei als denen der deutschen Seite240. Aus seiner Verteidigung gegen die Vorwürfe Bertrams wird deutlich, dass Ratti die Anweisungen des Hl. Stuhls weiter ausgelegt hatte, als dieser es wünschte. Der Nuntius rechtfertigte seine Annahme, dass die Anwesenheit Bertrams in Oberschlesien nicht mehr notwendig sei, als Interpretation seiner eigenen Ernennung zum Oberkommissar. Dass solche Äußerungen über die Anweisung Gasparris, »di fare il meno possibile«, hinausgingen, schien Ratti nicht zu erkennen oder erkennen zu wollen. Er versicherte dem Kardinalstaatssekretär, dass er das ihm Mögliche getan habe, um in der schwierigen Situation die Unparteilichkeit zu gewährleisten. Einen Seitenhieb auf Bertram konnte er sich jedoch nicht verkneifen: »Le disposizione moderate e conciliante del Cardinale Bertram« seien »molto più di forma che di sostanza.«241 Mitte August versuchte Bertram den Münchener Nuntius Pacelli in der Auseinandersetzung mit Ratti auf seine Seite zu ziehen, damit sich dieser beim Hl. Stuhl für ihn einsetze. Dass er dabei sehr vorsichtig vorgehen musste, war Bertram sehr wohl bewusst, weshalb er nicht amtlich, sondern durch einen Privatbrief an Pacelli herantrat. Zwar sei Ratti »sehr devot gegen General Le Rond in Oppeln und sehr eingenommen für die Polen. Aber facta, derentwegen ... [er] Beschwerde erheben könnte, liegen nicht vor.«242 Pacelli teilte Bertrams Standpunkt, dass der Hl. Stuhl durch Steinmann bereits umfassend über die Vorgänge informiert sei243. Durch den Ausbruch des II. Polnischen Aufstands in Oberschlesien Mitte August stellte sich die Einreisefrage vorerst nicht mehr. Als die internationale Stimmung nach den eindeutigen Abstimmungssiegen Deutschlands in Marienwerder und in Allenstein und wegen des Polnisch-Russischen Kriegs zu Gunsten Deutschlands umzuschlagen drohte, griff die junge polnische Republik erneut – in Analogie zu ähnlich gelagerten Fällen in Litauen, Russland, Posen, Teschen und nicht zuletzt in Oberschlesien vor Jahresfrist – für die Lösung ihrer territorialen Wünsche zu militärischen Mitteln und plante einen »spontanen« Aufstand der oberschlesischen Bevölkerung. Binnen kürzester Zeit wurden in der zweiten Augusthälfte der Süden und Südosten Oberschlesiens militärisch besetzt und die Bevölkerung terrorisiert. Der deutsche Selbstschutz war den polnischen »Auf240 241 242 243

Ratti an Gasparri vom 19.7.1920, Ebd. – fasc. 914, f. 4r, f. 5v. Ratti an Gasparri vom 31.7.1920, Ebd., f. 16r-17v, hier 16v, 17r. Bertram an Pacelli vom 14.8.1920, Ebd. – ANB, Pos. 42, fasc. 1, f. 22r-23v, hier 23r-23v. Pacelli an Bertram vom 16.8.1920 [K], Ebd., f. 24r. Ratti hatte bereits im Juli versucht, Pacelli von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen. Ratti an Pacelli vom 10.7.1920, Ebd., f. 18r-19v. Pacelli hatte zurückhaltend geantwortet, sichtlich bemüht, sich nicht in die Auseinandersetzung hineinziehen zu lassen. Pacelli an Ratti vom 16.7.1920, Ebd. – ANV 194, f. 728r-v. Das Urteil G. CAMPBELLS, S. 369 über das besondere Verhältnis zwischen den Nuntien Ratti und Pacelli in der oberschlesischen Abstimmungsfrage ist demnach zu relativieren. »In retrospect, there was in 1920 the intriguing situation of two future popes, one in Poland and one in Germany, each closely identified with the nation to which he was papal nuncio and therefore with sharply contrasting policies in Central Europe.«

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ständischen« deutlich unterlegen und die französischen Truppen verharrten in passivem Wohlwollen. Formal wurde der II. Polnische Aufstand durch das »Beuthener Abkommen« vom 2. September 1920 beendet244. Bertram sah die Entwicklungen mit Sorge und richtete am 31. August ein »Mahnendes Wort an die Katholiken Oberschlesiens«. Er ließ es in der Presse verbreiten, da ihm »ein persönliches Erscheinen in Oberschlesien zu ... [seinem] tiefen Schmerze zurzeit unmöglich gemacht« werde245. Bertram erinnerte die oberschlesischen Katholiken an ihre »Christenpflichten«, nämlich »Liebe und Gerechtigkeit allen ohne Ausnahme zu erweisen.« Jeder könne in »Maßhaltung und Wahrheitsliebe« seiner politischen Überzeugung Ausdruck geben, doch die »Freiheit der Abstimmung« müsse gewährleistet werden, so wolle es auch der Papst. An den Klerus richtete er die Aufforderung: nie dürfe »die Kirche zum Schauplatz politischer Reden und Demonstrationen werden. Nie soll ein Priester an solchen politischen Demonstrationen sich beteiligen, die einen des Priesters unwürdigen, verhetzenden Charakter tragen ... Das gilt allen ausnahmslos, einerlei welchen Stammes und welcher Sprache sie sind.«246 Ende September beschwerte sich Bertram bei der zuständigen politischen Behörde für Oberschlesien, der Interalliierten Kommission, darüber, dass sie ihren Aufgaben nicht nachkomme. Selbst nach Beendigung des Aufstandes hielten gewalttätige Übergriffe auf Geistliche, die ein »politisches Gepräge« hätten, weiter an. In den meisten Fällen seien solche Priester betroffen, die »niemals politischen Fanatismus getrieben haben, sondern mit treuer Unparteilichkeit stets bemüht waren«, auf die berechtigten Interessen beider Sprachgruppen Rücksicht zu nehmen. Er forderte die Interalliierte Kommission auf, »dem Klerus und der kirchlichen Autorität unentbehrlichen Schutz in wirkungsvollem und ausreichendem Maße« zu gewähren247. Es wird Bertram einige Überwindung gekostet haben, sich mit seiner Bitte um Hilfe ausgerechnet an die Interalliierte Kommission wenden zu müssen. Deren Untätigkeit während des zurückliegenden II. Polnischen Aufstandes war noch in frischer Erinnerung und schließlich war sie es, die Bertram die Einreise nach Oberschlesien unmöglich machte. Dennoch war sie die für die Ordnung in Oberschlesien zuständige Instanz, mit der die kirchliche Autorität nach Bertrams Auffassung in weltlichen Angelegenheiten harmonisch zusammenarbei244

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Zu den Abstimmungsergebnissen siehe J. FALTER / T. LINDENBERGER / S. SCHUMANN, S. 118. Zum Polnisch-Russischen Krieg siehe H. ROOS, S. 52-99; M. ALEXANDER, Geschichte Polens, S. 274-282. Zum Verlauf des II. Polnischen Aufstands siehe G. HITZE, S. 292-314. A. BERTRAM, Ein mahnendes Wort an die Katholiken Oberschlesiens vom 31. August 1920, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 43, S. 179-181, hier 180. Das Mahnwort erschien nicht nur, wie in der Edition angegeben, in der GERMANIA Nr. 393 vom 4.9.1920, sondern ebenfalls in der SV Nr. 442 vom 5.9.1920. Benedikt XV. las das gleichermaßen väterliche wie energische Hirtenwort Bertrams »mit Genugtuung«. Pacelli an Bertram vom 8.10.1920 [K], ASV – ANB, Pos. 41, fasc. 1, f. 48r. A. BERTRAM, Ein mahnendes Wort an die Katholiken Oberschlesiens vom 31.8.1920, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 43, S. 179 f. Bertram an die IK vom 21.9.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 914, f. 57r-v.

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ten musste. Aus demselben Motiv weigerte sich Bertram, dem Vorschlag Johannes Steinmanns zu folgen und vollendete Tatsachen zu schaffen, indem er ohne die Genehmigung der Interalliierten Kommission nach Oberschlesien einreiste. Der Breslauer Kardinal meinte, »er könne nicht handeln wie Kardinal Mercier [während der deutschen Besatzung Belgiens im Ersten Weltkrieg] und würde aus seiner vornehmen Zurückhaltung nicht heraustreten.«248 In den Worten Ludwig Volks war »diese Antwort ... ganz Bertram«, der einen offenen Konflikt mit der rechtmäßigen staatlichen Obrigkeit unter allen Umständen vermeiden wollte, auch wenn er sein bischöfliches Amt dadurch nicht uneingeschränkt ausüben konnte249. Nuntius Ratti war während des Aufstandes nicht persönlich in Oberschlesien, sondern blieb trotz der Bedrohung durch die russische Armee im August in Warschau und kehrte erst Ende September nach Oppeln zurück250. Bereits nach seinem Oberschlesienaufenthalt im Juli war der Apostolische Oberkommissar nicht nur von der deutschen Plebiszitpropaganda wegen seiner angeblichen Parteilichkeit für Polen, sondern auch von der polnischen Presse wegen seiner angeblichen Untätigkeit angegriffen worden. Deswegen versuchte er, Kardinalstaatssekretär Gasparri von der Notwendigkeit zu überzeugen, aktiver werden zu müssen251. Wie sich schnell herausstellen sollte, waren Rattis Befürchtungen nicht unbegründet, denn Anfang Oktober verschärfte der polnische Plebiszitkommissar Wojciech Korfanty, Kopf der polnischen Propaganda und »Schicksalsfigur« in Oberschlesien252, die ohnehin schon angespannte Situation durch den Versuch, die Position Rattis ebenso zu diskreditieren wie die Bertrams. In der Schlesischen Volkszeitung erschien ein Schreiben des polnischen Ministerratspräsidiums an Korfanty, datiert auf den 11. September des Jahres, das den Anschein erweckte, der Warschauer Nuntius habe vom Hl. Stuhl die bischöflichen Rechte Bertrams für den polnischen Teil Oberschlesiens übertragen bekommen253. Der Breslauer Fürstbischof setzte alle ihm möglichen Hebel in Bewegung, um gegen diese Meldung vorzugehen254. Er protestierte umgehend bei Kardinalstaatssekretär Gasparri, der dem polnischen Gesandten mitteilen solle, dass die Behauptungen falsch seien. Dabei attackierte der Breslauer Kardinal erneut auch den Warschauer Nun248

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Steinmann an den Staatssekretär für politische Angelegenheiten, Edgar Haniel von Haimhausen, vom 20.8.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1. Im Dezember regte das AA ein solches Vorgehen Bertrams an, doch Bergen bezweifelte zu Recht, dass dieser dazu bereit sein würde. Bergen an AA vom 9.12.1920, ADAP, Ser. A, Bd. IV, Nr. 73, S. 139, Anm. 10. L. VOLK, Bertram, S. 277. Zu den Auseinandersetzungen um Mercier siehe L. VOLK, Mercier. S.A. STEHLIN, S. 116; R. MOROZZO DELLA ROCCA, S. 115. Ratti an Gasparri vom 28.9.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 915, f. 32r-34r; R. MOROZZO DELLA ROCCA, S. 117. Zur deutschen Propagandaarbeit in Oberschlesien siehe R. VOGEL, Öffentlichkeitsarbeit, S. 288 f., zur polnischen G. HITZE, S. 279-288; S. KARSKI, Korfanty, S. 210. Ebd., S. 11, 183-405. Wie Korfanty die Mission Msgr. Rattis ausnützen möchte, in: SV Nr. 499 vom 6.10.1920. Die SV meldete am folgenden Tag, dass die kirchlichen Stellen, also die Breslauer Kurie, die Ausdehnung der Machtbefugnisse Rattis nicht bestätigt und gegenteilige Meldungen das Ziel hätten, Verwirrung zu stiften. Wie Korfanty die Mission Msgr. Rattis ausnützen möchte, in: SV Nr. 501 vom 7.10.1920.

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tius. Ratti sei ohne Zweifel ein sehr gelehrter Mann und habe die besten Absichten, doch fehlten ihm der Überblick und die notwendige praktische Erfahrung, um die Betrügereien der polnischen Regierung durchschauen zu können. Sollte der Hl. Stuhl das Schreiben der polnischen Regierung tatsächlich akzeptieren und Bertrams Jurisdiktionsgewalt einschränken, würde er seinen Neutralitätskurs verlassen, was zwangsläufig Konsequenzen für das Verhältnis zwischen Deutschland und dem Hl. Stuhl haben würde. Bertram deutete damit an, dass er in dieser Angelegenheit erneut mit der Unterstützung der Regierung rechnete, die schließlich ein Konkordat mit dem Hl. Stuhl abschließen wolle255. Die Antwort Gasparris ließ Bertram nach Inspiration durch Botschafter Bergen in der Schlesischen Volkszeitung sowohl im Original als auch in deutscher Übersetzung veröffentlichen256. Am 12. Oktober telegraphierte der Kardinalstaatssekretär: »Die Erklärungen, über welche Eure Eminenz im Briefe vom 6. Oktober berichten, sind niemals von der Staatssekretarie gegeben worden, weder in den mitgeteilten, noch in ähnlichen Ausdrücken. Ein Erläuterungsschreiben folgt nach.« In diesem erklärte Gasparri dem Breslauer Kardinal, der Ernennung Rattis zum Apostolischen Kommissar für Oberschlesien habe die Absicht zu Grunde gelegen, »die Abstimmungsfreiheit sicherzustellen und die Gemüter zu beruhigen«. Bertram behalte seine »Jurisdiktion in vollem Umfange auch über jenen Teil der Diözese Breslau«. Anders lautenden Aussagen müssten »Mißverständnisse« zu Grunde liegen257. Die Veröffentlichung der Schreiben Gasparris in der Presse war ein außergewöhnlicher Schritt Bertrams, denn normalerweise ließ er solche Vorwürfe unkommentiert. Dieses Vorgehen weist auf das große Gefahrenpotenzial hin, das er in der vermeintlichen Übernahme der Bischofsgewalt in Oberschlesien durch den seiner Ansicht nach polenfreundlichen Nuntius Ratti sah. Mit der wortgetreuen Veröffentlichung der Schreiben des Kardinalstaatssekretärs konnte Bertram den betrügerischen Versuch Korfantys aufdecken und zeigen, dass er weiterhin die volle Jurisdiktionsgewalt inne hatte. Das Thema der Einreise Bertrams nach Oberschlesien wurde im Herbst erneut aufgeworfen. Nach einem letzten Vermittlungsversuch verfolgte der Hl. Stuhl eine Doppelstrategie258. Um die vatikanische Neutralität zu gewährleisten, wies der Kardinalstaatssekretär Ratti an, eine Einreiseerlaubnis für den Breslauer Kardinal bei der Interalliierten Kommission zu erwirken, da er nach den verschiedenen Mahnworten Bertrams keinen Grund dafür sehe, diesem die Einreise zu verwei255

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Bertram an Gasparri vom 6.10.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 916, f. 9r-10v. Parallel benachrichtigte Bertram Nuntius Pacelli, das AA und das preußische Kultusministerium. Bertram an Pacelli vom 6.10.1920, Ebd. – ANB, Pos. 42, fasc. 1, f. 40r; Bertram an AA und MWKV vom 6.10.20, AAW – IA 25 o29. Bergen an AA vom 16.10.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1. Gasparri an Bertram vom 13.10.1920, in: Über die bischöfliche Jurisdiktion im Abstimmungsgebiete, in: SV Nr. 531 vom 23.10.1920. S.A. STEHLIN, S. 117 f. stellt die Situation verkürzt dar. Gasparri an Ratti vom 2.10.1920, ASV – ANV 194, f. 791r-792v.

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gern259. Diese Forderung stellte der Vatikan allerdings nur unter der Bedingung, dass Bertram, selbst wenn die Einreiseerlaubnis nach Oberschlesien vorliegen sollte, von einer Visitationsreise absehen würde, wie Gasparri dem deutschen Vatikanbotschafter Bergen erklärte260. Bertram allerdings wollte auf diesen Kompromiss nicht eingehen261. Im Verlauf dieser Verhandlungen fand am 5. November ein Treffen zwischen Bertram und Ratti statt, das zum persönlichen Bruch führte. Nach Rattis Bericht an Gasparri habe er Bertram in schlechter Stimmung, gereizt und unzufrieden mit allem und jedem getroffen. Der Kardinal sei der fixen Idee verfallen, dass sich alle gegen ihn verschworen hätten und dass alles, was er, Ratti, mache, gegen ihn gerichtet sei262. Die Einschätzung Pacellis, Bertram sei »von nicht leichtem Charakter, autoritär und empfindlich«, stimmt mit dessen hier beschriebenem Verhalten überein263. Aus je einem Schreiben Rattis an Bertram und Bertrams an Ratti vom 26. November, die sich nach der Abreise Rattis aus Oppeln auf dem Postweg kreuzten, geht hervor, dass es zu einem Streit gekommen war, in dessen Verlauf der Breslauer Kardinal den Nuntius persönlich angegriffen hatte. Ratti beteuerte noch immer seine Neutralität: »E.E. werden sehen, dass es nicht meine Schuld gewesen ist, wenn ich Sie mit unangenehmen Mitteilungen belästigt habe ... Was ich für die Einreise E.E. in OS vielfach versucht und geleistet habe, darf ich nicht meiner Stellung wegen selbst sagen. Es thut mir leid, dass E.E. so unwohlwollend, so unwahr und so ungerecht über mich haben urtheilen können, wie deutlich manche nicht Christen anstehenden Ausdrücke gezeigt haben: (meine private Person verdient noch Schlimmeres).«264

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Gasparri an Ratti vom 18.10.1920, Ebd., f. 780r. In mehreren kurzen Stellungnahmen versicherte Ratti, der Aufforderung Gasparris zu folgen. Ratti an Gasparri vom 22.10.1920, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 916, f. 48r; Ratti an Gasparri vom 31.10.1920, Ebd., f. 53r; Ratti an Gasparri vom 1.11.1920, Ebd., f. 54r-55v. Mit dem Hinweis auf die in einer Denkschrift Kubinas geschilderte unruhige Stimmung in Oberschlesien machte Ratti allerdings deutlich, dass er nicht mit einer Genehmigung der IK rechnete. Denkschrift der Pfarrer Anders, Schulz und Kubina vom 13.10.1920, Ebd., f. 56r-57v. Bergen an AA vom 26.10.1920, PA AA – I. 147, Politik 20 Vatikan Breslau, Das Fürstbistum Breslau, Bd. 1. Siehe G. CAMPBELL, S. 369. Unsigniertes Memorandum zur Einreise Bertrams nach Oberschlesien vom [vor 24.10.1920], PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1. Ratti an Gasparri vom 14.11.1920, in: E. FATTORINI, Nr. 37, S. 381-386, hier 382. G. CAMPBELL, S. 369 bezeichnet dieses Treffen zurecht als »a complete failure.« Hatzfeldt, auf dessen Bericht an das AA Campbells Einschätzung beruht, war nach zwei Unterredungen mit Ratti davon überzeugt, »dass wir bei diesem Manne niemals auch nur die geringste Unterstützung finden werden. Er ist der typische Diplomat des Mittelalters, glatt wie ein Aal, und krümmt sich wie ein Regenwurm; er hält Monologe auch dem Kardinal gegenüber – und in jedem Satz kommt ein ›aber‹ vor. Zum Beispiel: ›Gewiss ist es meine Aufgabe die Jurisdiktion des Herrn Kardinals zu erleichtern, aber – wenn mir die Interalliierte Kommission sagt, die Einreise desselben würde Unruhen hervorbringen, und sie müsste auf Ruhe und Ordnung halten, was soll ich dann tun?‹« Hatzfeldt an AA vom 8.11.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1. E. PACELLI, S. 219. Ratti an Bertram vom 26.11.1920, ASV – ANV 203, fasc. 2, f. 577r-578r, hier 577r.

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Bertram hatte sich geweigert, Ratti nochmals zu empfangen, weshalb am 6. November, am Tag nach dem Treffen mit Ratti, der Auditor der Warschauer Nuntiatur, Pellegrinetti, nach Breslau reiste. Diesem gegenüber habe sich Bertram beruhigter, gelassener, und sogar ein wenig reuig gezeigt265. Bertram entschuldigte sich dann auch in seinem Schreiben an Ratti für seinen Fehltritt und bedankte sich »herzlich für die gütige Entsendung des Monsig. Uditor [Pellegrinetti] und alle die viele Mühe, die Sie zur Beruhigung meiner Oberschlesier aufgewandt haben. Daß ich in der Aussprache am 5. d.M. manche Worte, die Ihnen wehe taten, nicht hätte sagen sollen, gebe ich gerne zu, und bitte um Nachsicht, wenn ich in der Menge der Enttäuschungen und Ungerechtigkeiten, die täglich auf mich einströmen, zu weit gegangen bin. Es war nicht böse gemeint.«266

Durch dieses Schreiben war die Auseinandersetzung zwischen Bertram und Ratti formal ausgeräumt. Bertrams Verärgerung blieb jedoch bestehen und er ließ dem Sekretär für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten beim Hl. Stuhl, Bonaventura Cerretti, über Steinmann eine vertrauliche Erklärung zukommen – »pas, pour plaindre, mais pour éclaircir la situation« –, in der er Ratti erneut angriff. Er wisse sehr gut, dass er mit diesem zusammen arbeiten müsse und dass es die Aufgabe eines Kardinals sei, einen Nuntius ehrenvoll zu behandeln. »Mais des relations jusqu’au [sic] certain dégré personelles et confidentielles avec Mgre. Ratti ne sont pas possibles.« Der Nuntius habe ihm gedroht, die ihm zugegangenen Protestschreiben über den deutschen Klerus und Bertram an die Römischen Kongregationen weiterzuleiten, damit diese Untersuchungen durchführen könnten. Zwar wies Bertram die Zuständigkeit Rattis in solchen Fällen zurück, doch sollten sich die Römischen Kongregationen tatsächlich mit den Protesten befassen wollen, würde er deren Kompetenz nicht anzweifeln. »Les Congrégations Romaines s’identifient, pour ainsi dire, avec le Pape, elle sont pour moi les organes du Primat, à elles donc, comme à mes supérieurs légitimes, j’obéis du bon cœur. La position du Nonce est essentiellement différente. Les Nonces n’ont pas la position des Congrégations Romaines.« In den abschließenden Worten an Cerretti fasste Bertram sein Verhältnis zu Ratti zusammen und sprach eine eindeutige Empfehlung aus. »Je ne pense pas, que je puisse appliquer à Monsignore Ratti les rélations intimes, que j’entretiens avec Monsingnore Pacelli. La bonne volonté et la difficulté de sa position je ne les méconnais pas. Mais il n’a pas une vraie liberté d’action, la Pologne et l’Entente ne l’admettent pas. – Il serait mieux, qu’il reste à Warsovie.«267 265 266 267

Ratti an Gasparri vom 14.11.1920, in: E. FATTORINI, Nr. 37, S. 382. Bertram an Ratti vom 26.11.1920, ASV – ANV 203, fasc. 2, f. 579r-v. Bertram an Steinmann vom 21.11.1920, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 1739, fasc. 2, f. 74r-75r. Bertrams Verhältnis zu Nuntius Pacelli dient hier als positives Spiegelbild für sein Verhältnis zu Nuntius Ratti. Spannungen, wie sie Hubert Wolf und Klaus Unterburger auf der Basis des Abschlussberichts Pacellis zwischen Nuntius und Fürstbischof sehen, waren bisher nicht aufgetreten, auch wenn Pacelli in der Oberschlesienfrage keine eindeutig deutschfreundliche Position einnahm. Allerdings wäre es der Argumentation Bertrams auch entgegengelaufen, hätte er sein Verhältnis zu

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Während Bertram in Breslau sein Schreiben an Cerretti verfasste, entschied sich Papst Benedikt XV., die Auseinandersetzung um die Einreise des Breslauer Kardinals nach Oberschlesien endgültig zu beenden. Er ließ Bertram durch Pacelli dazu aufforden, sich »die Opportunität obgenannter Visitation zu überlegen.«268 Dem Wunsch des Papstes konnte sich Bertram kaum widersetzen, selbst als die Interalliierte Kommission dem Druck des Hl. Stuhls nachgab und die Einreise genehmigte269. Der Gewinner dieses Vorgehens war der Hl. Stuhl, der seine Neutralität wahren konnte, ohne dass das bischöfliche Visitationsrecht de jure verletzt worden wäre. Bertram war der Verlierer, da sein Visitationsrecht de facto vom Hl. Stuhl außer Kraft gesetzt und seine Jurisdiktionsgewalt in Oberschlesien beschnitten wurde. Aber auch Ratti zählte zu den Verlierern, da er sein Ansehen bei der Interalliierten Kommission und in Polen verspielt hatte. Schließlich musste er – gegen seinen Willen – die Einreiseerlaubnis Bertrams durchsetzen. f) Der Erlass vom 21. November 1920 und der Sturz Rattis

Noch während der Verhandlungen um die Einreisegenehmigung für Oberschlesien bereitete Bertram einen entscheidenden Schlag gegen die politische Propaganda des polnischen Klerus vor. Nach dem Augustaufstand hatte sich die Situation in Oberschlesien nur oberflächlich beruhigt und der Klerus war in ein deutsches, ein polnisches und ein neutrales Lager gespalten270. Während der deutschgesinnte Klerus die Anweisungen Bertrams zur Mäßigung in politischen Fragen zum Unbehagen der deutschen Regierung im Großen und Ganzen befolgte271, organisierte sich ein Teil des polnisch gesinnten Klerus in der »Theologischen Sektion« und propagierte den Anschluss Oberschlesiens an Polen. Bei dieser

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Pacelli in diesem Zusammenhang nicht als vertrauensvoll dargestellt. Bemerkenswert ist die Sichtweise Bertrams über das Amt des Nuntius, die der Pacellis diametral entgegenstand, und in der die Spannungen, die Wolf und Unterberger aus Pacellis Abschlussbericht herauslesen, maßgeblich begründet sind. E. PACELLI, S. 56, 61-63, 91. Siehe dazu Kap.IV.2.c. Pacelli an Bertram vom 21.10.1920, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 1, f. 63r. S.A. STEHLIN, S. 119 f. Nach internen deutschen Angaben waren im Januar 1920 von den 523 oberschlesischen Geistlichen ca. 200 eindeutig deutsch, weitere 200 neutral und die übrigen ca. 120 polnisch gesinnt. G. HITZE, S. 329. Die »Theologische Sektion« zählte nach eigenen Angaben hingegen ca. 200 Priester. Denkschrift der Pfarrer Anders, Schulz und Kubina vom 13.10.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1738, fasc. 916, f. 56r-57v. Die deutsche Regierung musste Zähne knirschend hinnehmen, dass die erhoffte Agitation des deutschen Klerus »ohne Beteiligung des Kardinal-Fürstbischof ... inopportun« war. Hatzfeldt an AA vom 1.7.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1; S.A. STEHLIN, S. 111. So kritisierte Landrat Lukaschek den alten »Objektivismus, daß keiner von den noch so Deutschgesinnten glaubt, sein hohes Kirchenamt missbrauchen zu dürfen für Zwecke der Politik, während der Polnischgesinnte das einfach für seine Pflicht« halte, für »unselig«. Die Idee einer »germanisierenden« Geistlichkeit hätte nämlich »zweifellos den Wunschvorstellungen der [politisch] Verantwortlichen in Berlin und Breslau entsprochen, sie existierte aber lediglich in der polnischen Propaganda und als Klischeevorstellung in den Köpfen hoher französischer Militärs.« G. HITZE, S. 329 f.

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Agitation wurden die Breslauer Diözesanpriester durch auswärtige polnische Ordensgeistliche unterstützt, die nicht der Jurisdiktion Bertrams unterstellt waren und ausschließlich zur Propaganda nach Oberschlesien reisten272. Ein Einigungsversuch innerhalb des Breslauer Diözesanklerus, über den Bertram mit Sicherheit informiert war, wenn er nicht sogar selbst hinter den Forderungen der deutsch gesinnten Geistlichen gestanden hatte, war Anfang Oktober gescheitert. »Die Deutschen verlangten, dass ein Geistlicher ohne Genehmigung des zuständigen Pfarrers in dessen Gemeinde keine öffentlichen Reden halten sollte, um dessen Autorität nicht zu gefährden. Die Polen stellten sich dagegen auf den Standpunkt, dass die meisten Pfarrer des Industriegebietes deutsch seien und daher die Polen nicht in der Lage seien, zu reden, wenn sie vom Willen des Ortspfarrers abhängig seien. Eine Einigung kam nicht zustande. Die Polen erklärten offen, das Plebiszit hänge mit der Religion zusammen, deshalb könnten sie auf die wertvolle Hilfe der fremden Geistlichen nicht verzichten.«273

Bertram ließ den Vorschlag, dass die Ortspfarrer ein Agitationsverbot verhängen können sollten, nicht ruhen. Da er damit rechnen musste, dass die »Theologische Sektion« einen solchen Erlass nicht akzeptieren würde, suchte er im Voraus Rückendeckung beim Hl. Stuhl. Über Nuntius Pacelli richtete er ein Schreiben an Benedikt XV., in dem er die Situation in Oberschlesien als dramatisch darstellte. Die Lebensbedingungen würden von Tag zu Tag schrecklicher, Priester würden vertrieben, Anarchie ziehe ein, seine Mahnungen zeigten keine Wirkung, die sozialistische Bedrohung im oberschlesischen Industriegebiet nehme zu und der Einfluss der katholischen Organisationen schwinde: es drohe die bolschewistische Verführung aus dem Osten. Die Hauptschuld suchte Bertram auf der polnischen Seite, auf der der Fanatismus stärker sei als auf der deutschen. Vor diesem Hintergrund sei er von ihm treu ergebenen Priestern gebeten worden, die politische Agitation des Klerus streng einzuschränken. Um dies zu erreichen, wolle er die Teilnahme des Klerus jedweder Nation an politischen Veranstaltungen sowie politische Predigten in anderen als der jeweiligen Heimatpfarrei von der Genehmigung des Ortspfarrers abhängig machen und Priestern fremder Diözesen sowohl in der Predigt als auch bei sonstigen Veranstaltungen die politische Agitation verbieten274. Pacelli, den Bertram gebeten hatte, ein »ernstes Wort« zu seinem 272

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Ratti kritisierte das Auftreten dieser Ordensgeistlichen in Oberschlesien, konnte sich jedoch gegen die polnischen Heimatbischöfe, auf deren Anweisung diese Agitatoren geschickt worden waren, nicht durchsetzen. Ratti an Gasparri vom 14.11.1920, in: E. FATTORINI, Nr. 37, S. 381-386, hier 383 f. Mehrere deutsche Erzpriester erstellten Anfang November eine unvollständige Liste mit den Namen von 28 polnischen Ordensgeistlichen fremder Diözesen, die in Oberschlesien politische Agitation betrieben. Franz Tylla, Kubis, Tunkel und Augustin Bertzik an Bertram vom 4.11.1920, AAW – IA 25 o29. G. HITZE, S. 330 f. Hatzfeldt an AA vom 7.10.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1. S. KARSKI, Korfanty, S. 260. Auch diese Gelegenheit ließ Bertram nicht aus, um Ratti zu kritisieren. Den Polen sage man: »vester episcopus est Nuntius Ratti, ita vult Sanctissimus Pater.« Zu Ratti hätten die Deutschen jedoch kein Vertrauen, denn er habe schon bei der Abstimmung in Ostpreußen dazu geraten, »catholice«

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Schreiben hinzuzufügen, unterstützte nun angesichts der sich verschärfenden polnischen Propaganda den Breslauer Kardinal275. Bertram bat er »weiterhin um diese offene Sprache«. Dem Hl. Stuhl sei seine »treue Anhänglichkeit, apostolische Gesinnung und Hinopferung für das Wohl Ihrer Herde nur zu bekannt, als dass auch nur ein leiser Schatten besorgter Irreverenz in Frage käme.«276 Benedikt XV. hatte nichts gegen den geplanten Erlass Bertrams einzuwenden, weshalb Pacelli dem Breslauer Kardinal das »nihil obstat« des Papstes mitteilen konnte277. Bertram war über sein weiteres Vorgehen unsicher und er überlegte über eine Woche lang, ob er um eine ausdrückliche Autorisation aus Rom bitten sollte278. Noch bevor er sich dazu durchringen konnte, erteilte Gasparri dem Breslauer Kardinal die Befugnis, das geplante Dekret mit »censura latae sententiae«, d.h. der strengst möglichen kirchlichen »Strafe des bereits verhängten Urteils« auszustatten279. Über die Hintergründe, die zu diesem Schreiben geführt hatten, war Bertram nicht informiert280. Der Anstoß für die zweite Anweisung aus Rom war von der preußischen Regierung ausgegangen. Das Kultusministerium hatte dem Hl. Stuhl eine Liste von 25 in Oberschlesien agitatorisch tätigen Geistlichen fremder Diözesen zukommen lassen. Diese Liste gab den Ausschlag dafür, dass der Kardinalstaatssekretär Bertram dazu aufforderte, die censurae latae sententiae anzudrohen281. Der Hl. Stuhl hatte die Angelegenheit damit forciert und Bertram beendete sein Zögern. Ohne die endgültige Fassung nochmals eingereicht zu haben, erließ er am 21. November 1920 Kraft seiner »bischöflichen Autorität unter Approbation des Heiligen Stuhls« an alle Priester und Kleriker seiner Diözese, »jedweder Nation und Sprache«, das Verbot, an »einer politischen Demonstration teilzunehmen oder irgendwelche politische oder andere Reden zu halten ohne die ausdrückliche Erlaubnis des örtlichen zuständigen Pfarrers.« Allen Geistlichen aus fremden Diözesen verbot er »jedwede politische Agitation«, ganz gleich, ob »sie mit oder ohne Zustimmung des Pfarrers« geschehe. In seiner Strafandrohung

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abzustimmen, womit er »in favorem Poloniae« gemeint habe. Bertram an Benedikt XV. vom 21.10.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 173, fasc. 918, f. 23r-24v, hier 23v; S.A. STEHLIN, S. 121. Bertram an Pacelli vom 21.10.1920, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 1, f. 64r-v, hier 64r. Pacelli an Bertram vom 23.10.1920 [K], Ebd., f. 71r. Knapp E. FATTORINI, S. 240 f. noch mit der alten Signatur des ASV – ANV. Pacelli an Bertram vom 2.11.1920, AAW – IA 25 o29. Unsignierte Aktennotiz über eine Besprechung mit Bertram vom 5.12.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1. Gasparri an Pacelli vom 15.12.1920, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 1, f. 82r; Pacelli an Bertram vom 16.11.1920, AAW – IA 25 o29. Zur censura latae sententiae siehe W. REES, Strafgewalt, S. 102-106, 320-323; W. REES, Beugestrafe; B. PRIMETSHOFER. Gasparri an Ratti vom 7.12.1920, in: E. FATTORINI, Nr. 41, S. 388; Gasparri an Bertram vom 8.12.1920, AAW – IA 25 o30. Weismann an Wildermann vom 22.10.1920, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 1, f. 72r; Wildermann an Pacelli vom 29.10.1920, Ebd., f. 75r; Pacelli an Gasparri vom 4.11.1920, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 1739, fasc. 918, f. 33r-v mit der Liste im Anhang (f. 34r). E. FATTORINI, S. 241 ordnet die Schreiben chronologisch falsch ein. Dieselbe Liste der agitatorisch tätigen Priester auswärtiger Diözesen überreichte auch Botschafter Bergen. Bergen an Cerretti vom 18.11.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1709, fasc. 894, f. 54r-56r.

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bezog sich Bertram direkt auf die Autorität des Hl. Stuhls. »Auf Übertretung eines jeden dieser beiden Verbote setze ich hiermit kraft bischöflicher Gewalt und in Kraft besonderer päpstlicher Autorisation die ipso facto eintretende Suspension, die dem Bischof reserviert ist.«282 Durch die censurae latae sententiae trat die kirchliche Strafe, die Suspension, für den Pönitenten direkt mit Begehen der Straftat ein, ohne dass die zuständige richterliche Behörde, der Ortsbischof, tätig werden musste. Bertram zog mit diesem kirchenrechtlich korrekten Dekret die »Notbremse«, um die Autorität der kirchlichen Hierarchie zu wahren283. Aus deutscher Perspektive betrachtet war der Erlass die »einzig mögliche Haltung des bischöflichen Stuhls.«284 Es war allerdings für diese in Deutschland vertretene Sichtweise eine notwendige Voraussetzung, anzuerkennen, dass die von Geistlichen durchgeführte politische Propaganda eingeschränkt werden musste. In Polen teilten weder die Kirche noch der Staat diese Ansicht, weswegen »eine außerordentlich hohe politische Brisanz« in Bertrams Erlass »steckte, die zwangsläufig zu internationalen Verwicklungen führen musste.«285 Erst als die erwartete »scharfe gegnerische Stellungnahme gegen den Erlaß von polnischer Seite« einsetzte, sandte Bertram den Text des Erlasses an Pacelli und den Hl. Stuhl286. Die polnische Kritik warf Bertram genau das vor, was er mit dem Erlass beabsichtigte, nämlich das Ausschalten der politischen Agitation durch Geistliche. Da das Verbot vor allem den nationalpolnisch eingestellten Klerus betraf, wurde umgehend der Vorwurf laut, Bertram sei ein Polenfeind und Germanisator287. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die polnische Geistlichkeit »die einzige nennenswerte Verkörperung polnisch orientierter Eliten in Oberschlesien« darstellte288. Durch deren Ausschalten wurde fast der gesamte Propagandaapparat Polens getroffen, weshalb »vom nationalen Standpunkte aus die Entrüstung der Polen begreiflich« ist289. Der polnische Episkopat ging davon aus, dass das Berufen Bertrams auf eine vatikanische Approbation »nicht dem wirklichen Sachverhalt und den Absichten des Apostolischen Stuhles« entsprechen könne und ließ den Wortlaut seines Pro282

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A. BERTRAM, Oberhirtliche Verordnung, betreffend Haltung des Klerus im oberschlesischen Abstimmungsgebiet vom 21.11.1920, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 44, S. 181-183. In der Literatur wird dieser Erlass Bertrams oft auf den 25.11.1920 datiert, da er in den VERORDNUNGEN DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN GENERAL-VIKARIAT-AMTES ZU BRESLAU Nr. 682 vom 25.11.1920 abgedruckt wurde. G. HITZE, S. 333. R. VOGEL, Deutsche Presse, S. 77. Stellvertretend für die Zentrumspresse: Die oberhirtliche Verordnung über die Geistlichkeit in Oberschlesien. Sturmlauf in Großpolen, in: SV Nr. 602 vom 2.12.1920. G. HITZE, S. 333. Bertram an Pacelli vom 29.11.1920, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 1, f. 85r. Als ausführliches Beispiel unter vielen (siehe den Pressespiegel in AAW – IA 25 o30) sei auf einen Artikel aus der halboffiziellen Zeitung des Polnischen Plebiszitkommissariats, der Oberschlesischen Grenzzeitung Nr. 270 vom 28.11.1920, hingewiesen. Siehe auch J. GLENSK, S. 88-95. G. HITZE, S. 333. R. VOGEL, Deutsche Presse, S. 77.

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testschreibens an den Hl. Stuhl in der Presse veröffentlichen. Durch die Unterdrückungsmaßnahmen der deutschen Regierung seien schließlich 75 Prozent der oberschlesischen Pfarrer Deutsche, die nun mit Hilfe des Erlasses die überwiegend polnischen Kapläne aus nationalen Gründen an der Ausübung ihrer Bürgerrechte hindern würden290. In der Tat lag bei ca. zwei Dritteln der Pfarreien in der Breslauer Diözese das Recht zur Stellenbesetzung, das Patronat, bei der preußischen Regierung, die in den vergangenen Jahrzehnten nur selten national unzuverlässige, also polnischsprachige Pfarrer eingesetzt hatte291. Die polnischen Bischöfe griffen somit einen Amtsbruder für eine Maßnahme in dessen eigener Diözese öffentlich an und bezichtigten ihn darüber hinaus der Lüge, wobei sie sich nicht bemühten, »die Instrumentalisierung der Religion für politische Zwecke zu bemänteln. Signifikant wie selten kollidierten hier der nationale Gedanke und der universale Anspruch der Katholischen Kirche.«292 Der polnische Außenminister, Eustach Sapieha, tat es im Seijm, dem polnischen Parlament, den Bischöfen gleich und stellte die Existenz der päpstlichen Approbation des Erlasses schlichtweg in Frage293. Über ihren Gesandten beim Hl. Stuhl, Kowalski, griff die polnische Regierung nicht nur Bertram, sondern auch den Vatikan selbst an. Bertrams Erlass habe in ganz Polen »une véritable exaspération« hervorgerufen. Um die schlimmsten Konsequenzen für Polen zu vermeiden, forderte der Gesandte, dass Bertram seinen Erlass widerrufen und dass die Jurisdiktion des Breslauer Fürstbischofs über das oberschlesische Plebiszitgebiet so schnell wie möglich an einen Apostolischen Administrator übertragen werden müsse. Dies müsse um so mehr geschehen, da Bertram sein Dekret ohne vorherige Absprache mit Ratti erlassen habe, in dessen Zuständigkeit eine solche Maßnahme eigentlich gefallen wäre294. Dagegen war kaum etwas einzuwenden, denn Bertram hatte den Apostolischen Oberkommissar weder bei dessen bereits geschilderten Besuch in Breslau am 5. November noch danach über den geplanten Erlass in Kenntnis gesetzt. Als die polnische Regierung bei Ratti gegen Bertrams Erlass protestierte, musste der Nuntius inkompetent wirken, da er selbst nicht informiert war295. Angesichts der polnischen Kritik verteidigte Bertram seinen Erlass gegenüber Pacelli. Dieser sei »dringend notwendig [gewesen], da die Würde und Autorität 290

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Polnischer Episkopat an Benedikt XV. vom 30.10.1920, zitiert nach: Eine politische Erklärung, in: SV Nr. 604 vom 3.12.1920. H. MUSSINGHOFF, S. 179. Siehe Kap. III.4.a. G. HITZE, S. 334-336, hier 334. Was ist Wahrheit? Die Entscheidung Dr. Bertrams nicht vom Vatikan genehmigt, in: OBERSCHLESISCHE GRENZZEITUNG Nr. 276 vom 5.12.1920. Man beachte, dass der Titel nur von »Dr. Bertram«, nicht aber von »Fürstbischof« oder »Kardinal« Bertram spricht. Sein kirchlicher Titel wird unterschlagen und somit impliziert, er habe keinen Rechtsanspruch auf die Jurisdiktionsgewalt im Abstimmungsgebiet. Kowalski an Gasparri vom 4.12.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1739, fasc. 919, f. 35r-37r, hier 36r. Ratti an Gasparri vom 30.11.1920, Ebd., fasc. 918, f. 80r-81r.

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des Klerus und die Ruhe des Volkes durch die fanatische Agitation schon schweren Schaden gelitten hat. Immer eindringlicher« habe ihm sein Gewissen gesagt, dass er »nicht länger schweigen dürfte. Der Erlaß ist gerecht, weil er für Deutsche und Polen ganz gleiche Norm gibt.«296 Am 5. Dezember hatte Bertram eine Besprechung mit einem hohen Beamten im Auswärtigen Amt über seinen Erlass und über die deutsch-polnischen Beziehungen. Dabei machte er deutlich, dass er »es für die Aufgabe des Hl. Stuhls [halte], ihn in Schutz zu nehmen, da die Vorwürfe, die ihm gemacht würden, völlig unbegründet seien« und »weil er selbst es nicht für angängig halte, in der Presse eine Polemik gegen katholische Bischöfe zu führen.«297 Nach der Kritik der polnischen Regierung, der polnischen Bischöfe sowie Rattis am Erlass Bertrams sah sich die Römische Kurie bedrängt. Gasparri wies den Breslauer Kardinal darauf hin, dass der Hl. Stuhl dessen Erlass zwar prinzipiell zugestimmt habe, da ein solcher in der Amtsbefugnis eines Bischofs liege, diesen jedoch nicht unter der Approbation des Hl. Stuhls habe veröffentlicht sehen wollen. Auch das Schreiben vom 4. November, das er, Gasparri, als Reaktion auf die vom Kultusministerium geschickte Liste der agitierenden auswärtigen Geistlichen verfasst hatte, und in welchem er die censurae latae sententiae erteilt habe, habe das nicht impliziert. Außerdem habe man in Rom nicht gewusst, dass die Mehrheit der Ortspfarrer Deutsche seien und dies Anlass zur Kritik geben könnte. Nun sei »una vera esasperazione di tutta la Polonia contro la Santa Sede piuttosto che contro Vostra Eminenza« entstanden und die polnische Regierung drohe sogar mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen298. Aus der Perspektive der Römischen Kurie war demnach die polnische Kritik an Bertram weniger problematisch als die am Hl. Stuhl selbst. Als Lösung des Problems, so Gasparri, werde der Vatikan in der kommenden Woche den Auditor der österreichischen Nuntiatur in Wien, Msgr. Giovanni Baptista Ogno Serra, nach Oberschlesien senden, der bis zum Abschluss des Plebiszits als »inviato speziale« vor Ort bleiben werde299. Diese Maßnahme bedeutete faktisch das Ende der Tätigkeit Rattis als Apostolischer Oberkommissar für die Abstimmungsgebiete, auch wenn 296 297

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Bertram an Pacelli vom 2.12.1920, Ebd. – ANB, Pos. 42, fasc. 1, f. 91r-v, hier 91r. Unsignierter Bericht eines Treffens mit Bertram vom 5.12.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1. Gasparri an Bertram vom 8.12.1920, AAW – IA 25 o30. Der gut über die vatikanischen Entscheidungsprozesse informierte Ludwig Volk legte diese Sichtweise – ohne Aktenbelege – bereits in seinem bedeutenden Lebensporträt Bertrams dar. Der Kardinal sei »weit über das Maß des Gebotenen und für die Neutralität des Hl. Stuhles Vertretbaren« hinausgegangen, indem er »für seine Maßnahme dessen Autorität und Approbation öffentlich in Anspruch« nahm. »In Rom war man über Bertrams Verfahren, den Hl. Stuhl als Deckungsschild für unpopuläre Schritte zu benützen, bestürzt und warf dem Breslauer Kardinal Verantwortungsscheu vor.« L. VOLK, Bertram, S. 278. Aktennotiz vom 11.12.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1739, fasc. 920, f. 9r. Nach dem Breslauer Amtsblatt trug Ogno Serra offiziell den Titel eines »Kommissar[s] für das oberschlesische Abstimmungsgebiet«. Mitteilung an den Hochw. Klerus im oberschlesischen Abstimmungsgebiete vom 23.12.1920, in: VERORDNUNGEN DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN GENERAL-VIKARIAT-AMTES ZU BRESLAU Nr. 684 vom 28.12.1920, Nr. 250, S. 145 f.

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er offiziell nicht aus diesem Amt abberufen wurde. Ogno Serra werde im Auftrag des Hl. Stuhls ein Dekret erlassen, das »simile in tutto a quello dell’Eminenza Vostra« sei, »ma più generale, vietanti a tutti gli ecclesiastici, diocesani od estradiocesani, del clero secolare o religiosi, parroci o non parroci, di fare propaganda plebiscitaria.« In diesem Zusammenhang wiederholte Gasparri den Wunsch des Hl. Vaters, dass Bertram »pro bona pacis« und »ad ebitanda mala malora« von einer Reise nach Oberschlesien absehen möge, wodurch dem Kardinal die Einreise nach Oberschlesien endgültig verwehrt war300. Zwar machte Gasparri in seinem Schreiben deutlich, dass ihm Bertrams Vorgehen missfallen hatte, doch insgesamt war es doch »sehr rücksichtsvoll« gehalten, wie der Breslauer Fürstbischof gegenüber Pacelli bemerkte301. Gasparri hätte den Breslauer Fürstbischof schärfer dafür kritisieren können, dass dieser sein Dekret vor der Publikation nicht noch einmal dem Hl. Stuhl vorgelegt hatte und dass er es ohne Absprache mit Ratti erlassen hatte, oder er hätte gar den Vorwurf erheben können, dass Bertram vorgehabt hätte, den Hl. Stuhl absichtlich zu täuschen, indem er nicht mitgeteilt hatte, dass die Mehrzahl der Pfarrer Deutsche waren. Der Kardinalstaatssekretär verzichtete auf solche Vorwürfe, da er mit den beabsichtigten Konsequenzen des Erlasses, der Beschränkung der politischen Agitation durch Geistliche, einverstanden war, wie aus der Ankündigung, diesen aufzugreifen und allgemeiner zu fassen, deutlich wird. Dabei stellte sich ihm das prinzipielle Problem, dass die politische Aktivität der Geistlichen in ihrer Funktion als Priester unterbunden werden sollte, ohne diesen ihre politischen Rechte zu nehmen302. Zusätzlich setzte Polen jegliche Unterstützung Bertrams mit der Unterstützung Deutschlands gleich, weswegen die Kurie es nicht wagte, sich öffentlich auf Bertrams Seite zu stellen303. Dieser erklärte und entschuldigte ausführlich sein Vorgehen, wodurch er die gröbste Verstimmung ausräumen konnte. Er sei davon ausgegangen, dass der Hl. Stuhl, nachdem Gasparri ihm die Mitteilung über die censurae latae sententiae gesandt hatte, eine Beschleunigung des Verfahrens gewünscht hätte. Da 300

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Gasparri an Bertram vom 8.12.1920, AAW – IA 25 o30. Johannes Steinmann, seit Anfang November von der Regierung als Konsultor der deutschen Botschaft angefordert und von Bertram zu diesem Zweck freigestellt, konnte seinen Bischof bereits kurz vorher nach einer Besprechung mit Gasparri und Cerretti über das weitere Vorgehen des Hl. Stuhls informieren. Dabei betonte er die deutschfreundliche Gesinnung nicht nur des Kardinalstaatssekretärs, sondern des sonst den deutschen Wünschen verschlosseneren Cerrettis. Steinmann an Bertram vom 7.12.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 2. Bertram an Pacelli vom 16.12.1920, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 2, f. 8r-v, hier 8r. Aktennotiz Gasparris vom [9.12.1920], Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 1739, fasc. 919, f. 41r-50v. Um nun die Unparteilichkeit oder besser gesagt, deren Anschein, zu bewahren, sah sich der Hl. Stuhl vorerst nicht dazu in der Lage, die deutschen Forderungen nach Verschiebung des Abstimmungstermins in Oberschlesien auf einen Termin nach dem Winter 1921 zu unterstützen. Bergen an AA vom 11.12.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1; Promemoria Steinmanns vom [9.12.1920], ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1739, fasc. 919, f. 67r-69r; S.A. STEHLIN, S. 127. Deutschland forderte dies, damit die gebürtigen Oberschlesier aus Deutschland zum Plebiszit anreisen könnten. G. HITZE, S. 346-349.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

er nicht darüber informiert worden wäre, ob der Hl. Stuhl das Dekret mit oder ohne dessen ausdrückliche Approbation publiziert habe sehen wollen, wäre er davon ausgegangen, dass ihm diese Entscheidung überlassen bliebe. Auf keinen Fall habe er jedoch die vom Hl. Stuhl vorgesehenen Grenzen überschreiten wollen304. Bertram war sich der Tatsache bewusst, dass sein Erlass als polenfeindlich interpretiert werden und, sollte er ihn aus alleiniger Machtbefugnis veröffentlichen, wirkungslos bleiben würde305. Schließlich hatte die »Theologische Sektion« denselben Vorschlag bereits Anfang Oktober abgelehnt. Anders als mit Hilfe des Hl. Stuhls sah der Breslauer Kardinal keine Möglichkeit, seine Autorität durchzusetzen. Er bezog die Pfarrer in den Verbotsprozess mit ein, da diese umgehend vor Ort würden handeln müssen, sollten agitatorische Geistliche in ihren Gemeinden auftreten306. Die nationalen Mehrheitsverhältnisse spielten hierfür keine Rolle. Schließlich sollte beachtet werden, dass die polnischgesinnten Pfarrer Oberschlesiens – immerhin ca. 25 Prozent – selbst weiterhin politisch tätig sein konnten und auch ihren Kaplänen diese Tätigkeit erlauben konnten. Bertram hatte lediglich die Agitation des auswärtigen Klerus vollkommen verboten. Somit war beispielsweise Theodor Kubina als Pfarrer in Kattowitz in seiner politischen Aktivität nicht eingeschränkt, was freilich in der polnischen Kritik wenig Beachtung fand. Warum Bertram allerdings nicht grundsätzlich jegliche politische Agitation von Geistlichen in seiner Diözese, und somit auch die der Pfarrer, verbot, bleibt unklar. Darin liegt die zentrale Schwäche von Bertrams Vorgehen, die dazu führte, dass er »aus der ganzen Affäre um die Rolle der polnischen Priester im Abstimmungskampf … durchaus beschädigt hervor« ging307. Während der Erregung um Bertrams Erlass arbeiteten dieser und die deutsche Botschaft beim Hl. Stuhl weiter daran, die Position Rattis zu schwächen. Dieser sei als Apostolischer Oberkommissar »wenig geeignet, habe nicht einmal höhere Schulbildung, sei früher Bibliotheksbeamter in der Ambrosiana gewesen und zum Diplomaten kaum qualifiziert«, urteilte Bertram. Bertram hatte nicht zu Unrecht den Eindruck, dass Benedikt XV. der deutschen Position nicht abgeneigt war und 304

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Bertram an Gasparri vom 14.12.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1739, fasc. 920, f. 19r-20r. Zusätzlich verteidigte Steinmann Bertrams Vorgehen im Vatikan. Man kam dort vor allem in Anbetracht von Bertrams Entschuldigungsschreiben überein, die Angelegenheit »ruhen zu lassen«. Auch die deutsche Regierung solle dies tun, schließlich versuche der Vatikan weiterhin »unter der Hand auch positiv [im Sinne Deutschlands] tätig zu sein«. Man werde die polnischen Bischöfe schon »unter Wasser halten,« versicherte Pizzardo. Steinmann an Bertram vom 20.12.1920, AAW – IA 25 o30. Diese Argumentation wird der römischen Kritik an Bertram von seinen Verteidigern nicht zu Unrecht entgegen gehalten. Die Tatsache, dass Bertram sich Rückendeckung beim Hl. Stuhl holte, sei »im Hinblick auf die diözesanfremden klerikalen Propagandisten richtig und geradezu geboten« gewesen. E. BRZOSKA, Fürstbischof, S. 6; W. MARSCHALL, Fürstbischof, S. 48 f. A. BERTRAM, Auftreten von Geistlichen bei politischen Veranstaltungen vom 1.3.1924, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 71, S. 275. G. HITZE, S. 335 f., hier 335.

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diese lediglich vehementer vertreten werden müsse308. Die deutsche Botschaft beim Hl. Stuhl versuchte seit geraumer Zeit, den – aus nationaler Sicht –begangenen Fehler, die Ernennung Rattis anstelle des Münchener Nuntius Pacelli zum Apostolischen Oberkommissar für die Plebiszitgebiete, zu korrigieren309. Um dies zu erreichen, setzte Bergen seinen Einfluss ein, damit der in der kirchlichen Hierarchie niedriger stehende, deutschfreundliche Auditor in der österreichischen Nuntiatur in Wien, Ogno Serra, die Aufgaben Rattis in Oberschlesien übernehmen würde310. Dabei wies er darauf hin, dass der erzbischöfliche Stuhl von Mailand in nächster Zeit vakant werden würde und dass Ratti auf diesen versetzt werden könnte311. Mit diesem Vorschlag stieß er auf offene Ohren, denn auch im Staatssekretariat bereitete Rattis polenfreundliche Haltung – ähnlich wie Bertrams Erlass – Kopfschütteln, wie Steinmann berichtete312. Benedikt XV. kommentierte die Verhaltensweise Rattis mit den Worten: »Il fait très bien, mais il est devenu un peu trop polonais.«313 Bergens Bedenken, dass der Hl. Stuhl dem deutschen Wunsch wegen der durch Bertrams Erlass herrschenden Erregung nicht nachkommen würde, erwiesen sich als unbegründet. Der Vatikan hielt vielmehr die polnischen Reaktionen auf Bertrams Erlass für immer unangemessener314. Nicht nur die deutsche Regierung forderte den Abzug Rattis, sondern auch in Warschau war dessen Position unhaltbar geworden. War ihm vor dem Erlass Bertrams von der polnischen Presse bereits Untätigkeit vorgeworfen worden, so 308

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Unsignierter Bericht eines Treffens mit Bertram vom 5.12.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1; G. CAMPBELL, S. 369 f. Pacelli hätte sich »dieser allerdings schwierigen Aufgabe sicher mit ganz anderer Objektivität und Geschicklichkeit entledigt« als Ratti. Bergen an AA vom 9.12.1920, ADAP, Ser. A, Bd. IV, Nr. 73, S. 137-139, hier 138. Bergen an von Simson, Ministerialdirektor im AA, vom 27.1.1921, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 2. »Msgr. Ratti auf ein Nebengleise zu schieben und an dessen Stelle einen ad hoc entsandten Päpstlichen Beamten nach Oppeln zu bringen, hat harte Arbeit gekostet.« In diesem Schreiben schilderte Bergen ausführlich die komplexe Funktionsweise der Kurie und die Tätigkeit der Vatikanbotschaft. »Es bedurfte wiederholter starker persönlicher Einwirkungen und der Propagierung des Gedanken von verschiedenen Seiten. Bei der eigenartigen Konstruktur der Kurie, den vielen Einflüssen, die sich unkontrollierbar geltend machen, genügt – ganz allgemein – nicht dauernde persönliche Fühlung mit den hohen Würdenträgern und den Dii minores im Staatssekretariat; auch außerhalb des Vatikans wohnende Kardinäle und Prälaten beanspruchen amtliche Beachtung; sie alle müssen aber außerdem, wie es hier zu Lande Brauch ist, durch dritte Personen, Vertrauensleute oder Mittelmänner, wie man sie nennen will, orientiert und interessiert werden. Es ist dies eine mühsame und langwierige Arbeit, die bei allen wichtigen Fragen aufgewandt werden muss; ich skizziere sie Ihnen, weil aus meinen knappen Meldungen die jedes Mal aufgewandte Mühe nicht erkannt werden kann.« Bergen an AA vom 9.12.1920, in: ADAP, Ser. A, Bd. IV, Nr. 73, S. 138; S.A. STEHLIN, S. 125 f.; G. CAMPBELL, S. 371. In der Tat ernannte Benedikt XV. Ratti im Juni 1921 zum Erzbischof von Mailand. Y. CHIRON, S. 104-112. Steinmann an Bertram vom 7.12.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 2; G. CAMPBELL, S. 370. R. MOROZZO DELLA ROCCA, S. 119. Zur Verbindung von polnischem Katholizismus und Nationalismus, die Ratti zuerst faszinierte, doch deren Gefahren er im Laufe seiner Tätigkeit als Nuntius einzuschätzen lernte, siehe Ebd., S. 99, 105, 108. Bergen an AA vom 29.12.1920, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

hieß es nun, er hätte den Erlass des germanisierenden Breslauer Kardinals verhindern müssen315. Polen, Frankreich und die Interalliierte Kommission warfen Ratti vor, ihre Interessen nicht ausreichend vertreten zu haben und deutschfreundlich zu sein – im polnischen Sejm war die Ausweisung des Nuntius mit nur zwei Stimmen Mehrheit abgelehnt worden316. Ratti sah sich selbst als unparteiisch und in den Anschuldigungen beider Seiten eine Bestätigung seiner neutralen Position317. Der Nuntius lag die entscheidenden Tage Ende November krank im Bett. Er wurde Anfang Dezember von seinem Posten als Apostolischer Oberkommissar für Oberschlesien abberufen und nahm fortan auch seine Funktion als Nuntius in Polen nicht mehr wahr318. Trotz des wenig ruhmvollen Abgangs Rattis aus Polen kann seine dortige Arbeit durchaus als erfolgreich angesehen werden. Bis auf in der Oberschlesienfrage herrschten gute Beziehungen zwischen Warschau und dem Vatikan, die es bald ermöglichten, Konkordatsverhandlungen aufzunehmen. Letztlich scheiterte Ratti an der engen Verbindung von Religion und Nation in Polen, wobei er die Gefahr des Nationalismus, die sein Pontifikat als Pius XI. durchziehen sollte, direkt kennen lernte319. Das persönliche Verhältnis zwischen Bertram und Ratti war Ende 1921 zerrüttet. Ratti nahm die polnische Kritik an Bertram auf und warf ihm – nicht ohne Berechtigung – Parteilichkeit zu Gunsten Deutschlands vor. Schließlich hatte sich Bertram öffentlich für den Erhalt Oberschlesiens bei Deutschland ausgesprochen, auch wenn er jedem einzelnen die freie Entscheidung über diese Frage zugestand. Bertram warf Ratti im Gegenzug – ebenfalls nicht ohne Berechtigung – Polenfreundlichkeit vor. Schließlich maß Ratti in seinem Bestreben, die Neutralität der katholischen Kirche in der nationalen Auseinandersetzung zu bewahren, den polnischen Argumenten mehr Gewicht zu als den deutschen. Das mag einerseits in seiner Position als Nuntius in Warschau begründet liegen, andererseits scheint es, als habe Ratti ein Gegengewicht zum deutschen Breslauer Fürstbischof bilden wollen. Indem er mit der französisch dominierten Interalliierten Kommission ebenso eng zusammenarbeitete wie Bertram mit dem deutschen Auswärtigen Amt 315

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Aktennotiz Gasparris: Attacchi polacchi contro Mgr. Ratti vom 15.12.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1739, fasc. 920, f. 21r-23r. Siehe auch die zusammenfassende Kritik Kardinal Dalbors von Gnesen und Posen. Dalbor an Gasparri vom 26.12.1920, Ebd., f. 52r-53r, hier 52r-v. Zur Beurteilung Rattis durch den französischen Botschafter in Warschau siehe Y. CHIRON, S. 99-101. S.A. STEHLIN, S. 123 f. Ratti selbst hatte einen Apostolischen Oberkommissar aus einem unparteiischen Staat wie den Niederlanden oder eine Arbeitsteilung mit dem Münchener Nuntius Pacelli seiner eigenen Ernennung vorgezogen – beides Wege, um den zu erwartenden Vorwürfen der Parteilichkeit im Voraus zu begegnen. Eine zeitgenössische Quelle für diese Aussage liegt nicht vor, sondern sie stützt sich auf eine Mitteilung des späteren Kardinals Cerretti im »Milwaukee Sentinell« vom 19.1.1930. Siehe S.A. STEHLIN, S. 109. R. MOROZZO DELLA ROCCA, S. 118. Gegenüber der Ehefrau des deutschen Bevollmächtigten für Oberschlesien, Hatzfeldt, soll Gasparri bei einer Audienz am 27.11.1921 zugegeben haben, »dass man mit Ratti einen Missgriff gemacht habe«. Hatzfeldt an Konstantin Fehrenbach vom 24.12.1920, BArch – R 43 I/353, f. 244r-245r, hier 245r. R. MOROZZO DELLA ROCCA, S. 121.

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und dessen Einreisewunsch nach Oberschlesien nicht unterstützte, stellte er sich auf die Seite Polens. Dadurch wurde das Misstrauen bestätigt, mit dem deutsche Kreise Ratti seit Beginn seiner Tätigkeit als Apostolischer Oberkommissar eben wegen seines Amtes als Nuntius in Polen begegnet waren. Das führte zu dem Teufelskreis, dass sich Ratti den polnischen Argumenten weiter annäherte, da ihm die Deutschen nicht vertrauten320. Wie sollte unter diesen Voraussetzungen ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz und dem Oberhaupt der katholischen Kirche nach der Papstwahl Rattis im Februar 1922 aufgebaut werden? g) Das Plebiszit vom 20. März 1921

Als seine erste Amtshandlung in Oberschlesien verfügte Ogno Serra am 21. Dezember den von Gasparri angekündigten, umfassenden Erlass. Allen Welt- und Ordensgeistlichen jeder Diözese wurde »sub gravi untersagt, im oberschlesischen Abstimmungsgebiet Propaganda zu treiben« sowie kirchliche Grundstücke (Kirchen, Schulen etc.) für politische Äußerungen zu benutzen321. In seiner Wirkung, dem Unterbinden der polnischen Propaganda in Oberschlesien durch Geistliche, war das päpstliche Dekret identisch mit dem Bertrams, doch bot es keine Angriffsfläche für die Proteste Polens oder der Interalliierten Kommission. In der Tat bewirkte die Kundgebung eine gewisse Beruhigung der Situation, auch wenn die Agitation nicht vollkommen endete. Während der deutschgesinnte Klerus den Erlass weitestgehend befolgte, hatte der polnischgesinnte seine Schwierigkeit damit322. Ogno Serra setzte sich hinter den Kulissen bei der Interalliierten Kommission verstärkt für die deutschen Interessen ein, wodurch Deutschland neben Großbritannien einen zweiten Fürsprecher erlangte. Die deutschen Argumente für den Verbleib Oberschlesiens beim Reich hatten den Hl. Stuhl schließlich überzeugen können. Dieser sah in einem möglichen Übergang Oberschlesiens zu Polen eine dreifache Gefahr. Erstens würde Oberschlesien Anlass zu einem potentiellen 320 321

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S.A. STEHLIN, S. 113-115. Msgr. Ogno an die Oberschlesier. Das Propagandaverbot für die Geistlichkeit, in: GERMANIA Nr. 571 vom 27.12.1920; auch SV Nr. 645 vom 27.12.1920. Mitteilung an den Hochw. Klerus im oberschlesischen Abstimmungsgebiet vom 23.12.1920, in: VERORDNUNGEN DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN GENERAL-VIKARIAT-AMTES ZU BRESLAU Nr. 684 vom 28.11.1920, Nr. 250, S. 145 f. Der Erlass Bertrams wurde zwar nicht aufgehoben, aber doch durch die Erklärung Ogno Serras stillschweigend ersetzt. Bertram an Breslauer Generalvikariat vom 30.1.1921, AAW – IA 25 o31. Ogno Serra an Gasparri vom 2.1.1921, in: E. FATTORINI, Nr. 43, S. 389-393; Ogno Serra an Gasparri vom 3.2.1921, in: Ebd., Nr. 48, S. 396 f.; Siehe Ebd., S. 256-260. S. KARSKI, Korfanty, S. 262 geht in seiner Interpretation zu weit: »Die Kirchenmänner respektierten die Anordnung des Prälaten Ogno-Serra nicht. Unbeirrt arbeiteten sie, sowohl die deutsche als auch die polnische Geistlichkeit, für die jeweilige Seite.« Die von Korfanty geleitete polnische Presse bereitete die Bevölkerung allerdings für den Fall einer Abstimmungsniederlage auf erneute gewalttätige Auseinandersetzungen vor. G. HITZE, S. 354-356.

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Revanchekrieg zwischen den beiden Staaten bieten, sobald sich Deutschland von den Kriegswunden erholt haben würde. Diese deutsche Erholung lag im Interesse des Vatikans, um eine französische Hegemonie in Europa zu verhindern. Zweitens würde der Verlust Oberschlesiens die Gefahr einer bolschewistischen Revolution in Deutschland verschärfen und drittens stand zu befürchten, dass Oberschlesien unter polnischer Herrschaft kommunistischen Angriffen stärker ausgeliefert wäre als unter deutscher. Das bolschewistische Russland bedrohte Polen im Osten und bei einer Niederlage Polens im polnisch-russischen Krieg, die zwar vorerst abgewendet war, war es wahrscheinlich, dass die Rote Armee Oberschlesien besetzen und dieses bolschewistisch werden würde. Neben diesen politischen Argumenten waren kirchliche wie die Schwächung des Katholizismus in Ostdeutschland von geringerer Bedeutung323. Um den stärksten Trumpf, den Einfluss der Religion auf die Bevölkerung, nutzen zu können, mischte sich der polnische Episkopat erneut in den Abstimmungskampf ein. Der Fürstbischof von Krakau, Adam Stefan Sapieha, war im Dezember gemeinsam mit dem armenisch-unierten Erzbischof von Lemberg, Josef Teodorowicz, nach Rom gereist, um dort gegen den Erlass Bertrams vom 21. November zu protestieren. Dort hatten sie darüber verhandelt, wie die Agitation des Klerus verhindert werden sollte, ohne dass die staatsbürgerlichen Rechte der Geistlichen eingeschränkt würden324. Anfang Februar 1921 heizten die polnischen Bischöfe die Atmosphäre erneut auf, indem sie Bertram wegen seines nunmehr mehr als zwei Monate zurückliegenden und nicht mehr aktuellen Erlasses heftig in der Presse angriffen325. In verschiedenen Hirtenbriefen vermischten einzelne Bischöfe in nationaler Verklärung kulturelle und religiöse Momente: nur in einem polnischen Oberschlesien könne man Gott in der polnischen Sprache ehren und die Kinder in der polnischen Sprache erziehen. »In ihrer Not griffen die polnischen Bischöfe – dieselben, die Kardinal Bertram noch kurz zuvor unlauterer nationalpolitischer Betätigung im Bischofsamt vorgeworfen hatten – zu einem kirchenrechtlich erneut höchst fragwürdigen Mittel: der direkten oberhirtlichen Einmischung in die Belange der Gläubigen in einer fremden Diözese.«326 323 324

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Ebd., S. 350 f.; S.A. STEHLIN, S. 128. Kowalski an polnisches Außenministerium vom 3.1.1921, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1739, fasc. 924, f. 41r. Brief der polnischen Bischöfe an das polnische Volk, in: NOWIMY CODZIENNE vom 2.2.1921, deutsche Übersetzung in ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1739, fasc. 924, f. 48r-v. G. HITZE, S. 358. Vier Monate nach dem Plebiszit legte Benedikt XV. dem polnischen Episkopat öffentlich mit erhobenem Zeigefinger dar, wie das politische Verhalten von Klerus und Bischöfen auszusehen habe. »Die Bischöfe und die anderen Geistlichen, wenn sie auch von ihren bürgerlichen Rechten wie alle anderen Bürger Gebrauch machen dürfen, sollen ihrerseits als Diener Christi und Ausspender seiner göttlichen Geheimnisse niemals ihre Amtsgewalt in den Dienst politischer Interessen stellen. Sie sollen vielmehr durch ihr Wort und ihr Beispiel die Unterwerfung unter die Staatsgesetze und die Staatsgewalt predigen und vor allem darauf bedacht sein, an der geistigen und sittlichen Hebung des Volkes zu arbeiten.« Der Papst und die polnischen Bischöfe, in: SV Nr. 404 vom 23.8.1921.

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Bertram reagierte darauf, wie er so oft auf öffentliche Angriffe reagierte – nämlich gar nicht. Er wollte das Ansehen der kirchlichen Autorität nicht durch eine öffentliche Auseinandersetzungen zwischen Bischöfen unterschiedlicher Nationen schädigen. Im Versailler Vertrag war kein Termin für das Plebiszit in Oberschlesien festgelegt worden. Frankreich hatte keine Eile, einen Abstimmungstermin festzusetzen, da der deutsche Einfluss bei andauernder Besatzung schwinden würde. Eben aus diesem Grund drängte Deutschland auf eine schnelle Durchführung des Plebiszits. Der Streit um die »Emigrantenfrage«, die Zulassung gebürtiger, aber nicht mehr ortsansässiger Oberschlesier, zog sich hin und erst im Februar konnte sich der alliierte Botschafterrat auf einen Termin, den 20. März 1921, einigen. Großbritannien schickte vier Bataillone, um die Sicherheit der Abstimmung zu gewährleisten327. Beim oberschlesischen Plebiszit am 20. März 1921 fielen bei einer Wahlbeteiligung von 97,5 Prozent 40,4 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen auf Polen und 59,6 Prozent auf Deutschland. Sieben der 18 Landkreise wiesen eine polnische Mehrheit auf, wobei die darin liegenden Städte eine deutliche deutsche Majorität hatten328. In Folge dieses Abstimmungsergebnisses forderte das Deutsche Reich die Inkorporation Oberschlesiens. Polen forderte eine Teilung Oberschlesiens an der Linie Rosenberg – Oppeln – Ratibor, der sogenannten »Korfanty-Linie«, wodurch es das Industriegebiet für sich sichern wollte. Artikel 88 des Versailler Vertrags bot die Möglichkeit der Teilung des Abstimmungsgebietes nach Gemeinden und Bezirken »unter Berücksichtigung sowohl der Willensbekundung der Einwohner als auch der geographischen und wirtschaftlichen Lage der Ortschaften.« Die Alliierten entschieden sich grundsätzlich für eine solche Teilung329. Nachdem Großbritannien seine Truppen wieder aus Oberschlesien zurückgezogen hatte und während sich die Alliierten auf keine Teilungslinie festlegen konnten, brach in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai der III. Polnische Aufstand, ein »Zwittergebilde ... zwischen ›Volkserhebung‹ und ›Invasion‹« los. Die legendäre Schlacht am Annaberg am 21. Mai gilt als Wendepunkt der militärischen Auseinandersetzung – im Juni konnte ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen werden330. Nach zwei Wochen der »tief betrübenden Wirren und unverantwortlichen Gewalttaten im besetzten oberschlesischen Diözesangebiete« bat Bertram seinen 327 328

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G. HITZE, S. 346-349, 361. Für eine detaillierte Analyse des Abstimmungsergebnisses nach Kreisen sowie dem Verhältnis von Muttersprache und Wahlverhalten siehe Ebd., S. 363-366; J. FALTER / T. LINDENBERGER / S. SCHUMANN, S. 118. Gesetz über den Friedensschluß zwischen Deutschland und den alliierten und assoziierten Mächten vom 16.7.1919, in: RGBl 1919, II, Artikel 88, § 5, S. 851. Zu den militärischen Vorbereitungen auf polnischer und deutscher Seite, dem Verlauf der militärischen Konflikte, den Befriedungsversuchen sowie einer Bilanz des Aufstandes siehe G. HITZE, S. 369-441, hier 382.

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Klerus um konfraternelle Aushilfe dort, wo die regelmäßige Seelsorge zusammengebrochen war. Dabei gebe es Gelegenheit zur Beruhigung der Gemüter sowie für den Hinweis auf das »Verbrecherische der Angriffe auf Leben und Habe der Mitmenschen.« Zudem wiederholte er gebetsmühlenartig die Mahnungen, die er »mit allem Ernste jahraus jahrein ohne Ausnahme und Unterschiede erlassen« hatte: »gleiche Gerechtigkeit, gleiche Rücksicht und gleiche Liebe gegen alle Parochianen beiderlei Sprachen und Richtung! Fernhalten jedweden Politisierens von Kirche, Kanzel und Seelsorge! Würdige Maßhaltung in Ausübung politischer Rechte! Warnung vor allen und jeden verhetzenden und verleumderischen Agitationen!«331 Im Rahmen einer Versammlung am 16. Juni 1921 forderte die »Theologische Sektion« in der Presse von Benedikt XV. die Entsendung eines Apostolischen Delegaten nach Oberschlesien, da der zuständige Ordinarius, Bertram, nicht in der Lage sei, der schlimmen Situation Abhilfe zu schaffen332. Als Reaktion auf diese Versammlung entschloss sich der Bertram nahe stehende Ogno Serra – der auf den ausdrücklichen Wunsch des Kardinals nach der Abstimmung in Oberschlesien geblieben war – ein erneutes Hirtenwort an den oberschlesischen Klerus zu richten333. Darin wollte er die Wünsche Bertrams berücksichtigen. Dieser selbst hielt sich im Sommer 1921 bis auf die angeführte Mahnung mit öffentlichen Äußerungen, aber auch im diplomatischen Verkehr, zurück. Nach den Verstimmungen, die sein Vorgehen um den Novembererlass hervorgerufen hatte, wollte er offensichtlich Ruhe einkehren lassen, was ihm durch den deutschfreundlichn Kurs Ogno Serras erleichtert wurde. Der Breslauer Kardinal ging auf das Angebot Ogno Serras ein und bat diesen, vor Gewalttätigkeit, vor »hetzerischer Agitation, ... vor Flugblättern und Zeitungen, die nationalistische Agitation zur Aufhetzung des Volkes treiben«, zu warnen, zum Bewahren von Ruhe und Ordnung aufzurufen sowie zur gegenseitigen »Achtung, Rücksicht und Liebe allen Mitmenschen jedweder Sprache« gegenüber zu mahnen. Der Klerus solle, »wie es schon seither seine Pflicht war, aller und jeder Teilnahme an politischer Agitation sich enthalten«. Darüber hinaus bat er Ogno Serra darauf hinzuweisen, »dass diese vom Diözesanbischofe immer wieder gegebenen Weisungen auch die Weisungen des Hl. Stuhles sind.« Er halte »es nicht für gut,« würde Ogno Serra »ganz vom Diözesanbischofe schweigen. Das wird in weitesten Kreisen als Ignorieren und Missachten der bischöflichen Autorität gedeutet.«334 Bertrams Handschrift war im Erlass Ogno Serras deutlich zu erken331

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A. BERTRAM, Kirchlicher Erlaß für das besetzte oberschlesische Diözesangebiet vom 17.5.1921, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 48, S. 198. Stellungnahme der poln. Geistlichkeit zur gegenwärtigen Lage, in: OBERSCHLESISCHES VOLK vom 21.6.1921. Bertram an Gasparri vom 1.3.1921, ASV – A.E.S, Germania, Pos. 1739, fasc. 925, f. 33r-34r; Gasparri an Bertram vom 11.3.1921, AAW – IA 25 o31. Bertram an Ogno Serra vom 26.6.1921, ASV – A.E.S, Germania, Pos. 1740, fasc. 932, f. 64r-65r, hier 64r, 64v.

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nen, weshalb er nach seiner Veröffentlichung am 10. Juli umgehend für neuen Aufruhr sorgte und Ogno Serra in der polnischen Presse vehement und nicht zu Unrecht als deutschfreundlich angegriffen wurde335. Noch bevor das Hirtenwort Ogno Serras veröffentlicht wurde, hatte sich Theodor Kubina im Namen der »Theologischen Sektion« mit einem ausführlichen Bericht über die Situation in Oberschlesien an den Hl. Vater gewandt. Hierin verteidigte er den polnischen Aufstand und griff sowohl den deutschfreundlichen Ogno Serra als auch Bertram an. Eigentlich trage die mangelnde kirchliche Führung durch den Breslauer Ordinarius die Schuld an allen Problemen in Oberschlesien, sei es an den Übergriffen auf Priester während des Aufstands oder an der Stärkung der radikalen und kommunistischen Strömungen wegen der unzureichenden Unterstützung polnisch-katholischer Vereine. Die Entsendung eines Apostolischen Oberkommissars sei zwar »begrüßenswert«, aber doch keinesfalls ausreichend gewesen, kritisierte Kubina den Hl. Stuhl. Vielmehr wäre »ein Delegat mit ausgedehnten Vollmachten notwendig« gewesen, der durch seine positive Arbeit die »großen Gegensätze im katholischen Volke und Klerus« überbrückt und den »unvermeidliche[n] Kampf« in christliche Formen gelenkt hätte. Ogno Serra sei jedoch kein solcher Delegat, denn die polnische Bevölkerung habe das Vertrauen zu ihm »vollständig verloren« und glaube nicht mehr an seine Neutralität. Als Ausweg helfe »nur die sofortige Bestellung eines Delegaten mit ausgedehnten Vollmachten, der von dem Vertrauen der Bevölkerung getragen mit fester Hand Ordnung schafft und positiv aufbaut.«336 Dass er eine Delegatur lediglich als einen Zwischenschritt zur Errichtung einer eigenständigen Diözese Oberschlesien sah, verschwieg Kubina allerdings337. Auf die Kritik an Bertram reagierte der Hl. Stuhl nicht. Bis zur endgültigen Stabilisierung der Lage beließ er auch Ogno Serra in Oberschlesien, schärfte ihm jedoch eindringlich, wie vorher Ratti, nur diesmal unter umgekehrten Vorzeichen, ein, alles zu tun, um zur Befriedung Oberschlesiens beizutragen und um dem Ansehen des Hl. Stuhls nicht zu schaden338. Zum Frieden forderte auch Bertram in seinem Hirtenbrief vom 8. September 1921 auf. In diesem findet sich eine der wenigen Passagen in Bertrams meistens rein theologisch oder auf die praktische Seelsorge ausgerichteten Hirtenbriefen, die konkret Bezug auf politische Ereignisse nehmen. »Als gegen Ende des furchtbaren Krieges ein segenbringender Friede herbeigesehnt wurde, aber statt des blutigen Krieges ein Krieg mit wirtschaftlichen Waffen, erdrük335

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OBERSCHLESISCHE POST Nr. 160 vom 16.7.1921. G. HITZE, S. 436 gibt das Hirtenwort in weiten Teilen wieder. Kubina an Benedikt XV. vom 8.7.1921, ASV – A.E.S, Germania, Pos. 1740, fasc. 932, f. 24r-36r, hier 32r, 34r, 33r. Das wird aus dem Aufsatz T. KUBINAS, S. 103 f. deutlich: »Wir müssen daher einen eigenen Bischof und eine eigene Diözese erhalten. Die Garantie dafür aber haben wir nur durch eine Trennung von Preußen.« Gasparri an Ogno Serra vom 4.8.1921 [K], ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1740, fasc. 933, f. 3r-v.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930) kenden Lasten, Vergewaltigung und Demütigung begann, da brach für weite Distrikte unserer Diözese eine Zeit schwerer innerer Wirren an ... Politische Wirren durchtobten Oberschlesien. Der ganze Erdkreis weiß, wie furchtbar schwer das oberschlesische Volk leiden musste unter der verhängnisvollen Frage seiner politischen Zugehörigkeit. Ihr alle seid Zeugen gewesen der namenlos heftigen Polemik voll Verdächtigungen und Verhetzung, voll Gewalttaten und Unrecht. Ihr schauet die furchtbaren Ruinen, die dieser unselige Twist im Leben des Volkes, in der Volksseele angerichtet hat, die ganz verbittert werden mußte durch die Fluten täglicher Beschuldigungen und Vorwürfe, mit denen in tendenziöser Einseitigkeit eine Partei die andere herabsetzte ... Daß von nun ab friedlichere Gesinnungen in alle Kreise des Volkes einziehen, das soll in diesem Jahre ein besonders inniges Anliegen ... in unserer ganzen Diözese sein.«339

h) Anpassung der kirchlichen Verwaltung an die neuen Grenzen

Die Verhandlungen der Alliierten um die Zugehörigkeit Oberschlesiens zogen sich bis Oktober hin. Sowohl anhand der Abstimmungsergebnisse als auch vor allem anhand wirtschaftlicher Interessen legte die Botschafterkonferenz am 20. Oktober 1921 die Teilungslinie für Oberschlesien fest. Die wichtigen städtischen Industriezentren, die sich eindeutig für den Verbleib beim Deutschen Reich ausgesprochen hatten, deren Hinterland sich jedoch ebenso eindeutig für die Integration in die polnische Republik ausgesprochen hatten, gingen zusammen mit dem Großteil der Rohstoffvorkommen an Polen. Auch wenn die tatsächliche Teilungslinie erheblich von der »Korfanty-Linie« abwich und eine weitgehende Übereinstimmung der Bevölkerungszahl wie auch der Landmasse mit der prozentualen Verteilung der Abstimmungsergebnisse hergestellt wurde, stellte die endgültige Trennungslinie »letzten Endes einen Sieg der französischen Teilungspolitik in Oberschlesien« dar340. Durch den Teilungsbeschluss des Botschafterrats wurde eine historisch gewachsene Region künstlich zerschnitten. Die Teilung betraf vor allem die Oberschlesier, deren Familien fortan in zwei unterschiedlichen Staaten lebten, aber auch wirtschaftliche sowie industrielle Betriebe und politische sowie kirchliche Verwaltungseinheiten341. Letztere umfassten ca. 180 Pfarreien mit rund einer Million Katholiken. Zwar zeigte sich Bertram in dieser Situation tatsächlich als »nüchterner Pragmatiker«342, indem er bereits am 24. Oktober 1921 ein fürstbischöfliches Delegaturamt für das zukünftige Polnisch-Oberschlesien schuf und dieses unter 339

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A. BERTRAM, Hirtenbrief zum Rosenkranzmonat. »Königin des Friedens, bitte für uns« vom 8.9.1921, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 50, S. 202-207, hier 206. G. HITZE, S. 446-459, hier 458; W. LESIUK, S. 245. Erst in den letzten Tagen vor der Vertragsunterzeichnung am 30.5.1922 konnte die kirchenrechtliche Frage nach der Besetzung der Pfarrstellen in Polnisch-Oberschlesien gelöst werden. G. HITZE, S. 479, Anm. 1392. Ebd., S. 486.

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die Leitung des gemäßigten Vorstandsmitglieds der »Theologischen Sektion«, Erzpriester Johannes Kapitza in Tichau, stellte343. Doch die Initiative zu diesem Schritt ging nicht von Bertram, sondern von Rom aus, was aus einem Schreiben Bertrams an Kardinalstaatssekretär Gasparri hervorgeht, in dem er sich für den »weisen Wink« bedankte344. Durch die Ernennung Kapitzas versuchte der Hl. Stuhl offenbar, potentiellen polnischen Forderungen nach der Einsetzung eines radikaleren Kandidaten, beispielsweise Kubinas, zuvorzukommen, ohne die Polen zu brüskieren. Dieser Schachzug wurde deshalb ein voller Erfolg, weil nicht bekannt wurde, dass die Initiative vom Vatikan ausgegangen war, sondern es so schien, als habe Bertram aus eigenem Antrieb gehandelt. Somit hatte allem Anschein nach Bertram die Verselbständigung von Polnisch-Oberschlesien in Gang gesetzt und einen Teil der nationalpolnischen Forderungen erfüllt. Infolge dieser Maßnahme rückte die Kritik an seiner Person in der Folgezeit in den Hintergrund345. Bereits am 22. Oktober berichtete Ogno Serra, der nicht über den römischen Einfluss auf die Errichtung der Delegatur informiert war, voller Lob für Bertram und sichtlich erleichtert, dass die Aussöhnung zwischen dem polnischen Klerus und Bertram vollbracht sei. Kapitza sei »graditissimo al Governo, al clero e al popolo polacco. Con tale nomina viene eliminato qualsiasi motivo di sostento e di sospetto da parte polacca e la pace religiosa à confermata. Ne sia ringraziato il Signore!« Allein bei den Deutschen und vor allem bei den deutschgesinnten Geistlichen werde Kapitza weniger gern gesehen, doch müsse man sich wegen deren unbedingter Unterwerfung unter die Anordnungen der kirchlichen Autorität kaum beunruhigen346. 343

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Kapitza genoss als stellvertretender Vorsitzender des Plebiszitkommissariats Pleß großen Einfluss auf polnischer Seite, gehörte jedoch nicht zu den radikalen Nationalpolen. P. CHMIEL, Katholische Kirche, S. 640 f. A. BERTRAM, Errichtung eines fürstbischöflichen Delegaturamtes in Oberschlesien, in: VERORDNUNGEN DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN GENERAL-VIKARIAT-AMTES ZU BRESLAU Nr. 698 vom 24.10.1921, Nr. 199, S. 129. »Grazie tante per il saggio cenno! Tutto è eseguito.« Bertram an Gasparri vom 21.10.1921, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1740, fasc. 934, f. 51r. Zur Ernennung Kapitzas siehe Bertram an Kapitza vom 21.10.1921, Ebd., f. 52r-v. Bertram versuchte in der Folgezeit seinerseits, die neue Ruhe nicht zu gefährden und enthielt sich jeglicher Aktionen – dem Signieren eines Spendenaufrufs des Oberschlesier-Hilfswerks, dem Unterstützen eines »Denkmals der Trauer über den Verlust Oberschlesiens« oder dem Beitritt zum Oberschlesischen Hilfsbund – die ihm von polnischer Seite als »germanisatorisch« vorgeworfen werden könnten. Oberschlesier-Hilfswerk an Bertram vom 17.6.1921, AAW – IA 25 o 31; Bertram an Oberschlesier-Hilfswerk vom 20.6.1921, Ebd.; Bürgerrat Breslau an Bertram vom [vor 18.12.1921], Ebd.; Bertram an Bürgerrat Breslau vom 18.12.1921, Ebd.; Oberschlesischer Hilfsbund an Bertram vom 23.1.1922, Ebd. – IA 25 o32; Bertram an Oberschlesischen Hilfsbund vom 24.1.1922, Ebd. Der Hl. Stuhl erkannte dieses Verhalten Bertrams lobend an. Gasparri an Pacelli vom 3.7.1921, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 2, f. 137r. Ogno Serra an Gasparri vom 22.10.1921, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 1740, fasc. 934, f. 49r-50r, hier 49v. Der preußische Ministerpräsident Braun vermutete fälschlicher Weise, dass die Idee zur Errichtung einer Delegatur auf Ogno Serra zurückzuführen sei. Braun an AA vom 8.12.1921, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 4.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

Auf die Frage Kapitzas, wie sich der oberschlesische Klerus beim Einzug der polnischen Regierungsbehörden verhalten solle, erklärte Bertram gemäß seinem Harmoniemodell, dass bei der Machtübernahme die Bestimmungen aus Römer 13,1 gelten sollten: »Der staatlichen Obrigkeit, einerlei in welcher Hand sie ruht, ist gemäß göttlichem Gebot die schuldige Ehrerbietung zu zollen. Und für die glückliche Zukunft von Polnisch-Schlesien zu beten, ziemt sich auch für diejenigen Untertanen, die eine andere politische Entwicklung gewünscht haben. Das sind so selbstverständliche Dinge, daß ein Ausschreiben nicht nötig ist.« Wenn Kapitza ein solches dennoch für nötig halten sollte, dann müsse er es in seinem eigenen Namen zeichnen. Bertram ermahnte seinen Delegaten ferner zu einer »gewissen Schonung der Gefühle« in nationalen Fragen, was erreicht werden könne, indem man »in taktischen Dingen kluge Maßhaltung« übe347. Der nur für kurze Zeit in diesem Amt tätige preußische Ministerpräsident Adam Stegerwald befürchtete starke Polonisierungsmaßnahmen sowie die Vertreibung deutscher Priester in Polnisch-Oberschlesien. Deswegen wandte er sich noch im Oktober an Bertram und forderte ihn dazu auf, sich dafür einzusetzen, dass »die verlorengehenden Gebiete möglichst lange noch bei dem Fürstbischof [von] Breslau« bleiben würden. Schließlich müsse die Errichtung eines Bistums Oberschlesien keine zwangsläufige Konsequenz daraus sein, dass sich dieser Bistumsteil fortan auf außerpreußischem Staatsgebiet befand, wie Stegerwald in Hinblick auf die Grenzüberschneidungen des Fürstbistums Breslau selbst (in vormals Österreichisch- und mittlerweile Tschechisch-Schlesien) sowie der Erzbistümer Prag (Grafschaft Glatz) und Olmütz (Dekanat Katscher) auf preußisches Territorium ausführte. Der Ministerpräsident erinnerte Bertram auch daran, dass die Zirkumskription des Fürstbistums Breslau, wie sie in der Bulle »De salute animarum« festgeschrieben worden war, nicht ohne die Zustimmung Preußens geändert werden dürfe. Wenn die Kirche die Bulle in Frage stellen würde, dann müsse der Staat dies – mit allen daraus folgenden Konsequenzen für die Finanzierung der Kirche – ebenfalls tun348. Die hinter diesem Schreiben stehende Intention ist deutlich erkennbar. Die Zusammengehörigkeit im deutschen Fürstbistum Breslau war die »letzte einigende Klammer« Oberschlesiens und diese Verbindung von Polnisch-Oberschlesien zu Deutschland wollte die Regierung nicht leichtfertig preisgeben349. Der Anschluss Polnisch-Oberschlesiens an ein bereits bestehendes polnisches Bistum (Krakau oder Gnesen-Posen) oder die Errichtung eines eigenen oberschlesischen Bistums würde diese Klammer sprengen. Für die angestrebte spätere Revision der Grenze, die eine Konstante der Weimarer Außenpolitik 347

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Bertram an Kapitza vom 26.10.1921, AAW – IA 25 o31. Das Schreiben ist in Auszügen abgedruckt bei G. HITZE, S. 487, Anm. 1418. Siehe auch C. SCHMIDER, S. 23. Stegerwald an Bertram vom 31.10.1921, AAW – IA 25 o31. Die Initiative für dieses Schreiben war von Kultusminister Becker ausgegangen. Becker an Stegerwald vom 27.10.1921, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 3. Siehe Kap. III.4.a. G. HITZE, S. 487; S.A. STEHLIN, S. 131.

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wurde, war der über die Kirche ausgeübte deutsche Einfluss von großer Bedeutung. Bertram erwiderte, dass er vorerst nicht beim Hl. Stuhl vorstellig werde, um sich für den Erhalt Polnisch-Oberschlesiens bei seiner Diözese einzusetzen, da die Verantwortlichen keine vorschnellen Entscheidungen treffen würden. »Es ist taktisch richtiger, wenn ich zunächst abwarte, ob und wann es nötig ist, als zuständiger Diözesanbischof mein Votum abzugeben.«350 Er sah eine der wichtigsten Aufgaben darin, die Seelsorge nach den Unruhen wieder auf sichere Fundamente zu stellen. Die bisherigen Pfarrer sollten nach den Vertreibungen in ihre alten Pfarreien zurückkehren, abgesehen von solchen Fällen, in denen »an eine erfolgreiche und friedliche Seelsorge kaum zu denken« sei351. Neuordnungen in der Sprachregelung in zweisprachigen Gemeinden in Gottesdienst, Religions-, Kommunions- und Beichtunterricht untersagte er vorerst per Pastoralanweisung vom 15. Dezember 1921, »weil in der Volksseele durch Änderung in diesem Augenblicke zu leicht Erbitterung hervorgerufen wird.« Damit sei jedoch »nicht gesagt, daß nicht mit der Zeit einige Änderungen einzutreten haben, je nach den örtlichen Verhältnissen.« Für den Moment bedeutete die Anweisung den Versuch, die Minderheiten auf beiden Seiten in der religiösen Betätigung ihrer Muttersprache zu schützen und deren Germanisierung bzw. Polonisierung mit Hilfe der Religion zu unterbinden. Wenn sich die Situation nach den zu erwartenden Bevölkerungsverschiebungen beruhigt haben würde, könnten die Bestimmungen über die Seelsorge in der Minderheitensprache nach den neuen Bedürfnissen geändert werden352. Der Breslauer Domkapitular und Koadjutor der deutschen Botschaft beim Hl. Stuhl, Johannes Steinmann, wies Bertram Anfang Dezember 1921 auf die zu erwartende zukünftige Entwicklung hin und erbat Anweisungen, wie er sich in einem solchen Fall zu verhalten hätte. »Jedenfalls müssen wir damit rechnen, dass man über kurz oder lang mit dem Verlangen an den hl. Stuhl herantritt, das polnisch gewordene Oberschlesien in irgend einer Form (apostolische Delegatur, eigenes Bistum, Zuteilung zu einem polnischen Bistum) der Jurisdiktion des Breslauer Fürstbischofs zu entziehen. Dann müssen wir darauf gerüstet sein, alsbald dem hl. Stuhle unsere Forderungen betr. Schutz der deutschen Minorität vorlegen zu können.«353

Bertram hielt in einer Denkschrift vom Januar 1922 fest, dass ein weiterer Ausbau zur »selbständigen kirchlichen Leitung« der Delegatur nur unter Mitwirkung des Hl. Stuhls erfolgen könne. 350

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Bertram an Stegerwald vom 4.10.1921, GStA PK, I. HA Rep. 77 Ministerium des Innern, Abt. OstWest, Tit. 856, Nr. 399, f. 300r-v. Bertram an Kapitza vom 24.10.1921, AAW – IA 25 o31. A. BERTRAM, Seelsorgliche Rücksichten im oberschlesischen Abstimmungsgebiete für die Übergangszeit vom 15.12.1921, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 53, S. 210 f., hier 211. Siehe bereits W. VOGEL, S. 40, Anm. 33. Steinmann an Bertram vom 4.12.1921, AAW – IA 25 o31.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930) »Ein dauerndes Verbleiben des polnischen Oberschlesien bei der Diözese Breslau ist mit den Interessen der Seelsorge nicht vereinbar. Denn seitdem unter unbegreiflich kurzsichtiger Mitwirkung des polnischen Episkopats die Agitation gegen die Bischöfliche Behörde in Breslau jedes Maß überschritten hat und seitdem Jahre lang schon unter dem verstorbenen Fürstbischof Card. Kopp und unter dem jetzigen Fürstbischof planmäßig jede Handlung und jedes Unterlassen von Handlungen als polenfeindlich in der Öffentlichkeit aufs Unerhörteste verdächtigt ist, ist ein vertrauensvolles Zusammenwirken unmöglich geworden. Auch die polnische Staatsregierung wird mit dem schärfsten Nachdruck auf vollständige Trennung bestehen. Alles in allem betrachtet liegt die endgiltige Trennung durchaus im Interesse der Seelsorge. Mit Rücksicht auf den Kampf um die Bistumsdotation in Schlesien aber ist es ratsam, die Trennung erst dann vorzunehmen, wenn diese Frage gelöst ist, denn die Trennung von Polen übt Einfluß auf Trennung nach Schlesien hin. Das ist bedrohlich auch für die Dotationsfrage.«

Spätestens im Januar 1922 war Bertram demnach von der Notwendigkeit der Lösung des polnisch-oberschlesischen Diözesananteils vom Fürstbistum Breslau überzeugt. Jedoch stellte er die Bedürfnisse der Seelsorge hinter die noch ungeklärte finanzielle Zukunft der Gesamtdiözese zurück. Für die Dauer der Verhandlungen um die Mensalgüter im tschechischen Anteil des Bistums sollte PolnischOberschlesien weiterhin zu Breslau gehören, um die eigene Verhandlungsposition nicht zu schwächen. Die Argumentation des neuen preußischen Ministerpräsidenten Carl Otto Braun, dass sich die Situation der deutschen Minderheit in Polnisch-Oberschlesien weiter verschlechtern würde, würde es von der Diözese Breslau abgetrennt, wies Bertram zurück. »Was ein einigermaßen gerecht denkender polnischer Oberhirt in Oberschlesien zum Schutz der Deutschen würde tun können, kann von Breslau aus deshalb nicht geschehen, weil alles und jedes, was von Breslau geschieht, in der gehässigsten Weise verdächtigt wird.«354 Dennoch musste er einräumen, dass die Situation der deutschen Minderheit in Polen eine »traurige und gedrückte« sein werde. Ob die Bemühungen des Hl. Stuhls, hier Abhilfe zu schaffen, erfolgreich sein würden, bezweifelte er, weswegen die Vermittlung der Botschaft beim Hl. Stuhl unerlässlich sei355. »Um auf Plötzlichkeiten vorbereitet zu sein« ergriff Bertram daraufhin die Initiative und stieß die Diskussion über die zu erwartende polnische Forderung nach Errichtung eines eigenen Bistums Oberschlesien an. Es sei davon auszugehen, dass die polnische Regierung darauf beharren werde, dass in Polen kein auswärtiger Bischof die Jurisdiktion ohne die ausdrückliche Genehmigung des Staates innehaben dürfe. Bertram verlangte, dass diese »Loslösung nicht übereilt werde und daß Konflikte tunlichst vermieden werden [sollten]. Ob der heiße Wunsch der deutsch sprechenden Oberschlesier, dauernd Glieder der Diözese 354

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Bemerkungen betr. kirchliche Interessen bei der politischen Teilung von Oberschlesien vom 9.1.1922, Ebd. Bertram an Kultusminister Boelitz vom 5.12.1921, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 3, f. 5r-v.

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Breslau zu bleiben, vom Heil. Stuhle wird durchgesetzt werden können, lasse [er] ... dahingestellt sein.«356 Ende April 1922 fasste Kapitza, der als füstbischöflicher Delegat keinen eigenständigen Kurs gegen Bertram fuhr, sondern bei schwierigen Entscheidungen um Handlungsanweisung bat, die Diskussionen der letzten Wochen zusammen357. Mittlerweile forderte Polen vom Hl. Stuhl die Errichtung eines Bistums Oberschlesien. Wenn Polnisch-Oberschlesien bei Breslau bleiben würde, bestünde die Gefahr permanenter Unruhen und dem Breslauer Bischof würde die Einreise nach Polen verwehrt werden. Für den Fall einer Abtrennung von Breslau seien im Etat der Wojwodschaft jedoch bereits Ausgaben für Bischof, Kurie und weitere Beihilfen vorgesehen.358 Unterdessen wurde beim Hl. Stuhl über die Zukunft der Diözese Breslau verhandelt. Hierfür war eine Tatsache von entscheidender Bedeutung, nämlich das Ableben Papst Benedikts XV. und die Wahl Achille Rattis zum neuen Papst Pius XI. im Februar 1922359. Diese Wahl rief in Deutschland einige Beunruhigungen hervor, da Ratti nach den Ereignissen in Oberschlesien als deutschfeindlich galt. Bertram sowie Kardinal Schulte von Köln versuchten, diese Bedenken gegen Pius XI. bei der Reichsregierung auszuräumen, und stellten Ratti als einen Freund der Deutschen dar360. 356

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Bertram an Pacelli, Ogno Serra, Bergen, Boelitz und AA vom 13.1.1922, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 3, f. 8r-9r. Wegen der zu erwartenden rechtlichen Probleme, die aus der Abtretung Oberschlesiens entstehen würden, stimmte Bertram im Namen des preußischen Episkopats mit Pacelli darin überein, dass »der rasche Abschluss einer neuen endgültigen Vereinbarung« zwischen Kirche und Staat, also eines Konkordats, »im Interesse beider Teile« liege. »Auch der Episkopat hält den Abschluss für viel nützlicher als das Verweilen bei theoretischen Untersuchungen.« Bertram an Pacelli vom 24.1.22, AAW – IA 25 o32. Siehe dazu Kapitel IV.4. Kapitza an Bertram vom 8.3.1922, AAW – IA 25 o 32; Bertram an Kapitza vom 15.3.1922, Ebd.; Kapitza an Bertram vom 15.3.1922, Ebd.; Bertram an Kapitza vom 20.3.1922, Ebd. Kapitza an Bertram vom 24.4.1922, Ebd. Nach den Aufzeichnungen des Wiener Kardinals Friedrich Gustav Piffl stimmten dieser und die deutschen Kardinäle Faulhaber, Schulte und Bertram beim Konklave zuerst für Gasparri, später für Pietro La Fontaine. Piffl blieb bis zuletzt La Fontaine treu, der im letzten Wahlgang gegen Ratti mit neun zu 42 Stimmen unterlag. Es scheint wahrscheinlich, dass mindestens Bertram, wenn nicht auch Schulte und Faulhaber, ebenfalls weiterhin für La Fontaine stimmten. M. LIEBMANN, Wie; M. LIEBMANN, Conclaves, S. 46-52. In seinem Hirtenwort anlässlich der Wahl Rattis zum Papst verteidigte Bertram diesen gegen Angriffe, er sei kein Freund der Deutschen, indem er auf den Universalismus der katholischen Kirche verwies. Kritischen Stimmen dürften die Katholiken keinen Glauben schenken, da der Papst seine Pflicht kenne: »gleiche Liebe und gleiche Fürsorge ... allen Gliedern seiner Kirche«. A. BERTRAM, Am Schluss des Konklave vom 7.2.1922, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 56, S. 229-231. Gegenüber Reichskanzler Wirth versicherte Bertram, dass Deutschland mit Ratti als Papst Pius XI. »durchaus zufrieden sein« könne. Er spreche nicht nur deutsch, sondern »weiß deutsche Eigenart und deutsche Religiosität zu schätzen.« Darüber hinaus habe er ihm »persönlich, was nach den oberschlesischen Vorkommnissen hervorgehoben zu werden verdient, eine auch anderen aufgefallene unverkennbare Zutraulichkeit und Offenheit« bewiesen. Bertram wies besonders auf die reichen Spenden des neuen Papstes für Notleidende in Deutschland hin. »Wir haben Grund, die Wahl als durchaus glücklich zu betrachten. Jedenfalls liegt bei ihm keinerlei Voreingenommenheit gegen Deutsche vor. Er wird für alle zum Heile Deutschlands gereichende Anliegen zugänglich sein, soweit er helfen kann.« Bertram an Wirth vom 19.2.1922, AAW – IA 25 k154.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

Bertram erklärte sich während seines Romaufenthaltes anlässlich des Konklaves prinzipiell mit der Errichtung einer Diözese Polnisch-Oberschlesien einverstanden, womit er den Weg für die zukünftige Entwicklung freigab. Pius XI. wollte diese neue Diözese jedoch nicht vorschnell errichten, sondern in einem ersten Schritt eine Apostolische Administratur schaffen und eine endgültige Regelung einem Konkordat mit Polen vorbehalten. Als Apostolischen Administrator hatte er Theodor Kubina vorgesehen, den er aus seiner Zeit in Oberschlesien kannte. Als die deutsche Regierung von dieser Personalie erfuhr, protestiere sie umgehend361. Indem sie diese Frage mit der Drohung eines Scheiterns der Verhandlungen zwischen dem Deutschen Reich und dem Hl. Stuhl über ein Konkordat verknüpfte, setzte sie genau an dem Punkt an, an dem der Vatikan bereit war, Konzessionen zu machen362. So konnte Steinmann nach Breslau berichten, dass er gemeinsam mit Botschafter Bergen die Ernennung Kubinas vorerst habe verhindern können und dass nun die Nuntiaturen in Warschau und Berlin über Kubina berichten sollten363. Bertram nutzte die Gelegenheit seiner streng vertraulichen Antwort an Steinmann, um seine prinzipiellen Gedankengänge in der Oberschlesienfrage niederzulegen. Dabei wird ein zentraler Punkt in Bertrams Denken, sein Verantwortungsbewusstsein, deutlich: »Mehr als irgend ein anderer fühle ich die Wucht der Gründe, die für Erhaltung der Diözese in ihrem Umfange sprechen. Mehr als auf einem anderen besteht auf mir die Verantwortung für die kirchlichen Interessen von etwa einer Million Katholiken in Polnisch-Oberschlesien nebst dem Gebiete von Polnisch-Teschen. Während die staatlichen Behörden stets einzig die politischen und völkischen Interessen vor Augen haben, stehen beim Bischof als Bischof andere Interessen im Vordergrunde, ohne daß damit ein Widerspruch der Interessen angedeutet werden soll. Das Für und Gegen ist so schwerwiegend und so kompliziert, daß ich mir wünschen kann, mit Ihnen recht bald mündlich die Sache zu besprechen.«

Die Verantwortung als Bischof brachte für Bertram eine gewisse Einsamkeit mit sich, denn anscheinend hielt er außer Steinmann niemanden in der bischöflichen

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Kardinal Schulte unterstützte seinen Breslauer Amtsbruder in seiner Einschätzung. Er wisse sich »in Überseinstimmung ... mit Eminenz Kardinal Bertram, der doch in unmittelbarer Beziehung zu S. Heiligkeit stand, als ... [dieser] in der Eigenschaft eines Apostolischen Nuntius in Polen weilte. Nach meinen auf der Staatssekretarie des Vatikans gewonnenen tiefen Einblicken in die überaus delikate und dornenvolle Aufgabe des damaligen Apostolischen Nuntius Ratti kann ich gewissenhaft versichern, dass derselbe in der Abwehr radikaler polnischer Bestrebungen gegen Deutschland festgestanden ist und um Deutschlands willen gelitten hat. Die Akten der päpstlichen Staatssekretarie liefern den Beweis dafür... Aber die Reichsregierung scheint mir die Pflicht zu haben, die Aussaat weiteren Misstrauens gegen das neue Oberhaupt der katholischen Kirche schnell und energisch im Interesse unseres deutschen Vaterlandes unmöglich zu machen.« Schulte an Wirth vom 9.2.1922, BArch – R 43 I/159, f. 103r-105r. Pacelli an Gasparri vom 8.5.1922, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 3, f. 19r; Pacelli an Gasparri vom 10.5.1922, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 502, fasc. 10, f. 21r. Pacelli an Gasparri vom 15.5.1922, Ebd., f. 21r-23r, hier 21v. Steinmann an Bertram vom 19.5.1922, AAW – IA 25 o32.

3. Bertram und die Oberschlesienfrage (1914-1925)

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Kurie für geeignet, seine Sorgen zu teilen – lediglich seinem Geheimsekretär war das Schreiben bekannt. Resigniert fragte er sich, ob unter den gegebenen Umständen »ein gesundes Verhältnis und ein erfolgreiches Wirken« für Polnisch-Oberschlesien von Breslau aus »überhaupt noch möglich« sei – die Antwort war ein eindeutiges Nein. Für den Fall, dass eine Apostolische Administratur geschaffen werden sollte, sei es besser, wenn der jetzige, wenn auch »etwas schwache, aber immerhin pietätvolle« fürstbischöfliche Delegat Kapitza auch Apostolischer Administrator werden würde, als wenn polnischerseits ein »radikal gesinnter Delegat«, also Kubina, »aufoktroiert« werden würde. Kapitza habe schließlich selbst in den schlimmsten Kampfzeiten und bei der politischen Umstellung korrekt gehandelt364. Die Verhandlungen über die kirchliche Zukunft Polnisch-Oberschlesiens zogen sich über die folgenden Wochen und Monate hin, in denen Bertram mehrfach gegen Kubina Stellung bezog365. Im Vatikan herrschte eine »große Unsicherheit«, wie man weiter vorgehen solle, war man doch weder mit dem status quo, noch mit den polnischen oder den deutschen Alternativvorschlägen zur Errichtung einer Apostolischen Administratur unter Kubina wirklich zufrieden366. Nach den Tendenzen der Verhandlungen, dass Kubina zum Apostolischen Administrator für Polnisch-Oberschlesien ernannt werden sollte, musste es überraschen, dass Pius XI. am 7. November 1922 Augustinus Hlond, den bisherigen Provinzial der deutschen und österreichischen Provinz des Salesianerordens, in dieses Amt berief367. Hlond war als gebürtiger Oberschlesier mit der Eigenart der Bevölkerung vertraut und Pius XI. war persönlich mit ihm bekannt. Weder der polnischen noch der deutschen Seite war diese Personalentscheidung im Voraus mitgeteilt worden, wodurch sich der Hl. Stuhl seine Unabhängigkeit bewahren wollte. Durch die Ernennung eines Ordensgeistlichen entzog er sich vorerst der polnischen Forderung, dass dem Administrator, sollte er nicht bereits ein (polnischer) Bischof sein, 364

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Bertram an Steinmann vom 28.5.1922, Ebd. Spätestens im Oktober fand die von Bertram gewünschte mündliche Besprechung mit Steinmann statt. Die angedeuteten Differenzen zwischen Bertram und der Regierung waren darin begründet, dass der Fürstbischof nach Auffassung der Vatikanbotschaft den Erhalt Polnisch-Oberschlesiens nicht energisch genug verteidige und den Kampfeswillen verloren habe. Mutius an die Reichsvertretung in München vom 6.5.1922, ADAP, Ser. A, Bd. VI, Nr. 87, S. 177 f., hier 177; S.A. STEHLIN, S. 135, Anm. 85. Für den Verlauf der Verhandlungen siehe Gasparri an Pacelli vom 31.5.1922, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 3, f. 23r-v; Gasparri an Bertram vom 7.6.1922, AAW – IA 25 o32; Steinmann an Bertram vom 18.6.1922, Ebd.; Bertram an Gasparri vom 24.6.1922, Ebd.; Steinmann an Bertram vom 19.7.1922, Ebd.; Gasparri an Bertram vom 23.8.1922, Ebd.; Bertram an Gasparri vom 3.9.1922, Ebd.; Steinmann an Pizzardo vom 5.10.1922, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 502, fasc. 10, f. 31r-v; Steinmann an Pacelli vom 9.10.1922, Ebd. – ANB, Pos. 42, fasc. 3, f. 57r-v. Für die Bemühungen der Reichsregierung, die Ernennung Kubinas zu verhindern, siehe Frerichs, Vertretung Reichsregierung in München, an Pacelli vom 13.8.1922, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 3, f. 25r. Siehe auch die ausführliche Beurteilung Kubinas durch die Reichsregierung vom 12.8.1922, Ebd., f. 28r-44r sowie die Bestände in PA AA – R I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 5-6. Steinmann an Bertram vom 19.7.1922, AAW – IA 25 o32. Pacelli an Bertram vom 13.11.1922, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 3, f. 62r.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

diese Würde umgehend verliehen werden müsse. Nach dem Bericht Bergens war Hlond ein »gerecht denkender Mann« und »nichts weniger als ein fanatischer Nationalpole«, weswegen Deutschland »mit der betreffenden Wahl sehr zufrieden sein« könne368. Mit der Verhinderung Kubinas als Administrator hatte die deutsche Seite im letzten Moment einen »großen diplomatischen Sieg« errungen369. Bertrams Hirtenwort an die Katholiken Oberschlesiens anlässlich der Abtretung Polnisch-Oberschlesiens von Deutschland an Polen vom 3. Juni 1922 wurde in der deutschen Öffentlichkeit kritisch aufgenommen, denn es unterschied sich deutlich von den übrigen deutschen Äußerungen. Die Westfälische Tages- und Landeszeitung warf dem Kardinal vor, »daß kein Wort von Trauer aus dem Munde eines Deutschen über den Verlust von Land und Volk« gekommen sei, »nicht einmal ein Wort des Abschieds, kein Wort auch würdigen Protests eines Hirten, dessen Herde man mit Gewalt zerreißt.« Er begnüge sich »mit der eigenartig objektiven Feststellung«, dass dem Tag der endgültigen Teilung »Hunderttausende mit froher Hoffnung, viele mit Besorgnis entgegenblickten.«370 Trotz seiner Versicherung, so Bertram in seinem Hirtenwort, dass es ihm nicht darum gehe, »politischen Gedanken oder Wünschen zum Ausdruck« zu verhelfen, sondern darum, »an die Christenpflicht zu mahnen«, griff Bertram mit dem Zitat und seiner Erläuterung der entscheidenden Passagen von Römer 13 eindeutig für die neue Obrigkeit in den politischen Raum ein. »Gehorsam nicht aus irdischen Interessen, sondern um des Gewissens, um Gottes willen. So soll es in allen Teilen der Diözese sein, so soll auch in den abgetretenen Gebieten den neuen Obrigkeiten der Gehorsam geleistet werden in allen Dingen, die ihres Amtes sind, in denen sie zuständig sind.« Mit der Aufforderung zum Gehorsam verknüpfte Bertram jedoch geschickt seine Erwartungen an die neue Regierung in Polnisch-Oberschlesien. »Bringen wir den neuen obrigkeitlichen Gewalten das Vertrauen entgegen, daß sie unparteiisch für Ruhe und Ordnung sorgen, daß sie den fluchwürdigen verbrecherischen Angriffen, die in beiden Teilen Oberschlesiens auf Leben, Gesundheit und Habe immer von neuem ausgeübt sind, mit eiserner Strenge und Gerechtigkeit entgegentreten. Vertrauen wir zu den kommenden obrigkeitlichen Gewalten, daß sie es verstehen, versöhnend und vermittelnd zu wirken, wohlwollend berechtigte Interessen der einzelnen Teile der Bevölkerung zu prüfen und zu berücksichtigen, sowie überstürzten Anregungen mit jener Weisheit vorzubeugen, die in Übergangszeiten ganz besonders in sprachlich gemischten Gebieten heilsam wirken kann. Vorüber sei die Zeit des Niederreißens. Gebieterisch ruft die Pflicht des Wideraufbauens. 368 369

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Bergen an AA vom 23.11.1922, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 8. So Pizzardo gegenüber Steinmann. Steinmann an Bertram vom 23.11.1922, AAW – IA 25 o32. Ähnlich äußerte sich Unterstaatssekretär Francesco Borgongini-Duca gegenüber Bergen. Bergen an AA vom 29.11.1922, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 8. WESTFÄLISCHE TAGES- UND LANDESZEITUNG vom 22.6.1922, zitiert nach G. HITZE, S. 489. Die »Kritik an Bertram zeigt deutlich, wie sehr der Breslauer Kardinal in den Tagen des Sommers 1922 mit seiner sachlichen Sicht der Dinge in einem zutiefst aufgewühlten und erregten Deutschland auf einsamem Posten stand.« G. HITZE, S. 489. Siehe erstmals W. VOGEL, S. 40, Anm. 33.

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Noch heute erinnere ich mich aus der Zeit meiner frühen Kindheit des wohltuenden Eindruckes, den in meinem Geburtslande beim Zusammenbruche des früheren Königtums die Erklärung der neuen Regierung machte, daß diese die pietätvolle Anhänglichkeit an das Alte wohl zu würdigen wisse, daß damit aber vereinbarlich sei loyale und vertrauensvolle Haltung gegen die neue Regierung.«371

Explizit wies Bertram hier auf seine eigenen Kindheitserfahrungen beim Wechsel der staatlichen Obrigkeit hin, auch wenn er bei der Auflösung des Königreichs Hannover im Jahr 1866 ein siebenjähriger Junge gewesen war, der von den politischen Ereignissen wenig mitbekommen haben dürfte. Dennoch blieb die beschriebene Erfahrung im ehemaligen Königreich Hannover, in Bertrams Heimatstadt Hildesheim und wahrscheinlich auch im Hause Bertram präsent – schließlich war Bertrams Vater ein Anhänger der welfischen Partei gewesen. Bei ihm hatte sich die »Anhänglichkeit an das Alte« mit der Loyalität gegenüber dem Neuen verbunden und er hatte diese Einstellung an seinen Sohn weitergegeben. i) Von der Apostolischen Administratur Oberschlesien zum Bistum Kattowitz

Augustinus Hlond übernahm am 17. Dezember 1922 das Amt des Apostolischen Administrators für Polnisch-Oberschlesien mit dem Sitz in Kattowitz, womit es offiziell vom Fürstbistum Breslau abgelöst wurde und die Jurisdiktionsgewalt Bertrams erlosch. Hlond hatte sich bereits Anfang des Monats an den Breslauer Kardinal gewandt und sich um gute Beziehungen bemüht. Er kündigte seinen Besuch noch vor Weihnachten an, um von Bertram »Winke und Ratschläge« für seine Tätigkeit zu erhalten372. Hlond enthielt sich bei seinem Amtsantritt jeglicher politischer Kommentare und beschränkte sich auf innerkirchliche Themen373. Dennoch kam es umgehend zu Konflikten zwischen der neuen Administratur und der Breslauer Kurie, in die der Hl. Stuhl von polnischer Seite eingeschaltet wurde. Bertram wurde unter anderem vorgeworfen, er habe noch nach der Einsetzung Hlonds Pfarrbesetzungen durchgeführt und versuche weiterhin, seine ehemalige Jurisdiktionsgewalt auszuüben374. Der Fürstbischof bezeichnete diese Vorwürfe kurzerhand als Lüge und konnte sie entkräften, da er die Pfarrbesetzungen bereits am 13. Dezember vorgenommen und sich deren Veröffentlichung lediglich aufgrund der Drucklegung des Breslauer Amtsblattes verzögert hatte375. Durch die Pfarrbesetzung wenige Tage vor der Amtseinsetzung Hlonds wollte Bertram anscheinend zeigen, dass er die ihm zustehende Jurisdiktionsgewalt so 371

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A. BERTRAM, Oberhirtliche Mahnung an die Katholiken Oberschlesiens vom 3.6.1922, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 61, S. 236-238, hier 237. Hlond an Bertram vom 2.12.1922, AAW – IA 25 o32; Bertram an Hlond vom 5.12.1922, Ebd. Bericht des MWKV über die Ankunft Hlonds in Kattowitz am 17.12.1921 vom 21.12.1922, Ebd. – IA 25 t9. Pacelli an Bertram vom 8.2.1923, Ebd. Bertram an Pacelli vom 12.2.1923, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 2, f. 150r-153r.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

lange auszuüben gedachte, wie er es konnte. Einen ersten Konflikt nahm er dabei in Kauf, schließlich war mit der verzögerten Veröffentlichung und der tatsächlich eingetretenen Reaktion zu rechnen gewesen. Durch die Errichtung der Administratur in Kattowitz traten verwaltungstechnische Fragen wie die Übergabe der Aktenbestände aus der Breslauer Bistumsverwaltung an die neu zu errichtende Verwaltung auf376. In einer Denkschrift an den Hl. Stuhl wies Hlond auf die Probleme hin, die für solche Pfarrgemeinden entstanden waren, die sich nach der Grenzziehung teilweise auf deutschem und teilweise auf polnischem Staatsgebiet befanden. Um diese Probleme zu beseitigen, bat Hlond darum, dass die Grenzen der geteilten Pfarreien, also die Grenzen des Breslauer Fürstbistums und der Kattowitzer Administratur, an die Staatsgrenzen angepasst werden sollten377. Bertram lehnte auf Anfrage des Hl. Stuhls die provisorische Umsetzung dieses Vorschlags ab, da politische Grenzen auf die Zugehörigkeit einzelner Ortschaften zur Kirchengemeinde keinen Einfluss hätten, doch er konnte sich nicht durchsetzen378. Insgesamt wurden 13 Breslauer Pfarreien durch die neue Grenze geteilt und ca. 29.000 Gläubige von ihrer Muttergemeinde getrennt379. Die damit einhergehenden Umpfarrungen stießen nicht überall auf die Zustimmung der nach Polen abgetretenen Teilgemeinden, die oft bei ihrer Mutterpfarrei in Preußen bleiben wollten. Aus taktischen Gründen wies Bertram jedoch die Aufforderung des Kultusministeriums zurück, beim Hl. Stuhl für diese zu intervenieren. Die Situation der Teilgemeinden würde sich durch die Beibehaltung des status quo weiter verschlechtern, argumentierte Bertram, und Polen würde im Gegenzug die Beibehaltung der auf deutschem Staatsgebiet liegenden Teilgemeinden bei ihren polnischen Mutterpfarreien fordern, was nicht im Interesse Preußens sein könne. Bertram sicherte jedoch zu, sich beim Hl. Stuhl für die deutsche Minderheit in Polen einzusetzen. Damit sprach er das bestimmende Thema der deutsch-polnischen Beziehung der Zwischenkriegszeit an, die Minderheitenfrage. Sowohl Polen als auch Deutschland versuchten, ihre jeweiligen Minderheiten im jeweils anderen Staat zu instrumentalisieren, um den eigenen Einfluss im Hinblick auf spätere 376

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Bertram sicherte zu, die betreffenden Akten zu übergeben, sobald die Kanzlei in Kattowitz eingerichtet sei. Er bezweifelte jedoch, dass das preußische Kultusministerium alle relevanten Akten herausgeben würde, da auch das republikanische Preußen kein Interesse daran haben könne, dass die »Geheimakten über Germanisierung und Protestantisierung des katholischen Ostens« dem feindlichen Nachbarn Polen in die Hände gelangen würden. Bertram an Pacelli vom 26.3.1923, Ebd., Pos. 35, fasc. 3, f. 84r-85r, hier 85r. Hlond an Benedikt XV. vom 9.2.1923, Ebd., Pos. 42, fasc. 2, f. 158r-159r. Pacelli an Bertram vom 21.3.1923, AAW – IA 25 t9; Bertram an Pacelli vom 25.3.1923, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 2, f. 161r-162r. Blaeschke an MWKV vom 14.9.1923, GStA PK – I. HA Rep. 76 Kultusministerium, IV, Sekt. 1, Abt. VII, Nr. 48, Bd. 1, f. 10r. Blaeschke an MWKV vom 9.11.1923, Ebd., f. 23r. Dabei handelte es sich um die Pfarreien Lubetzko, Kreis Lublinitz, Altrepten, Pawonkau, Kreis Lublinitz, Tworog, Kreis Tost-Gl., Roßberg, Kreis Beuthen, Pilchowitz, früher Kreis Rybnik, Rauden, früher Kreis Rybnik, Lissek, früher Kreis Rybnik, Tworkau, Markowitz, Kreis Ratibor, Ruda, Hohenbirken und Broslawitz.

3. Bertram und die Oberschlesienfrage (1914-1925)

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Revisionsforderungen aufrecht erhalten zu können. Deshalb sollte sowohl deren Auswanderung als auch deren allmähliche Assimilierung im jeweiligen nationalen Interesse verhindert werden380. Mit Blick auf die weiterhin existierenden nationalen Spannungen rief Bertram seine Diözesanen dazu auf, den ersten Schritt zu tun, um diese beizulegen. In der Rückschau müsse man erkennen, dass der fanatische Nationalismus nur Unheil gebracht habe. Der Fanatismus kenne »Achtung und Duldung und Liebe nur für die Angehörigen der eigenen Nationalität und Sprache ... Das ist ein Zerrbild der wahren Vaterlandsliebe und Stammesliebe«, ja sogar »die schlimmste Häresie unserer Tage.« Leider sei dieser Fanatismus noch nicht besiegt und viele würden sagen, dass das nur für die Gegenseite gelte. Bertram hingegen rief »alle ohne Unterschied« dazu auf, wieder vernünftig zu werden »in gegenseitiger Achtung und Verträglichkeit, in christlichen Umgangsformen und in Werken liebevollen Entgegenkommens«, auch wenn die Gegenseite ein solches Verhalten nicht erwidern sollte. »Es wird nicht fruchtlos bleiben, mag auch dein Auge die Frucht nicht sogleich sehen.«381 Im Herbst 1924 beschuldigte die »Polnische Volkspartei« mehrere deutsche Priester in der Presse und gegenüber Bertram der politischen Agitation, die sie in ihren Stellungnahmen anlässlich der anstehenden Reichstagswahlen am 21. September des Jahres betrieben hätten. Sie hätten die »Polnische Volkspartei« als nicht katholisch und somit als nicht wählbar bezeichnet, da jene ihren Namen auf Druck der Sozialisten von »Polnisch-katholische Volkspartei« in »Polnische Volkspartei« geändert habe. Bertram wurde darauf hingewiesen, dass die Priester seinem Hirtenwort zu bevorstehenden politischen Wahlen vom 1. August des Jahres zuwider gehandelt hätten382. In diesem Hirtenwort hatte Bertram seine Anweisung vom 1. März 1924 wiederholt, dass Geistliche »das Gotteshaus zur Stellungnahme für oder gegen« politische Parteien nicht nutzen dürften, dafür sei »außerhalb des Gotteshauses Gelegenheit genug« gegeben. Eine Ausnahme bildeten nur sozialistische und kommunistische Parteien und Gruppen, denen »mit aller Offenheit und Festigkeit entgegengetreten werden« müsse383. Bertram beauftragte sein Generalvikariat mit der Aufklärung der erhobenen Vorwürfe. Dieses befragte die sechs betroffenen Priester, woraufhin zwei die 380

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M. BROSZAT; R. BAIER; G. SCHULZ; R. SCHATTKOWSKY, Deutschland; R. SCHATTKOWSKY, Minderheitenstreit; C.-Y. LUDWIG; Zur polnischen Geschichtsschreibung siehe S. BAMBERGER-STEMMANN. A. BERTRAM, Die Arbeit nach christlicher Lehre vom 2.2.1924, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 70, S. 274. Vorstand der Polnischen Volkspartei an Bertram vom [nach 21.09.1924], AAW – IA 25 h 48. A. BERTRAM, Hirtenwort zu bevorstehenden politischen Wahlen vom 1.8.1924, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 75, S. 279 f., hier 280, 279. Mit Bezug auf dieses Hirtenschreiben forderte Bertram von Hlond, dass dieser die Aufrufe von Priestern der Administratur an polnischsprachige Wähler in Deutschland aus Anlass der bevorstehenden Reichstagswahlen unterbinden solle. Er selbst würde ein solches Verhalten in seiner Diözese nicht ohne oberhirtliche Prüfung und Genehmigung tolerieren. Bertram an Hlond vom 19.11.1924, AAW – IA 25 t9. Siehe zu Bertrams Stellung zu Sozialismus und Kommunismus Kap.IV.2.b.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

Vorwürfe abstritten und drei zugaben, die Vorgaben Bertrams übertreten und von der Kanzel gegen die »Polnische Volkspartei« gesprochen zu haben384. Der Verweis Bertrams an die betroffenen Priester stellte die »Polnische Volkspartei« offenbar nicht zufrieden, denn nach Presseberichten brach eine oberschlesische Delegation zum Hl. Stuhl auf, um dort über die Verhältnisse in Oberschlesien zu berichten385. Bertram versuchte den Beschwerden der Oberschlesier zuvorzukommen, indem er Steinmann versichern ließ, dass alle in Breslau eingehenden Beschwerden geprüft würden386. Die Romreise der oberschlesischen Delegation zog ihre Motivation ursprünglich nicht aus den letzten Vorkommnissen in Oberschlesien, sondern sie gehört in den Kontext der Konkordatsverhandlungen zwischen der Polnischen Republik und dem Hl. Stuhl. Die Vorverhandlungen hatten ergeben, dass das Breslauer Domkapitel die Einkünfte aus seinem nunmehr in Polen befindlichen Besitz zugesprochen bekam. Die Errichtung einer Diözese Kattowitz sollte den offiziellen Verhandlungen vorbehalten bleiben387. Bertram befürwortete im Gegensatz zur preußischen Regierung prinzipiell die Neugestaltung der Diözeseneinteilung in Ostdeutschland. »Man möchte in Preußen alles vermeiden, was den Schein hat, als hätte man sich mit der Teilung von Oberschlesien endgültig abgefunden, und zwar aus politischen und wirtschaftlichen Gründen«. Schließlich hoffe man auf die Wiedergewinnung der verlorenen Territorien, »was allerdings sehr zu wünschen wäre«. Doch vom kirchlichen Standpunkt »sieht sich die Sache etwas anders an«, argumentierte Bertram mit Blick auf die politische Lage pragmatisch. Denn »da nach menschlichem Ermessen auf Jahrzehnte wegen des Widerspruchs der Entente-Mächte auf eine Rückgabe des Polnisch-Oberschlesien an Deutschland nicht zu denken« sei, werde auch die selbständige kirchliche Verwaltung in Kattowitz bleiben. Auf absehbare Zeit, und er rechne nur in absehbaren Zeiträumen, sei diese »Zerschneidung der Breslauer Jurisdiktion endgiltig.« Die Katholiken Oberschlesiens fänden den Zustand, noch immer irgendwie zu Breslau zu gehören und keinen eigenen Bischof zu haben, 384

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Anton Winkler, Pfarrer in Brzezinka, an Breslauer Generalvikariat vom 17.11.1924, AAW – IA 25 h48; Kubis an Breslauer Generalvikariat vom 14.11.1924, Ebd.; Karl Biskup, Pfarrer in GroßNeukirch, an Breslauer Generalvikariat vom 21.9.1924, Ebd.; Theophil Plotnik, Kuratus in Oppeln, an Breslauer Generalvikariat vom 17.11.1924, Ebd.; Joseph Kaduk, Kuratus in Grodisko, an Breslauer Generalvikariat vom 14.11.1924, Ebd.; Die Antwort des Pfarrers Paul Holeczek in Langendorf war bis zur Behandlung der Angelegenheit noch nicht eingegangen und konnte nicht aufgefunden werden. Siehe auch die betreffenden Akten in Ebd. – IA 25 t9. Bertram an Plotnik, Biskup und Kaduk vom 7.12.1924, AAW – IA 25 h48; Bekanntgabe der Entsendung einer Delegation von oberschlesischen Parochianen zum hl. Vater, in: NOWINY Nr. 282 vom 5.12.1924 [deutsche Übersetzung, Ebd. – IA 25 t9]. Bertram an Steinmann vom 7.12.1924, Ebd.; Steinmann an Bertram vom 10.12.1924, Ebd.; Steinmann an Bertram vom 17.12.1924, Ebd. Steinmann an Bertram vom 10.12.1924, Ebd.; Steinmann an Breslauer Domkapitel vom 10.12.1924, Ebd. Die Einnahmen für das Domkapitel flossen jedoch in den Folgejahren trotz der Aufforderung des Hl. Stuhls sowie des polnischen Nuntius nur schleppend. Bergen an AA vom 10.1.1928, Ebd. – IA 25 o34. Siehe unten S. 158, Anm. 195.

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unnatürlich und der Hl. Stuhl könne diese Situation nicht mehr lange halten. Dies gelte ebenso für das Teschener Gebiet mit seinen ca. 100.000 Katholiken, wo er nur noch de jure, aber nicht mehr de facto die volle Jurisdiktionsgewalt inne hatte. »Ein solches Verhältnis ist auf Dauer unerträglich, mag das Kultusministerium auch anderer Ansicht sein.« Ein eigenes Bistum auf beiden Seiten der Grenze sei nicht nur aus »Gründen der kirchlichen Disziplin« wünschenswert. Er habe in den zehn Jahren, die er mittlerweile in Breslau war, feststellen müssen, dass ein »engerer Kontakt des Bischofs mit den entferntesten Teilen des Bistums« wegen seiner Größe »nicht möglich« sei. Lediglich den preußischen Bistumsteil zu betreuen, stelle eine die »menschliche Arbeitsfähigkeit mehr als genug belastende Aufgabe« dar. Trotz seiner vielen Firmreisen und obwohl er Räte aus allen Teilen der Diözese habe und sich »in zehn Jahren noch nicht einen einzigen Tag Urlaub ... genommen habe«, stünde er immer wieder vor Rätseln. Das Prinzip der Dezentralisation in Großstädten wie Riesendiözesen – Breslau sei einmal nicht zu Unrecht ein »Monstrum« genannt worden – sei kein »testimonium paupertatis der eigenen Arbeitsleistung«, sondern ein »Gebot pastoraler Klugheit« – aber »was verstehen schon die Geheimräte in Berlin, Unter den Linden 4, von bischöflichem Kontakt mit jedem Priester und jeder Gemeinde?« Damit stellte er die Bedingungen für eine gute Seelsorge vor den Zusammenhalt der eigenen Diözese. Und doch tat er dies nicht bedingungslos, denn als Voraussetzung für diese Erwägung bleibe die Forderung bestehen, die mittlerweile durch die Vorverhandlungen zum Polenkonkordat als erfüllt gelten konnte: »Sicherung durch dauernd bindende, international giltige Garantie des Domkapitels [von Breslau] für Eigentum, Besitz, Verwaltung und Genuß der in Polen liegenden Kapitelsgüter.«388 Die endgültige Loslösung Polnisch-Oberschlesiens vom Fürstbistum Breslau wurde im Konkordat zwischen Polen und dem Hl. Stuhl vom 10. Februar 1925 festgelegt. Durch die Ausführungsbulle »Vixdum Poloniae unitas« vom 29. Juni wurde die Apostolische Administratur Polnisch-Oberschlesien zur Diözese Schlesien erhoben, wodurch das Fürstbistum Breslau ca. 180 Pfarreien und Seelsorgestellen in Niederschlesien (Kreis Groß-Wartenberg), in Polnisch-Oberschlesien sowie im Kommissariat Teschen, das nunmehr dem neuen Bistum angeschlossen wurde, abtreten musste389. Die deutsche Regierung protestierte vehement gegen das Polenkonkordat, das durch die beschriebenen Bestimmungen gegen die noch immer gültige preußische Zirkumskriptionsbulle »De salute animarum« verstoße. Preußen und das Reich 388

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Bertram an Steinmann vom 22.12.1924, AAW – IA 25 t9; S.A. STEHLIN, S. 135; B. STASIEWSKI, Errichtung, S. 79. Für die Kritik der deutschen Regierung an Bertram wegen dieser Haltung siehe u.a. Bergen an AA vom 23.4.1923, PA AA – I. 149, Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 8. AAS 17 (1925), S. 273-287, S. 521-528. Siehe die deutsche Übersetzung bei L. SCHÖPPE, S. 319-334; F. GRÜBEL.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

seien nicht bereit, für die durch den Abtritt von Bistumsteilen an Polen entstehenden Einkommensausfälle der Diözese Breslau aufzukommen390. Am 15. Mai fand im Kultusministerium eine Besprechung zum Polenkonkordat statt, an der auch Domkapitular Ludwig Cuno als Vertreter der Breslauer Kurie teilnahm391. Auf die Kritik, er habe sich mit der Errichtung der Diözese Schlesien einverstanden gezeigt, reagierte Bertram gereizt, denn schließlich sei er weder zur Errichtung der Diözese, zur Ernennung Hlonds zum Bischof derselben noch bei der Formulierung des Polenkonkordats gehört worden. Er verteidigte aber auch seine Grundsätze, dass eine gemeinsame kirchliche Verwaltung von Deutsch- und Polnisch-Oberschlesien nicht im Sinne der Seelsorge sei. Er habe »noch niemand[en] gefunden, der behaupten wollte, auch nach der jetzigen Entwicklung der Dinge könne die seelsorgliche Leitung von Polnisch-Schlesien noch mit genügendem Erfolge von Breslau aus geführt werden; auch wird niemand behaupten, durch Eingaben von Breslau könne die neue Zirkumskription der Diözesen in Polen noch länger aufgehalten werden.«392 Da sich die Interessen des Kultusministeriums und Bertrams in den Verhandlungen der Regierung mit dem Hl. Stuhl um die Auslegung des Polenkonkordats deckten, traten hierbei keine weiteren Spannungen mehr auf. Die Verhandlungspunkte waren unter anderem die Aufhebung der Zwangsverwaltung der Breslauer Domkapitelsgüter, die Theologenausbildung, die Seelsorge für die deutsche Minderheit sowie die Umwandlung des Namens der Diözese von Schlesien nach ihrem Sitz in Kattowitz393. j) Deutsch-Oberschlesien in der Weimarer Republik

Die durch das Polenkonkordat endgültig besiegelten Gebietsabtretungen stellten für die »Riesendiözese« Breslau eine Erleichterung dar, denn sowohl das zu betreuende Territorium als auch die Anzahl der zu betreuenden Gläubigen schrumpften. Dennoch blieb Breslau eine der größten Diözesen Deutschlands mit ca. 1.950.000 Katholiken im preußischen und ca. 290.000 im tschechoslowakischen Teil394. Für die kirchliche Struktur Deutsch-Oberschlesiens brachten die neue Grenzziehung des Jahres 1922 und die kirchliche Neuregelung durch das Polenkon390

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Marx an Pacelli vom 2.4.1925, ASV – ANB, Pos. 35, fasc. 5, f. 49r-51r; S.A. STEHLIN, S. 136 f. Pacelli hätte diesen Protest am liebsten gar nicht angenommen, da er die Kritik an der vatikanischen Konkordatspolitik für vollkommen unangebracht hielt. Pacelli an Gasparri vom 3.4.1925, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 554, fasc. 73, f. 11r-13r. Niederschrift Cunos über Besprechung am 15.5.1925, AAW – IA 25 o33. Bertram an Ministerialdirektor Trendelenburg im Kultusministerium und Bergen vom 16.5.1925, Ebd. Siehe dazu die einschlägigen Schreiben in ASV – A.E.S., Germania, Pos. 554, fasc. 73 und AAW – IA 25 o33. Siehe auch den Abschlussbericht von Bergen an AA vom 22.8.1925, in: ADAP, Ser. A, Bd. XIV, Nr. 23, S. 62-68. Siehe die Statistik für das Jahr 1929 im Real-Handbuch Breslau, S. 488.

3. Bertram und die Oberschlesienfrage (1914-1925)

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kordat jedoch auch die Teilung bestehender Kirchengemeinden und den Wegfall bestehender wohlfahrtlicher Einrichtungen. Am 29. April 1926 fand eine gemeinsame Konferenz der Breslauer Diözese mit Vertretern des preußischen Kultus-, des Finanz- und des Innenministeriums statt, auf der Bertram den notwendigen Finanzbedarf für Deutsch-Oberschlesien darlegte. Für die Errichtung neuer Pfarrhäuser und Kirchen in den grenzdurchschnittenen Kirchengemeinden waren von staatlicher Seite 600.000 RM aus dem Ostfonds in Aussicht gestellt worden. Bertram machte deutlich, dass dieser Betrag viel zu gering sei und er forderte das Doppelte. Die finanzielle Unterstützung der Kirche durch den Staat sei deswegen notwendig, da »eine Besserung der ganzen Lebenshaltung und auch der Familiennot ... bei der Einstellung des oberschlesischen Volkes in der Hauptsache nicht ohne religiöse Beeinflussung erreicht werden« könne395. Die tatsächliche staatliche Unterstützungsleistung fiel mit 190.000 RM ernüchternd gering aus. Bertram war von dem geringen Umfang der staatlichen Leistungen maßlos enttäuscht und das Schreiben des preußischen Kultusministeriums musste ihn verärgern. Für die von der neuen Grenzziehung betroffenen Grenzgemeinden seien »nicht unwesentliche Mittel für kirchliche Zwecke« vorgesehen, hieß es dort396. In den von der Finanznot besonders betroffenen Gemeinden müsse wegen der geringen staatlichen Unterstützung eine »besorgniserregende Bitterkeit« entstehen, mahnte Bertram. Er hatte auf die Zusammenarbeit mit der preußischen Regierung gebaut, um den polnischen Separationsbestrebungen von Deutschland und der Forderung nach einer »polnischen« Diözese Gleiwitz in Deutsch-Oberschlesien entgegenwirken zu können. »Für die Frage, in welche Lage der Bischof von Breslau zu den benannten oberschlesischen Bewegungen in Folge einer solchen Behandlung seines persönlichen warmherzigen Eintretens für das oberschlesische Volk versetzt wird, haben einige entscheidende Stellen in den Reichsministerien kein Verständnis.«397 Auch in den folgenden Jahren fielen die staatlichen Unterstützungsleistungen für Oberschlesien in den Augen Bertrams zu gering aus398. Er könne aus der Erfahrung seiner Firmungs- und Visitationsreisen nur bestätigen, klagte er 1929 dem 395

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Protokoll der Konferenz vom 29.4.1926, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 374, S. 745-758. Für die Verhandlungen über die Neubauten von Kirchen und/oder Pfarrhäusern in den Grenzpfarreien und Kuratiegemeinden Pilchowitz, Klein-Lagiewnik (Rest Pawonkau), Alt-Repten, Sorowski, Nensa, Hindenburg-Biskupitz, die sich im letzten Fall bis in die 30er Jahre hineinzogen, siehe GStA PK – I. HA Rep. 76 Kultusministerium, IV, Sekt. 1, Abt. VII, Nr. 48, Bd. 1; Ebd., Bd. 2. Lammers an Bertram vom 24.1.1927, AAW – IA 25 k153. Der Zentrumsabgeordnete Karl Anton Schulte merkte an, dass ursprünglich 250.000 RM vorgesehen gewesen seien, dass er die Gründe für die Umverteilung jedoch nicht kennen würde. K. Schulte an Bertram vom 25.01.1927, Ebd. Bertram an Trendelenburg vom 28.2.1927, Ebd.; Bertram an Becker vom 27.1.1927, Ebd. An der abschließenden Verhandlung über die Finanzhilfe Anfang März 1927 nahm Bertram aus Protest nicht mehr teil. Zu den Forderungen nach Errichtung einer Diözese Gleiwitz siehe G. HITZE, S. 1000-1003; GStA PK – I. HA Rep. 76 Kultusministerium, IV, Sekt. 1, Abt. VII, Nr. 48, Bd. 2. Bertram an Becker vom 18.8.1927, AAW – IA 25 k153.

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Reichsinnenminister Severing, dass die Kirchennot im oberschlesischen Industriegebiet sehr groß sei: »Ununterbrochen arbeiten die agitatorischen Kreise von Polnisch-Oberschlesien daran, Unzufriedenheit in den polnisch sprechenden Teilen meiner Diözese zu erwecken. Ein zugkräftiges Agitationsmittel ist der Hinweis darauf, daß Deutschland fast nichts leiste für die höchsten Interessen der polnisch sprechenden Teile des deutschen Landes. Dieses Moment sollte die Reichsregierung sicher nicht unbeachtet lassen. Denn gerade die Vernachlässigung seiner religiösen Interessen trifft das Empfinden des oberschlesischen Volkes diesseits und jenseits der Grenze am schmerzlichsten.«399

In der Tat versuchte der Bund der Polen in Deutschland, die nationale Stimmung durch öffentliche Angriffe auf die Breslauer Kurie im Jahr 1928 mehrfach anzuheizen. Bertram verweigerte jegliche Stellungnahme, da der Polenbund nicht das Recht habe, in kirchlichen Fragen Beschwerde zu führen400. Er empfahl dem Regierungsdirektor in Oppeln, Weigel, »die zielbewusste Förderung der deutschen katholischen« Vereine. »Nicht aggressives Vorgehen gegen polnische Vereinstätigkeit, sondern aufbauende Tätigkeit in Ausgestaltung und Propaganda unserer katholischer [sic] Vereine wird zum Frieden und zu der auch staatlicherseits erwünschten Beruhigung und Versöhnung dienen.«401 In der Frage des muttersprachlichen Religionsunterrichts werde er prüfen, ob »ein Mehr als seither« dafür getan werden könne. Ähnliches gelte für den muttersprachlichen Beichtunterricht sowie für muttersprachliche Gottesdienste402. Das Konzept der langsamen Germanisierung der oberschlesischen Kinder und Jugendlichen, das Bertram bereits zu Beginn seines Pontifikats in Breslau vertreten hatte, setzte er weiter fort: ab der Oberschule fand die religiöse Unterweisung in Hinblick auf die zukünftige Mobilität der Jugendlichen innerhalb Deutschlands ausschließlich in deutscher Sprache statt403. In der Tat ging der Bedarf an polnischsprachiger Seelsorge im Bistum Breslau langsam zurück, auch wenn in allen Gemeinden mit polnischer Minderheit weiterhin regelmäßiger polnischsprachiger Gottesdienst angeboten wurde404. Nicht nur wegen der Saisonarbeiter, sondern vor allem wegen der einheimischen polnischsprachigen Diözesanen hatte Bertram den Theologiestudierenden das pflichtgemäße Erlernen des Polnischen auferlegt, was eine langfristige Verbesserung der seelsorglichen Betreuung der Polen bewirken sollte. Im Januar 1926 prognostizierte er: »Diese Maßnahme wird allmählich, etwa in drei Jahren, zu 399 400

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Bertram an Severing vom 16.02.1929, Ebd. – IA 25 k153. Bund der Polen in Deutschland an Bertram vom 25.9.1928, Ebd. – IA 25 o34. Bertram an Becker vom 24.6.1928, GStA PK – I. HA Rep. 76 Kultusministerium, IV, Sekt. 1, Abt. VII, Nr. 41, Bd. 2, f. 83r-v. Bertram an Weigel, Regierungsdirektor in Oppeln, vom 25.8.1928, Ebd., f. 84r-86r, hier 84r, 85r. Bertram an Proske vom 7.12.1928, AAW – IA 25 o34. Siehe Kapitel III.3.a. Denkschrift Bertrams für den Direktor der Minderheitenabteilung beim Völkerbundsekretariat, Aguirre de Carcer, vom 20.10.1929, AAW – IA 25 o34. Siehe dazu die Fragebögen, die an die einzelnen Pfarreien verteilt und deren Ergebnisse in einer Liste zusammengefasst wurden. Ebd. – IA 25 l50.

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einer allgemeinen Erleichterung der Pastoration der Saisonarbeiter erheblich beitragen.« Außerdem wäre es sinnvoll, regte Bertram an, wenn Ordenspriester, die in Ostdeutschland tätig sein sollten, ebenfalls schon während des Studiums Polnisch lernen würden. »Das ist wichtiger als Hebräisch, Griechisch, Kunstgeschichte u. dergl. m.« Bertram beschwerte sich darüber, dass seine Maßnahmen von polnischer Seite nicht honoriert würden. Die polnische Presse versuche, das »Gefühl zu nähren, daß den Polen in Deutschland niemals von einem deutschen Bischofe Gerechtigkeit widerfahren werde. Daher ist die Losung, die überall durchklingt: los von Deutschland! Los von Breslau!«405 Doch nicht nur bei der polnischen Minderheit, sondern auch auf deutschnationaler Seite herrschte Misstrauen gegenüber der katholischen Kirchenverwaltung in Ostdeutschland. Abgeordnete der DNVP um den ehemaligen Zentrumspolitiker und Rechtskatholiken Martin Spahn stellten am 6. Dezember 1930 im Reichstag drei Anträge zur staatlichen Einflussnahme auf die Seelsorge406. Bertram kam zu der Überzeugung, dass der zweite Antrag zur Gleichberechtigung der deutschen mit den polnischen Muttersprachlern im Gottesdienst in DeutschOberschlesien sowie der dritte Antrag zur Information der Regierung über den polnischen Sprachgebrauch im religiösen Bereich durch die Kirche »nicht von einer glücklichen Hand entworfen« seien. »Nicht alle Unterzeichner der Reichstags-Drucksache kennen die überaus schwierigen Verhältnisse von Oberschlesien und die Verantwortung für die Folgen einer verhängnisvollen Entschließung. Eine vollständige Erfüllung aller Wünsche der beiden Nationalitäten ist leider nicht möglich. In einen nationalistischen oder Rassenkampf die Kirche hineinzuziehen, würde unheilvolle Folgen für Kirche und Seelsorge, und damit für das Gemeinwohl haben.«407

Erneut wird das Verantwortungsbewusstsein als zentraler Apsekt in Bertrams Denken deutlich. Zum anderen warnte er bereits im Januar 1931 vor nationalistischen und rassistischen Übergriffen, wie sie in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und Europa Realität werden sollten. Im Jahr 1932 warfen die deutsch-polnischen Ressentiments ihren Schatten auf eine Stellenbesetzung im Breslauer Domkapitel. Der Oppelner Pfarrer Joseph Kubis war durch Pius XI. zum Päpstlichen Hausprälaten ernannt worden, da Ratti während seiner Aufenthalte in Oberschlesien im Jahr 1920 bei diesem im Pfarrhaus gewohnt hatte. Anfang 1932 berief Bertram den Oppelner Pfarrer zum residierenden Domherren in Breslau, was zu einigen Unstimmigkeiten führte. 405

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Bertram an Pacelli vom 6.1.1926, ASV – A.E.S., Germania Pos. 506, fasc. 15, f. 14r-16r, hier 15r, 15v, 16r. Reichstagsdrucksache Nr. 531 vom 6.12.1930, in: Verhandlungen des Reichstages. Stenographische Berichte 449 (1930), in: ‹http://mdz1.bib-bvb.de/cocoon/reichsblatt/Blatt_bsb00000133,00159. html› Reichstagsdrucksache Nr. 532 vom 6.12.1930, in: Ebd., ‹http://mdz1.bib-bvb.de/cocoon/ reichsblatt/Blatt_bsb00000133,00160.html›; Reichstagsdrucksache Nr. 533 vom 6.12.1930, in: Ebd., ‹http://mdz1.bib-bvb.de/cocoon/reichsblatt/Blatt_bsb00000133,00161.html›; Stand 5.10.2006. Bertram an Kultusminister Adolf Berthold Ludwig Grimme vom 31.1.1931, AAW – Ia 25 s30.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

Wenn nämlich ein Päpstlicher Prälat eine Pfarrstelle verließ, wurde diese vom Hl. Stuhl besetzt und die deutsche Regierung befürchtete, dass der neue Pfarrer ein Pole sein würde, was als Vorstufe für die Errichtung einer eigenen Diözese in Deutsch-Oberschlesien gesehen wurde. Deswegen bat sie Bertram, von der Ernennung Kubis‘ abzusehen, was dieser allerdings nicht mehr konnte. Der Kardinal versicherte, dass es für solche Gerüchte keine Grundlage geben würde, doch er war damit einverstanden, »bei der politischen Bedeutung der Angelegenheit« Kubis zu bitten, das Kanonikat nicht anzunehmen. Als Entschädigung übertrug Bertram dem Oppelner Pfarrer die nächste frei werdende Ehrendomherrenstelle, durch deren Annahme er weiterhin Pfarrer in Oppeln blieb. Diese Episode zeigt, dass Bertram durchaus dazu bereit war, explizit deutschen Interessen bei zumindest dieser Stellenbesetzung zu folgen408.

4. BERTRAMS EINFLUSS AUF DIE NEUREGELUNG DER BEZIEHUNGEN ZWISCHEN KIRCHE UND STAAT (1919-1930) a) Reichs-, Bayern- oder Preußenkonkordat?

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie, nach der Revolution und nach der auf dem Versailler Vertrag basierenden territorialen Umgesaltung Deutschlands mussten die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und den deutschen Lädern neu geregelt werden. Bereits die Weimarer Reichsverfassung gab der katholischen Kirche größere Bewegungsfreiheit, als sie sie noch im Kaiserreich gehabt hatte409. In einem ersten Treffen im April 1919 griffen Reichspräsident Ebert und der bayerische Nuntius Pacelli die Verhandlungen aus der Kriegszeit um die Errichtung einer deutschen Nuntiatur in Berlin wieder auf – am 30. Juni 1920 konnte Pacelli dem Reichspräsidenten sein Beglaubigungsschreiben überreichen410. Der Hl. Stuhl wollte mittels seiner »Konkordatsstrategie« die günstige Gelegenheit nutzen, um den neuen Codex Iuris Canonici aus dem Jahre 1917 in Deutschland durchzusetzen411. Anfang der 1920er Jahre war kaum abzuschätzen, ob das Verhältnis zwischen Kirche und Staat durch ein Reichskonkordat, möglicherweise in Form eines Reichsrahmenkonkordats, oder durch Konkordate mit den Ländern (Bayern und Preußen), die die Kulturhoheit auch in der Weimarer Republik be408

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OP Niederschlesien, Hermann Lüdemann, an Grimme vom 29.2.1932, BArch – R 5101/23346, f. 77r-v, hier 77v. Verfassung des Deutschen Reichs vom 11.8.1919, in: RGBl 1919, S. 1383-1385. Für eine Zusammenstellung der für das Verhältnis von Kirche und Staat relevanten Artikel der WRV siehe E.R. HUBER / W. HUBER IV, Nr. 97, S. 127-132. Siehe auch Kapitel III.2.3. H. MUSSINGHOFF, S. 167, Anm. 75; R. MORSEY, Pacelli, S. 123; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 6. D. GOLOMBEK, S. XXIV.

4. Neuregelung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat

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wahrten, geregelt werden würde. Die Römische Kurie bevorzugte den Abschluss eines Reichskonkordats, führte allerdings gleichzeitig Verhandlungen mit Bayern um ein eigenes Konkordat und schloss auch einen Vertrag mit Preußen in Form eines »Minimalkonkordates« nicht aus412. In der Auseinandersetzung um die Besetzung des erzbischöflichen Stuhls von Köln nach dem Tod Kardinal Hartmanns am 11. November 1919 manifestierten sich die unterschiedlichen Positionen des Hl. Stuhls und der preußischen Regierung413. Während letztere für die ungebrochene Gültigkeit der völkerrechtlich bindenden Bulle »De salute animarum« aus dem Jahre 1821 eintrat, sah der Hl. Stuhl die Voraussetzung für deren Gültigkeit durch Wegfall des Vertragspartners, dem preußischen Herrscherhaus, als nicht mehr gegeben414. Im Januar 1920 fand eine außerordentliche Fuldaer Bischofskonferenz – die erste unter dem Vorsitz Adolf Kardinal Bertrams – statt, auf der über die Vorstellungen des Episkopats über die Neuregelung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat beraten wurde. Bertram hatte hierfür eine »gutachterliche Darlegung betr. künftiges Verhältnis zwischen Kirche und Staat« erarbeiten lassen, die von den Bischöfen mit einigen Änderungen, aber doch im ganzen problemlos gebilligt wurde415. Schließlich schrieb die Reichsverfassung vor, dass verfassungswidrige Landesgesetze wie die teilweise noch immer bestehenden Kulturkampfgesetze aus dem 19. Jahrhundert nach den Leitlinien des Reichsrechts geändert werden müssten. Bertrams Gutachten stellten hierfür einen Forderungskatalog dar. Mit ihnen »hatte der preußische Episkopat sehr früh festumrissene Vorstellungen über die künftige Gestaltung des Verhältnisses von Staat und Kirche vorgelegt. Er hatte klar die Sprengkraft des Art.137 Abs.3 WRV erkannt und erstrebte die Lösung von staatlichen Fesseln.«416 Die bischöflichen Forderungen gingen zwar »über die 412

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Ebd., S. 17. Siehe die neuen Forschungen zu Konkordatsbemühungen mit Württemberg und Hessen von A. HAMERS. Bertram lehnte ein Reichsrahmenkonkordat ab, wie er Reichskanzler Wirth erklärte, von dem er staatliches Entgegenkommen in den Verhandlungen mit Nuntius Pacelli forderte. »Dieser Ausdruck gefällt mir nicht. Ein Rahmen ohne Bild ist nur eine inhaltslose Dekoration. Ein Reichskonkordat müsste eine Grundlinien-Festlegung bilden, die die selbstverständlichen Normen für alle deutschen Staaten enthalten müsste.« Bertram an Wirth vom 19.2.1922, AAW – IA 25 k154. N. TRIPPEN, Domkapitel, S. 467-515. Pius XI. erklärte die Gültigkeit der mit den alten Vorkriegsstaaten geschlossenen Staatsverträge des Hl. Stuhls im November 1921 für aufgehoben. Allokution Pius XI. vom 15.11.1921, in: AAS 13 (1921), S. 521-524. Zur Auseinandersetzung zwischen der preußischen Regierung und dem Hl. Stuhl um die Gültigkeit der Bulle siehe S.A. STEHLIN, S. 106; D. GOLOMBEK, S. 6, 48-50. Gutachten zum Staatskirchenrecht vom [vor 27.1.1920], in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 83, S. 157-179. Die behandelten Themen waren: Änderungen preußischer landesgesetzlicher Bestimmungen aus dem Kulturkampf, Stellenbesetzungen, geistliche Jurisdiktion, staatliche Zahlungen, Vermögensrecht der Kirche, Selbständigkeit der inneren kirchlichen Verwaltung, Kirche und Schule, Vorbildung der Geistlichen, Vorrechte des Klerus und das Ordensrecht. Protokoll der Bischofskonferenz vom 27.-29.1.1920, in: Ebd., Nr. 84, S. 179-189. Für die Vorbereitung der Gutachten siehe AAW – IA 25 v1-2. Siehe auch M. HÖHLE, S. 72, Anm. 31; H. MUSSINGHOFF, S. 169. Ebd., S. 171. Im genannten Absatz hieß es: »Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. Sie verleiht

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bisherige Praxis weit hinaus,« aber dennoch waren sie insofern »maßvoll, indem sie die durch die WRV gegebene Freiheit voll ausschöpf[t]en.«417 Nach der Konferenz infomierte Bertram Nuntius Pacelli über die Position der in Fulda versammelten Bischöfe. Er bezweifelte allerdings, dass die preußische Regierung über alle von der Bischofskonferenz erstellten Punkte verhandeln wollte. Denn er hatte erkannt, dass die Regierung es vorzog, »die bevorstehenden Vereinbarungen auf diejenigen Punkte einzuschränken, die in den Zirkumskriptionsbullen stehen«, nämlich auf die Fragen der staatlichen Dotation, der Modifizierung der geltenden Gesetze sowie der Neuordnung der kirchlichen Einrichtungen. »Für Gesetzgebung und Verwaltung« wollte die preußische Regierung offenbar »freie Hand behalten.«418 Der Hl. Stuhl prüfte die Vorschläge der Fuldaer Bischofskonferenz und sandte Bertram seine Verhandlungswünsche gegenüber der preußischen Staats- sowie der Reichsregierung zur Prüfung. Das vatikanische Papier beinhaltete lediglich die wesentlichen Punkte und nicht alle Einzelheiten und sollte die staatliche Seite zu einer Reaktion zwingen, damit der Hl. Stuhl in Erfahrung bringen konnte, in welchen Bereichen Zustimmung und in welchen Ablehnung zu erwarten war419. Der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz begrüßte die Vorgehensweise, dass lediglich die wesentlichen Fragen angesprochen werden sollten. Ähnlich wie der Nuntius hätte auch Bertram die Aufnahme der Schulfrage, die hier ausgeklammert war, in die Verhandlungen begrüßt, doch zweifelte er zu Recht »sehr, ob man darauf eingehen wird.«420 Die meisten seiner Anmerkungen waren Umformulierungen, um die Intentionen des Hl. Stuhls deutlicher zu machen und um zukünftige Fehlinterpretationen zu vermeiden, doch war er »im großen und ganzen einverstanden.«421 In Bezug auf die katholisch-theologischen Fakultäten an den deutschen staatlichen Universitäten hatte Bertram allerdings konträre

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ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde.« Verfassung des Deutschen Reichs vom 11.8.1919, in: E.R. HUBER / W. HUBER IV, Nr. 97, S. 129. H. MUSSINGHOFF, S. 171; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 25. Bertram an Pacelli vom 5.2.1920, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 88, S. 196 f. Die komplexen Dotationsverhandlungen zwischen dem preußischen Episkopat und der Staatsregierung zogen sich über Jahre hinweg und verliefen nicht ohne Spannungen. Endgültig konnte die Dotationsfrage erst durch weitere Verhandlungen nach dem Abschluss des Preußenkonkordats abgeschlossen werden. Der Autor schließt sich der Vorgehensweise D. GOLOMBEKS, S. 78 an: »Es ist wenig sinnvoll, die langwierigen zahlreichen Details erfassenden Auseinandersetzungen über Dotationsfragen in aller Breite darzustellen.« Vielmehr ist es wichtig, auf die zentrale Bedeutung dieses Verhandlungspunktes hinzuweisen, denn für die Regierung handelte es sich hierbei um das »wichtigste staatliche Druckmittel«. Sie wollte die finanzielle Frage nur dann erörtern, wenn die Gesamtregelung befriedigend sei. Siehe zu diesen Verhandlungen die Bestände in GStA PK – I. HA Rep. 76 Kultusministerium, IV Sekt. 1, Generalia, Abt. II, Bd. III-IV; ASV – ANB, Pos. 85, fasc. 3; Ebd., Pos. 86, fasc. 1; Ebd., Pos. 87, fasc. 1-2. Pacelli an Bertram vom 9.2.1920, AAW – IA 25 k154; Bertram an Pacelli vom 8.3.1920, Ebd. Pacelli an Bertram vom 1.5.1920, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr.*1, S. 277, Anm. 1.; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 11 f.; H. MUSSINGHOFF, S. 172 f. Bertram an Pacelli vom 8.5.1920, AAW – IA 25 k154; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 12. H. MUSSINGHOFF, S. 173.

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Vorstellungen zu Pacelli und dem Hl. Stuhl. Ihm fehlte in der römischen Formulierung der Hinweis auf das kirchliche Interesse an der Existenz dieser katholisch-theologischen Fakultäten. Dieses Interesse war in Rom, wo man kirchliche Seminare vorzog, tatsächlich weniger ausgeprägt als in Deutschland. Durch diese deutsche Eigenart der Priesterausbildung sei die Theologie im ganzen deutschen Volksleben präsent und der Einfluss der katholischen Theologieprofessoren sowohl in den Professorenkollegien der Universitäten als auch als Angestellte des öffentlichen Dienstes im außeruniversitären Bereich groß, argumentierte Bertram. Zusätzlich habe es sich gerade im Kulturkampf ausgezahlt, dass Theologiestudierende mit Studenten anderer Fakultäten während ihrer Studienzeit in freundschaftliche Verbindung getreten wären. »Selbst wenn diese Zeilen mit Mißtrauen aufgenommen werden, bleiben sie voll und ganz richtig, wie ich selbst in jahrzehntelanger Beobachtung erfahren habe. Die katholische Kirche ist weitherzig genug, um dieser Eigenart der deutschen Ausbildung Rücksicht zu tragen, soweit es mit der heiligsten aller Pflichten – Reinerhaltung des Glaubens – vereinbar ist.«422 Mitte Mai 1920 fand im preußischen Kultusministerium eine Konferenz zwischen Vertretern des Episkopats und des Kultusministeriums statt, auf der die Kirchenvertreter die Bestimmungen der in Artikel 137 WRV garantierten Freiheiten betonten, während die Regierungsvertreter versuchten, viele der alten staatlichen Rechte zu bewahren, bzw. zumindest auf die Möglichkeit der landesgesetzlichen Anpassung drängten423. Mit Bezug auf diese Konferenz sprach Kultusminister Haenisch bei einem Treffen bei Bertram im Juli 1920 neben der Frage der staatlichen finanziellen Unterstützung für die katholische Kirche auch das Thema an, »ob etwa der Episkopat dem Staate eine Zusage dahin machen könnte, daß Ausländer nur nach Zustimmung des Staates zu Pfarrern gemacht werden« sollten424. Wie Bertram gegenüber Pacelli meinte, müsse die Kirche bei den finanziellen Leistungen, die in den Augen des Staates keine rechtliche Basis hätten, Konzessionen machen. In der Beschränkung ausländischer Priester als Pfarrer in Deutschland hatte er »keine erheblichen Bedenken«, da diese Fälle ohnehin nur selten auftreten würden425. »In praktischer Hinsicht richtet sich die Forderung der Regierung auf die an den Staatsgrenzen liegenden Distrikte. Sie will in preußischen Gemeinden, die zu den polnischen Diözesen Posen und Culm gehören, keine deutschfeindliche [sic] Pfarrer haben, die von nationalistischem Fanatismus angesteckt sind.« Da es sich um eine »prinzipielle Sache« handele, die 422

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Bertram an Pacelli vom 8.5.1920, AAW – IA 25 k154; Zitat bereits bei H. MUSSINGHOFF, S. 174. Zu den weiteren Verhandlungen zwischen Bertram und Pacelli über die Theologischen Fakultäten siehe Ebd., S. 177 f. Ebd., S. 175 f.; M. HÖHLE, S. 73; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 26. Haenisch an Bertram vom 16.7.1920, AAW – IA 25 k154; H. MUSSINGHOFF, S. 179. Bertram an Pacelli vom 22.7.1920, ASV – ANB, Pos. 85, fasc. 2, f. 352r-353v, hier 352v; H. MUSSINGHOFF, S. 179.

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Reichskonkordatsverhandlungen vorbehalten sei, bat der Breslauer Kardinal den Nuntius um eine Stellungnahme426. Dieser hatte keine inhaltlichen, sondern taktische Bedenken. Der Frage der Anstellung ausländischer Geistlicher würde in Berlin großer Wert beigemessen, und sie sei »fast das einzige Mittel, das zu Gebote steht, um in wichtigen Fragen, z.B. auf dem Gebiete der Schule, Conzessionen von der Regierung erreichen zu können. Wenn daher die Regierung schon von dem hochwürdigsten Episkopat eine solche endgültige Zusage erhielte, fiele die wirksamste Handhabe weg, um ein gutes Konkordat für Preußen bzw. für das Reich zu erwirken.« Eine Zusage des Episkopats dürfe daher lediglich provisorischen Charakter haben427. Die Bischofskonferenz folgte dem Wunsch Pacellis und verwies das Kultusministerium auf die Zuständigkeit des Hl. Stuhls für die Beschränkung der Pfarrbesetzung auf deutsche Priester428. Dieses Vorgehen fand den »vollen Beifall« des Nuntius, hatte dieser damit doch verhindert, dass die preußische Regierung Episkopat und Hl. Stuhl gegeneinander ausspielte429. Heinz Mussinghoff erkennt an diesem Beispiel »die gute Zusammenarbeit bei der kirchlichen Meinungsbildung.«430 Dem ist zwar nicht zu widersprechen, doch muss auch beachtet werden, dass Pacelli gleichzeitig den Einfluss der Bischöfe auf die Konkordatsverhandlungen beschnitt und seine eigene Position stärkte. Auf ihrer Fuldaer Konferenz diskutierten die Bischöfe auch über die preußischen landesgesetzlichen Bestimmungen, die ihrer Auffassung nach nicht mit der Reichsverfassung übereinstimmten und deshalb geändert werden müssten. Die entsprechende Aufforderung, Rechtsklarheit zu schaffen, schickte Bertram am 24. Oktober an Kultusminister Haenisch. Dieser wollte allerdings die alten Kulturkampfgesetze zur Vorbildung der Geistlichen sowie zur Staatsaufsicht über kirchliche Konvikte und Seminare nicht ändern, um mit diesen zu verhindern, dass ausländische Priester Pfarrstellen in Deutschland bekommen konnten431. Im Januar 1921 brach der schwelende Kompetenzstreit zwischen dem Reich, Bayern und Preußen um den Abschluss von Konkordaten endgültig aus. In den Augen des Auswärtigen Amtes, das großes Interesse am Zustandeskommen eines Reichskonkordats hatte, sollte dieses 426 427

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Bertram an Pacelli vom 22.7.1920, ASV – ANB, Pos. 85, fasc. 2, f. 353r. Pacelli an Bertram vom 30.7.1920, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 118, S. 233 f.; H. MUSSINGHOFF, S. 179; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 7. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 17.-20.8.1920, Punkt 2g, am 17.8.1920, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 120, S. 236; Bertram an Haenisch vom 23.8.1920, AAW – IA 25 k154. Pacelli an Bertram vom 27.8.1920, Ebd. H. MUSSINGHOFF, S. 179. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 17.-20.8.1920, Punkt 2a-q am 17.8.1920, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 120, S. 236 f. sowie die Nachträge 1 (Bertram an Haenisch vom 23.10.1920) und 2 (Bertram an Haenisch vom 24.10.1920), Ebd., Nr. 132, S. 274-285; H. MUSSINGHOFF, S. 180; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 26 f.

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»als Klammer für die im Osten und Westen gefährdete Einheit des Reiches und als Ansatzpunkt für eine selbständige Reichskulturpolitik dienen wie als Schutz vor den Folgen der französischen und belgischen Kirchenpolitik (Gefahr eines Saarbistums und der kirchlichen Ausgliederung Eupen-Malmedys), ferner als Hebel zur Überwindung der diplomatischen Isolierung des Reiches wie als Hilfestellung zugunsten der auslandsdeutschen Minderheiten.«432

Preußen beharrte darauf, dass ein Reichskonkordat nur dann möglich sei, wenn alle Länder inklusive Bayern, das bereits mit dem Hl. Stuhl verhandelte, auf eigene Konkordate verzichten würden, doch das kam für Bayern nicht in Frage. Ein Reichskonkordat unter Ausschluss Bayerns wollte Preußen nicht mittragen433. Pacelli hingegen favorisierte den Abschluss eines beispielhaften Bayernkonkordats vor einem Reichskonkordat434. Im April griff Bertram die Frage der Zulassung ausländischer Priester für Pfarrstellen erneut auf, um die stockenden Konkordatsverhandlungen wieder in Gang zu bringen. »Ich glaube, wir kommen um diese Conzession doch nicht herum«, erklärte er gegenüber Pacelli435. Im Prinzip ging es darum, dass Bertram, um den Stillstand zu überwinden, bereit war, Zugeständnisse in den Verhandlungen mit der preußischen Regierung zu machen. Pacelli lehnte das entschieden ab und beharrte auf seiner Verhandlungsposition: Ihm erschienen »die mit einer Tolerierung des vorläufigen Weiterbestehens verbundenen Unannehmlichkeiten nicht so bedeutsam als die Schäden, die aus einem vor Abschluß der Konkordatsverhandlungen gemachten Zugeständnis folgen werden.«436 Pacelli war demnach ebenso wie die preußische Regierung bereit, auf Zeit zu spielen, um ein möglichst gutes Konkordat zu erreichen, während Bertram, der anscheinend immer weniger an das Zustandeskommen eines Vertrags glaubte, eine schnelle Regelung der offenen Fragen vorzog. Im September 1921 fand eine Besprechung zwischen den beiden Kardinälen Schulte und Bertram auf der einen und Ministerpräsident Stegerwald, Kultusminister Becker und Geheimrat Niermann auf der anderen Seite über die weitere Vorgehensweise statt. Die Regierungsvertreter machten unter anderem deutlich, dass sie nicht davon ausgingen, dass das preußische Parlament einem Konkordat, das die Schulfrage beinhaltete, zustimmen würde, was die Kardinäle sehr bedauerten437. Das Treffen brachte nicht den von Bertram erhofften Durchbruch, denn von einer Anpassung der noch immer bestehenden Kulturkampfgesetze an die 432 433 434 435 436

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R. MORSEY, Pacelli, S. 124. H. MUSSINGHOFF, S. 180-184; D. GOLOMBEK, S. 8-15. Pacelli an Bertram vom 30.7.1920, ASV – ANB, Pos. 85, fasc. 2, f. 356r. Bertram an Pacelli vom 9.4.1921, Ebd., f. 363r-v. Pacelli an Bertram vom 16.4.1921, Ebd., f. 364r-v. Pacelli spielte hier auf den Staatssekretär im preußischen Kultusministerium und späteren Kultusminister, Carl Heinrich Becker, an. Dieser war nicht nur in den Augen Bertrams derjenige, der »die Durchsetzung kirchlicher Ansprüche verhinderte.« H. MUSSINGHOFF, S. 156, 189, 192, 200 f.; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 25-31. Protokoll einer vertraulichen Besprechung zwischen Schulte, Bertram, Stegerwald, Becker und Niermann vom 15.9.1921, AAW – IA 25 k154; H. MUSSINGHOFF, S. 184.

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aktuelle Rechtslage blieb man weit entfernt. Bertram bedauerte »lebhaft, daß Jahre vergehen, ehe über diese bedeutsamen Stücke Klarheit erzielt wird.« Er war verärgert und resigniert über das Stocken der Verhandlungen, denn auch das neue preußische Kabinett Braun blockierte weiterhin die Verhandlungsbemühungen der Reichsregierung um ein Reichskonkordat438. Reichskanzler Wirth hingegen drängte bei Pacelli auf den Abschluss eines Reichskonkordats und der Nuntius informierte den Breslauer Kardinal stets über seine Verhandlungen. Am 2. Januar 1922 konferierte Pacelli mit den beiden Kardinälen Schulte und Bertram über die Konkordatsfragen439. Nach der Einschätzung Schultes verhandelte Pacelli zu sehr nach dem Prinzip »Alles oder Nichts.« Bertram kritisierte vor allem die preußische Regierung für ihre Verzögerungstaktik und damit auch indirekt die Verhandlungsführung Pacellis, die ebenfalls nicht auf einen schnellen Vertragsabschluss abzielte. »Ohne sich vom Konkordatsenthusiasmus des Nuntius anstecken zu lassen, vertrat Bertram den realistischeren Standpunkt, daß über Konzession an die Staatsregierung erst nach Herstellung der verfassungsmäßigen Ausgangslage verhandelt werden sollte.«440 Gegenüber Schulte kritisierte Bertram die Verhandlungsführung Pacellis: »Wenn nun bei der Nachgiebigkeit und Unerfahrenheit des Nuntius auch wir uns sehr nachgiebig zeigen, sei es auch in unverbindlicher Form, werden wir sofort darauf festgenagelt und haben dem Hl. Stuhl ein Präjudiz geschaffen.«441 Wenn sich die verfahrene Situation nicht bald ändere, so Bertram, und die Kirche die staatlichen Bedrückungen immer länger dulde, werde das Kultusministerium bald argumentieren, dass sich der status quo bewährt habe und dass Änderungen offensichtlich nicht nötig seien. »Die künftigen Geschlechter haben dann Grund, den jetzigen Bischöfen den Vorwurf zu machen, daß sie den richtigen Zeitpunkt zu einem zielbewußten Durchsetzen der kirchlichen Freiheit versäumt hätten.«442 Bertram hatte anscheinend »wenig Hoffnung auf einen guten Fortgang in der Konkordatsfrage.«443 438

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Bertram an Becker vom 9.10.1921 (Auszug), in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 174, S. 366; H. MUSSINGHOFF, S. 184 f. Pacelli an Bertram vom 23.11.1921, AAW – IA 25 k154; Pacelli an Wirth vom 15.11.1921, Ebd.; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 14, 18. L. VOLK, Bertram, S. 279. Schulte an Bertram vom 1.4.1922, AAW – IA 25 k154. Schulte rückzitiert Bertram in seiner Antwort zustimmend. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 27. Bertram an Pacelli vom 4.1.1922, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 191, S. 402 f.; H. MUSSINGHOFF, S. 189; M. HÖHLE, S. 74; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 18-20, 27 f. Schulte bekräftigte Bertrams Auffassung gegenüber dem Nuntius, um die ihm »verhängnisvoll erscheinende Selbstsicherheit P.s in Beurteilung der Sachlage noch etwas mehr zu erschüttern«. Schulte an Bertram vom 8.1.1922, in: Ebd., Nr. 192, S. 404. Pacelli sah die Verzögerung ebenfalls ungern, doch lag diese, wie er Schulte erklärte, nicht an seiner eigenen Person, sondern an der mangelnden Kompetenzabgrenzung zwischen dem Reich und Preußen. Pacelli an Schulte vom 8.3.1922, ASV – ANB, Pos. 84, fasc. 1, f. 39r-40v, hier 40r-v. H. MUSSINGHOFF, S. 189 f. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 14. Siehe auch Bertram an Pacelli vom 5.1.1922, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1728, fasc. 906, f. 43r-49r.

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Pacelli konnte dem neuen preußischen Kultusminister Otto Boelitz allerdings die Bereitschaft zu Konkordatsverhandlungen abringen und bat Bertram deswegen erneut um eine amtliche Zusammenstellung der bischöflichen Wünsche444. Nach einer gemeinsamen Besprechung am 15. Februar, als Bertram auf seinem Weg zum Konklave nach Rom in München Station machte, nutzte Pacelli diese Aufstellung für die folgenden Verhandlungen im Kultusministerium, bei denen er sich in den Augen Bertrams überraschend kompromissbereit zeigte445. Von nun an, ab Februar 1922, liefen die Fäden der kirchlichen Verhandlungsführung, »über die Verbindung zu irgendwelchen Konkordatsmöglichkeiten« bestanden, ausschließlich bei Pacelli zusammen446. Damit hatte dieser den Episkopat und damit vor allem Bertram mehr oder weniger ausgeschaltet und nur noch er bestimmte auf kirchlicher Seite den Fortgang der Verhandlungen. Ziel dieser Maßnahme war es vor allem, die taktischen Möglichkeiten der staatlichen Verhandlungspartner zu verringern, die immer wieder versuchten, Nuntius und Episkopat gegeneinander auszuspielen. Das versuchte die preußische Regierung erneut, als Geheimrat Niermann aus dem Kultusministerium Bertram am 27. März zu einer »vertraulichen unverbindlichen Aussprache« aufsuchte. Niermann wollte den Kardinal zu einer Stellungnahme zur geplanten Antwort der Regierung an den Nuntius drängen, doch Bertram ließ sich nicht zum Spielball zwischen Kultusministerium und Nuntius machen und antwortete Niermann ebenso »unverbindlich« wie dieser zuvor seine Sichtweise präsentiert hatte447. Durch diese Antwort manövrierte sich Bertram allerdings selbst in eine ungünstige Position, denn für das Kultusministerium konnte er in Zukunft kein ernsthafter Verhandlungspartner mehr sein. Er versuchte dennoch weiterhin, einen gewissen Einfluss auf den Verlauf der Verhandlungen zu nehmen und begründete das mit seiner Verantwortung als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz448. Kultusminister Boelitz sah durch sein Schreiben an Pacelli vom 28. April 1922 die Verhandlungen um ein Preußenkonkordat als eröffnet an449. Der Nuntius bat Schulte und Bertram um eine Stellungnahme, die der Breslauer nach Absprache 444

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Pacelli an Bertram vom 9.1.1922, AAW – IA 25 k154; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 19. In seinem Bericht nach Rom, dem er die Vorschläge Bertrams beifügte, wies Pacelli darauf hin, dass der Kardinal mit seiner Einschätzung der schwierigen Lage zwar richtig liege, doch erinnerte er auch daran, dass die Punktation, die den Verhandlungen zugrunde lag, auf den Vorschlägen der Fuldaer Bischofskonferenz basiere und vom Hl. Vater und Gasparri gebilligt sei. Pacelli an Gasparri vom 12.1.1922, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1728, fasc. 906, f. 40r-42r. Bertram an Pacelli vom 24.1.1922, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 195, S. 406-410; Pacelli an Boelitz vom 16.2.1922, ASV – ANB, Pos. 84, fasc. 1, f. 31r; Pacelli an Gasparri vom 27.2.1922, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 507, fasc. 16, f. 10r-11v. D. GOLOMBEK, S. 18, Anm. 18. Bertram an Niermann vom [29.3.1922], in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 201, S. 417-420; H. MUSSINGHOFF, S. 192-194. Bertram an Pacelli vom 12.4.1922, ASV – ANB, Pos. 84, fasc. 1, f. 43r-v. Boelitz an Pacelli vom 28.4.1922, Ebd., f. 45r-46v.

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mit dem Kölner Kardinal gemeinsam gab450. Lediglich in der Frage des Bischofswahlrechts sowie der damit verbundenen Klerusausbildung gab es Differenzen zwischen Bertram und Pacelli. In der Frage der Vorbildung und Anstellung der Geistlichen sah Bertram weiterhin die Notwendigkeit für die Kirche, Zugeständnisse machen zu müssen. Beim Bischofswahlrecht ging er mit der preußischen Regierung konform und bat den Hl. Stuhl um die Beibehaltung des Domkapitelwahlrechts als deutsche Eigenart451. Pacelli stand diesem wegen der in seinen Augen defizitären Klerusausbildung in den katholisch-theologischen Fakultäten der staatlichen Universitäten, aus denen die Domkapitulare als Wähler der Bischöfe hervorgehen würden, skeptisch gegenüber452. Kardinalstaatssekretär Gasparri wies den Nuntius auf dessen eigenen Vorschlag darauf hin an, dass er vor einer Antwort an Boelitz diesen dazu auffordern solle, sich zu allen in Pacellis Schreiben vom 16. Februar genannten Punkten zu äußern453. Der Kultusminister antwortete erst am 27. September und knüpfte in diesem Schreiben ein Junktim zwischen der staatlichen Dotation und der Pfarrbesoldung auf der einen und der Abänderung des Kulturkampfgesetzes über die Vorbildung und Anstellung von Geistlichen auf der anderen Seite, wodurch die Verhandlungsbemühungen Pacellis erneut stagnierten. Der Nuntius bat Bertram um keine neue Stellungnahme, da er dessen Position bereits kannte454. Doch das hinderte den Breslauer Kardinal nicht, seine Meinung dennoch darzulegen und trotz aller Widrigkeiten mit Blick auf wechselnde Landtagsmehrheiten auf einen raschen Abschluss der Verhandlungen zu drängen. Man dürfe später nicht bereuen müssen, »aus dem Kampf um einen bonus maius uns nicht mit dem bonus minus begnügt zu haben.«455 Das Scheitern der Verhandlungen vor Augen fragte Pacelli bei Schulte und Bertram nach, wie sie die Erfolgsaussichten dafür einschätzten, das Konkordat auf parlamentarischem Wege zustande zu bringen456. Während Schulte diese Möglichkeit zurückwies, machte Bertram vor allem Staatssekretär Becker, der immer wieder versuche, die Bischöfe untereinander und den Episkopat gegen das Zentrum auszuspielen, für die bestehenden Schwierigkeiten verantwort450

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Pacelli an Bertram vom 2.5.1922, AAW – IA 25 k154; H. MUSSINGHOFF, S. 195; Pacelli an Schulte vom 2.5.1922 [K], ASV – ANB, Pos. 84, fasc. 2, f. 50r. Bertram an Pacelli vom 9.5.1922, Ebd., fasc. 1, f. 51r-54v; H. MUSSINGHOFF, S. 195. Die Bereitschaft, bei der Vorbildung der Geistlichen Zugeständnisse zu machen, bedeutet allerdings nicht, dass Bertram in diesem Punkt die staatliche Auffassung teilte: »In einer Zeit, wo die höchsten Staatsämter ohne jede Rücksicht auf Vorbildung verliehen werden, ist es unverständlich, warum kirchliche Ämter eine staatlich normierte Vorbildung zur Voraussetzung haben sollen.« Bertram an Pacelli vom 24.1.1922, ASV – ANB, Pos. 84, fasc. 1, f. 3v. Pacelli an Gasparri vom 26.5.1922, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 507, fasc. 16, f. 53r-60v, hier 55r60v. Gasparri an Pacelli vom 24.6.1922, Ebd. – ANB, Pos. 84, fasc. 1, f. 64r-v; Pacelli an Boelitz vom 30.6.1922, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 210, S. 435 f.; H. MUSSINGHOFF, S. 196. Pacelli an Bertram vom 14.10.1922, AAW – IA 25 k154; H. MUSSINGHOFF, S. 196. Bertram an Pacelli vom 22.10.1922, ASV – ANB, Pos. 84, fasc. 1, f. 106r-108v, hier 106v. Pacelli an Bertram vom 29.11.1922, AAW – IA 25 k154.

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lich457. Er betonte die Entscheidungsgewalt des Hl. Stuhls in den umstrittenen Fragen und schlug in der Schulfrage eine Kompromissformulierung vor458. Zwar brachen die Verhandlungen um ein Reichs- und ein Preußenkonkordat in den Jahren 1923/24 nicht gänzlich ab, doch sie stagnierten, da die preußische Regierung nicht bereit war, sich den Bestimmungen der WRV Art.137 zu unterwerfen. Sie blieb »dem Geist des kulturpolitischen Staatsdirigismus der Bismarckära weiter verhaftet.«459 Bertram sah den Stillstand mit Argwohn, wie er gegenüber Schulte im Mai 1923 erklärte. »Die immer längere Verzögerung der Neuordnung der kirchenpolitischen Verhältnisse bereitet mir andauernde Unruhe, so herzlich gern ich auch jeden durchführbaren Verbesserungsvorschlag stets begrüßt habe u[nd] stets begrüße.«460 Deswegen versuchte Bertram auch, neuen Schwung in die preußischen Konkordatsverhandlungen zu bringen, indem er Pacelli bat, beim Kardinalstaatssekretär nachzufragen, ob ein Weiterverhandeln mit Preußen möglich sei461. Doch Gasparri winkte ab, da er dem Abschluss des Bayernkonkordats Priorität beimaß, das wegen des erwarteten kirchenfreundlichen Inhalts Beispielcharakter haben sollte462. b) Das Preußenkonkordat

Erst nach dem Abschluss des Bayernkonkordats im Januar 1925 wurden die Verhandlungen um ein Preußenkonkordat weitergeführt463. Im Frühjahr 1925 sagte Bertram Nuntius Pacelli seine Unterstützung für die erneut angelaufenen Verhandlungen zu464. Preußen verlangte nun in Analogie zum Bayernkonkordat ein eigenes Vertragswerk, weswegen an ein Reichskonkordat nicht zu denken war, auch wenn das Reich seine diesbezüglichen Bemühungen erst im Herbst 1926 einstellte. Am 24. Juni 1925 wurde Pacelli als Nuntius beim preußischen Staatsministerium und Reichsbotschafter Diego von Bergen auch als preußischer Gesandter beim Hl. Stuhl beglaubigt, wodurch eine rechtliche Basis für die Verhand-

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»Wenn ein so eminent sachorientierter Berichterstatter wie Adolf Bertram seine Lageanalyse mit einem Plädoyer gegen den verantwortlichen Gestalter der preußischen Kulturpolitik [Becker] einleitete, dann war das an sich schon ein höchst ungewöhnlicher Vorgang. Es mußten also schwerwiegende Gründe vorliegen, daß der Kardinal mit einem sonst eisern festgehaltenen Grundsatz brach.« L. VOLK, Reichskonkordat, S. 30; H. MUSSINGHOFF, S. 200 f. Siehe unten S. 213, Anm. 434. Bertram an Pacelli vom 10.12.1922, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 222, S. 470-472. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 31. Bertram an Schulte vom 27.5.1923, ASV – ANB, Pos. 84, fasc. 3, f. 67r. Bertram an Pacelli vom 27.5.1923, Ebd., fasc. 1, f. 240r. Gasparri an Pacelli vom 30.5.1923, Ebd., f. 242r-v; H. MUSSINGHOFF, S. 202 f. Zum Bayernkonkordat siehe L. SCHÖPPE, S. 43-51. Zum Entschluss Preußens für ein eigenes Konkordat siehe D. GOLOMBEK, S. 46. H. MUSSINGHOFF, S. 206.

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lungen gelegt wurde465. Diese wurden allerdings auch durch die Unterzeichnung des Polenkonkordats verzögert. Der eigentliche Beginn der Konkordatsverhandlungen zwischen Preußen und dem Hl. Stuhl lag im März 1926, doch herrschte »zwischen den Verhandlungspartnern ... keine Einigkeit in bezug auf Inhalt und Form« des angestrebten Vertrags466. Bei seiner Romreise im Mai 1926 versuchte Bertram, bei Pius XI. Einfluss auf die Verhandlungen zu nehmen, indem er dem Papst vier Gutachten überreichte. Der Breslauer Kardinal betonte hierin die Notwendigkeit, dass der Ortsbischof alle Domkapitulare frei ernennen können müsse, da den Domkapitularen »ausgedehnte Aufgaben verwaltungstechnischer und organisatorischer Art« zukämen und er sich auf die Arbeitskraft der Kapitulare verlassen können müsse. Im Prinzip ging es hier um die Frage, ob der Einfluss des Domkapitels zu Gunsten des Bischofs geschmälert werden sollte. Würde das Bischofswahlrecht der Domkapitel bestehen bleiben, wäre diese Entscheidung noch weitreichender467. Beim Bischofswahlrecht folgte Bertram nun allerdings der Linie des Hl. Stuhls. Er war bereit, den Domkapiteln das Bischofswahlrecht zu entziehen – diese sollten nur noch ein Vorschlagsrecht erhalten. Die so vorgeschlagenen Kandidaten sollten von den Nachbarbischöfen beurteilt werden, doch sollte es dem Vatikan frei stehen, auch einen anderen Kandidaten zum Bischof ernennen zu können468. In den Fragen der Errichtung eines Bistums Berlin sowie der Zukunft der Administratur Tütz beharrte Bertram auf seiner Position, auf die später näher eingegangen wird469. Um zu unterbinden, dass die Regierung Episkopat und Hl. Stuhl gegeneinander ausspielte, veranlasste Pacelli, dass er allein für die Konkordatsverhandlungen zuständig sein sollte und Anregungen und Wünsche lediglich über Bertram als Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz an ihn getragen werden sollten470. »Damit war die Verhandlungsführung in die Hand Pacellis gelegt und für ein einheitliches kirchliches Handeln vorgesorgt.«471 Der Nuntius wollte und konnte allerdings nicht an den Bischöfen vorbei verhandeln. Er hatte Bertram bei dessen Romreise im Mai nur um wenige Tage verpasst und beide such465 466 467 468

469 470

471

D. GOLOMBEK, S. 48-52; M. HÖHLE, S. 153. D. GOLOMBEK, S. 53. Bertram an Pius XI. vom 15.5.1926, ASV – ANB, Pos. 83, fasc. 4, f. 43r; D. GOLOMBEK, S. 62. Bertram an Pius XI. vom 15.5.1926, ASV – ANB, Pos. 83, fasc. 4, f. 44r. Pacelli, der von Gasparri zu einer Stellungnahme zu Bertrams Vorschlägen aufgefordert worden war, bezeichnete die ersten beiden als »tutto accettabili«. Pacelli an Gasparri vom 31.5.1925 [K], Ebd., f. 48r-v. Gasparri wiederum war von der Argumentation Bertrams, dass lediglich die Nachbarbischöfe die vom Domkapitel vorgeschlagenen Bischofskandidaten beurteilen sollten, nicht überzeugt, denn es könnte vorkommen, dass ein anderer Bischof einen Kandidaten besser einschätzen könne. Gasparri an Pacelli vom 4.11.1926, Ebd., fasc. 3, f. 41r-42v. Bertram an Pius XI. vom 15.5.1926, Ebd., fasc. 4, f. 45r, 46r. Pacelli an Gasparri vom 11.7.1926, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 563, fasc. 79, f. 71r-72v; Gasparri an Bertram vom 23.7.1926, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 372, S. 742 f.; H. MUSSINGHOFF, S. 213, Anm. 222. Ebd., S. 213.

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ten den persönlichen Kontakt. Bertram reiste am 2. August – noch vor der Bischofskonferenz – nach Berlin472. Dieses Gespräch führte in den Worten Pacellis »ad una, posso quasi dire piena conformità di vedute.«473 Die preußischen Bischöfe besprachen sich am 10. August und zeigten sich mit der Mehrheit der vatikanischen Verhandlungspunkte einverstanden. Lediglich in der Schulfrage, bei der Dotation sowie bei der Zirkumskription der Diözesen wünschten sie Rücksprache mit dem Hl. Stuhl474. Pacelli war über diesen Verlauf der Bischofskonferenz »sehr befriedigt«475. Er versicherte Bertram auf dem Breslauer Katholikentag 1926, dass er im weiteren Verlauf seiner Verhandlungen mit der Staatsregierung die notwendigen Informationen über die strittigen Punkte bei den einzelnen Bischöfen anfordern werde, was er dann auch tat. Im Januar 1927 forderte Nuntius Pacelli Bertram als Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz dazu auf, dass die preußischen Bischöfe ihre Stellungnahmen über ihre Vorstellungen und Wünsche betreffend der Schulfrage sowie der Bistumszirkumskription abgeben sollten476. In der Schulfrage hatte Bertram kaum Hoffnungen. Schließlich sei eine Prognose mit Blick auf die »Kämpfe im Landtag« so dunkel, dass nur Pacelli – der im »Feuer der Kämpfe stehend, einigermaßen in die Zukunft blicken« könne – entscheiden könne, was durchsetzbar sei. Schließlich sei die Losung »Schule ist eine Veranstaltung des Staates« zu sehr in »Fleisch und Blut« der nichtkatholischen Kreise übergegangen, als dass man diese von der Rechtmäßigkeit der Forderung nach katholischen Schulen für katholische Kinder überzeugen könne. »Wenn ich nicht irre, werden Eure Exzellenz erst in einem späteren Zeitpunkte dieser diffizilsten aller Fragen näher treten.«477 Auch wenn Bertram damit erneut versuchte, Einfluss auf die Verhandlungsführung Pacellis zu nehmen, ist hier ein gewisses Vertrauen Bertrams dem Nuntius gegenüber zu erkennen. In der Frage der Neugestaltung der Diözesanzirkumskription in Ostdeutschland muss die Ausgangslage kurz umrissen werden. In der fürstbischöflichen Delegatur Berlin bildete sich Anfang der 1920er Jahre das »Komitee zur Förderung der Wiedererrichtung des Bistums Brandenburg«, das am 19. März 1922 eine Denkschrift an verschiedene kirchliche und staatliche Stellen schickte. In dieser forderte das Komitee – sollte es zum Abschluss eines 472

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Pacelli an Bertram vom 20.5.1926 [K], ASV – ANB, Pos. 83, fasc. 4, f. 40r; Bertram an Pacelli vom 6.7.1926, Ebd., fasc. 3, f. 8r-9r; Pacelli an Bertram vom 13.7.1926 [K], Ebd., f. 10r. Pacelli an Gasparri vom 4.8.1926, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 563, fasc. 79, f. 76r-v. Für eine Zusammenstellung der diskutierten Punkte siehe die Aktennotiz der Besprechung zwischen Pacelli und Bertram vom 2.8.1926, AAW – IA 25 k155. H. MUSSINGHOFF, S. 213, Anm. 224 führt diese Aktennotiz als Schreiben von Bertram an Pacelli vom 2.8.1926. Bertram an Pacelli vom 15.8.1926, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 375, S. 758-760. Pacelli an Schulte vom 13.8.1926 [K], ASV – ANB, Pos. 83, fasc. 2, f. 17r. Pacelli an Bertram vom 21.1.1927, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 393, S. 790 f. Bertram an Pacelli vom 27.2.1927, ASV – ANB, Pos. 83, fasc. 1, f. 60r-v, hier 60r.

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Konkordats kommen – die Errichtung eines Bistums Brandenburg. Ein eigenständiges Bistum wurde unter anderem mit dem starken Anstieg der Katholikenzahl in der Stadt Berlin und den Provinzen Brandenburg und Pommern auf ca. 500.000 als eine seelsorgliche Notwendigkeit begründet478. Bertram reagierte umgehend und verfasste ein ausführliches Schreiben, das er dem Hl. Stuhl über Nuntius Pacelli zukommen ließ. Hierin befürwortete er grundsätzlich die Erhebung der Delegatur zu einem Bistum, doch führte er auch die gegen eine zeitnahe Realisierung sprechenden Probleme an. Entscheidend war die Güterfrage in der Tschechoslowakei. In dem Moment der Bistumsgründung Berlin/Brandenburg würde die tschechoslowakische Regierung die Abtretung der Breslauer Gebiete in Tschechisch-Schlesien mit dem Hinweis auf die gesunkenen finanziellen Anforderungen des Fürstbistums noch vehementer fordern als bisher479. Nach der Errichtung der Apostolischen Administratur in Polnisch-Oberschlesien am 7. November 1922 schlug Bertram dem Hl. Stuhl die Einsetzung eines Weihbischofs in Berlin vor. Bisher hatte er darauf verzichtet, um damit polnischen Forderungen nach einem polnischen Weihbischof in Polnisch-Oberschlesien keinen Vorschub zu leisten480. Nach der Einsetzung eines Weihbischofs in Berlin wiederum sah Bertram den Zeitpunkt gekommen, beim Hl. Stuhl die Errichtung einer ostdeutschen Kirchenprovinz anzuregen. Pius XI. stimmte diesem Vorschlag im Rahmen einer Audienz Bertrams am 8. April 1923 zu481. Der Breslauer Kardinal wandte sich im Auftrag des Papstes an Gaetano Kardinal de Lai, den Präfekten der für diese Frage zuständigen Konsistorialkongregation. Die Diözesen Breslau, Ermland, Meißen in Sachsen sowie die Delegatur Tütz könnten zusammengeschlossen werden, schlug Bertram vor. Eine eigene Kirchenprovinz bedeute eine Konsolidierung der kirchlichen Verhältnisse in Ostdeutschland nach dem Verlust des Erzbistums Gnesen-Posen, der Diözese Kulm und Polnisch-Oberschlesiens. Der Einfluss der Katholiken würde durch eine ostdeutsche Kirchenprovinz steigen, vor allem durch die Erhebung der Delegatur Berlin zum Bistum482. Kardinal de Lai fragte nach, wie die betroffenen Diözesen zu dem Vorschlag stünden und Bertram leitete diese Frage an die Bischöfe von Meißen, Schreiber, und von Ermland, Bludau, weiter483. Ihre Antwort sollten die Bischöfe in einem Doppelkuvert schicken mit der Aufschrift »nur vom Fürstbischof zu öffnen«. Als

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M. HÖHLE, S. 78-86. Bertram an Pacelli vom 26.3.1922, AAW – IA 25 k156; M. HÖHLE, S. 86-88. Bertram an Pius XI. vom 24.12.1922, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 8, f. 1r-2v, hier 2v; M. HÖHLE, S. 89. Bertram an Bludau und Schreiber vom 25.4.1923, AAW – IA 25 o6. Bertram an de Lai vom 10.4.1923, Ebd.; B. STASIEWSKI, Errichtung, S. 83 f.; M. HÖHLE, S. 78. De Lai an Bertram vom 19.4.1923, AAW – IA 25 o6.

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Begründung fügte Bertram an: »von solchen sekreten Verhandlungen mit dem Papste pflege ich niemandem hier was zu sagen.«484 Bischof Schreiber bevorzugte die Idee eines Konferenzverbandes. Für die Errichtung einer Kirchenprovinz sei die politische Lage zu unsicher, außerdem sei Meißen erst nach dem Ersten Weltkrieg in Exemtion wieder hergestellt worden und es müsste befremdlich wirken, sollte dieser Zustand umgehend wieder geändert werden485. Ähnlich wie Schreiber sah auch Bischof Bludau für seine Diözese, die bisher ebenfalls exemt war, »keinen oder nur sehr geringen Vorteil« in einer ostdeutschen Kirchenprovinz, da die Eingliederung in eine solche einer Degradierung gleichkäme. Außerdem sei der Kontakt zwischen Ermland und Breslau durch den polnischen Korridor erschwert486. Nach dem Tod des Prälaten Robert Weimann, der seit 1923 Administrator von Tütz gewesen war, im August 1925 und nach Abschluss des Polenkonkordats musste die Zukunft der preußischen Restgebiete der Erzdiözese Gnesen-Posen sowie der Diözese Kulm neu thematisiert werden. Bertram schlug verschiedene Kandidaten zur Nachfolge vor, die jedoch alle keine Zustimmung fanden487. Er kam auch auf die Idee einer ostdeutschen Kirchenprovinz zurück und wies die ablehnende Haltung der Bischöfe Schreiber und Bludau zurück488. Nuntius Pacelli stimmte mit Bertram darin überein, dass eine ostdeutsche Kirchenprovinz »mit dem Metropolitansitz Breslau« entstehen solle und forderte den Breslauer Kardinal dazu auf, seine Vorstellungen über die Neuregelung dem Hl. Stuhl darzulegen. Erzbischof Dalbor von Gnesen-Posen hatte bereits im Februar und März 1921 auf die Notwendigkeit der Neuregelung der kirchlichen Verhältnisse in Tütz hingewiesen und Pacelli legte Bertram nahe, dessen Vorschläge nochmals zu prüfen489. Bertram kam der Aufforderung umgehend nach und legte einen umfassenden Plan zur Neuregelung der Diözesanzirkumskription in Ostdeutschland vor. Für die Administratur Tütz empfahl er »eine vollständig neue Zirkumskription und eine Verlegung des Sitzes.« Er sprach sich dafür aus, »die ganze Provinz Pommern mit Tütz zu verbinden und so eine größere Apostolische Administratur, unabhängig von Breslau und unabhängig von der Delegatur in Berlin, zu schaffen.« Dafür sprach weniger, dass Tütz laut preußischem Gesetz lediglich provisorischen Charakter hatte, sondern vielmehr die Überlastung der Diözese Breslau. Um diese zu verringern, habe er bereits »a) die Vollmachten des Delegaten in Berlin 484 485 486

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Bertram an Bludau und Schreiber vom 25.4.1923, Ebd. Schreiber an Bertram vom 2.5.1923, Ebd. Bludau an Bertram vom 1.5.1923, Ebd. Inwiefern das Thema der ostdeutschen Kirchenprovinz in der Konsistorialkongregation bearbeitet wurde, geht aus den eingesehenen Akten nicht hervor. M. HÖHLE, S. 155 f. Bertram an Pacelli vom 3.11.1925, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 8, f. 72r-73v; M. HÖHLE, S. 157. Pacelli an Bertram vom 19.11.1925 [K], ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 8, f. 28r-v, hier 28r; Dalbor an Pacelli vom 18.2.1921, Ebd. – A.E.S., Germania, Pos. 505, fasc. 14, f. 5r-7v; Dalbor an Pacelli vom 19.3.1921, Ebd., f. 9r-10r.

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erweitert, b) für den Rang eines Weihbischofs gesorgt und c) ein eigenes Kommissariat für Pommern geschaffen mit Sitz Stettin, weil Pommern sich beklagte, vom Delegaten nicht genügend versorgt zu werden.« Für die Zukunft sah er zwei Aufgaben, nämlich die Errichtung einer eigenständigen Diözese Berlin sowie »eine mehr ausreichende Fürsorge für die Provinz Pommern. Sollen wir diese beiden Probleme gleichzeitig in Angriff nehmen? oder eines nach dem anderen? Verschiedene Gründe scheinen mir für ein sukzessives Vorgehen zu sprechen.« Der Protestantismus setze sich stark gegen ein Bistum in der Reichshauptstadt Berlin ein, weswegen man keine Unterstützung im Kultusministerium finden werde. Die Neuregelung für Brandenburg und Berlin werde »am besten ganz spontan etwas später bei der Umgestaltung der Bulle De salute animarum«, also bei einem abzuschließenden Preußenkonkordat, »in Angriff genommen.« Bei der Umgestaltung von Tütz sah Bertram weniger Probleme. Durch die Ausdehnung von Tütz nach Pommern könne eine Apostolische Administratur geschaffen werden. Diese würde ein ähnlich großes Gebiet mit einer vergleichbaren Seelenzahl wie derzeit die Diözesen Eichstätt, Fulda oder Hildesheim betreuen. Bertram wollte den Sitz der Administratur nach Stettin verlegen und seinen dortigen fürstbischöflichen Kommissar, Paul Steinmann, zum zukünftigen Administrator machen490. Pacelli sprach sich für eine Teilung Pommerns aus. Die nördlichen Dekanate Tütz anzuschließen, hielt er für »opportun«, doch sei es aus geographischen Gründen besser, die südlichen Dekanate mit Brandenburg, also der Delegatur Berlin, zu verschmelzen491. Wenn schon eine Teilung Pommerns vorgenommen würde, dann sollten dessen südliche Teile (die Dekannate Betsche, Bromst und Fraustadt) allerdings zum Fürstbistum und nicht zu Brandenburg kommen, meinte Bertram, da sie zum »engeren Teil« Breslaus gehörten. Der eigentliche Grund dafür war jedoch, dass das »die einzigen drei katholischen Dekanate [waren], die man nur ungern abgeben wollen wird, weil sie z.B. den Priesternachwuchs stellen.« Bertram präzisierte in Bezug auf die Apostolische Administratur Tütz, dass er bei diesem Vorschlag an die Konkordatsverhandlungen gedacht habe und Pacelli durch das Schaffen eines Präzedenzfalles einen Trumpf habe zuspielen wollen. Schließlich sollte Berlin ein eigenständiges Bistum werden und Pacelli würde argumentieren können: »was man dem kleinen Tütz gegeben hat [nämlich die Selbständigkeit], kann man doch im Konkordate dem großen Delegaturbezirke Berlin nicht verweigern.«492

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Bertram an Pacelli vom 24.11.1925, Ebd. – ANB, Pos. 42, fasc. 8, f. 35r-37v, hier 35r, 35v, 36r, 36v. M. HÖHLE, S. 158. Pacelli an Bertram vom 29.11.1925 [K], ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 8, f. 40r-v, hier 40r; M. HÖHLE, S. 159. Bertram an Pacelli vom 4.12.1925, ASV – ANB, Pos. 42, fasc. 8, f. 42r-43v, hier 42r, 42v, 43r.

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Der Nuntius wandte sich wegen der Hinterland-Idee der südlichen Dekanate Pommerns erneut an Bertram. Er schlug vor, zu diesen noch die Pfarreien Landsberg a.W. und Driesen sowie die Kuratie Soldin, die bisher alle im Fürstbistum Breslau lagen, Tütz hinzuzufügen493. Bertram erkannte jedoch die Falle, die ihm der Nuntius gestellt hatte. Voraussetzung für die Abtretung der von Pacelli angesprochenen Pfarreien war für Bertram der Zusammenschluss von Tütz mit Pommern. Wenn die Administratur Tütz durch diese Maßnahme eine »weitergreifende Abrundung« erhalten würde, hätte er nichts gegen die Abtretung der genannten Gebiete einzuwenden. »Wenn aber nicht Teile von Pommern zu Tütz gelegt werden, würde eine Wegnahme von Teilen ... [der] engeren Diözese [Breslau] als minder notwendig auffallen und daher unerwünscht sein.«494 Der Nuntius stimmte diesen Vorschlägen Mitte Januar 1926 grundsätzlich zu und Bertrams Idee von der Verknüpfung der Zukunft von Tütz mit der Berlins war erfolgreich, da die staatlichen Vertreter die Notwendigkeit der Lösung beider Probleme erkannten495. Die Nachfolge des verstorbenen Prälaten Weimann war im Frühsommer 1926 noch immer offen. Das preußische Kultusministerium erklärte sich zu dem Kompromiss bereit, den Vorschlag Bertrams aufzugreifen und den Stettiner Propst Steinmann in Personalunion den pommerschen Teil der Delegatur Berlin und die Administratur Tütz leiten zu lassen. Bertrams Vermutung bestätigte sich allerdings, dass der Hl. Stuhl ein solches »abnormales Gebilde« nicht akzeptieren werde, denn Rom wies diesen Vorschlag zurück und setzte im Juli 1926 den Berliner Pfarrer Maximilian Kaller als Administrator in Tütz ein496. Pacelli forderte im Januar 1927, dass Bertram ihm die Stellungnahmen des preußischen Episkopats über ihre Vorstellungen und Wünsche betreffend der Bistumszirkumskription zusenden solle497. Bertram bat darum, die Bistumsgrenzen der preußischen und tschechischen Diözesen im Grenzgebiet zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechoslowakischen Republik »jetzt nicht neu zu ordnen, sondern erforderlichenfalls eine Neuordnung in den Verhandlungen für einen geeigneteren Zeitpunkt vorzubehalten.« Der Grund dafür war bekannt, nämlich der Breslauer Mensalgüterbesitz im ehemaligen Österreichisch-Schlesien. Würde Breslau die Einnahmen aus den Mensalgütern verlieren, würde es verarmen, prognostizierte Bertram. Aus diesem Grund lehnte er es ab, dass die in Preußen liegenden Gebiete der Erzdiözesen Prag (Grafschaft Glatz) und Olmütz (Dekanat Katscher) dem Breslauer Fürstbistum zugeschlagen würden. Dann würde die tschechoslowakische Regierung umgehend den Breslauer Bistumsanteil in 493 494 495 496 497

Pacelli an Bertram vom 12.1.1926, Ebd., f. 59r. Bertram an Pacelli von 19.1.1926, Ebd., f. 60r-v, hier 60r. M. HÖHLE, S. 159-161. Ebd., S. 166-168. Pacelli an Bertram vom 21.1.1927, AAW – IA 25 k155.

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der Tschechoslowakei fordern. Diese Gefahr bestünde umso mehr, da der Hl. Stuhl im Polenkonkordat die Opportunität der Angleichung der Diözesan- an die Staatsgrenzen hervorgehoben habe. Dabei handele es sich um »eine Stellungnahme, die nicht allseitig für besonders opportun gehalten wird«, kritisierte Bertram die Politik des Vatikans498. Bezüglich der Administratur Tütz/Schneidemühl hielt Bertram an seinem bereits erläuterten Standpunkt fest. Auch in der Frage der Errichtung eines eigenständigen Bistums Berlin wiederholte er die bekannten Argumente, doch nach dem Scheitern seines Plans zur Vereinigung von Pommern und Tütz war nun »eine gewisse Verstimmung des Kardinals gegenüber [der Delegatur] Berlin zu beobachten.«499 Bertram brachte einen neuen Vorschlag vor, nämlich dass die Delegatur aufgelöst werden und vollständig im Fürstbistum Breslau aufgehen könnte. Der Sitz des Generalvikars und des Weihbischofs würde in Berlin bleiben und in der Seelsorge würden keine Änderungen eintreten. Diese Lösung müsse allerdings genau geprüft werden, da sie »den Prestige-Wünschen der Berliner« nicht ausreichen würde. Bertram war der Überzeugung, dass die cura animarum als suprema lex »keineswegs erheblichen Schaden leide, wenn die Delegatur bei Breslau« bleiben sollte500. Dieser Weg wurde allerdings vom Vatikan, der die Errichtung einer Diözese mit Sitz in der Reichshauptstadt Berlin wünschte, abgelehnt501. Die preußische Staatsregierung legte ihre Vorstellungen zur Diözesanzirkumskription durch ein Gutachten des in die Konkordatsverhandlungen eingebundenen Breslauer Professors für Kirchenrecht, Friedrich Heyer, dar. Die Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz verhandelten am 9. und 10. August 1927 ausführlich über die darin enthaltenen Vorschläge zur Neuzirkumskription der Diözesen502. Bertram ließ seine Bedenken gegen die Errichtung eines Bistums Berlin fallen. Nun stellte er die Bistumsgründung, die er noch im Februar als seelsorglich nicht notwendig bezeichnet hatte, als Gewinn für die Seelsorge dar. »Mit einem gewissen Schmerze« trenne sich Breslau von der Delegatur, doch sei der Fürstbischof ohnehin mit der Betreuung der eigentlichen Diözese bereits mehr als ausgelastet. Die preußische Regierung sträubte sich allerdings gegen die Bistumserhebung. Sie wollte eine Freie Prälatur schaffen, um einen residierenden katholischen Bischof in der protestantischen Reichshauptstadt Berlin zu verhindern503. 498 499 500 501 502

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Bertram an Pacelli vom 17.2.1927, ASV – ANB, Pos. 83, fasc. 1, f. 30r-33v, hier 30r-v, 31r. M. HÖHLE, S. 169. Bertram an Pacelli vom 17.2.1927, ASV – ANB, Pos. 83, fasc. 1, f. 32v. Steinmann an Bertram vom 6.3.1927, AAW – IA 25 155. Protokoll der Bischofskonferenz vom 9.-11.8.1927, Punkt 2, am 9. August, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 406, S. 816. Hierbei ging es auch um die Errichtung möglicher Bistümer in Aachen und Essen sowie um die damit verbundene Neuordnung des Erzbistums Köln, um die Gebiete der Nordischen Mission und um die Errichtung einer mitteldeutschen Kirchenprovinz Paderborn. Siehe für die Positionen der einzelnen Bischöfe zur Zirkumskription die einschlägigen Schreiben in ASV – ANB, Pos. 83, fasc. 4 und AAW – IA 25 k155 sowie M. HÖHLE, S. 173-175. Bertram an Pacelli vom 13.8.1927, ASV – ANB, Pos. 83, fasc. 4, f. 229r-234v, hier 233v. Siehe hierzu das Gutachten Heyers: Die Frage der Diözesanzirkumskription in Preußen vom 12.5.1927, in: H.

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Der Wunsch der preußischen sowie der Reichsregierung nach Rangerhöhung des Fürstbistums Breslau zum Erzbistum und zur Metropole einer ostdeutschen Kirchenprovinz fand Bertrams Zustimmung, »weil es nach so manchen Ereignissen, die schmerzlich und verlustreich waren und tiefe Bitterkeit im katholischen Volke weckten, eine gewisse Genugtuung dem katholischen Volke bereitet«504. Pacelli sagte zu, die Zirkumskriptionswünsche der Bischöfe in seinen Verhandlungen mit der preußischen Regierung »soweit nur möglich« durchsetzen zu wollen505. In den folgenden Monaten beschränkte sich Bertrams Beteiligung an den Konkordatsverhandlungen auf den Bereich der Kirchenvermögensverwaltung und Bistumsdotation. Hier soll, ohne auf die komplexen Detailverhandlungen einzugehen, lediglich die grundsätzliche Position Bertrams festgehalten werden. Er legte großen Wert darauf, dass die preußische Regierung anerkannte, dass die Staatsdotation der Bistümer rechtlich auf der Säkularisation des Kirchenvermögens zu Beginn des 19. Jahrhunderts basierte und dass es sich dabei nicht um ein staatliches Zugeständnis handelte506. Ende Juli 1928 informierte Pacelli Bertram vertraulich über die Fortschritte der Konkordatsverhandlungen507. Der Breslauer Kardinal versuchte, sich in die Verhandlungen einzubringen und bot an, sich von der Fuldaer Bischofskonferenz dazu beauftragen zu lassen, »dem preußischen Ministerpräsidenten und dem Cultusminister zu schreiben, wie viel dem katholischen Volke an baldigem gutem Abschlusse der Konkordatsverhandlungen gelegen ist. Viel wird das nicht helfen. Aber man möchte doch nichts versäumen.«508 Letztlich waren der Episkopat und Bertram jedoch zur Untätigkeit gezwungen. Nach der Konferenz dankte der Fürstbischof dem Nuntius im Namen der Bischöfe für sein Engagement. Zur weiterhin heftig umstrittenen Schulfrage fügte Bertram seine persönliche Meinung an: »lieber gar keine Erwähnung der Schulfrage, als eine ganz ungenügende. Wird eine ungenügende Erklärung akzeptiert, so ist Folgendes zu befürchten: wenn später die Katholiken ein Mehr verlangen, wird ihnen entgegengehalten, daß der Heilige Stuhl anerkannt habe, daß die Katholiken nicht mehr zu verlangen haben, als was in dem ungenügenden und zwecklosen Satze steht, der bei den Konkordatsverhandlungen zugelassen ist.«509

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HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 400, S. 802-807, das diese Frage als einen »der heikelsten Punkte der schwebenden Verhandlungen« bezeichnet; D. GOLOMBEK, S. 69 f. Bertram an Pacelli vom 13.8.1927, ASV – ANB, Pos. 83, fasc. 4, f. 233v-234r. Pacelli an Bertram vom 16.8.1927, AAW – IA 25 k155. Siehe dazu ASV – ANB, Pos. 83, fasc. 2; Ebd., fasc. 3; Siehe unten S. 210, Anm. 419. Pacelli an Bertram vom 28.7.1928, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 437, S. 87-89; M. HÖHLE, S. 184 f. Bertram an Pacelli vom 3.8.1928, ASV – ANB, Pos. 89, fasc. 2, f. 70r-v, hier 70v. Im Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 7.-9.8.1928, Punkt 2, am 7.8.1928, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 440, S. 888 hieß es diesbezüglich: »Die Frage, in welcher Weise der Episkopat bei den schwebenden Verhandlungen fördernd weiterhin mitwirken kann, wird in vertraulicher Aussprache eingehend erwogen.« Bertram an Pacelli vom 22.8.1928, ASV – ANB, Pos. 89, fasc. 2, f. 127r-128r, hier 127v. H. MUSSINGHOFF, S. 225, Anm. 263, der dieses Schreiben aus AAW – IA 25 k156 kennt, datiert es fälschlicherweise auf den 22.8.1927.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

Um einen Vorwand für sein Schreiben zu haben, schickte Bertram bereits am 14. Dezember 1928 vorweihnachtliche Grüße an Pacelli. Verklausuliert brachte er seine Wünsche zum Ausdruck. Es vergehe kein Tag, an dem seine Gedanken nicht bei der Nuntiatur in Berlin seien. Offenbar war »all’ das Hoffen und Bangen um den Ausgang der Konkordatsverhandlungen« nicht nur für Pacelli, sondern auch für Bertram »eine fast übermenschliche Geduldsprobe.« Von dritter Seite würden die Bischöfe hören, dass der »Nuntius doch zuversichtlich auf guten Ausgang« hoffe. Die Beschwerde, dass der Episkopat nicht auf dem Laufenden gehalten werde, ist kaum zu übersehen und Bertram fragte damit indirekt nach dem derzeitigen Stand der Verhandlungen. Darüber hinaus gab er Pacelli den Wink, dass er gerne mit ihm persönlich sprechen würde. »In Berlin bin ich seit langem nicht gewesen, einerseits in Folge der erdrückenden Arbeitslast in der Diözese, andererseits weil ich ein leises taktisches Empfinden fühle, daß jetzt, wo Berlin unmittelbar vor der ersehnten vollständigen Verselbständigung steht, eine gewisse Zurückhaltung nicht inopportun ist.«510 Pacelli antwortete umgehend und berichtete von dem Fortschritt, dass Kultusminister Becker nunmehr die direkten Verhandlungen mit ihm übernommen hatte. Allerdings weiche dessen Haltung von den Mindestforderungen des Hl. Stuhls »in beträchtlichen und teilweise wesentlichen Punkten stark« ab, weshalb Pacelli die Lage »wenn auch nicht als ganz aussichtslos, so doch als sehr ernst an[sah].« Die Anregung zu einem persönlichen Treffen wies der Nuntius wegen Überlastung und Zeitmangels zurück511. Bertram erhielt Mitte Januar 1929 von Pacelli einen vorläufigen Vertragsentwurf des Kultusministeriums, den er am 31. Januar kommentiert zurückreichte. Bei vielen Punkten machte er präzisierende Anmerkungen, gegen andere wandte er sich dezidiert, so gegen die geplante Regelung über die Weihbischöfe, deren Aufenthaltsort nicht an die Bischofsresidenz gebunden sein sollte: »Sitz des Weihbischofs für Breslau kann nur Breslau sein. Ich sehe mit Sicherheit voraus, daß die Oberschlesier bei ihrer Hartnäckigkeit einen eigenen Weihbischof in Gleiwitz fordern werden. Ich sehe voraus, daß, wenn dies geschähe, bei der den deutsch-schlesischen Stämmen eigenen Hartnäckigkeit die Folge sein würde, daß die Regierung des wichtigsten Teiles der Diözese Breslau dem regierenden Bischofe dann zu größtem Teile – nicht kanonisch, aber de facto – entzogen werden würde. In Rom wird man kaum jemals genügend örtliche Erfahrung haben, um dies ganz verstehen zu können.«

Ein Wahlrecht der Kanoniker bei der Besetzung der Domkapitularstellen wollte Bertram weiterhin nicht billigen. »Bei der steigenden Arbeitslast der Diözesen muß der Bischof Freiheit haben in Berufung seiner Mitarbeiter.« Auch in der Frage der Grenzregulierung zwischen der Diözese Breslau und den Erzdiözesen Olmütz und Prag lehnte Bertram den Vertragsentwurf ab, da er den status quo beibehalten wollte. 510 511

Bertram an Pacelli vom 14.12.1928, ASV – ANB, Pos. 89, fasc. 2, f. 163r-v. Pacelli an Bertram vom 16.12.1928 [K], Ebd., f. 167r-v, hier 167r.

4. Neuregelung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat

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»Wenn ich die Interessen meiner Diözese allein vor Augen haben dürfte, würde ich es begrüßen, wenn die Loslösung des tschechischen Teiles und die damit verbundene Gefährdung der Dotation der Gesamtdiözese tunlichst erschwert würde, so wie es 1821 in der Bulle de salute animarum (nicht ausdrücklich, aber in der Auswirkung) geschehen ist. Allein ich weiß, daß der Heilige Stuhl der Ansicht ist, daß in neuer Zirkumskription tschechischer Diözesen der preußische Staat nicht gehört zu werden braucht. Daher schweige ich zu diesem Stück, wie seither, auch jetzt. Der Heilige Stuhl hat mir schriftlich wiederholt versprochen, die neue Zirkumskription in Tschechisch-Schlesien und die Frage der Dotation der Gesamtdiözese Breslau solle stets junctim behandelt werden, weil sonst die Dotation nicht zu retten ist. Ich vertraue, daß dieser Grundsatz auch in Zukunft eingehalten werden wird.«512

In den ersten Monaten des Jahres 1929 war es fraglich, ob Pacelli und der Hl. Stuhl ein Konkordat akzeptieren würden, in dem die Schulfrage nicht behandelt wurde513. Am 14. Juni wurde das Preußenkonkordat unterzeichnet, der preußische Landtag stimmte diesem am 9. Juli zu und in einem Notenwechsel zwischen Nuntius Pacelli und dem preußischen Ministerpräsidenten Braun vom 5. und 6. August wurde die Schulfrage doch noch angesprochen514. Die Ratifikationsurkunden wurden am 14. August ausgetauscht. Durch die Ausführungsbulle »Pastoralis Officii Nostri« vom 13. August 1930 traten die Bestimmungen des Preußenkonkordats in Kraft. Das Fürstbistum Breslau wurde zum Fürsterzbistum und Bertram damit zum Metropoliten der neu geschaffenen ostdeutschen Kirchenprovinz. Dieser wurden unter der Führung Breslaus das bisher exemte Bistum Ermland, das neu geschaffene Bistum Berlin, die ehemalige Delegatur, sowie die neu geschaffene »Praelaturia nullius«, die freie Prälatur Schneidemühl (die ehemalige Administratur Tütz), als Suffragane angeschlossen515. Das Erzbistum Breslau hatte von nun an noch 2.220.000 Katholiken in 866 Pfarreien, Kuratien und Lokalien zu betreuen516. Bertram bedankte sich bei der Zentrumsfraktion im preußischen Landtag, beim Kultusminister sowie beim Ministerpräsidenten für ihre Unterstützung bei der Annahme des Preußenkonkordats: »Wenn auch, um das Gelingen der Vereinbarung nicht zu gefährden, bedeutsame berechtigte Forderungen der Kirche leider haben zurückgestellt werden müssen, so ist doch durch den Vertrag die Grundlage zu einem festgeordneten Verhältnis zwischen Staat und Kirche geschaffen und damit ein Werk des Friedens vollbracht, dessen segensreiche Wirkungen dem kulturellen Wohle des Volkes und Vaterlandes dienen 512 513 514

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Bertram an Pacelli vom 31.1.1929, Ebd., f. 193r-195v, hier 193v-194r, 193r-v, 194v. D. GOLOMBEK, S. 94-96. Pacelli an Braun vom 5.8.1929 sowie Braun an Pacelli vom 6.8.1929, in: AAS 21 (1929), S. 521-543, hier 536-541. Für den Konkordatstext siehe D. GOLOMBEK, S. 119-131; L. SCHÖPPE, S. 59-70. »Pastoralis Officii Nostri« vom 13.8.1930, in: E.R. HUBER / W. HUBER, Nr. 188, S. 339-345; D. GOLOMBEK, S. 121. B. STASIEWSKI, Metropolit, S. 260. Dem Breslauer Erzbischof blieb auch nach dem Preußenkonkordat der Fürstentitel erhalten, auch wenn Bertram auf diesen wenig Wert legte. L. VOLK, Bertram, S. 280.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930) werden und das Vertrauen des Volkes zur Harmonie zwischen staatlicher und kirchlicher Autorität vertiefen.«517

Bei Nuntius Pacelli bedankte sich Bertram für dessen »große Geduld, Liebe und Umsicht,« die er »unter gütiger Würdigung der Wünsche des Episkopats bei schwierigen Verhandlungen geübt« habe518. Hatten Bertram und Pacelli in den letzten Jahren oft unterschiedliche Positionen sowohl in inhaltlicher als auch in taktischer Hinicht gehabt, so war der Tonfall doch stets von diplomatischer Höflichkeit geprägt gewesen. Der Ton verschärfte sich allerdings nach der Ergebenheitsadresse der Fuldaer Bischofskonferenz an Pius XI. In dieser kritisierten die Bischöfe, dass das Preußenkonkordat nicht alle berechtigten Wünsche der katholischen Kirche befriedige, ganz konkret in der Schul- sowie in der Ehefrage519. Pacelli wies – gereizt über die Kritik an den von ihm ausgehandelten Ergebnissen – darauf hin, dass er versucht habe, die Schulfrage durch den Bertram bekannten und in den Acta Apostolica Sedis veröffentlichten Notenwechsel zwischen ihm selbst und dem preußischen Ministerpräsidenten wenigstens provisorisch zu regeln. Der Nuntius betonte zu Recht, dass die Behandlung der Ehefrage im Preußenkonkordat nicht möglich gewesen wäre, da diese in die Kompetenz des Reiches und nicht Preußens falle. »Es bleibt infolgedessen nur die Hoffnung in einem künftigen Abkommen mit dem Reich diesen berechtigten Wunsch des Hochwürdigsten Episkopats womöglich zu berücksichtigen.« Um dies erreichen zu können, sei es allerdings notwendig, solche Punkte, an denen die Reichsregierung ein besonderes Interesse habe, offen zu halten520. Doch genau an diesem Punkt trat ein erneuter Interessengegensatz zwischen Nuntius und Fuldaer Konferenz zu Tage. Während der letzten zehn Jahre war über die Militärseelsorge zwischen dem Episkopat, dem Hl. Stuhl und dem Reichswehrministerium kontrovers verhandelt worden. Dabei hatte die kirchliche Seite stets die von der preußischen und der Reichsregierung geforderte Exemtion der Militärseelsorge abgelehnt521. Nach der Versetzung des bisherigen katholischen Feldpropstes, Paul Schwamborn, in den Ruhestand hatte die Fuldaer Bischofskonferenz das Thema auf ihrer Konferenz 1929 beraten und den Wehrkreispfarrer in Berlin, Franz Justus Rarkowski, zu dessen Nachfolger ernannt. Darüber hinaus hatten die Bischöfe beschlossen, die weiteren Verhandlungen über die 517

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Bertram an Zentrumsfraktion im preußischen Landtag, Becker und Braun vom 10.7.1929, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 464, S. 939. Bertram an Pacelli vom 9.7.1929, in: Ebd., Nr. 462, S. 938; H. MUSSINGHOFF, S. 327. »Quae conventio etsi non omnibus iustis desideriis satisfaciat, praesertim quoad scholas et matrimonia, spem tamen melioris eventus, Deo favente, certe apertit.« Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 6.-8.8.1929, Anlage 1, S. 17; Bertram an Pius XI. vom 6.8.1929, ASV – ANB, Pos. 38, fasc. 1. Pacelli an Bertram vom 27.9.1929, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 481, S. 983 f.; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 45. Ebd., S. 44-58; J. GÜSGEN.

4. Neuregelung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat

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Militärseelsorge ausschließlich dem Hl. Stuhl zu überlassen522. Nun hatten sowohl Rarkowski selbst als auch der Chef der Heeresleitung bei Bertram nachgefragt, ob Rarkowski den Titel eines Feldpropstes, wenn auch nicht als kirchlichen, sondern als Titel eines Reichsbeamten, führen dürfe. Bertram hatte sich als nicht zuständig erklärt, da dem Hl. Stuhl die Beantwortung dieser Frage zustünde. Diesbezüglich bemerkte er gegenüber Pacelli, dass der Beauftragte der katholischen Bischöfe für die Militärseelsorge dem evangelischen Feldpropst im Titel nicht nachstehen dürfe. »Solche Dinge spielen in den Staats- und Reichsbehörden, ganz besonders im Heere eine große Rolle. Es ist unerlässlich, den Beauftragten so zu titulieren, daß er mit entsprechender Achtung von den zahllosen Beamten, mit denen er zu verkehren hat, behandelt wird.« Auf der Bischofskonferenz war der Episkopat »nur gesprächsweise« und ohne dass dies im Protokoll aufgenommen wäre, übereingekommen, dass ihr Beauftragter für die Militärseelsorge keine bischöflichen Weihen benötige, sondern dass »die Verleihung eines Prälatentitels in mehrfacher Hinsicht zur Stärkung seiner Stellung dienen« solle523. Pacelli wollte die Frage der Titulatur allerdings aus taktischen Gründen offen halten. Gereizt gab er Bertram zu vertehen, dass sein Einfluss beim Hl. Stuhl höher sei und dass er sich mit seiner Taktik durchsetzen werde: »Wenn die Regierung schon jetzt eine Regelung der Titelfrage erreichte, wenn auch nicht vollständig, so doch genügend ihre Wünsche erfüllt [sic], verlöre diese Materie als Gegenstand der Verhandlungen von vorneherein jede entscheidende Bedeutung. Aus diesen Erwägungen werden Eure Eminenz schon meine unmaßgebliche Meinung über die von Ihnen dargelegten Fragen entnehmen können. Das hindert aber selbstverständlich in keiner Weise, dass Eure Eminenz die Vorschläge und Wünsche des Hochwürdigsten Episkopats dem Heiligen Stuhle unterbreiten, der allein zuständig ist, eine Entscheidung zu fällen.«524

Die Behandlung der Militärseelsorge stellt somit ein »Schulbeispiel für die diplomatische Taktik« Pacellis dar. Da er die große Bedeutung, die die Regierung dieser Frage beimaß, erkannte, versuchte er damit deren Konkordatswillen »zu stimulieren«, indem er die Frage bewusst offen ließ525. Bertram und der preußische Episkopat auf der anderen Seite bevorzugten wie bereits in anderen Fällen eine schnelle Lösung, damit die Frage nicht unnötig in der Schwebe blieb. Nach Analyse der Finalrelation Pacellis aus dem Jahr 1929 stellen Hubert Wolf und Klaus Unterburger ein »eher distanziertes« Verhältnis zwischen dem deutschen Nuntius und dem Breslauer Kardinal fest. Dieses »Misstrauen« sei die Ursache dafür, dass es »in den späteren Krisenzeiten während des NS-Regimes ... nicht 522

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Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 6.-8.8.1929, Punkt 12, am 8.8.1929, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 475, S. 964 f. Bertram an Pacelli vom 20.9.1929, ASV – ANB, Pos. 34, fasc. 1, f. 397r-v, 403r, hier 397v. Pacelli an Bertram vom 27.9.1929, Ebd., fasc. 1, f. 398v. R. MORSEY, Pacelli, S. 126.

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III. Fürst(erz)bischof von Breslau in der Weimarer Republik (1918-1930)

selten zu einer unzureichenden Abstimmung zwischen beiden« gekommen sei526. In der Tat kritisierte Pacelli Bertram wegen dessen zu nachgiebiger Haltung im bekannten Fall des Breslauer Universitätsprofessors Wittig sowie im Umgang mit der Breslauer katholisch-theologischen Fakultät527. Auch habe er die Einführung der Katholischen Aktion in Deutschland regelrecht »›sabotiert‹«. Zwar sei Bertram »ein Prälat von untadeligem Lebenswandel, ein unermüdlicher Arbeiter, besonders eifrig in der Seelsorge«, doch eben auch »von nicht leichtem Charakter, autoritär und empfindlich.« Er habe die »hervorstechende Neigung, alles selbst zu tun und dabei, soweit er kann, sogar den Hl. Stuhl gern außen vor zu lassen (außer in dem Fall, in dem er ihn braucht, um seine eigene Verantwortung zu überdecken).«528 Pacelli wird bei diesen Worten an Bertrams Erlass vom 21. November 1920 für Oberschlesien gedacht haben und auch daran, dass der Kardinal immer wieder argumentierte, dass die jeweilige Situation, sei es in der Oberschlesienfrage oder sei es bei den Konkordatsverhandlungen, auf der Basis der lokalen und regionalen Erfahrungen vor Ort besser eingeschätzt werden könne als in Rom. Ähnlich wie Wolf und Unterburger sieht Hermann August Leugers-Scherzberg die Differenzen zwischen Pacelli und Bertram in der unterschiedlichen Konkordatspolitik begründet. »Während Bertram gegenüber der Regierung und der Zentrumspartei nicht nur in der Öffentlichkeit loyal blieb, sondern auch in nichtöffentlichen Verhandlungen ein großes Maß an Rücksicht übte, kam es im Verhältnis zur Kurie und der Nuntiatur immer wieder zu Spannungen ... Mit Blick auf die Zeit nach 1933 und den vergeblichen Versuch der Kurie, Bertram zu einer härteren Haltung gegenüber dem NS-Staat zu bewegen, stellt sich das gebrochene Verhältnis zwischen Bertram und dem Hl. Stuhl als Fortsetzung der Auseinandersetzung aus der Zeit der Weimarer Republik dar.«

Leugers-Scherzerg vertritt ebenfalls die Position, dass »Bertram alles andere als ein vertrauensvolles Verhältnis« zu Pacelli hatte und führt das auf die Konkordatsverhandlungen zurück, bei denen »Bertram – wie auch dem Zentrum – keine eigenständige Rolle zu[kam].« Der Breslauer Kardinal habe lediglich Anregungen geben können, die Pacelli »in durchaus eigenständiger Weise« nutzte529. Diese Interpretation geht allerdings zu weit, denn zu einer öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Bertram und Pacelli oder dem Hl. Stuhl, wie Leugers-Scherzberg sie andeutet, kam es nicht – dafür war Bertram viel zu papsttreu – und auch das Verhältnis Bertrams zu den Regierungsstellen war nicht ungetrübt. Ludwig Volk beschreibt treffend das ambivalente Verhältnis zwischen Kardinal und Nuntius: »Pacelli wußte ... Bertrams Erfahrung und Sachkenntnis zu schät526 527

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H. WOLF / K. UNTERBURGER, S. 91. Ebd., S. 148, 191-193; E. PACELLI, S. 219-221. Siehe zu Wittigs Lehre und zu seiner Exkommunikation O. WEISS, Modernismus; K. HAUSBERGER, S. 307-315, 318. E. PACELLI, S. 219-223. Zu Bertram und der Katholischen Aktion siehe A. BERTRAM, Katholische Aktion; J. KÖHLER, Promoter; J. KÖHLER, Katholische Aktion; A. STEINMAUS-POLLAK; D.H. MÜLLER. A.H. LEUGERS-SCHERZBERG, Wahl, S. 127; H. MUSSINGHOFF, S. 161.

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zen, konnte aber auch seine Eigenständigkeit deutlich fühlen lassen.« In dieser Beziehung waren sich die beiden Kirchenmänner sehr ähnlich, was ein reibungsloses Verhältnis erschwerte. Beide bevorzugten es, Entscheidungen selbst zu treffen und nicht nur Bertram sah in der »Lenksamkeit ein nicht eben untergeordnetes Kriterium bei der Auswahl von Mitarbeitern.«530 Tatsächlich scheint es so zu sein, dass »das unterschiedliche Maß an Harmonie zwischen« Pacelli und Bertram auf der einen und zwischen Pacelli und Kardinal Faulhaber von München auf der anderen Seite auf der unterschiedlichen Arbeitsweise der beiden Kardinäle beruhte. Der Münchener Kardinal verehrte Pacelli und versuchte im Gegensatz zu Bertram nicht, bei den Verhandlungen Pacellis um das Bayernkonkordat zu intervenieren531. Der Kern der Differenzen zwischen Bertram und Pacelli lässt sich in der unterschiedlichen Auffassung über die Stellung eines Nuntius finden. Als Bewertungsmaßstab für seine Finalrelation legte Pacelli bei der Beurteilung des Klerus inklusive der Bischöfe als »entscheidenstes Qualitätsmerkmal die treue Anhänglichkeit an den Hl. Vater und dessen Statthalter vor Ort, den Apostolischen Nuntius«, also sich selbst, an532. »Dem bis zum Sarkasmus nüchternen Bertram war« Pacelli allerdings »in seiner Selbstdarstellung um einige Grade zu gravitätisch. Zudem erblickte der Konferenzvorsitzende in ihm einen ausgeprägten Exponenten des römischen Zentralismus, einer Größe, gegen deren Schattenseiten Bertram nicht blind war.«533 Außerdem stand Bertram in der kirchlichen Hierarchie als Kardinal über dem Nuntius, der »nur« Titularbischof war. Aus diesem Grund fühlte er sich auch an die Weisungen eines Nuntius weniger gebunden als an die der Römischen Kongregationen oder des Papstes, die er im Gegensatz zu einem Nuntius als seine vorgesetzten Stellen ansah: »Les Congrégations Romaines s’identifient, pour ainsi dire, avec le Pape, elle sont pour moi les organes du Primat, à elles donc, comme à mes supérieurs légitimes, j’obéis du bon cœur. La position du Nonce est essentiellement différente. Les Nonces n’ont pas la position des Congrégations Romaines.«534

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L. VOLK, Bertram, S. 285. H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, S. X. H. WOLF / K. UNTERBURGER, S. 56, 60 f. L. VOLK, Bertram, S. 285. Bertram an Steinmann vom 21.11.1920, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 1739, fasc. 2, f. 74v-75r.

IV. DAS ENDE DER WEIMARER REPUBLIK UND DIE ANFÄNGE DER NS-DIKTATUR (1930-1933) 1. LEHRAMTLICHE VERWERFUNG DES SOZIALISMUS, KOMMUNISMUS UND BOLSCHEWISMUS Walter Ziegler weist zu Recht auf den Konnex des episkopalen Abwehrkampfes gegen christentumsfeindliche Organisationen Anfang der 1930er Jahre hin. »Wer den Einsatz der Bischöfe gegen den Kommunismus nicht beachtet oder unterschätzt, kann zu ihrer Einschätzung der realen damaligen Gegebenheiten nicht vordringen.«1 In ihren Abwehrmaßnahmen gegen die jeweiligen Ideologien oder Bewegungen unterschieden die Bischöfe nicht zwischen Sozialismus, Kommunismus, Bolschewismus, Freidenkertum, Gottlosenbewegung oder Nationalsozialismus, sondern diese fielen allesamt in die Kategorie der christentumsfeindlichen Organisationen und Lebensweisen. Papst Pius XI. erließ am 2. Februar 1930 einen Hirtenbrief über die Gefahren des Bolschewismus. Dieser war »in Deutschland das Signal zur Formierung aller Kräfte gegen den russischen Bolschewismus. Es gab starke Ängste im deutschen Katholizismus, daß russische Verhältnisse Fuß fassen und Religion und Kirche in ihrer Existenz bedrohen könnten. Besonders die proletarischen Freidenker kopierten nicht nur getreu antireligiöse Einrichtung und kirchenfeindliche Propaganda ihrer sowjetischen Gesinnungsgenossen, sondern sie behaupteten auch lautstark deren Zielsetzungen.«2

Nicht originär aus politischen, sondern aus religiösen Gründen warnte Bertram im Januar 1930 mit Blick nach Osten vor dem Bolschewismus. »Das Ziel der Machthaber in Rußland ist die Vernichtung der christlichen Kultur und aller Religion in jenem Lande.« Da der Bolschewismus Gott leugne, sei in Russland mit der »Vernichtung aller Sittlichkeit« zu rechnen. Das sollte durch »äußere und innere Gewaltmittel«, erreicht werden, durch Maßnahmen, die von der Abschaffung der Sonntage und der Einschränkung der religiösen Betätigung bis zur Vernichtung der Geistlichen reichen würden. Bertram forderte seine Diözesanen zum Mitleid mit der russischen Bevölkerung auf. »Es sind doch unsere Brüder als Menschen; es sind Christen, mögen auch die meisten von der römisch-katholischen Kirche getrennt sein.« Er machte allerdings auch aus einem ganz konkreten anderen Grund auf die Situation in Russland aufmerksam. »Die Fluten der Gottlosigkeit in Russland schlagen hinüber nach Deutschland ... Auch in Deutschland gibt es mächtige Parteien, sozialistische und kommunistische Kreise,« die diesel1 2

W. ZIEGLER, Katholische Bischöfe, S. 407. H. HEITZER, Bolschewismusgefahr, S. 386; Tag der Sühne und der Fürbitte aus Anlaß der atheistischen Greuel Rußlands. Aufruf Pius XI. an die Katholiken vom 2.2.1930, in: KIRCHLICHES AMTSBLATT DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN ORDINARIATS IN BRESLAU Stück 2 vom 20.2.1930, Nr. 22, S. 14 f.

1. Lehramtliche Verwerfung des Sozialismus, Kommunismus und Bolschewismus 233

ben Ziele anstreben würden. Diesen Bestrebungen müsse der Katholik, wie Bertram es bereits mit Bezug auf die Christenverfolgung in Mexiko gefordert hatte, vor allem durch das Gebet entgegen treten und er müsse sich für seinen Glauben einsetzen. »Es darf kein Land geben, in dem nicht das ganze katholische Volk aufs feierlichste Protest einlegte und immer wieder seine Stimme erhöbe gegen solche barbarische Grausamkeit.«3 Deswegen mahnte Bertram vor ähnlichen Vorkommnissen in Deutschland. »Mögen den deutschen Katholiken die Augen aufgehen für das Unheil, das von der sozialistischen und kommunistischen Propaganda unserem eigenen Lande droht.«4 Auf der Caritastagung in Liegnitz im März 1930 ging Bertram auch auf die Situation in Russland ein. Bei der dortigen Christenverfolgung gehe es »um die Vernichtung des Christentums.« »Ein Bund von Republiken, der ein Sechstel der ganzen Erdoberfläche umfasst mit 147 Millionen Menschen, wird dort durch die barbarische Zerstörungswut der Bolschewisten aller Kirchen und aller Religionen beraubt. Es ist die vollendete Gottlosigkeit, die da zum Gesetz erhoben wird. Von Russland dringt diese Gefahr nach Deutschland; denn die deutschen Sozialisten haben in letzter Linie dasselbe Ziel.«

Bertram sprach sich auch gegen die »Kinderfreundebewegung« aus. Zwar sei es prinzipiell zu begrüßen, wenn Arbeiterkindern Ferienlager ermöglicht würden, doch machten solche sozialistische und kommunistische Organisationen dies nur, um den Kindern »alle Religion und alle christliche Sitte aus dem Herzen zu reißen.« Das zweite Ziel sei die »Zerrüttung der Familie«, das dritte die »bunte Mischung von Knaben und Mädchen und der Kult des Nacktsports mit all seinen Auswüchsen.« Entscheidend sei jedoch »das Aufwachsen der Kinder vom zarten Alter an in der sozialistischen Gesinnung. Es ist tatsächlich die Vergewaltigung der kindlichen Seele zu diesem destruktiven politischen Ziele.« Katholische Eltern müssten selbstverständlich für eine katholische Jugenderziehung ihrer Kinder sorgen in »katholischen Kinderhorte[n], ... Ferienkolonien ... [oder] Heime[n] für Freizeiterholung.« Die Annäherung der beiden konträren Weltanschauungen Christentum und Sozialismus bis hin zu einer ideologischen Vermischung wies Bertram gemäß seines Amtes als Hüter der Reinheit der christlichen Lehre entschieden zurück. »Mit dem Gerede des religiösen Sozialismus will man solche Katholiken, die kein klares Urteil haben, einfangen.« Es gebe jedoch »keinen religiösen Sozialismus im Sinne einer Aussöhnung oder Mischung zwischen katholischer Kirche und Sozialistenparteien.« Solche Versuche seien »Irrwege. Irrwege führen nie zur Ret3

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A. BERTRAM, Öffentliche Gebete um Befreiung der russischen Völker aus den Banden der Gottlosigkeit vom 27.1.1930, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 107, S. 410-413, hier 411. Siehe zu Bertrams Unterstützung für die verfolgten Katholiken in Mexiko: A. BERTRAM, Hirtenwort betreffend Katholikenverfolgung in Mexiko vom 1.4.1928, in: Ebd., Nr. 99, S. 382 f. A. BERTRAM, Öffentliche Gebete um Befreiung der russischen Völker aus den Banden der Gottlosigkeit vom 27.1.1930, in: Ebd., Nr. 107, S. 413.

234

IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

tung.« Das Ziel des Christentums sei das »Erreichen einer größeren Interessengemeinschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer« und es vertrete die Forderung der Arbeiterschaft, dass die Arbeitskraft nicht nur als »Ware« angesehen werde. Der Sozialismus jedoch, der ebenfalls diese Forderung stelle, gefährde selbst das Gemeinwohl. Nicht nur deswegen stehe »die christliche Idee der Menschenwürde, der Würde der Arbeit, des sozialen Berufes, der Geist der Liebe und der sozialen Verbundenheit« über dem Sozialismus5. Die Fuldaer Bischofskonferenz reagierte auf ihrer Konferenz Anfang August 1930 auf die zunehmende Gefahr des ansteigenden linken und rechten Extremismus. Die Bischöfe erließen eine »Stellungnahme zu Lehrern«, die »durch öffentlich bekannte Zugehörigkeit zu sozialistischen, kommunistischen oder anderen kirchenfeindlichen Parteien oder gar agitatorische Tätigkeit für dieselben [Anlass zu] Ärgernis« gaben6. Zusätzlich gaben sie Winke über die »Entgleisungen und bedenklichen Richtungen katholischer Schriftsteller« und in einem ausführlichen Referat wurde die aus Russland nach Deutschland kommende Bolschewismusgefahr analysiert7. »Der Bolschewismus ist der organisierte, konsequent in allen Beziehungen des Lebens durchgeführte Materialismus und Atheismus.«8 Von besonderem Interesse ist die Warnung vor dem »übertriebenen Nationalismus«, der mit dem Bolschewismus gleichgesetzt wurde9. Schließlich war der Begriff »›Bolschewismus‹ im deutschen Katholizismus« seit den 1920er Jahren »zu einem Kampfbegriff und zu einer Sammelbezeichnung für alle religions- und kirchenfeindlichen Bestrebungen« geworden. »Bereits vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde das ›arische Neuheidentum‹ der Rechtsradikalität als ›brauner‹ Bolschewismus verurteilt und die Wesensverwandtschaft beider Ideologien in ihrer Christusfeindlichkeit konstatiert.«10 Bertram hielt ein Referat über die »Ausschließung von unkirchlich lebenden Gemeindemitgliedern aus dem Kirchenvorstande.« Es war möglich, denjenigen 5

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Signalrufe der Katholischen Aktion. Ansprache des Fürstbischofs Kardinal Bertram auf der Caritastagung in Liegnitz am 9.3.1930, AAW – IA 25 c130. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 5.-7.8.1930, Anlage 3, Stellugnnahme zu Lehrern, deren Verhalten zu wichtigen kirchlichen Grundsätzen und Pflichten in Widerspruch steht, in: F. HAINBUCH, Nr. 1, S. 86 f., hier 86. Bereits im Frühjahr 1929 hatte Bertram elf oberschlesischen Religionslehrern die Missio Canonica entzogen und drohte mit der Exkommunikation, da diese sich weigerten, aus der SPD auszutreten. G. HITZE, S. 1030. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 5.-7.8.1930, Anlage 7, Winke für das Verhalten der kirchlichen Obrigkeit gegenüber Entgleisungen und bedenklichen Richtungen katholischer Schriftsteller in literarischen Publikationen, Zeitschriften und Zeitungen, sowie in mündlichen Vorträgen, in: F. HAINBUCH, Nr. 3, S. 88 f. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 5.-7.8.1930, Anlage 8, Bolschewismusgefahr in Deutschland, in: Ebd., Nr. 4, S. 89-95, hier 89. Die materielle und soziale Verbesserung der Lage der Bevölkerung sei zwar dringend nötig, doch allein die »geistige Umstellung der Massen« könne Abhilfe schaffen. »Das ist die erste und eigentliche Aufgabe der Kirche.« (92) Besonders im Erziehungswesen benötige die Kirche dazu die Unterstützung des Staates. »Religion, Sittlichkeit und Recht müssen die Grundsäulen des Staatsgebäudes sein.« (95). Ebd., S. 93. H. HEITZER, Bolschewismusgefahr, S. 386.

1. Lehramtliche Verwerfung des Sozialismus, Kommunismus und Bolschewismus 235

aus dem Kirchenvorstand auszuschließen, der einen »Ärgernis erregenden Lebenswandel« führe. Die Breslauer Erzpriesterkonferenz hatte im Vorjahr für die eigene Diözese unter Anwendung der Winke aus dem Jahr 1921 beschlossen, dass dies »in der Regel bei Anhängern des Sozialismus, Kommunismus und dergl. anzunehmen [sei], die mit klarer Erkenntnis des kirchlichen Verbotes der Mitgliedschaft in einer derartigen Vereinigung und ohne durch ihren Austritt aus der betreffenden Partei verhängnisvollen Schaden zu erleiden, trotz aller Belehrung und Mahnung starrsinnig in ihr verbleiben oder gar agitatorisch hervortreten.«11

Die weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen und vor allem der politischen Lage durch die Ergebnisse der Reichstagswahlen im Herbst 1930 forcierten die kritische Situation12. Bertrams »Offenes Wort in ernster Stunde« zum Jahreswechsel 1930/31 richtete sich ebenso gegen Sozialismus und Kommunismus wie gegen den Nationalsozialismus13. Auch in der seelsorglichen Behandlung von Mitgliedern nationalsozialistischer oder sozialistischer Organisationen machte Bertram keinen Unterschied, da sie beide christentumsfeindlich waren, wie er in seiner Pastoralanweisung vom Februar 1931 deutlich machte. »Die pastoralen Grundsätze gegenüber den Nationalsozialisten bleiben die gleichen, die gegenüber dem Liberalismus der alten Zeit und gegenüber dem Sozialismus noch in den letzten Jahren von berufener Seite aufgestellt wurden.«14 Im April 1931 wiederholte Bertram in einem Rundschreiben an die Erzpriester seiner Diözese die Bestimmungen der bischöflichen Winke von 1921, der Anweisungen der Diözesankonferenz von 1925 sowie der Pastoralanweisung vom Februar des laufenden Jahres über das »Seelsorgliche Verhalten zu Mitgliedern verbotener Vereinigungen«. Er erinnerte daran, »wann Sakramenten-Verweigerung einzutreten habe gegenüber Mitgliedern der nationalsozialistischen, wie der sozialdemokratischen und solchen anderen Parteien, die kirchlich als verboten für Katholiken bezeichnet sind.«15 Die seelsorgliche Betreuung von Mitgliedern christentumsfeindlicher Organisationen brachte weitere Schwierigkeiten mit sich. Durch das Konventsprotokoll des Dekanats Lohnau wurde Bertram angeregt, zu verkünden, »daß Führer und Funktionäre der sozialistischen, kommunistischen und nationalsozialistischen Parteien an der Kommunionbank übergangen werden.« In einem Schreiben an Erzpriester Karl Gade in Matzkirch erläuterte der Fürstbischof, warum er diese Anregung nicht umsetzen könne. 11

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Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 5.-7.8.1930, Anlage 8, Bolschewismusgefahr in Deutschland, in: F. HAINBUCH, Nr. 2, S. 87. Zur Reichstagswahl am 14.9.1930, siehe J. FALTER / T. LINDENBERGER / S. SCHUMANN, S. 72. A. BERTRAM, Ein offenes Wort in ernster Stunde am Jahresschlusse 1930 vom 31.12.1930, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 111, S. 429-434. A. BERTRAM, Pastorale Winke betreffend Stellung zum Nationalsozialismus vom 14.2.1931, in: Ebd., Nr. 113, S. 437 f., hier 438. Siehe Kapitel III.2.b. Bertram an Erzpriester der Diözese Breslau vom 26.4.1931, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 534, S. 1112-1115.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur »Eine Verkündigung dieser Art würde inhaltlich korrekt sein. Ob sie aber praktisch ratsam ist, bleibt noch zu erwägen. Diese Art der Verkündigung würde einschließen, daß alle anderen bewussten Anhänger jener Parteien, auch solche, die ohne schlimme Schädigung austreten könnten, zur Kommunion zugelassen sind. Das würde eine fehlsame Wirkung sein. Denn jeder bewusste Anhänger, dem der Austritt möglich ist, ist zum Austritte ebenso verpflichtet. Von allen ohne Ausnahme sagt noch die jüngste Enzyklika ›Quadragesimo Anno‹ vom 15. Mai 1931: ›Es ist unmöglich, guter Katholik und Sozialist zu sein‹.«16

Die Fuldaer Bischofskonferenz beschäftigte sich auf ihrer Sitzung im August 1931 ausführlich mit der »Bedrohung des religiösen Lebens und der Kirche durch Gottlosenbünde, Bolschewismus, extremen Nationalismus.« »Die Bekämpfung des Radikalismus, und zwar ebensowohl des extremen Nationalismus wie auch des Sozialismus und Kommunismus, soll ganz vom Standpunkte des Glaubens, nicht aber vom Gesichtspunkte der Parteipolitik aus erfolgen. Da in Folge der Sorglosigkeit weitester Kreise gegenüber dem Radikalismus zuletzt die ganze Grundlage des Glaubens in Frage steht, müssen Erwägungen, was für den Augenblick möglich oder nützlich ist, zurücktreten.«17

Der Episkopat malte das Szenario eines Sieges der radikalen christentumsfeindlichen Organisationen, gleich ob linke oder rechte, in den dunkelsten Farben: »Es darf nicht unterlassen werden, auf die unheilvollen Folgen eines Sieges der radikalen Bestrebungen, mit dem wir nicht schrecken wollen, hinzuweisen. Wenn diese siegen würden, dann wäre jede menschenwürdige Freiheit dahin, wie wir in Rußland sehen. Das rein diesseitig orientierte Leben würde jeden höheren Sinn verlieren; die furchtbare Staatsallgewalt würde der Kirche Fesseln anlegen, aber auch die Einzelnen jeder Initiative berauben, ihnen den Weg zum Fortschritt verbauen und die schönsten Seiten des Lebens (Familienleben) verkümmern lassen. Statt der Religion kennt die konsequent durchgeführte Staatsomnipotenz nur eine Art von Sklavenmoral.«18

Darüber hinaus wurden die Probleme, die durch »radikale Strömungen bei der studierenden Jugend« sowie durch »Kommunistische Zellen in katholischen Schulen« entstanden, besprochen19. Der Episkopat wies auch auf die Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit hin – die missio canonica müsse beim Abfall von der katholischen Lehre entzogen werden20. 16

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Bertram an Gade vom 23.6.1931, AAW – IA 25 c130. Pius XI., Enzyklika »Quadragesimo anno expleto« vom 15.5.1931, in: AAS 23 (1931), S. 177-228, hier 216. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 3.-5.8.1931, Punkt 6, am 4.8.1931, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 545, S. 1137; Richtlinien der Fuldaer Bischofskonferenz, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Anhang Nr. 14*, S. 828-832, hier 829 f. Ebd., S. 830. Zusätzlich fassten die Bischöfe die bisherigen Anweisungen für die seelsorgliche Betreuung von Anhängern christentumsfeindlicher Parteien zusammen. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 3.-5.8.1931, Punkt 19, am 5.8.1931, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 545, S. 1144; Winke der Bischofskonferenz zu Fulda vom 5.8.1931, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Anhang Nr. 15*, S. 832-843. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 3.-5.8.1931, Punkt 10g-h, am 4.8.1931, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 545, S. 1139 f. Siehe dazu auch Bertram an Grimme vom 8.12.1931, in: Ebd., Nr. 554, S. 1166-1168 sowie die sich an dieses Schreiben anschließende Berichterstattung in der Zentrumspresse, AAW – IA 25 k105. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 3.-5.8.1931, Anlage 4, S. 26: Stellungnahme zu Lehrern, die öffentlich kirchenfeindlichen Organisationen angehören, Ebd. – IA 25 b45.

1. Lehramtliche Verwerfung des Sozialismus, Kommunismus und Bolschewismus 237

Im Abwehrkampf gegen das Anwachsen kommunistischer Organisationen hatte der Zentrumspolitiker und derzeitige Reichsminister des Innern, Josef Wirth, im Juni 1931 die Unterstützung der christlichen Kirchen gesucht. Auf einer Konferenz waren die Ziele des gemeinsamen Abwehrkampfes abgeglichen und die Bedeutung desselben betont worden21. Wirths Nachfolger, der mit der Führung der Geschäfte als Reichsinnenministers beauftragte Reichswehrminister Wilhelm Groener, bat die Kirchen Anfang Dezember 1931 erneut um ihre Unterstützung angesichts der Zunahme der Gewalt in Deutschland. Da er wusste, dass »die Mittel und Wege der Kirche ... naturgemäß andere [sind] als die des Staates, der seine äußere Macht zur Geltung zu bringen hat«, schlug er vor, dass »die Frage einer öffentlichen Kundmachung von kirchlicher Seite gegen den politischen Terror ... geprüft werden« sollte22. Bertram reagierte auf diese Aufforderung mit einem Rundschreiben an die Reichsminister vom 24. Dezember, in dem er seinerseits kritisierte, »daß der staatliche Schutz der Religiosität des Volkes sehr schwach geworden ist. Damit wird nicht geleugnet, daß geistige Kämpfe mit geistigen Waffen ausgefochten werden müssen; sondern nur das in Rechnung gestellt, daß es sich bei der Gottlosenbewegung gar nicht um geistige Kämpfe handelt, sondern um brutalste Vergewaltigung, denen [sic] geistige Waffen allein nicht gewachsen sind.«23

Bertram versicherte Reichskanzler Heinrich Brüning, dass es sich bei diesen Worten nicht um Kritik handele, denn »die Prüfung der Frage, was möglich ist, steht im Staatsleben anderen Stellen zu. Aber die Verantwortung zwingt mich zu offener Aussprache, für die ich um wohlwollende Aufnahme nicht vergeblich bitte.«24 Groener versicherte auf Bertrams Kritik, dass das bemängelte unzureichende Verhalten der staatlichen Organe gegen Gottlose geprüft werde und erklärte, dass die gesetzlichen Maßnahmen der Reichsregierung wie die Verordnung vom 28. März 1931 zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen ihre volle Wirksamkeit erst im Laufe der Zeit entfalten könne25. Zum Jahreswechsel 1931/2 wiederholte Bertram seine Beschwerden gegenüber dem preußischen Justizminister Hermann Schmidt. Dieser versicherte, dass auch ihm die Bekämpfung der Gottlosen »ganz besonders am Herzen« liege. Sollte sich herausstellen, »daß die bestehenden Gesetze bedenkliche Lücken aufweisen, so werde ich nicht verfehlen, der Reichsregierung Vorschläge für die Verbesserung des gesetzlichen Schutzes zu unterbreiten.«26 21

22 23 24 25 26

Bericht Ferdinand Pionteks über die Besprechung beim Reichsminister des Innern, Wirth, in Berlin am 12.6.1931 über die Abwehr der Gottlosenbewegung, AAW – IA 25 f40; Bertram an Wirth vom 3.6.1931, Ebd. Groener an Bertram vom 5.12.1931, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 552, S. 1164 f., hier 1165. Bertram an die Reichsminister vom 24.12.1931, in: Ebd., Nr. 557, S. 1169-1171, hier 1170. Bertram an Brüning vom 24.12.1931, in: Ebd., Nr. 558, S. 1171. Groener an Bertram vom 26.1.1932, in: Ebd., Nr. 563, S. 1176 f. Schmidt an Bertram vom 1.1.1932, AAW – IA 25 f40.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

Neben diesen internen Schritten scheute Bertram auch öffentlichkeitswirksame Maßnahmen nicht. In einer Großdemonstration im September 1931 gingen 15.000 Breslauer Katholiken, angeführt von Kardinal Bertram, auf die Straße und demonstrierten in aller Öffentlichkeit »Einheit und Einigkeit« gegenüber den Gottlosen und Kirchenfeinden27. Zusätzlich gewann Bertram den Leiter des Apologetischen Dezernats im Volksverein, Konrad Algermissen, im Januar 1932 für Vorträge in seiner Diözese über den Abwehrkampf gegen die Gottlosenbewegung28. In seinem diesbezüglichen Rundschreiben an die Erzpriester begründete Bertram die Notwendigkeit solcher Maßnahmen. »Die bolschewistischen und kommunistischen Agitationen mit ihrem Endziele einer Gottlosenbewegung nach dem Vorbilde Rußlands sind für die östlichen Teile Deutschlands besonders gefahrdrohend. Es bedarf daher wiederholter und immer ernsterer Erwägung, wie dieser durch zahlreiche Agitationsposten und unter den verschiedensten Deckbezeichnungen umherreisende Emissäre geförderten Bewegung, der Flut von Anwürfen in Flugblättern und Zeitungen, dem Eindringen in die Kinder- und Jugendwelt, in Schule und Freizeit, sowie der Vergiftung der Weltanschauung und Verhetzung aller Kreise des Volkslebens entgegengetreten werden kann.«29

In seinem Fastenhirtenbrief von Februar 1932 fragte Bertram: »Wer ist der Feind, gegen den wir zur Wachsamkeit aufgerufen werden? Es ist die Gottlosenbewegung. Wir wissen es aus Mexiko, aus Rußland, aus Spanien. Und mit wuchtigen Hammerschlägen klopft der Bolschewismus an die Tore jeder Gemeinde in unserem Lande. Warum ist die Gefahr so riesengroß? Weil der Feind Bundesgenossen hat in unserer Umwelt und in der Innenwelt.« Der Breslauer Kardinal zeigte sich kampfbereit: »Denen, die die Verkündigung des christlichen Glaubens durch Vergewaltigung unterdrücken oder durch Verhöhnung in der Presse zum Schweigen bringen wollen, ist mit aller Autorität zu erwidern: wir können nicht schweigen; wir werden mit dem Geiste der Apostel auch Verhöhnung und Verfolgung zu tragen wissen. Denn wir stehen im höheren Auftrage als irgend ein Mensch.«

Der maßgebliche Grund dafür, dass sich viele Katholiken von der Kirche abwandten und sich kirchenfeindlichen Bewegungen anschlossen, war für Bertram die soziale Not. »Drückende Not wird in den meisten Fällen zu einer seelischen Gefahr. Wie andauernder Wohlstand für viele deshalb verhängnisvoll wird, weil er erschlaffend wirkt, so ist als dunkles Gegenbild drückende Not eine Gefahr, weil sie entmutigt, weil sie verbittert und weil sie verführt zum Murren gegen Gott und zum Haß gegen Bessergestellte. Wo diese Verbitterung entsteht, da wird sie von den Männern des Umsturzes 27

28 29

»In Einheit und Einigkeit«. 15.000 Breslauer Katholiken antworten den Gottlosen und Kirchenfeinden, Christus Rex, in: GERMANIA Nr. 440 vom 22.9.1931. Nuntius Orsenigo berichtete begeistert von dieser »grandiosa manifestazione« an den Hl. Stuhl. Orsenigo an Pacelli vom 4.10.1931, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 585, fasc. 93, f. 30r-31v, hier 30v. Siehe dazu K. ALGERMISSEN, Überwindung. Bertram an Erzpriester der Erzdiözese Breslau vom 6.1.1932, AAW – IA 25 f40.

1. Lehramtliche Verwerfung des Sozialismus, Kommunismus und Bolschewismus 239 geschürt zum Hasse gegen die bestehende Ordnung. So wird die materielle Not von den Feinden der Religion immer zu einer Waffe gemacht, indem sie Mißtrauen aussäen, Verdächtigungen stiften und zu Aufruhr reizen. Daraus erklärt sich der Einfluß des Radikalismus, der dann über jede verständige Erwägung und kluge Voraussicht sich hinwegsetzt. Diesen Gefahren setzt die Religion ihren Geist der Liebe und sozialen Gesinnung entgegen.«30

Nicht nur gegen Sozialismus, Kommunismus und Bolschewismus, sondern auch gegen andere glaubensfeindliche Bewegungen erließ Bertram Hirtenbriefe, so gegen die so genannten »Ernsten Bibelforscher« und die Freidenker31. Auf der weiter unten behandelten Fuldaer Bischofskonferenz im August 1932 wiederholten die Bischöfe ihre Mahnungen aus den Vorjahren und die Haltung des Episkopats blieb unverändert. Bertram versuchte aktiv, die von den glaubensfeindlichen Bewegungen umworbenen Katholiken an die Kirche zu binden bzw. die verlorenen wieder zurückzugewinnen. Das sei gerade in Zeiten politischer Wirren notwendig. Durch die in Breslau initiierte Volksmission versuchte er im September 1932 aufzuzeigen, »daß die Kirche sich nicht in weltliche Politik mischt, sondern nur der ewigen Wahrheit« diene32. In seinem Fastenhirtenbrief vom 22. Januar 1933, also nur wenige Tage vor der so genannten »Machtergreifung« Hitlers, sprach Bertram von Jesus als »Arzt der Menschheit«. Nur er könne die Menschen vor der Not retten, die noch schlimmer sei als die »augenscheinlichste und empfindlichste Not ...[,] die wirtschaftliche Not, das graue Elend der Arbeitslosigkeit, Erwerbslosigkeit, Wohnungsnot«, nämlich vor der Not der »Gottentfremdung«33. Bertram kam Ende Februar 1933 der Aufforderung Cesare Orsenigos, des Nachfolgers Pacellis als Nuntius in Berlin, nach, sub secreto einen Bericht über die Gottlosenbewegung für den Hl. Stuhl zu erstellen. Er legte eine Kundgebung vor, die das Hl. Offizium über die Gottlosen in Erwägung ziehen sollte: »Wichtiger als eine condemnatio erscheint mir eine Empfehlung der Maßnahmen, die vom Klerus und allen gläubigen Katholiken in dieser überaus schwierigen Aufgabe ergriffen werden können, und eine Ermutigung aller kirchentreuen Kreise, falls der Hl. Stuhl solches für ratsam erachtet. Es würden dadurch die Richtlinien sanktioniert, die zurzeit vom Episkopate, von den katholischen Vereinen und vom Laienapostolate der katholischen Aktion in Deutschland befolgt werden.«34

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A. BERTRAM, Wachsamkeit, die Tugend der katholischen Aktion vom 7.2.1932, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 124, S. 468-480, hier 469, 470, 478. A. BERTRAM, Oberhirtliche Mahnung zur Wachsamkeit gegenüber den Bestrebungen von sogen. »Ernsten Bibelforschern« und Freidenkern vom 15.5.1932, in: Ebd., Nr. 127, S. 484-487. A. BERTRAM, Einladung zur Volksmission. Hirtenbrief an die Katholiken der Stadt Breslau vom 4.9.1932, in: Ebd., Nr. 128, S. 488-490, hier 489. A. BERTRAM, Jesu Sendung als Arzt der Menschheit vom 22.1.1933, in: Ebd., Nr. 130, S. 495. Bertram an Orsenigo vom 28.2.1933, AAW – IA 25 f41.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

2. LEHRAMTLICHE VERWERFUNG DES NATIONALSOZIALISMUS Nach seinem ad limina Besuch in Rom im Oktober 1933 blickte Bertram auf das Jahr 1933 zurück und versuchte, das kirchliche Verhalten gegenüber seinen Zeitgenossen, aber auch mit Blick auf die Nachwelt, in einem Hirtenbrief zu rechtfertigen: »Alle kennen die ernsten Fragen, in die gerade das Jahr 1933 uns gestellt hat als Anbeginn einer neuen Entwicklungsphase unseres Vaterlandes, das seit Jahrzehnten ringt um Anbahnung einer glücklicheren Zukunft. Die Zeit rückt bald der Stunde entgegen, wo die Geschichte rückblickend und ausblickend gerade das Jahr 1933 richtig zu beurteilen versuchen wird. Das gilt auch von der Beurteilung der kirchlichen Verhältnisse.«

Wer unbefangen urteile, der erkenne »die Gründe, weshalb die Bischöfe in den letzten Jahren Stellungnahme zu den Bewegungen im öffentlichen Leben in ihren Kundgebungen klar, mit Maßhaltung, doch auch mit Festigkeit ihren Diözesanen dargelegt haben.« Aus den bekannten Äußerungen sei hervorgegangen, »wie der Episkopat einzig aus religiösen Gründen seine Stimme erhoben hat gegenüber Bewegungen und Parteien, in deren Lager Kundgebungen und Betätigungen die sehr ernste Gefahr einschlossen, daß die sich anbahnende politische Umwälzung störend und verwirrend auf das religiöse und kirchliche Leben übergreife. Die Dokumente zeigen nicht minder, daß die Bischöfe, sobald die Neugestaltung der öffentlichen Verhältnisse Tatsache war, ohne jede Änderung ihrer grundsätzlichen Erklärungen, sofort einen Zugang zum Frieden bahnten, als endlich, endlich durch die erfolgenden autorativen Erklärungen mit genügender Klarheit Zusicherungen erfolgten, die, wenn sie voll und ganz verwirklicht werden, eine Beseitigung der bezeichneten Gefahr herbeiführen. So bekunden die geschichtlichen Tatsachen und Dokumente des Episkopats, daß die Bischöfe vor und nach dem 23. März 1933 pflichtgemäß gehandelt haben, einzig von religiösen Beweggründen geleitet und unter voller Wahrung der unveränderlichen Grundsätze göttlichen Rechts. Das alles vollzog sich unter dem Auge der gesamten katholischen Welt. Den dann erfolgten Abschluß und die Ratifikation des Reichskonkordats hat der Episkopat, obwohl manche Schwierigkeiten hinsichtlich der Ausführung wichtiger Einzelbestimmungen unverkennbar waren, doch im Bewusstsein seiner Verantwortung mit dankbarer Zustimmung begrüßt, um durch Bekundung des Vertrauens in die Absichten der höchsten Regierungsstellen den festen Grund für Ruhe und Eintracht im Volksleben und friedliche Gestaltung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat zu gewinnen. Das sei andeutungsweise von der Vergangenheit gesagt. Zu rechter Zeit werden weitere Dokumente von den Intentionen und Arbeiten des Episkopat Zeugnis geben.«35

Bertrams Einschätzung des bischöflichen Verhaltens von Oktober 1933 fordert geradezu dazu auf, es anhand der von ihm genannten sowie anhand weiterer Dokumente zu überprüfen. Auch wenn Bertrams Vorgehen gegen den Nationalso35

A. BERTRAM, Kundgebung aus den Tagen meiner Romreise 1933 vom 15.10.1933, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 138, S. 519-521, hier 519 f. E.-W. BÖCKENFÖRDE, Stellungnahme, S. 243, der erstmals auf diesen Hirtenbrief aufmerksam machte, urteilte: »Besser, klarer und prägnanter könnte der prinzipielle Gehalt des Geschehens im Jahre 1933 kaum formuliert werden.«

2. Lehramtliche Verwerfung des Nationalsozialismus

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zialismus – damals wie heute – stark umstritten ist36, so kann ihm der Vorwurf, er sei selbst ein Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie gewesen, nicht gemacht werden. Vor der so genannten »Machtergreifung« Hitlers am 30. Januar 1933 war die Position eindeutig, die nicht nur er, sondern der gesamte Episkopat einnahm37. Bertrams »Offenes Wort in ernster Stunde« zum Jahreswechsel 1930/31, in welchem er vor Radikalismus und Fanatismus – Gefahren, die sowohl Kommunismus als auch Nationalsozialismus mit sich brächten – warnte, erfuhr in der katholischen Öffentlichkeit ein breites Echo38. Ausgangspunkt für dieses Hirtenwort war der, ohne Absprache mit dem Gesamtepiskopat vorgenommene, kompromisslose Vorstoß der Mainzer Diözese, die auf Anfrage der Gauleitung der NSDAP in Hessen in Analogie zum Vorgehen gegen Sozialisten und Kommunisten bestätigt hatte, dass Parteiformationen der NSDAP die Teilnahme am Gottesdienst verwehrt sei, dass Katholiken keine Parteimitglieder der NSDAP sein könnten und dass solche die Sakramente nicht empfangen dürften. Bereits bei dieser frühen Auseinandersetzung zwischen Nationalsozialismus und katholischer Kirche kam es jedoch zu keiner einheitlichen Verlautbarung des Episkopats – ein Phänomen, an dem sich auch in Zukunft nur wenig ändern sollte39. Die »bange Sorge« um die »geistigen, wirtschaftlichen und politischen Kämpfe« im Vaterlande drängte Bertram zu seinem außergewöhnlichen Hirtenwort: »Lieber in Offenheit ernste Wahrheiten sagen als Gefahren verschleiern.« Den Ursprung für die zahlreichen verhängnisvollen Verirrungen seiner Zeit definierte Bertram klar: »Ich meine sowohl den Radikalismus sozialistischer Parteien, der zum Klassenkampf drängt, wie den übertriebenen Nationalismus, die Rassenverherrlichung.« Neben diesen Übertreibungen gebe es einen »berechtigten Nationalismus«, von welchem er in der Oberschlesienfrage immer wieder gesprochen hatte. »Sein Kennzeichen ist Liebe zur Muttersprache, Liebe und Anhänglichkeit zum Volksstamm, zu heimischen Sitten, Dank gegen Gott für die ererbten Vorzüge.« Dabei müsse das »Gemeinschaftsgefühl« Sprachbarrieren überwinden und jeder müsse anerkennen, dass andere Völker andere Vorzüge hätten. »Ein verständigender Nationalismus hat bindende und versöhnende Kraft. Fanatischer Nati36 37 38

39

J. KÖHLER, Bertram-Bild, S. 26. F. HAINBUCH. A. BERTRAM, Ein offenes Wort in ernster Stunde am Jahresschlusse 1930 vom 31.12.1930, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 111, S. 429-434. Im Vatikan wurde Bertrams Hirtenwort mit Wohlwollen aufgenommen und im Osservatore Romano veröffentlicht. Pattriotismo e nazionalismo in un messaggio del Card. Bertram, in: OR Nr. 5 vom 7.-8.1.1931. Für einen Pressespiegel siehe: Pressestimmen zu der Silvesterkundgebung Kardinal Bertrams, in: SV Nr. 12 vom 9.1.1931 sowie die Sammlung in AAW – IA 25 s137. H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 163 f.; K. SCHOLDER, Kirchen I, S. 167 f. Auf eine Umfrage Bertrams, ob der Episkopat das Programm des Nationalsozialismus verurteilen solle, antworteten lediglich vier Bischöfe zustimmend, die meisten wollten mit einer solchen Erklärung noch warten. Orsenigo an Pacelli vom 27.1.1931, ASV – A.E.S., Pos. 621, fasc. 138, f. 25r-26r. Für die vatikanische Perspektive siehe T. BRECHENMACHER, Teufelspakt, S. 601-604.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

onalismus aber ist Quelle gegenseitiger Verachtung und des Völkerhasses.« Die Stoßrichtung dieser Worte war eindeutig und wurde von den Nationalsozialisten auch als gegen sie gerichtet erkannt40. Bertram rief zur friedlichen »Verständigung unter den Parteien« und zu »Vertrauen zur Obrigkeit« auf. Erneut wies er auf die sozialen Missstände hin: »Wir brechen nicht den Stab über alle Irregeleiteten. Denn wir wissen: die Unzufriedenheit mit heutigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen, sowie die steigende katastrophale Erwerbslosigkeit der größten Industrieländer des Erdkreises hat dazu geführt, daß Millionen aufhorchen, wenn mit hochtönendem Phrasenschwall verkündet wird: die bestehende Ordnung müsse zerschlagen werden, um eine bessere neue aufzubauen. Es ist erklärlich, wenn solche Ankündigungen Hunderttausende von Mitläufern gefunden haben. Infolge der riesengroßen Not hat Verbitterung und Verzweiflung die Massen erfaßt.«

Auch wenn Bertram ein gewisses Verständnis vor allem für Jugendliche in dieser Situation zeigte, warnte er eindringlich vor den sich daraus ergebenden Konsequenzen: »Zerschlagen ist leicht, aus Trümmern Neues aufbauen ist unsagbar schwer. Darum hütet Euch vor den falschen Propheten ... Bewahret Treue zur staatlichen Ordnung, deren Hut in erfahrener und fester Hand liegt. Weiset jene zurück, die in aufreizendem Tone zu Gewalttaten aufstacheln, selbst aber keineswegs jene Erfahrung, Weisheit und Selbstlosigkeit besitzen, um Mißständen Abhilfe schaffen zu können.«

Paulus folgend müssten die Katholiken jede »Auflehnung gegen die Obrigkeit« verurteilen »als Auflehnung gegen Gottes Anordnung.« Bertram lehnte die Lehren des Nationalsozialismus ebenso entschieden ab wie die des Sozialismus und Kommunismus. »Mit Festigkeit und Klarheit« müsse der Episkopat vor »den aus falschem Nationalismus entspringenden Irrtümern ... [warnen], die in jüngster Zeit in Wort und Schrift in allen Gauen unseres Vaterlandes verbreitet werden. Irrtümer sind es, die in einseitiger Verherrlichung der Rasse zur Verachtung der göttlichen Offenbarung und der Gebote Gottes schreiten«, weshalb er programmatisch schrieb: »Wir katholische Christen kennen keine Rassen-Religion ...« Auch die Idee eines »positiven Christentums« wies Bertram zurück. »Wir Katholiken kennen kein nationales Kirchengebilde ... Fort darum mit dem Wahngebilde einer nationalen Religionsgemeinschaft, die vom Felsen Petri losgerissen und nur von Rassengedanken einer arisch-heldischen Heilandslehre beherrscht sein soll. Törichtes Wahngebilde falscher Propheten.« Die Aufgabe der Kirche sei es gerade in solch schwierigen Zeiten, ruhig und wür40

A. BERTRAM, Ein offenes Wort in ernster Stunde am Jahresschlusse 1930 vom 31.12.1930, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 111, S. 429 f. Der NSDAP-Chefideologe Alfred Rosenberg hetzte vehement über Bertrams Hirtenwort und versuchte, dessen Aussagen über Nationalismus und Rasse zu widerlegen. Kardinal Bertram gegen den deutschen Nationalismus. Nationalgefühl nur so dosiert gestattet, wie es das Zentrum erlaubt, in: VÖLKISCHER BEOBACHTER vom [12.] Januar 1931.

2. Lehramtliche Verwerfung des Nationalsozialismus

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devoll die christlichen Wahrheiten zu verkünden. »Niemand soll sagen können: in dunkelster Zeit hat die Kirche uns im Stiche gelassen.«41 Diejenigen, gegen die Bertrams ernstes Wort gerichtet war, fühlten sich auch angesprochen. Der nationalsozialistische »Völkische Beobachter« kritisierte, dass »speziell in durchsichtigen Wendungen gegen uns [die Nationalsozialisten] Stellung genommen wird. Man darf also ›national‹ sein, so lange es dem Zentrum paßt, ein aktives Eigenrecht des Deutschen wird bekämpft. Eine alte Melodie.«42 Dennoch war die Wirkung des Hirtenwortes beschränkt. Der Bertram kritisch gegenüber stehende Regensburger Bischof Michael Buchberger war der Auffassung, dass man mit Kundgebungen gegen den Nationalsozialismus nur wenig erreichen könne. »Das hat sich wieder gezeigt an dem ›offenen Wort‹ S[eine]r Eminenz des Herrn Kardinals Bertram, das doch so ungemein vornehm und sachlich gehalten war.«43 Der bayerische Episkopat reagierte Mitte Februar 1931 auf die Vorstöße aus Mainz und Breslau und warnte in überaus deutlicher Form vor der nationalsozialistischen Bewegung. Bertram übernahm den Text der bayerischen Konferenz in weiten Teilen und ließ ihn am 14. Februar, mit einem zusätzlichen Verweis auf sein »offenes Wort«, in seiner Diözese verteilen44. Der Nationalsozialismus enthalte »in seinem kulturpolitischen Programm Irrlehren, weil er darin wesentliche Lehrpunkte des katholischen Glaubens ablehnt oder doch schief auffaßt und weil er nach der Erklärung seiner Führer eine neue Weltanschauung an die Stelle des christlichen Glaubens setzen will«, hieß es dort. Dem katholischen Klerus wurde »es streng verboten, an der nationalsozialistischen Bewegung in irgendeiner Form mitzuarbeiten« und im binnenkirchlichen Raum wurden Nationalsozialisten nicht geduldet. »Die Teilnahme von Nationalsozialisten an gottesdienstlichen Veranstaltungen in geschlossenen Kolonnen mit Uniform und Fahne ist und bleibt verboten.« Die Frage, »ob ein Nationalsozialist zu den hl. Sakramenten der Buße und des Altarsakraments zugelassen werden« könne, müsse im Einzelfall geprüft werden. 41

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A. BERTRAM, Ein offenes Wort in ernster Stunde am Jahresschlusse 1930 vom 31.12.1930, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 111, S. 431-433. Kardinal Bertram gegen den deutschen Nationalismus. Nationalgefühl nur so dosiert gestattet, wie es das Zentrum erlaubt, in: VÖLKISCHER BEOBACHTER vom [12.] Januar 1931. Im Artikel Merkwürdige Auslassungen Kardinal Bertrams zum Jahresschlusse 1930, in: DEUTSCH-EVANGELISCHE KORRESPONDENZ Nr. 1 vom 7.1.1931 wurde argwöhnisch festgesellt, dass sich Bertrams Worte »deutlich und kaum verhüllt gegen den Nationalsozialismus« richten würden, »den man gegenwärtig in Zentrumskreisen schärfer bekämpft als den Kommunismus und Bolschewismus, von der Sozialdemokratie schon ganz zu schweigen.« Buchberger an Faulhaber vom 29.1.1931, in: L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 233, S. 537539, hier 538. A. BERTRAM, Pastorale Winke betreffend Stellung zum Nationalsozialismus vom 14.2.1931, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 113, S. 437 f. Bertram modifizierte den Text für seine Diözese in Punkt 4 und änderte die Aussagen der bayerischen Bischöfe über die »Mitläufer der Bewegung« stilistisch, aber nicht inhaltlich ab. Pastorale Anweisung des bayerischen Episkopates vom 10.2.1931, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Anhang Nr. 6*, S. 806-809.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

Handele es sich lediglich um einen Mitläufer, müsse der Beichtvater prüfen, ob sich durch die Parteizugehörigkeit eine »Gelegenheit zur Sünde« ergebe. Solchen Mitläufern, die »subjektiv in gutem Glauben« lebten und die »bei der letzten Wahl nationalsozialistisch gewählt« hätten, müsse man verdeutlichen, dass sie nicht nur Teile, sondern das komplette Parteiprogramm vertreten würden. Man müsse sie von der Notwendigkeit überzeugen, der NSDAP den Rücken zuzukehren. »Sollte sich der Nationalsozialismus zu den Methoden des Bolschewismus entwickeln, dann könnte allerdings bei den Einzelnen eine bona fides nicht mehr angenommen werden. Im übrigen gelten die Richtlinien, die von den Bischofskonferenzen in Fulda und Freising gegenüber glaubensfeindlichen Vereinigungen aufgestellt wurden.« Schließlich blieben »die pastoralen Grundsätze gegenüber den Nationalsozialisten ... die gleichen, die gegenüber dem Liberalismus der alten Zeit und gegenüber dem Sozialismus noch in den letzten Jahren von berufener Seite aufgestellt wurden.«45 Damit stellten die bayerischen Bischöfe und Bertram den Nationalsozialismus auf eine Stufe mit anderen glaubensfeindlichen Bewegungen wie Liberalismus, Sozialismus und Kommunismus. Weitere deutsche Bischöfe folgten mit ähnlichen Kundgebungen46. In seinem bereits genannten Rundschreiben an die Erzpriester seiner Diözese vom April 1931 wiederholte Bertram die seelsorglichen Prinzipien für katholische Nationalsozialisten: »Da die nationalsozialistische Bewegung gerecht beurteilt werden muß nach der Gesamtheit der Kundgebungen ihrer Führer, ihrer Presse und nach der Auswirkung ihrer Stellungnahme im öffentlichen Leben, so ist nicht zu leugnen, daß sie in ihrem Programm sich in Widerspruch setzt mit der katholischen Glaubenslehre, und daß sie in zahlreichen Pressestimmen, Reden, Publikationen und entscheidenden Handlungen ihrer Führer in offenem Gegensatz zur Organisation der römisch-katholischen Kirche und zu essentiellen Forderungen derselben tritt. Das alles kann denen nicht unbekannt bleiben, die nach ihrer Bildung und Stellung klare Kenntnis von diesen charakteristischen Zügen haben müssen ... Diese schließen sich selbst durch ihr Verhalten vom Sakramentenempfange aus. Das ist ihnen in schonender, doch bestimmter Weise zu erklären. Der Vorwurf, die Kirche mische sich damit in Politik, ist unbegründet. Das Gegenteil ist der Fall. Die nationalsozialistische Partei greift ... die Grundlagen des katholischen Christentums an. Daher die Unwürdigkeit ihrer Förderer zum Empfange der Sakramente.«47 45

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A. BERTRAM, Pastorale Winke betreffend Stellung zum Nationalsozialismus vom 14.2.1931, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 113, S. 437 f. Siehe Kapitel III.2.a. Die Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz zur nationalsozialistischen Bewegung vom 5.3.1931, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Anhang Nr. 11*, S. 814-818; Katholizismus und Nationalsozialismus. Kundgebung der Bischöfe der Paderborner Kirchenprovinz vom 20.3.1931, Ebd., Anhang Nr. 12*, S. 818-824; Die Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz zur heutigen Not vom 19.3.1931, Ebd., Anhang Nr. 13*, S. 824-828; H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 164-166. Die Frage, ob ein gemeinsames Wort der Bischöfe, wie von Bertram angestrebt und von L. VOLK, Bayerischer Episkopat, S. 29 angenommen, eine größere Wirkung erzielt hätte, oder ob die »in kurzen Abständen folgenden Verlautbarungen« (K. SCHOLDER, Kirchen I, S. 169) der einzelnen Kirchenprovinzen wirkungsvoller waren, ist kaum zu beantworten. Bertram an Erzpriester der Diözese Breslau vom 26.4.1931, AAW – IA 25 s133.

2. Lehramtliche Verwerfung des Nationalsozialismus

245

Parallel dazu schickte Bertram eine Rundfrage an die Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz, in der er sie aufforderte, sich seinem Vorgehen anzuschließen. Als Formulierungsvorschlag legte er sein Verbotsschreiben über die Teilnahme von korporativen Organisationen beim Gottesdienst anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Schlacht vom Annaberg während des III. Polnischen Aufstands bei48. Die Fuldaer Bischofskonferenz folgte Bertrams Kurs und beschloss, die seelsorglichen Winke aus dem Jahr 1921, die sie für die Behandlung von Mitgliedern in sozialistischen Organisationen erlassen hatte, zu aktualisieren und formulierte die Ablehnung von Sozialismus, Kommunismus, Bolschewismus und Nationalsozialismus in gleicher Deutlichkeit wie Bertram dies bereits im Januar getan hatte. Als einheitliche Reaktion auf die verschiedenen Verlautbarungen der Kirchenprovinzen verbot die Konferenz den Gläubigen die Mitgliedschaft in »christentums- und kirchenfeindlichen Vereinigungen und Richtungen, seien sie sozialistischen, freimaurerischen oder anderen Namens.«49 Auch ohne Parteien und Vereinigungen direkt beim Namen zu nennen, wurde aus dem Kontext der vorherigen Kundgebungen deutlich, dass die Bischöfe sowohl sozialistische, kommunistische und bolschewistische Organisationen als auch die NSDAP und den Stahlhelm als christentums- und kirchenfeindlich einstuften. Dass der Episkopat in Fulda um die Formulierung der Winke gerungen hatte, und dass »die Einheitlichkeit des Episkopates geringer gewesen ... [ist], als es ihre gemeinsamen Konferenzdokumente erscheinen lassen«50, wird aus einem Schreiben Bertrams an Kardinal Faulhaber deutlich. Er werde die Winke zur anstehenden bayerischen Bischofskonferenz mitbringen, doch befürchtete er, dass »auch da ... die Ansichten kaum unter einen Hut zu bringen sein [werden], weil die Situation der einzelnen Länder und die Eindrücke gemachter Erfahrungen wohl verschiedene Gestaltung solcher Winke nahe legen.«51 Im November veröffentliche Bertram im Breslauer Amtsblatt eine Anweisung an den Klerus über das demonstrative Auftreten von politischen »Kampforganisationen im Gotteshause und bei liturgischen Feierlichkeiten.« Er erinnerte daran: »Uns Katholiken ist das Gotteshaus viel zu heilig und uns sind die gottesdienstlichen Handlungen, auch das kirchliche Begräbnis, viel zu heilig, als daß sie zum Schauplatz 48

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W. VOGEL, S. 277. Bertrams deutliche Worte sowie die Tatsache, dass er eine Delegation der Stahlhelm-Bundesführung nicht zu einer Audienz vorließ, als diese unangemeldet vor dem Erzbischöflichen Palais stand, veranlassten den Vorsitzenden des Katholikenausschusses der DNVP in Schlesien, Julius Doms, im Juli 1931 zu scharfer Kritik. Doms warf Bertram vor, ein »Parteigänger des Zentrums« zu sein und forderte, der Kardinal solle den Gläubigen »in Zukunft weiteste Freiheit« in ihren politischen Anschauungen zugestehen. Doms an Bertram vom 20.7.1931, zitiert nach Ebd., S. 315-317, hier 316. Winke betr. Aufgaben der Seelsorger gegenüber glaubensfeindlichen Vereinigungen. Dem hochwürdigen Seelsorgeklerus gemäß Beschluß der Bischofskonferenz zu Fulda zur Nachachtung dargeboten am 5.8.1931, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Anhang Nr. 15*, S. 832-843, hier 832. H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, S. X. Bertram an Faulhaber vom 3.9.1931, in: Ebd., Nr. 548, S. 1158.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur von Demonstrationen von politischen Kampforganisationen werden dürften. Das gilt für alle solche Organisationen, einerlei ob sie rechts oder links oder sonstwie gerichtet sind. Das ist so selbstverständlich, daß alle Gutgesinnten das in Ehrfurcht anerkennen werden.«52

Es wurde dabei auch deutlich, »daß die Konfrontation zwischen Episkopat und Nationalsozialismus nur eine Fortsetzung des zwischen Episkopat und Vaterländischen Verbänden seit vielen Jahren währenden Kampfes war, der jetzt in einer neuen Größenordnung zu einer die Fronten klärenden Entscheidung drängte.«53 Der Notizzettel Bertrams für sein in die Bischofskonferenz vom August 1932 einführendes Referat über das »Bild der Zeitlage« ist erhalten. Die beherrschenden Fragen seien, »ob jetzt« eine »Kundgebung« der Bischöfe angebracht sei, »ob Aussprache über einheitl[iche] Halt[un]g genügt« und »ob einzelne bestimmte Winke [der Bischofskonferenz des Vorjahres] praktisch gut« seien. Fragen, die den Episkopat nicht beherrschten, seien die der »Alteration Brüning oder Papen«, die der »Coalition Zentrum mit der Rechten«, die des Fallenlassens »mancher Brüning’schen Projekte« oder die nach »parlamentarischer oder präsidialer Regierung« – dafür aber die »von dem Bilde einer ungeheuren Irreführung und Suggestion der Massen durch Reklame.« Über Hitler notierte Bertram, dieser sei ein »guter Katholik«, obwohl sich die Worte »Centrum rot« wohl auf Äußerungen Hitlers beziehen dürften. Die Bischöfe allerdings »unterstützen nur die weltlichen Forderungen Hitlers.« Es sei die Aufgabe des Episkopats, »nur keine Unklarheit in Stellungnahme« zu erzielen und »nur kein unbegründetes Vertrauen auf Sinnesänderung der Feinde, die nur Macht erstreben, sonst alles in Dunkel hüllen« zu fassen. Zu »Gottlosenbewegung [und] zu Weltanschauungsparteien [müsse der Episkopat] in klarer Weise Stellung nehmen, sobald die Stunde es erfordert.«54 Aus diesen Notizen geht hervor, dass Bertram sich aus der aktuellen Tagespolitik heraushalten wollte, dass er sich in der Person Hitlers grundlegend täuschte, was fatale Folgen für sein eigenes Handeln haben sollte, dass er die nationalen Forderungen der Nationalsozialisten unterstützte, dass er dennoch kein Ende der weltanschaulichen Auseinandersetzung sah und dass er in dieser fest bleiben wollte. Punkt drei des Protokolls der Bischofskonferenz 1932 bezieht sich auf dieses Referat Bertrams mit den Worten: »Die Zeitlage und die Stellung zu weltanschaulichen Parteien wird besprochen. Die Bischöfe halten nach wie vor die früher gegebenen Richtlinien und Winke zur Behandlung von Mitgliedern verbotener Parteien, einschließlich Nationalsozialismus, für zutreffend und genügend.«55 Das 52

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Betr. sakralen Charakter kirchlicher Begräbnisse, in: KIRCHLICHES AMTSBLATT DES FÜRSTBISCHÖFLICHEN ORDINARIATS IN BRESLAU, Stück 18 vom 25.11.1931, Nr. 232, S. 141. W. VOGEL, S. 312 f. Notizzettel Bertrams für die Fuldaer Bischofskonferenz 1932: »Bild der Zeitlage«, AAW – IA 25 b46. Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom 17.-19.8.1932, Punkt 3, am 17.8.1932, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 577, S. 1206.

2. Lehramtliche Verwerfung des Nationalsozialismus

247

war offensichtlich doch nicht der Fall, denn das Mitgliedschaftsverbot für Katholiken in der NSDAP wurde nun expressis verbis formuliert: »Sämtliche Ordinariate haben die Zugehörigkeit zu dieser Partei für unerlaubt erklärt.«56 Zusätzlich wiederholten die Bischöfe ihre Warnungen vor der Mitgliedschaft in Vaterländischen Verbänden57. Nicht nur öffentlich, sondern auch im innerkirchlichen Bereich ging Bertram, wenn auch nicht mit letzter Konsequenz, gegen den Nationalsozialismus vor. Im April 1932 wandte er sich an den Abt in Grüssau, Albert Schmitt O.S.B., da ihm Gerüchte zu Ohren gekommen waren, dass dieser »in Äußerungen (namentlich in Kreisen des kathol. Adels) über Nationalsozialismus, Stahlhelm u.dgl. Andeutungen mache, die so ausgelegt werden, als« würde er »im Gegensatz zu der einstimmigen Stellungnahme aller Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz« stehen58. Auch wenn er die ersten Beschwerden ignoriert habe, sei es seine bischöfliche Aufgabe, so Bertram, Schmitt darauf aufmerksam zu machen. Zwischen Fürstbischof und Abt kam es in den Folgejahren zu größeren Differenzen, da Bertram die Kontakte Schmitts zum katholischen Vizekanzler Franz von Papen ebenso missbilligte wie seine politische Nähe zu den Nationalsozialisten59. Wegen der gewalttätigen Ausschreitungen im Wahlkampf für die Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 bat Bertram im Namen der Fuldaer Bischofskonferenz Papen, mittlerweile Reichskanzler, »in den letzten Wochen vor der Reichstagswahl dem überhand nehmenden Terror der radikalen Parteien mit durchgreifender Strenge entgegentreten zu wollen.« Diese Bitte begründete er sowohl mit vaterländischen als auch mit religiös-sittlichen Argumenten. Die gottgewollte Achtung der Gläubigen gegenüber der staatlichen Autorität leide unter der derzeitigen Situation, da »die in den letzten Wochen von den radikalen Parteien geübten öffentlichen Gewaltakte das gerade Gegenteil solcher Gesinnung« darstellten. Es falle auf, »dass gerade diejenigen Parteien am gewaltsamsten auftreten, von denen für die Zukunft der christlichen Volksgüter die größten Gefahren drohen und von denen insbesondere für das Verhältnis der Staatsgewalt zur katholischen Kirche das Schlimmste zu befürchten ist zum Verderb von Volk und Vaterland.«60 56

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Protokoll der Bischofskonferenz in Fulda vom 17.-19.8.1932. Anlage 2: Votum betr. Stellungnahme der deutschen Bischöfe zur nationalsozialistischen Partei vom 17.8.1932, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Anhang Nr. 16*, S. 843 f. Protokoll der Fuldaer Bischofkonferenz vom 17.-19.8.1932, Punkt 26, am 19.8.1932, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 577, S. 1214. Bertram an Schmitt vom 16.8.1932, AAW – IA 25 s137. B. LOB, S. 133-137. Bereits im November 1930 hatte sich Bertram mit Blick auf die Nähe eines anderen rechtskatholischen Ordensmannes, des Abts in Maria Laach, Ildefons Herwegen, zum Stahlhelm in die innerdiözesane Angelegenheit seines Trierer Amtsbruders Bornewasser eingemischt und von diesem eine Überprüfung gefordert. Bertram an Bornewasser vom 12.11.1930, in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 521, S. 1080 f.; Herwegen an Bornewasser vom 17.11.1930, in: Ebd., Nr. 522, S. 1081 f. Bertram an Papen vom 16.7.1932, BArch – R 43 I/2701b, f. 190-192.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

Papen antwortete, dass die Regierung bereits durch das Versammlungsverbot vom 18. Juli sowie durch die Einsetzung seiner eigenen Person zum Reichskommissar für Preußen am 20. Juli, also durch den so genannten »Preußenschlag«, auf den Terror reagiert habe. Mit Blick auf das Zentrum, aus dem er selbst erst vor sechs Wochen ausgetreten war, griff Papen Bertrams Hinweis auf das Gottesgebot des Gehorsams der Katholiken gegenüber der staatlichen Autorität geschickt auf: »Die Reichsregierung vertraut darauf, dass dieser christliche Fundamentalansatz auch bei den christlichen Kreisen Beachtung finde, die einzelnen politischen Maßnahmen einer Regierung ablehnend gegenüber stehen, deren vordringliches Wollen es ist, die christliche Weltanschauung wieder zur Achse aller Staatsgesinnung zu machen.«61 Wen Bertram mit seinen Anschuldigungen, politischen Terror zu verbreiten, ansprechen wollte, war offensichtlich, was unter anderem auch daraus deutlich wird, dass sich die Angesprochenen selbst zu Wort meldeten. Die »Arbeitsgemeinschaft katholischer Deutscher« wandte sich Mitte August in einem offenen Brief an Bertram und fragte nach, welche Parteien Bertram mit seinen Vorwürfen gemeint habe. »Wir kennen nur eine Partei, gegen die sich die Worte der Bischöfe richten können, nämlich die kommunistische. Denn wir nehmen nicht an, daß Euer Eminenz auch die Sozialdemokratie oder etwa das mit ihm verbündete Zentrum meinen, obwohl diese beiden Parteien leider besonders in letzter Zeit redlich dazu beitragen, den roten Mördern das Rückgrat zu stärken. Sollten Euer Eminenz aber etwa mit den Worten des Schreibens auch auf die Nationalsozialisten hinzielen, so müssen gerade wir rechtsgerichteten Katholiken auf das Lebhafteste gegen eine solche Unterstellung protestieren, die nur von neuem dazu dient, den hehren Begriff Katholiken mit dem Zentrum verwechseln zu lassen und gerade diejenigen zu behindern, die Ruhe, Ordnung und Aufbau eines neuen nationalen christlichen Deutschlands erstreben.«62

Die Situation bei der Reichspräsidentenwahl am 13. März und 10. April 1932 unterschied sich stark von der sieben Jahre zuvor, denn nun war der amtierende Reichspräsident Hindenburg auch der Kandidat des Zentrums und der Katholiken, um die Wahl Hitlers zu verhindern. Bertram reagierte auf die Anfrage des Berliner Oberbürgermeisters, ob er die Kandidatur Hindenburgs durch den Beitritt zum Ausschuss für dessen Wiederwahl unterstützen werde, vorerst ablehnend. »Wenn ich auch mit voller Überzeugung die Notwendigkeit dieser Wiederwahl vertrete, halte ich doch ein Eintreten der kirchlichen Obrigkeit in diesem Stadium der politischen Kämpfe für nicht opportun.«63 Nach Intervention des Innenministeriums, dass Kardinal Faulhaber seine Zusage zurückgezogen habe, 61 62

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Papen an Bertram vom 29.7.1932 [K], Ebd., f. 217-218, hier 218. Offener Brief an den Kardinal Bertram, in: POLITIK UND GESELLSCHAFT, 5, 11.8.1932. Bertram ignorierte wie so oft auch diese öffentliche Kritik an seiner Person. Bertram an Sahm, Oberbürgermeister von Berlin, vom 1.2.1932, AAW – IA 25 z112; W.L. PATCH JR., S. 235 kennt lediglich dieses Schreiben.

3. Annäherung zwischen katholischer Kirche und NS-Staat

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da die anderen beiden deutschen Kardinäle, Schulte und Bertram, nicht beigetreten seien, änderte Bertram seine Auffassung. »Dabei stelle ich die Bedenken zurück, die mich stets abgehalten haben, für eine bestimmte Person im Wahlkampfe einzutreten, in Rücksicht auf die Konsequenzen, die für ähnliche künftige Fälle sich ergeben können. Immerhin darf wohl der Fall Hindenburg als so exzeptionell betrachtet werden, daß jene Rücksicht weniger urgent ist.«64 Um die Wahl Hitlers zum Reichspräsidenten zu verhindern und um die Republik, wenn auch in Form der Präsidialregierung, zu retten, war Bertram demnach bereit, seine Prinzipien beiseite zu schieben und für die Wahl Hindenburgs zu werben65.

3. ANNÄHERUNG ZWISCHEN KATHOLISCHER KIRCHE UND NS-STAAT a) Bertrams Erklärung vom 28. März 1933

Obwohl die Fuldaer Bischofskonferenz im August 1932 die »dunkelsten Aussichten« für die Zukunft beschworen hatte, »wenn die [nationalsozialistische] Partei die heiß begehrte Alleinherrschaft in Deutschland« erlangen sollte66, wurden anscheinend keine Überlegungen angestellt, wie diesen Aussichten im Falle eines Falles zu begegnen sei. Als »über Nacht ... aus einer lehramtlich verurteilten Bewegung die legale staatliche Obrigkeit geworden [war], der man nach christlicher Staatsauffassung den staatsbürgerlichen Gehorsam schuldete«67, wusste der Episkopat nicht, wie er vorgehen sollte. Für zusätzliche Verwirrung sorgte der scheinbar legal an die Regierungsmacht gelangte Reichskanzler Adolf Hitler durch seinen im Rundfunk ausgestrahlten »Aufruf der Reichsregierung an das deutsche Volk« vom 1. Februar, in dem er verkündete, er wolle das Christentum als die Basis von Moral und Familie schützen68. Dass Bertram die Situation im Februar 1933 richtig einschätzte, belegt ein Privatschreiben an Kardinalstaatssekretär Pacelli. »Angesichts der schweren Krisen, die der Katholischen Kirche in Deutschland jetzt bevorstehen, würde ich es sehr dankbar begrüßen, wenn es möglich wäre, die obwaltende Differenz mit dem 64

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Bertram an Sahm vom 8.2.1932 in: H. HÜRTEN (Bearb.), Akten, Nr. 567, S. 1183. Zur Reichspräsidentenwahl 1932 siehe J. HORSTMANN, Reichspräsidentenwahlen, S. 69 f. So konstatiert E. DEUERLEIN, S. 51, dass »keine gleichrangigen Amtspersonen im öffentlichen Leben Deutschlands ... mit dieser Entschiedenheit der steigenden Flut« des Nationalsozialismus entgegengetreten seien. Protokoll der Bischofskonferenz in Fulda vom 17.-19.8.1932. Anlage 2, Votum betr. Stellungnahme der deutschen Bischöfe zur nationalsozialistischen Partei, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Anhang Nr. 16*, S. 844. U. HEHL, Köln, S. 241. M. DOMARUS, S. 191-194, hier 192. Zur Legalität der so genannten »Machtergreifung« siehe das Urteil von K. REPGEN, Machtergreifung, S. 20, Anm. 45. »Das heutige systematisch-politische Urteil darf die Legalität Hitlers in Frage stellen; die Zeitgenossen damals haben seine Legalität nicht bezweifelt.«

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

Reichswehrministerium wegen der Exemtion der Feldpropstei aus dem Wege zu räumen.« Wenn der Hl. Stuhl die Exemtion der Militärseelsorge befürworten sollte, könnte er dem Feldpropst schließlich nahe legen, in stetem Kontakt mit dem Episkopat bleiben zu müssen. »Eure Eminenz werden es verstehen, wenn ich beim Herannahen eines schweren Kulturkampfes diesen lapis offensioni aus dem Wege geräumt sehen möchte.«69 Die Verschleierungstaktik Hitlers, die Repressionen als Konsequenz aus der Notverordnung zum »Schutze des deutschen Volkes« vom 4. Februar und der »Reichstagsbrandverordnung« vom 28. Februar sowie die schlagenden SA-Formationen, die den Wahlkampf für die neu angesetzten Reichstagswahlen vom 5. März beherrschten70, führten dazu, dass die Wahlkundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz vom 20. Februar kein »Trompetenstoß zur Mobilisierung der letzten Reserven« wurde, sondern dass die Bischöfe die Wahlempfehlung der Reichstagswahl von 1932 wiederverwerteten71. In dieser hatte der Episkopat unmissverständlich, wenn auch nicht expressis verbis, zur Wahl des Zentrums aufgerufen und Bertram ergänzte den Aufruf nun mit Zusätzen wie »in entscheidender Stunde« und »überaus große Bedeutung«72. In seinem eigenen Wahlaufruf für die Diözese Breslau betonte er – wie in all seinen bisherigen Wahlhirtenbriefen – die Christenpflicht des Katholiken, von seinem Wahlrecht durch Wahl von Vertretern Gebrauch zu machen, die für die Rechte der katholischen Kirche eintraten. Außergewöhnlich war der Hinweis, dass die Gläubigen aufgerufen werden sollten zu »eifrigem Gebet um einen guten Ausgang der Wahlen für das Wohl des Vaterlandes« und dass die Vormittagsgottesdienste am Wahlsonntag so gelegt werden sollten, »daß den Gläubigen bequem Gelegenheit gegeben ist, ihre Wahlpflicht zu erfüllen.« Zusätzlich erteilte Bertram seinem Klerus die Erlaubnis zur Bination, dem Zelebrieren zweier Messen an einem Tag, um dieser Anforderung gerecht werden zu können73. 69

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Bertram an Pacelli vom 24.2.1933, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 613, fasc. 132, f. 55r-56v, hier 55r, 56r; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 56; J. GÜSGEN, S. 215. Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des deutschen Volkes vom 4.2.1933, in: RGBl 1933, Nr. 8 vom 6.2.1933, S. 35-41; Verordnung des Reichspräsidenten gegen Verrat am Deutschen Volke und hochverräterische Umtriebe vom 28.2.1933, in: RGBl 1933, Nr. 18 vom 1.3.1933, S. 85-87; K. REPGEN, Machtergreifung, S. 7; H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 179-181. L. VOLK, Bayerischer Episkopat, S. 50. Oberhirtliche Kundgebung zu den Wahlen vom 20.2.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 3, S. 6 f.; A. BERTRAM, Hirtenwort zu den bevorstehenden Wahlen vom 19.2.1933, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 131, S. 505 f. Für L. VOLK, Bayerischer Episkopat, S. 50 war dieser Aufruf für die neue Situation nach der so genannten »Machtergreifung« »unwiderruflich veraltet und barg die Gefahr in sich, den Kirchenbesuchern eine Normalität vorzuspiegeln, von der sich die Wirklichkeit rasch entfernte.« K. REPGEN, Machtergreifung, S. 20, Anm. 47 weist darauf hin, dass ein »Mangel an Bewußtsein dafür, daß sich seit Hitlers Regierungsantritt das Außerordentliche schlechthin, dem man nicht allein mit dem ›Normalen‹ begegnen dürfe, ereignete, ... kein Spezifikum des deutschen Episkopats oder Katholizismus, sondern allenthalben die Regel« war. A. BERTRAM, Hirtenwort zu den bevorstehenden Wahlen vom 19.2.1933, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 131, S. 506.

3. Annäherung zwischen katholischer Kirche und NS-Staat

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Wenige Tage vor der Reichstagswahl wandte sich der Breslauer Kardinal im Namen der preußischen Bischöfe an das deutsche Staatsoberhaupt, Reichspräsident Hindenburg, und bat ihn angesichts des steigenden Terrors im Wahlkampf um den »Schutz der Wahlfreiheit und der jedem Staatsbürger gesetzlich gewährleisteten Rechte.«74 Der Appell zeigte wenig Wirkung, verdeutlicht aber »den Grad der Zerrüttung, dem die politische Ordnung bereits zum Opfer gefallen war.«75 Das Wahlergebnis des Zentrums und der BVP ähnelte dem der Reichstagswahl vom Juli 1932, doch erhielt Hitlers Koalition mit der DNVP eine Stimmenmehrheit von 51,9 Prozent76. Zu diesem Zeitpunkt jedoch war – nach der »Reichstagsbrandverordnung« vom 28. Februar – »realpolitisch nichts Entscheidendes mehr zu retten ... Der Weg in die Diktatur war unvermeidlich.«77 Nach der Reichstagswahl sah Bertram »die Stunde ... gekommen«, dass er im Namen der Fuldaer Bischofskonferenz »mit der dringenden Bitte um Schutz für Kirche und kirchliches Leben und Wirken« erneut an Reichspräsident Hindenburg herantrat, in den er in der ersten Märzhälfte seine Hoffnungen setzte, um das nach seinem »Harmoniemodell« notwendige harmonische Zusammenwirken zwischen kirchlicher und staatlicher Autorität zu sichern78. Das unharmonische Verhältnis zur Regierungskoalition Hitlers – das Verbot der Teilnahme von Parteiformationen an kirchlichen Veranstaltungen galt beispielsweise weiter fort79 – sollte durch die Harmonie mit dem Staatsoberhaupt ausgeglichen werden. Ohne Absprache mit dem Gesamtepiskopat erschien in der Kölnischen Volkszeitung vom 18. März eine vom Kölner Ordinariat initiierte Notiz, dass eine bischöfliche Erklärung zum Nationalsozialismus erscheinen werde, »sobald die 74

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Bertram an Hindenburg vom 1.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 3, S. 7, Anm. 2; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 62. H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 180. J. FALTER / T. LINDENBERGER / S. SCHUMANN, S. 73. Eine kurze Wahlanalyse bei H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 182 f. Dieses Wahlergebnis kann dahingehend gedeutet werden, dass der bischöfliche Wahlaufruf seine Wirkung, die potentielle Wählerschaft des Zentrums dazu zu veranlassen, eben jene Partei zu wählen, nicht verfehlte, zumindest jedoch keinen Hinderungsgrund darstellte. Die Antwort auf die Frage, ob die Bischöfe durch ein schärfer gegen den Nationalsozialismus gerichtetes Hirtenwort ein höheres Ergebnis für das Zentrum hätten erreichen können, muss offen bleiben. Dass sich L. VOLK, Bayerischer Episkopat, S. 50 aus der Rückschau einen »Trompetenstoß« zu Beginn des NS-Regimes wünschte, ist allzu verständlich. H. HÜRTEN, Zeugnis, S. 369 bringt dieses Problem auf den Punkt: »Unser heutiges Urteil tendiert dahin, sie [die Proteste der Bischöfe] als unzureichend anzusehen. Sie waren nicht heftig und konstant genug, um uns heute zu gefallen.« K. REPGEN, Machtergreifung, S. 21. Bertram an Hindenburg vom 10.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 4, S. 7 f. Es fällt auf, dass Bertram in seinem Schreiben nicht von der Reichsregierung, sondern von der »zur Macht gelangte[n] Bewegung« sprach. Man kann den inneren Konflikt des Kardinals nachfühlen, der Hemmungen hatte, diese »Bewegung« als legale staatliche Obrigkeit anzuerkennen – als solche schien ihm zu diesem Zeitpunkt ausschließlich der Reichspräsident zu gelten. Hindenburg antwortete, dass er mit »dem Herrn Reichskanzler über die von Ihnen hier berührten Fragen alsbald zu sprechen« gedenke. Hindenburg an Bertram vom 14.3.1933, in: Ebd., S. 8, Anm. 1. Bertram an NSDAP-Ortsgruppe Schönwalde vom 17.3.1933, AAW – IA 25 s135.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

durch die jüngsten Vorgänge geschaffene Lage sich klarer übersehen« ließe80. Bertram sah, wie er den Mitgliedern der Fuldaer Bischofskonferenz am 19. März mitteilte, allerdings keine Veranlassung dazu, die früheren Warnungen vor dem Nationalsozialismus zurückzunehmen. »Wer revidieren muß, ist der Führer der Nationalsozialisten selbst«, habe er tags zuvor zu Vizekanzler Papen, der ihn in Breslau besucht hatte, gesagt. Besonders interessant ist der Hinweis auf die bisherige Praxis in der Behandlung eines die staatliche Obrigkeit stellenden weltanschaulichen Gegners. »Die Veränderung in den politischen Machtverhältnissen kann nicht Anlaß sein, die aus kirchlichen Gründen beschlossenen Stellungnahmen zu beeinflussen. Auch da, wo die Sozialdemokratie herrschend ist, wird die Kirche ihre Stellung zu derselben nicht zu revidieren brauchen; die Zusammenarbeit des Zentrums in erlaubten Dingen berührt die kirchliche prinzipielle Stellung und seelsorgliche Handlungsweise nicht.«81

Diese prinzipielle Erklärung setzte Bertram allerdings nicht konsequent in die Realität um, sondern er war bereit, Zugeständnisse zu machen, um seinen Klerus und die Gläubigen nicht zu gefährden. Papen setzte Bertram unter Druck, indem er damit drohte, dass es zu Ausschreitungen im oberschlesischen Beuthen kommen werde, wenn der Ortspfarrer einem verstorbenen SA-Mann das kirchliche Begräbnis verweigern würde. Der Fürstbischof gab nach und teilte dem zuständigen Pfarrer mit, dass das Begräbnis zulässig sei, »wenn begleitende Formation Parteigenossen insoweit Zurückhaltung übt, daß Erweisung letzter Ehre nicht zu antikatholischer parteipolitischer Demonstration« führe. »Damit war Bertram dem Druck der Straße so weit zurückgewichen, daß das bisherige Verbot seinen Sinn verloren hatte, den Graben zwischen der Kirche und dem Nationalsozialismus offenzuhalten.«82 Auch Hitler erhöhte den Druck auf die Bischöfe, ihre Warnungen vor dem Nationalsozialismus zurückzunehmen, indem er dem katholischen Gottesdienst am 21. März, dem Tag von Potsdam, mit der Begründung fern blieb, dass es ihm nicht möglich sei, seine Christenpflicht zu erfüllen, solange die besagten Warnungen bestünden. Stattdessen legte er demonstrativ Kränze an Gräbern von »ermordeten SA-Kameraden« nieder83. Zwei Tage später, am 23. März, bot Hitler den Bischöfen und dem Zentrum in seiner Regierungserklärung vor der deutschen Öffentlichkeit die Versöhnung an, womit er den Forderungen und Wünschen Bertrams und des politischen Katholizismus nachkam84. Sowohl diese öffentliche Versicherung des Reichskanzlers 80 81

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KV Nr. 74 vom 18.3.1933, zitiert nach L. VOLK, Reichskonkordat, S. 71, Anm. 47. Bertram an Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz vom 19.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 6, S. 11-13, L. VOLK, Reichskonkordat, S. 71-77; E.-W. BÖCKENFÖRDE, Stellungnahme, S. 229. H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 188 f. In Gegensatz zu Bertram forderten mehrere westdeutsche Bischöfe unter Führung Kardinal Schultes eine Neuauflage der lehramtlichen Verwerfung des Nationalsozialismus. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 72 f. J. BECKER / R. BECKER (Hrsg.), S. 162 f.; H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 187 f. »Die nationale Regierung sieht in den beiden christlichen Konfessionen wichtigste Faktoren der Erhaltung unseres Volkstums. Sie wird die zwischen ihnen und den Ländern abgeschlossenen Verträge [Bayern-, Preußen- und Badenkonkordat] respektieren; ihre Rechte sollen nicht angetastet

3. Annäherung zwischen katholischer Kirche und NS-Staat

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zur Wahrung der Stellung der Kirche im neuen Staat als auch das »Ja« des Zentrums und der BVP zum Ermächtigungsgesetz veranlassten Bertram dazu, die bisherigen internen bischöflichen Verhandlungen über eine Erklärung zum Nationalsozialismus als »überholt« zu bezeichnen85. Kardinal Faulhaber teilte er mit Blick auf den Wunsch Schultes nach einer schnellen bischöflichen Äußerung allerdings mit, »daß ein klein wenig ›nichts überstürzen‹ auch sein Gutes hat.«86 Die »Schlesische Volkszeitung« schrieb nach der Regierungserklärung, dass die neue Haltung Hitlers »nicht ohne Einfluß auf das Verhältnis der Kirche sein« könne, und sie vermutete, dessen Versicherung »dürfe ebenso eine gewisse Klärung bestimmter Fragen wie eine Entspannung auf diesem Gebiet zur Folge haben.«87 Solche Äußerungen, denen die Hoffnung auf Beilegung des Konfliktes zwischen dem neuem Staat und der katholischen Kirche zu Grunde lagen, waren ganz im Sinne Hitlers, denn durch sie wurde der Druck auf die Amtskirche aus den katholischen Reihen erhöht. Einen Tag nach dem »Kardinalfehler des deutschen Katholizismus«, der Zustimmung des Zentrums zum Ermächtigungsgesetz, entwarf Bertram am 24. März eine gemeinsame Erklärung der Fuldaer Bischofskonferenz, die ähnlich schwerwiegende Folgen haben sollte und in der Forschung ähnlich stark umstritten ist88. Er sandte einen Entwurf an seine Amtsbrüder mit der Bitte um zeitnahe Stellungnahme und gegebenenfalls um Änderungswünsche: »Die verschiedenen Anregungen werden beachtet werden.«89 Bertram wusste, dass »die Ansichten der hochwürdigsten Herren über die Opportunität der Fassung divergieren« würden und dass es »schwer sein [würde], eine einheitliche Fassung zu treffen.«90 Daher musste es erstaunen, dass er bereits am 27. März feststellte, dass »die Abstimmung unter den Hochwürdigsten Herren Mitgliedern der Fuldaer Bischofskonferenz ... eine erfreuliche Übereinstimmung ergeben« hätte91. Somit

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werden... Die nationale Regierung wird in Schule und Erziehung den christlichen Konfessionen den ihnen zukommenden Einfluß einräumen und sicherstellen...« Die Regierungserklärung des Reichskanzlers vom 23.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, S. 15, Anm. 1. Bertram an die Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz sowie Faulhaber vom 24.3.1933, in: Ebd., Nr. 8, S. 15 f. Bertram hatte am 19.3.1933 ein Rundschreiben mit einer beabsichtigten Erklärung des Episkopats zum Nationalsozialismus versandt. Bertram an Fuldaer Bischofskonferenz vom 19.3.1933, in: Ebd., Nr. 6, S. 11. Siehe zu den Positionen der einzelnen Bischöfe deren Schreiben in AAW – IA 25 z42. Bertram an Faulhaber vom 24.3.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 278, S. 671 f., hier 672. SV vom 26.3.1933. K. REPGEN, Machtergreifung, S. 21 f. H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 185-187; W. BECKER, Zentrumspartei, S. 2-8. Bertram an die Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz und Faulhaber vom 24.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 8, S. 15 f., hier 16; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 75 f.; L. VOLK, Kundgebung; H. MÜLLER, Vorgeschichte; H. MÜLLER, Interpretation. Bertram an Faulhaber vom 23.3.1933, in: L.VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 277, S. 669 f., hier 670. Dass einzelne »unwesentliche neue Formulierungen nicht [hätten] aufgenommen« werden können, läge daran, dass der damit verbundene Briefwechsel zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte. Bertram an die Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz vom 27.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 14, S. 29. Kardinal Faulhaber zweifelte zwar daran, »ob den großen Worten [Hitlers] ebenso große Taten folgen« würden (Aufzeichnung Faulhabers vom 20.4.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 307, S. 714-716, hier 715). Dennoch unterstützte er die Annäherung, da er

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

stand seiner Meinung nach einer Veröffentlichung des überarbeiteten Textes am 28. März nichts mehr im Wege92. Vergleicht man Bertrams Entwurf vom 24. mit der endgültigen Erklärung vom 28. März, so stellt man fest, dass »der Ton ... reservierter, die Argumentation differenzierter geworden« war. Diese Änderungen gehen fast ausschließlich auf die Korrekturvorschläge Kardinal Schultes und des Kölner Ordinariats zurück93. Es handelt sich beim endgültigen Schreiben keineswegs um eine pauschale Annahme der Lehren des Nationalsozialismus, sondern Bertram und Schulte differenzierten zwischen solchen Aussagen über die Partei, welche zurückgenommen werden und solchen, welche bestehen bleiben sollten. Bertram begründete das Schreiben durch die »öffentlich und feierlich« abgegebenen Erklärungen des »höchsten Vertreter[s] der Reichsregierung, der zugleich autoritärer Führer jener Bewegung ist«, über die Anerkennung der »Unverletzlichkeit der katholischen Glaubenslehre« und über die »Staatsverträge« der Kirche mit den Ländern Bayern, Preußen und Baden. »Ohne die in unseren früheren Maßnahmen liegende Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer aufzuheben, glaubt daher der Episkopat das Vertrauen hegen zu können, daß die vorbezeichneten allgemeinen Verbote und Warnungen nicht mehr als notwendig betrachtet zu werden brauchen.« Seinem Harmoniemodell folgend mahnte Bertram die Katholiken zur »staatsbürgerlichen Treue« der »rechtmäßigen Obrigkeit« gegenüber »unter grundsätzlicher Ablehnung allen rechtswidrigen oder umstürzlerischen Verhaltens.«94 Mit diesen Worten wandte sich Bertram an die deutschen Katholiken, die sich nicht gegen die Umwälzungen im neuen Staat erheben sollten, und nicht an die nationalsozialistischen Machthaber95. Mit den Worten »In Geltung bleibt ...« leitete Bertram die letzten drei Absätze des Schreibens ein, in denen er auf die Punkte der bischöflichen Mahnungen verwies, die ausdrücklich nicht widerrufen wurden, nämlich die Aufrufe zum Schutz des Volkes, der christlichen Religion, der katholischen Kirche, der katholischen Schulen, Jugendorganisationen und Vereine.

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der Auffassung war, dass insgesamt »mehr Toleranz gegen die neue Regierung zu üben sei.« Faulhaber an bayerischen Episkopat vom 24.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 9, S. 16-18, hier 17. Kundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz vom 28.3.1933, in: Ebd., Nr. 14a, S. 30-32. Begleitet wurde dieser Text durch seelsorgliche Instruktionen für den Klerus, durch welche die Beteiligung von Nationalsozialisten an liturgischen Feiern geregelt und insgesamt die Abwanderung von Katholiken zu den Nationalsozialisten gestoppt werden sollte. Instruktion der Fuldaer Bischofskonferenz für den Klerus vom 29.3.1933, in: Ebd., Nr. 15/I, S. 33 f.; H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 192 f. Schulte an Bertram vom 25.3.1933, AAW – IA 25 z42. Lediglich die Anregung zur Passage über die katholische Jugendorganisation ging von den Bischöfen Berning (Berning an Bertram vom 25.3.1933, Ebd.) und Antonius Hilfrich, Bischof von Limburg, aus. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 78. Kundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz vom 28.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 14a, S. 30-32. So H. BUCHHEIM. Siehe zur Kontroverse um die Interpretation dieser Textstelle H. SCHLÖMER, Vorgeschichte; P. MIKAT; H. MÜLLER, Interpretation; H. MÜLLER, Vorgeschichte; L. VOLK, Kundgebung; K. SONTHEIMER.

3. Annäherung zwischen katholischer Kirche und NS-Staat

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Diese Episode ist ein typisches Beispiel für Bertrams Führungsstil der Fuldaer Bischofskonferenz. Als Konferenzvorsitzender hielt er vor allem in der sitzungsfreien Zeit die Fäden in der Hand und er traf die letzten Entscheidungen über das Vorgehen des preußischen Episkopats. Zwar benachrichtigte er seine Amtsbrüder über seine geplante Erklärung und er bat sie um rasche Antwort auf seinen Entwurf durch Eilbrief oder Telegramm – ohne einen festen Termin hierfür zu nennen –, jedoch wartete er nicht auf die Antwortschreiben aller Bischöfe. Fünf von insgesamt 19 Mitgliedern, also ungefähr ein Viertel der Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz, hatten noch nicht geantwortet, als ihr Vorsitzender die endgültige Fassung am 27. März an die Presse sandte96. Das meiste Gewicht innerhalb des Episkopats maß Bertram den Ansichten des Kölner Kardinals Schulte bei, dessen Entwurf er fast vollständig übernahm. Die Mehrheit der preußischen Bischöfe sprach sich prinzipiell für eine Erklärung aus, auch wenn es Gegenvorschläge zum Inhalt und zu Formulierungen derselben gab. Nach dem Prinzip der Majorisierung und aus der Notwendigkeit, einen einheitlichen Text schaffen zu müssen, ignorierte Bertram einen Teil dieser Änderungsvorschläge. So überging er auch die prinzipiellen Einwendungen von Joannes Baptista Sproll, des Bischofs von Rottenburg, dass der Entwurf »den grundsätzlichen Standpunkt zu wenig« wahre und »zu viel ... (dem Volke gegenüber)« preis gebe97. Die Endredaktion der Erklärung lag wie gewöhnlich bei Bertram und die Bischöfe waren bereit, auch ohne Kenntnis der endgültigen Fassung ihre Unterschrift im Voraus zu leisten, auch wenn ihre Änderungsvorschläge nicht beachtet werden sollten98. Der Generalvikar der zur Erzdiözese Olmütz gehörenden Grafschaft Glatz erkannte als einziger die Problematik der Regierungserklärung Hitlers, doch ging Bertram auf diese Argumentation nicht ein. Dittert erinnerte daran, dass sich die Ablehnung des Episkopats bisher immer auf Punkt 24 des nationalsozialistischen Parteiprogramms bezogen hatte. Auch wenn Dittert die Regierungserklärung positiv bewertete, mahnte er, dass man »daraus noch nicht auf eine Änderung obigen, unabänderlichen Parteiprogrammes schließen [könne]. Hier trug Herr Kanzler Hitler die offizielle Regierungserklärung als Regierungschef vor.« Es sei zu bedenken, dass an der Regierung auch Vizekanzler Papen beteiligt sei und diese die Billigung des Reichspräsidenten benötige. Dittert konnte sich »sehr gut denken, daß sie [die Regierungserklärung] ganz anders gelautet haben würde, wenn hinter Herrn Hitler eine rein nationalsozialistische Regierung gestanden hätte. Sie würde somit m.E. nur zu einer bischöflichen Stellungnahme gegenüber der augenblicklichen Reichsregierung berechtigen ... Erst wenn Herr Hitler offiziell auch als Parteiführer – etwa auf einer Parteikundgebung oder in der Parteipresse – sich in demselben Sinne äußern und damit diese 96

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Die Antwortschreiben aus Fulda, Paderborn, Meißen, Schneidemühl, Branitz sowie die der bayerischen Bischöfe mit Ausnahme von Bischof Hauck von Bamberg und Kardinal Faulhaber waren am 27.3. noch nicht in Breslau eingegangen. AAW – IA 25 z42; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 76. Sproll an Bertram vom 25.3.1933, AAW – IA 25 z42. So Hauck an Bertram vom 25.3.1933, Ebd.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur Stellung gegenüber der Kirche zum Parteiprogramm erklären würde, könnte man daraus auf eine Abschwächung und Abänderung obigen Programmpunktes schließen, die bezeichneten Verbote und Warnungen aufheben und den Anschluß der Katholiken an diese Partei als zulässig erklären unter Hinweis auf die in der vorgeschlagenen Kundgebung genannten Einschränkungen.«99

Bertram fühlte sich nicht dazu befugt, die Erklärung auch im Namen der Freisinger Bischofskonferenz zu veröffentlichen, wollte damit aber auch nicht warten, bis sich die bayerischen Bischöfe geäußert hatten. Wahrscheinlich befürchtete er von diesen weitere Einwände, was das Erstellen eines endgültigen Textes erschwert und verzögert hätte. Unter den gegebenen Umständen stellte die Erklärung tatsächlich einen Mehrheitsbeschluss der Bischofskonferenz dar. Dieselbe Überlegung wird ausschlaggebend dafür gewesen zu, dass Bertram die Voten der fünf übrigen Fuldaer Konferenzteilnehmer nicht abwartete. Dieses Vorgehen rief einige Spannungen hervor, da sich der bayerische Episkopat der Fuldaer Erklärung mit Verspätung anschließen musste100. Und so waren es auch vor allem bayerische Bischöfe, die nach der Veröffentlichung der Erklärung »scharfe Kritik« an der »überstürzten Entspannungspolitik« des Fuldaer Konferenzvorsitzenden übten101. Dabei befürchtete der Würzburger Bischof Ehrenfried zu Recht, dass die bischöfliche Kundgebung »als vollständige Kapitulation der Kirche vor dem Nationalsozialismus« verstanden werden könnte. Er brachte die zentrale Schwäche des Dokuments ähnlich wie zuvor Dittert auf den Punkt, nämlich dass »die Regierungserklärung wie eine Parteierklärung aufgefaßt« werde102. Demnach kann man Heinz Hürten folgen, wenn er darauf hinweist, dass es Bertram und dem Episkopat hier – wie auch in den Folgejahren – nicht gelang, zwischen »Staatsautorität in der Hand nationalsozialistischer Politiker und nationalsozialistischer Partei zu differenzieren« und dass »eine bessere Fähigkeit zur Unterscheidung vielleicht manche Illusion [hätte] verhindern und zu einer präziseren Perzeption der Lage [hätte] führen können.«103 In einem Schreiben an Erzbischof Konrad Gröber von Freiburg meinte Bertram, dass durch die letzten drei Absätze der Erklärung vom 28. März deutlich werde, »welche Bewegung der Episkopat empfiehlt«. Um die Verbreitung dieser 99 100 101

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Dittert an Bertram vom 25.3.1933, Ebd. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 76 f. L. VOLK, Bertram, S. 281. Bischof Buchberger beispielsweise wünschte sich mehr »Zurückhaltung und Würde«. Buchberger an Faulhaber vom 27.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 13, S. 27 f., hier 27. Auf den Passauer Bischof Sigismund Felix Frhr. von Ow-Felldorf machte die Kundgebung »etwas den Eindruck eines nicht ganz ausgereiften Produktes überstürzter Eile.« Ow-Felldorf an Faulhaber vom 29.3.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 284, S. 681 f., hier 682. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 75-77. Zu Bertrams Führungsstil in der Bischofskonferenz siehe Kapitel III.2.a. Ehrenfried an Faulhaber vom 26.3.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 281, S. 676 f., hier 676. H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 189.

3. Annäherung zwischen katholischer Kirche und NS-Staat

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Interpretation zu erreichen und um der mit Sicherheit einsetzenden Parteipropaganda entgegen zu wirken, sollte die katholische Presse »in begleitenden Artikeln darauf hinweisen, daß die Kundgebung vom 28. März keineswegs eine restlose Empfehlung des Nationalsozialismus« sei104. Die Erklärung war, ähnlich wie viele seiner Pastoralanweisungen an den Klerus sowie viele seiner Hirtenworte und anders als ein Großteil der späteren internen Eingaben, explizit für die Verbreitung in der Öffentlichkeit gedacht. Ihr Inhalt, inklusive der Einschränkungen, sollte in der Presse erläutert werden. In der bisherigen Forschung wurde dieser Aspekt jedoch kaum beachtet105. Bertram maß der katholischen Presse in den Abwehrkämpfen gegen christentumsfeindliche Organisationen größte Bedeutung zu: »Wachsamkeit im Glaubensleben! Dieser Ruf mahnt uns an unsere Pflichten gegenüber der Presse. Uns allen ist der große Einfluß der Presse bekannt: ihr Einfluß auf die Anschauung des gesamten Volkes, ihr Einfluß auf das Verhältnis der Christen zur kirchlichen Obrigkeit, ihr Einfluß auf alle Gebiete des öffentlichen Lebens. Tag für Tag wandern Millionen von Blättern durch alle Hände. Das bedeutet ihre Begründung als Großmacht, ihre stille, alle Kreise durchdringende Gewalt. Aufs tiefste greift dieser Einfluß hinein in die religiösen Anschauungen der breitesten Massen, greift ein in das Glaubens- und Sittenleben zahlloser Familien und Gemeinden.«

Aus diesen Gründen sei die Mahnung der Fuldaer Bischofskonferenz so wichtig: »In jedes katholische Haus eine katholische Zeitung.«106 Am 29. März druckte die »Schlesische Volkszeitung« die Kundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz unter der Überschrift »Der Zugang zum Frieden« in ihrem kompletten Wortlaut ab und trug somit zu deren Verbreitung bei. Mit »staatsmännischer Klugheit« und »christlichem Verantwortungsbewußtsein« habe der Führer die Bischöfe dazu veranlasst, die allgemeinen »Verbote und Warnungen als nicht notwendig« zu erklären. »Das bedeutet kein Zurückweichen vor dem Nationalsozialismus, sondern stellt eine Anerkennung der von dem Kanzler gegebenen Versprechungen dar und ist der Ausdruck des Vertrauens, daß auch er zu seinen Worten halten wird.« Des Weiteren gehe man davon aus, dass anderslautende Äußerungen aus der Partei durch die »autoritäre Geltung« der Regierungserklärung Hitlers nichtig seien. Ausdrücklich hingewiesen wurde darauf, »daß die verurteilende Stellung der Kirche gegenüber bestimmten religiös-sittlichen Irrtümern, die ja hauptsächlich die Verbote des Episkopates veranlaßt hatten, sich absolut nicht geändert hat. Demgemäß bedeutet die Kundgebung durchaus nicht eine 104

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Bertram an Gröber vom 27.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, S. 31, Anm. 1; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 79. Lediglich L. VOLK, Kundgebung, S. 449 f. geht hierauf näher ein. »Tatsächlich sind Spuren seiner publizistischen Initiative in mehreren Blättern nachweisbar (Schlesische Volkszeitung und Kölnische Volkszeitung), wobei eine systematische Suche sicherlich noch mehr Zeugnisse sammeln könnte.« A. BERTRAM, Wachsameit, die Tugend der katholischen Aktion vom 7.2.1932, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 124, S. 471 f.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur Empfehlung des Nationalsozialismus, sondern die Tolerierung unter ganz bestimmten Voraussetzungen um des Friedens willen.«

Zudem wurden die »Katholiken ermahnt, an ihren katholischen Organisationen unter allen Umständen festzuhalten.« Über die kirchliche Erklärung hinausgehend ermahnte die Zeitung die Katholiken dazu, dem Zentrum und der BVP treu zu bleiben. Diese könnten ihre Versprechen nur mit der Unterstützung ihrer katholischen Wähler halten. Insgesamt entsprach die »Schlesische Volkszeitung« also mit diesem Artikel den Intentionen Bertrams107. Auch die »Kölnische Volkszeitung« stellte sich am 30. März hinter die bischöfliche Erklärung: »In die Irre dürften auch jene Presseäußerungen gehen, die in der Kundgebung einen Widerruf früherer Feststellungen erblicken wollen.« Durch die Regierungserklärung Hitlers könne ein Teil der Warnungen jedoch als nicht mehr notwendig angesehen werden. Auch die »Kölnische Volkszeitung« wies ausdrücklich darauf, dass bestimmte »religiös-sittliche Irrtümer« nicht aufgehoben wurden: »Ebenso wird auch kein aufmerksamer Leser der Bischöflichen Kundgebung das Wörtchen ›allgemein‹ übersehen, das die nicht mehr als notwendig erachteten Verbote und Warnungen näher charakterisiert ... Indem drei Absätze gleichlautend mit den Worten beginnen: ›In Geltung bleibt‹, erhellt zur Genüge, daß es sich in der Kundgebung durchaus nicht, wie hier und da fälschlich gefolgert wurde, um eine Empfehlung der Nationalsozialistischen Partei handelt, sondern [um] Richtlinien, für deren Verwirklichung ›wachsam und opferfreudig‹ einzutreten alle Katholiken ermahnt werden.«108

Die »Germania« druckte den kompletten Wortlaut der Kundgebung ab und wies explizit darauf hin, dass dieser keine römische Intervention voraus gegangen sei. »Da es sich hier um eine rein innerdeutsche Angelegenheit handelt, waren für sie allein die deutschen Bischöfe zuständig, deren heutige Stellungnahme durch die Beseitigung bisheriger Unklarheiten möglich geworden ist.«109 Die »Donau-Zeitung Passau« vom 31. März berichtete ebenfalls im Sinne Bertrams. Nach dem Zitat der einschlägigen Stellen aus Hitlers Regierungserklärung hieß es: »Es braucht nicht eigens ausgesprochen zu werden, daß der Erlaß der deutschen Bischöfe keineswegs eine Aufforderung darstellt, nun der nationalsozialistischen Partei beizutreten, zumal die Bischöfe ausdrücklich erklären, die bereits früher erfolgte Beurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer aufrecht zu erhalten.« Der Artikel schloss nach dem Zitat der Kundgebung: »So die Oberhirten der Kirche. Jeder Katholik versteht, daß damit ein treues Festhalten an den 107 108 109

Der Zugang zum Frieden, in: SV vom 29.3.1933. Die Bischöfe und der Nationalsozialismus, in: KV Nr. 87 vom 30.3.1933. Kirche und Nationalsozialismus. Eine Kundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz, in: GERMANIA Nr. 88 vom 29.3.1933. Pacelli wies Nuntius Orsenigo an, die Redaktion der Germania zu veranlassen, dass sie zukünftig solche Kommentare, die »confusione ed errori« bei den Lesern hervorrufen würden, unterlassen sollte. Pacelli an Orsenigo vom 3.4.1933 [K], ASV – A.E.S., Germania, Pos. 621, fasc. 140, f. 13r-14r; T. BRECHENMACHER, Teufelspakt, S. 612.

3. Annäherung zwischen katholischer Kirche und NS-Staat

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bewährten Überlieferungen katholischer Betätigung im öffentlichen Leben auch in der neuen Zeit geboten ist.«110 Das bischöfliche Ordinariat in Passau folgte Bertrams Bitte, eine Erklärung in der Presse abzugeben, durch eine Veröffentlichung in der »Reichspost« vom 7. April 1933. Auch die »Reichspost« zitierte die einschlägigen Passagen der Regierungserklärung sowie die letzten drei Absätze der bischöflichen Erklärung und betonte, dass diese keine Aufforderung zum Beitritt zur NSDAP sei und dass die religiös-sittlichen Irrtümer auch weiterhin bestünden111. Verschiedene andere Zeitungen (»Berliner Tageblatt«112, »Morgenpost«, »Vossische Zeitung«) gaben die Erklärung ohne eine eigene Bewertung wieder, andere (»Tag«, »Berliner Börsen-Kourier«, »Deutsche Allgemeine Zeitung«) sprachen vom Frieden zwischen katholischer Kirche und Nationalsozialismus. Für die »Deutsche Zeitung« war die Kundgebung eine Kapitulation der Fuldaer Bischofskonferenz und für die protestantische »Kreuz-Zeitung« zeigte die Kundgebung, dass sich die Bischöfe den Tatsachen gestellt hätten und der Weg zu einem einheitlichen christlichen Volk frei sei113. Die »Allgemeine Rundschau« vom 19. April 1933 stellte einen kleinen Pressespiegel über die Kundgebung des Episkopats zusammen114. Hierin zitierte sie ein »Schweizerisches republikanisches Blatt«, möglicherweise den »Tages-Anzeiger«, das die bischöfliche Haltung stark kritisierte: »Die deutschen Bischöfe haben die komplette Kapitulation des Zentrums um die viel folgenschwerere und tragischere ihrer selber ergänzt. War es nötig? Nein! Adolf Hitler wäre froh genug um eine eiskalte, reservierte Haltung der Bischöfe gewesen, wenn sie nur weiter nicht gerade offenen Widerstand leisteten. Und die ängstliche Sorge, diesen Widerstand herauszufordern, hätte ihn zur Vorsicht gemahnt. Das war die letzte Macht[,] die er noch fürchtete, die moralische Macht des deutschen Episkopats.«

In einer realistischen Einschätzung der zukünftigen Situation prophezeiten die Schweizer: »Die deutsche Kirche wird es erfahren. Wenn der Nationalsozialismus sich an den Juden ausgetobt hat, wird der Sturm gegen die Kirche gehen.«115 Die »Allgemeine Rundschau« sah sich veranlasst, den schweizerischen Artikel »um der Gerechtigkeit willen ... richtig zu stellen: Die Bischöfe haben sich nicht 110

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Kundgebung der deutschen Bischöfe zum Nationalsozialismus, in: DONAU-ZEITUNG PASSAU Nr. 76 vom 31.3.1933. »Die kirchliche Verurteilung der religiös-sittlichen Irrtümer des Nationalsozialismus bleibt aufrecht.« Eine Erklärung des Passauer Ordinariates, in: REICHSPOST Nr. 98 vom 7.4.1933. Fuldaer Bischofskonferenz und nationalsozialistische Bewegung, in: BERLINER TAGEBLATT Nr. 146 vom 29.3.1933. So der Bericht von Orsenigo an Pacelli vom 29.3.1933, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 621, fasc. 140, f. 2r-3v. Kirche und Nationalsozialismus, in: ALLGEMEINE RUNDSCHAU Nr. 16 vom 19.4.1933, S. 242 f. Vom »Tages-Anzeiger. Überparteiliche schweizerische Tageszeitung« konnte kein Exemplar für den untersuchten Zeitraum beschafft werden. Die »Neue Zürcher Zeitung« beschränkte sich auf die Wiedergabe eines Auszugs der bischöflichen Erklärung, bei dem die letzten drei mit den Worten »In Geltung bleibt...« eingeleiteten Abschnitte allerdings nicht abgedruckt wurden. Die katholische Kirche und der Nationalsozialismus, in: NEUE ZÜRCHER ZEITUNG Nr. 561 vom 29.3.1933.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

mit den Irrtümern der NSDAP versöhnt. Diese Irrtümer hörten nicht auf, Irrtümer zu sein, seit die NSDAP den Thron der Macht bestiegen hat.« Zusätzlich seien die deutschen Bischöfe von der Haltung des Vatikans abhängig, schließlich waren Vizekanzler Papen und Reichstags- und Ministerpräsident Hermann Göring während ihrer Romreise dort mit den »ihren hohen Ämtern gebührenden Ehrenbezeichnungen« empfangen worden. Die »Augsburger Postzeitung«, bis zur Machtübernahme der NSDAP eine führende Zeitung der BVP, sprach sich offen für den Brückenbau zwischen Katholiken und Nationalsozialisten aus. Dabei ist es nicht erstaunlich, dass sie die Erklärung vom 28. März als »Bestätigung« des Nationalsozialismus empfand116. Im Radio wurde die Kundgebung nach einer Mitteilung Faulhabers an den Paderborner Erzbischof »als eine ›Zurücknahme‹ früherer Warnungen und Verbote« bezeichnet117. Dem »Völkischen Beobachter« vom 29. März ging die bischöfliche Kundgebung nicht weit genug und er forderte: »Wir würden uns freuen, wenn aus dem Entschluß jetzt noch offiziell die Folgerung gezogen würde, daß der deutsche Nationalismus keine Häresie darstellt, sondern eine schützende Lebensäußerung des deutschen Menschen.«118 Bertram konnte mit seiner Erklärung vom 28. März und mit den Erläuterungen in der Presse seine Ziele nicht erreichen. Insgesamt überwog zwar »die Erleichterung über den Abbruch einer Konfrontation, deren unausbleibliche Vertiefung den deutschen Katholizismus vor eine unerhörte Zerreißprobe gestellt hätte«. Neben die innerepiskopale Kritik trat die Kritik des politischen Katholizismus. Nicht nur, dass man ein Wort des Dankes und der Anerkennung in die Richtung der katholischen Parteien vermisst hatte, man fühlte sich auch von den Bischöfen im Stich gelassen119. Der Hildesheimer Priester und entschiedene Gegner des Nationalsozialismus, der bereits erwähnte Konrad Algermissen, schrieb am 31. März an Bertram, dass das katholische Volk »durch die Ereignisse der letzten Wochen und Tage weithin deprimiert« sei. Er fügte hinzu, dass »die neue Erklärung der deutschen Bischöfe, so notwendig sie auch war, und so klug und richtig in Inhalt und Formulierung sie auch ist, diese Depression nicht behoben, sondern 116 117 118 119

H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 214-216, hier 215. Faulhaber an Klein vom 29.3.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 183, S. 680 f. VÖLKISCHER BEOBACHTER vom 29.3.1933. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 78 f. Gegenüber Faulhaber gab Bertram dieses Veräumnis zu und entschuldigte es damit, dass »bei dem Ansturm von Vorhaltungen«, unter dem er ähnlich wie Faulhaber leide, »nun einmal leicht ein Gedanke, der sehr berechtigt ist, übersehen« werden könne. Bertram an Faulhaber vom 1.4.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 287, S. 686. Die Enttäuschung des Zentrums über die bischöfliche Erklärung verdeutlicht, »wie die beiden Führungsgremien einigermaßen verbindungslos nebeneinander her operierten. So wie sich die Bischöfe durch das Zentrums-Ja zum Ermächtigungsgesetz mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen gestellt sahen, so vier Tage später die Zentrumsleute durch die Aktion der Bischöfe vom 28. März.« Dass eine Konsultation zwischen Zentrumsspitze und Episkopat in den entscheidenden Tagen im März 1933 nicht stattfand, lag an der »traditionellen Selbständigkeit« des Zentrums im politischen Raum, die »niemand gewissenhafter« respektierte als Bertram.« L. VOLK, Reichskonkordat, S. 84 f.

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vielfach den Eindruck eines Zurückweichens der Kirche erweckt« habe120. Darüber hinaus konnte die Kundgebung so verstanden werden, als seien die Warnungen vor dem Nationalsozialismus gänzlich zurückgenommen und als stehe damit dem Überlaufen von Katholiken zur NSDAP nichts mehr im Wege. Daher ist der Interpretation, dass es sich bei diesen Worten um eine der »verhängnisvollsten Erklärungen« Bertrams handelte, durchaus zuzustimmen121. Mit aller nötigen Vorsicht, die die Kenntnis der folgenden Ereignisse und die Betrachtung aus der Retrospektive gebietet, muss gefragt werden, welche die Alternativen bischöflichen Handelns gewesen wären. Bertram beeilte sich, auf das geforderte Friedensangebot Hitlers einzugehen, doch hätte er nicht mindestens abwarten müssen, bis die Voten aller Bischöfe vorlagen? Oder vielleicht einige Tage oder wenige Wochen, ob den Worten Hitlers Taten folgen würden und ob der Reichskanzler die kirchenfeindlichen Kreise seiner Partei tatsächlich kontrollieren konnte oder überhaupt wollte? Für Bertram war es ausschlaggebend, »dem politisch aufgewühlten Kirchenvolk eine schwere innere Zerreißprobe zu ersparen.«122 Dabei wurde er von seinem Grundverständnis geleitet, dass er der bischöfliche Hirte war, der seine Schafe, die Laien, führen musste. Joachim Köhler kritisiert dieses bischöfliche Selbstverständnis Bertrams scharf: Die Erklärung vom 28. März sei »eines der verhängnisvollsten Dokumente kirchlicher Zeitgeschichte, weil durch sie die Gewissen der Gläubigen in einem Augenblick ruhig gestellt wurden, in dem sie hätten zu höchster Wachsamkeit aufgerufen werden müssen. Ein angeblich unpolitisches Dokument hatte enorme politische Auswirkungen. Es war auch ein Dokument der Entmündigung der Laien.« Der Vorwurf Köhlers, Bertram und der Episkopat hätten »auf eine Analyse der Gesellschaft und der realen Machtverhältnisse« verzichtet, kann nur teilweise gestützt werden123. Bedenkt man die Argumentation Ditterts und Ehrenfrieds, ist Köhler sicherlich zuzustimmen. Dennoch gab es Gründe für Bertrams Erklärung. Er wollte nicht nur den Gläubigen, sondern auch dem Klerus und dem Episkopat eine innere Zerreißprobe ersparen, und er meinte, dass nach Hitlers Regierungserklärung der Augenblick für den Ausgleich gekommen sei, den er nicht 120

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Algermissen an Bertram vom 31.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 17, S. 43 f.; H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 189-195; L. VOLK, Kundgebung, S. 451-455. Faulhaber verteidigte die Kundgebung im Interesse der »große[n] katholische[n] Sache« als »notwendig«, auch wenn sie dem Kirchenvolk »rätselhaft« erscheinen sollte. Faulhaber an Klein vom 29.3.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 183, S. 681. Stellvertretend für die kritischen Interpretationen der Erklärung vom 28.3.1933 siehe J. KÖHLER, Bertram-Bild, S. 47; J. KÖHLER, Wahrnehmung, S. 791. »Ein Abwarten, ob die Reichsregierung alle großzügigen Zusagen der prinzipiellen ProgrammRede des Reichskanzelrs erfüllen wird, kann jahrelange Verschleppung klarer Stellungnahme zur Folge haben. Nichts ist schlimmer als das. Darum halte ich es für gut, unsererseits diesen Moment zu benutzen, um soweit zu gehen, als es mit Glaube und Kirchengesetz vereinbar ist.« Bertram an die deutschen Bischöfe vom 25.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 12, S. 24. L. VOLK, Kundgebung, S. 448 bezeichnet Bertrams schnelles Vorgehen als einen »Reflex der ungeheuren Erleichterung.« J. KÖHLER, Wahrnehmung, S. 791 f.

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ungenutzt verstreichen lassen könne. So war Hitlers Reichstagsrede in der Einschätzung Nuntius Orsenigos auch mehr der konkrete Anlass für den Zeitpunkt der Erklärung als deren »vera causa determinante«. Diese sah er vielmehr in der »crescente simpatia delle masse giovanili e non giovanili dei cattolici per il nuovo regime.«124 In der Tat bezeichnete Bertram die Wahl des Zeitpunkts der Veröffentlichung gegenüber Faulhaber als eine »taktische Frage, die schwerlich einheitliche Beantwortung finden konnte.«125 Da der Episkopat zu keiner Entscheidung kommen würde, nahm er als Konferenzvorsitzender die Verantwortung auf sich und entschied selbst, gestützt durch Kardinal Schulte und die Mehrheit der Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz. Bertram fürchtete zu Recht, dass Hitler die Zeit bis zu einer Äußerung der Bischöfe für Attacken gegen die Kirche nutzen und mit Blick auf seine Regierungserklärung darauf hinweisen würde, dass es nun an der Kirche sei, sich zu bewegen – schließlich ließ die Regierung bereits in den ersten Tagen keine Gelegenheit ungenutzt, um auf diese Tatsache aufmerksam zu machen. Solchen Vorwürfen hätte der Episkopat auf Dauer kaum etwas entgegen zu setzen gehabt. Auch Bertram wird sich wie Orsenigo die Frage gestellt haben, »ob dieser Eifer [Hitlers] nur Ausdruck von Friedensliebe ist oder nicht vielmehr darauf spekuliert, den Weg für ein massenhaftes Überlaufen der Katholiken in die Reihen des Hitlerismus freizuräumen.«126 Der Breslauer Kardinal verteidigte seine Erklärung damit, dass die Bischöfe der neuen Regierung nur deshalb so weit entgegengekommen seien, damit »friedliche Beziehungen ... möglich werden«, wies aber ausdrücklich darauf hin, dass »längst noch nicht alle Gefahren beseitigt und alle Bedenken behoben« seien127. Immerhin lagen, wenn auch nur mündliche, so aber doch öffentliche Zusagen Hitlers zur Sicherung der christlichen Wertvorstellung im Staat vor. Nachdem diese weltanschaulichen Werte (scheinbar) gesichert sowie die kirchlich-kulturpolitischen Forderungen (scheinbar) erfüllt waren, blieb Bertram und dem Episkopat demnach kaum eine andere Möglichkeit, als das Angebot Hitlers zur Zusammenarbeit anzunehmen128. Kardinalstaatssekretär Pacelli hingegen hätte ein wesentlich zurückhaltenderes Vorgehen des 124

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Orsenigo an Pacelli vom 26.3.1933, ASV – ANB, Pos. 621, fasc. 139, f. 77r-78r, hier 77r; siehe bereits L. VOLK, Reichskonkordat, S. 85, Anm. 135 ohne genaue Signatur. Bertram an Faulhaber vom 1.4.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Akten Faulhaber I, Nr. 287, S. 686; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 77. Orsenigo an Pacelli vom 26.3.1933, ASV – ANB, Pos. 621, fasc. 139, f. 77r-78r. Deutsche Übersetzung nach T. BRECHENMACHER, Teufelspakt, S. 610, Anm. 46. Bertram an Pacelli vom 18.4.1933, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 621, fasc. 140, f. 16r-17v. L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 8, S. 18-20 publizierte aus diesem Schreiben ohne genaue Signatur. Pacelli dankte Bertram für die Bemühungen des Episkopats und bat ihn darum, den Hl. Stuhl auch weiterhin detailliert über die Entwicklungen in Deutschland zu informieren. Pacelli an Bertram vom 1.5.1933, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 621, fasc. 140, f. 28r-v. Auch dieses Schreiben ist bereits in L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 12, S. 25 f. ohne genauen Aktenbeleg publiziert. Siehe auch L. VOLK, Reichskonkordat, S. 88; T. BRECHENMACHER, Teufelspakt, S. 613. E.-W. BÖCKENFÖRDE, Stellungnahme, S. 242 f.

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Episkopats, nicht nur was den zeitlichen Abstand der Erklärung betrifft, begrüßt. Er forderte die Entscheidungskompetenz in dieser Frage für den Hl. Stuhl, während Bertram vor Ort schnell und eigenständig reagierte und dadurch das Bild, das der Kardinalstaatssekretär während seiner Zeit als Nuntius von ihm gewonnen hatte, bestätigte129. Hitler selbst war mit der bischöflichen Kundgebung zufrieden und drückte am 29. März gegenüber Nuntius Orsenigo »la sua viva soddisfazione per la dichiarazione dell’Episcopato« aus130. Hätte Bertram nur einige Tage mit seiner Erklärung abgewartet, wären der Judenboykott vom 1. April und das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April Beispiele revolutionärer Ereignisse gewesen, die ihn seine Kompromissbereitschaft hätten überdenken lassen können131. Es scheint unwahrscheinlich, dass Hitler ohne die bischöfliche Erklärung auf diese Maßnahmen verzichtet hätte. Ob sich der Episkopat allerdings mit Blick auf diese Entwicklungen auf eine aussagekräftige gemeinsame Erklärung hätte einigen können, muss angesichts der divergierenden Meinungen bezweifelt werden. Eine erneute interne Fühlungnahme mit der Regierung hätte den Druck auf dieselbe zusätzlich erhöhen können132. Doch auch hierbei kann nicht davon ausgegangen werden, dass eine solche Eingabe zu einem Aufschub der nationalsozialistischen Gleichschaltungsmaßnahmen geführt hätte. Nach der Regierungserklärung Hitlers lehnte Bertram die Option der passiven Isolation der katholischen Kirche ab und signalisierte die Bereitschaft, die neue Ordnung mitzugestalten. »Er war mit seiner Entscheidung vorausgeeilt, um sie gerade dadurch, wie er meinte, günstig zu beeinflussen.«133 Hitler aber dachte nicht daran, seine Revolution wegen der bischöflichen Kundgebung zu beenden. So band nicht Bertram, der zu der Auffassung gekommen war, »daß Hitlers Herr129

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Im Grunde waren Pacellis »diskrete Option für eine Politik der Entspannung«, die er am 29.3.1933 Orsenigo an die Hand legte und die durch die bischöfliche Kundgebung überholt wurde, und »die verblüffend scharfe Kritik an deren praktischer Durchführung nur die zwei Seiten der einen Unsicherheit, der sich inmitten einer unerhört diffizilen Entscheidungssituation niemand entziehen konnte, weshalb im Grund auch niemand eindeutig wußte – und in Rom noch weniger als an Ort und Stelle, – wozu man den Verantwortlichen raten sollte.« L. VOLK, Reichskonkordat, S. 89. T. BRECHENMACHER, Reichskonkordatsakten, S. 135. Zum Bertram-Bild Pacellis siehe Kapitel III.4.b. Orsenigo an Bertram vom 30.3.1933, AAW – IA 25 s135; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 80, Anm. 112. Gegenüber Pacelli erklärte Orsenigo, dass die Regierung »molto soddisfatto« sei. Orsenigo an Pacelli vom 30.3.1933, ASV – A.E.S., Germania, Pos. 621, fasc. 139, f. 74r. Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933, in: RGBl I 1933, S. 175-177. Bertram schloss sich dem Protest der westdeutschen Bischöfe über die Auswirkungen des Gesetzes an. Kundgebung Schultes, Kaspar Kleins, Erzbischof von Paderborn, und Bernings vom 9.4.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 21, S. 51; Kundgebung Bertrams vom 12.4.1933, in: Ebd., Nr. 24, S. 59. Dieser Kritikpunkt von L. VOLK, Kundgebung, S. 456 geht auf Nuntius Orsenigo zurück, der zwar den bedächtigen und versöhnlichen Ton des geplanten Schreibens lobte, doch kritisierte, dass Bertram das Schreiben ohne vorherige Fühlungnahme mit den Regierungsstellen abgefasst und nicht versucht hatte, Konzessionen für das Entgegenkommen zu erhalten. Orsenigo an Pacelli vom 26.3.1933, ASV – ANB, Pos. 621, fasc. 139, f. 77v; T. BRECHENMACHER, Teufelspakt, S. 611. L. VOLK, Kundgebung, S. 456.

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schaft fest etabliert sei« und dass man einen modus vivendi finden müsse134, durch seine Kundgebung den Reichskanzler in eine von der katholischen Kirche gestützte Staatsordnung ein, sondern gerade umgekehrt köderte Hitler durch seine Regierungserklärung den Episkopat, die Verbindung zwischen katholischer Kirche und Staat auch mit der neuen Bewegung aufrecht zu erhalten. Somit sicherte sich der Reichskanzler und Führer die wohlwollende Neutralität Bertrams und des Episkopats für die entscheidende Phase der Umgestaltung der politischen Verhältnisse in Deutschland. Hitler wiederholte somit nicht den Fehler der Revolutionäre von 1918/19, die ihr kulturpolitisches Programm umgehend in die Tat hatten umsetzen wollen und die damit die katholische Kirche in ihre Gegnerschaft getrieben hatten. Bertram war regelrecht gefangen in seinem »Harmoniemodell« sowie in der Staatslehre Leos XIII. Insofern ist Köhler zuzustimmen, wenn er kritisiert, dass während der Phase der so genannten »Machtergreifung« im Jahr 1933 seitens des Episkopats »auf eine reale Analyse der Gesellschaft ... verzichtet [wird]. Die Machtfrage wird nicht gestellt. Die Kategorie der Entscheidung wird durch kasuistische Moral verdeckt. Es fehlt die reale Vorstellung von Geschichte und die Vorstellung der geschichtlichen Existenz des Menschen. In dem deduktiven System, das nur ein Gedankenkonstrukt ist und das keinen Bezug zur Wirklichkeit hat, fehlt jeglicher Versuch, das Erkennbare an der Geschichte zu entdecken.«135

Folgt man dieser Einschätzung Köhlers, so war es ein genuin katholisches Moment, dass das bischöfliche Handeln im Jahr 1933 determinierte und das er in Frage stellt. Einziger Ausweg für den Episkopat und vor allem für Bertram wäre der Bruch mit der eigenen Identität gewesen. Die wirkungsgeschichtliche Konsequenz aus diesem Bruch wäre eine Totalopposition der katholischen Kirche gegen die Machthaber im neuen Staat mit all ihren Konsequenzen für Laien und Klerus gewesen. Konnte der Episkopat diesen Bruch nicht leisten bzw. wollte er die Konsequenzen der Totalopposition nicht auf sich nehmen, blieb zur Annäherung keine Alternative. Unter diesen Voraussetzungen ist Walter Ziegler in der Auffassung zu folgen, dass »sich die Kritik [an Bertrams Erlass vom 28. März 1933] nur auf den Zeitpunkt, die fragwürdige Art des Zustandekommens und Einzelheiten des Wortlauts beziehen [kann], nicht auf das absolut nötige Arrangement selbst, wollte man nicht, und zwar noch bevor massive Verbrechen des neuen Regimes offenbar waren, in eine Totalopposition gehen und damit die Volkskirche zerstören. So stellt sich die Erklärung, trotz der genannten Begleiterscheinungen, in der Sache als eine der Situation angemessene Reaktion dar, die überdies in ihrer distanziert ruhigen Form meilenweit entfernt war von der begeisterten Zustimmung der evangelischen Kirchen und vieler gesellschaftlicher Gruppen.«136 134 135 136

K. REPGEN, Machtergreifung, S. 22 f. KÖHLER, Umgang, S. 188. W. ZIEGLER, Katholische Bischöfe, S. 409; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 88.

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Insgesamt muss man mit Thomas Brechenmacher in seiner Analyse übereinstimmen: »Bereits die erste Interaktion zwischen nationalsozialistischem Deutschland und römisch-katholischer Kirche war für die Nationalsozialisten zu höchster Zufriedenheit, für Bischöfe wie Kurie im besten Falle unglücklich verlaufen.«137 b) Fortbestand der Pflicht zum staatsbürgerlichen Gehorsam

Der gemeinsame Pfingsthirtenbrief der Fuldaer Bischofskonferenz, die den Entwurf Erzbischof Gröbers dem Bertrams vorgezogen hatte, »bewegte sich auf der verschlungenen Linie eines ›Ja – Aber‹, war also zweifellos nicht mehr das frühere Nein, wenn auch kein vorbehaltloses Ja.«138 Trotz mancher kritischer Passagen stärkten die Bischöfe damit das neue Regime, folgten aber nicht dem Vorschlag Bertrams, der ein rein pastoral gehaltenes Hirtenschreiben bevorzugt hätte139. Möglich war dieses Hirtenwort nur »unter der hier stillschweigend gemachten Voraussetzung, daß die Realität des Frühjahres 1933 die Etablierung eines autoritären Staates, und nicht eines totalitären Systems bedeutete.«140 Die Fuldaer Bischofskonferenz zeigte sich fortan bei der »Anwendung« der grundsätzlichen seelsorglichen »Winke« von 1931 konzessionsbereit und erlaubte die Teilnahme von Parteiformationen bei Gottesdiensten, solange deren Anwesenheit zu keinen Unruhen oder Störungen führte. Das Mitführen von Fahnen war weiterhin verboten, doch sollte an dieser Frage ein Gottesdienst nicht scheitern141. »Ob mit der neugeregelten ›Anwendung der Grundsätze‹ die Grundsätze nicht selbst verletzt wurden, bleibt auch heute noch umstritten. Fest steht, daß aus den neuen Anweisungen eine sich am Unvermeidbaren orientierenden Toleranz sprach, die an der Unverletzlichkeit der Würde des Gotteshauses und an religiösen Prinzipien ihre unaufgebbaren Grenzen fand, und deren Sinn und Grund nicht allein seelsorglichen Zwecken entsprungen waren, sondern in der von den Bischöfen stets einleitend hervorgehobenen Erwartung wurzelten, die neuen Machthaber würden die Rechte und die Freiheiten der Kirche respektieren.«142 137 138 139

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T. BRECHENMACHER, Teufelspakt, S. 613. K. REPGEN, Strategie, S. 519. Hirtenbrief des deutschen Episkopates vom 3.6.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 45, S. 239-248. Siehe zum Zustandekommen des Hirtenbriefes H. MÜLLER (Hrsg.), Dokumente, Nr. 6163, S. 139-152. In der Auseinandersetzung um den Pfingsthirtenbrief zeigte sich bereits »die Spannung zwischen der Tendenz des Konferenzvorsitzenden Bertram, die vorhandenen Konflikte zu minimalisieren und in diskreter Vorsprache bei maßgeblichen Stellen zu beheben, und jener, die stärker den politischen Gesamtzusammenhang der gegen die Kirche gerichteten Maßnahmen hervorhoben und im Ergebnis darauf hinauslief, solche Auseinandersetzungen politisch, durch Appell an die Öffentlichkeit und die Mobilisierung der Gläubigen, auszutragen.« H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 206 f. Ebd., S. 208. Pastorale Anweisung des deutschen Episkopats vom 30.5.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 43/IIb, S. 212-215. W. VOGEL, S. 234.

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Dass diese Stärkung des Staates auch die Absicht des Breslauer Kardinals war, wird aus zwei Aufrufen an die katholischen Vereine und an die Theologiestudierenden deutlich. Die katholischen Vereine rief Bertram im Mai 1933 zur Mitarbeit an den »Aufgaben der Gegenwart« und an der »Entwicklung der Dinge« auf. Es gebe keinen Grund für »Verzagtheit«, denn er könne im Einklang mit der Reichsregierung daran erinnern: »Die neue Regierung will die katholische Kirche nicht etwa nur dulden, sondern legt größten Wert darauf, daß die Kirche ihre Kräfte im Volksleben entfalte zum Kampfe gegen die Gottlosenbewegung, gegen Bolschewismus und Marxismus, gegen Unsittlichkeit und Genußsucht. Die Kirche soll nicht auf die Sakristei zurückgedrängt werden, sondern durch die ihr eigenen geistigen und seelischen Kräfte das leisten, was die Staatsgewalt durch ihr Machtmittel zur Volksgesundung erstrebt.«143

In seinem Aufruf an die Theologiestudierenden forderte Bertram »Verständnis für die neue Zeit« und rief sie dazu auf, diese »im Lichte unserer Religion, nach den unverändert geltenden Grundsätzen« zu würdigen. »Wiederum hat sich gezeigt, daß unsere Kirche an kein politisches System, an keine weltliche Regierungsform, an keine Parteienkonstellation gebunden ist. Die Kirche hat höhere Ziele. Diese für die einzelnen Seelen und für die menschliche Gesellschaft inmitten aller Zeitgeschichte und Zeitgestaltung zu erfüllen, ist ihr Beruf. Aus eben dieser Aufgabe der Kirche entstammt die charakteristische Eigenart ihrer Achtung vor der staatlichen Autorität. Weil der Christ in der Ordnung der menschlichen Gesellschaft Gottes Willen sieht, diese Ordnung aber ohne staatliche Obrigkeit nicht denkbar ist, daher sehen wir in der staatlichen Autorität eine Gottesgabe, deren Wert unabhängig ist vom Wechsel der Person ihres Trägers. Daraus folgt mit Notwendigkeit der Gehorsam gegen die staatliche Autorität um Gottes Willen. Das ist der hohe Standpunkt unserer Weltanschauung. So steht die Kirche über den Parteien und begrüßt freudig jede Regierung, von der gute Ordnung und Gerechtigkeit, Förderung des Gemeinwohls und Schutz der Rechte der Kirche als des Reiches Christi zu erwarten ist. Das ist die Norm für alle und besonders für die Kandidaten des geistlichen Standes in ihrer Stellung zur staatlichen Obrigkeit. Damit sage ich Bekanntes. Aber es muß im Hinblick auf Aussprachen in politischen Arbeitsgemeinschaften wiederholt werden gegenüber Vermutungen, als sei es der Kirche nicht recht ernst mit ihrem Eintreten für die neu entstandene staatliche Ordnung.«144

Bertram blieb somit seinem Prinzip der Anerkennung der staatlichen Obrigkeit und seinem Harmoniemodell zwischen Kirche und Staat auch unter der dritten Staatsform, die er als Bischof erlebte, treu. Dabei rückte er die Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus in den Hintergrund und stellte die Gemeinsamkeiten, 143

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Kardinal Erzbischof Bertram. Für volle und freie Entfaltung aller katholischen Volkskräfte. Erzbischöfliches Mahnwort zu den Firmtagen in Oberschlesien, in: OBERSCHLESISCHE VOLKSSTIMME Nr. 130 vom 16.5.1933. Teilweise textidentisch ist Bertrams Schlusswort der Dekanatskonferenz in Beuthen am 3.5.1933, ASV – A.E.S., Pos. 621, fasc. 140, f. 35r-36r. Kardinal Bertram an die Theologiestudierenden, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 136, S. 514-516, hier 515. Das vollständige Bischofswort liegt mittlerweile in gedruckter Form vor: Der Theologiestudierende inmitten moderner Anforderungen. Ein Bischofswort an die Breslauer Theologen vom 31.7.1933, in: TÖPLER, Hirtenbriefe, S. 38-46, hier 39.

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den Kampf gegen Sozialismus und Bolschewismus sowie gegen die Unsittlichkeit, in den Vordergrund. Allerdings gilt in dieser Frage auch für Bertram das, was für den Hl. Stuhl gilt, denn »diese anfängliche Sympathie für den nationalsozialistischen Bolschewismus [erstarb] um so schneller, je deutlicher wurde, wie sehr Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus nur Varianten einer im Kern atheistisch-totalitären Ideologie waren.«145 Dass der Episkopat mit der autoritären Struktur der NSDAP keine Schwierigkeiten hatte, hatte er in seinem Pfingsthirtenbrief 1933 deutlich zum Ausdruck gebracht. Bertram selbst hatte in seinem Fastenhirtenbrief des Jahres 1930 ganz im Vokabular der Zeit gefordert: »Wir bedürfen der Führernaturen, bedürfen leuchtender Vorbilder«, wobei er allerdings an biblische Gestalten mit christlichem Vorbildcharakter wie Johannes den Täufer, Petrus oder Paulus gedacht hatte146. Auch wenn ein gewisses Verständnis für die organisatorischen Strukturen des Nationalsozialismus bei Bertram vorhanden war, dürfen dieses Verständnis, das Angebot an die Regierung zur Zusammenarbeit mit der Kirche sowie die Aufforderung an die Gläubigen zur Mitgestaltung am neuen Staat nicht mit einer Affinität Bertrams für die Lehren des Nationalsozialismus verwechselt werden147. Schließlich dürfen auch seine zahlreichen Proteste gegen Übertritte der Nationalsozialisten gegenüber der katholischen Kirche und ihrer Gläubigen nicht übersehen werden, auch wenn Bertram in der ersten Jahreshälfte 1933 versuchte, einen Modus vivendi mit der neuen Regierung zu finden148. c) Das Reichskonkordat

Hatte Bertram immer wieder versucht, sich in die Vorbereitungen des Preußenkonkordats einzumischen, nahm er sich bei den Verhandlungen um ein Reichskonkordat zwischen April und Juli 1933 bewusst zurück149. Der Hl. Stuhl wollte 145 146

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148 149

T. BRECHENMACHER, Teufelspakt, S. 606 f. A. BERTRAM, Vom Apostolat des Beispiels vom 2.2.1930, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 107, S. 413-425, hier 417. Über den Vorbildcharakter Johannes’ des Täufers verfasste Bertram einen eigenen Hirtenbrief. A. BERTRAM, Die ›Stimme des Rufenden‹ an unsere Zeit vom 22.1.1931, in: Ebd., Nr. 114, S. 439-455. Zur Affinitätsthese der 1960er Jahre, die sich in Kollaborationsvorwürfe steigerte, siehe E.-W. BÖCKENFÖRDE, Stellungnahme; E.-W. BÖCKENFÖRDE, Betrachtung; G. LEWY; J.S. CONWAY, Nationalsozialistische Kirchenpolitik; R. HOCHHUTH. Zur Kritik an der Affinitätsthese siehe K. REPGEN, Machtergreifung, S. 25-27; W. BECKER, Kirche und Staat, S. 172; K. TÖPNER, S. 194 f. Für Forschungsüberblicke und Zwischenbilanzen zum Thema Katholische Kirche und Nationalsozialismus siehe U. HEHL, Forschungsüberblick; K. GOTTO / G. HOCKERTS / K. REPGEN; C. KÖSTERS, Kirche. Siehe die einschlägigen Schreiben Bertrams in B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I. Siehe die neuen Ergebnisse in den Beiträgen in T. BRECHENMACHER (Hrsg.), Reichskonkordat. Pacelli förderte wahrscheinlich ab Ende April 1933 auf der inoffiziellen Ebene den Informationsfluss zu den beiden Vorsitzenden der Freisinger sowie der Fuldaer Bischofskonferenzen, Faulhaber und Bertram, aber offiziell informierte er den Episkopat nicht, um den Charakter der Unverbindlichkeit der Verhandlungen mit der Reichsregierung herauszustellen und um keine verfrühten Erwartungen zu wecken. L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, S. XXI; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 108. Die

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die Verhandlungen um ein Reichskonkordat nicht ohne den Episkopat führen. Am 1. Mai bat Kardinalstaatssekretär Pacelli Bertram um »einwandfreie Informationen« über alle »Beeinträchtigungen der kirchlichen Freiheit«, um diese für die von der Reichsregierung unter Vizekanzler Papen initiierten Verhandlungen zu nutzen150. Zusätzlich sollte die gesamtdeutsche Fuldaer Bischofskonferenz in ihrer Sitzung Ende Mai, Anfang Juni einen Bischof nominieren, der während der Verhandlungen in Rom anwesend sein sollte151. Pacelli hatte dabei wahrscheinlich an Erzbischof Gröber von Freiburg gedacht, der bereits, da er wegen seines ad limina Besuches zu Beginn der Konkordatsverhandlungen in Rom gewesen war, mit der Materie vertraut war152. Der scheidende Zentrumsvorsitzende, Kirchenrechtler und Verbindungsmann zwischen Kurie und Reichsregierung, Ludwig Kaas, favorisierte hierfür hingegen offensichtlich Bertram153. Gröber überredete Bertram daraufhin auf der Bischofskonferenz dazu, nach Rom zu reisen, auch wenn er eigentlich lieber selbst bischöflicher Vertreter gewesen wäre und auch wenn er nicht davon überzeugt war, dass der Breslauer Kardinal »der geeignetste Mann dazu ist.«154 Bertram gab auch lediglich ein »halblautes Ja«, das nur »an das Ohr weniger Eingeweihter gedrungen war«, denn er stand den Konkordatsplänen zurückhaltend gegenüber155. Nachdem er bereits zugesagt hatte, vom 19. bis 23. Juni nach Rom zu reisen, und auch Pacelli sich damit abgefunden hatte, dass Bertram und nicht Gröber für den Episkopat sprechen würde, zog der Breslauer Kardinal seine Zusage zur Romreise unter wenig überzeugenden Argumenten zurück156. Zum einen war es der nicht festgelegte Verhandlungstermin, da Vizekanzler Papen, dessen Beurteilung der Lage Bertram als »zu optimistisch« ansah157, noch nicht zugesagt hatte, wann er nach Rom reisen würde.

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zugänglichen Akten im Vatikanischen Geheimarchiv bringen kaum neue Quellen zum Reichskonkordat, die noch nicht von Ludwig Volk bearbeitet worden wären. T. BRECHENMACHER, Teufelspakt, S. 617-619; T. BRECHENMACHER, Reichskonkordatsakten, S. 129-133. Die Kontroverse um die Junktimtheorie zwischen Scholder und Repgen über einen Zusammenhang der Zustimmung des Zentrums zum »Ermächtigungsgesetz« und dem Abschluss des Reichskonkordats kann mittlerweile als beendet gelten. Für eine Zusammenfassung der verschiedenen Thesen mit weiteren Literaturhinweisen zur Kontroverse siehe neuerdings C. KRETSCHMANN, Partie; W. BECKER, Zentrumspartei, S. 17-28. Pacelli an Bertram vom 1.5.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 12, S. 25 f., hier 25. Aufzeichnung Bernings vom 15.-27.5.1933, in: Ebd., Nr. 15, S. 28-38, hier 29. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 113 f. Kaas an Gröber vom 28.5.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 20, S. 55 f., hier 55. Zu Kaas siehe G. MAY, Kaas. Gröber an Kaas vom 3.6.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 22, S. 58-60, hier 59. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 113. Kaas konnte im Vatikan lediglich erreichen, »daß man sich mit ihr [der Anreise Bertrams] abfindet«. Aufzeichnung Kaas‘ vom 6.6.1933, in: A. KUPPER, S. 81, Anm. 2. Zum beabsichtigten Termin der Romreise Bertrams siehe Bergen an Reichsaußenminister Konstantin Frhr. von Neurath vom 6.6.1933, in: Ebd., Nr. 39, S. 81. Auch Bergen war nicht begeistert davon gewesen, dass Bertram den Episkopat vertreten sollte, denn mit ihm sei »jedes Verhandeln stets überaus mühsam gewesen«. Bergen an AA vom 1.6.1933, in: Ebd., Nr. 36, S. 77 f., hier 78. Bertram an Pacelli vom 23.6.1933, in: Ebd., Anhang Nr. 18, S. 490 f.

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Zum anderen leide er selbst unter zu großer Arbeitslast, vor allem da sein Weihbischof erkrankt sei und er dessen Tätigkeiten derzeit übernehmen müsse158. Hatte er vor 30 Jahren im Herzogtum Braunschweig durch den persönlichen Kontakt zu Kultusminister Wolff versucht, die Bedrückungen für die Katholiken zu beseitigen, und hatte er sich bei den Verhandlungen um das Preußenkonkordat ausgeschlossen gefühlt, scheute er nun die persönliche Verhandlung und beschränkte seine Einflussmöglichkeiten auf einen schriftlichen Kommentar – den er überdies mit reichlich Verspätung nach Rom sandte. Offenbar wollte Bertram an den Konkordatsverhandlungen mit Papen und der neuen Regierung nicht persönlich beteiligt sein. Dabei geht aus den Quellen nicht hervor, welche Gründe ihn leiteten. Bertrams Zurückhaltung mag unter anderem daran gelegen haben, dass er nach seinem eigenmächtigen Vorgehen im Rahmen der Kundgebung vom 28. März an Rückhalt in der Fuldaer Bischofskonferenz verloren hatte159. Es darf auch nicht übersehen werden, dass die Maikonferenz die erste gesamtdeutsche Bischofskonferenz seit 1848 gewesen war und es gerade der bayerische Episkopat war, der Bertram wegen seines Erlasses kritisiert hatte. Hinzu kommt die Kritik aus katholischen Kreisen, die »gewiß nicht leicht zu nehmen« war.160 Im Regelfall präsentierte Bertram seine eigene Position als die der Fuldaer Bischofskonferenz, zuletzt noch am 28. März. Nun schränkte er die Aussagekraft seiner Bemerkungen zum Konkordatsentwurf allerdings ein: Sie würden der Auffassung der Fuldaer Bischofskonferenz entsprechen – »soweit ich es beurteilen kann.«161 Kaas hatte von Rom aus auf die offiziellen Bemerkungen der Bischofskonferenz zum Konkordatsentwurf gedrängt, doch Bertram ließ sich demonstrativ damit bis zum 23. Juni Zeit, wahrscheinlich weniger wegen Arbeitsüberlastung als vielmehr, um seine Skepsis über das gesamte Konkordatsprojekt zum Ausdruck zu bringen162. Offensichtlich versuchte Bertram die Verhandlungen zu verlangsamen, denn »die Eile, mit der Herr von Papen den Abschluß des Reichskonkordats betreibt«, missfiel ihm, da sie es erschwere, »alles mit vollster Genauigkeit durchzuarbeiten.«163 Anscheinend war Bertram – in der undurchsichtigen Situation des Frühjahrs 1933 158

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Leider konnte das Schreiben Bertrams an Kaas vom 10.6.1933 nicht nachgewiesen werden. Bertrams Argumente gehen aus der Antwort von Kaas an Bertram vom 14.6.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 27, S. 64 f. sowie aus Bertram an Pacelli vom 23.6.1933, in: Ebd., Nr. 20, S. 68 hervor. Zur Erkrankung Weihbischof Wojciechs siehe Ebd., S. 64, Anm. 4. Bertram eröffnete die Fuldaer Bischofskonferenz am 30. Mai mit der Frage, ob es wahr sei, dass der Episkopat wegen der Märzkundgebung an Vertrauen verloren hätte und gab damit aus eigenem Antrieb den Anstoß zu einer Diskussion auch über seine Position innerhalb der Bischofskonferenz. Aufzeichnungen Sebastians von der [1.] Plenarkonferenz des deutschen Episkopats vom 30.5.1.6.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 43/III, S. 230-237, hier 230. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 79. Bertram an Pacelli vom 23.6.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 20, S. 67. »Auf dem Hintergrund von Bertrams sprichwörtlicher bürokratischer Korrektheit wirkte der Mangel an Promptheit nur um so auffälliger.« L. VOLK, Reichskonkordat, S. 116. Bertram an Pacelli vom 23.6.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 30, S. 68.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

unsicher, welche Vorgehensweise die beste sei – bereit, die Verantwortung bischöflichen Handelns in die Hände anderer abzugeben. Weder exponierte er sich als klarer Konkordatsgegner wie Kardinal Schulte164, noch wollte er an den Verhandlungen im Vatikan persönlich beteiligt sein, wie Gröber oder Kaas, sondern er beschränkte sich auf eine Stellungnahme, in der er seine eigene Position erklärte. Bertram warnte eindringlich vor den Auswirkungen des umstrittenen Artikels über die katholischen Vereine und Verbände. Sollte dieser in der geplanten Form umgesetzt werden, bedeute dies das Ende des katholischen Vereinswesens, analysierte Bertram treffend165. Der Breslauer Kardinal warnte ebenso eindringlich vor der Entpolitisierung des Klerus, der Kernforderung der deutschen Regierung für ein Konkordat. Der Hl. Stuhl hatte diese Konzession im Lateranvertrag mit dem faschistischen Italien im Jahr 1929 gemacht und die Nationalsozialisten hatten dessen Sprengkraft, sollte er in Deutschland angewendet werden, erkannt166. Die Entpolitisierung sei der Versuch der Nationalsozialisten, »den Klerus aus aller und jeder Tätigkeit im öffentlichen Leben zu verdrängen. Das ist für Deutschland, wo die Kirche in ganz besonderem Maße Volkskirche ist, d.h. nicht auf die Sakristei beschränkt ist, sehr nachteilig. Denn damit werden auch viele, sehr viele Arbeitsgebiete dem Klerus entzogen, die dem sozialen Wirkungskreise der Katholischen Aktion gehören. In vielen Tausenden von Gemeinden ist der Geistliche die einzige Person, die die Arbeiten des öffentlichen Lebens im katholischen Sinne beeinflussen kann. Es ist eine antikatholische Tendenz, die eine weitgehende Zurückdrängung des Klerus erstrebt. Die Verhältnisse Italiens können auf Deutschland nicht angewendet werden. Daher ist ein Zurückdrängen der Geistlichen aus dem öffentlichen Leben doppelt gefährlich.«167

Auf den Verlauf der weiteren Verhandlungen nahm Bertram keinen Einfluss. Er wurde von Gröber darüber informiert, blieb jedoch skeptisch168. Dass er sein Harmoniemodell durch das Reichskonkordat lediglich »in seinen Grundzügen« gesichert ansah, wird aus seinem Dankesschreiben an Papen anlässlich des Konkordatsabschlusses deutlich169. Bertram rief nach dem Konkordatsabschluss eine neue Bischofskonferenz ein, regte jedoch an, da die Anzahl der Mitglieder nach dem Zusammenwachsen der 164

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Aufzeichnung Sebastians von der [1.] Plenarkonferenz des deutschen Episkopats vom 30.5.1.6.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 43/III, S. 232. Bemerkungen [Bertrams] zum Entwurf vom Mai 1933 in Sachen Reichskonkordat vom 22.6.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 30a, S. 68-73, hier 72. Zum Lateranvertrag siehe T. BRECHENMACHER, Teufelspakt, S. 591, Anm. 3 mit weiteren Literaturhinweisen. Bemerkungen [Bertrams] zum Entwurf vom Mai 1933 in Sachen Reichskonkordat vom 22.6.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 30a, S. 72. Kaas griff die Bemerkungen Bertrams in seinen Vorschlägen zu großen Teilen auf. Bemerkungen Kaas zu Bertrams Bemerkungen zum Entwurf vom Mai in Sachen Reichskonkordat vom 26./27.6.1933, in: Ebd., Nr. 31, S. 73-75, 131 f.; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 131; W. BECKER, Zentrumspartei, S. 27. Bertram an Gröber vom 12.7.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 71, S. 149 f., hier 149. Bertram an Papen vom 22.7.1933, in: Ebd., Nr. 101, S. 182 f., hier 183.

3. Annäherung zwischen katholischer Kirche und NS-Staat

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Fuldaer und Freisinger Konferenzen stark gestiegen war, lediglich eine Metropolitankonferenz einschließlich der bisherigen bischöflichen Sachbearbeiter Gröber und Berning abzuhalten. »Es ist ein Weg der Vereinfachung.«170 Zusätzlich würde sein eigener Einfluss in einer Metropolitankonferenz wieder steigen, der seiner Kritiker zurückgehen. Kardinal Faulhaber winkte jedoch für Bayern ab. Er hatte den Eindruck, dass die Bischöfe »beim parlamentarischen System bleiben« wollten – sie befürchteten nicht zu Unrecht den Verlust des eigenen Einflusses171. Die zweite Fuldaer Bischofskonferenz binnen weniger Monate drängte durch Bertram im Vatikan auf eine schnelle Unterzeichnung des Konkordats. »Eine Retardierung der Ratifikation ist nicht zu empfehlen. Im Gegenteil ist zu wünschen, daß die Ratifikation recht bald erfolge.« Es seien Stimmen laut geworden, Hitler wolle das Reichskonkordat lediglich als »außenpolitischen Prestige-Erfolg« nutzen, nahm Bertram die Kritik auf. Schließlich hatte Hitler sein eigentliches Verhandlungsziel, die Entpolitisierung des Klerus, durch die Auflösung des Zentrums und der BVP bereits erreicht. Dadurch, dass er eine Liste von Beschwerdepunkten anschloss, die bei den abschließenden Verhandlungen mit der Regierung seitens des Hl. Stuhls angesprochen werden müssten, machte Bertram deutlich, dass er und die Bischöfe nicht alle Übel durch das Reichskonkordat als behoben ansahen. Zusätzlich leitete er mit diesem Schreiben die nächste Verhandlungsphase ein, in der es in den nächsten Jahren um die Ausführungsbestimmungen des Reichskonkordats gehen sollte. Bertram war sich natürlich bewusst, dass die angesprochenen Gravamina nicht durch die anstehenden Verhandlungen beseitigt werden würden. »Erst mit der Ratifikation gewinnen wir die Möglichkeit, gegen zahlreiche antikatholische Aktionen bestimmter vorzugehen. Wird aber die Ratifikation länger verzögert, so wird die Position des Episkopats verschlechtert, nicht zum Nutzen der res catholica.« Aus seinem Schreiben an Pacelli kann man klar erkennen, dass Bertram in seiner Einschätzung der Machtverhältnisse innerhalb der NSDAP und der deutschen Regierung – wie viele andere auch – irrte und dass er eine Trennung zwischen Partei und Regierung vornahm, die tatsächlich nicht existierte. »Ernste Sorgen, die mit der Ausführung einzelner Bestimmungen des Reichskonkordats in Verbindung stehen, sind in jüngster Zeit in allen Teilen Deutschlands durch Handlungen höherer und untergeordneter Stellen der Reichsregierung, der Länderregierungen und nationalsozialistischer Organisationen hervorgerufen.«172 Er beklagte zusätzlich, dass »unter dem Drucke der untergeordneten Organe der nationalsozialistischen Partei, die von den oberen Instanzen nicht wirksam zu170

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Bertram an deutschen Episkopat vom 23.7.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 103, S. 185 f. Faulhaber an Bertram vom 31.7.1933, in: Ebd., Nr. 117, S. 201 f., hier 201. Bertram an Pacelli vom 2.9.1933, in: Ebd., Nr. 69, S. 375 f. Bertram wünschte, »daß gleichzeitig bei Vollziehung der Ratifikation die Abstellung der gravamina verlangt werde.« L. VOLK, Reichskonkordat, S. 193 f.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

rückgehalten werden«, viele Katholiken aus den katholischen Vereinen und Verbänden austreten würden. »Alles das ist offensichtlich gegen Artikel 31 des Reichskonkordats. Sache der Regierung würde es sein, gegen alle diese Vergewaltigungen so aktuell und so wirksam einzuschreiten, daß freies und friedliches Vereinsleben möglich wäre.«173 Auf die Ratifizierung reagierte Bertram wesentlich weniger überschwänglich als Kardinal Faulhaber oder Bischof Berning und er weigerte sich auch, ein Dankhochamt anlässlich des Konkordatsabschlusses zu halten. »In das allgemeine Kling-Klang-Gloria einzustimmen, ist heute noch nicht die rechte Zeit. Das ist weder Undank von mir noch Miesmacherei, sondern nur ernste Sorge.«174 In seinem bereits erwähnten Hirtenbrief nach seiner Romreise vom Oktober 1933 versuchte Bertram den Teilen der katholischen Öffentlichkeit, die sich durch die Erklärung vom 28. März sowie durch das Reichskonkordat von der Amtskirche im Stich gelassen fühlte, das bisherige Handeln zu erklären. Sollten die Zusicherungen Hitlers aus seiner Regierungserklärung vom 23. März »voll und ganz verwirklicht werden«, dann würde das eine »Beseitigung der Gefahr« des Nationalsozialismus bedeuten. Da sie diese Möglichkeit nicht hätten verstreichen lassen, hätten die Bischöfe »pflichtgemäß gehandelt«, verteidigte Bertram seine Kundgebung vom 28. März. Das Reichskonkordat habe der Episkopat trotz der Schwierigkeiten bei manchen Einzelbestimmungen »im Bewusstsein seiner Verantwortung« begrüßt, da dadurch die Möglichkeit »für Ruhe und Eintracht im Volksleben und [für] friedliche Gestaltung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat« gegeben werde175.

4. AUSBLICK a) Weltanschauliche Auseinandersetzung 1933/34

Nach der Ratifizierung des Reichskonkordats äußerte sich Bertram mehrfach öffentlich zu den politischen Umwälzungen in Deutschland sowie zur nationalsozialistischen Weltanschauung. 173

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Bertram an Pacelli vom 2.9.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 144, S. 239. Diese Auffassung vertrat Bertram auch bei seinem ad limina Besuch in Rom im September 1933, bei dem er u.a. die »übergroße Macht der unteren Organe im neuen Reich [kritisierte], die gegen katholische Organisationen viel radikaler vorgehen als die höchsten Spitzen.« Bericht Bertrams vom [Ende September 1933], in: Ebd., Nr. 158, S. 263-269, hier 263. Der Hl. Stuhl folgte Bertrams Wunsch und drängte auf eine schnelle Ratifikation. Pacelli an Bertram vom 10.9.1933, in: Ebd., Nr. 150, S. 250 f. L. VOLK, Reichskonkordat, S. 197. Bertram an Faulhaber vom 10.8.1933, in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 130, S. 219 f.; L. VOLK, Reichskonkordat, S. 186 f.; H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 246. A. BERTRAM, Kundgebung aus den Tagen meiner Romreise 1933 vom 15.10.1933, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 138, S. 519-521, hier 519 f.

4. Ausblick

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Im September 1933 lehnte er es in einem Hirtenbrief über den Rosenkranz ab, dass die Erneuerung Deutschlands nur auf wirtschaftlichem und nationalem Gebiet stattfinden sollte176. Während seines Romaufenthaltes im Oktober bezeichnete Bertram den »Totalitätsanspruch des nationalistisch und völkisch charakterisierten Staates« als einen der »Grundirrtümer in weitesten Kreisen des Nationalsozialismus.«177 In seinem Hirtenbrief im Anschluss an seine Romreise nannte er die bestimmenden Zukunftsthemen, »deren glückliche Lösung von eminenter Bedeutung für das katholische Leben in Deutschland« seien: Schutz und Freiheit der katholischen Organisationen, der katholischen Liebestätigkeit, der katholischen Jugendbildung, der katholischen Presse sowie der Katholischen Aktion178. Mit der nationalsozialistischen Lehre setzte sich Bertram an verschiedenen Stellen seiner Hirtenworte der Jahre 1933/34 auseinander. In seinem Fastenhirtenbrief von Januar 1934 wandte er sich gegen diejenigen, »die ein neues Christentum bringen wollen. Man möchte an die Stelle eines bekenntnistreuen Christentums eine Art von allgemeinem Christentum setzen. Das richtet seine schärfsten Angriffe gerade gegen die katholische Kirche. Denn die katholische Kirche duldet nie, daß auch nur der kleinste Stein aus dem Baue der Offenbarungswahrheiten gebrochen werde. Die ein neues, gleichgeschaltetes, allgemeines Christentum bringen wollen, sind Feinde jenes reinen katholischen Christentums.«179

Ende April 1934 richtete Bertram ein Hirtenwort an die Arbeiterschaft im Waldenburger Bergland in Oberschlesien, »wo das Volk seit Jahrzehnten so oft von kommunistischen und sektiererischen Bewegungen beunruhigt wurde«, um »vor neu auftauchenden Versuchen, die Katholiken an ihrer Kirche irre zu machen und sie sogar zum Abfall zu bewegen«, zu warnen. Rückblickend fragte sich der Fürstbischof, ob »etwa die letzten zwei Jahrzehnte, die« er in der Leitung der Diözese Breslau gestanden hatte, »eine ruhige Zeit« gewesen seien? »Gewiß nicht. Unablässig« habe er gemeinsam mit den Gläubigen »den Kampf führen [müssen] gegen die grundstürzenden Irrlehren des Marxismus und Bolschewismus in seinen verschiedensten Gestaltungen, den Kampf gegen Freidenker und gegen die sogenannten Ernsten Bibelforscher, den Kampf gegen den Indifferentismus, gegen Gleichgültigkeit im religiösen Leben, gegen öffentliche Unsittlichkeit und um Heilighaltung der Ehe, den Kampf für Gottesglauben und übernatürliche 176

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»Sollen wir nur denken an Mehrung der natürlichen Kräfte und Rassenvorzüge? Nur sinnen auf Ertüchtigung und Wehrhaftigkeit im irdischen Leben? Das katholische Volk denkt anders.« A. BERTRAM, Hirtenwort zu Beginn des Rosenkranzmonats vom 15.9.1933, in: Ebd., Nr. 137, S. 516518, hier 517. Bericht Bertrams vom [Ende September 1933], in: L. VOLK (Bearb.), Kirchliche Akten, Nr. 158, S. 263. A. BERTRAM, Kundgebung aus den Tagen meiner Romreise 1933 vom 15.10.1933, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 138, S. 520. Zu seiner Romreise siehe die Hinweise L. VOLKS, Kirchliche Akten, S. 263, Anm. 1 und S. 270, Anm. 2. A. BERTRAM, Lichtgedanken aus Jesu Abschiedsrede vom 21.1.1934, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 142, S. 524-535, hier 527.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur Offenbarung, den Kampf um die göttliche Stiftung der Kirche und um Freiheit ihres Wirkens.«

Doch waren diese Gefahren im neuen Deutschland wirklich gebannt? »Wir sind dankbar, herzlich und ehrlich dankbar für das Versprechen friedlichen Zusammenwirkens zwischen Staat und Kirche, dankbar für Eintreten für positives Christentum. Aber mit der Zusage solchen Eintretens ist der große Kampf der Geister nicht beendet. Geistige Kämpfe sind mit geistigen Waffen zu führen.« Bertram war bereit, genau diesen Kampf der Geister mit geistigen Waffen nicht nur gegen die »Gottlosenpropaganda in Rußland«, gegen Bolschewismus und Kommunismus auszutragen, sondern seine Kampfansage galt auch »den modernen Gottesfeinden in Deutschland«, den Nationalsozialisten180. Schließlich handelte es sich auch bei der NS-Ideologie und der damit verbundenen Rassenfrage um »das angemessenste und eigentliche Feld der Auseinandersetzung des Papsttums [, der Bischöfe und der katholischen Kirche allgemein] mit dem Dritten Reich, insofern der Papst [, die Bischöfe und die katholische Kirche allgemein] ohne Divisionen hier dem Nationalsozialismus tatsächlich etwas entgegenzusetzen hatte[n], nämlich die christliche Weltanschauung.«181 Bertram kritisierte, dass »so manches, was heute in öffentlichen Reden und Blättern mit volltönenden Worten dargeboten wird,« so klänge, »als solle ein neues Evangelium, eine neue, germanische oder nordische Religion, eine neue Sittlichkeitslehre uns gebracht werden.« Die Aufgabe der Kirche sei es in solchen Fällen »zu scheiden zwischen dem Gemisch von Irrtum und Wahrheit.«182 Bertram hatte bereits in seinem Fastenhirtenbrief 1934 die übernatürliche göttliche Liebe über die nationalsozialistische Rassenlehre gestellt183. In seinem Hirtenbrief an die Waldenburger Bergleute griff er dieses Thema erneut auf: »Eng verbunden mit dieser grundstürzenden Weltanschauung ist die Behauptung, daß Religiosität und Sittengesetz bei den verschiedenen Völkern der Erde abhängen müsse von Blut und Rasse. Dazu sei folgendes gesagt. Gewiß wollen wir die Eigenart unseres Volkes und unseres Stammes hoch und dankbar schätzen; denn Stammesart ist eine der wertvollsten Gottesgaben. Wir wollen alle Werte, die in dieser Gottesgabe ruhen, pflegen und zu entfalten suchen. Wir wollen allezeit mit den Gaben unserer natürlichen Eigenart die nationale Kultur zu erhöhen streben.«184 180

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A. BERTRAM, Von katholischer Treue in bewegter Zeit. Hirtenwort vom 27.4.1934, in: Ebd., Nr. 148, S. 544-548, hier 544 f. D. ALBRECHT, Heiliger Stuhl, S. 31. Tatsächlich schienen die deutschen Bischöfe den Hl. Stuhl als die Instanz anzusehen, die gegen die Judenverfolgung protestieren sollte. In Rom wiederum sah man dies eher als die Pflicht der Bischöfe vor Ort an. H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 503 f. A. BERTRAM, Von katholischer Treue in bewegter Zeit. Hirtenwort vom 27.4.1934, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 148, S. 545. »Die moderne Zeit erstrebt Vereinigung der Volksgenossen auf Grundlage der Rassengemeinschaft. Das hat sein Gutes. Auch Christus liebte sein Volk, seine Nation. Aber Christus greift tiefer und schaut weiter: er erstrebt Vereinigung in übernatürlicher Liebe«. A. BERTRAM, Lichtgedanken aus Jesu Abschiedsrede vom 21.1.1934, in: Ebd., Nr. 142, S. 531. A. BERTRAM, Von katholischer Treue in bewegter Zeit. Hirtenwort vom 27.4.1934, in: Ebd., Nr. 148, S. 545 f.

4. Ausblick

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Das ändere jedoch nichts an der ewigen Geltung der göttlichen Gesetze. In ihrem Pfingsthirtenbrief 1933 hatten die deutschen Bischöfe bereits mit Blick auf die Rassenlehre darauf hingewiesen, dass »der Heiland dazu berief, alle Menschen ohne Unterschied der Sprache und der Zeit, der Nation und Rasse erlösend zu erfassen« und »daß bei der Zugehörigkeit zu einem Staatswesen die ausschließliche Betonung der Rasse und des Blutes zu Ungerechtigkeiten führt, die das christliche Gewissen belasten.«185 Welche Konsequenzen der einzelne Gläubige aus diesem belasteten Gewissen ziehen sollte, war jedoch offen geblieben. Die »Irrtümer« des zu bekämpfenden »neuen Heidentum[s]« würden in vielen Gestalten in das Bewusstsein des Volkes eindringen, warnte Bertram nun. Der Protest der Bischöfe erhebe sich vor allem »gegen den Gedanken ..., daß ein Buch, das grundsätzliche Irrtümer verbreitet, Lebensbuch für Jugend und Erwachsene wird. Solche Gedanken stehen mit dem Bekenntnis zum positiven Christentum im schroffsten Gegensatz ... Möge jeder, der das Buch vom ›Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts‹ verteidigt, wissen, daß das eine Auflehnung gegen Christus den Herrn, gegen alle Religion der göttlichen Offenbarung ist.«

Bertram sah in den angeprangerten Irrtümern eine Kriegserklärung »gegen die katholische Kirche«, schließlich habe »Christus ... niemals an Gründung einer Nationalen Kirche gedacht.«186 Als der Chefideologe Alfred Rosenberg am 24. Januar 1934 durch Hitler zum Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP bestellt wurde, wurde sein »Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts« als Reaktion auf den »Index der verbotenen Bücher« gesetzt187. Die Trennung, die Bertram zwischen nationalsozialistischem Regime und staatlicher Obrigkeit vornahm, wird in seinem Hirtenbrief an die Waldenburger Bergarbeiter besonders deutlich. Denn obwohl er den Kampf mit den Vertretern der glaubensfeindlichen Lehren annahm, war eine Auseinandersetzung mit eben diesen Personen in ihrer Funktion als Träger der staatlichen Obrigkeit nicht vorstellbar. Mit der Treue »zur gottgesetzten kirchlichen Obrigkeit verbindet sich die Treue zur staatlichen Autorität. Das bekunden Eure Bischöfe stets in Wort und Tat. Niemand hat Grund zu reden, als wenn es Katholiken nicht Ernst [sic] sei mit ihrem Eintreten für das neue Deutsche Reich. Wir weisen das als Verleumdung zurück. Wir begrüßen alles, was das neue Reich dem Volke an Segnungen gebracht hat. Unser Gehorsam zur bestehenden 185

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Hirtenbrief des deutschen Episkopats vom 3.6.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, Nr. 45, S. 242. A. BERTRAM, Von katholischer Treue in bewegter Zeit. Hirtenwort vom 27.4.1934, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 148, S. 546. »Damnatur liber Alfredi Rosenberg, cui titulus ›Der Mythus des 20. Jahrhunderts‹, in: AAS 26 (1934), S. 93. In der katholischen Presse der Diözesen Köln und Münster erschienen wissenschaftliche Widerlegungen der Rosenberg’schen Lehre. Kardinal Schulte ließ von seiner »weltanschaulichen Abwehrstelle« einen »Katechismus« der NS-Ideologie zusammenstellen, dem 35 »Katechismuswahrheiten« entgegengestellt wurden. R. LILL, NS-Ideologie, S. 145-147.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur Obrigkeit trägt so, wie gegen die frühere monarchische Obrigkeit, das Gepräge, das der Völkerapostel der Stellung zur staatlichen Obrigkeit gegeben hat: Gehorsam um Gottes willen, nämlich darum, weil alle obrigkeitliche Gewalt, auch wenn ihr Träger wechselt, doch zuerst und zuletzt von Gott stammt, von dessen Weisheit alle Ordnung in Familie und Gesellschaft, in Volk und Staat ausgeht. Das ist die Weihe der Stellung des Christen zur staatlichen Autorität. Eine höhere Weihe des Gehorsams und eine festere Grundlage der Treue zur staatlichen Autorität gibt es nicht, als wie unsere Religion sie bietet. Nicht politische Gründe sind für unsere Stellung zur Obrigkeit maßgebend.«188

Bertram erkannte nicht, dass seine religiöse Überzeugung hier an ihre Grenzen gelangte. Er vertrat diese Position nicht nur gegenüber seinen Gläubigen, sondern er lebte sie konsequent weiter, auch wenn er zu ahnen schien, dass er sich durch die Trennung zwischen nationalsozialistischer Weltanschauung und Partei auf der einen und staatlicher Autorität auf der anderen Seite selbst in seinem Handlungsspielraum einschränkte. In einem Schreiben an Kardinalstaatssekretär Pacelli vom November 1934 über die Ausführungsverhandlungen mit der Regierung das Reichskonkordat betreffend gab er seiner Verwirrung Ausdruck. Man müsse erkennen, »dass die Arbeitsweise der verschiedenen höchsten Reichsregierungsbehören widerspruchsvoll ist. Jeder weiß, dass im Rosenbergschen Buche alle Verleumdungen gegen Christus, gegen die Apostel, die Evangelien, das Christentum, gegen die katholische Kirche, das Papsttum, gegen die Sakramente – alle Verdächtigungen, die seit Jahrzehnten vereinzelt erschienen sind, bei Rosenberg in marktschreierischem Reklamestil zusammengetragen und mit aufhetzendem Pathos der urteilslosen Jugend vorgesetzt sind, – die Regierung steht nicht hinter diesem Buche, – und doch wird die Volksjugend und akademische Jugend durch Anordnungen höchster Behörden, durch die Instanzen, die überzeugt sind, damit im Sinne der Ministerien zu handeln, genötigt, diesen Wust als nationalsozialistisches Gedankengut in sich aufzunehmen. Es kann der Reichsregierung nur zur Ehre gereichen, wenn sie wirksam dafür sorgt, dass solche widerspruchsvolle Handlungsweise abgeschafft wird. Da jetzt ›reiner Tisch gemacht werden‹ soll, da jetzt wirkliche Befriedung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche angestrebt werden soll, halte ich im Hinblick auf die Zukunft des gesamten geistigen Lebens des katholischen Volkes es für notwendig, auf diese schlimmste Quelle der ärgsten Gefahren, die dem deutschen Katholizismus drohen, in aller Offenheit hinzuweisen, solange es noch Zeit ist. Es ist noch Zeit. Denn die Stimmung des treu katholischen Volkes ist von heißem Verlangen nach Rettung des katholischen Glaubens bis in die tiefsten Tiefen der Volksseele erfüllt.«189

Seinen Klerus forderte Bertram dazu auf, die Gläubigen im Kampf gegen die Glaubensfeinde zu leiten und über die Gefahren ihrer Lehren zu aufzuklären. »Jedem Übergreifen solcher [glaubensfeindlicher] Bewegungen auf das religiöse Gebiet die größte Aufmerksamkeit zu widmen, ist ernsteste Pflicht aller Diener der Kirche. Nicht nur dem Klerus, sondern auch weitesten Laienkreisen ist es seit Mona188

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A. BERTRAM, Von katholischer Treue in bewegter Zeit. Hirtenwort vom 27.4.1934, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 148, S. 546. Bertram an Pacelli vom 15.11.1934, ASV – A.E.S., Germania, Scatola 38a, f. 72r-76r, hier 75r-v.

4. Ausblick

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ten aufs schmerzlichste aufgefallen, wie in öffentlichen Blättern tagtäglich Angriffe auf die religiöse Bekenntnistreue, auf die konfessionelle Schule, auf katholische Weltanschauung, auf kirchliche Obrigkeit und ihre Treue zum heutigen Staate und auf kirchliche Einrichtungen erscheinen. Alles das beginnt Verwirrung in weitesten Kreisen anzurichten. Solchen Angriffen mit Ruhe und Festigkeit, besonders mit überzeugender Klarheit würdevoll entgegenzutreten, ist heilige Pflicht der Seelsorger.«190

Die Katholiken würden zwar prinzipiell den Frieden suchen, aber weder den, »der unter dem Leichentuche herrscht, das Rußland und Mexiko über alles religiöse Leben breiten, so wie es die Bolschewisten auch in Deutschland erstreben« würden, noch den »einer alle Bekenntnisse gleichschaltenden Nationalreligion«. Sie wollten auch nicht den Frieden mit denjenigen, »die mit jeder Windrichtung der öffentlichen Meinung sich abzufinden suchen, sei es aus Strebertum, sei es aus Resignations-Stimmung ... Wir denken an jenen Frieden, den Gottes Weisheit uns gegeben hat in der Schöpfung der beiden Ordnungen in der Welt, der staatlichen und der kirchlichen, und beiden Gewalten ihre selbständigen Aufgaben mit selbständiger Autorität auf den ihnen eigenen Gebieten verliehen hat; an Gottes Weisheit, die da will, daß Harmonie unter den beiden Gewalten in gegenseitiger Anerkennung herrsche.«191

Bertram fühlte die Verantwortung als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz schwer auf seinen Schultern lasten. Hilfe suchend wandte er sich im Dezember 1933, nach fast einem Jahr unter der Herrschaft Hitlers, an den Hl. Stuhl und bat um Leitlinien für sein zukünftiges Verhalten. In diesem vertrauensvoll gehaltenen Schreiben ist von den im Rahmen der Konkordatsfragen beschriebenen Differenzen zwischen Bertram und Kardinalstaatssekretär Pacelli, die einem einheitlichen und vertrauensvollen Miteinander in der Abwehr der nationalsozialistischen Weltanschauung und Politik zwischen dem Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz und dem zukünftigen Papst im Weg gestanden hätte, nichts zu spüren192. »Da gemeinsame Sorgen ein besonders enges Band der Dankbarkeit knüpfen, so drängt es mich, Euer Eminenz zum Jahresschlusse innigsten Dank auszusprechen für alle die starke Hilfe, die Sie dem Episkopate der deutschen Diözesen in diesen überaus ernsten Zeiten mit weisester Würdigung der Ereignisse namentlich im Laufe dieses wechselvollen Jahres andauernd leisten. Gott vergelt’s, ist mein Memento am Altare.«

Im Rahmen der Verhandlungen um die katholischen Vereine habe einer der Erzbischöfe darauf aufmerksam gemacht, dass der Kirche 190

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A. BERTRAM, Wachsamkeit gegenüber glaubensfeindlichem Schrifttum vom 24.2.1934, in: W. MARSCHALL (Bearb.), Bertram Hirtenbriefe, Nr. 143, S. 535 f., hier 535. A. BERTRAM, Einige aktuelle seelsorgliche Winke. Zur zwanzigsten Wiederkehr des Tages meiner Inthronisation in Breslau vom 28.10.1934, in: Ebd., Nr. 152, S. 554-562, hier 561. Eine solche Interpretation vertreten H. WOLF / K. UNTERBURGER, S. 91: »Dabei stand Pacelli zu weiten Kreisen des deutschen Episkopats in einem eher distanzierten Verhältnis. Dies gilt insbesondere für Kardinal Bertram, den Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz. In den späteren Krisenzeiten während des NS-Regimes sollte dieses Misstrauen nicht selten zu einer unzureichenden Abstimmung zwischen beiden führen.« Siehe zum Verhältnis zwischen Bertram und Pacelli Kapitel III.4.b.

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur »im Falle eines zu starken Widerstands der Bischöfe gegen die staatlichen Intentionen ... ein Kulturkampf bevorstehe, der an Schärfe alles Frühere übertrifft. Das ist nicht unwahrscheinlich bei einer Regierung, die das Totalitätsprinzip siegreich durchgeführt zu haben glaubt. Andererseits aber darf das katholische Volk niemals sagen können, daß die Herde in ihren vitalen Interessen von den Hirten verlassen sei. Ein Vorwurf, der bei schwächlicher Nachgiebigkeit den Episkopat auf immer treffen würde.«

Nun würden Stimmen in ganz Deutschland laut, »die verlangen, daß die Bischöfe fest bleiben sollen und das Weitere der Providenz überlassen sollen.« Bertram wusste offensichtlich nicht, wie er sich fortan verhalten solle und fragte deswegen um Rat. »Eure Eminenz werden es mit mir fühlen, wie schwer der Unterzeichnete als zeitiger Vorsitzender der Bischofskonferenz unter dem Druck der Verantwortung leidet. Wenn Eure Eminenz von höchster Warte aus bezüglich der Art und Grenzen unserer Stellungnahme mir praktische Winke geben oder durch andere Hand geben lassen können, werde ich stets dankbar sein, zumal die anderen Oberhirten zumeist die Initiative und Formulierung mir überlassen. Um gütige Aufnahme dieser Zeilen, die einer sorgenvollen seelischen Stimmung entspringen, bittend, gestatte ich mir zur heiligen Weihnacht die besonders innigen Glückwünsche darzubringen. Noch nie habe ich den Himmelsgruß ›Et in terra pax‹ so sehnsüchtig verlangt wie in diesen Adventstagen.«193

Dass Bertram sich darüber beschwerte, dass die übrigen Bischöfe zumeist ihm die Initiative überlassen würden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, da er die meisten Entscheidungen allein zu treffen pflegte und die Fäden am liebsten selbst in der Hand hielt. Dass er dabei das Gewicht der Verantwortung besonders spüren musste, ist nur selbstverständlich. Dieser Führungsstil zeigte seine Schwäche in der außerordentlichen Lebenssituation des Jahres 1933, in der gemeinschaftliches bischöfliches Handeln notwendig gewesen wäre. Ob, und wenn ja, welche Anweisungen und Ratschläge Pacelli Bertram gab, geht aus den durchgesehenen Akten nicht hervor. Der Breslauer Kardinal gab dem Hl. Stuhl die Möglichkeit, direkten Einfluss auf das bischöfliche Handeln in Deutschland zu nehmen, auch wenn Pacelli diese Bitte Bertrams erneut als einen Versuch gesehen haben mag, sich in einer schwierigen Lage aus der Verantwortung zu stehlen194. b) Kirchliche Selbstbehauptung 1934-1945

Die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wird in der Forschung zu Recht als ein eigenes Kapitel der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland angesehen. Für Bertrams Art des Kirchenkampfes wurde der Terminus der »Eingabepolitik« geprägt, womit der diplomatische, nichtöffentliche Protest des Breslauer Kardi193 194

Bertram an Pacelli vom 13.12.1933, ASV – A.E.S., Germania, Scatola 38, f. 63r-v. E. PACELLI, S. 223.

4. Ausblick

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nals bei den verschiedenen Regierungs- und Parteistellen gemeint ist. Diese Eingabepolitik hatte Bertram im Kaiserreich erlernt, in der Weimarer Republik weiterhin mehr oder weniger erfolgreich eingesetzt und er wandte diese Strategie auch nach 1933 konsequent weiter an. »Was diese ›Eingabepolitik‹ betrifft, so ist längst anerkannt, daß für die Anfangsjahre die massenhaften Denkschriften und Eingaben, wie sie Nuntius Orsenigo, Kardinal Bertram und viele Bischöfe betrieben, durchaus angemessen waren und ihre sachliche Präzision den Gegner in Bedrängnis brachten; da das Dritte Reich zum Teil auch ein Normenstaat war, mußte auch auf dieser Ebene gehandelt werden.«

Dieser positiven Bilanz der Jahre 1933-1937 stellt Walter Ziegler allerdings das Fehlen einer klaren »Strategie der schwachen Fuldaer Bischofskonferenz« sowie die »Führungslosigkeit des Gesamtepiskopats, gerade jetzt, wo gegenüber dem totalen Zentralstaat strikte Einheit der Bischöfe nötig war«, gegenüber195. Diese Kritik zielt vor allem auf Bertram als den alternden Vorsitzenden der gesamtdeutschen Bischofskonferenzen. Bertram wich vor den Angriffen des nationalsozialistischen Regimes Schritt für Schritt zurück und harrte mit Gottvertrauen auf den Tag, an dem er und die katholische Kirche das totalitäre Regime überlebt haben würden. Bestärkt wurde Bertram in diesem Vorgehen durch das Scheitern der päpstlichen Enzyklika »Mit brennender Sorge« aus dem Jahr 1937, deren öffentlichkeitswirksame Aufrufe zu keinem bleibenden Erfolg führten196. Ende 1933 hatte Bertram erstmals mit dem Gedanken gespielt, den Vorsitz der Fuldaer Bischofskonferenz einem jüngeren Bischof zu überlassen – er selbst war schon 74 Jahre alt – doch versuchte er nicht ernsthaft, das Amt abzutreten. Neun Jahre später – die Fuldaer Bischofskonferenz drohte an der Frage der Taktik der Abwehrmaßnahmen gegen die Unterdrückungen des nationalsozialistischen Regimes gesprengt zu werden – bat Bertram offiziell um seine Ablösung. Seine Mitbischöfe verweigerten Bertram aus Verantwortungsscheu diese Bitte und machten sich somit mitverantwortlich für den weiteren passiven Kurs Bertrams und der Bischofskonferenz197. Ein inhärenter Antisemitismus kann für Bertram trotz der bekannten Äußerung, »daß die überwiegend in jüdischen Händen befindliche Presse gegenüber den Katholikenverfolgungen in verschiedenen Ländern durchweg« mit »Schweigen« reagiert habe, er also das antisemitische Vorurteil der vom Judentum durchsetzten Weltpresse benutzte, nicht nachgewiesen werden198. Da Bertram die Ver195 196

197

198

W. ZIEGLER, Katholische Bischöfe, S. 415 f. Synoptischer Druck in: ALBRECHT (Bearb.), Notenwechsel I, Nr. 7, S. 402-443; L. VOLK, Bischofskonferenz Machtergreifung; L. VOLK, Bischofskonferenz Enzyklika; T. BRECHENMACHER, Teufelspakt, S. 635 f. Bertram an die deutschen Metropoliten vom 3.8.1942, in: L. VOLK (Bearb.), Akten V, Nr. 782, S. 816 f.; Bertram an Pius XII. vom 13.9.1942, in: Ebd., Nr. 791, S. 921; A. LEUGERS, Bertram 1933-1945, S. 94 f. Es handelte sich hierbei um eine Rundfrage Bertrams, ob der Episkopat bei der Reichsregierung eine Eingabe anlässlich des Judenboykotts vom 1.4.1933 einreichen solle. Bertram an die deutschen

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IV. Das Ende der Weimarer Republik und die Anfänge der NS-Diktatur

knüpfung von Religion und Rasse immer wieder ablehnte, kann diese Äußerung nicht dazu dienen, die These Olaf Blaschkes zu stützen, dass der Antisemitismus ein bestimmendes Wesensmerkmal des Katholizismus gewesen sei199. Zwar verweist diese Äußerung auf einen auch bei Bertram latent vorhandenen religiösen Antijudaismus, doch dafür, dass dieser Antijudaismus ein konstituierendes Merkmal von Bertrams »Katholischsein« gewesen wäre, gibt es in den Quellen keine Hinweise. Blaschke deutet dies jedoch an, wenn er auf Bertrams Sozialisierung im Rahmen seines Studiums bei den ultramontanen und angeblich antisemitischen Jesuiten in Innsbruck verweist: »Wer im Kulturkampf und danach von diesem ultramontanen Katholizismus mit diesem Antisemitismus sozialisiert und infiziert worden war, der hatte es schwer, sich den Juden gegenüber vorurteilsfrei zu verhalten.«200

199

200

Erzbischöfe vom 31.3.1933, in: B. STASIEWSKI (Bearb.), Akten I, S. 42 f., Anm. 3; H. HÜRTEN, Deutsche Katholiken, S. 195-197. Insgesamt finden sich im Register der von W. Marschall herausgegebenen Hirtenbriefe Bertrams unter den Stichwörtern »Juden« und »Judentum« lediglich sieben Einträge, drei davon aus den Jahren vor 1933 und vier aus den Jahren danach. Hierbei handelt es sich um Aussagen über »das abtrünnige Judentum und die heidnische Macht« (90), darüber, dass das Kreuz als »Zeichen des heldenmütigen Glaubens, das ... den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit« sei (339), über die gegen die junge Kirche gerichtete Wut von »Judentum und Heidentum« (417), über den Heiland, der zu den »zweifelnden Juden« sprach (613) sowie über die Welt vor der Geburt des Messias: »das Heidentum kalt und liebesleer, das Judentum veräußerlicht und in das Irdische versunken« (775). Im Januar 1940 schrieb Bertram sowohl gegen die nationalsozialistische Lehre als auch gegen das Judentum gerichtet, die katholische Kirche sei »niemals eine Nationalkirche, wie die Juden vom Messiasreiche träumten, sondern ist katholisch. Und katholisch heißt allgemein, alle Völker mit gleicher Liebe umfassend« (767). Die einzige Aussage über Juden, die Bertram in die Nähe der nationalsozialistischen Lehre bringt, da er deren Terminologie übernahm, stammt aus seinem Fastenhirtenbrief vom 2.2.1938. In der Passage, in der er über die Wandlung des Saulus zum Paulus berichtete, schrieb er: »Schon hatte Saulus einen furchtbaren Seelenkampf gekämpft, als er in den geistestiefen Reden des heil. Stephanus und in dem vom Verklärungsglanze umleuchteten Opfertode dieses ersten christlichen Märtyrers die Morgenröte einer neuen Welt erblickte, die nichts mehr zu tun hatte mit den Verirrungen des entarteten Judentum [sic]« (679). Die geringe Quantität der Aussagen Bertrams über die Juden und das Judentum bestätigen den Schluss W. ZIEGLERS, Katholische Bischöfe, S. 417 f.: »Ein zentrales Problem jedenfalls waren die Juden für die Katholiken damals nicht.« Diese Äußerungen Bertrams (es können lediglich diejenigen vom 31.3.1933 sowie die vom 2.2.1938 darunter gezählt werden) verweisen auf einen latenten religiösen Antijudaismus Bertrams und nicht auf einen in seiner katholischen Identität begründeten rassischen Antisemitismus. »Es war die ultramontane Gesinnung, die den entscheidenden Faktor für den Antisemitismus im Katholizismus bildete: Je intensiver der Ultramontanismus, desto vehementer auch der katholische Antisemitismus. Katholiken waren nicht trotz ihres Christentums judenfeindlich, sondern vielmehr um so judenfeindlicher, je mehr sie ultramontan, fromm und christlich waren.« O. BLASCHKE, Schlesiens Katholizismus, S. 192; O. BLASCHKE, Anatomie; O. BLASCHKE, Herrschaft; O. BLASCHKE, Dämon. Von der katholischen Forschung wird die Gleichsetzung Blaschkes von Antisemitismus und Katholizismus zu Recht scharf zurückgewiesen. H. HÜRTEN, Antisemit; T. BRECHENMACHER, Ende, S. 34 f., 37 f., 50-58; B. SCHEWICK, S. 152 f.; R. LILL, NS-Ideologie, S. 139 kommt zu dem Ergebnis, dass »die Quellen keinen direkten oder verursachenden Zusammenhang zwischen älterem Antijudaismus und rassischem Antisemitismus« erweisen. BLASCHKE, Schlesiens Katholizismus, S. 187 f. Blaschke wirft dem Katholizismus mit Blick auf den Breslauer Kardinal vor, dass er es nicht nur unterlassen habe, »die Juden gegen den Antisemitismus zu unterstützen, sondern er stieß, wenn auch leiser als die Radauantisemiten, in dasselbe Horn.«

4. Ausblick

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Der Richtungsstreit innerhalb der Fuldaer Bischofskonferenz kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs sowie die von Bertram boykottierten Versuche eines Teiles des Episkopats, geführt vom moderner denkenden aber letztlich durchsetzungsschwachen Berliner Bischof Preysing, für den Schutz der allgemeinen Menschenrechte einzutreten, sind in der Forschung bekannt. Bertram blieb über die zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland hinweg seiner defensiven, ausschließlich die Rechte der Kirche verteidigenden Strategie ebenso treu wie seinem aus seiner Studienzeit stammenden Harmoniemodell, das vom katholischen Gläubigen den gottgewollten Gehorsam gegenüber der staatlichen Obrigkeit sowie die harmonische Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat zur Stabilisierung der öffentlichen Ordnung forderte. Für den heutigen Leser ist es bedrückend, wie deutlich dieser Sachverhalt aus seiner Korrespondenz mit Hermann Muhs, seit 1942 de facto Reichskirchenminister, anlässlich der 30-jährigen Bischofstätigkeit Bertrams in Breslau hervorgeht. Muhs gratulierte dem Breslauer Kardinal zu seiner langen Amtszeit und fügte dankbar anerkennend hinzu, dass sich dessen »Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen in einer angenehmen Form vollzogen hat und geleitet war von dem Bestreben, die Interessen von Staat und Kirche in Einklang zu bringen.«201 Bertram war freudig überrascht über gerade diesen Gratulanten und wiederholte im Oktober 1944, was er in seinem Antrittshirtenbrief als Fürstbischof von Breslau vor dreißig Jahren gesagt hatte: »›Die Harmonie zwischen Kirche und Staat ist von Gott gewollt. Es ist darum echt kirchliche Gesinnung, aus der der Gruß entspringt, den ich beim Amtsantritte auch der staatlichen Obrigkeit an heiliger Stätte entbiete.‹ Daß in der jetzigen, für Staat und Kirche entscheidungsvollsten Zeit Ihre Anerkennung der Integrität der Arbeit des Episkopats mir freudige Zuversicht bereitet, ist mir wertvoll im Anblicke so vieler kritischer Anliegen, die die nächste Zukunft bringen wird.«202

201 202

Zwar geht dieses Urteil zu weit, doch die Schlussfolgerung Blaschkes kann unterstützt werden, denn tatsächlich kann man die »unterlassene Hilfeleistung der Katholiken und das Schweigen ihrer Funktionseliten im Nationalsozialismus nicht mehr allein auf Angst oder Ohnmacht angesichts der Diktatur« zurückführen. »Auch das waren natürlich Gründe. Aber man muß auch die Blindheit und den Milieuegoismus berücksichtigen, die sich in den vorangegangenen Jahrzehnten und besonders im Kulturkampf entwickelt hatten.« Ebd., S. 188. Nach B. SCHEWICK, S. 157 entsprach es der Mentalität aller gesellschaftlicher Kräfte, und nicht nur dem Katholizismus, lediglich die »Räson der eigenen Gruppe im Auge zu haben.« Muhs an Bertram vom 24.10.1944, BArch – R 5101/21802, f. 92r-v, hier 92v. Bertram an Muhs vom 27.10.1944, Ebd., 93r-v.

V. DER KIRCHENPOLITISCHE KURS ADOLF KARDINAL BERTRAMS IM WANDEL DER POLITISCHEN SYSTEME (1906-1933) Adolf Bertram erfuhr seine kirchliche Sozialisation im Deutschen Kaiserreich. Er wuchs in der Bischofsstadt Hildesheim auf, wo die Katholiken mit 30 Prozent der Bevölkerung die Minderheit stellten. Am Bischöflichen Gymnasium Josephinum übten seine Lehrer einen großen Einfluss auf den hochbegabten Schüler aus, der sich zum Priesteramt berufen fühlte. Obwohl der Kulturkampf in Hildesheim vergleichsweise moderat verlief, wurde die philosophisch-theologische Lehranstalt geschlossen, was zu einem Bruch in der Biographie Bertrams führte. Er ging aus der Hildesheimischen Diaspora zum Theologiestudium in das katholische Würzburg, wo er in die katholische Studentenverbindung »Unitas« eintrat. Die stärkste Prägung auf Bertrams wissenschaftliche theologische Ausbildung ging vom Apologetiker Franz Seraph Hettinger aus, den er zeitlebens als Vorbild eines akademischen Lehrers ansah. Bertram sammelte weitere universitäre Erfahrungen in München und schloss sein Studium mit seiner Priesterweihe am 31. Juli 1881 ab. Während seines anschließenden Studiums bei den Jesuiten in Innsbruck verfasste er eine theologische Dissertation, die in Würzburg mit »summa cum laude« bewertet wurde. Wahrscheinlich war Bertram bereits zu diesem Zeitpunkt für eine Laufbahn in der Hildesheimer Diözesanverwaltung vorgesehen, denn er sollte seine Kenntnisse im Kirchenrecht durch ein Studium in Rom vertiefen, wo er Kaplan an der deutschen Nationalstiftung Santa Maria dell’Anima wurde. 1884 kehrte Bertram mit der Doktorwürde des Kirchenrechts nach Hildesheim zurück. Dort wurde er gemäß seiner Ausbildung nicht in der praktischen Seelsorge, sondern als »Hilfsarbeiter« im Generalvikariat eingesetzt. Bald erweiterte sich der Aufgabenbereich Bertrams: er übernahm die Führung der Kirchenbücher, wurde Registrator, Bibliothekar der Dombibliothek und Assessor. Als Bischof Wilhelm Sommerwerck, gen. Jacobi, ihn 1893 zum Domvikar vorschlug, wurde dem fähigen Priester allerdings zuerst die notwendige staatliche Genehmigung durch die preußische Regierung verweigert, da sein Vater der Welfischen Partei angehörte, und man sich in Berlin nicht sicher war, ob Bertram auch weiterhin politisch unauffällig bleiben würde. Sommerwerck riskierte eine scharfe Auseinandersetzung, um Bertrams Nominierung durchzusetzen, und die Regierung gab nach. Im Hildesheimer Bischof hatte Bertram einen einflussreichen Förderer, ein zweiter war der Breslauer Fürstbischof Georg Kardinal Kopp, der ehemalige Hildesheimer Generalvikar. Nach dem Tod Sommerwercks forcierte Kopp die Wahl Bertrams zum Bischof von Hildesheim. Bertrams kirchenpolitische Ansichten über das Verhältnis von Kirche und Staat wurden maßgeblich von diesen beiden Bischöfen geprägt. Sein »Harmoniemodell«, wie er es bereits in seinem Antrittshirtenbrief als Bischof von Hildesheim

V. Der kirchenpolitische Kurs im Wandel der politischen Systeme (1906-1933)

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darlegte, geht auf die katholische Staatslehre nach Papst Leo XIII. zurück: Für den Katholiken ist die herrschende Staatsform irrelevant, da hinter jeder Regierung die göttliche Autorität steht und da der Staat als Ordnungsmacht für die Gesellschaft von Gott gewollt ist. Die Harmonie zwischen beiden Autoritäten Kirche und Staat durfte nach Bertrams Überzeugung nicht gestört werden, wofür beide Seiten Kompromisse eingehen sollten. Aufgrund dieser Überzeugung und seiner »warmen Vaterlandsliebe« zeigte er wiederholt »Verständnis für staatliche Interessen« und gab nicht nur dem preußischen Kultusminister Trott zu Solz mehrfach »Proben seiner Zuverlässigkeit.«1 Die verantwortlichen Regierungsstellen im protestantischen Herzogtum Braunschweig waren zwar bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts katholikenfeindlich eingestellt, aber während des Hildesheimer Pontifikats Bertrams zunehmend an einem einvernehmlichen Verhältnis mit der katholischen Kirche interessiert. Durch direkte Verhandlungen mit dem braunschweigischen Kultusminister Carl von Wolff gelang es Bertram, beachtenswerte Erfolge für die braunschweigischen Katholiken zu erzielen. Bertrams »Harmoniemodell« griff demnach auch bei einer den Katholiken weniger wohlgesonnenen Regierung. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat der Hildesheimer Bischof im Rahmen der Fuldaer Bischofskonferenz vor allem als Präses der »Sozialen Kommission« in Erscheinung, die im Gewerkschaftsstreit zwischen dem in sich zerstrittenen preußischen Episkopat vermitteln sollte. Bertram stellte sich auf die Seite der Christlichen Gewerkschaften, wodurch er in Gegensatz zu seinem früheren Mentor Kardinal Kopp geriet, der sich vehement für die katholischen Arbeitervereine einsetzte. Nach Kopps Tod Anfang März 1914 wünschten die preußische Regierung sowie das Zentrum einen weniger intransigenten Fürstbischof von Breslau als Kopp es in seinen letzten Jahren gewesen war. Der Wunschkandidat der Regierung war Bischof Schulte von Paderborn, der im Gewerkschaftsstreit eine prominentere Rolle gegen Kopp gespielt hatte als Bertram – dieser war der Regierungskandidat zweiter Wahl. Der Paderborner Bischof fand im Breslauer Domkapitel allerdings im Gegensatz zu seinem Hildesheimer Amtsbruder keine Unterstützung. Da der Regierung an der Durchführung eines Wahlakts gelegen war, gab sie sich mit Bertram zufrieden, doch musste dessen Wahl garantiert werden. Um dies zu erreichen, ließ der preußische Ministerpräsident Bethmann Hollweg faktisch alle anderen Namen außer dem Bertrams von der Kandidatenliste streichen – sollte sich das Domkapitel gegen diesen staatlichen Eingriff in das ihr zustehende Bischofswahlrecht zur Wehr setzen, würde sich die Regierung direkt mit dem Hl. Stuhl auf einen Nachfolger Kopps einigen. Da der Hl. Stuhl Bereitschaft zu diesem Vorgehen signalisierte, gab das Domkapitel nach und wählte Bertram. Dieser 1

Trott zu Solz an Bethmann Hollweg vom 13.11.1914, PA AA – Preussen 2 Nr. 2a, secr., Die Korrespondenz mit dem Fürstbischof Kopp, Bd. 9, f. 141.

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zweifelte, ob er die Wahl annehmen sollte, zeigte sich schlussendlich jedoch dazu bereit, sollte der Hl. Stuhl die Wahl anerkennen. Papst Pius X. sanierte daraufhin den Wahlakt, da der Hildesheimer Bischof bereit war, nach Breslau zu gehen. Als Regierungskandidat verrufen, hatte Bertram in den ersten Jahren seiner Amtszeit in Breslau mit einigen Widerständen zu kämpfen, doch ließen diese in den kommenden Jahren nach. Bertrams Translation nach Breslau fiel mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusammen. Er unterstützte ähnlich wie die anderen deutschen Bischöfe das Krieg führende Vaterland. Der Breslauer Fürstbischof sah Deutschland zu einem Verteidigungskrieg gezwungen, weswegen er keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Krieges hatte. In Wilhelm II. erkannte er einen christlichen Friedenskaiser. Bereits während des Krieges kam die Frage nach dem zukünftigen Wahlrecht in Deutschland auf und Bertram wollte der Forderung nach Demokratisierung nachkommen, da er hoffte, durch ein Entgegenkommen radikalere Forderungen verhindern zu können. Nach dem Ausbruch der Revolution am 9. November 1918 übte sich Bertram ähnlich wie die übrigen Bischöfe vorerst in »Revolutionsgeduld« und rief die Gläubigen zu Gottvertrauen und zur Ruhe auf. Er akzeptierte umgehend die neuen politischen Rahmenbedingungen und bezeichnete es als die Pflicht eines Katholiken, seine politischen Rechte bei den anstehenden Wahlen wahrzunehmen und an der Gestaltung der öffentlichen Ordnung mitzuwirken. Hatte Bertram während des Kaiserreichs und noch im Krieg »Verständnis für [die] staatliche[n] Interessen« der Monarchie gezeigt, stellte er sich nun pragmatisch auf die neue Situation ein und zeigte »Verständnis für [die] staatlichen Interessen« der entstehenden Republik. Durch seine Passivität war Bertram in der Revolution ein beruhigender Faktor, da er nicht versuchte, seine konservative Position im politischen Bereich zu bewahren. Erst nach dem Einsetzen der kulturpolitischen Maßnahmen der sozialistischen Revolutionsregierung um die Trennung von Kirche und Schule und von Kirche und Staat stellte Bertram gemeinsam mit dem Episkopat deren Legitimation in Frage und beharrte auf vorrevolutionärem Recht. Der Breslauer Fürstbischof verbot dem Klerus die politische Betätigung von der Kanzel, um Seelsorge und Politik voneinander zu trennen. Dieses Verbot entband jedoch nicht von der Aufgabe, über die für die Katholiken bestehenden Gefahren aufzuklären, die von den weltanschaulichen Gegnern wie den Sozialisten oder den Anhängern der Vaterländischen Kampfverbände ausgingen. Die Fuldaer Bischofskonferenz, deren Vorsitz Bertram kurz nach seiner Kardinalserhebung im Dezember 1919 im Januar 1920 übernahm, verbot den Katholiken die Mitgliedschaft in christentumsfeindlichen sozialistischen Organisationen. In den 1920er Jahren forcierte Bertram das Mitgliedschaftsverbot in den Vaterländischen Kampfverbänden. Das politische Tagesgeschäft überließ Bertram in der Revolution und auch danach in der Weimarer Republik der katholischen Zentrumspartei, wodurch es

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ihm möglich wurde, sich im kirchenpolitischen Bereich auf interne Verhandlungen zu beschränken. In seinen Wahlhirtenbriefen rief er die Katholiken wiederholt dazu auf, an den Wahlen für die politischen Körperschaften teilzunehmen und ihre Stimme katholischen Abgeordneten zu geben. Für Bertram gab es keine Alternative zur Politik des Zentrums und er verteidigte vehement dessen Koalition mit der SPD gegen die Angriffe von politisch rechts stehenden Katholiken. In seinen Augen schloss die weltanschauliche Gegnerschaft zwischen Katholizismus auf der einen und Sozialismus und Kommunismus auf der anderen Seite, wie sie doch gerade in der kulturpolitischen Auseinandersetzung höchst aktuell war, eine beschränkte Zusammenarbeit in politischen Fragen zwischen dem Zentrum und der SPD in der Verfassunggebenden Nationalversammlung und später in den Reichs – und Landtagen nicht aus. Für Bertram war das Zentrum die einzige Partei, die ein Katholik in Preußen wählen konnte, da sich nur das Zentrum für die katholischen Interessen einsetzte. Die protestantisch dominierte DNVP, zu der viele politisch rechts stehende Katholiken abwanderten, war für ihn keine Alternative. Das lag nicht nur am konfessionellen Unterschied oder daran, dass die DNVP ebenso wenig wie die SPD Sicherungen für die katholische Kirche bot, sondern auch daran, dass die DNVP und die ihr nahe stehenden Vaterländischen Kampfverbände im Gegensatz zur SPD die republikanische Verfassung, deren Träger und damit die gottgewollte staatliche Autorität ablehnten. Somit zeigte Bertram auch »Verständnis für [die] staatliche[n] Interessen« der Weimarer Republik, weshalb er durchaus als »Vernunftrepublikaner« bezeichnet werden kann. In der »Riesendiözese« Breslau hatte Bertram zu Beginn seiner Amtszeit ca. vier Millionen Gläubige zu betreuen. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg musste das Deutsche Reich auch Teile des Breslauer Fürstbistums abtreten. Diese fielen entweder unter eine andere kirchliche Verwaltung, wie in Polen an das Erzbistum Gnesen-Posen, oder blieben dem Fürstbistum erhalten wie in der Tschechoslowakei, wo der einkommensstarke und deshalb begehrte Breslauer Mensalgüterbesitz lag. Um die staatliche und kirchliche Zukunft Oberschlesiens mit dem zweitwichtigsten Industriegebiet Deutschlands, das kirchlich ebenfalls von Breslau aus betreut wurde, kam es zu Konflikten. Oberschlesien war eines der wenigen katholischen Kerngebiete des Bistums Breslau und die Mehrheit der Bevölkerung waren polnische Muttersprachler. Von der zu Beginn des 20. Jahrhunderts erneut aufkommenden nationalpolnischen Propaganda wurde die Frage der ethnischen mit der der nationalen Zugehörigkeit vermischt. Als neuer Fürstbischof von Breslau kritisierte Bertram die preußische Polenpolitik des Kaiserreichs, die auf eine Unterdrückung der polnischen Sprache im täglichen Umgang abzielte und auf Widerstand gestoßen war. Bertram setzte hingegen auf eine langsame Germanisierungspolitik, durch die in ein bis zwei Generationen das Deutsche das Polnische verdrängt haben würde. Bis dahin förderte Bertram allerdings die Seelsorge in der polnischen Muttersprache.

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Für die nationalpolnische Propaganda war der Breslauer Fürstbischof ein »Germanisator«, gegen den die Emotionen geschürt wurden. Dass sich Bertram hinter den Kulissen durch Eingaben beim Vatikan dafür einsetzte, dass Oberschlesien nach Ende des Großen Krieges bei Deutschland bleiben sollte, war nicht bekannt. Aber Bertram ließ auch öffentlich keinen Zweifel an seiner Vorstellung über die politische Zukunft Oberschlesiens, das auch zukünftig zu Deutschland gehören sollte. Auch in diesem Fall lieferte Bertram eine Probe seiner »warmen Vaterlandsliebe«. Dabei ging er jedoch nicht soweit, dass er den Gläubigen hätte vorschreiben wollen, ob sie bei dem durch den Versailler Vertrag anberaumten Plebiszit, das über die staatliche Zugehörigkeit Oberschlesiens entscheiden würde, für Deutschland oder für Polen stimmen sollten. Den Knoten zwischen Politik und Religion konnte Bertram nicht lösen, auch wenn er in dieser Frage immer wieder die Zurückhaltung des Diözesanklerus und gleiche Liebe für alle Diözesanen jeder Muttersprache und Nation forderte und für Verständnis der Gegenseite warb. Die »Theologische Sektion«, ein Zusammenschluss polnischsprachiger Breslauer Diözesanpriester, forderte die Abtrennung Oberschlesiens aus der Jurisdiktionsgewalt Bertrams und die Errichtung einer eigenständigen polnischen Diözese. Angestachelt wurde diese Forderung durch auswärtige nationalpolnische Ordensgeistliche, die zu Propagandazwecken ins Abstimmungsgebiet geschickt wurden. Im Juni 1920 brach ein Konflikt zwischen Bertram und der Interalliierten Kommission aus, der die staatliche Ordnungsmacht bis zum Plebiszit unterstellt war und die dem Fürstbischof die Einreise nach Oberschlesien verweigerte, wo er liturgische Handlungen vornehmen wollte. Die Interalliierte Kommission begründete dieses Verbot damit, dass sie politische Ausschreitungen während Bertrams Anwesenheit befürchtete. Damit kam sie den Wünschen der nationalpolnischen Propaganda entgegen, die zeigen wollte, dass Bertram nicht der rechtmäßige Bischof von Oberschlesien sei. Die Weigerung des polenfreundlichen Nuntius Achille Ratti, dem späteren Papst Pius XI., der als Oberkommissar für die Abstimmungsgebiete vom Vatikan als Vermittler nach Oberschlesien geschickt worden war, dem deutschfreundlichen Bertram in der Auseinandersetzung um die Einreisefrage Unterstützung zu gewähren, führte zum Bruch zwischen Kardinal und Nuntius. Das kühle Verhältnis zwischen dem Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz und dem Papst ab 1922 geht auf diese Auseinandersetzung zurück. Für großen Aufruhr sorgte Bertrams umstrittener Erlass vom 20. November 1920, in dem er – sich auf die Autorität des Hl. Stuhls berufend – jegliche politische Betätigung auswärtiger Kleriker in seiner Diözese verbot und die seines Breslauer Diözesanklerus von der Genehmigung des ansässigen Ortspfarrers abhängig machte. Dieser Erlass zielte darauf ab, die politische Propagandaarbeit von meist polnischsprachigen Geistlichen zu verhindern. Der Hl. Stuhl, der davon ausgegangen war, dass er in dem Erlass nicht genannt würde, warf Bertram Verantwortungsscheu vor, weil die heftige Kritik des polnischen Episkopats, des polnischen

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Klerus, der polnischen Bevölkerung sowie der nationalpolnischen Propaganda gegen Rom gerichtet war: der Hl. Stuhl unterstütze Bertrams Germanisierungspolitik. Der Vatikan war ebenso wie Bertram von der Notwendigkeit überzeugt, der politischen Propaganda des Klerus in Oberschlesien Einhalt gebieten zu müssen. Der durch den Erlass Bertrams diskreditierte Ratti wurde in seiner Funktion als Oberkommissar für die Abstimmungsgebiete durch Giovanni Baptista Ogno Serra ersetzt. Dieser erließ Anfang Dezember 1920 im Namen des Hl. Stuhls ein Dekret, das über den Erlass Bertrams hinausging, da es jegliche politische Betätigung von Geistlichen verbot, wodurch der Vorwurf der Parteilichkeit ausgeräumt werden konnte. Aufgrund der Ergebnisse des Plebiszits am 20. März 1921 entschied der interalliierte Botschafterrat im Oktober 1921 die Teilung Oberschlesiens zwischen Deutschland und Polen. Auf Initiative des Hl. Stuhls schuf Bertram eine fürstbischöfliche Delegatur mit dem gemäßigten nationalpolnischen Delegaten Joannes Kapitza an ihrer Spitze. In Bertrams Augen war die Durchführung einer regulären Seelsorge in Polnisch-Oberschlesien von Breslau aus wegen des großen Misstrauens der polnischsprachigen Bevölkerung nicht mehr möglich, weshalb er sich gegen diese Lösung nicht sträubte. Der Breslauer Fürstbischof konnte in der Folge erfolgreich verhindern, dass der Hl. Stuhl den nationalpolnischen Erzpriester von Kattowitz Joannes Kubina nach der offiziellen Übergabe Oberschlesiens an Polen zum Apostolischen Administrator für Polnisch-Oberschlesien ernannte. Achille Ratti berief mittlerweile als Pius XI. stattdessen den Ordensgeistlichen Augustinus Hlond in dieses Amt. Nach dem Zusamenbruch der Monarchie, nach der Revolution und nach der territorialen Umgestaltung Deutschlands durch die Folgen des Versailler Vertrags mussten die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und Deutschland, bzw. den deutschen Staaten, neu geregelt werden. Der preußische Episkopat unter seinem neuen Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz erarbeitete sich in seinen Gutachten vom Januar 1920 präzise Vorstellungen, wie dieses Verhältnis zu gestalten sei. Anfang der 1920er Jahre entwickelte sich eine komplexe Verhandlungssituation zwischen dem preußischen Episkopat, dem Münchener und Berliner Nuntius Eugenio Pacelli sowie der preußischen Staats- und der Reichsregierung. Die preußische Regierung spielte hierbei auf Zeit, um ihren Einfluss im kirchlichen Bereich so lange wie möglich wahren zu können. Pacelli und Bertram arbeiteten in solchen Fragen durchaus eng zusammen, denn der Nuntius benötigte für seine Konkordatsverhandlungen mit Preußen und dem Reich die Unterstützung des Episkopats. Hierbei zeigte sich jedoch schnell deren unterschiedliche taktische Ausrichtung. Während der Breslauer Kardinal die schnelle Lösung von Einzelfragen wünschte und in Teilgebieten wie der Anstellung ausländischer Geistlicher zu Kompromissen mit der preußischen Staatsregierung bereit war,

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wollte der Nuntius schwebende Fragen offen halten, um sich eine maximale Verhandlungsposition zu sichern. Ab Februar 1922 konnte Pacelli die kirchliche Verhandlungsführung in Konkordatsfragen auf seine Person konzentrieren und damit Bertrams Einflussmöglichkeiten einschränken. Erst nach dem Abschluss des Bayernkonkordats im Jahr 1925 kamen die Verhandlungen um das Preußenkonkordat wieder in Gang, ohne dass Bertram allerdings entscheidenden Einfluss darauf nehmen konnte – das Reichskonkordat wurde auf die Zeit nach dem Abschluss des Preußenkonkordats verschoben. In der Frage der Neuzirkumskription der kirchlichen Verhältnisse in Ostdeutschland hatte Bertrams Wort allerdings große Bedeutung. Hierbei ging es ihm vor allem darum, dass dem Breslauer Fürstbistum der Mensalgüterbesitz in der Tschechoslowakei, aus dem ein Großteil der Breslauer Einnahmen stammte, so lange wie möglich bewahrt bliebe. Das Verhältnis zwischen Bertram und Nuntius Pacelli wurde nicht erst durch die Ergebenheitsadresse des preußischen Episkopats an Papst Pius XI. anlässlich des Abschlusses des Preußenkonkordats im Sommer 1929 getrübt. In diesem bemängelten die Bischöfe, dass weder die Ehe- noch die Schulfrage in dem Vertrag geregelt wurden, was Pacelli als Verhandlungsführer als persönlichen Affront ansah. In seiner Finalrelation als Nuntius in Deutschland kritisierte Pacelli den Breslauer Kardinal scharf. Der Ursprung der Spannungen scheint in der unterschiedlichen Interpretation der Rolle eines Nuntius zu liegen. Während sich Pacelli als direkter Vertreter des Hl. Vaters vor Ort und damit in gewisser Weise als über dem preußischen und deutschen Episkopat stehend verstand, sah Bertram in einem Nuntius – und das gilt sowohl für den deutschen Nuntius Pacelli als auch für den polnischen Nuntius Ratti – keinen direkten kirchlichen Vorgesetzten. Das waren für den Kardinal lediglich die Römischen Kongregationen und der Hl. Vater. Anfang der 1930er Jahre bezog Bertram eindeutig Position gegen die anwachsenden christentumsfeindlichen Organisationen. Seine Verurteilung des Nationalsozialismus als »Irrlehre« kann nur im Kontext mit seinen Verurteilungen von Sozialismus, Kommunismus und Bolschewismus gesehen werden. Diese waren – ob politisch links oder rechts angesiedelt – allesamt christentumsfeindliche Ideologien, die mit den geistigen Waffen der Kirche bekämpft und vor denen die Gläubigen geschützt werden mussten. Auch mit der so genannten »Machtergreifung« Hitlers am 30. Januar 1933 änderte sich diese Situation nicht grundlegend und die bischöflichen Warnungen vor den Nationalsozialisten, deren Parteiführer nun Reichsanzler einer Koalitionsregierung war, blieben weiterhin bestehen. Hitler setzte den Episkopat durch das öffentlich in seiner Regierungserklärung vom 23. März ausgesprochene Angebot eines modus vivendi zwischen den Kirchen und dem neuen Staat unter Zugzwang. Entweder brachen die Bischöfe mit ihrer eigenen Sozialisation, mit der Staatslehre Papst Leos XIII. und in Bertrams Fall mit seinem »Harmoniemodell« und behielten entgegen jeglicher Tradition

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den Konflikt mit der scheinbar legal an die Macht gelangten Regierung bei, was letztlich Totalopposition und einen neuen Kulturkampf bedeutet hätte. Oder aber sie wichen einen Schritt zurück und revidierten vorsichtig ihre Position. Bertram, die beiden Kardinäle Schulte und Faulhaber sowie die Mehrheit des preußischen Episkopats schlugen diesen Weg ein, der zu ihrer umstrittenen Erklärung vom 28. März führte. Auf diese Weise konnten die noch bestehenden Einflussmöglichkeiten auf die Gläubigen sowie auf die politischen Verhältnisse weiterhin gewahrt werden. Es wird deutlich, dass im Frühjahr 1933 von Bertram kein Paukenschlag zu erwarten war, sondern dass er sich an seinen eigenen traditionellen Handlungsmaßstäben orientierte, ja orientieren musste: harmonische Zusammenarbeit mit der jeweiligen staatlichen Obrigkeit. Bertram zeigte wie bereits im Kaiserreich, in der Revolution und in der Weimarer Republik nun auch in der Entstehungsphase der Hitler-Diktatur »Verständnis für staatliche Interessen« und gab »Proben seiner Zuverlässigkeit«. Das Harmoniemodell Bertrams wurde in den folgenden Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland zu einer »Konfliktvermeidungsstrategie« und stieß an seine Grenzen. Es konnte nur so lange funktionieren, wie auch die staatliche Autorität an einem harmonischen Verhältnis mit der Kirche interessiert war. Gab diese jedoch nur vor, die Harmonie anzustreben, musste das Modell in sich zusammenbrechen. Bertram allerdings war außer Stande, seine ein Leben lang eingermaßen erfolgreich angewandte Strategie nun aufzugeben, selbst wenn er sich eingestehen musste, dass sie in diesem Falle scheiterte. So beteuerte er bis zuletzt immer wieder seine Treue gegenüber der staatlichen Obrigkeit, was die nationalsozialistischen Machthaber sicher sein lassen konnte, dass vom alternden Breslauer Kardinal keine Opposition zu erwarten war, die sie fürchten mussten. Versucht man abschließend, die einleitend gestellte erkenntnisleitende Frage über Parallelen und Unterschiede in Bezug auf Bertrams Verhalten in Umbruchsphasen staatlicher Ordnung zu beantworten, kommt man zu dem Schluss, dass er auf der Basis seines »Harmoniemodells« »Verständnis« für die jeweils vorherrschenden »staatliche[n] Interessen« zeigte. Dass er den Machthabern von so unterschiedlichen Staatsformen wie einer Monarchie, einer Republik und einer Diktatur »Proben seiner Zuverlässigkeit« geben konnte, liegt darin begründet, dass er seine Loyalitätsbekundungen nicht an die staatliche Ordnung in ihrer jeweils konkret herrschenden Ausgestaltung richtete, sondern an die von Gott gewollte und legitimierte staatliche Ordnung an sich. Erleichtert wurden Bertram diese Bekenntnisse zur staatlichen Ordnung durch seine »warme Vaterlandsliebe« zu Deutschland. Diese Vaterlandsliebe war allerdings nicht absolut, sondern stand hinter der Nächstenliebe und der Achtung der Vaterlandsliebe von Angehörigen anderer Nationen zurück. Bei der Gegenüberstellung von Bertrams Verhalten in den Jahren 1918/19 und 1933 ist dennoch ein Unterschied festzustellen. Während er die Warnungen vor dem weltanschaulichen Gegner Sozialismus 1918/19 nicht zurücknahm, tat er

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dies, wenn auch unter bestimmten Kautelen und wenn auch nur bedingt, im Jahr 1933 im Fall des Nationalsozialismus. Mit der Beteiligung des Zentrums in den Koalitionsregierungen der Weimarer Republik seit der Verfassunggebenden Nationalversammlung im Januar 1919 war die Harmonie im Verhältnis von Staat und Kirche mehr oder minder gewährleistet. Das war jedoch 1933 nicht mehr der Fall. Insofern war das scheinbare Angebot Hitlers, jene Harmonie wieder herzustellen, für einen Bischof wie Bertram verlockend. Deshalb ist er Hitler mit der Erklärung vom 28. März 1933 ein Stück entgegen gekommen, nicht ahnend, dass die Zeit des traditionellen Einvernehmens zwischen Kirche und Staat in der modernen Diktatur endgültig zu Ende ging.

BIOGRAMME Adamski, Stanislaus (1871-1967), 1899 PW, Domkapitular in Posen, 1930 Bischof von Kattowitz. Aguirre de Cárcer, Manuel, Direktor der Minderheitenabteilung beim Völkerbundsekretariat. Algermissen, Konrad (1889-1964), 1916 PW, 1920 Kaplan in Hannover, 1926-1933 Leiter des Apologetischen Dezernats an der Zentrale des Volksvereins für das katholische Deutschland, 1936 Professor für Dogmatik und Moraltheologie in Hildesheim, 1942 Ehrendomherr in Hildesheim, 1943 Päpstlicher Geheimkämmerer, 1954 Domkapitular. Anders, Eugen (1874-1925), 1897 PW, 1913 Pfarrer in Deutsch Piekar, 1923 in Branitz. Augustin, Karl (1847-1919), 1874 PW, 1886 Assessor in Breslau, 1897 Kurator der Grauen Schwestern, 1904 Ehrendomherr in Breslau, 1910 Titularbischof von Diocesarea, Weihbischof in Breslau. Ballestrem, Marco Graf von (1881-1965), 1922-1956 Vorsitzender des Vereins (später der Vereinigung) Katholischer Edelleute Schlesiens, Mitglied der Stahlhelmkommission, Mitglied der Zentrumspartei (konservative Liga). Bauch, Konrad (1886-1961), 1913 PW, 1917 Kreisvikar in Neumarkt, 1921 Pfarrer in Polkwitz, 1931 in Weizenrodau. Bebel, August (1840-1913), 1866 Gründer der Sächsischen Volkspartei, 1869 Gründer der SDAP, 1871 MdR (SDAP), 1892 Vorsitzender der SPD. Becker, Carl Heinrich (1876-1933), 1908 Professor für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients in Hamburg, 1913 in Bonn, 1916 in Berlin, 1919 Unterstaatssekretär im pr. Kultusministerium, 1920-1925 Staatssekretär, 1921, 1925-1930 Kultusminister (DDP). Beelte, Christoph (1839-1911), 1863 PW, Lehrer am Gymnasium Josephinum in Hildesheim, 1893 Domvikar in Hildesheim, 1895 Direktor am Gymnasium Josephinum, 1896 Domkapitular. Benedikt XV. (1854-1922), Giacomo della Chiesa, 1878 PW, 1907 Erzbischof von Bologna, 1914 Kardinal, Papst. Bennigsen, Rudolf von (1824-1902), 1856-1866 Mitglied der 2. Kammer der hannoverschen Ständeversammlung, 1859 Mitbegründer des Deutschen Nationalvereins, 1867-1883 MdPrAbgh (Nationalliberale), 1873-1879 Präsident des Abgeordnetenhauses, 18711873, 1887-1898 MdR, 1868-1888 Landesdirektor der Provinz Hannover, 1888-1897 OP von Hannover. Berchtold, Leopold Graf (1863-1942), 1906 österreichischer Botschafter in St. Petersburg, 1912-1915 k.u.k. Minister des Äußeren. Bergel, Anton (1855-1923), 1879 PW, Pfarrer und Kuratus in Breslau, 1912 Domkapitular, 1916 Offizial. Bergen, Carl Ludwig Diego von (1872-1944), 1895 Attaché in Guatemala, 1899 Sekretär der deutschen Gesandtschaft in Peking, 1901 in Brüssel, 1905 in Madrid, 1906 Legationssekretär bei der Gesandtschaft beim Hl. Stuhl, 1911 Wirklicher Legationsrat und Vortragender Rat im AA, 1917 Leiter der Politischen Abteilung, 1919 pr. Gesandter beim Hl. Stuhl, 1920-1943 deutscher Botschafter ebenda, 1930 Doyen des diplomatischen Korps. Bertzik, Augustin (1864-1940), 1890 PW, 1897 Pfarrer in Biskupitz.

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Biogramme

Bethmann Hollweg, Theobald (1856-1921), 1896-1899 Oberpräsidialrat in Potsdam, 1899 OP von Brandenburg, 1905 pr. Innenminister, 1907 Staatssekretär des Reichsamts des Innern, 1909-1917 pr. MP, Außenminister, Reichskanzler. Biskup, Karl (1884-), 1910 PW, 1921 Pfarrer in Groß-Neukirch. Blaeschke, Alfons (1870-1950), 1896 PW, Kaplan in Landeshut, 1899 Pfarrer in Neuen, 1909 in Liegnitz, 1915 Domkapitular in Breslau, 1916-1938 Generalvikar, 1924 Dompropst. Bludau, Augustinus (1862-1930), 1887 PW, 1895 Professor in Münster, 1909 Bischof von Ermland. Boelitz, Otto (1876-1951), 1915 Studiendirektor in Soest, 1919-1932 MdLPr (DVP), 19211925 pr. Kultusminister, 1945 Mitgründer der CDU Westfalen. Borgongini-Duca, Francesco (1884-1954), 1906 PW, Unterstaatssekretär, 1929 Titularerzbischof von Heraklea, Nuntius in Italien, 1953 Offizial der Römischen Kurie, Kardinal. Bosse, Julius Robert (1832-1901), 1881 Unterstaatssekretär im pr. Ministerium des Innern, 1891 Staatssekretär im Reichsjustizamt, 1892-1899 pr. Minister der geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. Brandis, Ferdinand, Oberamtsrichter in Braunschweig. Braun, Carl Otto (1872-1955), 1902 Stadtverordneter in Königsberg, 1909-1920 Vorstand des Deutschen Landarbeiterverbands, 1913 MdPrAbgh (SPD), 1919-1920 MdVerNat, 1919 pr. Landwirtschaftsminister, 1919-1932 MdR, 1919-1933 MdLPr, 1920-1921, 19211925, 1925-1933 pr. MP, 1933 Exil in der Schweiz. Brauns, Heinrich (1868-1939), 1890 Kaplan in Krefeld, 1895 Vikar in Borbeck bei Essen, Direktor an der Zentralstelle des Volksvereins, 1919-1920 MdVerNat, 1920-1933 MdR (Z), 1920-1928 Reichsarbeitsminister. Braunschweig-Lüneburg, Ernst August Herzog von, Kgl. Prinz von Großbritannien und Irland, Herzog von Cumberland (1887-1953), 1913-1918 Herzog von BraunschweigLüneburg. Brüning, Heinrich (1885-1970), 1924-1933 MdR (Z), 1928-1929 MdLPr, 1929 Vorsitzender der Reichstagsfraktion, 1930-1932 Reichskanzler, 1931-1932 Außenminister, 1934 Exil, 19371951 Professor für Politische Wissenschaften in Harvard, 1951-1955 in Köln. Buchberger, Michael (1874-1961), 1900 PW, 1919 Generalvikar in München, 1923 Weihbischof in München und Freising, 1927 Bischof von Regensburg. Büsse, Joseph Georg (1847-1931), 1875-1912 Lehrer am Gymnasium Josephinum in Hildesheim, 1911 Domkapitular in Hildesheim. Cerretti, Bonaventura (1872-1933), 1895 PW, 1914 Titularerzbischof von Philippopolis in Thrakien, Titularerzbischof von Korinth, Apostolischer Delegat in Australien, 1917 Sekretär der Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten, 1921 Nuntius in Frankreich, 1925 Kardinal. Cuno, Ludwig (1881-1949), 1914 PW, Kaplan in Trebnitz, 1920 Ordinariatsassessor in Breslau, 1923 Domkapitular. Cuno, Wilhelm (1876-1933), 1907 Regierungsassessor im Reichsschatzamt, 1917 Direktorium der Reederei Hapag, 1922-1923 Reichskanzler. Curzon, George Nathaniel Lord (1859-1925), 1886 House of Lords, 1899 Vizekönig und Generalgouverneur Indiens, 1906 Kanzler der Universität Oxford, 1916 Eintritt ins englische Kriegskabinett, 1919-1924 Außenminister. Dalbor, Edmund (1869-1926), 1893 PW, 1909 Generalvikar in Posen, 1915 Erzbischof von Gnesen und Posen, 1919 Kardinal.

Biogramme

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De Salis, John Francis Charles Count (1864-1939), englischer Gesandter beim Hl. Stuhl. Dittert, Franz (1857-1937), 1921 Großdechant und Generalvikar der Grafschatz Glatz. Doms, Julius (1889-1964), Inhaber einer Schnupftabakfabrik, Vorsitzender des Katholikenausschusses der DNVP in Schlesien. Düker, Heinrich (1838-1904), 1862 PW, 1867 Lehrer am Gymnasium Josephinum in Hildesheim, 1903 Eintritt ins Benediktinerkloster Beuron. Ebert, Friedrich (1871-1925), 1900 Fraktionsvorsitzender in der Bremer Bürgerschaft (SPD), 1912 MdR, 1913 Vorsitzender der SPD, 1916 Vorsitzender der Reichstagsfraktion, 1919 Reichspräsident. Ehrenfried, Matthias (1871-1948), 1898 PW, 1924 Bischof von Würzburg. Ernst, Joseph (1863-1928), 1886 PW, Kaplan in Celle, 1896 Professor am Priesterseminar in Hildesheim, 1906 Regens, 1914 Bischof von Hildesheim. Erzberger, Matthias (1875-1921), 1903 MdR (Z), 1919 Leiter der Waffenstillstandskommission, 1919-1920 Reichsfinanzminister. Eulenburg, Botho Graf zu (1831-1912), 1863-1870, 1879-1881 MdPrAbgh, 1867 Vortragender Rat im pr. Innenministerium, 1869 RP von Wiesbaden, 1872 Bezirkspräsident von Metz, 1873 OP von Hannover, 1878 pr. Innenminister, 1881 OP von Hessen-Nassau, 1892 pr. MP, Innenminister. Faulhaber, Michael von (1869-1952), 1892 PW, 1911 Bischof von Speyer, 1913 bayerischer Personaladel, 1917 Erzbischof von München und Freising, 1921 Kardinal. Fehrenbach, Konstantin (1852-1926), 1885-1887, 1901-1913 MdLB (Z), 1903 MdR, 19071909 Präsident des Badischen Landtags, 1918 Präsident des Reichstags, 1919-1920 Präsident der Verfassunggebenden Nationalversammlung, 1920-1921 Reichskanzler, 1923 Fraktionsvorsitzender des Zentrums. Ferche, Joseph (1888-1965), 1911 PW, Kaplan in Schomberg, 1914 in Königshütte, 1922 Pfarrer in Ohlau, 1927 in Cosel, 1931 Domkapitular in Breslau, Generalvikariatsrat, Rat der Geheimen Kanzlei, 1940 Titularbischof von Vina, Weihbischof in Breslau, 1947 Domkapitular in Köln, Weihbischof in Köln. Fischer, Antonius Hubert (1840-1912), 1863 PW, 1888 Domkapitular in Köln, 1889 Titularbischof von Juliopolis, Weihbischof in Köln, 1903 Erzbischof von Köln, Kardinal. Frerichs, Wilhelm Friedrich Theodor von, Legationsrat, Vertreter der Reichsregierung in München. Frühwirth, Andreas (1845-1933), Taufname Franz, 1863 Eintritt in Dominikanerorden, 1868 PW, 1876 Prior in Wien, 1880-1884, 1891 Provinzial der Österreich-Ungarischen Provinz, 1891-1904 Generalmagister, 1904 Kuriendienst, 1907 Titularerzbischof von Heraklea, Nuntius in München, 1915 Kardinal, 1925 Großpönitentiar, 1927 Kanzler der römischen Kirche. Galen, Clemens August Graf von (1878-1946), 1904 PW, 1933 Bischof von Münster, 1946 Kardinal. Ganse, Franz Georg (1909-1970), PW 1933, 1940 Pfarrer in Militsch. Gasparri, Pietro (1852-1934), 1877 PW, 1880 Professor am Institut Catholique in Paris, 1898 Erzbischof von Caesarea, Nuntius in Peru, Bolivien und Equador, 1901 Sekretär der Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten, 1907 Kardinal, 1914-1930 Kardinalstaatssekretär. Giesberts, Johann (1865-1938), 1889 Mitbegründer der Christlichen Gewerkschaften, 19051932 MdR (Z), 1906-1918 MdPAbgh, 1919-1920 MdVerNat, 1919-1922 Reichspostminister.

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Biogramme

Glowatzki, Joseph (1847-1936), 1870, PW, Kaplan in Goschütz, 1876 in Biskupitz, 1884 Pfarrer in Wyssoka, 1889 Erzpriester in Groß-Strehlitz, 1898-1918 MdPrAbgh (Z), 18981918 MdR, 1902 Fürstbischöflicher Kommissarius. Göpfert, Franz Adam (1849-1913), 1871 PW, Kaplan in Kitzingen, 1879 a.o. Professor für Moral- und Pastoraltheologie in Würzburg, 1882-1892 Universitätsprediger, 1884 ordentlicher Professor. Göring, Hermann Wilhelm (1893-1946), 1928-1945 MdR (NSDAP), 1932-1945 Reichstagspräsident, 1933 pr. MP, 1933 Reichsminister für Luftfahrt, 1935 Oberbefehlshaber der Luftwaffe, 1940 Reichsmarschall. Graën, Joseph (1843-1907), 1866 PW, Kaplan in Duderstadt, 1871 in Dingelbe, Pfarrer in Hönnersum, 1886 Pfarrer an Hl. Kreuz, Hildesheim, 1905 Domkapitular. Grimme, Adolf Berthold Ludwig (1889-1963), 1919 Studienrat in Hannover, 1930-1932 pr. Kultusminister (SPD), 1948-1956 Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks. Gröber, Konrad (1872-1948), 1897 PW, 1931 Bischof von Meißen, 1932 Erzbischof von Freiburg. Groener, Wilhelm (1867-1939), 1893-1919 Militärdienst, 1920-1923 Reichsverkehrsminister, 1928-1932 Reichswehrminister, 1931-1932 Reichsinnenminister. Guenther, Hans von (1864-1934), 1896 Landrat in Schlesien, 1901 Vortragender Rat im pr. Staatsministerium, 1907 Unterstaatssekretär, 1910-1919 OP von Schlesien. Hacks, Franz (1868-), 1919-1922 MdPrL (SPD), 1921 Stadtverordneter in Neustadt/Oberschlesien. Haenisch, Konrad (1876-1925), 1900-1919 MdPrAbgh (SPD), 1918-1921 pr. Kultusminister, 1919-1921 MdPrLVers, 1921-1924 MdLPr, 1924 RP in Wiesbaden. Hagemann, Johannes (1859-1939), 1881 PW, 1884 Kaplan in Algermissen, 1893 Domvikar in Hildesheim, 1906 Domkapitular und Generalvikar, 1929 Domdechant. Haniel von Haimhausen, Edgar (1870-1935), 1900 Diplomatischer Dienst im AA, 1919 Unterstaatssekretär, 1920-1922 Staatssekretär für politische Angelegenheiten. Hartmann, Felix von (1851-1919), 1874 PW, Kaplan an der deutschen Nationalkirche Santa Maria dell’Anima in Rom, 1905 Generalvikar in Münster, 1911 Bischof von Münster, 1912 Erzbischof von Köln, 1914 Kardinal, Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz. Hartmann, Gustav (1826-1904), 1850 PW, 1851 Kaplan in Krebeck, 1855 in Schladen, 1863 Pastor in Heiningen, 1873 in Hohenhameln, 1886 Dompastor und Dechant in Hildesheim, 1894 Domkapitular. Hatzfeldt, Hermann Fürst von, Herzog von Trachtenburg (1848-1933), 1878 MdPrHH, 1878-1893, 1907-1912 MdR (Freikonservative), 1894-1903 OP von Schlesien, 1919-1921 Bevollmächtigter der Reichsregierung für die Abstimmung in Oberschlesien. Hauck, Jakobus von (1861-1943), 1912 Erzbischof von Bamberg, 1920-1924 Apostolischer Visitator von Würzburg. Heise, Heinrich (1834-1915), 1858 PW, Kaplan in Hilkerode, Obernfeld, Duderstadt, 1869 Pastor in Renshausen, 1886 Pfarrer in Lindau, 1887 Domkapitular und Regens in Hildesheim, 1905 Domdechant, 1908 Päpstlicher Hausprälat. Herbig, Augustin (1846-1915), 1871 PW, 1894 Domkapitular in Breslau, 1909 Rat der Geheimen Kanzlei, 1915 Protonotar. Herde, Karl (1873-1929), 1898 PW, 1903 Pfarrer in Nieder-Salzbrunn. Hergenröther, Joseph (1824-1890), 1848 PW, 1849 Kaplan in Zellingen/Unterfranken, 1852 Professor in Würzburg, 1879 Kurienkardinal, Präfekt des Vatikanischen Archivs.

Biogramme

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Hergt, Oscar Gustav Rudolf (1869-1967), 1915 RP in Liegnitz, 1916 in Oppeln, 1917-1918 pr. Finanzminister, 1918 Vorsitzender DNVP, 1919-1921 MdLPr, 1920-1933 MdR, 19271928 Justizminister und Vizekanzler. Hertling, Georg Friedrich Graf von (1843-1919), 1880 Professor für Philosophie in Bonn, 1882 in München, 1875-1890, 1896-1912 MdR (Z), 1909 Fraktionsvorsitzender, 1912 Vorsitzender des bayerischen Staatsministeriums des Kgl. Hauses und des Äußeren, 1917-1918 Reichskanzler, pr. MP. Herwegen, Ildefons (1874-1946) Taufname Peter, 1895 Eintritt Benediktinerkloster Maria Laach, 1896 Profess, 1901 PW, 1913 Abt. Hettinger, Franz Seraph (1819-1890), 1843 PW, 1845 Kaplan in Alzenau, 1857 Professor für Patrologie und theologische Einleitungswissenschaften in Würzburg, 1867 für Apologetik und Homiletik, 1884 für Dogmatik. Heyer, Friedrich (1887-1973), 1919 Professor für Kirchen-, Staats- und Verwaltungsrecht in Breslau, 1929 in Bonn. Hilfrich, Antonius (1873-1947), 1898 PW, 1930 Bischof von Limburg. Hindenburg, Paul von (1847-1934), 1870-1911 Militärlaufbahn, 1914 Oberbefehlshaber der 8. Armee, 1916 Chef der OHL, 1925 Reichspräsident. Hitler, Adolf (1889-1945), 1919 Eintritt in die DAP, 1921 Führer der NSDAP, 1925 Neugründung der NSDAP, 1933 Reichskanzler und Diktator. Hitze, Franz (1851-1921), 1872-1877 Studium in Würzburg, 1878 Kaplan am Campo Santo Teutonico in Rom, 1880 Generalsekretär des Verbandes »Arbeiterwohl« in Mönchengladbach, 1884-1921 MdR (Z), 1893 Professor für christliche Gesellschaftswissenschaften in Münster, 1898-1912 MdPrAbgh, 1919-1920 MdVer Nat. Hlond, August Jósef (1881-1948), 1897 Ordenseintritt bei den Salesianern, 1905 PW, 1919 Provinzial der deutsch-ungarischen Ordensprovinz, 1922 Apostolischer Delegat in Oberschlesien, Apostolischer Protonotar, 1925 Bischof von Kattowitz, 1926 Erzbischof von Gnesen-Posen, 1927 Kardinal, 1946 Erzbischof von Gnesen. Hoffmann, Adolf (1858-1930), 1900-1921 Stadtverordneter Berlin (SPD), 1904-1906 MdR, 1920-1924 MdR (USPD), 1908-1919 MdPrAbgh, 1918 pr. Kultusminister. Holeczek, Paul (1873-1950), 1900 PW, Pfarrer in Langendorf, 1926 Pfarrer in Chrosczinna. Hugo, Friedrich (1827-1905), 1853 PW, 1854 Kaplan in Peine, 1857 Pastor in Nienburg, 1863 in Lüneburg, 1866 Pfarrer in Göttingen, 1886 in Duderstadt, 1889 Domkapitular und Generalvikar in Hildesheim, 1899 Domdechant, 1903 Päpstlicher Hausprälat. Hugo, Ludwig Maria (1871–1935), 1894 PW, 1905 Domvikar in Speyer, 1921 Koadjutor in Mainz, Titularbischof von Bubasti, Bischof von Mainz. Huyn, Paul Graf von (1868-1946), 1892 PW, 1904 Bischof von Brünn, 1916-1919 Erzbischof von Prag, 1919 Titular-Erzbischof von Serdica, 1921 Titular-Patriarch von Alexandrien, Erster Konsultor der Konzilskongregation. Jegli´c, Anton Bonaventura (1850-1937), 1873 PW, 1878 a.o. Professor für Kirchengeschichte und Kirchenrecht in Laibach, 1881 Professor für Dogmatik, 1882 Domkapitular in Sarajewo, 1890 Generalvikar, 1897 Weihbischof, 1898 Fürstbischof von Laibach, 1930 Ruhestand, Titularbischof von Garella. Kaduk, Joseph (1888-), 1917 PW, 1923 Kuratus in Grodisko. Kaletta, Paul (1879-1936), 1904 PW, 1916 Pfarrer in Thule.

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Biogramme

Kaller, Maximilian (1880-1947), 1891 PW, 1926 Apostolischer Administrator von TützSchneidemühl, 1929 Prälat der Freien Prälatur Schneidemühl, 1930 Bischof von Ermland, 1939-1945 Apostolischer Administrator der Freien Prälatur Memel, 1946 Päpstlicher Sonderbeauftragter der heimatvertriebenen Deutschen. Kapitza, Johannes (1866-1930), 1892 PW, Vikar in Gieraltowitz und Siemanowitz, 1894 in Berlin und Jankowitz, 1898 Pfarrer in Tichau, 1908-1912 MdPrAbgh, 1912 Dechant des Dekanats Nikolai, 1921 Fürstbischöflicher Delegat in Oberschlesien. Keppler, Paul Wilhelm von (1852-1926), 1875 PW, 1898 Bischof von Rottenburg, 1899 nobilitiert. Kihn, Heinrich (1833-1912), 1857 Kaplan in Urspringen, 1874 a.o. Professor für Patrologie und Hermeneutik in Würzburg, 1879 ordentlicher Professor. Kilian, August (1856-1930), 1881 PW, 1882-1884 Kaplan an der deutschen Nationalkirche Santa Maria dell’Anima in Rom, 1884 Domkaplan in Limburg, 1899 Domkapitular in Limburg, 1913 Bischof von Limburg. Kirchhoff, Adolf (1834-1894), 1861-1894 Lehrer am Gymnasium Josephinum in Hildesheim, 1878 Direktor, 1883 Domkapitular in Hildesheim. Kirschkamp, Jakob (1848-1913), 1873 Professor in Würzburg, 1886 Professor für Moraltheologie in Bonn. Kirstein, Georg Heinrich (1858–1921), 1880 PW, 1903 Domkapitular in Mainz, 1904 Bischof von Mainz. Klein, Kaspar (1865-1941), 1890 PW, 1912 Generalvikar in Paderborn, 1920 Bischof von Paderborn, 1930 Erzbischof. Kleineidam, Karl (1848-1924), 1874 PW, 1905-1920 Dompropst von St. Hedwig in Berlin, Ehrendomherr in Breslau, fürstbischöflicher Delegat in Berlin. Klose, Josef (1841-1916), 1865 PW, 1890 Erzpriester und fürstbischöflicher Kommissar in Falkenberg, 1903 Domkapitular in Breslau, 1904 Geistlicher Rat im Generalvikariat, 1909 in der Geheimen Kanzlei, 1914 Kapitularvikar, Generalvikar. Koch, Franz (1847-1903), 1872 PW, Domlektor in Hildesheim, 1877 Dombibliothekar, 1883 Domvikar, 1893 Domkapitular, 1896 Generalvikariatsrat. Komorek, Joseph (1881-1952), 1906 PW, 1919 Pfarrer in Ostrowitz. König, Artur (1843-1921), 1867 PW, 1882 Professor für Pastoraltheologie, 1896 Domkapitular in Breslau, 1900 Dompropst. Kopp, Georg von (1837-1914), 1862 PW, 1872 Domkapitular, Generalvikar in Hildesheim, 1881-1887 Bischof von Fulda, 1887-1914 Fürstbischof von Breslau, 1893 Kardinal, 1899 Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenzen, 1906 nobilitiert. Korfanty, Wojciech (Albert) (1873-1939), 1903 MdR, 1904 MdPrAbgh, 1919-1922 polnischer Plebiszitkommissar in Oberschlesien, 1930 Inhaftierung, 1935 Exil in der Tschechoslowakei, 1937 Mitbegründer der oppositionellen »Front Morges«, 1939 Rückkehr nach Polen und erneute Inhaftierung. Korum, Michael Felix (1840-1921), 1865 PW, 1866 Professor am Priesterseminar Straßburg, 1881 Bischof von Trier. Krebs, Bernhard (1845-1919), 1868 PW, Kaplan in Hannover, 1872 Missionar in Stade, 1878 in Harburg, 1886 Pfarrer in Goslar, 1892 in Hildesheim, 1905 Domkapitular in Hildesheim. Kubina, Theodor (1880-1951), 1906 PW, 1911 Kaplan in Berlin, 1917 Pfarrer in Kattowitz, 1918 Gründer der »Theologischen Sektion«, 1925 Bischof von Tschenstochau.

Biogramme

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Kubis, Joseph (1874-1945), 1899 PW, 1917 Pfarrer in Oppeln, 1921 Erzpriester, 1931 Ehrendomherr in Breslau. La Fontaine, Pietro (1869-1935), 1883 PW, 1906 Bischof von Cassano all’Ionio, 1910 Titularbischof von Carsystus, Sekretär der Ritenkongregation, 1915 Patriarch von Venedig, 1916 Kardinal. Lai, Gaetano de (1853-1928), 1876 PW, 1903 Ratssekretär der Römischen Kurie, 1907 Kardinal-Diakon, 1908 Präfekt der Konsistorialkongregation, 1922 Kardinal-Bischof. Landsberg-Steinfurt, Alfred Frhr. von (1872-1954), 1920 Mitbegründer des Reichskatholikenausschusses der DNVP. Le Rond, Henri Louis Edouard (1864-1958), General im Französischen Generalstab, 19201922 Präsident der Interalliierten Plebiszitkommission für Oberschlesien. Leo XIII. (1810-1903), Vincenzo Gioacchino Pecchi, 1837 PW, 1843 Titularbischof von Damietta, 1846 Bischof von Perugia, 1853 Kardinal, 1878 Papst. Liebknecht, Karl (1871-1919), 1901-1913 Stadtverordneter in Berlin (SPD), 1908 MdPrAbgh, 1912 MdR, 1916 Ausschluss aus SPD-Reichstagsfraktion, 1918-1919 Mitbegründer der KPD. Löbe, Paul (1875-1967), 1899 Redakteur der »Breslauer Volkswacht«, 1904 Stadtverordneter in Breslau (SPD), 1915 Provinzialabgeordneter für Schlesien, 1919-1920 MdVerNat, 1920 MdR, 1920-1932 Reichstagspräsident, 1949 MdB, Alterspräsident. Lüdemann, Hermann (1880-1959), 1918-1919 Fraktionsvorsitzender der SDP im Arbeiterund Soldatenrat, 1919 MdVerLPr, 1920-1921 pr. Staatsminister der Finanzen, 1921-1929 MdLPr, 1928-1932 OP Niederschlesien, 1946-1958 MdLSH, 1946 Innenminister, 1947 MP. Lüninck, Ferdinand Frhr. von (1888-1944), 1918 RP in Düsseldorf, Leiter des Westfalenbundes, 1924 Mitglied der DNVP, 1933-1937 Mitglied der NSDAP, OP von Westfalen, 1943-1944 Mitverschwörer des Stauffenbergattentats vom 20.7.1944. Magnis, Anton Franz Ferdinand Wilhelm Karl Graf (1862-1944), 1898-1918 MdR (Z), 1902-1918 MdPrHH. Margreth, Johann Jakob (1873-1925), 1899 PW, 1903 Privatdozent und Repetent für die Hildesheimer Theologiestudierenden in Münster, 1906 Professor für Dogmatik in Mainz. Marx, Wilhelm (1863-1946), 1899-1918 MdPrAbgh (Z), 1910-1932 MdR, 1919-1920 MdVerNat, 1907-1921 Oberlandgerichtsrat in Düsseldorf, 1921 Landgerichtspräsident in Limburg/Lahn, 1922 Vorsitzender des Zentrums, 1923-1924, 1926-1928 Reichskanzler, 1925 pr. MP. Mecklenburg, Johann Albrecht Herzog von (1887-1953), 1895 Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, 1897-1901 Regentschaft in Mecklenburg-Schwerin, 1907-1913 Herzog-Regent. Mercier, Desiré François Félicien Joseph (1851-1926), 1874 PW, 1906 Erzbischof von Mecheln, 1907 Kardinal. Merry del Val, Rafaele (1865-1930), 1888 PW, 1899 Präsident der Päpstlichen Diplomatenakademie, 1900 Titularerzbischof von Nicaea, 1903 Kardinal, Kardinalstaatssekretär, 1914 Sekretär des Hl. Offiziums. Mühlberg, Otto von (1843-1934), 1872 in verschiedenen Funktionen im AA, 1907-1919 pr. Gesandter beim Hl. Stuhl.

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Biogramme

Muhs, Hermann (1894-1961), 1930 MdLPr (NSDAP), 1932 Gauleiter des Gaues Südhannover-Braunschweig, 1933 RP in Hildesheim, 1936 im Reichskirchenministerium, 1937 Staatssekretär, 1942 mit der Führung der Geschäfte des Reichskirchenministers beauftragt. Müller, Joseph Godehard (1816-1883), 1837-1842, 1850-1877 Lehrer am Gymnasium Josephinum in Hildesheim, 1842-1850 Professor am Priesterseminar in Hildesheim, 1867 Domkapitular in Hildesheim, 1868 Direktor am Gymnasium Josephinum, 1881 Generalvikar. Münch, Walter (1910-1984), 1935 PW, 1940 Geheimsekretär Bertrams, 1946 Kaplan in München. Napieralski, Adam (1861-1928), Unternehmer, 1889 Übernahme der Zeitung »Katolik« in Beuthen, Führer der polnischen »Katolik-Partei«. Negwer, Josef (1882-1964), 1906 PW, 1911 Geheimsekretär Kopps, 1914 Geheimsekretär Bertrams, 1916 Ordinariatsassessor, Konsistorialrat in Breslau, 1923 Offizial und Rat der Geheimen Kanzlei, 1925 Domkapitular, 1938-1945 Generalvikar, 1950 Offizial im Erzbischöflichen Amt Görlitz. Neurath, Konstantin Frhr. von (1873-1956), 1903-1908 Vizekonsul in London, 1909 Legationsrat in London, 1914 Botschaftsrat in Konstantinopel, 1917-1918 Chef des württembergischen Zivilkabinetts, 1919 Gesandter in Kopenhagen, 1921 Botschafter in Rom, 1930 in London, 1932 Reichsaußenminister, 1939 »Reichsprotektor« in Böhmen und Mähren. Niermann, Arnold (1888-1924), 1913 Hilfsarbeiter im pr. Finanzministerium, 1919 Referent für katholisch-kirchliche Angelegenheiten im pr. Kultusministerium. Nirschl, Joseph (1823-1904), 1879 Professor für kirchengeschichtliche Propädeutik, Domdechant in Würzburg. Nörber, Thomas (1846-1920), 1870 PW, Vikar in Neuhausen und Schwetzingen, 1872 in Mannheim, 1880 Pfarrverweser in Seckach, 1881 in Hardheim, 1888 in Lichtental, 1889 Pfarrer in Thiergarten, 1891 Klosterpfarrer am Kloster vom Hl. Grab in Baden-Baden, 1898 Erzbischof von Freiburg. Nürnberg, Johannes (1824-1894), 1847 PW, Kaplan in Achtum, Schlader und Algermissen, 1886 Pastor in Borsum. Ogno Serra, Giovanni Baptista, 1908 päpstlicher Geheimsekretär, Auditor der Nuntiatur in Brüssel, 1919 Geschäftsträger der Nuntiatur in Wien, 1920 Päpstlicher Hausprälat, 1920 Kommissar für das oberschlesische Abstimmungsgebiet, 1923 Apostolischer Protonotar. Oppersdorff, Hans Georg Graf von (1866-1948), 1887-1918 MdPrHH (Z), 1907-1918 MdR, 1912 Ausschluss aus Zentrumsfraktion und –partei. Orsenigo, Cesare (1873-1946), 1922 Titularbischof von Ptolemais in Lybien, Apostolischer Internuntius im Haag, 1925 Apostolischer Nuntius in Budapest, 1930 in Berlin. Otte, Waldemar Wilhelm (1879-1940), 1902 PW, Kaplan in Schweidnitz, 1917 Direktor der »Neißer Zeitung«, 1919-1920 MdVerNat (Z), 1924 Pfarrer und Erzpriester in Liegnitz, 1928 Ehrendomherr in Breslau, 1931 Domkapitular, 1932-1933 MdLPr, 1930-1933 MdR. Ow-Felldorf, Sigismund Felix Frhr. von (1855-1936), 1884 PW, 1902 Titularbischof von Arethusa, Weihbischof in Regensburg, 1906 Bischof von Passau. Pacelli, Eugenio Maria Giuseppe Giovanni, siehe Pius XII. Paderewski, Ignatz Jan (1860-1941), 1917 Vertreter des polnischen Nationalkomitees in den USA, 1919 polnischer MP und Außenminister.

Biogramme

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Papen, Franz von (1879-1969), 1921-1928, 1930-1932 MdLPr (Z), 1932 Reichskanzler, 1933-1934 Vizekanzler, 1934-1938 Botschafter in Wien, 1939-1944 Botschafter in Ankara. Pellegrinetti, Ermenegildo (1876-1943), 1898 PW, 1905 Professor des erzbischöflichen Seminars in Lucca, 1918 Sekretär Rattis als Apostolischer Visitator in Polen, 1919 Uditor der Nuntiatur in Warschau, 1922 Titularerzbischof von Adana, Nuntius in Jugoslawien, 1937 Kardinal. Percival, Harold Franz Passawer (1876-1944), 1898 Armeeeintritt, 1919 britischer Vertreter bei der IK in Oberschlesien, 1922 Verschiedene Positionen auf Malta. Piffl, Friedrich Gustav (1864-1932), 1883 Eintritt Augustinerchorherrenstift Klosterneunburg, 1888 PW, 1913 Fürsterzbischof von Wien, 1914 Kardinal, 1922 Apostolischer Administrator des Burgenlandes. Piontek, Ferdinand (1878-1963), 1903 PW, Kaplan in Berlin, 1910 Pfarrer in Köslin, 1921 Domkapitular in Breslau, 1939 Domdechant, 1945 Kapitularvikar, 1946 Kapitularvikar für die Restteile der Erzdiözese Breslau in Görlitz, 1959 Titularbischof von Barca. Pius X. (1835-1914), Giuseppe Sarto, 1858 PW, 1884 Bischof von Mantua, 1893 Patriarch von Venedig, 1893 Kardinal, 1903 Papst. Pius XI. (1857-1939), Achille Amrogio Damiano Ratti, 1879 PW, 1907 Präfekt der Bibliothek Ambrosiana in Mailand, 1911 Vize-Präfekt der Bibliothek Vaticana, 1914 Präfekt, 1918 Apostolischer Visitator für Polen, Litauen und Russland, 1919 Titularerzbischof von Lepanto, Nuntius in Warschau, 1920 Apostolischer Oberkommissar für Oberschlesien, 1921 Erzbischof von Mailand, 1922 Papst. Pius XII. (1876-1958), Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli, 1899 PW, 1901 Mitarbeit in der Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten, 1912 Sekretär derselben, 1917 Titularbischof von Sardes, 1917-1925 Apostolischer Nuntius in München, 1920-1929 in Berlin, 1930 Kardinal, Kardinalstaatssekretär, 1939 Papst. Pizzardo, Guiseppe (1877-1970), 1903 PW, 1909 Sekretär der Nuntiatur in München, 1912 Minutant im Staatssekretariat, 1919 Untersekretär, 1921 Substitut, 1929 Sekretär der Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten, 1930 Titular-Erzbischof von Cirro, Titular-Erzbischof von Nicaea, 1937 Kardinal, 1939 Präfekt der Seminar- und Universitätskongregation, 1950 Sekretär des Heiligen Offiziums. Plotnik, Theophil (1888-), 1913 PW, Kuratus in Oppeln, 1928 Pfarrer in Altschalkowitz. Poggenburg, Johannes (1862-1933), 1889 PW, 1911 Domkapitular in Münster, 1911 Generalvikar, 1913 Bischof von Münster, 1930 Titularerzbischof von Nicopsis. Porsch, Felix (1853-1930), 1881-1893 MdR (Z), 1881-1901 Stadtverordneter in Breslau, 1882 fürstbischöflicher Konsistorialrat, 1883-1918 MdPrAbgh, 1919-1920 MdVerLPr, 1920-1929 MdLPr, 1904 Vorsitzender der pr. Zentrumsfraktion, Vorsitzender des pr. und schlesischen Zentrums. Praschma, Caius Graf von (1874-1948), Mitglied im Katholikenausschuss der DNVP. Praschma, Johannes (Hans) Nepomuk Maria Graf von (1867-1935), 1900-1918 MdPrAbgh (Z), 1903-1918 MdR, 1921 Deutscher Bevollmächtigter für das oberschlesische Abstimmungsgebiet, 1922-1930 MdR. Preußen, Albrecht Prinz von (1837-1906), 1885-1906 Herzog-Regent von Braunschweig.

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Biogramme

Preysing, Konrad Graf von (1880-1950), 1906 Ministerialpraktikant im Bayerischen Staatsministerium des Äußern, 1907 Attaché bei der Bayerischen Gesandtschaft am Quirinal zu Rom, 1912 PW, 1932 Bischof von Eichstätt, 1935 Bischof von Berlin, 1946 Kardinal. Proske, Alfons (1881-1950), 1910 Stadtverordneter in Ratibor, 1920 Oberpräsidialrat im Oberpräsidium in Breslau, 1922 RP von Marienwerder, 1923 OP von Oberschlesien, Kommissarischer RP in Oppeln, 1929 Kurator der Universität Bonn. Rarkowski, Franz Justus (1873-1950), 1898 PW, 1919 Beauftragter für die Seelsorge an den Katholiken der deutschen Wehrmacht, 1936 Apostolischer Administrator für die Angehörigen der Wehrmacht, 1938-1945 Katholischer Feldpropst der Wehrmacht. Ratti, Achille Amrogio Damiano, siehe Pius XI. Ritter zu Groenesteyn, Otto Frhr. von (1864-1940), 1909-1934 bayerischer Gesandter beim Hl. Stuhl. Rosenberg, Alfred (1893-1946), 1920 Eintritt in die NSDAP, 1923 Hauptschriftleiter des »Völkischen Beobachters«, 1930 MdR, 1934 Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP, 1941 Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. Rosentreter, Augustinus (1844-1926), 1870 PW, 1879 Kaplan an der deutschen Nationalstiftung Santa Maria dell’Anima in Rom, 1899 Bischof von Kulm. Sahm, Heinrich (1877-1939), 1919-1920 Oberbürgermeister von Danzig, 1920-1930 Senatspräsident und Staatsoberhaupt im Freistaat Danzig, 1931-1935 Oberbürgermeister von Berlin, 1936-1939 Gesandter in Oslo. Sapieha, Adam Stefan (1867-1951), 1893 PW, 1911 Bischof von Krakau, 1925 Erzbischof von Krakau, 1946 Kardinal. Sapieha, Eustach Fürst (1881-1963), 1920-1921 außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der polnischen Republik in London. Schaefer, Aloys (1853-1914), 1876 PW, 1881 Professor für Exegese in Dillingen, 1885 an der Akademie Münster, 1895 Professor für das Neue Testament in Breslau, 1903 Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Straßburg, 1906 Titularbischof von Abila, Apostolischer Vikar für Sachsen, Apostolischer Präfekt der Lausitz. Scheidemann, Philipp (1865-1939), 1903 MdR (SPD), 1906-1911 Stadtverordneter in Kassel, 1918 Rat der Volksbeauftragten, 1919 Reichsministerpräsident, 1920-1925 Oberbürgermeister von Kassel. Schmidt, Hermann (1880-1945), 1925-1933 MdLPr (Z), 1927-1933 pr. Justizminister. Schmitt, Albert OSB (1894-1970), 1914 Profess, 1920 PW, 1924 Abt in Grüssau. Schmitt, Josef Damian (1858-1939), 1882 PW, 1885 Hausgeistlicher der Ursulinen in Bauffe (Belgien), 1887 Kaplan in Fulda, 1889 Professor der Philosophie am Priesterseminar in Fulda, 1895 Regens des Priesterseminars, 1899 Domkapitular, 1906 Bischof von Fulda. Schneider, Friedrich (1836-1907), 1859 PW, 1861 Dozent für Liturgik und Geschichte der christlichen Kunst in Mainz, 1891 Domkapitular in Mainz. Schneider, Wilhelm (1847-1909), 1872 PW, 1887 Professor für Moraltheologie in Paderborn, 1892 Domkapitular, 1894 Dompropst in Paderborn, 1900 Bischof von Paderborn. Schönburg-Hartenstein, Johannes Prinz von (1864-1937), 1906 österreichischer Gesandter in Bukarest, 1911-1918 Botschafter beim Hl. Stuhl.

Biogramme

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Schreiber, Christian (1872-1933), 1898 PW, 1907 Regens am Fuldaer Priesterseminar, 1921 Bischof von Meißen, 1930 Bischof von Berlin. Schreiber, Wilhelm (1848-1918), 1870 PW, Kaplan in Hannover, 1890 Pfarrer in Hannover, 1894 Propst, 1916 Domkapitular in Hildesheim. Schulte, Karl Anton (1873-1948), 1919-1920 MdVerNat (Z), 1920-1924 MdLPr, 1921-1928 MdR. Schulte, Karl Joseph (1871-1941), 1895 PW, 1901 Repetent am Theologenkonvikt in Paderborn, 1905 Professor für Apologetik und Kirchenrecht in Paderborn, 1910 Bischof von Paderborn, 1920 Erzbischof von Köln, 1920 Kardinal. Schwamborn, Paul (1874-1944), 1900 PW, 1919 Feldgeneralvikar und stellvertretender Feldpropst. Sebastian, Ludwig (1862-1943), 1887 PW, Kaplan in Bamberg, Forchheim und Ansbach, 1892 Pfarrer in Hohenmisberg, 1900 in Ansbach, 1914 Domkapitular in Bamberg, 1917 Bischof von Speyer. Seppelt, Franz Xaver (1883-1956), 1906 PW, Kaplan in Neisse, 1915 a.o. Professor für Kirchen- und Diözesangeschichte in Breslau, 1919 Stadtverordneter in Breslau (Z), 1920 ordentlicher Professor, 1925 Fraktionsvorsitzender im Stadtrat, 1929-1933 MdPrS. Severing, Carl (1875-1952), 1907-1911, 1920 MdR (SPD), 1921 MdLPr, 1920-1926, 19301932 pr. Innenminister, 1928-1930 Reichsinnenminister. Silbernagl, Isidor (1831-1904), 1854 PW, 1863 a.o. Professor für Kirchenrecht in München, 1870 ordentlicher Professor, 1872-1886 zusätzlich Professor für Kirchengeschichte. Simson, Ernst von (1876-1941), Jurist und Industrieller, 1911 Vortragender Rat im Reichsjustizamt, 1918 Ministerialdirigent im Reichswirtschaftsamt, 1919 Ministerialdirektor des Auswärtigen Amtes, Leiter der Rechtsabteilung und der Friedensabteilung, Leiter der deutschen Delegation in Paris, 1921 Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Leiter der Wirtschaftsabteilung, 1922 einstweiliger Ruhestand, 1926 Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglied der AG für Anilinfabrikation AGFA Berlin, 1926-1938 Mitglied des Verwaltungsrats IG-Farbenindustrie-AG, 1938 Emigration nach England. Sommerwerck, gen. Jacobi, Daniel Wilhelm (1821-1905), 1846 PW, 1847 Lehrer am Gymnasium Josephinum in Hildesheim, 1863 Domkapitular in Hildesheim, Generalvikar, 1871 Bischof von Hildesheim. Spahn, Martin (1875-1945), Historiker, 1910-1912 MdR (Z), 1924-1933 MdR (DNVP), 1933-1945 MdR (NSDAP). Sproll, Joannes Baptista (1870-1949), 1895 PW, 1912 Domkapitular in Rottenburg, 19131926 Generalvikar, 1916 Weihbischof, 1927 Bischof von Rottenburg. Stegerwald, Adam (1874-1945), 1902-1919 Generalsekretär im Gesamtverband der Christlichen Gewerkschaften in Köln, 1917 MdPrHH (Z), 1918 Mitbegründer des Deutschen Demokratischen Gewerkschaftsbundes, ab 1919 Deutscher Gewerkschaftsbund, 19191920 MdVerNat, 1920-1933 MdR, 1919-1921 pr. Minister für Volkswohlfahrt, 1921 pr. MP, 1929 Reichsverkehrsminister, 1930-1932 Reichsarbeitsminister, 1945 RP in Mainfranken, Mitbegründer der CSU. Stein, Franz Adam von (1832-1909), 1855 PW, 1867 a.o. Professor für Moral- und Pastoraltheologie, 1875 Rektor in Würzburg, 1879 Bischof von Würzburg, 1897 Erzbischof von München und Freising.

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Biogramme

Steinmann, Conrad (1852-1929), 1875 PW, Kaplan in Chateau Bauffe (Belgien), 1890 Pastor in Ruthe, 1895 Domvikar in Hildesheim, 1900 Pastor in Groß Förste, 1903 Domkapitular, Generalvikariatsrat, 1916 Domdechant, 1925 Apostolischer Pronotator. Steinmann, Johannes (1870-1940), 1893 PW, 1894-1904 Geheimsekretär Kopps, 1904 Domkapitular in Breslau, 1904-1920 Direktor des Theologenkonvikts, 1920-1925 Domdechant, Apostolischer Pronotar, 1923 Konsultor bei der deutschen Botschaft beim Hl. Stuhl. Steinmann, Paul (1871-), 1896 PW, 1907 Erzpriester in Stettin. Stiller, Theodor (1833-1920), 1856 PW, 1892 Domkapitular in Breslau, 1905-1914 Generalvikar, 1911 Domdechant. Stolberg-Wernigerode, Konstantin Graf zu (1843-1905), 1881 Landrat in Bunzlau, 1889 Polizeipräsident von Stettin, 1892, RP in Aurich, 1894 RP in Merseburg, 1898 OP von Hannover. Strecker, Albert (1825-1914), 1848 PW, Kaplan Seeburg, 1869 Pastor in Einum. Studt, Heinrich Konrad von (1838-1921), 1882 RP in Königsberg, 1889 OP von Westfalen, 1899 pr. Kultusminister, 1906 nobilitert. Teodorowicz, Josef (1864-1938), 1901 armenisch-unierter Erzbischof von Lemberg. Thomaschik, Paul (1871-1934), 1899 PW, 1906 Pfarrer in Wiese-Pauliner. Trendelenburg, Friedrich Adolf Albrecht (1878-1962), 1912 pr. Kultusministerium, 19241933 Ministerialdirektor und Leiter der Geistlichen Abteilung, 1933 Direktor der pr. Oberrechnungskammer. Trott zu Solz, August Clemens von (1855-1938), 1894 Vortragender Rat im pr. Innenministerium, 1898 RP in Koblenz, 1899 in Kassel, 1905 OP von Brandenburg, 1909 pr. Kultusminister, 1917-1918 OP von Hessen-Nassau. Tschirschky und Bögendorff, Heinrich von (1858-1916), 1907-1916 deutscher Botschafter in Wien. Tunkel, Ludwig (1862-1941) 1886 PW, 1893 Erzpriester in Kochlowitz. Tylla, Franz (1849-1930), 1881 PW, 1893 Pfarrer in Königshütte, Päpstlicher Hausprälat, Erzpriester in Bad Langenau. Ulitzka, Carl (1873-1953), 1897 PW, Kaplan in Kreuzburg, 1901 Pfarrer in Bernau, 1910 in Ratibor, 1918 Vorsitzender der KVP, 1919-1920 MdVerNat, 1919-1933 MdR (Z), 1923 Ehrendomherr in Breslau. Vollmer, Theodor (1823-1903), 1849 PW, 1850 Hilfsgeistlicher in Dinklar, 1854 Kaplan in Giebolgehausen, 1856 Erster Kaplan in Hannover, 1860 Kaplan in Borsum, 1864 Pfarrverweser in Borsum, 1865 Pfarrer in Dassel, 1872 in Rüdershausen, 1887 Dechant für den Dekanatsbezirk Gieboldehausen, 1896 Päpstlicher Hausprälat. Voß, Albert (1830-1892), Lehrer am Gymnasium Josephinum in Hildesheim. Voß, Heinrich Hubert (1841-1914), 1866 PW, 1874 Domvikar in Münster, 1891 Regens des Priesterseminars, 1892 Domkapitular, 1899 Bischof von Osnabrück. Waida, Joseph (1849-1923), PW 1876, Pfarrer in Keltsch. Weigel, Reinhold, Regierungsdirektor in Oppeln, Vorsitzender der Vereinigung für oberschlesische Heimatkunde, Anwalt der Deutschen im Hultschiner Ländchen. Weimann, Robert Adalbert (1870-1925), 1915 Generalvikar in Posen, 1920 Erzbischöflicher Delegat in Tütz, 1923 Apostolischer Administrator in Tütz. Weismann, Robert (1869-1942), Staatskommissar für öffentliche Ordnung, 1923-1932 Staatssekretär im pr. Staatsministerium.

Biogramme

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Wentzel, Richard von (1850-1916), 1880 Landrat in Neustadt/Westpreußen, 1882 in Hofgeismar, 1886 in Marburg, 1895 Landrat in Koblenz, 1898 in Wiesbaden, 1902-1914 OP von Hannover. Wersch, Richard (1872-1959), 1901 Pfarrer in Altgrottkau. Wiecker, Otto (1834-1929), 1858 PW, 1859 Lehrer am Gymnasium Josephinum in Hildesheim, 1889 Pastor in Peine, 1891 in Adlum, 1899 Domkapitular in Hildesheim. Wierun-Kowalski, Joséf (1866-1927) 1898 Rektor der Universität Freiburg (Schweiz), 1915 Prorektor der Universität Warschau, 1919 polnischer Gesandter beim Hl. Stuhl, 1921 in den Niederlanden, später in Österreich und in der Türkei. Wildermann, Rudolf (1864-1926), 1892 PW, 1913-1918 MdPrAbgh (Z), 1919-1921 parlamentarischer Staatssekretär im preußischen Kultusministerium. Wilhelm II. (1859-1941), 1888 König von Preußen, Deutscher Kaiser, 1918 Abdankung, Exil in den Niederlanden. Wilson, Thomas Woodrow (1856-1924), 1902-1910 Präsident der Princeton University, 1911 Gouverneur von New Jersey, 1913-1921 Präsident der USA, 1920 Friedensnobelpreis. Winkler, Anton (1875-), 1901 PW, 1907 Pfarrer in Brzezinka. Wirth, Joseph (1879-1956), 1911 Stadtverordneter in Freiburg (Z), 1913-1921 MdLB, 1914 MdR, 1919-1920 MdVerNat, 1921-1922 Reichskanzler, 1929 Reichsminister für die besetzten Gebiete, 1930-1931 Reichsinnenminister, 1933 Emigration. Wirthmüller, Johann Baptist (1834-1905), 1857 PW, 1867 a.o. Professor für Einleitung, Patrologie und Hermeneutik in Würzburg, 1871 ordentlicher Professor, 1874 Professor für Moraltheologie in München. Wojciech, Valentin (1868-1940), 1894 Priesterweihe, 1916 Domkapitular in Breslau, 1920 Titularbischof von Danaba, Weihbischof in Breslau, 1931 Geistlicher Rat in der Geheimen Kanzlei und im Generalvikariat. Wolf, Edgar (1882-1945), 1907 PW, 1907 Kaplan in Rauden, in Liegnitz, 1912 Pfarrer in Markowitz, 1922-1929 MdR (DNVP), 1933 Eintritt in NSDAP. Wolff, Carl von (1856-1935), 1898-1907 Stadtverordneter in Braunschweig, 1907 Senatspräsident beim OLG, 1908 Justiz- und Kultusminister im Hgt. Braunschweig, 1914 Staatsminister, 1918 nobiliert.

QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS Offensichtliche Rechtschreibfehler in den Originalakten habe ich stillschweigend korrigiert. Ich habe auf Mehrfachverweise für einzelne Akten aus den unterschiedlichen Archivbeständen verzichtet und wenn möglich auf das Original verwiesen. Auf die Unterscheidung zwischen Originalen und Abschriften wurde verzichtet, auf Konzepte hingewiesen.

I. UNGEDRUCKTE QUELLEN Berlin Bundesarchiv (BArch) R 43 I (Reichskanzlei), 159, 353, 357, 777, 1217, 2701b R 904 (Waffenstillstandskommission), 421, 778 R 5101 (Reichsministerium für kirchliche Angelegenheiten), 21802, 22155, 23346, 24011 Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA PK) I. HA Rep. 76 Kultusministerium, IV Sekt.1, Generalia, Abt. II, 71, Bd. III-IV; IV Sekt. 1, Generalia, Abt. VII, 41, Bd. I-II; IV Sekt. 1, Generalia, Abt. VII, 48, Bd. I-II I. HA Rep. 90 A Staatsministerium, jüngere Signatur, Nr. 2381-2382; jüngere Signatur, Nr. 2387; jüngere Signatur, Nr. 2392 I. HA Rep. 77 Ministerium des Innern, Abt. Ost-West, Tit. 856, Nr. 399-401 Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (PA AA) Päpstlicher Stuhl 3, Nr. 2, Kirchliche Würdenträger, Bd. 21 Päpstlicher Stuhl 26, secr., Stellung der Kurie zu den Christlichen Gewerkschaften, Bd. 1 Polen/Oberschlesien, Pol. 17, Religions- und Kirchenwesen in Polen, Bd. 1-2 Politik 20, Vatikan Breslau, Das Fürstbistum Breslau, Bd. 1 Politik 24, Abtretungs- und Grenzgebiete, Bd. 1-7 Preussen 2 Nr. 2a, Das Erzbisthum Breslau, Bd. 9 Preussen 2 Nr. 2a, secr.,